FRANKFURT ODER ÇANAKKALE

 

Nr. 251

Solch eine Stadt müsste jedes Land haben, aber nicht als Museums- oder Gedenkstadt, sondern mit all den kaputten Menschen darin, die nicht ausbleiben, wenn eine Stadt so sehr und eigentlich für immer zerstört ist. Im Osten Deutschlands gibt es überflüssigerweise einige solcher Städte, die dem heutigen Besucher weh tun. Das Mitleid treibt uns die Tränen ins Gesicht, wenn wir Anklam sehen, das von der deutschen Luftwaffe in den allerletzten Tagen des Krieges als Strafe dafür zerstört wurde, dass es kampflos sich ergeben wollte, wie schon vorher die Nachbarstadt Greifswald. Friedland in meckelnburg ist sogar zweimal der Erdboden gleichgemacht worden, im dreißigjährigen Europa- und im zweiten Weltkrieg. Aber keine war so wichtig, dass ihre Zerstörung die ganze Nation berührte, zumal sie schon dadurch bekannt ist, dass es den Namen zweimal gibt und man immer den Fluss dazusagen muss, über den zu gelangen der Grund für die Gründung dieser Stadt war. Die Stadt im Osten hatte das Pech, dass sie nach der Zerstörung eben im äußersten Osten lag, zur geteilten Grenzstadt wurde und die Führung der DDR keinen Grund sah, die Stadt etwa historisch wieder aufzubauen. Statt dessen wurden die gleichen Neubaublocks hingeworfen wie in Bratislava oder Stettin oder Braşov, von denen man sie dann in der Folgezeit nicht besonders gut unterscheiden konnte. Die beiden berühmtesten Bürger der Stadt haben mit ihr nichts zu tun, der eine, Kleist, ist hier geboren, der andere, Carl Philipp Emanuel Bach, hat hier studiert aber keinen Abschluss gemacht. Der eine hat ein sehr schönes Museum, der andere eine sehenswerte Konzerthalle. Die Sehenswürdigkeiten der Stadt sind sonst das alte Rathaus mit einem bemerkenswerten Südgiebel und eine Kirchenruine.

Nach der Wiedervereinigung bekam die Innenstadt zwei Einkaufszentren, die an Hässlichkeit und Öde kaum zu überbieten sind. Deshalb sind sie auch immer leer, vielleicht und hoffentlich außer Weihnachten. Selbst die Junkies und Alkis, die es reichlich gibt, versammeln sich lieber im angrenzenden Kleistpark und vor dem leerstehenden Kino. Das ist so ein Kulturpalast, den es in der DDR als Typenbau gab und der Trost spenden sollte über all die Kultur, die es außer billigen Büchern, nicht gab. Aber auch bei den billigen Büchern fehlte einiges: Hesse und Grass, Mann und Maus*.

Wenn wir einen Dichter von solcher Sprachgewalt wie Kleist hätten, dann sollte er schreiben: Anekdote nach dem letzten preußischen Kriege über eine Stadt als lebendiges Mahnmal. In solch einer Stadt kann auch der letzte rechte Ignorant sehen, dass Kriege nicht nur keine Gewinner, sondern ewige unabsehbare Folgen haben. Der Schaden wäre beinahe nicht so groß, wenn es die Stadt gar nicht mehr gäbe. Aber das geht natürlich nicht, weil es immer Menschen gibt, die an ihrer Heimtatstadt hängen, und, beinahe noch wichtiger, weil es immer Menschen gibt, die bis hierher geflohen sind und nicht mehr weiter können. Ihnen ist es gleichgültig, wie eine Stadt aussieht, wenn sie nur Dächer oder wenigstens Schlupfwinkel hat. Und wir reden hier nicht über die Antike.

Statt dessen gibt es solche Gedenkorte wie Çanakkale. Das ist eine Stadt und ein Landkreis an den Dardanellen, wo die Türken im Bündnis und unter dem Befehl der Deutschen gegen die Entente eine wichtige und opferreiche Schlacht gewonnen haben. Ein junger Oberst des osmanischen Heeres machte zum ersten Mal von sich reden: Mustafa Kemal. Im zweiten Weltkrieg gab es einen jüdischen Witz, der ging so: Hitler ist wütend auf die jüdischen Generäle. Wieso, der hatte doch gar keine. Eben. Aber die Türken in Çanakkale hatten einen: der deutsche Oberbefehlshaber der türkischen Armee, Marschall des Osmanischen Heeres und deutscher General der Kavallerie, Otto Liman von Sanders hatte einen jüdischen Großvater namens Liepmann. Für uns ist das nicht wichtig, aber sowohl in Deutschland als auch in der Türkei gab es in der Folgezeit reichlich Antisemiten, und die sollten wissen, wem der grandiose Sieg in Çanakkale zu verdanken war. General Liman von Sanders ging, was den Ruhm betrifft, ziemlich leer aus, den ernteten vor allem Mustafa Kemal und Enver Pascha.

Über der grandiosen Gedenkanlage, die über der seit der Antike berühmten Meerenge thront, vergessen viele Besucher und viele Türken, dass trotz dieses Sieges der Krieg auf deutscher und türkischer Seite nicht nur verloren, sondern das ganze Reich unter ging. Das war in der Türkei die Stunde des Generals Mustafa Kemal, der dann in der Namensreform zurecht den Ehren- und Nachnamen Atatürk, Vater der Türken, erhielt, weil er in nicht einmal zwei Jahrzehnten die Türkei zu einem modernen demokratischen Rechtsstaat machte. Die lateinische Schrift wurde eingeführt, alle lernten lesen und schreiben, europäische Nachnamen und Gesetze brachten das Land schnell auf den Stand Europas. Aber alle Reformen, die Menschen betreffen, brauchen immer Generationen. Was man einsieht, wird nicht Gewohnheit, was man als Zwang empfindet, sieht man noch nicht einmal ein. Seit Atatürks Tod im Jahre 1938 gibt es ein Auf und Ab von Demokratie, Säkularisation und Religion. Unter Erdoğan, der einen wirtschaftlichen und zunächst auch einen demokratischen Aufschwung zu verantworte hatte, tritt eine Geschichtsvergessenheit oder sogar -verdrängung ein, die nicht zu verantworten ist. Der deutsche General Liman von Sanders hat zum Beispiel energisch, auch unter Androhung militärischer Gewalt gegen den Genozid an den Armeniern protestiert, der, weil er gegen Russland gerichtet war, sonst aber vom Deutschen Reich und von Österreich-Ungarn toleriert wurde. Das war der Grund für die Entschließung des Bundestages. Abdülhamid II., der die Verfassung außer Kraft setzte und seinen Namen für die ersten Massaker an den Armenier hergab (Hamidische Massaker), wird plötzlich zum Helden und Vorbild für Erdoğan. Tausende türkische Jugendliche sehen billige Propagandafilmchen, in denen der kritisierte Sultan und Kalif Abdülhamid II. erscheint und didaktisch fragt: wem hast du alle das Gute zu verdanken? Da er einen Teil der Tanzimat-Reformen zurücknahm, ist Abdülhamid, sind aber vor allem aber seine Söhne, die letzten Sultane, verantwortlich für den endgültigen Niedergang des osmanischen Reiches, des kranken Mannes vom Bosporus.

Auch die Deutschen hatten solch eine übertriebene und einseitige Gedenkstätte aus dem ersten Weltkrieg: das Tannenberg-Denkmal, eine gigantische Großanlage militaristischen Gedenkens an Friedrich II., der pietät- und stillos dahin umgebettet worden war, und an Hindenburg, der angeblich die Schlacht bei Tannenberg gewonnen hatte. Sie ging im zweiten Weltkrieg wie die gesamten deutschen Ostgebiete verloren. In den letzten siebzig Jahren ging auch der Sinn für den Krieg, die Freude an gewonnenen Schlachten und der Militarismus verloren. Gründe dafür sind natürlich nicht vorrangig die vorhandenen oder nicht vorhandenen Gedenkstätten, sondern die Demokratie, die Bildung, der Wohlstand. Zur Bildung gehört natürlich auch das historische Wissen.

Übrigens hat jener damals noch unbekannte junge Oberst später als Staatspräsident eine bemerkenswerte Rede zu  Gedenken an die vielen Opfer der Schlacht bei Çanakkale gehalten, in der er sagte: Im Gedenken an die Opfer  gibt es keinen Unterschied zwischen den Johnnies und den Mehmets, gemeint waren die britischen und die türkischen Soldaten. Erdoğan hat diese Sprechweise pervertiert. Er fragt nur noch die Hälfte der Mehmets.

 

 

*Isaak Maus, 1748-1833

EMPATHIE STATT EMPHASE

 

Nr.  250

Nach dem letzten großen Krieg hat man in Deutschland genauso wie in vielen anderen Ländern hunderte von Kriegsfilmen gesehen. Allerdings war die gewünschte und vorgegebene, durch Kritik und Schule unterstützte und privilegierte Interpretation seitenverkehrt. Die deutsche Seite des Krieges wurde als das beschrieben, was sie war: grausam, unrecht, massenmörderisch. Die alliierte Seite wurde als edel, überlegen und siegreich beschrieben. Lange Zeit wurden Kriegsverbrechen der alliierten Seite ausgespart oder gar tabuisiert, edles Verhalten der deutschen Seite und ihrer Verbündeten verschwiegen. Das änderte sich erst mit Spielbergs Film ‚Schindlers Liste‘ von 1993.

Das dadurch entstandene Fühlen und Denken vieler Menschen in Deutschland wird von der rechten Seite als ‚Schuldkult‘ diskreditiert, was seinen vorläufigen Höhepunkt in der unsagbaren Rede des Bernd Höcke in Dresden am 17. Januar 2017 fand. Die rechte Seite meint seit langem, seit neuestem aber laut und aggressiv, dass sich die Deutschen durch diese seitenverkehrte Interpretation in eine unterwürfige, masochistische Rolle begeben hätten. Weiter kann dann eine Hörigkeit gegenüber den früheren Alliierten konstruiert werden, die alten antisemitischen Klischees können eine Rolle spielen, vor allem aber kommt die alte sozialdarwinistische Sicht wieder zum Vorschein. Da viele Rechte damals wie heute sich nicht auf einer durchschnittlichen Höhe der Bildung befinden, glauben viele von ihnen, dass Sozialdarwinismus Tatsache sei und keine Ansicht oder Theorie. Hitler und Himmler waren vielleicht die wirkmächtigsten Sozialdarwinisten, aber keineswegs die einzigen. Hundertundfünfzig Jahre Evidenz des Sozialdarwinismus haben dauerhafte Wirkung hervorgebracht. Die ständigen Vergleiche Höckes mit Goebbels sind völlig überzogen, Goebbels war ein fanatischer, aber doch auch restintellektueller Redner. Höckes Rhetorik dagegen erreicht noch nicht einmal die eines normalen Oberstudienrates, der er angeblich war, was dem hessischen Bildungswesen zur Schande gereicht.

Wahrscheinlich ist aber etwas ganz anderes passiert. Nur in Westdeutschland wurde von den drei westlichen Besatzungsmächten die Demokratie installiert, in Ostdeutschland dagegen wechselte die zweite Diktatur die erste einfach ab. Das war insofern im Einzelfall bizarr, indem Menschen glaubten, dass sie nun aber wirklich die Wahrheit besäßen. Ein pensionierter, 1945 reaktivierter Lehrer quittierte seinen Dienst erneut, als er von einem kleinen Mädchen gefragt wurde, warum denn Stalin, wenn er doch ein so guter Mensch und im Besitz der Wahrheit wäre, ihren Vater nicht freiließe.  Weder eine psyeudowissenschaftliche Ideologie noch die Demokratie entsprechen einer Wahrheit genannten scheinbaren Übereinstimmung so genannter Fakten mit den Gedanken, kürzer gesagt: es gibt keine Wahrheit. Aber es gibt einerseits Evidenz, das augenscheinlich oder empirisch Erkennbare und auf der anderen Seite die Einübung sozialen Verhaltens. Was wir als Fakt wahrnehmen, wird sofort einem Check unserer Erfahrung, Wahrscheinlichkeit, Evidenz, Wünschbarkeit (…jedes Denken ist Wunsch…), sozialen Grammatik, nicht zuletzt Taktik und Rhetorik unterworfen.  Das Denkbare ist nicht das Sagbare ist nicht das Machbare ist nicht das Wünschbare. Daraus leiten alle Ideologien ab, dass es auch nicht bezweifelbare Dinge gibt. Auch eine noch so universell scheinende Methode wie die Dialektik hat letztlich voraussagbare Ergebnisse, zum Beispiel, dass aus quantitativen Veränderungen qualitative entstünden. Das führt in die quantenmechanische Diskussion hinein, inwiefern das Verhalten der Dinge, insbesondere der Elementarteilchen, gesetzmäßig, also vorhersehbar sei. Dieser Diskurs hält seit Bohr, Heisenberg und Einstein an. Wir können nur schwer an die Willkür des Faktischen geschweige denn seine normative Kraft oder den Zufall glauben.  Gesetze, Götter und Identitäten sind uns lieber.

Wahrscheinlich ist also passiert, dass wir durch Literatur und  Filme, durch Geschichtsbetrachtung und Interpretation in siebzig Jahren gelernt haben, uns in das einzufühlen, was unsere Vorfahren noch als feindlich empfunden haben, ob es ihnen nun eingeredet worden oder tatsächlich in ihr Bewusstsein übergegangen war.  Erst im zwanzigsten Jahrhundert dämmerte der Gedanke auf, dass Solidarität einen evolutionären Vorteil bringt, obwohl die Gewaltlosigkeit Bestandteil vieler Religionen, vor allem aber des ursprünglichen Christentums ist. Krieg scheint immer die schnellere Lösung zu sein. Allerdings verkennen alle Kriegsapologeten, dass es keine Sieger gibt. Jedesmal wenn man sich auf den wohl eher sagenhaften König Pyrrhos beruft, wird nachgefragt, wer das sei. Dagegen kennen alle Hannibal und seinen scheinbar siegreichen Gegner Scipio Africanus, Wallenstein und Gustav II. Adolf, ein Krieger, nachdem sogar Kirchen benannt sind, in denen wahrscheinlich steht: wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen. Selbst Rommel und Eisenhower sind bekannter als Pyrrhos.

Wenn wir weiter aufhören würden, die Menschen nach ihrer Herkunft zu klassifizieren und schneller auf die Sprache der Täter verzichten könnten, so sollten wir auf diesem Weg der Vermenschlichung der menschlichen Gesellschaft auch besser vorankommen. Für unsere Gesellschaft ist es nicht wichtig, wo ein Mensch herkommt, sondern wo er hinwill. Will er Mitglied unserer empathischen Solidargemeinschaft werden, so ist er willkommen, egal ob er durch Geburt oder durch Migration hergekommen ist. Will er nicht Mitglied dieser Gemeinschaft werden, haben wir ein Problem, das wir nicht durch Ausschluss lösen können, auch nicht durch verbalen Ausschluss. Wir können annehmen, dass das Erstarken rechter Gruppierungen auch durch den ständigen verbalen Ausschluss durch die demokratische und pluralistische Gesellschaft ermöglicht wurde. Empathie ist also einerseits die Voraussetzung, andererseits das Ergebnis seitenverkehrter Interpretation, pluralistischen Handelns und demokratischer Voraussetzungen. Es handelt sich um eine permanente Unumkehrbarkeit und Unvorhersehbarkeit sozialer Prozesse, einfacher gesagt, gibt es eben keine Gesetzmäßigkeit gesellschaftlicher Entwicklungen und jedes Handeln hat Folgen, auch wenn wir sie nicht sehen oder sogar nicht sehen können. Wir sollten statt WOHER lieber WOHIN fragen, aber beides ist nur schwer beantwortbar.  Sir Karl Poppers Konzept der offenen Gesellschaft (das Buch erschien 1945) muss um diesen Aspekt erweitert werden: die Erziehung zur Einfühlung. Demzufolge ist es kein Zufall, sondern  notwendige Folge des bisherigen Handelns der letzten siebzig Jahre, dass es zu einer Renaissance des Fahrrads kam und dass wir uns von der Massentierhaltung abwenden. Dass es in Europa keinen Krieg mehr geben wird und wir immer mehr zu einer multinationalen und multikulturellen empathischen Gemeinschaft werden, die daraus folgend nur demokratisch, pluralistisch und offen sein kann, ist wünschenswert und absehbar. Das Ziel jeder Bildung ist soziale Durchlässigkeit. Nicht der Reiche steht dem gegenüber, sondern der Ignorant.

Der Mensch ist kein Mann deutscher, heterosexueller, rechtshändischer, unbezweifelbarer, weißer,  starker und siegessicherer Herkunft, sondern eine fragile Existenz. Es gibt keine Identitäten, sondern nur Entitäten.

Dass einige hundert Kriegsfilme solch einen Fortschritt gebracht haben, lässt hoffen.

HASS IST EIN GROSSES WORT

 

Nr. 249

Eine Antwort an Ahmad Hashish

Der Flüchtling, also du, und die deutsche Gesellschaft, also ich, haben je zwei Probleme mit sich, die sich so miteinander verschränkt haben, dass man von je einem Dilemma reden kann. Das ist ein Problem, bei dem es zwei Lösungen gibt, die beide schlecht sind. Das gibt es im Alltag sehr oft, und die Flüchtlinge von 2015 sind inzwischen zum Teil unseres Alltags geworden und wir zu ihrem.

Der Flüchtling ist vor katastrophalen Verhältnissen, Krieg, Hunger, Pest, die drei symbolischen und realen Feinde der Menschheit, geflohen. Oft werden diese drei Katastrophen durch einen Diktator wie mit einem Fokus verstärkt. In Syrien ist das der Sohn des vorhergehenden Diktators, Bashar al Assad, in Eritrea ist es der ehemalige Führer der Unabhängigkeitsbewegung, Isaias Afewerki. Beide hatten auch Zeiten, in denen man ihnen glaubte und folgte. Trotz dieser ungeheuren Schwierigkeiten des Lebens oder sogar des Überlebens geht der Flüchtling nicht ganz freiwillig. Zu stark sind die Bindungen, die wir alle in unserer vertrauten Umwelt haben, Schule, Arbeit, Freunde, Verwandte, Musik, Literatur, Filme, Natur, Architektur, alles das hält uns mit starken Seilen dort fest, wo uns der Zufall hingeworfen hat. Das ändert sich nicht, wenn wir annehmen oder sogar sicher sind, dass ein gütiger Gott uns an unseren Platz gestellt hat. Es bedarf sehr guter Argumente, begründeter Hoffnungen und auch viel Geld, damit sich einer, zum Beispiel du, auf den Weg macht. Geht er mit seiner Familie, so hat er zwar seine Familie nicht verloren, aber doch alles andere aufgezählte. Geht er mit seiner Familie, so kann sein Widerwille berechtigterweise mitwandern.  Geht er alleine, so verlässt er auch noch seine Familie und bleibt auch mit seinem Ärger allein, hat keine Projektionsfläche, um den Ärger abzuladen. Der Flüchtling will also gleichzeitig da sein, wo er herkommt, und hier sein, wo es ihm besser gehen soll. Ginge er zurück, ließe er seine Hoffnung hier, bliebe er hier, so wäre der unerträgliche Abschied sein täglicher Begleiter.

Der Eingeborene dagegen hat in seiner Kindheit gelernt, wie wichtig Hilfe und Fürsorge, Solidarität, Nächstenliebe, Vertrauen und Sicherheit sind. Auch er hat gelernt, dass Freiheit und Gerechtigkeit die großen Ideale der Menschheit und jedes einzelnen Menschen sind. Aber zu seinem Glück ist er in einem Land aufgewachsen, in dem es seit siebzig Jahren Frieden, Wohlstand und immer mehr Gerechtigkeit gibt. Gerechtigkeit an sich gibt es natürlich nicht, sie ist und bleibt ein Ideal so wie Cristiano Ronaldo ein Idol bleibt, und trotzdem kann man ihm nacheifern. Das Land, Deutschland, wenn man es so schildert, gleicht einem Märchen. Tatsächlich sprechen die Menschen vom Wirtschaftswunder. Es gibt aber auch ein Bildungswunder, fast die Hälfte aller Menschen macht Abitur. Es gibt auch ein Politikwunder, so viele Menschen stehen zur Demokratie und sind mit den politischen Verhältnissen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sehr einverstanden. Trotzdem gab es immer wieder Schwierigkeiten. Nach dem zweiten Weltkrieg kamen die deutschen Siedler aus dem europäischen Osten zurück nach Deutschland. Das waren über zehn Millionen Menschen ohne Hab und Gut. Und obwohl sie oft nicht gerade sehr freundlich empfangen wurden, haben sie eine neue Heimat gefunden. Dann kamen, weil das Wirtschaftswunder Arbeitskräfte brauchte, Gastarbeiter aus Italien, Griechenland, Spanien und vor allem aus der Türkei. Sie haben zunächst fast unbeachtet in ghettoähnlichen Zuständen gelebt. Heute sind sie geachtete Mitbürger, die mehr als die eingeborenen Deutschen Klein- und Mittelunternehmer sind. Sprichwörtlich und erfolgreicher als alle amerikanischen Fastfoodketten ist der deutsche Döner aus Berlin, eine absolut leckere türkische Spezialität, absolut halal. Berlin ist die größte türkische Siedlung außerhalb der Türkei. Dann kam im Jahre 1990 die deutsche Wiedervereinigung, fünfzehn Millionen Ostdeutsche blieben zwar, wo sie waren, aber eigneten sich das westdeutsche System erfolgreich an, so dass sie heute – hoffentlich – nicht mehr oder kaum noch zu unterscheiden sind. Der Eingeborene hat also das Doppelproblem, dass er einerseits helfen will, aber andererseits auch Angst davor hat, dass diesmal das System versagen, abstürzen  könnte. Überall in Europa hat sich zudem eine gewisse Demokratiemüdigkeit breitgemacht, so wie auch in den USA nicht gerade der demokratischste Präsident gewählt wurde. Allerdings gibt es in den letzten Jahren tatsächlich auch eine Bedrohung durch islamistischen Terror, der sich zwar hauptsächlich gegen Gruppierungen im eigenen Land wendet, aber doch auch in Amerika und Europa Schaden angerichtet und Angst hervorgebracht hat.

Niemals gibt es nur ein Problem, eine Lösung, eine Seite, eine Katastrophe. Wir können diese unsere Welt deshalb so schwer verstehen, weil zu jedem Zeitpunkt, nennen wir ihn Sekunde, tausend Probleme und tausend Einflüsse und tausend Lösungsmöglichkeiten gleichzeitig auftreten. Wir können aber nur maximal vielleicht zehn gleichzeitig verstehen. Deshalb werden von einem Bruchteil der Bevölkerung zum Beispiel die Flüchtlinge abgelehnt, obwohl sie weniger als ein Prozent der Gesamtbevölkerung sind. Und so wie manche Menschen wie gebannt auf diese eine Prozent starren, starrst du auf die dich anschreienden alten Frauen und Männer, wenn du mit deinem alten Fahrrad vorbeifährst. Starre doch einmal lieber auf die sechs Millionen Flüchtlingshelfer, die es in Deutschland in Kirchengemeinden, Bürgerinitiativen, Volkshochschulen, Flüchtlingsheimen, Fußballmannschaften, Theatergruppen und sonstwo gibt. Rein rechnerisch kommen also auf jeden Flüchtling sechs Helfer. Praktisch sieht es leider nicht so gut aus. Meine Lösung des Problems – das eigentlich gar kein objektives Problem ist – lautet demzufolge: jeder Helfer sucht sich einen Flüchtling, dem er helfen kann, jeder Flüchtling sucht sich einen Helfer, dem er sich anvertraut.

Niemand oder fast niemand hasst dich. Das ist ein viel zu großes Wort für die Angst, die vielleicht hier und da vorhanden ist, die Missgunst, den Neid auf die Aufmerksamkeit. Wir kennen das von Kindern, die schwer ertragen können, wenn sich die Aufmerksamkeit der Eltern oder der Lehrer plötzlich jemandem zuwendet, der in diesem Moment hilfebedürftiger ist. Wie kommt man aus dem falschen Fokus heraus? Am besten versucht man, aus seinen Albträumen Träume zu machen. Man sucht sich eine Aufgabe, die über die Schule oder die Arbeit hinaus geht. Du kannst so gut Deutsch, und immer wieder werden Dolmetscher gebraucht. Manche Hilfesuchender braucht nur eine Begleitung zum Arzt oder will einfach die Muttersprache hören. Der Zauber der Freude, glaub mir, bindet wieder, was  Neid, Missgunst und Angst getrennt haben. Sei froh, dass du deine Familie hast, dass du in die Schule gehst, dass um dich herum Frieden herrscht. Nichts wird die wenigen Schreier mehr überzeugen, als ein erfolgreicher Flüchtling. Meine sechs Millionen Kollegen und ich wünschen dir dabei Glück, Liebe und Freude.

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IDEAL IST KEINE WIRKLICHKEIT

 

Nr. 248

 

Das Gestern wird schon deshalb keine Wirklichkeit sein, weil es nur als Narrativ existieren kann. Die Menschen erzählen sich nicht, was gestern war, sondern was gestern hätte sein können, vielleicht gewesen war, hätte sein sollen. Der Erzähler dramatisiert seinen Beitrag entweder in Richtung des handelnden Täters oder des leidenden Opfers. Niemand gibt gerne zu, dass er zwar als Täter erscheint, aber nicht wirklich etwas getan hat (Kohl-Syndrom). Auch als Opfer kann man seinen Statut durchaus erhöhen, wenn man zu einer demonstrativ leidenden Gruppe zu gehören scheint oder gehören will oder auch tatsächlich gehört. In einem Krieg sind aber tatsächlich alle Seiten Opfer. Selbst über gravierende Fehler spricht es sich leichter, wenn man zum Schluss obsiegt hat oder so tun kann, als hätte man genau das gemeint, was schief gelaufen war (Schabowski-Tag). Die Politik bietet sich als Beobachtungsfeld für diese allgemein menschlichen Schwächen an, seit wir die Politik Tag und Nacht rund um die Uhr beobachten können. Politiker bieten sich als Projektionsfläche unserer Kritikfreudigkeit an, weil sie etwas tun oder nicht tun, was viele Menschen betrifft, weil der Bildungsgrad und die Freizeit zugenommen haben, weil Politiker sich meist nicht auf ein so hohes oder sogar hehres Ideal stützen können, wie beispielsweise Kirchenmänner oder Fußballprofis. Selbst solche offensichtlich bösen und unsolidarischen Kirchenmänner wie Meisner (und sein Schützling Tebartz mit dem goldenen Klo), Mixa und Müller konnten jahrzehntelang ihr Unwesen treiben, weil sie durch ihre Berufung auf Yesus, den selbst Atheisten achten, geschützt waren. Welcher Politiker sieht sich so von seinem Ideal, wenn er überhaupt eins hat, umfangen? Es ist keine Beschimpfung, wenn man sagt, dass es Politiker mit und solche ohne Ideal gibt. Kohl war ein Konservativer, aber er hat ohne Gewissenskonflikte die Brandtsche Ostpolitik bis zu Vereinigung Europas fortgeführt. Adenauer hätte, von seinem Geburtsjahr her, noch Nationalist sein können, war aber ein nach Westen offener Konservativer, der aber als erster westlicher Staatsmann in die Sowjetunion reiste. Angela Merkel ist so erfolgreich, dass ihre Wiederwahl immer wahrscheinlicher wird, aber hat sie eine Vision oder ist sie, wie ihr Lehrmeister und Ziehvater, eine Pragmatikerin? Zudem hat sie das Glück, dass es eine Reihe wirklich engstirniger und unfähiger Politiker gibt, die als projizierter, manche glauben auch projektierter Schrecken auf die Welt wirken. Da reicht es schon, einfach nur pragmatisch gut zu sein. Die Strahlkraft eines Trudeau oder eines Macron geht ihr ab.

Die älteste Partei in Deutschland, die Sozialdemokratie, hat ein ebenso altes und auch ziemliches hohes Ideal. Aber taugt es noch für eine zerrissene Welt, in der, obwohl Maschinen für uns arbeiten, immer noch ein Siebtel der Menschen hungert und im Elend lebt? Wenn es stimmt, was Justin Trudeau sagt, dass die Rechte Angst und die Linke Wut verbreitet, und wenn es stimmt, dass die Welt sich heute mehr in geschlossene und offene Gesellschaften teilt und es gar nicht mehr um links und rechts geht, dann ist auch der Gedanke der Parteien überlebt. Dann ist die AKP als Schutz- und Trutzgemeinschaft eines Autokraten genauso richtig wie Emanuelle Macrons En Marche-Bewegung eines Demokraten. Solche Auffangbecken des Protests sind aber auch die AfD und die Trump-Wählerschaft. Die Wirklichkeit kann sich nicht am Gestern orientieren, das wäre in einem doppelten Sinne die falsche Richtung. Von Ingeborg Bachmann stammt der schön-traurige Gedanke, dass die Geschichte zwar lehrt, aber keine Schüler finden kann. Der Mensch, der sich im Alltag gern mit hohen Geschwindigkeiten bewegt, seit Tamerlans Zeiten vom Gestern fortzujagen glaubt, sehnt sich am Sonntag gerne ins Vorgestern zurück. An dieser Haltung zur Bewegung kann man das dilemmatische und ambivalente Wesen von uns Menschen sehen. Wer nur das Gestern und nicht das Ideal erhalten will, muss für das Heute Wut und für das Morgen Angst verbreiten. Dass es trotzdem große Konservative gab, liegt daran, dass bei ihnen zwar Ideal mit dem Gestern zusammenfiel, sie aber wenigstens einmal in ihrem Leben den Schalter in Richtung der Zukunft umgelegt haben (Bismarck, Churchill, Adenauer).

Bleibt das Ideal. Das vor über zweihundert Jahren formulierte Programm der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit würden wir heute eher mit dem archaischen Begriff der Gerechtigkeit wiedergeben, der als religiöses Heilsversprechen noch mehr ins Gestern weist. Aber diese Sicht übersieht den technischen Fortschritt, der den Kampf ums Überleben immerhin stark erleichterte. Nur wird gerne technischer Fortschritt mit Menschlichkeit oder Gerechtigkeit verwechselt. Mit dem Fahrrad verbindet sich kein Heilsversprechen. Sein Anteil am Menschheitsfortschritt würde sich, unter Abzug der Umweltfolgen der Mobilität, nur sehr mühevoll berechnen lassen, obwohl er offensichtlich ist. Schon allein, dass bis zum zwanzigsten Jahrhundert jede technische Neuerung zunächst elitär war, heute aber universell ist, zeigt den Riesensprung, den die Menschheit gemacht hat. Zeitgleich änderte sich auch, ebenfalls durch die verbesserten Lebensumstände, die Gesamtzahl der Menschen so dramatisch, dass auch dies eher Ängste als Freude auslöste.

Jedem Sozialdarwinismus muss, mit welchem Ideal auch immer, die Stirn geboten werden. Seit es Menschen gibt, sind sie solidarisch. Wettbewerb ist immer nur die Ergänzung der Solidarität. Die Ausnahme hierbei ist der Krieg, aber seit dem zwanzigsten Jahrhundert wissen wir, dass der Krieg keine positiven Aspekte hat. Nichts am Krieg ist gut, es gibt keinen Sieger. Jeder vermeintliche Sieg ist pyrrhisch. Auch der sagenhafte Krieg um Theben endete mit dem folgenschweren Tod sowohl des Angreifers als auch des Verteidigers. Es bleibt eine seltsame Frage, warum die Menschheit, obwohl sie seit den Tagen von Polyneikes und Etokles oder Pyrrhos oder Hanibal weiß, dass Kriege nie mit Siegen enden, den Gedanken so spät, jetzt erst, gegen den Gedanken des freien Handels vertauscht hat. Und auch jetzt tun sich Abgründe von Widersprüchen auf. Gerade auf dem möglichen Höhepunkt der neuen Erkenntnisse, fallen ganze Völker, vielleicht aus dem Mangel an Erfolg, in die Zeit düsterer Autokratie zurück. Allerdings können wir ganz sicher sein: das Licht bleibt das Ideal und nicht die Finsternis. Ob wir an Erleuchtung glauben oder auf Aufklärung schwören, nur das Licht kann die Richtung vorgeben. Wenn man aus dem erdnahen Raum auf die Erde blickt, sieht man nicht nur die Ungerechtigkeit, nicht nur die Energieverschwendung der reichen Länder, sondern auch die Vision des Echnaton: die Sonne als Ideal und Wirklichkeit.

KOHL UND STEINBACH

 

Nr. 247

 

Manche Dinge verkehren sich in ihr Gegenteil. Andere bewirken ihr Gegenteil. Menschen widersprechen sich und anderen. Andere hassen und bekämpfen sich. Das liegt daran, dass wir zur Vereinfachung der Welt ein dichotomisches Weltbild haben: gut und böse, warm und kalt, oben und unten,  Mann und Frau, man kann nicht ein bisschen schwanger sein, das war immer so, das sind die Fakten. Die katholische Kirche zum Beispiel, die gerade wieder vor der Ehe für alle warnt, warnte einst vor den Antipoden, von denen die meisten schon gar nicht mehr wissen, wer oder was das war.

Erika Steinbach war nicht vertrieben, sie war gar nicht aus Westpreußen. Sie ist dort geboren, weil ihr Vater nahe Danzig Soldat und ihre Mutter Flakhelferin war. Trotzdem war sie lange Zeit Präsidentin des Verbandes der Vertriebenen.  Als Vertriebenenchefin  hat immer wieder das Unrecht betont, das Polen angeblich über Deutschland gebracht hat. Irgendetwas in ihrem Leben hat sie dazu gebracht, die ganze Welt immer von gestern aus zu betrachten. Als schließlich die ganze CDU an ihr vorbeigezogen war, trat sie aus ihrer Partei und hielt am vorigen Freitag ihre letzte Rede, die ihr keinen Beifall und stattdessen eine Rüge des Bundestagspräsidenten einbrachte. Beifall erhielt sie, als sie sagte, dass sie aus dem Bundestag ausscheidet.

Konservatismus ist eine politische Richtung, aber Politik ist die Kunst der Kompromisse. Steinbach kollidierte nicht mit Merkel, sondern mit Kohl. Kohl hatte als Oppositionsführer und Kanzlerkandidat ähnlich vollmundig wie Trump die Rücknahme der Politik seiner Vorgänger angekündigt. Gemeint war der Ausgleich mit dem Osten und die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze. Das war die spektakuläre und visionäre Außenpolitik Brandts. Sie hat letztlich zu deutschen und europäischen Vereinigung geführt. Schmidt dagegen bekämpfte dem ultralinken Terror der RAF und erfand den NATO-Doppelbeschluss. Da gab es für Kohl, der Schmidt 1982 mit einem konstruktiven Misstrauensvotum, ermöglicht durch den Seitenwechsel der FDP, ablöste, nichts zurückzunehmen. Das alles muss Steinbach verschlafen haben. Kohl hat dann während seiner sechzehn Jahre als Kanzler den Nationalstaatsgedanken zugunsten der europäischen Union samt gemeinsamer Währung aufgegeben. Der Grund dafür war sicher nicht die deutsche Wiedervereinigung, die niemand ahnte. Später aber zeigte sich, dass die europäische Einigung die Kompensation für das vereinte und erstarkte Deutschland verstanden werden könnte. Das Rathenau-Modell, zu produzieren und nur durch die Qualität und Quantität der Produkte Absatzmärkte zu sichern, ist letztlich durch den konservativen Kohl durchgesetzt worden.

Kohl war kein Ideologe. er verstand sich als Machtmensch und Politik als pragmatisches Handeln. Kohl polarisierte in seiner Partei, konnte Menschen gewinnen und wegbeißen. Nur einmal hat er auch außenpolitisch polarisiert, aber diesen krassen Fehler sofort korrigiert. Nach dem Machtantritt Gorbatschows hielt er dessen Reformkurs für einen propagandistischen Trick und verglich ihn mit Goebbels. Diese Korrektur zeigt, dass Kohl die Größe hatte, die weit über die Verspottungsbegriffe hinausging, mit denen er gerne belegt wurde. Größe bewies er auch, als er im dichotomischen Wettstreit mit dem zwergenhaften Kanzlerkandidaten der SPD auf die Währungsunion setzte und damit die DDR mit einem Federstrich wegschob. Das wiederum verletzte die letzten verteidiger der DDR, und das waren erstaunlicherweise ehemalige Bürgerrechtler und Widerstandskämpfer auf der Seite und Betonköpfe der SED auf der anderen Seite. Das war eine winzige Minderheit. Angst dagegen hatten viele. Steinbach scheint auch das verschlafen zu haben. Vielleicht kam sie 1990 in den Bundestag nur durch die Konjunktur der CDU. Jedoch setzte sie ihren Marsch rückwärts fort. Sie trat aus der evangelischen Kirche, die ihr zu modern war, und schloss sich jener Splittergruppe* an, die sich um 1850 gegen die Modernisierungsversuche des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. gebildet hatte.

Kohl dagegen konzentrierte sich in den nächsten Jahren auf ein neues Ziel: die europäische Einigung, deren eine Dimension er zusammen mit dem CSU-Führer Theo Waigel erreichte, die gemeinsame Währung. Die zweite notwendige Dimension, die Aufgabe der nationalen Souveränität zugunsten eines funktionierenden europäischen Parlaments und der dazugehörigen Regierung, bleibt weiter umstritten. Einleuchtend ist es aber, dieses Europa der Regionen, denn die Nationalstaaten sind Konstrukte des neunzehnten Jahrhunderts und seiner Kriege bis hin zum zweiten und letzten Weltkrieg.

Auch Kohl war ein Konservativer. Er hielt sein Ehrenwort höher als die Gesetze. darin steckt eine letztverbliebene konservative Verachtung der Demokratie. Sie hat ihm und der CDU nur geschadet. Überhaupt ist Kohl mit seinem eigenen Erbe schlecht umgegangen. Während Adenauer und Brandt zurecht kultisch verehrt werden, und Schmidt sich ein Leben als elder statesman erarbeitet hat, nach dem er hochgeachtet starb, hat Kohl, und darin zeigt sich seine Kleine, seinen Ruf auf lange Zeit verdorben. Groß war er ohnehin nicht, aber ein bedeutender Pragmatiker, den die zeit mit Erfolg verwöhnt hat und dem wir in Europa demzufolge viel verdanken.

Wenn es für Kohl eine Gnade war, so spät geboren zu sein, dass er nicht mehr schuldig werden konnte, er war fünfzehn Jahre alt, als der Krieg zuende ging, so war es für Steinbach scheinbar eine Strafe, zu spät geboren zu sein, um all das verantworten zu dürfen, für das sie sich später einsetzte. Warum hat sie Polen beschimpft? Warum hat sie sich immer gegen Versöhnung ausgesprochen? Wir sollten nicht nur nicht gegen Versöhnung sein, sondern unsern Nachbarn danken, dass sie uns verziehen haben. Aber auch das ist ein Satz von gestern. Denn in Wirklichkeit ist die Gegenwart des letzten Krieges zum Glück im Nebel der nachfolgenden Generationen und eingewanderten Mitbürger verschwunden.

Steinbach glaubte, wegen Merkels humanitärer Flüchtlingspolitik nach rechts ausweichen zu müssen. Aber sie landete im Orkus der Unmenschlichkeit und damit des Verbrechens. So hart kann Dichotomie sein.

 

 

* die altlutherische oder selbstständige lutherische Kirche

CHAPLIN UND HITLER II

 

Nr. 246

 

Man muss gar nicht den vielleicht veralteten, auf jeden Fall aber überstrapazierten Fortschrittsgedanken bemühen, um den Vergleich der beiden im gleichen Monat und im gleichen Jahr geborenen Persönlichkeiten zugunsten Chaplins zu entscheiden. Es reicht die reine Quantität. Dabei muss man nicht fragen, wieviele Menschen kennen Hitler, wieviele kennen Chaplin, sondern, und eineindeutiger geht es dann nicht, wieviele leben mit den Folgen der beiden. Die Antwort ist: Eurozentrismus. Nur weil wir ständig über Hitler reden, wird er nicht bedeutend. Wir reden ständig über Hitler, weil wir das schlechte Gewissen unserer Vorfahren bedienen und weil wir in Deutschland und in Europa Folgen und Gedenksteine sehen können.

Trotzdem bleibt Hitler ein ideologisches und ein faktologisches Konglomerat. Seine Ideologie setzte sich aus bekannten rechtskonservativen, radikalen, rassistischen und sozialdarwinistischen Elementen zusammen, von denen er keines gefunden oder erfunden hatte. Im Gegenteil: er bezog alle diese Elemente aus schon aufbereiteten Broschüren. Vielleicht hat er gar kein Buch gelesen, geschrieben hat er jedenfalls keines.

Die Welt besteht aber nicht nur aus Europa. Die Weltbevölkerung hat sich seit Hitler nicht nur zweimal verdoppelt, sondern auch ihr Schwergewicht verlagert. Die Teile der Weltbevölkerung, die unseren Vorfahren marginal erschienen sein mögen, sind jetzt ihr Kern und ihr Hauptgewicht: China, Indien, Afrika. Es ist bei so großen Prozessen unsinnig, nach der Schuld zu fragen, aber soviel ist sicher: die grünlinksversifften Demonstranten waren es nicht. Selbst die Kommunisten waren Nationalisten. Man kann die Zukunft nicht voraussagen, aber nach heutiger Lage sieht es so aus, dass es keine dominierende Weltreligion geben wird, auch wenn alle diese Gruppen nach wie vor davon träumen. Auch eine einheitliche Regierungsform scheint es in absehbarer Zeit nicht zu geben, wenngleich viel für die Demokratie spricht. Alle rückwärtsgewandten Autokratisierungsversuche sind von beiden Seiten aus verständlich: viele Menschen sehnen sich nach einem Führer, der alles weiß und alles kann, und viele Politiker dichten sich selbst Omnipotenz an.  Wenn die Welt aber immer komplexer und immer schneller wird, nimmt die Wahrscheinlichkeit ab, dass es einfache, oft gestrige Antworten auf die vielen neuen Frage gibt. Die Neigung der neuen Probleme, in Dilemmata zu münden, hat wohl eher zugenommen.

Die Politik hat die repräsentativen Aufgaben von der Monarchie und von der Religion übernommen. Nach wie vor ahmen aber auch Religionsführer Politiker nach: wenn der Papst nach Berlin kommt, wird er von vier Kampfjets begleitet, seine Wachen ballern mit Heckler&Koch-Geräten. Jesus ritt bekanntlich auf einem Esel in Jerusalem ein und verbot seinen Jüngern mit sprichwörtlich gewordenen, heute noch gültigen Sentenzen die Benutzung von Waffen. Was uns fehlt, wenn uns etwas fehlt, sind nicht Waffen, sondern Visionen.

Nur aus der übergroßen Beachtung für die Politiker wächst ihre übergroße Verachtung. Ein großer Politiker, zum Beispiel Scipio Africanus, ist auch früher schon verehrt worden. Aber heute wird aus der sporadischen Erhöhung, zum Beispiel dem frenetische Jubel zur Begrüßung des heimkehrenden Mannes, ein tausend mal am Tag und millionen Mal im Jahr wiederholter floskel- und gebetsmühlenartiger Jubel. Die scheinbare Allmacht eines heutigen Politikers ist identisch mit seiner Allgegenwart. Selbst ein Helmut Kohl, von dem alle, die ihn erlebt haben, wissen, dass er ein visionsloser, rückwärtsgewandter Pragmatiker und Machtmensch war, wird heute, nachdem er tot ist, in den Rang eines großen Deutschen und großen Europäers gehievt. Seine Witwe wird sogar versuchen, ihn in die Klasse von Bismarck, Brandt und Scipio Africanus zu befördern. Daran hängt auch viel Geld.

Diese mediale Verstärkung aller Prozesse verdanken wir einerseits der Erfindung der Medien selbst. Samuel Morse, der den Telegraphen erfand, nicht das erste, aber das erste wirklich wirksame Mittel, Gedanken zu dislozieren, war im Hauptberuf Maler religiös-moralischer Bilder und lieferte zu seiner legendären Erfindung den Zweifel gleich mit: Warum, so fragte er, müssen die Menschen in Baltimore sofort wissen, was in Washington passiert. Vom Telegraphen zum Smartphone ist es ein Siebenmeilenschritt. Und heute fragen manche, und das war der Inhalt des ersten Telegramms, WAS HAT GOTT GETAN? [Numeri 23,23]. Die Medien benötigen, auch wenn das der große Medienguru Marshall McLuhan bestritt, eine Botschaft, weil nämlich wir Menschen eine Botschaft brauchen. Parallel zur Entwicklung der heute allgegenwärtigen Medien hat sich also eine Mediensprache entwickelt. Ganz am Anfang steht Chaplin. Er kreierte den Typen, der fortan die Welt bestimmen sollte, der gute, aber nicht sehr individuelle Mensch, der vom Pech verfolgt ist, aber das Glück sucht und bringt. Das sind wir. Der Trost, den wir früher aus der Religion ziehen konnten, kommt heute aus der medial verbreiteten Kunst. Die Kunst, sagte man früher ahmt das Leben nach, das Leben ahmt heute im gleichen Maße auch die Kunst nach. Viel mehr Menschen schreiben, dank der Medien und überhaupt der Technik, die uns von groben Arbeiten befreit hat. Es entsteht dort ein übergroßer Widerspruch, wo die Erde mit dem Hakenpflug, die Kommunikation dagegen mit dem Smartphone bearbeitet wird.

Aber Hitler hatte nicht nur Chaplin als Vorbild. In seiner Realschule in Linz, die er bekanntlich nicht erfolgreich beendete, begegnete ihm der kleine Wittgenstein, ebenfalls wie Hitler und Chaplin im April 1889 geboren. Wenn er dessen Leben weiterverfolgt hat und wenn er damals gewusst hat, wer sein Schulkamerad ist, dann hat er ihn wohl lebenslang als Idol und Feindbild gehabt. Wittgenstein war hochbegabt, steinreich, musikalisch und schwul, alles das, was Hitler sein wollte, aber nicht war oder nicht sein durfte. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich kannten, ist groß, denn Wittgenstein, der sonst wie seine Geschwister Privatlehrer hatte, fiel durch seine exklusiven Manieren und Kleidungsstücke auf. Hitler und Wittgenstein, gleichaltrig, aber in unterschiedlichen Klassen, konnten beide wunderbar pfeifen und interessierten sich für Opern. Die beiden polarisierten den Schulhof wie später die Welt.

Aber Hitler hat nichts geschaffen, keine Mediensprache, keine Philosophie, kein Flugzeugtriebwerk, kein Gedankengebäude, keine Musik, keinen Film. Er konnte nur Postkarten, antisemitische Vorurteile und Opernfragmente reproduzieren. Der zweite Weltkrieg wurde von Joachim von Stülpnagel geplant, die armen Menschen aus Osteuropa sind von Heinrich Himmler und unseren Vorfahren ermordet worden.

HITLER ALS MEHRFACHNULL

 

Über Medien und Macht

Wenn man sich die kleine Oona mit ihren drei möglichen Namen vorstellt – O’Neill Salinger Chaplin -, dann gehört sie in die Reihe der großen Witwen: Alma Schindler Mahler Kokoschka Gropius Werfel, bekanntlich wollte Thomas Mann dann nicht mehr am Grabe der Männer von Alma reden. Aber Oona O’Neill, die Tochter des damals berühmtesten amerikanischen Schriftstellers Eugene O’Neill (Long day’s journey into night), ist viel mehr als das: ein Schnittpunkt der medialen Welten. Zunächst sah sie aus und benahm sich wie eine normale Multimillionärstochter. Sie betrank sich unter der Aufsicht livrierter Oberkellner und im Verein mit ihresgleichen im teuersten Club von New York. Aber da waren auch Truman Capote, Orson Welles und Salinger, die zur kulturellen Halbkugel der Eliten gehörten. War Salinger dort als zukünftiger koscherer Wurstfabrikant oder als späterer berühmtester amerikanischer Schriftsteller? Die amerikanischen Eliten, liest man auf vergnüglich-französische Weise, lebten enger als eng zusammen, das ist insofern bedenklich, weil Amerika viel  größer ist, aber viel weniger Einwohner hat als Europa. Trotzdem wechselte gerade in der Zeit, um die es hier geht, der Schwerpunkt von der Ostküste an die Westküste, wo sich bis heute das mediale und monetäre Zentrum der Welt befindet.

Die kleine Oona verliebt sich, während Capote fortwährend die Kellner anhimmelt, in den schlaksigen Wurstfabrikantensohn mit seinen drei Kurzgeschichten. Sie ist erst sechzehn Jahre alt und erst an ihrem achtzehnten Geburtstag wird sie in die Weltgeschichte der Medien eintreten. Sie lieben sich und sie lieben sich nicht. Vielleicht ist Holden Caulfields kleine Schwester in Wirklichkeit Oona? Beigbeder schildert dieses eine Jahr, als wäre er als Paparazzo dabei gewesen. Er beschreibt die ständig feuchte Unterhose von Salinger genauso realistisch wie die Angstkeuschheit der doppelt kleinen Oona. Lebenslang sind sie aufeinander festgelegt gewesen, haben sich über den Ozean geliebt, nach Chaplins Tod noch einmal getroffen. Salinger hat als fünfzigjähriger Mann in dritter Ehe eine achtzehnjährige Krankenschwester (praktisch!) namens O’Neill geheiratet und damit Oonas Biografie nachgespielt. Oona dagegen kannte jedes Detail aus Salingers schmalem Werk. Soweit die Biografie.

Begbeider, der letzte (oder der erste?) Bohémien Europas, scheint den apodiktisch-trotzigen Stil von Salinger zu imitieren, wechselt im zweiten Teil aber auch in Hemingways souveräne Art und hat in seinen Kriegsschilderungen, die zum besten gehören, was zu diesem Thema geschrieben wurde, einen Satz-für-Satz-schnellst-cut-Modus gefunden, der atemberaubend und absolut realistisch wirkend Chaplins Schnitttechnik in den Stummfilmen imitiert. Tatsächlich aber ist mit der merkwürdig direkten Autorsprache ein neuer Montmartrestil gefunden, der sowohl das Buch als auch seinen Inhalt ungeheuer intensiv im Leser zu verankern vermag. Hätten die Amerikaner, schreibt Beigbeder auf Seite 235, 1944 schon über die Atombombe verfügt, so hätten sie Berlin zerstört und den Krieg damit früher beendet. Das ist einer der härtesten Sätze, die über diesen letzten aller Kriege je geschrieben wurden, und der die immanente Sinnlosigkeit des Krieges für alle Zeiten beschreibt. Die Schlacht im Hürtgenwald bei Aachen, weder von den Franzosen noch von uns, und schon gar nicht von den Russen überhaupt zur Kenntnis genommen, hätte die Amerikaner so frustriert, dass sie zu jeder Rache fähig gewesen wären, wenn sie zu ihr schon fähig gewesen wären. Es gibt, so steht es zwischen den Zeilen von Hemingway, Salinger und Beigbeder, keinen guten Krieg und keine gute Seite. Die Guten werden böse, wenn sie mit Waffen auf andere losgehen.

Salinger ging in den Krieg vielleicht aus dem Gefühl seiner verschmähten Liebe oder aus einem etwas übertriebenen Patriotismus heraus. Er hatte das Gefühl, dass er etwas für Amerika oder die Menschheit tun müsse. Zum Glück für die Menschheit beließ er es nicht bei diesem Beitrag als Kompaniechef, der die Gliedmaßen seiner toten Soldaten aufsammelte, und als Geheimdienstoffizier, der auch später noch, lange vor dem Internet, jede Adresse ausfindig machen konnte, sondern er schrieb einen Roman, der hundertundfünfzig millionenmal  verkauft wurde und den wir alle für den besten Coming-of-age-Roman nach Werthers Leiden hielten, bis wir lasen, dass Hemingway als einziger verstand, worum es ging: der Einzelgänger im Massenschlachten, in Massenmedien, im Massenkonsum, das Individuum neu vermessen und kalibriert.

Oona O’Neill hatte unterdessen an ihrem achtzehnten Geburtstag als dessen vierte Frau den sechsundfünfzigjährigen Chaplin geheiratet, der am Ende seiner Karriere und seiner politischen Tragfähigkeit angelangt war. Selbst sein britischer Akzent und sein Migrantenstatus wurden ihm plötzlich angelastet. Er hat sich nicht nur mit Oona (Sie hält mich jung. Er macht mich reif.) und ihren gemeinsamen acht Kindern wunderbar getröstet, er ist auch geadelt worden, von einer Million Menschen in Großbritannien empfangen worden und hat seiner kleinen Großfamilie ein riesiges Palais an der Nordseite des Genfer Sees spendiert. Oona fuhr von nun an barfuß im Rolls Royce. Viele schreiben und er war selber auch der Meinung, dass er das Ende der Stummfilmära ist, dass seine Tonfilme ihn zu einem normalen Schauspieler gemacht haben, dass sie normale, also vergängliche Filme waren, wenn auch im ‚König von New York‘ Isaac Stern Geige und Louis Armstrong Trompete spielen.

Vielmehr haben Chaplin und Salinger etwas gemeinsam: Sie beschrieben die Inszenierung des Menschen in einer Welt, die immer voller wird: voller Menschen, voller Dinge, voller Geld und sogar auch voller Ideen. Der Film war gemeinsam mit der Schallplatte und dem Radio eines der ersten Medien, die große Menschenmassen erreichten. Immer wieder inszeniert Chaplin seinesgleichen aus der Anfangszeit. Wenn er auch  Künstlerkind war, so waren seine Eltern doch mental, medial und monetär ganz, ganz unten. Es reichte nicht zum Überleben. Vor allem hätte dieses Leben, das seine Eltern führten, nicht zum Überdauern gereicht. Chaplin inszenierte und installierte einen Typus, den viele für real hielten, besonders als er sich in The Kid auch noch reproduzierte.

Die dritte Kreation von Chaplin aber war Hitler. Hitler hielt den Bart und die Art für echt, erkannte nicht, dass Chaplins Narrativ dessen Broterwerb war. Er glaubte und hoffte, dass man so sein müsse, um anzukommen. Also ging er so los wie Chaplin als Tramp in seinen Filmen. Chaplin war Multimedia-Künstler so wie Hitler eine Mehrfachnull war. Er imitierte mit großem Erfolg eine Inszenierung, die selbst schon ein übergroßer Erfolg gewesen war. Nullen aber, selbst wenn sie sich mit sich selbst multiplizieren, mutieren nie zur Eins. Merkwürdig ist nur, dass es damals nicht bemerkt wurde. Auch später dachten alle, dass Chaplin Hitler parodierte. Sein jüdischer Friseur aus dem ersten Krieg wurde nicht verstanden. Seine überlange und hochmoralische Rede feiert übrigens gerade bei Facebook und in anderen Medien ein Comeback nach dem anderen. Das alles zeigt uns, dass die Botschaft ein Medium braucht, dass das Medium immer totaler, ganzheitlicher wird, aber doch trotzdem immer Medium bleibt.

Hitler ist vielleicht der brutalste Ausdruck des merkwürdigen Festhaltens an alten Formen, des Unverstands der alten Männer gegenüber dem Neuen, den Söhnen. Genau das hat übrigens auch Freud beschrieben! Hitler hat zuerst seinen alten Vater imitiert, sodann den genau mit ihm gleichaltrigen Chaplin, dessen Narrativ ihm allerdings ebenfalls traditionalistisch erschien, denn wie jeder Narr blieben sich Chaplins Tramp und Hitler immer gleich, keine Entwicklung konnte sie trüben oder vorwärts bringen. Hitlers Programm war tatsächlich närrisch: er wollte eine ahistorische Welt erzwingen.

Der eine starb in den selbst produzierten Trümmern seiner alten Welt, die er vielleicht wirklich retten wollte, aber zertrümmerte, der andere ist der Clown der Medienwelt, der sie selbst schuf. Seine Botschaft aber überlebt alle Medien. Sieh den Jungen dort in der U-Bahn in New York oder Berlin, er sieht, hört, fühlt und schmeckt die Rede des großen Diktators, der ein kleiner geadelter Gutmensch ist, über den Sieg der Menschlichkeit…

 

Frédéric Beigbeder, Oona & Salinger

DAS PITTSBURGHPROBLEM UND DAS FAHRRAD

 

Nr. 245

In diesen Tagen wird zurecht der alte Scholl-Latour bemüht, denn den Egoisten unter uns reicht die wirre Argumentation von Trump, LePen, Petry, Orban und Konsorten nicht aus. Der Altmeister des Besserwissens, Scholl-Latour, hatte seinerzeit gesagt, dass man nicht halb Kalkutta hierher holen könnte, weil man damit Kalkutta nicht hülfe, aber selbst bald Kalkutta wäre. Trump hat darauf geantwortet, indem er das Klimaabkommen von Paris mit den Worten aufkündigte, dass er von den Bürgern in Pittsburgh gewählt worden sei, nicht von denen in Paris. Beide Sätze sind schon einmal faktisch widerlegt. Aus Indien kommen heute höchstens Computerexperten zu uns. Jede Hilfe für Indien hat sich gelohnt, denn Indien ist sowohl ein demokratisches als auch, wirtschaftlich, ein aufstrebendes Schwellenland. Obwohl es noch beträchtliche Probleme gibt, kann man schon jetzt sagen, dass Indien so ziemlich alles richtig gemacht hat: es setzt auf Bildung, Demokratie und Marktwirtschaft. Das anhaltende Bevölkerungswachstum, welches aber nur knapp über dem Weltdurchschnitt liegt, ist auf die gestiegene Lebenserwartung und verbesserte Gesundheitsvorsorge zurückzuführen. Der Satz von Kalkutta war also sachlich falsch. Trump hat in Pittsburgh nur 20% der Stimmen erhalten, die Pittsburgher wollten mit überwältigender Mehrheit Hillary Clinton als Präsidentin.

Trump hätte sich einfach beraten lassen müssen. Wahrscheinlich hat er Pittsburgh wegen der Stahlkrise gewählt, hat aber schon übersehen, dass die Stadt ein positives Beispiel für den Strukturwandel ist. Er wollte eigentlich sagen, dass er Politik für Amerika macht. Aber das ist eben genauso falsch, wie zu glauben, dass man nicht für das Leid in anderen Ländern zuständig sei: Deutschland ist nicht der Zahlmeister, so oder so ähnlich heißt es bei NPD oder AfD.

Tatsächlich ist es aber ein bisschen komplizierter. Wahrscheinlich beruht unsere Vorstellung von der Welt tatsächlich auf dem christlichen Gedanken- und Weltparadigma. Aber auch die christliche Vorstellung war kein Weihnachtsgeschenk. Allein an der Ähnlichkeit der Gedanken von Seneca und Yesus, ja selbst an der lateinischen Version seines Namens, kann man die Vielfalt ihrer Herkunft sehen. Römisches Recht, im Falle von Yesus auch Unrecht, griechische Philosophie, ägyptischer Lichtglaube, germanische Feste, orientalische Weisheit und Metaphernlust, all das fand sich nicht in der Person des Yesus zusammen, sondern in dem sich entwickelnden christlichen Europa, was keinesfalls nur positiv war. Trotz aller Kriege und Massenmorde blieb aber in Europa der universelle Ansatz der Barmherzigkeit eine Grundierung. Die Barmherzigkeit ist dann auch durch den vielleicht größten Konservativen der Geschichte, Bismarck, in den Sozialstaat umgeschmolzen worden. Heutige Rechte verstehen nicht mehr, warum ein notleidender Mensch, der über unsere offene Grenze zu uns kommt, hier Anspruch auf Linderung seiner Not hat. Genauso wie der Artikel 1 unseres Grundgesetzes die Würde aller Menschen schützt, nicht nur durch den Zufall der Geburt selektierter Menschen.

Handel und Kultur beruhen auf Austausch, überhaupt beruht das Leben auf Stoffwechsel. So gesehen gibt es zwei Grundmodelle von Handel und Kultur, Expansion und Intensivierung. Man kann es sich gut an der Landwirtschaft vorstellen. Wenn eine Bevölkerung durch verbesserte Lebensbedingungen wächst, braucht sie mehr Nahrung. Entweder ich gewinne neue Flächen oder ich intensiviere den Anbau auf den alten Flächen. Alle großen Reiche haben den Fehler der Expansion gemacht und sind daran gescheitert. Im zwanzigsten Jahrhundert könnte man die beiden Modelle auch als Hitler-Expansion und Rathenau-Intensivierung bezeichnen. Wir haben uns inzwischen so stark und erfolgreich auf das Rathenau-Modell konzentriert, dass weltweit unser Handelsüberschuss kritisiert wird. Allerdings ist es nicht nur falsch, sondern verheerend, wenn andere Länder dem mit Schutzzöllen begegnen wollen. Hier liegt der nächste Irrtum von Trump. Wahrscheinlich ist es heute, im Gegensatz zum Bismarckschen Protektionismus, gar nicht mehr möglich eine so große Volkswirtschaft abzuschotten. Isolierte Länder haben nach ihrer Öffnung noch Jahrzehnte mit den Folgen zu kämpfen, so ist Albanien nach wie vor das ärmste Land Europas.

Ich empfehle jedem, einen Sommerbesuch in Bad Freienwalde zu machen und Rathenaus zu gedenken, der ein merkwürdiger und gleichzeitig großartiger Mensch war. Wir würden zwar nicht seiner Kritik folgen, müssen aber seinen Scharfsinn in der Vorhersage bewundern: „Ein Sinnbild entarteter Naturbetrachtung ist die Kilometerjagd des Automobils, ein Sinnbild der ins Gegenteil verkehrten Kunstempfindung das Verbrecherstück des Kinematographen.“  [Zur Kritik der Zeit, 1912]. Der Mann besaß nicht nur den damals weltgrößten Elektrokonzern, sondern auch eine Automobilfabrik.

Der dritte Grund schließlich, inwiefern die beiden Sätze falsch und dumm sind, ist das Allmende-Dilemma in seiner sozusagen erweiterten Betrachtungsweise. Das Gesamtsystem verbessert sich in jedem Fall, auch wenn dies zunächst unbemerkt bleiben könnte, wenn sich ein Teilsystem verbessert. Das kann auf den ersten Blick auch als Begründung grenzenlosen Egoismus gedeutet werden. Aber schnell zeigt sich, dass die Belastung umso größer wird, je mehr Probleme ungelöst bleiben. In einem Flüchtlingsboot etwa, in dem Schwache und Verdurstende über Bord geworfen werden, wie oft behauptet wird, wird das Boot leichter, aber das Gewissen immer schwerer. Menschen, die so handeln, können nicht mehr froh werden. Der Weg in die Freiheit, der mit schweren Verbrechen gepflastert ist, endet im Gefängnis der Schuld. Die Wikinger sollen so vorgegangen sein und werden von allen Sozialdarwinisten dafür gefeiert. Aber wo sind sie?

Hilfe ist also nicht Selbstlosigkeit oder Geldverschwendung, sondern dient immer auch dem Helfer. Vielleicht sind deshalb alle autokratischen Systeme so sehr dem Individuum abgewandt, weil sie gar kein Selbst haben wollen. Es sind die Menschen ohne Offenheit. Hochintelligenz findet ihren Sinn in der Mitteilung, im Austausch.

Der Freiherr von Drais mag ein verschlossener, merkwürdiger Mensch gewesen sein. Er war dem Alkohol ergeben und wurde schließlich entmündigt. Aber seine Kreativität entlud sich in Gedanken und Erfindungen, die heute noch wirken. Sein ‚Wagen ohne Pferde‘ war zwar nur ein Gedanke, aber dient heute der Kilometerjagd. Seine Notenschreibmaschine wies weit über ihre Entstehungszeit hinaus. Seine Schnellschreibmaschine mit nur vier mal vier Tasten setzte sich nicht durch, wohl aber seine ‚dyadische Charakterik‘ (Binärsystem), das Rechnen mit 0 und 1. Aber wir alle kennen die nachhaltigste seiner Erfindungen: das Fahrrad, das in dieser Woche vor zweihundert Jahren (am 12. Juni 1817) zum ersten Mal mit seinem Erfinder in Mannheim vierzehn Kilometer in einer Stunde fuhr.

Alles dient der Offenheit, nichts ist schlimmer als das Gefängnis der Vorurteile und monokausalen Erklärungen.

Wer also Kalkutta hilft, hilft auch immer sich selbst und verhindert, dass die ganze Welt zu einem Kalkutta wird, das es glücklicherweise nicht mehr gibt. Jeder Schüler der siebenten Klasse kann heute, wenn er ein Smartphone hat, schlauer sein als die genannten Besserwisser.  In Pittsburgh steht übrigens die Cathedral of Learning, das zweithöchste Universitätsgebäude der Welt.

PFINGSTEN UND DIE TELEOLOGIE

 

Nr. 244

Makro- und mikroperspektivisch gehen wir immer von uns aus. Wir beurteilen oder verurteilen den Fremden nach unseren Maßstäben. Gott und Tier und Pflanze müssen wir erst in der Vorstellung zu Menschen machen, damit wir sie verstehen. Auch Prozesse stellen wir uns anthropomorph vor: das berühmte Bild von der kaputten Uhr, die ein blinder Uhrmacher wieder zusammensetzen muss, ohne dass er sie vorher gekannt hat. Die Uhr ist ein von Menschen geformter und mit Zwecken ausgerüsteter Gegenstand, also, folgern wir, muss die Nachtigall, die vor unserem Fenster singt, ebenfalls ein Gegenstand sein, den jemand hergestellt und verzweckt hat. Der Baum, so haben wir es in unserer mittelalterlichen Schule gelernt, ist dazu da, uns Sauerstoff zu liefern. Es ist verzwickt, dass wir uns die Welt immer nur andersherum vorstellen können, eben von uns aus gesehen.

Adam Smith, der Vater der Nationalökonomie, erklärte das wahre Wesen des Bäckers, der, wie wir, nichts will, als sich erhalten. Ein Rechtsanwalt oder ein Zeitungsschreiber hat, außer dass er sich erhalten will, auch noch seinen gesellschaftlichen Status als Ziel. Der alte Bach schrieb am Samstagabend für den Sonntag, nicht für den Weltruhm. Der Weltruhm war die Zugabe. Und Beethoven, 1809 auf dem Gipfel seines Ruhm, las in der Zeitung, dass das letzte lebende Kind des alten Bach in Not lebt, überwies prompt 307 Gulden, eine stattliche Summe, die alle ihre Probleme löste und Erwartungen übererfüllte, wie sie ebenso prompt mit Freudentränen in den Augen Beethoven antwortete. Es geht um Versorgung. Die Arbeitsteilung bringt immer kompliziertere Verwicklungen hervor, umso wichtiger festzustellen, dass Lord Zuckerberg nicht die Weltherrschaft wollte, sondern ein leichtes Leben. Das alles heißt ja nicht, dass wir nicht dem Bäcker und Bach und Beethoven und Lord Zuckerberg dankbar sein können und sogar sollen. Wir können auch dem Baum dankbar sein und seine Würde achten. Aber er ist nicht in einem blinden Uhrwerk für uns erschaffen worden, damit wir ihn verheizen. Andererseits müssen wir uns auch nicht wegen all unserer Schuld verkriechen, nur weil wir die einzigen sind, die Schuld erkennen. Wir bleiben eine Art unter Arten und richten Schaden und Nutzen an, wie wir ihn verstehen. Allerdings ist selbst unser wissenschaftlicher Verstand nicht in der Lage, alle Ursachen oder alle Folgen eines einzigen Gegenstandes oder einer einzigen Erscheinung zu erfassen.

Es wäre natürlich schön und wünschenswert, wenn unsere Vernunft uns hinderte, noch mehr Schaden anzurichten als die sprichwörtlichen alttestamentarischen und aktuellen Heuschreckenschwärme, die ganze Dörfer und Landschaften auffressen können. Wir würden schon wieder gern die falsche Frage stellen: vielleicht hat selbst die Inflation der Heuschrecken einen Zweck? Baruch d’Espinoza ist aus der Amsterdamer jüdischen Gemeinde ausgeschlossen worden, weil er schrieb, dass ein Gott, der einen Zweck hat, keinen Sinn hat. Der Sprachgebrauch war allerdings noch hundert Jahre nach Spinoza, wie wir ihn meist nennen, ungenau: Ende, Zweck und Sinn fielen mehr oder weniger zusammen. Der Streit allerdings, ob den Dingen ein Zweck schon innewohnt, tobt von der Antike bis heute munter fort. Insofern ist es nicht peinlich, zu einer Partei zu gehören. Viel spricht für intelligent design, aber wahrscheinlich noch mehr dagegen. Wir haben hier schon oft geschrieben,. dass die intelligenteste Lösung dieses Streits von Darwin selbst stammt, der ihn auf den Gipfel trieb, nämlich, dass Gott nicht nur die Welt der Dinge, sondern auch die Welt der Prozesse, das methodische Material lieferte, die Evolution in der Schöpfung schon anlegte. Selbst Einstein, der nicht in die Synagoge ging und Gott mit physikalisch-philosophischen Scherzen* eher ausschloss, stellte sich einen menschengestaltlichen Gott vor, der würfelt oder nicht würfelt. Das alles heißt ja nicht, dass wir nicht jeder Religion und vor allem jedem religiösen Menschen mit großer Achtung und Ehrfurcht begegnen sollen. Allerdings bleibt zu bezweifeln, ob all diese religiösen Vorstellungen nicht in den nächsten tausend Jahren mit der Kunst und der Philosophie zusammenfallen werden. In der Kirche Santa Maria Novella in Florenz, gleich neben dem Bahnhof, ist das berühmteste Bild von Masaccio zu sehen, das die Trinität mit nur zwei Teilnehmern zeigt: Gottvater und Gottes Sohn. Aber wo ist der Heilige Geist, fragt man nicht nur zu Pfingsten. Und Masaccio hat die Antwort auf seinem Bild gegeben, das genauso Kunst wie Philosophie wie Religion ist. Der Geist ist die Perspektive.

Aus dieser Allgegenwart der Teleologie ergeben sich zwei Erscheinungen der modernen Welt: die Vermenschlichung der Maschinen und die Verschwörungstheorien. Beides gibt es in zunehmender Form seit dem Mittelalter. Wir erinnern an den Schachautomaten von Johann Nepomuk Mälzel, der aber Schachtürke hieß und ein Fake war, allerdings so grandios, dass die geistreichsten Schriftsteller der Zeit all ihren Geist bemühen mussten, um das Rätsel nach vielen Jahren zu lösen. Sein Nachfolger ist das Smartphone, das so vielen Menschen Menschenersatz ist. Für Beethoven baute Mälzel übrigens den Metronom. Seitdem wechselte die Priorität in der Musik von der Melodie und der Harmonie zum Rhythmus.

Verschwörung ist heute nicht mehr nur Brunnenvergiftung, die es aber auch noch gibt. Der Vorwurf der Verschwörung richtet sich wieder einmal gegen die Eliten, die mit der Demokratie ein neues Gesellschaftsmodell entwarfen. Früher litt das Volk unter den Führern, heute leidet es unter dem Führermangel. Jeder, der sich nicht selbst führt, muss leiden. Das gilt auch für Schmerz und Krankheit. Rousseau hat das als erster erkannt, hatte aber gleichzeitig furchtbare Angst vor Verfolgung und Erkältung. So ist der Mensch. So sind wir.

 

 

* Einstein soll einem Kardinal, der ihn für die Kirche gewinnen wollte, gesagt haben, dass er einträte, wenn der Kardinal zwei Fragen beantworten könne, erstens, ob Gott allmächtig, und zweitens, ob er demzufolge fähig sei, einen Stein (EIN STEIN) zu machen, den er selbst nicht heben kann.     

ZÄHL DEIN GLÜCK DOPPELT

 

 

Nr. 243

 

Viele Menschen glauben, dass die Welt immer schlechter, böser, ungerechter, ärmer und kriegerischer wird. Zu Anwälten dieser Ansicht haben sich die Billigmedien, aber auch diejenigen Religionsvertreter gemacht, die Angst haben, vor leeren Bankreihen zu predigen. Apokalyptische Ängste sitzen tief in uns, wahrscheinlich seit dem Neolithikum. Unsere Vorfahren haben aus ihrer Angst Kunst und Religion, vielleicht auch Wissenschaft gemacht. Und dieses Dreigespann zieht heute noch den Karren der Menschheit durch den Schlamm der Ängste und Befürchtungen. Kein Mensch greift zum Lexikon oder zur Bibel, wenn er Angst vor für ihn konkreten Erscheinungen des Lebens hat.

Das zwanzigste Jahrhundert hat in Europa eine ganze Reihe von Umbrüchen erleben lassen, die die Menschen nicht nur tief verunsichert haben, sondern auch atavistische Ängste verstärkten. Bei jedem steinalten Menschen, der in Deutschland stirbt, zählen wir die politischen oder ideologischen Systeme, die er durchlebt und oft auch durchlitten hat. 2008 starb ein Mensch namens Franz Künstler, der mit 108 Jahren der älteste noch lebende Teilnehmer am ersten Weltkrieg war, er stammte aus Siebenbürgen. Nach einem anderen Franz Künstler ist Berlin-Kreuzberg eine Straße und war in Ostberlin ein Reichsbahnausbesserungswerk benannt. Überlegen wir, welche politischen Komplikationen in diesen beiden Sätzen versteckt sind.

Die Reanimation uralter Ängste hat immer Hochkonjunktur, wenn eine sicher geglaubte Periode zuende geht. Man kann es im Moment gut beobachten. Seit dem Sturz des Kommunismus hat Europa ein Phase der Stabilität durchlebt. Regierungen hielten, was sie versprachen, so schien es uns, den Bürgern. Wenn wir aber untersuchen würden, wie hoch der Anteil Helmut Kohls an der Wiedervereinigung vor dem Fall der Mauer war, so würden wir auf einen Wert nahe Null kommen. Helmut Kohl gehörte vielmehr zu den Realpolitikern, die mit Gegebenheiten gut umgehen konnten, vor Visionen und Erscheinungen aber zurückschreckten. So hatte er die neue Ostpolitik Willy Brandts bekämpft, aber 1987 die DDR mit Krediten gestützt und Honecker in Bonn, wenn auch mit Widerwillen, empfangen, obwohl der seinem Amtsvorgänger in Güstrow eine Geisterstadt, heute würden wir sagen ein Fake, vorgesetzt hatte.

Ängste und Fakten sind also nicht immer kausal verbunden. Ängste können zu Fakten werden, wenn sie gemacht sind. Der Fall der vielgescholtenen Medien klärt sich aber ganz leicht durch einen immer wieder kolportierten Irrtum. Viele Menschen glauben, dass die Medien einen Auftrag zur Versorgung mit Informationen haben. Das ist aber nicht so, wie man an zwei einfachen Beispielen zeigen kann. Stellen wir uns vor, wir würden morgen eine Zeitung gründen, was keine gute Idee wäre, wenn wir nicht eine große Summe Geldes im Lotto gewonnen hätten. Stellen wir uns weiter vor, die Zeitung wäre wider Erwarten erfolgreich. Es gibt in einem freien Land keine Kontrolle, höchstens eine Selbstverpflichtung zur Wahrhaftigkeit und zum Dementi. Das einzige Beispiel einer verbotenen Zeitung war die Spiegelaffäre, und sie endete bekanntlich mit einer unfassbaren Solidarität der Medien untereinander und dem völligen Fiasko einer Regierung, die Demokratie noch nicht recht verinnerlicht hatte. Die Medien sind kein Subjekt, oder wenn sie eins sind, dann ein heterogenes, zu dem ab morgen der BRÜSSOWER GENERALANZEIGER gehören könnte, der sich nicht nach der SÜDDEUTSCHEN ALLGEMEINEN ZEITUNG richten und auch nicht zur Bundespressekonferenz erscheinen wird. Seit Adam Smith wissen wir, dass der Bäcker an der Ecke keinen Versorgungsauftrag hat, sondern selber überleben will. Deshalb bäckt er. Deshalb druckt er, könnte man ebenso von dem Zeitungsunternehmer sagen. Und deshalb sind sie beide mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht von Lord Rothschild oder Lord Zuckerberg gesteuert. Trotz dieser hohen, an Sicherheiten grenzenden Wahrscheinlichkeit, gibt es immer um die zehn Prozent Leichtgläubige, die hinter jedem Zusammenhang einen Kausalzusammenhang wittern, hinter jeder Ähnlichkeit eine Verschwörung. Das Subjekt dieser Verschwörung suchen sie hingegen nicht. Statt sinnloser Suche hilft manchmal Vertrauen.

Beinahe noch schwieriger gestaltet sich die Bilanz unseres privaten Glücks und Unglücks. Genauso wie die finsteren Verschwörer in der Gesellschaft, sind wir in unserer Seele geneigt, das Unglück zu zählen und nachhaltig zu verankern. Das Glück hingegen, das manchmal nur in Gestalt eines kleinen Lächelns in einem Tsunami erscheint, wird von uns gerne ignoriert.

Die Gemeinsamkeit liegt im fehlenden Subjekt. Würden wir verfolgt, vom Pech, vom Finanzamt, vom Fahrkartenkontrolleur, vom Dachziegel, so müssten alle diese und die unzähligen weiter möglichen Elemente ein gemeinsames Subjekt haben. Die Religionen bieten hierfür Gott an. Aber es scheint so, dass die falsche anthropomorphe Gottesvorstellung hier ihren unsinnigen Tiefpunkt findet. Ein Gott, der einerseits jeder Ameise den Weg ebnet, soll jedem Menschen Steine vor die Füße werfen? Hiob ist vielmehr eine Metapher für einen Menschen, der sich erstens selber treu bleibt und zweitens an etwas Höheres glaubt als an sich selber und Reichtum oder Unglück. Hiob ist gerade das Gegenbeispiel. Er glaubt nicht an Verfolgung. Die Vorstellung des strafenden Gottes findet ihre Materialisation auch in den Worten Vater oder Herr. Der Mensch, der sich nach Autoritäten sehnt, findet auch welche. Besser ist es wohl, auf die kollektive Vernunft der Menschheit zu setzen. Dafür stehen die Zeichen gerade günstig. Wir haben uns sowohl informativ als auch real eine Welt geschaffen, deren Distanzen leicht überbrückbar sind. Das Zeitalter der Kriege und Lügen ist vorbei. Was wir erleben, ist ein gigantischer Umbruch. Unsere Marmelade kommt aus Neuguinea, eine Idee aus Gambia, von dem wir früher noch nicht einmal wussten, dass es existiert, unser Nachbar ist aus Eritrea. Wenn das Telefon klingelt, sind wir in Südamerika.

Wir könnten zu dieser Sicht der Globalisierung und Gerechtigkeit beitragen, wenn wir, statt unser Unglück zu zählen, eine Liste des Glücks schrieben, auf der wir jeden Punkt doppelt zählten, so dass eventuelle, von uns meist auch übertriebene Pechbausteine sich von selbst halbierten. Wir sind satt. Wir sind zufrieden. Wir lieben jemanden (‚ja, wer auch nur eine Seele sein nennt auf dem Erdenrund…‘). Wir reisen. Wir lesen. Wir genießen Kunst. Wir können frei unsere Religion und unsere Sexualität wählen. Wir können sogar unsere Regierung wählen und abwählen, nur wir tun es nicht, aus Angst, aus Trägheit, aus apokalyptischem Wahn.

Ich kenne einen jungen Menschen aus einem schrecklichen Land mit unerträglicher Armut und einer verbrecherischen Regierung. Er kommt aus einer großen Familie. Er kommt in das kalte und verjammerte Deutschland und findet hier, abgesehen von seinen Landsleuten, auf Anhieb drei Menschen, die ihm helfen. Jetzt steht er glücklich auf Fotos herum. Glück und Freundlichkeit strahlen aus und machen andere Menschen auch glücklich und freundlich.

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