IN DER HITZE DER NACHT

Oft, wenn wir einen Film nach langer Zeit noch einmal sehen, sehen wir auch die mehr oder weniger rasante Fortentwicklung des Genres Film: kürzere Schnitte, Dialoge statt Monologe, schnelles Tempo, krasse Spannung, weniger Adagio zum Nachdenken. Nach fast sechzig Jahren habe ich durch Zufall ‚In der Hitze der Nacht‘, von Norman Jewison nach dem gleichnamigen Roman von John Ball, wiedergesehen. Damals verstand man es sowohl als Kriminalfall, wie auch als Rassismusdrama. Ich konnte mich an die Angst der beiden Mobszenen erinnern, nicht aber an die Szenen selbst. Die erste Mobszene zeigt den Protagonisten, den Detective Virgil Tibbs (Sidney Poitier) mit einer Brechstange, lebensgefährlich bedroht von vier Rassisten mit Eisenwerkzeugen. Dahinter hängt ein vermeintliches Arbeitsschutzschild:

Let us all be alert

We don’t want anyone to be hunted!

Im letzten, spannendsten Moment kommt der örtliche Sheriff (Rod Steiger), selbst auch anfangs mit etlichen rassistischen Vorurteilen ausgestattet, und befreit den Gastkriminalisten mit – bei uns in Europa – unerlaubter Brutalität. In der zweiten Szene ist der Mob schon auf acht wütende und zu allem entschlossene Leute angewachsen, diesmal ist die Lösung die Wahrheit, die Überführung nämlich des Täters.

Alle Klischees erscheinen als Details einer realistischen Abbildung: der rassistische Farmer, der den Detective ohrfeigt, aber dieser schlägt zurück und zeigt damit die Zeitenwende, die baumwollpflückenden Afroamerikaner, deren Armut und Unglück ihnen ins Gesicht geschrieben ist, the white trash – die weißen Armen, die den Rassismus immer wieder auf die Spitze treiben wollen, die Verhaftungsszene am Bahnhof, die Gefängnisszenen, die Ablösung des bisher reichsten Menschen, des Farmers Eric Endicott, durch den industriellen Investor, der ermordet aufgefunden wird und dessen Witwe beherzt auf der Beteiligung des Detectivs vom FBI besteht. Verdächtigt werden nacheinander: der unerkannte Polizeibeamte am Bahnhof, der flüchtige Landstreicher, der voyeuristische Polizist, nur der Täter nicht.  All die Spannung, die Angst, den Abscheu und die Bewunderung erleben wir auch nach so langer Zeit erneut: die fünf verliehenen von sieben nominierten Oscars sind mehr als verdient.

Aber die Zeiten haben sich geändert. Der Rassismus hat sich zwar gewandelt, bleibt jedoch weiter existent, Europa aber ist heute anders als 1967.

Aus der Kriminalgeschichte wurde eine Parabel. So wie Dürrenmatts ‚Der Richter und sein Henker‘ sowohl Kriminalstory als auch höhere Tragödie ist, so hat auch dieser Film in der heutigen Sicht eine übergeordnete Ebene erhalten. An drei Stellen kippt das rassistische Klischee um: der alte weiße Mann schlägt, als er verdächtigt wird, den afroamerikanischen Detective ins Gesicht – aber der schlägt zurück; in der zweiten Bahnhofszene ködert der örtliche Polizeichef den berühmten FBI-Inspektor mit dessen potenzieller Eitelkeit, besser zu sein als die ‚Weißen‘, wie es in Amerika heißt; und schließlich gibt der Mordexperte zu, dass er zu gern den alten weißen Farmer überführen würde, aber der ist nicht der Täter. Jetzt triumphiert der örtliche Polizeichef: Sie sind ja wie wir, Sie sind auch nicht anders. Der Verfolgte muss nicht der Bessere sein. Auch umgekehrter Rassismus ist Rassismus[1].

Bei uns wird seit Jahr und Tag, und in den letzten zehn Jahren verschärft die Frage erörtert, ob und wieweit die Demokratie wehrhaft sein darf. Darf sie nur mit Argumenten oder kann sie auch mit Repressalien zurückschlagen, wenn sie angegriffen wird? Wir verwechseln zur Beantwortung dieser Frage gern die Ebenen. Die Judikative kann nur Rechtsbrüche verfolgen, nicht Gedanken. Die Gedanken sind frei. Eine Zensur findet nicht statt. Jeder und jede kann jede Meinung haben und äußern. Jegliche Partei kann gegründet und gewählt werden. Die Strafbarkeit liegt immer in gesetzwidrigen Handlungen, nicht in deren Begründung. Allerdings ist es auch strafbar, zu Krieg, Sturz der Demokratie,  Mord und Hass aufzurufen.

Immer wieder wird von den Gegnern der Demokratie unterstellt, dass Gedanken und Worte verboten seien. Die Befürworter der Demokratie, die Mehrheit, wir tun uns schwer, sind oft uneins, scheuen Grenzen und Übertritte, sind sozusagen im Dauerdilemma: jede Lösung erscheint uns als zu langsam, zu umständlich, zu schlecht. Verboten sind jene Straftaten, die jetzt schon im Gesetzbuch stehen. Verboten sind Ungerechtigkeiten, soweit Gerechtigkeit fixiert ist, wie zum Beispiel im BGB oder in der Sozialgesetzgebung. Nicht verboten ist ein Gedanke oder eine Partei, die uns nicht genehm ist.

Ein merkwürdiger Impuls gegen die Demokratie ist das Straf-Paradox. Seit dem zweiten Weltkrieg haben die meisten Länder, darunter alle europäischen, die Todesstrafe abgeschafft. Um Mitglied der EU oder der NATO zu werden, ist dies sogar Voraussetzung. Statt Strafe setzen die meisten dieser Länder auf Resozialisierung statt auf Repressalien. Es gibt – das versteht sich von selbst – Missbrauch im Mikrobereich, der aber maßlos überschätzt wird.  

Die Wirkung dieser exekutiven Grundhaltung ist, dass die Kriminalität abnimmt. Viele Menschen, sicher etwa zwanzig Prozent, glauben allerdings das Gegenteil. Das sind wahrscheinlich dieselben zwanzig Prozent der Menschen, die an angeblich und anscheinend reinigende Kräfte der Autorität glauben, an Hierarchien statt an Netzwerke, an Egoismus und Nationalismus statt an Gemeinsinn, an Grenzen und Ausschlüsse statt an die offene Gesellschaft. Besonders subtil erscheint es manchen, auf das Toleranzparadox von Karl Popper zu verweisen. Es steht in einer Fußnote in einem 1000 Seiten starken Buch über die offene Gesellschaft. In der Textstelle zu der Fußnote (1484) heißt es kursivgedruckt: ‚Alle Theorien der Souveränität sind paradox.‘[2]  Polybios und Nietzsche gehen schon von der Kreisförmigkeit aller Gesellschaftstypen aus, heute sagen wir eher Hufeisenförmigkeit. Wir dagegen schlagen seit langem vor:

1. Liebe deine Feinde, denn dann hast du keine.

2. Das Gute siegt, das Böse kann nicht siegen, weil es substanzlos ist, es ist nur die Summe aller Unterlassungen.

3. Das Verhalten von Individuen und Gesellschaften ist sinusförmig.

Der alte weiße Farmer Endicott (Larry Gates) weint, als er bemerkt und bedenkt, dass er weder den Detective erschießen kann, wie er es früher getan hätte, noch dass er jemals wieder Recht bekommt, weil er nicht im Recht ist. Ob er erkennt, dass der ganze Rassismus, weil ein Konstrukt ist, Unrecht ist, das bleibt selbstverständlich offen und zu bezweifeln. Der Polizeichef Bill Gillespie verharrt durch die Macht, die er zu haben glaubt, auf jedem Level der Arroganz, bis er durch die Tatsachen heruntergespült wird. Selbst seine Einsamkeit vermag er nicht zuzugeben. Erst in der Abschiedsszene sieht er ein, dass er gewinnt, wenn er scheinbar verliert.

Viele Menschen sehnen sich nach  dem Gestern, das sie kennen, und fürchten sich vor dem Morgen, das sie nicht kennen. Die Medien fischen, um ihre Seiten und Minuten voll zu bekommen, im trüben Ungenau und vagen Kalkül. Das ist keine Lüge, sondern Dateninflation. Viele Menschen lesen und hören ohnehin nur, was sie schon wissen. Der Mensch ist nicht für Umbrüche und Wahrheiten geeignet. Nicht nur gegen jede Innovation wehren wir uns, sondern gegen jede Veränderung. Jede Erfindung wird verlacht, jede Entdeckung bezweifelt.

Der Film ‚In der Hitze der Nacht‘ ist eine Parabel des Menschen zwischen seinen meist falschen Narrativen und den meist unsichtbaren Tatsachen.   


[1] Robert Mugabe, der Diktator von Simbabwe, ließ britische Farmer erschießen und ruinierte damit die eigene Wirtschaft

[2] Karl Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Mohr Siebeck, Tübingen 1992, Bd. 1, S. 148

DER GEBLENDETE PFADFINDER

Vier Bemerkungen zu einem merkwürdigen Katalog[1]

1

Nach der Schlacht bei Kleidion 1014 n.Chr. ließ der byzantinische Kaiser Basileios II., der Bulgarentöter, vierzehntausend Bulgaren blenden, aber jedem hundertsten ließ er ein Auge. Das war der geblendete Pfadfinder. Auch übergroße Bewunderung kann dazu führen, dass man von der Schönheit, der Größe, Masse oder Bedeutung geblendet ist wie von der Sonne. Die Blendung – besonders mit dem Präfix ver –  ist mitunter eine schöne Metapher für die in Kaninchenstarre verfallene Bevölkerung eines autoritären Staates, die vielleicht sogar noch mit dem Stockholm-Syndrom geschlagen ist und später die autoritäre Entwürdigung und Vereinnahmung – weil sie mit der eigenen Jugend zusammenfiel – verherrlichen wird. Der geblendete Scout kann jedoch auch der blinde Seher der antiken Tragödie sein, der die Welt besser analysiert, weil er den äußeren Anschein perfekter ignorieren kann.

2

‚Wer einen Text liest, wird sein Autor.‘ Das soll allgemeingültiger heißen: die Interpretation entspricht nur ausnahms- und teilweise der Intention. Weil Kunst immer ein Konstrukt, eine Komposition, eine Abstraktion ist, widerspricht sie sich zunächst nicht und hat keine Alternative: die Kunstfigur ist nicht zu retten, aber die eineindeutige Interpretation ist ein gewöhnlicher Trugschluss: zu schön, um wahr zu sein. Als Beispiel kann man gut den Streit um Goethes Werther nehmen: die eine Partei [Lessing], meinte, der Verfasser solle unbedingt ein ‚zynisches Kapitelchen‘ anhängen, die nächste [Lichtenberg] glaubte, dass die beste Stelle in diesem Buch die sei, wo der Hasenfuß sich erschießt, und schließlich darf die Gruppe der Betonköpfe nicht fehlen [Goeze], die das Buch verbieten wollte. Goethe selbst war im Gespräch mit Eckermann der Meinung, dass jede Zeit ihren Werther haben wird und gab damit den Weg vor, der zur Befreiung der Interpretationen aus den Fesseln der Intentionen[2] führen kann.

Das Leben / die Welt von uns Menschen besteht aus Realitäten und Narrativen, und man kann sich lange streiten, ob das jeweilige Narrativ der katholischen Weltkirche, des Kommunismus, des nationalbolschewistischen Autoritarismus oder des Internets wirkmächtiger und universalistischer ist. Aber unbestreitbar ist, dass das, was wir für Realität halten, oft das Narrativ ist und umgekehrt. ‚Ein Traum, was sonst?‘[3] Das ganze Leben ist ein Zitat. Der größte Teil der Weisheit sind Sprüche. ‚Wer es fassen kann, fasse es.‘[4] Es bleibt dabei: Kunst ist [erstens] Kinderspiel. Kunst geht [zweitens] nach Geld. Kunst ist [drittens], was überdauert. Diese drei, aber wer ist die größte unter ihnen?   

Kann man sich aus dem herrschenden Narrativ oder aus der realen Umgebung isolieren? Nach der nationalsozialistischen Herrschaft und dem zweiten Weltkrieg hat ein Teil der im Land verbliebenen Künstler für sich den Begriff der ‚inneren Emigration‘ geschaffen und beansprucht. Sie wollten damit sagen, dass es zur Distanzierung nicht nötig ist, außer Landes zu gehen. Ob das auch auf die dissidenten Künstler und Politiker der DDR zutrifft, wird seit 1989 kontrovers diskutiert. Die ‚inneren Emigranten‘ vertraten ein Spektrum vom harmlosen Mitläufer bis zum aktiven und verfolgten Widerständler. Der Wortführer der Emigranten, Thomas Mann[5], verurteilte die ‚innere Emigration‘ scharf und auch ungerecht, diese antwortete mit dem Verdacht des Verrats. Wir dürfen nicht vergessen, dass es noch die Zeit des Nationalismus war: Nationalismus ist etwas für Menschen ohne Ich. Der Begriff der ‚inneren Emigration‘ ist also im zeitlichen Kontext verständlich und allgemein akzeptiert, semantisch ist er eigentlich unsinnig. Aber was ist ‚innere Immigration‘[6]? Es könnte ein von der Verfasserin vorgeschlagener völlig neuer Begriff sein. Dagegen spricht sowohl seine semantische Paradoxie: wohin will der Menschen wandern, wenn er schon innen ist?, als auch der absolut singuläre Gebrauch in diesem fragwürdigen Büchlein. Dessen Titel, die merkwürdige Dichotomie ’Von Zärtlichkeit bis Anklage‘, der umgedreht wenigstens etwas besser wäre, erinnert leider an ein Machwerk sozialistischer Literatur, den Roman ‚Gewalt und Zärtlichkeit‘ von Horst Bastian.  

3

Warum verklärt man eine zurecht untergegangene Realität? Warum trauert man einer ‚Gemeinschaft‘ nach, die keine war, weil es keine gibt. Eine Gemeinschaft ist im besten Fall eine Gruppe von Menschen, die eine einzige Ansicht der Welt erlaubt: ‚ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche‘[7], Volksgemeinschaft, sozialistische Menschengemeinschaft und schließlich die von Ulrich Siegmund in Sachsen-Anhalt angestrebte Gemeinschaft  der neunziger Jahre. Jeder Gruppe wohnt das Schisma inne, schon allein deshalb bleibt jede angestrebte Gemeinschaft Dystopie. Allerdings verspricht die pluralistische Gesellschaft keine platten Erleichterungen. Es ist immer schwer zu akzeptieren, dass andere anders sind. Noch merkwürdiger wird es, wenn der schöne Gedanke der fraternité aus der französischen Revolution von 1789 plötzlich Maxim Gorki als Erfinder zugeordnet wird. Die posthume Fassung der Ode an die Freude von 1808 ist spätestens seit der Vertonung von Beethoven und der Installierung  als Europahymne Gemeingut: alle Menschen werden Brüder. Beinahe noch großartiger, weil auch den sozialen Aspekt betonender, ist die Urfassung von 1785: Bettler werden Fürstenbrüder.

In der merkwürdigerweise gepriesenen sozialistischen Menschengemeinschaft fehlten allerdings ‚schlicht die finanziellen Mittel‘, der Künstler und seine Familie aßen Margarine und Gartenfrüchte, seine Tonmodelle zerbröselten, Jugendliche ‚mit Zerstörungseifer‘ schlugen die angeblich hochgeachtete Kunst ‚kurz und klein‘.

Ausgerechnet das ‚Haus der Kultur und Bildung‘ von Iris Dullin-Grund, einer Schülerin von Selman Selmanagić, das die historische Stadtstruktur irreversibel zerstörte, wird als Höhepunkt der ‚gemeinschaftlichen‘ Kunst gefeiert. Noch krasser wird das in dem als Genossenschaft geplanten, dann aber bald vom Staat vereinnahmten ‚Zentrum Bildende Kunst‘ deutlich. Vielleicht hatte es Gildenhall, Eden, Hellerau, Worpswede oder sogar Monte Verita als Vorbild. Keinesfalls zerbrach es mit dem Ende der DDR, vielmehr löste es sich 2002 von selbst auf. Geführt wurde das Zentrum allerdings von Ruth Crepon, der Ehefrau des Chefs des Neubrandenburger Literaturzentrums und Bezirksvorsitzenden des Schriftstellerverbandes Tom Crepon. Er war nicht nur ein informeller Mitarbeiter der Staatssicherheit, sondern bekannt für seine Intrigen und Bespitzelungen, oft in Zusammenarbeit mit Joachim Wohlgemuth. Das alles war in der Kulturszene der DDR wohlbekannt, aber im Katalog der Ausstellung wird das Zentrum als reiner Hort der Kunst und der Gemeinschaft gefeiert.

4

Ein wahrlich alter Mann zeigt sein beträchtliches und beachtliches Lebenswerk, aber die Laudatorin benutzt überflüssigerweise die Verklärung der DDR, um eine völlig verquere Interpretation des Holzbildwerks von Karl  Rätsch zu präsentieren. Zwar hat der Künstler eine DDR-Bilderbuch-Biografie, aber davon ist hier in der Schlosskirche in Neustrelitz nichts zu sehen. Auch die Titel seiner Werke, vielleicht mit einer Ausnahme[8], sind nicht politisch oder historisch festgelegt. Die Skulpturen bewegen sich zwischen einer Semifiguration und einer Semiabstraktion. Einige erinnern stilistisch vielleicht entfernt an Barlachs Bildsprache. Vielmehr als aus Biografie und Geschichte erklärbar scheinen sie philosophisch inspirierte Essays über menschliche Verhaltensweisen, Ideen, Gefühle und Absichten zu sein. Die Figur ABENDLICHES RESÜMEE sieht sogar autobiografisch aus: ein Denker oder Künstler oder einfach ein Mensch zergrübelt den Tag, die Woche, den Monat, das Jahr. So ist es oft: unsere Absicht war groß, die Wirkung erscheint zu klein, aber die Folgen können wir nicht absehen. Kühle, abstrahierte Frauenkörper erscheinen als die Schatten der Schönheitsideale, die Jahrhunderte galten, sich aber jetzt besinnen: SICH BESINNENDE oder JEDER TAG STELLT NEUE FRAGEN. Wir erschrecken vor einem Alptraum, den wir erwarteten: DER ÜBERFÄLLIGE ALPTRAUM. BRÜDER – WAS TUT IHR MIR AN erinnert mich sofort an die tausendjährige Segregation, die Sortierung und Entwürdigung unserer Brüder aus fernen Ländern, um Arbeitskraft zu potenzieren, übrigens auch in der DDR mit ihrer ‚Gemeinschaft‘. Überhaupt sehen einige Skulpturen wie Afrikaner aus, nichts von alledem hat einen Bezug zur DDR, die ganz umsonst und sinnlos für ein Werk bemüht wurde, das sich selbst erklärt. Sobald ein Kunstwerk aus dem Atelier hinaus in die Welt tritt, zerbröselt zuerst die Intention seines Schöpfers. Selbst in dem Punkt gleicht die Kunst der mosaischen Schöpfungsgeschichte: Gott erschafft die Menschen nach seinem Bilde und ist entsetzt. Aber auch in Rätschs Biografie findet sich dasselbe Gleichnis: er stellt seine Tonmodelle naiv in die Winterwelt und die Kälte zerbröselt die gute Absicht, dann kommen auch noch Jugendliche aus der ‚Menschengemeinschaft‘ und zerstören den Rest. So geht es jedem Wort und Werk: erst kommt das Palimpsest, dann die Entropie, im allerbesten und seltensten Fall liegt dazwischen ein Museum.

Dem Architekten[9] der Neustrelitzer Schlosskirche versank sein und unser Lieblingsbau wie von ihm vorausgesagt im benachbarten Morast. Der Großherzog hatte seinerzeit befohlen, sich über die Naturgesetze zu erheben. Der Architekt erschoss sich deswegen, vielleicht aber auch aus Fatigue, er war ein alter Mann mit einem riesigen Lebenswerk in einem winzigen Land, und aus Trauer über den vorzeitigen Tod seiner geliebten Frau. Die Schlosskirche selbst verlor die vorbestimmte Interpretation als Sakralbau, die Bestimmung als Feudalbau, keine Gläubigen mehr, keine Herzöge, die vor dem Heer zogen, noch nicht einmal mehr Geld, um die Orgel zu reparieren. Nichts bleibt so, wie es beabsichtigt war. Nichts wird wie früher.  Das meiste, das wir über früher denken, ist genauso falsch wie das, was wir über morgen denken und was wir übermorgen denken.

Wer glaubt, den Pfad gefunden oder verloren zu haben, ist sehr wahrscheinlich geblendet. Alle Navigation einschließlich ihrer Geräte, und seien es Automaten, krankt an der niedrigen Erfolgsquote, so wie wir Menschen selbst, die wir uns stets für richtig halten, und fast immer daneben liegen. Wie ein Lottospieler sind wir, der – auch dies nach Schiller – immer nur Nullen zieht. Wir lassen uns durch Narrative blenden, durch Tatsachen, durch Notwendigkeiten, durch Ermüdung und Halluzination, durch Gefolgschaft, Gehorsam und vermeintliche Gemeinschaft, die immer, immer verlogen ist. Über allem steht die Kunst, die keiner Erklärung bedarf, die vom Herzen kommt und zu Herzen geht.

Einen haben wir noch:„…wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz.“[10]   


[1] Mara Maroske, Von Zärtlichkeit bis Anklage. Das Lebenswerk des Bildhauers Karl Rätsch

[2] Invention vor Intention

[3] Heinrich von Kleist, Prinz Friedrich von Homburg, V,11

[4] Matthäus 19,12

[5] ‚Wo ich bin, ist die deutsche Kultur.‘

[6] S. 4ff.

[7] Wilhelm II. 1914

[8] WIR – ZUM HERRENMENSCHEN VERURTEILT

[9] Friedrich Wilhelm Buttel 1796-1869

[10] Psalm 90,9

KARL RÄTSCH, Der geblendete Pfadfinder, 1990

PARTEIEN SIND PAROLEN

1

So wie der Bundeskanzler Merz das Wort Zirkus als Pejorativ benutzt, obwohl wir alle als Kinder viel Freude und Staunen im Zirkus erlebten,  glaubt ein kleines Parteibüro einer kleinen, dennoch ziemlich gotischen Stadt im Nordosten Deutschlands, einen anthropomorphen Begriff vom Moor benutzen zu dürfen, obwohl schon der blutjunge Schiller (18) in seinem ersten Theaterstück die Dinge geraderückte: Der Mensch, der sich navigationslos ins Moor begibt, dem mag es ausweglos und bedrohlich, gar tödlich erscheinen. Wer aber eine Ebene höher zu blicken vermag, der wird merken, dass unsere Urgroßeltern uns vom Moor an den Schuhen kleben. [SCHILLER, Die Räuber IV,2] Moore sind unseren Voreltern ein Gräuel gewesen, einmal wegen der vermeintlichen Ausweglosigkeit, zum andern aber auch als Alternative zur im neunzehnten Jahrhundert erst in den Anfängen steckenden Intensivierung der Landwirtschaft. In der immerhin 100 km² umfassenden Friedländer Großen Wiese scheiterten allerdings nacheinander Hans Graf von Schwerin-Löwitz, der Reichsarbeitsdienst und die Freie Deutsche Jugend. Heute wissen wir, dass aller Landgewinn angesichts der Artenvielfalt  und der Bindung von Kohlendioxid verblasst. Drainierte, also begehbare und nicht ausweglose Moore dagegen setzen Kohlendioxid frei und belasten damit die Atmosphäre und das Klima. Die von Carl von Clausewitz beschriebenen Friktionen, also Reibungen zwischen Plan und Ablauf, sind, da sie prozessual auftreten, nicht mit dem mittelfristig stabilen Moor zu vergleichen. Das Moor taugt wohl nicht als Paraphrase für den Krieg. Die Sprüche in dem Schaufenster bleiben Phrase, Parole, Populismus, pubertäre Prosa. Das Moor ist allemal mehr Lösung, als dass es zur Losung taugt.

Der Krieg ist die Mutter der Marktlücken des Kapitalismus.

Der Krieg ist das ausweglose Moor.

Niemand wird nur wegen seiner Mutter geboren. Um geboren zu werden, benötigt jeder viele Dutzend Gründe. Nichts ist monokausal, weder ein Krieg noch eine Mutter oder eine Marktlücke und auch nicht der Kapitalismus. Selbstverständlich ist es erlaubt und auch möglich, übergeordnete Wahrheiten in kurzen, einfachen Sätzen unterzubringen, aber das gelingt nur sehr selten: all you need is love und schon etwas länger wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.

2

Der berühmte Satz von Heraklit, dass der Krieg der Vater aller Dinge sei, gehört nicht dazu, denn er ist nur kurz in der verkürzten und demzufolge falsch zitierten Weise. Der gesamte Gedanke Heraklits lautet: ‚Der Krieg ist aller Dinge Vater, aller Dinge König, die einen macht er zu Göttern, die anderen zu Menschen, die einen zu Sklaven, die anderen zu Freien.‘ [HERAKLIT, Fragmente B 53] Hieraus kann man leicht erkennen, dass Heraklit nicht von der militärischen Auseinandersetzung, sondern vom Streit und Widerspruch sprach. Die Anspielung des linken Spruchs funktioniert also nur, wenn man falsch zitiert und demzufolge falsch weiterdenkt. Der Krieg allein ist also niemandes Vater oder Mutter, weil schon die Idee einer monokausalen Mutter oder eines monokausalen  Vaters zu verwerfen ist. Noch nicht einmal der Gedanke einer Leihmutter ist sonderlich neu: sie erscheint schon als Abrahams Lösung der Kinderlosigkeit seiner Frau und führt zum ersten Schisma der später abrahamitisch genannten Religionen. [GENESIS 12ff.] Die Rolle des Vaters ist seit jeher fragil und letztlich unentscheidbar, wie auch antike Geschichten und Gestalten, die Dioskuren, bezeugen. Denn selbst der genetisch richtigste Vater kann der tatsächlich falscheste sein und umgekehrt.

3

Marktlücken sind kein Synonym von Mangel, sondern vielmehr dessen Ausgleich. Allerdings verleitet die Marktwirtschaft auch dazu, künstlich geschaffenen Mangel als Marktlücke auszugeben und zu beseitigen: wer braucht wirklich ein Auto, wo doch die meisten Menschen weltweit in urbanen Räumen hausen? Der Krieg schafft also nicht Marktlücken, sondern Mangel. Auch die viel zitierten Profite der Rüstungsindustrie können an diesem Bild nichts ändern, denn mit 12.000.000.000 € (2024) bleibt der Waffenexport, gemessen am deutschen Gesamtexport von 1.560.000.000.000 € (2025) marginal, nämlich unter einem Prozent. Das soll keine Beschönigung sein, es bleibt richtig, den deutschen Waffenexport zu kritisieren, mit Ausnahme vielleicht von dem in die Ukraine.

Die Marktlücken haben selbstverständlich keine gemeinsame Mutter, weder den Krieg noch den Frieden, sie sind vielmehr abhängig vom Stand der Wirtschaft und des Wohlstands. In der Planwirtschaft gibt es regelmäßig sowohl Mangel als auch Marktlücken, weshalb sie zuallermeist als Misswirtschaft empfunden wird. Dafür betrachten wir zwei Beispiele: die von Walther Rathenau organisierte Kriegswirtschaft ab 1915 (‚Kriegsrohstoffabteilung‘), die zum Kohlrübenwinter führte, und die auf Energiemangel und Schulden desorientierte Wirtschaft alter Männer in der Schlussphase der DDR, die zu deren Scheitern führte. Rathenaus tatsächliche Bedeutung liegt in der Entdeckung der Exportwirtschaft als Friedensfaktor, weshalb er von den rechten Gegnern eines dauerhaften Friedens ermordet wurde.

Wenn man unbedingt den Vater oder die Mutter als Metapher missbrauchen will, dann könnte man vielleicht von der Marktlücke als der Mutter der Innovation sprechen.

4

Eine ebenso unerlaubte Verkürzung ist das ständige Gerede vom Kapitalismus. Denn seit Ludwig Erhard und seinen Vorläufern leben wir glücklicherweise in einer hochentwickelten sozialen Marktwirtschaft. Das bedeutet, dass der Staat immer wieder das Marktversagen und damit grobe Ungerechtigkeiten ausgleicht. Das heißt nicht, dass es nicht einen ständigen Kampf um die Tendenzen des Neoliberalismus gibt. Aber letztlich wird die CDU nicht den Sozialstaat, den sie selbst geschaffen hat, beseitigen. Deshalb ist es nicht nur legitim, sondern auch höchst wünschenswert, dass es immer wieder Gruppierungen und Parteien gibt, die Verteidigung und Ausbau des Sozialstaats voranbringen wollen. Absolut aktuell ist hier an den Wohnungsmarkt zu denken, immerhin war der soziale Wohnungsbau eine der vornehmsten Erfindungen der deutschen Sozialdemokratie (Ernst Reuter, Martin Wagner), und seine sichtbaren Ergebnisse sind heute UNESO-Weltkulturerbe. Gerade deshalb muss und kann es links von der SPD Parteien und Gruppierungen geben. Wenn diesen Parteien aber nichts einfällt, als mit ultralinken Parolen einer bitterbösen Vergangenheit Schaufenster der Gegenwart zu verunzieren, dann gereicht das niemandem und niemandin zum Nutzen.

5

Da in dem Fenster noch zwei weitere Spruchplakate befindlich sind, kann man annehmen, dass deren Verursacher irgendwie ihr Unbehagen an dem gegenwärtigen Krieg – vielleicht sogar an drei gegenwärtigen Kriegen – ausdrücken will. Aber der Ukrainekrieg wurde weder von der NATO begonnen noch irgendwie verursacht. Israel wurde von der HAMAS angegriffen und der Irankonflikt, so umstritten und diskursnotwendig er sein mag, hat seine Ursachen in der nach innen und außen menschenverachtenden Politik der verbrecherischen Mullahs.

Statt immer wieder die jeweils gleichen Parolen zu verbreiten, sollten alle Parteien untereinander in einen Innovationswettbewerb um die besten Lösungen treten, der öffentlich auf den Marktplätzen und in den Stadthallen ausgetragen wird.