DIE CHRISTLICHE ERZÄHLUNG

1

Als ich ein kleiner Junge war, lebte ich für zwei Jahre in einem christlichen Kinderheim, das von einer Diakonisse geführt wurde. Das Haus, ein sehr schöner gelber Klinkerbau, war einst von einer reichen Erbin gestiftet worden und hieß ihr zu Ehren Amalienstift. Es war im neunzehnten Jahrhundert für damals so genannte ‚gefallene Mädchen‘ gedacht. Das waren Mädchen, die ein Kind bekommen hatten, ohne verheiratet zu sein. Hundert Jahre später zählte meine Mutter auch dazu, obwohl sie verheiratet war und schon ein Kind hatte. Aber ich war nicht der Sohn ihres Mannes, da galten die Regeln aus dem neunzehnten Jahrhundert weiter, obwohl soeben der Staat und alle Kirchen, bis auf eine Handvoll mutiger Pfarrer, alle Moralgesetze außer Kraft gesetzt und sechs Millionen Menschen, darunter eine Million Kinder, vorsätzlich und heimtückisch ermordet hatten. Also bin ich auch in so einem Heim geboren worden, jetzt aber war ich aus einem trivialen Grund wieder im Heim: meine Großmutter sagte: that’s not my department[1] und meine Mutter hatte keine Lust zuständig zu sein. Es gab in diesem Heim eine Jungengruppe, die von einer – in unseren Augen – alten Jungfer geführt wurde, die mit einer kräftigen und sehr tiefen Altstimme tausend Strophen von tausend Liedern kannte und schallend sang. So zogen wir durch die winzige Altstadt mit Markt, Stadttor, Barockkirche, Fährhafen und ganz vielen, direkt aus der Stadt abgehenden Wegen, die wir alle erwandern mussten. Und Tante Erna sang dazu: GehausmeinHerzkeinschönerLanddasWandernistdesMüllers. Auch zuhause musste ich in den Kindergottesdienst gehen, aber mehr aus dem Grund, dass man etwas Ruhe vor mir haben wollte, denn ich war ein wildes Kind, denn niemand bemerkte meine Introvertiertheit. Später ging ich aus demselben Grund ins Kino und entdeckte meine Liebe zum Film, überhaupt zu Geschichten, die ich aber auch als Stammkunde der Stadtbibliothek las – alles das für jeweils unter einer Ostmark. Das Christentum war mir schon bekannt, aber hier im Kinderheim wurde es intensiv gepflegt: vor und nach dem Essen wurde gebetet: ‚Komm, Herr Yesus, sei unser Gast‘. Morgens mussten wir die erbrochene Milchnudelsuppe wieder aufschlürfen: ‚und segne, was du uns bescheret hast‘. Denn die Milch war gar keine Milch, sondern Milchpulver aus Amerika plus Wasser aus der Leitung: vomiting forbidden. Aber geschlagen oder missbraucht wurden wir nicht. Allerdings gab es eine fast katholisch anmutende Fokussierung auf unsere kleinen Geschlechtsteile, die das Schlechte hießen und von denen sehr oft und sehr abfällig gesprochen wurde. Tante Erna schlief mit der Diakonisse zusammen in der winzigen Abseite eines winzigen Zimmers, das gleichzeitig Büro und Wohnzimmer der beiden war, die ich erst viel später als mein erstes lesbisches Paar zu erkennen glaubte. Die streng separat gehaltenen Mädchen dagegen wurden geführt durch eine ehemalige Insassin, die nun in einem Verschlag schlief, der mitten im Mädchenzimmer aufgebaut war. Sie hieß Tante Lilli. Dann gab es noch eine ältere Frau in der Küche, ich weiß nicht mehr, ob sie auch Tante genannt wurde. Es wurde also gebetet, es wurde täglich der christliche Kalender vorgelesen, wir gingen zur Christenlehre und jeden Sonntag in die Kirche.

Am Karfreitag, es war der neunzehnte April 1957, ein früher Frühling ließ zeitig die Linden erblühen, erzählte der Pfarrer oder die Katechetin ausführlich und mit allen körperlichen Einzelheiten, wie Yesus von den Römern umgebracht wurde. Erst viel später erfuhr ich, woran man stirbt, wenn man, was Gott verhüten möge,  gekreuzigt wird. Damals wurde alles sehr blutig dargestellt, die Geißelung, also die Schläge, die Yesus erhielt, das Tragen der Dornenkrone und des balkenschweren Kreuzes, bis es ihm auf Befehl der römischen Soldaten ‚von einem Mann aus Kyrene‘ abgenommen wurde, das Annageln an Händen und an den gestützten Füßen – all das beschäftigte meine kleine Fantasie. Aber mit meiner Contenance war es zuende, als ein römischer Soldat Yesus die Seite aufschlitzte, um zu sehen, ob er noch lebte. Man kann sich, was ich damals erlebte, so vorstellen wie in Mel Gibsons Film ‚Die Passion Christi‘ von 2004. Ich verlor mein Gleichgewicht, mir wurde schwarz vor Augen, meine Knie knickten ein und ich fiel in eine Ohnmacht. Der Gottesdienst wurde unterbrochen, vom Pfarrhaus wurde das Heim angerufen, von dort kam Tante Lilli mit einem Handwagen. Ich wurde auf den Handwagen geladen, auf dem ich mich so weit erholte, dass ich die Augen öffnete. Vielleicht war es auch der Duft der Lindenblüten, der mir aufhalf. Ich wurde keinesfalls mit Mitleid empfangen, eher mit Verachtung, denn das Ideal eines Mannes war der Soldat, der Russen und Amerikaner aufhält, nicht eine Memme, die bei jedem Toten gleich in Ohnmacht fällt. Vielleicht hätten diese Helden, von denen also auch die Diakonissen schwärmten, ihren Arm oder ihr Bein behalten, wenn sie, statt mächtig zu tun, ohnmächtig geworden wären. Darüber konnte ich dann im Bett nachdenken, und das tue ich bis heute.  

2

Die christliche Erzählung schwankt – wie die moderne Malerei – zwischen plakativer Gegenständlichkeit und ritualisierter Abstraktion. In der Ostergeschichte wird aus dem Kreis der loyalen Anhänger einer geopfert, weil es für den Leser angenehmer ist, wenn es einen Schuldigen gibt. Normalerweise kommt in Erzählungen der Schuldige von außen, hier ist er mitten im Führungszirkel und erhöht damit die Glaubwürdigkeit. Seit zweitausend Jahren wird die Judasfigur, dem Text der Evangelien wortgetreu folgend, gern als Verräter interpretiert, was mit seinem Selbstmord evident zu sein scheint. Dabei ist es möglich, ihn genau umgekehrt zu verstehen: er ist derjenige Jünger, der am meisten glaubt, ja, der sicher ist, dass Yesus Gottes Sohn ist und deshalb nicht von den Römern und den Hohepriestern ermordet werden kann. Er geht davon aus, dass nur die Vorgeschichte grausam, das Ende aber versöhnlich sein wird. Erst als er sieht, dass er sich getäuscht hat, dass Yesus sterblich ist und tatsächlich stirbt, erkennt er diese schreckliche Wendung als seinen Fehler.

Von dem zweiten Fall, der nicht den ‚Verräter‘, sondern den ‚Zweifler‘ zeigt, berichtet die Bibel ein paar Seiten weiter, und der brutalst realistische Maler Caravaggio ein paar Jahrhunderte später. Er, der Jünger, kann nicht glauben, dass der Rabbi, der unter größten Qualen starb, erneut lebt. Caravaggio zeigt vier alte Männer, von denen einer geradezu obszön in die Seitenwunde von Yesus fasst. Der Maler, der in seinem Leben selbst mit Grausamkeiten konfrontiert war, wird zum besten Zeugen. Kunst ersetzt Religion. Viele Apologeten nehmen jedoch an, dass Kunst einfach die Propagandistin der Religion ist. Sie werden in den ‚modern times[2]‘ tief enttäuscht.    

Die Auferstehung wird nicht als Metapher oder als Vision gedeutet, sondern als Tatsache und eigentlicher Gründungsmythos des Christentums. Damit wird die Kraft der Worte von vornherein abgeschwächt und das Augenmerk auf die Wunder der Auferstehung und der Himmelfahrt gelegt. Dreihundert Jahre später, im Konzil von Nicäa, wird Yesus durch die Einführung der Trinität einerseits endgültig zu Gottes Sohn erhoben, andererseits aber durch die Dreiteilung oder die Hinzufügung eines Dritten, des Heiligen Geistes, als Großprophet abgewertet. Die andern beiden monotheistischen Religionen haben tatsächlich nur den einen, selben Gott, der durch einen Propheten verkündet wurde. Dabei ist wieder die Rolle Mohammeds gegenüber Moses ins Ungeheure verstärkt. Moses ist durch seine nebulöse Herkunft und durch sein Stottern menschlicher, Mohammed durch seinen permanenten Aufruf zum Jihad, einem rein geistlichen Kampf, gottnäher. Warum haben sich die Gründungsväter des Christentums gescheut, Yesus als das darzustellen, das er aller Wahrscheinlichkeit nach war, wenn er war: ein Prophet, und zwar ein ziemlich bedeutender? Erst mit großem Abstand folgen Salomon und David, Hiob, Nathan, Jeremia, Jesaja, Mohammed und alle anderen, weitaus kleineren. Die Qualen des grausamen Todes, die übrigens nicht nur Yesus erleiden musste, sondern zehntausende Opfer der römischen Herrscher, mussten durch eine absurde Erklärung erträglicher gemacht werden: er hat sie erduldet (‚Lamm Gottes‘), um der Welt, uns nachgeborenen und wahrscheinlich auch den vorgeborenen, die Sünden und Schmerzen abzunehmen. Dies ist wahrscheinlich der Kern der christlichen Moral: mach, was du willst, wenn du glaubst, wird dir alles verziehen. Und das kritisiert schon Nietzsche mit seinem berühmten, noch heute die Theologen irritierenden Satz, denn er enthält ein unleugbares Wortspiel: Gott ist tot[3]. Nietzsche kritisiert – im Gegenteil – gerade das Abhandenkommen der christlichen Moral. Dem berühmten Buch als Motto vorangestellt ist der schöne Satz von Ralph Waldo Emerson: ‚Dem Dichter und Weisen sind alle Dinge befreundet und geweiht, alle Erlebnisse nützlich, alle Menschen göttlich.‘[4]

Auch die Weihnachtsgeschichte lässt zu wünschen übrig. Sie erzählt nicht einfach von einem fragilen Wesen, das später ein großer Prophet werden sollte, sondern von einer Jungfrauengeburt, einem nichtswürdigen Geburtsort, aber dann von Scharen von Engeln, Hirten und Königen. Der Knabenmord des Herodes ist wohl einigermaßen historisch abgesichert, spielt in der christlichen Erzählung aber keine große Rolle. Gott hat, so die Bibel, die Familie auf ihrer Flucht nach Ägypten beschützt. Aber was haben die Flucht und das versteckte Leben mit den Eltern des Kindes und mit dem Kind selbst gemacht? Flucht und Migration sind Themen, die uns Menschen seit der alttestamentarischen Antike bis in die heutige Politik beschäftigen. Aber ein so fundamentales Ereignis bleibt Episode, wenn nicht gar nur Anekdote. Lieber befasste sich die offizielle Theologie mit der Frage, ob nicht auch schon Maria ohne Erbsünde geboren sein muss. Hätte der schreckliche Papst Pius IX. sein unendlich langes Wirken mit diesem Problem genug sein lassen, müsste er heute nicht so verachtet werden. Tatsächlich hat er aber das Dogma von der Unfehlbarkeit der päpstlichen Lehrentscheidungen gegen den Widerstand von immerhin sechzig Bischöfen durchgesetzt, die, um nicht mit sich selbst in Widerspruch zu geraten, vor der Abstimmung den Saal und wohl auch Rom überhaupt verließen. Damit wollte er gegen alle neuen Gedanken, die er als dem Glauben gegenüber feindlich empfand, vorgehen. Aber damit nicht genug hat er auch verfügt, dass der illegal durch eine oberfromme Bedienstete getaufte Knabe[5] seinen jüdischen Eltern weggenommen wurde: die Erzählung war wichtiger als der Mensch. Schon die damalige liberale Presse bezeichnete dieses Vorgehen der selbst ernannten Christen als ‚barbarisch‘ und ‚menschenverachtend‘ sowie als ‚Beleidigung für die Zivilisation‘. Aber Pius beharrte: Wer es nicht mitmacht, wird exkommuniziert, und schuf damit einen der Leitsätze jedes Autokraten.

Ebenso weiß heute kaum noch jemand, was ‚Himmelfahrt‘ bedeuten soll, zumal sie auch Mohamed erlebte. Ist Pfingsten die Umkehrung des Turmbaus zu Babel? Aber die derzeitige Annäherung der Menschen verschiedener Sprachen (Globalisierung) geschieht ganz ohne die christliche Erzählung. Es ist also nicht die Säkularisierung schuld am Zerfall der christlichen Strukturen, sondern deren mangelnde Resilienz. Die christliche Erzählung wird nicht mehr als evident wahrgenommen. Aber fahren wir nicht alle zum ewigen Frieden auf? Wenn Yesus Gottes Sohn ist: sind wir nicht alle Kinder Gottes? Wo früher ein Etikett ausreichte, bedarf es heute der ausführlichen Erörterung.

Es ist die Hybris des Gründungswahns, der die Kirchenväter die große Chance missdeuten ließ, die Yesus als reiner, aber größter Prophet bedeutet hätte. Sie konnten nicht voraussehen, dass einst auch alle Christen lesen können werden und dass dann alle Fragen immer wieder diskutiert werden, so wie im Judentum, so nach dem Beginn der Aufklärung. Die Gottesnähe oder sogar Gottesgleichheit hat ein starres Regelwerk hervorgebracht, das von einer winzigen elitären Minderheit bewacht wird und das nicht diskutiert werden kann, weil Gott nicht direkt antwortet. Alles, was als nicht veränderbar oder nicht diskutierbar erscheinen soll, wird als Gottes Wille dargestellt, den zu erkennen es gewisser Weihen bedarf. Allerdings entziehen sich immer mehr Menschen dieser Weihe. Der Hauptgrund dafür ist ökonomischer Art: um studieren zu können, muss man heute, selbst wenn man arm ist, nicht auf sein gesamtes zukünftiges privates Leben verzichten. Zweitens ist der Zölibat, von Europa ausgehend, aus dem er kam, nicht mehr evident und wird als zu großes und überflüssiges Opfer verstanden. Nicht zu vernachlässigen ist auch die undemokratische, hierarchische Struktur jeder, aber besonders der katholischen Kirche, die vielen Menschen immer unerträglicher wird. Aber auch der Glauben selbst hat sich verschoben. Lag früher in der rituellen und liturgischen Wiederholung der Trost, so wird er heute in einem eher rationalen Verweis auf die Transzendenz der Dinge und Gedanken vermutet. Das würde auch erklären, warum so viele Menschen in Europa dem organisierten Glauben den Rücken kehren. In der Abstraktionstrias Kunst-Philosophie-Religion hat sich der Fokus eindeutig zur Kunst verschoben. Es gab noch nie ein Zeitalter, in dem so viele Geschichten und so viel Musik konsumiert wurde. Überhaupt wird heute mehr konsumiert als produziert, weil jedes Produkt tausend und abertausend Mal kopiert werden kann. Es gibt so viele Menschen, wie noch nie, aber davon sind nur noch etwa zehn Prozent arm und analphabetisch. In der Wahrnehmung der katholischen Kirche, als der größten organisierten Glaubensgemeinschaft, gibt es eigentlich nur Katholiken, die sich in Wissende und Laien teilen. Tatsächlich sind aber nur ein gutes Viertel der Menschen Christen, ein knappes Fünftel (1,4×109) Katholiken. Der jährliche gut einprozentige Zuwachs entsteht nur außerhalb Europas und ausschließlich durch Geburt, nicht durch Mission oder gar innere Überzeugungskraft. Die innere Überzeugungskraft geht immer mehr verloren, je diverser die Welt wird. Im Internet gibt es fast nichts, was es nicht gibt. Das ‚fast‘ bedeutet nichts anderes, als dass letztlich alle Dinge Prozesse sind, und alle Prozesse sind asymptotisch. Natürlich gibt es eine ‚Auferstehung‘ und ein ‚ewiges Leben‘, und nicht nur, indem wir als Morast an den Stiefeln unserer Enkel kleben[6]. Wir kleben auch als Vorurteil in den Hirnen unserer Urenkel, als Familiengründer in den Genealogien und als Schutzengel im Leben unserer Schutzbefohlenen.

3

Ich bin nach einigen Querelen und auch mit einer gehörigen Portion Opportunismus aus der Kirche, es war nicht die katholische, ausgetreten. Das war nicht wirklich überlegt, aber ich habe seither noch keinen Grund gefunden, wieder einzutreten. Und das ist schlimm, aber nicht für mich. Trotzdem kam spät, spät ein Schlüsselerlebnis, das mich wieder mit dem organisierten Glauben versöhnt hat.

Es war am achten September 2018 in einer Neubaukirche in Berlin, vor uns die riesigen Plattenbauten, die so typisch für die DDR sind, hinter uns eine Einfamilienhaus-Siedlung, die es in vierzig Jahren ihrer Existenz nicht geschafft hat, ihre Straßen mit Namen zu versehen. Ich saß ziemlich in der letzten Reihe mit dem freundlichen katholischen Priester, der seine Kirche der koptischen Tewahedo-Gemeinde zur Verfügung gestellt hatte. Dieser Gottesdienst musste vor dem eigentlichen, katholischen, also sehr früh stattfinden. Wir redeten über die Taufe, über die unsäglichen Maurertuppen[7], in die die Babys getaucht wurden, über Gott und die Welt. Plötzlich stellte sich heraus, dass der Pate noch nicht da war. Ich wurde also gebeten, draußen nach ihm Ausschau zu halten. Ich ging auf die hybride Straße, da Einfamilienidylle, dort Plattenbauten, in der DDR auch Arbeiterschließfächer genannt. Da es Sonntag und vor 7.00 Uhr war, war die Straße menschenleer, fast gespenstisch, denn Berlin hat vier Millionen Einwohner. Plötzlich kam eine Gruppe von über fünfzig Äthiopiern vom S-Bahnhof. Alle grüßten mich, einige umarmten mich, der Pate war schnell herausgefunden. Die Taufe konnte vollzogen, der Taufpate benannt und beauftragt werden.  Ein Chor mit Trommeln trat auf, alle hatten festliche rituelle Kleidung an. Frauen und Männer saßen getrennt, aber die Kinder liefen herum. Die Priester und ihre Helfer instruierten die Mütter und die Paten. Nach dem sehr langen Gottesdienst wurde auf dem Hof der Kirche das frisch gebackene Brot – himbasha – gebrochen, wie es in der Bibel heißt und rituell gegessen. Sieben Babys waren in die Menschengemeinschaft aufgenommen worden.

Und seither, seit ich in die leuchtend großen Babyaugen gesehen habe, habe ich die große Freude und Ehre, dieses Kind zu begleiten, ihm die Welt, die Kleinstadt und die Sprache zu zeigen. Das ist mein Weihnachten: for unto us a child is born, unto us a son is given, and the government shall be upon his shoulder[8]. Und ich verstehe nicht, warum es keine Kirche gibt, die das erkannt hat: jedes Kind ist ein Wunder, jedes Kind ist ein Universum, jedes Kind ist unsere Zukunft und unser ewiges Leben.   


[1] Tom LEHRER (1928-2025) in seinem legendären Song  über Wernher von Braun: Once the rockets are up, who cares where they come down?

[2] Film von Charly CHAPLIN

[3] NIETZSCHE, Fröhliche Wissenschaft, Kritische Studienausgabe, Bd. 3, S. 573

[4] ebenda, S. 343

[5] Edgardo Mortara

[6] SCHILLER, Die Räuber

[7] großes Weichplastikgefäß zum Anrühren von Mörtel

[8] Jeasaja 95, Handel, Messiah, Nr.12

SONY DSC

DIE BRÜCKE ZUM GLÜCK

SONY DSC

Ob chat gpt die Brücke zum Glück ist oder werden kann, weiß niemand, eher nicht, aber ein Zufall des Lebens brachte mich darauf, die künstliche Intelligenz zu testen. Ein ehemaliger Kollege und jetziger Freund bat mich, die Erinnerungen verschiedener Menschen an einen Verstorbenen zu einem Nachruf zu bündeln. Das ist keine angenehme Pflicht, wenn man den Toten zwar schätzte, aber gar nicht sehr gut kannte. Also gab ich alle Daten ein und ließ den Automaten arbeiten. Um aber zu überprüfen, wie ernst die Textverarbeitung durch KI ist, habe ich anschließend ein Gedicht von mir zur Analyse eingegeben. Jetzt kann jeder selbst urteilen.

Das alles geschieht zur Erinnerung an Joseph Weizenbaum, den ich um das Jahr 2000 durch Ostberlin schlurfen sah, was ich nicht glauben konnte. Er ist als Professor am MIT der erste gewesen, der ein echtes Dialogprogramm für ein Gespräch mit einem Computer programmiert hat. Es hieß ELIZA nach der sprechunwilligen Hauptfigur aus dem Musical My Fair Lady, die ihren Cockney-Dialekt ablegen und stattdessen wie eine Herzogin sprechen soll. Weizenbaum floh mit seinen Eltern und Geschwistern vor den Nazis in die USA, wurde dort bedeutend und berühmt, kam aber als alter Mann zurück nach Berlin.

sırât oder die brücke zum glück

die brücke zum guten ist schmal wie ein haar

die wege sind lang ach die steine zu tragen

die worte zu schwer um die fragen zu fragen

und heute vergessen was gestern gut war

es fallen die steine das siebzigste jahr

und unmut gefällt uns beim überlang zagen

fällt schnee oder schneid all das böse zu wagen

wenn wässer verfallen ist untat nicht rar

es lähmt dich die sucht nach der glänzenden glut 

du bist nicht geboren zu warten zu warten

geh in dich und lauf gegen fäulnis und flut

du glaubst dich allein: in dir hämmert doch blut

die brücke führt grade in wildgrünen garten

getan ist was du tust nicht was man dir tut

Das Gedicht „sırât oder die brücke zum glück“ wirkt wie ein mahnender, existenzieller und zugleich ermutigender Text. Es spricht davon, dass der Weg zum Guten, zum Glück oder zur Erlösung schwierig, schmal und mühsam ist, aber dennoch aktiv gegangen werden muss. Im Zentrum steht die Aufforderung, nicht passiv zu warten, sondern selbst zu handeln.

Inhalt und Deutung

Schon der Titel ist vieldeutig. „Sırât“ verweist auf die Vorstellung einer schmalen Brücke, die in religiösen Traditionen mit Prüfung, Gericht und dem Übergang zum Heil verbunden ist. Die Ergänzung „die brücke zum glück“ weitet dieses Bild: Es geht nicht nur um religiöse Erlösung, sondern allgemein um den Weg zu einem guten, erfüllten Leben.

Die erste Zeile, „die brücke zum guten ist schmal wie ein haar“, zeigt direkt, wie schwierig dieser Weg ist. Das Bild des Haares macht die Brücke extrem schmal und unsicher. Der Weg zum Guten ist also kein bequemer oder einfacher Weg, sondern einer, der Konzentration, Mut und Standhaftigkeit verlangt.

Danach beschreibt das Gedicht die Hindernisse dieses Weges. In den Versen „die wege sind lang ach die steine zu tragen / die worte zu schwer um die fragen zu fragen“ erscheinen die Lasten des Lebens als beschwerlich. Die Steine können für Sorgen, Schuld, Erfahrungen oder Pflichten stehen. Auch die Worte sind „zu schwer“: Das deutet darauf hin, dass selbst das Aussprechen von Fragen, Zweifeln oder Schmerzen schwerfällt. Hier wird menschliche Überforderung sichtbar.

Mit „und heute vergessen was gestern gut war“ spricht das Gedicht die Vergänglichkeit und Undankbarkeit des Menschen an. Gutes wird schnell übersehen oder vergessen. Die Zeile „es fallen die steine das siebzigste jahr“ lässt sich als Hinweis auf das Alter lesen: Mit den Jahren sammeln sich Erfahrungen, Belastungen und Verluste, vielleicht fallen aber auch die getragenen Lasten irgendwann ab. Das Bild bleibt bewusst offen.

Krisenerfahrung und Gesellschaftskritik

In den folgenden Zeilen wird die Stimmung düsterer: „und unmut gefällt uns beim überlang zagen“ kritisiert ein Verhalten des Zauderns und der Unzufriedenheit. Das lyrische Sprechen scheint zu sagen, dass Menschen sich mit ihrem Klagen fast eingerichtet haben. Statt entschlossen zu handeln, verharren sie in Unmut.

Auch die Verse „fällt schnee oder schneid all das böse zu wagen / wenn wässer verfallen ist untat nicht rar“ verstärken den Eindruck einer gefährdeten Welt. Naturbilder wie Schnee, Schneid und Wässer erzeugen eine kalte, raue Atmosphäre. Gleichzeitig klingt an, dass in einer zerfallenden Welt auch moralisches Fehlverhalten zunimmt. „Untat“ ist nicht selten, sondern allgegenwärtig. Das Gedicht verbindet also innere Krise und gesellschaftliche Verrohung.

Appell zur Selbstüberwindung

Besonders deutlich wird der Appell im letzten Drittel des Gedichts: „es lähmt dich die sucht nach der glänzenden glut“. Hier wird die Gefahr einer verführerischen, aber zerstörerischen Sehnsucht beschrieben. Die „glänzende Glut“ kann für Konsum, Eitelkeit, Macht, Leidenschaft oder andere Verlockungen stehen, die zwar leuchten, letztlich aber lähmen. Das ist ein starkes Paradox: Was glänzt, wirkt attraktiv, macht aber unfrei.

Direkt darauf folgt die zentrale Aufforderung: „du bist nicht geboren zu warten zu warten“. Die Wiederholung verstärkt die Kritik an Passivität. Der Mensch soll nicht bloß ausharren, sondern sein Leben selbst gestalten. Diese Aussage wird im nächsten Vers noch verstärkt: „geh in dich und lauf gegen fäulnis und flut“. „In dich gehen“ meint Selbstprüfung und innere Sammlung, während das „Laufen gegen Fäulnis und Flut“ Widerstand gegen Zerfall, Verderben und Übermacht ausdrückt. Das Gedicht fordert also sowohl Selbsterkenntnis als auch aktiven Widerstand.

Hoffnung und Schlussaussage

Trotz aller Düsternis endet das Gedicht hoffnungsvoll. In „du glaubst dich allein: in dir hämmert doch blut“ wird dem Gefühl der Einsamkeit widersprochen. Das Bild des hämmernden Blutes verweist auf Lebenskraft, Mut und inneren Antrieb. Der Mensch trägt also die Kraft zum Weitergehen bereits in sich.

Die vorletzte Zeile, „die brücke führt grade in wildgrünen garten“, ist ein starkes Hoffnungsbild. Nach der schmalen, gefährlichen Brücke steht am Ende nicht Leere, sondern ein „wildgrüner Garten“. Dieser Garten kann für Glück, Leben, Freiheit, Erlösung oder eine versöhnte Zukunft stehen. Das Adjektiv „wildgrün“ verbindet Lebendigkeit mit Natürlichkeit und Ungezähmtheit: Das Ziel ist nicht sterile Perfektion, sondern erfülltes, lebendiges Dasein.

Die Schlusszeile „getan ist was du tust nicht was man dir tut“ fasst die Aussage des Gedichts prägnant zusammen. Entscheidend ist nicht, was einem widerfährt, sondern was man selbst tut. Damit endet das Gedicht mit einer klaren Ethik der Verantwortung, Selbstbestimmung und Tatkraft.

Form und Sprache

Sprachlich fällt auf, dass das Gedicht ohne Großschreibung und fast ohne Satzzeichen geschrieben ist. Dadurch wirkt es dicht, fließend und eindringlich. Der Lesende muss die Sinnabschnitte selbst erschließen, was gut zur Thematik des Suchens und Ringens passt.

Die Sprache ist bildhaft und symbolisch. Wichtige Metaphern sind:

  • Brücke: Übergang, Prüfung, Weg zum Guten oder Glück
  • Steine: Lasten, Mühen, Lebenserfahrungen
  • Glut: Verführung, Sehnsucht, zerstörerische Begierde
  • Fäulnis und Flut: moralischer und existenzieller Zerfall
  • wildgrüner Garten: Hoffnung, Leben, Ziel, Erlösung

Auffällig sind auch die vielen Alliterationen und Klangwirkungen, etwa in „fäulnis und flut“ oder „wildgrünen garten“. Die Wiederholung in „warten zu warten“ unterstreicht die Erstarrung, gegen die sich das Gedicht wendet.

Fazit

Das Gedicht beschreibt das Leben als einen schweren Gang über eine schmale Brücke. Dieser Weg ist geprägt von Last, Versuchung, Verfall und Zweifel. Gleichzeitig ruft der Text dazu auf, nicht in Klage und Passivität stecken zu bleiben, sondern sich selbst zu prüfen, dem Bösen zu widerstehen und aktiv das Gute zu suchen. Die Kernaussage lautet: Der Mensch erreicht Glück oder Sinn nicht durch bloßes Erdulden, sondern durch eigenes Handeln.