TRANSIT IN EBERSWALDE

Am schwersten ist es beim Schreiben, die Beweglichkeit der Welt und der Menschen einzufangen. Leichter ist es, die Welt so zu beschreiben, als wäre sie ein Gemälde von Pieter Brueghel. Diese bewegliche Beschreibung nannte Michail Bachtin den polyphonen Roman und in diesem Roman tritt jedes Wort in Dialog mit dem Leser. Bachtin wurde von Stalin verbannt und schrieb als Buchhalter und später deklassierter Lehrer an einem Lehrerbildungsinstitut seine bahnbrechenden Werke. Sein Schicksal und seine Bedeutung sind gut mit Lew Theremin vergleichbar, der sogar in ein GULAG verbannt wurde.

In brennender Hitze bietet eine im Innern dunkle neogotische Kirche Trost und Erfrischung, die sogar – wie sich gleich zeigen wird – in Erbauung überführt werden kann. Eberswalde ist die einzige städtische Siedlung in Preußen, in die im achtzehnten Jahrhundert Schweizer Religions- und Wirtschaftsflüchtlinge gelangten. Die meisten bevorzugten Dörfer, wie zum Beispiel Linow bei Rheinsberg (‚Ruppiner Schweiz‘) oder Nattwerder, heute ein Stadtteil von Potsdam. Eine der Linower ähnliche Fachwerkkirche mag am Eberswalder Markt gestanden haben. Sie wurde baufällig und im letzten Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts durch einen bemerkenswerten Neubau ersetzt. Zwar wurde der Entwurf des Wettbewerbssiegers nicht verwirklicht, er stammte von dem Schöpfer der Hartungschen Säulen, die in Berlin Verkehrsgeschichte geschrieben hatten, aber die gebaute Kirche ist heute dennoch ein, wenn auch makelhaftes, Kleinod. Denn sie wurde im zweiten und letzten Weltkrieg hart getroffen. Die Antifa-Jugend führt deshalb an einer Mauer in der Eisenbahnstraße einen Graffito-Kampf gegen die Fa-Jugend: wurde Eberswalde wie Anklam und viel früher Freiburg im Breisgau durch die Nazi-Luftwaffe oder durch allied Aliens zerstört? Heute, nach gelungener Wiederaufbauarbeit, stellt sich allerdings auf der Website der Kirchengemeinde die Frage nach der Zukunft. Die wenigen Beter benötigen in der Innenstadt noch nicht einmal eine, geschweige denn zwei große und schöne Kirchen.

In der Kirche befinden sich äußerst freundliche Einladungen zum Verweilen, auf denen mehrfach betont wird, dass man nicht verpflichtet ist zu spenden oder sich taufen zu lassen. Auch die Adresse der Wiedereintrittsstelle fehlt dankenswerterweise. Stattdessen hört man leise Musik, die sich zunächst wie ein einzelnes und auch einstimmig gespieltes Orgelregister anhört. Aber von der architektonisch interessanten Eule-Orgel auf der Empore kann die Musik nicht kommen. Da immer noch der dunkle Kirchenraum dominiert, verzögert sich die Analyse der mysteriösen Musik. Sie könnte von einem Theremin stammen, dem ersten elektronischen Musikinstrument, lange vor der Hammond-Orgel. Zusammen mit seinem Erfinder war es lange verschollen und vergessen. Nun klingt es wie ein klagend verflötetes Flageolettcello und ganz entfernt auch nach einer frühen Hammond-Orgel. Auf dem Büchertisch liegt, passend zur Herkunft der Kirche, Anna Seghers‘ Roman TRANSIT. Wer zu lesen beginnt oder sogar bis zuende liest, wird höchst erstaunt sein über die Aktualität eines über achtzig Jahre alten Buches:

„Und selbst wenn von diesen Unzuständigen einige sich bis hierher gerettet hatten, an Leib und Seele noch blutend, sich in dieses Haus hier doch noch geflüchtet hatten, was konnte es einem Riesenvolk schaden, wenn einige dieser geretteten Seelen zu ihm stießen, würdig, halbwürdig, unwürdig, was konnte es einem großen Volk schaden?“

Der Roman beschreibt in geradezu filigranen Winkelzügen die immer wieder verhinderte Abfahrt nicht nur des namenlosen Protagonisten, sondern ganzer Heerscharen ungeduldig Wartender. Die Bürokratie, einst geschaffen, um die eigenen Leute zu schützen, erweist sich als die größte Hürde bei der Rettung von Menschen. Im Altarraum tauchen nun plötzlich Inge Keller und Jürgen Holtz auf, zwei gendervertauschte Uraltgreise, die das sechsundsechzigste Sonett von Shakespeare tänzeln:

„…und hohles nichts nur hochgezoomte tollerei / und reinste treue ohne glück in schwur und zwist / und goldne ehre ganz beschämend deplatziert / und mädchentugend hingeworfen zum verhuren / und rechte perfektion als schaden vorgeführt / und kraft springt hinkend aus den guten spuren / und kunst wird mundtot durch autorität / und die gelehrte narrheit kontrolliert den sinn / und simple wahrheit ist zur dummheit umgedreht / und güte vom bösen boss gefesselt als verbrecherin…“

Das sind zehn böse Unds, von denen so viele glauben, dass sie erst in der neuesten Neuzeit gälten. Davon handelt der Roman. Er gibt detailliert Auskunft über menschliches und unmenschliches Verhalten an einem Staudamm der Gefühle. So viele Menschen fliehen vor dem Bösen und landen in der Dummheit oder Verbohrtheit. Dabei ist es gleichgültig, wovor man flieht, denn der Fliehende hat abgeschlossen mit seiner Vergangenheit, die er nur mit seinem Gesicht mit sich durch die Welt trägt. Erst jetzt erschließt sich: das Buch stammt von der ersten Dichterin der bürokratischen Diktatur des Proletariats. Honecker, so könnte man denken, schaltet seine aus Westberlin importierten Pornofilme auf Pause und liest dieses Buch. Es ist unvorstellbar. Sie, die Dichterin, kam fünf Jahre vor ihrem Mann aus dem mexikanischen Exil und reihte sich ein in die erzwungene Arbeitereinheitsfront, besah sich Schauprozesse gegen ihre Freunde, schwieg zu Ausbürgerungen und Zuchthausstrafen und genoss ihren Ruhm. Sie war neben dem frühverstorbenen Brecht die einzige Weltliteratur in unserem kleinen verfluchten Land, mit immerhin drei Büchern, von denen im Osten nur Das siebte Kreuz Kult war, und das auch nur in der Anfangszeit. Am Ende ihres Lebens, das ihr wie ein Wartesaal in Marseille vorkam, soll sie nur noch betrunken gewesen sein. Aber vielleicht ist das auch nur ein böswilliges Gericht.

PALIMPSEST IST DAS SCHICKSAL ALLER BOTSCHAFTEN.

Ein polyphones Gewirr von Bleibenden und Fliehenden, die sich untereinander und gegenseitig behindern, verspotten, betäuben und helfen. Die Geschichte ist ganz und gar unideologisch. Kommunisten spielen in ihr eine geringere Rolle als etwa die Frau, die zwei Doggen in Pflege nimmt und dafür ein Einreisevisum erhält. Der mexikanische Konsul, den es wirklich gegeben hat, kommt öfter vor als alle Nazis und spanischen und italienischen Faschisten zusammen. Und obwohl das zum Zeitpunkt der Niederschrift und der größten Rezeption gar nicht absehbar war, kann man heute sagen: und so ist es auch. Der gutwillige Konsul ist der Pate des Europas geworden, von dem die damaligen Flüchtlinge träumten. Aber Europa konnte erst gut werden, nachdem Millionen Menschen flohen, ermordet wurden und Krieg führten, nachdem im kalten Krieg das alles noch einmal, aber eher theoretisch durchgespielt wurde, wenn auch eine Mauer zu Flucht und Jagd und Ermordung verleitete.

„…Vergangenheit und Zukunft, einander gleich und ebenbürtig an Undurchsichtigkeit, und auch an den Zustand, den man auf Konsulaten Transit nennt und in der gewöhnlichen Sprache Gegenwart…“

Der heiße Tag ging zuende. Leider spielte niemand auf der schönen Orgel oder auf dem Theremin ‚Abend wird es wieder‘ oder ‚Der Mond ist aufgegangen‘. Stattdessen schob sich durch die quietschende Nordpforte ein kranker Nachbar aus dem Lied und aus der Stadt in die dunkle Kirche, die nur durch ihre Freundlichkeit erhellt war. In Wirklichkeit aber kam er aus dem Transit, das in seinem Land መተላለፊያ hieß.  

Er war in dem Krisenjahr 2015 über das Mittelmeer zu uns gekommen und der Fahrschullehrer mit der schmutzigen Schaufensterscheibe hätte nur das Buch lesen müssen, das in der Kirche der Schweizer Migranten ausliegt. Aber lag es damals schon aus? Oder liegt es erst aus, seitdem die neuen Migranten kamen? Er hätte es, wann auch immer, lesen können: „…was konnte es einem Riesenvolk schaden, wenn einige dieser geretteten Seelen zu ihm stießen, würdig, halbwürdig, unwürdig, was konnte es einem großen Volk schaden?“  Der Junge war also durch den höllenheißen Sudan gekommen, das ging noch, durch Libyen, das war die Hölle, auf einer Schaluppe über das Mittelmeer, dort lag er fast die ganze Zeit auf dem Boden, weil er der kleinste war, dann von der italienischen Polizei mit Latexhandschuhen hart angefasst, dann durch Italien, in Mailand hat ihm eine Dame ein Frühstück in ihrer Wohnung gemacht, in Paris gab es eine Frühstücksstube kostenlos, in Aachen stand ein mürrischer alter Mann bereit, der ihn in sein Auto lud, damit er sich ordentlich bei der Polizei melden konnte, dann kam er nach dem unaussprechlichen und unsäglichen Eisenhüttenstadt, wo sie keine Flüchtlinge mochten, obwohl so viele Wohnungen leerstanden und auf den Spielplätzen nur Hunde kackten und keine Kinder spielten, dann lernte er Deutsch, dann bekam er sein erstes Praktikum, seine erste Arbeit, wurde wegen Corona gefeuert, sie feuern immer die schwächsten zuerst, hire and fire only the poorest, dann bekam er eine gute Arbeit, er ist aber auch sehr fleißig und sehr freundlich. Nun ging er daran, seinen zweiten Traum zu erfüllen. Der erste Traum war eine kleine Wohnung, die hatte er als WG, zusammen mit seinem Freund in einer winzigen Zweiraummansarde, die Möbel stammten von einem alten Mann, der einsam im Pflegeheim gestorben war, dessen entfernte Verwandten aus dem noch entfernteren Schwerin hatten im Kaufland annonciert: Möbel zu verschenken und eine Gitarre. Und der zweite Traum war die Fahrschule. Auch hier ging zunächst alles gut. Er bestand auf Anhieb die Theorie, fuhr leidlich gut, gut, alles verstand er dann doch nicht, es dauerte etwas länger, aber seine Freunde erzählten ihm, dass es bei ihnen auch so war. Doch dann häuften sich die Beschimpfungen des Fahrschullehrers mit der schmutzigen Schaufensterscheibe. Seine Tiraden wurden so schmutzig und gottverlassen wie sein Schaufenster. Jedenfalls kündigte der Junge, nachdem er so viel Geld bezahlt hatte. Der Fahrschulbesitzer mit der schmutzigen Scheibe und Seele verhinderte aber ein halbes Jahr lang, dass der Junge, der inzwischen ein junger Mann geworden war, sich in einer neuen Fahrschule anmelden konnte, indem er ihm seine Unterlagen, den Nachweis, dass er gefahren war, vorenthielt. Und der Grund war vielleicht gar nicht einmal, dass er ihm schaden oder sich rächen wollte. Der Grund war vielleicht, dass die Kladde, die Unterlagen, mit der Hand geschmiert, von Schmalzstullen besudelt, gar zu unordentlich für einen deutschen Fahrschullehrer waren, der noch dazu eine stadtbekannte schmutzige Schaufensterscheibe hatte.

Stand das nicht alles schon in dem Buch? Stand da nicht, dass das Leben wie eine Flucht ist, die Gegenwart ein Transit zwischen Vergangenheit und Zukunft? Und dass Transit ein Auf und Ab, eine ewige Sinuskurve, ein Kreuz ist, das du tragen musst?

Eigentlich ist die dunkle Kirche der einstigen Schweizer Migranten, die längst vergessen und verwest sind, auch ein Transitraum, für jene zumindest, die daran glauben, dass es irgendwie weitergeht. Und, sagte der weitgereiste junge Mann, irgendwie muss es weitergehen, schön, dass wir sprechen konnten und dass es einen so schönen Raum zum Sprechen gab.  

Eberswalde 13.7.2021  

DAS ÜBERSCHÄTZTE BÖSE

Das sogenannte Böse, schrieb schon Konrad Lorenz, wird nicht nur in dem Sinne überschätzt, als es tautologisch für eine eigenständige Kraft gehalten wird, was er mit dem Wort Automobilkraft vergleicht. Das Böse wird auch in seiner Wirkung maßlos überschätzt. Wenn die Absichtserklärung des Bösen die Zerstörung des Gesamtsystems war, dann ist die Wirkung gleich Null.

Als Graf Stauffenberg vergeblich versuchte, Hitler mit einer Bombe zu töten, drohte dieser unter anderem mit einer wörtlichen Blutrache, er werde, schrie er, die Sippen dieser Verräter auslöschen. Tatsächlich wurde das jüngste und fünfte Stauffenbergkind im Konzentrationslager Ravensbrück geboren. Es gibt ein Foto, auf dem die neunzigjährige Nina Gräfin Schenk zu Stauffenberg mit neunzig Familienangehörigen zu sehen ist, und sie hat das Foto ausdrücklich als Antwort auf Hitlers unsinniges Racheversprechen machen lassen. Die Familie war und ist zudem superreich. Stauffenberg war Hitlers Idol wie schon in seiner Kindheit der kleine Wittgenstein, der wie er ganze Wagneropern pfeifen konnte, sonst aber hochbegabt, schwerreich und stockschwul war, was Hitler alles bewunderte und imitierte. Ludwig Wittgenstein war, weil sein Vater es für gut erachtete, ein Jahr lang auf einer öffentlichen Schule, nämlicher jener Realschule in Linz, die zum gleichen Zeitpunkt, allerdings nicht erfolgreich, von dem kleinen Hitler besucht wurde. Es gibt eine  gemeinsames Jahrgangsfoto.

Goebbels erfand, um den unbedingten Rachewillen der Nazis auszudrücken, ein neues Verb: statt die Städte Großbritanniens ‚auszuradieren‘, was schon das Bild der Landkarte mit der Realität vermischte, ordnete er an, sie zu ‚coventrieren‘, also nach dem Vorbild von Coventry vollständig zu zerstören. Das gelang auch beispielsweise bei den Städten Freiburg im Breisgau, Eberswalde im Barnim und Anklam in Vorpommern. Das ist furchtbar, aber der Anspruch, alles was sich der Naziführung entgegenstellte, erbarmungslos zu vernichten, wurde noch nicht einmal im Ansatz erfüllt.

Großbritannien gehört nach wie vor zu den führenden Nationen der Welt. Auch Anklam hat es nach siebzig Jahren geschafft, den Turm der Nikolaikirche, wenn auch in anderer Form, zu rekonstruieren. Die Welt hat sich von dem falschen und schädlichen Begriff der Rasse getrennt und ein globalisiertes, multikulturelles Kapitel begonnen. Jetzt wird deutlicher, dass die Kriege und Auseinandersetzungen des zwanzigsten Jahrhunderts der Rückzug des nationalistischen, rassistischen, überhaupt des hierarchisch-konservativen Denkens und Handelns war. Es hat so gesehen keine fünfzig Jahre gedauert, um aus dem tiefsten Mittelalter der dichotomischen Bewertung und Ermordung von Menschen – der ist richtig, jener ist falsch – zur langsamen Verwirklichung des überfälligen Slogans ‚All men become brothers‘ zu gelangen. Dass Schiller nicht Männer und Frauen meinte, die natürlich nicht Brüder werden können, sondern soziale und geopolitische Grenzen beseitigen wollte, kann man aus der Urfassung von 1785 erlesen: Bettler werden Fürstenbrüder.

Auch die ansonsten vergessenen Punischen Kriege, die uns aber die römische Kultur brachten, werden von den Rechten als Sieg menschlichen Willens und menschlicher Fähigkeiten, von den Linken aber, nach Brecht, als Warnung vor dem Krieg gedeutet. Tatsächlich gab es aber nicht nur Scipio Africanus, sondern auch Hannibal, nicht nur den Untergang Karthagos, sondern auch den Roms. Kriege sind falsch, weil keiner wirklich gewinnt. Scipios Sieg über die Bürokratie – er zerriss vor den Augen des Senats die Belege über das verbrauchte Geld – und sein Satz über die 96% unserer Reaktion auf die 10% dessen, was uns passiert, sollten uns wichtiger sein als alle Berichte über Schlappen und Schlachten. Sein Schwur, Karthago dem Erdboden gleichzumachen und Salz zu verstreuen, um es für immer unbewohnbar zu halten, ging in Brechts berühmten Satz ein, aber war genauso wenig zu verwirklichen, wie alle bösen Schwüre und Taten.

Der Tyrann Herodes ließ eine ganze Kohorte Knaben ermorden, weil er die Ankündigung, dass ein neuer König der Juden geboren worden wäre, genau so wörtlich verstand wie der sprichwörtlich gewordene römische Beamte Pontius Pilatus, der nicht nur Jesus ans Kreuz nageln ließ, sondern auch das Schild IESUS NAZARENUS REX IUDAEORUM. Beide irrten sich gewaltig, denn geboren und ermordet war der Gründer einer globalen Bewegung, die später sowohl die römische Kultur und Sprache als auch den griechischen Humanismus mit in die Zukunft transportierte. An Herodes und Pilatus erinnern wir uns nur wegen Jesus, gleichgültig ob er nun Gottes Sohn oder einer der wichtigsten Denker der Weltgeschichte ist. Seine Sätze sind wichtiger als seine Herkunft. Die Wirkung seiner Sätze wird mehr durch die menschliche Überhöhung als durch das überschätzte Böse behindert. Das erste Konzil von Nicäa war genauso wenig göttlich inspiriert, sondern vom trivialen Zeitgeist bestimmt, wie jedes andere Konzil.

Ein vorletztes perfides Beispiel, das sogar die völlige Umkehrung eines bösen Wortes und darauffolgender böser Taten belegt, sind die Worte des amerikanischen Viersternegenerals Westmoreland, dass er die Vietnamesen in die Steinzeit zurück bombardieren werde. Diese unsinnigen Worte, denn die Zeit ist bekanntlich irreversibel, gingen damals durch die Nachrichtensendungen der ganzen Welt, die sich empörte und letztlich obsiegte. Einer derjenigen Wehrpflichtigen, die ihren Gestellungsbefehl vor dem Weißen Haus verbrannten, wurde wenig später Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Die USA bezahlen heute jährlich dreistellige Millionensummen für die Wiedergutmachung der in dem verheerenden Krieg angerichteten Schäden. Auf der anderen Seite stehen 90 Millionen Vietnamesen, die allerdings nicht wohlhabend sind.

Der letzte deutsche Kaiser hielt im Jahre 1900 in Bremerhaven bei der Verabschiedung deutscher Truppen eine auch rhetorisch schreckliche Rede. Auslöser war die Ermordung des deutschen Botschafters Clemens Freiherr von Ketteler. Ketteler selbst war, wie wir heute sagen würden, eher der Inbegriff von Multikulturalität, zu seinen Verwandten zählen sowohl der von Bismarck im Kulturkampf inhaftierte Arbeiterbischof von Ketteler, als auch der französische Marschall Louis Franchet d’Espery und die amerikanische Präsidentenfamilie Bush. Wilhelm sagte: „Kommt ihr vor den Feind, so wird derselbe geschlagen! Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht! Wer euch in die Hände fällt, sei euch verfallen! Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in Überlieferung und Märchen gewaltig erscheinen lässt, so möge der Name Deutscher in China auf 1000 Jahre durch euch in einer Weise bestätigt werden, dass es niemals wieder ein Chinese wagt, einen Deutschen scheel anzusehen!“ Statt sich über die Brutalität der Worte zu ereifern, die für den Nationalsozialismus programmatisch waren, sollten wir endlich realisieren, dass nichts davon verwirklicht wurde. Das Böse bleibt Programm. Es ist nicht verwirklichbar. Es ist nicht existent, sondern immer wieder nur eine zeitweilige Summe aller falschen Entscheidungen.

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Bild: Der Masaccio-Trompeter von 1426 verkündet das Gute.