HAKUNA MATATA

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Als im Jahr 1994 der erfolgreichste Zeichentrickfilm von Walt Disney herauskam, spiegelte er in idealer Weise  die soeben in Ordnung gebrachte Welt: der Kommunismus war an der eigenen Schwäche verödet und damit der Kalte Krieg beendet, der Eiserne Vorhang zerfallen, die russischen Truppen aus Mitteleuropa abgezogen, die Atomwaffen gemeinsam vernichtet, und schließlich fanden immer mehr Länder den Weg zur Demokratie.

Der Film zeigt in kindgerechter, abenteuergesättigter Weise den Kampf der Generationen, Gut gegen Böse, dessen Scheitern und das Obsiegen der Liebe. Abermillionen Kinder haben gemeinsam mit ihren Eltern den Film gesehen und auf dem Heimweg CIRCLE OF LIFE und THE LION SLEEPS TONIGHT gesungen oder fröhlich HAKUNA MATATA gerufen.

Der Film unterstützt die Harmoniesucht dieser Jahre, in denen sich scheinbar alle Probleme von selbst lösten. Indessen lässt der Film die Probleme des Lebens nicht aus: der König stirbt, der Böse findet Verbündete, das Gute ist zu klein, um siegen zu können. Und so waren auch die Jahre von 1990 bis 2010, die später vielleicht die Goldenen heißen werden, keineswegs widerspruchsfrei.

Vielmehr hat die Euphorie über den Frieden völlig demokratiefremd eine Mehrheit auf die Meinung der Eliten eingeschworen. Die in Amerika traditionell verortete Elitenfeindlichkeit schwappte massiv nach Europa über. Am linken und am rechten Rand wurde an alten und überholt geglaubten Bildern vom Rassen- und Klassenkampf festgehalten. In Rostock zündeten bepisste Nazis eine Ghetto-Unterkunft von vietnamesischen Gastarbeitern an, in Paris wurden von unterprivilegierten Jugendlichen die Banlieus demoliert, die Katalanen holten ihren Regionalismus aus der Klamottenkiste des Antifranquismus. China öffnete sich und Deng Xiaoping dem Kapitalismus, lehnt aber bis heute Demokratie ab, Russland hatte nur ein ganz kurzes demokratisches Zwischenspiel und vertraute sich danach und auch bis heute einem kleinen Geheimdienstoffizier aus der DDR an. Die arabisches Welt war fest in der Hand bizarrer Diktatoren und Monarchen. Selbst am Rand Europas gab es einen Krieg, den Linke heute immer noch rechtfertigen, weil es zwar um Nationalismus ging, aber der Aggressor ein ehemaliger Kommunist war. Der Literaturnobelpreisträger Peter Handke und der ehemalige, jetzt greise Bischof der reformierten Kirche Brandenburgs, der in Brüssow in der Uckermark wohnende Dr. Dieter Frielinghaus, gründeten damals ein Solidaritätskomitee für Slobodan Milošević. Aber das wurde alles übersehen. Wir glaubten uns nicht nur in der widerspruchsfreien Zone und im ewigen Recht, sondern auch im allgemeinen Konsens. Die gestern gewählte neue Vorsitzende der Partei DIE LINKE verkündete erneut den Klassenkampf.

Der Konsens wurde uns, allerdings von Rechtsaußen, aufgekündigt. Die drei aufeinanderfolgenden Krisen, die Euro-, die Flüchtlings- und die Coronakrise, konzentrierten am rechten Rand eine recht erfolgreiche Partei. Allerdings wird übersehen, dass sich gleichzeitig die CDU und die Kanzlerin stabilisierten.

Allerdings wünscht sich niemand eine Regierung, die sozusagen das Gegenteil von HAKUNA MATATA ist. Bis zu zwanzig Prozent der Wähler in einigen Bundesländern fanden sich dazu bereit, den bestehenden Regierungen Denkzettel zu verpassen. Bundesweit kam diese Stimmung allerdings nicht über zehn Prozent und niemand glaubt, dass diese Oppositionspartei regieren kann und soll.   

Es handelt sich vielmehr darum, auf der einen Seite den Optimismus und die visionäre Kraft nicht zu verlieren, auf der anderen Seite aber zu wissen, dass es keine Wahrheit gibt, dass man immer scheitern kann und dass uns, schneller als wir es gedacht und gewollt haben, der Tod ereilt.

Es gibt zwei Sätze von mir, die sowohl von Gläubigen als auch von Ungläubigen geglaubt werden können: WIR KÖNNEN MIT DEM TOD NUR LEBEN, WEIL WIR NICHT AN IHN GLAUBEN und DASS WIR UNS IN DER EWIGKEIT WIEDERSEHEN, IST NICHT ZU FALSIFIZIEREN. Daraus folgt, dass wir den Tatsachen härter ins Auge sehen müssen, als uns unser Wohlstand, unsere Demokratie und unser Bildungshorizont raten. Besonders der Wohlstand hat eine einschläfernde Nebenwirkung. Er wird, bei gedachter Bedrohung, auch stets als erster aufgerufen. Sowohl in der Banken- oder Griechenland- als auch in der Flüchtlingskrise versuchten viele zuerst den Besitzstand zu wahren. In der Coronakrise wurden als erstes die Basics verteidigt: Hefe und Klopapier. Je deutlicher uns die Krisenhaftigkeit unseres eigenen Lebens und unseres Zusammenlebens bewusst wird oder bleibt, desto kräftiger sollten wir unsere Gedanken vertiefen, statt das ewiggleiche Politikgesülze der Talkshows auch nur anzuhören. Fernsehen trägt nur ausnahmsweise zur Vertiefung bei, wenn etwa ein guter Film gezeigt wird. Ansonsten ist das Fernsehen die Verflachung schon an sich flacher Inhalte, die Inflation des Unsinns. Auch das simpelste Theaterstück ist jeder noch so raffinierten Fernsehinszenierung schon deshalb haushoch überlegen, weil wir im Theater den agierenden Mitmenschen als Menschen spüren statt im technizistischen Abbild nur bestenfalls erahnen. Mit einem Kind oder Enkel TALER DU MUSST WANDERN oder DAS WANDERN IST DES MÜLLERS LUST zu singen ist eine größere Freude und hat mehr Sinn als eine ganze Woche aus Fernsehabenden. Am schlimmsten ist die schon Neil Postman entdeckte Selbstbezüglichkeit der Medien. Sie reden zum Schluss nur noch von sich selbst. Das haben sie mit der Bürokratie und den Kirchen gemeinsam. Lasst uns von anderen, von anderem und von tieferem und höherem denken und reden. Jeder Tausendseitenroman ist besser als ein Jahr Zeitung und Fernsehen. Schon dass sich jede Provinzzeitung zum allwissenden Fachorgan aufschwingen zu müssen glaubt, ist unerträglich. Die Redakteure jagen den Lesern nach, der Quote statt dem Inhalt.

Natürlich ist auch die Einsamkeit des Langstreckenläufers besser als jede Zerstreuung.  Es ist immer besser, sich selbst und andere zu stärken und zu vertiefen, wo es möglich ist, als abstrakt nach der Demokratie oder sogar dem Staat zu rufen. Nicht die immer wieder beschworene Härte des Rechtsstaates, die es nicht geben kann und nicht geben soll, wird uns aus denn Krisen helfen, sondern Bildung und Erziehung. Demokratie fängt im Kinderzimmer an, nicht im Gerichtssaal.

Und zu all dem braucht es Visionen, Optimismus und die fröhliche Gewissheit des HAKUNA MATATA.  

ÜBER FLUCHT UND FREIHEIT UND TOD

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Die Erfinder der Individualität wundern sich seit einigen Jahren, dass ihr Ideal der autarken Person und Persönlichkeit auch andernorts angekommen ist. Dabei warnte ihr großer Dichter Goethe, dass nichts ungeheurer sei als die Vorstellung, niemandes zu bedürfen. Obwohl also, wer aus dem Nahen Osten oder aus Afrika aufbricht, seine individuellen Vorstellungen zu verwirklichen sucht, kann sein Ziel nicht ohne die Hilfe seiner Mitmenschen erreichen, im wahrsten Sinne des Wortes. Davon handelt das Buch von einem immer noch sehr jungen, inzwischen in München beheimateten Neubürger, der einst als vierzehnjähriger zarter Junge aufbrach, um sein Ideal von Freiheit, man kann nicht sagen zu finden, sondern zu suchen. Er heißt Filimon Mebrhatom und stammt aus einem sehr kleinen Dorf in Eritrea, das zwischen der Kleinstadt Sen’afe und der Grenze zu Äthiopien liegt. Das Buch heißt ICH WILL DOCH NUR FREI SEIN*, und dieser Gedanke, das Ideal des jungen Mannes, zieht sich wie ein Leitmotiv durch das ganze Buch,  dessen Stil von den deutschen Helfern Filimons geprägt sein mag, dessen Inhalt aber authentischer nicht sein könnte, wie es auf dem Klappentext heißt.   

Obwohl seine Schwester bei dem Versuch, in die Freiheit und Individualität zu fliehen, in dem Fluss Tekeze ertrunken ist, wagt sich Filimon zunächst gemeinsam mit seinem Cousin auf den gefährlichen Weg, der schon in Äthiopien, wenige Kilometer hinter der Grenze brutal endet.

Die Schwierigkeiten liegen einer solchen Flucht liegen bis auf wenige Ausnahmen alle im  menschlichen Bereich. Es gibt auf der einen Seite die Industrienationen als Ziel, auf der anderen Seite die meist armen und von Diktatoren beherrschten Herkunftsländer und dazwischen die Länder, die mit Schlepperdiensten und Versklavung der Flüchtenden versuchen, das Geld zu verdienen, das sie in einer brachliegenden Wirtschaft nicht finden können. Diese chaotische Wirtschaft ist allerdings keine Entschuldigung für den Mangel an Menschlichkeit, zumal sich die Verbrecher nicht nur auf eine Religion berufen, sondern die Flüchtenden mit Folter zwingen, zu dieser auch noch zu konvertieren.  Das schrecklichste Beispiel, das Filimon schildert, ist, wir wissen es alle, Libyen, aber Sudan und selbst Äthiopien, stehen nicht nach. Je größer sich die unmenschlichen, kaum aushaltbaren Strapazen gestalten, desto größer erscheint das Ziel. Er wird auf dem siebentausend Kilometer langen Weg, für den er ein Jahr benötigt, von zwei Idealen getrieben: der Suche nach der Freiheit und der Liebe seiner Mutter, die er immer wieder beschwört. Allerdings spielte in seinem jungen Leben auch sein Vater eine große Rolle, der nicht nur mit seiner Subsistenzwirtschaft die Familie ernährt, dazu trägt auch Filimon als Hirte bei, sondern als Priester des kleinen Dorfes die Werte des Christentums, der allgemeinmenschlichen Ethik, offensichtlich an seine Kinder weitergibt. Denn woher sollte sonst ein kleiner Junge aus einem ziemlich finsteren Land wissen, dass Nächstenliebe keine hohle Phrase, sondern gelebte Solidarität ist. Er erfährt sie im buchstäblichen Sinne, und er übt sie auch aus.

Umgekehrt, und das erfährt Filimon schon in Italien, dann aber besonders in München, sind die Erwartungen vieler Menschen in den Zielländern nicht von den schier unmenschlichen Anstrengungen der Flüchtlinge geprägt, sondern von den eigenen Vorurteilen. Trotzdem überwiegt hier in Europa die tätige Empathie den unverhohlenen Rassismus bei weitem. Aber besonders seit 2015, ein Jahr nachdem Filimon in München ankam, zeigt sich doch ganz offen, dass ein kleiner Teil der Europäer im alten rassistischen Weltbild verharrt. Man kann nur vermuten, dass es dieselben sind, die sich jetzt gegen die Politik zur Pandemie stellen. Zwar brauchen wir auch Beharrung, aber diese darf den Aufbruch nicht behindern.

Filimon war also, endlich in der Freiheit angekommen, enttäuschter als er nach seiner eigenen Vorstellung hätte sein dürfen. Und die Deutschen war von ihm – und seinen Mitankömmlingen – enttäuschter als sie nach ihrem angeblich christlich geprägten Weltbild und ihrem unermesslichen Wohlstand sein dürften oder sein sollten.

Äthiopien, zu dem Eritrea lange gehörte, ist sowohl vom frühen Christentum geprägt als auch vom wohlwollenden Islam. Der Prophet Mohamed selbst hat dem Land ewige Freundschaft geschworen, weil seine islamischen Flüchtlinge (!) von den Juden und Christen dort gut und tolerant aufgenommen wurden.

Aber das erklärt noch nicht, warum ein kleiner Junge, und sei er auch der Sohn eines Priesters, derart von Idealen wie Freiheit, Menschlichkeit, Nächstenliebe und Gerechtigkeit angetrieben wird, dass er die Inhaftierungen und Folterungen in Äthiopien, dem Sudan und Libyen übersteht und tatsächlich da ankommt, wo er hinwollte. Allerdings kommt er nicht punktgenau dort an, denn er hatte sehr diffuse Vorstellungen von Europa. Eigentlich will er nach England, dann aber nach Dänemark, von dem er noch auf dem Münchener Hauptbahnhof träumt [Seite 216]. Das zeigt, wie sehr die Missgünstigen damals irrten, die glaubten, Merkel hätte mit ihrem berühmten Satz WIR SCHAFFEN DAS eine Einladung ausgesprochen und die Flüchtenden selbst würden nach Deutschland wollen, um hier die Sozialkassen zu plündern.

Das Sensationelle des Buches, neben den akribisch geschilderten Friktionen eines Weges, ist die spontane Entstehung des Freiheits- und Gerechtigkeitsideals in einem (in allen?) Menschen. Obwohl er in einer Subsistenzwirtschaft aufwächst, in der das gegessen wird, was die Familie selbst erzeugt, gewinnt er als kleiner Hirt die Überzeugung, dass man Tiere nicht töten darf [Seite 25]. Sein Vater darf als Priester nicht schlachten, aber der älteste Sohn, Filimon, weigert sich aus Mitleid mit den Tieren. Dies ist nicht nur ein bemerkenswerter Ausbruch aus den traditionellen Strukturen, sondern die Geburt eines Freiheitsdranges, der ihn dann nach München führte. In München ist er darüber erschüttert, wie viele seiner neuen Mitmenschen sich freiwillig in die Sklaverei der Vorurteile, der Völlerei und der Verdrängung begeben. Der Verfasser dieses bemerkenswerten Buches hat in dem einen Jahr seiner Odyssee mehr Menschen leiden und sterben sehen als der Durchschnittseuropäer, der vor jeder Krise aufschreckt und in sein Wohlleben zurück will, in seinem ganzen Leben.

Filimon hat  einen eigenen Youtubekanal mit mehreren hunderttausend Klicks. Dort verkündet er seine Rapbotschaften: MENSCH IST MENSCH UND PAPIER IST PAPIER. Das mag trivial klingen, aber wir sollten uns angesichts unserer neuen Mitbürger erneut und wiederholt die Frage stellen, wie weit wir einem Stück Papier mehr zu glauben bereit sind als einem Menschen, wie weit wir in den Aberglauben an Identität und Herkunft einstimmen, wie weit wir selbst uns für besser halten, weil wir dokumentiert sind, literaturgewordene, aktenkundige Lebenslüge. Viele haben Hegel gar nicht gelesen und glauben trotzdem, dass Afrika keine Geschichte hat, weil sie nicht aufgeschrieben ist. Dieses Buch überführt uns nicht der Lüge, sondern der Ignoranz.

Zwei kleine Einwände an dem von mir ansonsten bewunderten Filimon muss ich aber dennoch aufschreiben. Er hadert – für meine Begriffe, und ich kenne zwei Dutzend Neubürger aus Eritrea genauer – zu sehr mit dem Rassismus hier in Deutschland. Es gibt ihn, aber er ist marginal. Wir können nicht gegen ihn ankommen, wenn wir ihn so sehr betonen, wie er sich selbst für wichtig und richtig nimmt. Es gibt einige Unstimmigkeiten in dem Buch, die durch besseres Lektorat vermeidbar gewesen wären. Zum Beispiel will er, in München angekommen, weiter nach Dänemark reisen, überlegt, ob er den sofort erscheinenden Schleppern, die auch aus Eritrea sind, 350 € für die Fahrt bezahlt und hat aber dann nicht das Busgeld, um in die Bayernkaserne, seine zugewiesene Unterkunft, zu gelangen. Das sind Kleinigkeiten, die aber die Botschaft gefährden können.

Filimon hat inzwischen, er ist immer noch nicht zweiundzwanzig Jahre alt, nicht nur ein Buch geschrieben und betreibt erfolgreich einen Youtubekanal, ist nicht nur Aktivist der Community der Neubürger mit vielen Auftritten, hat nicht nur – weitgehend selbstständig – sehr gut seine neue Sprache gelernt, sondern auch eine Ausbildung als Kameramann und Cutter gemacht.  Er hat auch immer wieder Glück gehabt, aber vor allem hat er gelernt, dass der Sklave, der in die Freiheit will, nicht nur Mut bracht, sondern auch Navigation.     

*Filimon Mebrhatom, ICH WILL  DOCH NUR FREI SEIN, KomplettMedia, München 2020

TRIBALISMUS ALS BEIHILFE

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Obwohl das Internet das bevorzugte Medium zur Verbreitung rechtsextremer, rassistischer und antisemitischer Inhalte ist, wurde in der vorigen Woche in einer Kölner S-Bahn auf fast jedem Sitzplatz ein Flugblatt gefunden, das Bundeskanzlerin Angela Merkel als ‚polnischstämmige Jüdin‘ ausweist. Das ist keine neue Variante extremistischen Unfugs, aber unsere Empörung geht – meiner Meinung nach – in die falsche Richtung.

Denn es ist nicht nur keine Beschimpfung, aus Polen zu stammen. Es ist die Beschreibung einer Normalität. Es wird bestimmt für ein Drittel aller so genannten Deutschen, besonders in Ostdeutschland, aber auch im Ruhr- und Rheingebiet, zutreffen. Nirgendwo auf der Welt gibt es Menschen, die sozusagen nur von sich selbst abstammen. Andersherum gesagt: wo Menschen aufeinandertreffen, reproduzieren sie sich. Gerade auch Kriege, die immer wieder um Landbesitz und Identitäten geführt werden, erreichen das Gegenteil: die Infragestellung von Land’besitz‘ und Identität. Man kann ein Grundstück kaufen, und ganz sicher hat Rousseau recht, dass die Codifizierung des Grundbesitzes der Beginn der bürgerlichen Ordnung und damit der bürgerlichen Freiheit ist. Aber man kann dieses Grundstück auch wieder verkaufen, man kann es vererben und verschenken oder es kann enteignet werden. Der Staat dagegen ist keine natürliche Person, wenn er auch immer wieder anthropomorph gesehen wird. Dieses Schicksal teilt er mit Gott, mit dem er auch zunehmend verwechselt wird. Es gibt nur wenige Länder mit unverrückbaren Grenzen: Island und Madagaskar, aber auf der anderen Seite: Polen oder Deutschland, die unfreiwillig oder freiwillig ihre Territorien hin- und herschoben. Im zwanzigsten Jahrhundert probierte man mit ebenso wenig Erfolg, die Völker statt die Territorien zu tauschen.

Daraus folgt: es gibt notwendigerweise definierte Zugehörigkeiten, die wir Staatsbürgerschaften nennen, aber niemand oder jeder ist ‚polnischstämmig‘ oder ‚deutschstämmig‘ oder ‚türkischstämmig‘. Es ist dies die Frage des Hintergrundes. Der türkische Gastarbeiter des Jahres 1960 – und jeder Migrant, auch der Krieger – verändert seinen Hintergrund. Statt der Moschee seiner Herkunftsstadt sieht er sich nun vor den Kölner Dom gestellt. Er geht aus Neugier in diese weltberühmte Kirche und sieht sich: als orientalischer Yesus, als dritter König, als Halleluja und Hosianna. Und da weiß er, dass er zuhause ist. Er hat seine Wurzeln, auf die er in den folgenden fünfzig Jahren reduziert wird, gekappt, ohne dass er sich dessen bewusst war. Er wollte nur Geld verdienen, aber er hat hier gelebt und lebt hier weiter, und seine Kinder und Enkel sind im wahrsten Sinne des Wortes ‚von hier‘. Selbst wer widerwillig hier ist, ist hier. Selbst wer widerwillig geht, geht. Verhaltensbiologie und Behaviorismus haben den Menschen nicht auf sein Verhalten reduziert, sondern in seinem Verhalten sein Wesen erkannt. Deutsch ist eine Sprache und kein Zustand.

Beinahe noch schlimmer geht es mit dem Begriff des Juden und des Judentums zu. Der Verfasser des erwähnten antisemitischen Flugblattes meint das Wort als Pejorativ, so wie es seit Jahrhunderten benutzt wird. Das ist in höchstem Maße verurteilenswürdig. Aber die Schuld für diesen beleidigenden Wortmissbrauch liegt auch bei uns, die wir das Wort als eine unsinnige Zuordnung weiter benutzen. Warum wird die Dichterin Else Lasker-Schüler als ‚jüdische Dichterin‘ bezeichnet? Haben wir schon einmal gelesen oder gehört, dass man Goethe einen  ‚evangelischen Dichter‘ nennt? Nichts wäre unpassender. Aber Else Lasker-Schüler war ebenso wenig eine jüdische Dichterin wie Goethe ein evangelischer Dichter oder auch nur Mensch. Lasker-Schüler stammte aus einer Bankiersfamilie, heiratete zunächst den Bruder des Schachweltmeisters, dann einen Dichter, der ein von ihr erdachtes Pseudonym verwendete und von Stalins Schergen erschossen wurde. Sie emigrierte, weil sie kein Geld zur Rückkehr oder Weiterreise hatte, nach Palästina, das sie Erez-Miesrael nannte. Sie war nicht religiös, sie konnte in Jerusalem nicht mehr ihre deutschen und immer noch expressionistischen Gedichte vorlesen. Mit der Religion lässt sich also das Etikett ‚jüdisch‘ nicht erklären, wie aber steht es ethnisch? In Israel leben Palästinenser, Araber, agnostische, reformierte, orthodoxe, ultraorthodoxe, jemenitsche und russische Juden, Aramäer, Drusen, Falaschen,  Misrahim, Samaritaner, Sephardim und Ashkenazim. Wenn wir dabei bleiben, ständig irgendwelche Herkunftsbezeichnungen als Klassifizierungen zuzulassen, müssen wir uns über den Missbrauch nicht wundern. Jeder Gebrauch impliziert  immer auch den Missbrauch.

In einer Kleinstadt nicht weit von meinem Wohnort hat ein Ladenbesitzer sich aufgrund dieses begrifflichen Tohuwabohus zu einer besonders perfiden Art des Antisemitismus gefunden: er behauptet, die Menschen, die auf dem Stolperstein vor ihrem zerstörten Wohn- und Geschäftshaus vermerkt seien, wären gar nicht ermordet worden. Für ihn ist ‚Jude‘ ein Etikett für Schwindel, so stark, dass er weder den Stein selbst gelesen, noch in Yad Vashem nachgesehen hat, wie das tatsächliche furchtbare Schicksal der Mitbürger ausgesehen hat. Er behauptet, der bei seiner Ermordung schon siebzigjährige Adolf Schwarzweiß sei bei ihm im Laden gewesen.

Zu dieser Versachlichung einst lebendiger Menschen trägt auch – wie wir schon wiederholt dargestellt haben – die Weiterverwendung der Sprache der Täter bei. Selbst ausgesprochen antifaschistische Vereine, Organisationen und deren Websites behaupten, von ‚Vernichtung der Juden‘ zu sprechen, um das Systematische, das Industriemäßige der ‚Mordmaschine‘ der Nazis zu betonen. Die Nazis hatten die ‚Mordmaschine‘ aber gerade erfunden, um sich selbst von der Monstrosität des Mordes zu entfernen. Es war ihnen bewusst, dass die kulturelle Scheu des Menschen vor der Tötung von seinesgleichen erst überwunden werden musste. Das taten sie einerseits, in dem sie ihren Opfern alles Menschliche zu nehmen versuchten, ideologisch, aber auch verhaltensmäßig, vor der Ermordung stand immer die Erniedrigung. Andererseits versuchten sich die Täter selbst durch Drogen und Maschinen zu schützen. Sie sind durch ihre Alpträume verfolgt worden. Und wir haben die Opfer keineswegs vergessen, ihre ‚Vernichtung‘ keineswegs zugelassen. Sie sind alle ermordet worden, von Menschen, Aug in Auge, aber an jeden einzelnen wird erinnert, durch Stolper- und Gedenksteine, durch Gedenkstätten und Museen, durch Listen und Bücher. Man kann Menschen ermorden, aber nicht vernichten. Dieses böse, aber unsinnige Wort wurde auf der Wannsee-Konferenz vielleicht nicht zum ersten Mal, aber jetzt offiziell verwendet, gleichzeitig und gleichbedeutend mit der ‚Endlösung der Judenfrage‘, während bis dahin immerhin noch Alternativen diskutiert wurden.

Wir Menschen sind zu unserem Glück nicht durch unsere Herkunft bestimmt. Sie mag uns anhängen, ist aber durch Bildung, Demokratie und Wohlstand überwindbar. Bildung, Demokratie  und Wohlstand sind die komplexen, einander gegenseitig bedingenden Bestandteile der menschlichen Gesellschaft. Nur unter dieser Bedingung werden alle Menschen Schwestern und Brüder, und selbst das klingt noch nach überflüssiger Teilung.