ÜBER FLUCHT UND FREIHEIT UND TOD

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Die Erfinder der Individualität wundern sich seit einigen Jahren, dass ihr Ideal der autarken Person und Persönlichkeit auch andernorts angekommen ist. Dabei warnte ihr großer Dichter Goethe, dass nichts ungeheurer sei als die Vorstellung, niemandes zu bedürfen. Obwohl also, wer aus dem Nahen Osten oder aus Afrika aufbricht, seine individuellen Vorstellungen zu verwirklichen sucht, kann sein Ziel nicht ohne die Hilfe seiner Mitmenschen erreichen, im wahrsten Sinne des Wortes. Davon handelt das Buch von einem immer noch sehr jungen, inzwischen in München beheimateten Neubürger, der einst als vierzehnjähriger zarter Junge aufbrach, um sein Ideal von Freiheit, man kann nicht sagen zu finden, sondern zu suchen. Er heißt Filimon Mebrhatom und stammt aus einem sehr kleinen Dorf in Eritrea, das zwischen der Kleinstadt Sen’afe und der Grenze zu Äthiopien liegt. Das Buch heißt ICH WILL DOCH NUR FREI SEIN*, und dieser Gedanke, das Ideal des jungen Mannes, zieht sich wie ein Leitmotiv durch das ganze Buch,  dessen Stil von den deutschen Helfern Filimons geprägt sein mag, dessen Inhalt aber authentischer nicht sein könnte, wie es auf dem Klappentext heißt.   

Obwohl seine Schwester bei dem Versuch, in die Freiheit und Individualität zu fliehen, in dem Fluss Tekeze ertrunken ist, wagt sich Filimon zunächst gemeinsam mit seinem Cousin auf den gefährlichen Weg, der schon in Äthiopien, wenige Kilometer hinter der Grenze brutal endet.

Die Schwierigkeiten liegen einer solchen Flucht liegen bis auf wenige Ausnahmen alle im  menschlichen Bereich. Es gibt auf der einen Seite die Industrienationen als Ziel, auf der anderen Seite die meist armen und von Diktatoren beherrschten Herkunftsländer und dazwischen die Länder, die mit Schlepperdiensten und Versklavung der Flüchtenden versuchen, das Geld zu verdienen, das sie in einer brachliegenden Wirtschaft nicht finden können. Diese chaotische Wirtschaft ist allerdings keine Entschuldigung für den Mangel an Menschlichkeit, zumal sich die Verbrecher nicht nur auf eine Religion berufen, sondern die Flüchtenden mit Folter zwingen, zu dieser auch noch zu konvertieren.  Das schrecklichste Beispiel, das Filimon schildert, ist, wir wissen es alle, Libyen, aber Sudan und selbst Äthiopien, stehen nicht nach. Je größer sich die unmenschlichen, kaum aushaltbaren Strapazen gestalten, desto größer erscheint das Ziel. Er wird auf dem siebentausend Kilometer langen Weg, für den er ein Jahr benötigt, von zwei Idealen getrieben: der Suche nach der Freiheit und der Liebe seiner Mutter, die er immer wieder beschwört. Allerdings spielte in seinem jungen Leben auch sein Vater eine große Rolle, der nicht nur mit seiner Subsistenzwirtschaft die Familie ernährt, dazu trägt auch Filimon als Hirte bei, sondern als Priester des kleinen Dorfes die Werte des Christentums, der allgemeinmenschlichen Ethik, offensichtlich an seine Kinder weitergibt. Denn woher sollte sonst ein kleiner Junge aus einem ziemlich finsteren Land wissen, dass Nächstenliebe keine hohle Phrase, sondern gelebte Solidarität ist. Er erfährt sie im buchstäblichen Sinne, und er übt sie auch aus.

Umgekehrt, und das erfährt Filimon schon in Italien, dann aber besonders in München, sind die Erwartungen vieler Menschen in den Zielländern nicht von den schier unmenschlichen Anstrengungen der Flüchtlinge geprägt, sondern von den eigenen Vorurteilen. Trotzdem überwiegt hier in Europa die tätige Empathie den unverhohlenen Rassismus bei weitem. Aber besonders seit 2015, ein Jahr nachdem Filimon in München ankam, zeigt sich doch ganz offen, dass ein kleiner Teil der Europäer im alten rassistischen Weltbild verharrt. Man kann nur vermuten, dass es dieselben sind, die sich jetzt gegen die Politik zur Pandemie stellen. Zwar brauchen wir auch Beharrung, aber diese darf den Aufbruch nicht behindern.

Filimon war also, endlich in der Freiheit angekommen, enttäuschter als er nach seiner eigenen Vorstellung hätte sein dürfen. Und die Deutschen war von ihm – und seinen Mitankömmlingen – enttäuschter als sie nach ihrem angeblich christlich geprägten Weltbild und ihrem unermesslichen Wohlstand sein dürften oder sein sollten.

Äthiopien, zu dem Eritrea lange gehörte, ist sowohl vom frühen Christentum geprägt als auch vom wohlwollenden Islam. Der Prophet Mohamed selbst hat dem Land ewige Freundschaft geschworen, weil seine islamischen Flüchtlinge (!) von den Juden und Christen dort gut und tolerant aufgenommen wurden.

Aber das erklärt noch nicht, warum ein kleiner Junge, und sei er auch der Sohn eines Priesters, derart von Idealen wie Freiheit, Menschlichkeit, Nächstenliebe und Gerechtigkeit angetrieben wird, dass er die Inhaftierungen und Folterungen in Äthiopien, dem Sudan und Libyen übersteht und tatsächlich da ankommt, wo er hinwollte. Allerdings kommt er nicht punktgenau dort an, denn er hatte sehr diffuse Vorstellungen von Europa. Eigentlich will er nach England, dann aber nach Dänemark, von dem er noch auf dem Münchener Hauptbahnhof träumt [Seite 216]. Das zeigt, wie sehr die Missgünstigen damals irrten, die glaubten, Merkel hätte mit ihrem berühmten Satz WIR SCHAFFEN DAS eine Einladung ausgesprochen und die Flüchtenden selbst würden nach Deutschland wollen, um hier die Sozialkassen zu plündern.

Das Sensationelle des Buches, neben den akribisch geschilderten Friktionen eines Weges, ist die spontane Entstehung des Freiheits- und Gerechtigkeitsideals in einem (in allen?) Menschen. Obwohl er in einer Subsistenzwirtschaft aufwächst, in der das gegessen wird, was die Familie selbst erzeugt, gewinnt er als kleiner Hirt die Überzeugung, dass man Tiere nicht töten darf [Seite 25]. Sein Vater darf als Priester nicht schlachten, aber der älteste Sohn, Filimon, weigert sich aus Mitleid mit den Tieren. Dies ist nicht nur ein bemerkenswerter Ausbruch aus den traditionellen Strukturen, sondern die Geburt eines Freiheitsdranges, der ihn dann nach München führte. In München ist er darüber erschüttert, wie viele seiner neuen Mitmenschen sich freiwillig in die Sklaverei der Vorurteile, der Völlerei und der Verdrängung begeben. Der Verfasser dieses bemerkenswerten Buches hat in dem einen Jahr seiner Odyssee mehr Menschen leiden und sterben sehen als der Durchschnittseuropäer, der vor jeder Krise aufschreckt und in sein Wohlleben zurück will, in seinem ganzen Leben.

Filimon hat  einen eigenen Youtubekanal mit mehreren hunderttausend Klicks. Dort verkündet er seine Rapbotschaften: MENSCH IST MENSCH UND PAPIER IST PAPIER. Das mag trivial klingen, aber wir sollten uns angesichts unserer neuen Mitbürger erneut und wiederholt die Frage stellen, wie weit wir einem Stück Papier mehr zu glauben bereit sind als einem Menschen, wie weit wir in den Aberglauben an Identität und Herkunft einstimmen, wie weit wir selbst uns für besser halten, weil wir dokumentiert sind, literaturgewordene, aktenkundige Lebenslüge. Viele haben Hegel gar nicht gelesen und glauben trotzdem, dass Afrika keine Geschichte hat, weil sie nicht aufgeschrieben ist. Dieses Buch überführt uns nicht der Lüge, sondern der Ignoranz.

Zwei kleine Einwände an dem von mir ansonsten bewunderten Filimon muss ich aber dennoch aufschreiben. Er hadert – für meine Begriffe, und ich kenne zwei Dutzend Neubürger aus Eritrea genauer – zu sehr mit dem Rassismus hier in Deutschland. Es gibt ihn, aber er ist marginal. Wir können nicht gegen ihn ankommen, wenn wir ihn so sehr betonen, wie er sich selbst für wichtig und richtig nimmt. Es gibt einige Unstimmigkeiten in dem Buch, die durch besseres Lektorat vermeidbar gewesen wären. Zum Beispiel will er, in München angekommen, weiter nach Dänemark reisen, überlegt, ob er den sofort erscheinenden Schleppern, die auch aus Eritrea sind, 350 € für die Fahrt bezahlt und hat aber dann nicht das Busgeld, um in die Bayernkaserne, seine zugewiesene Unterkunft, zu gelangen. Das sind Kleinigkeiten, die aber die Botschaft gefährden können.

Filimon hat inzwischen, er ist immer noch nicht zweiundzwanzig Jahre alt, nicht nur ein Buch geschrieben und betreibt erfolgreich einen Youtubekanal, ist nicht nur Aktivist der Community der Neubürger mit vielen Auftritten, hat nicht nur – weitgehend selbstständig – sehr gut seine neue Sprache gelernt, sondern auch eine Ausbildung als Kameramann und Cutter gemacht.  Er hat auch immer wieder Glück gehabt, aber vor allem hat er gelernt, dass der Sklave, der in die Freiheit will, nicht nur Mut bracht, sondern auch Navigation.     

*Filimon Mebrhatom, ICH WILL  DOCH NUR FREI SEIN, KomplettMedia, München 2020