DAS KALKUTTA PARADOX

rochusthal

Nr. 374

Polybios, der erst ein griechischer Gelehrter, dann ein römischer Sklave und darauffolgend ein römischer Gelehrter war und demzufolge wohl wusste, dass jeder Zustand ein Vektor ist, beschrieb die Gesellschaften, die sich selbst oft als Höhe- und Endpunkt sehen, als Passagen. Seit es seine Schriften gibt, warnen Befürworter wie Kritiker einer Gesellschaft vor dem Übergang zur Ochlokratie. Und tatsächlich verfällt jede Gesellschaft, je mehr sie sich auf Regeln statt auf selbstbewusste und aufgeklärte Bürger stützt, in einen Zustand der sich selbst verwaltenden Bürokratie. Und aus dieser Gerinnung erwächst der Wille zur Veränderung entweder in die Richtung noch rigiderer Regeln und eines handlungsfähigen Führers oder in die Freiheit des Lernens und Vereinbarens, wobei allerdings jede Handlung vom Willen der Mehrheit bei gleichzeitigem Schutz der Minderheiten abhängt. Daher wirken diese Gesellschaften fast handlungsunfähig, ihre Bewegungen wie in Zeitlupe. Ein Krieg erscheint so gesehen als eine kräftige Vorwärtshandlung, die Installation eines Sozialsystems…

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ENDE ODER ANFANG DES TRUMPUNSINNS?

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Die Erstürmung des Kapitols durch aggressive Trumpisten kann man verschieden deuten: Die sind selbst zum Putschen zu dumm oder in Deutschland haben drei Polizisten genügt, um den Gaulandisten den Zutritt zum Reichstag zu verwehren.

Aber ein ismus-Suffix ist fast wie ein Adelsprädikat: Trumpismus gibt es ebensowenig wie es Hitlerismus gab. Vielmehr suchen sich diese autokratischen Populisten oder populistischen Autokraten einfach eine Handvoll Vorurteile heraus, die sie zur Doktrin erklären. Hitler las in seinem Obdachlosenasyl antisemitische Broschüren und nervte mit deren Inhalt seine Mitbewohner. Diese einfachen Wahrheiten erscheinen deshalb als relativ ewig, weil sie manchmal seit Jahrhunderten wiederholt werden. So sind schon immer Epi- oder Pandemien mit Verursachern in Verbindung gebracht worden. 1348 brach nicht nur die Pest über Europa herein, sondern auch der felsenfeste Glaube, dass die Juden durch Brunnenvergiftung schuld an der Seuche seien. Was noch mehr verstört, ist eine andere Parallele: Pogrome gegen Juden gab es vor allem am Schabbat, an dem sie gut zu finden waren,  Abschiebungen gibt es im modernen Europa vor allem dann, wenn ein Asylbewerber gut integriert, also leicht aufzufinden ist.

Genauso parallel ist auch das Auftreten von Verschwörungstheorien in Krisenzeiten. Statt dem auch schon fast populistischen Aufruf WIR SCHAFFEN DAS zu folgen, also auf die eigene Kraft zu vertrauen, auf Solidarität, Nächstenliebe und einfach auch auf den eigenen Wohlstand, folgt man lieber dem Ruf nach dem angeblich starken Mann, der sich aber leider immer als Waschlappen erweist.

Wir beachten viel zu wenig, dass all diese rechten, populistischen und autokratischen Politiker Versager, Loser und Gescheiterte waren und sind. Hitler hat sich aus Angst vor dieser Erkenntnis vergiftet, erschießen und verbrennen lassen, Goebbels hat sogar seine sechs kleinen Kinder mit Blausäure ermordet. Unseren Vorfahren war leider nicht klar, dass der Zusammenbruch 1933 geschah, nicht 1945. Der Wahlbetrug in den USA fand, wenn überhaupt,  2016 (wie schon im Jahr 2000 bei der George W. Bush Wahl) statt, nicht 2020, wo das Ergebnis deutlich und klar ausfiel.

Trumpunsinn ist das Resultat des poor judgment seiner potenziellen Anhänger, die dadurch seine follower werden. Trump selbst lieferte nach Meinung des republikanischen Arizona-Senators John McCain III ‚eine der schändlichsten Aufführungen eines amerikanischen Präsidenten seit Menschengedenken‘.

Die Erstürmung des Kapitols durch eine Horde wildgewordener Ignoranten am 6. Januar 2021 ist ebensowenig wie das Abbrennen des Reichstags am 27. Januar 1933 das Symbol für irgendetwas Nennenswertes. Das Anzünden und Abbrennen des Reichstags ist höchstens technisch interessant. Weder hat es damals unsere Vorfahren vor dem gerade erst beginnenden Hitlerregime gewarnt, noch hat es später die Demokratie auch in Deutschland behindert. Im Gegenteil, der englische Architekt Lord Norman Foster, ein Schüler von Richard Buckminster Fuller, hat ebendiesen Reichstag mit seiner begehbaren Kuppel zu einem Symbol der Transparenz gestaltet. Demokratie beruht auf dem Ideal der Freiheit und der Methode der Transparenz, wie schon das frühe Wort ‚Aufklärung‘ (enlightenment) sagt. Alle Bildung ist Beleuchtung.

So wie das Leben selbst in Wellen verläuft, die man als Sinuskurven darstellen kann, so sieht auch seine Abbildung wie die Aufeinanderfolge bloßer Amplituden aus. Wir hoffen auf Besserung, aber benutzen dazu Rache. Wir rächen uns und hoffen auf Besserung. Das geht nicht. Die Rache kann als Instrument immer nur der Verschlechterung, ja, dem Bösen selbst dienen, weil Rache die Wiederholung des Bösen ist. Die Weltgeschichte wäre leicht zu machen, wenn alle wüssten, dass Rache identisch mit Untergang ist Das gleiche gilt für Strafe. Aus der Strafe erwächst das Böse, aus Liebe dagegen erwächst wieder Liebe, das leuchtet jedem ein, aber es ist schwer zu machen. Als vermeintliches Gegenargument kommen dann immer die Mörder. Aber es gibt zum Glück nicht soviele und immer weniger Mörder, so dass wir nicht gezwungen sind, eine moralische oder rechtliche Ordnung auf die Bekämpfung von Mördern zu gründen. Sowohl in der Bibel als auch in der antiken griechischen Sagenwelt gibt es Mord, aber er ist so unerhört, dass seine Ächtung legendär wurde, wie der Tantalidenfluch oder das Kainsmal. Die Welt beruht nicht auf Mord, sondern verbietet und bekämpft ihn. Die Welt ist weder schlecht noch überfüllt, sondern unterfordert und hasenfüßig.

Die meisten Menschen werden mit dem Urvertrauen geboren, das durch die ersten Mitmenschen entsteht: Mutter, Vater, Geschwister und Großeltern, Lehrer, Priester, Beamte. Ehe der erste potenzielle Mörder auftaucht, vergeht bei den meisten von uns viel Zeit. Umso ungeheurer sind dann der Knabenmord des Herodes oder Kindermord des Hitler, der Kinderkreuzzug oder die Entführung durch den Rattenfänger von Hameln.

Statistisch, ich kann uns diese einerseits grausame Tatsache nicht vorenthalten, schlagen Mord, Krieg und Rache ohnehin nicht zu Buche. Leid und Leiderfahrung werden zwar verstärkt. Aber wie mit Zauberhand – wahrscheinlich die von Max Weber – gibt es neue Kinder und also neue Menschen. Das rechtfertigt keinen einzigen Mord, aber die Zuversicht.

Mental oder psychisch ist die Zuversicht die wichtigste Ingredienz des menschlichen Lebens und der menschlichen Rasse. Wie anders haben beispielsweise Thomas Campanella und Nelson Mandela siebenundzwanzig oder achtundzwanzig Jahre übelsten Kerkers ausgehalten? Gleichzeitig zeugen die beiden, die ein je so gutes Erbe hinterlassen haben, wie wirkungslos Strafe ist, und fast immer unberechtigt. Und noch einmal: dies ist hier kein Lehrbuch für den Umgang mit Straftätern, sondern ein Essay über die 99% Menschen, die guten Willens sind. Für die Straftäter braucht es einen neuen Dr. Dr. Anselm Ritter von Feuerbach, für alle anderen reicht Zuversicht.

Selbstverständlich sollen solche Gedankengänge keine Aufforderung zum Nichtstun sein. Ganz im Gegenteil wird sich die Welt selbst desto mehr herausfordern, je mehr Kreative in ihr wirken können und auch tatsächlich wirken. Überall, wo noch bis vor kurzem der Kampf gegen den Hunger die Menschen lähmte, werden schon bald Millionenmassen neue Ideen entwickeln. Nicht nur in der Katastrophe wächst dem Menschen die Kraft zu ihrer Überwindung, auch im Überfluss bahnt sich der Strom der Ideen seinen Weg durch die Trägheit, Unterforderung und Hasenfüßigkeit. Wir können ganz sicher sein, schon aus Erfahrung, dass nach der Emanzipation der Frau, der Afrikaner, der Kinder, des Individuums auch die Stunde kommen wird, da die Kreativität gegen das bloße Formelwissen, das heute in jedem schlichten Handy Platz hat, emanzipiert und damit befreit werden wird.      

DAS NEUE EVANGELIUM

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Als Pier Paolo Pasolini seinen Evangeliumsfilm im Vatikan vorführte, haben die Kardinäle, Bischöfe und Mitarbeiter vierzig Minuten lang geklatscht. Aber gelernt haben sie nichts oder fast nichts. Wenn also Milo Rau seinen Film DAS NEUE EVANGELIUM fünfhundert Ministern, Staatssekretären und Ministerialdirigenten zeigen würde, ginge das Ergebnis – leider, leider und sehr wahrscheinlich – ebenfalls gegen Null. Politik gleicht immer auch mehr einem Rollenspiel als dem wirklichen Leben. Der Politiker und die Politikerin sieht hundert Hinderungen, das Richtige und Gute zu tun. Und tatsächlich müssen wir immer mehr Folgerungen, die heute gerne kollateral genannt werden, bedenken. Wenn zum Beispiel ein Pflegeheim für unsere gebrechlichen Mütter und Väter gebaut wird, sinken die Grundstückspreise und die bisher in der Stadt herrschende Partei wird nicht wiedergewählt.

Pasolini ließ seinen Yesus durch die karge Landschaft um die wunderschöne und uralte süditalienische Stadt Matera laufen. Das wirkt holzschnittartig – es ist ein Schwarzweißfilm – und gegen alle Regeln der heutigen Filmkunst. Trotzdem kann man sich auch jetzt nicht diesem eigenartigen Wanderprediger und seinen meist schweigenden Followern entziehen. Das liegt nicht nur daran, dass er wie ausgeschnitten aus einem El-Greco-Gemälde wirkt, sondern dass er das Matthäus-Evangelium zitiert, als hätte er es in diesem Moment erfunden. Der beste Satz ist und bleibt, und man sollte ihn heutigen Kardinälen, Generälen und Ministern jeden Tag als Leserbrief senden: IHR SIEBT MÜCKEN UND SCHLUCKT KAMELE.* Die direkte und unverkünstelte Art des Films lässt ihn auch sechzig Jahre nach seiner Entstehung noch als großes Kunstwerk erscheinen.

Milo Rau lässt nicht nur einen Afrikaner als Yesus agieren, sondern auch einen Aktivisten der Gerechtigkeitsbewegung RIVOLTA DELLA DIGNITA, was nicht etwa ‚der Aufstand der Anständigen‘ heißt, sondern die Würde des Menschen gegen jede Gruppenzugehörigkeit stellt. Die Würde selbst will und muss die Welt revolutionieren. Und da laufen dann die aus ihren Elendsquartieren vertriebenen afrikanischen Erntearbeiter über die Autobahn, verzweifelt, verängstigt und hoffnungslos.

Das erschreckendste Detail dieses Films, der ebenfalls in Matera gedreht wurde, ist die Ähnlichkeit, ja, die Gleichheit der römischen Soldaten, die Yesus verhaften, und der italienischen Polizisten, die die Wanderarbeiter aus ihren unwürdigen Quartieren vertreiben müssen. Mit Schlagstöcken und Schilden bewaffnet, ohne jedoch aktiv zu werden, das ist der Unterschied, setzen sie eine offensichtlich falsche Politik um.

Dieses Auftreten der Polizei, so kompetent und freundlich sehr viele Polizisten auch sind, muss dringend reformiert werden, denn es führt einerseits zu immer mehr autoritären Polizisten, die mit der dazu passenden Ideologie sympathisieren, andererseits aber zur Inakzeptanz der Polizei selbst. Erinnern wir uns daran, dass die bayrische Polizei mit brutaler Gewalt die Abschiebung eines Schülers aus einem Gymnasium heraus durchsetzen wollte und welche Wirkung solche sinnlosen unmenschlichen Aktionen nicht nur auf den einen Menschen haben, der abgeschoben werden soll, sondern auf 1000 Gymnasiasten. Darüber hinaus gehört schon allein das Wort ‚Abschiebung‘ in die Rumpelkammer der  Geschichte. Es wurde im Nationalsozialismus in gleicher Bedeutung verwendet. Das Gegenargument, die Nazis wären nun einmal Deutsche wie wir gewesen, ist nur vermeintlich wirksam, denn ein Wort kann man einfach austauschen, selbst wenn das neue Wort dumm ist: Azubi statt Lehrling zum Beispiel.

Der fünfunddreißigjährige Hochschulabsolvent Yvan Sagnet, ursprünglich aus dem Senegal, spielt in Milo Raus Film sowohl sich selbst als politischen Aktivisten als auch den Yesus, wie er heute reden und handeln würde. Dabei verkennen wir gerne den schon bei Yesus vorhandenen sozialrevolutionären Aspekt. Er war ein Prophet der Armen und sein schöner Spruch, dass ein Kamel eher durch das Nadelöhr, eine sehr enge Gasse in Jerusalem, käme, als ein Reicher in das Himmelreich, hat schon immer verstört. So gesehen gehört der wunderschöne Petersdom in Rom in eine Suppenküche verwandelt. Wer übrigens tatsächlich eine Kirche in eine Suppenküche umwidmete, war Mehmet II., jener Sultan, der zwanzigjährig Konstantinopel eroberte, es ist die heutige Moschee Kalenderhane in der Nähe der großen Universität.

In Spanien und Italien ernten zehntausende Afrikaner diejenigen Früchte, die in ganz Europa so beliebt sind: Tomaten, Erdbeeren und Oliven. Ein Teil jener Arbeiter ist illegal dort, was für die Unternehmer, die in Italien noch dazu in teils mafiösen Strukturen gefesselt sind, Anlass ist, die Ausbeutungsschraube eins ums andere Mal anzuziehen. Es gibt den schönen Spruch: KEIN MENSCH IST ILLEGAL, weil die Gesetze bekanntlich für die Menschen und nicht die Menschen für die Gesetze gemacht werden, auch ein Yesussatz.

Es ist so wie beim Fleischkonsum oder beim Gebrauch von Plastiktüten und Plastikgegenständen: man kann auf den Kapitalismus schimpfen und mit Gerechtigkeitsplakaten herumlaufen, aber verändern wird sich der Raubbau am Menschen und an der Natur nur durch unser Verhalten. Wir können auch getrost darauf setzen, dass ganz viel Mitmenschen einfach nur mitmachen: das Gute wie das Böse. Dieselben, die früher zur Hexenverbrennung mit hinausgelaufen sind, ächten heute die Plastiktüten, wenn wir es ihnen sagen. Und nun müssen wir auch noch einsehen, dass Tomaten mehr als wenige Cents kosten müssen, dass die Arbeiter, die sie ernten, unsere Brüder sind, die ein Recht auf Würde und menschenwürdige Bezahlung und Unterbringung haben.

Der Film von Milo Rau ist einerseits eine Historie, denn Juden, Christen, Muslime, Agnostiker und Atheisten nehmen gleicherweise an, dass Yesus eine historische Person war, die weitere Interpretation, ob er Gottes Sohn, Messias, Prophet, Schismatiker oder gar Scharlatan war, differiert krass. Seine Sätze wie auch sein kurzes Leben sind jedoch als paradigmatisch anerkannt und in die Ikonographie und das Narrativ der Gesamtmenschheit eingegangen. Diesem Anspruch wird der Film gerade auch durch den Blickwinkel auf Afrika mehr als gerecht. Hier beginnt auch gleich die zweite Dimension: es genügt nicht, dass wir 1918 den Achtstundentag und das Frauenwahlrecht erkämpften. Zur Würde von uns Menschen gehört genauso, dass wir uns um die Würde jeder einzelnen Schwester und jedes einzelnen Bruders kümmern. Die Gegner solcher Ansicht brüllen und toben: wir können nicht die ganze Welt retten! Doch! Wer sonst sollte denn die Welt retten? Honduras, Niger, Trump, Putin, Bolzonaro? Wenn wir die Welt nicht retten, wird sie nicht gerettet. Und mit ‚wir‘ sind nicht etwa die Deutschen gemeint, die Europäer oder Nordamerikaner oder Japaner, sondern alle Menschen guten Willens, alle, die die Weltrettung auch wirklich wollen. Der eine kümmert sich um unwürdig untergebrachte Wanderarbeiter, der nächste um immer noch hungernde Kinder, wenn es auch immer weniger sind, die wieder nächste um alte Menschen, kranke, schwache, ungerecht behandelte. ES GIBT VIEL ZU TUN, schrieb einst ausgerechnet ein Ölkonzern, PACKEN WIRS AN.

Die dritte, fast ein wenig verstörende Dimension des Films ist die ständige Reflexion, der Film über den Film sozusagen. So wird der Bürgermeister von Matera befragt, wie er zu Yesus steht, und er antwortet total überraschend, dass er, der Bürgermeister, gerne dessen Kreuz tragen würde, denn ein Bürgermeister ist ein Diener der Menschen, die ihm anvertraut sind. Und man weiß nicht, sagt er das als Bürgermeister von Matera, als Unterstützer der RIVOLTA DELLA DIGNITA oder als Darsteller des ‚Mannes aus Kyrene, der ihm sein Kreuz trug‘**. Noch tiefer geht die Szene, in der ein junger, sich als gläubiger Katholik bekennender Komparse aufgefordert wird zu zeigen, wie er Yesus, wenn der ein Afrikaner wäre, foltern würde. Er führt es an einem schwarzen Lederstuhl vor, und man versteht nicht: will er die Rolle oder spielt er sich? Wie im wirklichen Leben zeigt der Film, dass wir nicht nur in unserer wohlvertrauten Wirklichkeit leben, bestehend aus Häusern, Mäusen und Menschen, sondern auch in unseren Geschichten, Träumen und Fiktionen. Der Film springt zwischen Wahn und Wirklichkeit wie jeder einzelne Mensch in seinem Leben auch.   

Pasolini soll später, gefragt von Journalisten, seine Darstellung der Wunder für kitschig und überflüssig gehalten haben. Ich empfand das auch, jedoch nur als Yesus über das Wasser des Sees Genezareth geht, nicht aber bei der Verwandlung des Gesichts des Aussätzigen. Da sieht man das Glück der Heilung im Gesicht des Geheilten und des Heilers. So ist es doch bei jeder Krankheit und bei jeder Heilung.

Und ist es nicht ein Wunder, dass so viele Krankheiten jetzt geheilt werden können, darunter – hoffentlich – diese widerliche Pandemie, die wir vor genau einem Jahr nicht mehr für möglich gehalten hätten? Ist es nicht ein Wunder, dass uns heute hochgelobte Bücher und Filme die Visionen bieten, für die früher Menschen gekreuzigt und verbrannt wurden? Ist es nicht ein Wunder, dass Gerechtigkeit und Entropie sich asymptotisch zuwiderlaufen, und die Welt trotzdem jeden Tag ein kleines bisschen besser wird? Bitte, denken wir beim nächsten Tomateneinkauf daran!  

Wer demnächst auf der Autobahn vor oder hinter Neapel, je nach der Fahrtrichtung, wieder an Filme denkt, Das erste Evangelium nach Matthäus von Pier Paolo Pasolini, oder Christus kam nur bis Eboli von Francesco Rosi, oder die unsägliche Hollywood-Verunglimpfung Passion von Mel Gibson, der wird jetzt Das neue Evangelium von Milo Rau hinzufügen müssen.

*Matthäus 2324  

**Matthäus 2732