ENDE ODER ANFANG DES TRUMPUNSINNS?

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Die Erstürmung des Kapitols durch aggressive Trumpisten kann man verschieden deuten: Die sind selbst zum Putschen zu dumm oder in Deutschland haben drei Polizisten genügt, um den Gaulandisten den Zutritt zum Reichstag zu verwehren.

Aber ein ismus-Suffix ist fast wie ein Adelsprädikat: Trumpismus gibt es ebensowenig wie es Hitlerismus gab. Vielmehr suchen sich diese autokratischen Populisten oder populistischen Autokraten einfach eine Handvoll Vorurteile heraus, die sie zur Doktrin erklären. Hitler las in seinem Obdachlosenasyl antisemitische Broschüren und nervte mit deren Inhalt seine Mitbewohner. Diese einfachen Wahrheiten erscheinen deshalb als relativ ewig, weil sie manchmal seit Jahrhunderten wiederholt werden. So sind schon immer Epi- oder Pandemien mit Verursachern in Verbindung gebracht worden. 1348 brach nicht nur die Pest über Europa herein, sondern auch der felsenfeste Glaube, dass die Juden durch Brunnenvergiftung schuld an der Seuche seien. Was noch mehr verstört, ist eine andere Parallele: Pogrome gegen Juden gab es vor allem am Schabbat, an dem sie gut zu finden waren,  Abschiebungen gibt es im modernen Europa vor allem dann, wenn ein Asylbewerber gut integriert, also leicht aufzufinden ist.

Genauso parallel ist auch das Auftreten von Verschwörungstheorien in Krisenzeiten. Statt dem auch schon fast populistischen Aufruf WIR SCHAFFEN DAS zu folgen, also auf die eigene Kraft zu vertrauen, auf Solidarität, Nächstenliebe und einfach auch auf den eigenen Wohlstand, folgt man lieber dem Ruf nach dem angeblich starken Mann, der sich aber leider immer als Waschlappen erweist.

Wir beachten viel zu wenig, dass all diese rechten, populistischen und autokratischen Politiker Versager, Loser und Gescheiterte waren und sind. Hitler hat sich aus Angst vor dieser Erkenntnis vergiftet, erschießen und verbrennen lassen, Goebbels hat sogar seine sechs kleinen Kinder mit Blausäure ermordet. Unseren Vorfahren war leider nicht klar, dass der Zusammenbruch 1933 geschah, nicht 1945. Der Wahlbetrug in den USA fand, wenn überhaupt,  2016 (wie schon im Jahr 2000 bei der George W. Bush Wahl) statt, nicht 2020, wo das Ergebnis deutlich und klar ausfiel.

Trumpunsinn ist das Resultat des poor judgment seiner potenziellen Anhänger, die dadurch seine follower werden. Trump selbst lieferte nach Meinung des republikanischen Arizona-Senators John McCain III ‚eine der schändlichsten Aufführungen eines amerikanischen Präsidenten seit Menschengedenken‘.

Die Erstürmung des Kapitols durch eine Horde wildgewordener Ignoranten am 6. Januar 2021 ist ebensowenig wie das Abbrennen des Reichstags am 27. Januar 1933 das Symbol für irgendetwas Nennenswertes. Das Anzünden und Abbrennen des Reichstags ist höchstens technisch interessant. Weder hat es damals unsere Vorfahren vor dem gerade erst beginnenden Hitlerregime gewarnt, noch hat es später die Demokratie auch in Deutschland behindert. Im Gegenteil, der englische Architekt Lord Norman Foster, ein Schüler von Richard Buckminster Fuller, hat ebendiesen Reichstag mit seiner begehbaren Kuppel zu einem Symbol der Transparenz gestaltet. Demokratie beruht auf dem Ideal der Freiheit und der Methode der Transparenz, wie schon das frühe Wort ‚Aufklärung‘ (enlightenment) sagt. Alle Bildung ist Beleuchtung.

So wie das Leben selbst in Wellen verläuft, die man als Sinuskurven darstellen kann, so sieht auch seine Abbildung wie die Aufeinanderfolge bloßer Amplituden aus. Wir hoffen auf Besserung, aber benutzen dazu Rache. Wir rächen uns und hoffen auf Besserung. Das geht nicht. Die Rache kann als Instrument immer nur der Verschlechterung, ja, dem Bösen selbst dienen, weil Rache die Wiederholung des Bösen ist. Die Weltgeschichte wäre leicht zu machen, wenn alle wüssten, dass Rache identisch mit Untergang ist Das gleiche gilt für Strafe. Aus der Strafe erwächst das Böse, aus Liebe dagegen erwächst wieder Liebe, das leuchtet jedem ein, aber es ist schwer zu machen. Als vermeintliches Gegenargument kommen dann immer die Mörder. Aber es gibt zum Glück nicht soviele und immer weniger Mörder, so dass wir nicht gezwungen sind, eine moralische oder rechtliche Ordnung auf die Bekämpfung von Mördern zu gründen. Sowohl in der Bibel als auch in der antiken griechischen Sagenwelt gibt es Mord, aber er ist so unerhört, dass seine Ächtung legendär wurde, wie der Tantalidenfluch oder das Kainsmal. Die Welt beruht nicht auf Mord, sondern verbietet und bekämpft ihn. Die Welt ist weder schlecht noch überfüllt, sondern unterfordert und hasenfüßig.

Die meisten Menschen werden mit dem Urvertrauen geboren, das durch die ersten Mitmenschen entsteht: Mutter, Vater, Geschwister und Großeltern, Lehrer, Priester, Beamte. Ehe der erste potenzielle Mörder auftaucht, vergeht bei den meisten von uns viel Zeit. Umso ungeheurer sind dann der Knabenmord des Herodes oder Kindermord des Hitler, der Kinderkreuzzug oder die Entführung durch den Rattenfänger von Hameln.

Statistisch, ich kann uns diese einerseits grausame Tatsache nicht vorenthalten, schlagen Mord, Krieg und Rache ohnehin nicht zu Buche. Leid und Leiderfahrung werden zwar verstärkt. Aber wie mit Zauberhand – wahrscheinlich die von Max Weber – gibt es neue Kinder und also neue Menschen. Das rechtfertigt keinen einzigen Mord, aber die Zuversicht.

Mental oder psychisch ist die Zuversicht die wichtigste Ingredienz des menschlichen Lebens und der menschlichen Rasse. Wie anders haben beispielsweise Thomas Campanella und Nelson Mandela siebenundzwanzig oder achtundzwanzig Jahre übelsten Kerkers ausgehalten? Gleichzeitig zeugen die beiden, die ein je so gutes Erbe hinterlassen haben, wie wirkungslos Strafe ist, und fast immer unberechtigt. Und noch einmal: dies ist hier kein Lehrbuch für den Umgang mit Straftätern, sondern ein Essay über die 99% Menschen, die guten Willens sind. Für die Straftäter braucht es einen neuen Dr. Dr. Anselm Ritter von Feuerbach, für alle anderen reicht Zuversicht.

Selbstverständlich sollen solche Gedankengänge keine Aufforderung zum Nichtstun sein. Ganz im Gegenteil wird sich die Welt selbst desto mehr herausfordern, je mehr Kreative in ihr wirken können und auch tatsächlich wirken. Überall, wo noch bis vor kurzem der Kampf gegen den Hunger die Menschen lähmte, werden schon bald Millionenmassen neue Ideen entwickeln. Nicht nur in der Katastrophe wächst dem Menschen die Kraft zu ihrer Überwindung, auch im Überfluss bahnt sich der Strom der Ideen seinen Weg durch die Trägheit, Unterforderung und Hasenfüßigkeit. Wir können ganz sicher sein, schon aus Erfahrung, dass nach der Emanzipation der Frau, der Afrikaner, der Kinder, des Individuums auch die Stunde kommen wird, da die Kreativität gegen das bloße Formelwissen, das heute in jedem schlichten Handy Platz hat, emanzipiert und damit befreit werden wird.