
Vier Bemerkungen zu einem merkwürdigen Katalog[1]
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Nach der Schlacht bei Kleidion 1014 n.Chr. ließ der byzantinische Kaiser Basileios II., der Bulgarentöter, vierzehntausend Bulgaren blenden, aber jedem hundertsten ließ er ein Auge. Das war der geblendete Pfadfinder. Auch übergroße Bewunderung kann dazu führen, dass man von der Schönheit, der Größe, Masse oder Bedeutung geblendet ist wie von der Sonne. Die Blendung – besonders mit dem Präfix ver – ist mitunter eine schöne Metapher für die in Kaninchenstarre verfallene Bevölkerung eines autoritären Staates, die vielleicht sogar noch mit dem Stockholm-Syndrom geschlagen ist und später die autoritäre Entwürdigung und Vereinnahmung – weil sie mit der eigenen Jugend zusammenfiel – verherrlichen wird. Der geblendete Scout kann jedoch auch der blinde Seher der antiken Tragödie sein, der die Welt besser analysiert, weil er den äußeren Anschein perfekter ignorieren kann.
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‚Wer einen Text liest, wird sein Autor.‘ Das soll allgemeingültiger heißen: die Interpretation entspricht nur ausnahms- und teilweise der Intention. Weil Kunst immer ein Konstrukt, eine Komposition, eine Abstraktion ist, widerspricht sie sich zunächst nicht und hat keine Alternative: die Kunstfigur ist nicht zu retten, aber die eineindeutige Interpretation ist ein gewöhnlicher Trugschluss: zu schön, um wahr zu sein. Als Beispiel kann man gut den Streit um Goethes Werther nehmen: die eine Partei [Lessing], meinte, der Verfasser solle unbedingt ein ‚zynisches Kapitelchen‘ anhängen, die nächste [Lichtenberg] glaubte, dass die beste Stelle in diesem Buch die sei, wo der Hasenfuß sich erschießt, und schließlich darf die Gruppe der Betonköpfe nicht fehlen [Goeze], die das Buch verbieten wollte. Goethe selbst war im Gespräch mit Eckermann der Meinung, dass jede Zeit ihren Werther haben wird und gab damit den Weg vor, der zur Befreiung der Interpretationen aus den Fesseln der Intentionen[2] führen kann.
Das Leben / die Welt von uns Menschen besteht aus Realitäten und Narrativen, und man kann sich lange streiten, ob das jeweilige Narrativ der katholischen Weltkirche, des Kommunismus, des nationalbolschewistischen Autoritarismus oder des Internets wirkmächtiger und universalistischer ist. Aber unbestreitbar ist, dass das, was wir für Realität halten, oft das Narrativ ist und umgekehrt. ‚Ein Traum, was sonst?‘[3] Das ganze Leben ist ein Zitat. Der größte Teil der Weisheit sind Sprüche. ‚Wer es fassen kann, fasse es.‘[4] Es bleibt dabei: Kunst ist [erstens] Kinderspiel. Kunst geht [zweitens] nach Geld. Kunst ist [drittens], was überdauert. Diese drei, aber wer ist die größte unter ihnen?
Kann man sich aus dem herrschenden Narrativ oder aus der realen Umgebung isolieren? Nach der nationalsozialistischen Herrschaft und dem zweiten Weltkrieg hat ein Teil der im Land verbliebenen Künstler für sich den Begriff der ‚inneren Emigration‘ geschaffen und beansprucht. Sie wollten damit sagen, dass es zur Distanzierung nicht nötig ist, außer Landes zu gehen. Ob das auch auf die dissidenten Künstler und Politiker der DDR zutrifft, wird seit 1989 kontrovers diskutiert. Die ‚inneren Emigranten‘ vertraten ein Spektrum vom harmlosen Mitläufer bis zum aktiven und verfolgten Widerständler. Der Wortführer der Emigranten, Thomas Mann[5], verurteilte die ‚innere Emigration‘ scharf und auch ungerecht, diese antwortete mit dem Verdacht des Verrats. Wir dürfen nicht vergessen, dass es noch die Zeit des Nationalismus war: Nationalismus ist etwas für Menschen ohne Ich. Der Begriff der ‚inneren Emigration‘ ist also im zeitlichen Kontext verständlich und allgemein akzeptiert, semantisch ist er eigentlich unsinnig. Aber was ist ‚innere Immigration‘[6]? Es könnte ein von der Verfasserin vorgeschlagener völlig neuer Begriff sein. Dagegen spricht sowohl seine semantische Paradoxie: wohin will der Menschen wandern, wenn er schon innen ist?, als auch der absolut singuläre Gebrauch in diesem fragwürdigen Büchlein. Dessen Titel, die merkwürdige Dichotomie ’Von Zärtlichkeit bis Anklage‘, der umgedreht wenigstens etwas besser wäre, erinnert leider an ein Machwerk sozialistischer Literatur, den Roman ‚Gewalt und Zärtlichkeit‘ von Horst Bastian.
3
Warum verklärt man eine zurecht untergegangene Realität? Warum trauert man einer ‚Gemeinschaft‘ nach, die keine war, weil es keine gibt. Eine Gemeinschaft ist im besten Fall eine Gruppe von Menschen, die eine einzige Ansicht der Welt erlaubt: ‚ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche‘[7], Volksgemeinschaft, sozialistische Menschengemeinschaft und schließlich die von Ulrich Siegmund in Sachsen-Anhalt angestrebte Gemeinschaft der neunziger Jahre. Jeder Gruppe wohnt das Schisma inne, schon allein deshalb bleibt jede angestrebte Gemeinschaft Dystopie. Allerdings verspricht die pluralistische Gesellschaft keine platten Erleichterungen. Es ist immer schwer zu akzeptieren, dass andere anders sind. Noch merkwürdiger wird es, wenn der schöne Gedanke der fraternité aus der französischen Revolution von 1789 plötzlich Maxim Gorki als Erfinder zugeordnet wird. Die posthume Fassung der Ode an die Freude von 1808 ist spätestens seit der Vertonung von Beethoven und der Installierung als Europahymne Gemeingut: alle Menschen werden Brüder. Beinahe noch großartiger, weil auch den sozialen Aspekt betonender, ist die Urfassung von 1785: Bettler werden Fürstenbrüder.
In der merkwürdigerweise gepriesenen sozialistischen Menschengemeinschaft fehlten allerdings ‚schlicht die finanziellen Mittel‘, der Künstler und seine Familie aßen Margarine und Gartenfrüchte, seine Tonmodelle zerbröselten, Jugendliche ‚mit Zerstörungseifer‘ schlugen die angeblich hochgeachtete Kunst ‚kurz und klein‘.
Ausgerechnet das ‚Haus der Kultur und Bildung‘ von Iris Dullin-Grund, einer Schülerin von Selman Selmanagić, das die historische Stadtstruktur irreversibel zerstörte, wird als Höhepunkt der ‚gemeinschaftlichen‘ Kunst gefeiert. Noch krasser wird das in dem als Genossenschaft geplanten, dann aber bald vom Staat vereinnahmten ‚Zentrum Bildende Kunst‘ deutlich. Vielleicht hatte es Gildenhall, Eden, Worpswede oder sogar Monte Verita als Vorbild. Keinesfalls zerbrach es mit dem Ende der DDR, vielmehr löste es sich 2002 von selbst auf. Geführt wurde das Zentrum allerdings von Ruth Crepon, der Ehefrau des Chefs des Neubrandenburger Literaturzentrums und Bezirksvorsitzenden des Schriftstellerverbandes Tom Crepon. Er war nicht nur ein informeller Mitarbeiter der Staatssicherheit, sondern bekannt für seine Intrigen und Bespitzelungen, oft in Zusammenarbeit mit Joachim Wohlgemuth. Das alles war in der Kulturszene der DDR wohlbekannt, aber im Katalog der Ausstellung wird das Zentrum als reiner Hort der Kunst und der Gemeinschaft gefeiert.
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Ein wahrlich alter Mann zeigt sein beträchtliches und beachtliches Lebenswerk, aber die Laudatorin benutzt überflüssigerweise die Verklärung der DDR, um eine völlig verquere Interpretation des Holzbildwerks von Karl Rätsch zu präsentieren. Zwar hat der Künstler eine DDR-Bilderbuch-Biografie, aber davon ist hier in der Schlosskirche in Neustrelitz nichts zu sehen. Auch die Titel seiner Werke, vielleicht mit einer Ausnahme[8], sind nicht politisch oder historisch festgelegt. Die Skulpturen bewegen sich zwischen einer Semifiguration und einer Semiabstraktion. Einige erinnern stilistisch vielleicht entfernt an Barlachs Bildsprache. Vielmehr als aus Biografie und Geschichte erklärbar scheinen sie philosophisch inspirierte Essays über menschliche Verhaltensweisen, Ideen, Gefühle und Absichten zu sein. Die Figur ABENDLICHES RESÜMEE sieht sogar autobiografisch aus: ein Denker oder Künstler oder einfach ein Mensch zergrübelt den Tag, die Woche, den Monat, das Jahr. So ist es oft: unsere Absicht war groß, die Wirkung erscheint zu klein, aber die Folgen können wir nicht absehen. Kühle, abstrahierte Frauenkörper erscheinen als die Schatten der Schönheitsideale, die Jahrhunderte galten, sich aber jetzt besinnen: SICH BESINNENDE oder JEDER TAG STELLT NEUE FRAGEN. Wir erschrecken vor einem Alptraum, den wir erwarteten: DER ÜBERFÄLLIGE ALPTRAUM. BRÜDER – WAS TUT IHR MIR AN erinnert mich sofort en die tausendjährige Segregation, die Sortierung und Entwürdigung unserer Brüder aus fernen Ländern, um Arbeitskraft zu potenzieren, übrigens auch in der DDR mit ihrer ‚Gemeinschaft‘. Überhaupt sehen einige Skulpturen wie Afrikaner aus, nichts von alledem hat einen Bezug zur DDR, die ganz umsonst und sinnlos für ein Werk bemüht wurde, das sich selbst erklärt. Sobald ein Kunstwerk aus dem Atelier hinaus in die Welt tritt, zerbröselt die Intention seines Schöpfers. Selbst in dem Punkt gleicht die Kunst der mosaischen Schöpfungsgeschichte: Gott erschafft die Menschen nach seinem Bilde und ist entsetzt. Aber auch in Rätschs Biografie findet sich dasselbe Gleichnis: er stellt seine Tonmodelle naiv in die Winterwelt und die Kälte zerbröselt die gute Absicht, dann kommen auch noch Jugendliche aus der ‚Menschengemeinschaft‘ und zerstören den Rest. So geht es jedem Wort und Werk: erst kommt das Palimpsest, dann die Entropie, im allerbesten und seltensten Fall liegt dazwischen ein Museum.
Dem Architekten[9] der Neustrelitzer Schlosskirche versank sein und unser Lieblingsbau wie von ihm vorausgesagt im benachbarten Morast. Der Großherzog hatte seinerzeit befohlen, sich über die Naturgesetze zu erheben. Der Architekt erschoss sich deswegen, vielleicht aber auch aus Fatigue, er war ein alter Mann mit einem riesigen Lebenswerk in einem winzigen Land, und aus Trauer über den vorzeitigen Tod seiner geliebten Frau. Die Schlosskirche selbst verlor die vorbestimmte Interpretation als Sakralbau, die Bestimmung als Feudalbau, keine Gläubigen mehr, keine Herzöge, die vor dem Heer zogen, noch nicht einmal mehr Geld, um die Orgel zu reparieren. Nichts bleibt so, wie es beabsichtigt war. Nichts wird wie früher. Das meiste, das wir über früher denken, ist genauso falsch wie das, was wir über morgen denken und was wir übermorgen denken.
Wer glaubt, den Pfad gefunden oder verloren zu haben, ist sehr wahrscheinlich geblendet. Alle Navigation einschließlich ihrer Geräte, und seien es Automaten, krankt an der niedrigen Erfolgsquote, so wie wir Menschen selbst, die wir uns stets für richtig halten, und fast immer daneben liegen. Wie ein Lottospieler sind wir, der – auch dies nach Schiller – immer nur Nullen zieht. Wir lassen uns durch Narrative blenden, durch Tatsachen, durch Notwendigkeiten, durch Ermüdung und Halluzination, durch Gefolgschaft, Gehorsam und vermeintliche Gemeinschaft, die immer, immer verlogen ist. Über allem steht die Kunst, die keiner Erklärung bedarf, die vom Herzen kommt und zu Herzen geht.
Einen haben wir noch:„…wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz.“[10]
[1] Mara Maroske, Von Zärtlichkeit bis Anklage. Das Lebenswerk des Bildhauers Karl Rätsch
[2] Invention vor Intention
[3] Heinrich von Kleist, Prinz Friedrich von Homburg, V,11
[4] Matthäus 19,12
[5] ‚Wo ich bin, ist die deutsche Kultur.‘
[6] S. 4ff.
[7] Wilhelm II. 1914
[8] WIR – ZUM HERRENMENSCHEN VERURTEILT
[9] Friedrich Wilhelm Buttel 1796-1869
[10] Psalm 90,9





