GIER

für cds

Vielleicht glauben so viele Menschen wirklich, dass die demografische Katastrophe in ihrem Land durch das Verbot von Homosexualität und ‚Genderwahn‘ aufzuhalten sei. Es könnte das dieselbe Frage sein, warum die Menschen früher die Hexen fürchteten, statt diejenigen, die sie verbrannten. Die Erkenntnis ist inzwischen trivial, dass wir zwar denkende Wesen sind, uns aber – in Ersparung des eigenen oder kollektiven Denkens – auch gerne einer vorgeblich allwissenden und allmächtigen Führung unterwerfen. Denn Wissen ist immer auch Verantwortung, die zu tragen unsere Sonntagsruhe stört, wie schon in Goethes Faust zu lesen ist.  

In den reichen Ländern sind vor allem – mit Ausnahme einiger weniger Erben – die Alten reich. Was gebrechlich mit Rollatoren einherkommt, ist durch teils beträchtliche Konten abgesichert. Die wieder andere Kehrseite von Alter und Reichtum ist aber Einsamkeit, weshalb in der Verbrecherwelt der Enkeltrick erfunden wurde, und, obwohl inzwischen hundertfach kolportiert und in den Zeitungen und im Fernsehen entlarvt, weiterhin erfolgreich – für die Verbrecher und Rentner  funktioniert. Er ist auch ein bisschen menschlich verständlich und es handelt sich um überschaubare, meist fünfstellige Summen, die sich für die mafiös organisierte Verbrecherseite nur in der Masse rechnen. Er geht so:  Ein alte Frau wird angerufen und hört, dass ihre Enkelin oder ihr Enkel, die oder den sie nicht kennt, in Not geraten ist. Die Gründe sind amerikanischen Filmen entnommen, die wir alle oft für Wirklichkeit halten: unwiderrufliche Inhaftierungen, Kautionen, übergriffige Polizisten. Die alte Dame geht also zur Sparkasse, hebt ihre gesamten Ersparnisse ab und übergibt sie einem Boten mit osteuropäischem Akzent. Das sieht eher nach einer verständlichen Hoffnung aus, doch noch die Enkel kennenzulernen.

Nun aber gibt es durch eine akzentfreie, wohl in der Klasse der Versicherungsvertreter angesiedelten Mafia die Möglichkeit, ganz locker in den sechsstelligen Abzockerbereich zu gelangen. Einem Ehepaar aus Nordrhein-Westfalen wurden durch ihren Versicherungsagenten Faksimiles als Geldanlage angeboten. Man muss nicht erklären, was Faksimiles sind, die im Gegensatz zu den gefakten Enkeln tatsächlich Geld kosten, denn das ist völlig irrelevant. Die reichen Rentner kauften etwas für sie unverständliches und unwichtiges und stapelten es im Schlafzimmer. Als ihre Ersparnisse von 300.000 € aufgebraucht waren, nahmen sie einen Kredit auf, um weitere Faksimiles erwerben zu können. Jetzt schämen sie sich für ihre Dummheit und geben als Motiv dafür an, dass sie ihren Enkeln etwas mehr vererben wollten.

Die eigentliche Ursache für derlei Verbrechen ist aber, dass wir alle zu viel Geld haben, das gilt nicht nur für Privatleute, sondern auch für Firmen und Staaten. Und aus dieser Inflation der Ersparnisse und der Sparmöglichkeiten ergibt sich seit altersher die Todsünde der Gier. So jedenfalls nennt es die katholische Kirche, die, weiß Gott, über Geld und Gier bescheid weiß. Aber auch außerhalb dieser antikisierenden Geldgemeinschaft wird niemand Gier gutheißen, es gibt sie, seit wir denken können und sie steht in allen alten Schriften, aber wir können nicht von ihr lassen. Die Versuchung ist zu groß, zu glauben, dass die Rücklage von Geld und Gold vor Krieg und Hunger und Pest schützt.

Die Gier ist es, die uns dazu bringt immer mehr Geld für mehr oder weniger unsinnige Projekte auszugeben, einzig mit dem Ziel, immer mehr Geld zu generieren. Zum Beispiel geben wir 100 Milliarden € zur Abwehr eines macht- und gewaltdebilen Diktators aus. Das kann man kritisieren oder gutheißen. Aber die eigentliche Katastrophe besteht darin, dass niemand auf die Idee kommt, gleichzeitig und den gleichen Betrag für die Kinder auszugeben, für deren Bildung, Betreuung und Bevorzugung. Stattdessen sehen wir zu, wie unsere Zukunft in den Banlieues, die hierzulande bisher Hartzvier hießen, verkommt.     

Während wir hier Faksimiles kaufen, um noch mehr und noch mehr Geld vererben zu können, schrumpfen in einigen Gebieten der Welt die Arbeitsbevölkerungen, sie vergreisen und verschlingen Renten, die sie nicht erarbeiten können. So ist es in Russland, in China und wahrscheinlich auch in Indien. Ob etwa Russland seine Probleme durch Expansion lösen will, werden wir erst nach dem Krieg und nach dem baldigen Ende der Putin-Herrschaft erfahren. Bisher hat Russland jedenfalls alle seine Probleme durch Extensivierung (‚NEULAND UNTERM PFLUG‘) zu lösen versucht.

Unbemerkt ist Afrika aus dem Akkumulator aller Probleme zum Vektor der Hoffnung geworden, denn es ist das einzige Weltgebiet, in dem die Bevölkerung wächst. Und damit wächst zum ersten Mal in der Weltgeschichte nicht das Elend. Wir erinnern uns: als unsere Urgroßväter das große Werk der Industrialisierung begannen, nahmen sie Millionen Massen verelendeter Arbeiter und Arbeitsloser in Kauf, so krass, dass 1848 Marx die Diktatur des Proletariats erfand, Wichern Armut mit Unglauben gleichsetzte und schließlich Nietzsche – etwas später – die Umwertung aller Werte voraussah. Allein aus Irland floh die Hälfte der Bevölkerung, auch aus Deutschland wanderten Millionen Menschen aus. Während viele Europäer, Amerikaner und Asiaten ihre antiafrikanischen Vorurteile pflegen und erkenntnistheoretisch für ausreichend halten, dergestalt, dass sie sich Afrikaner als analphabetische Skelette vorstellen, deren höchster Lebenssinn der Besitz einer Kalaschnikow ist, war schon bei der Entstehung dieses Bildes die Welt auf den Kopf gestellt: die Kalaschnikow kam aus Europa, dem Hunger haben wir mit Häme zugesehen, von bedeutenden Einzelbeispielen der sogar blockübergreifenden Hilfe, wie zum Beispiel 1984 für Äthiopien, abgesehen. Inzwischen liegt das Durchschnittsalter vieler afrikanischer Länder bei unter zwanzig Jahren, die Analphabetenquote hingegen im Durchschnitt bei unter zwanzig Prozent, nur in der Sahelzone ist sie höher. Es handelt sich – ganz im Gegenteil zu den Klischees – um eine gebildete, aufwärtsstrebende und gutgelaunte Jugend, die lebensfroh ihrer Ubuntuphilosophie folgt.

Niemand kann bekanntlich die Zukunft voraussagen. Aber es scheint so, dass die Zeiten für faksimilekaufende Rentner, autoritäre Herrscher und irre Kriege sowie Tänze um goldene Kälber langsam auf ihr Ende zugehen. Auf die Verbrechen der reichen Rentner folgen die Kreationen der jungen Innovatoren mit ihren digitalen Werkzeugen. Nicht nur goldene Kälber sind in Zukunft vermeidbar, sondern auch aufzufressende Kälber. Mit Kälbern, die schon Brecht als starke Metapher hatte (‚KÄLBERMARSCH‘), verhält es sich so wie überhaupt mit der Jugend: wer sie verachtet, verachtet sein eigenes Leben und seine eigene Zukunft. Man kann doch nicht Kinder in die Welt setzen, egal auf welchem Kontinent, um sie dann zu verachten und ihrem mäßigen Schicksal zu überlassen. Lange Zeit gab es den Spruch: in diese Welt kann man keine Kinder gebären, er war nicht nur zynisch, sondern auch schöpfungsverachtend, selbstbezogen und gierig. Wenn, wie wir inzwischen alle erkennen, die Welt nicht gut ist, müssen wir sie besser machen, ohne Gier, ohne Geiz, möglichst auch ohne Geld als Lebenssinn. Es beginnt die Stunde der Demografie und das Jahrhundert Afrikas.             

DER KLAVIERSPIELER IM GREIFSWALDER DOM

Ein Manifest

Sie spielen doch auch? Wie spielen Sie das denn? Man kann es so oder so spielen. Ich spiele es so. Wie spielen Sie es? Sie sind doch aus Nordrhein-Westfalen? Aus Brandenburg? Das Brandenburger Tor hat Sie auch kaputt gemacht. Das Brandenburger Tor haben sie auch kaputt gemacht, einfach abgerissen, das Brandenburger und das Friedländer Tor. Es gibt kein Friedland mehr. Es gibt doch ein Brandenburger Tor? Oder wurde es abgerissen? Das macht etwas mit uns. Wie war es damals bei – jetzt weiß ich den Namen nicht mehr. Haben Sie den Maler gesehen? Er hat dort eine unordentliche Ausstellung. Der ganze Dom ist so unordentlich. Gestern traf ich den Herrn Habakuk, und er sagte, dass auch die Steine in den Mauern schreien und die Balken antworten werden. Da braucht man diese Bilder und diese Musik, wegen der fehlenden Ordnung. Überall in der Stadt hängen so kleine Zettel, die angeklebt sind. Darauf steht MAUTE LUSIK. MAUTE LUSIK, Sie verstehen, das ist nicht lustig? Das ist so wie diese Bilder, die hier so unordentlich angenagelt sind. Eines heißt: DER FLÜCHTLING. Aber wir fliehen doch alle, wenn die MAUTE LUSIK beginnt. Noch schlimmer sind all die Listen, auf denen die Namen stehen, die wir vergessen haben. Auch an den Häusern und auf den Bürgersteigen stehen die Namen der Toten. Heute ist Gorbatschow gestorben und auch er hat gesagt: das schlimmste, was er damals vorgefunden hat, waren alle diese Listen, auf denen die Namen standen, die wir vergessen sollen. Und die hat der Maler gemalt. Der Flüchtling liest einen Brief. Darin steht seine ABSCHIEBUNG. Es gibt auch ein Bild mit dem Brandenburger Tor, das abgerissen wurde. Auf dem Bild sehen Sie alle die Bilder, die verboten wurden. Das macht etwas mit uns. Bilder kann man verbieten, MAUTE LUSIK nicht. Sie sehen ja, ich spiele hier, und niemand widerspricht. Der Musik kann man nicht widersprechen. Die ist uns über, obwohl wir sie gemacht haben. Sehen Sie, da kommen immer neue Leute herein, die eigentlich schon tot sein müssten, die auf den Listen standen, die auf den Bildern gemalt waren. Aber sie leben noch, sie kommen hier hereinspaziert, das Eis noch in der Hand, die ihnen abfallen müsste, und fotografieren sich mit ihren Telefonen. Und schicken die Fotos gleich in die Welt. Und die Welt ist heute nur noch der Kommentar der Telefone, und der Zeitungen, und der Fernseher, und der Computer. Aber ich sitze hier jeden Tag an dem Klavier. Und die Steine in den Mauern schreien und ich antworte. Ich schiebe die dicke Kunstlederdecke weg, klappe den Flügel auf, und spiele so, wie die Welt ist, so wieder Maler mit den angenagelten Bildern sie auch gesehen hat. Ich höre sie, die Welt, nicht die Kommentare. Wer hört schon noch die Welt, wer sieht schon noch die Welt? Jeder Blinde tastet besser, als der Rest sieht. Das macht etwas mit uns. Der Flüchtling betrachtet den Globus und weiß nicht, wohin. Der Globus betrachtet den Flüchtling und weiß nicht, wohin mit ihm. Welt und Flüchtling, das passt nicht zusammen, also schieben wir sie ab, lassen wir sie auf dem Mittelmeer ertrinken, schenken wir sie den libyschen Sklavenhändlern oder der Putin-Armee, die braucht dringend Verstärkung. Aber sie wird zu Weihnachten untergehen. Bis Weihnachten werden wir frieren, aber dann wird alles besser. Dann wird alles besser. Das macht etwas mit uns. Uns verfolgen die Phrasen wie früher die Häscher des Herodes,  als wir zwei Jahre alt waren. Herodes metzelte die Babys, Hitler den Maler, der dort angenagelt ist, und Putin metzelt die Ukrainer. Aber er wird verlieren wie Falkenhayn. Kennen Sie Falkenhayn? Er stand in Verdun, da wo jetzt eine Million Kreuze stehen, und schlachtete eine Million Soldaten. Da kommt Putin nicht mit. Aber verlieren wird er wie Falkenhayn. Und wie Hitler und wie die alle heißen. Oh, losers, ich habe eure Namen vergessen! Die Namen gehören auf die Listen der Namen, die wir vergessen sollten. Das macht etwas mit uns. Früher war der Dom zum Beten da. Aber seit keiner mehr beten will, wird hier alles abgestellt. Da sehen Sie die angenagelten Bilder, im Turm sind Faces aus Tansania gefangen. Das ist gut, aber niemand weiß, warum, niemand weiß, wohin. Und dann das Kinderspielzeug. Müssen die Kinder hier spielen? Gibt es überhaupt noch Kinder? Fahren nicht die meisten Menschen schon ihre Hunde spazieren auf ihren Fahrradanhängern? Der tote Maler, wenn er noch leben würde, würde das malen: die Menschen auf den Fahrrädern und in den Anhängern die staunenden Hunde. Aber er stand auf der Liste. Ich muss jetzt weiter spielen. Einer muss weiter spielen oder wenigstens malen. Wenn sie nur das Brandenburger Tor hätten stehen lassen. Aber es ist kaputt für immer. Was macht das mit uns? Was macht das mit uns? Was machen wir mit uns? Was machen wir mit uns?   Die Steine in den Mauern werden schreien und niemand antwortet.  

WAS TUN?

In einem kleinen Dorf wohnte ein Mädchen, das immer eine rote Kappe trug. Es wurde deshalb Rotkäppchen genannt. Eines Tages sagte die Mutter zu dem Mädchen: ‚Rotkäppchen, die Großmutter ist sehr krank und ich habe keine Zeit. Gehe du zu ihr und besuche sie. Ich packe Kuchen und Wein ein, damit die Großmutter wieder zu Kräften kommt.‘

Die Großmutter wohnte aber in einem Wald, drei Kilometer von dem Dorf entfernt. Deshalb sagte die Mutter: ‚Rotkäppchen, du weißt, dass in dem Wald auch der böse Wolf wohnt. Wenn du den Weg verlässt, wird er dich fressen.‘ Rotkäppchen versprach aufzupassen. Aber in Wirklichkeit hatte es keine Angst, denn es ging gerne durch den Wald und hatte dort noch nie einen Wolf gesehen.

Als nun Rotkäppchen im Wald war, bemerkte es dort schöne Blumen. Rotkäppchen wollte für die Großmutter Blumen mitnehmen, denn die Großmutter liebte Blumen über alles und arbeitete gerne in ihrem Garten. Aber erst einmal musste sie wieder gesund werden.

Rotkäppchen pflückte Blumen, da hörte sie eine tiefe Stimme. War das nicht ein Wolf? Und stand neben ihm nicht eine Ziege?

Der Wolf sagte zu der Ziege: ‚Ich bin nicht böse. Ich fresse nie dein Gras. Es wäre also nur gerecht, wenn du mir ohne Gewalt dein Fleisch geben würdest.‘*

Die Ziege antwortete: ‚Nein. Man kann nicht das Leben gegen die Freiheit tauschen. Ich habe Hörner und ich habe Hufe. Ich werde solange gegen dich kämpfen, bis du verschwindest.‘

Rotkäppchen nahm schnell den Korb mit dem Kuchen und dem Wein und ihre Blumen und rannte so schnell sie konnte zu dem kleinen Haus ihrer Großmutter.

‚Großmutter‘, rief sie, ‚ich habe den Wolf gesehen und gehört. Er ist nicht nur böse, sondern auch dumm. Er wollte die Ziege überreden, sich fressen zu lassen.‘

Der Großmutter ging es schon viel besser. Sie setzte sich im Bett auf und sagte: ‚Rotkäppchen, wenn du allen Kindern der Welt auf Facebook schreibst, was du heute erlebt hast, dann wird es Frieden für alle Menschen und für alle Zeit geben. Kein Mensch ist besser als der andere, kein Land ist schöner als das andere. Niemand darf lügen, um sich einen Vorteil zu verschaffen.‘ Und so ging Rotkäppchen nach Hause und schrieb in ihrem Computer: WAS DU NICHT WILLST, DASS MAN DIR TU, DAS FÜG AUCH KEINEM ANDERN ZU**. Und sie schickte es an alle Kinder der Welt. Und als die erwachsen waren, gab es nur noch Frieden.

*nach einer Idee von Karel Čapek

**Goldene Regel

Що робити або Червона Шапочка в часи російсько-української війни

В одному маленькому селі жила дівчинка, яка завжди носила червону шапочку. Саме тому назвали її Червона Шапочка. Одного дня мати до неї каже: «Червона Шапочко, твоя бабуся захворіла, а у мене зовсім немає часу. Піди, будь ласка, та провідай її. Я спакую тобі печиво та вина, щоб бабуся швидше одужала.

Але бабуся жила у лісі, що за три кілометри від села, тому мати наголосила: «Червона Шапочко, ти ж знаєш, що у лісі живе злий Вовк. Якщо ти зіб’єшся зі шляху, він з’їсть тебе.» Червона Шапочка пообіцяла вважати на себе, але насправді вона не боялася, тому що дуже любила гуляти в лісі і ще жодного разу не зустріла там вовка.

Коли вже Червона Шапочка була у лісі, вона помітила багато квітів. Вона захотіла зірвати їх для бабусі, адже бабуся понад усе на світі любила квіти та працювати в своєму садку, тільки для цього їй потрібно було спочатку одужати.

Червона Шапочка рвала квіти, аж раптом почула голос. Чи це не був Вовк? І чи це не Коза стоїть поруч з ним?

Вовк саме промовляв до Кози: «Я не злий. Я не з’їм твоєї трави. Але це буде по-чесному, якщо ти без жодного пручання віддаси мені своє м’ясо.»*

Коза відповіла: «Ні. Не можна проміняти своє життя на свободу. У мене є роги та копита і я буду боротись з тобою доти, доки ти не зникнеш.»

Червона Шапочка схопила швиденько свою корзинку з печивом та вином, квіти та побігла щодуху до маленького будиночку своєї бабусі.

«Бабусю!», – закричала вона, – «Я бачила та чула Вовка. Він не лише злий, а ще й дурний! Він хотів вмовити Козу, щоб та дозволила себе з’їсти.»

Бабуся вже почувала себе краще. Вона припіднялася з ліжка і промовила:

«Червона Шапочко, якщо ти всім дітям на світі напишеш в Фейсбуці, що ти сьогодні пережила, тоді запанує на світі мир на всі часи. Жодна людина не є краща за іншу і жодна країна не є гарніша ніж інша. Ніхто не може брехати заради своєї вигоди.»

Тому Червона Шапочка пішла додому і написала в своєму комп’ютері: ЧОГО НЕ ХОЧЕШ, ЩОБ ЧИНИЛИ ТОБІ, НЕ ЧИНИ ІНШОМУ.** Вона вислала це всім дітям на світі і коли вона вже була дорослою, на світі панував Мир.

*за ідеєю Карла Чапека

** Золоті Правила

Переклад: Аліна-Марія Сенюх

EIN ETIKETT IST KEIN ARGUMENT

Die Landrätin der Uckermark meint nun auch, dass ihre Stunde gekommen sei, um in der großen Weltpolitik mitzureden. Das wäre auch schön und wünschenswert, wenn sie etwas mitzuteilen hätte. Stattdessen glaubt sie, dass die Ukraine den Krieg nicht gewinnen kann und wir deshalb die Sanktionen gegen Russland lockern sollten. Der wahre Grund dafür ist natürlich, dass die PCK-Raffinerie möglicherweise am 1. Januar des nächsten Jahres schließen muss oder jedenfalls in eine tiefe Krise gerät. Aber sind wir nicht alle in großen Krisen?

Man kann die Vergangenheit leider nicht korrigieren. Alle vorhergehenden Regierungen haben von Klimawandel geredet, aber weiter billiges Gas und Öl, also fossile Brennstoffe, aus Russland gekauft. Die Ironie der Geschichte will es, dass nun ausgerechnet ein grüner Wirtschaftsminister, dessen Namen die Landrätin nicht oder falsch kennt,  die festgefahrene Karre aus dem Dreck  ziehen muss. In der letzten rot-grünen Koalition waren es Kriegseinsätze der NATO zugunsten des unterlegenen Bosniens und des unterlegenen Kosovos, beides kleine Länder ohne wirkliche Armee, die von einem übermächtig scheinenden Gegner geschluckt werden sollten. Schon damals zeigten die Grünen, dass sie eher Realisten als Ideologen sind. Trotzdem wird dieser Einsatz heute von Linken und Rechten, die ich zusammen gerne Nationalbolschewisten nenne, als völkerrechtswidrig bezeichnet und von Putin gar als Rechtfertigung für seinen Krieg gegen die Ukraine missbraucht.

Niemand weiß, wie der Krieg des russischen Goliath gegen den ukrainischen David ausgeht, auch wenn wir die schöne biblische Geschichte vom schlauen kleinen Hirtenjungen David zitieren, der gegen das übermächtige Monster locker – sozusagen pfeifend – siegt. Er war siebzehn Jahre alt. Russland verschießt jeden Tag 3000 Tonnen Munition und kommt zentimeterweise vorwärts, wenn überhaupt. In Kiew normalisiert sich das Leben, mit der Ukraine verbündete oder befreundete Politiker geben sich die Klinke in die Hand. Im Süden ist zwar Mariuopol zerstört, aber sieht so ein Sieg aus? Cherson und Odessa dagegen bleiben fest in ukrainischer Hand. Beinahe noch düsterer für das goliathische Monster sieht es im Osten aus, in den von den Separatisten bisher schon gehaltenen Bezirken Luhansk und Donezk. Donezk war einst das Ruhrgebiet der Sowjetunion, der Stolz einer Industrienation. Jetzt wird da noch nicht einmal mehr die Post zugestellt. Das Zarenreich und die Sowjetunion haben eine höchst perfide Russifizierung aller Gebiete betrieben, und ihr Erbe Putin behauptet nun, überall würden die Russen verfolgt. Er behauptet auch, im westlichen Europa seien Tolstoi und Tschaikowski verboten. Er weiß nicht, wieviel Russen allein in Berlin und übrigens auch in Prenzlau leben. Wir sagen Russen, aber in Wirklichkeit sind es Russen, Ukrainer, Belorussen, Russlanddeutsche, russische Juden und neuerdings auch russische IT-Fachleute. Wir haben schon immer zu allen Völkern der Sowjetunion und des Zarenreiches ‚Russen’ gesagt und sind so auch Opfer der besonderen russischen Kolonialpolitik geworden.

China beobachtet diesen Krieg wohl etwas genauer als die uckermärkische Landrätin und ihre Berater und Beraterinnen. Denn auch China hat ein kleines Nachbarland, das es gerne besitzen möchte. Auch hier geht es weniger um die Einwohner und um den Nationalismus, sondern mehr um den demokratischen Output und die Wirtschaft. Denn witzigerweise ist das winzige Taiwan der weltmarktführende Hersteller von semiconductors und das riesige und scheinbar mächtige China, die angebliche Volksrepublik, ist der Hauptabnehmer dieser Chips. Eine Großmacht ist nur, wer mehr herstellt, als er verbrauchen kann. Das sollten sich China und Russland, die – jeder auf seine Weise – von der Weltherrschaft träumen, in Großbuchstaben an die Wände nageln: GROSSMACHT IST NUR WER MEHR HERSTELLT ALS ER VERBRAUCHEN KANN. Aber da stehen schon ganz andere Sprüche. Sollte China also Taiwan angreifen, so wird es einen vielleicht sogar ähnlichen asymmetrischen Krieg geben, den der kleinere durch die bessere Taktik und Strategie gewinnen kann. Der größere aber kann nicht weiterexistieren, weil ihm das KNOWHOW fehlt, das heute in den Microteilen steckt. Und der riesengroße taiwanesische Chiphersteller kann nicht einfach weiterherstellen, wie weiland SINGER seine Nähmaschinen. Taiwan ist selbst durchdigitalisiert und bricht in einem Krieg zusammen wie sein Gegner. Das ist ein schönes Dilemma. Genau betrachtet steckt dieses Dilemma in jedem Krieg, und das hat einst der sagenhafte König Pyrrhus entdeckt: NOCH SO EIN SIEG UND WIR SIND VERLOREN. Wenigstens wir hier in unserem schönen Deutschland sollten das wissen: Stellen wir uns einmal vor, unsere dummen und spielsüchtigen Großeltern hätten die beiden Weltkriege gewonnen! Sie haben sie zum Glück verzockt. Das Böse kann nicht siegen oder – wenigstens – hat es noch nie gewonnen. Auf lange Sicht siegt immer das Gute (und wir sind tot, wie Lord Keynes bemerkte).  

Bei bisher noch allen Krisen wurden die Verarmung Deutschlands und der Bürgerkrieg vorausgesagt. So auch in diesem Interview* der uckermärkischen Landrätin. Auch wenn es schwer fällt, versagen wir uns jede Etikettierung, sowohl der Landrätin als auch der winzigen Zeitung. Wir bleiben lieber im Reich der Argumente. In Deutschland hat es bisher weder einen Bürgerkrieg noch aggressive oder illegale Streiks gegeben. Der einzige gelungene Generalstreik fand am Tag der Beerdigung des von Rechtsextremisten ermordeten deutschen Außenministers und Milliardärs – er besaß den damals weltgrößten Elektrokonzern – statt. Wir sind in Deutschland eher staats- als gott- oder gewaltgläubig. Selbst Verbrechen begehen wir gern und gutgelaunt, wenn der Staat sie uns befiehlt. Aber jetzt haben wir eine Demokratie, einen Rechtsstaat, eine nie dagewesene Transparenz und vor allem einen unvorstellbar großen Reichtum. Das Bruttoinlandprodukt beträgt bei uns knapp vier Billionen $, pro Kopf sind das knapp 46.000 $ (Vergleich China 10.500 USD, Russland 11.500 USD**). Bis zum Bürgerkrieg und bis zur Verarmung ist es also noch ein Weilchen hin. Das will alles erst einmal aufgegessen sein.

In Prenzlau gab es einst einen Landrat, Joachim von Winterfeld, der anschließend noch eine mittelgroße Karriere machte, so dass in Berlin eine Straße und ein Platz nach ihm benannt wurden,  und der nebenbei sein Gut und seine Dörfer pflegte und verwaltete. Eines Tages stellte er fest, dass die Stimmung im Kreis schlecht sei (die heutige Landrätin: wie dünnhäutig, deprimiert oder aggressiv unsere Bürger zunehmend werden‘). Da ordnete er an, dass vor jedem Haus ein Vorgarten angelegt werden sollte. Und da die Menschen nicht genug Geld für solche zusätzlichen Ausgaben hatten, stellte er in seinen Dörfern die Pflanzen und Setzlinge zur Verfügung.

So gesehen ist die gegenwärtige Landrätin weit von einer Straßenbenennung entfernt. Vielleicht merkt sie sich bis zu ihrer Rente den Namen des jetzigen Wirtschaftsministers, denn der bekommt ganz sicher eine Straße.

*Nordkurier, Ausgabe Uckermark, 15.08.2022

**beim HDI sieht es noch schlechter für die selbst ernannten Riesen aus: während das kleine Deutschland, das bald verarmt, Platz 6 hält, liegt Russland weit abgeschlagen auf Platz 53, China außer Sichtweite auf Platz 85

DEJA VU

Vor ein paar Tagen rief mich unser Pfarrer an und fragte, ob ich am Sonntag im Gottesdienst Orgel spielen könnte. Er selbst und sein neuester Aushilfsorganist seien im Urlaub. Ich spielte, aber leider wieder einmal frisch, aber nicht perfekt. Während der Predigt, die mich nicht besonders berührte, weil ich nicht glaube, dass Mose oder Yesus als historische Personen fassbar und demzufolge gültig interpretierbar seien, vielmehr ist nur ihre Rolle im Menschheitsdenken interessant: als Begründer des Monotheismus und der Menschlichkeit, der Abkehr von Rache und Strafe, während dieser Predigt stand ich an der Balustrade der Orgelempore, zählte die Gottesdienstbesucher, es waren dreizehn, und sah in der letzten Reihe eine Frau, die auf dem Liedblatt mitschrieb. Schrieb sie die Predigt mit, machte sie sich Gedanken wie ich, etwa dass die Wendung des Menschen zur Menschlichkeit zwar durch Reformation und Buchdruck, dann durch Aufklärung* und Demokratie verstärkt, schließlich durch den Sozialstaat unterstützt worden, aber immer noch weit davon entfernt ist, verstanden und verwirklicht zu werden? Wer liebt schon seine Feinde? Wer geht – genötigt – zwei Meilen statt einer? Wer wartet mit seiner Empörung auf den fehlerlosen ersten Steinwerfer?

Die gutgekleidete, etwas mehr als mittelalte Frau in der letzten Kirchenbank – ich sah sie leider  nur von oben – schrieb mit einem Bleistift auf das Liedblatt. Und plötzlich sprang die Erinnerung fast sechzig Jahre zurück: als ich auf einer letzten Kirchenbank gesessen hatte und für einen Zuträger der Stasi** gehalten worden war.

Auf einem Orgelkurs im Havelberger Dom hatte ich eine Pfarrerstochter kennengelernt, die ich besuchen wollte. Ich glaube heute nicht, dass einer von uns beiden an eine ernsthafte Beziehung dachte. Eher war es ein Ausprobieren, ein Überprüfen der Erzählungen in der jeweiligen Wirklichkeit. Ich fuhr tatsächlich zu ihr, aber sie nicht zu mir. Am Havelberger Dom wirkte damals Kirchenmusikdirektor Herbert Basche, der eigentlich für die Kirchenmusikschule der Bekennenden Kirche in Stettin-Finkenwalde vorgesehen war. Durch den Krieg und durch – vielleicht – Intrigen, vielleicht aber auch durch unterschiedliche Talente und Interessen wurde diese Kirchenmusikschule nach dem Krieg nach Greifswald verlegt und von Hans Pflugbeil und seiner Frau Annelise aufgebaut und geleitet. Ihr Sohn war Physiker und dann Bürgerrechtler. Hans Pflugbeil hatte im Krieg durch eine schwere Verwundung den rechten Arm verloren. Er hat sich dann das gesamte Orgelrepertoire für die linke Hand und das Pedal angeeignet, so dass der Laie im Greifswalder Dom keinen oder kaum einen Unterschied hörte. Insofern ist er ein spätes Pendent zu Paul Wittgenstein, der allerdings in seinem doppelten Irrtum begeistert in den ersten Weltkrieg gezogen war. Pflugbeil ging gezwungen in den zweiten. Um diesem möglichen Schicksal zu entgehen, hat sich der Berliner Domkantor und bedeutende Komponist Hugo Distler in seiner Dienstwohnung in der Berliner Bauhofstraße mit  Gas das Leben genommen. Wittgenstein stammte aus einer Wiener Milliardärs-Familie und war der Bruder des Musik- und Philosophiegenies Ludwig Wittgenstein, der in seinem Realschuljahr in Linz auf einen anderen Knaben getroffen war, der wie er ganze Opern pfeifen konnte: Adolf Hitler. Die Legende geht, dass er aus dieser Knabenfeindschaft für sich den Auftrag generierte, den Wehrmachtscode der ENIGMAMASCHINE (enigMAMAschine) zu knacken. Sein Bruder Paul hingegen hat aus einer Mischung von Verbitterung und Trotz ein Riesenrepertoire für die linke Hand geschaffen. Er bezahlte bedeutende Komponisten für Werke, die nur für ihn und seine linke Hand bestimmt waren, das berühmteste Beispiel ist Ravels Klavierkonzert D-Dur, das gigantisch-virtuos und düster-tragisch zugleich ist.

Herbert Basche dagegen bekam mit dem Havelberger Dom ein – auch historisch – bedeutsames romanisch-romantisches Ensemble mit übergroßer Strahlkraft, aber mit der D-Kirchenmusiker Ausbildung die allerletzten Brosamen. Er tröstete sich mit imposanten improvisierten Choralvorspielen und Bachinterpretationen, bei denen ich ihm die Noten blättern durfte. Er konnte mich nicht besonders gut leiden, aber niemand anderes in unserem Kurs war als page turner geeignet. Leider habe ich auch nicht besonders viel gelernt, aber das lag weder an ihm noch an unserem gespannten Verhältnis, sondern lediglich an meinem Talentmangel.

Dagegen hat mich das spätromanische Bauensemble, vor allem aber der wuchtige und riesige Dom selbst, berührt und eingenommen. Noch heute ist der Kreuzgang für mich eine Metapher für Gedankengang. Noch heute erstarre ich in Ehrfurcht vor der Baukunst und Hocherhabenheit der drei Schiffe, in denen die sich verabschiedende Romanik mit der frischen Gotik streitet. Der Lettner ist für mich heute noch unerreichte Kunstfertig- und Symbolhaftigkeit. Viel später lernte ich die Werke der besten Berliner Akustikarchitekten August Orth und Hans Scharoun kennen, hier aber gab es namenlos himmelsgleiche Akustik. Die Orgel von Gottlieb Scholtze, dem Wagnerschüler aus Neuruppin, erschien mir unter den Händen des von mir sehr verehrten Meisters nicht nur als unerreicht, sondern als unerreichbar. Aber auch der Blick über die kleine, damals baulich etwas verkommene Stadt, die Insellage, die Mittelalterstruktur, die damals schon überflüssige Stadtkirche, deren Scholtze-Orgel jetzt endlich, in diesem Jahr, restauriert worden ist, all das hat mir eine Idylle hergezaubert, die auch durch die Schelte des Meisters DU MUSST DIE TASTE EINFACH DRÜCKEN nicht beschädigt werden konnte. Sie hält noch heute vor und jedes Jahr einmal fahre ich nach Havelberg.

In das Dorf, in dem die Pfarrerstochter lebte, kam ich an einem Passionssonntag früh, aber zu spät, um den Beginn des Gottesdienstes mitzuerleben. Deshalb war ich auch nicht dort. Die Kirchentür knarrte und quietschte. Alle drehten sich nach mir um. Anfang der 60er Jahre wurden im Westen blaue Mäntel aus Nylon Mode, von uns NATO-PLANE genannt. Da unsere weitläufige Westverwandtschaft nur standardisierte Lebensmittelpakete schickte, blieb mir nichts anderes übrig, als meine Mutter um das ostdeutsche Gegenstück, einen DEDERON-MANTEL zu bitten. Mit dem rauschte ich in die schöne kleine Dorfkirche. An den Namen des Dorfes kann ich mich nicht erinnern. Sorbische Frauen sangen ein furchtbar trauriges Passionslied, das sechzehn Strophen hatte. Viel später, nach der Wiedervereinigung, hörte ich in der Sebastiankirche im Berliner Wedding ein ganz ähnliches kroatisches Lied. Das sangen die Frauen aber nicht nur wegen Yesus, sondern vor allem auch, weil ihr Pfarrer, von dem, es hieß, dass er sehr reich sei, wieder einmal betrunken war und nicht kommen konnte. Die Frauen warteten kurzweilig mit dem überlangen Lied.

Damals in dem Dorf bei Cottbus hat das ellenlange Lied bei mir eine kurze und leider nicht sehr intensive sorbische Phase ausgelöst. Vielleicht hatte sie ihren Ursprung schon in Lübbenau. Die Pfarrerstochter freute sich nach dem Gottesdienst, dass ich da war. Es war auch wohl eine ziemliche logistische Leistung, am Sonntagmorgen vom nördlichen Ostberliner Rand in den Spreewald zu gelangen. Ich war zum Mittag eingeladen und der Pfarrer erzählte, wie schnell und intensiv er vor dem vermeintlichen Stasispitzel in der letzten Reihe gewarnt worden war. Wir waren amüsiert und erleichtert.

Erst jetzt, durch das harmlose Erlebnis in der Brüssower Kirche, versuchte ich herauszufinden, in welchem Dorf ein Pfarrer G. amtierte. Es war nicht möglich. Stattdessen ergab sich, dass der Bruder meiner Pfarrerstochter später nicht nur selber Pfarrer, sondern ein bekannter Bürgerrechtler wurde, der zusammen mit Markus Meckel im Pfarrhaus zu Schwante die SPD-Ost neu geründete. Meckel und Pflugbeil wurden Minister, G. Fraktionsvorsitzender.

Nur der Havelberger Basche ist aus dem Leben und den Annalen verschwunden. Noch nicht einmal eine von der Ost-CDU 1983 herausgegebene Broschüre über die Kirchenmusik in der DDR erwähnt ihn. Nur auf einer CD der ehemaligen Berliner Domorganistin Martina Pohl findet sich ein Werk, das nur in einer handschriftlichen Version von Herbert Basche existiert. Und so zeigt sich, dass jede biografische Notiz zugleich auch ein Denkmal für andere Menschen ist.  

*das englische Wort für Aufklärung enlightenment zieht die gerade Linie zurück bis zur Sonnenanbetung Echnatons und Tutenchamuns, die beide, Vater und Sohn , auch ein schönes Sinnbild für das Auf und Ab, das Hin und Her, das Erscheinen und Verschwinden der alten und der neuen Götter und Welten sind. Damals schon!

**Staatssicherheitsdienst der DDR

KUTUSOW. EIN NACHRUF

2017 sprach ein russischer Generalmajor namens Roman Kutusow zu Kadetten einer Militärschule, von denen es in Russland sehr viele gibt. Es komme, sagte der General den Kindern und Jugendlichen, letztlich darauf an, den Gegner zu vernichten. Das ist die auch einstmals im Warschauer Pakt übliche Formulierung gewesen, den möglichen Kriegsverlauf zu projizieren: der Gegner, die NATO, überfällt den Warschauer Pakt, der weicht kurz zurück, um dann aber in einer gewaltigen gemeinsamen Welle ‚den Gegner auf dessen Territorium zu vernichten‘. So war der Plan, aber bekanntlich hat die NATO weder den Warschauer Pakt noch eines seiner Mitgliedsländer überfallen. Die Sowjetunion brach zusammen, was einige wenige als größte geopolitische Katastrophe des Jahrhunderts ansahen, andere dagegen als Befreiung, Erlösung und Herausforderung zu einem demokratischen  Neubeginn empfanden. Der legendäre Generalfeldmarschall Kutusow, dessen Heer in der Schlacht von Borodinio von knapp 600.000 Mann auf 81.000 Soldaten schrumpfte, wurde von seinen Zeitgenossen kritisiert und verspottet, von der Sowjetgeschichtsschreibung dagegen glorifiziert. Dies erinnert an den Ukrainekrieg, den Putin am 24. Februar, wie man früher sagte, vom Zaun brach, und der aus einer unendlichen Reihe von Schandtaten, aber auch eben aus unzähligen Lügen besteht. Jener schneidige Generalmajor Roman Kutusow fiel als zehnter General der russischen Seite. Das ist insofern merkwürdig, als die meisten dieser zehn Führer durch einfache Funkortung der Ukrainer ausfindig gemacht wurden und dann starben. Aber warum sind so viele Generäle so weit vorn, dass es für die ukrainische Armee doch wohl eher leicht zu sein scheint, sie zu  Fall zu bringen? Der Verlust der Generäle mag nicht so schlimm sein, weil es in einer derart militarisierten  Gesellschaft wie der russischen kein Problem ist, neue Generäle zu benennen. Wenn Generäle so weit nach vorne beordert werden, ist das ein Zeichen von taktischer und Motivationsschwäche. In Moskau stößt Putin wilde Drohungen aus, aber in der Ukraine, die man offensichtlich in wenigen Tagen besiegt haben wollte, wird alle vier Wochen die Strategie geändert, ohne dass man auch nur irgendein Ziel erreicht. Erst ging es gegen Kiew, wir erinnern uns alle an den 60 km langen Konvoi, der die Einnahme von Kiew flankieren sollte. Er ist spurlos im Schrott verschwunden, ebenso wie bislang weit über 1800 Panzer. Dann ging es gegen den Süden. Mariupol, eine mittelgroße Stadt nahe der russischen Grenze, wurde in zwölf (!) Wochen dadurch eingenommen, dass es vollständig zerstört wurde. Nun geht es gegen den Osten der Ukraine, der ohnehin schon von den Separatisten beherrscht wurde. Diese Gebiete (Luhansk und Donezk) wurden schon seit 2014 als russisches Territorium angesehen, so dass man heute in echt Trumpscher Weise Opfer und Täter umkehrt und behauptet, der Krieg hätte damit begonnen, dass das ‚Kiewer Regime‘ Russland  –  also die Separatistengebiete – angegriffen habe. Wenn es ganz schlimm aussieht, droht Putin wieder einmal mit dem Einsatz von Atomwaffen und seine Apologeten innerhalb und außerhalb Russlands fangen schon einmal an zu zittern. Wir aber ahnen: die Atomwaffen sind etwa in dem Zustand wie die Luftwaffe, die Panzer und die demotivierten Soldaten, von den toten Generälen ganz zu schweigen.

Aber vielleicht ist alles ganz anders. Dafür spricht das merkwürdige Verhalten zweier Vasallen des zaristischen Despoten, Lukaschenko, Belarus, und Toqajew, Kasachstan. Obwohl sich beide Hilfe aus Moskau erbaten und auch erhielten, um ihre wankenden Throne ein letztes Mal zu stabilisieren, haben sie sich erstaunlicherweise verbal von Putin verabschiedet. Lukaschenko meinte zu Beginn des Krieges, dass dann jetzt ja wohl jeder seine Grenzen bis hin zu Cingiz Khan revidieren kann, und Toqajew sagte auf dem Petersburger Gipfel, dass sein Land keine Separatistenregimes anerkennt. Dies deutet darauf hin, dass Putins Krieg von seinen Vasallen realistischer – als nicht gewinnbar – gesehen wird. Dies deutet – ich gebe zu, dass das reine Spekulation ist – weiter darauf hin, dass es auch in Russland nicht nur eine Opposition gibt, die von Nawalnij über protestierende und sprayende Jugendliche und das Land scharenweise verlassenden Eliten bis hin zu Generälen reicht. Die Generäle hatten jahrelang die Berichte über den Zustand der Armee  gefälscht. Sie haben Dutzende von Millionen Rubel – gut, das ist nicht viel – verschwinden lassen.  Während wir unsere Armee aus pazifistischen und Gründen der Leichtgläubigkeit vernachlässigt haben, haben die russischen Generäle, Manager und Propagandisten mit ihrem demonstrativen Militarismus – Junarmija, Kadettenschulen, kultische Veranstaltungen – ihre Armee verkommen lassen. Es ist weder gelungen, die schändliche und tödliche Tradition der Dedowschtschina zu beseitigen, noch ein stabiles Unteroffizierskorps aufzubauen. Es gibt weder einen effizienten militärisch-industriellen Komplex, noch ist die Entwicklung von Waffen ohne Importe aus dem westlichen Ausland möglich. Putin, der nach über 130 Tagen erfolglosem Krieg dies bemerkt zu haben scheint, verkündet nun, dass er eine effiziente, innovative Wirtschaft als Antwort auf den Schlamassel aufbauen will. Autokraten leben aber immer in verlotterten Systemen, so eigenartig das ist, ihre Wirtschaftsminister heißen Schlendrian und Korruption. Die Wirtschaft endlich zu reformieren, ist eine sehr gute Idee, nur braucht man dafür mindestens zehn Jahre ohne Putin.

Putins Tage sind aber ohnehin gezählt. In einem ukrainischen blog hieß es vor ein paar Tagen: DIE HÖLLE HAT SCHON GEÖFFNET, Schiller schrieb in seinem antityrannischen Drama: MACH DEINE RECHNUNG MIT DEM HIMMEL, VOGT. Es ist möglich, dass er diesen unmöglichen Krieg aus innenpolitischen Gründen begann. So wie Erdoĝan den Putsch der Generäle inszenierte, um von seinem wirtschaftspolitischen Desaster abzulenken, so wollte Putin mit dem Sieg über die Ukraine seine Hybris demonstrieren, die ihn unangreifbar macht. Aber Hybris ist ein Krebsgeschwür. Dieses und seine Krankheit, vielleicht ein weiteres Krebsgeschwür, rasen aufeinander zu und werden noch vor Ende dieses Jahres Putin dorthin katapultieren, wo er hingehört.  Mit ihm enden ein weiteres und hoffentlich letztes Mal Zarismus und Nationalbolschewismus. In hundert Jahren werden die Schulkinder nicht wissen, wer das alte Russland zu Grunde richtete: Rasputin oder Putin.

Tolstoi lässt Kutusow während der Schlacht bei Borodino sinnieren:  ‚Sein in langjähriger Kriegserfahrung geschulter Greisenverstand wusste, dass kein einzelner Mensch Hunderttausende, die um ihr Leben kämpfen, zu lenken vermag und dass der Ausgang einer Schlacht weder durch die Anordnungen der Oberkommandierenden noch durch das Gelände, auf dem die Truppen stehen, noch durch die Anzahl der Kanonen oder der Gefallenen, sondern durch jene unberechenbare Kraft, die man den Geist der Truppe nennt, entschieden wird, und darum beobachtete er diese Kraft und suchte sie zu lenken, soweit das im Bereich seiner Macht stand.‘*

25. 07. 2022

*Lew Graf Tolstoi, Krieg und Frieden, Leipzig 1977, Band 3, S, 308

HAUSMUSIK

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Ein Paradigmenwechsel ist nur insofern ein Ende, als er auch ein Anfang ist. Alles, was früher galt, gilt auch heute, nur mit einer anderen Wertigkeit, in neuen Zusammenhängen. Man kann mit einem Faustkeil oder mit einem Dreschflegel noch genau das gleiche tun wie früher, nur tut man es jetzt wesentlich seltener. Hegel nannte das Aufgehobensein. Das ist auch eine schöne Erklärung für wahren Konservatismus: die Tradition wahren, das Alte aufheben, ohne das Neue zu verachten. Inzwischen ist aber, da wir erkannt haben, dass jede Innovation auch einen neuen Grad von Zerstörung in die Welt bringt, eine neue Denkgröße hinzugetreten: die Nachhaltigkeit, die relativ neue Vorstellung, dass nicht mehr verbraucht werden kann, als nachwächst oder sich regeneriert. So können wir überlegen, ob der Faustkeil in einer semimobilen Brechanlage funktional gut aufgehoben ist oder ob diese soviel Energie verbraucht, wie durch die neue Straße, die mit den gebrochenen Steinen als Unterbau entsteht, eingespart wird. Dann hätte diese Gleichung eine fette Null als Lösung, das ist der Traum vom Gleichgewicht, aber in Wirklichkeit verbrauchen wir in Deutschland so viel Energie wie ganz Afrika. Das ist ein Verhältnis von achtzig Millionen zu über einer Milliarde Menschen und nicht durch das schlechte Wetter hierzulande hinreichend erklärt. Das ist signifikant nicht nachhaltig, selbst nicht mit Windrädern, denn diese müssen her- und hingestellt und später entsorgt werden, sie beeinträchtigen zudem die Lebensqualität, wenn auch weit weniger als Kohle- oder Kernkraftwerke.

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Der kleine Kalkant

Die Orgel als Sozialidylle

Erst musste er die Glocken läuten, dann wirkte er als Kalkant an der Sonntagsmusik in seinem Heimatdorf mit. Kalkant, das klingt heute eher nach einem Menschen, der etwas kalkuliert, was wir ja alle tun. Das war aber der Bälgetreter, ein Junge, der vor der Konfirmation, die seine Kindheit im Elternhaus beendete, in der Kirche den Schöpfbalg der Orgel bediente, damit der Lehrer, der auch Kantor war, die Gemeinde begleiten konnte. Vielleicht war der Lehrer auch so gut, dass er jeden Sonntag mit einem Stück konzertierte und brillierte. Zwar brillierte der Kalkant nicht, trotzdem war er unentbehrlich und vergaß auch später nicht, was er da, vielleicht ein bis zwei Jahre lang, getan hatte, wie er glaubte, für Gott, aber, wie wir meinen, auch für die Demokratie, die Kunst und für sein eigenes Verständnis.

Was er nämlich, wenn er diese Tätigkeit beendete, verstanden hatte, war nicht die Musik, die für ihn wahrscheinlich unverständlich bleibende Musiksprache Bachs oder Regers, sondern das Komplementäre seines Tuns: wenn er den Balg nicht trat, konnte der Kantor nicht spielen, spielte der Kantor nicht, musste er auch nicht den Schöpfbalg bewegen. Die Orgeln im frühen neunzehnten Jahrhundert waren alle Meisterwerke der Mechanik. Es gibt einerseits den Weg der Luft von überall durch den Balg in die Pfeife, andererseits den Impuls des Gedankens über die Finger, die Tasten, die Abstrakten ebenfalls zur Pfeife. Dort treffen sich Luftstrom und Gedankenstrom und erzeugen im besten Falle Musik. Die Abhängigkeit des Musikers, der sich als Tastenwanderer und Spintisierer sehen mochte, vom kleinen Jungen, der seine frühe Kraft in den Dienst der Allgemeinheit stellte, diese Abhängigkeit in einem kohärenten System war gegenseitig.

Weil es einem hierarchischen Staats- und Erziehungssystem nicht gelungen ist, den Bälgetreter von der Notwendigkeit und der Sprache dieser Musik zu überzeugen, ist die Luftbeschaffung mechanisiert und die Musiksprache für Bälgetreter krass vereinfacht worden. Zwar gab es auch schon vorher neben der erbauenden die rein unterhaltende Musik und Kunst überhaupt, aber eben daneben und eher als Ausnahme. Die Reproduktionsmöglichkeiten der Kunst und der wachsende Wohlstand führten zur massenhaften Ausbreitung rein unterhaltender Musik, deren Herkunft und Abhängigkeit dem Laien verborgen bleibt, dem Musiker aber eine Selbstverständlichkeit ist: man hört im Jazz den Choral und die Polyphonie, man sieht im Instrumentarium die türkische Militärmusik, zum Beispiel die Percussion, man fühlt in der Klangnachahmung des Synthesizers den Leierkasten und die Kinoorgel. Und die hatte der Dorfschullehrer auch schon erfunden, wenn er den Kindern eine Geschichte erzählte und die dazugehörigen Geräusche auf der Orgel produzierte. Der Lehrer selbst war ein Medium und musste zaubern können.

Aber das sich ergänzende Miteinander bestand nicht freiwillig, sondern in einem autoritären Zwangssystem, auch wenn es den Menschen damals als ganz natürlich und wunderbar erschien. Der Kaiser im Märchen fiel gedanklich mit dem Kaiser in Berlin oder Wien oder Moskau oder Istanbul zusammen!

Man könnte Technik auch immer als den Versuch deuten, menschliche Abhängigkeiten und Kraftverschwendung durch Apparaturen zu ersetzen. Denn der kleine Kalkant war nicht immer zuverlässig, einmal war er krank, das andere mal hatte er seinen komplementären Termin schlicht vergessen, beim dritten Mal musste er zu einem ersten Date hinterm Hollerbusch eilen.

Die heutigen Windmaschinen erzeugen einen gleichmäßig hohen Winddruck. Spezialisten für alte Musik spielen schon wieder an Orgeln, deren Winddruck von speziell geschulten, natürlich nicht mehr halbwüchsigen Kalkanten hergestellt wird. Die heutigen Windmaschinen erzeugen aber auch oft einen Höllenlärm, der gedämpft werden muss oder störend bleibt. Kurz: ein jeder Vorteil bringt auch neue Nachteile mit sich, ein Lehrsatz, den wir allzu gern vergessen. Auch das Fahrrad war einst erfunden worden, um die Abhängigkeit des Menschen vom Pferd zu mildern. In jenem Jahr ohne Sommer, 1816, starben viele Pferde selbst Hungers oder wurden dem Hunger der Menschen geopfert. Während der Freiherr von Drais als Ersatz für das Pferd das Fahrrad ersann, dachte der junge Justus Liebig, später Freiherr von Liebig, schon über organische Chemie und Düngung, zunächst aber über Knallerbsen nach. Ganz sicher arbeitete er auch als kleiner Kalkant.

Was früher als Kraftverschwendung gedeutet wurde, könnte heute in ein Fitnessprogramm einbezogen sein. Man stelle sich diesen Genuss dickleibiger älterer Damen und Herren vor: sie trainieren sich Pfunde ab und wunderbare Musik an, wenn sie als Kalkanten statt als bloße Zuhörer zum Konzert gehen. Danach besteigen sie ein Fahrrad, das nicht durch einen Elektromotor trittverstärkt, sondern durch einen Dynamo ausgenutzt wird. Die so gewonnene Energie wird zuhause ins Mikrokraftwerk eingespeist. Ein Vorgefühl von diesem späteren Glück kann man schon sommers in der Uckermark sehen: so viele Fahrradfahrer eilen zu Orgelkonzerten!

Das gilt alles nur für kleine Dorforgeln und Fahrräder. Die neue Orgel im Dom zu Speyer hat ein offenes 32-Fuß-Register, für das man soviel Wind braucht, dass eine ganze Schulklasse kalkantisch eingesetzt werden müsste. Das Register heißt Contraposaune, sollte aber zu Ehren der Stifter der Orgel, der Fabrikantenfamilie Quandt, in Quandtarde umbenannt werden. Und weil die Familie nicht nur Automobile der Sorte BMW, sondern auch Waffen produzierte und Zwangsarbeiter beschäftigte, regte sich dagegen demokratischer Protest. Alles Gigantomanische ist kontraproduktiv.

Die Dorforgel wäre aber mit ihrem nahen Verwandten, dem Fahrrad, schon von vornherein demokratisch, wenn sie nicht in so undemokratischer Zeit gestanden hätte. Die Renaissance der Dorforgel in Orgelkonzerten und ganzen Konzertsommern ist also nicht nur unserem Dauerwunsch nach Musik geschuldet, sondern auch der Sehnsucht nach einfachen, aber demokratischen Verhältnissen, nach gegenseitigen Abhängigkeiten, die wohltuend solidarisch sind. Viele Menschen glauben sich heute in einer kalten, fremden Welt, weil sie das Solidarsystem genauso wenig wahrnehmen können wie die Winderzeugung beim sommerlichen Orgelkonzert. Eine kleine Orgel ist heute so demokratisch, sozialromantisch, ökologisch und nachhaltig wie ein Fahrrad.

Bleibt nur noch zu hoffen, dass die Glocken von einem einsamen Rentner, der seinen Lebenssinn darin wiederfindet, oder willigen Hartzvieristen, der einen kleinen Teil dessen, was er der Gesellschaft schuldet, zurückzugeben hofft, geläutet werden, und nicht von einer gott- und seelenlosen energieverbrauchenden Maschine.

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In einem winzigen Dorf in der menschenleeren Uckermark wurde am Reformationstag 2014 eine neue alte Orgel eingeweiht. Früher, im neunzehnten Jahrhundert, war die Orgel eine Schnittstelle zwischen elitärer Kultur und dem so genannten einfachen Volk. Diese Kultur war nicht insofern elitär, als dass sie niemand hätte verstehen können, sondern in dem Sinne, dass sie, mangels Reproduzierbarkeit, selten zu hören und zu sehen war. Wenn sie allerdings stattfand, waren an ihr mehr eingeborene Personen beteiligt als heute. Wir nehmen einmal an, der Dorfschullehrer von Woddow oder Bagemühl hätte sich zum Reformationstag 1814 vorgenommen, einen Bachchoral aufzuführen. Den kräftigsten Schüler hätte er als Kalkanten eingesetzt, die schönsten Stimmen hätten gesungen. Viele hätten mitgemacht. Mädchen denken immer, dass sie gut singen können, Jungen denken meistens, dass sie es nicht können. In einem Bachchoral gibt es keine Hierarchie, alle Stimmen sind gleichverpflichtet, die Orgel muss so laut sein, dass sie jeder hört, aber so leise, dass sie nicht die zarten Stimmen der angeblich groben Dorfkinder übertönt. Wie sollen die Kinder nicht die Schönheit dieses Chorals empfunden haben? Und wie soll das im Gegensatz zur Kirmesmusik gestanden haben, wie man damals Pop nannte? Nur in einer Hierarchie gibt es oben und unten, gut und schlecht. Nach zwei verheerenden Kriegen, die eine Hierarchie der Nationen stützen sollten, brach die internationale Hierarchie zurecht zusammen, aber nicht Freiheit war das Ergebnis, sondern zunächst Chaos. Vandalismus kann nie Freiheit bringen, aber vielleicht doch Befreiung. Gutshäuser wurden angezündet, Kirchen geplündert. Die Gutsherren und die Kirchenfürsten hatten sich zu sehr ins Zerstörungsgeschäft gemischt. Die Pfeifen der Woddower Orgel, wir wissen noch nicht einmal, wer das Werk einst gebaut hatte, wurden, nachdem sie Kindern zum Gespött dienten, als Altmetall verscherbelt und der Rest als Altholz verbrannt. Die Kirche verfiel, ihr Inventar, darunter ein wertvoller mittelalterlicher Altar, wurde ausgelagert. ‚Ach wie flüchtig, ach wie nichtig…‘ ächzten die Fugen des Feldsteinbaus.

Inzwischen war in Berlin durch denselben Krieg zum fünften Mal jene Kirche zerstört worden, die an der ältesten Stelle dieser nicht so sehr alten Stadt gestanden hatte, die Petrikirche. Aber im Gegensatz zu Woddow kam der Krieg nicht als fremdes unverstandenes Schicksal auf Berlin, sondern er war von hier als böses Schicksal für viele Millionen Menschen ausgegangen. Von der ältesten Gemeinde blieb ein Schutthaufen übrig, aber auch Hoffnung in einem Gemeindehaus. Für den weiteren Verfall wird gerne der durch die Diktaturen geförderte Atheismus verantwortlich gemacht, denn das haben wir alle in Hierarchien und Diktaturen gelernt, dass es leichter ist, von äußeren Ursachen auszugehen. In jeder Schuldzuweisung liegt ein falscher Trost. Zum Schluss wurde auch dieses Gemeindehaus verkauft, so dass, nachdem die Petrikirche einst die größte Orgel Berlins besessen hatte (Carl August und Carl Friedrich Buchholz, IV, 60, 1860), die letzte kleine Orgel heimatlos übrig blieb.

Und man möchte beinahe glauben, dass auf wunderbarem Weg sich diese beiden Geschichten trafen. Die Orgel scheint für die gerettete Kirche von Woddow wie gemacht, hier erst entfaltet sie ihren wahren Klang, ungedämpft durch Querelen und Hölzer. Aber für wen wurde die Kirche gerettet? Zunächst wurde sie für die Retter gerettet, die Bewohner des Palindromdorfes und der umliegenden Orte. Sodann aber auch für willkommene Gäste, seien es Verwandte und Bekannte, Touristen und Migranten. Gerade in diesen Dörfern kamen vor dreihundert Jahren französische Glaubensflüchtlinge an, die vielleicht nicht in jedem Falle willkommen waren, zumindest haben sie selbst auch lange gefremdelt, aber dann haben sie sich so sehr integriert und assimiliert, dass ihre Nachkommen heute noch nicht einmal mehr ihre eigenen Namen französisch aussprechen. Die Uckermark ist also auch ein Landstrich der Migration. Vielleicht sollten wir wieder ausrufen, dass Flüchtlinge, aus welchem Grund und Land auch immer, hier jederzeit willkommen sind. Vielleicht wird Woddow dann die erste Moschee mit einer Orgel, noch besser aber: keine Moschee und keine Kirche, sondern ein Haus für alle Menschen haben. Die einen beten – in welchem Kult und in welcher Sprache auch immer – zu Gott, die anderen beraten, was man Gutes für die nächsten Generationen tun kann. Dann hätte die alte Feldsteinkirche von Woddow dieselbe Bestimmung wie der Ort der Petrikirche, wo gerade jetzt ein Tempel der drei monotheistischen oder abrahamitischen Religionen entsteht, das HOUSE OF ONE. Um die Ecke haben übrigens zwei berühmte Pfarrer gewohnt: Gotthold Ephraim Lessing erdachte dort den weisen Nathan und den weisen Saladin und den weisen Tempelherrn, der aus der Hierarchie aussteigt wie aus einem falschen Mantel, und Johann Peter Süßmilch, der übrigens tatsächlich auch Pfarrer an der Petrikirche war, erdachte dort die Statistik als Beschreibung des perfekten göttlichen Wirkens. Er war nicht nur einer der Begründer der Demografie, sondern auch der erste Denker, der Evolution und Glauben zusammenbrachte, ein gottnaher Mathematiker.

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Die Nachhaltigkeit einer mechanischen Orgel erklärt sich aus ihrem Material, Kiefernholz, Eichenholz, Kupfer, Blei, Zinn und Zink, wie aus ihrer robust mechanischen Bauweise und Zweckbestimmtheit. All das wirkt in Dauerhaftigkeit und Verlässlichkeit zusammen. Eine Orgel besteht sicher hundert und zweihundert, oft dreihundert und vierhundert Jahre. Sie muss allerdings gepflegt und benutzt, gewollt und gemocht sein. Solange die Kirche das Monopol und den Primat im menschlichen Lebenslauf hatte, war also auch die Orgel, wo sie überhaupt vorhanden war, allgegenwärtig. Bis in das Denken und die Sprache hinein war sie zu hören: Kinder wie die Orgelpfeifen, denen man die Flötentöne schon beibringen wird, wo du nicht bist, Herr Organist, da schweigen alle Pfeifen, alle Register ziehen, den Riemen auf die Orgel werfen, die Pfeife spricht oder ist blind, zu der Orgel gehören andere Bälge, draußen orgelt der Wind. Fast jede Orgel hat viele Generationen von Menschen erlebt, fast jede Kirche hat mehrere Generationen Orgeln gehört. Konkurrenz hat die Orgel in dieser Beziehung zum Menschen nur im neunzehnten Jahrhundert vom Harmonium und vom Wohnzimmerklavier bekommen. Ansonsten steht sie einzig da: das Musikinstrument, das die meisten Menschen in vielen Jahrhunderten begleitete. Nachhaltigkeit ist also keineswegs nur eine Materialfrage. Vielmehr kann man von einer Prägung der abendländischen Bevölkerung sprechen. Sprechen die Glocken mehr als Signal, so kann die Orgel Gefühle kommentieren und sogar hinterfragen. Die Symbiose des europäischen Menschen mit der Orgel wies aber auch in die Zukunft:  Jeder kleine aufmerksame Kalkant wusste schon im neunzehnten Jahrhundert, was programmieren ist: eine Melodie oder Harmonie als Software und eine Flöte oder Trompete als grundlegende Hardware zusammenbringen. Dieses Prinzip wurde in der weitgehend verachteten Drehorgel noch weitergeführt, so dass man sagen kann, der Lochstreifen des Zuse-Computers ist die legitime Tochter der Walze von Drehorgeln oder der Lochplatten von anderen mechanisch-automatisierten Instrumenten.

Ist die Musik uns emotional am nächsten, so ist es das Haus rational. Beide treffen sich im Ton. Die mit Abstand meisten Orgeln stehen in Gotteshäusern. Es gab eine ganz kurze Periode von Kinoorgeln, die allerdings schnell durch den Tonfilm abgelöst wurde. Dennoch ist die Verwandtschaft der Kultorgeln in Kirchen und Kinos nicht zu übersehen. Die Allgegenwart des christlichen Kultus erscheint im zwanzigsten Jahrhundert abgelöst durch die Allgegenwart narrativer Medien. Wenn man noch die unvermeidliche Globalisierung hinzudenkt, ist die Angst vor Synkretismus unverständlich bis lächerlich. Alle Reinheitsvorstellungen sind notwendig absurd. Es gibt keine hundert Prozent. Alle Balken brechen nach dem Muster der Eulerschen Knickfälle und alle aufeinandertreffenden Systeme bilden Schnittmengen nach Venn, auch er übrigens ein Pfarrer.

Kultische Häuser sind einerseits Versammlungsstätten, Orte der Gruppen. Andererseits aber zeigt ihre Anzahl, ihr Raum und der Ort, auf dem sie stehen, an, dass sie gleichzeitig Symbole der Transzendenz sind. Jeder Mensch fühlt, dass es eine höhere Kraft als ihn selbst und die Summe von seinesgleichen gibt.  Selbst wenn wir das moralische Gesetz, das Kant unter dem gestirnten Himmel spürte, als Kindchenschema oder gar als biochemische Schutzreaktion der Arterhaltung deuten, ist uns klar, dass dahinter eine höhere Rettungsmacht steht, die sozusagen naturwidrige Wunder vollbringt: der gefürchtete Wolf zieht ein Menschenbaby auf und umgekehrt. Der Wolf löst gleichzeitig Furcht und Nähe aus. So ist auch das Verhältnis von Technik und Leben: sie schließen sich gleichzeitig ein und aus. Heute ist uns erst klar geworden, wer in diesem Wettstreit letztendlich obsiegen wird.  Ganz ähnlich wirken die von uns so genannten Gotteshäuser auf uns, weil wir wollen, dass etwas so auf uns wirkt. Wir spüren Gott, weil wir im gotischen Dom oder in der prächtigen Moschee Gott spüren wollen und sollen, der Architekt baut, was wir alle fühlen. Wir alle fühlen hinter den Feldsteinmauern, die durchaus auch den Regeln von Feuchte und Moder gehorchen, das Übernatürliche.

Wir wissen nicht, was die Zukunft bringt. Alle Hochrechnungen sind letztlich falsch. Als man von Telepathie träumte, wurde das Telefon erfunden, kurz darauf die die Television. Zwar spinnen wir Luftgespinste (empty visions), wie es in einem der schönsten Lieder heißt, aber selbst der felsenfesteste Fundamentalist wird zugeben müssen, dass doch nicht nur eine erstaunliche Anzahl von leeren Visionen Wirklichkeit wurde, sondern auch auf höchst erstaunlichen Gebieten. So sind wir selbst als Körper hochmobil, aber noch schneller sind unsere Gedanken. In wenigen Sekunden sind sie in Amerika oder Australien. Aber braucht sie dort jemand, fragte schon Samuel Morse?

Je schneller unser Leben zu sein scheint, desto mehr Entschleunigung benötigen wir. Man kann nach Schweden fahren oder in die Feldsteinkirche Woddow gehen, denn alles, was früher galt, gilt auch heute, wenn auch mit einer anderen Wertigkeit.  

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Also, wozu brauchen wir diese Orgel?

So wie das Kreuz die Zusammenführung zweier Linien ist, so ist die Orgel in gewisser Weise ein Symbol für das Abendland, für alles, was gestern war und von dem wir fürchten, dass es morgen nicht mehr sein wird. Unsere eigene Angst vor der Vergänglichkeit, von der die Fugen des Feldsteinmauerwerks singen, wird in der Bewahrung aufgehoben. Unser Leben hat nur Sinn auf andere Menschen hin, so wie wir von anderen Menschen leben, leben wir auch für sie. Wenn wir also etwas bewahren, tun wir es gerade auch für andere Menschen, Generationen und sogar Nationen.

Und obwohl diese Feldsteinkirche, die nach 69 Jahren Schweigen wieder eine Orgel hat, ein doppeltes und dreifaches Symbol für das Abendland ist, ist sie gerade durch ihre Leere, durch ihr Verwurzeltsein im leeren Raum, in einer Landschaft, die nahezu menschenleer ist, offen für alles Neue, ob es nun Flüchtlinge sind oder elektronische Gedankenstützen und Gefühlsreproduzenten. In der Feldsteinkirche aus dem dreizehnten Jahrhundert wohnte schon immer die Hoffnung und wohnt sie wieder. Nur wenige Touristen eilen durch unser abgelegenes Brüssower Land. Aber wenn in jedem Jahr einer darunter ist, der hier Entschleunigung und Trost findet, Stille und einen neuen Gedanken, dann hat es Sinn gehabt, die Schukeorgel opus 278 aus dem verkauften Petrigemeindesaal der fünfmal zerstörten ältesten Kirche Berlins, dort wo jetzt das HOUSE OF ONE gebaut wird, ganz in der Nähe vom Geburtsort des weisen Nathan,  in das fast schon verlassene Dorf in der menschenleeren Uckermark zu bringen, in die Kirche, die schon aufgegeben und vergessen war, an die Stelle der Orgel, an die sich niemand erinnert…

Jedes Dach ist ein Obdach und jede Melodie ist Heimat.

DIE WÜRDE EINES GEIGENBOGENS

In der vierten Klasse, ich war also etwa zehn Jahre alt, hatte ich das erste Mal in meinem Leben Musikunterricht in der Schule. Bis dahin hatten das Singen die Deutschlehrer und Mathematiklehrerinnen mit übernommen. Während Handarbeit, also das Hantieren mit der Strickliesel, bei uns nicht so beliebt war, waren wir doch offen, vielleicht sogar erfreut über das neue Fach, denn eine Stunde Musik mehr hieß eine Stunde Handarbeit weniger. Der Lehrer war ein alter Mann, der mit seiner Familie aus dem Sudetenland in unsere kleine Stadt geflüchtet war. Er hatte nicht nur eine ebenfalls steinalte Frau, sondern auch zwei oder drei steinalte Schwestern, vielleicht sogar noch einen Schwager, auf jeden Fall einen halbwüchsigen Sohn. Alle waren sie Amateurmusiker auf einem so hohen Niveau, dass sie als Streichquartett, als Kern des Kammerorchesters der Kreismusikschule und bei allen Festivitäten auftraten. In unserer kleinen Randberliner Stadt fiel aber ihr sudetendeutscher Dialekt genauso auf wie der schlesische Zungenschlag der Besitzer des Sportgeschäfts, bei denen es immer Klöße mit Pflaumen gab, was ich widerlich fand.   

Das ganze Schuljahr hat sich mir in der Erinnerung als das Einüben eines schrecklich dummen Liedes verdichtet und verfestigt. Das Lied hieß Ein Frosch saß in dem Schilfrohr drin und hatte als Refrain und Zeilenfüller die Nachahmung des Frosches: quak quak breke reke kex. Das Lied war von Elsbeth Friemert, einer Hortleiterin, die einen Bestseller geschrieben hatte, das Pappbüchlein Wer kennt meine Tiere, das es heute noch bei Beltz gibt. Ihr Sohn war ein bekannter Psychiatrieprofessor. Das Lied fanden wir albern und genierten uns bei den Froschlauten. Andererseits sangen wir vielleicht schlecht. Der Musiklehrer spielte uns die Melodie immer wieder auf seiner Geige vor, singen mochte oder konnte auch er nicht. Und dann kam das wirklich neue am Musikunterricht, was ihn von all den andern Fächern unterschied: der Lehrer schlug mit seinem Geigenbogen auf die Hände der Kinder, auch auf meine, die schlecht sangen, die, wie wir damals sagten, Brummer waren. Quak, quak – zack, zack zuckte der Geigenbogen.

Vielleicht war er ein alter Nazi, von denen es im Sudetenland viele gegeben hatte. Die Würde des Schülers war ihm genauso fremd wie die seiner tschechischen Nachbarn. Wahrscheinlicher aber ist, dass er gar kein Lehrer war, sondern versuchte, seine Familie zu ernähren und stieß dabei auf ungeahnte Schwierigkeiten. Ob Nazi oder nicht, von allen Erwachsenen wurde der verlorene Krieg als große Demütigung und als Zeitenwende empfunden. Kinder oder überhaupt Schwächere zu schlagen blieb für diese Erwachsenen eine Selbstverständlichkeit. Friedrich März, der gegenwärtige Vorsitzende der CDU, der ewige Oppositionsführer, hat noch 1997 gegen das Verbot von Gewalt in der Ehe gestimmt.

Der alte Lehrer und vielleicht gute Amateurmusiker hat aber nicht realisiert, dass er mit seinem hilflosen Tun auch die Würde seines Geigenbogens missachtete. Zwar steht der Geigenbogen, als Ergebnis kunsthandwerklicher feinsinniger Tätigkeit, hinter der Geige zurück. Aber allein der Diskurs der letzten fünfzig Jahre über historische Aufführungspraxis hat uns seine enorme Bedeutung gezeigt. Der Klang der Barockgeige wird nicht nur durch die besonderen Saiten erzeugt, sondern auch durch den in sich flexiblen Bogen, dessen Spannung durch den Daumen während des Spiels verändert wird.

Ebenso ist ein Klavier eben kein Möbelstück, wie viele bürgerliche Familien im neunzehnten Jahrhundert glauben mochten, deren Wohnzimmer ohne Klavier nicht denkbar war. Ein Klavier akkumuliert all die Musik, all die Emotionen und Stimmungen – im doppelten Sinn -, die es in seinem oft langen Leben erfahren hat. Wenn heute eine Kirchengemeinde ein Harmonium oder auch nur den schrägsitzigen Hocker dazu achtlos auf die Straße wirft, so zeigt sie, dass sie für ihre eigene Geschichte und Kultur kein Verständnis hat. Wie viel mehr hat ein Kirchengebäude über – in unserer Gegend – meist achthundert Jahre erlebt und aufgesogen. Wer also die Gegenstände seiner Umgebung nicht achtet, wie will der sich selbst achten oder von anderen geachtet werden?

Noch immer geistern die Begriffe von Ehre und Stolz, Zugehörigkeit oder Identität in den Köpfen vieler Menschen herum. Dabei hat jeder Mensch eine Würde. Aber sollten nicht Gegenstände, die vielleicht keinen Preis mehr erzielen können, nicht selbst auch eine durch die lange Geschichte oder durch die Liebe ihrer Besitzer erworbene Würde haben können?

Vor etwas mehr als 150 Jahren starb in Oranienburg, meiner nächsten Schulstadt, ein kauziger, wohl auch etwas verwahrloster, gleichwohl genialer Chemieprofessor, dem alle seine Entdeckungen nicht zum Ruhm und nicht zum finanziellen Erfolg verhalfen. Am Ende seines Lebens fand sich der Entdecker des Coffeins, des Anilins, des Atropins, beinahe möchte man schreiben: und so weiter, vereinsamt und verarmt im teils abgebrannten Schloss der Hohenzollern und Oranien und begab sich auf die letzte und ewige Reise. Aber außer den erwähnten Substanzen, die ihm schon als Studenten den Spitznamen Doctor Gift und zwei wirkliche Doktortitel (Medizin und Philosophie) nebst Habilitation eingetragen hatten, hatte er für die Kunst etwas entdeckt, das weit in seine Zukunft und unsere Gegenwart hineinreichte. Er fand, möglicherweise durch das Chaos seines Labors bedingt, dass miteinander reagierende Substanzen auf Löschpapier immer die gleichen kristallinen Formen und Farben hervorbringen. Dieses Phänomen nannte er den Bildungstrieb der Stoffe und veröffentlichte darüber ein höchst wunderliches Buch, das nämlich in seinem Abbildungsteil nicht gedruckt, sondern original war. Die kommunizierenden Stoffe erzeugen immer die gleichen, nicht aber identischen Formen und Farbmischungen. Zeitgleich fand sein Professorenkollege Hegel den Weltgeist,  der Salinenassessor und Amtshauptmann Friedrich von Hardenberg (NOVALIS) die Notwendigkeit der Poetisierung der ganzen Welt. Dieses ganze Jahrhundert gab der Welt nicht nur einen neuen, sondern überhaupt erst einen Sinn. Gegen diese Seite der Säkularisierung wird während eines bedrohlichen Sommergewitters im Rom des Jahres 1870 ein perfides Gegengift gefunden: Pius IX. verkündet nicht nur die eigene Unfehlbarkeit, sondern befiehlt gleichzeitig: wer es nicht glaubt, wird ausgeschlossen. Das ist die chemische Formel des Autokratismus. Es ist leider nicht der letzte Versuch, Autorität durch Gehorsam zu erzwingen. Aber heute wissen wir, dass sich all die noch so absurden Versuche der Autokraten, Macht zu verewigen, letztlich gegen sie selbst richten.

Zwar verweigern sich viele desinformierte Menschen lange und verzweifelt der leicht erkennbaren Information, doch von den Autokraten von Pius bis Putin kommt dann doch nur: quak, quak, breke reke kex und dagegen hat selbst ein schlichter Geigenbogen mehr Würde.

HELFEN WIRD, WER HILFE BRAUCHT

Die Krise zwingt zum Nachdenken. Im Moment erscheint uns das Auf und Ab von Krise und Wohlfahrt gestört: seit der Finanzkrise, gefolgt von der Flüchtlingskrise, der Pandemie und dem Ukrainekrieg, befinden wir uns im fortwährenden Krisenmodus, so dass wir das eigentliche Desaster im Nebel der Angst gar nicht mehr glauben wollen.  Daraus folgt dreierlei:

1. Es wird bald wieder aufwärts gehen.

2. Wir haben uns zu früh gefreut.

3. Wir müssen tiefer nachdenken.

Alle apokalyptischen Szenarien, und es gibt deren immer viele, sind bisher nicht eingetreten. Am lächerlichsten und meistzitierten waren wohl die Weltuntergangsprognosen der Zeugen Jehovas für 1914, 1925 oder 1975. Deren Gründer Charles Taze Russell sah wohl den ersten Weltkrieg, die Urkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts, vorher, aber nicht dessen Ergebnisse: Fünf selbst ernannte Weltimperien stürzten in sich zusammen. Auch der zweite Weltkrieg und der auf ihn folgende Kalte Krieg mündeten in Demokratie und Wohlstand. Daraus folgt nicht, – teleologisch -, dass Katastrophen die notwendige Vorbedingung für Paradiese sind. Es gibt nicht nur keine folgenlosen Paradiese, sondern auch kein Kalkül. Die wirklich großen Erzählungen wissen das und kommen ohne Mathematik aus, was einzelne Interpreten nie hinderte, Berechnungen aus diesen Erzählungen abzuleiten. Vielmehr ist es wohl so, dass die Geschichte nicht endet, weder im guten noch im bösen. Zwar ist alles endlich, aber eben nicht absehbar. So wie tiefe Krisen zum vorausgesagten Weltuntergang verleiten, so träumen wir in Wohlfahrtszeiten vom ewigen Paradies. Selbst der große Kant setzt seiner Schrift ‚Zum ewigen Frieden‘ voran, dass dies nur in dem Sinne des holländischen Gastwirts ironisch gemeint sein kann, der damit ein Bild eines Friedhofs beschriftete. Weiter zitiert Kant Antisthenes, der schon wusste, dass Kriege und selbst gemachte Katastrophen mehr böse Menschen hinzufügen als sie wegnehmen.  

Sollte Putin tatsächlich das Böse planen, mit der Verhinderung des Weizenexports eine Hungerkrise in ohnehin schon armen Ländern heraufbeschwören und damit den Westen in eine noch tiefere Krise stoßen wollen, so kann man hieran sehen, wie verzweifelt falsch jedes Kalkül ist. Allein Deutschland hat 2015 eine Million, 2022 850.000 Flüchtlinge, diesmal aus der Ukraine, aufgenommen, nicht nur ohne Schaden zu nehmen: es war und ist fast nicht spürbar. Sieht man heute glückliche Familien aus Syrien und  Eritrea in Güstrow oder Gießen, so erinnert man sich an das Jahr 2015 mit seiner frohen und richtigen Botschaft: Wir schaffen das, whatever it takes. Andererseits führt eine der Quellen unseres Reichtums, die Globalisierung, Probleme mit sich, die wir früher – in der Euphorie des Aufschwungs – gerne übersehen haben, nämlich das Billigen des Billigen.

Alle Kategorisierungen und Klassifizierungen von Menschen, ja alle Definitionen und Identitäten sind falsch, weil sie nur richtig sind, wenn sie einen nicht anhaltbaren Prozess anhalten. Sie sind bestenfalls Denkpausen. Aus der  Hautfarbe lässt sich allenfalls die Vitamin-D-Produktion ablesen, aus der Klasse oder Schicht der Traum vom Wohlstand für alle, und selbst das Geschlecht ist, über seine biologische Funktion hinaus, ein soziologisches Konstrukt. Eine Dragqueen in Pasewalk wirkt wie aus einer anderen Welt und ist doch dort gebürtig. Vielmehr scheint es Menschen und auch Gruppen zu geben, die der Hilfe bedürfen und solche, die helfen können. Sieht man aber genauer hin, so wird man leicht feststellen können: wer der Hilfe bedurfte, ist bereiter, sie auch zu geben. Noch präziser beobachtet, braucht jeder Mensch und jede Gruppe Hilfe und kann sie, erstarkt und der Krise entkommen, geben.

Wenn also die Maxime des menschlichen Handelns nicht mehr eine fabulöse, paradiesisch-sozialdemokratische und einklagbare Gerechtigkeit wäre, sondern – stupid – GEBEN*, dann wäre alles gewonnen und nichts mehr verloren. Man kann nichts falsch machen, wenn man bedingungslos bereit ist zu geben. Schnell merkt man dann, wie unwichtig materielle Güter und wie wichtig – als Beispiele – Lächeln, Strohhalme und Tropfen auf die heißen Steine sind. Geben, aber nicht aufgeben, lächeln, aber nicht schweigen, beharren, aber sich nicht im Recht glauben – das ist schwer, aber so ist das Leben.

Wider alle heute übliche Korrektheit scheint mir in Goethes Wahlverwandtschaften schon ein sehr ähnlicher Vorschlag zu stehen, der aber heute von Lobbygruppen verschrien und beklagt würde:

‚Man erziehe die Knaben zu Dienern und die Mädchen zur Müttern…‘**

Das Wort ‚dienen‘ ist durch die Klassentheorie, das Wort ‚Mütter‘ durch das Patriarchat beschädigt worden. Dennoch zitieren wir gern den großen Preußenkönig, der allen Beamten und sich selbst empfahl, sich als Diener zu sehen. Wir glauben, einer Sache zu dienen, schämen uns aber, einem Menschen zu dienen. Wir glauben an den Mutterinstinkt, sehen aber eine Frau degradiert oder nicht emanzipiert, die ihre Mutterschaft betont. Die Menschheit wird sich durch geben emanzipieren, sich durch dienen befreien und sich durch spielen verewigen.

Vor einigen Tagen wurde ich gebeten, die ukrainischen Grundschulkinder, die mit ihren Müttern in unserer kleinen Stadt Zuflucht gefunden haben, zu beschäftigen, denn ein Großteil der Schüler begab sich auf eine lange vor dem Beginn des Krieges geplante Exkursion. Mir schien es ungerecht, so als würden die ukrainischen Kinder ausgeschlossen, denn die Exkursion ließ sich relativ leicht nachjustieren. Aber die Schulleiterin bestand auf der einmal gefundenen Lösung. Und siehe da: die Kinder genossen es, wieder einmal – wie schon in der Vorbereitungswoche – unter sich zu sein, ohne den unerbittlichen Zwang irgendetwas oder gar alles verstehen zu müssen. Vielleicht fällt es Kindern wirklich leichter, sich in einer neuen Umgebung zurechtzufinden. Aber wir alle wissen, wie sehr Kinder auch einen strukturierten Alltag lieben, in dem sie ohne Uhr und Handy zur bestimmten Stunde essen oder lernen oder spielen können. Die Kinder waren an diesem Tag außerordentlich fröhlich, geradezu befreit, vertraulich und vertrauend. Wir fanden einen Geheimweg, begegneten einer spielverrückten Ziege und kreischenden Hühnern, immer schön die deutschen Wörter übend, die Gans, die Gänse, die Ente, die Enten, das Pferd, die Pferde, entlang der Stadtmauer –  городская стена. Die langsam älter werdende Stadtbibliothekarin freute sich über die fröhliche Gruppe und zeigte bereitwillig ihr Schätze, Gruselgeschichten, Kinderbücher, und ihre schönen Bilder, die meist unsere kleine Stadt darstellen. Sie vergaß ganz, dass bis zum lesen in deutscher Sprache noch einige Zeit vergehen wird.

Auch im Dorfkonsum, in dem sich tatsächlich in dem Moment der pensionierte kommunistische Bischof mit der immer jünger und schöner werdenden Kunsthofbesitzerin traf, war der Aufruhr groß: kurz vor der Empörung fiel den neuen Besitzern die Lösung aller Probleme ein: mitfühlen, danken, geben. Die große Eispause wurde von der kleinen Stadt fast so beachtet wie in dem Film HIGH NOON. Der nächste Geheimpfad, am Sumpf – болото – und See vorbei, bot einen futuristischen Ausblick auf die Skulpturen von Volkmar Haase. Aber das rückwärtige Tor war verschlossen und auf dem Rückweg über die Straße war die Schönheit schon vergessen.

Die jüngste Anekdote bestätigt den wahrlich nicht neuen Gedanken.

*’the more I give the more I have – for both are infinite’ SHAKESPREARE, Romeo and Juliet, II,2

**GOETHE, Wahlverwandtschaften, II,7

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PUTIN ODER KEIN UNDING

Ein Depressiver klopft jeden Fakt seines Lebens, seines Tages, seiner Umgebung auf negative Anzeichen ab. In jedem Detail entdeckt er Unheil und Untergang. Zwar gibt es auch Aufhellungen, weshalb diese Krankheit auch bipolare heißt und Goethe ihr einst jenen schönen Spruch widmete: himmelhoch jauchzend – zu Tode betrübt, aber (schon bei Lessing kosten die Aber Überlegung) das Schwarze überwiegt, obsiegt zuletzt. Viele Depressive überleben leider diesen täglichen Kampf um den Sieg des Dunklen nicht.

Ein ähnliches Scannen jeder einzelnen Aussage, jedes noch so schönen Textes auf einen einzigen Punkt hin erleiden neuerdings jene etwa zehn Prozent der Bevölkerung, die von einem Untergang der alten Welt ausgehen. Damit ist nicht etwa eine fest definierte Idylle gemeint, das könnte man gut verstehen. In meiner Kindheit wurde zu Weihnachten aus dem damals noch beliebten Buch Als ich noch ein Waldbauernbub war von Peter Rosegger vorgelesen. Darin geht es um die fußläufige Vergangenheit eines abgeschiedenen Dorfes, die von der Eisenbahn und der Stadt überholt und verdrängt wird. Der Verfasser, ein damaliger Bestsellerautor, blendet aus, dass seine Armut auf dem Dorf erst dann zur Idylle wurde, als er mit ihrer Vermarktung viel Geld verdienen konnte. Andere, die im Dorf verblieben waren, sahen dies nach einer Weile als hinterwäldlerisch und rückständig an und träumten von Städten und Automobilen. Trotzdem gelang es Rosegger, eine fiktive Idylle zu schaffen, die vielen ein Trost in der Hektik der neuen Zeit wurde. Erinnerungen können trösten. Erinnerungen können aber auch hindern.

Angst vor der Auflösung der Gegenwart und einer unbestimmten Dunkelheit der Zukunft dagegen führen dazu, jeden Tag und jeden Text nur noch unter diesem einen einzigen Aspekt zu erleben und erlesen.

1

Die Angst vor der als Bevölkerungstausch erlebten langsamen Veränderung durch Einwanderung hat ganz klar hysterische Züge, ist aber historisch nicht zu rechtfertigen. Früher hat man angenommen, dass man die Männer töten und die Frauen schwängern muss. Das war Unsinn, da es einmal keine Vollständigkeit geben kann und zum anderen solche schändlichen Aktionen – wahrscheinlich sogar wegen ihrer Schändlichkeit – episodenhaft bleiben, und ist gescheitert. Die Seitenverkehrtheit zeigt der Knabenmord des Herodes, wenn er auch einen anderen Grund hatte. Herodes hätte Maria töten müssen, wenn er Yesus verhindern wollte. Die Genozide an den Armeniern und an den Juden haben ihren Akteuren nur Schande und weitaus größere Probleme eingebracht, als sie vorher hatten. Kriege sind lange Zeit für demografisch wirksam gehalten worden. Und sie sind es auch: nur eben umgekehrt. Jedes durch Krieg bedrohte Volk erhöht auf wundersame Weise seine Geburtenzahl. Wundersam heißt, dass es keine Absprachen oder Befehle dazu gibt. Beispiele aus der jüngeren Geschichte sind das exponentielle Anwachsen der palästinensischen und der kosovoalbanischen Bevölkerung.

Wie aus dem Nichts tauchen plötzlich die merkwürdigsten und verrenkungsartigsten Rechtfertigungen für die Autokraten und unverständliche Angriffe auf Demokraten auf: Diktator Putin sei umsichtig, die deutsche Außenministerin Baerbock dagegen eine Kriegstreiberin. Verfolgt man die Quellen, so sieht man, dass reihenweise von den entsprechenden Seiten einfach kopiert wird.

Durch diese Möglichkeiten des Kopierens von Argumenten, ob sie nun passgenau sind oder nicht, entsteht der Eindruck von Allkompetenz. An diese Allkompetenz glauben aber nur die Kopierer selbst, denn jeder Mensch, der selber denkt und schreibt, weiß, wie wenig kompetent er ist und wie viel Mühe es macht, jeden einzelnen Fakt nachzuprüfen. Nicht das Internet ist schädlich, sondern der übertriebene Glaube an sich selbst.

2

Die Welt und ein Land, eine Familie oder ein Mensch verändern sich ständig, obwohl sie versuchen, den status quo ante – den Zustand vor der Veränderung –  so lange wie möglich zu halten.

Ständig betonen wir, wie wir uns treu bleiben. Außen, sagen wir, sind wir verändert, innen aber gleich, der gleiche Mensch. Und je länger die hier einzusetzenden Jahre sind, desto absurder wird der Vergleich. Niemand ist mit fünfzig so wie mit fünfzehn. Wir haben vergessen und verdrängt, wie unsicher, wie kindlich, wie energiegeladen, wie sexualisiert, wie abhängig wir mit fünfzehn Jahren waren. Wir wollen nicht wissen oder hören, wie abgeklärt, wie uninteressiert, wie müde, wie gelangweilt, wie weltabgewandt wir mit fünfzig Jahren – gemessen an unserem Tempo nur fünfunddreißig Jahre vorher – wir dahinschleichen. Und nichts wird besser. Während  die meisten Menschen den Alterungsprozess als Schmach, jedenfalls als Abbau der Kraft erleben, entwickelt sich die Welt um uns rasant: einerseits auch in den Abgrund von Alterung und Verfall – und man staunt, wie desolat ein so reiches und ordentliches Land wie unseres an einigen Stellen aussieht -, andererseits in den Fortschritt und in das Wachstum, vor dessen vermeintlicher Unermesslichkeit Kritiker seit Jahrzehnten warnen. Würden wir auf Teile des Wachstums verzichten, könnten wir den Verfall aufhalten. Es gibt leider sehr viele Beispiele für ungebremstes Wachstum, das uns direkt schadet. Aber es gibt auch zwei jüngste Beispiele, wie die Ungebremstheit doch angehalten werden kann: schon zehn Millionen Menschen in Deutschland sind Vegetarier, weil Wachstum und Wohlstand hier nicht nur mit Tierleid kollidieren, sondern auch mit direkter Verseuchung der Umwelt mit Gülle und Kohlendioxyd, Methan und Stickoxiden. In den Städten unbemerkt tobt jedes Jahr auf deutschen Feldern der Kampf zwischen Bauern und Umweltbehörden um die Ausbringung von Abermillionen Litern Gülle trotz gefrorenen und überwässerten Bodens. Und: die Verwendung von Plastiktüten konnte in den letzten fünf Jahren um mehr als die Hälfte reduziert werden. Der Teppich aus Plastikteilen hat im Nordatlantik inzwischen die Größe von Mitteleuropa erreicht. Diese beiden Beispiele zeigen, wie sehr und wie schnell wir die Welt verändern können. Nicht das Kapital alleine macht unsere Welt kaputt. Das Kapital kann nur schaden, wenn wir kooperieren, indem wir konsumieren. Je größer der Wohlstand, desto größer der Schaden – diese Formel muss, als visionäres Ziel der Menschheit, umgedreht werden, indem jeder, der am Wohlstand teilhat, diesen auch weiter teilt. Das Bild des Teilens ist im Internet Allgemeingut der Menschheit geworden. Jetzt müssen wir nur noch lernen, statt die Fotos unseres Mittagessens unser Mittagessen zu teilen, am besten sogar, darauf zu verzichten.

Die ununterbrochene Veränderung kann man nicht mit Parolen oder politischen Parteien aufhalten, auch nicht mit Weltkriegen. Politische Bewegungen werden aber immer wieder versuchen, ihren Wählern zu suggerieren, dass es pro Problem eine Lösung ohne Nebenwirkungen gibt. Das toxisch-aggressive Ehepaar aus Merzig im unterhöhlten Saarland, übrigens ein wunderschöner und uralter Ort, versucht immer wieder mit dem Abspielen der gleichen Schallplatte, heute Vinyl genannt, uns zu erschrecken: er mit seinem Antiamerikalied, sie mit ihrem Song ‚Enteignet die Banken bumsfallera‘. Der Nutzen dieser beiden ist etwa so groß wie der einer Plastiktüte im Nordatlantik.

3

Mit der am 18. Juli 1870 beschlossenen und verkündeten Unfehlbarkeit des Papstes war natürlich nur gemeint, dass der Papst in Streitfragen das letzte Wort habe. Aber Pius IX. versäumte nicht gleichzeitig mitzuteilen, dass, wer dem widersprechen würde – was Gott verhüten möge – ausgeschlossen würde. Man bemerkte nicht, dass man sich damit letztlich selbst ausgeschlossen hat: weltweit sind nur noch ein Viertel der Menschen Christen, in Deutschland sind in beiden Konfessionen weniger als die Hälfte, weniger als ein Zehntel geht regelmäßig zum Gottesdienst.

Es ist immer das gleiche: jemand findet etwas heraus, und dann maßt er oder seltener sie sich an, dass es nur noch diese eine Wahrheit gibt, alle anderen werden ausgeschlossen, und dass es nur diese eine berechtigte, beamtete und heilbringende Person gibt, die sie vertreten darf, weil alle anderen mit Irrtum und Sünde bestraft sind. Wahrscheinlich war Hitler wirklich der größte Sozialdarwinist. Immer wieder hat er in seinen bis zu vier Stunden dauernden Monologen dieselben Geschichten vom Recht des Stärkeren erzählt. Offensichtlich hatte er weder Rousseau noch Darwin gelesen. Putin hat Dogin gelesen und weiß daher, dass die Ukraine keine eigenständige Nation und die russische Armee die zweitstärkste der Welt ist. Deshalb kann, was da geschieht, dass die Russen nämlich haushoch verlieren, nicht richtig und schon gar nicht gut sein. Es ist der ewige Kartoffelkäfer, der vom Feind auf die eigenen Felder gesetzt wird. Aber das gilt natürlich auch umgekehrt: Wir waren doch immer Pazifisten und wissen, dass man mit Waffen keinen Frieden schaffen kann. Weil wir recht haben, muss sich die Ukraine ergeben.

In jedem Glauben und in jedem Wissen steckt der Virus der Unfehlbarkeit. Erst glauben wir uns richtig, dann wissen wir uns wichtig. Wir hätten längst vergessen, dass die einst mächtige Kanzlerin in der Griechenlandkrise gesagt hat, was sie tut, sei alternativlos, wenn sich nicht nach der Flüchtlingskrise eine Partei namens Alternative gegründet hätte, die die Regierung jagen wollte, nun aber – durch ihren eigenen Unfehlbarkeitsanspruch – sich selbst mangels Kompetenz und Durchhaltevermögen aus dem Rennen genommen hat.

Bei Putin sind trotz dieser Übereinstimmung mit einem Grundprinzip menschlichen Verhaltens zwei Dinge dennoch absonderlich.

Er hat sein Handwerk im KGB gelernt, aber die Verhaltensmuster der Geheimdienste sind nicht so gravierend unterschiedlich. Sie gleichen sich auch in ihrer Ineffektivität. So musste Putin in Dresden mitansehen, wie seine und die Ostberliner Vasallenregierung vom Hauch der Geschichte weggeblasen wurde. Vielleicht beschloss er da, wie Hitler in Pasewalk, alles anders zu machen. Nun wird er selbst, wie Hitler in Berlin, hinweggeblasen.

Das erste zu beobachtende Absurde ist, dass er auch als vermeintlich allmächtiger Diktator immer wieder dieselben Tricks anwendet, die dadurch natürlich schon lang keine Tricks mehr sind, weil sie von allen durchschaut werden können. Er merkt auch nicht, dass seine ihm jetzt untergebenen Geheimdienstchefs dieselben Methoden anwenden und denselben Korruptionsgrad aufweisen wie er selbst. So sollen die Geheimdienstchefs 100 Millionen Dollar, mit denen Agenten in der Ukraine angeheuert und bezahlt werden sollten, in die eigene Tasche gesteckt haben.    

Die zweite Absonderlichkeit ist, dass so viele Bewohner Russlands, wahrscheinlich weil sie das Grundnarrativ angenommen haben, dass nämlich der russische Nationalcharakter an sich unfehlbar sei, ihrem korrupten, eitlen und letztlich aber verlierenden Führer immer noch glauben. Man muss die Staatsmedien in Rechnung stellen, die Niederschlagung jeder widersprechenden Regung: das ‚wer widerspricht, wird ausgeschlossen‘ dieses seltsamen Papstes, der damit, wie Putin jetzt, seinen eigenen Untergang besiegelt hat.

Es ist schwer an sich selbst zu glauben und dabei vergangene, gegenwärtige und künftige Fehler nicht gegenzurechnen, sondern einzubeziehen: ich bin meine Fehler und Erfolge. Wer den Fehler bei sich sucht, hat den Täter schnell gefunden. Fangen wir noch heute damit an.