100 JAHRE CELAN

Sein Leben verlief fast wie das des Weihnachtssterns: spät aufgegangen, eine zeitlang hellleuchtend, und dann wie vergessen. Seine Welt war untergegangen. Allerdings lebt Czernowitz, seine Heimatstadt, als touristische Literatenstadt auf, und die Lyrik lebt in der Werbung, in der Popkultur und im RAP.

Als ich das erste Gedicht von ihm las – in dem Osten, aus dem er kam – lebte er noch, und das ist deshalb so bemerkenswert, weil er von den hundert Jahren, die seit seiner Geburt vergangen sind, nur weniger als fünfzig gelebt hat. Und er lebte im unerreichbaren, ferner als fernen Paris, aber er übersetzte dort den erschossenen Mandelstam[1] vom russischen Totenreich auch ins Ostdeutsche. Russisch wurde uns nahegebracht, aber hat es nicht geschafft, uns jemals nahe zu sein. Er hatte es in einem Sommer gelernt und später, in Paris, betrunken, hat er russische Lieder gegrölt, genau wie wir in unserem grauen Ostberlin.

Aber das erste Gedicht, das ich von ihm las, war keine Mandelstamnachdichtung, sondern ein aus Reimen und Assonanzen bestehender Achtzeiler[2], der wie Bildhauerabfall auf dem Boden herumlag und nicht wusste, ob er Proverb oder Gesammeltes Werk werden sollte: ‚Wohin gings? Gen Unverklungen.‘ Das Gedicht stand in einem kleinen Auswahlband westdeutscher Lyrik, den es bei uns im Osten von Freund zu Freund zu leihen, aber nirgendwo zu kaufen gab. Denn bei uns im Osten hatten nicht nur die Bücher ihre Schicksale, sondern auch die Leser. Celan wurde nicht gedruckt, aber war trotzdem – als Übersetzer – wohlgelitten.

Bei uns in Ostdeutschland ‚traten keine Steine aus dem Berge‘, sondern die  Dichter und ihre Epigonen wetteiferten in Oden und Elogen, und niemandem fiel auf, das ELOGEN ein Beinahanagramm von GELOGEN war, eine Ruine des Wortes, ein Bruchstück der Wahrheit. Man muss gar nicht Becher, KuBa, Wiens und ihre Stalin- und Stasigesänge meinen, es reicht Brechts ‚Erziehung der Hirse‘ erneut zu lesen, um zu verstehen, dass das keine neue Lyrik war, sondern pseudobiblisches Interpretations- und Motivationsgeschwafel. Während man bei Diktatoren nicht sicher sein kann, ob sie nicht doch an sich und von sich glauben, dass sie das wären, was viele Menschen von ihnen glauben, weil sie es ihnen zuvor eingeredet haben, sind sich diese Dichter sicher, dass sie lügen sollen und wollen, um Geld und Ruhm zu verdienen und zu vertrinken. Ihren Phantomschmerz ertränkten sie in Kokain und Suizid.  

Celan dagegen wurde verfolgt von seinem eigenen Gefühl der Unvollkommenheit, wenn nicht sogar des Unvermögens. Er verdiente sein Geld mit kongenialen Übersetzungen und als Lehrer an einer Eliteschule. Antisemitismus und überhaupt Segregation waren damals noch so verbreitet, dass selbst die Opfer deren Wirkungen eher hinnahmen. Celan wurde verlacht, wenn er vorlas. Artur Brauner musste erleben, dass Kinos demoliert wurden, in denen sein Film, der erste, der in einem KZ spielte, gezeigt wurde. Die Nazis hatten noch die Deutungshoheit. Als die TODESFUGE schon in den Lesebüchern stand, gab es einen Deutschlehrer in Deutschland, der klappte das Buch auf, las die TODESFUGE vor, klappte das das Buch wieder zu und sagte kalt: Das kann man nicht verstehen.

Spätere Generationen von Deutschlehrern gaben – in bester Absicht – mit diesem Gedicht einem ganzen Volk die Absolution: Seht, sagten sie, so ist es gewesen, aber es ist Präteritum, auch der Rauch, der keine Metapher war, ist vergangen.  Das Grab in den Lüften wurde zum Stolperstein.

Vielleicht hielt er es nicht aus, in den Lesebüchern und Abituraufgaben angekommen zu sein. Vielleicht glaubte er tatsächlich, am Tod seiner Eltern mitschuldig zu sein. Vielleicht fühlte er sich aber von all den antifaschistischen Nazis in Ost und West verfolgt? Nur die engen Freunde aus seiner Jugend glaubten, dass er ein neuer Hölderlin gewesen sei. Aber letztlich verschönten auch sie ihr eigenes Leben mit dem Wissen über ihn. Wer will es ihnen verdenken? Vielleicht hatte er auch einfach nur Angst vor dem Alter, denn er wäre in seinem Todesjahr fünfzig Jahre alt geworden, wenn er geblieben wäre? Vielleicht hatte er Angst vor seinen Wahnvorstellungen, die ihm unheilbar erschienen?

Er ist in die Literaturgeschichte schwer einordbar. So wie Kafka, und ganz im Gegensatz zu Thomas Mann und Bertolt Brecht, tat er nichts für seinen Nachruhm. Er hoffte, man würde  ihn erkennen. Seine wahre Bedeutung erschließt sich nur, wenn man, Seite um Seite, in seinem Werk blättert, nicht wie bei Schiller und Brecht in verstreuten Zitaten. Er fand die Welt als Ruine vor und hat die Bruchstücke als Zutaten gesammelt. Nur dass sein Lapidarium so durcheinander blieb wie die Welt. Man muss sich auf ihn einlassen wollen, dann wird man von einem großen Werk auch wirklich eingelassen. Während Brecht mit dem Gegenständlichen rang und sich im Elogischen verlor und Kafka sich hinter der trivialen Erzählstruktur verbarg, um ungeschont und ungeschönt für die Ewigkeit reden zu können, schuf Celan aus den Splittern einer absurden Kainswelt einen Gefühlskanon, der nur dem WTC[3] von Bach vergleichbar ist. Und nicht zufällig heißen viele Gedichte von Celan Fuge, Tango, Engführung. Das Material – die Fugenthemen und Präludiencluster, die Wortkaskaden und entgrammatisierten Proverbien – lag sozusagen auf der Straße und es bedurfte eines Genies, um das lesbar zu machen, es zu analogisieren. Bach schrieb den Anfang des WTC bekanntlich in Weimarer Beugehaft. Celan dagegen war immer auf der Flucht vor dem semantischen Gefängnis.

Wer sich mit mir jetzt in das Verhältnis zwischen den Steinbrüchen von Carrara und der Kathedrale, dem Baptisterium und dem schiefen Campanile von Pisa oder den expressiven Abbildern des großen Michelangelo versetzen kann, hier die kullernden Bruchstücke im wahrsten Wortsinn, dort die reinste synthetische Kunst, das Schlechte wie Spreu hinweggeblasen, der wird auch Celan besser verstehen. Seine Wortfetzen parodieren eine Welt, die sich für perfekt hält, jedoch abgrundtief verdorben, toxisch und zerstört ist.    

Er schrieb nicht über Auschwitz oder den Sieg oder die Niederlage einer der vielen Wahrheiten, die einen Moment lang ewig waren. Er schrieb auch nicht über sich. Er schrieb, ohne dass wir es bemerkten, wenn wir nicht immer wieder lasen und lesen, über dich und mich:  ‚Vielleicht war mein Wispern schon vor meinen Lippen geboren‘. [MANDELSTAM]

WAS GESCHAH? Der Stein trat aus dem Berge.

Wer erwachte? Du und ich.

Sprache. Sprache. Mit-Stern. Neben-Erde.

Ärmer. Offen. Heimatlich.

Wohin gings? Gen Unverklungen.

Mit dem Stein gings, mit uns zwein.

Herz und Herz. Zu schwer befunden.

Schwerer werden. Leichter sein.

CELANs TODESFUGE

Es kann ihnen und uns kein Trost sein, dass der Tod auch Meister aus anderen Ländern war, ihnen nicht, weil sie nicht auferstehen können von den Toten, uns nicht, weil unsere Vorväter die Untaten auf ihr und unser Gewissen geladen haben. Der Dichter entkam den einen Schergen und entkam den anderen Schergen knapp, aber er entkam nicht seinem Gewissen und seiner Erinnerung. Er wurde derjenige, der die törichte Frage für absurd erklärte, ob man nach Auschwitz schreiben könne, man müsse, war seine Antwort, man müsse nach Auschwitz schreiben, auf dass das nicht zu Verstehende gefühlt würde. Sein Gedicht wurde das berühmteste und auch das beste, aber der Preis dafür war sehr hoch: sein Leben.

 
Es wurde schon oft hineininterpretiert: der einzige Reim in dem Gedicht besteht aus den blauen Augen des Mörders und seinem zielgenauen Schuss. Vielleicht ist es Zufall, dass sich das Gedicht an dieser Stelle reimt. Was es zu einem großen Kunstwerk macht, ist der Gesang des schrecklichen Details, das Rezitativ der Trauer, die Banalität des bösen Briefeschreibers. Das Lager bestand nicht nur aus Schrecken und Tod, sondern auch aus diesen fortwährenden trivialen Befehlen: grabt schneller, grabt tiefer, grabt weiter an eurem Grab, eine Olympiade des Grabens, des Grauens und des Abgrunds. Dieses Gedicht zeigt, dass der Superlativ des Abgrunds nicht nur in der Größe des teuflischen Projekts lag, sondern auch in jedem einzelnen Opfer und jedem einzelnen Täter. Jeder Täter musste ein Maximum an Bösem in sich anhäufen und nach außen dringen lassen. Und jedes Opfer musste ein Maximum an Leid tragen und mit in das vor ihm liegende Grab nehmen. Darüber darf kein Gras wachsen, so nötig uns Gras sonst ist. Immer wieder gibt es Unmut darüber, dass wir, so lange danach, immer noch mit Verantwortung gestraft sind. Der Grund ist dieses unerträgliche Maximum an Leid, das die Opfer auf sich nehmen mussten. Jeder einzelne dieser Menschen hat ein Recht darauf, dass an ihn gedacht wird. In Löcknitz, einem vorpommerschen Städtchen, gab es nur zwei oder drei jüdische Familien, eine davon, die Familie Schwarzweiss, besaß das einzige Kaufhaus am Ort. Der letzte Besitzer hatte den heute peinlichen Vornamen Adolf. Eines Tages traf ich drei alte Frauen, und sie erzählten mir von dem Tag, an dem die drei Familien, voran Dolfi Schwarzweiss, aus ihren Wohnungen getrieben wurden, zum Bahnhof gehen mussten, nach Stettin gebracht wurden. Weiter wollten die drei Frauen nichts wissen. Wir wissen, dass nach Stettin das Todeslager kam, und aus dem Gedicht wissen wir, dass er, der Mörder, Briefe schrieb, dass Dolfi Schwarzweiss und seine Tochter Esther zum Graben singen mussten. Sie stehen im Totenbuch von Mecklenburg und in der Gedenkstätte Yad Vashem. Aber nur ihr Name ist erhalten. Als die Russen kamen, wurde gerade ihr Kauf- und Wohnhaus, in dem auch ein kleiner Betraum war, zerstört. Nichts erinnert mehr an die drei Familien von Löcknitz. Nur das Gedicht.

 
Dieses Gedicht ohne Satzzeichen, mit nur einem Reim, mit unerträglichem Refrain des Todes, dieses Gedicht lehrt uns, wie falsch es ist, immer noch die Sprache der Täter zu sprechen, nicht deutsch, das ist auch die Sprache der Opfer und des Dichters. Die Sprache der Täter sagt nämlich, dass dort nicht Menschen ermordet wurden, sondern angeblich eine bestimmte Gruppe von Menschen. Wer das betont, glaubt, wie wir wissen, an die Berechtigung seiner Morde. Aber wir? Wir glauben nicht an die Berechtigung zu töten. Wir lassen nur noch den Selbstmord und den Tyrannenmord als Ausnahme vom universellen Tötungsverbot bestehen.

 
Das ist nicht die Folge des Gedichts, wohl aber die Folge dieser Taten, und die hat dieses Gedicht zuerst und gültig beschrieben. Zu recht wird vom Wirtschaftswunder gesprochen, schon zu unrecht wird es nur westlich der Elbe gesehen. Aber ganz unrecht ist: warum wir nicht – oder zu wenig oder zu langsam – sehen, dass es nach diesem Krieg auch ein Moralwunder gegeben hat. Die Todesstrafe ist abgeschafft, der Krieg wurde für immer geächtet:
 Nicht der andere ist uns feind, sondern der Krieg. Nicht der Fremde ist Ursache des Kriegs, sondern der Hunger oder die Gier.


Die Intoleranz steht am Pranger, alle Kinder und Jugendlichen lesen Rousseau und Kant, die Mündigkeit ist Verfassungsgebot, vielleicht am wichtigsten: alle fahren in alle Länder, also alles Fremde wird uns nah.

Fakt und Kontrafakt gehen in diesem Gedicht ineinander über wie im Leben. Wer will entscheiden, ob ‚das Grab in den Lüften’ die Metapher für das Undenkbare ist, oder das reale Bild verbrannter, zu Rauch gewordener Menschen, oder der ewige Ort, hoch oben, aller unserer Seelen?

Das Absurde kann nur im Absurden gezeigt werden, aber das Gedicht ist alles andere als surreal. Es heißt Fuge, weil es die stärkste Verdichtung des Grauens zeigt. Alle Mittel der Kunst werden ausgeschöpft, darunter erschreckend Neues, aber es liest sich trotzdem wie der Bericht eines Überlebenden. Tatsächlich hat sich Celan in die Rolle seiner Mutter versetzt, aus ihrer Sicht, die nicht überlebt hat, ist der Bericht. Er hat sich sein Leben lang Vorwürfe gemacht, dass er überlebt hat, sie nicht. Er war jung. Er ist zweimal weggelaufen, einmal vor den Deutschen, einmal vor den Russen, er, der so gut russisch konnte, dass er die Gedichte des erschossenen Mandelstam kongenial übersetzt hat und, wenn er betrunken war, russische Lieder gegrölt hat, mitten in Paris. Wie seine Heimat war er multilingual. Wie seine Heimat ist er untergegangen. Die Seine in Paris nahm ihn auf, nachdem der Pruth in Czernowitz ihn verstoßen hatte.

Eine Reihe von uns unbekannten Dichtern, die aber alle mit Celan bekannt waren, haben ähnliche Gedichte geschrieben. Celans Gedicht ist das dichteste, das deshalb zurecht das berühmteste wurde und er der berühmte Autor. Es ist schade, dass die anderen Dichter fast oder ganz vergessen sind (Rose Ausländer, Moses Rosenkranz, Immanuel Weissglas), aber das darf uns nicht hindern, Celan zu bewundern. Er selbst hat am meisten unter der von ihm bewusst gewählten – und von manchen Plagiat geschimpften – Intertextualität gelitten. Sein Gedicht ist eine Kompilation aus all den anderen Gedichten, aber auch das Denkmal gewordene Abbild des Schreckens. Besser als ein Geschichtsbuch lässt es uns fühlen (wer nicht hören will, muss fühlen), wie es wäre, wenn wir die Opfer oder die Mörder wären. Als einziger hat Celan es geschafft. Er litt auch darunter, dass dieses Gedicht in den Lesebüchern steht, aber da gehört es hin, zu uns.

Paul CELAN 23. November 1920 bis 20. April 1970


[1] Ossip Mandelstam, russischer Dichter, 15. Januar 1891 bis 27. Dezember 1938

[2] WAS GESCHAH? aus: Die Niemandsrose, Suhrkamp Taschenbuchausgabe, Band 1, Seite 269

[3] WTC = wohltemperiertes Klavier

GROSS IST DIE LIEBE UND SCHÖN IST DAS WORT

Gedichte von Kesanet Abraham in dem Bildband DIE LIEBE IST GROSS

Die Versuchung ist groß, den Dichter aus Eritrea, der seit 2015 in Deutschland ist und in Berlin lebt, anzurufen und zu fragen, wen er in seinem Gedicht KEIN WUNDER meint. Aber Texte leben nicht nur davon, dass sie geschrieben, sondern dass sie von allen Lesern interpretiert werden, man kann sogar sagen, wer einen Text liest, wird sein Autor.

Das Gedicht beschreibt, aus meiner Sicht, die Mitverantwortung eines ganzen Volkes an seinem Diktator. Das steht in Übereinstimmung mit dem schönen Spruch: jedes Volk hat die Regierung, die es verdient. Ich kannte einmal einen Pfarrer, der schrieb lange Tiraden darüber, wie die böse DDR – ich glaube, sie war eher dumm – das schöne Christentum kaputt gemacht hatte, was Nero mit seiner nun wirklich grausamen Praxis, Christen als brennende Fackeln und als Löwenfraß zu ermorden, nicht geschafft hat. Und das sollte die DDR, der es nicht gelang, Bananen und Schrauben in ausreichender Menge zu beschaffen, geschafft haben? War es nicht vielmehr so, dass zu viele Pfarrer von ihrer Staatskirche geträumt haben und selbst dann nicht aufgewacht sind, als ihre Kirchen ohne ihr Zutun ein Jahr voll waren wie sonst nur zu Weihnachten? Wie schön dagegen beschreibt der junge Dichter die schweigenden Mehrheiten und jubelnden Massen, die dem Diktator erst eingesagt haben, was er ist: ein Genie, ein Feldherr, ein großer Theoretiker. Man hat an ihn geglaubt und das führte dazu, dass er sich jetzt selbst glaubt, anstatt sich zu hinterfragen. Man muss allerdings sagen, dass Isayas Afewerki den Krieg gegen das große Äthiopien tatsächlich gewonnen hat, während – zum Beispiel – Honecker nur den Schlüssel zur fertigen Machtzentrale abholen musste. Hinterher will es niemand gewesen sein, aber der junge Dichter widerspricht: ‚Wir haben ihm das gesagt.‘

DIE LIEBE IST GROSS ist eine Redewendung in der Sprache Tigrinya, die in Eritrea und in der jetzt leider im Krieg befindlichen Provinz Tigray in Norden Äthiopiens gesprochen wird. Dieses schöne Gedicht umspielt mit zarten Metaphern die Begriffe Glauben und Liebe, die sich dann auf wunderbare Weise vereint finden: Lass es! Sorge dich nicht. An die Liebe zu glauben, ist die Seligkeit selbst. Der orientalische Ton des Landes am Roten Meer mag auch solche, uns inzwischen übertrieben scheinende Hyperbeln wie flammende Feuerglut erlauben. Er greift dabei sogar die Sprache König Salomos aus dem Hohelied der Liebe auf. Aber wie oft die Dichter uns auch mahnen, dass Liebe und Glauben dasselbe seien, so folgen doch immer noch viele den berüchtigten Lügenfahnen, auf denen ein Glaube ohne Liebe verkündet wird.

DIE ZEIT DER LIEBE  führt uns die Relativität auch der Liebe vor. Nichts ist wie früher, so sehr wir es uns auch wünschen. Im Gegenteil, Konkurrenz selbst in der Liebe scheint hinzuzukommen, die Eitelkeit gewinnt Raum, aber es bleibt die Hoffnung, dass auch diese Monster des Zusammenlebens wieder verschwinden werden. Wir hätten wohl verstanden, wenn Kesanet Abraham uns bittere Gedichte präsentiert hätte, aber sie enden alle zuversichtlich. Seine Freundlichkeit strahlt auch nach innen. Das wirkliche Liebesgedicht aber, EROBERT, kommt ein wenig rational daher, als beschriebe es einen beliebigen und wiederholbaren Vorgang. Aber auch hier versöhnt uns der Schluss: Du hast mein Herz genommen. Gib Du mir Deines.

Der Dichter beklagt im Vorwort, dass er sich für manch eine Aussage noch nicht reif genug fühle. Das kann ich nicht nachvollziehen, wie ich gleich zeigen werde. Mein Einwand ist dagegen, dass die ersten Gedichte ein bisschen zu lang, zu wenig konzentriert sind. Das kann aber auch mit einer Tradition zusammenhängen, die wir nicht kennen oder sehr verallgemeinernd ‚orientalisch‘ nennen.

Das intensivste Gedicht ist dasjenige über die Mutter, welches einen Schnittpunkt zwischen den Liebes- und den Fluchtgedichten darstellt. Unter dieser unterbrochenen einst engen Verbindung zur Mutter leiden fast alle Flüchtlinge. Und dieses Leid wird in dem Text WIEDERSEHEN verdichtet und verwoben und verklärt. Gleichzeitig zeigt sich aber auch das Dilemma der Mutter, die ihrem Sohn das Beste wünscht und dieses Beste nur erreicht sieht, wenn er sie verlässt. Das ist anrührend, bewegend, herzzerreißend. Das Geheimnis der Geburt ist Trennung.  Und man muss befürchten, dass es kein Wiedersehen geben wird.

Die stärkste Metapher, das tiefste Bild des kleinen sympathischen Buches findet sich in dem Gedicht MEINE KRAFT. Wer erst fünf Jahre in Europa lebt, kann nicht tausende von Buch- und Filmtiteln kennen. Dass das Alleinsein, die Isolation – und nicht wie bei Rainer Werner Fassbinder die Angst – die Seele aufzuessen scheint, ist also wohl kein Zitat, sondern genauso Eigenschöpfung wie das Heimweh, das Frösteln macht. Die Sonne ist tatsächlich weg, als Tatsache und als innere Kraft. Und es stellt sich heraus, dass die Flucht ein Friedhof ist, nicht nur der Hoffnungen und vieler Weggefährten, auch der Zurückgelassenen, der Geschwister, der Mütter und Väter, der Communities an den Busstationen. Und wie könnte es anders sein – im Gedicht anders als im Leben: schließlich muss man aus der Flucht fliehen, ankommen, sich integrieren. Vielleicht bleiben Injera, das allgegenwärtige Fladenbrot, und der gelegentliche Besuch der gespaltenen Kirche die letzten Überbleibsel der Vergangenheit. Aber wenn dein ganzer Background die Gegenwart ist, das Hier und Heute und Jetzt, dann, ja dann ist nur noch dein Gesicht deine Vergangenheit.    

fast alle Gedichte standen schon vorher in der Zeitschrift von kulturTür Berlin Schöneberg

ERDBEBEN ODER FIXISMUS

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Wir haben schon auf den offensichtlichen Grundwiderspruch der menschlichen Gesellschaft hingewiesen. Bevor es menschliche Gesellschaften gab, werden wohl der bloße Überlebenswillen und die Nahrungssuche übermächtig stark an Reflexionen gehindert haben. Gesellschaft heißt Arbeitsteilung und Arbeitsteilung heißt immer auch Streit, Neid und Gier. An einem Bauernhof eines Nachbardorfes hing bestimmt ein Jahr lang ein Schild, dass Bauer der wichtigste Beruf sei. Die Arbeitsteilung und die allmähliche Institutionalisierung führte indes zu dem heute noch währenden Grundwiderspruch und Streit zwischen Freiheit und Ordnung. Man kann sich das sehr schön an der Domestizierung des Wolfes vorstellen: um die Schafe zu schützen, bedurfte es einer ebenso starken Gewalt wie es der Wolf war. Und der erste Hütejunge, der auf die Idee kam, dass das nur der Wolf selbst sein kann, sollte ebenso gefeiert werden, wie die Wölfin, die Romulus und Remus säugte. Das Symbol für Kraft, Gewalt und Sicherheit kam zustande durch Zuwendung, Einfühlung und Geborgenheit. Übrigens enthält diese schöne Legende viele Elemente von anderen Legenden, was meine Ansicht vom Mangel an Differenz zwischen den Kulturen stützt.

1915 erschien ein in der Fachwelt eher verlachtes Buch eines damals sehr berühmten Forschers, Die Entstehung der Kontinente und Ozeane. Berühmt war er für seine Grönlandexpeditionen, deren letzte ihm dann auch den Tod brachte. Wenn man durch die Gegend fährt, in der er aufgewachsen ist, dann sieht man – aus heutiger Sicht – seine Theorie schon vorgeformt: Seen, Moore und Rinnsale, die in ständiger Bewegung sind. Da sein Vater ein bedeutender Altphilologe war, wird ihm der schöne Spruch panta rhei geläufig gewesen sein. Aber dass auch die Kontinente fließen sollen, konnte sich in der Fachwelt nur Otto Hahn vorstellen.

Erbeben treten dort auf, wo sich tektonische Platten reiben. Die vor Wegener herrschende Theorie nannte sich Fixismus, alles ist tief gegründet und bleibt immer so, wie es ist. In Island und im Großen Afrikanischen Grabenbruch kann man gut erkennen, dass nichts so bleibt, wie es ist.

Mir scheint das nun ein sehr gutes Gleichnis zu den Plattenverschiebungen zu sein, die die Gesellschaft immer wieder erschüttern. Was bei heutigen Demonstrationen auffällt, ist nicht Staatsversagen, sondern Plattenverschiebung. Die Platte der Autokratie und die Platte der Demokratie reiben sich solange, bis sie wieder einen ein, zwei Jahrhunderte währenden Kompromiss gefunden haben. Auch Sieg und Niederlage des Trumpismus scheint mir kein Unfall der Geschichte zu sein, sondern ein Erdbeben. Der Unterschied zur Plattentektonik ist nur der, dass in der Geschichte Menschen mit Gefühl, Verstand und Absichten agieren. Und die neue Kommentarfunktion der Weltgeschichte erlaubt jedem einzelnen Bürger, recht zu haben. Gruppen sind nicht mehr Kirchen und Parteien, sondern Kommentarkreise, die sich gegenseitig bestätigen. Allerdings gilt für sie auch das eherne Gruppengesetz: Trennung, Scheidung, Schisma.

Sehen wir uns die zum Glück sang- und klanglos untergegangene Trump-Administration an: heute ist man Vertrauter, morgen ist man im Knast oder bei der Staatsanwaltschaft. Auch die AfD und die vergleichbaren Bewegungen in Europa beschäftigen sich ZU UNSER ALLER GLÜCK am meisten mit sich selbst. Meine Großmutter hatte dafür den schönen Spruch: Pack schlägt sich, Pack verträgt sich, und der Vorteil dieses schönen Spruchs war, dass sein Sprecher und seine Sprecherin außen vor blieben, er hatte die Wahrheit gepachtet. Vielleicht sollten wir aufhören, unsere Mitbürger als Pack zu denken und zu bezeichnen.

Die Kontinentaldrift und die kapitolinische Wölfin zeigen uns: es kommt immer anders als man denkt, weil es mehr Gründe gibt, als man denken kann. Solche Parteien des Fixismus tragen monokausale Monster und Monstranzen vor sich her. Oft gibt es auch den einen Grund, aber immer hat er tausend Schwestern und Brüder.           

LISTIGE FEMINISTINNEN

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Neulich geriet ich in eine Diskussion über feministische Linguistik. Die Unterdrückung der Frau sei bis in die Syntax hinein nachweisbar. Ich selbst gab mich früher gern als Feminist aus und wollte damit meine absolute Solidarität ausdrücke, und bemerkte nun aber, dass ich eines nicht bin: Feministin. Die Diskussion lief letztlich auf zwei Fragen hinaus, und die sind allemal interessanter als alles, was die anticoronistischen Heulsusen und Heulfritzen im Angebot haben, wenn sie wöchentlich einmal vom Akkordeon begleitet um die Protestlinde tänzeln.

Die erste Frage ging nach der Männlichkeit der deutschen Sprache. Wir kennen alle diese Diskussion: Deutschland hat die schlimmste Bürokratie, Deutschland hat die meisten Gesetze und die höchsten Steuern. Diese Art Nestbeschmutzung brauchen viele, zum Beispiel die gesamte AfD, um es in der Heimat aushalten zu können. Es ist dies die immer gleiche Verwechslung des Focus mit der Weltsicht. Ein Linguist oder eine Linguistin, die – sagen wir – fünfzig Sprachen beherrscht hat durch Erfahrung Einsicht in vielleicht weitere fünfzig Sprachen, das wäre ein Achtel aller afrikanischen Sprachen, könnte die Frage, welche Sprache männlich und welche weiblich sei, besser beantworten als wir alle. Trotz dieser strukturbedingten Inkompetenz wage ich die These, dass der männliche Focus der Sprachen durch das Patriarchat zustande kam und keine Frage der Sprachen selbst ist. In jeder Sprache wird es aber auch weibliche Formen geben, die, wenn sie nicht den Ausgleich brachten, doch den Versuch zeigen. Mein Geschreibsel hat natürlich nicht die Spur wissenschaftlichen Nachweises oder auch nur Denkens in sich. Aber wenn ein einfacher Gedanke, dass im Englischen die Schauspielerin actor und der Mensch sogar man heißt, ausreicht um ein linguistisches und feministisches und wissenschaftliches Kartenhaus zum Einstürzen zu bringen, dann kann es damit nicht weit her sein. Insofern ist es gut, dass Luise F. Pusch keine Professur erhielt, aber eine Ikone des Feminismus wurde.

Die zweite Frage war, ob Frauen militaristische Begriffe verweiblichen und sich typische männliche Grundfehler wegen der Gleichberechtigung einverleiben sollten. Die große Feministin sagte im Interview, dass es darauf ankäme irgendetwas auf Vorderfrau zu bringen. Das soll das feministische Gegenstück zum Vordermann sein. Ich halte den Vordermann für einen militaristischen Begriff und seinen heutigen Gebrauch für einen Beweis der langen Beibehaltung der Militär- und der Tätersprache. Nach wie vor wird von der obersten Heeresleitung gesprochen, vom Frontverlauf, studentische Hilfskräfte werden HIWIS genannt, aus dem Tritt kommen, so schnell schießen die Preußen nicht, in Visier nehmen, Ruhe im Glied, das alles wird täglich benutzt. Ich verstehe, dass frau sich über männliche Sprache aufregt. Aber frau kann nicht auf Verständnis hoffen, wenn sie militaristische oder gar Täterbegriffe verweiblichen und vereinnahmen will.

Soweit die sprachliche Seite. Dann ging es aber darum, ob Frauen die Wahl haben, ob sie Pazifistinnen oder Bellizistinnen werden wollen. Ich muss gleich sagen: ich empfinde schon die Fragestellung als obszön. Natürlich hat es immer auch Bellizistinnen gegeben. Aber sind sie wirklich das Ideal einiger Frauen? Dadurch dass der Krieg in 99% der Fälle Männersache war, die Sache alter Männer, die junge Männer in Krieg und Tod schickten, dadurch richtete er sich nicht nur gegen den bewaffneten Feind, sondern gegen Frauen, Kinder und Greise, also den unbewaffneten Teil der Bevölkerung. Frauen sind in allen Kriegen vergewaltigt und abgeschlachtet worden, ihre Kinder sind vor ihren Augen aufgespießt oder an die Wände geworfen worden, ihre Söhne waren die Mörder. Und jetzt wollen sie die Wahl haben, ob sie lieber Pazifistinnen bleiben oder Bellizistinnen werden sollen, Befürworterinnen von Kriegen, die weitgehend abgeschafft und befriedet werden. Zum Glück gibt es nur noch kleine Bürgerkriege, die auch Stellvertreterkriege sein können, die aber niemals mehr die Dimensionen des dreißigjährigen Krieges, der beiden Weltkriege, des Vietnam- oder Algerienkrieges haben. Statt die Bundeswehr abzuschaffen, erste Gelegenheit 1955, zweite 1989, dritte 2020, wird sie wegen der gleichberechtigten Teilnahme für Frauen geöffnet. Natürlich führt die Bundeswehr keinen Krieg, das kann sie gar nicht, das verhindert schon das Bundeswehrbeschaffungsamt in Koblenz, aber sie steht, obwohl sie demokratische kontrolliert wird, in der Tradition der Kriege. Selbst wenn eine Kaserne nach Stauffenberg benannt wurde, heißt sie nicht nur nach dem mutigen und höchst bewundernswerten Hitler-Attentäter, sondern auch nach dem Generalstabschef des Ersatzheeres. Über einen anderen Oberst der Wehrmacht wurde in Rotenburg an der Wümme gestritten: er schoss 111 ‚feindliche‘ Flugzeuge ab, aber Stadt- und Kasernenrat hielten den toten Oberst bis zum Juni 2020 für einen missbrauchten Mitläufer. Und nun wollen auch die Frauen militärische Mitläuferinnen gewesen sein? Diese Art feministische Diskussion verläuft so wie die Stadtratssitzungen in Rotenburg zum Thema Lent: schoss er tatsächlich Feinde ab oder wurden diejenigen erst dadurch zu Feinden, dass er sie abschoss?

Zwar kann niemand mehr eine Enzyklopädie oder zwölf Bände Hegel schreiben, aber man kann nicht bei der Beantwortung einer Frage alle anderen schon möglichen Antworten ignorieren.

LUTHERS FACEBOOK

Nr. 211

In der Fülle der Feiertage, die unseren Alltagstrott erschüttern, Reformationstag, Halloween, Allerheiligen, Allerseelen, spielt merkwürdigerweise das Erdbeben von Lissabon keine Rolle. Ein Jahr lang werden wir über Luther hören, was wir noch nie gehört haben und was wir vielleicht gar nicht hören wollen. Nicht nur der aggressive Antisemitismus und Antiislamismus der Neuzeit gehen auf ihn zurück, auch seine Katastrophen-  und Höllenprojektionen wirken bis in die Gegenwart. Unbestritten ist sein Einfluss auf Bildung, Wohlfahrt und Chancengleichheit. Man kann ihm nicht genugtun. Aber kann man denn dem kleinsten und unbedeutendsten Menschen gerecht werden? Kann man den Nachbarn beurteilen, den Freund, die Ehefrau, den Ehemann, den Kollegen, die Vorgesetzte, die Eltern, die Kinder? Ein frühes Produkt der Neuzeit, an deren Beginn eben auch Luther steht, ist das Individuum und die Erkenntnis, dass es mehr Gründe und Gegengründe als Menschen und Ameisen gibt.

Am Allerheiligentag 1755 wurde Lissabon, das damals die Hauptstadt eines großen Weltreiches, des lusophonen Dreiecks war, von einem Erdbeben der Stärke neun, einem Tsunami und einem flächendeckenden Großbrand heimgesucht. Und es ist vielleicht einer der ersten Punkte der Menschheitsgeschichte, wo wir merkten, dass wir eben nicht heimgesucht wurden, sondern dass wir Teil der Natur sind, die nicht nur schön ist. Jeder kennt den Satz des Außenministers und späteren Kanzlers des portugiesischen Reiches angesichts der Verheerung, immerhin waren fast neunzig Prozent der teils wunderschönen Bausubstanz zerstört und die Hälfte der Einwohner tot, ‚begraben wir die Toten und ernähren wir die Lebenden‘. Das ist nicht nur ein äußerst mutiger Pragmatismus, das ist die Erkenntnis, dass wir Teil eines schönen und schrecklichen Gesamtsystems sind, das wir nur sehr bruchstückhaft verstehen. Der Kanzler musste erst aus seiner Gruppe heraustreten, um dies zu erkennen und um hilfreich zu handeln. Leider ist es oft so, dass die Herausgetretenen eine neue Gruppe der Wahrheitsbesitzer bilden, die wartet, bis das nächste Erdbeben ihre Wahrheit zerstört und ihren Führungsanspruch annulliert.

Dafür gibt es keine Lösung. Immer wieder werden Teile der Menschheit auf einfache Wahrheiten hereinfallen. Aber es gibt immer weniger Kriege. Immer wieder werden Menschen glauben, dass andere an ihrer Armut schuld sind. Aber es gibt immer weniger Hunger. Das Mehr an Bildung, das es erfreulicherweise auch gibt, scheint manchmal in neuen Medien zu ertrinken. Aber so ist es nicht. Die neuen Medien, zu Luthers Zeiten das Flugblatt, heute zum Beispiel Facebook, verstärken nur etwas, das da sein muss. Sie sind Medium, nicht Botschaft. Schwer zu erkennen ist beispielsweise die Gleichzeitigkeit: die neuen Medien trafen gleichzeitig auf Menschen, die endlich in der Demokratie angekommen und ihrer überdrüssig waren. Die von Nietzsche behauptete Verwechslung von Aktiv und Passiv tritt um so deutlicher hervor, je mehr Möglichkeiten das Passiv hat. Es möchte wahrgenommen werden, zunächst als Individuum, als Mensch, dann als Frau, als Kind, als Wähler, als Schwarzer, als Homosexueller. Es geht nicht um die Befreiung zum Konsum, sondern um die Emanzipation zur Bildung, zur Chancengleichheit, zur Elite. Alle Elitetheorien sind gescheitert. Am lächerlichsten war es, eine bestimmte Hautfarbe oder Herkunft a priori zur Elite zu erklären, die Weißen, die Adligen, die Arbeiter. Das ist schwer zu erkennen, wenn man in einer dieser Gruppen feststeckt. Dazu braucht man einen Marques de Pombal oder Luther, darf aber nie vergessen, dass diese, außer dass sie Revolutionäre sind, auch vom Zeitgeist bestimmt sind und bleiben. Luther blieb Antisemit, Pombal ging über Leichen und erlaubte den soeben verbotenen Sklavenhandel nun für die aufstrebende Kolonie Brasilien.

Es machte wenig Sinn, wenn man in den Schulen das Fach Revolutionskunde einführte. Schon sinnvoller lehrbar erscheint aber der Gedanke der Innovation, den wir uns immer noch zu sehr technisch und ökonomisch vorstellen. Wir lernen in der Schule nicht nur die Kulturtechnik des Schreibens, sondern auch, Texte zu verfassen. Hunderte von Jahren wurde die Schrift selbst als Gegenstand des Lehrens und Lernens betrachtet. Texte, selbst die von Lehrern bestehen aber immer noch aus Textbausteinen und Analogien. Durch diese Einschränkung, so wird argumentiert, können auch beschränkte Schüler zu höherer Einsicht gelangen. Es ist eben viel mühseliger, für jeden Schüler, für jeden Menschen nicht nur einen Pfad zu finden, sondern seinen. Das Paradox ist, dass es, je mehr Menschen es gibt, auch desto mehr Wege geben müsste. Aber wir dürfen uns von Paradoxa und Rückschlägen nicht irritieren lassen.

Die Hassbotschaften in den Medien sind ärgerlich, aber auch vergänglich,  aber auch ein Ausdruck des gewachsenen Selbstbewusstseins. Es wäre doch merkwürdig, wenn Selbstbewusstsein nur in Kombination mit Gutmenschentum auftreten würde. Statt dessen gelingt es immer wieder, beide durch das Schüren von Ängsten zu schwächen. Darin war Luther mit seinem leibhaftigen Teufel leider auch ein Meister.

Warten wir auf den Feiertag, an dem auf einem Lutherdenkmal oder in Pombal ein bedenkenswürdiges Graffito steht.

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ALL YOU NEED IS LOVE

Nr. 264

Vierter Hauptsatz

[John Lennon/Paul McCartney]

Die Allgemeingültigkeit dieses wunderbaren Satzes besteht darin, dass er nicht etwa nur passiv, sondern vor allem auch aktiv gilt. Man könnte leicht verstehen: ich hatte es schwer, alles, was ich noch brauche, ist Liebe und Verständnis, Zuwendung und Solidarität meiner Mitmenschen. Vielmehr ist es umgekehrt: da die Welt Liebe braucht, muss ich sie ihr geben. Liebe entsteht durch geben. Es ist nur da, was ich und meinesgleichen produzieren. Der Neid produziert nichts als Missstimmung und Zerstörung, und zwar nicht nur beim Beneideten, sondern vor allem auch beim Neider. Ein ganz ähnliches, fast arithmetisch zu nennendes Verhältnis zeigt uns, dass durch Rache das Leid zu- und nicht abnimmt, durch Neid die schlechte Laune befördert wird, nicht die Gerechtigkeit.

Überhaupt: der Markt mag ergebnisorientiert sein, das Leben ist erlebnisorientiert. Wenn man Liebe als Investition ansehen wollte, so darf man doch nicht erwarten, dass sie das gewünschte Ergebnis hat. Das wird schon dem Pubertierenden klar: seine Sehnsucht sucht sich einen Gegenstand, der für ihn unerreichbar bleibt. Die Lösung ist ein entstehendes Idol oder Ideal.

Die Botschaft des Satzes erreichte die Welt zu einem Zeitpunkt, als sie glaubte, alles mögliche zu brauchen. Die Massenkonsumgüterproduktion lief zwar schon mehr als sechzig Jahre, aber war immerhin und immer wieder von der massenhaften Produktion von Waffen und Rettungsgerät unterbrochen worden. Erst die großen Konjunkturen, in Deutschland als dem an sich gläubigsten Land Wirtschaftswunder genannt, brachten die Botschaft, dass und was man alles braucht, um glücklich zu sein. Diese Annahme, dass wir vom Pappbecher bis zur Atombombe (Jean Luc Goddard) alle diese überflüssigen Gegenstände benötigen, führte zu der umfassendsten Produktionskrise, die die Menschheit bisher erlebt hat, denn sie entstand auf dem Boden der größten Produktion und Verfügbarkeit von Dingen. Es wird nicht abwegig sein zu vermuten, dass auch die Überhandnahme von Geld, und damit sein vermeintlicher Mangel, zusammenhängt. Gleichzeitig schritt aber die Säkularisierung mit einer fast total zu nennenden Informierung und Kommunikation einher, so dass die bisher professionellen Wertebewahrer, also Religionen und Staaten einschließlich ihrer Bildungssysteme, ebenfalls in eine tiefe Krise gerieten, zumal sie sich innerlich nicht von ihrer bisherigen Monopolstellung befreien können.  Keinesfalls sind die alten Werte wie Liebe, Solidarität oder Kooperation überholt. Dagegen ändern die Sekundärtugenden so schnell ihre Bestimmungen, wie sich die hinter ihnen liegende reale Welt wandelt. War eine zwar kohärente, aber auch starrsinnige Welt an Konditionierung, an Lohn und Strafe, gebunden, die auch in das Verhältnis zu Gott hineinprojiziert wurde, so konnte die darauffolgende Arbeitsgesellschaft als einzige und Höchststrafe die Arbeitslosigkeit anbieten. Diese hat im fast religiös anmutenden und funktionierenden Sozialstaat ihre Wirksamkeit verloren. Eine ganze Generation kann das Leben ohne Arbeit ausprobieren, ohne zu verhungern. Auch in den hungernden Regionen, die glücklicherweise schrumpfen, träumen viele Menschen nicht von Arbeit, sondern zum Beispiel von Fußball und Musik.

Liebe ist nur zu erlangen, als Konsum und als Instrument, durch Liebe. Das ist keine Tautologie, sondern ein Hinweis darauf, dass es keiner weiteren Bedingungen bedarf. Man muss nicht noch einem Verein zur Verbreitung der Liebe beitreten, damit die Liebe sich verbreite. Es reicht, wenn man sie verbreitet. Das ist natürlich immer auch institutionalisiert möglich, vor allem aber auch individuell. Gegen das Institut spricht dessen Abhängigkeit vom Zeitgeist, der Summe aller Interpretationen zu einem bestimmten Zeitpunkt. Wo Menschen zusammenkommen, streben sie nach Konsens, sie vergleichen ihre interpretativen Ausgangspunkte, und so entsteht eine neue Abteilung des Zeitgeistes. Das Wunder der Menschheit vollzieht sich im Verständnis. Zum Missverständnis bedarf es keiner Anstrengung. Jähzorn, Vorurteil, Neid, Missgunst, Wahrheit (also die Monopolisierung einer einzigen Interpretation), deren Folge dann oft der Hass ist (also ist Hass das organisierte Gefühl einer so genannten Wahrheit), das alles sind die gewöhnlichen Hinderungen der Liebe. Sie muss man im täglichen Leben einfach überwinden. Das ist alles sehr schwer. Viele von uns können sich nicht an den Gedanken gewöhnen, dass es keine ‚Wahrheit‘ gibt, also keine längerfristig gültige Interpretation. Vertrauen in die Welt entsteht, man will es nicht glauben, durch die Liebe unserer Eltern zu uns, nicht dadurch, dass jemand die Teilbarkeit der Teilchen voraussetzt oder nicht voraussetzt. Der Unterschied zwischen einem Gleichgewicht und einem stabilisierten Ungleichgewicht ist im Alltagsleben gleich null. Die Wissenschaft einschließlich der Evolutionstheorie, das ist inzwischen ein ebenso legendärer wie trivialer Vorwurf, hat sich einfach an die Stelle der alten ‚ewigen‘ Wahrheiten gesetzt und ein ganzes Jahrhundert ist ihr willig gefolgt. Man kann den Alltag bestehen, ohne an Gott zu glauben, ohne die Relativitätstheorie zu kennen oder auch ohne Shakespeare. Wieviel Shakespeare, Relativitätstheorie und Gott allerdings in den vorhandenen Interpretationen und Dingen steckt, das wiederum  vermag niemand zu bestimmen. Wer Shakespeare nicht kennt, wird ihn auch nicht entdecken können. Das ist das einfache Paradoxon der Bildung, nicht des Lebens.

Wenn man nun alle Lebenserleichterungen, vom Eisenerzabbau (physisch) über die Espressomaschine (psychosomatisch) bis hin zur Psychotherapie (psychisch), auf den berühmten Nenner (eine der wunderbarsten mathematischen Metaphern) zu bringen versucht, so kommt entweder Gier heraus oder Liebe. Die Gier ist ein Erzeugnis der Sattheit und des daraus sich ergebenden Überdrusses, weshalb Völlerei schon zu den antiken sieben Todsünden zählt. In der Sattheit zu erkennen, was einem fehlt, ist auch schon seit der Antike diskutiert worden. Wir suchen einen Sinn unseres Lebens. Die einen sagen, der Sinn des Lebens ist nichts als das Leben selbst. Die Existenz kann nicht über sich hinausdenken, wohl aber über sich hinaus handeln. Den Folgen meines Handelns folgen meine Nachfolger. Die anderen sagen, der Sinn des Lebens besteht in einem Leben nach dem Leben, in einer fortdauernden Existenz, die bilderbuchhaft vorgestellt werden kann. Beides ist hilfreich. Hilfreicher ist es aber, zu einem Pool der Liebe beizutragen. Hilfreicher ist es, wie Kinder immer wieder zu einer Unvoreingenommenheit zu gelangen. Es spricht nichts dagegen, sich dabei von denjenigen helfen zu lassen, die das auch schon so gesehen haben, die großen Religionsstifter, die großen Künstler und die großen Sätzeschreiber. Aber es ist andererseits nicht nötig, immer nach dem Großen und Alten zu sehen. In deiner Nachbarschaft, bei den so genannten schlichten Menschen entsteht genau so viel Menschlichkeit durch Liebe wie Liebe durch Menschlichkeit, wie in den großen Religionen, Philosophien und Kunstwerken. Sie alle sind Liebeswerke.

EX FALSO QUODLIBET

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ODER DIE ZERBRECHLICHKEIT DES GRUNDES

Diese schöne logische Regel beschreibt einen gängigen Denkfehler: wenn die Voraussetzung  falsch war, sind alle Schlüsse beliebig falsch, dumm und nicht zielführend. Wir wissen heute, dass im Leben nichts wirklich falsch sein kann, wohl aber in der Logik. Was in der Logik logisch ist, wird im Leben von Widersprüchen gepeitscht und aus den mathematischen Paradiesen gejagt. Je freier eine Gesellschaft ist, desto mehr Widersprüche können auftreten und treten auch durch die weit geöffneten Tore ein: in die Scheinidylle unseres Lebens. Mit diesem Paradox der Demokratie müssen wir leben: jetzt muss der Hauptstrom des Diskurses nicht mehr der Zweifel sein, ist es aber. Wir Menschen verharren immer im Gestern, weil wir im Morgen nur im Traum sein können. Deshalb weiß der Traum mehr als das Gedächtnis.

Wer also das Coronavirus für eine Erfindung oder wenigstens Findung hält, kann nur weder seine Ursachen finden noch Wege zu seiner Unterdrückung oder gar Eliminierung. Alle Wege der Logik und der Empirie sind ihm und ihr verschlossen. Er weiß den Fakt schon nicht, wie dann den Grund?

Wer die Flüchtlinge der Welt  eingeladen glaubt, auf geheimen Wegen – früher nannte man sie Gottes Wege – hierher geführt, um dir und dir und dir zu schaden – wer das glaubt, muss in der Folge in die Irre gehen. Wer flieht, hat lange überlegt und versucht die Risiken abzuwägen und letztlich seine Unwichtigkeit erkannt und damit das Scheitern eingeplant.

Wer Banken und Finanzströme für Ergebnisse bewussten Handelns, vielleicht sogar bewussten Betrügens hält, müsste eigentlich an sich selber zweifeln, denn jeder hat schon – direkt oder indirekt – mit Krediten, mit gekauftem Geld zu tun gehabt. Immer wieder wird aber das Problem glücklich gewendet: nicht meine Unfähigkeit ist schuld, sondern der Geldverleiher. Gottfried Feder, ein Kriegskamerad Hitlers, glaubte wohl wirklich an die Möglichkeit der ‚Brechung der Zinsknechtschaft‘. Hitler jedoch glaubte nicht daran, und deshalb wurde Feder nicht Stellvertreter des Führers, sondern nur Staatssekretär im Wirtschaftsministerium. Das hindert heutige Rechte und Verschwörungsglaubende nicht, weiter an des Fluch des Zinses und also eine Schuld außerhalb ihres eigenen Lebenskreises zu glauben.

Der Diskurs als eine Grundlage der Demokratie sieht nicht aus wie ein Fundament. Als gedachte Fundamente schienen Monarchie, Kirche und Militär geeigneter. Aber wo sind sie geblieben? Der König der Niederlande wurde vor ein paar Tagen aus dem Urlaub zurückgepfiffen: er ist kein Fundament mehr, sondern ein Sahnehäubchen.

Der fragile Diskurs beruht auf der Würde des Menschen, die noch zerbrechlicher ist. Wir denken sie uns unantastbar, aber sie wird überall mit Füßen getreten und in den Straßenschmutz gezerrt. Trotzdem ist es erstmalig ein Argument, das nicht von außen oder institutionell gestützt werden muss. Die Würde des Menschen ist unantastbar, egal, woher er kommt und wohin er will, gleichgültig, was seine Eltern wollten oder seine Geschwister tun, unabhängig davon, was seine Religion vorschreibt – und jede Vorschrift ist der Würde diametral entgegengesetzt – oder seine Regierung tut. Das ist schwer. Das ist die Last der Demokratie, die wir alle mit uns herumschleppen. Jedes Argument ist zerbrechlich, jeder Grund grundlos.

Was haben wir aber auch gewonnen?

Die Kartoffel im achtzehnten und der Brühwürfel im neunzehnten Jahrhundert überwanden den Hunger. Die Volksschule brachte die Navigation aus der Finsternis. Die Massengüterproduktion bescherte uns den ewigen Frieden. [Der zweite Weltkrieg war ein Atavismus und gleichzeitig aber eine – teuer erkaufte – letzte Bekräftigung des Friedenswillens.] Nicht zu unterschätzen sind die Reproduzierbarkeit von Kunst und Information, die den Eliten das Lügenhandwerk legt. Das Automobil und das Flugzeug bewilligen uns einen Zipfel der Freiheit.

Heute sehen wir besser, dass jede Lösung eines Problems neue Probleme hervorbringt. Aber sollten die neuen Probleme nicht auch lösbar sein, so wie es die alten waren? Der Hunger schien ein ewiger Fluch gewesen zu sein, der sogar in den heilig gehaltenen Schriften an prominenter Stelle festgeschrieben war. Aber wo ist er? Heute sehen wir besser, auch wenn wir über die zerbrechlichen Gründe stolpern, die nicht mehr Fundament werden wollen.

Das deutsche Wort falsch geht auf das gleichbedeutende lateinische falsus zurück, welches sich aus fallere ableitet, was betrügen, täuschen, irreführen bedeutet. Es kann also nichts falsch sein, es sei denn jemand macht es. Die Absicht liegt nicht im Gang der Dinge, sondern in dessen Störung. Ein Quodlibet ist in der Musik die Zusammenfügung eigentlich nicht zusammengehöriger Melodien. In der Familie wurden auf den großen Treffen Quodlibets improvisiert. Die Beliebigkeit bezieht sich also auf die Ursache, nicht auf das Ergebnis, es ist eine zusätzliche Unvorhersehbarkeit. Wer das nicht glaubt, singe die Kanons C-A-F-F-E-E, ES TÖNEN DIE  LIEDER und HEUT KOMMT DER HANS ZU MIR jeweils mehrstimmig zusammen: da braucht es einen sehr, sehr guten Chor, aber das Ergebnis ist: unerwartet.

ERST BESITZEN UNS DIE ELTERN, DANN SIND WIR VON IHNEN BESESSEN

Variationen über ein eigenes Thema

Der Spielraum des Menschen ist nicht groß. Hat er viele Geschwister, so wird er zwar in ein meist wunderbar funktionierendes soziales Netz hinein geboren, aber sein Raum, Individualität zu entwickeln, ist naturgemäß klein. In klassischen Wohnungen früherer Zeiten war das meist unbenutzte Wohnzimmer, das fast nur der Repräsentation und Weihnachten oder Bayram diente, stets viel größer als das Kinderzimmer. Die Kinder, dachte man, sind doch noch klein, sie benötigen keinen Raum. Die Hierarchie zwischen Kindern und Eltern war eindeutig und verkehrtherum.

Auch das Gefüge zwischen Eltern und Kindern ist komplexer als es durch den Begriff der Hierarchie abgebildet werden kann. Lange Zeit nahm man an, dass Hierarchie eine natürliche Ordnung sei, wie überhaupt alles, was war, für natürlich, alles andere, was nicht in das Raster passte, für widernatürlich erklärt wurde. Erst im neunzehnten Jahrhundert begann man zu ahnen, dass Hierarchie eine Herrschaftsstruktur, keinesfalls aber eine natürliche Ordnung sei. Lange hielt sich noch der Aberglaube von den Alphatieren. Erst spät entdeckte man die Schwarmintelligenz, das Verhalten als Orientierung. Konrad Lorenz beschrieb bis dahin für ewig gehaltene Muster (‚Mutterinstinkt‘) als Verhalten, dessen Impuls angeboren, dessen Ausführung weitgehend zufällig ist. Seine kleinen Enten folgten dem Fernlenkspielzeugauto. Und bei jedem Schritt der Weltentdeckung riefen die Traditionalisten, dass man die Welt zerstören wolle, und sie meinten ihr Weltbild.

Eltern und Kinder hängen also nicht hierarchisch zusammen, obwohl der erste Eindruck so ist. Das ebenfalls von Konrad Lorenz beschriebene Kindchenschema lässt von vornherein auch fremde Eltern zu, die Extremfälle sind und bleiben Wölfe als Menscheneltern und Menschen als Wolfseltern. Das spannungsvolle Verhältnis zwischen Menschen und Wölfen scheint in die später durch Domestikation erlebte Symbiose hinzuführen. Die Verlängerung des menschlichen Lebens erst zeigte, dass die falsch gedachte Hierarchie sich gänzlich umkehrt. Alte und pflegebedürftige Menschen hat es zwar schon immer gegeben, aber nicht in dieser großen Anzahl. Aber es scheint nicht nur um die symmetrische Aufgabenumkehrung zu gehen.

Ganz ohne Hierarchie, selbst bei revolutionärster Ablehnung sind mehr Väter und Mütter in uns als uns lieb und förderlich sein kann. Die Natur oder Gott, beide jedenfalls weiser als die Traditionalisten und Oberinterpretierer und Dauerbesserwisser, haben Kontinuitäten und Diskontiniutäten eingebaut und zugelassen, die sowohl den Fortbestand als auch die Fortentwicklung, Sesshaftigkeit und Nomadentum, Aussterben und Neugeburt, auch Renaissance oder Reinkarnation genannt, ermöglichen.

Wenn wir uns eine Familie mit sieben Kindern und zwei Eltern vorstellen, dann hat jedes Kind den genetischen Baukasten der Eltern zu Verfügung, aber er hat nicht nur zwei Bestandteile, sondern tausend mal tausend mal tausend. Ein Teil, der kontinuierliche, wird auf biotischem Weg weitergegeben, der diskontinuierliche Teil wird sozusagen ausgesucht. Selbst eineiige Zwillinge sind nicht identisch, obwohl es oft, auch ihnen, so erscheint.

Die Spannungen und Entspannungen zwischen den Eltern und den Kindern sind auch jeweils differenziert und tragen zur Auswahl oder Ablehnung, Verstärkung oder Abschwächung bei.

Nicht zu unterschätzen sind die gesellschaftlichen Rollen, der Zeitgeist. So ist die Vaterrolle nach fünftausend Jahren Patriarchat inzwischen die fragilste und umstürzendste geworden. Hier drängt sich die Metapher des großen Krieges auf: Der letzte große Krieg war die letzte große Jungmännerermordung, aber auch Kinderermordung, nach dieser kehrte sich das Vaterbild radikal um. Demografisch spielt das übrigens keine große Rolle.

Die großen Erzählungen von Vätern und Söhnen sind, sofern sie von Opfern reden, wie bei Ikarus, Isaak (Ismael) oder Jesus, getreue Abbilder der Vorstellungen der jeweiligen Zeit und nicht umgekehrt. Allerdings steht zwischen uns der Provenienzstreit, also die Frage, woher das Narrativ eigentlich kommt. Eine Ausnahme und damit ein möglicher Neubeginn scheint das Gleichnis vom verlorenen Sohn zu sein (Lukasevangelium, Kapitel 15). Es ist schon deshalb bemerkenswert, weil es viel mehr verlorene Väter gibt und man lange davon ausgegangen ist, dass dies auch besonders schädlich für die Entwicklung der Kinder ist. Demgegenüber zeigt das Gleichnis vom verlorenen Sohn die Beschädigung des Vaters. Es zeigt die Abhängigkeit des Vaters von seinen Söhnen, es zeigt, dass der Autor nicht von einer Hierarchie ausgegangen ist. Allerdings gibt es für eine so alte Geschichte sehr viele Interpretationen, und keine sollte den Anspruch auf Alleingültigkeit erheben. Aus der Geschichte geht auch nicht eindeutig hervor, ob der Sohn wegen seiner Armut zurückkehrt oder wegen seiner Sehnsucht. Vielmehr wird die Sehnsucht als Erinnerung dargestellt. Wir sehnen uns immer nach idealen Zuständen, ohne sie je gehabt zu haben oder erreichen zu können. Trotzdem bleibt das Paradies eine Vorstellung, die gleichzeitig in die Vergangenheit wie in die Zukunft verlegt wird.

Das Missverhältnis oder, besser gedacht, das gedachte Missverhältnis zwischen Kontinuität und Diskontinuität ist es , das uns Sorgen macht. Wir leiden genauso darunter, wenn wir unseren Eltern zu ähnlich sind wie unter der vermeintlichen zu großen Entfernung von ihnen. Vielleicht ist es ein ähnliches Verhältnis wie zwischen Sesshaftigkeit und Wanderung: wenn wir an einem Ort sind (‚Heimat‘, ‚Verbannung‘), wünschen wir uns fort, sind wir in der Fremde (‚Urlaub‘, ‚Flucht‘), wünschen wir uns nachhause. Dazwischen gibt es Kult und Tradition, Drogen und Kunst, Sehnsucht und Sicherheiten. Wirklichkeiten werden behauptet, aber wer sie nicht benennen und analysieren kann, sollte vorsichtig mit ihnen umgehen. Wohl dem, der eine Großmutter hat (zitiere ich meine Großmutter), die noch jede Wirklichkeit in das schönste Märchen umdeuten und umdichten kann und uns damit mehr Richtung gibt, als alle Traditionen und Wegweiser und Wirklichkeiten zusammen. Vielleicht gehen wir ein Leben lang mit den Geschichten unserer Großmütter schwanger.

SEMIPROFESSIONELLE HEULSUSEN

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ODER

UNGEMUSTERTE DAMENFEINSTRUMPFHOSEN

Man zählt weder die Krisen noch die Glücksphasen, in einem Gedicht habe ich behauptet, dass ich nur ein gutes Jahr hatte, gemeint ist nicht ein Jahr am Stück, sondern die 365 Tage über all die Jahre verteilt. Und wenn man schon die persönlichen Krisen nicht zählt, so erst recht nicht die Krisen des Staates oder der Gesellschaft. In der Kubakrise zum Beispiel stand der dritte Weltkrieg praktisch schon in der Haustür.

Die letzten dreißig Jahre brachten vier tiefe Krisen, den Zusammenbruch des Ostblocks einschließlich der DDR, die Finanzkrise, die Flüchtlingskrise und jetzt die Coronapandemie. In jeder dieser Krisen fanden sich Zeitungsschreiber und Parteiengründer, die die Apokalypse voraussahen und sich quasi von der Welt verabschiedeten, aber nicht ohne ein paar hunderttausend Follower mit in den Strudel zu reißen. Der Begriff des Followers ist heute eher positiv besetzt, man meint damit Anhänger eines Politikers, eines Stars oder irgendeines anderen Charismaten. Man muss zugeben, dass selbst der platteste PEGIDA-Redner ein gewisses Charisma hatte und missbrauchte. Höcke dagegen mit seinem unmännlichen, unschneidigen Leierton überzeugt nur durch seine Tabubrüche. Das gleiche gilt für Gauland und Sarrazin. ‚Endlich traut sich einer zu sagen, dass Deutschland untergehen wird‘: Die Ängste werden durch den Tabubruch aufgehoben. Wenn andere ebenfalls Angst haben, darf ich es auch.

Die andere Seite sind die immer inflationärer auftretenden Nachrichten. Jede Meinung letzter Hinterbänkler der Parlamente wird als Weltneuheit und globale Wichtigkeit in mehreren Nachrichtensendungen oder -kolumnen tausender Massenmedien in die Welt posaunt, bis ein anderer Hinterbänkler das Gegenteil behauptet oder einer von beiden von seiner Parteiführung zurückgepfiffen wird. Jetzt in der Corona-Krise treten selbst die kleinsten Blätter menschenleerer Regionen als Verstärker-Medien derjenigen Regierungskritiker und Scheinepidemiologen auf, die sonst nur über Feuerwehrvergnügen und Goldene Hochzeiten berichten. Dabei wird ständig betont, wie sehr man schon mit einem Bein im Gefängnis steht. Jede Krise ist nicht nur die Stunde der Besserwisser, sondern auch der semiprofessionellen Heulsusen. Ohne Untergang geht kein Kommentar mehr über die Provinzpossenpresse. Niemand glaubt, dass man eine Krise einfach aushalten muss und auch kann. Diese Heulsusen glauben, dass man Krisen mit dem Permanentgeschwafel wegheulen kann. Die Krise wäre halb so schlimm, würde sie nicht durch das inkompetente Dauergeschwätz ständig verstärkt oder ins Gedächtnis zurückkatapultiert.

Das alles ist nicht etwa neu, sondern nur verstärkt. Am 15. Januar 1990 meldete die ‚Aktuelle Kamera‘, das war die Hauptnachrichtensendung des DDR-Staatsfernsehens, dass für UNGEMUSTERTE DAMENFEINSTRUMPFHOSEN am Tag der Sendung die Preise gesenkt würden, und wir vermuten, das das mitteilungswürdig war, weil man glauben sollte, dass damit die Krise der DDR gelöst werden würde. Tatsächlich war sie aber schon gelöst.

DIE WELT IST AUS DEN FUGEN

Nr. 210

Die Welt ist nicht aus den Fugen. Auf der einen Seite war sie noch nie ‚in den Fugen‘, auf der anderen Seite sagt diesen berühmten Satz eine Kunstfigur, ein Zauderer mit Atemnot, der sich noch nicht einmal für die Frau entscheiden kann, die ihn liebt. Er schickt also sie in den Wahnsinn und die Welt in das Chaos. Aber da ist die Welt schon. In dem berühmten Theaterstück werden Politiker gezeigt, die damals mit Mord und Totschlag, heute mit Filz und Fake ihre kleine Politik besserwisserisch durchsetzen wollen, nicht weil sie besonders schlecht und böse wären, sondern weil sie Menschen sind wie du und ich. Aber wir, die Konsumenten von Politik, sind andere geworden. Wir sind keine Analphabeten mehr, weder im wörtlichen noch im übertragenen Sinn. Wir sind keine unmündigen Elemente eines zwar funktionierenden, aber doch hierarchisch-autoritären Systems. Das nächste ABER muss gleich folgen: und autoritäre und hierarchische System funktionieren nur soweit und solange ihr Zusammenbruch mit drastischen Strafen vorweggenommen und gleichzeitig verhindert wird. Wer das System bedroht, wird bedroht. Dadurch verrohen die, wie Rousseau meinte, anfangs idealen Sitten. Die Demokratie versucht nun das Gegenteil, sie macht die Menschen nicht nur mündig, sondern auch zu Produzenten der Verhältnisse. Allerdings stößt sie dabei auf fast gleich erbitterte Widerstände wie seinerzeit und seinesorts der Autoritarismus. Gegen ihn richtet sich der Freiheitswille des Individuums, den man an jeder Stubenfliege am Fenster beobachten kann, an jedem Käfer. Gegen die Freiheit der Demokratie richtet sich der Ordnungszwang, dem wir ebenso unterliegen. Wir glauben, und alle Religionen und Philosophien bestärken uns in diesem Glauben seit Jahrtausenden, dass die Welt ursprünglich oder eigentlich geordnet, aber durch den bösen Willen und Unverstand immer wieder ins Chaos abzurutschen gefährdet sei. Das ist der Grund, warum sich jede Ordnung, sei sie nun autoritär oder liberal, für alternativlos erklärt. Das gilt im übrigen auch für Texte. Man könnte keine Politik machen, wenn man an Alternativen glaubte. Wenn man sich alte Bundestagsdebatten anhört, dann kann man das sehr schön illustriert finden: jeder Redner – zum Beispiel Strauß und Wehner – geht zwar auf die Argumente der anderen Seite ein, aber nur, um festzustellen, dass lediglich die eigene Politik das Problem lösen kann und wird.

Es gibt allerdings zwei Auswege, die sich natürlich, wie alles auf der Welt, überschneiden und nicht etwa unversöhnlich gegenüberstehen. Das Wort unversöhnlich scheint einen gemeinsam Sohn doch nur auszuschließen, denn praktisch, das weiß jeder, gibt es, wo Menschen aufeinander treffen, immer auch Söhne und Töchter. Der erste Ausweg ist ein charismatischer Führer. Führer scheuen Diskurs. [Arbeitshypothese: Könnten die Führer die Lösung sein, wenn sie den Diskurs zuließen?] Sie demonstrieren ihre Macht und glauben, dass jedes Problem mit ebendieser Macht zu lösen sei. Aber die Macht ist nur eine taube Nuss, ebenso wie das Talent, wenn es keinen Inhalt, keinen Fleiß, kein Abarbeiten der Einzelfälle gibt. Es hilft selbstverständlich nicht, wenn die Menschen nur in Gruppen eingeteilt werden: Freund und Feind, innen und außen, schwarz und weiß. Das Charisma des Führers erlaubt die einfachen, unglaubwürdigen Lösungen. Aus Erfahrung weiß man eigentlich, dass es nicht geht. Alle autoritären Gesellschaften verweisen deshalb auf die Weisheit des Führers oder der führenden Gruppe, bei aller Rechthaberei oder Besserwisserei, wer bezeichnet sich selbst schon als weise? Darauf setzt die Autorität. Sie glaubt, dass sie nur durch Gegengewalt gestürzt werden kann. Tatsächlich aber haben sich alle Diktaturen durch ihre Inkompetenz selbst gestürzt. Das Hitlerreich hat die eigenen Kirchtürme bombardiert, um nicht zugeben zu müssen, dass es zurecht verlor, das zusammenbrechende Sowjetreich hat, hier bei uns, alles was nicht niet- und nagelfest war mitgenommen, wohlwissend, dass es in die Armut zurücktorpediert würde. Putin bombardiert Syrien, um zu verdecken, dass es im eigenen Land durch eigene Schuld weder Äpfel noch Käse gibt.

Diskurs scheut Führer. [Arbeitshypothese: Könnte der Diskurs die Lösung sein, wenn er Führer zuließe?] Der Diskurs demonstriert eher die Unmöglichkeit, ein Problem zu lösen als die Möglichkeit. Den Kompromiss empfinden viele Menschen als Schmach. Es ist schwer einzusehen, dass man selbst nicht recht hatte oder nichts zur Lösung beitragen konnte. Das Ausdiskutieren jedes Problems dauert manchmal Generationen. Deshalb sehnen sich die Menschen in diskursiven Systemen so oft nach Ordnung, Charisma, vielleicht einfach nur Anhaltspunkten. Eine Demokratie ist also schlecht beraten, immer wieder aufs neue, aus Kostengründen, wegen der Rationalität oder aus anderen Gründen, Ordnungen zu beseitigen. Demokratie ist ohnehin schon schwer zu verstehen, wenn dann auch noch die Kreisverwaltung schließt oder der Name des Heimatortes in eine anonyme Bezeichnung geändert wird, verlieren die Menschen Vertrauen und Orientierung.

Viele vermuten daher als Urheber von Ereignissen einen Masterplan oder sogar eine Weltherrschaft. Der Prinz in unserem Titelzitat beklagt nicht etwa, dass die Welt aus den Fugen, sondern dass ausgerechnet er dazu berufen sei, sie wieder in Ordnung zu bringen. So gesehen sind wir alle Egoisten. Wir glauben, dass wir gemeint sind. Wir können uns nicht für anonym halten, weil wir einen Namen haben. Wir haben einfach vergessen, dass wir, um einen Namen zu haben, uns erst einen Namen machen müssen. Wer aber in der Demokratie seine Namenlosigkeit beklagt, wie will der in der Diktatur glücklich werden? Er kann nur erfolgreich sein durch den Ausschluss anderer, und das verbietet nicht nur die Menschlichkeit, sondern das verbieten auch alle Religionen und Philosophien, allerdings im Kleingedruckten. Der Preis des Sieges ist das, was man nicht hören will. Niemand lässt sich gerne belehren von Menschen, die unter ihm stehen. Wie soll er da verstehen, dass niemand unter ihm steht.

Die Welt ist nicht aus den Fugen. Sie verbessert sich nur langsamer, als wir gehofft haben. Niemand ist allein berufen, die Welt zu verändern. Keiner kann allein die Probleme der Menschheit lösen. Nur der Diskurs selbst ist alternativlos, allerdings sollte er das Charisma zulassen. Charismatiker sollte man weder erschießen oder ans Kreuz nageln, weil man niemanden erschießen oder kreuzigen darf, noch unterdrücken, weil man niemanden unterdrücken sollte, noch nach ihrem Tod diskreditieren, weil man keinem Toten Schlechtes nachreden muss, denn man kann ihn nicht mehr ändern.

Vielmehr müssen wir lernen, den Diskurs und das Charisma auszuhalten. Unsere Medien sind nicht unsere Kompetenz, sondern nur unser Krückstock.