HAKUNA MATATA

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Als im Jahr 1994 der erfolgreichste Zeichentrickfilm von Walt Disney herauskam, spiegelte er in idealer Weise  die soeben in Ordnung gebrachte Welt: der Kommunismus war an der eigenen Schwäche verödet und damit der Kalte Krieg beendet, der Eiserne Vorhang zerfallen, die russischen Truppen aus Mitteleuropa abgezogen, die Atomwaffen gemeinsam vernichtet, und schließlich fanden immer mehr Länder den Weg zur Demokratie.

Der Film zeigt in kindgerechter, abenteuergesättigter Weise den Kampf der Generationen, Gut gegen Böse, dessen Scheitern und das Obsiegen der Liebe. Abermillionen Kinder haben gemeinsam mit ihren Eltern den Film gesehen und auf dem Heimweg CIRCLE OF LIFE und THE LION SLEEPS TONIGHT gesungen oder fröhlich HAKUNA MATATA gerufen.

Der Film unterstützt die Harmoniesucht dieser Jahre, in denen sich scheinbar alle Probleme von selbst lösten. Indessen lässt der Film die Probleme des Lebens nicht aus: der König stirbt, der Böse findet Verbündete, das Gute ist zu klein, um siegen zu können. Und so waren auch die Jahre von 1990 bis 2010, die später vielleicht die Goldenen heißen werden, keineswegs widerspruchsfrei.

Vielmehr hat die Euphorie über den Frieden völlig demokratiefremd eine Mehrheit auf die Meinung der Eliten eingeschworen. Die in Amerika traditionell verortete Elitenfeindlichkeit schwappte massiv nach Europa über. Am linken und am rechten Rand wurde an alten und überholt geglaubten Bildern vom Rassen- und Klassenkampf festgehalten. In Rostock zündeten bepisste Nazis eine Ghetto-Unterkunft von vietnamesischen Gastarbeitern an, in Paris wurden von unterprivilegierten Jugendlichen die Banlieus demoliert, die Katalanen holten ihren Regionalismus aus der Klamottenkiste des Antifranquismus. China öffnete sich und Deng Xiaoping dem Kapitalismus, lehnt aber bis heute Demokratie ab, Russland hatte nur ein ganz kurzes demokratisches Zwischenspiel und vertraute sich danach und auch bis heute einem kleinen Geheimdienstoffizier aus der DDR an. Die arabisches Welt war fest in der Hand bizarrer Diktatoren und Monarchen. Selbst am Rand Europas gab es einen Krieg, den Linke heute immer noch rechtfertigen, weil es zwar um Nationalismus ging, aber der Aggressor ein ehemaliger Kommunist war. Der Literaturnobelpreisträger Peter Handke und der ehemalige, jetzt greise Bischof der reformierten Kirche Brandenburgs, der in Brüssow in der Uckermark wohnende Dr. Dieter Frielinghaus, gründeten damals ein Solidaritätskomitee für Slobodan Milošević. Aber das wurde alles übersehen. Wir glaubten uns nicht nur in der widerspruchsfreien Zone und im ewigen Recht, sondern auch im allgemeinen Konsens. Die gestern gewählte neue Vorsitzende der Partei DIE LINKE verkündete erneut den Klassenkampf.

Der Konsens wurde uns, allerdings von Rechtsaußen, aufgekündigt. Die drei aufeinanderfolgenden Krisen, die Euro-, die Flüchtlings- und die Coronakrise, konzentrierten am rechten Rand eine recht erfolgreiche Partei. Allerdings wird übersehen, dass sich gleichzeitig die CDU und die Kanzlerin stabilisierten.

Allerdings wünscht sich niemand eine Regierung, die sozusagen das Gegenteil von HAKUNA MATATA ist. Bis zu zwanzig Prozent der Wähler in einigen Bundesländern fanden sich dazu bereit, den bestehenden Regierungen Denkzettel zu verpassen. Bundesweit kam diese Stimmung allerdings nicht über zehn Prozent und niemand glaubt, dass diese Oppositionspartei regieren kann und soll.   

Es handelt sich vielmehr darum, auf der einen Seite den Optimismus und die visionäre Kraft nicht zu verlieren, auf der anderen Seite aber zu wissen, dass es keine Wahrheit gibt, dass man immer scheitern kann und dass uns, schneller als wir es gedacht und gewollt haben, der Tod ereilt.

Es gibt zwei Sätze von mir, die sowohl von Gläubigen als auch von Ungläubigen geglaubt werden können: WIR KÖNNEN MIT DEM TOD NUR LEBEN, WEIL WIR NICHT AN IHN GLAUBEN und DASS WIR UNS IN DER EWIGKEIT WIEDERSEHEN, IST NICHT ZU FALSIFIZIEREN. Daraus folgt, dass wir den Tatsachen härter ins Auge sehen müssen, als uns unser Wohlstand, unsere Demokratie und unser Bildungshorizont raten. Besonders der Wohlstand hat eine einschläfernde Nebenwirkung. Er wird, bei gedachter Bedrohung, auch stets als erster aufgerufen. Sowohl in der Banken- oder Griechenland- als auch in der Flüchtlingskrise versuchten viele zuerst den Besitzstand zu wahren. In der Coronakrise wurden als erstes die Basics verteidigt: Hefe und Klopapier. Je deutlicher uns die Krisenhaftigkeit unseres eigenen Lebens und unseres Zusammenlebens bewusst wird oder bleibt, desto kräftiger sollten wir unsere Gedanken vertiefen, statt das ewiggleiche Politikgesülze der Talkshows auch nur anzuhören. Fernsehen trägt nur ausnahmsweise zur Vertiefung bei, wenn etwa ein guter Film gezeigt wird. Ansonsten ist das Fernsehen die Verflachung schon an sich flacher Inhalte, die Inflation des Unsinns. Auch das simpelste Theaterstück ist jeder noch so raffinierten Fernsehinszenierung schon deshalb haushoch überlegen, weil wir im Theater den agierenden Mitmenschen als Menschen spüren statt im technizistischen Abbild nur bestenfalls erahnen. Mit einem Kind oder Enkel TALER DU MUSST WANDERN oder DAS WANDERN IST DES MÜLLERS LUST zu singen ist eine größere Freude und hat mehr Sinn als eine ganze Woche aus Fernsehabenden. Am schlimmsten ist die schon Neil Postman entdeckte Selbstbezüglichkeit der Medien. Sie reden zum Schluss nur noch von sich selbst. Das haben sie mit der Bürokratie und den Kirchen gemeinsam. Lasst uns von anderen, von anderem und von tieferem und höherem denken und reden. Jeder Tausendseitenroman ist besser als ein Jahr Zeitung und Fernsehen. Schon dass sich jede Provinzzeitung zum allwissenden Fachorgan aufschwingen zu müssen glaubt, ist unerträglich. Die Redakteure jagen den Lesern nach, der Quote statt dem Inhalt.

Natürlich ist auch die Einsamkeit des Langstreckenläufers besser als jede Zerstreuung.  Es ist immer besser, sich selbst und andere zu stärken und zu vertiefen, wo es möglich ist, als abstrakt nach der Demokratie oder sogar dem Staat zu rufen. Nicht die immer wieder beschworene Härte des Rechtsstaates, die es nicht geben kann und nicht geben soll, wird uns aus denn Krisen helfen, sondern Bildung und Erziehung. Demokratie fängt im Kinderzimmer an, nicht im Gerichtssaal.

Und zu all dem braucht es Visionen, Optimismus und die fröhliche Gewissheit des HAKUNA MATATA.  

ÜBER FLUCHT UND FREIHEIT UND TOD

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Die Erfinder der Individualität wundern sich seit einigen Jahren, dass ihr Ideal der autarken Person und Persönlichkeit auch andernorts angekommen ist. Dabei warnte ihr großer Dichter Goethe, dass nichts ungeheurer sei als die Vorstellung, niemandes zu bedürfen. Obwohl also, wer aus dem Nahen Osten oder aus Afrika aufbricht, seine individuellen Vorstellungen zu verwirklichen sucht, kann sein Ziel nicht ohne die Hilfe seiner Mitmenschen erreichen, im wahrsten Sinne des Wortes. Davon handelt das Buch von einem immer noch sehr jungen, inzwischen in München beheimateten Neubürger, der einst als vierzehnjähriger zarter Junge aufbrach, um sein Ideal von Freiheit, man kann nicht sagen zu finden, sondern zu suchen. Er heißt Filimon Mebrhatom und stammt aus einem sehr kleinen Dorf in Eritrea, das zwischen der Kleinstadt Sen’afe und der Grenze zu Äthiopien liegt. Das Buch heißt ICH WILL DOCH NUR FREI SEIN*, und dieser Gedanke, das Ideal des jungen Mannes, zieht sich wie ein Leitmotiv durch das ganze Buch,  dessen Stil von den deutschen Helfern Filimons geprägt sein mag, dessen Inhalt aber authentischer nicht sein könnte, wie es auf dem Klappentext heißt.   

Obwohl seine Schwester bei dem Versuch, in die Freiheit und Individualität zu fliehen, in dem Fluss Tekeze ertrunken ist, wagt sich Filimon zunächst gemeinsam mit seinem Cousin auf den gefährlichen Weg, der schon in Äthiopien, wenige Kilometer hinter der Grenze brutal endet.

Die Schwierigkeiten liegen einer solchen Flucht liegen bis auf wenige Ausnahmen alle im  menschlichen Bereich. Es gibt auf der einen Seite die Industrienationen als Ziel, auf der anderen Seite die meist armen und von Diktatoren beherrschten Herkunftsländer und dazwischen die Länder, die mit Schlepperdiensten und Versklavung der Flüchtenden versuchen, das Geld zu verdienen, das sie in einer brachliegenden Wirtschaft nicht finden können. Diese chaotische Wirtschaft ist allerdings keine Entschuldigung für den Mangel an Menschlichkeit, zumal sich die Verbrecher nicht nur auf eine Religion berufen, sondern die Flüchtenden mit Folter zwingen, zu dieser auch noch zu konvertieren.  Das schrecklichste Beispiel, das Filimon schildert, ist, wir wissen es alle, Libyen, aber Sudan und selbst Äthiopien, stehen nicht nach. Je größer sich die unmenschlichen, kaum aushaltbaren Strapazen gestalten, desto größer erscheint das Ziel. Er wird auf dem siebentausend Kilometer langen Weg, für den er ein Jahr benötigt, von zwei Idealen getrieben: der Suche nach der Freiheit und der Liebe seiner Mutter, die er immer wieder beschwört. Allerdings spielte in seinem jungen Leben auch sein Vater eine große Rolle, der nicht nur mit seiner Subsistenzwirtschaft die Familie ernährt, dazu trägt auch Filimon als Hirte bei, sondern als Priester des kleinen Dorfes die Werte des Christentums, der allgemeinmenschlichen Ethik, offensichtlich an seine Kinder weitergibt. Denn woher sollte sonst ein kleiner Junge aus einem ziemlich finsteren Land wissen, dass Nächstenliebe keine hohle Phrase, sondern gelebte Solidarität ist. Er erfährt sie im buchstäblichen Sinne, und er übt sie auch aus.

Umgekehrt, und das erfährt Filimon schon in Italien, dann aber besonders in München, sind die Erwartungen vieler Menschen in den Zielländern nicht von den schier unmenschlichen Anstrengungen der Flüchtlinge geprägt, sondern von den eigenen Vorurteilen. Trotzdem überwiegt hier in Europa die tätige Empathie den unverhohlenen Rassismus bei weitem. Aber besonders seit 2015, ein Jahr nachdem Filimon in München ankam, zeigt sich doch ganz offen, dass ein kleiner Teil der Europäer im alten rassistischen Weltbild verharrt. Man kann nur vermuten, dass es dieselben sind, die sich jetzt gegen die Politik zur Pandemie stellen. Zwar brauchen wir auch Beharrung, aber diese darf den Aufbruch nicht behindern.

Filimon war also, endlich in der Freiheit angekommen, enttäuschter als er nach seiner eigenen Vorstellung hätte sein dürfen. Und die Deutschen war von ihm – und seinen Mitankömmlingen – enttäuschter als sie nach ihrem angeblich christlich geprägten Weltbild und ihrem unermesslichen Wohlstand sein dürften oder sein sollten.

Äthiopien, zu dem Eritrea lange gehörte, ist sowohl vom frühen Christentum geprägt als auch vom wohlwollenden Islam. Der Prophet Mohamed selbst hat dem Land ewige Freundschaft geschworen, weil seine islamischen Flüchtlinge (!) von den Juden und Christen dort gut und tolerant aufgenommen wurden.

Aber das erklärt noch nicht, warum ein kleiner Junge, und sei er auch der Sohn eines Priesters, derart von Idealen wie Freiheit, Menschlichkeit, Nächstenliebe und Gerechtigkeit angetrieben wird, dass er die Inhaftierungen und Folterungen in Äthiopien, dem Sudan und Libyen übersteht und tatsächlich da ankommt, wo er hinwollte. Allerdings kommt er nicht punktgenau dort an, denn er hatte sehr diffuse Vorstellungen von Europa. Eigentlich will er nach England, dann aber nach Dänemark, von dem er noch auf dem Münchener Hauptbahnhof träumt [Seite 216]. Das zeigt, wie sehr die Missgünstigen damals irrten, die glaubten, Merkel hätte mit ihrem berühmten Satz WIR SCHAFFEN DAS eine Einladung ausgesprochen und die Flüchtenden selbst würden nach Deutschland wollen, um hier die Sozialkassen zu plündern.

Das Sensationelle des Buches, neben den akribisch geschilderten Friktionen eines Weges, ist die spontane Entstehung des Freiheits- und Gerechtigkeitsideals in einem (in allen?) Menschen. Obwohl er in einer Subsistenzwirtschaft aufwächst, in der das gegessen wird, was die Familie selbst erzeugt, gewinnt er als kleiner Hirt die Überzeugung, dass man Tiere nicht töten darf [Seite 25]. Sein Vater darf als Priester nicht schlachten, aber der älteste Sohn, Filimon, weigert sich aus Mitleid mit den Tieren. Dies ist nicht nur ein bemerkenswerter Ausbruch aus den traditionellen Strukturen, sondern die Geburt eines Freiheitsdranges, der ihn dann nach München führte. In München ist er darüber erschüttert, wie viele seiner neuen Mitmenschen sich freiwillig in die Sklaverei der Vorurteile, der Völlerei und der Verdrängung begeben. Der Verfasser dieses bemerkenswerten Buches hat in dem einen Jahr seiner Odyssee mehr Menschen leiden und sterben sehen als der Durchschnittseuropäer, der vor jeder Krise aufschreckt und in sein Wohlleben zurück will, in seinem ganzen Leben.

Filimon hat  einen eigenen Youtubekanal mit mehreren hunderttausend Klicks. Dort verkündet er seine Rapbotschaften: MENSCH IST MENSCH UND PAPIER IST PAPIER. Das mag trivial klingen, aber wir sollten uns angesichts unserer neuen Mitbürger erneut und wiederholt die Frage stellen, wie weit wir einem Stück Papier mehr zu glauben bereit sind als einem Menschen, wie weit wir in den Aberglauben an Identität und Herkunft einstimmen, wie weit wir selbst uns für besser halten, weil wir dokumentiert sind, literaturgewordene, aktenkundige Lebenslüge. Viele haben Hegel gar nicht gelesen und glauben trotzdem, dass Afrika keine Geschichte hat, weil sie nicht aufgeschrieben ist. Dieses Buch überführt uns nicht der Lüge, sondern der Ignoranz.

Zwei kleine Einwände an dem von mir ansonsten bewunderten Filimon muss ich aber dennoch aufschreiben. Er hadert – für meine Begriffe, und ich kenne zwei Dutzend Neubürger aus Eritrea genauer – zu sehr mit dem Rassismus hier in Deutschland. Es gibt ihn, aber er ist marginal. Wir können nicht gegen ihn ankommen, wenn wir ihn so sehr betonen, wie er sich selbst für wichtig und richtig nimmt. Es gibt einige Unstimmigkeiten in dem Buch, die durch besseres Lektorat vermeidbar gewesen wären. Zum Beispiel will er, in München angekommen, weiter nach Dänemark reisen, überlegt, ob er den sofort erscheinenden Schleppern, die auch aus Eritrea sind, 350 € für die Fahrt bezahlt und hat aber dann nicht das Busgeld, um in die Bayernkaserne, seine zugewiesene Unterkunft, zu gelangen. Das sind Kleinigkeiten, die aber die Botschaft gefährden können.

Filimon hat inzwischen, er ist immer noch nicht zweiundzwanzig Jahre alt, nicht nur ein Buch geschrieben und betreibt erfolgreich einen Youtubekanal, ist nicht nur Aktivist der Community der Neubürger mit vielen Auftritten, hat nicht nur – weitgehend selbstständig – sehr gut seine neue Sprache gelernt, sondern auch eine Ausbildung als Kameramann und Cutter gemacht.  Er hat auch immer wieder Glück gehabt, aber vor allem hat er gelernt, dass der Sklave, der in die Freiheit will, nicht nur Mut bracht, sondern auch Navigation.     

*Filimon Mebrhatom, ICH WILL  DOCH NUR FREI SEIN, KomplettMedia, München 2020

TRIBALISMUS ALS BEIHILFE

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Obwohl das Internet das bevorzugte Medium zur Verbreitung rechtsextremer, rassistischer und antisemitischer Inhalte ist, wurde in der vorigen Woche in einer Kölner S-Bahn auf fast jedem Sitzplatz ein Flugblatt gefunden, das Bundeskanzlerin Angela Merkel als ‚polnischstämmige Jüdin‘ ausweist. Das ist keine neue Variante extremistischen Unfugs, aber unsere Empörung geht – meiner Meinung nach – in die falsche Richtung.

Denn es ist nicht nur keine Beschimpfung, aus Polen zu stammen. Es ist die Beschreibung einer Normalität. Es wird bestimmt für ein Drittel aller so genannten Deutschen, besonders in Ostdeutschland, aber auch im Ruhr- und Rheingebiet, zutreffen. Nirgendwo auf der Welt gibt es Menschen, die sozusagen nur von sich selbst abstammen. Andersherum gesagt: wo Menschen aufeinandertreffen, reproduzieren sie sich. Gerade auch Kriege, die immer wieder um Landbesitz und Identitäten geführt werden, erreichen das Gegenteil: die Infragestellung von Land’besitz‘ und Identität. Man kann ein Grundstück kaufen, und ganz sicher hat Rousseau recht, dass die Codifizierung des Grundbesitzes der Beginn der bürgerlichen Ordnung und damit der bürgerlichen Freiheit ist. Aber man kann dieses Grundstück auch wieder verkaufen, man kann es vererben und verschenken oder es kann enteignet werden. Der Staat dagegen ist keine natürliche Person, wenn er auch immer wieder anthropomorph gesehen wird. Dieses Schicksal teilt er mit Gott, mit dem er auch zunehmend verwechselt wird. Es gibt nur wenige Länder mit unverrückbaren Grenzen: Island und Madagaskar, aber auf der anderen Seite: Polen oder Deutschland, die unfreiwillig oder freiwillig ihre Territorien hin- und herschoben. Im zwanzigsten Jahrhundert probierte man mit ebenso wenig Erfolg, die Völker statt die Territorien zu tauschen.

Daraus folgt: es gibt notwendigerweise definierte Zugehörigkeiten, die wir Staatsbürgerschaften nennen, aber niemand oder jeder ist ‚polnischstämmig‘ oder ‚deutschstämmig‘ oder ‚türkischstämmig‘. Es ist dies die Frage des Hintergrundes. Der türkische Gastarbeiter des Jahres 1960 – und jeder Migrant, auch der Krieger – verändert seinen Hintergrund. Statt der Moschee seiner Herkunftsstadt sieht er sich nun vor den Kölner Dom gestellt. Er geht aus Neugier in diese weltberühmte Kirche und sieht sich: als orientalischer Yesus, als dritter König, als Halleluja und Hosianna. Und da weiß er, dass er zuhause ist. Er hat seine Wurzeln, auf die er in den folgenden fünfzig Jahren reduziert wird, gekappt, ohne dass er sich dessen bewusst war. Er wollte nur Geld verdienen, aber er hat hier gelebt und lebt hier weiter, und seine Kinder und Enkel sind im wahrsten Sinne des Wortes ‚von hier‘. Selbst wer widerwillig hier ist, ist hier. Selbst wer widerwillig geht, geht. Verhaltensbiologie und Behaviorismus haben den Menschen nicht auf sein Verhalten reduziert, sondern in seinem Verhalten sein Wesen erkannt. Deutsch ist eine Sprache und kein Zustand.

Beinahe noch schlimmer geht es mit dem Begriff des Juden und des Judentums zu. Der Verfasser des erwähnten antisemitischen Flugblattes meint das Wort als Pejorativ, so wie es seit Jahrhunderten benutzt wird. Das ist in höchstem Maße verurteilenswürdig. Aber die Schuld für diesen beleidigenden Wortmissbrauch liegt auch bei uns, die wir das Wort als eine unsinnige Zuordnung weiter benutzen. Warum wird die Dichterin Else Lasker-Schüler als ‚jüdische Dichterin‘ bezeichnet? Haben wir schon einmal gelesen oder gehört, dass man Goethe einen  ‚evangelischen Dichter‘ nennt? Nichts wäre unpassender. Aber Else Lasker-Schüler war ebenso wenig eine jüdische Dichterin wie Goethe ein evangelischer Dichter oder auch nur Mensch. Lasker-Schüler stammte aus einer Bankiersfamilie, heiratete zunächst den Bruder des Schachweltmeisters, dann einen Dichter, der ein von ihr erdachtes Pseudonym verwendete und von Stalins Schergen erschossen wurde. Sie emigrierte, weil sie kein Geld zur Rückkehr oder Weiterreise hatte, nach Palästina, das sie Erez-Miesrael nannte. Sie war nicht religiös, sie konnte in Jerusalem nicht mehr ihre deutschen und immer noch expressionistischen Gedichte vorlesen. Mit der Religion lässt sich also das Etikett ‚jüdisch‘ nicht erklären, wie aber steht es ethnisch? In Israel leben Palästinenser, Araber, agnostische, reformierte, orthodoxe, ultraorthodoxe, jemenitsche und russische Juden, Aramäer, Drusen, Falaschen,  Misrahim, Samaritaner, Sephardim und Ashkenazim. Wenn wir dabei bleiben, ständig irgendwelche Herkunftsbezeichnungen als Klassifizierungen zuzulassen, müssen wir uns über den Missbrauch nicht wundern. Jeder Gebrauch impliziert  immer auch den Missbrauch.

In einer Kleinstadt nicht weit von meinem Wohnort hat ein Ladenbesitzer sich aufgrund dieses begrifflichen Tohuwabohus zu einer besonders perfiden Art des Antisemitismus gefunden: er behauptet, die Menschen, die auf dem Stolperstein vor ihrem zerstörten Wohn- und Geschäftshaus vermerkt seien, wären gar nicht ermordet worden. Für ihn ist ‚Jude‘ ein Etikett für Schwindel, so stark, dass er weder den Stein selbst gelesen, noch in Yad Vashem nachgesehen hat, wie das tatsächliche furchtbare Schicksal der Mitbürger ausgesehen hat. Er behauptet, der bei seiner Ermordung schon siebzigjährige Adolf Schwarzweiß sei bei ihm im Laden gewesen.

Zu dieser Versachlichung einst lebendiger Menschen trägt auch – wie wir schon wiederholt dargestellt haben – die Weiterverwendung der Sprache der Täter bei. Selbst ausgesprochen antifaschistische Vereine, Organisationen und deren Websites behaupten, von ‚Vernichtung der Juden‘ zu sprechen, um das Systematische, das Industriemäßige der ‚Mordmaschine‘ der Nazis zu betonen. Die Nazis hatten die ‚Mordmaschine‘ aber gerade erfunden, um sich selbst von der Monstrosität des Mordes zu entfernen. Es war ihnen bewusst, dass die kulturelle Scheu des Menschen vor der Tötung von seinesgleichen erst überwunden werden musste. Das taten sie einerseits, in dem sie ihren Opfern alles Menschliche zu nehmen versuchten, ideologisch, aber auch verhaltensmäßig, vor der Ermordung stand immer die Erniedrigung. Andererseits versuchten sich die Täter selbst durch Drogen und Maschinen zu schützen. Sie sind durch ihre Alpträume verfolgt worden. Und wir haben die Opfer keineswegs vergessen, ihre ‚Vernichtung‘ keineswegs zugelassen. Sie sind alle ermordet worden, von Menschen, Aug in Auge, aber an jeden einzelnen wird erinnert, durch Stolper- und Gedenksteine, durch Gedenkstätten und Museen, durch Listen und Bücher. Man kann Menschen ermorden, aber nicht vernichten. Dieses böse, aber unsinnige Wort wurde auf der Wannsee-Konferenz vielleicht nicht zum ersten Mal, aber jetzt offiziell verwendet, gleichzeitig und gleichbedeutend mit der ‚Endlösung der Judenfrage‘, während bis dahin immerhin noch Alternativen diskutiert wurden.

Wir Menschen sind zu unserem Glück nicht durch unsere Herkunft bestimmt. Sie mag uns anhängen, ist aber durch Bildung, Demokratie und Wohlstand überwindbar. Bildung, Demokratie  und Wohlstand sind die komplexen, einander gegenseitig bedingenden Bestandteile der menschlichen Gesellschaft. Nur unter dieser Bedingung werden alle Menschen Schwestern und Brüder, und selbst das klingt noch nach überflüssiger Teilung.

ZUSAMMENBRUCH

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Wir sehr man sich über die Art, die Dimension und sogar den Zeitpunkt eines Paradigmenwechsels täuschen kann, zeigten unsere Voreltern, indem sie glaubten, dass ihre Welt 1945 zusammengebrochen sei. Tatsächlich waren aber 1933 alle Werte umgewertet worden. Schon allein dieser Begriff von Nietzsche, die Umwertung aller Werte, wurde nie ernst genommen, und wenn überhaupt gebraucht, dann als Drohung und nicht als Beschreibung. Die Versuchung die von einer sowohl personalen als auch autoritären Herrschaft ausgeht, ist ebenso groß wie die eines Schnäppchenmarktes, den selbst gut betuchte Mitmenschen besuchen, ohne sich durch ärmere Zeitgenossen stören zu lassen. Der Glaube, dass Qualität doch unabhängig vom Preis sein könnte, nimmt mit der Warenmenge zu. Genauso können und wollen wir nicht glauben, dass Probleme in unserem immer komplexer werdenden Leben auch komplexe, nicht mehr in einem Zeitungsartikel oder Parteiprogramm unterzubringende Lösungen verlangen. Die Schnäppchen unter den Lösungen sind Rassismus, Klassismus und Sexismus. Und obwohl deren Vertreter, wie jüngst Trump, immer wieder grandios scheitern, werden ihre Nachahmer und die Nachahmer ihrer Nachahmer immer wieder einmal gewählt. Die Verkünder wirklich tiefer und neuer Lösungen dagegen werden erschossen, was dem früheren kreuzigen entspricht. Trotzdem wird die Welt besser. Den Märtyrern des Fortschritts werden Denkmäler gesetzt und nach ihnen werden Straßen benannt. Es gibt in Deutschland unzählige Rathenau- und Stauffenbergstraßen, aber nicht eine einzige Hitlerstraße. In Eisenhüttenstadt, das früher Stalinstadt hieß, weiß niemand mehr, wo das Stalindenkmal stand. Der Baustil der einstigen Stalinallee in Ostberlin, eine Art verkitschter Neoklassizismus, heißt Zuckerbäckerstil, nicht – nur für Bremer aussprechbar – Stalinstil.

 In einem Punkt hat die AfD und haben die mit ihr vergleichbaren Parteien recht: wir befinden uns vor oder in einem Umbruch ungeahnten Ausmaßes. Nur dass diese Parteien erstens einen Fehler und zweitens diesen in der Vergangenheit suchen.

Sowohl die Globalisierung als auch die Demokratie einschließlich des Sozialstaats haben viele Probleme gelöst. Wir haben nur leider zu wenig beachtet, dass globalisierte und demokratisch erzogene Menschen anders handeln und reagieren als autoritär geführte. Wer – zum Beispiel – nicht mehr Analphabet ist, kann jetzt alle Bedienungsanleitungen der Welt selbst lesen und interpretieren. Buchdruck und digitaler Informationstransfer haben diesen größten aller Emanzipationsprozesse noch beschleunigt. In der Antike – zweites Beispiel – waren blinde Menschen geächtet, wenn sie nicht gerade Seher waren, wie Teiresias oder Homer. Der blinde Mann vor Jericho bittet den vorbeiziehenden Wanderprediger und Heiler Yesus also nicht nur um Hilfe zum Überleben, sondern um ein gleichberechtigtes Leben als mündiger Bürger, soweit das damals möglich war. Heute sind blinde Menschen weitgehend gefördert und integriert. Sehen Sie sich in diesem Zusammenhang einen beliebigen deutschen Bahnhof an!

So könnte die Wahl des neuen Vorsitzenden der CDU nicht nur ein Zeichen für die Führungskrise der CDU sein, so wie die fortwährende Neuwahl der SPD-Vorsitzenden seit Brandt. Vielmehr könnte das heißen, dass wir keine charismatischen Vorsitzenden und Präsidenten mehr benötigen. Seit langem wird mit gleicher Berechtigung vermutet, dass wir vielleicht noch nicht einmal mehr Parteien brauchen. Die Pferde hatten ihre Zeit, die Eisenbahnen, und nun eben auch die Parteien. Vielleicht wechseln unsere Interessen schneller als die Parteiprogramme folgen könnten. Die deutsche Partei mit den bisher meisten Mitgliedern hatte zum Beispiel das kürzeste Programm aus lediglich 25 sich teils widersprechenden und teils überschneidenden Punkten, es war die NSDAP. Die CDU hat ein knapp hundertseitiges Wahl- und Regierungsprogramm. Aber wie viele Leser und Versteher hat es?

Die AKP in der Türkei, En Marche in Frankreich, aber auch die AfD bei uns sind als ausdrückliche Parteigegenentwürfe entstanden. Unser Wahlsystem ist insofern darauf vorbereitet, als es sowohl eine personale Komponente enthält als auch eine Richtungsentscheidung. Aber die Richtung ändert sich schneller als früher. Auch das hat die Wahl des CDU-Vorsitzenden gezeigt: das Gros der Partei will nicht zurück zum dumpfen Konservatismus einer Steinbach und eines Gauland, will auch nicht die einseitige Wirtschaftspartei des überlebten egomanen Friedrich Merz sein. Ob allerdings andererseits der Pragmatismus der Merkel-Ära Parteiprogramme, Partei und verankerte Zugehörigkeiten ersetzen kann, das wird sich erst noch erweisen.

Der Umbruch, den wir erleben, scheint weitaus größer zu sein, als wir ihn erahnen können. Wir schlittern in eine Umweltkatastrophe von nicht vorstellbaren Ausmaßen hinein. Vorboten sind das Insektensterben und der Rückgang weiterer Tierarten. Dabei ist bei uns die Diskussion über den Wolf, andernorts jene über Elfenbein oder Haiflossen, die Projektion der Gesamtdiskussion auf einen einzigen Punkt. Künstliche Intelligenz, überhaupt die Automatisierung,  löst immer mehr Arbeitskräfte aus dem Produktionsprozess heraus. Das Problem der Beschäftigung muss weltweit gelöst werden. Gleichzeitig verändern sich die die Bedingungen für die Demokratie. Deren Krise scheint in Teilen der Welt bereits erreichte Ergebnisse zurückzurollen. Vielleicht deshalb vermuten sehr viele Menschen eine geheime Macht hinter den Ereignissen. Gleichzeitig halten wieder andere Gruppen an den festgefügten, zum Beispiel militärischen, Strukturen fest.

In der Bekämpfung der Pandemie zeigt sich aber, dass die meisten Regierungen und die meisten Menschen der Vernunft folgen, dass selbst bösartige Autokraten einzulenken bereit sind. Das heißt, dass die Welt sich zwar in einer tiefgreifenden Krise befindet, die Mittel zu ihrer Überwindung aber ebenfalls vorhanden sind.

Daraus wieder folgt, dass die heutige Welt durchaus an einem Neubeginn steht und für diesen auch bereit ist. Es gilt aber leider immer: jammern ist leichter als motivieren. Schuldige finden ist leichter als Visionäre. Der schäbigste Satz des pragmatisch erfolgreichen und beliebten Kanzlers Schmidt, dass, wer Visionen hat, den Arzt aufsuchen solle, eine Bemerkung, die ausgerechnet Erdoğan übernommen hat, diese Bemerkung kann sich aus heutiger Sicht gar nicht gegen die Visionäre selbst richten, damals war vielleicht sogar Brandt gemeint, der unter Depressionen und Visionen litt, sondern zeigt möglicherweise nur, dass es Epochen gibt, die keiner Vision bedürfen.   

An einem Neubeginn dagegen sieht auch der Pragmatiker ein, dass es einer Vision bedarf. Unsere Voreltern waren im April oder Mai 1945 sicher nicht bereit, auf Visionäre zu hören, verharrten lieber im Wenn und Falls. Aber in den nächsten Jahren folgten sie erstaunlich willig zwei unterschiedlichen Konzeptionen, die beide bewährt schienen. Allerdings war die Kombination aus Demokratie, Vergebung und Wohlstand weitaus erfolgreicher als ihre östliche Gegenspielerin, die Kombination aus Verzicht und Autoritarismus. Selbst der Verzicht wurde ja nicht verkündet, sondern schien durch die Zeilen der immer wieder vorgebrachten Heilsversprechen. Der Ostblock brach zusammen, als er gegründet wurde: man kann nicht den Glauben an Heilsversprechen mit restriktiven Mitteln erzwingen. Die DDR brach am 13. August 1961 zusammen, nicht am 9. November 1989, als die falschen Heilsbringer ihre Zettel vertauschten.

Wahrscheinlich blüht in den fetten Jahren der Pessimismus, in der Krise dagegen keimen die zarten Pflänzchen Optimismus und Vision.  

DAS KALKUTTA PARADOX

rochusthal

Nr. 374

Polybios, der erst ein griechischer Gelehrter, dann ein römischer Sklave und darauffolgend ein römischer Gelehrter war und demzufolge wohl wusste, dass jeder Zustand ein Vektor ist, beschrieb die Gesellschaften, die sich selbst oft als Höhe- und Endpunkt sehen, als Passagen. Seit es seine Schriften gibt, warnen Befürworter wie Kritiker einer Gesellschaft vor dem Übergang zur Ochlokratie. Und tatsächlich verfällt jede Gesellschaft, je mehr sie sich auf Regeln statt auf selbstbewusste und aufgeklärte Bürger stützt, in einen Zustand der sich selbst verwaltenden Bürokratie. Und aus dieser Gerinnung erwächst der Wille zur Veränderung entweder in die Richtung noch rigiderer Regeln und eines handlungsfähigen Führers oder in die Freiheit des Lernens und Vereinbarens, wobei allerdings jede Handlung vom Willen der Mehrheit bei gleichzeitigem Schutz der Minderheiten abhängt. Daher wirken diese Gesellschaften fast handlungsunfähig, ihre Bewegungen wie in Zeitlupe. Ein Krieg erscheint so gesehen als eine kräftige Vorwärtshandlung, die Installation eines Sozialsystems…

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ENDE ODER ANFANG DES TRUMPUNSINNS?

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Die Erstürmung des Kapitols durch aggressive Trumpisten kann man verschieden deuten: Die sind selbst zum Putschen zu dumm oder in Deutschland haben drei Polizisten genügt, um den Gaulandisten den Zutritt zum Reichstag zu verwehren.

Aber ein ismus-Suffix ist fast wie ein Adelsprädikat: Trumpismus gibt es ebensowenig wie es Hitlerismus gab. Vielmehr suchen sich diese autokratischen Populisten oder populistischen Autokraten einfach eine Handvoll Vorurteile heraus, die sie zur Doktrin erklären. Hitler las in seinem Obdachlosenasyl antisemitische Broschüren und nervte mit deren Inhalt seine Mitbewohner. Diese einfachen Wahrheiten erscheinen deshalb als relativ ewig, weil sie manchmal seit Jahrhunderten wiederholt werden. So sind schon immer Epi- oder Pandemien mit Verursachern in Verbindung gebracht worden. 1348 brach nicht nur die Pest über Europa herein, sondern auch der felsenfeste Glaube, dass die Juden durch Brunnenvergiftung schuld an der Seuche seien. Was noch mehr verstört, ist eine andere Parallele: Pogrome gegen Juden gab es vor allem am Schabbat, an dem sie gut zu finden waren,  Abschiebungen gibt es im modernen Europa vor allem dann, wenn ein Asylbewerber gut integriert, also leicht aufzufinden ist.

Genauso parallel ist auch das Auftreten von Verschwörungstheorien in Krisenzeiten. Statt dem auch schon fast populistischen Aufruf WIR SCHAFFEN DAS zu folgen, also auf die eigene Kraft zu vertrauen, auf Solidarität, Nächstenliebe und einfach auch auf den eigenen Wohlstand, folgt man lieber dem Ruf nach dem angeblich starken Mann, der sich aber leider immer als Waschlappen erweist.

Wir beachten viel zu wenig, dass all diese rechten, populistischen und autokratischen Politiker Versager, Loser und Gescheiterte waren und sind. Hitler hat sich aus Angst vor dieser Erkenntnis vergiftet, erschießen und verbrennen lassen, Goebbels hat sogar seine sechs kleinen Kinder mit Blausäure ermordet. Unseren Vorfahren war leider nicht klar, dass der Zusammenbruch 1933 geschah, nicht 1945. Der Wahlbetrug in den USA fand, wenn überhaupt,  2016 (wie schon im Jahr 2000 bei der George W. Bush Wahl) statt, nicht 2020, wo das Ergebnis deutlich und klar ausfiel.

Trumpunsinn ist das Resultat des poor judgment seiner potenziellen Anhänger, die dadurch seine follower werden. Trump selbst lieferte nach Meinung des republikanischen Arizona-Senators John McCain III ‚eine der schändlichsten Aufführungen eines amerikanischen Präsidenten seit Menschengedenken‘.

Die Erstürmung des Kapitols durch eine Horde wildgewordener Ignoranten am 6. Januar 2021 ist ebensowenig wie das Abbrennen des Reichstags am 27. Januar 1933 das Symbol für irgendetwas Nennenswertes. Das Anzünden und Abbrennen des Reichstags ist höchstens technisch interessant. Weder hat es damals unsere Vorfahren vor dem gerade erst beginnenden Hitlerregime gewarnt, noch hat es später die Demokratie auch in Deutschland behindert. Im Gegenteil, der englische Architekt Lord Norman Foster, ein Schüler von Richard Buckminster Fuller, hat ebendiesen Reichstag mit seiner begehbaren Kuppel zu einem Symbol der Transparenz gestaltet. Demokratie beruht auf dem Ideal der Freiheit und der Methode der Transparenz, wie schon das frühe Wort ‚Aufklärung‘ (enlightenment) sagt. Alle Bildung ist Beleuchtung.

So wie das Leben selbst in Wellen verläuft, die man als Sinuskurven darstellen kann, so sieht auch seine Abbildung wie die Aufeinanderfolge bloßer Amplituden aus. Wir hoffen auf Besserung, aber benutzen dazu Rache. Wir rächen uns und hoffen auf Besserung. Das geht nicht. Die Rache kann als Instrument immer nur der Verschlechterung, ja, dem Bösen selbst dienen, weil Rache die Wiederholung des Bösen ist. Die Weltgeschichte wäre leicht zu machen, wenn alle wüssten, dass Rache identisch mit Untergang ist Das gleiche gilt für Strafe. Aus der Strafe erwächst das Böse, aus Liebe dagegen erwächst wieder Liebe, das leuchtet jedem ein, aber es ist schwer zu machen. Als vermeintliches Gegenargument kommen dann immer die Mörder. Aber es gibt zum Glück nicht soviele und immer weniger Mörder, so dass wir nicht gezwungen sind, eine moralische oder rechtliche Ordnung auf die Bekämpfung von Mördern zu gründen. Sowohl in der Bibel als auch in der antiken griechischen Sagenwelt gibt es Mord, aber er ist so unerhört, dass seine Ächtung legendär wurde, wie der Tantalidenfluch oder das Kainsmal. Die Welt beruht nicht auf Mord, sondern verbietet und bekämpft ihn. Die Welt ist weder schlecht noch überfüllt, sondern unterfordert und hasenfüßig.

Die meisten Menschen werden mit dem Urvertrauen geboren, das durch die ersten Mitmenschen entsteht: Mutter, Vater, Geschwister und Großeltern, Lehrer, Priester, Beamte. Ehe der erste potenzielle Mörder auftaucht, vergeht bei den meisten von uns viel Zeit. Umso ungeheurer sind dann der Knabenmord des Herodes oder Kindermord des Hitler, der Kinderkreuzzug oder die Entführung durch den Rattenfänger von Hameln.

Statistisch, ich kann uns diese einerseits grausame Tatsache nicht vorenthalten, schlagen Mord, Krieg und Rache ohnehin nicht zu Buche. Leid und Leiderfahrung werden zwar verstärkt. Aber wie mit Zauberhand – wahrscheinlich die von Max Weber – gibt es neue Kinder und also neue Menschen. Das rechtfertigt keinen einzigen Mord, aber die Zuversicht.

Mental oder psychisch ist die Zuversicht die wichtigste Ingredienz des menschlichen Lebens und der menschlichen Rasse. Wie anders haben beispielsweise Thomas Campanella und Nelson Mandela siebenundzwanzig oder achtundzwanzig Jahre übelsten Kerkers ausgehalten? Gleichzeitig zeugen die beiden, die ein je so gutes Erbe hinterlassen haben, wie wirkungslos Strafe ist, und fast immer unberechtigt. Und noch einmal: dies ist hier kein Lehrbuch für den Umgang mit Straftätern, sondern ein Essay über die 99% Menschen, die guten Willens sind. Für die Straftäter braucht es einen neuen Dr. Dr. Anselm Ritter von Feuerbach, für alle anderen reicht Zuversicht.

Selbstverständlich sollen solche Gedankengänge keine Aufforderung zum Nichtstun sein. Ganz im Gegenteil wird sich die Welt selbst desto mehr herausfordern, je mehr Kreative in ihr wirken können und auch tatsächlich wirken. Überall, wo noch bis vor kurzem der Kampf gegen den Hunger die Menschen lähmte, werden schon bald Millionenmassen neue Ideen entwickeln. Nicht nur in der Katastrophe wächst dem Menschen die Kraft zu ihrer Überwindung, auch im Überfluss bahnt sich der Strom der Ideen seinen Weg durch die Trägheit, Unterforderung und Hasenfüßigkeit. Wir können ganz sicher sein, schon aus Erfahrung, dass nach der Emanzipation der Frau, der Afrikaner, der Kinder, des Individuums auch die Stunde kommen wird, da die Kreativität gegen das bloße Formelwissen, das heute in jedem schlichten Handy Platz hat, emanzipiert und damit befreit werden wird.      

DAS NEUE EVANGELIUM

26

Als Pier Paolo Pasolini seinen Evangeliumsfilm im Vatikan vorführte, haben die Kardinäle, Bischöfe und Mitarbeiter vierzig Minuten lang geklatscht. Aber gelernt haben sie nichts oder fast nichts. Wenn also Milo Rau seinen Film DAS NEUE EVANGELIUM fünfhundert Ministern, Staatssekretären und Ministerialdirigenten zeigen würde, ginge das Ergebnis – leider, leider und sehr wahrscheinlich – ebenfalls gegen Null. Politik gleicht immer auch mehr einem Rollenspiel als dem wirklichen Leben. Der Politiker und die Politikerin sieht hundert Hinderungen, das Richtige und Gute zu tun. Und tatsächlich müssen wir immer mehr Folgerungen, die heute gerne kollateral genannt werden, bedenken. Wenn zum Beispiel ein Pflegeheim für unsere gebrechlichen Mütter und Väter gebaut wird, sinken die Grundstückspreise und die bisher in der Stadt herrschende Partei wird nicht wiedergewählt.

Pasolini ließ seinen Yesus durch die karge Landschaft um die wunderschöne und uralte süditalienische Stadt Matera laufen. Das wirkt holzschnittartig – es ist ein Schwarzweißfilm – und gegen alle Regeln der heutigen Filmkunst. Trotzdem kann man sich auch jetzt nicht diesem eigenartigen Wanderprediger und seinen meist schweigenden Followern entziehen. Das liegt nicht nur daran, dass er wie ausgeschnitten aus einem El-Greco-Gemälde wirkt, sondern dass er das Matthäus-Evangelium zitiert, als hätte er es in diesem Moment erfunden. Der beste Satz ist und bleibt, und man sollte ihn heutigen Kardinälen, Generälen und Ministern jeden Tag als Leserbrief senden: IHR SIEBT MÜCKEN UND SCHLUCKT KAMELE.* Die direkte und unverkünstelte Art des Films lässt ihn auch sechzig Jahre nach seiner Entstehung noch als großes Kunstwerk erscheinen.

Milo Rau lässt nicht nur einen Afrikaner als Yesus agieren, sondern auch einen Aktivisten der Gerechtigkeitsbewegung RIVOLTA DELLA DIGNITA, was nicht etwa ‚der Aufstand der Anständigen‘ heißt, sondern die Würde des Menschen gegen jede Gruppenzugehörigkeit stellt. Die Würde selbst will und muss die Welt revolutionieren. Und da laufen dann die aus ihren Elendsquartieren vertriebenen afrikanischen Erntearbeiter über die Autobahn, verzweifelt, verängstigt und hoffnungslos.

Das erschreckendste Detail dieses Films, der ebenfalls in Matera gedreht wurde, ist die Ähnlichkeit, ja, die Gleichheit der römischen Soldaten, die Yesus verhaften, und der italienischen Polizisten, die die Wanderarbeiter aus ihren unwürdigen Quartieren vertreiben müssen. Mit Schlagstöcken und Schilden bewaffnet, ohne jedoch aktiv zu werden, das ist der Unterschied, setzen sie eine offensichtlich falsche Politik um.

Dieses Auftreten der Polizei, so kompetent und freundlich sehr viele Polizisten auch sind, muss dringend reformiert werden, denn es führt einerseits zu immer mehr autoritären Polizisten, die mit der dazu passenden Ideologie sympathisieren, andererseits aber zur Inakzeptanz der Polizei selbst. Erinnern wir uns daran, dass die bayrische Polizei mit brutaler Gewalt die Abschiebung eines Schülers aus einem Gymnasium heraus durchsetzen wollte und welche Wirkung solche sinnlosen unmenschlichen Aktionen nicht nur auf den einen Menschen haben, der abgeschoben werden soll, sondern auf 1000 Gymnasiasten. Darüber hinaus gehört schon allein das Wort ‚Abschiebung‘ in die Rumpelkammer der  Geschichte. Es wurde im Nationalsozialismus in gleicher Bedeutung verwendet. Das Gegenargument, die Nazis wären nun einmal Deutsche wie wir gewesen, ist nur vermeintlich wirksam, denn ein Wort kann man einfach austauschen, selbst wenn das neue Wort dumm ist: Azubi statt Lehrling zum Beispiel.

Der fünfunddreißigjährige Hochschulabsolvent Yvan Sagnet, ursprünglich aus dem Senegal, spielt in Milo Raus Film sowohl sich selbst als politischen Aktivisten als auch den Yesus, wie er heute reden und handeln würde. Dabei verkennen wir gerne den schon bei Yesus vorhandenen sozialrevolutionären Aspekt. Er war ein Prophet der Armen und sein schöner Spruch, dass ein Kamel eher durch das Nadelöhr, eine sehr enge Gasse in Jerusalem, käme, als ein Reicher in das Himmelreich, hat schon immer verstört. So gesehen gehört der wunderschöne Petersdom in Rom in eine Suppenküche verwandelt. Wer übrigens tatsächlich eine Kirche in eine Suppenküche umwidmete, war Mehmet II., jener Sultan, der zwanzigjährig Konstantinopel eroberte, es ist die heutige Moschee Kalenderhane in der Nähe der großen Universität.

In Spanien und Italien ernten zehntausende Afrikaner diejenigen Früchte, die in ganz Europa so beliebt sind: Tomaten, Erdbeeren und Oliven. Ein Teil jener Arbeiter ist illegal dort, was für die Unternehmer, die in Italien noch dazu in teils mafiösen Strukturen gefesselt sind, Anlass ist, die Ausbeutungsschraube eins ums andere Mal anzuziehen. Es gibt den schönen Spruch: KEIN MENSCH IST ILLEGAL, weil die Gesetze bekanntlich für die Menschen und nicht die Menschen für die Gesetze gemacht werden, auch ein Yesussatz.

Es ist so wie beim Fleischkonsum oder beim Gebrauch von Plastiktüten und Plastikgegenständen: man kann auf den Kapitalismus schimpfen und mit Gerechtigkeitsplakaten herumlaufen, aber verändern wird sich der Raubbau am Menschen und an der Natur nur durch unser Verhalten. Wir können auch getrost darauf setzen, dass ganz viel Mitmenschen einfach nur mitmachen: das Gute wie das Böse. Dieselben, die früher zur Hexenverbrennung mit hinausgelaufen sind, ächten heute die Plastiktüten, wenn wir es ihnen sagen. Und nun müssen wir auch noch einsehen, dass Tomaten mehr als wenige Cents kosten müssen, dass die Arbeiter, die sie ernten, unsere Brüder sind, die ein Recht auf Würde und menschenwürdige Bezahlung und Unterbringung haben.

Der Film von Milo Rau ist einerseits eine Historie, denn Juden, Christen, Muslime, Agnostiker und Atheisten nehmen gleicherweise an, dass Yesus eine historische Person war, die weitere Interpretation, ob er Gottes Sohn, Messias, Prophet, Schismatiker oder gar Scharlatan war, differiert krass. Seine Sätze wie auch sein kurzes Leben sind jedoch als paradigmatisch anerkannt und in die Ikonographie und das Narrativ der Gesamtmenschheit eingegangen. Diesem Anspruch wird der Film gerade auch durch den Blickwinkel auf Afrika mehr als gerecht. Hier beginnt auch gleich die zweite Dimension: es genügt nicht, dass wir 1918 den Achtstundentag und das Frauenwahlrecht erkämpften. Zur Würde von uns Menschen gehört genauso, dass wir uns um die Würde jeder einzelnen Schwester und jedes einzelnen Bruders kümmern. Die Gegner solcher Ansicht brüllen und toben: wir können nicht die ganze Welt retten! Doch! Wer sonst sollte denn die Welt retten? Honduras, Niger, Trump, Putin, Bolzonaro? Wenn wir die Welt nicht retten, wird sie nicht gerettet. Und mit ‚wir‘ sind nicht etwa die Deutschen gemeint, die Europäer oder Nordamerikaner oder Japaner, sondern alle Menschen guten Willens, alle, die die Weltrettung auch wirklich wollen. Der eine kümmert sich um unwürdig untergebrachte Wanderarbeiter, der nächste um immer noch hungernde Kinder, wenn es auch immer weniger sind, die wieder nächste um alte Menschen, kranke, schwache, ungerecht behandelte. ES GIBT VIEL ZU TUN, schrieb einst ausgerechnet ein Ölkonzern, PACKEN WIRS AN.

Die dritte, fast ein wenig verstörende Dimension des Films ist die ständige Reflexion, der Film über den Film sozusagen. So wird der Bürgermeister von Matera befragt, wie er zu Yesus steht, und er antwortet total überraschend, dass er, der Bürgermeister, gerne dessen Kreuz tragen würde, denn ein Bürgermeister ist ein Diener der Menschen, die ihm anvertraut sind. Und man weiß nicht, sagt er das als Bürgermeister von Matera, als Unterstützer der RIVOLTA DELLA DIGNITA oder als Darsteller des ‚Mannes aus Kyrene, der ihm sein Kreuz trug‘**. Noch tiefer geht die Szene, in der ein junger, sich als gläubiger Katholik bekennender Komparse aufgefordert wird zu zeigen, wie er Yesus, wenn der ein Afrikaner wäre, foltern würde. Er führt es an einem schwarzen Lederstuhl vor, und man versteht nicht: will er die Rolle oder spielt er sich? Wie im wirklichen Leben zeigt der Film, dass wir nicht nur in unserer wohlvertrauten Wirklichkeit leben, bestehend aus Häusern, Mäusen und Menschen, sondern auch in unseren Geschichten, Träumen und Fiktionen. Der Film springt zwischen Wahn und Wirklichkeit wie jeder einzelne Mensch in seinem Leben auch.   

Pasolini soll später, gefragt von Journalisten, seine Darstellung der Wunder für kitschig und überflüssig gehalten haben. Ich empfand das auch, jedoch nur als Yesus über das Wasser des Sees Genezareth geht, nicht aber bei der Verwandlung des Gesichts des Aussätzigen. Da sieht man das Glück der Heilung im Gesicht des Geheilten und des Heilers. So ist es doch bei jeder Krankheit und bei jeder Heilung.

Und ist es nicht ein Wunder, dass so viele Krankheiten jetzt geheilt werden können, darunter – hoffentlich – diese widerliche Pandemie, die wir vor genau einem Jahr nicht mehr für möglich gehalten hätten? Ist es nicht ein Wunder, dass uns heute hochgelobte Bücher und Filme die Visionen bieten, für die früher Menschen gekreuzigt und verbrannt wurden? Ist es nicht ein Wunder, dass Gerechtigkeit und Entropie sich asymptotisch zuwiderlaufen, und die Welt trotzdem jeden Tag ein kleines bisschen besser wird? Bitte, denken wir beim nächsten Tomateneinkauf daran!  

Wer demnächst auf der Autobahn vor oder hinter Neapel, je nach der Fahrtrichtung, wieder an Filme denkt, Das erste Evangelium nach Matthäus von Pier Paolo Pasolini, oder Christus kam nur bis Eboli von Francesco Rosi, oder die unsägliche Hollywood-Verunglimpfung Passion von Mel Gibson, der wird jetzt Das neue Evangelium von Milo Rau hinzufügen müssen.

*Matthäus 2324  

**Matthäus 2732

PANDEMISCHE WEIHNACHT

25

Die Gans ist gegessen. Das Fest ist gefeiert. Das Lametta ist verworfen. Was bleibt, sind Müll und Gedanken.

Noch vor zehn oder sogar nur sechs Jahren erschien die Politik vielen Menschen langweilig und gleichförmig. Viele glaubten an die Politikverdrossenheit ihrer Raum- und Zeitgenossen. Aber es gab Vorboten: die Banken- oder Griechenlandkrise und Sarrazins dummes und böses Buch. Es war zum Glück auch – was wir damals ahnten und heute wissen – falsch. Deutschland schafft sich nicht nur nicht ab, sondern erfindet sich neu, weil es sich neu erfinden muss und kann. Der Grund ist allerdings weniger, dass es feindliche Machenschaften von Gates & Merkel und dem ausgedachten Weltjudentum gibt, noch nicht einmal die Reichsbürger können Deutschland erschüttern, obwohl sie das so sehr gehofft hatten. Es ist auch nicht das Corona-Virus, was uns den Neubeginn aufzwingt.

Das Corona-Virus hat uns aber wie der Totalschnitt eines Pathologen oder Romanciers gezeigt, wozu wir fähig sind. Europa, dessen angeblich morbider Zustand immer wieder beschworen wird, hat nicht nur auf Urlaubsreisen, sondern vor allem auch auf Weihnachten verzichtet. Die Häme ist weitgehend aus der Politik gewichen. Für eine so große Krise arbeitet Europa erstaunlich gut zusammen. Obwohl die Demonstrationen, die sich 2016 gegen die Flüchtlingspolitik, nun aber gegen die antipandemischen Maßnahmen der Regierung richten, ärgerlich, schändlich und lächerlich sind, werden sie weitgehend geduldet. Schädlich dagegen sind sie nicht und auch sie werden Deutschland und Europa nicht abschaffen.  

Abschaffen – ein Wort übrigens, das wieder eine Art von großem Administrator unterstellt – müssen wir unsere Lebensweise der Verachtung, Vermüllung und Vernichtung der Natur. Es wird bald mehr Plastikteile als Fische in den Weltmeeren geben.

Wer es geschafft hat, dem Corona-Virus zu widerstehen, der sollte es auch mit Weihnachten aufnehmen können. Weihnachten ist vom Fest der Yesusgeburt zu einem Konsumterrortiefpunkt der Verschwendung geworden. Das Symbol der Menschwerdung – nicht Gottes, sondern der Menschen – in der Verehrung eines neugeborenen Kindes unter widrigsten Umständen wurde schrittweise in ein konsumistisches Horrorszenario verwandelt. Ob zum Beispiel der Weihnachtsmann dabei eine Rückkehr heidnischer Gebräuche oder der Trottel des Konsums ist, bleibt gleichgültig. Der Ersatz einer einzelnen wunderwirkenden Kerze durch elektrische, automatisch gesteuerte Beleuchtungen ganzer Vergnügungsparks und zu Vergnügungsparks umgewidmeter Innenstädte, der Wettbewerb der Hausbesitzer der Vorstädte um die hellste und brutalst verschwenderische Beleuchtung, die vierwöchige Dauerbeschallung und damit inflationäre Opferung der Weihnachtslieder – das alles ist bedauernswert, aber nicht unumkehrbar. Weihnachtmann und Weihnachtsbaum sind so gesehen Merkmale des Untergangs, den wir verhindern können.

Gefeiert wird eigentlich die Geburt eines Kindes, von dem sich später herausstellt, dass es der Menschheit einige der besten Sätze und Lehren brachte, das aber mit den Mächtigen ebendieser Menschheit kollidierte und demzufolge ermordet wurde.

Daraus muss folgen, dass es niemals mehr Mächtige geben darf, denen die Lizenz zum Töten oder auch nur Einkerkern von Störern ihrer Macht gegeben wird. Wer sich eine solche Lizenz anmaßt, muss gehen. Erkennbar sind solche autoritären Politiker an ihrem clownesken Verhalten, das nicht ihrem Verstand, sondern ihrem Unverstand entspricht und von den wirklichen Clowns zurecht und gekonnt nachgeäfft wird. Wir haben vor Jahr und Tag schon auf das merkwürdige, verkehrt herum wahrgenommene Verhältnis von Chaplin und Hitler, die im selben Monat desselben Jahrs geboren wurden, hingewiesen. Hitler, der als arbeits-, obdachdach- und sinnloser Asylheimbewohner sicher oft ins Kino gegangen ist, sah dort den Tramp, den Wanderarbeiter, der das Gute will, aber durch tausend Schwierigkeiten, die zum Weinen und zum Lachen sind, hindurch muss. Hitler kannte das, denn er wurde in Wien wegen seiner lächerlichen Reden von Bauarbeitern vom Baugerüst geworfen. Sein clowneskes Verhalten behielt er bis zu seinem würdelosen Ende bei. Er ahmte Chaplin nach, ohne dessen Qualität auch nur erahnen zu können.

Daraus muss weiter folgen, dass wir noch viel mehr die Möglichkeit jeder Tötung ächten und verhindern. Es muss die Ächtung geächtet werden, nicht Menschen. Die Verherrlichung von Waffen und die Waffen selbst müssen geächtet werden, nicht Menschen. Der Staat mit seinen Polizisten und Soldaten sollte den Anfang machen. Einige Länder, in denen überwiegend die Vernunft regiert, wie zum Beispiel Deutschland, sollten die Waffenindustrie stilllegen und den Im- und Export von Waffen verbieten. Alle Institutionen, Sozietäten, Gruppen und Vereine sollten diesem Beispiel folgen. Im Vatikan, in dem es außer dem Papst auch einen Nuntius der Hölle zu geben scheint, sollte ebenfalls begonnen werden, das Böse zu tilgen: Geld, Gier, Geschwätz, Lüge und Machterhalt.

Die Aufforderung zur Rückkehr oder die Rückkehr zu alten Gewohnheiten selbst, kann nur schädlich sein. Als vor hundert Jahren die spanische Grippe fast ungehindert wüten konnte, rief der Bischof von Zamora seine Mitbürger auf, die Reliquien des heiligen Rochus – der sich im Grabe umgedreht hat – zu küssen. Damit wurde diese Stadt zum hotspot der Seuche und die Seuche bekam daher ihren Namen, und auch weil einzig die spanische Presse unzensiert über den Verlauf und die Todeszahlen berichten konnte. Man kann des heilenden Rochus von Montpellier, der sich um Pestkranke kümmerte und deshalb verfolgt wurde, nur durch Selbstlosigkeit gedenken. An Reliquien sollte man dabei nicht glauben, man sollte Menschen lieben, aber keine Gegenstände. Heilend oder heilig können nur Medizin und Liebe sein, nicht Menschen und Dinge.

Wir können religiös nur durch die Ehrfurcht vor dem Leben sein. Wir müssen auch gar nicht mehr religiös sein. Vernunft und Aufklärung können heute genau das Gute bewirken, das früher fast nur durch die Religionen erreicht werden konnte. Fehlbar sind beide, Religion und Vernunft.  

Wir leben nicht nur nicht in besonders harten Zeiten. Die Zeiten sind immer gleich hart und gleich warm und herzlich. Wir leben in Zeiten neuer Chancen, auch das ist nicht neu, aber wir können es jetzt besser erkennen als je zuvor. 1918, noch bevor die spanische Grippe beendet war, zerfielen fünf große und schädliche Reiche: das Osmanische Reich, das schon mehrere Jahrhunderte lang geschwächelt hatte (‚der kranke Mann am Bosporus‘), das Russische Zarenreich, ein Unort von Ausbeutung, Unterdrückung und Alkoholismus, die österreichisch-ungarische Doppelmonarchie, ein am eigenen Rassismus gescheiterter Vielvölkerstaat, das deutsche Kaiserreich, bis heute das Vorbild für Bürokratismus, Militarismus und Kadavergehorsam und, allerdings noch nicht vollständig und krass angeheizt durch die spanische Grippe, das British Empire. Sie gingen zurecht, weil sie sich überlebt hatten, unter, aber sie alle hatten auch gute Seiten. Das Osmanische Reich war von einem zwanzigjährigen Visionär, Mehmet II., errichtet worden,  sein enormer Beitrag zur Musikgeschichte kann hier nicht ausgeführt werden, Russland brachte Lew Graf Tolstoi mit seiner Lebensreform hervor, Deutschland das Automobil und die Schallplatte, Österreich Kafka und Großbritannien den Widerwillen vor kolonialer Ausbeutung.

Jede Zeit hat ihre Chancen. Wer mit Corona fertig wurde, kann auch Weihnachten in der heutigen konsumistischen Perversion abschaffen. Das wird natürlich kein administrativer Akt sein, sondern die durch Überzeugung erreichte Abänderung der Gewohnheiten.  Die Plastiktüte ist das Vorbild. Auch die Atombombe ist seit Hiroshima und Nagasaki nie wieder angewendet worden. Der Plastikbecher muss das nächste Ziel sein. Dann kommt Weihnachten.

„Viel Kälte ist unter den Menschen, weil wir nicht wagen, uns so herzlich zu geben, wie wir sind.“ 

[Albert Schweitzer]

TRAKTAT ÜBER DIE WÜRDE

24

Müsste man eine Streitfrage entscheiden, die danach fragt, was einer Kultur oder einem Land wichtiger zu bewahren sei, ein Menschenleben oder ein einmaliges gotisches Gesamtkunstwerk, so sähe man sich vor einem Berg von Schwierigkeiten.

Im Reich der Zwecke, so schrieb einst Kant in Königsberg, habe alles entweder einen Preis oder eine Würde. Im Reich der Zwecke, jedoch im Reich der Transzendenz mag es anders sein. Dass die riesige und überschöne Kirche Notre Dame de Paris einen Preis hat, daran zweifelt niemand, aber dass das letzte Opfer eines Terroranschlags eine Würde hat, das Opfer, das zwar unbescholten, aber auch unberufen war, und dass selbst des Täters Würde beachtet werden muss, das ist schwer zu verstehen. Vielmehr scheint es vielen Menschen so, als dass die Würde des Opfers erst mit seinem Tod eingetreten sei, während der Täter, sollte er vorher eine Würde besessen haben, sie selbst auf dem Altar seiner nichtswürdigen Ideologie geopfert hat.

Diejenigen Menschen, die an den Staat (so wie früher an Gott oder besser an dessen Rituale) glauben,  sehen beispielsweise die Ehe oder eben den Staat oder eben die Religion als den Maßstab des gesellschaftlichen Lebens an. Mit der Ehe ist hier natürlich nicht die unendliche Menge an Liebe gemeint, die zwei Menschen auf kurze oder lange Zeit verbinden kann, sondern die Kette der Regularien, wie sie etwa bei der verordneten oder Zwangsehe im Islam auftreten oder bei den Versuchen der katholischen Kirche, die alte Macht über die Individuen weiter auszuüben. So ist es nach den Vorstellungen vatikanischer Greise und anachronistischer Kirchenfürsten der Gegenwart nicht erlaubt, dass wiederverheiratete Geschiedene am Abendmahl teilnehmen können. Natürlich kann man eine Eisenbahn dadurch erhalten, dass man sie nicht fahren lässt. Nur dann hat sie auch keinen Sinn mehr. Blind kann der exzessive Fortschrittsglaube genauso sein wie das Festklammer an der alten Gewohnheit. Mit diesem Irrsinn, diesen Irrlehren und diesem Aberglauben kann man gut erklären, wie der Mensch ohne Würde, also nur durch das Einhalten von Regeln definiert wird, und das in einer Religion, die immer wieder behauptet, aus bloßer Liebe zu bestehen. In starren Regelwerken wird der Mensch ebenso zur Handelsware wie in der Sklaverei.

Die Würde des Menschen ist ohne Voraussetzung. Man muss nicht beschnitten, getauft, gepierct, gebrandmarkt oder anders bezeichnet sein, nicht von Geburt zu irgendeiner Gruppe oder in einer Gruppe zu irgendeinem Rang gehören, nein, jedes Menschenkind, das geboren wird, hat von Anbeginn diese Schutzhülle der Würde um sich.

Ein Bauwerk wird zerstört und kann wieder aufgebaut werden. Es zeigt sich, dass seine Einmaligkeit doch wiederholbar ist, was die Seltenheit seiner Erscheinung, die Schönheit, die Erhabenheit, die in die Transzendenz weisende und berückende Großartigkeit in keiner Weise stört oder gar zerstört. Nur uns erscheint die Frauenkirche in Dresden unnatürlich, disneyhaft, synthetisch, epigonal. In hundert Jahren wird sie wieder ein ganz normales, wunderschönes barockes Bauwerk sein.  Mit der Dresdener Frauenkirche und der Kathedrale von Coventry, zwei zerstörten Kultursymbolen äußerst hohen Ranges, sind nicht nur zwei Kultursymbole äußerst hohen Ranges wiedererstanden, sondern zwei Symbole der Versöhnung, der Vergebung und – es gibt dafür leider kein Wort – des Gegenteils von Rache. Somit liegt im Wiederaufbau, der vielen  als blasphemisch erscheint, ein moralischer Zugewinn.

Südafrikaner protestiert gegen der Versklavung unserer Brüder und Schwestern in Libyen, 2020

Dagegen ist die Zerstörung auch nur eines Menschenlebens ein irreversibler und barbarischer Akt. Zwar könnte man argumentieren, dass so viele Menschen keinen Lebenssinn gefunden haben, dass, je mehr Menschen es gibt, jeder einzelne desto weniger wert sei und schließlich dass unsere Vorfahren, denen ein Kind starb – und es starben sehr viele Kinder – es flugs, manchmal sogar mit dem gleichen Namen versehen, ersetzten. Auch wurden schon viele Menschen verkauft. So viele, dass die Kulturgeschichte Narrative fand, um dem Einhalt zu gebieten:  die Josephsgeschichte aus dem Alten Testament, die Geschichte von dem Geschwisterpaar, das sich über lange Jahre der Sklaverei die Treue hielt. Die Sklaverei, und damit das Äquivalent von Mensch und Geld, gehörte lange Zeit zu den geduldeten Untugenden. Allerdings wurden sie von den Sklaven selbst ohnehin nicht geduldet. Davon zeugt der ungeheuer – wenn auch nicht letztendlich – erfolgreiche Aufstand des Spartacus (73-71 vor Christus) und der Aufstand der Zandsch, der afrikanischen Sklaven in Mesopotamien, unter Ali bin Mohammed, auch er ein Philosoph, 869-883, sowie die Tatsache, dass es im transatlantischen Sklavenhandel Aufstände in jedem vierten Schiff gab.

Die sozusagen erste Stufe der Entwürdigung ist die Degradierung des freien Menschen zur Handelsware, die zweite Stufe seine Einkerkerung. Jedoch zeigt sich an der Einkerkerung, dass die Würde des Menschen, innere Stärke vorausgesetzt, nicht zu brechen ist. Der italienische Philosoph Tommaso Campanella, ein Freund Galileo Galileis, war 27 Jahre im Kerker und schrieb dort seine freundliche Utopie DER SONNENSTAAT. Nelson Mandela war 28 Jahre lang auf einer Gefängnisinsel und wurde anschließend der erste frei gewählte Präsident Südafrikas.

Die in allen Kulturen, Philosophien und Religionen verbotene Tötung von Menschen ist nicht nur die dritte Stufe der versuchten, aber immer scheiternden Entwürdigung. Der Fluch der widermoralischen, unmenschlichen Tötung bleibt als Kainsmal am Täter hängen. Während in der griechischen Überlieferung der Inzest und die Knabenschändung, der Fluch des Ödipus, als Grund für Verdammung galten, ist es in der jüdischen Großerzählung der Brudermord aus letztlich segregationistischen Gründen. Wenn also heute ein Bauer, weil er sich vor dem Vorwurf der Naturschändung durch Überdüngung, Einsatz von Pestiziden und Massentierhaltung schützen zu müssen glaubt, sich per Plakat zum wichtigsten Beruf proklamiert, dann kann er sich in dieser antiken segregationistischen Tradition wissen. Überhaupt neigt unsere Zeit zur Wiederaufnahme antiker Denkmuster.

In der Neuzeit kam eine völlig neue Dimension des Menschen auf, das Individuum. Es wurde von einer Vielzahl philosophischer und religiöser Thesen und Theoremen bis in die Gegenwart begleitet, zumal es weiterhin – auch bis in die Gegenwart – die antike Teilung der Menschen in gute und böse gab. So ist der Genozid in Ruanda 1994 nicht etwa auf einem ethnischen Unterschied begründet gewesen, sondern auf einer sozialen Unterscheidung der ehemaligen belgischen Kolonialmacht, welche nach der Zahl der Rinder im Besitz einer Familie die Zugehörigkeit zu den Tutsi (mehr als zehn Rinder), Hutu (weniger als zehn Rinder) oder Twa (keine Rinder) definierte. Im Genozid entlud sich, was keine Entschuldigung sein soll, der durch den Kolonialismus aufgestaute Rassismus und zeigte zugleich seine Hohlheit. Es gibt keine Rassen. Und alle projizierten Unterschiede zwischen ‚Rassen‘ und Kulturen lassen sich auf die Diversität der Sprachen zurückführen. Die Differenz etwa zwischen kopftuchtragenden und nichtkopftuchtragenden Menschen, die im gegenwärtigen Europa so heftig diskutiert wird, wie man es sich nur in voraufgeklärten Gesellschaften vorstellen mag,  ist minimal. An den 1945 eingewanderten Ungarndeutschen, Donauschwaben, Wolgadeutschen, Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben kann man gut zeigen, dass diese Differenz keinen kulturellen Gegensatz begründet. Statt dessen wurden die eingewanderten Deutschen als ‚Zigeuner aus Ungarn‘ bezeichnet, was wiederum zeigt, dass das Wort ‚Zigeuner‘ eben keine Ethnie benennt, sondern ein Pejorativ war und ist. Es kann uns egal sein, wie Schokoküsse und Letschoschnitzel früher hießen. Es war diskriminierend, was nichts anderes heißt, als böswillig unterscheidend.

Nun wird klar, dass die Individualität des neuen Menschen, nur geschützt durch seine Würde, die ihn wie eine unzerstörbare Eihaut umgibt, einer neuen Form der Liebe bedurfte, die kein äußeres Reglement benötigte, einen Staat, dessen Souverän er nur selber sein kann und muss und einer Religion, die sich selbst aus der Institution löst und auf den ursprünglichen Impuls zurückzugehen imstande ist. Dieser ursprüngliche Impuls ist die Umkehrung des Kainsmals: dass jeder seines Bruders Hüter sein soll. Aggressiven Feministen und Feministinnen seien erinnert, dass ohne die Emanzipation der sich als Brüder sehenden Menschen die Emanzipation der Schwestern gar nicht möglich gewesen wäre. Wir verteidigen damit nur und ausnahmsweise den historischen Ausdruck als einer Stufe der menschlichen Entwicklung. Die Emanzipation der Frauen, der Kinder, der Afrikaner und der Minderheiten ist die Voraussetzung für die Entwicklung des Individuums. Übrig bleibt der reinweiße, reinmaskuline, alte Mann, der seine Würde in eine gruppenbezogene Ehre zu tauschen versucht und sich demzufolge über seine Ehe, seine angebliche Kultur, seine Nation und neuerdings immer häufiger über seinen Staat definiert. Der perverseste und noch dazu tautologische Kult hatte sich Meine Ehre heißt Treue zur Losung gemacht, die Würde erstens durch eine partielle Ehre ersetzt und dann auch noch diese einfach an das Aushalten gekoppelt. Es ist schwer, zu einer in allen Punkten infiniten Menge zu gehören, es ist leicht, sich als Mitglied einer definiten Gruppe zu interpretieren.

Woran wir also seit zweihundert Jahren, geleitet von Rousseau, Kant und Kollegen, arbeiten, ist eine repräsentative Legislative, eine weitgehend auf ihre bürokratische Funktion zurückgenommene Exekutive und eine  Judikative, die weiß, dass sie nicht richten [WER OHNE SÜNDE IST, WERFE DEN ERSTEN STEIN. Johannes 8,7], sondern resozialisieren soll.

Es war Anselm von Feuerbachs Entdeckung, dass auch der Täter die Eihaut der Würde als erstes Attribut des Menschseins hat. Es gibt nur wenige Verbrechen und Verbrecher, die daran Zweifel wecken. Umso erstaunlicher ist es, dass immer wieder Menschen in den antiken Rachemodus verfallen und höhere Strafen, die Todesstrafe gar, verlangen. In Europa zeigt sich, dass die seit Feuerbach eingeleitete Justiz- und Strafreform zu einem Rückgang der Kriminalität führt, der allerdings durch steigenden Wohlstand und wachsende Demokratie assistiert wird. Insofern ist es geradezu kontraproduktiv, wenn selbst erstzunehmende Politiker immer wieder nach der ‚Härte des Rechtsstaates‘ rufen, obwohl sie wissen müssten, dass der Rechtsstaat eben nicht hart ist, sondern gerecht zu sein versucht, indem er auch dem übelsten Täter ein Recht einräumt, das dessen Würde, soweit sie sich nicht selber schützen kann, schützt.

Natürlich sind Menschen, die aus einem anderen Rechtsraum einwandern, ein Problem. Aber es ist doch unbestreitbar, dass die Resozialisierung kein Zweiklassenrecht ist. Schon wiederholt brachte ich das Beispiel des fünfzehnjährigen somalischen Piraten, der vor einem deutschen Gericht zum ersten Mal bemerkte, dass er ein Mensch unter Menschen ist, ein Bruder, der seine Hüter fand, nachdem er zunächst geglaubt hatte, dass es um seine Hinrichtung geht. Der weißhaarige Richter, dessen Worte von zwei vereidigten Dolmetschern übersetzt wurden, bemühte sich in einem mehrere Millionen Euro teuren Prozess um Verständnis und verurteilte den Piraten zu einer Berufsausbildung als einziger Möglichkeit, dem Verbrechen und der Entwürdigung für immer zu entgehen. Unter Rechtsstaat verstehen wir die Maximierung der Gerechtigkeit durch Einklagbarkeit von eigentlich allem durch alle, nicht die Verschärfung der Strafen durch bloße Forderung. Auch die Unabhängigkeit der Richter wird immer wieder durch unsinnige Forderungen an einen anonymen Staat infrage gestellt. Die oberste Instanz bei der Ahndung ist der Richter, und weil irren menschlich ist, kann man sein Urteil mehrfach revidieren lassen. Ein Richter ist kein Henker und ein Henker ist kein Richter. Rache ist ein menschlicher Impuls mit einer unmenschlichen Wirkung, deshalb ist hier – mehr als anderswo – Triebverzicht vonnöten: Was uns zur Rache treibt, sollte vertrieben werden.

Im Unterschied zur vogelgenetischen Eihaut ist die Würde des Menschen zwar auch ein Geschenk der Natur, aber sie muss durch spezielle Methoden bewahrt werden. Und es gibt nur einen Weg, sie zu erhalten: Wir müssen die Würde derjenigen Menschen schützen, sie von Antastungen freihalten, die uns im Laufe des Lebens begegnen oder uns sogar berühren. Die Differenz zwischen Berühren und Antasten ist die Liebe. Nur die Liebe, aber natürlich nicht nur die erotische, auch die caritative und die allgemeine Menschenliebe, erlaubt uns, einen anderen Menschen zu berühren. Die Unantastbarkeit der Würde entsteht nicht dadurch, dass man sie sich sozusagen nimmt, sondern nur dadurch dass man sie anderen gibt, dass man andere zu schützen sucht. Das Geheimnis der Würde ist die Solidarität, die man auch Nächsten- oder Menschenliebe nennen kann. Es gilt kein Warten auf religiöse Gemeinschaften oder auf den inzwischen für omnipotent gehaltenen Staat, es gilt nur unsere mitmenschliche Zuwendung. Sie kann, aber sie muss nicht institutionalisiert sein. Ein Lächeln zählt oft mehr als ein Geldschein. Wenn man immer nur die Bosheit betrachtet, erscheint das Gute marginal, aber in Deutschland werden jährlich rund fünf Milliarden Euro gespendet, die Summe stieg bis zum ‚WIR-SCHAFFEN-DAS‘-JAHR 2015 kontinuierlich an und ist seitdem leicht rückläufig. Manchmal braucht es eben etwas mehr als ein Lächeln. In den letzten zweihundert Jahren vollzog sich schrittweise die Ablösung des vermeintlichen Rechts des Stärkeren durch die unantastbare Würde. Um eine Hierarchie,  auch die des vermeintlich Stärkeren, aufrecht zu erhalten, muss die Individualität, jenes hohe Gut der Aufklärung, geopfert werden.

Die Demokratie lädt uns in den Diskurs ein, aber manchmal hilft nicht das schon von Friedrich II. belächelte Räsonieren, sondern nur die Tat. Es fragt sich eben, ob am Anfang das Wort war oder die Tat. Auf jeden Fall brauchen wir Kraft.  

Dagegen benötigt die Entwürdigung kein Geheimnis. Sie braucht ein Opiat oder eine äußerst fragwürdige Biografie, um das eigene Gewissen, das die Umkehrung der Würde, ihr Wächter ist, ausschalten zu können. Der amerikanische Schriftsteller Jonathan Littell hat in seinem 1400-Seiten-Roman DIE WOHLGESINNTEN den Versuch unternommen, die Psyche und das Gewissen der gewissenlosesten Täter der Neuzeit in einem voluminösen Roman zu analysieren. Es wäre demzufolge endlich an der Zeit, die Sprache der Täter und damit ihren speziellen Umgang mit ihrem Gewissen zu bannen. Die Täter haben schon in den Planungen (Wannseekonferenz) das Wort der ‚Judenvernichtung‘ aufgebracht, weil das Verstecken hinter industriellen und strukturalistischen Begriffen ermöglicht, darüber hinwegzusehen, dass in den Konzentrationslagern Menschen ermordet wurden, Individuen trafen auf Individuen, von denen die eine Gruppe ihr Gewissen betäubte, die andere bis zum letzten Atemzug an ihrer Würde festhielt. Und darüber hinaus: jeder Stolperstein, jede Erwähnung in Yad Vashem und Dutzenden Museen zeigt: man kann Menschen nicht ‚vernichten‘. Sie bleiben – als die Lebenden und die Toten – unsere Mitmenschen, unsere Vorfahren, unsere Schwestern und Brüder. Aber auch die Mörderseite kann man nicht heimlich verlassen. Zwar gibt es Generationen später keine juristische Schuld mehr, jedoch die Mahnung, aufmerksam zu bleiben. Es ist, so Littells Schluss, offensichtlich möglich, das Gewissen auszuschalten, aber nur für eine winzige Minderheit von Menschen. Schon leichter ist es, wegzusehen, sich in den Gleichgültigkeitsmodus fallen zu lassen. Wir haben nichts aus diesem Genozid gelernt, denn eine andere Ethnie, die Sinti und Roma, sind uns weiter so gleichgültig wie vor sechshundert Jahren.

Die Würde des Menschen ist unantastbar, aber nur, wenn wir sie nicht antasten.

Allerdings steht der Würde und ihrer prinzipiellen Unantastbarkeit unser Konsum entgegen. Der Hunger wurde bekämpft und besiegt, aber der Wohlstand schadet der Natur, die wir plötzlich sehr biblisch Umwelt nennen, und er macht aus uns Sklaven unserer Gier.

Wir leben nicht nach unserem Lebenssinn sondern folgen unseren Begierden. Diesen Vorwurf gab es schon in der Antike (SENECA, YESUS), aber es ist beschämend, dass wir im Zeitalter der Aufklärung immer noch nicht diese Fress- und Luxussucht zu überwinden lernten.

Zudem: Tomaten oder Erdbeeren im Winter sind nicht nur widernatürlich, sondern das Ergebnis moderner Sklaverei, denn in Italien und Spanien ernten afrikanische Arbeiter unter prekären Bedingungen unsere Luxusspeisen. Der Lohn ist so gering, dass nach Abzug von Essen, Wasser und Miete fast nichts übrigbleibt. Nicht besser sind die Verhältnisse der meist osteuropäischen Fleischzerleger, schon das Wort ist grauenerregend, unmenschlich und würdelos. Nachdem sogar weltweit fast niemand mehr hungern muss, müssen wir endlich beginnen zu erkennen, dass unsere Würde auch von der Würde der Tiere abhängig ist. Wir können so nicht weiterleben. Fortschritt heißt nicht nur MEHR, sondern immer auch BESSER.  Jede Tomate, jede Erdbeere und jedes in Plastik verpackte Stück Fleisch in unseren Supermärkten tastet unsere Würde an.

Die Würde des Menschen ist unantastbar, aber nur, wenn wir sie nicht antasten.

APOKALYPSE IN PASEWALK

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Die Welt ist nicht voller Teufel, die noch Luther an  die Wand malte, sondern voller Dystopien. Man kann vermuten, dass sie Hochkonjunktur haben, weil so viele Menschen nicht nur an Adipositas und Bluthochdruck, sondern auch einfach an Überdruss leiden. Die Inflation an Menschen, Geld, Dingen und Informationen hat zu dem falschen Schluss geführt, dass es gar keine Botschaften mehr gibt, sondern nur noch Medien. Dieser legendäre, aber keineswegs zutreffende Satz stammt von Marshall McLuhan, der wenig spektakuläre Roman über die ausgefallene Apokalypse in Pasewalk dagegen rührt aus dem Laptop von Daniel Marschall[1], das höchstwahrscheinlich mit einem automatischen Storyteller versehen ist. Die Hälfte des apokalyptischen Potentials von Pasewalk, die Verwandlung des Gefreiten Hitler in den ersten Trommler Deutschlands, wurde wenigstens erwähnt, ohne jedoch Bezug zum Geschehen zu erhalten. Die andere Hälfte, der Einsturz der Sankt Marienkirche am 3. Dezember 1984 dagegen wird ignoriert. Es gibt also im Plot des Romans keinen erkennbaren Grund, warum das Ende des aztekischen Kalenders ausgerechnet in Pasewalk ausgesetzt und gerade deshalb dort gefeiert werden soll. Die Schlusspointe, dass die ganze Apokalypse dann als Volksfest in den auf Anordnung des Bürgermeisters errichteten Bratwurstbuden stattfindet, lässt das Buch wenigstens als Farce oder Groteske konsequent erscheinen. Die beiden Hauptfiguren, der von seinem Alkoholismus verfolgte einstige Starreporter Konrad Fall und sein Gegenspieler, der Volontär Andrej Fischer, sind ziemlich schematisch in einen strikten Generationskonflikt verstrickt, der zum Teil über die Technik abgewickelt wird. Das ist reichlich langweilig. Viele Menschen haben Angst vor der Künstlichen Intelligenz, von der sie längst umgeben sind. Es ist müßig, auf die einstige Angst vor der Eisenbahn zu verweisen, da die Informationstechnik tatsächlich näher am Menschen ist, als es damals die Eisenbahn war. Andererseits vollzieht sich der technische Fortschritt auch ohne die ausdrückliche Zustimmung jedes einzelnen Menschen. Jedoch ist dieser technische Fortschritt auch wieder nicht zwangsläufig, sondern kann bei Bedarf auch zurückgenommen werden, wie die Atombombe und die Plastiktüte anschaulich beweisen.

Dass Nachrichten, Kommentare und Interviews über Ereignisse produziert werden, die nicht stattgefunden haben, befürchten viele Menschen und diese werden durch die ausbleibende, aber medial durchaus existierende Apokalypse bestätigt. Wie aber jede Kapitalismuskritik, so blendet auch diese als Medienkritik getarnte den Konsumenten aus. Das Streben nach Maximalprofit, hier durch maximierte News erzeugt, hat auch die Kehrseite der – wenn auch verführten, so doch – mitspielenden Konsumenten. Das Fleisch wird immer billiger und immer schlechter, weil es gekauft wird, nicht nur weil der Produzent nach Maximalprofit giert. Der Konsument giert genauso wie nach Billigfleisch auch nach extraordinärer Nachricht. Man kann es gut in der jetzigen Krise beobachten. Sie wäre weitaus leichter zu überstehen, wenn wir nicht viertelstündlich an sie erinnert würden. Das ist aber nicht nur den Journalisten, ob nun mit Textbausteinen oder nicht, sondern vor allem  auch jenen  Nervenkitzel suchenden Zuhörern, Zuschauern und Kommentatoren geschuldet. Wir erleben eine Revolution des Kommentars, zu dem sich jeder berufen fühlt. Wir erleben eine Inflation der Meinung, zu der die Demokratie ermutigt hat und vor der sie jetzt zurückschreckt. Diese persiflierenden Passagen des Romans sind durchaus belustigend und damit unterhaltend. Es gibt sogar auch berührende Momente, etwa die erotische Annäherung des armen Konrad Fall an die mollige und Abenteuern zugewandte Gattin des Bestattungsunternehmers, der einst beinahe Skisprungweltmeister geworden wäre. Auch die erneute Annäherung an die beiden Krankenschwesternazubis in der Kneipe, die übrigens ein Atavismus ist, solche Kneipen gibt es gar nicht mehr, hat kurz einen durchaus verständlichen und liebenswerten Impuls, der aber dann sofort wieder in die groteske Schieflage kippt. Der polnische Philosophiestudent, dessen Deutsch aus Kochbüchern gespeist ist, hätte den Karrieresprung zur wirklichen und bleibenden Romanfigur geschafft, wenn nicht auch er in die Farce umgeleitet worden wäre. Es ist ein Roman aus lauter Kasperlefiguren.

Auch das Potenzial der nach Pasewalk importierten Ernst-Thälmann-Siedlung aus Viereck ist leider etwas verschleudert worden.

Über diese Siedlung, die nach dem Arbeiterführer benannt wurde, der niemals gefallen sein soll, gibt es schon ein merkwürdiges kleines Büchlein aus dem Mitteldeutschen Verlag[2], das zwar nur die jetzt abgerissene Schule beschreibt, aber die gleichnamige Siedlung meint. Das Gespenstische dieses verlassenen Ortes wird in lyrisch-lapidaren Texten geradezu besungen. Die Fotos betonen das Dokumentarisch-Unwirkliche. Unserem Roman dagegen hilft noch nicht einmal die nicht ausgedachte Kunstaktion in den leeren Wohnblocks. Sie war ein tatsächlicher Versuch der Belebung des Verblichenen.

In diesem Büchlein wird in dem längsten Text geschildert, wie es einer ganzen Schulklasse aus dieser Militärsiedlung in Wochen nicht gelingt, gleichzeitig zu marschieren und zu singen. Wir müssen nicht im Gleichschritt und Gleichklang mit all unseren Raum- und Zeitgenossen sein. Wir müssen nicht ununterbrochen Billigfleisch von gequälten Tieren in uns hineinfressen. Wir müssen nicht Tag und Nacht Nachrichten über nicht stattfindende Ereignisse schlürfen. Jedes Endgerät hat eine Powertaste. Wenn man ihm die Power entzieht, schweigt es. Man muss auch nicht zu all und jedem seinen Kommentar abgeben. Man muss sich auch nicht über jeden Kommentar empören. Überhaupt ist empören leichter als verstehen oder verzeihen.

Von all dem  steht in dem Roman, in dieser teils albernen, teils düsteren Dystopie nichts. Er ist in das Jahr 2023 vorverlegt, bleibt aber der Vergangenheit (Kneipe!) weit mehr verhaftet als der zum Glück nicht voraussehbaren Zukunft.

Meine Schlusspointe ist genauso traurig: in Pasewalk, dieser durch und durch – bis auf die zwei Ausnahmen – unapokalyptischen Stadt, gibt des den Roman, auf dessen Titel sich Verlag und Autor wohl nicht einigen konnten, nicht zu kaufen. Das ist eigentlich schade, denn sein Lokalkolorit ist besser als sein schabloneus-unglückliches Personal.


[1] Daniel Marschall, TONIATIUH ODER APOKALYPSE IN PASEWALK, Periplaneta Berlin, 2019

[2] Katrin Heyer, ERNST-THÄLMANN-SCHULE. Eine deutsche  Erinnerung, Mitteldeutscher Verlag Halle, 2006

danielmarschall.de