Bevor eine Tragödie als traurig und mit traurigem Ende gezeigt wird, geht man lieber tausend Umwege: Zerbröselung der Bühne, Hüpfen von einem Wortspiel zum anderen (lachen, um nur nicht weinen zu müssen), grellkomische Kostüme. Etwas anders ging es in letzten Aufführung von ‚Romeo und Julia‘ in dieser Saison in Wiesbaden an einem überhitzten Abend zu.
Das Bühnenbild zeigte ein Grundproblem unserer Zeit: die Kommunikation in getrennten, relativ geschlossenen Räumen. Unter einer großen umschließenden Brücke wurde in drei Kabinen gleichzeitig gespielt, ein anstrengendes, aber klar verständliches Bild für die Isolation kommunikativer Gruppen und ihre mögliche Überbrückung. Das wurde noch betont, indem Teile der Dialoge, vielleicht ein Viertel, bei körperlicher Anwesenheit der Darsteller als Video zu sehen und zu hören waren. Die Amme musste sogar, um noch mehr die verschiedenen Sprachen, Sprachebenen, Sprachkammern zu betonen, zeitweise Englisch sprechen. Der Diener Peter liefert vor dem Beginn eine exzellente Pantomime, die uns erinnern soll, dass wir nicht vor dem Fernseher, sondern im Theater sitzen. Das Nebeneinander von Film und (Bühnen-)Realität ist für uns Alltag. Es fehlte nur noch der Schauspieler, der seinen Text vergaß[1], um den Schritt zum Naturalismus zurückzugehen.
In der linken Kabine agierte die Apothekerin, die den Text des Franziskanerpaters Lorenzo hatte und auch dessen soziale Rolle: der psychischen und physischen Lebenshilfe. Wir haben uns aus der Allmacht der Kirche herausgewunden, aber Shakespeare und die Regisseurin Charlotte Sprenger zeigen uns, wo wir uns hineingewunden haben: in ein Konglomerat aus Pharmaindustrie, Medizin, Esoterik, Psychologie, Parapsychologie und Pseudoreligion. Die Apothekerin muss gar nicht aus ihrer Kammer herauskommen, um allgegenwärtig am Spiel teilzunehmen. Die Spieler kommen alle zu ihr. Diese, in der Wiesbadener Inszenierung drittwichtigste Rolle wurde von Süheyla Ünlü großartig gespielt, mit Tempo, Verve, Lautstärke und gewaltigem Flüstern. Man konnte durch sie gut verstehen, dass das alles nicht Probleme von Romeo oder Julia allein waren. Wir alle haben uns von einer Abhängigkeit in die nächste gerettet. Shakespeare hat also die hinter den Problemen liegende Grundstruktur von uns Menschen erkannt und demaskiert. Wir aber schalten weiter unsere Endgeräte ein und lassen uns einlullen. Ebenso stark und mit durchscheinender Tragik und Intensität spielte Maria Wördemann die Julia. Leider ist mit heutigen (und wahrscheinlich auch damaligen) Mitteln nicht die sagenhafte Vierzehnjährigkeit des berühmten Liebespaares darstellbar, ohne albern zu werden. Dieser Gefahr entging Wördemann durch brillantes und virtuoses Spiel. Dagegen wirkte Abdul Aziz Al Khayat als Romeo sowohl von der Stimme als auch von der Erscheinung her blass. Manchmal hörte sich sein Spiel so an, als ob er gerade von einem Meisterkurs für Alte Musik zurückgekommen wäre: wie eine Rolle in der Rolle.
Köstlich spielte dagegen Kevin Krougliak den Diener der Capulets, Peter. Gekonntes androgynes Gehabe verband sich bei ihm mit pantomimischer Größe und eigenwilliger Verschmelzung mit seinem Kostüm.
Das Theater versucht, auch jüngere Zuschauerinnen und Zuschauer zu gewinnen: man benutzt eine moderne Übersetzung (hier die erstaunlich poetische von Thomas Brasch), man spart nicht bei Bühnenbild und Kostüm, aber man bleibt sehr einfach bei einer lautstarken Art von Popmusik, die für meinen Geschmack weder mit Shakespeare noch mit der heutigen Jugend zu tun hat. Ich warte auf den Tag, an dem eine Inszenierung auf klassische, aber durchaus verfremdet und verfremdend wirkende Musik setzt, so wie es Stanley Kubrick in seinen Filmen mit großem Erfolg tat. Vielleicht entsteht dadurch ein neuer V-Effekt[2], nachdem der originale uns die Tragödien als oft befremdlich und die Komödien als gekünstelt erscheinen lässt.
Immer wieder treffen sich die kommunikativ getrennten Protagonisten auf der Brücke zum gemeinsamen Spiel, zur Flucht, zum Zusammentreffen. Dieses gelungene Bild könnte sogar als die Aktualitätsklammer angenommen werden. Diese Brücke fehlt im momentanen gesellschaftlichen Diskurs und würde doch dringend gebraucht. Shakespeares Text ruht auch auf der klaren Familienstruktur der Capulets und Montagues. Diese heile und ‚heilige‘ Familie prägt nicht mehr so wie einst unser Leben oder wie wir uns das Leben von einst vorstellen. Trotzdem gibt es Tragödien, aber auch sie bestimmen nicht mehr als moralische Zeigefinger unsere Anschauung. Wir lassen uns nicht mehr auf Katharsis[3] ein, wir wollen überhaupt nicht mehr erzogen werden. Unterhaltung spielt im heutigen Theater und noch mehr im Film die weitaus größere Rolle. Das ist ein gutes Zeichen: das heutige Leben ist besser als sein Ruf. Aber es geht auch Tiefe verloren.
Durch den in eine allgütige und allgültige Seelenapothekerin gewandelten Franziskanerpater Lorenzo gerät der tatsächliche Apotheker[4] ins Hintertreffen. Er ist – so absurd uns das heute erscheinen mag – so arm, dass er Romeo nach dessen moralischer Freisprechung das tödliche Gift verkauft. Romeo sagt zu ihm, dass eine Welt, die nichts tut, um ihn reich zu machen, nicht der Freund der Menschen ist. Das eigentliche Gift, so lässt Shakespeare den blutjungen Romeo sagen, das eigentliche Gift ist das Geld. Und das ist so geblieben, obwohl die Apotheker heute reich sind und jeder Arme reicher als die Armen in Shakespeares Welt.
Selbst Friedrich Nietzsche und Siegmund Freud waren, nebst einigen anderen, sicher, dass Shakespeares Dramen und Sonette nicht von jenem Mann aus Stratford stammen können, der, wie Bach, weder einen Abitur- noch einen Magisterabschluss hatte und mit 18 Jahren aus dem Haus ging, um als reicher und erfolgreicher Mann wiederzukommen und der nach seinem Tod eine Jahrhundertkarriere begann. Und so sicher sind wir heute, dass ein fünfzehnjähriger verliebter Junge nicht so tiefgründig über die Welt und das Geld nachdenken und sprechen kann. Aber Romeo wird getoppt durch seine Geliebte, von der wir wirklich wissen, dass sie gerade einmal vierzehn Jahre alt ist. Sie weiß sogar, belehrt durch die junge Liebe, dass es nicht das Nehmen, der Konsum, die Rezeption ist, was uns glücklich macht. Diese Liebe, so sieht sie glasklar, ist so tief wie das Meer, unendlich tief und weit. Und mitten in dieses Geplänkel des Abendgesprächs sagt sie einen Satz, einen Satzfetzen eigentlich nur, der eines Yesus oder Seneca, eines Gautama Buddha oder eines Gandhi – oder eben eines Shakespeares – würdig gewesen wäre. Der Satz wäre zudem geeignet gewesen, von der Eisenbrücke als Podium der Menschheit herab gesprochen zu werden, nicht geschrien, wie so viele böse Sätze und Racheaufrufe, sondern geflüstert, gesummt, liturgisch psalmodiert. Die kleine Julia, die so arg früh sterben muss, sagt: THE MORE I GIVE THE MORE I HAVE FOR BOTH ARE INFINITE.[5]
[1] Sonnet 23: as an unperfect actor on the stage / who with his fear is put besides his part…
Mein Großvater war ein Reichsbahnrat, das war ein mittlerer Beamter, der etwa einen größeren Bahnhof leiten konnte. Im zweiten Weltkrieg war er eine Zeitlang in Paris, und die familiäre Legende ging viel später davon aus, dass er dort die Züge nach Auschwitz zusammengestellt haben könnte. Dafür spricht, dass er sich im Frühjahr 1945 als Vorsteher der vier Bahnhöfe in Neustrelitz zur Reichbahndirektion Schwerin versetzen ließ, um nicht der schnell vorrückenden Roten Armee in die Hände zu fallen. Tatsächlich wurde Schwerin von den Amerikanern befreit. Tatsächlich aber nahm sich mein Großvater trotzdem das Leben. Der Grund dafür könnte jedoch auch sein Alkoholismus gewesen sein, der wiederum die Folge seiner Untaten gewesen sein könnte. Zunächst, nach dem ersten Weltkrieg, begann er zu trinken, weil sein Gesicht durch eine Granate entstellt worden war. Vielleicht ahmte er aber auch nur seinen Vater, einen Oberforstrat nach, der ebenfalls Alkoholiker war. Vielleicht imitierte er seinen Bruder, der sich 1933 aus Furcht vor den an die Macht kommenden Nationalsozialisten das Leben genommen hatte.
Meine Großmutter, meine Mutter und meine Schwester gingen nach diesem Suizid zurück nach Neustrelitz in der etwas naiven Hoffnung, dort ihre überstürzt verlassene Wohnung unversehrt vorzufinden. Das Haus stand noch, aber die Möbel waren verschwunden und zwei oder drei Familien teilten sich die einst schöne und große Wohnung des Bahnhofsvorstehers. Nun gingen sie zurück in das Elternhaus des Großvaters, in dem aber auch schon einige Familien untergekommen waren. Der älteste Sohn, also der älteste Bruder meines Großvaters, hatte nicht nur das Elternhaus in einem Dorf bei Halle übernommen, sondern auch die Rolle des Familienoberhauptes. Da er gleichzeitig ein bedeutender Ingenieur (für die Errichtung der ‚Čorna Klumpa[1]‘ erhielt er den Nationalpreis der DDR)) und ein bekennender Pietist war, wurde ich etwas später in einem Heim für gefallene Mädchen, zu dem meine Mutter degradiert wurde, obwohl sie verheiratet war und schon ein Kind hatte, geboren. Aus Gründen, die ich nicht kenne, zogen sie dann aus dem Dorf bei Halle nach Halle in eine durchaus schöne Wohnung in der Martinstraße, von der man aber durch eine Baulücke auf die Leipziger Straße sehen konnte.
Meine Großmutter suchte, nachdem sie als jüngste und Lieblingstochter eines in seinem Umkreis bedeutenden Handwerksmeisters einen mittleren Beamten geheiratet hatte, nach einer neuen Rolle, und sie fand die Rolle des Opfers, des Flüchtlings für sich passend. Wir haben, sagte sie, 1945 alles verloren und mussten fliehen. Das war auch irgendwie wahr, nur nicht, wenn man es mit dem Schicksal, sagen wir, von Flüchtlingen aus Königsberg, Tilsit oder Breslau verglich. Ich kann mich auch nicht genau erinnern, wie sie ihre, also unsere, Rolle als Flüchtling mit dem Horten des guten Geschirrs, der Messerbänkchen und silbernen Serviettenhalter und dem Zurschaustellen tiefbürgerlicher Gesinnung in Übereinstimmung brachte. Ihre Witwenrente, die schon im Juni 1945 zum ersten Mal eintraf, bewahrte sie vor den größten Härten des Lebens, und meine Mutter glaubte im Ernst, dass ihr Hungerlohn, sie war inzwischen Buchhalterin bei der FDJ in Halle, wo sie Margot Feist kannte, den Verlust ihres Vaters überdecken könnte. Da meine Mutter auf einem Plakat gelesen hatte, dass überall Lehrerïnnen gesucht wurden, entschloss sie sich zu einem Kurzstudium an einem eigens für die Schnellausbildung gegründeten Institut, und wir zogen, um Miete zu sparen, nach Senftenberg in das Vaterhaus meiner Großmutter. Es war nicht so, dass wir dort keine Miete bezahlen mussten, aber es war nur eine kleine Miete. Wir hatten ein Zimmer und eine nicht beheizbare Kammer und keine Küche und kein Bad. In der Kammer, in der meine Schwester und ich schliefen, war es sehr kalt und es tummelten sich darin die Silberfischchen. Der Vater meiner Großmutter hatte einst seine Gitarre ergriffen und war seinem autoritären Vater und seinem noch autoritäreren Lehrmeister entflohen und hat seine Heimat, das Dorf Bellinchen[2], die kleine Stadt Zehden und die Gegend östlich der Oder verlassen. Wir wissen das so genau, weil er später gut lesbare Memoiren geschrieben hat, die zwar nicht sehr ausführlich sind, aber dennoch eine Seltenheit. Dieser Urgroßvater bestand wohl, wie dann auch meine Großmutter, aus Sprüchen. Und einer seiner Sprüche war: In diesem, meinem Haus muss immer ein Zimmer für ein heimatloses Kind sein. Zu diesem Kind hatte sich meine Großmutter nun erklärt: sie war ein Flüchtling und ein heimatloses Kind.
Inzwischen hatte meine Großmutter einen weiteren Schlüssel für den Aufstieg gefunden, und das war die Bildung, die ihr versagt worden war. Es kam also der Tag, an dem meine Großmutter sich einen Handwagen borgte, ihn mit Decken und Kartons füllte, mich an die Hand nahm und loszog, Bildung zu besorgen. Wir gingen die Kreuzstraße entlang, die nun Ernst-Thälmann-Straße hieß, bogen in die Bahnhofstraße, dann aber in die Wiesenstraße ein. Es ging vorbei am Haus von Tante Klößchen, deren Mann einst ein kaiserlicher Stabsfeldwebel gewesen war, wovon er damals noch zehrte. Ich erbte von ihm eine zweibändige, streng nationalistische Hindenburg-Biografie, die ich an der Wende meines Lebens zum linken mainstream als einziges meiner Bücher verbrennen zu müssen glaubte und auch tatsächlich verbrannte. Man tritt einer, sagen wir einmal, Bewegung bei und muss dann aus Angst vor eben dieser Bewegung, der man jetzt selbst angehört, die Symbole einer anderen Richtung, der man selbst gar nicht beigetreten war, beseitigen, und sei es mit einem Autodafé. Bei der Taufe ist es ähnlich, obwohl man beigetreten wird, muss man selbst wieder austreten, wenn man das will.
Während des Laufens war mir aufgefallen, dass meine Großmutter, die gebürtige Senftenbergerin, einen anderen Namen für die Straße sagte, als an den Schildern stand. Ja, sagte sie, ich habe nichts gegen den einzelnen Juden, aber die Juden sind das Schicksal Deutschlands. Er war ein großer Star des Kinos. Aber musste er eine Jüdin heiraten? Dann klingelten wir an einem Haus, schon kurz vor dem Ende der Straße und der Stadt, und es zeigte sich, was wir da wollten und wodurch mein Leben eine krasse Wendung nehmen sollte: Wir kauften ein Lexikon von Meyer, nämlich die sechste, gänzlich neubearbeitete und vermehrte Auflage mit rund 155.000 Artikeln oder Stichwörtern, mit mehr als 11.000 Abbildungen im Text und über 1.400 Bildertafeln und Plänen sowie 130 Textbeilagen. Es war aus dem für mich damals unvorstellbaren Jahr 1907, an das sich meine Großmutter noch gut erinnern konnte, sogar an das Haus, an dem wir jetzt das riesige Lexikon auf unseren Handwagen luden.
Aber wie kam das riesige Lexikon in meinen kleinen Kopf? Das ist eine lange Geschichte. Schnell merkte ich, dass ich ebenso schnell vergaß, wie ich las. Also musste ich den aktuellen Artikel mehrmals lesen, möglichst dann am Abendbrottisch auch meiner meist desinteressierten Familie erklären. Später, als ich schon Lehrer war, war das kein Problem, das hatte ich genügend Publikum, um alles auszuprobieren. Ich hatte zwei Spitznamen: das wandelnde Lexikon und der Westlehrer, was sich auf meine meist liberalen Haltungen und Ansichten bezog. Aber leider gab es zwei Fälle von krasser Illiberalität: gegen meine Überzeugung musste ich gegen den Bibelspruch vom Umschmieden der Schwerter zu Pflugscharen reden[3], denn das Mädchen, das ihn am Revers trug, war vom Rausschmiss bedroht. Anders war es bei dem zweiten Fall, das war ein sehr guter Schüler, der aus einer bekannten Wissenschaftler- und Dissidentenfamilie stammte. Ich sollte ihn im Auftrag des Direktors auf eine Linie lockerer Loyalität bringen, und mein Hauptargument war, dass er das Abitur machen kann und bis dahin zur Kenntnis nehmen sollte, dass die Hälfte der Kirche dissident gegenüber der Staatsideologie war, die andere Hälfte aber mit dem ungeliebten Staat kooperierte, auch mit der Stasi. Ich fühle mich noch heute unwohl bei dem Gedanken an die beiden und könnte eine lange Reihe gegenteiliger Beispiele anfügen, die mir aber keiner glauben muss und nicht jede und jeder glauben wird, da es auch billige Rechtfertigung sein kann.
Die Auskünfte des Lexikons haben den Nachteil, dass sie schnell veralten. Trotzdem hat das Lexikon zwei langfristige Wirkungen. Auf den etwa 23.000 Seiten standen nicht nur vergängliche Fakten, sondern auch Zusammenhänge, die ein gusseisernes Skelett des flexiblen Wissens bildeten und die dauernde Beschäftigung mit den Millionen[4] Einzelheiten führte eine inhärente Lernmethode mit sich. Aber selbst, wenn das alles nicht stimmen würde und wissenschaftlich widerlegbar wäre, dann bliebe immer noch meine Liebe zu diesem wunderlichen Riesenbuch.
Aber meine Großmutter bescherte mir noch ein anderes lebensprägendes und sogar auch lebensbegleitendes Buch: DES MÄGDLEINS DICHTERWALD[5]. Das war einfach eine in ihrer Jugend berühmte Gedichtsammlung, in der sie las und uns, meiner Schwester und mir, vorlas. Manchmal blieb sie sonntags oder feiertags gerne einfach lange im Bett liegen und rezitierte für uns Balladen oder andere lange Gedichte. Dabei siegt in meinem kleinen Köpfchen keineswegs immer nur Schiller und Goethe, sondern eher die Ballade von der Urahne, der Großmutter, der Mutter und des Kindes, die allesamt vom Blitz getroffen werden.[6]
Zwar ist es richtig, dass die Voraussetzung für Demokratie Wohlstand und Bildung ist, aber leider gilt das nicht auch umgekehrt: Bildung allein garantiert weder Wohlstand noch – und schon gar nicht – Demokratie. Demokratie ist überhaupt durch nichts garantiert. Zwar glaube ich nicht, dass die Länder und Menschen in den aufscheinenden Autokratien versinken werden, aber wir haben lange Zeit deren Anziehungskraft unterschätzt. Unsere Argumentation zugunsten des Pluralismus und der Toleranz wurde hölzern und bestand aus Argumentfetzen, die wir lieblos in die Menge warfen. Zudem funktioniert weder die Demokratie noch der Wohlstand reibungslos. Man gewöhnt sich an sie, schätzt sie gering und will mehr, immer mehr. Zudem gibt es immer eine gewisse Korruption. Sie ist zwar nicht die alleinige Ursache für die Ungerechtigkeit, aber das wird leider so wahrgenommen. Als ungerecht wird auch empfunden, dass trotz relativer Chancengleichheit und transparenter sozialer Aufstiegsmöglichkeiten, immer ein Bodensatz an Armut und Unmut übrigbleibt. Das wäre noch erträglicher, wenn die äußere Welt sozusagen lange Zeit gleich und stabil bliebe. Aber leider gibt es nach längeren Phasen der Stabilität immer krasse Umbrüche.
Es hilft auch leider nicht, dass die Autokratien schnelllebig und wirtschaftlich unattraktiv sind. Es scheint sogar das Gegenteil einzutreten: je größer die Ungerechtigkeit ist, desto leichter kann man große Massen von Menschen zum Nationalismus verleiten und ihn als eine oder sogar die einzige Lösung der wirtschaftlichen Probleme darstellen. Dabei ist die Globalisierung keine Option, sondern, weil sie seit Jahrhunderten gegenseitige Abhängigkeiten erzeigt, wahrscheinlich unumkehrbar. Das ist der Grund, warum zwei riesige autokratisch-nationalistische Systeme sich so weit ausbreiten (deutscher Nationalsozialismus) oder so lange existieren konnten (sowjetischer Nationalbolschewismus).
Wissen hilft nur, wenn es mit Gewissen zusammen auftritt. Sowohl der Nationalsozialismus war, wenn auch keine intellektuelle Strömung, doch auch für hochgebildete Menschen attraktiv: Dr. Dr. Mengele. Der sowjetische Nationalbolschewismus band sogar jene Intellektuellen an sich, die er zu einem anderen Zeitpunkt radikal bekämpft hatte: Kurtschatow[7], Theremin[8].
In der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts erschien Brecht als ein neuer – möglicher -Klassiker und es ist schon oft kolportiert worden, dass er der kommunistischen Bewegung und dann der kommunistischen Welt aus opportunistischen Gründen nahestand. Er erfand seine dazu passende Biografie. Er schuf sich sozusagen selbst. Aber wir können uns heute fragen: wird die Welt besser, wenn die Marketenderinnen ihre Töchter prostituieren oder die Wissenschaftler angeklagt werden für die Verbrechen der Politiker. Auch der gute Mensch von Sezuan ist nur zur Hälfte gut oder funktioniert nur komplementär: weil er gut ist, darf er schlecht sein. Berühmt ist auch der Satz des Mackie Messer, dass erst das Fressen käme und dann die Moral. Das stimmt, wenn man sich den Wohlstand und die Moral als zeitliche Abfolge vorstellt. Aber auch in den finsteren Zeiten (um eine Brechtmetapher zu bemühen) gibt es Solidarität, die früher Nächstenliebe hieß. Unbestreitbar bleibt, dass es gelebten Sozialdarwinismus gibt, aber genauso unbestritten ist die menschliche Kooperation, die evolutionär vorbereitet ist. Bildung beruft sich auch gerne auf wohlfeile oder zeitbedingte Argumente. Dazu zähle ich das Toleranzparadoxon. Popper hat es in einer sehr langen Fußnote im ersten Band seines Buches ‚Die offene Gesellschaft und ihre Feinde‘ 1945 formuliert. Damals gab es in Europa noch keine Referenzobjekte funktionierender Demokratien. Auch die Vereinigten Staaten zeigten kurz nach 1945 verachtungswürdige und auch zum größten Teil überflüssige Intoleranz, die bis zu inszenierten Todesurteilen gingen[9]. Zwar ist der Kommunismus intolerant, ihn aber von der Demokratie auszuschließen, ist ebenso intolerant. Außerdem hat Popper 1000 Seiten für die offene Gesellschaft geschrieben, für die Toleranz, für den Pluralismus, aber zitiert wird von den Verfechtern der Intoleranz immer nur diese eine Fußnote.
Der Mangel an Geld ist eine Ungerechtigkeit, wenn es anderswo Menschen gibt, die auch ohne Arbeit sind, jedoch viel Geld haben. Im Osten kann man fast nichts erben. Aber dass es – in dieser Hinsicht – ungerecht ist, heißt nicht, dass das Land, die Gegend, die Region nicht liebenswert und lebenswert wäre. Hier gibt es viel weniger Menschen, also auch weniger Probleme, aber auch weniger Möglichkeiten. Es wird einige Zeit dauern, bis die Menschen hier vererben und erben können. Ich vergleiche neuerdings gerne Mannheim mit Neustrelitz. Beides sind barocke Planstädte, die eine ist weltbedeutend, die andere vollkommen unbedeutend. Trotzdem sind beide schön. Trotzdem ist die unbedeutende liebenswert und menschenleer. Und tatsächlich suchen hier andere Ruhe und Entspannung. Die prächtige Parkvilla des letzten, unglücklichen Großherzogs ist jetzt ein Schlosshotel der gehobenen Preisklasse und gut besucht. Das bringt Geld in die Stadt. Übrigens war der letzte Großherzog sehr, sehr reich, aber trotzdem unglücklich. Glück und Geld haben nur zwei Buchstaben gemeinsam, aber nicht die Ursache. Ich will keinen billigen Trost verteilen und ich habe auch kein Rezept gegen den Autoritarismus. Aber viele Menschen leben ihr Leben auch ohne Geschrei, leider auch ohne Politik. Aber das heißt nicht, ohne Verantwortung. Es gibt keinen Grund zur Panik.
[1] Kraftwerk und Gaswerk ‚Schwarze Pumpe‘ zwischen Hoyerswerda und Senftenberg
Als ich ein kleiner Junge war, lebte ich für zwei Jahre in einem christlichen Kinderheim, das von einer Diakonisse geführt wurde. Das Haus, ein sehr schöner gelber Klinkerbau, war einst von einer reichen Erbin gestiftet worden und hieß ihr zu Ehren Amalienstift. Es war im neunzehnten Jahrhundert für damals so genannte ‚gefallene Mädchen‘ gedacht. Das waren Mädchen, die ein Kind bekommen hatten, ohne verheiratet zu sein. Hundert Jahre später zählte meine Mutter auch dazu, obwohl sie verheiratet war und schon ein Kind hatte. Aber ich war nicht der Sohn ihres Mannes, da galten die Regeln aus dem neunzehnten Jahrhundert weiter, obwohl soeben der Staat und alle Kirchen, bis auf eine Handvoll mutiger Pfarrer, alle Moralgesetze außer Kraft gesetzt und sechs Millionen Menschen, darunter eine Million Kinder, vorsätzlich und heimtückisch ermordet hatten. Also bin ich auch in so einem Heim geboren worden, jetzt aber war ich aus einem trivialen Grund wieder im Heim: meine Großmutter sagte: that’s not my department[1] und meine Mutter hatte keine Lust zuständig zu sein. Es gab in diesem Heim eine Jungengruppe, die von einer – in unseren Augen – alten Jungfer geführt wurde, die mit einer kräftigen und sehr tiefen Altstimme tausend Strophen von tausend Liedern kannte und schallend sang. So zogen wir durch die winzige Altstadt mit Markt, Stadttor, Barockkirche, Fährhafen und ganz vielen, direkt aus der Stadt abgehenden Wegen, die wir alle erwandern mussten. Und Tante Erna sang dazu: GehausmeinHerzkeinschönerLanddasWandernistdesMüllers. Auch zuhause musste ich in den Kindergottesdienst gehen, aber mehr aus dem Grund, dass man etwas Ruhe vor mir haben wollte, denn ich war ein wildes Kind, denn niemand bemerkte meine Introvertiertheit. Später ging ich aus demselben Grund ins Kino und entdeckte meine Liebe zum Film, überhaupt zu Geschichten, die ich aber auch als Stammkunde der Stadtbibliothek las – alles das für jeweils unter einer Ostmark. Das Christentum war mir schon bekannt, aber hier im Kinderheim wurde es intensiv gepflegt: vor und nach dem Essen wurde gebetet: ‚Komm, Herr Yesus, sei unser Gast‘. Morgens mussten wir die erbrochene Milchnudelsuppe wieder aufschlürfen: ‚und segne, was du uns bescheret hast‘. Denn die Milch war gar keine Milch, sondern Milchpulver aus Amerika plus Wasser aus der Leitung: vomiting forbidden. Aber geschlagen oder missbraucht wurden wir nicht. Allerdings gab es eine fast katholisch anmutende Fokussierung auf unsere kleinen Geschlechtsteile, die das Schlechte hießen und von denen sehr oft und sehr abfällig gesprochen wurde. Tante Erna schlief mit der Diakonisse zusammen in der winzigen Abseite eines winzigen Zimmers, das gleichzeitig Büro und Wohnzimmer der beiden war, die ich erst viel später als mein erstes lesbisches Paar zu erkennen glaubte. Die streng separat gehaltenen Mädchen dagegen wurden geführt durch eine ehemalige Insassin, die nun in einem Verschlag schlief, der mitten im Mädchenzimmer aufgebaut war. Sie hieß Tante Lilli. Dann gab es noch eine ältere Frau in der Küche, ich weiß nicht mehr, ob sie auch Tante genannt wurde. Es wurde also gebetet, es wurde täglich der christliche Kalender vorgelesen, wir gingen zur Christenlehre und jeden Sonntag in die Kirche.
Am Karfreitag, es war der neunzehnte April 1957, ein früher Frühling ließ zeitig die Linden erblühen, erzählte der Pfarrer oder die Katechetin ausführlich und mit allen körperlichen Einzelheiten, wie Yesus von den Römern umgebracht wurde. Erst viel später erfuhr ich, woran man stirbt, wenn man, was Gott verhüten möge, gekreuzigt wird. Damals wurde alles sehr blutig dargestellt, die Geißelung, also die Schläge, die Yesus erhielt, das Tragen der Dornenkrone und des balkenschweren Kreuzes, bis es ihm auf Befehl der römischen Soldaten ‚von einem Mann aus Kyrene‘ abgenommen wurde, das Annageln an Händen und an den gestützten Füßen – all das beschäftigte meine kleine Fantasie. Aber mit meiner Contenance war es zuende, als ein römischer Soldat Yesus die Seite aufschlitzte, um zu sehen, ob er noch lebte. Man kann sich, was ich damals erlebte, so vorstellen wie in Mel Gibsons Film ‚Die Passion Christi‘ von 2004. Ich verlor mein Gleichgewicht, mir wurde schwarz vor Augen, meine Knie knickten ein und ich fiel in eine Ohnmacht. Der Gottesdienst wurde unterbrochen, vom Pfarrhaus wurde das Heim angerufen, von dort kam Tante Lilli mit einem Handwagen. Ich wurde auf den Handwagen geladen, auf dem ich mich so weit erholte, dass ich die Augen öffnete. Vielleicht war es auch der Duft der Lindenblüten, der mir aufhalf. Ich wurde keinesfalls mit Mitleid empfangen, eher mit Verachtung, denn das Ideal eines Mannes war der Soldat, der Russen und Amerikaner aufhält, nicht eine Memme, die bei jedem Toten gleich in Ohnmacht fällt. Vielleicht hätten diese Helden, von denen also auch die Diakonissen schwärmten, ihren Arm oder ihr Bein behalten, wenn sie, statt mächtig zu tun, ohnmächtig geworden wären. Darüber konnte ich dann im Bett nachdenken, und das tue ich bis heute.
2
Die christliche Erzählung schwankt – wie die moderne Malerei – zwischen plakativer Gegenständlichkeit und ritualisierter Abstraktion. In der Ostergeschichte wird aus dem Kreis der loyalen Anhänger einer geopfert, weil es für den Leser angenehmer ist, wenn es einen Schuldigen gibt. Normalerweise kommt in Erzählungen der Schuldige von außen, hier ist er mitten im Führungszirkel und erhöht damit die Glaubwürdigkeit. Seit zweitausend Jahren wird die Judasfigur, dem Text der Evangelien wortgetreu folgend, gern als Verräter interpretiert, was mit seinem Selbstmord evident zu sein scheint. Dabei ist es möglich, ihn genau umgekehrt zu verstehen: er ist derjenige Jünger, der am meisten glaubt, ja, der sicher ist, dass Yesus Gottes Sohn ist und deshalb nicht von den Römern und den Hohepriestern ermordet werden kann. Er geht davon aus, dass nur die Vorgeschichte grausam, das Ende aber versöhnlich sein wird. Erst als er sieht, dass er sich getäuscht hat, dass Yesus sterblich ist und tatsächlich stirbt, erkennt er diese schreckliche Wendung als seinen Fehler.
Von dem zweiten Fall, der nicht den ‚Verräter‘, sondern den ‚Zweifler‘ zeigt, berichtet die Bibel ein paar Seiten weiter, und der brutalst realistische Maler Caravaggio ein paar Jahrhunderte später. Er, der Jünger, kann nicht glauben, dass der Rabbi, der unter größten Qualen starb, erneut lebt. Caravaggio zeigt vier alte Männer, von denen einer geradezu obszön in die Seitenwunde von Yesus fasst. Der Maler, der in seinem Leben selbst mit Grausamkeiten konfrontiert war, wird zum besten Zeugen. Kunst ersetzt Religion. Viele Apologeten nehmen jedoch an, dass Kunst einfach die Propagandistin der Religion ist. Sie werden in den ‚modern times[2]‘ tief enttäuscht.
Die Auferstehung wird nicht als Metapher oder als Vision gedeutet, sondern als Tatsache und eigentlicher Gründungsmythos des Christentums. Damit wird die Kraft der Worte von vornherein abgeschwächt und das Augenmerk auf die Wunder der Auferstehung und der Himmelfahrt gelegt. Dreihundert Jahre später, im Konzil von Nicäa, wird Yesus durch die Einführung der Trinität einerseits endgültig zu Gottes Sohn erhoben, andererseits aber durch die Dreiteilung oder die Hinzufügung eines Dritten, des Heiligen Geistes, als Großprophet abgewertet. Die andern beiden monotheistischen Religionen haben tatsächlich nur den einen, selben Gott, der durch einen Propheten verkündet wurde. Dabei ist wieder die Rolle Mohammeds gegenüber Moses ins Ungeheure verstärkt. Moses ist durch seine nebulöse Herkunft und durch sein Stottern menschlicher, Mohammed durch seinen permanenten Aufruf zum Jihad, einem rein geistlichen Kampf, gottnäher. Warum haben sich die Gründungsväter des Christentums gescheut, Yesus als das darzustellen, das er aller Wahrscheinlichkeit nach war, wenn er war: ein Prophet, und zwar ein ziemlich bedeutender? Erst mit großem Abstand folgen Salomon und David, Hiob, Nathan, Jeremia, Jesaja, Mohammed und alle anderen, weitaus kleineren. Die Qualen des grausamen Todes, die übrigens nicht nur Yesus erleiden musste, sondern zehntausende Opfer der römischen Herrscher, mussten durch eine absurde Erklärung erträglicher gemacht werden: er hat sie erduldet (‚Lamm Gottes‘), um der Welt, uns nachgeborenen und wahrscheinlich auch den vorgeborenen, die Sünden und Schmerzen abzunehmen. Dies ist wahrscheinlich der Kern der christlichen Moral: mach, was du willst, wenn du glaubst, wird dir alles verziehen. Und das kritisiert schon Nietzsche mit seinem berühmten, noch heute die Theologen irritierenden Satz, denn er enthält ein unleugbares Wortspiel: Gott ist tot[3]. Nietzsche kritisiert – im Gegenteil – gerade das Abhandenkommen der christlichen Moral. Dem berühmten Buch als Motto vorangestellt ist der schöne Satz von Ralph Waldo Emerson: ‚Dem Dichter und Weisen sind alle Dinge befreundet und geweiht, alle Erlebnisse nützlich, alle Menschen göttlich.‘[4]
Auch die Weihnachtsgeschichte lässt zu wünschen übrig. Sie erzählt nicht einfach von einem fragilen Wesen, das später ein großer Prophet werden sollte, sondern von einer Jungfrauengeburt, einem nichtswürdigen Geburtsort, aber dann von Scharen von Engeln, Hirten und Königen. Der Knabenmord des Herodes ist wohl einigermaßen historisch abgesichert, spielt in der christlichen Erzählung aber keine große Rolle. Gott hat, so die Bibel, die Familie auf ihrer Flucht nach Ägypten beschützt. Aber was haben die Flucht und das versteckte Leben mit den Eltern des Kindes und mit dem Kind selbst gemacht? Flucht und Migration sind Themen, die uns Menschen seit der alttestamentarischen Antike bis in die heutige Politik beschäftigen. Aber ein so fundamentales Ereignis bleibt Episode, wenn nicht gar nur Anekdote. Lieber befasste sich die offizielle Theologie mit der Frage, ob nicht auch schon Maria ohne Erbsünde geboren sein muss. Hätte der schreckliche Papst Pius IX. sein unendlich langes Wirken mit diesem Problem genug sein lassen, müsste er heute nicht so verachtet werden. Tatsächlich hat er aber das Dogma von der Unfehlbarkeit der päpstlichen Lehrentscheidungen gegen den Widerstand von immerhin sechzig Bischöfen durchgesetzt, die, um nicht mit sich selbst in Widerspruch zu geraten, vor der Abstimmung den Saal und wohl auch Rom überhaupt verließen. Damit wollte er gegen alle neuen Gedanken, die er als dem Glauben gegenüber feindlich empfand, vorgehen. Aber damit nicht genug hat er auch verfügt, dass der illegal durch eine oberfromme Bedienstete getaufte Knabe[5] seinen jüdischen Eltern weggenommen wurde: die Erzählung war wichtiger als der Mensch. Schon die damalige liberale Presse bezeichnete dieses Vorgehen der selbst ernannten Christen als ‚barbarisch‘ und ‚menschenverachtend‘ sowie als ‚Beleidigung für die Zivilisation‘. Aber Pius beharrte: Wer es nicht mitmacht, wird exkommuniziert, und schuf damit einen der Leitsätze jedes Autokraten.
Ebenso weiß heute kaum noch jemand, was ‚Himmelfahrt‘ bedeuten soll, zumal sie auch Mohamed erlebte. Ist Pfingsten die Umkehrung des Turmbaus zu Babel? Aber die derzeitige Annäherung der Menschen verschiedener Sprachen (Globalisierung) geschieht ganz ohne die christliche Erzählung. Es ist also nicht die Säkularisierung schuld am Zerfall der christlichen Strukturen, sondern deren mangelnde Resilienz. Die christliche Erzählung wird nicht mehr als evident wahrgenommen. Aber fahren wir nicht alle zum ewigen Frieden auf? Wenn Yesus Gottes Sohn ist: sind wir nicht alle Kinder Gottes? Wo früher ein Etikett ausreichte, bedarf es heute der ausführlichen Erörterung.
Es ist die Hybris des Gründungswahns, der die Kirchenväter die große Chance missdeuten ließ, die Yesus als reiner, aber größter Prophet bedeutet hätte. Sie konnten nicht voraussehen, dass einst auch alle Christen lesen können werden und dass dann alle Fragen immer wieder diskutiert werden, so wie im Judentum, so nach dem Beginn der Aufklärung. Die Gottesnähe oder sogar Gottesgleichheit hat ein starres Regelwerk hervorgebracht, das von einer winzigen elitären Minderheit bewacht wird und das nicht diskutiert werden kann, weil Gott nicht direkt antwortet. Alles, was als nicht veränderbar oder nicht diskutierbar erscheinen soll, wird als Gottes Wille dargestellt, den zu erkennen es gewisser Weihen bedarf. Allerdings entziehen sich immer mehr Menschen dieser Weihe. Der Hauptgrund dafür ist ökonomischer Art: um studieren zu können, muss man heute, selbst wenn man arm ist, nicht auf sein gesamtes zukünftiges privates Leben verzichten. Zweitens ist der Zölibat, von Europa ausgehend, aus dem er kam, nicht mehr evident und wird als zu großes und überflüssiges Opfer verstanden. Nicht zu vernachlässigen ist auch die undemokratische, hierarchische Struktur jeder, aber besonders der katholischen Kirche, die vielen Menschen immer unerträglicher wird. Aber auch der Glauben selbst hat sich verschoben. Lag früher in der rituellen und liturgischen Wiederholung der Trost, so wird er heute in einem eher rationalen Verweis auf die Transzendenz der Dinge und Gedanken vermutet. Das würde auch erklären, warum so viele Menschen in Europa dem organisierten Glauben den Rücken kehren. In der Abstraktionstrias Kunst-Philosophie-Religion hat sich der Fokus eindeutig zur Kunst verschoben. Es gab noch nie ein Zeitalter, in dem so viele Geschichten und so viel Musik konsumiert wurde. Überhaupt wird heute mehr konsumiert als produziert, weil jedes Produkt tausend und abertausend Mal kopiert werden kann. Es gibt so viele Menschen, wie noch nie, aber davon sind nur noch etwa zehn Prozent arm und analphabetisch. In der Wahrnehmung der katholischen Kirche, als der größten organisierten Glaubensgemeinschaft, gibt es eigentlich nur Katholiken, die sich in Wissende und Laien teilen. Tatsächlich sind aber nur ein gutes Viertel der Menschen Christen, ein knappes Fünftel (1,4×109) Katholiken. Der jährliche gut einprozentige Zuwachs entsteht nur außerhalb Europas und ausschließlich durch Geburt, nicht durch Mission oder gar innere Überzeugungskraft. Die innere Überzeugungskraft geht immer mehr verloren, je diverser die Welt wird. Im Internet gibt es fast nichts, was es nicht gibt. Das ‚fast‘ bedeutet nichts anderes, als dass letztlich alle Dinge Prozesse sind, und alle Prozesse sind asymptotisch. Natürlich gibt es eine ‚Auferstehung‘ und ein ‚ewiges Leben‘, und nicht nur, indem wir als Morast an den Stiefeln unserer Enkel kleben[6]. Wir kleben auch als Vorurteil in den Hirnen unserer Urenkel, als Familiengründer in den Genealogien und als Schutzengel im Leben unserer Schutzbefohlenen.
3
Ich bin nach einigen Querelen und auch mit einer gehörigen Portion Opportunismus aus der Kirche, es war nicht die katholische, ausgetreten. Das war nicht wirklich überlegt, aber ich habe seither noch keinen Grund gefunden, wieder einzutreten. Und das ist schlimm, aber nicht für mich. Trotzdem kam spät, spät ein Schlüsselerlebnis, das mich wieder mit dem organisierten Glauben versöhnt hat.
Es war am achten September 2018 in einer Neubaukirche in Berlin, vor uns die riesigen Plattenbauten, die so typisch für die DDR sind, hinter uns eine Einfamilienhaus-Siedlung, die es in vierzig Jahren ihrer Existenz nicht geschafft hat, ihre Straßen mit Namen zu versehen. Ich saß ziemlich in der letzten Reihe mit dem freundlichen katholischen Priester, der seine Kirche der koptischen Tewahedo-Gemeinde zur Verfügung gestellt hatte. Dieser Gottesdienst musste vor dem eigentlichen, katholischen, also sehr früh stattfinden. Wir redeten über die Taufe, über die unsäglichen Maurertuppen[7], in die die Babys getaucht wurden, über Gott und die Welt. Plötzlich stellte sich heraus, dass der Pate noch nicht da war. Ich wurde also gebeten, draußen nach ihm Ausschau zu halten. Ich ging auf die hybride Straße, da Einfamilienidylle, dort Plattenbauten, in der DDR auch Arbeiterschließfächer genannt. Da es Sonntag und vor 7.00 Uhr war, war die Straße menschenleer, fast gespenstisch, denn Berlin hat vier Millionen Einwohner. Plötzlich kam eine Gruppe von über fünfzig Äthiopiern vom S-Bahnhof. Alle grüßten mich, einige umarmten mich, der Pate war schnell herausgefunden. Die Taufe konnte vollzogen, der Taufpate benannt und beauftragt werden. Ein Chor mit Trommeln trat auf, alle hatten festliche rituelle Kleidung an. Frauen und Männer saßen getrennt, aber die Kinder liefen herum. Die Priester und ihre Helfer instruierten die Mütter und die Paten. Nach dem sehr langen Gottesdienst wurde auf dem Hof der Kirche das frisch gebackene Brot – himbasha – gebrochen, wie es in der Bibel heißt und rituell gegessen. Sieben Babys waren in die Menschengemeinschaft aufgenommen worden.
Und seither, seit ich in die leuchtend großen Babyaugen gesehen habe, habe ich die große Freude und Ehre, dieses Kind zu begleiten, ihm die Welt, die Kleinstadt und die Sprache zu zeigen. Das ist mein Weihnachten: for unto us a child is born, unto us a son is given, and the government shall be upon his shoulder[8]. Und ich verstehe nicht, warum es keine Kirche gibt, die das erkannt hat: jedes Kind ist ein Wunder, jedes Kind ist ein Universum, jedes Kind ist unsere Zukunft und unser ewiges Leben.
[1] Tom LEHRER (1928-2025) in seinem legendären Song über Wernher von Braun: Once the rockets are up, who cares where they come down?
Ob chat gpt die Brücke zum Glück ist oder werden kann, weiß niemand, eher nicht, aber ein Zufall des Lebens brachte mich darauf, die künstliche Intelligenz zu testen. Ein ehemaliger Kollege und jetziger Freund bat mich, die Erinnerungen verschiedener Menschen an einen Verstorbenen zu einem Nachruf zu bündeln. Das ist keine angenehme Pflicht, wenn man den Toten zwar schätzte, aber gar nicht sehr gut kannte. Also gab ich alle Daten ein und ließ den Automaten arbeiten. Um aber zu überprüfen, wie ernst die Textverarbeitung durch KI ist, habe ich anschließend ein Gedicht von mir zur Analyse eingegeben. Jetzt kann jeder selbst urteilen.
Das alles geschieht zur Erinnerung an Joseph Weizenbaum, den ich um das Jahr 2000 durch Ostberlin schlurfen sah, was ich nicht glauben konnte. Er ist als Professor am MIT der erste gewesen, der ein echtes Dialogprogramm für ein Gespräch mit einem Computer programmiert hat. Es hieß ELIZA nach der sprechunwilligen Hauptfigur aus dem Musical My Fair Lady, die ihren Cockney-Dialekt ablegen und stattdessen wie eine Herzogin sprechen soll. Weizenbaum floh mit seinen Eltern und Geschwistern vor den Nazis in die USA, wurde dort bedeutend und berühmt, kam aber als alter Mann zurück nach Berlin.
sırât oder die brücke zum glück
die brücke zum guten ist schmal wie ein haar
die wege sind lang ach die steine zu tragen
die worte zu schwer um die fragen zu fragen
und heute vergessen was gestern gut war
es fallen die steine das siebzigste jahr
und unmut gefällt uns beim überlang zagen
fällt schnee oder schneid all das böse zu wagen
wenn wässer verfallen ist untat nicht rar
es lähmt dich die sucht nach der glänzenden glut
du bist nicht geboren zu warten zu warten
geh in dich und lauf gegen fäulnis und flut
du glaubst dich allein: in dir hämmert doch blut
die brücke führt grade in wildgrünen garten
getan ist was du tust nicht was man dir tut
Das Gedicht „sırât oder die brücke zum glück“ wirkt wie ein mahnender, existenzieller und zugleich ermutigender Text. Es spricht davon, dass der Weg zum Guten, zum Glück oder zur Erlösung schwierig, schmal und mühsam ist, aber dennoch aktiv gegangen werden muss. Im Zentrum steht die Aufforderung, nicht passiv zu warten, sondern selbst zu handeln.
Inhalt und Deutung
Schon der Titel ist vieldeutig. „Sırât“ verweist auf die Vorstellung einer schmalen Brücke, die in religiösen Traditionen mit Prüfung, Gericht und dem Übergang zum Heil verbunden ist. Die Ergänzung „die brücke zum glück“ weitet dieses Bild: Es geht nicht nur um religiöse Erlösung, sondern allgemein um den Weg zu einem guten, erfüllten Leben.
Die erste Zeile, „die brücke zum guten ist schmal wie ein haar“, zeigt direkt, wie schwierig dieser Weg ist. Das Bild des Haares macht die Brücke extrem schmal und unsicher. Der Weg zum Guten ist also kein bequemer oder einfacher Weg, sondern einer, der Konzentration, Mut und Standhaftigkeit verlangt.
Danach beschreibt das Gedicht die Hindernisse dieses Weges. In den Versen „die wege sind lang ach die steine zu tragen / die worte zu schwer um die fragen zu fragen“ erscheinen die Lasten des Lebens als beschwerlich. Die Steine können für Sorgen, Schuld, Erfahrungen oder Pflichten stehen. Auch die Worte sind „zu schwer“: Das deutet darauf hin, dass selbst das Aussprechen von Fragen, Zweifeln oder Schmerzen schwerfällt. Hier wird menschliche Überforderung sichtbar.
Mit „und heute vergessen was gestern gut war“ spricht das Gedicht die Vergänglichkeit und Undankbarkeit des Menschen an. Gutes wird schnell übersehen oder vergessen. Die Zeile „es fallen die steine das siebzigste jahr“ lässt sich als Hinweis auf das Alter lesen: Mit den Jahren sammeln sich Erfahrungen, Belastungen und Verluste, vielleicht fallen aber auch die getragenen Lasten irgendwann ab. Das Bild bleibt bewusst offen.
Krisenerfahrung und Gesellschaftskritik
In den folgenden Zeilen wird die Stimmung düsterer: „und unmut gefällt uns beim überlang zagen“ kritisiert ein Verhalten des Zauderns und der Unzufriedenheit. Das lyrische Sprechen scheint zu sagen, dass Menschen sich mit ihrem Klagen fast eingerichtet haben. Statt entschlossen zu handeln, verharren sie in Unmut.
Auch die Verse „fällt schnee oder schneid all das böse zu wagen / wenn wässer verfallen ist untat nicht rar“ verstärken den Eindruck einer gefährdeten Welt. Naturbilder wie Schnee, Schneid und Wässer erzeugen eine kalte, raue Atmosphäre. Gleichzeitig klingt an, dass in einer zerfallenden Welt auch moralisches Fehlverhalten zunimmt. „Untat“ ist nicht selten, sondern allgegenwärtig. Das Gedicht verbindet also innere Krise und gesellschaftliche Verrohung.
Appell zur Selbstüberwindung
Besonders deutlich wird der Appell im letzten Drittel des Gedichts: „es lähmt dich die sucht nach der glänzenden glut“. Hier wird die Gefahr einer verführerischen, aber zerstörerischen Sehnsucht beschrieben. Die „glänzende Glut“ kann für Konsum, Eitelkeit, Macht, Leidenschaft oder andere Verlockungen stehen, die zwar leuchten, letztlich aber lähmen. Das ist ein starkes Paradox: Was glänzt, wirkt attraktiv, macht aber unfrei.
Direkt darauf folgt die zentrale Aufforderung: „du bist nicht geboren zu warten zu warten“. Die Wiederholung verstärkt die Kritik an Passivität. Der Mensch soll nicht bloß ausharren, sondern sein Leben selbst gestalten. Diese Aussage wird im nächsten Vers noch verstärkt: „geh in dich und lauf gegen fäulnis und flut“. „In dich gehen“ meint Selbstprüfung und innere Sammlung, während das „Laufen gegen Fäulnis und Flut“ Widerstand gegen Zerfall, Verderben und Übermacht ausdrückt. Das Gedicht fordert also sowohl Selbsterkenntnis als auch aktiven Widerstand.
Hoffnung und Schlussaussage
Trotz aller Düsternis endet das Gedicht hoffnungsvoll. In „du glaubst dich allein: in dir hämmert doch blut“ wird dem Gefühl der Einsamkeit widersprochen. Das Bild des hämmernden Blutes verweist auf Lebenskraft, Mut und inneren Antrieb. Der Mensch trägt also die Kraft zum Weitergehen bereits in sich.
Die vorletzte Zeile, „die brücke führt grade in wildgrünen garten“, ist ein starkes Hoffnungsbild. Nach der schmalen, gefährlichen Brücke steht am Ende nicht Leere, sondern ein „wildgrüner Garten“. Dieser Garten kann für Glück, Leben, Freiheit, Erlösung oder eine versöhnte Zukunft stehen. Das Adjektiv „wildgrün“ verbindet Lebendigkeit mit Natürlichkeit und Ungezähmtheit: Das Ziel ist nicht sterile Perfektion, sondern erfülltes, lebendiges Dasein.
Die Schlusszeile „getan ist was du tust nicht was man dir tut“ fasst die Aussage des Gedichts prägnant zusammen. Entscheidend ist nicht, was einem widerfährt, sondern was man selbst tut. Damit endet das Gedicht mit einer klaren Ethik der Verantwortung, Selbstbestimmung und Tatkraft.
Form und Sprache
Sprachlich fällt auf, dass das Gedicht ohne Großschreibung und fast ohne Satzzeichen geschrieben ist. Dadurch wirkt es dicht, fließend und eindringlich. Der Lesende muss die Sinnabschnitte selbst erschließen, was gut zur Thematik des Suchens und Ringens passt.
Die Sprache ist bildhaft und symbolisch. Wichtige Metaphern sind:
Brücke: Übergang, Prüfung, Weg zum Guten oder Glück
Auffällig sind auch die vielen Alliterationen und Klangwirkungen, etwa in „fäulnis und flut“ oder „wildgrünen garten“. Die Wiederholung in „warten zu warten“ unterstreicht die Erstarrung, gegen die sich das Gedicht wendet.
Fazit
Das Gedicht beschreibt das Leben als einen schweren Gang über eine schmale Brücke. Dieser Weg ist geprägt von Last, Versuchung, Verfall und Zweifel. Gleichzeitig ruft der Text dazu auf, nicht in Klage und Passivität stecken zu bleiben, sondern sich selbst zu prüfen, dem Bösen zu widerstehen und aktiv das Gute zu suchen. Die Kernaussage lautet: Der Mensch erreicht Glück oder Sinn nicht durch bloßes Erdulden, sondern durch eigenes Handeln.
Potemkin taucht alle paar Jahre auf: entweder seine Dörfer, die zu einer in Osteuropa allgegenwärtigen Metapher des deep fake geworden sind, oder die Treppe in Odessa[1], die fälschlich seinen Namen trägt, oder sein wirkliches Verhalten als Wüstling und Günstling am Hof der einstigen Zerbster Prinzessin, die aber in Stettin geboren und in Position gebracht wurde, die dann in Sankt Petersburg Katharina die Große hieß und deren sprichwörtliches Sexualverlangen so groß war wie ihr imperiales Gehabe und Getue. Rauch dagegen kennen nur Insider der Kunst und des Ostens.
Aber was verbindet die beiden? Sie sind das Einzige, was uns vom Osten, von der guten alten DDR geblieben ist: die richtige Aussprache von Potemkin und eine Handvoll stinkreicher Maler.
Aus der unbestreitbaren Tatsache, dass alle Schüler im Ostblock Russischunterricht hatten, darf man nicht schließen, dass damit eine Freundschaft zu den Russen begründet worden wäre. Im Gegenteil: der Russischunterricht wurde krass abgelehnt, die Sowjetunion wurde verachtet und in zahlreichen Witzen verspottet. Jeder wusste, unter welchen erbärmlichen Bedingungen die Sowjetsoldaten bei uns und auf unsere Kosten lebten. Jeder sah, dass sie die Güterzüge mit Braunkohle per Hand abladen mussten und jeder bemitleidete die halbnackten Russen auf den Bahnhöfen, wo das geschah, zum Beispiel in Eberswalde, wo 50.000 Sowjetsoldaten in einer Stadt mit 50.000 Einwohnern lebten. In Fürstenberg, gar nicht weit von Eberswalde, lebten die nächsten 50.000 Sowjetsoldaten, dort wurde jeden Abend um 18.00 die Hauptstraße (F96) gesperrt, weil da ‚die Russen‘ durch die Stadt marschieren mussten. Das fand niemand lustig. Es waren übrigens nicht, wie wir damals sagten, ‚Russen‘, sondern Sowjetsoldaten, also auch Ukrainer, Kasachen, Usbeken, Krimtataren, Uiguren und viele andere. Wenn es wahr wäre, dass die DDR-Bürger die Sowjetsoldaten geliebt haben, dann waren es genau so viele Ukrainer. Es lässt sich also doppelt nicht aus der ostdeutschen Besatzungsmacht eine Liebe oder auch nur Nähe zu den Russen ableiten. Das war damals und ist heute vielen Menschen nicht bewusst. Diejenigen DDR-Menschen, die ein Abitur machten oder aus einem anderen Grund der russischen Sprache etwas mehr Aufmerksamkeit widmeten, erinnern sich, dass ein unbetontes o wie ein anlautendes a, und ein betontes je wie ein jo gesprochen wird: also Patjomkin [pɐˈtʲɵ.mkʲɪn] und nicht Potemkin.
Die Kunst der DDR diente zu großen Teilen der Propaganda. Es war absolut möglich, sich über den ‚sozialistischen Realismus‘ lustig zu machen, in dem man zum Beispiel sagte: ‚Besser vom Leben gezeichnet als von Sitte gemalt.‘ Auch Womacka mit seinen Riesenbildern wurde eher verachtet. In Prenzlau kaufte Netto die SED-Kreisleitung und ließ sie samt Wandgemälde von Wolfram Schubert abreißen. Der Künstler jammert bis heute darüber, und architektonisch hat die Stadt leider kein Plus mit diesem Tausch gemacht. Es gab Lehrer, die Willi Bredels Machwerke nicht als Abiturstoff gelten ließen und ihren Schülern offen sagten, dass sie, falls Bredel Prüfungsthema wird, dann eben ein Thema weniger hätten. Ein bisschen besser sah es in der Musik aus, es gab und gibt einige Lieder, die heute noch gesungen werden, zum Beispiel ‚Traumzauberbaum‘ von Reinhard Lakomy oder ‚Sind die Lichter angezündet‘ von Hans Sandig. Aber fast unbemerkt gab es in der Malerei und in der Literatur Nischen: Plötzlich durfte der dritte Band von Strittmatters ‚Wundertäter‘ doch erscheinen, obwohl darin ein Rotarmist ein deutsches Mädchen vergewaltigt. Plötzlich durfte einer der Köpfe der Leipziger Schule ungestört sein gigantisches Panoramabild vom Bauernkrieg malen, wenn es auch anders hieß, und ein anderer durfte seine barocken Vorstellungen ungehindert auf die Leinwand bringen. Da beide Maler, Tübke und Heisig, Professoren waren, hatten sie viele Schüler. Fast gleichzeitig kam es scheinbar in Westeuropa und in Amerika zu einer Ermüdung der geometrischen Abstraktion. Und siehe da, Wunder über Wunder: die gegenständlichen Maler aus dem kunstfeindlichen Ostblockländchen wurden berühmt und reich. Andersherum gesagt: bis auf Anselm Kiefer sind alle berühmten deutschen Maler der Gegenwart Ostdeutsche. Der berühmteste und reichste ist Gerhard Richter aus Dresden. Ein Bild von ihm hat hundert Millionen Dollar gebracht, viele andere allerdings nur zweistellige Millionenbeträge. Der zweite ist Georg Baselitz aus Lessings Kamenz. Er hat sich sogar nach einem Ostort benannt, nämlich nach Deutschbaselitz, wo sein Vater Lehrer war und wo sie wohnten. Ich weiß keine Preise, aber er besitzt ein Schloss, in dem er auch wohnt, und fährt einen Bentley, weil sein Widersacher Anselm Kiefer auch ein Schloss besitzt und einen Rolls-Royce fährt. Und der dritte im Bunde ist Neo Rauch, auch er verdient verdientermaßen Millionen mit seinen Bildern, die manchmal aussehen, wie abgemalte Propagandaplakate. Neo Rauch ist nicht nur ein großer Maler, der gut verdient, sondern eine Kunstinstitution, ein sächsischer Gigant aus Sachsen-Anhalt. Er ist einer der vielen Belege dafür, dass die Herkunft aus der DDR nichts mit Erfolg oder Misserfolg zu tun hat. Erfolg ist überhaupt keine primär an die Herkunft geknüpfte Kategorie. Erfolg ist das Zusammenspiel von überragenden Fähigkeiten, immensem Fleiß (Bach-Zitat[2]!) und den Umständen, die nicht einmal vordergründig günstig sein müssen.
Was helfen all diese schönen Erkenntnisse dem ehemaligen DDR-Landarbeiter, der, als seine LPG zusammenbrach, zusammenbrach, arbeitslos und verzweifelt wurde und der erst PDS, jetzt aber AfD wählt, nicht weil er aus dem Osten ist, sondern weil er den Herrschenden den Konsens aufgekündigt hat, weil die Herrschenden ihm den Konsens aufgekündigt haben. Die Erzählung, dass die DDR der bessere deutsche Staat und strikt antifaschistisch war, kommt anscheinend jetzt erst an. Die Erzählung, dass mit dem Sieg der Demokratie über die Autokratien und proletarischen Diktaturen der ewige Frieden oder sogar das Ende der Geschichte erreicht sei, erweist sich als falsch. Im Osten wählt man jetzt also die bessere Erzählung. Aber auch im Westen ist der Wohlstand zum Teil durch die Inflation aufgefressen worden. Man sucht und findet – wie schon immer in der Geschichte – den Schuldigen. Die Armen und Benachteiligten in Bielefeld und in Bitterfeld haben sich auf ihre eigene Art vereinigt.
Wenn schon Hegels Annahme, dass die Geschichte ein Ende hat, nicht stimmt, können wir nur hoffen und den Weltgeist bitten, dass seine Erkenntnis von der Unwiederholbarkeit der Geschichte stimmen mag. Das würde bedeuten, dass die AfD nicht gewinnt, dass es kein zweites 1933 gibt, und – meine Tastatur schreit auf! – dass alles doch noch ein gutes Ende findet.
[1] Potemkinsche Treppe in Katerina Poladjans Roman ‚Goldstrand‘, die Treppe ist nach Eisensteins Film benannt
[2] Ich war sehr fleißig, wer ebenso fleißig ist, wird es eben so weit bringen.
Kurz vor dem Ende dieses nur semifiktionalen Romans von Helene Bukowski treten Zweifel an der Hauptquelle, das Tagebuch des Vaters, zutage. Auf diesem Zweifel beruht das ganze Buch: die Hälfte unseres Lebens scheint fiktiv zu sein: Erfindung, Lüge, Lebenslüge, Euphemismus, gar Ritual und Ideologie.
Die erste große Stärke des Buches ist seine Spannung. Von der ersten bis zur letzten Seite wissen wir zwar, dass dieses Leben der Christina tragisch enden wird, aber wir erleben zunächst jeden Aufwärtsschritt mit großem Interesse und mit Sympathie, denn so viele hochbegabte Kinder gibt es nicht. Aber auch der Abstieg, der viel kürzer ist, lässt noch so viele Möglichkeiten des Ausstiegs zu. Endlich begegnen ihr Menschen, die ihr Partnerin oder Partner hätten werden können, auf die eine oder andere Art. Diese Menschen hätten sie aus der toxischen Umklammerung der gutmeinenden Eltern befreien können. Aber die Eltern waren vielleicht zu sehr mit der Karriere der Tochter verwoben, als dass es überhaupt noch einen Ausweg hätte geben können.
Die zweite Stärke ist die bildhafte, präzise und literarische Sprache, die mit Bukowskis Erzählkunst, die Lücken dieses Lebens ausfüllt und bis in die kleinste Einzelheit beleuchtet. Und trotzdem stehen die Leserïnnen – gern übernehmen wir das gendergerechte diakritische Zeichen, das den Lesefluss weniger hemmt – am Schluss ratlos. Denn wir wissen, wer solche Fähigkeiten erworben hat, auch ohne den ersten Preis im Bach-Wettbewerb, dem stehen eigentlich alle Türen offen.
Die dritte Stärke wird auch als Schwäche wahrgenommen werden können. Es ist nämlich die Erfindung einer Erzählerin, die in das Geschehen eingreifen kann. Die ganze erste Hälfte des Romans fragt man sich, ob man eine solche Erzählerin wirklich aushalten will. Aber etwa in der Mitte hat man sich an sie gewöhnt, nimmt sie hin, um am Ende zu verstehen: da niemand alle Gründe und Abgründe eines Lebens kennt und kennen kann, ist die gedachte Erzählerin und das ausgedachte Erzählte genauso legitim wie die Lücke.
In der Rheinsberger Straße in Berlin steht das nun schon altehrwürdige Musikgymnasium, das über einen langen Hof bis in die Brunnenstraße reicht. In diesem Haus verbrachte der Komponist Max Butting als Sohn eines Eisenwarenhändlers seine Kindheit und Jugend, als er sein Ende nahend fühlte, schenkte er es dem Musikgymnasium, welchem es heute als Übehaus und Eingangsbereich einschließlich kleinem Konzertsaal dient. Das Schulgebäude aus dem Jahre 1895 wurde liebevoll restauriert, auch mit Hilfe des Unternehmers Dussmann, und hat einen der schönsten Schulhöfe Berlins. Aber das war nicht immer so. Die Protagonistin des Romans wird Schülerin der Spezialschule für Musik in Ostberlin, genannt Spezi, ebendort. Nur das Internat befand sich in der Strelitzerstraße, die in diesem Abschnitt aber Reinhold-Huhn-Straße hieß nach dem von den eigenen Leuten erschossenen Unteroffizier der Grenztruppen der DDR. Aber das kam erst nach der Wiedervereinigung heraus. Diese Spezialschule wird im Roman als schäbig, baufällig, kalt und abweisend, auch überideologisiert geschildert. In diese Kälte hinein werden die hochsensiblen und hochbegabten Kinder von ihren meist überbesorgten Eltern entlassen. Das ist schwer vorstellbar. Wenn aber Bukowski gut recherchiert hat und nicht auf eventuelle anekdotische Evidenz hereingefallen ist, dann ist diese Schilderung ein krasser Schlag ins Gesicht der merkwürdigerweise gerade jetzt auftauchenden Verteidiger der DDR und der ostdeutschen AfD-Wähler. Auch das Moskau der siebziger und frühen achtziger Jahre wird glaubhaft als grauenhaft beschrieben. Tatsache ist auch, dass alle Auslandsstudenten vom Auslandsgeheimdienst des Generalobersten Markus Wolf beschattet wurden, leider ist es hier ein erpresster armer schwuler Junge namens Kamil.
Christinas Vater singt im ersten Tenor des Leipziger Opernchores, überwirft sich aber dort mit seinen Oberen und wird stellvertretender Direktor der Musikschule in Neustrelitz, die Familie wohnt aber in Neubrandenburg im sogenannten Scheibenhochhaus. Die Mutter ist Stenotypistin, fotografiert und singt aber gerne, und sie ist eine etwa tausendprozentige Hausfrau. Der Vater scheint Vater und Mutter und Manager und Security in einem. Von Anfang an bewachen, beschützen und bevormunden die beiden ihr einziges Kind. Schnell wird das Talent des Kindes erkannt, ein Klavier wird gekauft, später sogar ein Flügel, der sozusagen vollumfänglich den Rahmen der WBS70-Wohnung sprengt und zum Schluss dann auch tatsächlich mit dem Schlafverhalten eines Schichtarbeiters kollidiert. Aber da ist es ohnehin für jede Rettung schon zu spät.
Bald kommt Christina an die Spezi in Ostberlin, von der Mutter stets mit zusätzlichem Essen im Dauerhunger unterstützt. Zwei Freundinnen scheinen auf, aber schaffen es nicht bis in die Tiefen der Seele Christinas, teils aus Konkurrenz, teils aus eigenen psychischen Schwierigkeiten. Trotzdem begleiten die drei sich lange und gegenseitig. Der eigentliche Bruch kommt aber durch das Studium in Moskau. Aber auch hier ist der rote Faden des Lebenslabyrinths so angelegt, dass er zu einem guten Ausgang hätte führen können. Die Großmuttergestalt der berühmten Pianistin Tatjana Nikolajewa nimmt sich in wirklicher Zuneigung ihrer an. Sie hat eine für die damaligen sowjetischen Verhältnisse großzügige und freiheitliche Vorstellung von ihrer Professorinnenrolle, lädt die Studentinnen und Studenten zu sich nach Hause ein. Aber wenn sie dann über die Einsamkeit der Virtuosen referiert, fragt man sich schon wieder, ob der gemeinsame Tee nicht auch ein Medikament gegen die Verdrossenheit war. Wir wissen es genauso wenig, wie wir wissen können, ob wir geliebt werden oder lieben, oder nur begehrt oder gar nur benutzt werden. Ein neuer Sympathling taucht auf: Jura, der sich liebevoll und durchaus auch zärtlich um Christina kümmert. Aber immer, wenn er sie eigentlich küssen müsste oder sollte – ganz zu schweigen von weiteren möglichen Annäherungen – wendet er sich geschäftig ab. Sein Geheimnis: er liebt Sascha, der den Bach-Wettbewerb gegen Christina gewinnt und später eine Geigerin heiratet. Auf russisch heißt das закон бутерброта – das Gesetz der Butterstulle, die immer auf die beschmierte Seite und eben immer fällt. Alles geht schief. Hinzu kommt eine seltene und noch seltener erkannte psychische Krankheit, die zusammen mit der Menstruation auftritt. Sie ist zeitweise so stark und vereinnahmend, dass die hinzugefügte Erzählerin vorschlägt, die Person Christina in Chris und Tina zu teilen. Und da sind wir nun in der bipolaren Krankheit, heute meist Depression, früher Melancholie oder bei Frauen auch Hysterie genannt.
Indessen nimmt das Unheil seinen – wie wir damals sagten – sozialistischen Gang. Christina wird, nachdem sie den Bach-Wettbewerb nicht gewonnen hat, zwar nicht fallen gelassen, aber doch in eine Schmuddelecke verschoben. In Neubrandenburg will man ihr, nach dem Vorbild von Brigitte Reimann, ein Haus anbieten und sie damit in die kulturell auch heute noch prosperierende Stadt einbinden. Aber als das scheitert, bekommt sie eine Assistentinnenstelle an der Ostberliner Hochschule für Musik. Aber dort hat sie buchstäblich keinen Raum. Auch eine Wohnung kann man ihr nicht beschaffen, so dass sie im Studentïnnenheim in Friedrichsfelde untergebracht wird. Schließlich fährt sie in Vorbereitung auf den Chopinwettbewerb noch einmal nach Hause, nach Neubrandenburg. Sie stirbt dort unter – wie sich erst viel später in den Stasiakten zeigt – ungeklärten, aber selbst herbeigeführten Umständen.
Es ist eine Lebensgeschichte, der Wirklichkeit nachempfunden, deren Umstände manch einer Leserin oder manch einem Leser fremd vorkommen mögen: das Schicksal eines hochbegabten Mädchens, dann einer jungen Frau, die an ihrer einseitigen Bindung zu den Eltern, bei gleichzeitiger Bindungsunfähigkeit zu anderen Menschen scheitert und umkommt. Das betrifft nur eine Minderheit einer Minderheit. Aber wir alle – die Mehrheit – haben eine Geschichte, die nicht erzählt werden kann, ohne dass man zum Hilfsmittel der Fiktion greift. Der einzige Trost, dass die Mehrheit der Mehrheit gar keine erzählenswerte Geschichte hat, ist nicht nur selbst traurig, sondern höchstwahrscheinlich auch unwahr. Das Versprechen der Religionen und Ideologien, dass wir alle ‚wertvoll‘ sind, solange wir diesen Religionen und Ideologien folgen, ist schon deshalb falsch, weil der Mensch einen Wert oder Preis nur hat, wenn man ihm vorher seine Würde nimmt. Das Ticket aber, das wir kaufen, um ein bestimmtes, den Zufall überwältigendes Leben zu haben, dieses Ticket hat einen Preis, und er ist tragischerweise manchmal das Leben selbst.
Eine junge Autorin hat einen Roman voller Lebensweisheit (und nicht Lebensweisheiten) hingelegt, in einer umwerfend ergreifenden, hochliterarischen, aber auch gut lesbaren Sprache. Es ist eine Geschichte voller Spannungen und voller Spannung, die uns fast auf jeder Seite an uns selbst erinnert, obwohl die Protagonistin einer ziemlich abgehobenen Spezies zu entstammen scheint. Wir wollen hoffen, dass Helene Bukowski dafür den Preis (da ist er wieder) der Leipziger Buchmesse erhält.
meine Fotos und Gedichte handeln nicht von mir, schon gar nicht vordergründig. Sie handeln von der Welt, indem sie die Welt abbilden und beschreiben. Diese Bushaltestelle steht schon eine Ewigkeit hier, das sieht man am Material: Betonfertigteile. Der ungepflegte Zustand spricht nicht etwa Bände vom Geldmangel der Kommunen und Busunternehmen, sondern vor allem auch von der Ungenutztheit. Es fahren nur sehr, sehr wenige Menschen mit dem Bus. Eigentlich gibt es nur zwei Gruppen: die Schüler und die Rentner, Grundsicherungsempfänger und Migranten, dabei ist die zweite Gruppe marginal klein, aber auch die erste Gruppe nicht gigantisch groß. Die weitaus meisten Menschen fahren mit dem Auto. Die Bierflasche weist auf eine Nebenfunktion. Vielleicht hat es geregnet oder die Sonne schien. Dass wir uns in der Ewigkeit treffen werden, ist unvermeidlich, und von niemandem besser gesagt als von Dr. Dr. Schillers Franz von Moor, dass der Mensch am Ende als Morast an den Schuhsohlen seines Urenkels unflätig anklebt [Die Räuber, IV2].
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Das passt doch zu dieser Bushalte hier auf dem Land. Sie zeigt außerdem den Unterschied zwischen dem Land- und dem Stadtleben: die Städte werden immer voller, während das Land sich leert und vergreist, die Menschen auf dem Land hadern aber nicht mit dem Bus, den es angeblich nicht gibt und nach 20.00 Uhr auch tatsächlich nicht gibt, sondern mit der Stille, die von dem Mangel an Menschen herrührt, besonders dem Mangel an Kindern und Jugendlichen. Diese demografische Besonderheit – da die meisten Menschen weltweit in Städten leben – wird nun aber nicht sich selbst angelastet, sondern dem Staat, der Regierung, wo nicht dem ‚Weltjudentum‘. Ich habe dafür schon einmal ein Erlebnis aus einem Dorf zwischen Prenzlau und Brüssow angeführt. In diesem Dorf gibt es einen schönen Spielplatz. Er wurde von der hierzulande größten Windenergiefirma (Enertrag, jährlicher Umsatz 1.000.000.000 €), die ihren Sitz zwei Dörfer weiter hat, als Ausgleichsfläche finanziert. In diesem Dorf gab es einst zwei Schulen mit drei Gebäuden. Die Bewohner nun, ich traf sie auf diesem Spielplatz, glauben, dass man ihnen die Schulen nahm, sozusagen im Staatsprogramm Abbau Ost. Die eine Schule war eine Betriebsschule mit zentraler Ausbildungsfunktion DDR-weit für Schäfer und andere Landwirte, die andere war eine polytechnische zehnklassige Oberschule (POS). Für diese gibt es einfach keine Schüler mehr, auch nicht in der Kleinstadt Brüssow. Brüssow hat in der ehemaligen zentralen Berufsschule für Brunnenbauer eine gut ausgestattete und gepflegte Grundschule, im Gutshaus aber, das einst die siebenten bis zehnten Klassen beherbergte, residiert heute die monumentale Stahlkunst des Bildhauers Volkmar Haase mit einem bemerkenswerten Museum und einer noch beeindruckenderen Freifläche im ehemaligen Schlosspark, der noch davor Ort einer Grenzburg war. Die wenigen Schüler aus den Dörfern hier ringsum müssen mit dem Schulbus nach Prenzlau oder nach Löcknitz – das ist ein Vorort von Stettin – fahren. Die Betriebsschule schloss, weil der Betrieb, als er unrentabel wurde, schloss. Das ist schon lange her. Im Land Brandenburg gibt es, wie in Berlin und NRW, OSZs, die gebündelt Ausbildungsberufe anbieten. Es kann also sein, dass eine Berufsschülerin aus diesem Dorf zur Berufsschule nach Elsterwerda fahren muss. Das sind rund dreihundert Kilometer und mehr als drei Stunden mit dem Auto oder der Bahn. Aber das ist genauso wie einst, als die Lehrlinge noch in dieses Dorf, in diese Schule mit Internat fuhren. Das alte Internat wurde an Privatleute verkauft, nicht sehr glücklich, ich glaube es steht unter Denkmalsschutz, es ist ein früher Typenbau. Die Berufsschule dient heute als ‚Dörphuus‘, die POS wurde auf Kosten der Enertrag abgerissen. Dort steht jetzt der ebenfalls von der Enertrag bezahlte Spielplatz. Es gibt keine Kinder mehr und nur noch wenige Jugendliche. Zwei Schulbusse kommen hier an, aus jedem steigen zwei bis vier Schülerinnen und Schüler. Dieses Dorf, es heißt Klockow, hat noch zwei Besonderheiten. 1945 kamen hier mehre hundert Flüchtlinge der deutschen Minderheit aus der Batschka an, die vertrieben worden waren und zu Fuß nach Deutschland wanderten. Sie verteilten sich dann auf weitere Dörfer oder wanderten auch weiter. Zu diesen Flüchtlingen gehörte der damals 15jährige Herwig Birg, der später der bedeutendste Demograf der Bundesrepublik wurde und all das voraussagte, was von den Politikern verdrängt, in der Wirklichkeit aber eingetreten ist. Der damals 16jährige Donauschwabe Robert Zollitsch musste mit ansehen, wie sein Bruder erschossen wurde. Er hat es später bis zum – ich hoffe vergebenden – Erzbischof von Freiburg gebracht. Hier ist der bedeutendste Enkel dieser donauschwäbischen oder Batschka-Flüchtlinge ein mittelgroßer Bauunternehmer mit einem riesigen, vollverkitschten Haus geworden. Die zweite Besonderheit: bis Anfang der 1960er Jahre gab es hier einen Bahnhof, auf dem sich zwei Nebenbahnlinien trafen, Pasewalk – Klockow als Schmalspur (genannt KKP), Klockow – Prenzlau als Normalspur (genannt Prenzlauer Kreisbahn). Nur noch Teile der Trassen sind zu sehen, besonders gut an der Straße von Bröllin nach Pasewalk, und das ehemalige Bahnhofsgebäude gehört dem ehemaligen Schulleiter, der immerhin geschichtsbewusst Großfotos am Haus hat, sonst aber lange Jahre der Anführer der Lamentier-Partei war: nicht die demografischen Prozesse, der Staat ist schuld! Diese beiden Bahnen waren vor allem Zuckerrübenbahnen, hatten aber auch immer Personenwaggons. In den letzten Jahren gab es drei Zugpaare. Also wie lange musste man auf den nächsten Zug warten?!
So grinst die Ewigkeit aus jeder Bushaltestelle, inzwischen auch aus jedem zweiten Bahnhof. Die Dinge vergehen wie Mensch und Tier, Pflanze und Stein. ‚Selbst die festen Felsen beben…‘ dichtete Goethe im Angesicht des Erdbebens von Lissabon, das, in unserer symbolischen Denkweise, die Aufklärung ausgelöst hat, die soeben wieder Schlag auf Schlag einstecken muss. Allerdings darf uns weder vor dem Auf und Ab der Dinge und Prozesse noch vor der rasanten Veränderung der Kommunikation bange sein. Sollten so viele verrannt in Permanentkommunikation sein, dass sie einen Brief nicht mehr verstehen, so müssen wir mehr Briefe schreiben. Die schweigende Öde dürfen wir mit brennender Fantasy bevölkern.
In einem uckermärkischen Dorf steht an einem Haus mit weißer Farbe geschrieben: wir siegten, unsere Sache ist richtig – in russischer Sprache und kyrillischen Großbuchstaben. Aber der erste Eindruck täuscht: nicht die Russen siegten im zweiten Weltkrieg, sondern die Sowjetunion. Es kann also sein, dass es ein Ukrainer war, der den selbstbewussten Satz damals so ordentlich an das Haus schrieb. Heute regen sich viele alte Menschen über Graffiti auf, obwohl sie schon damals mehr als üblich waren, aber von Erwachsenen gemalt! Und die Sowjetarmee siegte aus genau den wichtigsten Gründen, die auch heute gelten: sie waren die Angegriffenen und daher, laut Clausewitz‘ berühmtem Buch, in der besseren Position. Sie hatten die bessere Motivation und die stärkere Resilienz, so wie heute die Ukraine. Und ihnen wurde auch geholfen: etwa 15-20% der Kriegsmaterialien kamen aus den USA. Die Bezahlung waren die riesigen Goldmengen, die auf der Nordroute mit Eskorten von Kriegsschiffen und U-Booten die USA erreichten.
Der zweite Weltkrieg, in der Sowjetunion und – heute – in Russland Großer Vaterländischer Krieg genannt, dauerte 1418 Tage, an denen die Rote Armee im Schnitt 2 km pro Tag vorankam. Darin eingerechnet ist das Zurückweichen bis kurz vor Moskau und bis Stalingrad. Die sowjetische Militärdoktrin ging für einen künftigen Krieg von 30 km pro Tag mit Panzerverbänden aus. Sie hat sich vielleicht das rasante Vorrücken der Zweiten Belorussischen Front unter Marschall Rokossowski von der Oder bis zur Elbe ab 25. April 1945 zum Vorbild genommen, der schon vorher, 1944, 600 km in zwei Monaten während des sowjetischen Blitzkrieges zurückerobert hatte.
Aber obwohl die russische Armee unter sehr großen Opfern vorankommt, sie hat in vier Jahren 1% des ukrainischen Territoriums erobert, die anderen Gebiete waren schon von den russisch unterstützten Freischärlern besetzt worden, gelingt es ihr weder Territorien noch Städte und Dörfer zu halten. Auch der Donbass ist nur zu einem Teil von russischen Nachfolgetruppen besetzt. Immer wieder behaupten die Russen, etwa Pokrowsk und Kupjansk, zwei Kleinstädte nahe der Grenze, erobert zu haben, aber immer werden am folgenden Tag Fotos mit ukrainischen Fahnen, Soldaten und Präsidenten veröffentlicht.
Die ukrainische Zivilbevölkerung wird im bitteren Winter 2026, im vierten Jahr des Krieges, mit der Zerstörung ihrer Infrastruktur, insbesondere Wasser, Strom, Heizung, terrorisiert. Aber es gelingt den Russen nicht, den Widerstand der Ukrainerinnen und Ukrainer zu brechen. Es ist übrigens den siegreichen Alliierten im zweiten Weltkrieg trotz unvergleichlicher und auch immer wieder umstrittener Bombardierungen[1] nicht gelungen, den Glauben der Bevölkerung an den letztlichen Sieg ihres Verbrecherregimes zu verhindern. Sie glaubten an den ihren Sieg, bis sie in ihren Kellerlöchern die amerikanischen oder sowjetischen Panzerketten hörten. Wie sollte denn also der viel kleinere Terror der Russen auf die resilienten Verteidiger wirken? Das ist genauso aussichtslos wie das zentimeterweise Vorrücken einer bis zur Lächerlichkeit und bis zur Widerlichkeit verkommenen und zerfledderten Armee.
Perfide ist es vom System Putin, die Söhne armer Familien zu kaufen, das heißt gegen eine hohe Summe, die das Leben dieser Familie deutlich verbessert, in die Armee zu verpflichten. Es gibt bis jetzt keine weitere Einberufung Wehrpflichtiger. Das wagt das Regime nicht. Dem Narrativ Putins, dessen einzelne Bestandteile sich widersprechen, wird zwar weitgehend gefolgt: die Ukraine ist kein souveräner Staat, die Ukraine wird von Nazis regiert und vereinnahmt, es ist ein Krieg gegen den Westen oder des Westens gegen Russland, das Russentum (Russkij Mir) repräsentiert das wahre Christentum, aber das Regime ist sich nicht sicher, wie weit der Glaube echt ist. Deshalb will es keine krassen Veränderungen, wie etwa eine Mobilisierung. Die Losungen an den Wänden und auf den Riesenpostern, die schleunigst erneuerten Lehrbücher, die Zensur und die Fakenews in den Medien, die Unterdrückung jeder Opposition – all das wirkt zwar, gibt dem Kreml aber keine Garantie seiner Macht.
Hierzulande wird gerne argumentiert, dass man eine Atommacht nicht besiegen kann. Das sagen zum Beispiel Oskar Lafontaine und Gabriele Krone-Schmalz, obwohl sie sich doch an den Vietnamkrieg und sein Ende am 2. Mai 1975 erinnern müssten. Starphilosoph Precht, die Reste des BSW und der Chrupalla-Flügel der AfD gehen davon aus, dass Russland eine Großmacht ist und deshalb noch nicht einmal provoziert, geschweige denn bekämpft werden darf. Die ‚Großmacht‘ hat knapp doppelt so viele Einwohner wie Deutschland, aber ein Bruttoinlandsprodukt, das knapp halb so groß ist wie Deutschlands und dessen Herkunft aus dem Export von Rohstoffen, Getreide, Düngemitteln und Waffen besteht. Das Wachstum des BIP beruht auf der Kriegswirtschaft. Die Inflation betrug im Jahresdurchschnitt 2025 10%, betrifft aber vor allem Lebensmittel. Schon die Sowjetunion – und übrigens auch die gegenwärtige VR China – hatte und hat nicht verstanden, dass zu einer Großmacht auch eine großmächtige Wirtschaft und eine wohlhabende Bevölkerung (BIP/Kopf) gehören.
Weitere Argumentationen sind, dass es Völkerrechtsverletzungen auch durch die USA und durch die NATO gab und gibt. Als Beispiel wird gern die Zerstörung der serbischen Luftwaffe im Bosnienkrieg genannt. Es stimmt, dass dieser Einsatz nicht durch eine UNO-Mandat gedeckt war, aber er diente auch nicht der Eroberung. Im Gegenteil hat sich Serbien zweimal derselben irredentistischen Argumentation bedient wie heute Russland. Aber auch das war nicht der Grund für den NATO-Einsatz. Vielmehr haben wir damals den überfallenen Schwächeren (Bosnien und dann Kosovo) geholfen, und wir tun das heute wieder.
Im Übrigen bin ich der Meinung, dass das Böse nicht siegen wird, weil es nicht siegen kann und darf. Es gibt Beispiele für siegreiche Gewaltherrschaften, für Tyrannei und Krieg. Aber wo sind sie geblieben? Selbst langlebige Diktaturen, zumal in dynastischer Form, wie in Nordkorea oder in Haiti sind lächerliche, operettenhafte Kleinstaaten, natürlich nicht für die Einwohner. Die Halbwertzeit für eine Diktatur liegt nach unserer Erfahrung zwischen zwölf und vierzig Jahren, kein Menschenleben. Die Tiefenwirkung solcher ideologisierten Tyranneien ist allerdings auch nicht zu unterschätzen. Man sieht es, wie die Begriffe und Narrative der vergangenen Diktaturen wieder aufleben und ihr Tabu überwinden. Schreiben wir dagegen an! Zeigen wir unseren Kindern und Schülern, wohin das führt! Sorgen wir durch unser Wahlverhalten und durch unsere Teilnahme an der Demokratie für den Erhalt der Demokratie!
Über den Roman ‚Schwebebahnen‘ von Hanns Josef Ortheil*
Obwohl die Rektorin der Volksschule wissenschaftlich, wahrscheinlich eher essayistisch, interessiert ist, kann auch sie in Bezug auf die Verachtung der Kreativität und Bevorzugung der traditionell mechanischen Wissensaneignung nicht über ihren Schatten springen. Sie schwingt sich sogar zu einer heute eher selbstverständlichen emotionalen Regung auf, indem sie das Sorgenkind umarmt. Der Konflikt des autistischen Kindes wird damit allerdings nicht gelöst, verstärkt sich noch im hart leistungsorientierten altsprachlichen Gymnasium. Allerdings kann ich, obwohl zur selben Generation gehörig, diese Art Geistfeindlichkeit nicht bestätigen. In meiner Erinnerung gab es nur einen Schüler, der Beethoven-Sonaten spielen konnte, auch bei Schulveranstaltungen spielte und dafür bewundert wurde, aber da war er in der elften Klasse.
Der neueste Roman von Hanns Josef Ortheil zeigt aus der Sicht des Kindes, das in der ersten Klasse ist, den Bildungs- und Gesellschaftskonflikt der Kreativität. Nachdem das Kind Josef in der Kölner Grundschule wegen seiner Weltfremdheit, wie man damals sagte, krachend gescheitert ist, lernt es bei seinem Vater Lesen und Schreiben, und die Familie zieht in die Eisenbahnersiedlung in Wuppertal. Dies lieferte dem Autor zwei wunderschöne Metaphern: die Welt der Eisenbahn und die faszinierende Schwebebahn, die immerhin – obwohl ein Meisterwerk der Ingenieurskunst – ein Mittelding zwischen Karussell und Fortbewegung ist. Diese Faszination trägt über das ganze Buch. In der Schule dagegen schwelt der Konflikt zwischen altem Lernen und zukunftsträchtiger Kreativität, allerdings abgemildert durch die investigativen Gespräche mit der Rektorin, fort. Dem kleinen Josef widerfährt aber noch ein weiteres Lebensglück: ab dem ersten Tag in der neuen Heimat hat er eine Freundin, die nicht nur mehr ist als Spielgefährtin, sondern auch ein weiteres Thema des Romans nämlich das Zusammenleben mit den damals so genannten Gastarbeitern. Die Familie von Mücke hat ein italienisch geprägtes Lebensmittelgeschäft, das im Laufe der Geschichte expandiert. Unbemerkt von den ultrakonservativen Zeitgenossen gibt es mittlerweile in jeder Kleinstadt unseres schönen Landes mindestens ein italienisches, ein griechisches und auf jeden Fall ein türkisches Restaurant. Den Fremdenfeinden zum Fraß vorgeworfen: Seit Himmler deutscher Innenminister war, gibt es Afrodeutsche. Eine Jungenbande im nahen Wald bezeichnet Mücke und Josef, die in ihrer Verfolgungsangst italienisch sprechen, folgerichtig als ‚hergelaufenes Pack‘. An mehreren Stellen des Buches ist die Perspektive des achtjährigen Kindes ohne erkennbaren Grund überdehnt. Mücke, die Freundin aus der zweiten Klasse, obwohl von Hause aus eher pragmatisch begabt und an die italienische Schlagermusik des Ladens ihrer Eltern gewöhnt, versteht auch die Musikalität Josefs. Dieser wiederum, der immer noch in der ersten Klasse ist, hört das Thema der Goldbergvariationen und improvisiert – nachdem ihm seine Mutter ein Glas Wasser bringen musste – eine erste eigene Variation. Überhaupt streift die Musikalität des kleinen Protagonisten an das Wunderbare, wenn nicht an das Wunder.
Aber vielleicht ist das die poetische Idee, die in der Sprache des Buches (und auch der anderen Bücher Ortheils) nicht so erkennbar ist. Die Sprache vermittelt vielmehr den Eindruck, dass das semibiografische Buch eine autobiografische Dokumentation sein könnte. Tatsächlich ist es aber höchstwahrscheinlich semifiktional, und darin liegt gerade seine Stärke und seine gute Lesbarkeit.
Während die Schule als das Konfliktfeld dargestellt wird, das sie auch heute noch ist, werden die Narrative der noch allmächtigen, reichen und stets gegenwärtigen katholischen Kirche ausführlich und ziemlich unkritisch geschildert und übernommen. Zwar zweifeln die beiden Kinder anlässlich ihrer bevorstehenden Kommunion an der Verwandlung von Brot und Wein in Fleisch und Blut, aber die Erwachsenen, der Autor und die Leser bleiben scheinbar bei dieser abenteuerlichen Erklärung stehen. Diese Erzählung funktioniert nur, wenn die ganze Welt katholisch ist und Zweifel staatlicherseits verfolgt werden. Viel interessanter ist die Rolle des Gemeindepfarrers, der gleichzeitig ein Ordensmann ist. Er ist ein wirklicher Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens in dieser Industriegemeinde, die man sich – mit Ausnahme der Schwebebahn – als ziemlich düster vorzustellen gewohnt ist. Im Gemeindesaal steht ein Bösendorfer-Flügel, an dem Josef sozusagen Tag und Nacht üben kann. Die Mutter baut auf Kosten des Erzbistums Köln, das heute einen eher schlechten Ruf hat, eine Bibliothek auf, die so schnell wächst, dass bald eine zweite Bibliothekarin eingestellt werden muss. Das Buchzeitalter scheint in einem Aufbäumen zu enden. Aber ist die digitale Welt nicht eine ebenso literarische, nur mit einem anderen Trägermedium? Jetzt wehrt sich auch die Verbrennermotorlobby, und wir wissen noch nicht, ob die Zukunft der Menschheit das Elektroauto oder gar kein Automobil oder gar nicht ist. Sollte die minutiöse Darstellung der katholischen Glaubenswelt kritisch gemeint sein, so ist das schwer erkennbar. Vielmehr erscheint sie als der stabilere Teil gegenüber der heute staatlich dominierten Bildungspolitik. Man kann wohl kaum der Erfahrungswelt des Autors widersprechen, aber da es sich um einen Roman und nicht um Memoiren handelt, dürfen wir uns schon zweifelnd zurücklehnen und hoffen, dass es nicht nostalgisch gemeint ist.
Da es heute relativ weit weniger Kinder gibt, ist ihr individualistischer Raum um so größer. Zwar kollidieren immer noch einzelne Kinder mit der Welt der Erwachsenen, aber sie werden auch besser aufgefangen als in den fünfziger und sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. In jeder Schule gibt es Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter. Die Eltern haben ausgedehnte, manchmal sogar überdehnte Rechte. Die inzwischen völlig veraltete föderale Struktur verhindert jedoch die dringend notwendige Reformierung der Bildung, so dass immer wieder einzelne repressive oder ressentimentale Elemente zum Vorschein kommen. Immer noch ist die anekdotische Evidenz wichtiger als die immer noch zu langsam vordringenden wissenschaftlichen Erkenntnisse. Das notwendige Tempo der Modernisierung ist keine Idealvorstellung, sondern wird von der rasanten Technikentwicklung vorgegeben. Seit dreißig Jahren beklagen wir, dass die Kinder und Jugendlichen den Lehrern digital überlegen sind. Die Antwort darauf ist die Veränderung des Punktesystems der Bewertung, die insgesamt schon längst fragwürdig ist.
Über all das nachzudenken, fordert dieser neueste Roman Ortheils heraus. Liebevoll wird der kleine Individualist geschildert. Liebevoll erscheint aber auch seine kleine Kernfamilie, eine wahrhafte Verwirklichung des Kinderspiels Vater, Mutter, Kind. Das wird besonders deutlich als der Vater einen Schlaganfall erleidet. Diese kleine Familie ist beinahe eine paradigmatische Vorwegnahme heutiger Verhältnisse. Allerdings gibt es nun neue Probleme und Konflikte. Das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft wird ebenso liebevoll erzählt. Dabei geht es nicht um die Idealisierung der Migranten, denn der jüngste Bruder der Mutter von Mücke, der aus Sizilien eilends herbeigeschaffte Manager der kleinen Großfirma, ist als Macho und Manchesterkapitalist durchaus unsympathisch. Das hindert die beiden Familien aber nicht, ein Modell der Zukunft zu leben. Deshalb meine Quintessenz und Forderung: Lasst uns nicht nach der Herkunft, sondern nach der Zukunft fragen und sagen!
DON’T ASK WHERE YOU COME FROM, ASK WHERE YOU ARE GOING!
*Hanns Josef Ortheil ‚Schwebebahnen‘, Roman, Luchterhand, München 2025
Weder liebte Effi Briest den Major Crampas, noch war Baron von Instetten wirklich wütend über die nur in einer Zettelsammlung überlieferte, auch längst vergangene und verjährte Affäre seiner Frau mit dem verhassten Major. Wozu also die ganze Aufregung und die quasilegitime Bestrafung der beiden Delinquenten, zumal Instetten am Schluss einräumt, dass auch sein Leben verpfuscht ist? Was sich zunächst wie ein Dreiecksdrama, eine Ehetragödie oder eine der damals modernen Duell-Geschichten liest, erweist sich bei näherem Hinsehen als durchaus hinter- und tiefgründiges Modell zur Erklärung vieler heutiger Probleme. Dabei hat der gute alte Fontane nicht etwa tatsächlich in die Zukunft gesehen, sondern er hat in seiner Gegenwart die Keime jener Probleme erahnen können, die uns heute plagen oder jagen.
Man könnte den Roman als eine dichotomische Weltsicht der notwendigen Empathie gegen die bloße stets vorhandene Emphase althergebrachter Ordnungsschnipsel ansehen. Ordnung kann kein kohärentes Weltbild sein, weil die Welt sich in Zeiten der Brüche immer wieder rasant fortbewegt. Ordnung verleitet zu Ausnahmen, zu Korruption und Segregation. Hamlet beklagt nicht, dass die Welt aus den Fugen sei, sondern dass er berufen scheint, sie wieder einzurenken, ‚to set it right‘. Die Ordnungsfanatiker überschätzen sich und ihre Ordnung. Jede Ordnung kann nur von gestern sein, der einzelne Mensch ist normalerweise schon mit einem tropfenden Wasserhahn überfordert. Aber auch die Weltverbesserer benötigen Assistenzsysteme, Menschenliebe allein bleibt zwar richtig und wichtig, aber relativ wirkungslos. Trotzdem ist die Signalwirkung der Tropfen auf die heißen Steine nicht zu unterschätzen. Für das zwanzigste Jahrhundert kann man sagen, dass der Schrecken der beiden Welt- und der vielen Kolonialkriege vor allem auch demografisch verblasst gegen die Leuchtkraft der Menschenfreunde, deren Beispiel und deren Wirkmächtigkeit mit wachsender Bildung der auch zahlenmäßig wachsenden Weltbevölkerung bekannter und bedeutender wird: Lew Graf Tolstoi, Bertha Freifrau von Suttner, Elsa Brandström, Janusz Korczak, Mahatma Gandhi, Albert Schweitzer, Martin Luther King, Nelson Mandela…
Jedoch schwebt über dem Buch die Morgenröte der Emanzipation. Keineswegs geht es nur um die überfällige Emanzipation der Frauen. Doch ist die erste notwendige Emanzipation die der Frauen als den Männern ebenbürtige, gleichwürdige Partnerinnen. Diese Notwendigkeit zeigt Fontane in seinem großartigen Psychogramm der Effi, die mit siebzehn Jahren wie ein Objekt auf den Heiratsmarkt geworfen wird. Die besondere Delikatesse besteht darin, dass der Baron von Instetten, der sie heiraten will, schon ihrer Mutter hinterherlief, die jedoch den bodenständigen, aber etwas brummigen Gutsbesitzer von Briest dem charmanten, aber kalten und kaltschnäuzigen Karrieristen vorzog.
Die Überfälligkeit indessen kann man leicht an der Schuldfrage der Trennung Instettens von Effi erkennen, die mit der vollständigen Unterdrückung der Würde und der Aktivität dieser lebenslustigen jungen Frau einhergeht. Heute würde jeder einfache Amtsrichter ausführlich die Frage diskutieren wollen, warum Effi überhaupt nach einem Ausweg aus ihrer erzwungenen Passivität suchen musste. Dass sie selbst die repressive Art Instettens ihr gegenüber als ‚Erziehung‘ erkennt und benennt, ist der Beginn ihres misslungenen Ausbruchs. Sie erkennt den inszenierten Spuk als wohldosierten Psychoterror. Aber erst als sie die Frau des Ministers bittet, ihr eine Besuchserlaubnis der Tochter Annie zu verschaffen, und erst als dieser Besuch desaströs endet, weiß Effi, dass die Schuld, dass der Fehler keineswegs nur bei ihr gelegen hatte. Ihr bleiben nur Resignation und Tod.
Nur wenige Kilometer von den fiktiven Orten Hohen-Cremmen und Schwantikow entfernt, nämlich in der Ofenstadt Velten, arbeitete eine Frau an der Emanzipation der Frauen. Auch sie hatte einen zwanzig Jahre älteren Mann, der aber bis zum bitteren Ende zu ihr hielt. Er gab seine Apotheke auf, zog mit ihr nach Berlin, wo sie sich einem Gewerkschaftsführer und dem Alkohol ergab. Aber mehr als zwanzig Jahre kämpfte sie mit Reden auf Kongressen, mit Zeitungen und Aktionen für die Gleichberechtigung der Frau: Emma Ihrer. An ihrer Seite war lange Zeit die später ikonische Clara Zetkin, die tatsächlich auch eine, vielleicht die erste Salonkommunistin war, befreundet mit dem Stuttgarter Großunternehmer Robert Bosch[1], dem König der Zündkerzen, verheiratet erst mit einem russischen Arzt, dann mit einem viel jüngeren deutschen Maler. Zuletzt residierte sie als dicke, alte, berühmte Frau in Moskau und in einer Riesenvilla in Birkenwerder.
Die Emanzipation der Frauen dauerte bestimmt 150 Jahre lang, wenn man sich die gegenwärtige AfD-Fraktion im Bundestag ansieht, dauert sie noch an. In vielen Bereichen, bei den Ärzten[2] und Lehrern zum Beispiel, hat sich die Verteilung umgekehrt, bei den Schulabschlüssen ebenfalls. Eine weitere Nebenwirkung ist auch die erneute Unschärfe der Vaterrolle. Gesellschaftliche Prozesse, ob angestoßen oder spontan, laufen nicht ohne Friktionen ab, so nannte Carl von Clausewitz in seinem berühmten Buch die Differenzen zwischen den Intentionen und den tatsächlichen Geschehnissen, besonders aufseiten der Angreifer.
Während die Frauen ziemlich genau die Hälfte der Menschheit sind, sind die Kinder nur ein Drittel. Bis zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts waren sie bloße Kopien der Erwachsenen, zu deren Ebenbild sie mehr dressiert als erzogen wurden. In unserem Teil der Welt ist es ebenso unvorstellbar, wie groß der Anteil der Kinder an der Subsistenzwirtschaft und sogar auch an der Erwerbsarbeit war und ist. Auch ohne Schläge blieb, wie in unserem Roman deutlich, wenn auch nur kurz zu lesen ist, noch viel autoritäre Gewalt übrig. Als Effi Briest endlich den Mut und die Methode findet, wie sie nach Jahren zu einer Besuchserlaubnis kommen kann, wird sie von dieser Rigorosität nicht nur überrascht, sondern erschlagen. Die Tochter benimmt sich – offensichtlich auf Weisung ihres Vaters und dessen Angestellten – wie eine dressierte Puppe. Auf alle Fragen der hoch erregten Mutter antwortet sie mit einem eisigen ‚Oh gewiss, wenn ich darf.‘ Pädagogen wie Fröbel[3], Pestalozzi, Diesterweg oder Montessori waren es, die den Weg aus der pädagogischen Sackgasse wiesen, aber selbst noch nicht gehen konnten. Geblieben sind eine Unzahl von Pestalozzi-Schulen, Holzspielzeug und das schöne Wort Kindergarten in vielen Sprachen. Und ist es nicht ein schöner Gedanke zu erfahren, dass Fröbel in einem Gutshaus[4] gleich dem Briestschen, Zeit, Raum, Muße und reichlich Literatur vorfand, um zu erkennen, dass die Bildung und Erziehung vom Kopf auf die Füße gestellt werden müssen. Geblieben ist aber auch die Achtung vor der kindlichen Persönlichkeit, die endlich erreichte pädagogische Balance zwischen Freiheit und Ordnung. Eine Schule kann – wie ein Krankenhaus und eine Feuerwehr – nicht wirklich demokratisch sein, sie muss aber Demokratie lehren, als Ideal verehren und immer genügend Spielraum geben. Ellen Key, eine einst sehr berühmte Schriftstellerin, der wir das ‚Jahrhundert der Frauen‘ und das ‚Jahrhundert des Kindes‘ verdanken, zitiert einen zeitgenössischen Dichter mit dem schönen Gedanken, dass wir in Kindern Prinzen ahnen, doch dann die Könige vermissen.[5] Trotzdem ist der Raum für Kreativität ungleich größer denn je geworden, ja, die Kreativen sind der neue Adel.
Ebenfalls ein Drittel der Menschheit sind die Bewohner jenes Kontinents, der auch die Wiege der Menschheit war, Afrika. Die Hälfte der Afrikaner sind Kinder, so wie die Hälfte Frauen und Mädchen sind. Instetten als Angehöriger der oberen Bürokratenschicht, gleichzeitig auch dem noch herrschenden Adel angehörig, sieht Afrika ganz sicher als reines Objekt des Kolonialismus, diesen als natürliches Instrument des Europäers. Aber er erkennt auch die moralische Überlegenheit des Mangels an allzu starren moralischen Grundsätzen. Er denkt sich Afrika als einen Kontinent ohne Grundsätze, ohne Moral, ohne gesellschaftliche Regeln. Damit fällt er einerseits auf das rassistische Konstrukt des Kolonialismus herein. Andererseits sieht er Afrika aber auch als eine Alternative zur moralisch erstarrten – wie wir heute sagen – westlichen Welt: ‚weg von hier, weg und hin unter lauter pechschwarze Kerle, die von Kultur und Ehre nichts wissen. Diese Glücklichen!‘[6] Merkwürdigerweise hat auch ein anderer preußischer Staatsdichter, der sogar mit einer lebenslangen königlichen Pension alimentiert worden war, die Umkehrung der moralischen Verhältnisse zwischen Europa und Afrika äußerst expressiv beschrieben. Emanuel Geibel schrieb wohl um 1848 eine lange Ballade[7], in der er einer afrikanischen Mutter nicht nur eine unerhörte Klage in den Mund legt. Er lässt sie sagen, dass ihr Sohn (‚mein schwarzer Knabe‘ – in Verkennung des rassistischen Konstrukts) ein glückloses, ja, lebloses Leben haben wird. Er lässt sie all die vermeintlichen ethischen Errungenschaften des europäischen Christentums referieren. Aber der Gipfel ist doch die Schlusspointe, wenn sie – falsch – voraussagt, dass sich all das erst ändern wird, wenn der Mississippi rückwärts fließt, ‚wenn die Christen Menschen werden.‘ Dieses Gedicht hat eine ungeheure, fast alttestamentarische Wucht, und sage nicht, dass sie unerhört war. Denn schon der Expressionismus, der auf Geibel und Fontane folgte, erkannte Menschen in den offiziell als minderwertige Minderheiten gescholtenen Gruppen.
Natürlich kann man dem bornierten adligen bürokratischen Baron von Instetten nicht solche Interpretationen zutrauen. Aber Fontane und Geibel waren ihrer Zeit mehr voraus, als sich durch ihr Gesamtwerk erschließt. Wir meinen, angeregt durch die beiden Oberpreußen, dass die Zukunft der Menschheit in den Kindern liegt, das ist trivial, aber vor allem auch in den Afrikanern zu finden sein wird, die in einem Jahrhundert die europäischen Jahrhunderte seit der Renaissance aufzuholen hatten und aufholten. Seit sie nicht mehr mit Hunger und Unbildung zu kämpfen haben, und wenn sie nicht mehr in Streit und Krieg sich zu finden glauben, dann werden sie die kreative Zukunft der Menschheit sein. Das glaube ich umso mehr, seit man dem Untergang Nordamerikas, Chinas und Europas zusehen kann.
Baron von Instetten hat einen Freund, Wüllersdorf, der sozusagen seine gute Kehrseite ist, eine Mischung aus Kompetenz und Loyalität, die sich sonst so oft feindlich gegenüberstehen. Wüllersdorf hört von Roswitha, der treuen Bediensteten von Effi, die sich in deren Schicksal gut einfühlen kann, weil sie selbst ein Kind verloren hat. Wüllersdorfs Satz über sie ‚Die ist uns über‘ war der Leitstern der DDR-gestützten Interpretation des berühmtesten Fontane-Romans. Tatsächlich aber ist Roswitha als eine der ganz wenigen Figuren aus dem Arbeitermilieu die Repräsentantin der letzten zu emanzipierenden Gruppe. Drei Geistesgrößen arbeiteten mit gigantischen Irrtümern an der Lösung der ‚sozialen Frage‘, wie die notwendige Emanzipation der arbeitenden Schichten im neunzehnten Jahrhundert genannt wurde. Bekanntlich schlug Karl Marx eine wortreiche, vierzig Bände umfassende Lösung vor, die er die ‚Expropriation der Expropriateure‘ nannte. Er schlug vor, die Ökonomie durch eine bewaffnete Revolution einfach umzudrehen: die Arbeiter sollen gleichzeitig Arbeiter, Besitzer und Konsumenten sein. Immerhin kam es auf einem Sechstel der Welt zu einer Versuchsanordnung. Johann Hinrich Wichern dagegen glaubte – umgekehrt -, dass die Armut der Arbeiter auf ihren Mangel an Glauben zurückzuführen sei. Er erfand daraufhin die ‚Innere Mission‘ – außer den Afrikanern sollten also auch die europäischen Armen zum Christentum hin zurückmissioniert werden – und den Adventskranz. Geblieben sind von den beiden immerhin die linke Partei einschließlich Sahra Wagenknecht und die Diakonie. Nietzsche, der Musterschüler aus Schulpforta, hatte wenigstens einen wirklich großen Gedanken beizutragen, der aber in Vergessenheit geriet und ohnehin nicht besonders praxistauglich war und ist: die Umwertung aller Werte. Die Lösung der ‚sozialen Frage‘, der Emanzipation aller Minderheiten und Teilgruppierungen kam durch eine legendäre Figur, die ebenfalls, wenn auch nur indirekt in unserem Roman vorkommt: Bismarck, der eiserne Kanzler. Allerdings nennen ihn alle nur ‚der Fürst‘, topografisch wird er östlich hinter Kessin – das steht für Swinemünde – angesiedelt. Er befriedete die Arbeiter und alle anderen Armen durch ein ausgeklügeltes System von Sozialversicherungen. Dadurch wurde der Liverpool-Kapitalismus gebändigt. Die großen demografischen Verschiebungen des einundzwanzigsten Jahrhunderts lassen auch diese langfristige Lösung ins Wanken geraten. Solange allerdings genügend Geld vorhanden ist, lässt sich alles mit Sondervermögen und Schuldenaufnahmen verkleistern.
So gesehen hat Fontane nicht nur eine Gesellschaftskritik vorgelegt, eine fast satirische Vorführung starrer Rollensysteme. Es ist zudem eine unechte Dreiecksgeschichte. Er hat – wenn auch nur angedeutet – die Lösung sozialer Spannungen und Ungleichgewichte skizziert, notwendige Emanzipationen antizipiert. In einem leichten Erzählton wird nicht nur die Biografie einer sympathischen Person geliefert, sondern ein Gesellschaftspanorama ausgebreitet, das mehr als lesenswert ist. Was fehlt, ist der philosophische Tiefgang von Tolstoi, dessen Roman ‚Anna Karenina‘ schon vorlag. ‚Nora‘ von Ibsen zeigt die absurde Variante, die mit dramatischer Wucht die Bühnen bis heute erschüttert. Ob man aber heutige Abiturientinnen und Abiturienten mit diesen Geschichten erschüttern kann, das bleibt zu bezweifeln.
[1] ‚Ich zahle nicht gute Löhne, weil ich reich bin, sondern ich bin reich, weil ich gute Löhne zahle.‘
[2] nein, nicht bei den Ärzt*Innen und Lehrenden, denn zu Effi Briests Lebzeiten gab es nur Ärzte und Lehrer