PUTIN ODER KEIN UNDING

Ein Depressiver klopft jeden Fakt seines Lebens, seines Tages, seiner Umgebung auf negative Anzeichen ab. In jedem Detail entdeckt er Unheil und Untergang. Zwar gibt es auch Aufhellungen, weshalb diese Krankheit auch bipolare heißt und Goethe ihr einst jenen schönen Spruch widmete: himmelhoch jauchzend – zu Tode betrübt, aber (schon bei Lessing kosten die Aber Überlegung) das Schwarze überwiegt, obsiegt zuletzt. Viele Depressive überleben leider diesen täglichen Kampf um den Sieg des Dunklen nicht.

Ein ähnliches Scannen jeder einzelnen Aussage, jedes noch so schönen Textes auf einen einzigen Punkt hin erleiden neuerdings jene etwa zehn Prozent der Bevölkerung, die von einem Untergang der alten Welt ausgehen. Damit ist nicht etwa eine fest definierte Idylle gemeint, das könnte man gut verstehen. In meiner Kindheit wurde zu Weihnachten aus dem damals noch beliebten Buch Als ich noch ein Waldbauernbub war von Peter Rosegger vorgelesen. Darin geht es um die fußläufige Vergangenheit eines abgeschiedenen Dorfes, die von der Eisenbahn und der Stadt überholt und verdrängt wird. Der Verfasser, ein damaliger Bestsellerautor, blendet aus, dass seine Armut auf dem Dorf erst dann zur Idylle wurde, als er mit ihrer Vermarktung viel Geld verdienen konnte. Andere, die im Dorf verblieben waren, sahen dies nach einer Weile als hinterwäldlerisch und rückständig an und träumten von Städten und Automobilen. Trotzdem gelang es Rosegger, eine fiktive Idylle zu schaffen, die vielen ein Trost in der Hektik der neuen Zeit wurde. Erinnerungen können trösten. Erinnerungen können aber auch hindern.

Angst vor der Auflösung der Gegenwart und einer unbestimmten Dunkelheit der Zukunft dagegen führen dazu, jeden Tag und jeden Text nur noch unter diesem einen einzigen Aspekt zu erleben und erlesen.

1

Die Angst vor der als Bevölkerungstausch erlebten langsamen Veränderung durch Einwanderung hat ganz klar hysterische Züge, ist aber historisch nicht zu rechtfertigen. Früher hat man angenommen, dass man die Männer töten und die Frauen schwängern muss. Das war Unsinn, da es einmal keine Vollständigkeit geben kann und zum anderen solche schändlichen Aktionen – wahrscheinlich sogar wegen ihrer Schändlichkeit – episodenhaft bleiben, und ist gescheitert. Die Seitenverkehrtheit zeigt der Knabenmord des Herodes, wenn er auch einen anderen Grund hatte. Herodes hätte Maria töten müssen, wenn er Yesus verhindern wollte. Die Genozide an den Armeniern und an den Juden haben ihren Akteuren nur Schande und weitaus größere Probleme eingebracht, als sie vorher hatten. Kriege sind lange Zeit für demografisch wirksam gehalten worden. Und sie sind es auch: nur eben umgekehrt. Jedes durch Krieg bedrohte Volk erhöht auf wundersame Weise seine Geburtenzahl. Wundersam heißt, dass es keine Absprachen oder Befehle dazu gibt. Beispiele aus der jüngeren Geschichte sind das exponentielle Anwachsen der palästinensischen und der kosovoalbanischen Bevölkerung.

Wie aus dem Nichts tauchen plötzlich die merkwürdigsten und verrenkungsartigsten Rechtfertigungen für die Autokraten und unverständliche Angriffe auf Demokraten auf: Diktator Putin sei umsichtig, die deutsche Außenministerin Baerbock dagegen eine Kriegstreiberin. Verfolgt man die Quellen, so sieht man, dass reihenweise von den entsprechenden Seiten einfach kopiert wird.

Durch diese Möglichkeiten des Kopierens von Argumenten, ob sie nun passgenau sind oder nicht, entsteht der Eindruck von Allkompetenz. An diese Allkompetenz glauben aber nur die Kopierer selbst, denn jeder Mensch, der selber denkt und schreibt, weiß, wie wenig kompetent er ist und wie viel Mühe es macht, jeden einzelnen Fakt nachzuprüfen. Nicht das Internet ist schädlich, sondern der übertriebene Glaube an sich selbst.

2

Die Welt und ein Land, eine Familie oder ein Mensch verändern sich ständig, obwohl sie versuchen, den status quo ante – den Zustand vor der Veränderung –  so lange wie möglich zu halten.

Ständig betonen wir, wie wir uns treu bleiben. Außen, sagen wir, sind wir verändert, innen aber gleich, der gleiche Mensch. Und je länger die hier einzusetzenden Jahre sind, desto absurder wird der Vergleich. Niemand ist mit fünfzig so wie mit fünfzehn. Wir haben vergessen und verdrängt, wie unsicher, wie kindlich, wie energiegeladen, wie sexualisiert, wie abhängig wir mit fünfzehn Jahren waren. Wir wollen nicht wissen oder hören, wie abgeklärt, wie uninteressiert, wie müde, wie gelangweilt, wie weltabgewandt wir mit fünfzig Jahren – gemessen an unserem Tempo nur fünfunddreißig Jahre vorher – wir dahinschleichen. Und nichts wird besser. Während  die meisten Menschen den Alterungsprozess als Schmach, jedenfalls als Abbau der Kraft erleben, entwickelt sich die Welt um uns rasant: einerseits auch in den Abgrund von Alterung und Verfall – und man staunt, wie desolat ein so reiches und ordentliches Land wie unseres an einigen Stellen aussieht -, andererseits in den Fortschritt und in das Wachstum, vor dessen vermeintlicher Unermesslichkeit Kritiker seit Jahrzehnten warnen. Würden wir auf Teile des Wachstums verzichten, könnten wir den Verfall aufhalten. Es gibt leider sehr viele Beispiele für ungebremstes Wachstum, das uns direkt schadet. Aber es gibt auch zwei jüngste Beispiele, wie die Ungebremstheit doch angehalten werden kann: schon zehn Millionen Menschen in Deutschland sind Vegetarier, weil Wachstum und Wohlstand hier nicht nur mit Tierleid kollidieren, sondern auch mit direkter Verseuchung der Umwelt mit Gülle und Kohlendioxyd, Methan und Stickoxiden. In den Städten unbemerkt tobt jedes Jahr auf deutschen Feldern der Kampf zwischen Bauern und Umweltbehörden um die Ausbringung von Abermillionen Litern Gülle trotz gefrorenen und überwässerten Bodens. Und: die Verwendung von Plastiktüten konnte in den letzten fünf Jahren um mehr als die Hälfte reduziert werden. Der Teppich aus Plastikteilen hat im Nordatlantik inzwischen die Größe von Mitteleuropa erreicht. Diese beiden Beispiele zeigen, wie sehr und wie schnell wir die Welt verändern können. Nicht das Kapital alleine macht unsere Welt kaputt. Das Kapital kann nur schaden, wenn wir kooperieren, indem wir konsumieren. Je größer der Wohlstand, desto größer der Schaden – diese Formel muss, als visionäres Ziel der Menschheit, umgedreht werden, indem jeder, der am Wohlstand teilhat, diesen auch weiter teilt. Das Bild des Teilens ist im Internet Allgemeingut der Menschheit geworden. Jetzt müssen wir nur noch lernen, statt die Fotos unseres Mittagessens unser Mittagessen zu teilen, am besten sogar, darauf zu verzichten.

Die ununterbrochene Veränderung kann man nicht mit Parolen oder politischen Parteien aufhalten, auch nicht mit Weltkriegen. Politische Bewegungen werden aber immer wieder versuchen, ihren Wählern zu suggerieren, dass es pro Problem eine Lösung ohne Nebenwirkungen gibt. Das toxisch-aggressive Ehepaar aus Merzig im unterhöhlten Saarland, übrigens ein wunderschöner und uralter Ort, versucht immer wieder mit dem Abspielen der gleichen Schallplatte, heute Vinyl genannt, uns zu erschrecken: er mit seinem Antiamerikalied, sie mit ihrem Song ‚Enteignet die Banken bumsfallera‘. Der Nutzen dieser beiden ist etwa so groß wie der einer Plastiktüte im Nordatlantik.

3

Mit der am 18. Juli 1870 beschlossenen und verkündeten Unfehlbarkeit des Papstes war natürlich nur gemeint, dass der Papst in Streitfragen das letzte Wort habe. Aber Pius IX. versäumte nicht gleichzeitig mitzuteilen, dass, wer dem widersprechen würde – was Gott verhüten möge – ausgeschlossen würde. Man bemerkte nicht, dass man sich damit letztlich selbst ausgeschlossen hat: weltweit sind nur noch ein Viertel der Menschen Christen, in Deutschland sind in beiden Konfessionen weniger als die Hälfte, weniger als ein Zehntel geht regelmäßig zum Gottesdienst.

Es ist immer das gleiche: jemand findet etwas heraus, und dann maßt er oder seltener sie sich an, dass es nur noch diese eine Wahrheit gibt, alle anderen werden ausgeschlossen, und dass es nur diese eine berechtigte, beamtete und heilbringende Person gibt, die sie vertreten darf, weil alle anderen mit Irrtum und Sünde bestraft sind. Wahrscheinlich war Hitler wirklich der größte Sozialdarwinist. Immer wieder hat er in seinen bis zu vier Stunden dauernden Monologen dieselben Geschichten vom Recht des Stärkeren erzählt. Offensichtlich hatte er weder Rousseau noch Darwin gelesen. Putin hat Dogin gelesen und weiß daher, dass die Ukraine keine eigenständige Nation und die russische Armee die zweitstärkste der Welt ist. Deshalb kann, was da geschieht, dass die Russen nämlich haushoch verlieren, nicht richtig und schon gar nicht gut sein. Es ist der ewige Kartoffelkäfer, der vom Feind auf die eigenen Felder gesetzt wird. Aber das gilt natürlich auch umgekehrt: Wir waren doch immer Pazifisten und wissen, dass man mit Waffen keinen Frieden schaffen kann. Weil wir recht haben, muss sich die Ukraine ergeben.

In jedem Glauben und in jedem Wissen steckt der Virus der Unfehlbarkeit. Erst glauben wir uns richtig, dann wissen wir uns wichtig. Wir hätten längst vergessen, dass die einst mächtige Kanzlerin in der Griechenlandkrise gesagt hat, was sie tut, sei alternativlos, wenn sich nicht nach der Flüchtlingskrise eine Partei namens Alternative gegründet hätte, die die Regierung jagen wollte, nun aber – durch ihren eigenen Unfehlbarkeitsanspruch – sich selbst mangels Kompetenz und Durchhaltevermögen aus dem Rennen genommen hat.

Bei Putin sind trotz dieser Übereinstimmung mit einem Grundprinzip menschlichen Verhaltens zwei Dinge dennoch absonderlich.

Er hat sein Handwerk im KGB gelernt, aber die Verhaltensmuster der Geheimdienste sind nicht so gravierend unterschiedlich. Sie gleichen sich auch in ihrer Ineffektivität. So musste Putin in Dresden mitansehen, wie seine und die Ostberliner Vasallenregierung vom Hauch der Geschichte weggeblasen wurde. Vielleicht beschloss er da, wie Hitler in Pasewalk, alles anders zu machen. Nun wird er selbst, wie Hitler in Berlin, hinweggeblasen.

Das erste zu beobachtende Absurde ist, dass er auch als vermeintlich allmächtiger Diktator immer wieder dieselben Tricks anwendet, die dadurch natürlich schon lang keine Tricks mehr sind, weil sie von allen durchschaut werden können. Er merkt auch nicht, dass seine ihm jetzt untergebenen Geheimdienstchefs dieselben Methoden anwenden und denselben Korruptionsgrad aufweisen wie er selbst. So sollen die Geheimdienstchefs 100 Millionen Dollar, mit denen Agenten in der Ukraine angeheuert und bezahlt werden sollten, in die eigene Tasche gesteckt haben.    

Die zweite Absonderlichkeit ist, dass so viele Bewohner Russlands, wahrscheinlich weil sie das Grundnarrativ angenommen haben, dass nämlich der russische Nationalcharakter an sich unfehlbar sei, ihrem korrupten, eitlen und letztlich aber verlierenden Führer immer noch glauben. Man muss die Staatsmedien in Rechnung stellen, die Niederschlagung jeder widersprechenden Regung: das ‚wer widerspricht, wird ausgeschlossen‘ dieses seltsamen Papstes, der damit, wie Putin jetzt, seinen eigenen Untergang besiegelt hat.

Es ist schwer an sich selbst zu glauben und dabei vergangene, gegenwärtige und künftige Fehler nicht gegenzurechnen, sondern einzubeziehen: ich bin meine Fehler und Erfolge. Wer den Fehler bei sich sucht, hat den Täter schnell gefunden. Fangen wir noch heute damit an.  

MOONLIGHT

Kafkas dekonstruierende Kinder

Wir sind ohne Vater schon beschnitten genug, aber die Sucht der Mutter – und sei es Selbstsucht – lähmt uns vollständig. Romane und Filme des coming of age gibt es viele, und einige sind sehr gut und weltberühmt. Aber oft enden sie ‚draußen vor der Tür‘, so ein berühmter coming of age Titel, zeigen den Weg aus der verrotteten Welt der Eltern, aber weiter wissen sie auch nicht. Der Leser ahnt dann, dass der Protagonist der Autor wurde, der sich eben nicht erschossen hat, sondern mit der story in der Satteltasche floh.

Chiron, ein afroamerikanischer Junge in einer ausschließlich von Afroamerikanern bewohnten Gegend, wird schon als Kind Schwuchtel genannt. Auch seine Mutter, die ihm ein Leid nach dem anderen zufügt, findet ihn zu weich. Der aus Kuba eingewanderte Dealer Juan nimmt sich seiner an, als er wieder einmal von einer Meute verfolgt wird. Chirons Problem ist nicht, dass er ’schwarz‘ oder ‚Schwuchtel‘ ist. Er ist zu weich für diese Welt und er hat zu wenige Menschen, die ihn mögen, aber Juan und seine offensichtlich ebenso kinderliebe wie kinderlose Freundin gehören ab sofort dazu. Und von Anfang an hat er einen einzigen Freund, Kevin, der ihn nicht für ein Weichei hält. Chiron erleidet die Pubertät mehr, als dass er sie erlebt. Der einzige Hinweis, dass er in sexueller Hinsicht anders sein könnte, ist der zärtliche Sex, den er mit Kevin am Strand hat, aber der geht von Kevin aus und Kevin, der mit seinen Mädchengeschichten prahlt, bemerkt die Unerfahrenheit Chirons, sein fast ängstliches Suchen mit den Lippen und Händen. Und eben dieser einzige Freund Kevin wird von der ebenso bösen wie hässlichen Schulgang gezwungen, Chiron niederzuschlagen.

Chiron, auch von der Sozialarbeiterin gedemütigt, die es gut mit ihm meint, greift zu der Abwehr, die er kennt, zu der Gewalt, die ihn umgibt, zu dem einzigen Ausweg, den er in die Ecke gedrängt sehen kann, wenn er weiterleben will: er zerschlägt im Klassenraum der Highschool einen Stuhl und den Schädel des Anführers.

Kann sich der Mensch selbst erschaffen? Von Religionen und Realisten wird das vehement bestritten. Die Literatur der letzten hundert Jahre versucht dagegen den Umgang des Menschen mit sich immer konstruktiver zu zeigen. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass sich parallel dazu Geschlechtsumwandlungen und Wandlungen vom Tod zum Leben ereignen. Orhan Pamuk hat uns gerade einen Roman** geschenkt, der einen sehr einfachen, aber desto lieberen Menschen, den Straßenhändler Mevlut Karataş in Istanbul, in eine falsche Familiengeschichte hineingeraten lässt. Er schreibt an die richtige Schwester Liebesbriefe, die aus Textbausteinen bestehen, und entführt und heiratet dann die falsche Schwester und liebt sie. Um ihn herum wird eine falsche Stadt aus Gecekondus gebaut, Hütten, die in einer Nacht errichtet werden und deshalb keiner Baugenehmigung bedürfen. Paul Auster schreibt dagegen einen, seinen, Roman*** über die Varianten des Lebens, die wir alle mehr oder weniger tatsächlich erleben. Jedes Denken ist Wunsch. Jede Biografie ist auch Traum und Zerstörung. Keineswegs benötigt man, wie ein Kritiker schrieb, eine Tabelle, um sich alle Varianten merken zu können, vielmehr wird die Persönlichkeit des kleinen Archibald  Ferguson um die Nuancen reicher und reicher, die seine Träume, Varianten und Verstellungen ausmachen. Paul Auster beruft sich schließlich auf das literarische Programm: die Verwandlung eines Menschen in einen Käfer****.

Das Problem des Jungen Chiron ist nicht so sehr, dass er vom Bösen umgeben ist. Auch als er im Gefängnis ist, es bleibt offen, ob der offen böse Gangleader überlebt, ist anscheinend nicht das Böse sein Problem. Er ist so still und verschlossen, dass er zwar das typische Opfer zu sein scheint, aber er ist auch nicht offen für den breiten Weg und die breite Pforte. Überall sind die Gefängnisse voller Menschen, die schon in ihrem Unglück gefangen sind. Das Böse heute ist nicht böser, als es schon immer war, aber das Gute ist auch genauso unsichtbar wie schon immer. Das Ideal des harten Dealers ist, nicht weich zu sein, wie Juan, als er den verfolgten zarten und weichen Knaben entdeckt, sondern ein Auto, das allein mit seinem Motorgeräusch die Gasse erschüttert. Der Dealer wird nicht zum Leader, obwohl das ein Anagramm und demzufolge eine wunderbare Lösung wäre. Statt dessen steckt der Dealer selbst in einem zu Tränen rührenden Dilemma, wenn ihm eines seiner Opfer plötzlich statt als Schlampe als Mensch, als Mutter und eben als Opfer bewusst wird. Die Mutter hingegen mag sich lange nicht damit abfinden, dass jemand anderes, jemand besseres sich um ihr geliebtes Kind kümmert. Erst in der altersweisen Schlussszene, und das ist eine der größten Leistungen des Films, die so genannten einfachen Menschen, die Opfer der Drogen und der Gesellschaft, als weise und milde zu zeigen, obwohl sie auch hart und gewalttätig sein könnten und auch oft genug sind, erst in der altersweisen Schlussszene in der Drogenklinik bekennt sich die Mutter zu ihren Fehlern und damit zu dem notwendigen Ersatzvater Juan. Chiron fehlt, wo das höchste Ideal der Deal ist, das röhrende Auto, der Dealer als Leader, der Sinn. Ein Sinn steckt nur in tiefer Menschlichkeit, die verschiedene Quellen haben kann, Vorbild, Philosophie, Religion, Leid, Verlust, selten Gewinn. Nicht die Anwesenheit des Bösen, sondern die Abwesenheit des Guten ist das Problem für Menschen in unbehüteten Verhältnissen. Die Sinnleere ist die schlimmste Lehre, die ein Mensch erfahren kann.

Auch filmisch ist MOONLIGHT ein Meisterwerk. Besonders stark sind die inszenatorischen Stanley Kubrick Zitate. Die Gewaltszenen dehnen sich unendlich, unaushaltbar, teilweise ohne Ton, teilweise mit klassischer Musik oder hip hop unterlegt. Die Taufszene, Chiron lernt in den Armen von Juan schwimmen, ist der Schlüssel zum Verständnis des Lebens: nur, wer schwimmen kann, kann das schmutzige feindliche Meer des Lebens überstehen. Irgendwann, sagt Juan zu Chiron, musst du dich entscheiden, wer du bist. Es gibt ein kleines Castingproblem, in dem weder Chiron noch Kevin als Erwachsene richtig gut zu erkennen sind. Die erwachsenen Schauspieler haben das aber mit großem darstellerischen Können überspielt: sie ahmen die Gesten, die Mimik, die Bewegungen ihrer jüngeren Kollegen meisterhaft nach. Wir Menschen bestehen in der Tat nicht nur aus Aussehen, sondern auch aus Charakter und Taten. Der hart-weiche Drogendealer Chiron mit dem noch größeren Auto ist immer noch das sensible motherless child aus dem Blues und aus dem griechischen Mythos, zu Tränen fähig und trotzdem im Leben verankert, wenn auch im falschen. Mit Paul Austers Protagonisten Ferguson könnte er sagen: ‚Ich bin du. Wer sollte ich denn sonst sein?‘ Das ist deshalb kein Film über Schwule oder Schwulsein, sondern über die Konstruktion des Menschen, der immer eine Dekonstruktion vorausgehen muss. Es gibt wohl doch ein richtiges Leben im falschen.

Der kreative Akt

Das Konstrukt dieser Geschichte erlaubt nur eine Lösung. Wenn es aber möglich ist, und auch das ist eine Botschaft des Films, sich aus der Katastrophe herauszukonstruieren, dann muss es auch möglich sein, sich in ein besseres Leben hineinzukonstruieren. Ein Zweistundenfilm kann nicht das komplexe Leben zeigen, sondern nur eine Möglichkeit. Nie gibt es nur einen Grund oder eine Lösung oder eine Katastrophe.  Langston Hughes, der erste afroamerikanische Lyriker Amerikas, war bus-boy und legte einem zufällig anwesenden Dichter seine Gedichte unter den Teller. Langston Hughes wurde entdeckt, gedruckt und berühmt, steht heute in allen Schulbüchern Amerikas: I, too, sing America. James Baldwin ist sogar unserem Chiron, dem Protagonisten aus Moonlight, mit der alleinstehenden Mutter ganz nahe. Und schließlich stammt der erste schwarze Millionär ebenfalls aus dem Süden, aus New Orleans, aus dem Waisenhaus und aus dem Slum: Louis Armstrong. Zur Konstruktion des Lebens gehören nicht nur Talente und Förderer, sondern auch Glück. Das ist bei der Konstruktion von Geschichten nicht anders.

Armstrong spielte in der funeral band des Waisenhauses auf einem zerbeulten Horn, wie er sein Kornett auch später noch nannte, Baldwin und Hughes haben von Anfang ihres Lebens an immer gelesen und geschrieben. Aber in all diesen wirklichen oder konstruierten Biografien geht es nicht um schwarz oder schwul oder weiß oder Ehe mit Kind, sondern um die Frage, ob und wie man einem durch die vielzitierten Umstände, und früher glaubte man durch ein prädestinierendes Schicksal, vorbestimmtem Leben folgen muss oder ausweichen kann.

Neben den Eltern und ihrem sozialen Milieu und dem Drang zum Überleben mit seinem Zwang zu kontinuierlichem entfremdetem Tun, aus dem sich diese unsägliche Erniedrigung der Arbeitswelt, schließlich auch sogar die Prostitution und Sklaverei ergeben, gibt es seit der Antike den transzendenten Bereich der Schamanen, Dichter, Priester und Lehrer. Unsere Vorfahren vor hunderttausenden Jahren haben die Jagd gespielt, bevor sie jagen gingen, haben getanzt bis zur Trance, bevor sie erwachsen werden durften, haben ihr Bewusstsein mit Drogen erweitert, bevor sie wissen wollten und wissen durften.

Lange Zeit war Kunst elitär, aber durch Religion, Bauten und Schule wenigstens minimal präsent, Religion diskriminierend, aber immer auch tröstend und Schule nur fundamental, aber das auch wieder lange Zeit elitär. Globalisierung ist also immer auch als Universalisierung zu verstehen. Die Schule musste von der Alphabetisierung (Lateinschule) zu einem universellen Instrument der Integration werden. Deshalb ist jede Kritik an der so genannten Verflachung oder Entelitärisierung verfehlt. Die Emanzipation der Frauen, der Schwarzen und der Schwulen fand im wesentlichen in der Schule statt, während die stupid white old men in Weißen Häusern und Petersdomen vor sich hinvegetieren. Das klingt ein bisschen wie Argumentation aus den sechziger Jahren, aber wir reden über Moonlight, den Film, und wir reden über Berlin und Deutschland, das es geschafft hat aus der Hauptstadt der Diskriminierung zu einer der Hauptstädte der Globalisierung und Fraternisierung zu werden. Der Begriff der Fraternisierung (in Abgrenzung zur Verbrüderung als allgemeiner Kooperation) stammt aus dem ersten Weltkrieg, der in spieltheoretischer Sicht als Nullsummenspiel gesehen werden kann, der Sieg der einen Seite war die Niederlage der anderen, und das heißt, dass Untätigkeit und Entfeindung des Feindes ein notwendiges Verhalten war. Überhaupt darf man die beiden Großkatastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts nicht nur unter dem Aspekt des Völkermords und der sinnlosen Zerstörung sehen. Sie sind das Ende einer mörderischen Epoche und die Geburt der Epoche der Globalisierung und Fraternisierung, hier im Sinne von Emanzipation, Gleichmachung vor allem  auch von Menschengruppen mit konstruierter Differenz oder Feindschaft gemeint. Fraternisierung fand vor allem auch im intersexuellen Bereich statt, wir erinnern an das unschöne Wort Rheinlandbastard und an die schöne Tatsache, dass es hunderttausende schwarze Deutsche erst gab, seit Heinrich Himmler deutscher Innenminister war. Damit wir uns nicht missverstehen: nach der äußersten mörderischsten Diskriminierung kam die schöne und weitere Schönheit hervorbringende Fraternisation. General Robertson, der britische Oberkommandierende im Nachkriegsdeutschland, forderte die amerikanischen und britischen Soldaten auf, sich als Besatzer so zu verhalten, dass den Deutschen der Besatzungs- und Gewaltzustand vergessen gemacht werden könnte. (SPIEGEL 14/1948).

Juan im Film MOONLIGHT sagt, weil er glaubt, dass Chiron vielleicht unter seiner Hautfarbe leiden könnte, dass es schwarze Menschen überall gibt. Chirons Problem ist aber nicht seine Hautfarbe, sondern sein Mangel an Sinn. Er weiß nicht, wohin mit sich und seinen Tränen. Ihm bleibt nur das Zerfließen.

Aber seit Louis Armstrong ist die Kunst allgegenwärtig, wenn auch oft dem Kommerz oder einer Ideologie folgend, die Religion säkularisiert, wenn auch oft politisch instrumentalisiert, und die Schule wenigstens im Aufbruch, mal durch sinnlose Verwaltung, mal durch die eigenen Traditionen oder Inkompetenz gehemmt.

Wie hätte nun der kleine traurige Chiron und Millionen anderer trauriger Kinder etwas Besseres werden können als weicher Drogendealer oder Sklave auf dem Arbeitsmarkt, was schon beinahe ein Privileg ist?

Wir müssen eine Schule schaffen, die nicht Kübel vermeintlicher Fakten und vorgeblicher Kausalzusammenhänge über die Kinder ausschüttet oder sogar mit Trichtern zu infiltrieren versucht, sondern in der jedes Ich Ich sein kann und Wege ausprobieren, um zu dem Ich zu werden, was in der Hülle des kindlichen Ichs verborgen war. Wir sehen in dem Film und in den Wirklichkeiten unserer Welt Jugendliche doppelt scheitern – erst werden sie gemobbt und zusammengeschlagen und schlagen zusammen, dann werden sie bestenfalls Elendsdealer -, und sollten nicht endlich die Idee einer neuen Schule haben?

GEGEN DIE ZERSTÖRUNG DER WELT GIBT ES NUR EINE VERTEIDIGUNG: DEN KREATIVEN AKT. [Kenneth Rexroth]

Wir müssen es wagen, Schule, Kunst und transzendente Orientierung in einer Institution zu vereinen, die so wenig wie möglich Institution und Hierarchie sein darf und in der Künstler, Priester und Lehrer und die Rezipienten als Akteure soviel ICH wie möglich entwickeln können. Wir folgen damit John Deweys learning by doing, Rezeption als Aktion. Jede Aktion hat 1000 Gründe.

Die radikale Bildungsreform wäre das Dreispartenmodell: Theater, Fußball und Scouting. Wir folgen damit Lord Baden-Powell. In der Sparte Theater finden sich alle Sprachen, die eigene und zwei oder drei Fremdsprachen, Literatur vor allem als Schreiben, Philosophie im antiken Sinn als umfassendes Nachdenken einschließlich Religion und Psychologie, Rollenspiel, aber auch Musik, Malerei, Polytechnik. Jeder Schüler gehorcht seinen Neigungen, muss aber überall auch aushelfen. Fußball bedient den Bewegungsdrang und die Notwendigkeit der Bewegung, aber auch Strategie und Taktik, Spieltheorie, Kooperation, Teamwork und Teamgeist, Freude. Wir folgen damit Fröbel und Montessori. Es gibt natürlich Alternativen für die Fußballallergiker, ohnehin zerlegt das Training des Fußballs sich in verschiedene Sportarten, die auch einzeln gewählt werden können. Jeder Schüler gehorcht seinen Neigungen. Die dritte Sparte schließlich ist das Scouting, das Aufsuchen der Spuren des Menschen in der Natur und der Natur im Menschen. Mathematik, Physik, Chemie, Biologie finden in der Natur statt. Die Schüler können sich spezialisieren du ihren Neigungen gehorchen oder befehlen. Spieltheorie ist die Verbindung zu den beiden anderen Sparten. Es gibt keine Prüfungen und Zensuren, sondern nur Projekte mit ausführlicher Auswertung, die erfolgreich oder weniger erfolgreich sind.

Utopisch war auch der Ersatz des Bruttosozialprodukts durch das Bruttonationalglück. Utopisch war auch die Sozialversicherung. Utopisch war auch das Fliegen oder Telefonieren, das Fernsehen, die Raumfahrt oder das Automobil. Manchmal erscheint einem das Glück unter einem riesigen Berg von Vorurteilen frei daliegend und der Diskurs darüber ertrinkt in Worten. Man muss das Glück nur ausgraben und ergreifen.

Vielleicht ist das mit Auferstehung gemeint.

Schwerin, Ostern 2017

*          MOONLIGHT von Barry Jenkins, nach dem Theaterstück von Terell Alvin McCraney, 2016

**        Orhan Pamuk, DIESE FREMDHEIT IN MIR, 2014

***       Paul Auster, 4321, 2017

****     Franz Kafka, DIE VERWANDLUNG, 1912

sieben thesen über uns menschen

[protokoll eines gesprächs in der medienschmiede zu grünow]

der mensch ist von natur aus irrational und muss sich zur vernunft zwingen wie der süchtige zur abstinenz. 

1

je weiter wir uns individualisieren, desto mehr scheint es uns, dass es den definierten menschen gar nicht mehr gäbe, aber dieser schein übersieht unsere globalisierug und vermassung, unsere abhängigkeit von elektronischen kommunikationsmitteln, überhaupt von nachrichten.

2

die natur des menschen, glaubt der mensch, ist das menschsein, weswegen er sich unzählige ideologien schafft, mit denen er sich über die natur und über seine natur hinwegzusetzen versucht. letztlich holt sie ihn auf dem friedhof ein.

3

irrational zu sein, unmathematisch, ist nicht zweitrangig. der mensch lebt nicht nur in seiner geschichte, sondern überhaupt in geschichten. das erzählte zählt und nicht die zahl. aber die technik, die auf der zahl beruht, ist selbst zur legende geworden. 

4

vernunft ist der elitäre sonderweg. nur wer die glühbirne erfindet, braucht keinen führer. führer sind charismatisch und gerade deshalb nicht vernünftig, aber nicht im sinne von unvernünftig, sondern als einsamer gipfel der irrationalität.

da wir – wie die musca domestica an der fensterscheibe – nach freiheit streben, kann uns niemand zwingen, auch nicht durch unterwerfung, versklavung und tod. selbst die gekreuzigten, erschossenen und vergasten leben in uns und damit mit uns weiter.

6

süchtig sind wir alle. da abstinenz auch durch gehorsam erzwungen werden kann, ist sie nicht mit vernunft identisch, das wird nur von den führern behauptet. die führer sind also nicht der ariadnefaden, sondern das unentrinnbare labyrinth.

7

abstinenz ist die kehrseite – und nicht die leerseite – der kraft. sie ist das atemholen der selbstgewählten vernunft. deshalb sind gute rhetoriker keine guten politiker.

HERR ÜBER DIE ASCHEN

[An evil enemy will burn his own nation to the ground to rule over the ashes.  African proverb]

Jede und jeder kennt die großen Geschichten und weiß, wie sie ausgehen. Aber je mehr Geschichten es gibt, desto geringer wird ihre Strahlkraft. David war ein Hütejunge, der seinen großen Brüdern, die als Soldaten dienten, den Brotbeutel bringen sollte. Er kam genau im richtigen Moment, als nämlich die Motivation des Heeres angesichts eines übermächtigen Feindes gegen Null ging. Als dann noch der berühmteste Philosoph des Landes zur Kapitulation aufrief, griff der König zum allerletzten Mittel: er versprach demjenigen, der das Monster besiegen würde, seine Tochter zur Frau und das halbe Königreich. Selbstverständlich ist aufzugeben eine Option, aber der Mensch – und auch das Tier – neigt dazu, sein ererbtes oder erworbenes Revier oder Reich erhalten zu wollen. Er greift also zu den gleichen Waffen wie der Angreifer, das Monster. Zwischen den beiden Lösungen, die beide zu einem Gleichgewicht führen, liegt aber noch eine dritte Möglichkeit: die Flucht, die weder ein Aufgeben, denn man nimmt das Erworbene als Tradition mit, noch eine Auseinandersetzung mit Blutvergießen und Tod ist. Oder aber der berühmteste Philosoph des Landes hatte Unrecht: seine Voraussetzung, dass der übermächtige Feind nicht zu schlagen sei, war falsch. Auch der König und Oberbefehlshaber kann Unrecht gehabt haben und die gewählten Waffen waren falsch. In der Geschichte greift David jedenfalls zum Katapult und schießt dem Monster sein einziges Auge aus. Vielleicht ist das sogar die Hauptaussage: das Böse sieht die Welt immer höchst verzerrt, weil es nur ein Auge hat. Es kann die Gegenseite gar nicht sehen. Es sieht nur seine Seite. Ceauşescu und Macbeth bemerkten nicht, warum der Wald auf sie zukommt und Massen in Bukarest sich entfernen. Sie waren auf diesem Auge blind. Putin sah nicht, dass die bestellten und bezahlten Menschen, die im Luschniki-Stadion als Claqueure bereit standen und saßen, mit ihren Handys spielten und lebhaft miteinander schwatzten, denn sie klatschten auf Kommando und mussten demzufolge nicht zuhören. Stattdessen freute er sich, der monströse Staatenlenker im 12.000-€-Mantel aus Italien, dass die Claqueure tatsächlich an den von ihm selbst vorbezeichneten Stellen klatschten und Urrraaa riefen. Inzwischen zeigt sich, dass in dem ungleichen Ringen das kleinere Land gewinnen kann, nicht weil es militärisch, sondern weil es moralisch überlegen ist.

Einer von den Davids des zwanzigsten Jahrhunderts wird leicht vergessen: Polen. Nach einer unsäglich tragischen Geschichte der Teilungen und Vereinnahmungen begann das Jahrhundert nicht nur mit dem ersten Weltkrieg, sondern mit dem missglückten Versuch der Bolschewiki, sich Polen nebenbei zu holen und dem erfolgreichen Eingreifen deutscher Freischärler bei der heute vergessenen Teilung Oberschlesiens. Allerdings war Polen in der Zwischenkriegszeit selbst ein autokratisch geführtes, wenn nicht sogar protofaschistisches Land, das seinerseits auch Gebietsansprüche hatte und durchsetzte (polnisches Litauen, mährisches Oberschlesien). Der zweite Weltkrieg jedoch begann mit dem synchronisierten Überfall Hitlerdeutschlands und der Sowjetunion auf Polen und seiner erneuten Teilung. Die Kombination von Massenmord und apologetischer Propaganda wurde in dieser Zeit nicht erfunden, erreichte aber mit dem ‚Bromberger Blutsonntag‘ und dem Massaker von Katyn vorputinsche Tiefpunkte. Auf deutscher Seite war einer der Hauptprotagonisten Edwin Erich Dwinger (‚Die volksdeutsche Passion‘), auf sowjetischer Seite der stellvertretende NKWD-Chef Wsewolod Merkulow.

Auf deutscher Seite hielt sich lange die propagandistische Version des ‚17-Tage-Feldzugs‘, in dem Polen untergegangen sei. Tatsächlich ist Polen nicht nur nicht besiegt worden, sondern gehörte zurecht zu den Siegermächten des zweiten Weltkriegs. Dass die polnische Kavallerie gegen die deutschen Panzer mit Lanzen vorging, wie auch Günter Grass in den tragikomischen ‚Polnische-Post‘-Kapiteln seines weltberühmten Romans ‚Die Blechtrommel‘ beschreibt, ist nicht dem Anachronismus – wie bei dem legendären, aber gescheiterten Reitergeneral Budjonny – geschuldet, sondern im Gegenteil einem verzweifelten Heroismus. Zwei Exilarmeen, zwei Exilregierungen, der Aufstand im Warschauer Ghetto (1943) und schließlich der Warschauer Aufstand (1944) belegen den ungebrochenen Willen: jeszcze Polska nie zginęła. Nach der letztlich erfolgreichen Westverschiebung Polens begann aber noch einmal eine Phase der nationalen Erniedrigungen: der äußerst erfolgreiche sowjetische Marschall Rokossowski wurde polnischer Verteidigungsminister. Das ist auch ein eklatanter Fall von Überschätzung der Herkunft, er stammte zwar aus Polen, sprach aber kein Polnisch mehr. Kurzerhand befahl er allen polnischen Offizieren, künftig Russisch zu sprechen.

1956, 1970 und 1980 stand Polen nach der DDR, aber vor Ungarn und der Tschechoslowakei an der Spitze der Ausbruchsversuche aus dem gescheiterten Staatssozialismus, auf dessen Tribünen von Moskau handverlesene und gesteuerte Marionetten agierten, jedoch meist nur winkten statt wirkten.  

Viele polnische Menschen waren Helden, viele aber auch Opfer, und etwa ebenso viele gingen ins Ausland: nach Deutschland, in die USA und nach Kanada, nach Schweden und neuerdings auch nach Großbritannien.

Polen ist und bleibt der unbekannte David, der nie aufgegeben hat. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass Polen so viele Ukrainerinnen und Ukrainer aufnimmt und Deutschlands Opportunismus scharf attackiert. Und es wundert uns auch nicht, dass der selbst ernannte Hobbyhistoriker Putin aus all den Desastern seiner Autokratenkollegen nichts gelernt hat als lange Tische gegen Viren. Immer, seit Sulla (138-78 BC), behaupten sie alle, dass sie den Staat retten wollen, die Nation, die verlorenen Brüder – denn Schwestern zählen für sie nicht – heimholen (Irredentismus). Immer liegen ihre Ziele in einer nebulösen Vergangenheit. Immer sieht sich der Führer in einer pseudoreligiösen, ingeniösen Position, die claqueristische oder echte Verehrung hat kultische Züge. Immer wird auch das eigene Land in Schutt und Asche gelegt.

ZEITUMSTELLUNG

Seit es die Zeitumstellung gibt, gibt es auch den Widerstand gegen sie. Manche mögen die Unbequemlichkeit tatsächlich empfinden. Kinder und alte Menschen können zum Beispiel einige Tage aus dem Rhythmus geraten. Andere sehen eine günstige Gelegenheit, wieder einmal gegen die Regierung zu sein. Unsere alte Ostregierung tat ausnahmsweise etwas sehr Schlaues: sie berief sich auf den Westen und auf dessen Sachzwänge. Es gibt immer gute Gründe, gegen die Regierung zu sein. Vielleicht war das Hauptargument gegen die DDR die Mauer, aber dann ist das entscheidende Argument gegen unsere heutige Regierung auch ausschließlich der Waffenhandel und die Massentierhaltung einschließlich Kükenschreddern. Wir sind uns alle einig, dass Krieg, Bürgerkrieg und Terrorismus falsch und verbrecherisch sind und nicht unterstützt werden dürfen. Aber wir wählen immer wieder Regierungen, die den Waffenhandel erlauben. Die neue Partei ist sogar für das Schießen an den Grenzen. Das einzige, was uns entlastet, ist der geringe Anteil des Waffenhandels, nämlich etwas über einem halben Prozent  an unserem Exportvolumen von 1,2 Billionen Euro im vergangenen Jahr. Da die meisten Rüstungsgüter hochwertig sind, U-Boote, Panzer, Kriegsschiffe und Flugzeuge, ist also auch ihre absolute Menge eher gering. Aber das sind nur Entlastungen und Rechtfertigungen. Es ist jedoch auch schwer, seine Haltung im Welthandel zu ändern.

An der Massentierhaltung und am Kükenschreddern kann man besser beschreiben, dass wir nicht bereit sind, unser Leben zu ändern, auch nicht wenn wir uns ununterbrochen empören. Es zeigt sich, dass Empörung leichter ist als Tat. Wir könnten ohne Probleme auf Fleisch verzichten, nicht für immer, aber als Boykott. Erinnern wir uns an den Boykott gegen die Versenkung der Shell-Bohrplattform. Es war kein großes Problem, die Autofahrer in ganz Europa dazu zu bringen, nicht bei Shell zu tanken, und Shell knickte nach wenigen Tagen ein. Vielleicht hören große Konzerne erst ab dem Verlust von einer Milliarde zu. Als Vorbild und Namensgeber sollten wir uns aber, obwohl er auf eine Stadt begrenzt war, den Montgomery Bus Boycott nehmen, der damit begann, dass Rosa Parks in Montgomery, Alabama, auf ihrem Platz im Bus sitzen blieb, den ihr jemand aus Prinzip, nicht aus Not streitig machen wollte.

Also, warum boykottieren wir nicht das Billigfleisch, das seinen Grund in der Massentierhaltung und im Kükenschreddern hat? Diese Frage ist ganz leicht zu beantworten: weil es leicht ist, Jahr für Jahr bei Facebook zu posten: Gegen …. Wenn du auch dagegen bist, teile das. Zwei Klicks, und schon haben wir unser Gewissen beruhigt. Gegen alles gibt es inzwischen auch Unterschriftensammlungen. Ganz sicher ist es sinnvoll, wenn eine Schule für den Verbleib eines Mitschülers oder einer Mitschülerin eine Petition an die Härtefallkommission einreicht: konkrete Menschen für ein konkretes Ziel, und das ist ein Mensch in Schwierigkeiten. Die Zahl der Petitionen und deren ausführender Organisation hat dermaßen zugenommen, dass man, falls man sich beteiligen will, sich erst durch einen Wust von Spendenaufrufen kämpfen muss. Inzwischen leben schon wieder Dutzende von Menschen von Petitionen. Ich würde lieber jemanden bezahlen, der den Montgomery Bus Boycott II organisiert.

Der Bundeskanzler sprach, als Russland die Ukraine überfiel, von einer Zeitenwende, meinte aber den Politikwandel Deutschlands in Bezug auf die Rüstungsausgaben du die Waffenlieferungen an die Ukraine. Inzwischen wird sogar von Opposition und Regierung über ein Energieembargo gegen Russland nachgedacht, das vor vier Wochen noch ganz unmöglich erschien. Dabei ist es unerheblich, ob der Frühling oder die Einsicht diesen Sinneswandel, denn darum handelt es sich, herbeizauberte. Der US-Präsident sprach heute* vor dem Warschauer Königsschloss von der Kontinuität der Demokratie und der Geschlossenheit der Demokraten. Der damalige Resident des KGB in Dresden hatte schon damals, 1989, die Zeichen der Zeit und die Wirkmächtigkeit des Freiheitsstrebens falsch beurteilt, als er mit einer Pistole versuchte, den Lauf der Dinge aufzuhalten. Sein Weltbild war von Machtfantasien umstellt, und das hat sich offensichtlich nicht geändert. Am absurdesten war es wohl, als er Kanzlerin Merkel mit seinen Hunden bedrohte. US-Präsident Biden nannte diese Machtfantasien heute obszön. Leider fehlte in der auf Abraham Lincoln basierenden Rede der Satz, der sie kennedy- oder reagangleich gemacht hätte: Ich bin ein Berliner, Mr. Gorbachew, tear down this wall. Aber worum soll man Putin bitten, dessen Ohr in Taubheit getaucht und dessen Geist im kalten Krieg verblieben ist? Vielleicht erhebt sich der von ihm öffentlich gedemütigte Geheimdienstchef Naryschkin, mit dem er seit den Tagen des KGB befreundet ist. Vielleicht haben wir auch den verdrossenen Blick des Verteidigungsministers Schoigu richtig gedeutet, und er hat gar keine Herz-, sondern Gewissens- oder wenigstens Kompetenzprobleme und bereitet im Stillen einen Militärputsch vor. Die für Russland passendste Lösung wäre allerdings der erfolgreiche Aufstand der 20.000 Mütter der gefallenen Soldaten. Das würde der Weltgeschichte eine griechische Tragödie mit tröstlichem Ausgang schenken.   

Was also spricht gegen die Zeitumstellung? Natürlich kann man die Zeit nicht umstellen. Wir meinen ohnehin immer die Uhr, wenn wir Zeit sagen. Die Uhr dient unserer Orientierung. Wir wollen eine Struktur, und wir geben uns eine Struktur. Die Umstellung der Uhr stärkt den Morgen gegen den Abend. Das ist eine Botschaft, die wir gebrauchen können. Wenn wir die Uhren umstellen, kann uns bewusst werden, dass die Messung der Zeit nicht nur relativ ist, sondern Willkür. Wir halten mit der Zeitmessung nicht nur am geozentrischen Weltbild fest, sondern auch am Duodezimalsystem. Es stärkt schon unsere Flexibilität, dass wir zwei und manchmal auch mehr Denksysteme nebeneinander, parallel oder sogar synchron benutzen können. Unser Hauptdenk- und -glaubenssystem beruht auf Egoismus. Wir müssen  glauben, dass wir Recht haben, dass unsere Gruppe erfolgreich ist, dass das Fleckchen Erde, in das wir gestellt sind oder das wir gewählt haben, optimal für uns ist. Unser Hauptlebenssystem beruht aber auf Altruismus, Solidarität, Kooperation, Nächstenliebe. Von Anbeginn der Menschheit wird über die Prioritäten gestritten, und immer ist es falsch, was wir entscheiden. Spontan entscheiden wir uns eher für den anderen Menschen, rational fallen uns aber tausend Gründe gegen ihn ein. AM I MY BROTHER’S KEEPER? YA. Nicht die Länge des Wegs, sondern die Nähe des Ziels lässt uns ermüden. Wir kämpfen ein ganzes Leben lang gegen die Relativität der Dinge und Menschen, die uns umgeben. Wir können und wollen uns nicht damit abfinden, dass perfekt zu sein eine Idealvorstellung ist, die noch nicht einmal in der wunderbaren Natur verwirklichbar war, und die Natur hatte Milliarden von Jahren und Billionen von Möglichkeiten, soweit wir sehen können.

Jährlich zweimal könnten wir üben, dass wir nicht nur Männer, sondern auch Frauen, nicht nur Frauen, sondern auch Männer sind. Wir könnten diesen Sonntag daran denken, wie wir aus Schwarzen Weiße wurden. Es gibt keine Wiedergutmachung, aber vielleicht kann man es die nächsten Jahrtausende einfach besser machen. Diese ständige Ablehnung, die nur dazu dient, uns selbst als perfekt und einmalig zu sehen, hat der wunderlichste Dichter des zwanzigsten Jahrhundert in einem faszinierenden Büchlein beschrieben. Seine Frage war vielleicht: erkennen wir im Käfer unseren Bruder wieder? Tatsächlich, da der Dichter drei Schwestern hatte, ist die Schwester des Käfers lange Zeit kooperativ. Anscheinend ist Schwesternschaft – obwohl die üblichen Worte Bruderschaft und Brüderlichkeit heißen – eine Urfigur menschlichen Verhaltens: es vereint sich in ihr die dem Vater gegenüber stärkere Rolle der Mutter mit der des Geschwisters. Bei der älteren Schwester kommt die brüderliche Rolle des Beschützers hinzu. Vor der größten Gruppenzugehörigkeit, der geschlechtlichen, gibt es anscheinend die Geschwisterlichkeit und in ihr die Schwesterlichkeit. Ich glaube nicht, dass der Westen, also Europa, Nordamerika und Japan, wegen seiner Kinderlosigkeit zum Scheitern verurteilt ist. Vielmehr wird er seine führende Rolle einbüßen, weil sein Wirtschaftsmodell zu egoistisch ist. Es schädigt andere. Und die anderen werden kommen und ihre Begriffe von Schwesterlichkeit, als Beispiel, und Zeit mitbringen. Und die neuen Lehrer kommen als Bittsteller. Alle fünfhundert Jahre müssen wir unsere Begriffe ändern, nicht weil es jemand will, sondern weil sie nicht mehr taugen. Es ist sehr sinnlos, sich nach der Vergangenheit zu sehnen und dabei die Zukunft zu verpassen.

VOM WARTEN AM SCHWARZEN NETTO

SONY DSC

Hier ist nicht einfach die Kirche von Fürstenberg an der Havel abgebildet. Um eine gedankenlose Postkarte zu sein, hat das Bild zwei Elemente zu viel: die Frau und die Pergola.

Eine alte Frau sitzt auf einer Bank und wartet. Sie schwebt zwischen Leben und Tod. Das Leben ist der Supermarkt hinter ihr, aus gelben Klinkern gebaut und mit einer Pergola verziert, die die räumliche Distanz zur neogotischen gegenüberliegenden Kirche verstärkt. Der Stil der Kirche verweist auf die ältere Gotik, auf das längst vergangene Leben, auf den Tod,  das Baumaterial auf die neuere Zeit, als in den Tongruben von Zehdenick und den Hoffmannsöfen von Mildenberg die Reichshauptstadt Berlin antizipiert wurde, und eben auch diese wunderschöne Kirche. Ihr Baumeister liebte Wimperge und Fialen. Seine schlanken Türme erinnern an Minarette, eine Bauauffassung, die mit dem maurischen Stil zum zweiten Mal in Europa Fuß fassen konnte, und die heute – wie durch ein Wunder – zu den allgegenwärtigen und allseits beliebten Istanbul- und Kappadokia-Grill- und Imbissstätten passen.

Vor der alten Frau liegt ihre Vergangenheit, hinter ihr die Gegenwart und Zukunft. In der Kirche wurde sie mit heute meist unverständlichen Ritualen an einen Kulturtyp gebunden, der, wenn er als Monopol und mit dem Staat verknüpft auftritt, übermächtig, einmalig und ausschließend erscheint und zur Segregation einlädt. Auf der anderen Seite des Schwedtsees war einer der Tiefpunkte dieser Richtung, das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. Dort begegneten sich, wenn auch nur kurz und nicht synchron, Nina Gräfin Schenk von Stauffenberg, Rosa Thälmann, Margarete Buber-Neumann und Milena Jesenská, die Antagonistinnen des Nationalsozialismus waren genauso heterogen wie die Protagonisten. Aber noch vor kurzem, in der besten Zeit der alten Frau auf der Bank,  marschierten durch diese Stadt blutjunge russische Soldaten mit martialischer Blasmusik, dafür wurde an jedem Abend die B 96 (damals F 96) gesperrt. Wenn sie nicht gerade durch das Städtchen marschierten, bewachten sie die Atomsprengköpfe, mit denen Putin jetzt die Ukraine und uns bedroht.

Vielleicht erscheint der alten Frau das Verschwinden dieser eigenartigerweise vor ihr liegenden Vergangenheit wie das Verblassen eines Traums am frühen Morgen. Das wirkliche Wunder ihres Lebens liegt aber hinter ihr: der Supermarkt, der durch die Pergola und die gelben Klinker mit der Kirche eine Einheit bilden will, aber doch ihr genaues Gegenteil ist. Es ist ein mittlerweile auch schon arg abgegriffenes Bild, dass die Kaufhäuser und Supermärkte die Konsumkathedralen des Anthropozäns sind. Für die alte Frau, die in diesem Spannungsfeld ganz entspannt sitzt und mit einiger Wahrscheinlichkeit auf ihre Enkel oder eine Freundin wartet, ist der Supermarkt ohnehin weit mehr: er ist, ohne dass sie es gleich gemerkt hätte, die Erfüllung fast aller ihrer Träume. Sie hat genügend Geld, um sich an jedem Tag, den ihr der liebe Gott von gegenüber schenkt, alles, was sie braucht, kaufen zu können. In diesem Supermarkt, zu dem sie viel lieber Kaufhalle sagen würde und auch oft sagt, gibt es das alles – und noch viel mehr – aus mehreren Dutzend Ländern, Dinge und Länder, die sie früher nicht kannte. Aber warum gibt es weit mehr als man braucht? Einer ihrer Enkel hat ihr das in einem langen Vortrag, sie hört ihm sehr gerne zu, erklärt: your comfort zone will kill you. Junge, sprich deutsch mit mir, sagt sie dann gespielt echauffiert. Denn in Wirklichkeit ist sie stolz und froh: noch vorgestern kam ihr Vater aus französischer Kriegsgefangenschaft, noch gestern marschierten hier die Russen und schon heute erklärt der Enkel ihr die Welt auf Englisch und sie knabbern dazu Biskuits aus Italien oder Polen. Der Supermarkt bietet mehr an als wir brauchen können, weil wir mehr kaufen sollen als wir essen. Der Kapitalismus strebt nach Maximalprofit und beruht auf Maximalkonsum, und deswegen, Großmutter, sind wir beide genauso schuld wie Dieter Schwarz. Bist du denn jetzt Kommunist? Nein, ein Grüner.  

Die dazwischenliegende Straße ist genauso umstritten wie die Kirche und der Markt. Alles, was einst Segen war, wird zum Fluch. Wir können wohl mit dem Mangel besser umgehen als mit dem Überfluss. Uns tötet nicht der Hunger, sondern die Gier. Es kann nicht falsch sein, in der Idylle über Auswege aus dem Chaos nachzudenken.  

VOM KRIEGE

‘Who the fuck are you to lecture me?’ – das ist ein Zitat und die Sprache des russischen Außenministers Lawrow. Er ist das Sprachrohr Putins. Beide lügen nicht für uns, sondern für die alten Frauen in Moskau und Sankt Petersburg, von denen wir nicht wissen, ob sie ihren Führern wirklich glauben oder ob sie die Lügen nachplappern, weil sie eine Welt ohne Lügen gar nicht kennen. Aber jenseits jeder Polemik über die Unverfrorenheit muss man Putin doch fragen, wie er das Land, das er erobert haben will, regieren kann, wenn er sich bestimmt zwei Drittel bis drei Viertel seiner Bewohner zum Feind gemacht hat, von der Welt ganz zu schweigen: nur die diensthabenden Idioten dieser Erde, Lukaschenko, Assad, Kim Jong Un und Isayas Afewerki haben in der eigens einberufenen UNO-Generalversammlung für ihn gestimmt. Aber er kann und wird diesen Krieg nicht gewinnen: Wie haben wir alle gezittert, als in den Eilmeldungen der Nachrichtensender verkündet wurde, dass sich ein sechzig Kilometer langer russischer Konvoi auf Kiew zubewegt. Aber das war vor zwei Wochen, heute erzählt einer unserer Reporter, dass in Kiew alle infrastrukturellen Verbindungen noch funktionieren. Auch die gefangenen russischen Soldaten sprechen nicht die Sprache der Sieger.
Ein Krieg ist ebenso wenig zu begründen wie ein Mord. Beide sind wesensgleich und verstoßen nicht nur gegen seit langem codifiziertes Recht, sondern gegen alles, was den Menschen und das Leben überhaupt ausmacht: Fürsorge, Empathie, Solidarität. Jeder Versuch der Begründung des Krieges bedarf einer Ideologie, eines narrativen Baugerüsts, das aber immer im Wind umstürzt, bevor das Haus darunter gebaut ist. Jeder Irredentismus – die vermeintliche Befreiung von Menschen der eigenen Sprache im anderen Land – ist genauso ein Vorwand wie ein Präventivschlag. Auch das berühmteste Beispiel für eine erfolgreiche präventive Verteidigung – der Sechstagekrieg Israels 1967 gegen kriegsbereite potenzielle Angreifer – leidet so sehr unter dem moralische Makel, dass im Jomkippurkrieg auf den Angriff gewartet wurde, der dann am höchsten israelischen Feiertag auch tatsächlich erfolgte. Beide Kriege hat Israel gewonnen. Noch mehr in Misskredit geriet das Eingreifen der NATO in die serbischen Aggressionen in Bosnien und im Kosovo. Genau dieses Muster benutzen jetzt Putin und sein Lautsprecher Lawrow, nur dass sie selbst – auch im Donbass – die Angreifer sind. Die Putin-Apologeten bei uns hatten kurz ihre Agitation eingestellt, aber nach wenigen Tage wussten sie: „Da die Ukraine keine Chance hat, diesen Krieg militärisch für sich zu entscheiden, verlängern die geplanten Waffenlieferungen nur das Sterben.“
In Abwandlung eines berühmten Moshe-Dayan-Zitats könnte man ihnen und ihren links- und rechtsradikalen Freunden antworten: DIE RUSSEN KÖNNEN HIER NICHTS GEWINNEN, NOCH NICHT EINMAL DEN KRIEG.
Bei uns im Osten war es nicht en vogue, über den Finnlandkrieg, auch er ein irredentistischer und lächerlicher Feldzug, zu sprechen. Stalin hatte gerade seinen besten Marschall – den ‚roten Napoleon‘ Michail Tuchatschewski – erschießen lassen und marschierte genauso dilettantisch, chaotisch und verbrecherisch in Finnland ein wie Putin jetzt in die Ukraine. Auch damals war der Who-the-fuck-are-you-to-lecture-me-Außenminister die Stimme seines Herrn. Er dementierte die Bombenangriffe und sagte, dass aus den Flugzeugen Brot für die ‚Brüder‘ abgeworfen würde. Gut, sagte die Finnen, dann braucht er noch einen Cocktail dazu, der Herr Molotow. Ich weiß nicht, ob diese Brandsätze kriegsentscheidend waren, aber die Russen haben nicht gewonnen und mussten heute vor 82 Jahren einen schmählichen (Goliath gegen einen kleinen schmächtigen Hirtenjungen) Waffenstillstand unterzeichnen. Ein damaliger sowjetischer General kommentierte das so: Wir haben gerade soviel Land gewonnen, dass wir unsere toten Soldaten beerdigen können.
Aber selbst wenn Putin – was Gott verhüten möge – siegen sollte, hätte er nichts gewonnen. Denn ein Sieg ist niemals absolut. Ein Sieg ist immer nur der Traum vom Sieg. Der Sieger träumt, dass nie wieder ein Feind ihn ‚scheel ansehen‘ wird, so der letzte deutsche Kaiser in seiner berüchtigten, protofaschistischen Hunnen-Rede. Das Gegenteil ist die Regel: Der Verlierer stellt sich als Opfer dar, der Gewinner lebt fortan mit dem Makel seiner Gewalt.
Ein Sieg ist deshalb nicht absolut, weil keine Handlung, kein Ergebnis, keine Untat, kein Zweck und Ziel und kein Gedanke absolut ist. Noch nicht einmal eine Absicht kann alleine für sich bestehen. Wir können es am Kleinkind studieren: es läuft mit einem Ziel los, aber ziellos hält es bei jeder Blume und bei jedem Schmetterling ein. Alles unterläuft sich selbst mit und durch Friktionen.
Während frühere Generationen die Sprüche der kriegerischen Vorväter zitierten, um sich selbst zu rechtfertigen, bezeichneten sie den Krieg als den Vater alle Dinge und glaubten (glaubten sie es wirklich?), dass sie dem Krieg dienen müssten, wenn sie Frieden haben wollen, sollten wir wissen, dass durch Krieg nichts zu beginnen und zu gewinnen ist, nur dass er weit tiefer in unserer DNA sitzt, als wir glauben wollen und können. Wir leisten uns Geheimdienste und wundern uns, dass sie nicht die Zukunft voraussagen können, statt dessen aber solche Monster gebären wie Dr. Maaßen und Oberstleutnant a.D. Putin, jeder auf seine Weise, aber beide preisen sich selbst als lupenreine Demokraten an.
Dass wir zum Glück keine Zeitenwende haben, sondern allenfalls eine Kurskorrektur, sieht man schon daran, dass Sätze, die seit zweihundert Jahren offensichtlich nicht gelesen und verstanden werden, so wirken, als wäre sie gestern Abend in der Absicht geschrieben worden, Putin mit Verstandes-argumenten zum Einlenken zu bewegen. Der Autor, selbst ein bedeutender General, wusste selbstverständlich, dass seine klugen Worte in den Wind geworfen wären. Nun warten sie auf neue einsichtsvolle Leser. Who the fuck am I not to be lectured.
Das berühmte Buch, das den Krieg beschreibt, ist eigentlich eine Abhandlung über friedenserhaltende Politik.
„So stimmt sich im Kriege durch den Einfluss unzähliger kleiner Umstände, die auf dem Papier nie gehörig in Betracht kommen können, alles herab, und man bleibt weit hinter dem Ziel. Ein mächtiger, eiserner Wille überwindet diese Friktion, er zermalmt die Hindernisse, aber freilich die Maschine mit.“

ÜBER MEDIEN

Die Spiritisten verstanden unter einem Medium einen hypnotisierten willenlosen Menschen, der ihren Fantasien folgte und die Zuschauer schwer beeindruckte. Vielleicht waren diese Medien auch arbeitslose Schauspieler, dann würden sie unserer heutige Vorstellung von Medien besser entsprechen, nämlich dass sie Vermittler zwischen zwei Systemen sind: die Zeitung zwischen Welt und Leser, der aber auch zur Welt und als Leserbriefschreiber und Artikelinterpret ebenfalls zur Zeitung gehört, das Geld zwischen Angebot und Nachfrage eines Marktes, die Macht zwischen Ideal und Wirklichkeit einer Gesellschaft.

Mein kleiner Patenenkel Nathan tut sich mit dem Sprechenlernen schwer, denn er versucht es in vier Sprachen gleichzeitig: Tigrinya, die Sprache seiner Eltern, natürlich Deutsch, die Sprache seiner Heimat, und leider auch Englisch. Englisch kam einerseits durch seinen Vater, der nach sechs Jahren hier immer noch glaubt oder hört, dass Englisch im Prinzip das gleiche ist wie Deutsch. Nichts spricht übrigens gegen Englisch, selbst wenn es uns zeitweise irritiert. Aber: was Luhmann noch nicht wissen konnte, Nathan lernte auch Englisch mithilfe des Telefons seiner Mutter. Bevor er seinen ersten Vierwortsatz in Deutsch sprach, konnte er das englische Alphabet, die Zahlen bis zwanzig und mehrere Liedtexte. Bisher hat er sein sprachliches Defizit mit langen und sehr emotional vorgetragenen Geschichten in einer vierten, selbst konstruierten Sprache ausgeglichen. Wir nennen diese Sprache scherzhaft Swahili, denn die Mitmenschen im Supermarkt oder auf dem Spielplatz halten dies für eine wirkliche, ganz sicher afrikanische Sprache. Aber gestern hat er zum ersten Mal eine kleine Geschichte mit mehreren Vierwortsätzen in Deutsch erzählt. Sie schien aus einem Lehrbuch ‚Deutsch als Fremdsprache‘ zu sein, nur seinen Namen hatte er als untrügliches Kennzeichen eingebaut: ‚Hallo Nathan, wie geht es dir. Bei mir ist alles gut. Und bei dir?‘

Es sieht alles danach aus, dass aus dem Defizit leicht ein Profit werden könnte, man muss nur das josephische* Dilemma anwenden: noch nackt als Ware für die Sklavenhändler oder als Objekt für den Tod in der Grube liegen – und schon das Leben als Prime Minister, Womanizer, Macher und Marktmonopolist planen und beginnen. Obwohl es offensichtlich tödlich endende Katastrophen gibt, gibt es genau so offensichtlich auch wachsendes Glück einer überwiegend pluralistischen Menschheit und die Abnahme von Krieg, Pest und Hunger. Daran können auch Corona und Putin nichts ändern.   

Eines seiner neuen Lieblingsspiele bei mir ist es – obwohl er mich noch nie beim Lesen gesehen hat, und daran können wir ersehen, dass lernen immer auch Antizipation und Imagination ist – sich ein Buch herauszusuchen und zu lesen, aber auch, wie wahrscheinlich seine Erzieherin im Kindergarten, im Buch zu blättern, es dann umzudrehen und mir die aufgeschlagenen Seiten zu zeigen und in seinem Swahili wortreich zu erklären. Aber gestern war es ein Büchlein** von Niklas Luhmann ‚Das Kind als Medium der Erziehung‘ aus dem Jahre 1991. Das Buch stammt nicht aus meinem Bestand, sondern eines meiner Kinder oder Schwiegerkinder hat es offensichtlich für das Studium gebraucht, benutzt und dann hier abgelegt. Allerdings zeigen die Anstreichungen, dass Leser derselben Kategorie ganz ähnliche Erwartungen und Interpretationen haben.

Der Text befremdet zunächst durch seinen fast krampfhaft wirkenden Versuch, das Kind in eine Definition zu pressen. Definitionen streben zur Tautologie, weil sie einen Prozess mithilfe des Zeitgeists anzuhalten versuchen***, andererseits sind sie selbstverständlich willkommene Hilfsmittel. Er beschreibt drei Typen der Erziehung, nämlich die antike bis mittelalterliche Vorstellung der tabula rasa. Merkwürdigerweise korrespondiert dieses Bild mit denen der Frau als bloßem Gefäß und des Sklaven als sprechendem Tier. Sodann beschrieb Rousseau den Zögling als perfektibel, also als einen durchaus schon eigenständigen Menschen, der perfektioniert werden kann und soll. Diese Perfektibilität kann man besonders gut an Spezialbegabungen, etwa der Musik oder der Mathematik, erklären. Heute und systemtheoretisch betrachtet, erscheint das Kind als eine black box, deren innere Entwicklung von außen weder beobachtet noch wirklich beeinflusst werden kann. Trotzdem korreliert fast jeder Mensch, sei er nun (erfolgreich) erzogen oder nicht, mit den Kommunikationssystemen seiner Umwelt. Aber das Kind ist keine Trivialmaschine. Das Kind ist in der Erziehung das, was auf dem Markt das Geld und in der Wissenschaft die Wahrheit ist, mit der Einschränkung, dass es nicht binär codifizierbar, sein Ausgang also nicht absehbar ist. Deshalb ist das ‚was der Erzieher sich vornimmt, unmöglich‘. Dieser Satz Luhmanns ist gleichzeitig radikal und trivial. Trivial ist er, weil hinlänglich bekannt ist, dass weder der Mensch selbst noch seine Mitmenschen zu keinem Zeitpunkt das Ende, den Zweck, das Ergebnis oder den Sinn des konkreten Lebens benennen können. Aber er ist radikal, weil er das Kind endlich vom Erzieher emanzipiert.  

Das Kind als Medium vermittelt zwischen den sozialen (Kommunikations-) und den psychischen (Bewusstseins-) Systemen. Das erscheint hochevident, aber es bleibt ein Unbehagen, dass das geliebte Kind systemtheoretisch und in Bezug auf die Erziehung als ein Medium eingeordnet werden kann. Trotzdem sollte uns auch dieses kleine Büchlein, das Nathan in einem unordentlichen Bücherregal auf dem Spitzboden fand,  nicht unseren Optimismus nehmen. Genauso wie Rousseaus Emile, der nicht wirklich innovativ oder auch nur befriedigend ist, aber dennoch die Tür zu einem neuen Zeitalter aufstieß, kann auch ‚Das Kind als Medium der Erziehung‘ unseren Blick weiten, ohne selbst schon der neue Raum zu sein.

SONY DSC

*Joseph, der Enkel Abrahams

**Niklas Luhmann, Das Kind als Medium der Erziehung, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006

***daraus folgt, dass der Zeitgeist nichts anderes ist, als die Menge aller Definitionen zu einem Zeitpunkt t. Dieser Zeitgeist wird aber für jede Definition gebraucht, so dass sie beide und immer einen tautologischen Kausalnexus bilden.

HEIMSUCHUNG

Als Kinder haben wir uns vor einem Gott gefürchtet, der mit Strafen die Menschheit zu disziplinieren versuchte. Aber andererseits war die Antwort des allerdings inspirierten Menschen außergewöhnlich: Noah, der schon einen Umstürzler als Vater hatte, baute ein gigantisches Vehikel, mit dem er die Schöpfung exemplarisch rettete. Das Gewimmel hätte man gern gesehen: alle Tiere der Erde, die großen und die kleinen, die groben und die feinen, friedlich vereint in einer riesigen Barke oder in einem Container, wohl versorgt und wohlbehütet. Heute wäre ihm der Friedensnobelpreis sicher, damals wurde er Prophet aller Weltreligionen und der erste Naturschützer.

Als wir Kinder waren, hatten wir aber auch Großmütter, die alle Katastrophen zu Prüfungen des Schicksals erklärten. Sie drehten das Unglück einfach und sehr tröstlich um: man konnte auch gewinnen. Nichts war vorbestimmt, schon gar nicht der Verlust.

Wenn man sich die Sintflut als Naturkatastrophe vorstellt, dann zeigt sie den Typ von Heimsuchungen, in dem es keinen Schuldigen gibt: Der Vulkan Tambora bricht aus, das Wasser des Ozeans steigt. Je weiter sich allerdings die menschliche Zivilisation in technologische Lösungen steigert, mit denen sie höchst erfolgreich den Hunger und die Krankheiten besiegte, desto größer wird die Anzahl der Menschen. Und nun gibt es Naturkatastrophen, die die Menschheit verursacht hat. Es gab sie schon in der Antike: das Abholzen der Wälder in heutigen Italien. Und es gibt sie heute noch: Energieverschwendung, Ressourcenverschmutzung, Überfischung, Überdüngung, Massentierhaltung, alles das hat Folgen für die Natur, die man sehen und hören kann.

Die Kriege haben wir besser beenden können: es gibt sie noch, aber keiner hat mehr die Größe und Vernichtungskraft des letzten europäischen Krieges, den die heutigen Urgroßmütter und Urgroßväter noch miterleben mussten und dessen Folgen man selbst in unserer Gegend noch sehen und spüren kann.

Wenn man also statt Strafen Prüfungen einsetzt und sie sogar durch das moderne Wort Herausforderungen ersetzt, dann zeigt sich, dass es sinnlos ist, einen Schuldigen oder gar eine Gruppe von Schuldigen zu suchen. WENN JEDER DIE SCHULD BEI SICH SUCHT, IST DER TÄTER SCHNELL GEFUNDEN.

Ob man nun glaubt, dass Gott uns straft oder das Schicksal uns eine Prüfung schickt, in jedem Fall kann man die Heimsuchung, die es als eine solche geheimnisvolle Krankheit noch nie in der modernen Welt gab, als Herausforderung sehen und statt verzweifeln handeln. Das beste Handeln ist der Zusammenhalt, denn viele wissen mehr als einer und alle zusammen haben mehr Mut als du und ich.

Aber diese Schwarmintelligenz, wie sie Stichlinge und Sardinen, halbwüchsige Stare und Bisons habe, ist auch ein wunderbares Versteck, in dem sich die Brandenburger Bildungsministerin mit ihrer zweitschlechteste Landesschule genauso gut verstecken kann – wie ihr Gatte, hätte ich beinahe geschrieben – wie jeder arbeitsunwillige Hartz4-Empfänger. Hier zeigt sich, dass innovative Lösungen immer von dem Kranich stammen, der andersherum fliegt. Deshalb erkennt man, wusste schon Jonathan Swift, das Aufscheinen eines neuen Genies an der Verschwörung der Idioten, die es hervorruft.

Je mehr Menschen es gibt und je perfekter sie ihr Leben organisieren, desto pathologischer scheinen sie an alten, aber überholten Lösungen zu kleben. Das Tempo der technischen Innovationen irritiert viele Menschen so sehr, dass sie auf die Rezidive des Autoritarismus setzen, all die Typen aus Russland, Kasachstan, Kirgisistan, Usbekistan, Tadschikistans, Pakistan, Saudi Arabien oder Ägypten, die soeben in Beijing bei der Eröffnung der Olympischen Spiele zu Gast waren. Schon allein an dieser Versammlung des Schreckens kann man leicht erkennen, dass die zur Herausforderung umgedeutete Katastrophe nicht unbedingt einen guten Ausgang haben muss –  mittelfristig. Auf lange Sicht sind wir zwar alle tot, wie der weise Lord John Maynard Keynes wusste, aber das Leben geht trotzdem weiter. Auf lange Sicht – ohne das egoistische Wir – hat sich noch immer alles verbessert. Immer fand sich ein Noah, der genügend Stichlinge hinter sich bringen konnte, um vorwärts zu gehen. Am Wegesrand dagegen geiferten die Nacktschnecken.

DIE NORMATIVE KRAFT DES FANTASTISCHEN

Es war und bleibt ein großer Gedanke des Staatsrechtlers Georg Jellinek, dass nicht nur die Normen und Gesetze normativ wirken, sondern auch die Fakten. Dass andererseits die Normen Fakten schaffen, wurde jahrtausendelang mit drastischen Strafen durchzusetzen versucht, wie wir wissen ohne durchschlagenden Erfolg. 71 vor Christus ließ der römische Prätor Marcus Licinius Crassus 10.000 Sklaven an der Via appia vor Rom kreuzigen, und trotzdem beruht heute kein anerkanntes Staatssystem mehr auf der Degradierung des Menschen zur Ware. Crassus selbst ist ein krasses Beispiel dafür, dass Korruptheit zum Genom der law-and-order-Leute gehört. Selbst die Ehre als erbliches Charakteristikum ist vergangen, denn die Kehrseite der Ehre ist die Ächtung. Statt dessen hat seit Yesus, Rousseau und Kant jeder Mensch eine Würde, die von allen gleich respektiert wird. Menschenhandel ist genauso kriminalisiert worden wie Folter, Todesstrafe und Krieg. Träger dieser neuen Menschlichkeit sind die Demokratie, die Bildung und der Wohlstand.  

Aber: seit der Zeitenwende gibt es auch exponentiell mehr Fakten, deren normative Kräfte nach Verwirklichungen drängen. Wenn man denkt, glaubt man sich in einem Meer von Zweifeln, kauft man dagegen, so steht man Fluten von Fakten gegenüber. Der Wohlstand gebiert nicht nur Waren im Überfluss, sondern auch Geld. Während die Fiktion lange Zeit eine elitäre und rare Ware und Instrument der Eliten war, ist sie mit ihrer unendlichen Kopierbarkeit nicht nur selbst in den Strudel der allgemeinen Inflation geraten, sondern tritt überall auch an die Stelle der Vernunft. Diese rationale Kraft des Fiktiven hat es schon immer gegeben, nicht aber die Menge der Geschichten.  

Neben der Deutung, dass es uns nicht schlechter gehen kann als Hiob oder Ödipus, dass unser Zögern niemals länger dauern kann als Hamlets Prokrastination, gibt es immer wieder viele Menschen, die glauben, dass auch ihr Schicksal fremdbestimmt ist, dass ihre oder gerade im Gegenteil die feindliche Regierung aus Marionetten besteht. Es ist immer wieder schwer zu fassen, dass das Leben, dass die Welt nicht zu fassen sind. Das Rationale hat kurzfristig nicht genügend Kraft zu überzeugen.  Wir erinnern uns: Adolf Hitler und Willy Brandt – Marionetten des Monopolkapitals, Walter Ulbricht und Fidel Castro – Marionetten Moskaus. Niemand handelte aus Gründen, alle agierten sie aus Abgründen. So schien die Welt verloren.

Es gab immer schon wenige universelle und wahrscheinlich noch weniger regionale Geschichten. An dem Schicksal von Hiob, der heute noch für schwarze Tage und schlechte Nachrichten (jobsposten, kara haber, Hiobsbotschaft) steht, kann man gut die Konstruiertheit jedweder Geschichte sehen: der allmächtige, aber anthropomorphe Gott wettet mit dem nicht weniger mächtigen, gut erkennbaren Teufel  um einen konkreten rechtschaffenen Menschen, der dreimal seinen Reichtum, aber niemals seinen Glauben verliert. Die Geschichte ist nicht nur sichtlich konstruiert, sondern auch offensichtlich didaktisch. Wir sollen erkennen, dass wir niemals so übel dastehen wie Hiob, schon einmal, weil wir nicht so tief fallen können. Hiob wie Ödipus, aber auch Hamlet und Oskar Matzerath sind Spielbälle ihrer Erfinder und Paradigmen für uns Leser.

Während also die Phantasie oder besser die Fantasy fast schon alle Menschen auf der Welt zu Schwestern und Brüdern gemacht hat, verbleiben Kardinäle, Generäle, Kanzler und Minister in dem Wahn befangen, dass sie als einzige der regelhaften Vernunft folgen, die es nicht geben kann. Dabei ist diese Vernunft ein Würfel aus Gitterstäben und damit ein Faradayscher Käfig gegen die Fantasy – allerdings im Traum, die Fantasy dagegen ist der freie Fall aus dem Empire State Building – allerdings im Traum. Leider hat diese Vernunft immer noch den besseren Ruf. Sie strahlt Sicherheit aus, die Sicherheit eines Käfigs. Die Kraft, die jedes Kind im Überfluss hat, wirkt, aber die Angst, die jeder Erwachsene mehr als genug hat, bleibt.