IN DER HITZE DER NACHT

Oft, wenn wir einen Film nach langer Zeit noch einmal sehen, sehen wir auch die mehr oder weniger rasante Fortentwicklung des Genres Film: kürzere Schnitte, Dialoge statt Monologe, schnelles Tempo, krasse Spannung, weniger Adagio zum Nachdenken. Nach fast sechzig Jahren habe ich durch Zufall ‚In der Hitze der Nacht‘, von Norman Jewison nach dem gleichnamigen Roman von John Ball, wiedergesehen. Damals verstand man es sowohl als Kriminalfall, wie auch als Rassismusdrama. Ich konnte mich an die Angst der beiden Mobszenen erinnern, nicht aber an die Szenen selbst. Die erste Mobszene zeigt den Protagonisten, den Detective Virgil Tibbs (Sidney Poitier) mit einer Brechstange, lebensgefährlich bedroht von vier Rassisten mit Eisenwerkzeugen. Dahinter hängt ein vermeintliches Arbeitsschutzschild:

Let us all be alert

We don’t want anyone to be hunted!

Im letzten, spannendsten Moment kommt der örtliche Sheriff (Rod Steiger), selbst auch anfangs mit etlichen rassistischen Vorurteilen ausgestattet, und befreit den Gastkriminalisten mit – bei uns in Europa – unerlaubter Brutalität. In der zweiten Szene ist der Mob schon auf acht wütende und zu allem entschlossene Leute angewachsen, diesmal ist die Lösung die Wahrheit, die Überführung nämlich des Täters.

Alle Klischees erscheinen als Details einer realistischen Abbildung: der rassistische Farmer, der den Detective ohrfeigt, aber dieser schlägt zurück und zeigt damit die Zeitenwende, die baumwollpflückenden Afroamerikaner, deren Armut und Unglück ihnen ins Gesicht geschrieben ist, the white trash – die weißen Armen, die den Rassismus immer wieder auf die Spitze treiben wollen, die Verhaftungsszene am Bahnhof, die Gefängnisszenen, die Ablösung des bisher reichsten Menschen, des Farmers Eric Endicott, durch den industriellen Investor, der ermordet aufgefunden wird und dessen Witwe beherzt auf der Beteiligung des Detectivs vom FBI besteht. Verdächtigt werden nacheinander: der unerkannte Polizeibeamte am Bahnhof, der flüchtige Landstreicher, der voyeuristische Polizist, nur der Täter nicht.  All die Spannung, die Angst, den Abscheu und die Bewunderung erleben wir auch nach so langer Zeit erneut: die fünf verliehenen von sieben nominierten Oscars sind mehr als verdient.

Aber die Zeiten haben sich geändert. Der Rassismus hat sich zwar gewandelt, bleibt jedoch weiter existent, Europa aber ist heute anders als 1967.

Aus der Kriminalgeschichte wurde eine Parabel. So wie Dürrenmatts ‚Der Richter und sein Henker‘ sowohl Kriminalstory als auch höhere Tragödie ist, so hat auch dieser Film in der heutigen Sicht eine übergeordnete Ebene erhalten. An drei Stellen kippt das rassistische Klischee um: der alte weiße Mann schlägt, als er verdächtigt wird, den afroamerikanischen Detective ins Gesicht – aber der schlägt zurück; in der zweiten Bahnhofszene ködert der örtliche Polizeichef den berühmten FBI-Inspektor mit dessen potenzieller Eitelkeit, besser zu sein als die ‚Weißen‘, wie es in Amerika heißt; und schließlich gibt der Mordexperte zu, dass er zu gern den alten weißen Farmer überführen würde, aber der ist nicht der Täter. Jetzt triumphiert der örtliche Polizeichef: Sie sind ja wie wir, Sie sind auch nicht anders. Der Verfolgte muss nicht der Bessere sein. Auch umgekehrter Rassismus ist Rassismus[1].

Bei uns wird seit Jahr und Tag, und in den letzten zehn Jahren verschärft die Frage erörtert, ob und wieweit die Demokratie wehrhaft sein darf. Darf sie nur mit Argumenten oder kann sie auch mit Repressalien zurückschlagen, wenn sie angegriffen wird? Wir verwechseln zur Beantwortung dieser Frage gern die Ebenen. Die Judikative kann nur Rechtsbrüche verfolgen, nicht Gedanken. Die Gedanken sind frei. Eine Zensur findet nicht statt. Jeder und jede kann jede Meinung haben und äußern. Jegliche Partei kann gegründet und gewählt werden. Die Strafbarkeit liegt immer in gesetzwidrigen Handlungen, nicht in deren Begründung. Allerdings ist es auch strafbar, zu Krieg, Sturz der Demokratie,  Mord und Hass aufzurufen.

Immer wieder wird von den Gegnern der Demokratie unterstellt, dass Gedanken und Worte verboten seien. Die Befürworter der Demokratie, die Mehrheit, wir tun uns schwer, sind oft uneins, scheuen Grenzen und Übertritte, sind sozusagen im Dauerdilemma: jede Lösung erscheint uns als zu langsam, zu umständlich, zu schlecht. Verboten sind jene Straftaten, die jetzt schon im Gesetzbuch stehen. Verboten sind Ungerechtigkeiten, soweit Gerechtigkeit fixiert ist, wie zum Beispiel im BGB oder in der Sozialgesetzgebung. Nicht verboten ist ein Gedanke oder eine Partei, die uns nicht genehm ist.

Ein merkwürdiger Impuls gegen die Demokratie ist das Straf-Paradox. Seit dem zweiten Weltkrieg haben die meisten Länder, darunter alle europäischen, die Todesstrafe abgeschafft. Um Mitglied der EU oder der NATO zu werden, ist dies sogar Voraussetzung. Statt Strafe setzen die meisten dieser Länder auf Resozialisierung statt auf Repressalien. Es gibt – das versteht sich von selbst – Missbrauch im Mikrobereich, der aber maßlos überschätzt wird.  

Die Wirkung dieser exekutiven Grundhaltung ist, dass die Kriminalität abnimmt. Viele Menschen, sicher etwa zwanzig Prozent, glauben allerdings das Gegenteil. Das sind wahrscheinlich dieselben zwanzig Prozent der Menschen, die an angeblich und anscheinend reinigende Kräfte der Autorität glauben, an Hierarchien statt an Netzwerke, an Egoismus und Nationalismus statt an Gemeinsinn, an Grenzen und Ausschlüsse statt an die offene Gesellschaft. Besonders subtil erscheint es manchen, auf das Toleranzparadox von Karl Popper zu verweisen. Es steht in einer Fußnote in einem 1000 Seiten starken Buch über die offene Gesellschaft. In der Textstelle zu der Fußnote (1484) heißt es kursivgedruckt: ‚Alle Theorien der Souveränität sind paradox.‘[2]  Polybios und Nietzsche gehen schon von der Kreisförmigkeit aller Gesellschaftstypen aus, heute sagen wir eher Hufeisenförmigkeit. Wir dagegen schlagen seit langem vor:

1. Liebe deine Feinde, denn dann hast du keine.

2. Das Gute siegt, das Böse kann nicht siegen, weil es substanzlos ist, es ist nur die Summe aller Unterlassungen.

3. Das Verhalten von Individuen und Gesellschaften ist sinusförmig.

Der alte weiße Farmer Endicott (Larry Gates) weint, als er bemerkt und bedenkt, dass er weder den Detective erschießen kann, wie er es früher getan hätte, noch dass er jemals wieder Recht bekommt, weil er nicht im Recht ist. Ob er erkennt, dass der ganze Rassismus, weil ein Konstrukt ist, Unrecht ist, das bleibt selbstverständlich offen und zu bezweifeln. Der Polizeichef Bill Gillespie verharrt durch die Macht, die er zu haben glaubt, auf jedem Level der Arroganz, bis er durch die Tatsachen heruntergespült wird. Selbst seine Einsamkeit vermag er nicht zuzugeben. Erst in der Abschiedsszene sieht er ein, dass er gewinnt, wenn er scheinbar verliert.

Viele Menschen sehnen sich nach  dem Gestern, das sie kennen, und fürchten sich vor dem Morgen, das sie nicht kennen. Die Medien fischen, um ihre Seiten und Minuten voll zu bekommen, im trüben Ungenau und vagen Kalkül. Das ist keine Lüge, sondern Dateninflation. Viele Menschen lesen und hören ohnehin nur, was sie schon wissen. Der Mensch ist nicht für Umbrüche und Wahrheiten geeignet. Nicht nur gegen jede Innovation wehren wir uns, sondern gegen jede Veränderung. Jede Erfindung wird verlacht, jede Entdeckung bezweifelt.

Der Film ‚In der Hitze der Nacht‘ ist eine Parabel des Menschen zwischen seinen meist falschen Narrativen und den meist unsichtbaren Tatsachen.   


[1] Robert Mugabe, der Diktator von Simbabwe, ließ britische Farmer erschießen und ruinierte damit die eigene Wirtschaft

[2] Karl Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Mohr Siebeck, Tübingen 1992, Bd. 1, S. 148

DER GEBLENDETE PFADFINDER

Vier Bemerkungen zu einem merkwürdigen Katalog[1]

1

Nach der Schlacht bei Kleidion 1014 n.Chr. ließ der byzantinische Kaiser Basileios II., der Bulgarentöter, vierzehntausend Bulgaren blenden, aber jedem hundertsten ließ er ein Auge. Das war der geblendete Pfadfinder. Auch übergroße Bewunderung kann dazu führen, dass man von der Schönheit, der Größe, Masse oder Bedeutung geblendet ist wie von der Sonne. Die Blendung – besonders mit dem Präfix ver –  ist mitunter eine schöne Metapher für die in Kaninchenstarre verfallene Bevölkerung eines autoritären Staates, die vielleicht sogar noch mit dem Stockholm-Syndrom geschlagen ist und später die autoritäre Entwürdigung und Vereinnahmung – weil sie mit der eigenen Jugend zusammenfiel – verherrlichen wird. Der geblendete Scout kann jedoch auch der blinde Seher der antiken Tragödie sein, der die Welt besser analysiert, weil er den äußeren Anschein perfekter ignorieren kann.

2

‚Wer einen Text liest, wird sein Autor.‘ Das soll allgemeingültiger heißen: die Interpretation entspricht nur ausnahms- und teilweise der Intention. Weil Kunst immer ein Konstrukt, eine Komposition, eine Abstraktion ist, widerspricht sie sich zunächst nicht und hat keine Alternative: die Kunstfigur ist nicht zu retten, aber die eineindeutige Interpretation ist ein gewöhnlicher Trugschluss: zu schön, um wahr zu sein. Als Beispiel kann man gut den Streit um Goethes Werther nehmen: die eine Partei [Lessing], meinte, der Verfasser solle unbedingt ein ‚zynisches Kapitelchen‘ anhängen, die nächste [Lichtenberg] glaubte, dass die beste Stelle in diesem Buch die sei, wo der Hasenfuß sich erschießt, und schließlich darf die Gruppe der Betonköpfe nicht fehlen [Goeze], die das Buch verbieten wollte. Goethe selbst war im Gespräch mit Eckermann der Meinung, dass jede Zeit ihren Werther haben wird und gab damit den Weg vor, der zur Befreiung der Interpretationen aus den Fesseln der Intentionen[2] führen kann.

Das Leben / die Welt von uns Menschen besteht aus Realitäten und Narrativen, und man kann sich lange streiten, ob das jeweilige Narrativ der katholischen Weltkirche, des Kommunismus, des nationalbolschewistischen Autoritarismus oder des Internets wirkmächtiger und universalistischer ist. Aber unbestreitbar ist, dass das, was wir für Realität halten, oft das Narrativ ist und umgekehrt. ‚Ein Traum, was sonst?‘[3] Das ganze Leben ist ein Zitat. Der größte Teil der Weisheit sind Sprüche. ‚Wer es fassen kann, fasse es.‘[4] Es bleibt dabei: Kunst ist [erstens] Kinderspiel. Kunst geht [zweitens] nach Geld. Kunst ist [drittens], was überdauert. Diese drei, aber wer ist die größte unter ihnen?   

Kann man sich aus dem herrschenden Narrativ oder aus der realen Umgebung isolieren? Nach der nationalsozialistischen Herrschaft und dem zweiten Weltkrieg hat ein Teil der im Land verbliebenen Künstler für sich den Begriff der ‚inneren Emigration‘ geschaffen und beansprucht. Sie wollten damit sagen, dass es zur Distanzierung nicht nötig ist, außer Landes zu gehen. Ob das auch auf die dissidenten Künstler und Politiker der DDR zutrifft, wird seit 1989 kontrovers diskutiert. Die ‚inneren Emigranten‘ vertraten ein Spektrum vom harmlosen Mitläufer bis zum aktiven und verfolgten Widerständler. Der Wortführer der Emigranten, Thomas Mann[5], verurteilte die ‚innere Emigration‘ scharf und auch ungerecht, diese antwortete mit dem Verdacht des Verrats. Wir dürfen nicht vergessen, dass es noch die Zeit des Nationalismus war: Nationalismus ist etwas für Menschen ohne Ich. Der Begriff der ‚inneren Emigration‘ ist also im zeitlichen Kontext verständlich und allgemein akzeptiert, semantisch ist er eigentlich unsinnig. Aber was ist ‚innere Immigration‘[6]? Es könnte ein von der Verfasserin vorgeschlagener völlig neuer Begriff sein. Dagegen spricht sowohl seine semantische Paradoxie: wohin will der Menschen wandern, wenn er schon innen ist?, als auch der absolut singuläre Gebrauch in diesem fragwürdigen Büchlein. Dessen Titel, die merkwürdige Dichotomie ’Von Zärtlichkeit bis Anklage‘, der umgedreht wenigstens etwas besser wäre, erinnert leider an ein Machwerk sozialistischer Literatur, den Roman ‚Gewalt und Zärtlichkeit‘ von Horst Bastian.  

3

Warum verklärt man eine zurecht untergegangene Realität? Warum trauert man einer ‚Gemeinschaft‘ nach, die keine war, weil es keine gibt. Eine Gemeinschaft ist im besten Fall eine Gruppe von Menschen, die eine einzige Ansicht der Welt erlaubt: ‚ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche‘[7], Volksgemeinschaft, sozialistische Menschengemeinschaft und schließlich die von Ulrich Siegmund in Sachsen-Anhalt angestrebte Gemeinschaft  der neunziger Jahre. Jeder Gruppe wohnt das Schisma inne, schon allein deshalb bleibt jede angestrebte Gemeinschaft Dystopie. Allerdings verspricht die pluralistische Gesellschaft keine platten Erleichterungen. Es ist immer schwer zu akzeptieren, dass andere anders sind. Noch merkwürdiger wird es, wenn der schöne Gedanke der fraternité aus der französischen Revolution von 1789 plötzlich Maxim Gorki als Erfinder zugeordnet wird. Die posthume Fassung der Ode an die Freude von 1808 ist spätestens seit der Vertonung von Beethoven und der Installierung  als Europahymne Gemeingut: alle Menschen werden Brüder. Beinahe noch großartiger, weil auch den sozialen Aspekt betonender, ist die Urfassung von 1785: Bettler werden Fürstenbrüder.

In der merkwürdigerweise gepriesenen sozialistischen Menschengemeinschaft fehlten allerdings ‚schlicht die finanziellen Mittel‘, der Künstler und seine Familie aßen Margarine und Gartenfrüchte, seine Tonmodelle zerbröselten, Jugendliche ‚mit Zerstörungseifer‘ schlugen die angeblich hochgeachtete Kunst ‚kurz und klein‘.

Ausgerechnet das ‚Haus der Kultur und Bildung‘ von Iris Dullin-Grund, einer Schülerin von Selman Selmanagić, das die historische Stadtstruktur irreversibel zerstörte, wird als Höhepunkt der ‚gemeinschaftlichen‘ Kunst gefeiert. Noch krasser wird das in dem als Genossenschaft geplanten, dann aber bald vom Staat vereinnahmten ‚Zentrum Bildende Kunst‘ deutlich. Vielleicht hatte es Gildenhall, Eden, Worpswede oder sogar Monte Verita als Vorbild. Keinesfalls zerbrach es mit dem Ende der DDR, vielmehr löste es sich 2002 von selbst auf. Geführt wurde das Zentrum allerdings von Ruth Crepon, der Ehefrau des Chefs des Neubrandenburger Literaturzentrums und Bezirksvorsitzenden des Schriftstellerverbandes Tom Crepon. Er war nicht nur ein informeller Mitarbeiter der Staatssicherheit, sondern bekannt für seine Intrigen und Bespitzelungen, oft in Zusammenarbeit mit Joachim Wohlgemuth. Das alles war in der Kulturszene der DDR wohlbekannt, aber im Katalog der Ausstellung wird das Zentrum als reiner Hort der Kunst und der Gemeinschaft gefeiert.

4

Ein wahrlich alter Mann zeigt sein beträchtliches und beachtliches Lebenswerk, aber die Laudatorin benutzt überflüssigerweise die Verklärung der DDR, um eine völlig verquere Interpretation des Holzbildwerks von Karl  Rätsch zu präsentieren. Zwar hat der Künstler eine DDR-Bilderbuch-Biografie, aber davon ist hier in der Schlosskirche in Neustrelitz nichts zu sehen. Auch die Titel seiner Werke, vielleicht mit einer Ausnahme[8], sind nicht politisch oder historisch festgelegt. Die Skulpturen bewegen sich zwischen einer Semifiguration und einer Semiabstraktion. Einige erinnern stilistisch vielleicht entfernt an Barlachs Bildsprache. Vielmehr als aus Biografie und Geschichte erklärbar scheinen sie philosophisch inspirierte Essays über menschliche Verhaltensweisen, Ideen, Gefühle und Absichten zu sein. Die Figur ABENDLICHES RESÜMEE sieht sogar autobiografisch aus: ein Denker oder Künstler oder einfach ein Mensch zergrübelt den Tag, die Woche, den Monat, das Jahr. So ist es oft: unsere Absicht war groß, die Wirkung erscheint zu klein, aber die Folgen können wir nicht absehen. Kühle, abstrahierte Frauenkörper erscheinen als die Schatten der Schönheitsideale, die Jahrhunderte galten, sich aber jetzt besinnen: SICH BESINNENDE oder JEDER TAG STELLT NEUE FRAGEN. Wir erschrecken vor einem Alptraum, den wir erwarteten: DER ÜBERFÄLLIGE ALPTRAUM. BRÜDER – WAS TUT IHR MIR AN erinnert mich sofort en die tausendjährige Segregation, die Sortierung und Entwürdigung unserer Brüder aus fernen Ländern, um Arbeitskraft zu potenzieren, übrigens auch in der DDR mit ihrer ‚Gemeinschaft‘. Überhaupt sehen einige Skulpturen wie Afrikaner aus, nichts von alledem hat einen Bezug zur DDR, die ganz umsonst und sinnlos für ein Werk bemüht wurde, das sich selbst erklärt. Sobald ein Kunstwerk aus dem Atelier hinaus in die Welt tritt, zerbröselt die Intention seines Schöpfers. Selbst in dem Punkt gleicht die Kunst der mosaischen Schöpfungsgeschichte: Gott erschafft die Menschen nach seinem Bilde und ist entsetzt. Aber auch in Rätschs Biografie findet sich dasselbe Gleichnis: er stellt seine Tonmodelle naiv in die Winterwelt und die Kälte zerbröselt die gute Absicht, dann kommen auch noch Jugendliche aus der ‚Menschengemeinschaft‘ und zerstören den Rest. So geht es jedem Wort und Werk: erst kommt das Palimpsest, dann die Entropie, im allerbesten und seltensten Fall liegt dazwischen ein Museum.

Dem Architekten[9] der Neustrelitzer Schlosskirche versank sein und unser Lieblingsbau wie von ihm vorausgesagt im benachbarten Morast. Der Großherzog hatte seinerzeit befohlen, sich über die Naturgesetze zu erheben. Der Architekt erschoss sich deswegen, vielleicht aber auch aus Fatigue, er war ein alter Mann mit einem riesigen Lebenswerk in einem winzigen Land, und aus Trauer über den vorzeitigen Tod seiner geliebten Frau. Die Schlosskirche selbst verlor die vorbestimmte Interpretation als Sakralbau, die Bestimmung als Feudalbau, keine Gläubigen mehr, keine Herzöge, die vor dem Heer zogen, noch nicht einmal mehr Geld, um die Orgel zu reparieren. Nichts bleibt so, wie es beabsichtigt war. Nichts wird wie früher.  Das meiste, das wir über früher denken, ist genauso falsch wie das, was wir über morgen denken und was wir übermorgen denken.

Wer glaubt, den Pfad gefunden oder verloren zu haben, ist sehr wahrscheinlich geblendet. Alle Navigation einschließlich ihrer Geräte, und seien es Automaten, krankt an der niedrigen Erfolgsquote, so wie wir Menschen selbst, die wir uns stets für richtig halten, und fast immer daneben liegen. Wie ein Lottospieler sind wir, der – auch dies nach Schiller – immer nur Nullen zieht. Wir lassen uns durch Narrative blenden, durch Tatsachen, durch Notwendigkeiten, durch Ermüdung und Halluzination, durch Gefolgschaft, Gehorsam und vermeintliche Gemeinschaft, die immer, immer verlogen ist. Über allem steht die Kunst, die keiner Erklärung bedarf, die vom Herzen kommt und zu Herzen geht.

Einen haben wir noch:„…wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz.“[10]   


[1] Mara Maroske, Von Zärtlichkeit bis Anklage. Das Lebenswerk des Bildhauers Karl Rätsch

[2] Invention vor Intention

[3] Heinrich von Kleist, Prinz Friedrich von Homburg, V,11

[4] Matthäus 19,12

[5] ‚Wo ich bin, ist die deutsche Kultur.‘

[6] S. 4ff.

[7] Wilhelm II. 1914

[8] WIR – ZUM HERRENMENSCHEN VERURTEILT

[9] Friedrich Wilhelm Buttel 1796-1869

[10] Psalm 90,9

KARL RÄTSCH, Der geblendete Pfadfinder, 1990

PARTEIEN SIND PAROLEN

1

So wie der Bundeskanzler Merz das Wort Zirkus als Pejorativ benutzt, obwohl wir alle als Kinder viel Freude und Staunen im Zirkus erlebten,  glaubt ein kleines Parteibüro einer kleinen, dennoch ziemlich gotischen Stadt im Nordosten Deutschlands, einen anthropomorphen Begriff vom Moor benutzen zu dürfen, obwohl schon der blutjunge Schiller (18) in seinem ersten Theaterstück die Dinge geraderückte: Der Mensch, der sich navigationslos ins Moor begibt, dem mag es ausweglos und bedrohlich, gar tödlich erscheinen. Wer aber eine Ebene höher zu blicken vermag, der wird merken, dass unsere Urgroßeltern uns vom Moor an den Schuhen kleben. [SCHILLER, Die Räuber IV,2] Moore sind unseren Voreltern ein Gräuel gewesen, einmal wegen der vermeintlichen Ausweglosigkeit, zum andern aber auch als Alternative zur im neunzehnten Jahrhundert erst in den Anfängen steckenden Intensivierung der Landwirtschaft. In der immerhin 100 km² umfassenden Friedländer Großen Wiese scheiterten allerdings nacheinander Hans Graf von Schwerin-Löwitz, der Reichsarbeitsdienst und die Freie Deutsche Jugend. Heute wissen wir, dass aller Landgewinn angesichts der Artenvielfalt  und der Bindung von Kohlendioxid verblasst. Drainierte, also begehbare und nicht ausweglose Moore dagegen setzen Kohlendioxid frei und belasten damit die Atmosphäre und das Klima. Die von Carl von Clausewitz beschriebenen Friktionen, also Reibungen zwischen Plan und Ablauf, sind, da sie prozessual auftreten, nicht mit dem mittelfristig stabilen Moor zu vergleichen. Das Moor taugt wohl nicht als Paraphrase für den Krieg. Die Sprüche in dem Schaufenster bleiben Phrase, Parole, Populismus, pubertäre Prosa. Das Moor ist allemal mehr Lösung, als dass es zur Losung taugt.

Der Krieg ist die Mutter der Marktlücken des Kapitalismus.

Der Krieg ist das ausweglose Moor.

Niemand wird nur wegen seiner Mutter geboren. Um geboren zu werden, benötigt jeder viele Dutzend Gründe. Nichts ist monokausal, weder ein Krieg noch eine Mutter oder eine Marktlücke und auch nicht der Kapitalismus. Selbstverständlich ist es erlaubt und auch möglich, übergeordnete Wahrheiten in kurzen, einfachen Sätzen unterzubringen, aber das gelingt nur sehr selten: all you need is love und schon etwas länger wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.

2

Der berühmte Satz von Heraklit, dass der Krieg der Vater aller Dinge sei, gehört nicht dazu, denn er ist nur kurz in der verkürzten und demzufolge falsch zitierten Weise. Der gesamte Gedanke Heraklits lautet: ‚Der Krieg ist aller Dinge Vater, aller Dinge König, die einen macht er zu Göttern, die anderen zu Menschen, die einen zu Sklaven, die anderen zu Freien.‘ [HERAKLIT, Fragmente B 53] Hieraus kann man leicht erkennen, dass Heraklit nicht von der militärischen Auseinandersetzung, sondern vom Streit und Widerspruch sprach. Die Anspielung des linken Spruchs funktioniert also nur, wenn man falsch zitiert und demzufolge falsch weiterdenkt. Der Krieg allein ist also niemandes Vater oder Mutter, weil schon die Idee einer monokausalen Mutter oder eines monokausalen  Vaters zu verwerfen ist. Noch nicht einmal der Gedanke einer Leihmutter ist sonderlich neu: sie erscheint schon als Abrahams Lösung der Kinderlosigkeit seiner Frau und führt zum ersten Schisma der später abrahamitisch genannten Religionen. [GENESIS 12ff.] Die Rolle des Vaters ist seit jeher fragil und letztlich unentscheidbar, wie auch antike Geschichten und Gestalten, die Dioskuren, bezeugen. Denn selbst der genetisch richtigste Vater kann der tatsächlich falscheste sein und umgekehrt.

3

Marktlücken sind kein Synonym von Mangel, sondern vielmehr dessen Ausgleich. Allerdings verleitet die Marktwirtschaft auch dazu, künstlich geschaffenen Mangel als Marktlücke auszugeben und zu beseitigen: wer braucht wirklich ein Auto, wo doch die meisten Menschen weltweit in urbanen Räumen hausen? Der Krieg schafft also nicht Marktlücken, sondern Mangel. Auch die viel zitierten Profite der Rüstungsindustrie können an diesem Bild nichts ändern, denn mit 12.000.000.000 € (2024) bleibt der Waffenexport, gemessen am deutschen Gesamtexport von 1.560.000.000.000 € (2025) marginal, nämlich unter einem Prozent. Das soll keine Beschönigung sein, es bleibt richtig, den deutschen Waffenexport zu kritisieren, mit Ausnahme vielleicht von dem in die Ukraine.

Die Marktlücken haben selbstverständlich keine gemeinsame Mutter, weder den Krieg noch den Frieden, sie sind vielmehr abhängig vom Stand der Wirtschaft und des Wohlstands. In der Planwirtschaft gibt es regelmäßig sowohl Mangel als auch Marktlücken, weshalb sie zuallermeist als Misswirtschaft empfunden wird. Dafür betrachten wir zwei Beispiele: die von Walther Rathenau organisierte Kriegswirtschaft ab 1915 (‚Kriegsrohstoffabteilung‘), die zum Kohlrübenwinter führte, und die auf Energiemangel und Schulden desorientierte Wirtschaft alter Männer in der Schlussphase der DDR, die zu deren Scheitern führte. Rathenaus tatsächliche Bedeutung liegt in der Entdeckung der Exportwirtschaft als Friedensfaktor, weshalb er von den rechten Gegnern eines dauerhaften Friedens ermordet wurde.

Wenn man unbedingt den Vater oder die Mutter als Metapher missbrauchen will, dann könnte man vielleicht von der Marktlücke als der Mutter der Innovation sprechen.

4

Eine ebenso unerlaubte Verkürzung ist das ständige Gerede vom Kapitalismus. Denn seit Ludwig Erhard und seinen Vorläufern leben wir glücklicherweise in einer hochentwickelten sozialen Marktwirtschaft. Das bedeutet, dass der Staat immer wieder das Marktversagen und damit grobe Ungerechtigkeiten ausgleicht. Das heißt nicht, dass es nicht einen ständigen Kampf um die Tendenzen des Neoliberalismus gibt. Aber letztlich wird die CDU nicht den Sozialstaat, den sie selbst geschaffen hat, beseitigen. Deshalb ist es nicht nur legitim, sondern auch höchst wünschenswert, dass es immer wieder Gruppierungen und Parteien gibt, die Verteidigung und Ausbau des Sozialstaats voranbringen wollen. Absolut aktuell ist hier an den Wohnungsmarkt zu denken, immerhin war der soziale Wohnungsbau eine der vornehmsten Erfindungen der deutschen Sozialdemokratie (Ernst Reuter, Martin Wagner), und seine sichtbaren Ergebnisse sind heute UNESO-Weltkulturerbe. Gerade deshalb muss und kann es links von der SPD Parteien und Gruppierungen geben. Wenn diesen Parteien aber nichts einfällt, als mit ultralinken Parolen einer bitterbösen Vergangenheit Schaufenster der Gegenwart zu verunzieren, dann gereicht das niemandem und niemandin zum Nutzen.

5

Da in dem Fenster noch zwei weitere Spruchplakate befindlich sind, kann man annehmen, dass deren Verursacher irgendwie ihr Unbehagen an dem gegenwärtigen Krieg – vielleicht sogar an drei gegenwärtigen Kriegen – ausdrücken will. Aber der Ukrainekrieg wurde weder von der NATO begonnen noch irgendwie verursacht. Israel wurde von der HAMAS angegriffen und der Irankonflikt, so umstritten und diskursnotwendig er sein mag, hat seine Ursachen in der nach innen und außen menschenverachtenden Politik der verbrecherischen Mullahs.

Statt immer wieder die jeweils gleichen Parolen zu verbreiten, sollten alle Parteien untereinander in einen Innovationswettbewerb um die besten Lösungen treten, der öffentlich auf den Marktplätzen und in den Stadthallen ausgetragen wird.

IM KRANKENZIMMER

In jedem Krankenzimmer wohnt neben der Hoffnung immer auch der Tod. Wir sterben zwar, weil wir leben, aber zwischen uns und dem Tod ist die Krankheit oder die Koinzidenz unvereinbarer Tatsachen, die wir Unfall nennen. Letztlich kann alles tödlich sein, und wir wissen noch nicht einmal die Quote zwischen den Lebenden und den Toten. Historisch gesehen gibt es vielmehr Tote als Lebende. Solange man jung ist, muss man darüber nicht nachdenken, obwohl hin und wieder der Tod auch zwischen die Jugend tritt. Werden wir älter, so tritt der Tod und die Todesangst neben die Lebensängste in das Leben mitten hinein. Wir können mit dem Tod nur leben, weil wir nicht an ihn glauben. Erst als Greisen wird uns klar: der Tod ist das, was nicht mehr weh tut.

Vor zwanzig Jahren war auf der Südseite des Krankenhauses in P. die Urologie, und ich lag mit Nierensteinen, die damals noch zertrümmert wurden. In einem Dreierzimmer lag neben mir ein alter Mann – ich war damals noch nicht alt, wenn auch nicht mehr jung -, dem die Chefärztin auf ihre bekannte burschikose Weise beibrachte, dass der Krebs bei ihm sich so weit durchgefressen hatte, dass die Harnblase und die Prostata entfernt werden mussten, und dass das morgen passieren wird und wie er sich darauf vorbereiten müsse. Sie sprach von medizinischen Einzelheiten. Aber wir alle im Raum, die drei kranken Männer, die beherzte Chefärztin, der verdutzte Assistenzarzt, die traurige Krankenschwester, wussten, dass sie von nichts anderem sprach als von Leben und Tod.

Solange wir leben wird die Qualität des Lebens mit hohen und höchsten Begriffen gleichgesetzt und beschrieben: Ehre, Stolz, Sinn des Lebens, Menschlichkeit, vermeintliche Nation und ihr angeblicher Geist, seit Kant aber: Würde, die kein Äquivalent hat. Jedoch lernten wir in dieser Nachmittagsvisite, dass der alte Mann bald kein Mensch mehr sein wird, dass er wie Claire Zachanassian aus Substituten und Prothesen besteht, die ihm für ein nur noch kurzes Leben mehr schlecht als recht zur Verfügung stehen: Selbstverständlich ist ein Mensch mehr als ein Mann, aber ein Mann, der kein Mann mehr ist, fragt sich, ob er noch ein Mensch ist. Es bedürfte großer geistiger, emotionaler und vielleicht religiöser Kräfte, um mit diesem Widerspruch zu leben. Es ist zu bezweifeln, dass der alte Landarbeiter aus dem kleinen Ackerbürgerstädtchen P. über diese Kräfte auch nur ansatzweise verfügte. Vielmehr wird er sich in sein fragmentarisches Leben gefügt haben und wird bald still gestorben sein. Obwohl Pest und Krebs so schlimme und kaum beherrschbare Feinde des Menschen waren und sind, gibt es immer wieder Führer, die den Krieg als Mittel der Politik missbrauchen. Im Landstädtchen P. war es Adolf Hitler, der hier im Lazarett log, um dann Millionen in den Tod zu stürzen. Zur Strafe stürzte wenig später die riesige Marienkirche ein, die heute einen Betongleitkern als Prothese hat.

Zwanzig Jahre später liege ich wieder in einem südlichen Zimmer im zweiten Stockwerk des Krankenhauses in P. Jetzt ist hier die internistische Abteilung, und mein Hausarzt wollte wohl einerseits die tatsächlichen Symptome bekämpft wissen, während er beruhigt in die Ferien fuhr. Andererseits sah er die Chance, dass all die nötigen Untersuchungen gemacht würden, vor denen ich mich fürchtete und denen ich per Prokrastination aus dem Weg gegangen war.

Und wieder liegt ein todkranker Mann neben mir. Seine Leber hat aus bisher nicht erklärbaren Gründen ihre Tätigkeit zu achtzig Prozent eingestellt. Sein Bauch schwoll durch Wasseransammlungen und weitere Abprodukte auf das Volumen einer Schwangerschaft im Endstadium. Er leidet aber noch mehr als an den unschönen Symptomen an den projizierten Folgen, die für ihn klar daliegen. Heute hat eine ganz sanfte und empathische Stationsärztin seiner gesamten versammelten Familie die weiteren Schritte erklärt. Und als sie als mögliche Endkonsequenz die Transplantation erläuterte, brach die Frau des Kranken in Tränen aus. Denn sie hatte, wie alle anderen, verstanden, dass der Ersatz das Ende nur verzögern wird. Ohne Leber nützt auch die Würde nichts mehr, ja verschwindet sie hinter den Auswüchsen des fehlenden Organs. Der Mann war in seinem vorigen Leben Schäfer. Das sind diejenigen, die wir wegen ihrer aus Einsamkeit entsprungenen Weisheit verehrten, die kräuter- und heilkundig waren. Sie haben aber auch die Schafe, die sich vor dem Wolf fürchteten, selbst aufgegessen. Aber wir alle haben in den nicht reflektierenden Zeiten, als die Not des Hungers noch über die Zäune bleckte, Schweinelebern gegessen, essen heute noch Leberwurst oder gar Gänseleberpastete. Wir merken nicht, dass wir uns selbst auffressen. Wir merken nicht, dass wir die Ozeane mit Müll fluten. Wir merken nicht, dass wir die Atmosphäre zerstören. Wir merken nicht, dass wir die Tiere quälen.  

Die Früchte unserer Erzählungen zerstören die Realität. Dabei gab es immer warnende Stimmen, Mahner und Propheten. Es ist trivial zu erwähnen, wo die meisten von ihnen landeten: am Kreuz, am Galgen, vor den Erschießungskommandos, in den Kerkern.

Es wäre besser, wenn wir endlich gesund würden.  

GRYLLENKUNST

GRYLLENKUNST[1]

   gib deinem leben neuen sinn

   wach morgens auf als käferin

Ihr alten und hochweisen Leut, fallera,ihr denkt wohl, wir sind nicht gescheit, fallera,Wer sollte aber singen,wenn wir schon Grillen fingenin dieser herrlichen Sommerzeit?         Studentenlied aus Schweden   Gequält war er sein Leben lang,da fand er mich auf seinem Gang,Ich macht ihm deutlich, dass das Lebenzum Leben eigentlich gegeben, nicht soll in Grillen-Phantasien und Spintisiererei entfliehn.Solang man lebt, sei man lebendig.                                        Goethe, Maskenzug 1819  

0

Die Zweiteilung gehört anscheinend zur DNS menschlichen Denkens, Dichtens und Rechnens. Wenn wir aus unseren Müttern fallen, sind wir schon zwei. Danach sehen wir Kleine und Große, Frauen und Männer, Heiden und Christen, Ost und West, angeblich Schwarze und vermeintlich Weiße…aber dann, wenn wir da angekommen sind, merken wir, dass wir einem Konstrukt aufgesessen sind. Die Welt – und das ist schon wieder eine Zweiteilung – besteht aus Realitäten und Narrativen, die sich aber nicht aus-, sondern einschließen. Das Bild dazu ist die Eulersche Schnittmenge. Das ist sozusagen die Unschärferelation der sichtbaren Welt. Alles Sichtbare ist Osmose. Alle Grenzen sind selektiv permeabel. 

1

Das Leben des Kindes und der Steinzeitmenschen verläuft in einer strengen Ordnung im engen Rahmen der Familie, höchstens der Großfamilie. Die Wissenden werden als allwissend und allmächtig wahrgenommen. In den Armen eines Vaters kann das Kind sogar fliegen, was man dann ein Leben lang träumt. Der Steinzeitmensch dagegen sieht die Kraft und den Mut aus seiner eigenen Höhlenzeichnung tatsächlich auf sich übergehen. Damit ist nicht nur die Kunst geboren, sondern auch die Lebenskunst. Wir bedürfen der Zeichen, um uns bewegen zu können, und was ist ein Zeichen anders als ein Gezeichnetes. Auch vom Menschen, der durch ein schwieriges Leben musste, sprechen wir vom Gezeichneten.

Je mehr wir glauben, dass wir durch Eltern und Schule genügend Regeln, Gebote und Verbote, erhalten haben, desto weniger stimmt es. Nehmen wir das zwanzigste Jahrhundert in Deutschland als ein Beispiel, wie sich die Wertesysteme die Klinke in die Hand gaben. Eben noch regierte der nach Gott zweitallmächtigste Mann mit allerdings durch Aberglauben verkürzter Hand samt seinen Bischöfen, Marschällen, Ministerpräsidenten und Oberschulräten über ein gläubiges und untertäniges Volk, schon wird das ganze Herrschaftsgefüge durch die Hybris der Herrschenden hinweggefegt. Von den etwa dreizehn Millionen deutscher Soldaten hatte vielleicht ein Dreizehntel Schopenhauer im Tornister. Aber sie haben ihn nicht gelesen oder nicht verstanden: Nationalismus ist etwas für Leute ohne ICH[2]. Der erste Versuch der Demokratie schlägt fehl, Rathenau, ein elitärer Demokrat und Freigeist, wird von denen erschossen, die schon früh an Hitler und seinesgleichen glaubten. Wie sehr mit Hitler die ganze alte Ordnung in den Strudel des Untergangs gezogen wurde, kann man gerade hier in Woddow sehen: Rokossowskis Panzer zerschlagen den Kirchturm, aber die geschlagene Bevölkerung zerschlägt Kirche und Gutshaus. Beinahe möchte man sagen: und so weiter. Wer durch dieses Chaos des Lebens finden will, benötigt einen sich selbst orientierenden und ständig korrigierenden Kompass, kein starres und auch irrendes Navigationsgerät. Aber leider vertrauen wir immer noch zu viel auf alte und neue Navigationsgeräte, deren bewundernswerte Präzision ihre Fehlerhaftigkeit und magnetische Abhängigkeit allzu oft verdeckt und versteckt.  

Die erste These lautet also: Um durch das eigene Leben zu finden, mag der eine oder andere Wegweiser hilfreich sein. Der Weg selbst ist aber ein selbstgestaltetes Kunstwerk mit Gefährten, Wegmarken, Fallen und Ausflüchten. Der Weg ist nicht das Ziel, das ist eine müde Ausrede von Leuten, die es nicht aushalten, nicht da angekommen zu sein, wohin sie sich mit siebzehn Jahren geträumt hatten.  Die Kunst des Lebens besteht vielmehr darin, an Träumen festzuhalten, sich immer neue Träume auszumalen. Man kann es kaum schöner sagen als der vergessene Dichter Friedrich Rückert, der aber von Hermann Hesse in dessen schönstem Buch zitiert wird:   

Die Tage ſehen wir, die theuren, gerne ſchwinden,
Um etwas theureres herangereift zu finden,

Ein ſeltenes Gewächs, das wir im Garten treiben,
Ein Kind das wir erziehn, ein Büchlein das wir ſchreiben.[3]

Die erste Hauptthese lautet also: Leben ist Kunst.

2

Was ist nicht Kunst? In dem ebenfalls zu Unrecht vergessenen schwedischen Studentenlied ‚Im Frühtau zu Berge‘[4] wird die Grille als Metapher, nicht wie bei Goethe für die lebensabgewandte Grübelei, sondern als die dem Singen adäquate Beschäftigung mit dem Überdrauf, mit dem Surplus des Lebens, mit dem, was es nicht im Supermarkt gibt, kurz mit der Transzendenz gleichgesetzt. Kunst ist gleich und nebst der Religion und der Philosophie die Abstraktion des Lebens, das Abbild, das über sich selbst hinausweist.  Nur wer zu schnell denkt und urteilt, wird finden, dass die drei nicht die höchsten Formen von Gedanken und Gefühlen sind. Man darf sie sich nicht isoliert, drei Kästen ohne Klappe, vorstellen, sondern osmotisch verbunden, dem Gesetz der kommunikativen Röhren unterworfen. Ihr gemeinsamer Vorfahre ist der Schamane oder Medizinmann. Die Eloquenz stellte sich erst später ein.

Wenn man einem nur durchschnittlich gebildeten Menschen einen Abschnitt von Hegel zu lesen gäbe, so würde dieser sagen: Der Mann ist krank. Denn unser Beispielmensch spricht die Sprache der Philosophie nicht. Aber das heißt nicht, dass er nicht philosophiert, das heißt nicht, dass er nicht religiös ist, da heißt nicht, dass er nicht Künstler ist. Es ist trivial zu sagen: jedes Kind ist kreativ. Auch jede und jeder Erwachsene kann befreit werden. Der Alltag mit seiner spießigen Langeweile hat uns so fest im Griff, dass wir uns im allgemeinen mit der Konsumtion begnügen. Allerdings ist die mögliche Konsumtion auch allgegenwärtig und allmächtig. Aber in jedem Dorf gibt es einen Kirchenchor, in jeder Kleinstadt gibt es eine Malerinnengruppe mit ihren Blumenbildern, in jeder Kreisstadt gibt es eine Volkshochschule (auch eine Idee schwedischer Studenten), in der man töpfern kann. Und weil uns das Kreative des Töpferns in die Nähe des Schöpfergottes bringt, wurde in Süddeutschland Gott auch der große Häfner genannt. Töpfern ist Nachahmen, Kunst ist Mimesis. Und seit der Antike gesellt sich zur Mimesis, der kunstvollen Nachahmung, die Katharsis, die Reinigung der Seele. Und da sehen wir sie alle drei vereint: durch Kunst, durch Religion, durch Philosophie versuchen wir unsere Seele von der geistigen Umweltverschmutzung freizuhalten und zu reinigen. Lange vor dem Christentum und dem Islam saßen die Menschen in den großen Amphitheatern und lauschten den Worten von Sophokles: UNGEHEUER IST VIEL NICHTS IST UNGEHEURER ALS DER MENSCH[5]. Man kann sich nur bemühen, kein Ungeheuer zu werden. Aber alle träumen wir doch ein bisschen: ungeheuer gut zu werden. Das geht nur dadurch, dass man nicht nur teilhat oder teilnimmt, sondern mitmacht: THE MORE I GIVE THE MORE I HAVE FOR BOTH ARE INFINITE[6].

Was die Kunst dem Menschen gibt, ist immer schräg, entspricht nicht dem gradlinigen, langweiligen Verständnis des Buchstabengelehrten oder gar des Buchstabenentleerten. Michelangelo ist schräg? Ja, denken wir an den Yesus auf Marisas Knien, der geliebt und geschützt wird, wie ein Baby, obwohl er doch ein toter dreißigjähriger Mann ist. Oder denken wir an seinen David, der sich in einen Goliath ohne Monsterqualitäten verwandelt hat. Die Verwandlung, so ist der schrägste Einfall des schrägsten Klassikers betitelt, erlebt der Handelsvertreter, der als Käfer aufwacht und nun plötzlich weiß, warum ihn niemand liebt. Bach ist schräg? Ja, aus Freud und Leid macht er Fugen, die jede und jeden ergreifen, auch die und den, welche nicht wissen, was eine Fuge ist.

Die zweite Hauptthese ist also: Alle Kunst ist Grylle. 

3

Lange Zeit war es in den Schulen üblich, ganz im Ernst die berüchtigte Frage zu stellen: Was will der Dichter damit sagen? Die Interpretation war also, wenn nicht staatlich geregelt, so doch vom allweisen Lehrer vorgegeben und durch Bewertung und Zensur dem Schüler eingenötigt. Zwar gibt es Werke und sogar ganze Perioden, für die eine allgemein gültige Interpretation vorherrscht, die Aufklärung und die Kunst in der Diktatur. Das ist aber auch der Grund, warum dieser Kunst keine Dauer beschert war. Allerdings gibt es zwei Ausnahmen: Robinson Crusoe, den aufgeklärten handwerkenden selfmademan, und Nathan den Weisen, den toleranten und reichen alten Mann, der mit der berühmten Parabel von den drei verwechselbaren Ringen nicht nur in die Geschichte überhaupt, sondern in das Bewusstsein jedes Menschen guten Willens für immer eingegangen ist.

Für neunundneunzig Prozent aller Kunst gilt aber: die Interpretation ist frei und muss frei sein, da Menschen keine Schafe sind. Aber Vorsicht: woher wollen wir wissen, wie Schafe denken? Eine Skulptur, eine Sinfonie, ein Roman trifft auf Menschen, die vieles gemeinsam haben, aber auch vieles anders. Dieses Andere muss sie nicht trennen, aber kann sie unterscheiden. Manche unterschiedlichen Sichten ergänzen sich so gut, dass man von Komplementen sprechen kann, zum Beispiel die ordnungsliebenden und die freiheitbevorzugenden Menschen. Im Moment scheint es Mode zu sein, den anderen gar nicht erst zu Wort kommen zu lassen, aber es werden auch wieder Zeiten kommen, in denen die Ringparabel oder das Gleichnis vom verlorenen Sohn zum fundamentalen Verständnis möglichst vieler Menschen gehören werden.

Da die meisten Künstler alt oder tot sind, können ihre Intentionen niemals hochprozentig verwirklicht werden. Künstler überschätzen auch gerne ihre Möglichkeiten. Kunst ist auch nicht nur lupenrein gute Absicht, sondern muss auch meistens Geld verdienen, soll auch – im besten Fall – noch nach vierhundert Jahren wirken und angenommen werden können. Manche Künstler unterschätzen aber auch ihre Wirkung: Bach zum Beispiel hätte wohl nie glauben können, dass seine unendlich vielen und unendlich schönen Choralsätze sowohl inhaltlich als auch von der polyphonen Grundstruktur her über den Gospelsong in die Popkultur mindestens dreier Kontinente eingehen werden. Wenn aber die Intention nicht Wirklichkeit werden kann, so geht die Hoheit über den Text, das Bild, den Klang vom Autor auf den Leser, Betrachter oder Hörer über. Er bestimmt, schon durch sein Kaufverhalten, welche Kunst angenommen wird und überdauert. Genau genommen ergibt sich die Annahme, dass wir nicht wissen können, wie ein Text interpretiert werden soll und ihn stattdessen interpretieren, aus dem schönen Lied der Beatles: tomorrow never knows, niemand weiß, was morgen ist und niemand weiß, was gestern war.

Die erste Nebenthese ist demzufolge: Der Rezipient wird Produzent.

4

Die zweite Nebenthese dagegen heißt:

DAS GEFÜHL VERSTAND, WAS DER VERSTAND GEFÜHLT.

Es ist ein alter Streit zwischen Verstand und Gefühl oder zwischen Vernunft und Kunst oder zwischen Realität und Erzählung. Heine schreibt dazu: es ist eine alte Geschichte, doch ist sie immer neu, und wem sie just passieret, dem bricht das Herz entzwei. So weit wollen wir es nicht kommen lassen. Während die dunklen Jahrtausende und Jahrhunderte der Observanz unterlagen, der einfachen, aber auch strafbewehrten Einhaltung der Regeln, traf mit dem Erdbeben von Lissabon am 1. November 1755, das zum ersten Mal nicht als Strafe Gottes, sondern als Naturkatastrophe gedeutet und vom Regierungschef Pombal mit dem Ruf beantwortet wurde: ‚Begraben wir die Toten und bauen die Stadt wieder auf‘, die Aufklärung als Sonnenstrahl auf die Menschheit. Dreihundert Jahre der Vernunft, aber auch der Überschätzung der Vernunft folgten. Im neunzehnten Jahrhundert kam noch der freie Wille des Menschen als überschätzte Triebkraft hinzu. Gefühl und Transzendenz wurden zunehmend vernachlässigt. Hegel und nach ihm Francis Fukuyama verkündeten das Ende der Geschichte. Aber so ist es nicht. Es begann das Zeitalter der Kunst. Es begann das Zeitalter der Mathematik. Es begann ein Rückfall in das Kainische Zeitalter von Mord und Totschlag, nun aber nicht an einem Bruder, sondern an Millionen von Schwestern und Brüdern. Zeitgleich wurden aber auch Hunger und Unbildung sehr erfolgreich beseitigt. Wir ahnen, dass die Gefühle von uns Menschen, und übrigens auch der Tiere, weitaus mehr auf den Fortgang des Lebens und sogar der Geschichte wirken, als je ein Aufklärer zuzugeben bereit wäre. Also ist alle Geschichte nicht nur ein Produzent, sondern immer auch ein Produkt der Geschichten. Alle Geschichten aber sind Gryllen. Und wenn man jetzt im Hochsommer genau hinhört, dann hört man sie zirpen und schreien, wimmern, weinen, flüstern und fröhlich sein.

1leben=kunst
2kunst=grylle
3intentionǂwirkung*
4gefühlverstand
                                                                                                                                                           *jeder rezipient wird produzent

[1] nach Bernhard NÜRNBERGERs Ausstellung ‚Gryllenkunst‘ in der Kunstkirche zu Woddow

[2] „Die wohlfeilste Art des Stolzes ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem darin Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt… SCHOPENHAUER, Aphorismen zur Lebensweisheit, Leipzig 1908,  S. 66

[3] Friedrich Rückert, Die Weisheit des Brahmanen, Zweite Stufe, Nr. 12,  Werke, Band 8, S. 63

[4] allerdings weicht die Nachdichtung von Walter Hensel stark vom Original ab

[5] SOPHOKLES, Antigone

[6] SHAKESPEARE, Romeo und Julia II2

KEINE LUST AUF TRAGÖDIE

Romeo und Julia in Wiesbaden

Bevor eine Tragödie als traurig und mit traurigem Ende gezeigt wird, geht man lieber tausend Umwege: Zerbröselung der Bühne, Hüpfen von einem Wortspiel zum anderen (lachen, um nur nicht weinen zu müssen), grellkomische Kostüme. Etwas anders ging es in letzten Aufführung von ‚Romeo und Julia‘ in dieser Saison in Wiesbaden an einem überhitzten Abend zu.

Das Bühnenbild zeigte ein Grundproblem unserer Zeit: die Kommunikation in getrennten, relativ geschlossenen Räumen. Unter einer großen umschließenden Brücke wurde in drei Kabinen gleichzeitig gespielt, ein anstrengendes, aber klar verständliches Bild für die Isolation kommunikativer Gruppen und ihre mögliche Überbrückung. Das wurde noch betont, indem Teile der Dialoge, vielleicht ein Viertel, bei körperlicher Anwesenheit der Darsteller als Video zu sehen und zu hören waren. Die Amme musste sogar, um noch mehr die verschiedenen Sprachen, Sprachebenen, Sprachkammern zu betonen, zeitweise Englisch sprechen. Der Diener Peter liefert vor dem Beginn eine exzellente Pantomime, die uns erinnern soll, dass wir nicht vor dem Fernseher, sondern im Theater sitzen. Das Nebeneinander von Film und (Bühnen-)Realität ist für uns Alltag. Es fehlte nur noch der Schauspieler, der seinen Text vergaß[1], um den Schritt zum Naturalismus zurückzugehen.

In der linken Kabine agierte die Apothekerin, die den Text des Franziskanerpaters Lorenzo hatte und auch dessen soziale Rolle: der psychischen und physischen Lebenshilfe. Wir haben uns aus der Allmacht der Kirche herausgewunden, aber Shakespeare und die Regisseurin Charlotte Sprenger zeigen uns, wo wir uns hineingewunden haben: in ein Konglomerat aus Pharmaindustrie, Medizin, Esoterik, Psychologie, Parapsychologie und Pseudoreligion. Die Apothekerin muss gar nicht aus ihrer Kammer herauskommen, um allgegenwärtig am Spiel teilzunehmen. Die Spieler kommen alle zu ihr. Diese, in der Wiesbadener Inszenierung drittwichtigste Rolle wurde von Süheyla Ünlü großartig gespielt, mit Tempo, Verve, Lautstärke und gewaltigem Flüstern. Man konnte durch sie gut verstehen, dass das alles nicht Probleme von Romeo oder Julia allein waren. Wir alle haben uns von einer Abhängigkeit in die nächste gerettet. Shakespeare hat also die hinter den Problemen liegende Grundstruktur von uns Menschen erkannt und demaskiert. Wir aber schalten weiter unsere Endgeräte ein und lassen uns einlullen. Ebenso stark und mit durchscheinender Tragik und Intensität spielte Maria Wördemann  die Julia. Leider ist mit heutigen (und wahrscheinlich auch damaligen) Mitteln nicht die sagenhafte Vierzehnjährigkeit des berühmten Liebespaares darstellbar, ohne albern zu werden. Dieser Gefahr entging Wördemann durch brillantes und virtuoses Spiel. Dagegen wirkte Abdul Aziz Al Khayat als Romeo sowohl von der Stimme als auch von der Erscheinung her blass. Manchmal hörte sich sein Spiel so an, als ob er gerade von einem Meisterkurs für Alte Musik zurückgekommen wäre: wie eine Rolle in der Rolle.

Köstlich spielte dagegen Kevin Krougliak den Diener der Capulets, Peter. Gekonntes androgynes Gehabe verband sich bei ihm mit pantomimischer Größe und eigenwilliger Verschmelzung mit seinem Kostüm.

Das Theater versucht, auch jüngere Zuschauerinnen und Zuschauer zu gewinnen: man benutzt eine moderne Übersetzung (hier die erstaunlich poetische von Thomas Brasch), man spart nicht bei Bühnenbild und Kostüm, aber man bleibt sehr einfach bei einer lautstarken Art von Popmusik, die für meinen Geschmack weder mit Shakespeare noch mit der heutigen Jugend zu tun hat. Ich warte auf den Tag, an dem eine Inszenierung auf klassische, aber durchaus verfremdet und verfremdend wirkende Musik setzt, so wie es Stanley Kubrick in seinen Filmen mit großem Erfolg tat. Vielleicht entsteht dadurch ein neuer V-Effekt[2], nachdem der originale uns die Tragödien als oft befremdlich und die Komödien als gekünstelt erscheinen lässt.

Immer wieder treffen sich die kommunikativ getrennten Protagonisten auf der Brücke zum gemeinsamen Spiel, zur Flucht, zum Zusammentreffen. Dieses gelungene Bild könnte sogar als die Aktualitätsklammer angenommen werden. Diese Brücke fehlt im momentanen gesellschaftlichen Diskurs und würde doch dringend gebraucht. Shakespeares Text ruht auch auf der klaren Familienstruktur der Capulets und Montagues. Diese heile und ‚heilige‘ Familie prägt nicht mehr so wie einst unser Leben oder wie wir uns das Leben von einst vorstellen. Trotzdem gibt es Tragödien, aber auch sie bestimmen nicht mehr als moralische Zeigefinger unsere Anschauung. Wir lassen uns nicht mehr auf Katharsis[3] ein, wir wollen überhaupt nicht mehr erzogen werden. Unterhaltung spielt im heutigen Theater und noch mehr im Film die weitaus größere Rolle. Das ist ein gutes Zeichen: das heutige Leben ist besser als sein Ruf. Aber es geht auch Tiefe verloren.

Durch den in eine allgütige und allgültige Seelenapothekerin gewandelten Franziskanerpater Lorenzo gerät der tatsächliche Apotheker[4] ins Hintertreffen. Er ist – so absurd uns das heute erscheinen mag – so arm, dass er Romeo nach dessen moralischer Freisprechung das tödliche Gift verkauft. Romeo sagt zu ihm, dass eine Welt, die nichts tut, um ihn reich zu machen, nicht der Freund der Menschen ist. Das eigentliche Gift, so lässt Shakespeare den blutjungen Romeo sagen, das eigentliche Gift ist das Geld. Und das ist so geblieben, obwohl die Apotheker heute reich sind und jeder Arme reicher als die Armen in Shakespeares Welt.  

Selbst Friedrich Nietzsche und Siegmund Freud waren, nebst einigen anderen, sicher, dass Shakespeares Dramen und Sonette nicht von jenem Mann aus Stratford stammen können, der, wie Bach, weder einen Abitur- noch einen Magisterabschluss hatte und mit 18 Jahren aus dem Haus ging, um als reicher und erfolgreicher Mann wiederzukommen und der nach seinem Tod eine Jahrhundertkarriere begann. Und so sicher sind wir heute, dass ein fünfzehnjähriger verliebter Junge nicht so tiefgründig über die Welt und das Geld nachdenken und sprechen kann. Aber Romeo wird getoppt durch seine Geliebte, von der wir wirklich wissen, dass sie gerade einmal vierzehn Jahre alt ist. Sie weiß sogar, belehrt durch die junge Liebe, dass es nicht das Nehmen, der Konsum, die Rezeption ist, was uns glücklich macht. Diese Liebe, so sieht sie glasklar, ist so tief wie das Meer, unendlich tief und weit. Und mitten in dieses Geplänkel des Abendgesprächs sagt sie einen Satz, einen Satzfetzen eigentlich nur, der eines Yesus oder Seneca, eines Gautama Buddha oder eines Gandhi – oder eben eines Shakespeares – würdig gewesen wäre. Der Satz wäre zudem geeignet gewesen, von der Eisenbrücke als Podium der Menschheit herab gesprochen zu werden, nicht geschrien, wie so viele böse Sätze und Racheaufrufe, sondern geflüstert, gesummt, liturgisch psalmodiert. Die kleine Julia, die so arg früh sterben muss, sagt: THE MORE I GIVE THE MORE I HAVE FOR BOTH ARE INFINITE.[5]


[1] Sonnet 23: as an unperfect actor on the stage / who with his fear is put besides his part…

[2] Brechts Verfremdung

[3] Seelenreinigung der griechischen antiken Tragödie

[4] V1

[5] II2

MEYERS LEXIKON

Mein Großvater war ein Reichsbahnrat, das war ein mittlerer Beamter, der etwa einen größeren Bahnhof leiten konnte. Im zweiten Weltkrieg war er eine Zeitlang in Paris, und die familiäre Legende ging viel später davon aus, dass er dort die Züge nach Auschwitz zusammengestellt haben könnte. Dafür spricht, dass er sich im Frühjahr 1945 als Vorsteher der vier Bahnhöfe in Neustrelitz zur Reichbahndirektion Schwerin versetzen ließ, um nicht der schnell vorrückenden Roten Armee in die Hände zu fallen. Tatsächlich wurde Schwerin von den Amerikanern befreit. Tatsächlich aber nahm sich mein Großvater trotzdem das Leben. Der Grund dafür könnte jedoch auch sein Alkoholismus gewesen sein, der wiederum die Folge seiner Untaten gewesen sein könnte. Zunächst, nach dem ersten Weltkrieg, begann er zu trinken, weil sein Gesicht durch eine Granate entstellt worden war. Vielleicht ahmte er aber auch nur seinen Vater, einen Oberforstrat nach, der ebenfalls Alkoholiker war. Vielleicht imitierte er seinen Bruder, der sich 1933 aus Furcht vor den an die Macht kommenden Nationalsozialisten das Leben genommen hatte.

Meine Großmutter, meine Mutter und meine Schwester gingen nach diesem Suizid zurück nach Neustrelitz in der etwas naiven Hoffnung, dort ihre überstürzt verlassene Wohnung unversehrt vorzufinden. Das Haus stand noch, aber die Möbel waren verschwunden und zwei oder drei Familien teilten sich die einst schöne und große Wohnung des Bahnhofsvorstehers. Nun gingen sie zurück in das Elternhaus des Großvaters, in dem aber auch schon einige Familien untergekommen waren. Der älteste Sohn, also der älteste Bruder meines Großvaters, hatte nicht nur das Elternhaus in einem Dorf bei Halle übernommen, sondern auch die Rolle des Familienoberhauptes. Da er gleichzeitig ein bedeutender Ingenieur (für die Errichtung der ‚Čorna Klumpa[1]‘ erhielt er den Nationalpreis der DDR)) und ein bekennender Pietist war, wurde ich etwas später in einem Heim für gefallene Mädchen, zu dem meine Mutter degradiert wurde, obwohl sie verheiratet war und schon ein Kind hatte, geboren. Aus Gründen, die ich nicht kenne, zogen sie dann aus dem Dorf bei Halle nach Halle in eine durchaus schöne Wohnung in der Martinstraße, von der man aber durch eine Baulücke auf die Leipziger Straße sehen konnte. 

Meine Großmutter suchte, nachdem sie als jüngste und Lieblingstochter eines in seinem Umkreis bedeutenden Handwerksmeisters einen mittleren Beamten geheiratet hatte, nach einer neuen Rolle, und sie fand die Rolle des Opfers, des Flüchtlings für sich passend. Wir haben, sagte sie, 1945 alles verloren und mussten fliehen. Das war auch irgendwie wahr, nur nicht, wenn man es mit dem Schicksal, sagen wir, von Flüchtlingen aus Königsberg, Tilsit oder Breslau verglich. Ich kann mich auch nicht genau erinnern, wie sie ihre, also unsere, Rolle als Flüchtling mit dem Horten des guten Geschirrs, der Messerbänkchen und silbernen Serviettenhalter und dem Zurschaustellen tiefbürgerlicher Gesinnung in Übereinstimmung brachte. Ihre Witwenrente, die schon im Juni 1945 zum ersten Mal eintraf, bewahrte sie vor den größten Härten des Lebens, und meine Mutter glaubte im Ernst, dass ihr Hungerlohn, sie war inzwischen Buchhalterin bei der FDJ in Halle, wo sie Margot Feist kannte, den Verlust ihres Vaters überdecken könnte. Da meine Mutter auf einem Plakat gelesen hatte, dass überall Lehrerïnnen gesucht wurden, entschloss sie sich zu einem Kurzstudium an einem eigens für die Schnellausbildung gegründeten Institut, und wir zogen, um Miete zu sparen, nach Senftenberg in das Vaterhaus meiner Großmutter. Es war nicht so, dass wir dort keine Miete bezahlen mussten, aber es war nur eine kleine Miete. Wir hatten ein Zimmer und eine nicht beheizbare Kammer und keine Küche und kein Bad. In der Kammer, in der meine Schwester und ich schliefen, war es sehr kalt und es tummelten sich darin die Silberfischchen. Der Vater meiner Großmutter hatte einst seine Gitarre ergriffen und war seinem autoritären Vater und seinem noch autoritäreren Lehrmeister entflohen und hat seine Heimat, das Dorf Bellinchen[2], die kleine Stadt Zehden und die Gegend östlich der Oder verlassen. Wir wissen das so genau, weil er später gut lesbare Memoiren geschrieben hat, die zwar nicht sehr ausführlich sind, aber dennoch eine Seltenheit. Dieser Urgroßvater bestand wohl, wie dann auch meine Großmutter, aus Sprüchen. Und einer seiner Sprüche war: In diesem, meinem Haus muss immer ein Zimmer für ein heimatloses Kind sein. Zu diesem Kind hatte sich meine Großmutter nun erklärt: sie war ein Flüchtling und ein heimatloses Kind.  

Inzwischen hatte meine Großmutter einen weiteren Schlüssel für den Aufstieg gefunden, und das war die Bildung, die ihr versagt worden war. Es kam also der Tag, an dem meine Großmutter sich einen Handwagen borgte, ihn mit Decken und Kartons füllte, mich an die Hand nahm und loszog, Bildung zu besorgen. Wir gingen die Kreuzstraße entlang, die nun Ernst-Thälmann-Straße hieß, bogen in die Bahnhofstraße, dann aber in die Wiesenstraße ein. Es ging vorbei am Haus von Tante Klößchen, deren Mann einst ein kaiserlicher Stabsfeldwebel gewesen war, wovon er damals noch zehrte. Ich erbte von ihm eine zweibändige, streng nationalistische Hindenburg-Biografie, die ich an der Wende meines Lebens zum linken mainstream als einziges meiner Bücher verbrennen zu müssen glaubte und auch tatsächlich verbrannte. Man tritt einer, sagen wir einmal, Bewegung bei und muss dann aus Angst vor eben dieser Bewegung, der man jetzt selbst angehört, die Symbole einer anderen Richtung, der man selbst gar nicht beigetreten war, beseitigen, und sei es mit einem Autodafé. Bei der Taufe ist es ähnlich, obwohl man beigetreten wird, muss man selbst wieder austreten, wenn man das will.

Während des Laufens war mir aufgefallen, dass meine Großmutter, die gebürtige Senftenbergerin, einen anderen Namen für die Straße sagte, als an den Schildern stand. Ja, sagte sie, ich habe nichts gegen den einzelnen Juden, aber die Juden sind das Schicksal Deutschlands. Er war ein großer Star des Kinos. Aber musste er eine Jüdin heiraten? Dann klingelten wir an einem Haus, schon kurz vor dem Ende der Straße und der Stadt, und es zeigte sich, was wir da wollten und wodurch mein Leben eine krasse Wendung nehmen sollte: Wir kauften ein Lexikon von Meyer, nämlich die sechste, gänzlich neubearbeitete und vermehrte Auflage mit rund 155.000 Artikeln oder Stichwörtern, mit mehr als 11.000 Abbildungen im Text und über 1.400 Bildertafeln und Plänen sowie 130 Textbeilagen. Es war aus dem für mich damals unvorstellbaren Jahr 1907, an das sich meine Großmutter noch gut erinnern konnte, sogar an das Haus, an dem wir jetzt das riesige Lexikon auf unseren Handwagen luden.

Aber wie kam das riesige Lexikon in meinen kleinen Kopf? Das ist eine lange Geschichte. Schnell merkte ich, dass ich ebenso schnell vergaß, wie ich las. Also musste ich den aktuellen Artikel mehrmals lesen, möglichst dann am Abendbrottisch auch meiner meist desinteressierten Familie erklären. Später, als ich schon Lehrer war, war das kein Problem, das hatte ich genügend Publikum, um alles auszuprobieren. Ich hatte zwei Spitznamen: das wandelnde Lexikon und der Westlehrer, was sich auf meine meist liberalen Haltungen und Ansichten bezog. Aber leider gab es zwei Fälle von krasser Illiberalität: gegen meine Überzeugung musste ich gegen den Bibelspruch vom Umschmieden der Schwerter zu Pflugscharen reden[3], denn das Mädchen, das ihn am Revers trug, war vom Rausschmiss bedroht. Anders war es bei dem zweiten Fall, das war ein sehr guter Schüler, der aus einer bekannten Wissenschaftler- und Dissidentenfamilie stammte. Ich sollte ihn im Auftrag des Direktors auf eine Linie lockerer Loyalität bringen, und mein Hauptargument war, dass er das Abitur machen kann und bis dahin zur Kenntnis nehmen sollte, dass die Hälfte der Kirche dissident gegenüber der Staatsideologie war, die andere Hälfte aber mit dem ungeliebten Staat kooperierte, auch mit der Stasi. Ich fühle mich noch heute unwohl bei dem Gedanken an die beiden und könnte eine lange Reihe gegenteiliger Beispiele anfügen, die mir aber keiner glauben muss und nicht jede und jeder glauben wird, da es auch billige Rechtfertigung sein kann.  

Die Auskünfte des Lexikons haben den Nachteil, dass sie schnell veralten. Trotzdem hat das Lexikon zwei langfristige Wirkungen. Auf den etwa 23.000 Seiten standen nicht nur vergängliche Fakten, sondern auch Zusammenhänge, die ein gusseisernes Skelett des flexiblen Wissens bildeten und die dauernde Beschäftigung mit den Millionen[4] Einzelheiten führte eine inhärente Lernmethode mit sich. Aber selbst, wenn das alles nicht stimmen würde und wissenschaftlich widerlegbar wäre, dann bliebe immer noch meine Liebe zu diesem wunderlichen Riesenbuch.

Aber meine Großmutter bescherte mir noch ein anderes lebensprägendes und sogar auch lebensbegleitendes Buch: DES MÄGDLEINS DICHTERWALD[5]. Das war einfach eine in ihrer Jugend berühmte Gedichtsammlung, in der sie las und uns, meiner Schwester und mir, vorlas. Manchmal blieb sie sonntags oder feiertags gerne einfach lange im Bett liegen und rezitierte für uns Balladen oder andere lange Gedichte. Dabei siegt in meinem kleinen Köpfchen keineswegs immer nur Schiller und Goethe, sondern eher die Ballade von der Urahne, der Großmutter, der Mutter und des Kindes, die allesamt vom Blitz getroffen werden.[6]

Zwar ist es richtig, dass die Voraussetzung für Demokratie Wohlstand und Bildung ist, aber leider gilt das nicht auch umgekehrt: Bildung allein garantiert weder Wohlstand noch – und schon gar nicht – Demokratie. Demokratie ist überhaupt durch nichts garantiert. Zwar glaube ich nicht, dass die Länder und Menschen in den aufscheinenden Autokratien versinken werden, aber wir haben lange Zeit deren Anziehungskraft unterschätzt. Unsere Argumentation zugunsten des Pluralismus und der Toleranz wurde hölzern und bestand aus Argumentfetzen, die wir lieblos in die Menge warfen. Zudem funktioniert weder die Demokratie noch der Wohlstand reibungslos. Man gewöhnt sich an sie, schätzt sie gering und will mehr, immer mehr. Zudem gibt es immer eine gewisse Korruption. Sie ist zwar nicht die alleinige Ursache für die Ungerechtigkeit, aber das wird leider so wahrgenommen.  Als ungerecht wird auch empfunden, dass trotz relativer Chancengleichheit und transparenter sozialer Aufstiegsmöglichkeiten, immer ein Bodensatz an Armut und Unmut übrigbleibt. Das wäre noch erträglicher, wenn die äußere Welt sozusagen lange Zeit gleich und stabil bliebe. Aber leider gibt es nach längeren Phasen der Stabilität immer krasse Umbrüche.

Es hilft auch leider nicht, dass die Autokratien schnelllebig und wirtschaftlich unattraktiv sind. Es scheint sogar das Gegenteil einzutreten: je größer die Ungerechtigkeit ist, desto leichter kann man große Massen von Menschen zum Nationalismus verleiten und ihn als eine oder sogar die einzige Lösung der wirtschaftlichen Probleme darstellen. Dabei ist die Globalisierung keine Option, sondern, weil sie seit Jahrhunderten gegenseitige Abhängigkeiten erzeigt, wahrscheinlich unumkehrbar. Das ist der Grund, warum zwei riesige autokratisch-nationalistische Systeme sich so weit ausbreiten (deutscher Nationalsozialismus) oder so lange existieren konnten (sowjetischer Nationalbolschewismus).

Wissen hilft nur, wenn es mit Gewissen zusammen auftritt. Sowohl der Nationalsozialismus war, wenn auch keine intellektuelle Strömung, doch auch für hochgebildete Menschen attraktiv: Dr. Dr. Mengele. Der sowjetische Nationalbolschewismus band sogar jene Intellektuellen an sich, die er zu einem anderen Zeitpunkt radikal bekämpft hatte: Kurtschatow[7], Theremin[8].

In der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts erschien Brecht als ein neuer – möglicher -Klassiker und es ist schon oft kolportiert worden, dass er der kommunistischen Bewegung und dann der kommunistischen Welt aus opportunistischen Gründen nahestand. Er erfand seine dazu passende Biografie. Er schuf sich sozusagen selbst. Aber wir können uns heute fragen: wird die Welt besser, wenn die Marketenderinnen ihre Töchter prostituieren oder die Wissenschaftler angeklagt werden für die Verbrechen der Politiker. Auch der gute Mensch von Sezuan ist nur zur Hälfte gut oder funktioniert nur komplementär: weil er gut ist, darf er schlecht sein. Berühmt ist auch der Satz des Mackie Messer, dass erst das Fressen käme und dann die Moral. Das stimmt, wenn man sich den Wohlstand und die Moral als zeitliche Abfolge vorstellt. Aber auch in den finsteren Zeiten (um eine Brechtmetapher zu bemühen) gibt es Solidarität, die früher Nächstenliebe hieß. Unbestreitbar bleibt, dass es gelebten Sozialdarwinismus gibt, aber genauso unbestritten ist die menschliche Kooperation, die evolutionär vorbereitet ist. Bildung beruft sich auch gerne auf wohlfeile oder zeitbedingte Argumente. Dazu zähle ich das Toleranzparadoxon. Popper hat es in einer sehr langen Fußnote im ersten Band seines Buches ‚Die offene Gesellschaft und ihre Feinde‘ 1945 formuliert. Damals gab es in Europa noch keine Referenzobjekte funktionierender Demokratien. Auch die Vereinigten Staaten zeigten kurz nach 1945 verachtungswürdige und auch zum größten Teil überflüssige Intoleranz, die bis zu inszenierten Todesurteilen gingen[9]. Zwar ist der Kommunismus intolerant, ihn aber von der Demokratie auszuschließen, ist ebenso intolerant. Außerdem hat Popper 1000 Seiten für die offene Gesellschaft geschrieben, für die Toleranz, für den Pluralismus, aber zitiert wird von den Verfechtern der Intoleranz immer nur diese eine Fußnote.

Der Mangel an Geld ist eine Ungerechtigkeit, wenn es anderswo Menschen gibt, die auch ohne Arbeit sind, jedoch viel Geld haben. Im Osten kann man fast nichts erben. Aber dass es – in dieser Hinsicht – ungerecht ist, heißt nicht, dass das Land, die Gegend, die Region nicht liebenswert und lebenswert wäre. Hier gibt es viel weniger Menschen, also auch weniger Probleme, aber auch weniger Möglichkeiten. Es wird einige Zeit dauern, bis die Menschen hier vererben und erben können. Ich vergleiche neuerdings gerne Mannheim mit Neustrelitz. Beides sind barocke Planstädte, die eine ist weltbedeutend, die andere vollkommen unbedeutend. Trotzdem sind beide schön. Trotzdem ist die unbedeutende liebenswert und menschenleer. Und tatsächlich suchen hier andere Ruhe und Entspannung. Die prächtige Parkvilla des letzten, unglücklichen Großherzogs ist jetzt ein Schlosshotel der gehobenen Preisklasse und gut besucht. Das bringt Geld in die Stadt. Übrigens war der letzte Großherzog sehr, sehr reich, aber trotzdem unglücklich. Glück und Geld haben nur zwei Buchstaben gemeinsam, aber nicht die Ursache. Ich will keinen billigen Trost verteilen und ich habe auch kein Rezept gegen den Autoritarismus. Aber viele Menschen leben ihr Leben auch ohne Geschrei, leider auch ohne Politik. Aber das heißt nicht, ohne Verantwortung. Es gibt keinen Grund zur Panik.


[1] Kraftwerk und Gaswerk ‚Schwarze Pumpe‘ zwischen Hoyerswerda und Senftenberg

[2] jetzt Bielinek und Cedynia

[3] Jesaja 5,2 und Micha 4,3

[4] etwa 90×106 Wörter

[5] Des Mägdleins Dichterwald, herausgegeben von Theodor Colshorn, 10. Auflage, Halle 1897

[6] Gustav Schwab, Das Gewitter

[7] Raketenkonstrukteur

[8] Erfinder des Fernsehens und des ersten elektronischen Musikinstruments

[9] zum Beispiel Ethel und Julius Rosenberg

DIE CHRISTLICHE ERZÄHLUNG

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Als ich ein kleiner Junge war, lebte ich für zwei Jahre in einem christlichen Kinderheim, das von einer Diakonisse geführt wurde. Das Haus, ein sehr schöner gelber Klinkerbau, war einst von einer reichen Erbin gestiftet worden und hieß ihr zu Ehren Amalienstift. Es war im neunzehnten Jahrhundert für damals so genannte ‚gefallene Mädchen‘ gedacht. Das waren Mädchen, die ein Kind bekommen hatten, ohne verheiratet zu sein. Hundert Jahre später zählte meine Mutter auch dazu, obwohl sie verheiratet war und schon ein Kind hatte. Aber ich war nicht der Sohn ihres Mannes, da galten die Regeln aus dem neunzehnten Jahrhundert weiter, obwohl soeben der Staat und alle Kirchen, bis auf eine Handvoll mutiger Pfarrer, alle Moralgesetze außer Kraft gesetzt und sechs Millionen Menschen, darunter eine Million Kinder, vorsätzlich und heimtückisch ermordet hatten. Also bin ich auch in so einem Heim geboren worden, jetzt aber war ich aus einem trivialen Grund wieder im Heim: meine Großmutter sagte: that’s not my department[1] und meine Mutter hatte keine Lust zuständig zu sein. Es gab in diesem Heim eine Jungengruppe, die von einer – in unseren Augen – alten Jungfer geführt wurde, die mit einer kräftigen und sehr tiefen Altstimme tausend Strophen von tausend Liedern kannte und schallend sang. So zogen wir durch die winzige Altstadt mit Markt, Stadttor, Barockkirche, Fährhafen und ganz vielen, direkt aus der Stadt abgehenden Wegen, die wir alle erwandern mussten. Und Tante Erna sang dazu: GehausmeinHerzkeinschönerLanddasWandernistdesMüllers. Auch zuhause musste ich in den Kindergottesdienst gehen, aber mehr aus dem Grund, dass man etwas Ruhe vor mir haben wollte, denn ich war ein wildes Kind, denn niemand bemerkte meine Introvertiertheit. Später ging ich aus demselben Grund ins Kino und entdeckte meine Liebe zum Film, überhaupt zu Geschichten, die ich aber auch als Stammkunde der Stadtbibliothek las – alles das für jeweils unter einer Ostmark. Das Christentum war mir schon bekannt, aber hier im Kinderheim wurde es intensiv gepflegt: vor und nach dem Essen wurde gebetet: ‚Komm, Herr Yesus, sei unser Gast‘. Morgens mussten wir die erbrochene Milchnudelsuppe wieder aufschlürfen: ‚und segne, was du uns bescheret hast‘. Denn die Milch war gar keine Milch, sondern Milchpulver aus Amerika plus Wasser aus der Leitung: vomiting forbidden. Aber geschlagen oder missbraucht wurden wir nicht. Allerdings gab es eine fast katholisch anmutende Fokussierung auf unsere kleinen Geschlechtsteile, die das Schlechte hießen und von denen sehr oft und sehr abfällig gesprochen wurde. Tante Erna schlief mit der Diakonisse zusammen in der winzigen Abseite eines winzigen Zimmers, das gleichzeitig Büro und Wohnzimmer der beiden war, die ich erst viel später als mein erstes lesbisches Paar zu erkennen glaubte. Die streng separat gehaltenen Mädchen dagegen wurden geführt durch eine ehemalige Insassin, die nun in einem Verschlag schlief, der mitten im Mädchenzimmer aufgebaut war. Sie hieß Tante Lilli. Dann gab es noch eine ältere Frau in der Küche, ich weiß nicht mehr, ob sie auch Tante genannt wurde. Es wurde also gebetet, es wurde täglich der christliche Kalender vorgelesen, wir gingen zur Christenlehre und jeden Sonntag in die Kirche.

Am Karfreitag, es war der neunzehnte April 1957, ein früher Frühling ließ zeitig die Linden erblühen, erzählte der Pfarrer oder die Katechetin ausführlich und mit allen körperlichen Einzelheiten, wie Yesus von den Römern umgebracht wurde. Erst viel später erfuhr ich, woran man stirbt, wenn man, was Gott verhüten möge,  gekreuzigt wird. Damals wurde alles sehr blutig dargestellt, die Geißelung, also die Schläge, die Yesus erhielt, das Tragen der Dornenkrone und des balkenschweren Kreuzes, bis es ihm auf Befehl der römischen Soldaten ‚von einem Mann aus Kyrene‘ abgenommen wurde, das Annageln an Händen und an den gestützten Füßen – all das beschäftigte meine kleine Fantasie. Aber mit meiner Contenance war es zuende, als ein römischer Soldat Yesus die Seite aufschlitzte, um zu sehen, ob er noch lebte. Man kann sich, was ich damals erlebte, so vorstellen wie in Mel Gibsons Film ‚Die Passion Christi‘ von 2004. Ich verlor mein Gleichgewicht, mir wurde schwarz vor Augen, meine Knie knickten ein und ich fiel in eine Ohnmacht. Der Gottesdienst wurde unterbrochen, vom Pfarrhaus wurde das Heim angerufen, von dort kam Tante Lilli mit einem Handwagen. Ich wurde auf den Handwagen geladen, auf dem ich mich so weit erholte, dass ich die Augen öffnete. Vielleicht war es auch der Duft der Lindenblüten, der mir aufhalf. Ich wurde keinesfalls mit Mitleid empfangen, eher mit Verachtung, denn das Ideal eines Mannes war der Soldat, der Russen und Amerikaner aufhält, nicht eine Memme, die bei jedem Toten gleich in Ohnmacht fällt. Vielleicht hätten diese Helden, von denen also auch die Diakonissen schwärmten, ihren Arm oder ihr Bein behalten, wenn sie, statt mächtig zu tun, ohnmächtig geworden wären. Darüber konnte ich dann im Bett nachdenken, und das tue ich bis heute.  

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Die christliche Erzählung schwankt – wie die moderne Malerei – zwischen plakativer Gegenständlichkeit und ritualisierter Abstraktion. In der Ostergeschichte wird aus dem Kreis der loyalen Anhänger einer geopfert, weil es für den Leser angenehmer ist, wenn es einen Schuldigen gibt. Normalerweise kommt in Erzählungen der Schuldige von außen, hier ist er mitten im Führungszirkel und erhöht damit die Glaubwürdigkeit. Seit zweitausend Jahren wird die Judasfigur, dem Text der Evangelien wortgetreu folgend, gern als Verräter interpretiert, was mit seinem Selbstmord evident zu sein scheint. Dabei ist es möglich, ihn genau umgekehrt zu verstehen: er ist derjenige Jünger, der am meisten glaubt, ja, der sicher ist, dass Yesus Gottes Sohn ist und deshalb nicht von den Römern und den Hohepriestern ermordet werden kann. Er geht davon aus, dass nur die Vorgeschichte grausam, das Ende aber versöhnlich sein wird. Erst als er sieht, dass er sich getäuscht hat, dass Yesus sterblich ist und tatsächlich stirbt, erkennt er diese schreckliche Wendung als seinen Fehler.

Von dem zweiten Fall, der nicht den ‚Verräter‘, sondern den ‚Zweifler‘ zeigt, berichtet die Bibel ein paar Seiten weiter, und der brutalst realistische Maler Caravaggio ein paar Jahrhunderte später. Er, der Jünger, kann nicht glauben, dass der Rabbi, der unter größten Qualen starb, erneut lebt. Caravaggio zeigt vier alte Männer, von denen einer geradezu obszön in die Seitenwunde von Yesus fasst. Der Maler, der in seinem Leben selbst mit Grausamkeiten konfrontiert war, wird zum besten Zeugen. Kunst ersetzt Religion. Viele Apologeten nehmen jedoch an, dass Kunst einfach die Propagandistin der Religion ist. Sie werden in den ‚modern times[2]‘ tief enttäuscht.    

Die Auferstehung wird nicht als Metapher oder als Vision gedeutet, sondern als Tatsache und eigentlicher Gründungsmythos des Christentums. Damit wird die Kraft der Worte von vornherein abgeschwächt und das Augenmerk auf die Wunder der Auferstehung und der Himmelfahrt gelegt. Dreihundert Jahre später, im Konzil von Nicäa, wird Yesus durch die Einführung der Trinität einerseits endgültig zu Gottes Sohn erhoben, andererseits aber durch die Dreiteilung oder die Hinzufügung eines Dritten, des Heiligen Geistes, als Großprophet abgewertet. Die andern beiden monotheistischen Religionen haben tatsächlich nur den einen, selben Gott, der durch einen Propheten verkündet wurde. Dabei ist wieder die Rolle Mohammeds gegenüber Moses ins Ungeheure verstärkt. Moses ist durch seine nebulöse Herkunft und durch sein Stottern menschlicher, Mohammed durch seinen permanenten Aufruf zum Jihad, einem rein geistlichen Kampf, gottnäher. Warum haben sich die Gründungsväter des Christentums gescheut, Yesus als das darzustellen, das er aller Wahrscheinlichkeit nach war, wenn er war: ein Prophet, und zwar ein ziemlich bedeutender? Erst mit großem Abstand folgen Salomon und David, Hiob, Nathan, Jeremia, Jesaja, Mohammed und alle anderen, weitaus kleineren. Die Qualen des grausamen Todes, die übrigens nicht nur Yesus erleiden musste, sondern zehntausende Opfer der römischen Herrscher, mussten durch eine absurde Erklärung erträglicher gemacht werden: er hat sie erduldet (‚Lamm Gottes‘), um der Welt, uns nachgeborenen und wahrscheinlich auch den vorgeborenen, die Sünden und Schmerzen abzunehmen. Dies ist wahrscheinlich der Kern der christlichen Moral: mach, was du willst, wenn du glaubst, wird dir alles verziehen. Und das kritisiert schon Nietzsche mit seinem berühmten, noch heute die Theologen irritierenden Satz, denn er enthält ein unleugbares Wortspiel: Gott ist tot[3]. Nietzsche kritisiert – im Gegenteil – gerade das Abhandenkommen der christlichen Moral. Dem berühmten Buch als Motto vorangestellt ist der schöne Satz von Ralph Waldo Emerson: ‚Dem Dichter und Weisen sind alle Dinge befreundet und geweiht, alle Erlebnisse nützlich, alle Menschen göttlich.‘[4]

Auch die Weihnachtsgeschichte lässt zu wünschen übrig. Sie erzählt nicht einfach von einem fragilen Wesen, das später ein großer Prophet werden sollte, sondern von einer Jungfrauengeburt, einem nichtswürdigen Geburtsort, aber dann von Scharen von Engeln, Hirten und Königen. Der Knabenmord des Herodes ist wohl einigermaßen historisch abgesichert, spielt in der christlichen Erzählung aber keine große Rolle. Gott hat, so die Bibel, die Familie auf ihrer Flucht nach Ägypten beschützt. Aber was haben die Flucht und das versteckte Leben mit den Eltern des Kindes und mit dem Kind selbst gemacht? Flucht und Migration sind Themen, die uns Menschen seit der alttestamentarischen Antike bis in die heutige Politik beschäftigen. Aber ein so fundamentales Ereignis bleibt Episode, wenn nicht gar nur Anekdote. Lieber befasste sich die offizielle Theologie mit der Frage, ob nicht auch schon Maria ohne Erbsünde geboren sein muss. Hätte der schreckliche Papst Pius IX. sein unendlich langes Wirken mit diesem Problem genug sein lassen, müsste er heute nicht so verachtet werden. Tatsächlich hat er aber das Dogma von der Unfehlbarkeit der päpstlichen Lehrentscheidungen gegen den Widerstand von immerhin sechzig Bischöfen durchgesetzt, die, um nicht mit sich selbst in Widerspruch zu geraten, vor der Abstimmung den Saal und wohl auch Rom überhaupt verließen. Damit wollte er gegen alle neuen Gedanken, die er als dem Glauben gegenüber feindlich empfand, vorgehen. Aber damit nicht genug hat er auch verfügt, dass der illegal durch eine oberfromme Bedienstete getaufte Knabe[5] seinen jüdischen Eltern weggenommen wurde: die Erzählung war wichtiger als der Mensch. Schon die damalige liberale Presse bezeichnete dieses Vorgehen der selbst ernannten Christen als ‚barbarisch‘ und ‚menschenverachtend‘ sowie als ‚Beleidigung für die Zivilisation‘. Aber Pius beharrte: Wer es nicht mitmacht, wird exkommuniziert, und schuf damit einen der Leitsätze jedes Autokraten.

Ebenso weiß heute kaum noch jemand, was ‚Himmelfahrt‘ bedeuten soll, zumal sie auch Mohamed erlebte. Ist Pfingsten die Umkehrung des Turmbaus zu Babel? Aber die derzeitige Annäherung der Menschen verschiedener Sprachen (Globalisierung) geschieht ganz ohne die christliche Erzählung. Es ist also nicht die Säkularisierung schuld am Zerfall der christlichen Strukturen, sondern deren mangelnde Resilienz. Die christliche Erzählung wird nicht mehr als evident wahrgenommen. Aber fahren wir nicht alle zum ewigen Frieden auf? Wenn Yesus Gottes Sohn ist: sind wir nicht alle Kinder Gottes? Wo früher ein Etikett ausreichte, bedarf es heute der ausführlichen Erörterung.

Es ist die Hybris des Gründungswahns, der die Kirchenväter die große Chance missdeuten ließ, die Yesus als reiner, aber größter Prophet bedeutet hätte. Sie konnten nicht voraussehen, dass einst auch alle Christen lesen können werden und dass dann alle Fragen immer wieder diskutiert werden, so wie im Judentum, so nach dem Beginn der Aufklärung. Die Gottesnähe oder sogar Gottesgleichheit hat ein starres Regelwerk hervorgebracht, das von einer winzigen elitären Minderheit bewacht wird und das nicht diskutiert werden kann, weil Gott nicht direkt antwortet. Alles, was als nicht veränderbar oder nicht diskutierbar erscheinen soll, wird als Gottes Wille dargestellt, den zu erkennen es gewisser Weihen bedarf. Allerdings entziehen sich immer mehr Menschen dieser Weihe. Der Hauptgrund dafür ist ökonomischer Art: um studieren zu können, muss man heute, selbst wenn man arm ist, nicht auf sein gesamtes zukünftiges privates Leben verzichten. Zweitens ist der Zölibat, von Europa ausgehend, aus dem er kam, nicht mehr evident und wird als zu großes und überflüssiges Opfer verstanden. Nicht zu vernachlässigen ist auch die undemokratische, hierarchische Struktur jeder, aber besonders der katholischen Kirche, die vielen Menschen immer unerträglicher wird. Aber auch der Glauben selbst hat sich verschoben. Lag früher in der rituellen und liturgischen Wiederholung der Trost, so wird er heute in einem eher rationalen Verweis auf die Transzendenz der Dinge und Gedanken vermutet. Das würde auch erklären, warum so viele Menschen in Europa dem organisierten Glauben den Rücken kehren. In der Abstraktionstrias Kunst-Philosophie-Religion hat sich der Fokus eindeutig zur Kunst verschoben. Es gab noch nie ein Zeitalter, in dem so viele Geschichten und so viel Musik konsumiert wurde. Überhaupt wird heute mehr konsumiert als produziert, weil jedes Produkt tausend und abertausend Mal kopiert werden kann. Es gibt so viele Menschen, wie noch nie, aber davon sind nur noch etwa zehn Prozent arm und analphabetisch. In der Wahrnehmung der katholischen Kirche, als der größten organisierten Glaubensgemeinschaft, gibt es eigentlich nur Katholiken, die sich in Wissende und Laien teilen. Tatsächlich sind aber nur ein gutes Viertel der Menschen Christen, ein knappes Fünftel (1,4×109) Katholiken. Der jährliche gut einprozentige Zuwachs entsteht nur außerhalb Europas und ausschließlich durch Geburt, nicht durch Mission oder gar innere Überzeugungskraft. Die innere Überzeugungskraft geht immer mehr verloren, je diverser die Welt wird. Im Internet gibt es fast nichts, was es nicht gibt. Das ‚fast‘ bedeutet nichts anderes, als dass letztlich alle Dinge Prozesse sind, und alle Prozesse sind asymptotisch. Natürlich gibt es eine ‚Auferstehung‘ und ein ‚ewiges Leben‘, und nicht nur, indem wir als Morast an den Stiefeln unserer Enkel kleben[6]. Wir kleben auch als Vorurteil in den Hirnen unserer Urenkel, als Familiengründer in den Genealogien und als Schutzengel im Leben unserer Schutzbefohlenen.

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Ich bin nach einigen Querelen und auch mit einer gehörigen Portion Opportunismus aus der Kirche, es war nicht die katholische, ausgetreten. Das war nicht wirklich überlegt, aber ich habe seither noch keinen Grund gefunden, wieder einzutreten. Und das ist schlimm, aber nicht für mich. Trotzdem kam spät, spät ein Schlüsselerlebnis, das mich wieder mit dem organisierten Glauben versöhnt hat.

Es war am achten September 2018 in einer Neubaukirche in Berlin, vor uns die riesigen Plattenbauten, die so typisch für die DDR sind, hinter uns eine Einfamilienhaus-Siedlung, die es in vierzig Jahren ihrer Existenz nicht geschafft hat, ihre Straßen mit Namen zu versehen. Ich saß ziemlich in der letzten Reihe mit dem freundlichen katholischen Priester, der seine Kirche der koptischen Tewahedo-Gemeinde zur Verfügung gestellt hatte. Dieser Gottesdienst musste vor dem eigentlichen, katholischen, also sehr früh stattfinden. Wir redeten über die Taufe, über die unsäglichen Maurertuppen[7], in die die Babys getaucht wurden, über Gott und die Welt. Plötzlich stellte sich heraus, dass der Pate noch nicht da war. Ich wurde also gebeten, draußen nach ihm Ausschau zu halten. Ich ging auf die hybride Straße, da Einfamilienidylle, dort Plattenbauten, in der DDR auch Arbeiterschließfächer genannt. Da es Sonntag und vor 7.00 Uhr war, war die Straße menschenleer, fast gespenstisch, denn Berlin hat vier Millionen Einwohner. Plötzlich kam eine Gruppe von über fünfzig Äthiopiern vom S-Bahnhof. Alle grüßten mich, einige umarmten mich, der Pate war schnell herausgefunden. Die Taufe konnte vollzogen, der Taufpate benannt und beauftragt werden.  Ein Chor mit Trommeln trat auf, alle hatten festliche rituelle Kleidung an. Frauen und Männer saßen getrennt, aber die Kinder liefen herum. Die Priester und ihre Helfer instruierten die Mütter und die Paten. Nach dem sehr langen Gottesdienst wurde auf dem Hof der Kirche das frisch gebackene Brot – himbasha – gebrochen, wie es in der Bibel heißt und rituell gegessen. Sieben Babys waren in die Menschengemeinschaft aufgenommen worden.

Und seither, seit ich in die leuchtend großen Babyaugen gesehen habe, habe ich die große Freude und Ehre, dieses Kind zu begleiten, ihm die Welt, die Kleinstadt und die Sprache zu zeigen. Das ist mein Weihnachten: for unto us a child is born, unto us a son is given, and the government shall be upon his shoulder[8]. Und ich verstehe nicht, warum es keine Kirche gibt, die das erkannt hat: jedes Kind ist ein Wunder, jedes Kind ist ein Universum, jedes Kind ist unsere Zukunft und unser ewiges Leben.   


[1] Tom LEHRER (1928-2025) in seinem legendären Song  über Wernher von Braun: Once the rockets are up, who cares where they come down?

[2] Film von Charly CHAPLIN

[3] NIETZSCHE, Fröhliche Wissenschaft, Kritische Studienausgabe, Bd. 3, S. 573

[4] ebenda, S. 343

[5] Edgardo Mortara

[6] SCHILLER, Die Räuber

[7] großes Weichplastikgefäß zum Anrühren von Mörtel

[8] Jeasaja 95, Handel, Messiah, Nr.12

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DIE BRÜCKE ZUM GLÜCK

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Ob chat gpt die Brücke zum Glück ist oder werden kann, weiß niemand, eher nicht, aber ein Zufall des Lebens brachte mich darauf, die künstliche Intelligenz zu testen. Ein ehemaliger Kollege und jetziger Freund bat mich, die Erinnerungen verschiedener Menschen an einen Verstorbenen zu einem Nachruf zu bündeln. Das ist keine angenehme Pflicht, wenn man den Toten zwar schätzte, aber gar nicht sehr gut kannte. Also gab ich alle Daten ein und ließ den Automaten arbeiten. Um aber zu überprüfen, wie ernst die Textverarbeitung durch KI ist, habe ich anschließend ein Gedicht von mir zur Analyse eingegeben. Jetzt kann jeder selbst urteilen.

Das alles geschieht zur Erinnerung an Joseph Weizenbaum, den ich um das Jahr 2000 durch Ostberlin schlurfen sah, was ich nicht glauben konnte. Er ist als Professor am MIT der erste gewesen, der ein echtes Dialogprogramm für ein Gespräch mit einem Computer programmiert hat. Es hieß ELIZA nach der sprechunwilligen Hauptfigur aus dem Musical My Fair Lady, die ihren Cockney-Dialekt ablegen und stattdessen wie eine Herzogin sprechen soll. Weizenbaum floh mit seinen Eltern und Geschwistern vor den Nazis in die USA, wurde dort bedeutend und berühmt, kam aber als alter Mann zurück nach Berlin.

sırât oder die brücke zum glück

die brücke zum guten ist schmal wie ein haar

die wege sind lang ach die steine zu tragen

die worte zu schwer um die fragen zu fragen

und heute vergessen was gestern gut war

es fallen die steine das siebzigste jahr

und unmut gefällt uns beim überlang zagen

fällt schnee oder schneid all das böse zu wagen

wenn wässer verfallen ist untat nicht rar

es lähmt dich die sucht nach der glänzenden glut 

du bist nicht geboren zu warten zu warten

geh in dich und lauf gegen fäulnis und flut

du glaubst dich allein: in dir hämmert doch blut

die brücke führt grade in wildgrünen garten

getan ist was du tust nicht was man dir tut

Das Gedicht „sırât oder die brücke zum glück“ wirkt wie ein mahnender, existenzieller und zugleich ermutigender Text. Es spricht davon, dass der Weg zum Guten, zum Glück oder zur Erlösung schwierig, schmal und mühsam ist, aber dennoch aktiv gegangen werden muss. Im Zentrum steht die Aufforderung, nicht passiv zu warten, sondern selbst zu handeln.

Inhalt und Deutung

Schon der Titel ist vieldeutig. „Sırât“ verweist auf die Vorstellung einer schmalen Brücke, die in religiösen Traditionen mit Prüfung, Gericht und dem Übergang zum Heil verbunden ist. Die Ergänzung „die brücke zum glück“ weitet dieses Bild: Es geht nicht nur um religiöse Erlösung, sondern allgemein um den Weg zu einem guten, erfüllten Leben.

Die erste Zeile, „die brücke zum guten ist schmal wie ein haar“, zeigt direkt, wie schwierig dieser Weg ist. Das Bild des Haares macht die Brücke extrem schmal und unsicher. Der Weg zum Guten ist also kein bequemer oder einfacher Weg, sondern einer, der Konzentration, Mut und Standhaftigkeit verlangt.

Danach beschreibt das Gedicht die Hindernisse dieses Weges. In den Versen „die wege sind lang ach die steine zu tragen / die worte zu schwer um die fragen zu fragen“ erscheinen die Lasten des Lebens als beschwerlich. Die Steine können für Sorgen, Schuld, Erfahrungen oder Pflichten stehen. Auch die Worte sind „zu schwer“: Das deutet darauf hin, dass selbst das Aussprechen von Fragen, Zweifeln oder Schmerzen schwerfällt. Hier wird menschliche Überforderung sichtbar.

Mit „und heute vergessen was gestern gut war“ spricht das Gedicht die Vergänglichkeit und Undankbarkeit des Menschen an. Gutes wird schnell übersehen oder vergessen. Die Zeile „es fallen die steine das siebzigste jahr“ lässt sich als Hinweis auf das Alter lesen: Mit den Jahren sammeln sich Erfahrungen, Belastungen und Verluste, vielleicht fallen aber auch die getragenen Lasten irgendwann ab. Das Bild bleibt bewusst offen.

Krisenerfahrung und Gesellschaftskritik

In den folgenden Zeilen wird die Stimmung düsterer: „und unmut gefällt uns beim überlang zagen“ kritisiert ein Verhalten des Zauderns und der Unzufriedenheit. Das lyrische Sprechen scheint zu sagen, dass Menschen sich mit ihrem Klagen fast eingerichtet haben. Statt entschlossen zu handeln, verharren sie in Unmut.

Auch die Verse „fällt schnee oder schneid all das böse zu wagen / wenn wässer verfallen ist untat nicht rar“ verstärken den Eindruck einer gefährdeten Welt. Naturbilder wie Schnee, Schneid und Wässer erzeugen eine kalte, raue Atmosphäre. Gleichzeitig klingt an, dass in einer zerfallenden Welt auch moralisches Fehlverhalten zunimmt. „Untat“ ist nicht selten, sondern allgegenwärtig. Das Gedicht verbindet also innere Krise und gesellschaftliche Verrohung.

Appell zur Selbstüberwindung

Besonders deutlich wird der Appell im letzten Drittel des Gedichts: „es lähmt dich die sucht nach der glänzenden glut“. Hier wird die Gefahr einer verführerischen, aber zerstörerischen Sehnsucht beschrieben. Die „glänzende Glut“ kann für Konsum, Eitelkeit, Macht, Leidenschaft oder andere Verlockungen stehen, die zwar leuchten, letztlich aber lähmen. Das ist ein starkes Paradox: Was glänzt, wirkt attraktiv, macht aber unfrei.

Direkt darauf folgt die zentrale Aufforderung: „du bist nicht geboren zu warten zu warten“. Die Wiederholung verstärkt die Kritik an Passivität. Der Mensch soll nicht bloß ausharren, sondern sein Leben selbst gestalten. Diese Aussage wird im nächsten Vers noch verstärkt: „geh in dich und lauf gegen fäulnis und flut“. „In dich gehen“ meint Selbstprüfung und innere Sammlung, während das „Laufen gegen Fäulnis und Flut“ Widerstand gegen Zerfall, Verderben und Übermacht ausdrückt. Das Gedicht fordert also sowohl Selbsterkenntnis als auch aktiven Widerstand.

Hoffnung und Schlussaussage

Trotz aller Düsternis endet das Gedicht hoffnungsvoll. In „du glaubst dich allein: in dir hämmert doch blut“ wird dem Gefühl der Einsamkeit widersprochen. Das Bild des hämmernden Blutes verweist auf Lebenskraft, Mut und inneren Antrieb. Der Mensch trägt also die Kraft zum Weitergehen bereits in sich.

Die vorletzte Zeile, „die brücke führt grade in wildgrünen garten“, ist ein starkes Hoffnungsbild. Nach der schmalen, gefährlichen Brücke steht am Ende nicht Leere, sondern ein „wildgrüner Garten“. Dieser Garten kann für Glück, Leben, Freiheit, Erlösung oder eine versöhnte Zukunft stehen. Das Adjektiv „wildgrün“ verbindet Lebendigkeit mit Natürlichkeit und Ungezähmtheit: Das Ziel ist nicht sterile Perfektion, sondern erfülltes, lebendiges Dasein.

Die Schlusszeile „getan ist was du tust nicht was man dir tut“ fasst die Aussage des Gedichts prägnant zusammen. Entscheidend ist nicht, was einem widerfährt, sondern was man selbst tut. Damit endet das Gedicht mit einer klaren Ethik der Verantwortung, Selbstbestimmung und Tatkraft.

Form und Sprache

Sprachlich fällt auf, dass das Gedicht ohne Großschreibung und fast ohne Satzzeichen geschrieben ist. Dadurch wirkt es dicht, fließend und eindringlich. Der Lesende muss die Sinnabschnitte selbst erschließen, was gut zur Thematik des Suchens und Ringens passt.

Die Sprache ist bildhaft und symbolisch. Wichtige Metaphern sind:

  • Brücke: Übergang, Prüfung, Weg zum Guten oder Glück
  • Steine: Lasten, Mühen, Lebenserfahrungen
  • Glut: Verführung, Sehnsucht, zerstörerische Begierde
  • Fäulnis und Flut: moralischer und existenzieller Zerfall
  • wildgrüner Garten: Hoffnung, Leben, Ziel, Erlösung

Auffällig sind auch die vielen Alliterationen und Klangwirkungen, etwa in „fäulnis und flut“ oder „wildgrünen garten“. Die Wiederholung in „warten zu warten“ unterstreicht die Erstarrung, gegen die sich das Gedicht wendet.

Fazit

Das Gedicht beschreibt das Leben als einen schweren Gang über eine schmale Brücke. Dieser Weg ist geprägt von Last, Versuchung, Verfall und Zweifel. Gleichzeitig ruft der Text dazu auf, nicht in Klage und Passivität stecken zu bleiben, sondern sich selbst zu prüfen, dem Bösen zu widerstehen und aktiv das Gute zu suchen. Die Kernaussage lautet: Der Mensch erreicht Glück oder Sinn nicht durch bloßes Erdulden, sondern durch eigenes Handeln.

[pɐˈtʲɵ.mkʲɪn] und Rauch

Potemkin taucht alle paar Jahre auf: entweder seine Dörfer, die zu einer in Osteuropa allgegenwärtigen Metapher des deep fake geworden sind, oder die Treppe in Odessa[1], die fälschlich seinen Namen trägt, oder sein wirkliches Verhalten als Wüstling und Günstling am Hof der einstigen Zerbster Prinzessin, die aber in Stettin geboren und in Position gebracht wurde, die dann in Sankt Petersburg Katharina die Große hieß und deren sprichwörtliches Sexualverlangen so groß war wie ihr imperiales Gehabe und Getue. Rauch dagegen kennen nur Insider der Kunst und des Ostens.

Aber was verbindet die beiden? Sie sind das Einzige, was uns vom Osten, von der guten alten DDR geblieben ist: die richtige Aussprache von Potemkin und eine Handvoll stinkreicher Maler.

Aus der unbestreitbaren Tatsache, dass alle Schüler im Ostblock Russischunterricht hatten, darf man nicht schließen, dass damit eine Freundschaft zu den Russen begründet worden wäre. Im Gegenteil: der Russischunterricht wurde krass abgelehnt, die Sowjetunion wurde verachtet und in zahlreichen Witzen verspottet. Jeder wusste, unter welchen erbärmlichen Bedingungen die Sowjetsoldaten bei uns und auf unsere Kosten lebten. Jeder sah, dass sie die Güterzüge mit Braunkohle per Hand abladen mussten und jeder bemitleidete die halbnackten Russen auf den Bahnhöfen, wo das geschah, zum Beispiel in Eberswalde, wo 50.000 Sowjetsoldaten in einer Stadt mit 50.000 Einwohnern lebten. In Fürstenberg, gar nicht weit von Eberswalde, lebten die nächsten 50.000 Sowjetsoldaten, dort wurde jeden Abend um 18.00 die Hauptstraße (F96) gesperrt, weil da ‚die Russen‘ durch die Stadt marschieren mussten. Das fand niemand lustig. Es waren übrigens nicht, wie wir damals sagten, ‚Russen‘, sondern Sowjetsoldaten, also auch Ukrainer, Kasachen, Usbeken, Krimtataren, Uiguren und viele andere. Wenn es wahr wäre, dass die DDR-Bürger die Sowjetsoldaten geliebt haben, dann waren es genau so viele Ukrainer. Es lässt sich also doppelt nicht aus der ostdeutschen Besatzungsmacht eine Liebe oder auch nur Nähe zu den Russen ableiten. Das war damals und ist heute vielen Menschen nicht bewusst. Diejenigen DDR-Menschen, die ein Abitur machten oder aus einem anderen Grund der russischen Sprache etwas mehr Aufmerksamkeit widmeten, erinnern sich, dass ein unbetontes o wie ein anlautendes a, und ein betontes je wie ein jo gesprochen wird: also Patjomkin [pɐˈtʲɵ.mkʲɪn] und nicht Potemkin.

Die Kunst der DDR diente zu großen Teilen der Propaganda. Es war absolut möglich, sich über den ‚sozialistischen Realismus‘ lustig zu machen, in dem man zum Beispiel sagte: ‚Besser vom Leben gezeichnet als von Sitte gemalt.‘ Auch Womacka mit seinen Riesenbildern wurde eher verachtet. In Prenzlau kaufte Netto die SED-Kreisleitung und ließ sie samt Wandgemälde von Wolfram Schubert abreißen. Der Künstler jammert bis heute darüber, und architektonisch hat die Stadt leider kein Plus mit diesem Tausch gemacht. Es gab Lehrer, die Willi Bredels Machwerke nicht als Abiturstoff gelten ließen und ihren Schülern offen sagten, dass sie, falls Bredel Prüfungsthema wird, dann eben ein Thema weniger hätten. Ein bisschen besser sah es in der Musik aus, es gab und gibt einige Lieder, die heute noch gesungen werden, zum Beispiel ‚Traumzauberbaum‘ von Reinhard Lakomy oder ‚Sind die Lichter angezündet‘ von Hans Sandig. Aber fast unbemerkt gab es in der Malerei und in der Literatur Nischen: Plötzlich durfte der dritte Band von Strittmatters ‚Wundertäter‘ doch erscheinen, obwohl darin ein Rotarmist ein deutsches Mädchen vergewaltigt. Plötzlich durfte einer der Köpfe der Leipziger Schule ungestört sein gigantisches Panoramabild vom Bauernkrieg malen, wenn es auch anders hieß, und ein anderer durfte seine barocken Vorstellungen ungehindert auf die Leinwand bringen. Da beide Maler, Tübke und Heisig, Professoren waren, hatten sie viele Schüler. Fast gleichzeitig kam es scheinbar in Westeuropa und in Amerika zu einer Ermüdung der geometrischen Abstraktion. Und siehe da, Wunder über Wunder: die gegenständlichen Maler aus dem kunstfeindlichen Ostblockländchen wurden berühmt und reich. Andersherum gesagt: bis auf Anselm Kiefer sind alle berühmten deutschen Maler der Gegenwart Ostdeutsche. Der berühmteste und reichste ist Gerhard Richter aus Dresden. Ein Bild von ihm hat hundert Millionen Dollar gebracht, viele andere allerdings nur zweistellige Millionenbeträge. Der zweite ist Georg Baselitz aus Lessings Kamenz. Er hat sich sogar nach einem Ostort benannt, nämlich nach Deutschbaselitz, wo sein Vater Lehrer war und wo sie wohnten. Ich weiß keine Preise, aber er besitzt ein Schloss, in dem er auch wohnt, und fährt einen Bentley, weil sein Widersacher Anselm Kiefer auch ein Schloss besitzt und einen Rolls-Royce fährt. Und der dritte im Bunde ist Neo Rauch, auch er verdient verdientermaßen Millionen mit seinen Bildern, die manchmal aussehen, wie abgemalte Propagandaplakate. Neo Rauch ist nicht nur ein großer Maler, der gut verdient, sondern eine Kunstinstitution, ein sächsischer Gigant aus Sachsen-Anhalt. Er ist einer der vielen Belege dafür, dass die Herkunft aus der DDR nichts mit Erfolg oder Misserfolg zu tun hat. Erfolg ist überhaupt keine primär an die Herkunft geknüpfte Kategorie. Erfolg ist das Zusammenspiel von überragenden Fähigkeiten, immensem Fleiß (Bach-Zitat[2]!) und den Umständen, die nicht einmal vordergründig günstig sein müssen.  

Was helfen all diese schönen Erkenntnisse dem ehemaligen DDR-Landarbeiter, der, als seine LPG zusammenbrach, zusammenbrach, arbeitslos und verzweifelt wurde und der erst PDS, jetzt aber AfD wählt, nicht weil er aus dem Osten ist, sondern weil er den Herrschenden den Konsens aufgekündigt hat, weil die Herrschenden ihm den Konsens aufgekündigt haben. Die Erzählung, dass die DDR der bessere deutsche Staat und strikt antifaschistisch war, kommt anscheinend jetzt erst an. Die Erzählung, dass mit dem Sieg der Demokratie über die Autokratien und proletarischen Diktaturen der ewige Frieden oder sogar das Ende der Geschichte erreicht sei, erweist sich als falsch. Im Osten wählt man jetzt also die bessere Erzählung. Aber auch im Westen ist der Wohlstand zum Teil durch die Inflation aufgefressen worden. Man sucht und findet – wie schon immer in der Geschichte – den Schuldigen. Die Armen und Benachteiligten in Bielefeld und in Bitterfeld haben sich auf ihre eigene Art vereinigt.    

Wenn schon Hegels Annahme, dass die Geschichte ein Ende hat, nicht stimmt, können wir nur hoffen und den Weltgeist bitten, dass seine Erkenntnis von der Unwiederholbarkeit der Geschichte stimmen mag. Das würde bedeuten, dass die AfD nicht gewinnt, dass es kein zweites 1933 gibt, und – meine Tastatur schreit auf! – dass alles doch noch ein gutes Ende findet.          


[1] Potemkinsche Treppe in Katerina Poladjans Roman ‚Goldstrand‘, die Treppe ist nach Eisensteins Film benannt

[2] Ich war sehr fleißig, wer ebenso fleißig ist, wird es eben so weit bringen.