CHAPLINs GEBURTSTAG

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[Über Frédéric Beigbeders Buch ‚Oona & Salinger‘ und andere Medien]

Wenn man sich die kleine Oona mit ihren drei möglichen Namen vorstellt – O’Neill Salinger Chaplin -, dann gehört sie in die Reihe der großen Witwen: Alma Schindler Mahler Kokoschka Gropius Werfel, bekanntlich wollte Thomas Mann dann nicht mehr am Grabe der Männer von Alma reden. Aber Oona O’Neill, die Tochter des damals berühmtesten amerikanischen Schriftstellers Eugene O’Neill (Long day’s journey into night), ist viel mehr als das: ein Schnittpunkt der medialen Welten. Zunächst sah sie aus und benahm sich wie eine normale Multimillionärstochter. Sie betrank sich unter der Aufsicht livrierter Oberkellner und im Verein mit ihresgleichen im teuersten Club von New York. Aber da waren auch Truman Capote, Orson Welles und Salinger, die zur kulturellen Halbkugel der Eliten gehörten. War Salinger dort als zukünftiger koscherer Wurstfabrikant oder als späterer berühmtester amerikanischer Schriftsteller? Die amerikanischen Eliten, liest man auf vergnüglich-französische Weise, lebten enger als eng zusammen, das ist insofern bedenklich, weil Amerika viel  größer ist, aber viel weniger Einwohner hat als Europa. Trotzdem wechselte gerade in der Zeit, um die es hier geht, der Schwerpunkt von der Ostküste an die Westküste, wo sich bis heute das mediale und monetäre Zentrum der Welt befindet.

Die kleine Oona verliebt sich, während Capote fortwährend die Kellner anhimmelt, in den schlaksigen Wurstfabrikantensohn mit seinen drei Kurzgeschichten. Sie ist erst sechzehn Jahre alt und erst an ihrem achtzehnten Geburtstag wird sie in die Weltgeschichte der Medien eintreten. Sie lieben sich und sie lieben sich nicht. Vielleicht ist Holden Caulfields kleine Schwester in Wirklichkeit Oona? Beigbeder schildert dieses eine Jahr, als wäre er als Paparazzo dabei gewesen. Er beschreibt die ständig feuchte Unterhose von Salinger genauso realistisch wie die Angstkeuschheit der doppelt kleinen Oona. Lebenslang sind sie aufeinander festgelegt gewesen, haben sich über den Ozean geliebt, nach Chaplins Tod noch einmal getroffen. Salinger hat als fünfzigjähriger Mann in dritter Ehe eine achtzehnjährige Krankenschwester (praktisch!) namens O’Neill geheiratet und damit Oonas Biografie nachgespielt. Oona dagegen kannte jedes Detail aus Salingers schmalem Werk. Soweit die Biografie.

Begbeider, der letzte (oder der erste?) Bohémien Europas, scheint den apodiktisch-trotzigen Stil von Salinger zu imitieren, wechselt im zweiten Teil aber auch in Hemingways souveräne Art und hat in seinen Kriegsschilderungen, die zum besten gehören, was zu diesem Thema geschrieben wurde, einen Satz-für-Satz-schnellst-cut-Modus gefunden, der atemberaubend und absolutisch realistisch wirkend Chaplins Schnitttechnik in den Stummfilmen imitiert. Tatsächlich aber ist mit der merkwürdig direkten Autorsprache ein neuer Montmartrestil gefunden, der sowohl das Buch als auch seinen Inhalt ungeheuer intensiv im Leser zu verankern vermag. Hätten die Amerikaner, schreibt Beigbeder auf Seite 235, 1944 schon über die Atombombe verfügt, so hätten sie Berlin zerstört und den Krieg damit früher beendet. Das ist einer der härtesten Sätze, die über diesen letzten aller Kriege je geschrieben wurden, und der die immanente Sinnlosigkeit des Krieges für alle Zeiten beschreibt. Die Schlacht im Hürtgenwald bei Aachen, weder von den Franzosen noch von uns, und schon gar nicht von den Russen überhaupt zur Kenntnis genommen, hätte die Amerikaner so frustriert, dass sie zu jeder Rache fähig gewesen wären, wenn sie zu ihr schon fähig gewesen wären. Es gibt, so steht es zwischen den Zeilen von Hemingway, Salinger und Beigbeder, keinen guten Krieg und keine gute Seite. Die Guten werden böse, wenn sie mit Waffen auf andere losgehen.

Salinger ging in den Krieg vielleicht aus dem Gefühl seiner verschmähten Liebe oder aus einem etwas übertriebenen Patriotismus heraus. Er hatte das Gefühl, dass er etwas für Amerika oder die Menschheit tun müsse. Zum Glück für die Menschheit beließ er es nicht bei diesem Beitrag als Kompaniechef, der die Gliedmaßen seiner toten Soldaten aufsammelte, und als Geheimdienstoffizier, der auch später noch, lange vor dem Internet, jede Adresse ausfindig machen konnte, sondern er schrieb einen Roman, der hundertundfünfzig millionenmal  verkauft wurde und den wir alle für den besten Coming-of-age-Roman nach Werthers Leiden hielten, bis wir lasen, dass Hemingway als einziger verstand, worum es ging: der Einzelgänger im Massenschlachten, in Massenmedien, im Massenkonsum, das Individuum neu vermessen und kalibriert.

Oona O’Neill hatte unterdessen an ihrem achtzehnten Geburtstag als dessen vierte Frau den sechsundfünfzigjährigen Chaplin geheiratet, der am Ende seiner Karriere und seiner politischen Tragfähigkeit angelangt war. Selbst sein britischer Akzent und sein Migrantenstatus wurden ihm plötzlich angelastet. Er hat sich nicht nur mit Oona (Sie hält mich jung. Er macht mich reif.) und ihren gemeinsamen acht Kindern wunderbar getröstet, er ist auch geadelt worden, von einer Million Menschen in Großbritannien empfangen worden und hat seiner kleinen Großfamilie ein riesiges Palais an der Nordseite des Genfer Sees spendiert. Oona fuhr von nun an barfuß im Rolls Royce. Viele schreiben und er war selber auch der Meinung, dass er das Ende der Stummfilmära ist, dass seine Tonfilme ihn zu einem normalen Schauspieler gemacht haben, dass sie normale, also vergängliche Filme waren, wenn auch im ‚König von New York‘ Isaac Stern Geige und Louis Armstrong Trompete spielen.

Vielmehr haben Chaplin und Salinger etwas gemeinsam: Sie beschrieben die Inszenierung des Menschen in einer Welt, die immer voller wird: voller Menschen, voller Dinge, voller Geld und sogar auch voller Ideen. Der Film war gemeinsam mit der Schallplatte und dem Radio eines der ersten Medien, die große Menschenmassen erreichten. Immer wieder inszeniert Chaplin seinesgleichen aus der Anfangszeit. Wenn er auch  Künstlerkind war, so waren seine Eltern doch mental, medial und monetär ganz, ganz unten. Es reichte nicht zum Überleben. Vor allem hätte dieses Leben, das seine Eltern führten, nicht zum Überdauern gereicht. Chaplin inszenierte und installierte einen Typus, den viele für real hielten, besonders als er sich in The Kid auch noch reproduzierte.

Die dritte Kreation von Chaplin aber war Hitler. Hitler hielt den Bart und die Art für echt, erkannte nicht, dass Chaplins Narrativ dessen Broterwerb war. Er glaubte und hoffte, dass man so sein müsse, um anzukommen. Also ging er so los wie Chaplin als Tramp in seinen Filmen. Chaplin war Multimedia-Künstler so wie Hitler eine Mehrfachnull war. Er imitierte mit großem Erfolg eine Inszenierung, die selbst schon ein übergroßer Erfolg gewesen war. Nullen aber, selbst wenn sie sich mit sich selbst multiplizieren, mutieren nie zur Eins. Merkwürdig ist nur, dass es damals nicht bemerkt wurde. Auch später dachten alle, dass Chaplin Hitler parodierte. Sein jüdischer Friseur aus dem ersten Krieg wurde nicht verstanden. Seine überlange und hochmoralische Rede feiert übrigens gerade bei Facebook und in anderen Medien ein Comeback nach dem anderen. Das alles zeigt uns, dass die Botschaft ein Medium braucht, dass das Medium immer totaler, ganzheitlicher wird, aber doch trotzdem immer Medium bleibt.

Hitler ist vielleicht der brutalste Ausdruck des merkwürdigen Festhaltens an alten Formen, des Unverstands der alten Männer gegenüber dem Neuen, den Söhnen. Genau das hat übrigens auch Freud beschrieben! Hitler hat zuerst seinen alten Vater imitiert, sodann den genau mit ihm gleichaltrigen Chaplin, dessen Narrativ ihm allerdings ebenfalls traditionalistisch erschien, denn wie jeder Narr blieben sich Chaplins Tramp und Hitler immer gleich, keine Entwicklung konnte sie trüben oder vorwärts bringen. Hitlers Programm war tatsächlich närrisch: er wollte eine ahistorische Welt erzwingen.

Der eine starb in den selbst produzierten Trümmern seiner alten Welt, die er vielleicht retten wollte, aber zertrümmerte, der andere ist der Clown der Medienwelt, der sie selbst schuf. Seine Botschaft aber überlebt alle Medien. Sieh den Jungen dort in der U-Bahn in New York oder Berlin, er sieht, hört, fühlt und schmeckt die Rede des großen Diktators, der ein kleiner geadelter Gutmensch ist, über den Sieg der Menschlichkeit… 

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[Wittgenstein in Linz]

Man muss gar nicht den vielleicht veralteten, auf jeden Fall aber überstrapazierten Fortschrittsgedanken bemühen, um den Vergleich der beiden im gleichen Monat und im gleichen Jahr geborenen Persönlichkeiten zugunsten Chaplins zu entscheiden. Es reicht die reine Quantität. Dabei muss man nicht fragen, wieviele Menschen kennen Hitler, wieviele kennen Chaplin, sondern, und eineindeutiger geht es dann nicht, wieviele leben mit den Folgen der beiden. Die Antwort ist: Eurozentrismus. Nur weil wir ständig über Hitler reden, wird er nicht bedeutend. Wir reden ständig über Hitler, weil wir das schlechte Gewissen unserer Vorfahren bedienen und weil wir in Deutschland und in Europa Folgen und Gedenksteine sehen können.

Trotzdem bleibt Hitler ein ideologisches und ein faktologisches Konglomerat. Seine Ideologie setzte sich aus bekannten rechtskonservativen, radikalen, rassistischen und sozialdarwinistischen Elementen zusammen, von denen er keines gefunden oder erfunden hatte. Im Gegenteil: er bezog alle diese Elemente aus schon aufbereiteten Broschüren. Vielleicht hat er gar kein Buch gelesen, geschrieben hat er jedenfalls keines.

Die Welt besteht aber nicht nur aus Europa. Die Weltbevölkerung hat sich seit Hitler nicht nur zweimal verdoppelt, sondern auch ihr Schwergewicht verlagert. Die Teile der Weltbevölkerung, die unseren Vorfahren marginal erschienen sein mögen, sind jetzt ihr Kern und ihr Hauptgewicht: China, Indien, Afrika, jedes mit 1,3 Milliarden Einwohnern. Es ist bei so großen Prozessen unsinnig, nach der Schuld zu fragen, aber so viel ist sicher: die grünlinksversifften Demonstranten waren es nicht. Selbst die Kommunisten waren Nationalisten. Man kann die Zukunft nicht voraussagen, aber nach heutiger Lage sieht es so aus, dass es keine dominierende Weltreligion geben wird, auch wenn alle diese Gruppen nach wie vor davon träumen. Auch eine einheitliche Regierungsform scheint es in absehbarer Zeit nicht zu geben, wenngleich viel für die Demokratie spricht. Alle rückwärtsgewandten Autokratisierungsversuche sind von beiden Seiten aus verständlich: viele Menschen sehnen sich nach einem Führer, der alles weiß und alles kann, und viele Politiker dichten sich selbst Omnipotenz an.  Wenn die Welt aber immer komplexer und immer schneller wird, nimmt die Wahrscheinlichkeit ab, dass es einfache, oft gestrige Antworten auf die vielen neuen Frage gibt. Die Neigung der neuen Probleme, in Dilemmata zu münden, hat wohl eher zugenommen.

Die Politik hat die repräsentativen Aufgaben von der Monarchie und von der Religion übernommen. Nach wie vor ahmen aber auch Religionsführer Politiker nach: wenn der Papst nach Berlin kommt, wird er von vier Kampfjets begleitet, seine Wachen ballern mit Heckler & Koch-Geräten. Jesus ritt bekanntlich auf einem Esel in Jerusalem ein und verbot seinen Jüngern mit sprichwörtlich gewordenen, heute noch gültigen Sentenzen die Benutzung von Waffen. Was uns fehlt, wenn uns etwas fehlt, sind nicht Waffen, sondern Visionen.

Nur aus der übergroßen Beachtung für die Politiker wächst ihre übergroße Verachtung. Ein großer Politiker, zum Beispiel Scipio Africanus, ist auch früher schon verehrt worden. Aber heute wird aus der sporadischen Erhöhung, zum Beispiel dem frenetischen Jubel zur Begrüßung des heimkehrenden Mannes, ein tausend Mal am Tag und millionen Mal im Jahr wiederholter floskel- und gebetsmühlenartiger Jubel. Die scheinbare Allmacht eines heutigen Politikers ist identisch mit seiner Allgegenwart. Selbst ein Helmut Kohl, von dem alle, die ihn erlebt haben, wissen, dass er ein visionsloser, rückwärtsgewandter Pragmatiker und Machtmensch war, wird heute, nachdem er tot ist, in den Rang eines großen Deutschen und großen Europäers gehievt. Seine Witwe wird sogar versuchen, ihn in die Klasse von Bismarck, Brandt und Scipio Africanus zu befördern. Daran hängt auch viel Geld.

Diese mediale Verstärkung aller Prozesse verdanken wir einerseits der Erfindung der Medien selbst. Samuel Morse, der den Telegraphen erfand, nicht das erste, aber das erste wirklich wirksame Mittel, Gedanken zu dislozieren, war im Hauptberuf Maler religiös-moralischer Bilder und lieferte zu seiner legendären Erfindung den Zweifel gleich mit: Warum, so fragte er, müssen die Menschen in Baltimore sofort wissen, was in Washington passiert? Vom Telegraphen zum Smartphone ist es ein Siebenmeilenschritt. Und heute fragen manche, und das war der Inhalt des ersten Telegramms, WAS HAT GOTT GETAN? [Numeri 23,23]. Die Medien benötigen, auch wenn das der große Medienguru Marshall McLuhan bestritt, eine Botschaft, weil nämlich wir Menschen eine Botschaft brauchen. Parallel zur Entwicklung der heute allgegenwärtigen Medien hat sich also eine Mediensprache entwickelt. Ganz am Anfang steht Chaplin. Er kreierte den Typen, der fortan die Welt bestimmen sollte, der gute, aber nicht sehr individuelle Mensch, der vom Pech verfolgt ist, aber das Glück sucht und bringt. Das sind wir. Der Trost, den wir früher aus der Religion ziehen konnten, kommt heute aus der medial verbreiteten Kunst. Die Kunst, sagte man früher, ahmt das Leben nach, das Leben ahmt heute im gleichen Maße auch die Kunst nach. Viel mehr Menschen schreiben, dank der Medien und überhaupt der Technik, die uns von groben Arbeiten befreit hat. Es entsteht dort ein übergroßer Widerspruch, wo die Erde mit dem Hakenpflug, die Kommunikation dagegen mit dem Smartphone bearbeitet wird.

Aber Hitler hatte nicht nur Chaplin als Vorbild. In seiner Realschule in Linz, die er bekanntlich nicht erfolgreich beendete, begegnete ihm der kleine Wittgenstein, ebenfalls wie Hitler und Chaplin im April 1889 geboren. Wenn er dessen Leben weiterverfolgt hat und wenn er damals gewusst hat, wer sein Schulkamerad ist, dann hat er ihn wohl lebenslang als Idol und Feindbild gehabt. Wittgenstein war hochbegabt, steinreich, hypermusikalisch und stockschwul, alles das, was Hitler sein wollte, aber nicht war oder nicht sein durfte. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich kannten, ist groß, denn Wittgenstein, der sonst wie seine Geschwister Privatlehrer hatte, fiel durch seine exklusiven Manieren und Kleidungsstücke auf. Hitler und Wittgenstein, gleichaltrig, aber in unterschiedlichen Klassen, konnten beide wunderbar pfeifen und interessierten sich für Opern. Die beiden polarisierten den Schulhof wie später die Welt.

Aber Hitler hat nichts geschaffen, keine Mediensprache, keine Philosophie, kein Flugzeugtriebwerk, kein Gedankengebäude, keine Musik, keinen Film. Er konnte nur Postkarten und antisemitische Vorurteile und Opernfragmente reproduzieren. Der zweite Weltkrieg wurde von Joachim von Stülpnagel geplant, die armen Menschen aus Osteuropa sind von Heinrich Himmler und unseren Vorfahren ermordet worden.         

TAUTOLOGISMUS

quasi modo geniti infantes rationabile sine dolo lac concupiscite*         1. petrusbrief 22

Die Rohstoffe früherer Zeiten waren namen- und sinngebend für ganze Epochen der Menschheit: Steinzeit, Bronzezeit, Eisenzeit, aber auch das Industriezeitalter mit seiner unseligen Triade Eisen, Kohle, Stahl, denn der Eiffelturm und das Kreuzbergdenkmal mögen uns rührend und anmutig vorkommen, sie sind aber auch harte Kennzeichen der gnadenlosen Ausbeutung der Natur, die wir jetzt distanziert Umwelt nennen. In diesem Industriezeitalter sind die großen Städte entstanden. Die größten Städte sind aber entstanden, als die Verteilung der Industrieproduktion schon längst abgeschlossen war und die Menschen in den weniger entwickelten Ländern trotzdem in die Städte drängten, weil sie dort auf das gleiche bessere Leben hofften wie die Menschen, die um 1800 nach Liverpool oder Wuppertal gingen. Statt des besseren Lebens ist ein Kult um den Müll entstanden. Der Wohlstand ruft, aber die Abfälle antworten. Kinder, jene reinen Wesen der Hoffnung und der Neugier, müssen gerade da zuhauf vegetieren, wo die Hoffnungslosigkeit herrscht. Zwar hungern jetzt weit weniger Menschen als 1950 oder 1900, aber je mehr wir von der Welt wissen, desto mehr erschreckt uns die althergebrachte Ungerechtigkeit. Unser Focus ist auf das Leid gerichtet. Das ist auf der einen Seite natürlich gut und stärkt unsere Empathie und zum Beispiel auch Spendenbereitschaft, auf der anderen Seite stärkt es aber auch den Abschottungsreflex, der aus der Angst entspringt, morgen wieder mit bloßen Händen dazustehen. Dabei sollten uns die Ruinen des Römischen Reiches daran erinnern, wie lange Reichtum vorhält, weit über den Untergang hinaus. Wer bereit ist, auch das immaterielle Erbe mitzuzählen, der wird im lateinischen Alphabet und in der lateinischen Sprache den Reichtum des Römischen Reiches sogar fortleben sehen. Wir müssen uns also keine Sorgen um uns machen. Wir werden schon nicht verschwinden.

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Da in der Stadt Politik und Kunst gemacht werden, aber auch fast alle Gegenstände, erscheint es dem Städter so, als ob die Stadt mit sich selbst leben könnte. Kein Städter glaubt, dass außerhalb der Stadtmauern etwas Wichtiges passiert. Er kennt die Natur vom Spaziergang und vom Urlaub, aber er hält sie nicht für notwendig. Die wichtigen Events finden in der Stadt statt. Unter einem Event versteht der Städter aber nicht, wenn in seiner Nachbarschaft ein Blogger ein neues Wort gefunden hat und in die Welt hinaus sendet, oder ein Physikprofessor einen neuen Botenstoff für das Smartphone gefunden zu haben glaubt. Der Physikprofessor ist für den Städter vielmehr jener Veganer, der in einen Gummimantel gehüllt auf einem zehntausend Euro teuren Fahrrad fährt und als einziger in der Straße eine durch drei Etagen gehende Achtraumwohnung hat, in der zwei Steinwayflügel stehen. Unter einem Event versteht der Städter vielmehr ein Vergnügen, das er sich selbst bereitet, indem er in große Stadien zu Ballspielen und Konzerten geht, indem er stundenlang nach Karten ansteht, um in Riesendiskotheken die Nähe zu suchen, die ihm zuhause fehlt. Selbst Fernsehsendungen hält er für ein tatsächliches Ereignis. Wir leben, es ist fast trivial zu sagen, zu mehr als der Hälfte in Filmen statt in der Realität. Zählt man zu den Filmen noch die Videosequenzen, so ist ihre fast totale Wirkung besonders auf die natives – die mit ihnen aufgewachsenen – nicht zu überschätzen. Die Stadt befasst sich also fast nur noch mit sich selbst. Sie ist ein tautologischer Ort, aber kein unbekannter. Ihre Entdeckung folgt den filmischen Spuren, die vorher schon gelegt waren. Schon vor Jahrzahnten gab es in abgelegenen afrikanischen Dörfern Fernseher, die mit Notstromaggregaten, wie wir sagen würden, betrieben wurden. Den Menschen damals in Afrika kam es aber so vor, als ob man elektrischen Strom nur dafür brauchen würde, alte amerikanische und europäische Serienfilme zu sehen. Bis heute gibt es keine nennenswerte, also identitätsstiftende afrikanische Filmproduktion. Millionen afrikanischer Jungs wollen Fußballer werden, wofür sie auch oft ungeheuer begabt sind. Nur muss man befürchten, dass sich der Bedarf in engen Grenzen hält. Wenn wir also nicht gewollt hätten, dass sich das, was und wie wir tun, verbreitet, hätten wir weder das Fernsehen noch das Smartphone erfinden und verkaufen dürfen. Ihre Relativierung, die bei uns – wenn auch mit mäßigem Erfolg – gelingt, setzt eine Bildung außerhalb tautologischer Kreise voraus. Die mediale Parallelwelt ist einerseits Finsternis gegenüber der wirklichen Welt, andererseits aber die Verwirklichung der romantischen Idee von der Poetisierung, der Durchdringung des ganzen Lebens durch Geschichten. Wir haben dabei einen Halbanalphabetismus hingenommen, indem wir die großen Geschichten lieber nachspielen statt zu lesen. Was dabei an Einbildungskraft verloren geht, wird durch die pure Masse vielleicht ersetzt. Noch deutlicher ist es in der Kunst, die noch elementarer wirkt als die großen und kleinen Narrative, die Musik. Man könnte unser Zeitalter mit Fug und Recht das musikalische nennen. Noch nie vorher ist Musik so alltäglich und allgegenwärtig gewesen, wie gerade jetzt. Fast könnte man sagen, dass die Musik in einem quasiosmotischen Prozess von der medialen  in die autochthone Welt überwechselt, ohne dass sie mechanischer Instrumente bedarf. Gleichzeitig gibt es aber eine erfreuliche Renaissance gerade dieser mechanischen Instrumente und die Allgegenwart der Musik besteht keineswegs nur aus Pop und Fahrstuhlmusik, sondern auch aus Bach und Beethoven und dem Silentnighttyp.

Die Menschen in den Millionenstädten nehmen also ihre Herkunft aus der Erde nicht mehr ernst. Sie halten sich für schaumgeboren. Da sie sich nur mit sich selbst beschäftigen, glauben sie, dass es auch nur sie selbst gibt. Um sie herum herrscht Menschenleere. Der Massencharakter ihrer Behausungen ist ihnen zwar klar, aber in der Menschenleere können sie nicht den Sinn des Ursprungs entdecken. Menschenleere ist ihnen Sinnleere. Kein Paradox ist ihnen nah. Zu dieser Entfremdung, schon aus Verehrung für die Familie Feuerbach verwenden wir gerne dieses Wort, hat sicher die Industrialisierung, also Entpersönlichung der Landwirtschaft beigetragen. Zudem ist die Erde, früher als Mutter bezeichnet, mit Chemie vollgepumpt worden, was ihre Fruchtbarkeit dankenswerterweise so erhöhte, dass der Hunger besiegt werden konnte. Gleichzeitig ging aber ihr unverwechselbar erscheinender Charakter als Mutter, als Ernährerin, als Allgebärerin verloren. Zudem sind die Rohstoffe, die unser Zeitalter bestimmen, unsichtbar. Während die Kohle in einem fast pathetisch zu nennenden Vorgang zutage gefördert wurde und sogar die Sprache bis heute beeinflusst, weiß niemand, woher die Seltenen Erden in seinem Telefon  oder woraus die Plastikteile unserer Legowelt stammen. Statt nach der reinen Milch der Vernunft sehnen wir uns nach der kommentierten und tausendfach reproduzierten Nachricht über das, was wir schon wissen.

*Wie die neugeborenen Kinder seid begierig nach der vernünftigen lauteren Milch.

POSTSCRIPTUM:    STADT LAND SCHLUSS

Auf dem Land beginnen hinter der Haustür die Ferien, wo der Städter Agenturen und Fluglinien zwischenschalten muss, mindestens aber eine U-Bahn. Der Städter glaubt sich in einem Versorgungscontainer, der ihn – außer dass er ihn zu versorgen hat – nicht weiter interessiert, aber der Landbewohner will auf nichts verzichten und nimmt deshalb Transportwege und Energieverschwendung in Kauf. Allerdings bleibt ihm immer noch mehr Zeit und Geld als dem Städter, da es auf seinen Wegen und in seinen Einkaufszentren keine Unterhaltung oder Ablenkung gibt.

Durch die Minimierung der Landwirtschaft auf der einen und Verlandschaftlichung der Städte auf der anderen Seite kam es zu einer ungeahnten Annäherung. Sie passierte so schnell, dass die Begriffe der Unterschiede, die es nicht mehr gibt, bestehen blieben. Die Urbanisierung hatte zwei große Schübe, und während der erste, der mit der Industrialisierung einherging, die Städte verstädterte, brach der zweite Schub ebendiese Verstädterung wieder auf. Gärten entstanden an den Rändern der Städte, die Gartenstadt wurde zum Ideal. Man wollte sie doppelt verwirklichen: in der Stadt und auf dem Land. Der Versuch, das Land mit einer ähnlichen Struktur wie die Stadt zu überziehen, ist allerdings gescheitert. Man kann in die Stadt zwar einen Garten zwängen, aber man kann den Garten, das Land, nicht auf den U-Bahn-Komfort zwingen. Der Vorteil des Landlebens bleibt ideal.

Stadt und Land haben sich so angenähert wie Mann und Frau (‚Bubikopf‘, ‚Erziehungsjahr‘, ‚Quote‘), Körper und Seele (‚psychosomatisch‘) Himmel und Erde (‚Fliegen‘, ‚Raketen‘), rechts und links (‚Lügenpresse‘). Mit dem Vorrücken der Demokratie verschwinden Hierarchie und Bipolarität. Diese Annäherung, die auch eine Auflösung altbekannter Sicherheiten darstellt, macht einer autoritätsgläubigen Menge von Menschen Angst und ermutigt eine liberale Elite. Immer wieder beschwören fundamentale Konservative die vermeintliche Ewigkeit von Fakt, Begriff und Ordnung. Aber die Welt zieht einfach weiter, die Felsen beben. Der Tsunami von Lissabon am 1. November 1755 musste, bevor er die Aufklärung brachte, erst die Gewissheit von katholischer Staatskirche hinwegfegen. Freiheit beruht auf Bewegung, die oft einem Tsunami gleicht.

Selbst Jugendliche, wenn sie autochthone Landbewohner sind, betonen die Ruhe, die man auf dem Land hat. Sie ahmen mit dieser Argumentation die Erwachsenen und die Zugezogenen nach. Ein Jugendlicher sucht nicht Ruhe, sondern Aufregendes. Aber sie wissen, dass sie ohnehin bald verschwunden sein werden. Unter dem Alibi der Ausbildung suchen sie ein aufregenderes Leben als in der so genannten Heimat. Im Internet sieht man sie beruhigt ihre Sehnsucht feiern. Wenn sie das Haus ihrer Großeltern erben, lassen sie es verfallen. Nichts bringt sie in die Ruhe zurück, nie mehr wollen sie zwanzig Kilometer fahren, weil sie vergessen haben Zigaretten zu kaufen.

Das Land ist, außer für die ein bis zwei Bauern pro Dorf und diejenigen traditionellen Bewohner, die zu alt sind, etwas neues anzufangen, nur für ehemalige Stadtmenschen interessant. Sie verdienten oder verdienen genügend Geld, um die vorhin schon erwähnten höheren Transport- und Energiekosten aufzubringen. Sie versprechen sich ein selbstbestimmteres Leben, als es in der Stadt möglich ist. Sie träumen von der Reinheit der Natur, obwohl sie von einer Landwirtschaft umgeben sind, die immer mehr zur Monokultur strebt und ihre Bodenprobleme mit Überdüngung löst. Es gibt zu viele Füchse. Aber weil es auch zu viele Rehe gibt, gibt es zu viele Jäger. Falls sie die zu vielen Ferienwohnungen mieten, gleicht sich ihre Anwesenheit durch die Zahlungen wieder aus. Sie stören die Landschaft beinahe mehr als die Windräder. Die Windräder sind allerdings der Preis oder besser der Tribut, den die menschenleeren Gegenden für ihr Privileg der Einsamkeit bringen müssen. Fährt man durch den äußersten Westen Westdeutschlands, so sieht man, dass der Preis, den diese Landschaften zahlen mussten, weitaus höher ist. Hier im Osten sind es eigentlich nur der Verfall und die Windräder, die den Menschen als Strafe auferlegt sind. Die Kreise werden immer größer und leerer. Lange war die Uckermark der größte Landkreis, ebenso groß wie das Saarland. Jetzt ist es der Kreis Mecklenburgische Seenplatte, er ist doppelt so groß wie das Saarland, das aber fast fünfmal so viele Einwohner hat.

Der Landbewohner bildet sich seine Selbstständigkeit weitgehend ein. Er geht in den gleichen Supermärkten einkaufen wie sein Gegenüber in der Großstadt. Der Vorteil des Landlebens bleibt Idealismus.

Der Städter kritisiert den Landbewohner wegen dessen Mangel an Struktur und vor allem Kultur. Der Landbewohner kritisiert den Städter wegen dessen Anonymität und Einsamkeit. Im Winter sieht der Landbewohner seine Nachbarn manchmal tagelang nicht. Der Stadtbewohner allerdings kennt angeblich seine Nachbarn namentlich nicht. Trotzdem kommt der namentlich nicht bekannte Nachbar sofort mit Enteisungsspray angerannt, wenn der Städter im Winter morgens seine Scheibe nicht vom Eis befreien kann.

Trotz der Kritik an den Städten bleiben sie bevorzugte Wohnorte. Trotz der Kritik an der Kulturlosigkeit des Landes bleibt auch das Land von bestimmten Menschen bevorzugt. Seit wir also genügend Geld haben, können wir wählen. Die Menschen in den ärmeren Ländern müssen da bleiben, wo sie sind, und das bleiben, was sie sind. Es ist zwar eine Frage des Geldes, aber auch ein Problem des Inhalts. Ganz ähnlich wie die Medien kann die Stadt dem Menschen zwar Angebote machen, aber wenn er nicht genügend Bildung oder Offenheit hat, dann kann er sie nicht annehmen und er ist dazu verurteilt, lebenslänglich fernzusehen. Auf dem Land ist es umgekehrt notwendig, dass man über genügend Bildung und Offenheit verfügt, um den Dörfern und Landschaften Angebote zu machen, damit sie nicht nur attraktiv, sondern bewohnbar bleiben.

EVER GIVEN

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Das riesige Schiff – man stelle es sich als Treidelaggregat vor, dann würde es von 80.000 Pferden gezogen – ist wieder freigeschaufelt, der Vollmond half mit seiner magnetischen Kraft. Aber es kann trotzdem nicht weiterfahren, denn die Kanalbehörde verlangt eine Untersuchung und eine Milliarde Dollar Schadenersatz. Auch die dritte Kanalkrise bringt uns nicht Erleichterung oder gar Befreiung von unserer pathologischen Abhängigkeit von möglichst billigen Importen, die alle wie das Kamel durch das Nadelöhr wollen, manche sagen auch: müssen. Die einseitige, vorfristige Verstaatlichung durch Ägypten löste die erste Suezkrise aus. Großbritannien, Frankreich und Israel gewannen militärisch, verloren aber politisch durch das Eingreifen der UNO. Vielleicht wurden Ägypten und seine Verbündeten durch diesen verdienten Erfolg zu ungerechtfertigtem Hochmut gegenüber Israel verleitet. Jedenfalls verloren sie im Sechstagekrieg ihre Luftwaffe, ihre Überlegenheit, Sinai, die Golanhöhen, den Gazastreifen und die Hoheit über den Kanal, der für acht Jahre nicht passierbar war.

Heute würden solche Konflikte nicht mehr militärisch gelöst. Der gegenwärtige Konflikt besteht auch nicht zwischen Staaten oder Ländern, sondern zwischen Mensch und Natur. Wenn ein Kind sprechen kann, kann es auch nein sagen. Sobald eine Straße gebaut ist, staut sich auf ihr der Verkehr. Absichten lassen sich nicht friktionsfrei verwirklichen.

Gerade weil die Menschheit mit der Coronakrise abgelenkt ist, wäre es möglich gewesen, das Durchfahren des Suezkanals drastisch zu reduzieren. Man hätte sich auf den Sechstagekrieg berufen und die seitdem beträchtlich erhöhten Exportmengen zunächst ignorieren können. Wir müssen eine Gelegenheit nutzen, mit dem Schlussmachen anzufangen. Wir sollten fossile Kraftstoffe und elektronische Billigteile künstlich verteuern und dadurch einsparen. Das geht nicht durch Appell, aber durch die Embolie im Kanal.   

Der Embolus selbst zeigt die Krankheit des Systems: das Schiff ist vierhundert Meter lang und 60  Meter breit, trägt 20.000 Container, angefüllt mit überwiegend überflüssigem Plunder, und wiegt 220.000 Tonnen. Laster dieser Klasse sind etwas größer als die noch schädlicheren Kreuzfahrtschiffe. Das alles ist gigantomanisch und unersättlich und deshalb nicht mehr länger akzeptabel.

Leider haben wir keine Weltregierung, die so etwas kurzfristig durchsetzen könnte. Vielmehr zeigen alle Versuche, die Kräfte mehrerer Länder zu bündeln, dass wir alle noch zu sehr am Gifttropf des Nationalismus oder, allgemeiner gesprochen, des Egoismus hängen. Die Vorstellung der Ungleichwertigkeit ist noch falscher als man auf den ersten Blick sehen kann. Denn man kann seit neuestem weder Länder noch Menschen kaufen oder verkaufen. Sie haben keinen Preis, sondern eine Würde. Es gibt noch Sklaverei, sogar auch bei uns, aber sie ist marginal, geächtet und strafbewehrt. Vielleicht dauert es noch hundert Jahre, bis die Mehrheit der Menschen anerkennt, dass die Würde jedes einzelnen Menschen, egal woher und wohin, gleich unantastbar und unverhandelbar ist.  

Und mit dieser neu entdeckten und geschützten Würde müssen wir uns wieder in die Natur einreihen und dieser ihre Würde zurückgeben. Der Gedanke ist nicht gerade neu. Schon Schopenhauer vermutete, dass wir das Leid, das wir den Tieren über Jahrtausende antaten, wohl kaum wieder gut machen könnten. Aber das ist kein Argument, einfach so weiterzuleben. Jede Erkenntnis ist die Chance zum Neubeginn.  

MOONLIGHT*

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Wir sind ohne Vater schon beschnitten genug, aber die Sucht der Mutter – und sei es Selbstsucht – lähmt uns vollständig. Romane und Filme des coming of age gibt es viele, und einige sind sehr gut und weltberühmt. Aber oft enden sie ‚draußen vor der Tür‘, so ein berühmter coming of age Titel, zeigen den Weg aus der verrotteten Welt der Eltern, aber weiter wissen sie auch nicht. Der Leser ahnt dann, dass der Protagonist der Autor wurde, der sich eben nicht erschossen hat, sondern mit der story in der Satteltasche floh.

Chiron, ein schwarzer Junge in einer ausschließlich von Schwarzen bewohnten Gegend, wird schon als Kind Schwuchtel genannt. Auch seine Mutter, die ihm ein Leid nach dem anderen zufügt, findet ihn zu weich. Der aus Kuba eingewanderte Dealer Juan nimmt sich seiner an, als er wieder einmal von einer Meute verfolgt wird. Chirons Problem ist nicht, dass er schwarz oder Schwuchtel ist. Er ist zu weich für diese Welt und er hat zu wenige Menschen, die ihn mögen, aber Juan und seine offensichtlich ebenso kinderliebe wie kinderlose Freundin gehören ab sofort dazu. Und von Anfang an hat er einen einzigen Freund, Kevin, der ihn nicht für ein Weichei hält. Chiron erleidet die Pubertät mehr als dass er sie erlebt. Der einzige Hinweis, dass er in sexueller Hinsicht anders sein könnte, ist der zärtliche Sex, den er mit Kevin am Strand hat, aber der geht von Kevin aus und Kevin, der mit seinen Mädchengeschichten prahlt, bemerkt die Unerfahrenheit Chirons, sein fast ängstliches Suchen mit den Lippen und Händen. Und eben dieser einzige Freund Kevin wird von der ebenso bösen wie hässlichen Schulgang gezwungen, Chiron niederzuschlagen.

Chiron, auch von der Sozialarbeiterin gedemütigt, die es gut mit ihm meint, greift zu der Abwehr, die er kennt, zu der Gewalt, die ihn umgibt, zu dem einzigen Ausweg, den er in die Ecke gedrängt sehen kann, wenn er weiterleben will: er zerschlägt im Klassenraum der Highschool einen Stuhl und den Schädel des Anführers.

Kann sich der Mensch selbst erschaffen? Von Religionen und Realisten wird das vehement bestritten. Die Literatur der letzten hundert Jahre versucht dagegen den Umgang des Menschen mit sich immer konstruktiver zu zeigen. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass sich parallel dazu Geschlechtsumwandlungen und Wandlungen vom Tod zum Leben ereignen. Orhan Pamuk hat uns gerade einen Roman** geschenkt, der einen sehr einfachen, aber desto lieberen Menschen, den Straßenhändler Mevlut Karataş in Istanbul, in eine falsche Familiengeschichte hineingeraten lässt. Er schreibt an die richtige Schwester Liebesbriefe, die aus Textbausteinen bestehen, und entführt und heiratet dann die falsche Schwester und liebt sie. Um ihn herum wird eine falsche Stadt aus Gecekondus gebaut, Hütten, die in einer Nacht errichtet werden und deshalb keiner Baugenehmigung bedürfen. Paul Auster schreibt dagegen einen, seinen, Roman*** über die Varianten des Lebens, die wir alle mehr oder weniger tatsächlich erleben. Jedes Denken ist Wunsch. Jede Biografie ist auch Traum und Zerstörung. Keineswegs benötigt man, wie ein Kritiker schrieb, eine Tabelle, um sich alle Varianten merken zu können, vielmehr wird die Persönlichkeit des kleinen Archibald  Ferguson um die Nuancen reicher und reicher, die seine Träume, Varianten und Verstellungen ausmachen. Paul Auster beruft sich schließlich auf das literarische Programm: die Verwandlung eines Menschen in einen Käfer****.

Das Problem des Jungen Chiron ist nicht so sehr, dass er vom Bösen umgeben ist. Auch als er im Gefängnis ist, es bleibt offen, ob der offen böse Gangleader überlebt, ist anscheinend nicht das Böse sein Problem. Er ist so still und verschlossen, dass er zwar das typische Opfer zu sein scheint, aber er ist auch nicht offen für den breiten Weg und die breite Pforte. Überall sind die Gefängnisse voller Menschen, die schon in ihrem Unglück gefangen sind. Das Böse heute ist nicht böser, als es schon immer war, aber das Gute ist auch genauso unsichtbar wie schon immer. Das Ideal des harten Dealers ist nicht weich zu sein, wie Juan, als er den verfolgten zarten und weichen Knaben entdeckt, sondern ein Auto, das allein mit seinem Motorgeräusch die Gasse erschüttert. Der Dealer wird nicht zum Leader, obwohl das ein Anagramm und demzufolge eine wunderbare Lösung wäre. Statt dessen steckt der dealer selbst in einem zu Tränen rührenden Dilemma, wenn ihm eines seiner Opfer plötzlich statt als Schlampe als Mensch, als Mutter und eben als Opfer bewusst wird. Die Mutter hingegen mag sich lange nicht damit abfinden, dass jemand anderes, jemand besseres sich um ihr geliebtes Kind kümmert. Erst in der altersweisen Schlussszene, und das ist eine der größten Leistungen des Films, die so genannten einfachen Menschen, die Opfer der Drogen und der Gesellschaft, als weise und milde zu zeigen, obwohl sie auch hart und gewalttätig sein könnten und auch oft genug sind, erst in der altersweisen Schlussszene in der Drogenklinik bekennt sich die Mutter zu ihren Fehlern und damit zu dem notwendigen Ersatzvater Juan. Chiron fehlt, wo das höchste Ideal der Deal ist, das röhrende Auto, der Dealer als Leader, der Sinn. Ein Sinn steckt nur in tiefer Menschlichkeit, die verschiedene Quellen haben kann, Vorbild, Philosophie, Religion, Leid, Verlust, selten Gewinn. Nicht die Anwesenheit des Bösen, sondern die Abwesenheit des Guten ist das Problem für Menschen in unbehüteten Verhältnissen. Die Sinnleere ist die schlimmste Lehre, die ein Mensch erfahren kann.

Auch filmisch ist MOONLIGHT ein Meisterwerk. Besonders stark sind die inszenatorischen Stanley Kubrick Zitate. Die Gewaltszenen dehnen sich unendlich, unaushaltbar, teilweise ohne Ton, teilweise mit klassischer Musik oder hip hop unterlegt. Die Taufszene, Chiron lernt in den Armen von Juan schwimmen, ist der Schlüssel zum Verständnis des Lebens: nur, wer schwimmen kann, kann das schmutzige feindliche Meer des Lebens überstehen. Irgendwann, sagt Juan zu Chiron, musst du dich entscheiden, wer du bist. Es gibt ein kleines Castingproblem, in dem weder Chiron noch Kevin als Erwachsene richtig gut zu erkennen sind. Die erwachsenen Schauspieler haben das aber mit großem darstellerischen Können überspielt: sie ahmen die Gesten, die Mimik, die Bewegungen ihrer jüngeren Kollegen meisterhaft nach. Wir Menschen bestehen in der Tat nicht nur aus Aussehen, sondern auch aus Charakter und Taten. Der hart-weiche Drogendealer Chiron mit dem noch größeren Auto ist immer noch das sensible motherless child aus dem Blues und aus dem griechischen Mythos, zu Tränen fähig und trotzdem im Leben verankert, wenn auch im falschen. Mit Paul Austers Protagonisten Ferguson könnte er sagen: ‚Ich bin du. Wer sollte ich denn sonst sein?‘ Das ist deshalb kein Film über Schwule oder Schwulsein, sondern über die Konstruktion des Menschen, der immer eine Dekonstruktion vorausgehen muss. Es gibt wohl doch ein richtiges Leben im falschen.

2

Das Konstrukt dieser Geschichte erlaubt nur eine Lösung. Wenn es aber möglich ist, und auch das ist eine Botschaft des Films, sich aus der Katastrophe herauszukonstruieren, dann muss es auch möglich sein, sich in ein besseres Leben hineinzukonstruieren. Ein Zweistundenfilm kann nicht das komplexe Leben zeigen, sondern nur eine Möglichkeit. Nie gibt es nur einen Grund oder eine Lösung oder eine Katastrophe.  Langston Hughes, der erste schwarze Lyriker Amerikas, war bus-boy und legte einem zufällig anwesenden Dichter seine Gedichte unter den Teller. Langston Hughes wurde entdeckt, gedruckt und berühmt, steht heute in allen Schulbüchern Amerikas: I, too, sing America. James Baldwin ist sogar unserem Chiron, dem Protagonisten aus Moonlight, mit der alleinstehenden Mutter ganz nahe. Und schließlich stammt der erste schwarze Millionär ebenfalls aus dem Süden, aus New Orleans, aus dem Waisenhaus und aus dem Slum: Louis Armstrong. Zur Konstruktion des Lebens gehören nicht nur Talente und Förderer, sondern auch Glück. Das ist bei der Konstruktion von Geschichten nicht anders.

Armstrong spielte in der funeral band des Waisenhauses auf einem zerbeulten Horn, wie er sein Kornett auch später noch nannte, Baldwin und Hughes haben von Anfang ihres Lebens an immer gelesen und geschrieben. Aber in all diesen wirklichen oder konstruierten Biografien geht es nicht um schwarz oder schwul oder weiß oder Ehe mit Kind, sondern um die Frage, ob und wie man einem durch die vielzitierten Umstände, und früher glaubte man durch ein prädestinierendes Schicksal, vorbestimmtem Leben folgen muss oder ausweichen kann.

Neben den Eltern und ihrem sozialen Milieu und dem Drang zum Überleben mit seinem Zwang zu kontinuierlichem entfremdetem Tun, aus dem sich diese unsägliche Erniedrigung der Arbeitswelt, schließlich auch sogar die Prostitution und Sklaverei ergeben, gibt es seit der Antike den transzendenten Bereich der Schamanen, Dichter, Priester und Lehrer. Unsere Vorfahren vor hunderttausenden Jahren haben die Jagd gespielt, bevor sie jagen gingen, haben getanzt bis zur Trance, bevor sie erwachsen werden durften, haben ihr Bewusstsein mit Drogen erweitert, bevor sie wissen wollten und wissen durften.

Lange Zeit war Kunst elitär, aber durch Religion, Bauten und Schule wenigstens minimal präsent, Religion diskriminierend, aber immer auch tröstend und Schule nur fundamental, aber das auch wieder lange Zeit elitär. Globalisierung ist also immer auch als Universalisierung zu verstehen. Die Schule musste von der Alphabetisierung (Lateinschule) zu einem universellen Instrument der Integration werden. Deshalb ist jede Kritik an der so genannten Verflachung oder Entelitärisierung verfehlt. Die Emanzipation der Frauen, der Schwarzen und der Schwulen fand im wesentlichen in der Schule statt, während die stupid white old men in Weißen Häusern und Petersdomen vor sich hinvegetieren. Das klingt ein bisschen wie Argumentation aus den sechziger Jahren, aber wir reden über Moonlight, den Film, und wir reden über Berlin und Deutschland, das es geschafft hat aus der Hauptstadt der Diskriminierung zu einer der Hauptstädte der Globalisierung und Fraternisierung zu werden. Der Begriff der Fraternisierung (in Abgrenzung zur Verbrüderung als allgemeiner Kooperation) stammt aus dem ersten Weltkrieg, der in spieltheoretischer Sicht als Nullsummenspiel gesehen werden kann, der Sieg der einen Seite war die Niederlage der anderen, und das heißt, dass Untätigkeit und Entfeindung des Feindes ein notwendiges Verhalten war. Überhaupt darf man die beiden Großkatastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts nicht nur unter dem Aspekt des Völkermords und der sinnlosen Zerstörung sehen. Sie sind das Ende einer mörderischen Epoche und die Geburt der Epoche der Globalisierung und Fraternisierung, hier im Sinne von Emanzipation, Gleichmachung vor allem  auch von Menschengruppen mit konstruierter Differenz oder Feindschaft gemeint. Fraternisierung fand vor allem auch im intersexuellen Bereich statt, wir erinnern an das unschöne Wort Rheinlandbastard und an die schöne Tatsache, dass es hunderttausende schwarze Deutsche erst gab, seit Heinrich Himmler deutscher Innenminister war. Damit wir uns nicht missverstehen: nach der äußersten mörderischsten Diskriminierung kam die schöne und weitere Schönheit hervorbringende Fraternisation. General Robertson, der britische Oberkommandierende im Nachkriegsdeutschland, forderte die amerikanischen und britischen Soldaten auf, sich als Besatzer so zu verhalten, dass den Deutschen der Besatzungs- und Gewaltzustand vergessen gemacht werden könnte. (SPIEGEL 14/1948).

Juan im Film MOONLIGHT sagt, weil er glaubt, dass Chiron vielleicht unter seiner Hautfarbe leiden könnte, dass es schwarze Menschen überall gibt. Chirons Problem ist aber nicht seine Hautfarbe, sondern sein Mangel an Sinn. er weiß nicht, wohin mit sich und seinen Tränen. Ihm bleibt nur das Zerfließen.

Aber seit Louis Armstrong ist die Kunst allgegenwärtig, wenn auch oft dem Kommerz oder einer Ideologie folgend, die Religion säkularisiert, wenn auch oft politisch instrumentalisiert, und die Schule wenigstens im Aufbruch, mal durch sinnlose Verwaltung, mal durch die eigenen Traditionen oder Inkompetenz gehemmt.

Wie hätte nun der kleine traurige Chiron und Millionen anderer trauriger Kinder etwas Besseres werden können als weicher Drogendealer oder Sklave auf dem Arbeitsmarkt, was schon beinahe ein Privileg ist?

Wir müssen eine Schule schaffen, die nicht Kübel vermeintlicher Fakten und vorgeblicher Kausalzusammenhänge über die Kinder ausschüttet oder sogar mit Trichtern zu infiltrieren versucht, sondern in der jedes Ich Ich sein kann und Wege ausprobieren, um zu dem Ich zu werden, was in der Hülle des kindlichen Ichs verborgen war. Wir sehen in dem Film und in den Wirklichkeiten unserer Welt Jugendliche doppelt scheitern – erst werden sie gemobbt und zusammengeschlagen und schlagen zusammen, dann werden sie bestenfalls Elendsdealer -, und sollten nicht endlich die Idee einer neuen Schule haben?

GEGEN DIE ZERSTÖRUNG DER WELT GIBT ES NUR EINE VERTEIDIGUNG: DEN KREATIVEN AKT. [Kenneth Rexroth]

Wir müssen es wagen, Schule, Kunst und transzendente Orientierung in einer Institution zu vereinen, die so wenig wie möglich Institution und Hierarchie sein darf und in der Künstler, Priester und Lehrer und die Rezipienten als Akteure soviel ICH wie möglich entwickeln können. Wir folgen damit John Deweys learning by doing, Rezeption als Aktion. Jede Aktion hat 1000 Gründe.

Die radikale Bildungsreform wäre das Dreispartenmodell: Theater, Fußball und Scouting. Wir folgen damit Lord Baden-Powell. In der Sparte Theater finden sich alle Sprachen, die eigene und zwei oder drei Fremdsprachen, Literatur vor allem als Schreiben, Philosophie im antiken Sinn als umfassendes Nachdenken einschließlich Religion und Psychologie, Rollenspiel, aber auch Musik, Malerei, Polytechnik. Jeder Schüler gehorcht seinen Neigungen, muss aber überall auch aushelfen. Fußball bedient den Bewegungsdrang und die Notwendigkeit der Bewegung, aber auch Strategie und Taktik, Spieltheorie, Kooperation, Teamwork und Teamgeist, Freude. Wir folgen damit Fröbel und Montessori. Es gibt natürlich Alternativen für die Fußballallergiker, ohnehin zerlegt das Training des Fußballs sich in verschiedene Sportarten, die auch einzeln gewählt werden können. Jeder Schüler gehorcht seinen Neigungen. Die dritte Sparte schließlich ist das Scouting, das Aufsuchen der Spuren des Menschen in der Natur und der Natur im Menschen. Mathematik, Physik, Chemie, Biologie finden in der Natur statt. Die Schüler können sich spezialisieren. Spieltheorie ist die Verbindung zu den beiden anderen Sparten. Es gibt keine Prüfungen und Zensuren, sondern nur Projekte mit ausführlicher Auswertung, die erfolgreich oder weniger erfolgreich sind.

Utopisch war auch der Ersatz des Bruttosozialprodukts durch das Bruttonationalglück. Utopisch war auch die Sozialversicherung. Utopisch war auch das Fliegen oder Telefonieren, das Fernsehen, die Raumfahrt. Manchmal erscheint einem das Glück unter einem riesigen Berg von Vorurteilen frei daliegend und der Diskurs darüber ertrinkt in Worten. Man muss das Glück nur ausgraben und ergreifen.

Vielleicht ist das mit Auferstehung gemeint.

Schwerin, Ostern 2017

*          MOONLIGHT von Barry Jenkins, nach dem Theaterstück von

Terell Alvin McCraney, 2016

**        Orhan Pamuk, DIESE FREMDHEIT IN MIR, 2014

***       Paul Auster, 4321, 2017

****     Franz Kafka, DIE VERWANDLUNG, 1912

ZEITUMSTELLUNG

Seit es die Zeitumstellung gibt, gibt es auch den Widerstand gegen sie. Manche mögen die Unbequemlichkeit tatsächlich empfinden. Kinder und alte Menschen können zum Beispiel einige Tage aus dem Rhythmus geraten. Andere sehen eine günstige Gelegenheit, wieder einmal gegen die Regierung zu sein. Unsere alte Ostregierung tat ausnahmsweise etwas sehr Schlaues: sie berief sich auf den Westen und auf dessen Sachzwänge. Es gibt immer gute Gründe, gegen die Regierung zu sein. Vielleicht war das Hauptargument gegen die DDR die Mauer, aber dann ist das entscheidende Argument gegen unsere heutige Regierung auch ausschließlich der Waffenhandel und die Massentierhaltung einschließlich Kükenschreddern. Wir sind uns alle einig, dass Krieg, Bürgerkrieg und Terrorismus falsch und verbrecherisch sind und nicht unterstützt werden dürfen. Aber wir wählen immer wieder Regierungen, die den Waffenhandel erlauben. Die neue Partei ist sogar für das Schießen an den Grenzen. Das einzige, was uns entlastet, ist der geringe Anteil des Waffenhandels, nämlich etwas über einem halben Prozent  an unserem Exportvolumen von 1,3 Billionen Euro im vergangenen Jahr. Da die meisten Rüstungsgüter hochwertig sind, U-Boote, Panzer, Kriegsschiffe und Flugzeuge, ist also auch ihre absolute Menge eher gering. Aber das sind nur Entlastungen und Rechtfertigungen. Es ist jedoch auch schwer, seine Haltung im Welthandel zu ändern.

An der Massentierhaltung und am Kükenschreddern kann man besser beschreiben, dass wir nicht bereit sind, unser Leben zu ändern, auch nicht wenn wir uns ununterbrochen empören. Es zeigt sich, dass Empörung leichter ist als Tat. Wir könnten ohne Probleme auf Fleisch verzichten, nicht für immer, aber als Boykott. Erinnern wir uns an den Boykott gegen die Versenkung der Shell-Bohrplattform. Es war kein großes Problem, die Autofahrer in ganz Europa dazu zu bringen, nicht bei Shell zu tanken, und Shell knickte nach wenigen Tagen ein. Vielleicht hören große Konzerne erst ab dem Verlust von einer Milliarde zu. Als Vorbild und Namensgeber sollten wir uns aber, obwohl er auf eine Stadt begrenzt war, den Montgomery Bus Boycott nehmen, der damit begann, dass Rosa Parks in Montgomery, Alabama, auf ihrem Platz im Bus sitzen blieb, den ihr jemand aus Prinzip, nicht aus Not streitig machen wollte.

Also, warum boykottieren wir nicht das Billigfleisch, das seinen Grund in der Massentierhaltung und im Kükenschreddern hat? Diese Frage ist ganz leicht zu beantworten: weil es leicht ist, Jahr für Jahr bei Facebook zu posten: Gegen …. Wenn du auch dagegen bist, teile das. Zwei Klicks, und schon haben wir unser Gewissen beruhigt. Gegen alles gibt es inzwischen auch Unterschriftensammlungen. Ganz sicher ist es sinnvoll, wenn eine Schule für den Verbleib eines Mitschülers oder einer Mitschülerin eine Petition an die Härtefallkommission einreicht: konkrete Menschen für ein konkretes Ziel, und das ist ein Mensch in Schwierigkeiten. Die Zahl der Petitionen und deren ausführender Organisation hat dermaßen zugenommen, dass man, falls man sich beteiligen will, sich erst durch einen Wust von Spendenaufrufen kämpfen muss. Inzwischen leben schon wieder Dutzende von Menschen von Petitionen. Ich würde lieber jemanden bezahlen, der den Montgomery Bus Boycott II organisiert.

Was also spricht gegen die Zeitumstellung? Natürlich kann man die Zeit nicht umstellen. Wir meinen ohnehin immer die Uhr, wenn wir Zeit sagen. Die Uhr dient unserer Orientierung. Wir wollen eine Struktur, und wir geben uns eine Struktur. Die Umstellung der Uhr stärkt den Morgen gegen den Abend. Das ist eine Botschaft, die wir gebrauchen können. Wenn wir die Uhren umstellen, kann uns bewusst werden, dass die Messung der Zeit nicht nur relativ ist, sondern Willkür. Wir halten mit der Zeitmessung nicht nur am geozentrischen Weltbild fest, sondern auch am Duodezimalsystem. Es stärkt schon unsere Flexibilität, dass wir zwei und manchmal auch mehr Denksysteme nebeneinander, parallel oder sogar synchron benutzen können. Unser Hauptdenk- und -glaubenssystem beruht auf Egoismus. Wir müssen  glauben, dass wir Recht haben, dass unsere Gruppe erfolgreich ist, dass das Fleckchen Erde, in das wir gestellt sind oder das wir gewählt haben, optimal für uns ist. Unser Hauptlebenssystem beruht aber auf Altruismus, Solidarität, Kooperation, Nächstenliebe. Von Anbeginn der Menschheit wird über die Prioritäten gestritten, und immer ist es falsch, was wir entscheiden. Spontan entscheiden wir uns eher für den anderen Menschen, rational fallen uns aber tausend Gründe gegen ihn ein. AM I MY BROTHER’S KEEPER? YA. Nicht die Länge des Wegs, sondern die Nähe des Ziels lässt uns ermüden. Wir kämpfen ein ganzes Leben lang gegen die Relativität der Dinge und Menschen, die uns umgeben. Wir können und wollen uns nicht damit abfinden, dass perfekt zu sein eine Idealvorstellung ist, die noch nicht einmal in der wunderbaren Natur verwirklichbar war, und die Natur hatte Milliarden von Jahren und Billionen von Möglichkeiten, soweit wir sehen können.

Jährlich zweimal könnten wir üben, dass wir nicht nur Männer, sondern auch Frauen, nicht nur Frauen, sondern auch Männer sind. Wir könnten diesen Sonntag daran denken, wie wir aus Schwarzen Weiße wurden. Es gibt keine Wiedergutmachung, aber vielleicht kann man es die nächsten Jahrtausende einfach besser machen. Diese ständige Ablehnung, die nur dazu dient, uns selbst als perfekt und einmalig zu sehen, hat der wunderlichste Dichter des zwanzigsten Jahrhundert in einem faszinierenden Büchlein beschrieben. Seine Frage war vielleicht: erkennen wir im Käfer unseren Bruder wieder? Tatsächlich, da der Dichter drei Schwestern hatte, ist die Schwester des Käfers lange Zeit kooperativ. Anscheinend ist Schwesternschaft – obwohl die üblichen Worte Bruderschaft und Brüderlichkeit heißen – eine Urfigur menschlichen Verhaltens: es vereint sich in ihr die dem Vater gegenüber stärkere Rolle der Mutter mit der des Geschwisters. Bei der älteren Schwester kommt die brüderliche Rolle des Beschützers hinzu. Vor der größten Gruppenzugehörigkeit, der geschlechtlichen, gibt es anscheinend die Geschwisterlichkeit und in ihr die Schwesterlichkeit. Ich glaube nicht, dass der Westen, also Europa, Nordamerika und Japan, wegen seiner Kinderlosigkeit zum Scheitern verurteilt ist. Vielmehr wird er seine führende Rolle einbüßen, weil sein Wirtschaftsmodell zu egoistisch ist. Es schädigt andere. Und die anderen werden kommen und ihre Begriffe von Schwesterlichkeit, als Beispiel, und Zeit mitbringen. Und die neuen Lehrer kommen als Bittsteller. Alle fünfhundert Jahre müssen wir unsere Begriffe ändern, nicht weil es jemand will, sondern weil sie nicht mehr taugen. Es ist sehr sinnlos, sich nach der Vergangenheit zu sehnen und dabei die Zukunft zu verpassen.

HAKUNA MATATA

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Als im Jahr 1994 der erfolgreichste Zeichentrickfilm von Walt Disney herauskam, spiegelte er in idealer Weise  die soeben in Ordnung gebrachte Welt: der Kommunismus war an der eigenen Schwäche verödet und damit der Kalte Krieg beendet, der Eiserne Vorhang zerfallen, die russischen Truppen aus Mitteleuropa abgezogen, die Atomwaffen gemeinsam vernichtet, und schließlich fanden immer mehr Länder den Weg zur Demokratie.

Der Film zeigt in kindgerechter, abenteuergesättigter Weise den Kampf der Generationen, Gut gegen Böse, dessen Scheitern und das Obsiegen der Liebe. Abermillionen Kinder haben gemeinsam mit ihren Eltern den Film gesehen und auf dem Heimweg CIRCLE OF LIFE und THE LION SLEEPS TONIGHT gesungen oder fröhlich HAKUNA MATATA gerufen.

Der Film unterstützt die Harmoniesucht dieser Jahre, in denen sich scheinbar alle Probleme von selbst lösten. Indessen lässt der Film die Probleme des Lebens nicht aus: der König stirbt, der Böse findet Verbündete, das Gute ist zu klein, um siegen zu können. Und so waren auch die Jahre von 1990 bis 2010, die später vielleicht die Goldenen heißen werden, keineswegs widerspruchsfrei.

Vielmehr hat die Euphorie über den Frieden völlig demokratiefremd eine Mehrheit auf die Meinung der Eliten eingeschworen. Die in Amerika traditionell verortete Elitenfeindlichkeit schwappte massiv nach Europa über. Am linken und am rechten Rand wurde an alten und überholt geglaubten Bildern vom Rassen- und Klassenkampf festgehalten. In Rostock zündeten bepisste Nazis eine Ghetto-Unterkunft von vietnamesischen Gastarbeitern an, in Paris wurden von unterprivilegierten Jugendlichen die Banlieus demoliert, die Katalanen holten ihren Regionalismus aus der Klamottenkiste des Antifranquismus. China öffnete sich und Deng Xiaoping dem Kapitalismus, lehnt aber bis heute Demokratie ab, Russland hatte nur ein ganz kurzes demokratisches Zwischenspiel und vertraute sich danach und auch bis heute einem kleinen Geheimdienstoffizier aus der DDR an. Die arabisches Welt war fest in der Hand bizarrer Diktatoren und Monarchen. Selbst am Rand Europas gab es einen Krieg, den Linke heute immer noch rechtfertigen, weil es zwar um Nationalismus ging, aber der Aggressor ein ehemaliger Kommunist war. Der Literaturnobelpreisträger Peter Handke und der ehemalige, jetzt greise Bischof der reformierten Kirche Brandenburgs, der in Brüssow in der Uckermark wohnende Dr. Dieter Frielinghaus, gründeten damals ein Solidaritätskomitee für Slobodan Milošević. Aber das wurde alles übersehen. Wir glaubten uns nicht nur in der widerspruchsfreien Zone und im ewigen Recht, sondern auch im allgemeinen Konsens. Die gestern gewählte neue Vorsitzende der Partei DIE LINKE verkündete erneut den Klassenkampf.

Der Konsens wurde uns, allerdings von Rechtsaußen, aufgekündigt. Die drei aufeinanderfolgenden Krisen, die Euro-, die Flüchtlings- und die Coronakrise, konzentrierten am rechten Rand eine recht erfolgreiche Partei. Allerdings wird übersehen, dass sich gleichzeitig die CDU und die Kanzlerin stabilisierten.

Allerdings wünscht sich niemand eine Regierung, die sozusagen das Gegenteil von HAKUNA MATATA ist. Bis zu zwanzig Prozent der Wähler in einigen Bundesländern fanden sich dazu bereit, den bestehenden Regierungen Denkzettel zu verpassen. Bundesweit kam diese Stimmung allerdings nicht über zehn Prozent und niemand glaubt, dass diese Oppositionspartei regieren kann und soll.   

Es handelt sich vielmehr darum, auf der einen Seite den Optimismus und die visionäre Kraft nicht zu verlieren, auf der anderen Seite aber zu wissen, dass es keine Wahrheit gibt, dass man immer scheitern kann und dass uns, schneller als wir es gedacht und gewollt haben, der Tod ereilt.

Es gibt zwei Sätze von mir, die sowohl von Gläubigen als auch von Ungläubigen geglaubt werden können: WIR KÖNNEN MIT DEM TOD NUR LEBEN, WEIL WIR NICHT AN IHN GLAUBEN und DASS WIR UNS IN DER EWIGKEIT WIEDERSEHEN, IST NICHT ZU FALSIFIZIEREN. Daraus folgt, dass wir den Tatsachen härter ins Auge sehen müssen, als uns unser Wohlstand, unsere Demokratie und unser Bildungshorizont raten. Besonders der Wohlstand hat eine einschläfernde Nebenwirkung. Er wird, bei gedachter Bedrohung, auch stets als erster aufgerufen. Sowohl in der Banken- oder Griechenland- als auch in der Flüchtlingskrise versuchten viele zuerst den Besitzstand zu wahren. In der Coronakrise wurden als erstes die Basics verteidigt: Hefe und Klopapier. Je deutlicher uns die Krisenhaftigkeit unseres eigenen Lebens und unseres Zusammenlebens bewusst wird oder bleibt, desto kräftiger sollten wir unsere Gedanken vertiefen, statt das ewiggleiche Politikgesülze der Talkshows auch nur anzuhören. Fernsehen trägt nur ausnahmsweise zur Vertiefung bei, wenn etwa ein guter Film gezeigt wird. Ansonsten ist das Fernsehen die Verflachung schon an sich flacher Inhalte, die Inflation des Unsinns. Auch das simpelste Theaterstück ist jeder noch so raffinierten Fernsehinszenierung schon deshalb haushoch überlegen, weil wir im Theater den agierenden Mitmenschen als Menschen spüren statt im technizistischen Abbild nur bestenfalls erahnen. Mit einem Kind oder Enkel TALER DU MUSST WANDERN oder DAS WANDERN IST DES MÜLLERS LUST zu singen ist eine größere Freude und hat mehr Sinn als eine ganze Woche aus Fernsehabenden. Am schlimmsten ist die schon Neil Postman entdeckte Selbstbezüglichkeit der Medien. Sie reden zum Schluss nur noch von sich selbst. Das haben sie mit der Bürokratie und den Kirchen gemeinsam. Lasst uns von anderen, von anderem und von tieferem und höherem denken und reden. Jeder Tausendseitenroman ist besser als ein Jahr Zeitung und Fernsehen. Schon dass sich jede Provinzzeitung zum allwissenden Fachorgan aufschwingen zu müssen glaubt, ist unerträglich. Die Redakteure jagen den Lesern nach, der Quote statt dem Inhalt.

Natürlich ist auch die Einsamkeit des Langstreckenläufers besser als jede Zerstreuung.  Es ist immer besser, sich selbst und andere zu stärken und zu vertiefen, wo es möglich ist, als abstrakt nach der Demokratie oder sogar dem Staat zu rufen. Nicht die immer wieder beschworene Härte des Rechtsstaates, die es nicht geben kann und nicht geben soll, wird uns aus denn Krisen helfen, sondern Bildung und Erziehung. Demokratie fängt im Kinderzimmer an, nicht im Gerichtssaal.

Und zu all dem braucht es Visionen, Optimismus und die fröhliche Gewissheit des HAKUNA MATATA.  

ÜBER FLUCHT UND FREIHEIT UND TOD

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Die Erfinder der Individualität wundern sich seit einigen Jahren, dass ihr Ideal der autarken Person und Persönlichkeit auch andernorts angekommen ist. Dabei warnte ihr großer Dichter Goethe, dass nichts ungeheurer sei als die Vorstellung, niemandes zu bedürfen. Auch derjenige also, der aus dem Nahen Osten oder aus Afrika aufbricht, seine individuellen Vorstellungen zu verwirklichen sucht, kann sein Ziel nicht ohne die Hilfe seiner Mitmenschen erreichen, im wahrsten Sinne des Wortes. Davon handelt das Buch von einem immer noch sehr jungen, inzwischen in München beheimateten Neubürger, der einst als vierzehnjähriger zarter Junge aufbrach, um sein Ideal von Freiheit, man kann nicht sagen zu finden, sondern zu suchen. Er heißt Filimon Mebrhatom und stammt aus einem sehr kleinen Dorf in Eritrea, das zwischen der Kleinstadt Sen’afe und der Grenze zu Äthiopien liegt. Das Buch heißt ICH WILL DOCH NUR FREI SEIN*, und dieser Gedanke, das Ideal des jungen Mannes, zieht sich wie ein Leitmotiv durch das ganze Buch,  dessen Stil von den deutschen Helfern Filimons geprägt sein mag, dessen Inhalt aber authentischer nicht sein könnte, wie es auf dem Klappentext heißt.   

Obwohl seine Schwester bei dem Versuch, in die Freiheit und Individualität zu fliehen, in dem Fluss Tekeze ertrunken ist, wagt sich Filimon zunächst gemeinsam mit seinem Cousin auf den gefährlichen Weg, der schon in Äthiopien, wenige Kilometer hinter der Grenze brutal endet.

Die Schwierigkeiten einer solchen Flucht liegen bis auf wenige Ausnahmen alle im  menschlichen Bereich. Es gibt auf der einen Seite die Industrienationen als Ziel, auf der anderen Seite die meist armen und von Diktatoren beherrschten Herkunftsländer und dazwischen die Länder, die mit Schlepperdiensten und Versklavung der Flüchtenden versuchen, das Geld zu verdienen, das sie in einer brachliegenden Wirtschaft nicht finden können. Diese chaotische Wirtschaft ist allerdings keine Entschuldigung für den Mangel an Menschlichkeit, zumal sich die Verbrecher nicht nur auf eine Religion berufen, sondern die Flüchtenden mit Folter zwingen, zu dieser auch noch zu konvertieren.  Das schrecklichste Beispiel, das Filimon schildert, ist, wir wissen es alle, Libyen, aber Sudan und selbst Äthiopien, stehen nicht nach. Je größer sich die unmenschlichen, kaum aushaltbaren Strapazen gestalten, desto größer erscheint das Ziel. Er wird auf dem siebentausend Kilometer langen Weg, für den er ein Jahr benötigt, von zwei Idealen getrieben: der Suche nach der Freiheit und der Liebe seiner Mutter, die er immer wieder beschwört. Allerdings spielte in seinem jungen Leben auch sein Vater eine große Rolle, der nicht nur mit seiner Subsistenzwirtschaft die Familie ernährt, dazu trägt auch Filimon als Hirte bei, sondern als Priester des kleinen Dorfes die Werte des Christentums, der allgemeinmenschlichen Ethik, offensichtlich an seine Kinder weitergibt. Denn woher sollte sonst ein kleiner Junge aus einem ziemlich finsteren Land wissen, dass Nächstenliebe keine hohle Phrase, sondern gelebte Solidarität ist. Er erfährt sie im buchstäblichen Sinne, und er übt sie auch aus.

Umgekehrt, und das erfährt Filimon schon in Italien, dann aber besonders in München, sind die Erwartungen vieler Menschen in den Zielländern nicht von den schier unmenschlichen Anstrengungen der Flüchtlinge geprägt, sondern von den eigenen Vorurteilen. Trotzdem überwiegt hier in Europa die tätige Empathie den unverhohlenen Rassismus bei weitem. Aber besonders seit 2015, ein Jahr nachdem Filimon in München ankam, zeigt sich doch ganz offen, dass ein kleiner Teil der Europäer im alten rassistischen Weltbild verharrt. Man kann nur vermuten, dass es dieselben sind, die sich jetzt gegen die Politik zur Pandemie stellen. Zwar brauchen wir auch Beharrung, aber diese darf den Aufbruch nicht behindern.

Filimon war also, endlich in der Freiheit angekommen, enttäuschter als er nach seiner eigenen Vorstellung hätte sein dürfen. Und die Deutschen war von ihm – und seinen Mitankömmlingen – enttäuschter als sie nach ihrem angeblich christlich geprägten Weltbild und ihrem unermesslichen Wohlstand sein dürften oder sein sollten.

Äthiopien, zu dem Eritrea lange gehörte, ist sowohl vom frühen Christentum geprägt als auch vom wohlwollenden Islam. Der Prophet Mohamed selbst hat dem Land ewige Freundschaft geschworen, weil seine islamischen Flüchtlinge (!) von den Juden und Christen dort gut und tolerant aufgenommen wurden.

Aber das erklärt noch nicht, warum ein kleiner Junge, und sei er auch der Sohn eines Priesters, derart von Idealen wie Freiheit, Menschlichkeit, Nächstenliebe und Gerechtigkeit angetrieben wird, dass er die Inhaftierungen und Folterungen in Äthiopien, dem Sudan und Libyen übersteht und tatsächlich da ankommt, wo er hinwollte. Allerdings kommt er nicht punktgenau dort an, denn er hatte sehr diffuse Vorstellungen von Europa. Eigentlich will er nach England, dann aber nach Dänemark, von dem er noch auf dem Münchener Hauptbahnhof träumt [Seite 216]. Das zeigt, wie sehr die Missgünstigen damals irrten, die glaubten, Merkel hätte mit ihrem berühmten Satz WIR SCHAFFEN DAS eine Einladung ausgesprochen und die Flüchtenden selbst würden nach Deutschland wollen, um hier die Sozialkassen zu plündern.

Das Sensationelle des Buches, neben den akribisch geschilderten Friktionen eines Weges, ist die spontane Entstehung des Freiheits- und Gerechtigkeitsideals in einem (in allen?) Menschen. Obwohl er in einer Subsistenzwirtschaft aufwächst, in der das gegessen wird, was die Familie selbst erzeugt, gewinnt er als kleiner Hirt die Überzeugung, dass man Tiere nicht töten darf [Seite 25]. Sein Vater darf als Priester nicht schlachten, aber der älteste Sohn, Filimon, weigert sich aus Mitleid mit den Tieren. Dies ist nicht nur ein bemerkenswerter Ausbruch aus den traditionellen Strukturen, sondern die Geburt eines Freiheitsdranges, der ihn dann nach München führte. In München ist er darüber erschüttert, wie viele seiner neuen Mitmenschen sich freiwillig in die Sklaverei der Vorurteile, der Völlerei und der Verdrängung begeben. Der Verfasser dieses bemerkenswerten Buches hat in dem einen Jahr seiner Odyssee mehr Menschen leiden und sterben sehen als der Durchschnittseuropäer, der vor jeder Krise aufschreckt und in sein Wohlleben zurück will, in seinem ganzen Leben.

Filimon hat  einen eigenen Youtubekanal mit mehreren hunderttausend Klicks. Dort verkündet er seine Rapbotschaften: MENSCH IST MENSCH UND PAPIER IST PAPIER. Das mag trivial klingen, aber wir sollten uns angesichts unserer neuen Mitbürger erneut und wiederholt die Frage stellen, wie weit wir einem Stück Papier mehr zu glauben bereit sind als einem Menschen, wie weit wir in den Aberglauben an Identität und Herkunft einstimmen, wie weit wir selbst uns für besser halten, weil wir dokumentiert sind, literaturgewordene, aktenkundige Lebenslüge. Viele haben Hegel gar nicht gelesen und glauben trotzdem, dass Afrika keine Geschichte hat, weil sie nicht aufgeschrieben ist. Dieses Buch überführt uns nicht der Lüge, sondern der Ignoranz.

Zwei kleine Einwände an dem von mir ansonsten bewunderten Filimon muss ich aber dennoch aufschreiben. Er hadert – für meine Begriffe, und ich kenne zwei Dutzend Neubürger aus Eritrea genauer – zu sehr mit dem Rassismus hier in Deutschland. Es gibt ihn, aber er ist marginal. Wir können nicht gegen ihn ankommen, wenn wir ihn so sehr betonen, wie er sich selbst für wichtig und richtig nimmt. Es gibt einige Unstimmigkeiten in dem Buch, die durch besseres Lektorat vermeidbar gewesen wären. Zum Beispiel will er, in München angekommen, weiter nach Dänemark reisen, überlegt, ob er den sofort erscheinenden Schleppern, die auch aus Eritrea sind, 350 € für die Fahrt bezahlt und hat aber dann nicht das Busgeld, um in die Bayernkaserne, seine zugewiesene Unterkunft, zu gelangen. Das sind Kleinigkeiten, die aber die Botschaft gefährden können.

Filimon hat inzwischen, er ist immer noch nicht zweiundzwanzig Jahre alt, nicht nur ein Buch geschrieben und betreibt erfolgreich einen Youtubekanal, ist nicht nur Aktivist der Community der Neubürger mit vielen Auftritten, hat nicht nur – weitgehend selbstständig – sehr gut seine neue Sprache gelernt, sondern auch eine Ausbildung als Kameramann und Cutter gemacht.  Er hat auch immer wieder Glück gehabt, aber vor allem hat er gelernt, dass der Sklave, der in die Freiheit will, nicht nur Mut bracht, sondern auch Navigation.     

*Filimon Mebrhatom, ICH WILL  DOCH NUR FREI SEIN, KomplettMedia, München 2020

TRIBALISMUS ALS BEIHILFE

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Obwohl das Internet das bevorzugte Medium zur Verbreitung rechtsextremer, rassistischer und antisemitischer Inhalte ist, wurde in der vorigen Woche in einer Kölner S-Bahn auf fast jedem Sitzplatz ein Flugblatt gefunden, das Bundeskanzlerin Angela Merkel als ‚polnischstämmige Jüdin‘ ausweist. Das ist keine neue Variante extremistischen Unfugs, aber unsere Empörung geht – meiner Meinung nach – in die falsche Richtung.

Denn es ist nicht nur keine Beschimpfung, aus Polen zu stammen. Es ist die Beschreibung einer Normalität. Es wird bestimmt für ein Drittel aller so genannten Deutschen, besonders in Ostdeutschland, aber auch im Ruhr- und Rheingebiet, zutreffen. Nirgendwo auf der Welt gibt es Menschen, die sozusagen nur von sich selbst abstammen. Andersherum gesagt: wo Menschen aufeinandertreffen, reproduzieren sie sich. Gerade auch Kriege, die immer wieder um Landbesitz und Identitäten geführt werden, erreichen das Gegenteil: die Infragestellung von Land’besitz‘ und Identität. Man kann ein Grundstück kaufen, und ganz sicher hat Rousseau recht, dass die Codifizierung des Grundbesitzes der Beginn der bürgerlichen Ordnung und damit der bürgerlichen Freiheit ist. Aber man kann dieses Grundstück auch wieder verkaufen, man kann es vererben und verschenken oder es kann enteignet werden. Der Staat dagegen ist keine natürliche Person, wenn er auch immer wieder anthropomorph gesehen wird. Dieses Schicksal teilt er mit Gott, mit dem er auch zunehmend verwechselt wird. Es gibt nur wenige Länder mit unverrückbaren Grenzen: Island und Madagaskar, aber auf der anderen Seite: Polen oder Deutschland, die unfreiwillig oder freiwillig ihre Territorien hin- und herschoben. Im zwanzigsten Jahrhundert probierte man mit ebenso wenig Erfolg, die Völker statt die Territorien zu tauschen.

Daraus folgt: es gibt notwendigerweise definierte Zugehörigkeiten, die wir Staatsbürgerschaften nennen, aber niemand oder jeder ist ‚polnischstämmig‘ oder ‚deutschstämmig‘ oder ‚türkischstämmig‘. Es ist dies die Frage des Hintergrundes. Der türkische Gastarbeiter des Jahres 1960 – und jeder Migrant, auch der Krieger – verändert seinen Hintergrund. Statt der Moschee seiner Herkunftsstadt sieht er sich nun vor den Kölner Dom gestellt. Er geht aus Neugier in diese weltberühmte Kirche und sieht sich: als orientalischer Yesus, als dritter König, als Halleluja und Hosianna. Und da weiß er, dass er zuhause ist. Er hat seine Wurzeln, auf die er in den folgenden fünfzig Jahren reduziert wird, gekappt, ohne dass er sich dessen bewusst war. Er wollte nur Geld verdienen, aber er hat hier gelebt und lebt hier weiter, und seine Kinder und Enkel sind im wahrsten Sinne des Wortes ‚von hier‘. Selbst wer widerwillig hier ist, ist hier. Selbst wer widerwillig geht, geht. Verhaltensbiologie und Behaviorismus haben den Menschen nicht auf sein Verhalten reduziert, sondern in seinem Verhalten sein Wesen erkannt. Deutsch ist eine Sprache und kein Zustand.

Beinahe noch schlimmer geht es mit dem Begriff des Juden und des Judentums zu. Der Verfasser des erwähnten antisemitischen Flugblattes meint das Wort als Pejorativ, so wie es seit Jahrhunderten benutzt wird. Das ist in höchstem Maße verurteilenswürdig. Aber die Schuld für diesen beleidigenden Wortmissbrauch liegt auch bei uns, die wir das Wort als eine unsinnige Zuordnung weiter benutzen. Warum wird die Dichterin Else Lasker-Schüler als ‚jüdische Dichterin‘ bezeichnet? Haben wir schon einmal gelesen oder gehört, dass man Goethe einen  ‚evangelischen Dichter‘ nennt? Nichts wäre unpassender. Aber Else Lasker-Schüler war ebenso wenig eine jüdische Dichterin wie Goethe ein evangelischer Dichter oder auch nur Mensch. Lasker-Schüler stammte aus einer Bankiersfamilie, heiratete zunächst den Bruder des Schachweltmeisters, dann einen Dichter, der ein von ihr erdachtes Pseudonym verwendete und von Stalins Schergen erschossen wurde. Sie emigrierte, weil sie kein Geld zur Rückkehr oder Weiterreise hatte, nach Palästina, das sie Erez-Miesrael nannte. Sie war nicht religiös, sie konnte in Jerusalem nicht mehr ihre deutschen und immer noch expressionistischen Gedichte vorlesen. Mit der Religion lässt sich also das Etikett ‚jüdisch‘ nicht erklären, wie aber steht es ethnisch? In Israel leben Palästinenser, Araber, agnostische, reformierte, orthodoxe, ultraorthodoxe, jemenitsche und russische Juden, Aramäer, Drusen, Falaschen,  Misrahim, Samaritaner, Sephardim und Ashkenazim. Wenn wir dabei bleiben, ständig irgendwelche Herkunftsbezeichnungen als Klassifizierungen zuzulassen, müssen wir uns über den Missbrauch nicht wundern. Jeder Gebrauch impliziert  immer auch den Missbrauch.

In einer Kleinstadt nicht weit von meinem Wohnort hat ein Ladenbesitzer sich aufgrund dieses begrifflichen Tohuwabohus zu einer besonders perfiden Art des Antisemitismus gefunden: er behauptet, die Menschen, die auf dem Stolperstein vor ihrem zerstörten Wohn- und Geschäftshaus vermerkt seien, wären gar nicht ermordet worden. Für ihn ist ‚Jude‘ ein Etikett für Schwindel, so stark, dass er weder den Stein selbst gelesen, noch in Yad Vashem nachgesehen hat, wie das tatsächliche furchtbare Schicksal der Mitbürger ausgesehen hat. Er behauptet, der bei seiner Ermordung schon siebzigjährige Adolf Schwarzweiß sei bei ihm im Laden gewesen.

Zu dieser Versachlichung einst lebendiger Menschen trägt auch – wie wir schon wiederholt dargestellt haben – die Weiterverwendung der Sprache der Täter bei. Selbst ausgesprochen antifaschistische Vereine, Organisationen und deren Websites behaupten, von ‚Vernichtung der Juden‘ zu sprechen, um das Systematische, das Industriemäßige der ‚Mordmaschine‘ der Nazis zu betonen. Die Nazis hatten die ‚Mordmaschine‘ aber gerade erfunden, um sich selbst von der Monstrosität des Mordes zu entfernen. Es war ihnen bewusst, dass die kulturelle Scheu des Menschen vor der Tötung von seinesgleichen erst überwunden werden musste. Das taten sie einerseits, in dem sie ihren Opfern alles Menschliche zu nehmen versuchten, ideologisch, aber auch verhaltensmäßig, vor der Ermordung stand immer die Erniedrigung. Andererseits versuchten sich die Täter selbst durch Drogen und Maschinen zu schützen. Sie sind durch ihre Alpträume verfolgt worden. Und wir haben die Opfer keineswegs vergessen, ihre ‚Vernichtung‘ keineswegs zugelassen. Sie sind alle ermordet worden, von Menschen, Aug in Auge, aber an jeden einzelnen wird erinnert, durch Stolper- und Gedenksteine, durch Gedenkstätten und Museen, durch Listen und Bücher. Man kann Menschen ermorden, aber nicht vernichten. Dieses böse, aber unsinnige Wort wurde auf der Wannsee-Konferenz vielleicht nicht zum ersten Mal, aber jetzt offiziell verwendet, gleichzeitig und gleichbedeutend mit der ‚Endlösung der Judenfrage‘, während bis dahin immerhin noch Alternativen diskutiert wurden.

Wir Menschen sind zu unserem Glück nicht durch unsere Herkunft bestimmt. Sie mag uns anhängen, ist aber durch Bildung, Demokratie und Wohlstand überwindbar. Bildung, Demokratie  und Wohlstand sind die komplexen, einander gegenseitig bedingenden Bestandteile der menschlichen Gesellschaft. Nur unter dieser Bedingung werden alle Menschen Schwestern und Brüder, und selbst das klingt noch nach überflüssiger Teilung.

ZUSAMMENBRUCH

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Wir sehr man sich über die Art, die Dimension und sogar den Zeitpunkt eines Paradigmenwechsels täuschen kann, zeigten unsere Voreltern, indem sie glaubten, dass ihre Welt 1945 zusammengebrochen sei. Tatsächlich waren aber 1933 alle Werte umgewertet worden. Schon allein dieser Begriff von Nietzsche, die Umwertung aller Werte, wurde nie ernst genommen, und wenn überhaupt gebraucht, dann als Drohung und nicht als Beschreibung. Die Versuchung die von einer sowohl personalen als auch autoritären Herrschaft ausgeht, ist ebenso groß wie die eines Schnäppchenmarktes, den selbst gut betuchte Mitmenschen besuchen, ohne sich durch ärmere Zeitgenossen stören zu lassen. Der Glaube, dass Qualität doch unabhängig vom Preis sein könnte, nimmt mit der Warenmenge zu. Genauso können und wollen wir nicht glauben, dass Probleme in unserem immer komplexer werdenden Leben auch komplexe, nicht mehr in einem Zeitungsartikel oder Parteiprogramm unterzubringende Lösungen verlangen. Die Schnäppchen unter den Lösungen sind Rassismus, Klassismus und Sexismus. Und obwohl deren Vertreter, wie jüngst Trump, immer wieder grandios scheitern, werden ihre Nachahmer und die Nachahmer ihrer Nachahmer immer wieder einmal gewählt. Die Verkünder wirklich tiefer und neuer Lösungen dagegen werden erschossen, was dem früheren kreuzigen entspricht. Trotzdem wird die Welt besser. Den Märtyrern des Fortschritts werden Denkmäler gesetzt und nach ihnen werden Straßen benannt. Es gibt in Deutschland unzählige Rathenau- und Stauffenbergstraßen, aber nicht eine einzige Hitlerstraße. In Eisenhüttenstadt, das früher Stalinstadt hieß, weiß niemand mehr, wo das Stalindenkmal stand. Der Baustil der einstigen Stalinallee in Ostberlin, eine Art verkitschter Neoklassizismus, heißt Zuckerbäckerstil, nicht – nur für Bremer aussprechbar – Stalinstil.

 In einem Punkt hat die AfD und haben die mit ihr vergleichbaren Parteien recht: wir befinden uns vor oder in einem Umbruch ungeahnten Ausmaßes. Nur dass diese Parteien erstens einen Fehler und zweitens diesen in der Vergangenheit suchen.

Sowohl die Globalisierung als auch die Demokratie einschließlich des Sozialstaats haben viele Probleme gelöst. Wir haben nur leider zu wenig beachtet, dass globalisierte und demokratisch erzogene Menschen anders handeln und reagieren als autoritär geführte. Wer – zum Beispiel – nicht mehr Analphabet ist, kann jetzt alle Bedienungsanleitungen der Welt selbst lesen und interpretieren. Buchdruck und digitaler Informationstransfer haben diesen größten aller Emanzipationsprozesse noch beschleunigt. In der Antike – zweites Beispiel – waren blinde Menschen geächtet, wenn sie nicht gerade Seher waren, wie Teiresias oder Homer. Der blinde Mann vor Jericho bittet den vorbeiziehenden Wanderprediger und Heiler Yesus also nicht nur um Hilfe zum Überleben, sondern um ein gleichberechtigtes Leben als mündiger Bürger, soweit das damals möglich war. Heute sind blinde Menschen weitgehend gefördert und integriert. Sehen Sie sich in diesem Zusammenhang einen beliebigen deutschen Bahnhof an!

So könnte die Wahl des neuen Vorsitzenden der CDU nicht nur ein Zeichen für die Führungskrise der CDU sein, so wie die fortwährende Neuwahl der SPD-Vorsitzenden seit Brandt. Vielmehr könnte das heißen, dass wir keine charismatischen Vorsitzenden und Präsidenten mehr benötigen. Seit langem wird mit gleicher Berechtigung vermutet, dass wir vielleicht noch nicht einmal mehr Parteien brauchen. Die Pferde hatten ihre Zeit, die Eisenbahnen, und nun eben auch die Parteien. Vielleicht wechseln unsere Interessen schneller als die Parteiprogramme folgen könnten. Die deutsche Partei mit den bisher meisten Mitgliedern hatte zum Beispiel das kürzeste Programm aus lediglich 25 sich teils widersprechenden und teils überschneidenden Punkten, es war die NSDAP. Die CDU hat ein knapp hundertseitiges Wahl- und Regierungsprogramm. Aber wie viele Leser und Versteher hat es?

Die AKP in der Türkei, En Marche in Frankreich, aber auch die AfD bei uns sind als ausdrückliche Parteigegenentwürfe entstanden. Unser Wahlsystem ist insofern darauf vorbereitet, als es sowohl eine personale Komponente enthält als auch eine Richtungsentscheidung. Aber die Richtung ändert sich schneller als früher. Auch das hat die Wahl des CDU-Vorsitzenden gezeigt: das Gros der Partei will nicht zurück zum dumpfen Konservatismus einer Steinbach und eines Gauland, will auch nicht die einseitige Wirtschaftspartei des überlebten egomanen Friedrich Merz sein. Ob allerdings andererseits der Pragmatismus der Merkel-Ära Parteiprogramme, Partei und verankerte Zugehörigkeiten ersetzen kann, das wird sich erst noch erweisen.

Der Umbruch, den wir erleben, scheint weitaus größer zu sein, als wir ihn erahnen können. Wir schlittern in eine Umweltkatastrophe von nicht vorstellbaren Ausmaßen hinein. Vorboten sind das Insektensterben und der Rückgang weiterer Tierarten. Dabei ist bei uns die Diskussion über den Wolf, andernorts jene über Elfenbein oder Haiflossen, die Projektion der Gesamtdiskussion auf einen einzigen Punkt. Künstliche Intelligenz, überhaupt die Automatisierung,  löst immer mehr Arbeitskräfte aus dem Produktionsprozess heraus. Das Problem der Beschäftigung muss weltweit gelöst werden. Gleichzeitig verändern sich die die Bedingungen für die Demokratie. Deren Krise scheint in Teilen der Welt bereits erreichte Ergebnisse zurückzurollen. Vielleicht deshalb vermuten sehr viele Menschen eine geheime Macht hinter den Ereignissen. Gleichzeitig halten wieder andere Gruppen an den festgefügten, zum Beispiel militärischen, Strukturen fest.

In der Bekämpfung der Pandemie zeigt sich aber, dass die meisten Regierungen und die meisten Menschen der Vernunft folgen, dass selbst bösartige Autokraten einzulenken bereit sind. Das heißt, dass die Welt sich zwar in einer tiefgreifenden Krise befindet, die Mittel zu ihrer Überwindung aber ebenfalls vorhanden sind.

Daraus wieder folgt, dass die heutige Welt durchaus an einem Neubeginn steht und für diesen auch bereit ist. Es gilt aber leider immer: jammern ist leichter als motivieren. Schuldige finden ist leichter als Visionäre. Der schäbigste Satz des pragmatisch erfolgreichen und beliebten Kanzlers Schmidt, dass, wer Visionen hat, den Arzt aufsuchen solle, eine Bemerkung, die ausgerechnet Erdoğan übernommen hat, diese Bemerkung kann sich aus heutiger Sicht gar nicht gegen die Visionäre selbst richten, damals war vielleicht sogar Brandt gemeint, der unter Depressionen und Visionen litt, sondern zeigt möglicherweise nur, dass es Epochen gibt, die keiner Vision bedürfen.   

An einem Neubeginn dagegen sieht auch der Pragmatiker ein, dass es einer Vision bedarf. Unsere Voreltern waren im April oder Mai 1945 sicher nicht bereit, auf Visionäre zu hören, verharrten lieber im Wenn und Falls. Aber in den nächsten Jahren folgten sie erstaunlich willig zwei unterschiedlichen Konzeptionen, die beide bewährt schienen. Allerdings war die Kombination aus Demokratie, Vergebung und Wohlstand weitaus erfolgreicher als ihre östliche Gegenspielerin, die Kombination aus Verzicht und Autoritarismus. Selbst der Verzicht wurde ja nicht verkündet, sondern schien durch die Zeilen der immer wieder vorgebrachten Heilsversprechen. Der Ostblock brach zusammen, als er gegründet wurde: man kann nicht den Glauben an Heilsversprechen mit restriktiven Mitteln erzwingen. Die DDR brach am 13. August 1961 zusammen, nicht am 9. November 1989, als die falschen Heilsbringer ihre Zettel vertauschten.

Wahrscheinlich blüht in den fetten Jahren der Pessimismus, in der Krise dagegen keimen die zarten Pflänzchen Optimismus und Vision.  

DAS KALKUTTA PARADOX

rochusthal

Nr. 374

Polybios, der erst ein griechischer Gelehrter, dann ein römischer Sklave und darauffolgend ein römischer Gelehrter war und demzufolge wohl wusste, dass jeder Zustand ein Vektor ist, beschrieb die Gesellschaften, die sich selbst oft als Höhe- und Endpunkt sehen, als Passagen. Seit es seine Schriften gibt, warnen Befürworter wie Kritiker einer Gesellschaft vor dem Übergang zur Ochlokratie. Und tatsächlich verfällt jede Gesellschaft, je mehr sie sich auf Regeln statt auf selbstbewusste und aufgeklärte Bürger stützt, in einen Zustand der sich selbst verwaltenden Bürokratie. Und aus dieser Gerinnung erwächst der Wille zur Veränderung entweder in die Richtung noch rigiderer Regeln und eines handlungsfähigen Führers oder in die Freiheit des Lernens und Vereinbarens, wobei allerdings jede Handlung vom Willen der Mehrheit bei gleichzeitigem Schutz der Minderheiten abhängt. Daher wirken diese Gesellschaften fast handlungsunfähig, ihre Bewegungen wie in Zeitlupe. Ein Krieg erscheint so gesehen als eine kräftige Vorwärtshandlung, die Installation eines Sozialsystems…

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