VOM WARTEN AM SCHWARZEN NETTO

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Hier ist nicht einfach die Kirche von Fürstenberg an der Havel abgebildet. Um eine gedankenlose Postkarte zu sein, hat das Bild zwei Elemente zu viel: die Frau und die Pergola.

Eine alte Frau sitzt auf einer Bank und wartet. Sie schwebt zwischen Leben und Tod. Das Leben ist der Supermarkt hinter ihr, aus gelben Klinkern gebaut und mit einer Pergola verziert, die die räumliche Distanz zur neogotischen gegenüberliegenden Kirche verstärkt. Der Stil der Kirche verweist auf die ältere Gotik, auf das längst vergangene Leben, auf den Tod,  das Baumaterial auf die neuere Zeit, als in den Tongruben von Zehdenick und den Hoffmannsöfen von Mildenberg die Reichshauptstadt Berlin antizipiert wurde, und eben auch diese wunderschöne Kirche. Ihr Baumeister liebte Wimperge und Fialen. Seine schlanken Türme erinnern an Minarette, eine Bauauffassung, die mit dem maurischen Stil zum zweiten Mal in Europa Fuß fassen konnte, und die heute – wie durch ein Wunder – zu den allgegenwärtigen und allseits beliebten Istanbul- und Kappadokia-Grill- und Imbissstätten passen.

Vor der alten Frau liegt ihre Vergangenheit, hinter ihr die Gegenwart und Zukunft. In der Kirche wurde sie mit heute meist unverständlichen Ritualen an einen Kulturtyp gebunden, der, wenn er als Monopol und mit dem Staat verknüpft auftritt, übermächtig, einmalig und ausschließend erscheint und zur Segregation einlädt. Auf der anderen Seite des Schwedtsees war einer der Tiefpunkte dieser Richtung, das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. Dort begegneten sich, wenn auch nur kurz und nicht synchron, Nina Gräfin Schenk von Stauffenberg, Rosa Thälmann, Margarete Buber-Neumann und Milena Jesenská, die Antagonistinnen des Nationalsozialismus waren genauso heterogen wie die Protagonisten. Aber noch vor kurzem, in der besten Zeit der alten Frau auf der Bank,  marschierten durch diese Stadt blutjunge russische Soldaten mit martialischer Blasmusik, dafür wurde an jedem Abend die B 96 (damals F 96) gesperrt. Wenn sie nicht gerade durch das Städtchen marschierten, bewachten sie die Atomsprengköpfe, mit denen Putin jetzt die Ukraine und uns bedroht.

Vielleicht erscheint der alten Frau das Verschwinden dieser eigenartigerweise vor ihr liegenden Vergangenheit wie das Verblassen eines Traums am frühen Morgen. Das wirkliche Wunder ihres Lebens liegt aber hinter ihr: der Supermarkt, der durch die Pergola und die gelben Klinker mit der Kirche eine Einheit bilden will, aber doch ihr genaues Gegenteil ist. Es ist ein mittlerweile auch schon arg abgegriffenes Bild, dass die Kaufhäuser und Supermärkte die Konsumkathedralen des Anthropozäns sind. Für die alte Frau, die in diesem Spannungsfeld ganz entspannt sitzt und mit einiger Wahrscheinlichkeit auf ihre Enkel oder eine Freundin wartet, ist der Supermarkt ohnehin weit mehr: er ist, ohne dass sie es gleich gemerkt hätte, die Erfüllung fast aller ihrer Träume. Sie hat genügend Geld, um sich an jedem Tag, den ihr der liebe Gott von gegenüber schenkt, alles, was sie braucht, kaufen zu können. In diesem Supermarkt, zu dem sie viel lieber Kaufhalle sagen würde und auch oft sagt, gibt es das alles – und noch viel mehr – aus mehreren Dutzend Ländern, Dinge und Länder, die sie früher nicht kannte. Aber warum gibt es weit mehr als man braucht? Einer ihrer Enkel hat ihr das in einem langen Vortrag, sie hört ihm sehr gerne zu, erklärt: your comfort zone will kill you. Junge, sprich deutsch mit mir, sagt sie dann gespielt echauffiert. Denn in Wirklichkeit ist sie stolz und froh: noch vorgestern kam ihr Vater aus französischer Kriegsgefangenschaft, noch gestern marschierten hier die Russen und schon heute erklärt der Enkel ihr die Welt auf Englisch und sie knabbern dazu Biskuits aus Italien oder Polen. Der Supermarkt bietet mehr an als wir brauchen können, weil wir mehr kaufen sollen als wir essen. Der Kapitalismus strebt nach Maximalprofit und beruht auf Maximalkonsum, und deswegen, Großmutter, sind wir beide genauso schuld wie Dieter Schwarz. Bist du denn jetzt Kommunist? Nein, ein Grüner.  

Die dazwischenliegende Straße ist genauso umstritten wie die Kirche und der Markt. Alles, was einst Segen war, wird zum Fluch. Wir können wohl mit dem Mangel besser umgehen als mit dem Überfluss. Uns tötet nicht der Hunger, sondern die Gier. Es kann nicht falsch sein, in der Idylle über Auswege aus dem Chaos nachzudenken.  

VOM KRIEGE

‘Who the fuck are you to lecture me?’ – das ist ein Zitat und die Sprache des russischen Außenministers Lawrow. Er ist das Sprachrohr Putins. Beide lügen nicht für uns, sondern für die alten Frauen in Moskau und Sankt Petersburg, von denen wir nicht wissen, ob sie ihren Führern wirklich glauben oder ob sie die Lügen nachplappern, weil sie eine Welt ohne Lügen gar nicht kennen. Aber jenseits jeder Polemik über die Unverfrorenheit muss man Putin doch fragen, wie er das Land, das er erobert haben will, regieren kann, wenn er sich bestimmt zwei Drittel bis drei Viertel seiner Bewohner zum Feind gemacht hat, von der Welt ganz zu schweigen: nur die diensthabenden Idioten dieser Erde, Lukaschenko, Assad, Kim Jong Un und Isayas Afewerki haben in der eigens einberufenen UNO-Generalversammlung für ihn gestimmt. Aber er kann und wird diesen Krieg nicht gewinnen: Wie haben wir alle gezittert, als in den Eilmeldungen der Nachrichtensender verkündet wurde, dass sich ein sechzig Kilometer langer russischer Konvoi auf Kiew zubewegt. Aber das war vor zwei Wochen, heute erzählt einer unserer Reporter, dass in Kiew alle infrastrukturellen Verbindungen noch funktionieren. Auch die gefangenen russischen Soldaten sprechen nicht die Sprache der Sieger.
Ein Krieg ist ebenso wenig zu begründen wie ein Mord. Beide sind wesensgleich und verstoßen nicht nur gegen seit langem codifiziertes Recht, sondern gegen alles, was den Menschen und das Leben überhaupt ausmacht: Fürsorge, Empathie, Solidarität. Jeder Versuch der Begründung des Krieges bedarf einer Ideologie, eines narrativen Baugerüsts, das aber immer im Wind umstürzt, bevor das Haus darunter gebaut ist. Jeder Irredentismus – die vermeintliche Befreiung von Menschen der eigenen Sprache im anderen Land – ist genauso ein Vorwand wie ein Präventivschlag. Auch das berühmteste Beispiel für eine erfolgreiche präventive Verteidigung – der Sechstagekrieg Israels 1967 gegen kriegsbereite potenzielle Angreifer – leidet so sehr unter dem moralische Makel, dass im Jomkippurkrieg auf den Angriff gewartet wurde, der dann am höchsten israelischen Feiertag auch tatsächlich erfolgte. Beide Kriege hat Israel gewonnen. Noch mehr in Misskredit geriet das Eingreifen der NATO in die serbischen Aggressionen in Bosnien und im Kosovo. Genau dieses Muster benutzen jetzt Putin und sein Lautsprecher Lawrow, nur dass sie selbst – auch im Donbass – die Angreifer sind. Die Putin-Apologeten bei uns hatten kurz ihre Agitation eingestellt, aber nach wenigen Tage wussten sie: „Da die Ukraine keine Chance hat, diesen Krieg militärisch für sich zu entscheiden, verlängern die geplanten Waffenlieferungen nur das Sterben.“
In Abwandlung eines berühmten Moshe-Dayan-Zitats könnte man ihnen und ihren links- und rechtsradikalen Freunden antworten: DIE RUSSEN KÖNNEN HIER NICHTS GEWINNEN, NOCH NICHT EINMAL DEN KRIEG.
Bei uns im Osten war es nicht en vogue, über den Finnlandkrieg, auch er ein irredentistischer und lächerlicher Feldzug, zu sprechen. Stalin hatte gerade seinen besten Marschall – den ‚roten Napoleon‘ Michail Tuchatschewski – erschießen lassen und marschierte genauso dilettantisch, chaotisch und verbrecherisch in Finnland ein wie Putin jetzt in die Ukraine. Auch damals war der Who-the-fuck-are-you-to-lecture-me-Außenminister die Stimme seines Herrn. Er dementierte die Bombenangriffe und sagte, dass aus den Flugzeugen Brot für die ‚Brüder‘ abgeworfen würde. Gut, sagte die Finnen, dann braucht er noch einen Cocktail dazu, der Herr Molotow. Ich weiß nicht, ob diese Brandsätze kriegsentscheidend waren, aber die Russen haben nicht gewonnen und mussten heute vor 82 Jahren einen schmählichen (Goliath gegen einen kleinen schmächtigen Hirtenjungen) Waffenstillstand unterzeichnen. Ein damaliger sowjetischer General kommentierte das so: Wir haben gerade soviel Land gewonnen, dass wir unsere toten Soldaten beerdigen können.
Aber selbst wenn Putin – was Gott verhüten möge – siegen sollte, hätte er nichts gewonnen. Denn ein Sieg ist niemals absolut. Ein Sieg ist immer nur der Traum vom Sieg. Der Sieger träumt, dass nie wieder ein Feind ihn ‚scheel ansehen‘ wird, so der letzte deutsche Kaiser in seiner berüchtigten, protofaschistischen Hunnen-Rede. Das Gegenteil ist die Regel: Der Verlierer stellt sich als Opfer dar, der Gewinner lebt fortan mit dem Makel seiner Gewalt.
Ein Sieg ist deshalb nicht absolut, weil keine Handlung, kein Ergebnis, keine Untat, kein Zweck und Ziel und kein Gedanke absolut ist. Noch nicht einmal eine Absicht kann alleine für sich bestehen. Wir können es am Kleinkind studieren: es läuft mit einem Ziel los, aber ziellos hält es bei jeder Blume und bei jedem Schmetterling ein. Alles unterläuft sich selbst mit und durch Friktionen.
Während frühere Generationen die Sprüche der kriegerischen Vorväter zitierten, um sich selbst zu rechtfertigen, bezeichneten sie den Krieg als den Vater alle Dinge und glaubten (glaubten sie es wirklich?), dass sie dem Krieg dienen müssten, wenn sie Frieden haben wollen, sollten wir wissen, dass durch Krieg nichts zu beginnen und zu gewinnen ist, nur dass er weit tiefer in unserer DNA sitzt, als wir glauben wollen und können. Wir leisten uns Geheimdienste und wundern uns, dass sie nicht die Zukunft voraussagen können, statt dessen aber solche Monster gebären wie Dr. Maaßen und Oberstleutnant a.D. Putin, jeder auf seine Weise, aber beide preisen sich selbst als lupenreine Demokraten an.
Dass wir zum Glück keine Zeitenwende haben, sondern allenfalls eine Kurskorrektur, sieht man schon daran, dass Sätze, die seit zweihundert Jahren offensichtlich nicht gelesen und verstanden werden, so wirken, als wäre sie gestern Abend in der Absicht geschrieben worden, Putin mit Verstandes-argumenten zum Einlenken zu bewegen. Der Autor, selbst ein bedeutender General, wusste selbstverständlich, dass seine klugen Worte in den Wind geworfen wären. Nun warten sie auf neue einsichtsvolle Leser. Who the fuck am I not to be lectured.
Das berühmte Buch, das den Krieg beschreibt, ist eigentlich eine Abhandlung über friedenserhaltende Politik.
„So stimmt sich im Kriege durch den Einfluss unzähliger kleiner Umstände, die auf dem Papier nie gehörig in Betracht kommen können, alles herab, und man bleibt weit hinter dem Ziel. Ein mächtiger, eiserner Wille überwindet diese Friktion, er zermalmt die Hindernisse, aber freilich die Maschine mit.“

ÜBER MEDIEN

Die Spiritisten verstanden unter einem Medium einen hypnotisierten willenlosen Menschen, der ihren Fantasien folgte und die Zuschauer schwer beeindruckte. Vielleicht waren diese Medien auch arbeitslose Schauspieler, dann würden sie unserer heutige Vorstellung von Medien besser entsprechen, nämlich dass sie Vermittler zwischen zwei Systemen sind: die Zeitung zwischen Welt und Leser, der aber auch zur Welt und als Leserbriefschreiber und Artikelinterpret ebenfalls zur Zeitung gehört, das Geld zwischen Angebot und Nachfrage eines Marktes, die Macht zwischen Ideal und Wirklichkeit einer Gesellschaft.

Mein kleiner Patenenkel Nathan tut sich mit dem Sprechenlernen schwer, denn er versucht es in vier Sprachen gleichzeitig: Tigrinya, die Sprache seiner Eltern, natürlich Deutsch, die Sprache seiner Heimat, und leider auch Englisch. Englisch kam einerseits durch seinen Vater, der nach sechs Jahren hier immer noch glaubt oder hört, dass Englisch im Prinzip das gleiche ist wie Deutsch. Nichts spricht übrigens gegen Englisch, selbst wenn es uns zeitweise irritiert. Aber: was Luhmann noch nicht wissen konnte, Nathan lernte auch Englisch mithilfe des Telefons seiner Mutter. Bevor er seinen ersten Vierwortsatz in Deutsch sprach, konnte er das englische Alphabet, die Zahlen bis zwanzig und mehrere Liedtexte. Bisher hat er sein sprachliches Defizit mit langen und sehr emotional vorgetragenen Geschichten in einer vierten, selbst konstruierten Sprache ausgeglichen. Wir nennen diese Sprache scherzhaft Swahili, denn die Mitmenschen im Supermarkt oder auf dem Spielplatz halten dies für eine wirkliche, ganz sicher afrikanische Sprache. Aber gestern hat er zum ersten Mal eine kleine Geschichte mit mehreren Vierwortsätzen in Deutsch erzählt. Sie schien aus einem Lehrbuch ‚Deutsch als Fremdsprache‘ zu sein, nur seinen Namen hatte er als untrügliches Kennzeichen eingebaut: ‚Hallo Nathan, wie geht es dir. Bei mir ist alles gut. Und bei dir?‘

Es sieht alles danach aus, dass aus dem Defizit leicht ein Profit werden könnte, man muss nur das josephische* Dilemma anwenden: noch nackt als Ware für die Sklavenhändler oder als Objekt für den Tod in der Grube liegen – und schon das Leben als Prime Minister, Womanizer, Macher und Marktmonopolist planen und beginnen. Obwohl es offensichtlich tödlich endende Katastrophen gibt, gibt es genau so offensichtlich auch wachsendes Glück einer überwiegend pluralistischen Menschheit und die Abnahme von Krieg, Pest und Hunger. Daran können auch Corona und Putin nichts ändern.   

Eines seiner neuen Lieblingsspiele bei mir ist es – obwohl er mich noch nie beim Lesen gesehen hat, und daran können wir ersehen, dass lernen immer auch Antizipation und Imagination ist – sich ein Buch herauszusuchen und zu lesen, aber auch, wie wahrscheinlich seine Erzieherin im Kindergarten, im Buch zu blättern, es dann umzudrehen und mir die aufgeschlagenen Seiten zu zeigen und in seinem Swahili wortreich zu erklären. Aber gestern war es ein Büchlein** von Niklas Luhmann ‚Das Kind als Medium der Erziehung‘ aus dem Jahre 1991. Das Buch stammt nicht aus meinem Bestand, sondern eines meiner Kinder oder Schwiegerkinder hat es offensichtlich für das Studium gebraucht, benutzt und dann hier abgelegt. Allerdings zeigen die Anstreichungen, dass Leser derselben Kategorie ganz ähnliche Erwartungen und Interpretationen haben.

Der Text befremdet zunächst durch seinen fast krampfhaft wirkenden Versuch, das Kind in eine Definition zu pressen. Definitionen streben zur Tautologie, weil sie einen Prozess mithilfe des Zeitgeists anzuhalten versuchen***, andererseits sind sie selbstverständlich willkommene Hilfsmittel. Er beschreibt drei Typen der Erziehung, nämlich die antike bis mittelalterliche Vorstellung der tabula rasa. Merkwürdigerweise korrespondiert dieses Bild mit denen der Frau als bloßem Gefäß und des Sklaven als sprechendem Tier. Sodann beschrieb Rousseau den Zögling als perfektibel, also als einen durchaus schon eigenständigen Menschen, der perfektioniert werden kann und soll. Diese Perfektibilität kann man besonders gut an Spezialbegabungen, etwa der Musik oder der Mathematik, erklären. Heute und systemtheoretisch betrachtet, erscheint das Kind als eine black box, deren innere Entwicklung von außen weder beobachtet noch wirklich beeinflusst werden kann. Trotzdem korreliert fast jeder Mensch, sei er nun (erfolgreich) erzogen oder nicht, mit den Kommunikationssystemen seiner Umwelt. Aber das Kind ist keine Trivialmaschine. Das Kind ist in der Erziehung das, was auf dem Markt das Geld und in der Wissenschaft die Wahrheit ist, mit der Einschränkung, dass es nicht binär codifizierbar, sein Ausgang also nicht absehbar ist. Deshalb ist das ‚was der Erzieher sich vornimmt, unmöglich‘. Dieser Satz Luhmanns ist gleichzeitig radikal und trivial. Trivial ist er, weil hinlänglich bekannt ist, dass weder der Mensch selbst noch seine Mitmenschen zu keinem Zeitpunkt das Ende, den Zweck, das Ergebnis oder den Sinn des konkreten Lebens benennen können. Aber er ist radikal, weil er das Kind endlich vom Erzieher emanzipiert.  

Das Kind als Medium vermittelt zwischen den sozialen (Kommunikations-) und den psychischen (Bewusstseins-) Systemen. Das erscheint hochevident, aber es bleibt ein Unbehagen, dass das geliebte Kind systemtheoretisch und in Bezug auf die Erziehung als ein Medium eingeordnet werden kann. Trotzdem sollte uns auch dieses kleine Büchlein, das Nathan in einem unordentlichen Bücherregal auf dem Spitzboden fand,  nicht unseren Optimismus nehmen. Genauso wie Rousseaus Emile, der nicht wirklich innovativ oder auch nur befriedigend ist, aber dennoch die Tür zu einem neuen Zeitalter aufstieß, kann auch ‚Das Kind als Medium der Erziehung‘ unseren Blick weiten, ohne selbst schon der neue Raum zu sein.

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*Joseph, der Enkel Abrahams

**Niklas Luhmann, Das Kind als Medium der Erziehung, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006

***daraus folgt, dass der Zeitgeist nichts anderes ist, als die Menge aller Definitionen zu einem Zeitpunkt t. Dieser Zeitgeist wird aber für jede Definition gebraucht, so dass sie beide und immer einen tautologischen Kausalnexus bilden.

HEIMSUCHUNG

Als Kinder haben wir uns vor einem Gott gefürchtet, der mit Strafen die Menschheit zu disziplinieren versuchte. Aber andererseits war die Antwort des allerdings inspirierten Menschen außergewöhnlich: Noah, der schon einen Umstürzler als Vater hatte, baute ein gigantisches Vehikel, mit dem er die Schöpfung exemplarisch rettete. Das Gewimmel hätte man gern gesehen: alle Tiere der Erde, die großen und die kleinen, die groben und die feinen, friedlich vereint in einer riesigen Barke oder in einem Container, wohl versorgt und wohlbehütet. Heute wäre ihm der Friedensnobelpreis sicher, damals wurde er Prophet aller Weltreligionen und der erste Naturschützer.

Als wir Kinder waren, hatten wir aber auch Großmütter, die alle Katastrophen zu Prüfungen des Schicksals erklärten. Sie drehten das Unglück einfach und sehr tröstlich um: man konnte auch gewinnen. Nichts war vorbestimmt, schon gar nicht der Verlust.

Wenn man sich die Sintflut als Naturkatastrophe vorstellt, dann zeigt sie den Typ von Heimsuchungen, in dem es keinen Schuldigen gibt: Der Vulkan Tambora bricht aus, das Wasser des Ozeans steigt. Je weiter sich allerdings die menschliche Zivilisation in technologische Lösungen steigert, mit denen sie höchst erfolgreich den Hunger und die Krankheiten besiegte, desto größer wird die Anzahl der Menschen. Und nun gibt es Naturkatastrophen, die die Menschheit verursacht hat. Es gab sie schon in der Antike: das Abholzen der Wälder in heutigen Italien. Und es gibt sie heute noch: Energieverschwendung, Ressourcenverschmutzung, Überfischung, Überdüngung, Massentierhaltung, alles das hat Folgen für die Natur, die man sehen und hören kann.

Die Kriege haben wir besser beenden können: es gibt sie noch, aber keiner hat mehr die Größe und Vernichtungskraft des letzten europäischen Krieges, den die heutigen Urgroßmütter und Urgroßväter noch miterleben mussten und dessen Folgen man selbst in unserer Gegend noch sehen und spüren kann.

Wenn man also statt Strafen Prüfungen einsetzt und sie sogar durch das moderne Wort Herausforderungen ersetzt, dann zeigt sich, dass es sinnlos ist, einen Schuldigen oder gar eine Gruppe von Schuldigen zu suchen. WENN JEDER DIE SCHULD BEI SICH SUCHT, IST DER TÄTER SCHNELL GEFUNDEN.

Ob man nun glaubt, dass Gott uns straft oder das Schicksal uns eine Prüfung schickt, in jedem Fall kann man die Heimsuchung, die es als eine solche geheimnisvolle Krankheit noch nie in der modernen Welt gab, als Herausforderung sehen und statt verzweifeln handeln. Das beste Handeln ist der Zusammenhalt, denn viele wissen mehr als einer und alle zusammen haben mehr Mut als du und ich.

Aber diese Schwarmintelligenz, wie sie Stichlinge und Sardinen, halbwüchsige Stare und Bisons habe, ist auch ein wunderbares Versteck, in dem sich die Brandenburger Bildungsministerin mit ihrer zweitschlechteste Landesschule genauso gut verstecken kann – wie ihr Gatte, hätte ich beinahe geschrieben – wie jeder arbeitsunwillige Hartz4-Empfänger. Hier zeigt sich, dass innovative Lösungen immer von dem Kranich stammen, der andersherum fliegt. Deshalb erkennt man, wusste schon Jonathan Swift, das Aufscheinen eines neuen Genies an der Verschwörung der Idioten, die es hervorruft.

Je mehr Menschen es gibt und je perfekter sie ihr Leben organisieren, desto pathologischer scheinen sie an alten, aber überholten Lösungen zu kleben. Das Tempo der technischen Innovationen irritiert viele Menschen so sehr, dass sie auf die Rezidive des Autoritarismus setzen, all die Typen aus Russland, Kasachstan, Kirgisistan, Usbekistan, Tadschikistans, Pakistan, Saudi Arabien oder Ägypten, die soeben in Beijing bei der Eröffnung der Olympischen Spiele zu Gast waren. Schon allein an dieser Versammlung des Schreckens kann man leicht erkennen, dass die zur Herausforderung umgedeutete Katastrophe nicht unbedingt einen guten Ausgang haben muss –  mittelfristig. Auf lange Sicht sind wir zwar alle tot, wie der weise Lord John Maynard Keynes wusste, aber das Leben geht trotzdem weiter. Auf lange Sicht – ohne das egoistische Wir – hat sich noch immer alles verbessert. Immer fand sich ein Noah, der genügend Stichlinge hinter sich bringen konnte, um vorwärts zu gehen. Am Wegesrand dagegen geiferten die Nacktschnecken.

DIE NORMATIVE KRAFT DES FANTASTISCHEN

Es war und bleibt ein großer Gedanke des Staatsrechtlers Georg Jellinek, dass nicht nur die Normen und Gesetze normativ wirken, sondern auch die Fakten. Dass andererseits die Normen Fakten schaffen, wurde jahrtausendelang mit drastischen Strafen durchzusetzen versucht, wie wir wissen ohne durchschlagenden Erfolg. 71 vor Christus ließ der römische Prätor Marcus Licinius Crassus 10.000 Sklaven an der Via appia vor Rom kreuzigen, und trotzdem beruht heute kein anerkanntes Staatssystem mehr auf der Degradierung des Menschen zur Ware. Crassus selbst ist ein krasses Beispiel dafür, dass Korruptheit zum Genom der law-and-order-Leute gehört. Selbst die Ehre als erbliches Charakteristikum ist vergangen, denn die Kehrseite der Ehre ist die Ächtung. Statt dessen hat seit Yesus, Rousseau und Kant jeder Mensch eine Würde, die von allen gleich respektiert wird. Menschenhandel ist genauso kriminalisiert worden wie Folter, Todesstrafe und Krieg. Träger dieser neuen Menschlichkeit sind die Demokratie, die Bildung und der Wohlstand.  

Aber: seit der Zeitenwende gibt es auch exponentiell mehr Fakten, deren normative Kräfte nach Verwirklichungen drängen. Wenn man denkt, glaubt man sich in einem Meer von Zweifeln, kauft man dagegen, so steht man Fluten von Fakten gegenüber. Der Wohlstand gebiert nicht nur Waren im Überfluss, sondern auch Geld. Während die Fiktion lange Zeit eine elitäre und rare Ware und Instrument der Eliten war, ist sie mit ihrer unendlichen Kopierbarkeit nicht nur selbst in den Strudel der allgemeinen Inflation geraten, sondern tritt überall auch an die Stelle der Vernunft. Diese rationale Kraft des Fiktiven hat es schon immer gegeben, nicht aber die Menge der Geschichten.  

Neben der Deutung, dass es uns nicht schlechter gehen kann als Hiob oder Ödipus, dass unser Zögern niemals länger dauern kann als Hamlets Prokrastination, gibt es immer wieder viele Menschen, die glauben, dass auch ihr Schicksal fremdbestimmt ist, dass ihre oder gerade im Gegenteil die feindliche Regierung aus Marionetten besteht. Es ist immer wieder schwer zu fassen, dass das Leben, dass die Welt nicht zu fassen sind. Das Rationale hat kurzfristig nicht genügend Kraft zu überzeugen.  Wir erinnern uns: Adolf Hitler und Willy Brandt – Marionetten des Monopolkapitals, Walter Ulbricht und Fidel Castro – Marionetten Moskaus. Niemand handelte aus Gründen, alle agierten sie aus Abgründen. So schien die Welt verloren.

Es gab immer schon wenige universelle und wahrscheinlich noch weniger regionale Geschichten. An dem Schicksal von Hiob, der heute noch für schwarze Tage und schlechte Nachrichten (jobsposten, kara haber, Hiobsbotschaft) steht, kann man gut die Konstruiertheit jedweder Geschichte sehen: der allmächtige, aber anthropomorphe Gott wettet mit dem nicht weniger mächtigen, gut erkennbaren Teufel  um einen konkreten rechtschaffenen Menschen, der dreimal seinen Reichtum, aber niemals seinen Glauben verliert. Die Geschichte ist nicht nur sichtlich konstruiert, sondern auch offensichtlich didaktisch. Wir sollen erkennen, dass wir niemals so übel dastehen wie Hiob, schon einmal, weil wir nicht so tief fallen können. Hiob wie Ödipus, aber auch Hamlet und Oskar Matzerath sind Spielbälle ihrer Erfinder und Paradigmen für uns Leser.

Während also die Phantasie oder besser die Fantasy fast schon alle Menschen auf der Welt zu Schwestern und Brüdern gemacht hat, verbleiben Kardinäle, Generäle, Kanzler und Minister in dem Wahn befangen, dass sie als einzige der regelhaften Vernunft folgen, die es nicht geben kann. Dabei ist diese Vernunft ein Würfel aus Gitterstäben und damit ein Faradayscher Käfig gegen die Fantasy – allerdings im Traum, die Fantasy dagegen ist der freie Fall aus dem Empire State Building – allerdings im Traum. Leider hat diese Vernunft immer noch den besseren Ruf. Sie strahlt Sicherheit aus, die Sicherheit eines Käfigs. Die Kraft, die jedes Kind im Überfluss hat, wirkt, aber die Angst, die jeder Erwachsene mehr als genug hat, bleibt.  

WEGWEISER

Dadurch dass man manchmal einen veralteten und verstörenden Wegweiser findet, der auf eine Straße weist, die schon lange nicht mehr benutzt wird, die von einer Bahnlinie durchschnitten wird, die es seit hundert Jahren schon gibt und an der ohnehin nur ein einziges verlassenes Haus steht, dadurch glaubt man, dass die Wegweiser das Orientierungsproblem sind. Es ist aber eher umgekehrt. Die Wegweiser werden rechtzeitig gewechselt, aber die Wege bleiben noch lange Zeit bestehen. Dieselbe Sucht nach Gewohnheit und Vertrautheit lässt aber auch Wege ohne Wegweiser, gar ohne Erlaubnis oder im Widerstand gegen Weisungen entstehen.

Immer wieder kann man lesen oder hören, die DDR hätte den Menschen die Religion genommen. In der Tat war die DDR nicht religionsfreundlich. Aber der verordnete Atheismus der DDR traf ja doch wohl auf Menschen, die gerade massiv gegen das Tötungsverbot verstoßen hatten. Oder haben sie in Stalingrad gebetet? (Es ist noch schlimmer, sie hatten sogar Pfarrer dabei, die den Sieg der Mörder gewünscht haben.) Von dem gottlosen Attentäter in Paris oder Istanbul wird behauptet, er  sei ein radikaler Muslim. War dann der Eroberer von Stalingrad nicht ein radikaler Christ? Und ist unsere Empörung gegen diese Erkenntnis nicht nur aus unserer Vertrautheit mit dem Christentum, unsere Annahme, dass der Islam aggressiv sei, nicht nur unserer Unkenntnis geschuldet? Eine Milliarde Muslime sind jedenfalls offensichtlich keine Attentäter. Und natürlich sind die Deutschen, die in Stalingrad Massaker verübten, nicht als Christen dorthin gezogen. Aber dann ist auch der DDR-Atheismus nicht schuld an der Entchristianisierung. Die DDR hat weder wirtschaftlich noch kulturell wirkliche Spuren hinterlassen, aber sie, ein schwächelndes, von Moskau gehaltenes inkompetentes Regime soll eine Weltreligion gestürzt haben? Eine Religion, die verspricht, Menschen aus der Not zu befreien, muss sich nicht wundern, wenn niemand kommt. Es gibt gar keine Not mehr, aus der nur ein Gott erlösen könnte. Die Vorstellung, dass bitten und beten identisch seien, war schon immer falsch. Und Weihnachten, das vielbeschworene Wunder der Liebe, kommt nicht von allein, sondern nur, indem man auf Menschen zugeht. Wer Angst vor Menschen in Not hat, kann sich nicht als Christ oder Muslim oder Jude bezeichnen. Die höchsten Ziele, die wir anstreben können, Mensch zu sein und Liebe zu geben, sind ohnehin unabhängig davon, ob wir Christ, Muslim, Jude, Buddhist, Hindu, Zeuge Jehovas oder Hutterer, Marxist oder Anthroposoph sind oder waren oder werden.

Der Vorsitzende der polnischen Partei Recht und Gerechtigkeit, der gerade Recht und Gerechtigkeit zugunsten von zurückgekehrtem Nationalismus aufgeben will, hat seine Doktorarbeit bei einem Professor geschrieben, der die Vorstellung von Politik als Direktorat hatte. Genau diese Vorstellung versucht Kaczynski zu verwirklichen, obwohl er nicht nur kein Marxist, sondern natürlich Antikommunist ist. Außerdem hasst er aber Deutschland und Russland und alle Menschen, die sich ihm in den Weg stellen. Wenn er und seine Partei nicht regieren, dann, will er seine Landsleute glauben machen, wird Polen von einem deutsch-russischen geheimen Direktorium regiert. Liebt er Polen oder liebt er die Macht oder liebt er gar nur sich? Gewählt wurde er wegen der von ihm versprochenen Einführung des Kindergelds von 125 €, wir müssen vor unseren polnischen Nachbarn also keine Angst haben. Wegweiser, ob falsch oder richtig, kommen und verschwinden immer schneller als die Wege.

Auch bei uns in Deutschland tobt gerade ein Streit, nicht weil jemand den Weg weiß, sondern weil niemand den Weg weiß. Über Nacht scheinen alle Wegweiser umgedreht zu sein. In solch einer Situation werden immer die alten Fahnen und Wegweiser aus den Verstecken geholt. Die ganze Kraft wird in den Blick zurück gesteckt. Da bleibt kein Mut für den Weg ohne Wegweiser und ohne Wegweise. Wegweise gibt es nur alle hundert Jahre. Als Willy Brandt vor dem Denkmal des Warschauer Ghettos kniete, haben viele Polen das als Demutsgeste Polen gegenüber verstanden, viele Juden haben es als Schuldbekenntnis aller Deutschen genommen und die Deutschen waren erleichtert. Diese eine schlicht-emotionale Attitüde hat ein Tor in eine ganz neue Politik aufgestoßen, hat letztlich den gesamten Ostblock destabilisiert. Und wieviel Millionen Katholiken wird es geben, die gedanken- und gefühllos auf den Knien auswendig gelernte Gebete herunterleiern? Die millionenfach missbrauchte Attitüde kann zum einsamen Symbol, zum Wegweiser für ganze Generationen werden. Der selbstgewollten Demütigung des einzelnen, wenn sie Wegweise sind, kann die Ermutigung ganzer Völker folgen.

Ein Weg ist oft eine Chance und ein Wegweiser eine Hoffnung. Aber genauso oft gehen wir Irrwege, weil wir aberwitzigen Wegweisern folgen, die von früher hier stehen oder die der böse Wille aufgerichtet hat. Seit wir die rationalen Jahrhunderte erreicht haben, trauen wir uns selbst nicht mehr über den Weg. Wir misstrauen unseren Träumen und Emotionen. Wir haben nicht nur Angst vor dem Weg, wie unsere Vorfahren, sondern vor uns selbst. Wer Angst vor neuen Wegen oder neuen Weggefährten hat, lese das Schiffstagebuch des goldgierigen Kolumbus. Sein Ziel war nicht Amerika, sondern Vizekönig zu werden. Für wenige von uns gibt es keinen richtigen Weg, weil es gar keinen Weg für sie gibt.

Für die andern gilt die Weisheit des großen Gelehrten aus Basra, al Hariri (1054-1122), übersetzt von Friedrich Rückert (1788-1866):

WAS MAN NICHT ERFLIEGEN KANN, MUSS MAN ERHINKEN.

ALS GUT

1.1.2022

viele menschen leiden – behauptet oder tatsächlich – unter der als flut bezeichneten menge der informationen. nur wenige kommen scheinbar auf die idee, ihren fernseher einfach abzuschalten, früher riet ich sogar: aus dem fenster zu werfen, und soweit ich weiß, hat es einer meiner follower auch wirklich getan. stattdessen wird die sortierung, die sich schon bei den menschen nicht bewährt hat, auf die diversifizierten medien übertragen: man bekämpft den zeitgeist, weil man einen eigenen installieren will. alles andere wird zur meinungsdiktatur deklariert. als angela merkel mit einem großen zapfenstreich – der seinen ursprung in den trompetensignalen zur schließung der soldatenlokale hat – verabschiedet wurde, hat die ard zwei reporter und einen weiteren journalisten im sender damit beauftragt, ständig dazwischen zu quatschen, bis einem der eloquenten fernsehtypen auffiel, dass man wenigstens während der nationalhymne – als nationalistischem substitut der einstigen liturgie – nicht sprechen darf. daraus folgt: die so genannte flut besteht zu einem gutteil aus vorgestrigen ritualen.

nach der wahrscheinlich wirklich überflüssigen rechtschreibreform regen sich jetzt viele menschen über das gendern auf und merken nicht, dass sprache sich eben verändert, wenn die abzubildende welt sich verändert. ebenfalls kaum bemerkt wird dagegen, dass seit ungefähr 2016 – und ich weiß nicht ob durch oder einfach mit den flüchtlingen – alle menschen in deutschland ständig ‚alles gut‘ sagen. das ist einerseits sehr schön und beruhigend, man bittet um verzeihung und das gegenüber betont, dass nicht nur dieser lapsus verziehen, sondern gleich alles, alles gut ist. andererseits ist es eine floskel, hinter der mensch sich verbergen kann. die neubürger, deren sprachliche fähigkeiten erstaunenswert und erfreulich gewachsen sind, haben sich dieser formel bemächtigt oder sie gar geschaffen, indem sie ‚alles wird gut‘ und ‚alles gute‘ zu ALS GUT zusammengeführt haben. merkwürdig ist nur, dass gleichzeitig zwischen zehn und zwanzig prozent der menschen an dem land zu zweifeln begannen, das unter führung einer einst grauen maus aus templin-waldhof sturm um sturm umschiffte. aber auch die achtzig bis neunzig prozent litten, nämlich unter dem verlust oder dem wahrscheinlich vermeintlichen verlust der zehn bis zwanzig prozent.

ich wünsche uns allen ein jahr, in dem wir wieder an uns und das gute in uns glauben können. ich habe es nie besser gesagt, als in meiner rio reiser parodie: mach was dich kaputt macht ganz, ohne komma, weil es aus meinem einzigen gelungenen geburtstagsgedicht stammt. trotz der flut hat man ständig das gefühl, etwas sagen zu müssen oder etwas nicht gesagt zu haben oder etwas nicht gesagtes verpassen zu können. das wird man ja noch sagen dürfen. ich will es nur gesagt haben. die gedanken sind frei. als floskeln. als gut.

herzlichst euer/ihr

rst

WEIHNACHTEN UND DER BÄCKER VON ADAM SMITH

Kreuzgang im Dom zu Havelberg

Alle Jahre wieder rätseln wir, warum Weihnachten so früh, so aufwändig und letztlich weder vernünftig noch sinnvoll noch emotional befriedigend gefeiert wird. Trotz Weihnachten sterben nicht nur mehr Menschen in dieser Zeit des Jahres, sondern es bringen sich auch mehr selbst um. Es wird mehr gegessen, mehr getrunken, mehr gestritten und mehr getrennt, als alle die vielen Geschenke, die die Hermes- und DHL-Boten bringen, wieder gut machen können. Die Kirchen sind am Heiligabend voll, aber das sind sie auch, wenn das Weihnachtsoratorium von Bach oder der Messias von Händel gegeben werden. Diese Art der Kritik an Weihnachten gehört schon seit zweihundert Jahren dazu und ist beinahe selbst Teil des Rituals geworden. Sie hat also gar nichts mit Weihnachten zu tun, sondern mit dem Wohlstand, den wir uns eben anders vorgestellt haben, problemloser, fettlösender, perfekter, ein Wohlstand, der nicht wehtut.

Man könnte eine neue Partei gründen, die AfW, die Alternative für Weihnachten, aber sie wäre – zum Glück – genauso rat-, tat-, sinn- und erfolglos wie die Alternative für Deutschland. Man kann Alternative sein, aber die bloße Deklaration des Gestern reicht dafür nicht aus. Alternativen gehen von einer Idee oder von Menschenmassen aus. Je individueller zu sein allerdings der Zeitgeist uns vorschreibt, desto schwerer ist es, Menschen für ein Ziel zu gewinnen oder auch nur zu halten. Hinzu kommt – und das war schon immer so -, dass es leichter ist, empört zu sein, als etwas zu tun. Und die für die Empörung passenden Tribünen haben die Internetgiganten Bill Gates, Lord Zuckerberg oder Lawrence Edward Page zur Verfügung gestellt. Man könnte annehmen, dass sie das für uns taten, für unsere demokratische Beteiligung oder unser demokratisches Placebo, für unsere Information oder Desinformation, für unsere Konzentration oder Ablenkung. Aber –  fast möchten wir leider schreiben – es ist so wie mit dem Bäcker von Adam Smith: er bäckt nicht, damit wir, sondern damit er satt wird. Es gibt keinen Versorgungsauftrag. Es gibt keinen Auftrag. Es gibt nur Möglichkeiten.

Für Weihnachten sehe ich zwei Möglichkeiten: Frieden und Kinder.

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Frieden fängt immer zwischen zwei Menschen an. Es ist leicht, mit einem Friedensplakat auf die Straße zu gehen und zu rufen, dass Wasserwerfer kein Mittel der Demokratie sein dürfen, können und sollen. Das ist zwar richtig, aber Ort und Zeit der Verkündung sind denkbar ungünstig. Der Polizist – der nur seine Pflicht tut, manchmal auch etwas mehr oder etwas weniger, wie wir alle – ist der falsche Adressat. Es ist leicht, anzunehmen, dass am Waffenexport die Waffenexporteure märchenhafte Summen verdienen. Am Export Deutschlands machen die Waffen weniger als ein Prozent (etwa 10 Milliarden €) aus. Das sage ich nicht zur Gewissensberuhigung, sondern um die Relation zu richten. Nicht nur der Waffenexport ist falsch und überflüssig, sondern auch die Waffenproduktion. So wie vor einigen Jahren die letzte Steinkohlenzeche aus wirtschaftlichen Gründen feierlich geschlossen wurde, müsste auch in Kürze das letzte Waffenwerk aus moralischen Gründen seine Pforten schließen. Früher war alles schlechter. Und deshalb sollte Deutschland nicht nur das Sozialamt der Welt werden, sondern das weltweit erste waffenfreie, pazifistische und vegetarische Territorium. Das wäre eine Alternative für Deutschland! Das wäre Weihnachten!

Es ist sicher nicht falsch, auf die Bedrohungsattitüde des Autokraten und Männlichkeitswahnsinnigen Putin mit der Ausweisung von Diplomaten zu antworten. Aber das ist eine Antwort aus dem Arsenal der Beamten alter Prägung. Jetzt haben wir das Glück, möglicherweise – und ich hoffe es sehr – eine Sozialromantikerin als Außenministerin zu haben. Jetzt sollten wir gegen die Putins dieser Erde die entwaffnenden Argumente der Friedensvisionen aus unserem Arsenal holen. Denken wir an die großen Erfolge von Yesus (Weihnachten!), Gandhi, Schweitzer und King, der sogar in seinem Namen das alte Erbe trug und mit soviel Erfolg soviel neues in die Welt brachte: I HAVE A DREAM, und nicht diesen waffen- und rachestarrenden Unsinn, der immer nur verloren hat.

Aber all das kann man nicht durch Warten, Empören oder Parteigründungen, so sinnvoll sie diesmal auch erschiene, erreichen, sondern nur dadurch, dass jeder seine Partei, seinen Bundestagsabgeordneten, jeden Politiker, jede Initiative, jede Zeitung, jede Facebook- oder Whatsappgruppe mit dieser Vision überschüttet. Bis auf einige wenige Lobbyisten gibt es niemanden, der für Waffenexporte ist. Für Waffen gibt es viel weniger Argumente als für Steinkohle. Statt dass wir uns über Ereignisse von gestern empören, denn sie sind nicht veränderbar, sollten wir versuchen, endlich alle unsere neuen Mittel zu nutzen, um zu sagen, was wir sagen wollen und was wir wollen. Offensichtlich reicht es nicht, alle vier Jahre eine Partei oder eine Person zu wählen. Man muss auch wissen, was man will. Und man kann die ungeahnten neuen kommunikativen Mittel endlich für besseres nutzen, als für Fotos des Mittagessens oder von einem selbst. Wer nur sich als Botschaft hat, sollte schnellstens über sich nachdenken. Es ist nie zu spät.

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Die Botschaft von Weihnachten ist ja die Geburt eines Kindes, dem eine große Zukunft vorausgesagt wird. Das Kind erscheint als so bedeutend, dass die Eltern fliehen müssen, weil der König einen Kindermord plant und auch tatsächlich ausführt, dass andere Könige von weither, aus dem Jemen und aus Äthiopien etwa, anreisen, um Teil einer Zukunftsoption zu werden. Das Kind ist die Alternative. Aber auch für die Kinder war früher alles schlechter. Im alten Rom wurden überzählige Babys aus dem Fenster geworfen, und noch bis 1871 durfte in Deutschland ein Vater seinen Sohn totschlagen, wenn er ihn züchtigte. Die Emanzipation des Kindes und der Kindheit gibt es erst seit dem neunzehnten Jahrhundert. Und jetzt haben wir in der reichen Hälfte der Welt wenige und in der armen Hälfte viele Kinder. Trotzdem gibt es sowohl in Kenia als auch in Deutschland Lehrermangel. Uns ist sowohl der Sinn – des Lebens wie der Kinder – verloren gegangen, wie auch die Priorität. Für die von uns merkwürdigerweise nicht so hoch geschätzten Steinzeitvölker ist Bildung kein Ressort, sondern tägliche Übung. Das Argument der Arbeitsteilung entfällt, weil wir nicht die Arbeitsteilung aufgeben müssen, um dieses Vorbild zu nutzen, sondern den sinnlosen Umweg über Regeln. Lernen ist besser als regeln. Die Schule ist in der industriellen Welt zu einer eigenständigen – und deshalb notwendigerweise kontraproduktiven Institution geworden. Schule und Leben haben sich auseinandergelebt. Die Technische Universität Berlin, die genauso viele Nobelpreisträger hervorgebracht hat wie Harvard (auf Platz 1), liegt im Ranking der Bildungsstätten auf Platz 192, obwohl vor dem wunderschönen Mathematikgebäude Werner von Siemens steht.

Und auch hier geht es nicht um jammern, hadern, greinen oder rechten, sondern darum, jedem Kind, das wir kennen, ein Maximum an Bildungsoptionen zukommen zu lassen. Fangen wir morgen mit dem Kind an, das uns am nächsten und am fernsten steht. Nehmen wir einfach die Kinder in den Focus, der ihnen gebührt. Nicht den Eltern ist zu danken (denken wir an Adam Smith‘ Bäcker), sondern den Kindern, dass sie keine Kopie von uns sind, dass sie uns vom ersten Tag an neue Perspektiven geben, dass sie unser Erbe sorgsam behandeln und unsere Werke fortführen, falls sie sich nicht im abgebildeten Mittagessen erschöpfen. Der Wohlstand hat unseren Blick auf uns verkleinert, statt ihn zu erweitern. Eine arme Familie vor hundert oder vor zweihundert Jahren (als das Lied STILLE NACHT geschrieben wurde, weil die Orgel defekt war) konnte nicht anders als an sich und das Essen denken. Wir dagegen, die wir unendlich viel Zeit und kommunikative Möglichkeiten haben, rotten die letzten Elefanten, Wale und Wölfe aus, obwohl sie uns ähnlich sind, weil sie angeblich unsere Schafe fressen oder etwas haben, was wir gern hätten oder weil sie uns einfach im Weg sind, wir dagegen tun nichts gegen Waffen und für Bildung, wir dagegen sind mit uns und unserer Welt zufrieden. Und womit wir nicht zufrieden sind, dafür suchen wir Schuldige, und die sind leicht zu finden. Nicht so leicht ist es, sich selbst als den Mitschuldigen zu erkennen und jetzt, in dieser Minute sein Leben zu ändern. Das ist Weihnachten.

PANDEMISCHE WEIHNACHT

Kreuzgang des Havelberger Doms

 

PANDEMISCHE WEIHNACHT

Die Gans ist gegessen. Das Fest ist gefeiert. Das Lametta ist verworfen. Was bleibt, sind Müll und Gedanken.

Noch vor zehn oder sogar nur sechs Jahren erschien die Politik vielen Menschen langweilig und gleichförmig. Viele glaubten an die Politikverdrossenheit ihrer Raum- und Zeitgenossen. Aber es gab Vorboten: die Banken- oder Griechenlandkrise und Sarrazins dummes, böses Buch. Es war zum Glück auch – was wir damals ahnten und heute wissen – falsch. Deutschland schafft sich nicht nur nicht ab, sondern erfindet sich neu, weil es sich neu erfinden muss und kann. Der Grund ist allerdings weniger, dass es feindliche Machenschaften von Gates & Merkel und dem ausgedachten ‚Weltjudentum‘ gibt. Noch nicht einmal die ‚Reichsbürger‘ können Deutschland erschüttern, obwohl sie das so sehr gehofft hatten. Es ist auch nicht das Corona-Virus, was uns den Neubeginn aufzwingt.

Das Corona-Virus hat uns aber wie der Totalschnitt eines Pathologen oder Romanciers gezeigt, wozu wir fähig sind. Europa, dessen angeblich morbider Zustand immer wieder beschworen wird, hat nicht nur auf Urlaubsreisen, sondern vor allem auch und zum zweite Mal auf Weihnachten verzichtet. Die Häme ist weitgehend aus der Politik gewichen. Für eine so große Krise arbeitet Europa erstaunlich gut zusammen. Obwohl die Demonstrationen, die sich 2016 gegen die Flüchtlingspolitik, nun aber gegen die antipandemischen Maßnahmen der Regierungen richten, ärgerlich, schändlich und vor allem lächerlich sind, werden sie weitgehend geduldet. Schädlich dagegen sind sie nicht und auch sie werden Deutschland und Europa nicht abschaffen.  

Abschaffen – ein Wort übrigens, das wieder eine Art von großem Administrator unterstellt – müssen wir unsere Lebensweise der Verachtung, Vermüllung und Vernichtung der Natur. Es wird bald mehr Plastikteile als Fische in den Weltmeeren geben. Aber weil es eben keinen Großadministrator gibt, müssen wir es selber tun.

Wer es geschafft hat, dem Corona-Virus zu widerstehen, der sollte es auch mit Weihnachten aufnehmen können. Weihnachten ist vom Fest der Yesusgeburt zu einem Konsumterrortiefpunkt der Verschwendung geworden. Das Symbol der Menschwerdung – nicht Gottes, sondern der Menschen – in der Verehrung eines neugeborenen Kindes unter widrigsten Umständen, wurde schrittweise in ein konsumistisches Horrorszenario verwandelt. Ob zum Beispiel der Weihnachtsmann dabei eine Rückkehr heidnischer Gebräuche oder der Trottel des Konsums ist, bleibt gleichgültig. Der Ersatz einer einzelnen wunderwirkenden Kerze durch elektrische, automatisch gesteuerte Beleuchtungen ganzer Vergnügungsparks und zu Vergnügungsparks umgewidmeter Innenstädte, der Wettbewerb der Hausbesitzer der Vorstädte um die hellste und brutalst verschwenderische Beleuchtung, die vierwöchige Dauerbeschallung und damit inflationäre Opferung der Weihnachtslieder – das alles ist bedauernswert, aber nicht unumkehrbar. Weihnachtmann und Weihnachtsbaum sind so gesehen Merkmale des Untergangs, den wir verhindern können, indem wir sie wieder abschaffen. Vielleicht beginnt der als Neuerer gepriesene Papst in Rom mit der Abschaffung der infantilen Yesuspuppe. Es gibt genügend Babys, die auf einen Träger warten.

Gefeiert wird eigentlich die Geburt eines Kindes, von dem sich später herausstellt, dass es der Menschheit einige der besten Sätze und Lehren brachte, das aber mit den Mächtigen ebendieser Menschheit kollidierte und demzufolge ermordet wurde.

Daraus muss folgen, dass es niemals mehr Mächtige geben darf, denen die Lizenz zum Töten oder auch nur Einkerkern von Störern ihrer Macht gegeben wird. Wer sich eine solche Lizenz anmaßt, muss gehen. Auch Tränengas und Wasserwerfer sind keine Argumente. Erkennbar sind solche autoritären Politiker an ihrem clownesken Verhalten, das nicht ihrem Verstand, sondern ihrem Unverstand entspricht und von den wirklichen und ernsthaften Clowns zurecht und gekonnt nachgeäfft wird. Wir haben vor Jahr und Tag schon auf das merkwürdige, verkehrt herum wahrgenommene Verhältnis von Chaplin und Hitler, die im selben Monat desselben Jahrs geboren wurden, hingewiesen. Hitler, der als arbeits-, obdach- und sinnloser Asylheimbewohner sicher oft ins Kino gegangen ist, sah dort den Tramp, den Wanderarbeiter, der das Gute will, aber durch tausend Schwierigkeiten, die zum Weinen und zum Lachen sind, hindurch muss. Hitler kannte das, denn er wurde in Wien wegen seiner lächerlichen antisemitischen Reden von Bauarbeitern vom Baugerüst geworfen. Sein clowneskes Verhalten behielt er bis zu seinem würdelosen Abgang bei. Er ahmte Chaplin nach, ohne dessen Qualität auch nur erahnen zu können.

Daraus muss weiter folgen, dass wir noch viel mehr die Möglichkeit jeder Tötung ächten und verhindern. Es muss die Ächtung geächtet werden, nicht Menschen. Die Verherrlichung von Waffen und die Waffen selbst müssen geächtet werden, nicht Menschen. Der Staat mit seinen Polizisten und Soldaten sollte den Anfang machen. Einige Länder, in denen überwiegend die Vernunft regiert, wie zum Beispiel Deutschland, sollten die Waffenindustrie stilllegen und den Im- und Export von Waffen verbieten. Alle Institutionen, Sozietäten, Gruppen und Vereine sollten diesem Beispiel folgen. Im Vatikan, in dem es außer dem Papst auch einen Nuntius der Hölle zu geben scheint, sollte ebenfalls begonnen werden, das Böse zu tilgen: Geld, Gier, Geschwätz, Lüge und Machterhalt.

Die Aufforderung zur Rückkehr oder die Rückkehr zu alten Gewohnheiten selbst, kann nur schädlich sein. Als vor hundert Jahren die spanische Grippe fast ungehindert wüten konnte, rief der Bischof von Zamora seine Mitbürger auf, die Reliquien des heiligen Rochus – der in seinem Grabe rotierte – zu küssen. Damit wurde diese Stadt zum hotspot der Seuche und die Seuche bekam daher ihren Namen, und auch weil einzig die spanische Presse unzensiert über den Verlauf und die Todeszahlen berichten konnte. Man kann des heilenden Rochus von Montpellier, der sich um Pestkranke kümmerte und deshalb verfolgt wurde, nur durch Selbstlosigkeit gedenken. An Reliquien sollte man dabei nicht glauben, man sollte Menschen lieben, aber keine Gegenstände. Heilend oder heilig können nur Medizin und Liebe sein, nicht Menschen und Dinge.

Wir können religiös nur durch die Ehrfurcht vor dem Leben sein. Wir müssen auch gar nicht mehr religiös sein. Vernunft und Aufklärung können heute genau das Gute bewirken, das früher fast nur durch die Religionen erreicht werden konnte. Fehlbar sind beide, Religion und Vernunft.  

Wir leben nicht nur nicht in besonders harten Zeiten. Die Zeiten sind immer gleich hart und gleich warm und herzlich. Wir leben in Zeiten neuer Chancen, auch das ist nicht neu, aber wir können es jetzt besser erkennen als je zuvor. 1918, noch bevor die spanische Grippe beendet war, zerfielen fünf große und schädliche Reiche: das Osmanische Reich, das schon mehrere Jahrhunderte lang geschwächelt hatte (‚der kranke Mann am Bosporus‘), das Russische Zarenreich, ein Unort von Ausbeutung, Unterdrückung und Alkoholismus, die österreichisch-ungarische Doppelmonarchie, ein am eigenen Rassismus gescheiterter Vielvölkerstaat, das deutsche Kaiserreich, bis heute das Vorbild für Bürokratismus, Militarismus und Kadavergehorsam und, allerdings noch nicht vollständig und krass angeheizt durch die spanische Grippe, das British Empire. Sie gingen zurecht, weil sie sich überlebt hatten, unter, aber sie alle hatten auch gute Seiten. Das Osmanische Reich war von einem zwanzigjährigen Visionär, Mehmet II., errichtet worden,  sein enormer Beitrag zur Musikgeschichte kann hier nicht ausgeführt werden, Russland brachte Lew Graf Tolstoi mit seiner Lebensreform hervor, Deutschland Bach, das Automobil und die Schallplatte, Österreich Beethoven und Kafka und Großbritannien den Widerwillen vor kolonialer Ausbeutung.

Jede Zeit hat ihre Chancen. Wer mit Corona fertig wurde, kann auch Weihnachten in der heutigen konsumistischen Perversion abschaffen. Das wird natürlich kein administrativer Akt sein, sondern die durch Überzeugung erreichte Abänderung der Gewohnheiten.  Die Plastiktüte ist das Vorbild. Auch die Atombombe ist seit Hiroshima und Nagasaki nie wieder angewendet worden, sie kann weg. Der Plastikbecher muss das nächste Ziel sein. Dann kommt Weihnachten.

„Viel Kälte ist unter den Menschen, weil wir nicht wagen, uns so herzlich zu geben, wie wir sind.“ 

[Albert Schweitzer]

YUSUF UND SEINE BRÜDER

nacherzählt* für einen jungen Muslim**

Es war einmal ein Mann im Land Kanaan, der war der Sohn Ishaks und Ibrahims, er hieß Yakub und hatte zwölf Söhne, von denen ihm aber Yusuf der liebste war. Möglicherweise glaubte er den Träumen seines Lieblingssohns. Denn dieser träumte, dass seine Garben stünden, die seiner Brüder aber umfielen und dass die Sonne, der Mond und elf Sterne sich vor ihm verneigten. Die Brüder wurden eifersüchtig und beschlossen, Yusuf zu töten. Ruben, der älteste Bruder war dagegen. Also zogen sie Yusuf aus und warfen ihn nackt in eine Grube. Aber auch das fand Ruben zu schlimm, so dass sie ihn schließlich an vorüberziehende Händler als Sklaven verkauften. Deren Karawane aber zog nach Ägypten. Dort verkauften die Kaufleute Yusuf an Potiphar, den Kämmerer und Hauptmann der Palastwache des Pharaos. Die böse Frau des Potiphar aber wollte den jungen Yusuf als Geliebten in ihrem Bett haben. Yusuf weigerte sich, weil er wusste, dass das nur Ärger bringen würde. Eines Tages gelang es aber der bösen Frau, Yusuf auf der Flucht vor ihr seine Kleider zu entreißen. Sie zeigte ihrem Mann und dem ganzen Haus die Kleider Yusufs als Beweis dafür, dass er sie vergewaltigen wollte. Yusuf kam ins Gefängnis, aber auch dort wurde er, weil er unter dem Schutz Gottes stand, recht gut aufgenommen. Eines Tages kamen auch der oberste Mundschenk, der Verwalter der Weine und Biere, und der königliche Hofbäcker ins Gefängnis. Sie träumten, dass sie drei Weinreben in der Hand hielten und drei Körbe voll Brot auf dem Kopf trügen. Yusuf deutete die Träume so, dass der Mundschenk in drei Tagen frei käme, der Bäcker aber in drei Tagen gehenkt würde. So kam es auch. Aber erst als auch der große Pharao einen bösen Traum hatte, fiel dem Mundschenk ein, dass er Yusuf versprochen hatte, alles für seine Befreiung aus dem Gefängnis zu tun. Dem Pharao hatte geträumt, dass auf seinen Weiden am Nil erst sieben fette Kühe geweidet hätten, dann aber wären sieben magere und hässliche Kühe gekommen, die die dicken und schönen Kühe gefressen hätten. Der Pharao war schweißgebadet aufgewacht. Man holte Yusuf also aus dem Gefängnis, zog ihm neue Kleider an und führte ihn vor den Pharao. Yusuf deutete die Träume so, dass nach sieben wirtschaftlich guten Jahren sieben Jahre der Teuerung und des Hungers kommen werden. Er riet dem Pharao deswegen, für die Jahre des Hungers Speicher mit Getreidereserven anzulegen. Der Pharao erkannte die großen Fähigkeiten Yusufs und machte ihn zu seinem Oberminister, also zum zweiten Mann im Reich. Yusuf ließ im ganzen Ägyptenland verkünden, dass er alles Korn aufkaufe und große Speicher bauen lasse. Und nachdem die sieben guten Jahre vergangen waren, begann in allen Ländern die Zeiten der Missernten, der Teuerung und des Hungers. Auch im Land Kanaan wurde das Essen knapp und der alte Vater Yakub schickte seine Söhne, mit Ausnahme von Binyamin, nach Ägypten, damit sie dort Getreide oder Mehl kaufen sollten. Als sie dort ankamen, erkannte Yusuf seine Brüder, aber die Brüder erkannten Yusuf nicht, denn er war ein großer, reicher und mächtiger Mann geworden. Um seine Brüder zu prüfen, warf er ihnen vor, Spione zu sein. Zudem wollte er wissen, warum der jüngste Bruder nicht dabei wäre. Er befahl ihnen, den jüngsten Bruder Binyamin zu holen, dafür sollten sie Simeon zum Pfand dalassen. Die Brüder merkten auch nicht, dass Yusuf ihre Sprache verstand, denn er redete mit ihnen über einen Dolmetscher. Sie zogen also zurück. Yusuf  hatte ihnen die Säcke vollfüllen und sogar das Geld zurückgeben lassen. Zuhause angekommen, betrübten sie ihren alten Vater noch mehr. Denn er hatte schon seinen Lieblingssohn verloren, nun war Simeon in Ägypten geblieben und Binyamin sollte dem Oberminister des Pharaos vorgeführt werden. Die Brüder wurden nun aber von ihrem schlechten Gewissen angetrieben, sie hatten wohl gemerkt, dass ihr Schicksal sich gegen sie gewendet hatte. Der Vater Yakub gab ihnen also Binyamin mit, dazu Balsam und Honig, Gewürze und Myrrhe, Datteln und Mandeln als Geschenke. Erneut prüfte sie Yusuf, indem er ihnen nun auch noch den Diebstahl seines silbernen Bechers anlastete. Als Yusuf alles auflösen und sie in sein Haus zum Essen einladen wollte, glaubten die Brüder an eine Falle und an das böse Ende einer – aus ihrer Sicht – bösen Geschichte. Yusuf aber hatte ihnen schon vergeben, als er nackt und dem Tode geweiht in der Grube lag. Er deutete die ganze Geschichte als ein Werk Gottes. Yusuf war von ganz unten nach ganz oben aufgestiegen. Zuguterletzt bat der Pharao Yakub und seine zwölf Söhne sowie deren Frauen und Kinder zu sich nach Ägypten. Yakub starb im Alter von 130 Jahren und wurde – seinem Wunsch gemäß – in Hebron begraben. Yusuf starb mit 110 Jahren und wurde zunächst in Ägypten begraben, aber später, als Musa und Harun ihr Volk nach Israel führten, mitgenommen und in Nablus beigesetzt, wo sich heute eine Gedenkstätte für Juden, Christen und Muslime befindet.  

*Bibel: Genesis (1. Buch Mose) Kapitel 37-50

Koran: Sure 12 Yusuf     

**Abdul Razaq

Worterklärungen:

Kanaan – Landesteil in Israel   Garben – gebündeltes Getreide   eifersüchtig – neidisch auf Personen    Sklave – Diener, der Eigentum ist   Karawane – Gruppe von Händlern in der Wüste, meist mit Kamelen   Kämmerer – Finanzbeamter   Palast  – Schloss, prächtiges Haus   Pharao –  König in Altägypten  Teuerung – Inflation, die Preise steigen, weil die Waren knapp werden   Speicher – Aufbewahrungsort   Getreide – Korn, das zu Mehl gemahlen wird     Reserve – Vorrat, Aufgehobenes   Oberminister – Kanzler, Großwesir, Prime Minister, Ministerpräsident   Spion – Kundschafter, Auskundschafter, der heimlich Informationen beschafft   Pfand – Gegenstand, der gegen einen anderen Gegenstand getauscht wird, um ihn später wieder zurückzutauschen     Dolmetscher – Übersetzer von einer Sprache in die andere    Gewissen – die Bewertung der eigenen Taten oder Gedanken     Schicksal – (durch Gott) vorbestimmtes Leben     Hebron – Stadt in Israel     Nablus – Stadt in Israel