TRANSIT IN EBERSWALDE

Am schwersten ist es beim Schreiben, die Beweglichkeit der Welt und der Menschen einzufangen. Leichter ist es, die Welt so zu beschreiben, als wäre sie ein Gemälde von Pieter Brueghel. Diese bewegliche Beschreibung nannte Michail Bachtin den polyphonen Roman und in diesem Roman tritt jedes Wort in Dialog mit dem Leser. Bachtin wurde von Stalin verbannt und schrieb als Buchhalter und später deklassierter Lehrer an einem Lehrerbildungsinstitut seine bahnbrechenden Werke. Sein Schicksal und seine Bedeutung sind gut mit Lew Theremin vergleichbar, der sogar in ein GULAG verbannt wurde.

In brennender Hitze bietet eine im Innern dunkle neogotische Kirche Trost und Erfrischung, die sogar – wie sich gleich zeigen wird – in Erbauung überführt werden kann. Eberswalde ist die einzige städtische Siedlung in Preußen, in die im achtzehnten Jahrhundert Schweizer Religions- und Wirtschaftsflüchtlinge gelangten. Die meisten bevorzugten Dörfer, wie zum Beispiel Linow bei Rheinsberg (‚Ruppiner Schweiz‘) oder Nattwerder, heute ein Stadtteil von Potsdam. Eine der Linower ähnliche Fachwerkkirche mag am Eberswalder Markt gestanden haben. Sie wurde baufällig und im letzten Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts durch einen bemerkenswerten Neubau ersetzt. Zwar wurde der Entwurf des Wettbewerbssiegers nicht verwirklicht, er stammte von dem Schöpfer der Hartungschen Säulen, die in Berlin Verkehrsgeschichte geschrieben hatten, aber die gebaute Kirche ist heute dennoch ein, wenn auch makelhaftes, Kleinod. Denn sie wurde im zweiten und letzten Weltkrieg hart getroffen. Die Antifa-Jugend führt deshalb an einer Mauer in der Eisenbahnstraße einen Graffito-Kampf gegen die Fa-Jugend: wurde Eberswalde wie Anklam und viel früher Freiburg im Breisgau durch die Nazi-Luftwaffe oder durch allied Aliens zerstört? Heute, nach gelungener Wiederaufbauarbeit, stellt sich allerdings auf der Website der Kirchengemeinde die Frage nach der Zukunft. Die wenigen Beter benötigen in der Innenstadt noch nicht einmal eine, geschweige denn zwei große und schöne Kirchen.

In der Kirche befinden sich äußerst freundliche Einladungen zum Verweilen, auf denen mehrfach betont wird, dass man nicht verpflichtet ist zu spenden oder sich taufen zu lassen. Auch die Adresse der Wiedereintrittsstelle fehlt dankenswerterweise. Stattdessen hört man leise Musik, die sich zunächst wie ein einzelnes und auch einstimmig gespieltes Orgelregister anhört. Aber von der architektonisch interessanten Eule-Orgel auf der Empore kann die Musik nicht kommen. Da immer noch der dunkle Kirchenraum dominiert, verzögert sich die Analyse der mysteriösen Musik. Sie könnte von einem Theremin stammen, dem ersten elektronischen Musikinstrument, lange vor der Hammond-Orgel. Zusammen mit seinem Erfinder war es lange verschollen und vergessen. Nun klingt es wie ein klagend verflötetes Flageolettcello und ganz entfernt auch nach einer frühen Hammond-Orgel. Auf dem Büchertisch liegt, passend zur Herkunft der Kirche, Anna Seghers‘ Roman TRANSIT. Wer zu lesen beginnt oder sogar bis zuende liest, wird höchst erstaunt sein über die Aktualität eines über achtzig Jahre alten Buches:

„Und selbst wenn von diesen Unzuständigen einige sich bis hierher gerettet hatten, an Leib und Seele noch blutend, sich in dieses Haus hier doch noch geflüchtet hatten, was konnte es einem Riesenvolk schaden, wenn einige dieser geretteten Seelen zu ihm stießen, würdig, halbwürdig, unwürdig, was konnte es einem großen Volk schaden?“

Der Roman beschreibt in geradezu filigranen Winkelzügen die immer wieder verhinderte Abfahrt nicht nur des namenlosen Protagonisten, sondern ganzer Heerscharen ungeduldig Wartender. Die Bürokratie, einst geschaffen, um die eigenen Leute zu schützen, erweist sich als die größte Hürde bei der Rettung von Menschen. Im Altarraum tauchen nun plötzlich Inge Keller und Jürgen Holtz auf, zwei gendervertauschte Uraltgreise, die das sechsundsechzigste Sonett von Shakespeare tänzeln:

„…und hohles nichts nur hochgezoomte tollerei / und reinste treue ohne glück in schwur und zwist / und goldne ehre ganz beschämend deplatziert / und mädchentugend hingeworfen zum verhuren / und rechte perfektion als schaden vorgeführt / und kraft springt hinkend aus den guten spuren / und kunst wird mundtot durch autorität / und die gelehrte narrheit kontrolliert den sinn / und simple wahrheit ist zur dummheit umgedreht / und güte vom bösen boss gefesselt als verbrecherin…“

Das sind zehn böse Unds, von denen so viele glauben, dass sie erst in der neuesten Neuzeit gälten. Davon handelt der Roman. Er gibt detailliert Auskunft über menschliches und unmenschliches Verhalten an einem Staudamm der Gefühle. So viele Menschen fliehen vor dem Bösen und landen in der Dummheit oder Verbohrtheit. Dabei ist es gleichgültig, wovor man flieht, denn der Fliehende hat abgeschlossen mit seiner Vergangenheit, die er nur mit seinem Gesicht mit sich durch die Welt trägt. Erst jetzt erschließt sich: das Buch stammt von der ersten Dichterin der bürokratischen Diktatur des Proletariats. Honecker, so könnte man denken, schaltet seine aus Westberlin importierten Pornofilme auf Pause und liest dieses Buch. Es ist unvorstellbar. Sie, die Dichterin, kam fünf Jahre vor ihrem Mann aus dem mexikanischen Exil und reihte sich ein in die erzwungene Arbeitereinheitsfront, besah sich Schauprozesse gegen ihre Freunde, schwieg zu Ausbürgerungen und Zuchthausstrafen und genoss ihren Ruhm. Sie war neben dem frühverstorbenen Brecht die einzige Weltliteratur in unserem kleinen verfluchten Land, mit immerhin drei Büchern, von denen im Osten nur Das siebte Kreuz Kult war, und das auch nur in der Anfangszeit. Am Ende ihres Lebens, das ihr wie ein Wartesaal in Marseille vorkam, soll sie nur noch betrunken gewesen sein. Aber vielleicht ist das auch nur ein böswilliges Gericht.

Ein polyphones Gewirr von Bleibenden und Fliehenden, die sich untereinander und gegenseitig behindern, verspotten, betäuben und helfen. Die Geschichte ist ganz und gar unideologisch. Kommunisten spielen in ihr eine geringere Rolle als etwa die Frau, die zwei Doggen in Pflege nimmt und dafür ein Einreisevisum erhält. Der mexikanische Konsul, den es wirklich gegeben hat, kommt öfter vor als alle Nazis und spanischen und italienischen Faschisten zusammen. Und obwohl das zum Zeitpunkt der Niederschrift und der größten Rezeption gar nicht absehbar war, kann man heute sagen: und so ist es auch. Der gutwillige Konsul ist der Pate des Europas geworden, von dem die damaligen Flüchtlinge träumten. Aber Europa konnte erst gut werden, nachdem Millionen Menschen flohen, ermordet wurden und Krieg führten, nachdem im kalten Krieg das alles noch einmal, aber eher theoretisch durchgespielt wurde, wenn auch eine Mauer zu Flucht und Jagd und Ermordung verleitete.

„…Vergangenheit und Zukunft, einander gleich und ebenbürtig an Undurchsichtigkeit, und auch an den Zustand, den man auf Konsulaten Transit nennt und in der gewöhnlichen Sprache Gegenwart…“

Der heiße Tag ging zuende. Leider spielte niemand auf der schönen Orgel oder auf dem Theremin ‚Abend wird es wieder‘ oder ‚Der Mond ist aufgegangen‘. Stattdessen schob sich durch die quietschende Nordpforte ein kranker Nachbar aus dem Lied und aus der Stadt in die dunkle Kirche, die nur durch ihre Freundlichkeit erhellt war. In Wirklichkeit aber kam er aus dem Transit, das in seinem Land መተላለፊያ hieß.  

Er war in dem Krisenjahr 2015 über das Mittelmeer zu uns gekommen und der Fahrschullehrer mit der schmutzigen Schaufensterscheibe hätte nur das Buch lesen müssen, das in der Kirche der Schweizer Migranten ausliegt. Aber lag es damals schon aus? Oder liegt es erst aus, seitdem die neuen Migranten kamen? Er hätte es, wann auch immer, lesen können: „…was konnte es einem Riesenvolk schaden, wenn einige dieser geretteten Seelen zu ihm stießen, würdig, halbwürdig, unwürdig, was konnte es einem großen Volk schaden?“  Der Junge war also durch den höllenheißen Sudan gekommen, das ging noch, durch Libyen, das war die Hölle, auf einer Schaluppe über das Mittelmeer, dort lag er fast die ganze Zeit auf dem Boden, weil er der kleinste war, dann von der italienischen Polizei mit Latexhandschuhen hart angefasst, dann durch Italien, in Mailand hat ihm eine Dame ein Frühstück in ihrer Wohnung gemacht, in Paris gab es eine Frühstücksstube kostenlos, in Aachen stand ein mürrischer alter Mann bereit, der ihn in sein Auto lud, damit er sich ordentlich bei der Polizei melden konnte, dann kam er nach dem unaussprechlichen und unsäglichen Eisenhüttenstadt, wo sie keine Flüchtlinge mochten, obwohl so viele Wohnungen leerstanden und auf den Spielplätzen nur Hunde kackten und keine Kinder spielten, dann lernte er Deutsch, dann bekam er sein erstes Praktikum, seine erste Arbeit, wurde wegen Corona gefeuert, sie feuern immer die schwächsten zuerst, hire and fire only the poorest, dann bekam er eine gute Arbeit, er ist aber auch sehr fleißig und sehr freundlich. Nun ging er daran, seinen zweiten Traum zu erfüllen. Der erste Traum war eine kleine Wohnung, die hatte er als WG, zusammen mit seinem Freund in einer winzigen Zweiraummansarde, die Möbel stammten von einem alten Mann, der einsam im Pflegeheim gestorben war, seine entfernten Verwandten aus dem noch entfernteren Schwerin hatten im Kaufland annonciert: Möbel zu verschenken und eine Gitarre. Und der zweite Traum war die Fahrschule. Auch hier ging zunächst alles gut. Er bestand auf Anhieb die Theorie, fuhr leidlich gut, gut, alles verstand er dann doch nicht, es dauerte etwas länger, aber seine Freunde erzählten ihm, dass es bei ihnen auch so war. Doch dann häuften sich die Beschimpfungen des Fahrschullehrers mit der schmutzigen Schaufensterscheibe. Seine Tiraden wurden so schmutzig und gottverlassen wie sein Schaufenster. Jedenfalls kündigte der Junge, nachdem er so viel Geld bezahlt hatte. Der Fahrschulbesitzer mit der schmutzigen Scheibe und Seele verhinderte aber ein halbes Jahr lang, dass der Junge, der inzwischen ein junger Mann geworden war, sich in einer neuen Fahrschule anmelden konnte, indem er ihm seine Unterlagen, den Nachweis, dass er gefahren war, vorenthielt. Und der Grund war vielleicht gar nicht einmal, dass er ihm schaden oder sich rächen wollte. Der Grund war vielleicht, dass die Kladde, die Unterlagen, mit der Hand geschmiert, von Schmalzstullen besudelt, gar zu unordentlich für einen deutschen Fahrschullehrer waren, der noch dazu eine stadtbekannte schmutzige Schaufensterscheibe hatte.

Stand das nicht alles schon in dem Buch? Stand da nicht, dass das Leben wie eine Flucht ist, die Gegenwart ein Transit zwischen Vergangenheit und Zukunft? Und dass Transit ein Auf und Ab, eine ewige Sinuskurve, ein Kreuz ist, das du tragen musst.

Eigentlich ist die dunkle Kirche der einstigen Schweizer Migranten, die längst vergessen und verwest sind, auch ein Transitraum, für jene zumindest, die daran glauben, dass es irgendwie weitergeht. Und, sagte der weitgereiste junge Mann, irgendwie muss es weitergehen, schön, dass wir sprechen konnten und dass es einen so schönen Raum zum Sprechen gab.  

Eberswalde 13.7.2021  

DAS ÜBERSCHÄTZTE BÖSE

Das sogenannte Böse, schrieb schon Konrad Lorenz, wird nicht nur in dem Sinne überschätzt, als es tautologisch für eine eigenständige Kraft gehalten wird, was er mit dem Wort Automobilkraft vergleicht. Das Böse wird auch in seiner Wirkung maßlos überschätzt. Wenn die Absichtserklärung des Bösen die Zerstörung des Gesamtsystems war, dann ist die Wirkung gleich Null.

Als Graf Stauffenberg vergeblich versuchte, Hitler mit einer Bombe zu töten, drohte dieser unter anderem mit einer wörtlichen Blutrache, er werde, schrie er, die Sippen dieser Verräter auslöschen. Tatsächlich wurde das jüngste und fünfte Stauffenbergkind im Konzentrationslager Ravensbrück geboren. Es gibt ein Foto, auf dem die neunzigjährige Nina Gräfin Schenk zu Stauffenberg mit neunzig Familienangehörigen zu sehen ist, und sie hat das Foto ausdrücklich als Antwort auf Hitlers unsinniges Racheversprechen machen lassen. Die Familie war und ist zudem superreich. Stauffenberg war Hitlers Idol wie schon in seiner Kindheit der kleine Wittgenstein, der wie er ganze Wagneropern pfeifen konnte, sonst aber hochbegabt, schwerreich und stockschwul war, was Hitler alles bewunderte und imitierte. Ludwig Wittgenstein war, weil sein Vater es für gut erachtete, ein Jahr lang auf einer öffentlichen Schule, nämlicher jener Realschule in Linz, die zum gleichen Zeitpunkt, allerdings nicht erfolgreich, von dem kleinen Hitler besucht wurde. Es gibt eine  gemeinsames Jahrgangsfoto.

Goebbels erfand, um den unbedingten Rachewillen der Nazis auszudrücken, ein neues Verb: statt die Städte Großbritanniens ‚auszuradieren‘, was schon das Bild der Landkarte mit der Realität vermischte, ordnete er an, sie zu ‚coventrieren‘, also nach dem Vorbild von Coventry vollständig zu zerstören. Das gelang auch beispielsweise bei den Städten Freiburg im Breisgau, Eberswalde im Barnim und Anklam in Vorpommern. Das ist furchtbar, aber der Anspruch, alles was sich der Naziführung entgegenstellte, erbarmungslos zu vernichten, wurde noch nicht einmal im Ansatz erfüllt.

Großbritannien gehört nach wie vor zu den führenden Nationen der Welt. Auch Anklam hat es nach siebzig Jahren geschafft, den Turm der Nikolaikirche, wenn auch in anderer Form, zu rekonstruieren. Die Welt hat sich von dem falschen und schädlichen Begriff der Rasse getrennt und ein globalisiertes, multikulturelles Kapitel begonnen. Jetzt wird deutlicher, dass die Kriege und Auseinandersetzungen des zwanzigsten Jahrhunderts der Rückzug des nationalistischen, rassistischen, überhaupt des hierarchisch-konservativen Denkens und Handelns war. Es hat so gesehen keine fünfzig Jahre gedauert, um aus dem tiefsten Mittelalter der dichotomischen Bewertung und Ermordung von Menschen – der ist richtig, jener ist falsch – zur langsamen Verwirklichung des überfälligen Slogans ‚All men become brothers‘ zu gelangen. Dass Schiller nicht Männer und Frauen meinte, die natürlich nicht Brüder werden können, sondern soziale und geopolitische Grenzen beseitigen wollte, kann man aus der Urfassung von 1785 erlesen: Bettler werden Fürstenbrüder.

Auch die ansonsten vergessenen Punischen Kriege, die uns aber die römische Kultur brachten, werden von den Rechten als Sieg menschlichen Willens und menschlicher Fähigkeiten, von den Linken aber, nach Brecht, als Warnung vor dem Krieg gedeutet. Tatsächlich gab es aber nicht nur Scipio Africanus, sondern auch Hannibal, nicht nur den Untergang Karthagos, sondern auch den Roms. Kriege sind falsch, weil keiner wirklich gewinnt. Scipios Sieg über die Bürokratie – er zerriss vor den Augen des Senats die Belege über das verbrauchte Geld – und sein Satz über die 96% unserer Reaktion auf die 10% dessen, was uns passiert, sollten uns wichtiger sein als alle Berichte über Schlappen und Schlachten. Sein Schwur, Karthago dem Erdboden gleichzumachen und Salz zu verstreuen, um es für immer unbewohnbar zu halten, ging in Brechts berühmten Satz ein, aber war genauso wenig zu verwirklichen, wie alle bösen Schwüre und Taten.

Der Tyrann Herodes ließ eine ganze Kohorte Knaben ermorden, weil er die Ankündigung, dass ein neuer König der Juden geboren worden wäre, genau so wörtlich verstand wie der sprichwörtlich gewordene römische Beamte Pontius Pilatus, der nicht nur Jesus ans Kreuz nageln ließ, sondern auch das Schild IESUS NAZARENUS REX IUDAEORUM. Beide irrten sich gewaltig, denn geboren und ermordet war der Gründer einer globalen Bewegung, die später sowohl die römische Kultur und Sprache als auch den griechischen Humanismus mit in die Zukunft transportierte. An Herodes und Pilatus erinnern wir uns nur wegen Jesus, gleichgültig ob er nun Gottes Sohn oder einer der wichtigsten Denker der Weltgeschichte ist. Seine Sätze sind wichtiger als seine Herkunft. Die Wirkung seiner Sätze wird mehr durch die menschliche Überhöhung als durch das überschätzte Böse behindert. Das erste Konzil von Nicäa war genauso wenig göttlich inspiriert, sondern vom trivialen Zeitgeist bestimmt, wie jedes andere Konzil.

Ein vorletztes perfides Beispiel, das sogar die völlige Umkehrung eines bösen Wortes und darauffolgender böser Taten belegt, sind die Worte des amerikanischen Viersternegenerals Westmoreland, dass er die Vietnamesen in die Steinzeit zurück bombardieren werde. Diese unsinnigen Worte, denn die Zeit ist bekanntlich irreversibel, gingen damals durch die Nachrichtensendungen der ganzen Welt, die sich empörte und letztlich obsiegte. Einer derjenigen Wehrpflichtigen, die ihren Gestellungsbefehl vor dem Weißen Haus verbrannten, wurde wenig später Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Die USA bezahlen heute jährlich dreistellige Millionensummen für die Wiedergutmachung der in dem verheerenden Krieg angerichteten Schäden. Auf der anderen Seite stehen 90 Millionen Vietnamesen, die allerdings nicht wohlhabend sind.

Der letzte deutsche Kaiser hielt im Jahre 1900 in Bremerhaven bei der Verabschiedung deutscher Truppen eine auch rhetorisch schreckliche Rede. Auslöser war die Ermordung des deutschen Botschafters Clemens Freiherr von Ketteler. Ketteler selbst war, wie wir heute sagen würden, eher der Inbegriff von Multikulturalität, zu seinen Verwandten zählen sowohl der von Bismarck im Kulturkampf inhaftierte Arbeiterbischof von Ketteler, als auch der französische Marschall Louis Franchet d’Espery und die amerikanische Präsidentenfamilie Bush. Wilhelm sagte: „Kommt ihr vor den Feind, so wird derselbe geschlagen! Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht! Wer euch in die Hände fällt, sei euch verfallen! Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in Überlieferung und Märchen gewaltig erscheinen lässt, so möge der Name Deutscher in China auf 1000 Jahre durch euch in einer Weise bestätigt werden, dass es niemals wieder ein Chinese wagt, einen Deutschen scheel anzusehen!“ Statt sich über die Brutalität der Worte zu ereifern, die für den Nationalsozialismus programmatisch waren, sollten wir endlich realisieren, dass nichts davon verwirklicht wurde. Das Böse bleibt Programm. Es ist nicht verwirklichbar. Es ist nicht existent, sondern immer wieder nur eine zeitweilige Summe aller falschen Entscheidungen.

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Bild: Der Masaccio-Trompeter von 1426 verkündet das Gute.  

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Es ist wohl absurd anzunehmen, dass das, was man sieht, das ist, was ist oder was man denkt, dass es wäre oder wovon man glaubt, dass es war. Und diese Feststellung mag so trivial sein, wie das Wort ‚Feststellung‘ selbst, denn man kann nichts feststellen, auch die Mechanik, aus der das Wort stammt, nicht. Alles, was man feststellt, lockert und überlagert sich und vergeht wie das nicht Festgestellte. Alle Kulturen schieben sich übereinander und koexistieren mehr, als dass sie sich bekämpfen oder vergessen.

Der Bischof von Ulm verurteilte das Fliegen als unmöglich und unnötig. Der Bischof von Köln verfluchte den Bahnhof neben seinem Dom, der seinen Standort einer demokratisch-ökonomischen Entscheidung verdankte und zur Säkularisierung mehr beitrug als das Kommunistische Manifest. Der Bischof von Florenz benannte seinen Bahnhof nach der neben ihm liegenden Kirche Santa Maria Novella. Wer war wem eine Neuheit, wer novellierte was? Die Kirche erscheint mit ihrem gotischen Innenraum so schlicht, wie der Bahnhof chaotisch. Der Bahnhof bildet die sich kreuzenden Wege der Reisenden nicht ab. Das hundert mal fünfzig Meter große Fundamentalkreuz der Kirche sollte sicher eine der vielen Grundlegungen eines, wenn nicht ewigen, so doch dauerhaften Fundamentalismus werden. Zu unserem Glück durchkreuzten sich alle diese Pläne wie von selbst. Es handelt sich einfach um Gebäude von Menschen für Menschen, Gebäude voller Wirklichkeiten und Metaphern. Der sehr junge Maler Masaccio (‚der Koloss‘) malte in dieser Kirche, die damals noch nicht neben dem Bahnhof stand, das erste Bild mit Zentralperspektive, das so dreidimensional wirkt, dass man von weitem annehmen könnte, dahinter läge eine weitere reale Kapelle. Ist es das erste dreidimensionale Bild, ist es das erste erhaltene dreidimensionale Bild oder ist es das erste dreidimensionale Bild, das wir kennen? Wir wissen es nicht. Wir wissen nichts. Alles, was wir wissen, müssen wir vorher glauben und können wir hinterher vergessen.

Gebäude, Gemälde, Gedanken und Gefühle gehen ineinander über. Wir wissen nie, ob wir gerade verzaubert oder entzaubert sind. Wir brauchen beides wie den Hunger und die Sätte, den Schlaf und die Wachheit. Alle Kritik an neuen Medien oder neuen Verhaltensweisen ist demzufolge nichts weiter als die Fortschreibung eines immer wirkenden Generationswiderspruchs. Die Verzückung, die die Pilger im Mittelalter angesichts riesiger romanischer oder gotischer Gebäude und der in ihnen vollbrachten Heilungen und anderen Wandlungen empfanden,  steht in nichts den Verzückungen nach, die durch die durch die permanente Selbstkopierung durch Selfies oder andere Fotos in so großer Zahl sich sozusagen selbst reproduzieren, dass man aus ihrer Summe das lange gesuchte Gesamtkunstwerk herstellen könnte. Dazu passt, dass Milliardäre sich jetzt selbst klonen lassen, weil sie ernsthaft glauben, dass sie mit dem Geld identisch wären und außer Waren auch Sinn kaufen könnten. Aber das eben ist nicht neu, denn der Mensch der Gotik glaubte genauso widersinnig, die Wundmale des gekreuzigten und gepfählten und gehängten Vorfahren an und in sich zu spüren. Er kopierte das Leid und das Glück anderer Menschen, kumuliert in der einen, dann aber millionenfach reproduzierten Metapher.

Kulturen folgen ebensowenig wie Generationen aufeinander. Sie schieben sich in- und übereinander wie die uns heute völlig unverständlichen Schnittmusterbögen, die noch vor wenigen Jahren Zeitungen beigelegt waren, damit man nach ihnen billig nähen konnte. Heute ist alle Billigkeit nicht zu unterbieten. Der alte Mann oder der junge Junge, die am Straßenrand die solitäre Kuh hüteten, die einer Familie eine ausgewogene calcium- und fettreiche Ernährung ermöglichte, sind zur Karikatur einer Gesellschaft geworden, die zum zweiten Mal im Butterberg ertrinkt. In jedem Menschenleben treten solche höchst gegensätzlichen Bilder auf. Die Paradigmen menschlichen Wirtschaftens und Verhaltens wechseln vielleicht immer noch alle fünfzig Jahre. Die Beschleunigung, nicht die Geschwindigkeit, mag eine Verzauberung sein. Die Entzauberung tritt ein, wenn man am Ende des Lebens das Gleiche erblickt, wie die Alten zu sehen glaubten, als man selbst jung war. Die Pest von 1348 ist nicht nur eine Krankheit gewesen, sondern ein tiefsitzender Schrecken und insofern ist sie mit dem Atombombenabwurf über Hiroshima von 1945 vergleichbar. Die Pest reproduziert und potenziert sich durch den Floh der Ratte, die Zerstörungskraft der Atombombe gebiert sich aus der Spaltung des einst für das kleinste Teilchen gehaltene Atom, dessen Name die Metapher für das nicht mehr Teilbare war. Die Vorstellung und der Wunsch nach solcher Zerstörungskraft mag aus dem Gedanken des Tsunami entstanden sein, der am Allerseelentag 1755 Lissabon und die gesamte christliche Welt so sehr erschütterte, dass sie die Aufklärung hervorbrachte. Die Asche des Vulkans Tambora gebar das Fahrrad, indem im Jahr ohne Sommer 1816 die Pferde aufgegessen wurden oder verhungerten, jedenfalls fehlten. Damit soll nicht gesagt werden, dass das Schlechte das Gute gebiert, sondern dass sie nicht auseinanderzuhalten sind. In die eine Kultur steckt die andere ihre Zunge hinein. Was man sieht, ist nicht das, was ist. Was ist, sieht man nicht.

Als Brunelleschi die berühmte Kuppel des Doms Santa Maria del Fiore in Florenz errichtete, wollte er eine Kuppel bauen, aber wir erfreuen uns an dem Gefühl der Treppe in der doppeltschaligen Wand, an dem Gedanken der zauberhaften Technologie. Es gibt höhere Gebäude, es gibt schönere Gedanken, aber es gibt dieses Gefühl: in sich selbst nach oben zu gelangen, selbst der Aufstieg zu sein, von dem man träumte, mit den Augen zu hören, wie es bei Shakespeare heißt, nur in der Kuppel des Florentiner Doms. Wenige Meter davon entfernt hat ein ganz junger Maler sozusagen aufgeschrieben, was seine großen Meister Brunelleschi und Donatello ihm flüsterten: der wahre Zauber ist die Perspektive, die große Entzauberung.

Die Freilegung und Restaurierung der Fresken Masaccios in der Florentiner Kirche Santa Maria del Carmine wurden übrigens von der Computerfirma Olivetti finanziert, die wie ihre Produkte aus der Schreibmaschine hervorging und während der Mussolini-Diktatur nur überleben konnte, indem ihr Besitzer sich taufen ließ. Das ist es, was ich meine.

12. Juni 2016

ONLY YOUR FACE IS YOUR PAST

Freud schrieb, dass unser Leben zu schwer sei und wir deshalb schlafen, träumen und Drogen nehmen müssen. Aber damit nicht genug. Das Leben ist wie ein Seiltanz, und die ständige Angst abzustürzen, betäuben wir mit geglaubten Sicherheiten. Die Familie ist natürlich nicht nur geglaubt, sondern real. Trotzdem gehören Brudermord und Vatermord zu den Urbildern der Menschheit. Trotzdem gibt es den Mythos der besonderen Mutterliebe. Trotzdem erleben wir gerade – seit dem neunzehnten Jahrhundert – eine Annäherung der Geschlechter und eine komplette Änderung der Vaterrolle. Die Kinderzahl steigt zwar noch, aber die Geburtenquote sinkt in allen Ländern mit Ausnahme der allerärmsten. Damit wird sich auch die Mutterrolle, die wohl ein Mythos zur Kompensation der Rechte- und Freiheitseinschränkungen war, signifikant ändern. Der Mythos der Mutterschaft war an die alleinige Funktion der Mutterschaft gekoppelt.

Noch krasser ist es bei der Nation. Sie ist ganz offensichtlich ein Konstrukt des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts. An den Konflikten kann man sehen, wie wenig sich die Menschen, aber auch die Politiker an den Status der Nation halten. Ein reiches Land wie Belgien leistet sich einen teuren Streit: zwei Universitäten werden nebeneinander gebaut, eine wallonische und eine flämische. Einen billigen Streit leistet sich die Türkei: immer wieder klafft die Wunde zwischen Türken und Kurden, die sich ein Staatsterritorium teilen, ohne wirklich ein Volk zu sein. Der schwankende und schwächelnde Autokrat hat es diesmal sogar geschafft, nicht nur den Konflikt zu entfachen, sondern auch ein neues kurdisches nichtterroristisches Bewusstsein zu stärken. Deutschland tat sich lange schwer mit der zweimaligen Verschiebung seiner Grenzen in einem Jahrhundert und tut sich derzeit schwer mit der Anerkenntnis, dass, wer sich mit seinen ehemaligen Feinden versöhnt, eben dann auch als Musterbild der Toleranz gesehen wird. Das merkwürdige daran ist nur, dass Deutschland immer schon ein Einwanderungsland war, so wie in Frankreich, das auch den Preis für seinen Kolonialismus bezahlen muss, niemand weiß, ob er von den Galliern oder den namensgebenden Franken abstammt. Sind wir Alemannen oder Sachsen? Auf dem Balkan nennt man uns Schwaben. Das alles haben Ernest Renan (‚die Nation ist ein tägliches Plebiszit‘) und Arthur Schopenhauer (‚Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein…‘) schon mehr als gründlich beantwortet.

So ist es auch mit der Religion. Wie alle menschlichen Gruppen hat sie den Keim der Spaltung immer schon in sich. Gerade gestern, katholische Frauen wollen unter dem Label MARIA 2.0 ihre auch kirchliche Emanzipation erkämpfen, schlägt der Klerus vor, dagegen einfach eine neue, unterwürfige Frauenorganisation zu gründen. Wahrscheinlich wird sie dann rechtgläubig heißen. Ruft man bei YOUTUBE beliebig eine Predigt auf, so hört man einen Abt, der begründet, warum nur ein Priester das Abendmahl vollziehen kann. Das ist der umgekehrte Muttermythos, dem auf der wieder anderen Seite das Vaterland gegenübersteht.

Aber was ist mit den Traditionen, der Kleidung, dem Essen? Isst man sich durch die Welt, so bemerkt man schnell, dass die Differenzen marginal sind. In warmen Gegenden haben die Menschen wenig an, in kalten mehr. Das ist der ganze Unterschied. So steht es auch schon im NATHAN DER WEISE von Lessing, ein Buch, das gerne gelesen und auf dem Theater angehört, aber genauso gern vergessen wird: ‚Wie kann ich meinen Vätern weniger als du den deinen glauben?‘ [III,7] Und etwas weiter oben heißt es im schönen Dialog zwischen Saladin und Nathan, dass sich die Religionen in allerhand Äußerlichkeiten, jedoch nicht von Seiten ihrer Gründe unterscheiden.

YOUR FACE IS YOUR PAST BUT THE BACKGROUND NOW.

Der Hintergrund, auf dem wir uns bewegen, ist die Gegenwart, stage und backstage. Unser Verhalten ist immer vom Augenblick bestimmt. Wollen wir einen Ertrinkenden retten, können wir nicht unsere Prinzipien befragen, sondern wir müssen unsere jetzigen Möglichkeiten abrufen. Nur Fundamentalisten sehen das anders und verhalten sich auch anders. Sie kalkulieren immer den Tod gegen das Prinzip. Die damalige Berliner Führung der Zeugen Jehovas wurde in einer Schulklasse ausgepfiffen als sie in der letztlichen Alternative, ob man einem Verhungernden Brot oder eine Bibel geben sollte, das Prinzip wählte. Fundamentalisten gibt es nicht nur bei Boko Haram, sondern auch im Vatikan oder in einem Bundesministerium.

Was wir mit uns herumschleppen, ist unser Gesicht, nicht unsere Tradition. Die Tradition wird als Rettungsring gesehen, solange wir Rettung nötig haben. Tradition wird als Ballast über Bord geworfen, sobald wir schwimmen können. Das ist die radikale Definition und definieren heißt, einen Prozess anhalten. In Wirklichkeit sind wir weder eindeutig noch radikal vernünftig. Der Physikprofessor hat auf dem Weihnachtsmarkt oder bei einer Beerdigung Tränen in den Augen. Weihnachtsmärkte und Kopftücher sind nicht nur Orientierungen, sondern auch Erinnerungen und Gefühlsprojektionen. Das Leben ist zu schwer, um ohne all dies auszukommen. Der rechtsradikale Schwätzer, der gerade ein Kopftuchmädchen und dessen mögliche Kinder verdammt, geht im selben Moment in eine Konsumkathedrale oder einen Alkoholtempel. Jeder hat seine Traditionen, die sich unterscheiden mögen, nur von Seiten ihrer Gründe nicht.

Das Problem des Migranten ist gerade nicht, dass er einen Migrationshintergrund hat, sondern dass er sich mit seinem Gesicht in einem neuen, gegenwärtigen, für ihn unbekannten Hintergrund befindet und alle Widersprüche und Reibungen aushalten muss, die sich daraus ergeben. Deshalb hält er sich an seinen Traditionen, an einer schnell und neu zusammengezimmerten Community fest, solange es geht. Wehe, wenn die Liebe oder der Hass dazwischenfunken! Dann stürzt das Baugerüst ganz ohne Wind ein. Baugerüste sind also nicht Kontinua unseres Lebens, sondern helfen, wo es uns zu schwer erscheint. Daraus folgt, dass es zwischen dem Migranten und dem Sesshaften alle möglichen Differenzen gibt: nur von Seiten ihrer Gründe nicht. Dass wir alle gleich sind, das Postulat aller Religionen und Philosophien, ist also kein Ideal und kein leerer Wahn, sondern einfache und gut belegte Tatsache.

Das Gesicht ist aber nicht nur die Schnittstelle (interface) zwischen uns und unserer Herkunft und unserer Zukunft, sondern auch der einzig wirkliche Fixpunkt unseres Lebens. Obwohl sich das Gesicht von außen betrachtet – also für unsere Mitmenschen und anderen Mitwesen – verändert, bleibt es für uns im Innern immer gleich. Der Greis kann sich fast lückenlos in seine Kindheit versetzen, obwohl die äußere Gestalt maximal variiert. Die Seele, falls wir eine haben, findet ihren Frieden im Gesicht, falls wir eins haben. Was wir auch sehen, die Sixtinische Kapelle oder die Slums von Lagos, spielende Delphine oder geschredderte Küken, in welchen Gegenden wir agieren oder agitieren oder reagieren, wir bleiben von innen der Mensch, der wir glauben zu sein, auch wenn wir nicht glauben, dass wir irgendetwas glauben.

Wir torkeln blind durch das Stück Geschichte, das uns zugeteilt ist, denn jegliches, sagt Salomo, hat seine Zeit. Wie Kleinkinder sehnen wir uns nach dem Gängelwagen, der in Kants berühmtestem Absatz vorkommt und sogar der Königsberger Wirklichkeit abgelauscht gewesen sein mag. Das Kind strebt in die Weite und schleppt seine Unfreiheit mit sich. Wer einen Weg sucht, wundert sich, dass es eine Einbahnstraße oder gar eine Sackgasse ist, eine Baustelle oder ein Abhang, wenn nicht gar ein mainstream, vor dem uns unsere Großmutter warnte, obwohl sie ihm selbst entstiegen war. Wie ein doppelseitiges Geländer wollen uns Traditionen und Ideologien führen. Charisma ist genauso verführerisch wie ein Aphrodisiakum oder eine Trance. Wer Halt sucht, ist genauso verloren wie der Haltlose. Eigentlich ist das ganze Leben ein Dilemma: man kommt nicht vorwärts, kann aber auch nicht stehenbleiben.

Dabei gibt die Suche nach Identität einem natürlichen Sicherungsbedürfnis Gestalt. Sind wir, fragen wir uns, wirklich nur ein Abbild Gottes, geformt aus Ton, bei Shakespeare gar nur aus einer Brotkrume, verdammt dazu, auf ewig Regeln und Strafen auszuhalten? Der Verstand mag nicht das Werkzeug sein, uns glücklich zu machen, aber er weigert sich auch, uns im Gefängnis zu belassen. Bei Seneca gibt es einen Sklaven, der in der Gladiatorenarena geopfert werden sollte, der aber stattdessen sich die Abortstange in den Rachen rammte, um selbstbestimmt und in Würde sterben zu können. Das ist eine seltsame Vorstellung, die Stange, mit der in der Antike die Fäkalien beiseitegeschoben wurden, als Symbol der Würde des Menschen, die uns ein hohes Gut geworden ist.

Leider ist die Würde des Menschen, obwohl für unantastbar erklärt, nicht das höchste Gut. Wir verharren allzu gern in der Einteilung von Qualitäten und Quantitäten. Jeder glaubt sich der oder die richtige, wenigstens zur richtigen Gruppe, Familie, Nation oder Religion gehörend. Beinahe der schlimmste Kollateralschaden daran ist, dass die zu minderwertigen erklärten sich selbst auch für minderwertig halten. Die Wertordnung gilt in ihrer Zeit für alle. Der einzige Trost, dass sie von einer anderen Wertordnung abgelöst wird, ist für die rezenten Menschen kein Trost. In ihrer Lebenszeit ändert sich nichts. Sie gehen unter und ihre Würde mit ihnen.

Von Henry Ford, der leider ein Antisemit, also auch ein aggressiver Menschensortierer, aber gleichzeitig auch ein Großinnovator war, stammt der schöne Satz, dass Geschichte Quatsch sei. Hätte man also ein Automobil konstruieren können, das auf alle Lehren aus der Geschichte Rücksicht nimmt, das alle Pferde rettet? Hätte man ein Automobil konstruieren können, das die energetisch-fossile Katastrophe vorwegnimmt oder gar verhindert? Hätte man ein Automobil konstruieren können, das eine Freiheit nicht nur vortäuscht, sondern auch tatsächlich gewährt, oder diese Freiheit eben nicht vortäuscht, sondern das sein eigenes Dilemma aufzeigt: je größer das Automobil, desto größer die Unfreiheit? Es zeigt sich, während man das alles überlegt, dass das Automobil überschätzt wurde. Es ist nur ein pferdetötendes Vehikel. Aber waren die Millionen Pferde vor dem Automobil glücklich? Wir sind nicht die ersten, die über die Würde der Tiere nachdenken. Für viele Tiere wird es zu spät sein. Der Tag ist nicht mehr fern, an dem wir an unserer Häuser schreiben:

BEES AND REFUGEES WELCOME.

Denn Menschen gehören nicht in Schubladen, sondern in die Herzen und Häuser ihrer Mitmenschen. Gift gehört nicht auf den Acker oder in den Garten. Das Mittelmeer ist nicht zum Ertrinken da. Ein Kopftuch ist eine Kopfbedeckung, das gilt für Befürworter und Gegner gleichermaßen. Warum halten wir uns nicht an solche klaren Aussagen für unsere Gegenwart und suchen stattdessen unser Heil in Gruppen, Traditionen oder Ideologien?       

Noch merkwürdiger ist, wer die vermeintliche Identität anderer denunzieren will. Der greift nicht selten zum Paradox: viele rechte Schreiber wollen uns einreden, dass wir eigentlich alle Nazis sind, die schleichende Diktatur und Meinungsunfreiheit hindert uns nur daran. Das würde bedeuten, dass die Nazis als Gegner eigentlich Nazis bekämpfen. Wir müssen, um das Problem zu lösen, zu Hilfsmitteln greifen, zum Beispiel zu Wahlen. Wahlen spiegeln die Wirklichkeit genauso wenig exakt wie ein Spiegel wider, sie sind, wie der Spiegel, ein Hilfsmittel, um den bloßen Kinderglauben, dass alle so sind wie man selber zu sein glaubt, zu widerlegen. Aber indem wir diesen infantilen Unsinn als Kinderglaube bezeichnen, tun wir den Kindern unrecht, denn sie haben weniger Vorurteile, weniger Zwang und weniger Gewalt zur Verfügung als die Erwachsenen. Ein weiterer Missbrauch der ohnehin überflüssigen Identitätssuche ist die Benutzung von Tieren, zum Beispiel Wölfen, Schweinen, Hunden oder Bären als Pejorative. Die Sprache und die Gesellschaft verrohen auch, weil wir ständig etwas diskriminieren, diskreditieren und beschimpfen müssen. Wie das Automobil die unglücklichen Pferde tötete, so liquidiert das Internet die Würde von Mensch und Tier einfach durch die stündliche und millionenfache Wiederholung pejorativer Kommentare. Alles wird unflätig durch Inflation. Alles wird besser durch Enthaltsamkeit. Alles wird schlechter durch regeln, alles wird besser durch lernen, beides sind keine Substanzen aus dem Supermarkt, sondern Prozesse, Gedanken, Gefühle, Freude und Leid aus dem menschlichen Leben.

Wir torkeln also nicht durch die Geschichte, sondern nur durch unsere Geschichte. Wir torkeln durch die Welt auf der Suche nicht nur nach der verlorenen Zeit, sondern nach uns selbst. Überall sehen wir Ebenbilder. Überall wünschen wir Ebenbilder. Deshalb halten wir uns selbst auch für ein Ebenbild. Es gibt Gemeinschaften, aber es gibt keine Identitäten. Niemand ist auch nur mit sich selbst identisch. Deshalb sollten wir uns so schnell und so intensiv wie möglich angewöhnen, in jedem Gegenüber den Bruder und die Schwester zu sehen. So gesehen sind wir alle Dioskuren.  

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347 und 348 vom Mai 2019

EINBAHNSTRASSE

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Wer in der DDR zur Schule ging und gar studierte, dem blieb keine Wahl als zu glauben, was man ihn lehrte, dass nämlich der Gedanke das Abbild der Realität sei. Auf die Idee, dass die Realität auch ein Abbild der Gedanken sei, durfte man, zumindest in Prüfungen, nicht kommen. Behauptete gar ein pickliger Pfarrerssohn AM ANFANG WAR DAS WORT so wurde er zum Gespött seiner Mitschüler. Wer heimlich Nietzsche las, wusste, dass die meisten Menschen nicht wussten, dass sie nicht tun, sondern getan werden[1]. Nietzsche schreibt in der MORGENRÖTE, dass es der grammatikalische Grundschnitzer der Menschen sei, aktiv und passiv zu verwechseln. Diese Erkenntnis ist hochaktuell: Viele von uns glauben, wenn sie eine Parteilosung in die Kommentare schreiben, dass das ihre Erkenntnis oder ihre Meinung sei. Selbstverständlich hatten die meisten Menschen auch zu Nietzsches Zeit keine eigene Meinung, aber sie konnten sich auch nicht und nirgends artikulieren. Hinzu kommt die Demokratie, die im neunzehnten Jahrhundert wohl eher ein Ideal war, die es jedem ermöglicht, alles zu sagen. Diejenigen mit den unsagbarsten Aussagen berufen sich am lautesten auf diese garantierte Freiheit des Wortes. Das Ergebnis ist nicht nur keine Zurückhaltung, sondern der Aberglaube, ein aktiver Mensch mit eigener Meinung zu sein.

So findet sich am Tag bestimmt hunderte Male die alte NPD- und neue AfD-Aussage, dass wir, gemeint ist Deutschland, nicht das Sozialamt Europas oder der Welt seien. Die das schreiben, glauben felsenfest, dass sie selber darauf gekommen sind und dass es unumstößlich wahr sei, denn sie wissen, dass ihr Sozialamt begrenzte Kassen hat.

Diese hohle Phrase zeigt eine weitere Verwechslung an, nämlich die von der Interpretation und Fakt. Das Wort Fakt kommt aus dem lateinischen ‚facere‘ = machen. Ein Fakt ist das Gemachte, ob nun von Gott, der Natur oder von uns Menschen. Die meisten Fakten kennen wir aber nur durch deren Interpretationen im Elternhaus, in Schulen und Universitäten. Zurzeit am meisten gescholten sind die Interpretationen in den Medien, deren Übermächtigkeit man beklagen, deren Wahrhaftigkeit man aber nicht ohne weiteres in Zweifel ziehen kann.

Wir leben in einem Wald von Interpretationen, der uns hindert, die Bäume zu sehen, ganz zu schweigen von der Welt. Mit dem Beginn der Industrialisierung zerriss unsere Nabelschnur zur Natur. Masaccio[2] war der erste, der eine dreidimensionale Welt so reproduzierte, dass man sie für die Wirklichkeit halten konnte. Aber auch schon die Pyramiden erschienen ihren Zeitgenossen und den heutigen Touristen nicht als Gedankenkonstrukte, sondern als Wirklichkeiten. Die Welt, die uns umstellt, besteht aus Kunst und Technik. Hinter wessen Haus Kiefern rauschen, ist sich oft nicht bewusst, dass 95% unseres Waldes Forst ist, also Kulturlandschaft. War Claire Zachanassian[3] noch ein satirisch überhöhtes  Kunstprodukt, so laufen durch die nördlich-westliche Welt heute viele von der Medizin und Medizintechnik am Laufen gehaltene Menschen.

Daraus folgt, dass angesichts der Technisierung und Poetisierung der Welt die Bedeutung von Bildung und Glaubwürdigkeit noch wächst. So wie mit dem Zuwachs an Computern keineswegs der Papierbedarf sank, so wird auch die Bedeutung der Lehrer mit der Inflation an Fakten und Interpretationen steigen. Es ist ein großer Erfolg des Fortschritts und der Demokratie, dass jetzt 90% aller Menschen lesen und schreiben können. Aber die neue Herausforderung an alle Bildungseinrichtungen, an alle Religionen und Philosophien, an alle Eltern und Großeltern wird es sein, die Glaubwürdigkeit und Wahrhaftigkeit zu entwickeln und zu stärken.

In einer von Algorithmen beherrschten Welt wird Vertrauen zur wichtigsten Lebenskraft.   


[1] NIETZSCHE, 1844-1900, Morgenröte, 120

[2] MASACCIO, Maler der Frührenaissance, 1401-1428

[3] DÜRRENMATT, Besuch der alten Dame

VERSCHLEISS DER DINGE UND GEDANKEN

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[2017]

Beziehungen erkalten, Telefone und Regierungen veralten. Aber was ist mit den linken und rechten schönen und alten Sätzen, die aus dem Protest gegen den jeweiligen Zeitgeist kreiert wurden und immer richtig waren? Ist das Medium nicht mehr die Botschaft? Stimmt der Satz, mit all den neuen Medien, nicht mehr denn je? Und gibt es plötzlich ein richtiges Leben im falschen? Braucht Zukunft keine Herkunft mehr? Das sind alles Sprüche, die zurückweisen, einmal zeitlich in die Vergangenheit zurückweisen zum anderen aber, und das ist bei den beiden linken Sprüchen mehr als verwunderlich, Menschen zurückweisen.

Wenn wir den neuen Medien unterstellen, dass sie selbst die Botschaft wären und keine Botschaften beförderten, unterstellen wir gleichzeitig ihren Benutzern, dass sie gar keine Botschaften hätten. Aber was soll daran neu sein? Man kann mit Rauchzeichen nichts sagen und mit dem Smartphone. Man kann mit einem Pistolenschuss ein ganzes Jahrhundert verheeren, während es Bürgerkriege gibt, die völlig ergebnis- und ereignislos fünfzig Jahre vor sich hin dämmern. Leider ist es uns mit der Demokratie auch so ergangen. Wir haben sie jahre- und jahrzehntelang als Ende der Geschichte (Hegel, Fukuyama) gefeiert und als alternativlos dargestellt, bis sie wahrscheinlich jenen Menschen überdrüssig wurde, die in ihr so gut wie nicht mehr vorkamen. Überall ist, ebenfalls seit Jahrzehnten, die traditionelle Trennung zwischen rechts und links aufgehoben, versandet, in der Mitte zusammengeflossen. Alle Parteien bezeichnen sich als große Volksparteien. In Deutschland sind die Grünen die einzige Parteigründung gewesen, die einen neuen, nicht am Rechtslinks-Schema orientierten Identitätsaspekt in die Politik eingebracht haben, auch neue Formen der politischen Auseinandersetzung, aber dann sind sie auf einem Gebiet in das Muster der anderen Parteien gefallen, das vermeidbar gewesen wäre: sie sind inzwischen auch eine gutbürgerliche Partei, die von Greisen geführt wird.  Greise merken nicht, dass sie alt werden und alt sind. Da man sich nur von innen sieht, kann man seine Wirkung auf andere schlecht abschätzen. Auch Selfies scheinen da nicht zu helfen. Es ist auch kein Trost, dass die ehemalige Arbeiterpartei allen Ernstes einen Hoffnungsträger präsentiert, der noch zwei Jahre bis zur Rente seine Hoffnungen verbreiten kann. Auch die eiserne und ewige Kanzlerin hat die Grenze zur Rente bereits überschritten. Bei der Linken weiß man gar nicht, wer der große Vorsitzende ist, es reden nach wie vor nur Gysi und Lafontaine, allenfalls noch dessen verwirrte Gattin. Nur die FDP hat einen jüngeren Vorsitzenden, aber dafür ist er doppelt so wirkungslos.

Die Demokratie ist zu kompliziert, um als alternativlose ewige Wahrheit durchzugehen. Das gilt selbst dann, wenn die Ergebnisse eineindeutig sind: in Deutschland lebende türkische Staatsbürger bevorzugen nach wie vor ein autoritäres System, das wirtschaftlich am Boden liegt, vor einer wirtschaftlich vorzüglich und mit großem Gewinn funktionierenden Demokratie, in der sie sich nicht erkennen. Offensichtlich führen die neuen Medien, Internet mit Smartphone gekoppelt, zu einer neuen Spiegel- oder Resonanzwahrnehmung ihrer Benutzer. Plötzlich erkennt der absurdeste Gedanke, dass er nicht allein ist. Es ist inzwischen absolut üblich geworden, selbst evidenten Fakten zu widerstehen. Trump ist da nur ein prominentes Beispiel. Er hat, nicht nur in Amerika, viele follower.

Auf all das weiß die Demokratie nicht nur keine Antwort, sie hat noch nicht einmal bemerkt, dass da eine Frage ist. Sie macht einfach weiter so wie bisher. Macht macht krank, auch einer von diesen Sprüchen, aber sie macht scheinbar auch blind, besoffen, niederträchtig und handlungsunfähig. Nach wie vor gibt es Botschaften, wenn auch wenige, so wie Visionen, die natürlicherweise proportional zu den gelösten Problemen abnehmen. Es gibt aber wesentlich mehr Medien, die auch Risiken und Nebenwirkungen haben, und zwar nicht nur für die abfällig user genannten Mitbürger, sondern scheinbar auch für die Medien, die Politik, den Konsum, die Produktion, die Wirtschaft insgesamt, die Beziehungen der Staaten untereinander, für Krieg und Frieden. Es ist nichts anderes als das schon oft besprochene WARUM-Mirakel.

Noch falscher, und zwar schon immer, ist der Satz, dass es angeblich kein richtiges Leben im falschen gäbe. Es gibt kein richtiges Leben. Es gibt kein falsches Leben. Es gibt keine richtigen Menschen. Es gibt keine falschen Menschen. Scheinbar sind auch im Exil lebende und schreibende Großphilosophen nicht vor solchen Fundamentalfehlern gefeit. Um es ganz krass zu sagen: Wenn ich gedanklich zulasse, Nationalsozialisten als  falsche Menschen zu definieren, dann gebe ich denselben Nationalsozialisten recht, die Juden oder die Kommunisten als die möglichen falschen Menschen erkannt zu haben. Das gleiche, möchte man fast Lessing zitierend weitersagen, gilt für die Kommunisten oder Demokraten. Mit dem Wort Abschaum ist es noch leichter. Wer andere Menschen als Abschaum bezeichnet, gibt denen recht, die ihn Abschaum nennen. Jeder, der latte macchiato trinkt, weiß wie dumm dieses Bild obendrein ist.

Herschel Grünspan ist nach wie vor ein wunderbares und gleichzeitig ganz falsches Beispiel für das Falsche, das richtig sein kann, und das Richtige, das falsch sein kann. Gewalt ist immer falsch, und wenn er den Botschaftsrat tatsächlich aus einer sexuellen Begegnung kannte, ist sie, falls das steigerungsfähig ist, noch falscher. Wenn man aber andererseits bedenkt, dass er in den Zeitungen las, dass er selbst und seine Familie plötzlich staatenlos, rechtlos, von einer Partei zudem heimatlos gemacht worden waren, die ständig von Heimat und Vaterland schwafelte und sich im selben Atemzug anschickte, genau das alles nicht etwa nur für die Juden oder die deutschen, sondern für alle Europäer kaputt zu schlagen, so wie es in ihren grausigen Liedern auch hieß. Man kann sich eben nicht bedenkenlos dort niederlassen, wo gesungen wird. Auch böse Menschen haben Lieder. Also hat ein siebzehnjähriger trauriger Junge etwas getan, das bei anderen als große Widerstandstat gefeiert wird. Auf jeden Fall hat er etwas getan, was weit über die übliche moralische Entrüstung hinausgeht, die derselbe Marshall McLuhan, von dem die dem Medium innewohnende Botschaft stammt, als die Würde der Idioten bezeichnet hat. Diese Empörung, gerne auch mit der Forderung nach Petitionen gegen Tierquälerei im Süden Marokkos, ist ein neuer Zeitvertreib geworden. Der Glaube kompetent zu sein verstärkt sich durch das mediale Echo, das fast immer nur ein Spiegel des eigenen Gestammels ist, und die Empörung hält sich für eine Heldentat. Die Zukunft braucht kompetente Menschen, die etwas ganz einfaches von Herzen gern tun, und nicht Spekulationen darüber, ob ihr Leben falsch sei, ob sie falsch seien, ob ihre Medien Botschaften haben oder sind und was ihre Eltern oder Großeltern waren.

CHAPLINs GEBURTSTAG

1

[Über Frédéric Beigbeders Buch ‚Oona & Salinger‘ und andere Medien]

Wenn man sich die kleine Oona mit ihren drei möglichen Namen vorstellt – O’Neill Salinger Chaplin -, dann gehört sie in die Reihe der großen Witwen: Alma Schindler Mahler Kokoschka Gropius Werfel, bekanntlich wollte Thomas Mann dann nicht mehr am Grabe der Männer von Alma reden. Aber Oona O’Neill, die Tochter des damals berühmtesten amerikanischen Schriftstellers Eugene O’Neill (Long day’s journey into night), ist viel mehr als das: ein Schnittpunkt der medialen Welten. Zunächst sah sie aus und benahm sich wie eine normale Multimillionärstochter. Sie betrank sich unter der Aufsicht livrierter Oberkellner und im Verein mit ihresgleichen im teuersten Club von New York. Aber da waren auch Truman Capote, Orson Welles und Salinger, die zur kulturellen Halbkugel der Eliten gehörten. War Salinger dort als zukünftiger koscherer Wurstfabrikant oder als späterer berühmtester amerikanischer Schriftsteller? Die amerikanischen Eliten, liest man auf vergnüglich-französische Weise, lebten enger als eng zusammen, das ist insofern bedenklich, weil Amerika viel  größer ist, aber viel weniger Einwohner hat als Europa. Trotzdem wechselte gerade in der Zeit, um die es hier geht, der Schwerpunkt von der Ostküste an die Westküste, wo sich bis heute das mediale und monetäre Zentrum der Welt befindet.

Die kleine Oona verliebt sich, während Capote fortwährend die Kellner anhimmelt, in den schlaksigen Wurstfabrikantensohn mit seinen drei Kurzgeschichten. Sie ist erst sechzehn Jahre alt und erst an ihrem achtzehnten Geburtstag wird sie in die Weltgeschichte der Medien eintreten. Sie lieben sich und sie lieben sich nicht. Vielleicht ist Holden Caulfields kleine Schwester in Wirklichkeit Oona? Beigbeder schildert dieses eine Jahr, als wäre er als Paparazzo dabei gewesen. Er beschreibt die ständig feuchte Unterhose von Salinger genauso realistisch wie die Angstkeuschheit der doppelt kleinen Oona. Lebenslang sind sie aufeinander festgelegt gewesen, haben sich über den Ozean geliebt, nach Chaplins Tod noch einmal getroffen. Salinger hat als fünfzigjähriger Mann in dritter Ehe eine achtzehnjährige Krankenschwester (praktisch!) namens O’Neill geheiratet und damit Oonas Biografie nachgespielt. Oona dagegen kannte jedes Detail aus Salingers schmalem Werk. Soweit die Biografie.

Begbeider, der letzte (oder der erste?) Bohémien Europas, scheint den apodiktisch-trotzigen Stil von Salinger zu imitieren, wechselt im zweiten Teil aber auch in Hemingways souveräne Art und hat in seinen Kriegsschilderungen, die zum besten gehören, was zu diesem Thema geschrieben wurde, einen Satz-für-Satz-schnellst-cut-Modus gefunden, der atemberaubend und absolutisch realistisch wirkend Chaplins Schnitttechnik in den Stummfilmen imitiert. Tatsächlich aber ist mit der merkwürdig direkten Autorsprache ein neuer Montmartrestil gefunden, der sowohl das Buch als auch seinen Inhalt ungeheuer intensiv im Leser zu verankern vermag. Hätten die Amerikaner, schreibt Beigbeder auf Seite 235, 1944 schon über die Atombombe verfügt, so hätten sie Berlin zerstört und den Krieg damit früher beendet. Das ist einer der härtesten Sätze, die über diesen letzten aller Kriege je geschrieben wurden, und der die immanente Sinnlosigkeit des Krieges für alle Zeiten beschreibt. Die Schlacht im Hürtgenwald bei Aachen, weder von den Franzosen noch von uns, und schon gar nicht von den Russen überhaupt zur Kenntnis genommen, hätte die Amerikaner so frustriert, dass sie zu jeder Rache fähig gewesen wären, wenn sie zu ihr schon fähig gewesen wären. Es gibt, so steht es zwischen den Zeilen von Hemingway, Salinger und Beigbeder, keinen guten Krieg und keine gute Seite. Die Guten werden böse, wenn sie mit Waffen auf andere losgehen.

Salinger ging in den Krieg vielleicht aus dem Gefühl seiner verschmähten Liebe oder aus einem etwas übertriebenen Patriotismus heraus. Er hatte das Gefühl, dass er etwas für Amerika oder die Menschheit tun müsse. Zum Glück für die Menschheit beließ er es nicht bei diesem Beitrag als Kompaniechef, der die Gliedmaßen seiner toten Soldaten aufsammelte, und als Geheimdienstoffizier, der auch später noch, lange vor dem Internet, jede Adresse ausfindig machen konnte, sondern er schrieb einen Roman, der hundertundfünfzig millionenmal  verkauft wurde und den wir alle für den besten Coming-of-age-Roman nach Werthers Leiden hielten, bis wir lasen, dass Hemingway als einziger verstand, worum es ging: der Einzelgänger im Massenschlachten, in Massenmedien, im Massenkonsum, das Individuum neu vermessen und kalibriert.

Oona O’Neill hatte unterdessen an ihrem achtzehnten Geburtstag als dessen vierte Frau den sechsundfünfzigjährigen Chaplin geheiratet, der am Ende seiner Karriere und seiner politischen Tragfähigkeit angelangt war. Selbst sein britischer Akzent und sein Migrantenstatus wurden ihm plötzlich angelastet. Er hat sich nicht nur mit Oona (Sie hält mich jung. Er macht mich reif.) und ihren gemeinsamen acht Kindern wunderbar getröstet, er ist auch geadelt worden, von einer Million Menschen in Großbritannien empfangen worden und hat seiner kleinen Großfamilie ein riesiges Palais an der Nordseite des Genfer Sees spendiert. Oona fuhr von nun an barfuß im Rolls Royce. Viele schreiben und er war selber auch der Meinung, dass er das Ende der Stummfilmära ist, dass seine Tonfilme ihn zu einem normalen Schauspieler gemacht haben, dass sie normale, also vergängliche Filme waren, wenn auch im ‚König von New York‘ Isaac Stern Geige und Louis Armstrong Trompete spielen.

Vielmehr haben Chaplin und Salinger etwas gemeinsam: Sie beschrieben die Inszenierung des Menschen in einer Welt, die immer voller wird: voller Menschen, voller Dinge, voller Geld und sogar auch voller Ideen. Der Film war gemeinsam mit der Schallplatte und dem Radio eines der ersten Medien, die große Menschenmassen erreichten. Immer wieder inszeniert Chaplin seinesgleichen aus der Anfangszeit. Wenn er auch  Künstlerkind war, so waren seine Eltern doch mental, medial und monetär ganz, ganz unten. Es reichte nicht zum Überleben. Vor allem hätte dieses Leben, das seine Eltern führten, nicht zum Überdauern gereicht. Chaplin inszenierte und installierte einen Typus, den viele für real hielten, besonders als er sich in The Kid auch noch reproduzierte.

Die dritte Kreation von Chaplin aber war Hitler. Hitler hielt den Bart und die Art für echt, erkannte nicht, dass Chaplins Narrativ dessen Broterwerb war. Er glaubte und hoffte, dass man so sein müsse, um anzukommen. Also ging er so los wie Chaplin als Tramp in seinen Filmen. Chaplin war Multimedia-Künstler so wie Hitler eine Mehrfachnull war. Er imitierte mit großem Erfolg eine Inszenierung, die selbst schon ein übergroßer Erfolg gewesen war. Nullen aber, selbst wenn sie sich mit sich selbst multiplizieren, mutieren nie zur Eins. Merkwürdig ist nur, dass es damals nicht bemerkt wurde. Auch später dachten alle, dass Chaplin Hitler parodierte. Sein jüdischer Friseur aus dem ersten Krieg wurde nicht verstanden. Seine überlange und hochmoralische Rede feiert übrigens gerade bei Facebook und in anderen Medien ein Comeback nach dem anderen. Das alles zeigt uns, dass die Botschaft ein Medium braucht, dass das Medium immer totaler, ganzheitlicher wird, aber doch trotzdem immer Medium bleibt.

Hitler ist vielleicht der brutalste Ausdruck des merkwürdigen Festhaltens an alten Formen, des Unverstands der alten Männer gegenüber dem Neuen, den Söhnen. Genau das hat übrigens auch Freud beschrieben! Hitler hat zuerst seinen alten Vater imitiert, sodann den genau mit ihm gleichaltrigen Chaplin, dessen Narrativ ihm allerdings ebenfalls traditionalistisch erschien, denn wie jeder Narr blieben sich Chaplins Tramp und Hitler immer gleich, keine Entwicklung konnte sie trüben oder vorwärts bringen. Hitlers Programm war tatsächlich närrisch: er wollte eine ahistorische Welt erzwingen.

Der eine starb in den selbst produzierten Trümmern seiner alten Welt, die er vielleicht retten wollte, aber zertrümmerte, der andere ist der Clown der Medienwelt, der sie selbst schuf. Seine Botschaft aber überlebt alle Medien. Sieh den Jungen dort in der U-Bahn in New York oder Berlin, er sieht, hört, fühlt und schmeckt die Rede des großen Diktators, der ein kleiner geadelter Gutmensch ist, über den Sieg der Menschlichkeit… 

2

[Wittgenstein in Linz]

Man muss gar nicht den vielleicht veralteten, auf jeden Fall aber überstrapazierten Fortschrittsgedanken bemühen, um den Vergleich der beiden im gleichen Monat und im gleichen Jahr geborenen Persönlichkeiten zugunsten Chaplins zu entscheiden. Es reicht die reine Quantität. Dabei muss man nicht fragen, wieviele Menschen kennen Hitler, wieviele kennen Chaplin, sondern, und eineindeutiger geht es dann nicht, wieviele leben mit den Folgen der beiden. Die Antwort ist: Eurozentrismus. Nur weil wir ständig über Hitler reden, wird er nicht bedeutend. Wir reden ständig über Hitler, weil wir das schlechte Gewissen unserer Vorfahren bedienen und weil wir in Deutschland und in Europa Folgen und Gedenksteine sehen können.

Trotzdem bleibt Hitler ein ideologisches und ein faktologisches Konglomerat. Seine Ideologie setzte sich aus bekannten rechtskonservativen, radikalen, rassistischen und sozialdarwinistischen Elementen zusammen, von denen er keines gefunden oder erfunden hatte. Im Gegenteil: er bezog alle diese Elemente aus schon aufbereiteten Broschüren. Vielleicht hat er gar kein Buch gelesen, geschrieben hat er jedenfalls keines.

Die Welt besteht aber nicht nur aus Europa. Die Weltbevölkerung hat sich seit Hitler nicht nur zweimal verdoppelt, sondern auch ihr Schwergewicht verlagert. Die Teile der Weltbevölkerung, die unseren Vorfahren marginal erschienen sein mögen, sind jetzt ihr Kern und ihr Hauptgewicht: China, Indien, Afrika, jedes mit 1,3 Milliarden Einwohnern. Es ist bei so großen Prozessen unsinnig, nach der Schuld zu fragen, aber so viel ist sicher: die grünlinksversifften Demonstranten waren es nicht. Selbst die Kommunisten waren Nationalisten. Man kann die Zukunft nicht voraussagen, aber nach heutiger Lage sieht es so aus, dass es keine dominierende Weltreligion geben wird, auch wenn alle diese Gruppen nach wie vor davon träumen. Auch eine einheitliche Regierungsform scheint es in absehbarer Zeit nicht zu geben, wenngleich viel für die Demokratie spricht. Alle rückwärtsgewandten Autokratisierungsversuche sind von beiden Seiten aus verständlich: viele Menschen sehnen sich nach einem Führer, der alles weiß und alles kann, und viele Politiker dichten sich selbst Omnipotenz an.  Wenn die Welt aber immer komplexer und immer schneller wird, nimmt die Wahrscheinlichkeit ab, dass es einfache, oft gestrige Antworten auf die vielen neuen Frage gibt. Die Neigung der neuen Probleme, in Dilemmata zu münden, hat wohl eher zugenommen.

Die Politik hat die repräsentativen Aufgaben von der Monarchie und von der Religion übernommen. Nach wie vor ahmen aber auch Religionsführer Politiker nach: wenn der Papst nach Berlin kommt, wird er von vier Kampfjets begleitet, seine Wachen ballern mit Heckler & Koch-Geräten. Jesus ritt bekanntlich auf einem Esel in Jerusalem ein und verbot seinen Jüngern mit sprichwörtlich gewordenen, heute noch gültigen Sentenzen die Benutzung von Waffen. Was uns fehlt, wenn uns etwas fehlt, sind nicht Waffen, sondern Visionen.

Nur aus der übergroßen Beachtung für die Politiker wächst ihre übergroße Verachtung. Ein großer Politiker, zum Beispiel Scipio Africanus, ist auch früher schon verehrt worden. Aber heute wird aus der sporadischen Erhöhung, zum Beispiel dem frenetischen Jubel zur Begrüßung des heimkehrenden Mannes, ein tausend Mal am Tag und millionen Mal im Jahr wiederholter floskel- und gebetsmühlenartiger Jubel. Die scheinbare Allmacht eines heutigen Politikers ist identisch mit seiner Allgegenwart. Selbst ein Helmut Kohl, von dem alle, die ihn erlebt haben, wissen, dass er ein visionsloser, rückwärtsgewandter Pragmatiker und Machtmensch war, wird heute, nachdem er tot ist, in den Rang eines großen Deutschen und großen Europäers gehievt. Seine Witwe wird sogar versuchen, ihn in die Klasse von Bismarck, Brandt und Scipio Africanus zu befördern. Daran hängt auch viel Geld.

Diese mediale Verstärkung aller Prozesse verdanken wir einerseits der Erfindung der Medien selbst. Samuel Morse, der den Telegraphen erfand, nicht das erste, aber das erste wirklich wirksame Mittel, Gedanken zu dislozieren, war im Hauptberuf Maler religiös-moralischer Bilder und lieferte zu seiner legendären Erfindung den Zweifel gleich mit: Warum, so fragte er, müssen die Menschen in Baltimore sofort wissen, was in Washington passiert? Vom Telegraphen zum Smartphone ist es ein Siebenmeilenschritt. Und heute fragen manche, und das war der Inhalt des ersten Telegramms, WAS HAT GOTT GETAN? [Numeri 23,23]. Die Medien benötigen, auch wenn das der große Medienguru Marshall McLuhan bestritt, eine Botschaft, weil nämlich wir Menschen eine Botschaft brauchen. Parallel zur Entwicklung der heute allgegenwärtigen Medien hat sich also eine Mediensprache entwickelt. Ganz am Anfang steht Chaplin. Er kreierte den Typen, der fortan die Welt bestimmen sollte, der gute, aber nicht sehr individuelle Mensch, der vom Pech verfolgt ist, aber das Glück sucht und bringt. Das sind wir. Der Trost, den wir früher aus der Religion ziehen konnten, kommt heute aus der medial verbreiteten Kunst. Die Kunst, sagte man früher, ahmt das Leben nach, das Leben ahmt heute im gleichen Maße auch die Kunst nach. Viel mehr Menschen schreiben, dank der Medien und überhaupt der Technik, die uns von groben Arbeiten befreit hat. Es entsteht dort ein übergroßer Widerspruch, wo die Erde mit dem Hakenpflug, die Kommunikation dagegen mit dem Smartphone bearbeitet wird.

Aber Hitler hatte nicht nur Chaplin als Vorbild. In seiner Realschule in Linz, die er bekanntlich nicht erfolgreich beendete, begegnete ihm der kleine Wittgenstein, ebenfalls wie Hitler und Chaplin im April 1889 geboren. Wenn er dessen Leben weiterverfolgt hat und wenn er damals gewusst hat, wer sein Schulkamerad ist, dann hat er ihn wohl lebenslang als Idol und Feindbild gehabt. Wittgenstein war hochbegabt, steinreich, hypermusikalisch und stockschwul, alles das, was Hitler sein wollte, aber nicht war oder nicht sein durfte. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich kannten, ist groß, denn Wittgenstein, der sonst wie seine Geschwister Privatlehrer hatte, fiel durch seine exklusiven Manieren und Kleidungsstücke auf. Hitler und Wittgenstein, gleichaltrig, aber in unterschiedlichen Klassen, konnten beide wunderbar pfeifen und interessierten sich für Opern. Die beiden polarisierten den Schulhof wie später die Welt.

Aber Hitler hat nichts geschaffen, keine Mediensprache, keine Philosophie, kein Flugzeugtriebwerk, kein Gedankengebäude, keine Musik, keinen Film. Er konnte nur Postkarten und antisemitische Vorurteile und Opernfragmente reproduzieren. Der zweite Weltkrieg wurde von Joachim von Stülpnagel geplant, die armen Menschen aus Osteuropa sind von Heinrich Himmler und unseren Vorfahren ermordet worden.         

TAUTOLOGISMUS

quasi modo geniti infantes rationabile sine dolo lac concupiscite*         1. petrusbrief 22

Die Rohstoffe früherer Zeiten waren namen- und sinngebend für ganze Epochen der Menschheit: Steinzeit, Bronzezeit, Eisenzeit, aber auch das Industriezeitalter mit seiner unseligen Triade Eisen, Kohle, Stahl, denn der Eiffelturm und das Kreuzbergdenkmal mögen uns rührend und anmutig vorkommen, sie sind aber auch harte Kennzeichen der gnadenlosen Ausbeutung der Natur, die wir jetzt distanziert Umwelt nennen. In diesem Industriezeitalter sind die großen Städte entstanden. Die größten Städte sind aber entstanden, als die Verteilung der Industrieproduktion schon längst abgeschlossen war und die Menschen in den weniger entwickelten Ländern trotzdem in die Städte drängten, weil sie dort auf das gleiche bessere Leben hofften wie die Menschen, die um 1800 nach Liverpool oder Wuppertal gingen. Statt des besseren Lebens ist ein Kult um den Müll entstanden. Der Wohlstand ruft, aber die Abfälle antworten. Kinder, jene reinen Wesen der Hoffnung und der Neugier, müssen gerade da zuhauf vegetieren, wo die Hoffnungslosigkeit herrscht. Zwar hungern jetzt weit weniger Menschen als 1950 oder 1900, aber je mehr wir von der Welt wissen, desto mehr erschreckt uns die althergebrachte Ungerechtigkeit. Unser Focus ist auf das Leid gerichtet. Das ist auf der einen Seite natürlich gut und stärkt unsere Empathie und zum Beispiel auch Spendenbereitschaft, auf der anderen Seite stärkt es aber auch den Abschottungsreflex, der aus der Angst entspringt, morgen wieder mit bloßen Händen dazustehen. Dabei sollten uns die Ruinen des Römischen Reiches daran erinnern, wie lange Reichtum vorhält, weit über den Untergang hinaus. Wer bereit ist, auch das immaterielle Erbe mitzuzählen, der wird im lateinischen Alphabet und in der lateinischen Sprache den Reichtum des Römischen Reiches sogar fortleben sehen. Wir müssen uns also keine Sorgen um uns machen. Wir werden schon nicht verschwinden.

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Da in der Stadt Politik und Kunst gemacht werden, aber auch fast alle Gegenstände, erscheint es dem Städter so, als ob die Stadt mit sich selbst leben könnte. Kein Städter glaubt, dass außerhalb der Stadtmauern etwas Wichtiges passiert. Er kennt die Natur vom Spaziergang und vom Urlaub, aber er hält sie nicht für notwendig. Die wichtigen Events finden in der Stadt statt. Unter einem Event versteht der Städter aber nicht, wenn in seiner Nachbarschaft ein Blogger ein neues Wort gefunden hat und in die Welt hinaus sendet, oder ein Physikprofessor einen neuen Botenstoff für das Smartphone gefunden zu haben glaubt. Der Physikprofessor ist für den Städter vielmehr jener Veganer, der in einen Gummimantel gehüllt auf einem zehntausend Euro teuren Fahrrad fährt und als einziger in der Straße eine durch drei Etagen gehende Achtraumwohnung hat, in der zwei Steinwayflügel stehen. Unter einem Event versteht der Städter vielmehr ein Vergnügen, das er sich selbst bereitet, indem er in große Stadien zu Ballspielen und Konzerten geht, indem er stundenlang nach Karten ansteht, um in Riesendiskotheken die Nähe zu suchen, die ihm zuhause fehlt. Selbst Fernsehsendungen hält er für ein tatsächliches Ereignis. Wir leben, es ist fast trivial zu sagen, zu mehr als der Hälfte in Filmen statt in der Realität. Zählt man zu den Filmen noch die Videosequenzen, so ist ihre fast totale Wirkung besonders auf die natives – die mit ihnen aufgewachsenen – nicht zu überschätzen. Die Stadt befasst sich also fast nur noch mit sich selbst. Sie ist ein tautologischer Ort, aber kein unbekannter. Ihre Entdeckung folgt den filmischen Spuren, die vorher schon gelegt waren. Schon vor Jahrzahnten gab es in abgelegenen afrikanischen Dörfern Fernseher, die mit Notstromaggregaten, wie wir sagen würden, betrieben wurden. Den Menschen damals in Afrika kam es aber so vor, als ob man elektrischen Strom nur dafür brauchen würde, alte amerikanische und europäische Serienfilme zu sehen. Bis heute gibt es keine nennenswerte, also identitätsstiftende afrikanische Filmproduktion. Millionen afrikanischer Jungs wollen Fußballer werden, wofür sie auch oft ungeheuer begabt sind. Nur muss man befürchten, dass sich der Bedarf in engen Grenzen hält. Wenn wir also nicht gewollt hätten, dass sich das, was und wie wir tun, verbreitet, hätten wir weder das Fernsehen noch das Smartphone erfinden und verkaufen dürfen. Ihre Relativierung, die bei uns – wenn auch mit mäßigem Erfolg – gelingt, setzt eine Bildung außerhalb tautologischer Kreise voraus. Die mediale Parallelwelt ist einerseits Finsternis gegenüber der wirklichen Welt, andererseits aber die Verwirklichung der romantischen Idee von der Poetisierung, der Durchdringung des ganzen Lebens durch Geschichten. Wir haben dabei einen Halbanalphabetismus hingenommen, indem wir die großen Geschichten lieber nachspielen statt zu lesen. Was dabei an Einbildungskraft verloren geht, wird durch die pure Masse vielleicht ersetzt. Noch deutlicher ist es in der Kunst, die noch elementarer wirkt als die großen und kleinen Narrative, die Musik. Man könnte unser Zeitalter mit Fug und Recht das musikalische nennen. Noch nie vorher ist Musik so alltäglich und allgegenwärtig gewesen, wie gerade jetzt. Fast könnte man sagen, dass die Musik in einem quasiosmotischen Prozess von der medialen  in die autochthone Welt überwechselt, ohne dass sie mechanischer Instrumente bedarf. Gleichzeitig gibt es aber eine erfreuliche Renaissance gerade dieser mechanischen Instrumente und die Allgegenwart der Musik besteht keineswegs nur aus Pop und Fahrstuhlmusik, sondern auch aus Bach und Beethoven und dem Silentnighttyp.

Die Menschen in den Millionenstädten nehmen also ihre Herkunft aus der Erde nicht mehr ernst. Sie halten sich für schaumgeboren. Da sie sich nur mit sich selbst beschäftigen, glauben sie, dass es auch nur sie selbst gibt. Um sie herum herrscht Menschenleere. Der Massencharakter ihrer Behausungen ist ihnen zwar klar, aber in der Menschenleere können sie nicht den Sinn des Ursprungs entdecken. Menschenleere ist ihnen Sinnleere. Kein Paradox ist ihnen nah. Zu dieser Entfremdung, schon aus Verehrung für die Familie Feuerbach verwenden wir gerne dieses Wort, hat sicher die Industrialisierung, also Entpersönlichung der Landwirtschaft beigetragen. Zudem ist die Erde, früher als Mutter bezeichnet, mit Chemie vollgepumpt worden, was ihre Fruchtbarkeit dankenswerterweise so erhöhte, dass der Hunger besiegt werden konnte. Gleichzeitig ging aber ihr unverwechselbar erscheinender Charakter als Mutter, als Ernährerin, als Allgebärerin verloren. Zudem sind die Rohstoffe, die unser Zeitalter bestimmen, unsichtbar. Während die Kohle in einem fast pathetisch zu nennenden Vorgang zutage gefördert wurde und sogar die Sprache bis heute beeinflusst, weiß niemand, woher die Seltenen Erden in seinem Telefon  oder woraus die Plastikteile unserer Legowelt stammen. Statt nach der reinen Milch der Vernunft sehnen wir uns nach der kommentierten und tausendfach reproduzierten Nachricht über das, was wir schon wissen.

*Wie die neugeborenen Kinder seid begierig nach der vernünftigen lauteren Milch.

POSTSCRIPTUM:    STADT LAND SCHLUSS

Auf dem Land beginnen hinter der Haustür die Ferien, wo der Städter Agenturen und Fluglinien zwischenschalten muss, mindestens aber eine U-Bahn. Der Städter glaubt sich in einem Versorgungscontainer, der ihn – außer dass er ihn zu versorgen hat – nicht weiter interessiert, aber der Landbewohner will auf nichts verzichten und nimmt deshalb Transportwege und Energieverschwendung in Kauf. Allerdings bleibt ihm immer noch mehr Zeit und Geld als dem Städter, da es auf seinen Wegen und in seinen Einkaufszentren keine Unterhaltung oder Ablenkung gibt.

Durch die Minimierung der Landwirtschaft auf der einen und Verlandschaftlichung der Städte auf der anderen Seite kam es zu einer ungeahnten Annäherung. Sie passierte so schnell, dass die Begriffe der Unterschiede, die es nicht mehr gibt, bestehen blieben. Die Urbanisierung hatte zwei große Schübe, und während der erste, der mit der Industrialisierung einherging, die Städte verstädterte, brach der zweite Schub ebendiese Verstädterung wieder auf. Gärten entstanden an den Rändern der Städte, die Gartenstadt wurde zum Ideal. Man wollte sie doppelt verwirklichen: in der Stadt und auf dem Land. Der Versuch, das Land mit einer ähnlichen Struktur wie die Stadt zu überziehen, ist allerdings gescheitert. Man kann in die Stadt zwar einen Garten zwängen, aber man kann den Garten, das Land, nicht auf den U-Bahn-Komfort zwingen. Der Vorteil des Landlebens bleibt ideal.

Stadt und Land haben sich so angenähert wie Mann und Frau (‚Bubikopf‘, ‚Erziehungsjahr‘, ‚Quote‘), Körper und Seele (‚psychosomatisch‘) Himmel und Erde (‚Fliegen‘, ‚Raketen‘), rechts und links (‚Lügenpresse‘). Mit dem Vorrücken der Demokratie verschwinden Hierarchie und Bipolarität. Diese Annäherung, die auch eine Auflösung altbekannter Sicherheiten darstellt, macht einer autoritätsgläubigen Menge von Menschen Angst und ermutigt eine liberale Elite. Immer wieder beschwören fundamentale Konservative die vermeintliche Ewigkeit von Fakt, Begriff und Ordnung. Aber die Welt zieht einfach weiter, die Felsen beben. Der Tsunami von Lissabon am 1. November 1755 musste, bevor er die Aufklärung brachte, erst die Gewissheit von katholischer Staatskirche hinwegfegen. Freiheit beruht auf Bewegung, die oft einem Tsunami gleicht.

Selbst Jugendliche, wenn sie autochthone Landbewohner sind, betonen die Ruhe, die man auf dem Land hat. Sie ahmen mit dieser Argumentation die Erwachsenen und die Zugezogenen nach. Ein Jugendlicher sucht nicht Ruhe, sondern Aufregendes. Aber sie wissen, dass sie ohnehin bald verschwunden sein werden. Unter dem Alibi der Ausbildung suchen sie ein aufregenderes Leben als in der so genannten Heimat. Im Internet sieht man sie beruhigt ihre Sehnsucht feiern. Wenn sie das Haus ihrer Großeltern erben, lassen sie es verfallen. Nichts bringt sie in die Ruhe zurück, nie mehr wollen sie zwanzig Kilometer fahren, weil sie vergessen haben Zigaretten zu kaufen.

Das Land ist, außer für die ein bis zwei Bauern pro Dorf und diejenigen traditionellen Bewohner, die zu alt sind, etwas neues anzufangen, nur für ehemalige Stadtmenschen interessant. Sie verdienten oder verdienen genügend Geld, um die vorhin schon erwähnten höheren Transport- und Energiekosten aufzubringen. Sie versprechen sich ein selbstbestimmteres Leben, als es in der Stadt möglich ist. Sie träumen von der Reinheit der Natur, obwohl sie von einer Landwirtschaft umgeben sind, die immer mehr zur Monokultur strebt und ihre Bodenprobleme mit Überdüngung löst. Es gibt zu viele Füchse. Aber weil es auch zu viele Rehe gibt, gibt es zu viele Jäger. Falls sie die zu vielen Ferienwohnungen mieten, gleicht sich ihre Anwesenheit durch die Zahlungen wieder aus. Sie stören die Landschaft beinahe mehr als die Windräder. Die Windräder sind allerdings der Preis oder besser der Tribut, den die menschenleeren Gegenden für ihr Privileg der Einsamkeit bringen müssen. Fährt man durch den äußersten Westen Westdeutschlands, so sieht man, dass der Preis, den diese Landschaften zahlen mussten, weitaus höher ist. Hier im Osten sind es eigentlich nur der Verfall und die Windräder, die den Menschen als Strafe auferlegt sind. Die Kreise werden immer größer und leerer. Lange war die Uckermark der größte Landkreis, ebenso groß wie das Saarland. Jetzt ist es der Kreis Mecklenburgische Seenplatte, er ist doppelt so groß wie das Saarland, das aber fast fünfmal so viele Einwohner hat.

Der Landbewohner bildet sich seine Selbstständigkeit weitgehend ein. Er geht in den gleichen Supermärkten einkaufen wie sein Gegenüber in der Großstadt. Der Vorteil des Landlebens bleibt Idealismus.

Der Städter kritisiert den Landbewohner wegen dessen Mangel an Struktur und vor allem Kultur. Der Landbewohner kritisiert den Städter wegen dessen Anonymität und Einsamkeit. Im Winter sieht der Landbewohner seine Nachbarn manchmal tagelang nicht. Der Stadtbewohner allerdings kennt angeblich seine Nachbarn namentlich nicht. Trotzdem kommt der namentlich nicht bekannte Nachbar sofort mit Enteisungsspray angerannt, wenn der Städter im Winter morgens seine Scheibe nicht vom Eis befreien kann.

Trotz der Kritik an den Städten bleiben sie bevorzugte Wohnorte. Trotz der Kritik an der Kulturlosigkeit des Landes bleibt auch das Land von bestimmten Menschen bevorzugt. Seit wir also genügend Geld haben, können wir wählen. Die Menschen in den ärmeren Ländern müssen da bleiben, wo sie sind, und das bleiben, was sie sind. Es ist zwar eine Frage des Geldes, aber auch ein Problem des Inhalts. Ganz ähnlich wie die Medien kann die Stadt dem Menschen zwar Angebote machen, aber wenn er nicht genügend Bildung oder Offenheit hat, dann kann er sie nicht annehmen und er ist dazu verurteilt, lebenslänglich fernzusehen. Auf dem Land ist es umgekehrt notwendig, dass man über genügend Bildung und Offenheit verfügt, um den Dörfern und Landschaften Angebote zu machen, damit sie nicht nur attraktiv, sondern bewohnbar bleiben.

EVER GIVEN

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Das riesige Schiff – man stelle es sich als Treidelaggregat vor, dann würde es von 80.000 Pferden gezogen – ist wieder freigeschaufelt, der Vollmond half mit seiner magnetischen Kraft. Aber es kann trotzdem nicht weiterfahren, denn die Kanalbehörde verlangt eine Untersuchung und eine Milliarde Dollar Schadenersatz. Auch die dritte Kanalkrise bringt uns nicht Erleichterung oder gar Befreiung von unserer pathologischen Abhängigkeit von möglichst billigen Importen, die alle wie das Kamel durch das Nadelöhr wollen, manche sagen auch: müssen. Die einseitige, vorfristige Verstaatlichung durch Ägypten löste die erste Suezkrise aus. Großbritannien, Frankreich und Israel gewannen militärisch, verloren aber politisch durch das Eingreifen der UNO. Vielleicht wurden Ägypten und seine Verbündeten durch diesen verdienten Erfolg zu ungerechtfertigtem Hochmut gegenüber Israel verleitet. Jedenfalls verloren sie im Sechstagekrieg ihre Luftwaffe, ihre Überlegenheit, Sinai, die Golanhöhen, den Gazastreifen und die Hoheit über den Kanal, der für acht Jahre nicht passierbar war.

Heute würden solche Konflikte nicht mehr militärisch gelöst. Der gegenwärtige Konflikt besteht auch nicht zwischen Staaten oder Ländern, sondern zwischen Mensch und Natur. Wenn ein Kind sprechen kann, kann es auch nein sagen. Sobald eine Straße gebaut ist, staut sich auf ihr der Verkehr. Absichten lassen sich nicht friktionsfrei verwirklichen.

Gerade weil die Menschheit mit der Coronakrise abgelenkt ist, wäre es möglich gewesen, das Durchfahren des Suezkanals drastisch zu reduzieren. Man hätte sich auf den Sechstagekrieg berufen und die seitdem beträchtlich erhöhten Exportmengen zunächst ignorieren können. Wir müssen eine Gelegenheit nutzen, mit dem Schlussmachen anzufangen. Wir sollten fossile Kraftstoffe und elektronische Billigteile künstlich verteuern und dadurch einsparen. Das geht nicht durch Appell, aber durch die Embolie im Kanal.   

Der Embolus selbst zeigt die Krankheit des Systems: das Schiff ist vierhundert Meter lang und 60  Meter breit, trägt 20.000 Container, angefüllt mit überwiegend überflüssigem Plunder, und wiegt 220.000 Tonnen. Laster dieser Klasse sind etwas größer als die noch schädlicheren Kreuzfahrtschiffe. Das alles ist gigantomanisch und unersättlich und deshalb nicht mehr länger akzeptabel.

Leider haben wir keine Weltregierung, die so etwas kurzfristig durchsetzen könnte. Vielmehr zeigen alle Versuche, die Kräfte mehrerer Länder zu bündeln, dass wir alle noch zu sehr am Gifttropf des Nationalismus oder, allgemeiner gesprochen, des Egoismus hängen. Die Vorstellung der Ungleichwertigkeit ist noch falscher als man auf den ersten Blick sehen kann. Denn man kann seit neuestem weder Länder noch Menschen kaufen oder verkaufen. Sie haben keinen Preis, sondern eine Würde. Es gibt noch Sklaverei, sogar auch bei uns, aber sie ist marginal, geächtet und strafbewehrt. Vielleicht dauert es noch hundert Jahre, bis die Mehrheit der Menschen anerkennt, dass die Würde jedes einzelnen Menschen, egal woher und wohin, gleich unantastbar und unverhandelbar ist.  

Und mit dieser neu entdeckten und geschützten Würde müssen wir uns wieder in die Natur einreihen und dieser ihre Würde zurückgeben. Der Gedanke ist nicht gerade neu. Schon Schopenhauer vermutete, dass wir das Leid, das wir den Tieren über Jahrtausende antaten, wohl kaum wieder gut machen könnten. Aber das ist kein Argument, einfach so weiterzuleben. Jede Erkenntnis ist die Chance zum Neubeginn.