ROMEO UND JULIA AUF DEM DORFE

The world is not thy friend

nor the world’s law.

[Romeo and Juliet 51]

Vielleicht gibt es keine Familienkriege mehr, weil es – außer im organisierten Verbrechen – keine Familien mehr gibt. Passend zum Tag der deutschen Einheit, vor dem manche Zeitgenossen immer noch etwas ratlos zurückschrecken, zeigte das Neustrelitz/Neubrandenburger Theater die – welt- und zeitweit wievielte? – Premiere des wohl berühmtesten Dramas über Fehde und Liebe: Romeo und Julia von William Shakespeare, der seit mehr als vierhundert Jahren tot ist, den Tag der Einheit gibt es dagegen erst seit 35 Jahren.

Neustrelitz hat ein kleines bisschen Romeo-und-Julia-Ambiente: die Adelsvillen, die minaretthafte Tudorgotik der wunderschönen Schlosskirche, die Balkone in lieblicher Landschaft, Skulpturen und Sichtachsen, das ist alles aus einem so schönen Gestern, dass man es sich beinahe zurückwünscht. Aber – auch das ein Blick in die Tragödie – der letzte Großherzog, der seinerzeit der reichste Junggeselle Europas gewesen sein soll, hat sich aus Kummer erschossen. Passend liegt er auf der Liebesinsel seiner Sommerresidenz in Mirow begraben.  

Die unverwüstliche, schon vierhundert Jahre währende Lebendigkeit von Romeo und Julia (gespielt von Charlotta Grimm und Kevin Knobloch) kommt durch ihr Schwanken zwischen Tragödie, worum es am Ende geht, und Komödie, wie das Leben so spielt, zum Vorschein. Man kann, wie Robert Wilson in seiner weltberühmten Inszenierung der Shakespeare-Sonette durch antikisierende Kostüme und entsprechendes Bühnenbild das Pathos der Texte betonen, oder, wie gestern in Neustrelitz geschehen, die Komödie zur Farce öffnen. Damit wird das mobile Theater mit vorgestellt, das so oft bei Shakespeare vorkommt, und das derb-obszöne Stegreif-Theater, das es höchstwahrscheinlich auch im Hause des Meisters gegeben hat. Es kann die aus heutiger Sicht skurrile Jugendlichkeit der beiden Protagonisten betont werden, die auf der Bühne mit ihrem komischen, akrobatischen, verkrampften, verkorksten Spiel meisterhaft vierzehnjährige Jugendliche imitieren. Aber diese hüpfenden Youngsters reden – angestiftet durch ihre Eltern und deren haarsträubende Konventionen – fortwährend von Heirat und Liebe als wären es Kürbisse auf dem Wochenmarkt. Auch die Mutter von Julia (Lisa Scheibner), die als Doppelrolle auch die Amme spielt und dadurch die Mutter in die Gefährtin und die absurde Erzieherin zweiteilt, trägt markante heutige Züge. Man sieht die prekär schreienden Mütter in den Kassenreihen der Supermärkte, wie sie versuchen, ihre Kinder von Zucker und Sucht fernzuhalten, an die sie sie längst verloren und wohl auch schon abgegeben haben.

Überhaupt: die Gegenwart, sie zeigt sich zuerst natürlich im Publikum, das sich gern, und für meine Begriffe etwas zu intensiv auf die Farce einlässt. Gelacht wird aber trotzdem fast ausschließlich über die originalen Shakespeare-Sätze. Erst ganz zum Schluss, als eine Leichenrede auf die andere folgt, kommt auch das Publikum zur Ruhe. Dadurch wird der Ernst des Lebens als Tragödie in den vorangegangenen zwei Stunden etwas verschenkt, ins Nebulöse verblasen. Mir schien das nicht die Intention der Inszenierung zu sein, sondern ein ungewollter, etwas bedauerlicher Nebeneffekt. Auch die ohrenbetäubende Lautstärke mancher Text- und Musikpassagen ist dieser Übertreibung geschuldet. Emphase übertönt hier die mögliche Empathie. Wenn auch Theater in der Übertreibung einen Wesenskern findet, wäre hier weniger mehr gewesen. Umso mehr kommt aber auch der Vater Romeos (Matthias Horn) mit seinem gut gespielten natürlichen Pathos zum Zuge.

Die Gegenwart zeigt sich aber auch in dem sozusagen in zweiter Ebene verhandelten Verhältnis von Realismus, Tragödie, Komödie und Farce. Es wird ja, in Bezug auf die gegenwärtigen politischen Verhältnisse, ein Satz von Karl Marx häufig zitiert, der besagt, dass alles in der Geschichte zweimal passiert: einmal als Tragödie und dann als Farce. Putin und seine autoritären Kollegen zeigen dagegen, und das haben sie mit dem paradigmatischen Drama vom Liebestod zweier blutjunger Protagonisten gemeinsam, wie jede Farce zur bitteren Tragödie verkommt. Im Falle Putins werden hunderttausende junger Menschen verkauft und geopfert. Daran wird man unweigerlich erinnert, wenn man die Zeit vor der Vorstellung zu einem Spaziergang durch den prachtvoll restaurierten Schlosspark ohne Schloss nutzt, der abrupt in einem sehr großen und sehr breiten sowjetischen Soldatenfriedhof mündet und endet. Das Theater in Neustrelitz gibt es schon seit 250 Jahren, aber der Bau mit dem schönen Dr.-Dr.-Schiller-Zitat ist fast identisch mit dem einst gleichnamigen Theater in Eisenhüttenstadt, und in dieser Stadt gab es einige Jahre lang das Erstaufnahmezentrum für Flüchtlinge. So hängt alles zusammen. Aber ob alles eine bloße und große Farce ist, das wage ich dann doch zu bezweifeln.

Zur Gegenwart, mit der das Theater immer, was es auch spielen mag, korrespondiert, gehört auch das plötzliche Auftauchen von Gundermann. Einerseits passt er natürlich zum Haus und zu uns, dem wahrscheinlich überwiegend östlichen Publikum, aber passt er andererseits, und sei es nur als ferner Kommentar, auch zum großen Stück des großen Shakespeare? Das zergrübelte ich und geriet – ohne es zu wollen – in den Schluss, und siehe da, die Musik wurde Requiem und fand sich damit in ihrer ureigentlichen und jahrtausendwährenden Funktion wieder.     

Das aufwändige Bühnenbild wurde zwar eifrig ausgespielt, aber es erschloss sich mir nicht ganz, blieb Magie, aber: ‚Der Dichtung heilige Magie | Dient einem weisen Weltenplane‘, so spricht Schiller in dem schon erwähnten Gedicht weiter. Lediglich die riesigen Lusitanischen Wegschnecken [Arion vulgaris], Schrecken aller professionellen und dilettantischen Gärtner, können als Metapher für schnelle Ausbreitung, Gefräßigkeit, Zerstörung des Gleichgewichts, Ekel und Allgegenwart verstanden werden. Auch vor dem Theater machen sie nicht Halt.

Gina Maria Böhlau als Benvolio und Vanja Hawemann sogar in einer Doppelrolle als Tybalt und Franziskanermönch müssen mit großer Leistung extra erwähnt werden, weil sie noch Studierende der Berliner Hochschule für Schauspielkunst sind. Hawemann choreografierte zudem die turbulenten Kampfszenen, auch sie ein Bild des Lebens wie des Straßentheaters, Klamauk auf seinen Urpunkt gebracht. Die ungeheuer voluminösen Kostüme zeigen als Nebeneffekt die Verwandtschaft zwischen Prunk und Punk. Die Zeiten kommen und gehen, sind sich aber ähnlicher als man denkt. Das gleiche gilt für die Menschen.

Mein Ideal für ein Shakespeare-Theater wäre ein Originaltext – the more I give the more I have for both are infinite [Romeo and Juliet 2²]  -, dazu Musik vom zweiten zeitlosen Genie Bach und ein Bühnenbild vom dritten im Bunde: Michelangelo. Aber in mein Theater würde niemand kommen oder wer käme, würde nichts verstehen. Deshalb bringen nur Kompromisse zu diesem Ideal volle, ausverkaufte Häuser und ein Publikum, das herzlich, aber nicht frenetisch applaudiert. Das war ein langer Abend voller Überraschungen und großer Leistungen.

DIE NEUE DREIEINIGKEIT

oder

Wenn man jemandem den Schlüssel zum Schloss gibt…

Wenn man jemandem den Schlüssel zum Schloss gibt, muss man gute Gründe haben, denn, wie groß der erwartete Erfolg auch sein mag, das Risiko ist größer. Vor einigen Jahren zeigte mir ein Leser meines blogs, dass meine Vorstellung von Gott exakt der Definition der neuronalen Netze entspreche, dergestalt, dass man, wenn es Gott gäbe, ihn nicht um etwas bitten kann, das in der Zukunft liegt, sondern dass man ihm nur danken kann für etwas, das vergangen ist. Neuronale Netze lernen durch Bestätigung, und lernen ist besser als regeln. Vor einigen Tagen lachte ein guter Freund von mir über meine Bemerkung, dass Putin schon deshalb nicht siegen wird, weil das Böse nicht siegt und nicht siegen kann. Selbst wenn uns die Welt zunehmend böse erscheint – was sie nun bestimmt nicht ist -, müssen wir zugeben, dass letztendlich, auch unter Einbeziehung hartnäckig böser Beispiele wie Hitler, Trujillo, Amin, Kim Il Sung, Kim Jong Il, Kim Jong Un, Ceaucescu, Afewerki, Stalin-Putin, das Böse sich nicht durchsetzt, denn sie sind alle tot oder werden sterben, für wie tausendjährig sie ihre Herrschaft immer auch erklären mögen. Es gibt in Deutschland bestimmt mehr als hundert Stauffenberg-Straßen, aber nicht eine einzige Hitler-Straße. Über Thälmann müsste man streiten.

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Dem alten Wettstreit zwischen Freiheit und Ordnung setzte als erstes die Globalisierung seit 1444 zu. In diesem Jahr landete das erste Schiff mit afrikanischen Sklaven in Portugal. Um diese neuen Universalarbeitskräfte und deren schonungslose Ausbeutung zu rechtfertigen, musste man ihnen das Menschsein, die christliche Qualität absprechen. Aber das ist nicht der einzige Makel des Christentums: zusammen mit den anderen Religionen vermochte es nicht, die einfachen Botschaften ‚Du sollst nicht töten‘ oder ‚Liebe deine Feinde‘ auch nur annähernd zu verallgemeinern. Stattdessen glauben Milliarden Christen und Nichtchristen, so als ob Yesus nie gelehrt hätte, weiterhin, dass der Stärkere Recht hätte, dass Geld die Welt regiere und – vielleicht am schlimmsten – dass es ein hierarchisches Gefälle zwischen Menschen gebe.

Auf diesem Aberglauben, der nicht zuletzt durch die Religionen gestützt wurde, baut der gegenwärtige Trend zu einem neuerlichen Autoritarismus, den seine Befürworter – die Antiglobalisten – für die Rückkehr zur Ordnung, seine Gegner aber – die Globalisten – für die Abkehr von der Freiheit halten. Merkwürdig dabei ist, dass die Globalisten die Globalisierung für irreversibel halten, die Autoritären dagegen wollen sie rückgängig machen. Der Slogan dafür stammt von Donald Trump ‚….first‘, vor dem das jeweilige Land eingesetzt werden muss. Höcke, der Rechtsaußenführer der AfD in Thüringen, versucht, das alles immer wieder in Beziehung zu setzen mit der Sprache der Nationalsozialisten, von denen er sich dann aber distanziert.

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Während jedem Befürworter und jedem Gegner klar ist, dass Globalisierung Öffnung bedeutet, glauben viele die Demokratisierung auf Verfassungen und Wahlen begrenzt. Aber Demokratie und der Weg zu ihr hin bedeutet zuallererst einmal Emanzipation. Erst die großen Gruppen der Kinder, Frauen und Afrikaner, sodann die kleineren Gruppen der Menschen mit Behinderungen und Homosexuellen, der unehelichen Kinder und geschiedenen Frauen mussten in die universell gültigen Menschenrechte heimgeholt werden. Wenn wir die Demokratisierung mit der französischen Revolution beginnen lassen, so ist das einerseits präzise, verkennt aber Alternativen, wie zum Beispiel die vergessene Verfassung von Korsika,  das Erdbeben vom 1. November 1755 in Lissabon, das Wirken des Königs Friedrich II. in Preußen 1740-1786 oder das Erscheinen von Rousseaus ‚Gesellschaftsvertrag‘ 1762. Emanzipation und Aufklärung wurden zudem überschattet von der viel unmittelbarer wirkenden Industrialisierung, die wir hier der Globalisierung subsumieren. Die Bewohner Europas, später auch Amerikas, Asiens und Afrikas, zogen in die Städte, wo die Eltern Arbeit und die Kinder Bildung fanden. In Lagos, einer der größten Städte der Welt und der Welthauptstadt des Chaos, gibt es riesige Slums auf dem Wasser (Makoko), in denen privat initiierter Unterricht stattfindet! Hunger und Bildung gaben sich ein reziprokes Rennen.  Global gesehen ist der Hunger ebenso wie der Analphabetismus auf ein Zehntel der stark angewachsenen Weltbevölkerung reduziert. Die Pforte der Demokratisierung ist also die Bildung, die Öffnung ist die Aufklärung. Selbst wer nicht lesen und schreiben kann, profitiert, denn ihm wird vorgelesen und vorgeschrieben. Sprichwörtlich ist der Vorwurf, dass die Aufklärung sich nur an die Stelle der alten Götter gesetzt hat und nun mit dem gleichen totalitären und allwissenden Anspruch auftritt. Dies zeigt aber nur, dass sowohl Demokratie als auch Aufklärung keine statischen  Zustände sind, sondern Prozesse.  

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Alexis de Tocqueville beschreibt den Anfang aller Demokratie mit der Installation von Briefkästen, deren englische Bezeichnung ‚mail box‘ aber auch gut zum dritten Element der neuen Dreieinigkeit passt, der Digitalisierung. Vielleicht könnte man den Beginn der Verschlüsselung mit der Entschlüsselung des höchstwertigen mechanisch, also analog erzeugten Codes benennen. Die Wehrmacht wollte Land, Ressourcen und politische wie mentale Hegemonie gewinnen. In einem riesigen, aber letztendlich stark überdehnten Angriffs- und Zweifrontenkrieg bediente sie sich sowohl der Überraschung (‚Blitzkrieg‘) als auch der strikten Geheimhaltung. Alle Befehle wurden mit mechanischen Maschinen, der Enigma und der Lorenz, verschlüsselt, vereinfacht gesagt wurden die Buchstabenreihen mehrfach zufällig ausgetauscht. Die Gegenseite hatte nun die Aufgabe, mittels elektronischer und digitaler Technik den Code für immer zu entschlüsseln. Dabei entstand das, was wir heute Computer nennen, der das nächste Zeitalter einläutete. Alan Turing, der großen Anteil an dieser mathematischen und technischen Großleistung hatte, starb, weil er nach moralischen Grundsätzen (auch des Christentums) des neunzehnten Jahrhunderts verurteilt wurde, und er starb in Verwirklichung eines Märchens und eines Märchenfilms an einem vergifteten Apfel.   

Je mehr Schlüssel verteilt werden, desto höher sind die Risiken; das ist das Argument der Demokratiefeinde, die ihre Herrschaft immer auf Loyalität und Korruption aufbauen. Dagegen ist Demokratie immer nur mit ansteigender Kompetenz verbunden und überhaupt vorstellbar. Selbst in den beiden schrecklichen Kriegen, die zurzeit geführt werden, ist der Metakampf intellektueller Art zwischen digitalisierter und konventioneller Herangehensweise, zwischen sozusagen antiker und moderner Kriegführung, zwischen autoritären, stark zentralisierten Befehlsketten und demokratischer, dezentraler Handlungsstruktur. Der mündige Bürger, sogar auch in Uniform, ist in Israel und in der Ukraine zuhause.

Wir dürfen uns das alles niemals ohne Friktionen vorstellen, Reibungen, die Carl von Clausewitz in seinem großen philosophischen Werk ‚Vom Kriege‘, aus dem immer nur ein einziger Satz zitiert wird, beschrieb. Jede Absicht wird im Stadium der Verwirklichung verzerrt, verwandelt, in ihr Gegenteil verkehrt. Nichts ist so verwirklichbar, wie es gedacht wurde. Wer losgeht, kommt nicht am gedachten Ziel an, man steigt nicht zweimal in denselben Fluss…Das gehört alles zu den Basics der mittleren Bildung, wird aber trotzdem von uns gern und mit Inbrunst vergessen. Mit Inbrunst hoffen wir auf Ordnung und Sicherheit, verschlüsseltes Wissen geheimer Führer, Treue und Loyalität bis in den Tod. Und der Tod ist genau der Lohn dafür. Nur lernen und lieben ist leben und dazu gehört mehr Freiheit als Ordnung, mehr lernen als regeln, mehr Sinn und verstand als Hierarchie und Tradition.     

LEGO VON HEGEL

DER PREIS DES AUFSTIEGS IST DIE TREPPE gilt auch umgekehrt

    für Tamer K.

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Viele Menschen haben Sprüche darüber, wie es kommt, immer anders als man denkt oder wie es kommen muss oder wie es eben kommt. Aber hinter leicht dahingesagten und oft wiederholten Sprüchen verbergen sich Welt- und Lebensanschauungen.

Schon als Kinder sagten wir empört: das ist doch ungerecht! Und noch als Alte glauben wir an eine, wenn nicht überbordende, so doch übersinnliche Gerechtigkeit. Alle linken Bewegungen und der Sozialstaat versprechen sie bedenkenlos, alle rechten Bewegungen wollen sie dadurch erreichen, dass sie einen Teil der Menschheit von vornherein ausschließen. Der Staat, diese Megamaschine aus Klammeraffen, Aktenordnern und Ausführungs-bestimmungen, der sich am liebsten mit sich selbst und der Versorgung seiner Beschäftigten beschäftigt, hat sich immer mehr an die Stelle der alten Institutionen Religion, Zünfte oder Allmende gedrängt. Und wir glauben ihm gerne. Aber: man kann den Staat nur aushalten, wenn man an die Freiheit glaubt und weiß, dass es Gerechtigkeit nicht geben kann.

Von Kindesbeinen an sind wir mit der Konstruktion von Artefakten beschäftigt. Der Konstruktion geht eine Destruktionsphase voraus, in der wir sozusagen Strukturen, Naturgesetze und Adhäsionen studieren. Aber indem wir jetzt das Bild des Kindes reproduzieren, das mit großer Geduld immer wieder aufgehäufte Bausteintürme kippt, wird uns klar, wie sehr wir dieses Spiel und diese Phase perfektioniert haben. Fröbel war noch stolz auf seine geometrischen Holzklötzchen, dann kamen hundert Jahre Stabilbaukästen und schließlich konnte LEGO sein perfektionistisches Weltbild verbreiten. Wir dürfen nicht übersehen, dass während dieser letzten zweihundert Jahre immer wieder versucht wurde, die Mädchen auf das Spiel mit Puppen, Puppenwagen und Puppenstuben zu reduzieren. Aber das ist gründlich misslungen. Was heute so vehement gefordert wie bekämpft wird, ist damals schon immer sichtbar gewesen: Konstruktions- und Pflegespiele sind nicht an das Geschlecht gebunden.

Auch die in der Schule gelehrten Kulturtechniken sind nicht nur analytisch, sondern immer auch konstruktiv. Wenn auch bedauert werden kann, dass viel zu wenig kreativ geschrieben wird, so wird doch geschrieben. Schreibend setzen wir uns immer eine kleine, neue Welt zusammen. Wenn wir auf einem Dachboden eines alten Hauses ein Schulheft, einen Kalender, eine Briefsammlung oder gar ein Tagebuch finden, so finden wir auch immer eine Welt von gestern. Immer erkennen wir in den Dingen und Ereignissen einen konstruktiven Sinn, weil wir uns vorstellen, wir hätten die Dinge und Ereignisse gemacht. Hegel geht in seinem berühmten, aber leider auch sehr unsinnigen Satz*, dass der Unwissende die Welt ablehnt, weil er sie nicht gemacht hat, sogar so weit, einen Teil der Menschheit von vornherein auszuschließen. Und auch da gehen heute noch genauso viele Menschen mit wie bei seinem Fortschrittsgedanken**. Der Satz ist trotz seiner rhetorischen Stärke und seiner bewundernswerten Konstruktion deswegen unsinnig, weil wir in seinem Sinne alle unwissend sind und die Welt, auch die kleine uns unmittelbar umgebende, nicht gemacht haben. Wer ein Haus gebaut hat, weiß, wie viel vom Grund abhängt, vom Material, vom Entwurf, vom Wetter, vom Geld von der Tagesform und von tausend Zufällen. Da aber das Haus heute noch steht, glauben wir an uns und unsere konstruktive Stärke und überschätzen unseren Anteil an Struktur und Wissen der Welt.

Durch die Konstruktion von Artefakten kommt also unser Glaube an die universelle Machbarkeit. Die Welt, meinen wir zu wissen, ist genauso gemacht worden, wie die Legowelt im Kinderzimmer, wie das Kinderzimmer und auch wie die Kinder selbst.

Die andere Seite ist die Ablehnung des Zufalls. Da wir in allem Sinn suchen und vermuten, müssen wir das sinnlose Walten der Natur hinterfragen. Letztlich lehnen wir es ab. Wir glauben nicht daran, dass es zwar Zusammenhänge, aber keine Kausalzusammenhänge geben soll, dass es zwar Kausalzusammenhänge geben soll, die aber nicht mit uns zusammenhängen. Fast jeder Mensch ist zum Beispiel davon überzeugt, dass er sich den Partner oder die Partnerin bewusst, sehenden Auges, vielleicht sogar ästhetisch oder utilitaristisch ausgesucht hat. Viele erinnern sich an den ersten Schritt aufeinander zu und halten die Verbindung für gewollt und gemacht. Tausend biotische und psychische, soziale und lokale Zusammenhänge werden nicht ignoriert, sondern sind uns unbekannt, weil wir eben auch in unseren persönlichsten Zusammenhängen Unwissende sind.

Neuerdings liest man sehr oft, dass die Freiheit des einen dort ende, wo die Freiheit des anderen beginnt. Das setzt voraus, dass zwei Nachbarn entgegengesetzte Konstruktionen wären, die auch noch ein entgegengesetztes Freiheitsideal hätten. Tatsächlich stimmen wir aber – glücklicherweise – zu bis zu 99% überein, wenn uns das auch bei einem unbeliebten Nachbarn weit anders erscheint. Es geht sehr oft um das Rechthabenwollen und nicht um das Recht oder um die Gerechtigkeit. Solche dichotomischen Ausschließungen – an meinem Gartenzaun endet dein Recht! – ignorieren die von Euler beschriebenen Schnittmengen zwischen den Dingen, Ereignissen und Menschen. Vieles ist sich ähnlicher, als es denkt. Jeder Wettbewerb beruht mindestens auf dem Konsens der Vergleichbarkeit. Und in jedem Wettbewerb regieren nicht nur das Können, der Verstand oder der Selbstwert, sondern auch immer das Glück und der Zufall. Aber trotz aller Konkurrenz, trotz allen Streits und Wettbewerbs, trotz aller Kämpfe sind wir immer auch eingehüllt vom Grundkonsens der Menschheit, der Großgruppe, der Kleingruppe, des Paars und etwa des Gartens, in denen wir uns befinden und ohne die wir nicht wären.

Es ist doch merkwürdig, dass gerade diejenigen, die die Freiheit einschränken wollen, sich bei der Entfernung vom Grundkonsens der Menschheit auf Freiheit berufen. Niemand aber entfernt sich ungestraft von diesem Grundkonsens. ‚Du sollst nicht töten‘ [Exodus 20,13] etwa ist nicht ein frommer Wunsch, der sich durch widrige Wirklichkeiten zu behauptet hätte, sondern eine conditio sine qua non*** des Zusammenlebens. Wer sie missachtet, wird missachtet. Die Strafe ist die Entfernung aus dem Grundkonsens. Eine Umkehr ist immer möglich. Nichts muss, alles kann, aber es wird immer kommen, wie es kommt.

* „Der Unwissende ist unfrei, denn ihm gegenüber steht eine fremde Welt, ein Drüben und Draußen, von welchem er abhängt, ohne dass er diese fremde Welt für sich selber gemacht hätte und dadurch in ihr als in dem Seinigen bei sich selber wäre.“ HEGEL. Ästhetik, Berlin und Weimar 1984, Band 1, Seite 105

** vergleiche: DIE HEGELSCHE TREPPE, Blog Nr. 240

*** Bedingung, ohne die nichts (ist, geht)

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Wir können nicht von uns fortschreiten, weder neben uns treten, noch vor oder hinter uns. Diese Gebundenheit in Raum und Zeit ist immer als Fessel der Erkenntnis gedeutet worden, so dass wir lange annahmen, wir könnten nur begrenzt erkennen und deuten. Dagegen scheint es ratsam, einmal zu untersuchen, ob die Fessel nicht vielmehr die Ursache unseres Stillstands ist, dagegen aber anzunehmen, dass der Geist, wie sich ja in jeder Phantasie und in jeder psychischen Krankheit zeigt, ganz frei sei. Das Leiden an der psychischen Störung entsteht durch die Reibung mit der Wirklichkeit, jener raum-zeitlichen Gebundenheit, in deren Fesseln die Mehrheit der Menschen lebt und leben muss. Wer aus sich heraustritt, ist für die Welt verloren.

Wir nehmen aus zwei Gründen an, dass wir fortschreiten, nämlich weil wir glauben, dass wir auf ein Ziel hin leben, und weil  uns scheint, dass die Annehmlichkeiten des Lebens das Leben selbst sind. Unsere Folgerung: das Leben wird annehmbarer, also ist es Fortschritt. Wir blenden die Unannehmlichkeiten einfach aus, zumindest nachträglich. Wir nehmen den Schein für die Wirklichkeit. Wir glauben eher das, was uns jemand über die Welt sagt, als das, was die Welt uns sagt. Wenn wir aber selber sehen, dann sehen wir mit den Augen, Brillen und Begriffen unserer Vormütter und Überväter, und das waren in unseren Augen meistens Übelväter. Wir können die Fehler der Vergangenheit viel besser deuten als die der Zukunft. Sprichwörtlich ist inzwischen unsere Abhängigkeit von Medien und Maschinen, wir haben die Aufklärung an die Stelle der  Religion gesetzt und glauben an Titel, Thesen und Temperamente.

Ein Ziel ist ja mehr als ein Ende. Das Ende der Geschichte ist ein Idealzustand, mag der nun Paradies, Kommunismus, demokratischer Sozialstaat, ewiges Leben heißen. Man glaubt sich ja am Ende seines Lebens auch am Ziel seiner Wünsche: man ist weiser, reicher, beliebter als am Anfang. Wer das glaubt, sollte doch vor der Zeit einmal ein Pflegeheim besuchen. Bis zum 18. Jahrhundert wurde das Wort Ende auch synonym zu Zweck verwendet (Schiller: Was heißt und zu welchem Ende studieren wir Universalgeschichte? Jena, 1789). Als Zweck des Menschen, von anderen nun wieder mit ‚Sinn’ gleichgesetzt, erscheint dann die Fortpflanzung. Das ist reine Tautologie: ich bin da, damit (oder auch: weil) ich da bin. Indessen hat hier nicht Darwin Hegel bestätigt in dem Sinne, dass der Mensch über der Ameise stünde. Die einzelne Ameise mag ein Nichts sein (wie der einzelne Mensch außerhalb seines Zusammenhangs auch), die Ameisen-Sozietät dagegen ist  ein kollektiver Makroorganismus. Aber was anderes ist der Mensch? Der Mensch ist als Körper ein sich selbst organisierendes Zusammenwirken von Mikroorganismen und Teilsystemen, die Summe des Humus, als soziales Wesen der Quotient seiner Vorväter und das Produkt seiner Urenkel. Wäre also Fortpflanzung sein Zweck, so würde er sich nur selbst bezwecken und beenden. Stattdessen sollte er sich darauf besinnen, für die nachkommenden Generationen das Leben annehmbarer zu machen als es für die vorangegangenen Generationen, denen wir nicht mehr danken können, war. Dieser Beitrag zur Lebenssinntheorie stammt von Schiller aus der genannten Antrittsvorlesung in Jena.

Im neunzehnten Jahrhundert entstand nicht nur der blinde Glaube an den Fortschritt, und wir wollen glauben, dass sein Gott Hegel hieß, sondern auch der Gegenzweifel, der zweite Hauptsatz der Thermodynamik. Und obwohl jeder weiß, dass Wärme nicht von selbst von einem Körper niedrigerer auf einen Körper höherer Temperatur übergehen kann, glaubt es dennoch keiner.

Wir glauben an den Fortschritt oder die Wissenschaft. Wir glauben an das Buch, die Zeitung und das Internet. Wir glauben an die Hauptsätze der Thermodynamik, aber nicht an den zweiten: siehst du etwas zerfallen oder erkalten? Viele Menschen glauben an Schneeballsysteme oder an das Geld, das die Welt regiert. Wir glauben an die Omnipotenz der Maschine, besonders an das Automobil und den Ordinateur.  Viele glauben an die Kraft der Kontrolle und die Wirksamkeit der Strafe sowie an das Recht des Stärkeren. Wir können nicht glauben, dass der Mensch gut ist, wir sehen es täglich, aber wir glauben es nicht. Wir müssen dagegen glauben, dass wir höher stehen als die Ameise und der Wilde. Man sieht es ja. Wir glauben, dass Glauben etwas grundsätzlich anderes ist als Wissen. Das glauben wir zu wissen. Manche glauben, was sie sehen, und andere sehen, was sie glauben.

Der Philosoph Hegel, dessen Treppe wir bestaunen und nachbeten, stammt aus einer schwäbischen Beamtenfamilie, war zum Pfarrer bestimmt, teilte während der Schulzeit sein Zimmer mit Hölderlin und Schelling, wurde aber zunächst Hauslehrer, also Hofmeister, dann Gymnasialdirektor durch Protektion, Schulrat, Professor und schließlich Rektor der Berliner Universität. Sein wichtigstes Buch, mit dem er allerdings sein ganzes Leben beschäftigt war, Phänomenologie des Geistes (1807), schrieb in der Mitte seines Lebens in Jena, just als Napoleon sich anstellte, Jena zu erobern. Was wollte der große Napoleon mit dem kleinen Jena? Dieser Lebensweg mag manchem als Fortschritt, als ein Aufstieg von unten nach oben erscheinen.

Hegels Schwester Christiane hingegen, ebenfalls hochintelligent, arbeitete auch als Hauslehrerin, nämlich für die fünf Töchter des Freiherrn von Berlichingen. Als diese Töchter erwachsen waren und das Haus verließen, brauchte niemand mehr Christiane Hegel. Sie wurde, wie man damals sagte, schwermütig, manchmal auch hysterisch. Vielleicht war sie depressiv oder schizophren. Sie schrieb sehr schöne Gedichte und bedeutende Briefe, die ihre Familie sorgfältig vernichtete. Ihr Bruder, der ihr Abgott war, lud sie einmal ein, bei ihm zu wohnen, obwohl sie ihm unheimlich war, aber dann ließ er sie doch entmündigen. Man nahm ihr das kleine Haushaltsbüchlein fort, mit dem sie sich bewies, dass sie von niemandem abhing. Sie ernährte sich jetzt von Handarbeits- und Französischunterricht, wenn und solange sie nicht in der geschlossenen Anstalt war. Manchmal kümmerte sich Hegels Schwiegermutter, Freifrau von Tucher, um sie. Als Hegel starb, und bekanntlich baute Schinkel ihm das Grab, wollte auch seine Schwester nicht mehr leben. Sie starb selbstbestimmt in der Nagold, einem kleinen schwäbischen Flüsschen, wurde kilometerweit flussaufwärts gefunden. Alles fließt. Zu ihrer Beerdigung in Calw kamen vier Personen, davon zwei um zu sehen, wer ihre Auslagen bezahlen würde. Ihr Geist ging später in den kleinen Hermann Hesse über. Wir können nicht von uns fortschreiten, aufwärts nicht und nicht abwärts.

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DIE BRÜCKE ÜBER DIE ÜCKER

Yüzünüzü güldürsün

Die Uecker heißt an dieser Stelle noch Ucker, kommt aus dem Unteruckersee und durchfließt die Uckermark. Im Stadtgebiet, aber doch beinahe schon am Rand, gibt es eine schlichte Betonbrücke, hinter der eine noch provisorische oder schon ruinöse Treppe auf den Ascheberg führt, der einen ziemlich großen Garagenkomplex beherbergt, der allerdings nicht mehr sehr zahlreich frequentiert wird. Viele Menschen werden die Garagen eher als Unterstell denn als Herberge für die geliebten Maschinen benützen. Wenn die Garagenansiedlungen nicht typisch für die untergegangene DDR sind, so sind sie es für die Zeit, in der die Autos noch neu und wertvoll und schützenswert waren und vielleicht noch nicht an jedem Tag gebraucht wurden. In jeder ostdeutschen Stadt gibt es sie sozusagen als Begleitung oder Beigabe der Banlieus oder Suburbs, wie hier die Neubausiedlungen bestimmt nicht hießen. Eher hießen sie Oststadt. Hinter dem so bebauten Ascheberg, dessen Name auf eine noch unrühmlichere Vergangenheit hinweist, kommt ein Feuchtgebiet, das von Kleinstlandwirtschaften, wie zum Beispiel Pferdezuchten, bestimmt ist. Es ist sogar ein historischer Ort, denn am 28. Oktober 1806 zog hier das am südlichen Ende von Prenzlau von den Franzosen vernichtend geschlagene Bataillon des Prinzen August von Preußen in Richtung Schönwerder, wo es noch einmal auf die Franzosen traf, so dass nichts von der Truppe übrigblieb. Das ist besonders peinlich, weil der Kommandeur ein später durchaus bekannter General wurde, dessen Adjutant viele Jahre der später ebenfalls berühmte, sogar weltberühmte General Carl von Clausewitz vielleicht hier über seine später allgemein bekannten Sätze und Grundsätze nachdachte: JEDER PLAN WIRD DURCH FRIKTIONEN ZERNICHTET! Der Generalquartiermeister des Hohenloheschen Armeekorps‘, Christian Reichsfreiherr von und zu Massenbach, ein Jugendfreund von Dr. Dr. Friedrich von Schiller, hatte durch seine Fehleinschätzung dieses Desaster zu verantworten. Hätte er mit Clausewitz gesprochen, so hätte er wissen können, dass es nicht auf die Truppenstärke ankommt. Dies schicken wir auch gleich noch als Telegramm an Putin, der das auch nicht zu wissen scheint.

Dies alles sollte nur andeuten, dass selbst der unscheinbarste Ort voll von Natur und Geschichte ist, ganz ungeachtet davon, ob wir das glauben, wissen, wahrhaben oder zur Kenntnis nehmen wollen.

An dieser Brücke traf ich an einem brütend heißen Nachmittag einen nicht mehr jungen, aber auch noch nicht wirklich alten Mann. Wir blickten beide in das schnell fließende und erstaunlich klare Wasser der Ucker, die an dieser Stelle DIE SCHNELLE heißt. Ich blickte da hinunter, weil vor einigen Tagen dort ein Fahrrad gelegen hatte, was jetzt – zum Glück – nicht mehr da war. Sind es Betrunkene oder Jugendliche, die zu solchem Vandalismus neigen? In jedem Fall ist es unschön.

Der nicht mehr junge Mann dagegen wollte mir unbedingt mitteilen, dass – wie der Fachmann sagt – der kleine Fluss entkrautet werden muss und dass das in der DDR in jedem Jahr akribisch gemacht wurde, damals von der Melioration, so hieß in jedem Landkreis ein zwischengenossenschaftlicher Betrieb, der sich mit Be- und Entwässerung, eben mit Bodenverbesserung beschäftigte. Da er die DDR in den höchsten Tönen zu loben anhob, wandte ich ein, dass das Krautschneiden in den kleinen Flüssen besser gewesen sein mag, aber bei weitem nicht alles, wie man daran sehen könnte, dass die DDR in Konkurs gegangen war. Es fielen ihm gleich Beispiele ein, die das bekräftigten: so hatte er als LKW-Fahrer Fleisch gefahren und Menschen in Uniform und mit einer Kluppe – ‚weißt du, was das ist?‘ – hatten das Fleisch vermessen und in Ost und West eingeteilt. Er wollte sagen: das Beste der DDR ging in den Westen. Um das Gespräch wieder auf unser heimatliches Flüsschen zu bringen, fragte ich ihn, ob er wüsste, was für ein Wasser dort hineinfließt. Er sagte sofort: Das ist Abwasser, das wüsste er von der Feuerwehr, er selbst hätte es schon oft abgepumpt. Ich sagte ihm, dass das keinesfalls Abwasser sein könnte. Abwasser stinkt, ist sichtbar schmutzig und es ist verboten, es in Flüsse zu leiten. Das sei, sagte ich leidenschaftslos, einer der vielen Punkte, die jetzt besser wären als in der DDR. Nein, sagte er, schrie er, in der DDR war alles besser, alles, dann bist du auch so ein Wendehals, wenn du nicht glaubst, dass früher alles besser war. Er nahm etwas zu viel Schwung, um auf sein Fahrrad zu kommen, verfehlte den Antritt, bekam sich kurz vor dem Absturz wieder in den Griff und fuhr wutentbrannt und laut schimpfend davon.

Ich blieb ratlos zurück, alles, was ich noch zu sagen hätte, wäre in den Wind gesprochen. Das sind sie also, dachte ich, die Wähler der einstigen PDS, der jetzigen AfD: wer anderer Meinung ist als sie, wird beschimpft und mit Etiketten statt mit Argumenten belegt. Ein Wendehals ist in ihren Augen jemand, der ihre Vergangenheit verrät. Heute heißt das wohl eher ‚Volksverräter‘. ‚Wendehals‘ stammt aus der regellosen und höchstkreativen Umbruchphase kurz vor und kurz nach der Wiedervereinigung. Sie – diese Wähler – fühlen sich beleidigt, wenn man Gegenstände oder Ereignisse unserer gemeinsamen Vergangenheit kritisiert. Kritisieren heißt ihnen immer verunglimpfen oder beschimpfen. Sie klammern sich an einen falschen Heimatbegriff: indem sie Heimat nicht einen Ort nennen, sondern einen Zeitabschnitt, noch schlimmer: ein kurzlebiges und zurecht untergegangenes Staatskonstrukt. Sie verwechseln ihre schöne Kindheit und Jugend mit einem politischen Gebilde, das selbst ein ‚Wendehals‘ und ‚Volksverräter‘ war, das die Geschichte und die Traditionen leugnete und sogar bekämpfte.

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Unsere Heimat – unsere Krankheit: Wer sich auf solch einen kleinen Fleck zurückzieht, Fleck sowohl als Ort verstanden wie auch als Zeit, der verpasst die Gegenwart. Und noch wichtiger: der schrammt an seiner eigenen Zukunft vorbei. Statt ewig am museumsreifen RFT-Radio zu hängen, sollten wir lieber in die weite Welt fahren und andere Menschen kennenlernen, die Menschen, die zu uns kommen gut aufnehmen und soviel wie möglich Gutes tun. Ich glaube, dass viele Menschen sich gern an ihre Jugend erinnern, egal wo sie stattgefunden hat. Das Schöne der Erinnerung ist unsere Jugend, nicht die DDR. Das gilt für jeden Ort der Welt und für jeden Punkt der Weltgeschichte. Es ist leicht, sich über die Fehler der anderen zu beschweren, die von den ’neuen Bundesländern‘ sprechen, aber es scheint doch sehr schwer zu sein, selber mit diesem ewigen Blick nach hinten aufzuhören, ins Gestern, ins Verwesende und Verrottende zurückzublicken. Außerdem wundert mich immer, wie jemand ein Staatsgebilde für seine Heimat halten kann. Ich denke, dass ‚Heimat‘ – obwohl ich diesen Begriff selten bis fast nie verwende – allenfalls ein Gefühl der Vertrautheit mit Landschaft und Menschen sein kann, ganz unabhängig davon, wer gerade regiert. Ich sehe mich als Brandenburger und Europäer und Mensch. Mit der DDR verbindet mich nichts oder fast nichts, obwohl ich auch lange Zeit eine RFT-Stereoanlage hatte. Als Sieg der Kunst und der Technik habe ich aber meine erste CD empfunden, da musste ich mir dann allerdings einen CD-Spieler von Grundig kaufen, denn den gab es, da wo ich wohnte, bis dahin nicht.

Das Kraut muss geschnitten werden. Die kleine Brücke verdiente ein Denkmal.

SELBSTBETRUG UND LÜGENLEBEN

So findet doch alles ein gutes Ende: du hast dein Bestes gegeben und ich bin schuld. Aber war es nicht andersherum? Vielleicht liegt der Selbstbetrug in der falschen Kategorie: Selbstlosigkeit mag es geben, aber sie ist schon sehr selten. Wir kennen alle die Vorwürfe, die selbst Schwester Tereza oder Albert Schweitzer gemacht werden. Jeder weiß, dass Beziehungen nicht nur auf einer Seite brechen, vielmehr gibt es anscheinend die Eulerschen Knickfälle, also berechenbare Bruchstellen, auch im mentalen Bereich. Da wir aber keine Balken sind, sondern Menschen, ist uns das Selbst näher als die Wahrheit, die ohnehin nie zu ermitteln sein wird. Denn auch in der winzigen Gemeinschaft von zwei Menschen gibt es Geheimnisse und Unwägbarkeiten, obwohl wir selbst uns immer für gläsern-transparent halten. Aber wir gleichen wohl eher einem Hohlspiegel. Als Kinder haben wir uns auf dem Rummelplatz im Spiegelkabinett amüsiert, weil wir damals gesehen haben: das ist die Wahrheit über uns. Wir sind nicht schön, einmalig, hochbegabt. Sollte jemand hochbegabt sein, so leidet er eben an einem anderen Defizit. Das Defizit errechnet sich als Abweichung vom Ideal oder wenigstens von der Norm. Alle ideologischen Systeme treten mit dem Anspruch auf, ein neues Ideal schaffen zu wollen: den jeweils selbstlosen Menschen. Die Demokratie dagegen, die Ideologie, Religion oder Philosophie dem Menschen freistellt, geht vom selbstvollen Menschen aus. Aber das setzt natürlich ein Höchstmaß an Bildung voraus. Jetzt wird also um die Bildung gestritten: ist die deutsche Schülerin mit ihrem zentnerschweren Rucksack voller Bücher und Ordner die Norm oder der finnische Schüler mit seinem staatsfinanzierten Tablet? Ist überhaupt Wissen, also die beliebige Ansammlung von Fakten das Maß der Bildung oder nicht vielmehr das Denken, die Methode des Weltverständnisses? So streiten seit Jahrtausenden Pedant und Poet.

Wir können keine Wahrheit finden, weil wir nicht nur in der Wirklichkeit der Welt, sondern auch in angehäuften Narrativen leben. Man kann lange darüber streiten, ob der Aberglaube des Fegefeuers 1525 oder die Verwechslung von Fernsehen und Leben schlimmer sei. Die Journalisten sind die Welterklärer und Priester geworden, aber auch sie verbreiten Aberglauben. Der Spott der Denker gegen die selbsternannten Welterklärer dauert schon länger, die sich für absolut haltende Erklärung hat aber in unserer Welt des permanenten Bildes und des Dauerkommentars einen gewissen Höhepunkt erreicht. Schon der Oberscharlatan Scholllatour benötigte neben seiner Kamera eine Formel der Glaubwürdigkeit, seine lautete: ich war da. Er wollte seine staunenden Zuschauer glauben machen, dass seine bloße Anwesenheit Garant der Wahrheit wäre. Dabei weiß jeder, der schon einmal einen Unfall gesehen hat und anschließend als Zeuge befragt wird, dass er nichts gesehen hat. Tatsache und Blickwinkel klaffen meilenweit auseinander.

Genau so tief ist der Riss zwischen dem Individualismus, der durch den Wohlstand und die Demokratie ermöglicht wurde, und dem Auftreten des Menschen in immer größeren Massen. Wir behaupten unser ganz persönliches Recht auf Konsum und Wahrheit, bestellen aber in Wahrheit alle den Temu- oder Amazonplunder. Zur Abwechslung verbringen wir ganze Tage in Malls oder Einkaufszentren, die wir aber Center nennen. Wir kaufen in Läden, die es weltweit gibt und beklagen die Schließung des Bäckers um die Ecke.

Auch Diktatoren, die Komplementärschäden der Demokratie, berufen sich darauf, dass sie deshalb rechthaben, weil sie ihr Bestes geben. Schuld an allen Problemen sind also die anderen, vorwiegend das Ausland oder eine bestimmte auswärtige Gruppe. Die Grenze zwischen Demokratie und Diktatur verschwimmt wegen der zunehmenden Komplexität der Welt. Scharlatane hat es schon immer gegeben, der Begriff stammt aus dem sechzehnten Jahrhundert, aber durch die geschickte Vermischung von Charisma und Inkompetenz können sich auch in Demokratien Scharlatane lange Zeit halten. Sie behaupten, das Gegenteil von korrupt zu sein, während in der Diktatur Korruption als Wesensmerkmal der Politik hingenommen wird: ein Mensch mit übermenschlichen Fähigkeiten und quasigöttlicher Kompetenz darf auch in außerirdischem Luxus leben. Darüber vergessen die Diktatoren, dass sie sterblich sind.

Statt uns also für immer richtig zu halten und die Schuld nach außen zu verschieben: es gäbe ‚kein richtiges Leben im falschen‘, sollten wir lieber auf die Barockdichter hören oder auf den allweisen König Salomo oder auf wen auch immer, und an unsere Endlichkeit denken. Wir sind zeitweise hineingeworfen in Geschichten und Verhältnisse und schwimmen im Meer der Zweifel. Jeder ist seines Glückes Müllmann, ist leicht gesagt, aber schwer zu glauben. Die Welt ist nicht dein Freund? Und trotzdem müssen wir jeden Tag hinaus oder wir glauben es zumindest. Kaum einer hält es nur mit sich allein aus. Zum Schluss schreiben wir verzweifelte Briefe und sehen wie Ralf Stegner aus.    

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HOFFNUNG IN WODDOW

THE WORLD IS NOT THY FRIEND NOR THE WORLD’S LAW.[1]

GLAUBE, HOFFNUNG, LIEBE DIESE DREI, ABER DIE LIEBE IST DIE GRÖSSTE UNTER IHNEN.[2]

Hoffnung richtet sich auf die Zukunft. Liebe mag größer, Glaube mag tiefer sein, aber Hoffnung ist immer und überall. Wer atmen will, muss hoffen, wer leben will, hat n MB Hoffnung im Backpack. Niemand würde morgens aufstehen ohne die Hoffnung auf einen schönen Tag, den wir uns deswegen fortwährend wünschen. ICH HOFFE, DASS ES DIR GUT GEHT. HABE EINEN SCHÖNEN TAG.   Wie Glaube und Liebe kann auch Hoffnung trügen. Als die A 20 projektiert wurde, versprachen philosophische und ökonomische Scharlatane den schnellen wirtschaftlichen Aufschwung Vorpommerns, der Uckermark und Mecklenburgs. Stattdessen fiel die Autobahn erst einmal ins Moor[3]. Wir können nicht in die Zukunft sehen, deshalb brauchen wir Hoffnung, bei aller Liebe und trotz des möglicherweise festen Glaubens.

Ein anderes Tripel ist die berühmte Hegelsche Abstraktion der Abstraktionen von Religion, Philosophie und Kunst[4]. Hätte der gute Hegel, dessen heutige Nachbarin die GROSSE UCKERMÄRKERIN[5] ist, nicht auch daraus wieder eine Hierarchie gemacht, sondern ein Netz, könnten wir gut damit leben. Man kann noch nicht einmal herausfinden, welche der drei Weltsichten zuerst da war: sind sie doch alle drei aus einem Ei entsprungen. Am Anfang, sozusagen nach dem ersten Hunger, war der Schamane, noch nicht mit dem Wort, sondern mit der Tat, mit der Abstraktion. Er heilte und ermutigte, er lehrte das Vordenken und leitete das Nachdenken. Die Betrachtung des Höhlenherzens war der Beginn der Menschlichkeit des frühen Menschen. Aber war es nun Glaube oder war es Liebe oder war es Hoffnung? War es Religion, war es Philosophie als Medizin oder war es Kunst, wie das hölzerne Herz in unserer Kunstkirche hier in Woddow.

Mit der Eisenbahn und dem Automobil kam die Mobilität für das stetig wachsende Volk, die Geschwindigkeit siegte über die Trägheit. Aber es wird oft übersehen, dass durch die Findung des Gutenbergschen Buchdrucks und des Edisonschen Phonographen die Reproduzierbarkeit der Kunst in demselben Maße zugenommen hat wie die Geschwindigkeit der Mobilität. Während es über die vielen Jahrhunderte der Existenz dieser Dorfkirche sozusagen nur eine Kunst und Religion für den Sonntag gab und die Philosophie durch den Mund des Dorfschullehrers sogar meist schwieg, tritt nun neben die Mobilität die Nobilität, der allgemeinmenschliche Adel, die Veredelung des Menschen durch die Allgegenwart und Omnipotenz der Kunst. Wir leben nur noch mit einem Fuß in der schwebeleicht gewordenen Wirklichkeit, das zweite Standbein steht im Nebel der Fiktion, im Würgegriff des Narrativs. Wir leben gleichzeitig in beiden Welten, im Tag und im Traum. Es gab Epen, Sagen und Märchen, Musik und Höhlenmalerei schon immer, aber sie waren nicht allgegenwärtig, sie waren nur Beiwerk, Attribut, Zugabe, während der christlichen Periode auf den Sonntag beschränkt.

Gift und Geld sind zwei schnelle Lösungen für hoffnungslose Situationen. Ein junger Mann will seine Geliebte und sich umbringen – ihm fehlt das Gift. Einem Apotheker fehlt das Geld, aber stattdessen hat er reichlich Zweifel und Skrupel. Romeo, der resignierte junge Mann, sagt in seiner forschen Jugendlichkeit: die Welt ist nicht dein Freund. Freud hat es 1930 weniger allgemein beschrieben: das Leben ist zu schwer ohne Schlaf und Traum und Betäubung[6]. Wo die Hoffnung fehlt, regiert das Gift.

Einerseits bemächtigen sich fast alle Ideologien, Philosophien und Religionen der Hoffnung als eines willfährigen Instruments, andererseits wird sie als vermeintliche Weichspülung verächtlich gemacht. Wer an das Recht des Stärkeren glaubt, braucht keine Hoffnung, denn er glaubt sich schon als Gewinner. Wer sich als Verlierer sieht, braucht meist auch keine Hoffnung, denn er sieht sich schon verloren. Hoffnung ist das Salz in der Suppe. 

Wohl die meisten Bewohner des Anthropozäns setzen auf die schnelle Hoffnung, auf Technik und Geld, auf die Geschwindigkeit der Gedanken und Gestalten und glauben an die Macht der Raserei. Aber es gibt auch die Fraktion der Langsamkeit. Sie setzt auf Heimat und Glaube und glaubt, dass Heimat nicht vergeht und Liebe ewig fortbesteht. Letztlich geht es immer auf die uralte Fehde zwischen Freiheit und Ordnung zurück. Wir erfinden eine Technik nach der anderen, das Rad und den Roboter, um uns die Arbeit zu erleichtern und beschleunigen. Andererseits hängen wir an der inneren und äußeren Heimat, an der Muttersprache wie am Vaterland. So sagen manche: Geh dahin, wo du hingehörst. Sie wollen die Hoffnung auf ein besseres Leben nicht gestatten und hoffen selber auf den Bestand, darauf, dass sich alles gleichbleibt.

Selbst im Sprichwort wird die Hoffnung diskreditiert: hoffen und harren / hält manchen zum Narren. Da ist sie wieder: die Zweiteilung, die Dichotomie, damit die einen gut und richtig sein können, müssen die anderen zu Narren erklärt werden. Wer auf Emanzipation hoffte, war ein Narr wider die Ordnung. Darüber wurde das gesamte neunzehnte und zwanzigste Jahrhundert zur Epoche der Emanzipation der Frauen, der Kinder, der Afrikaner, der Mühseligen und Beladenen, der Kranken, all jener, die anders sind. Es sollte und wird kein Anders mehr geben, nichts anderes heißt ja ALLE MENSCHEN WERDEN BRÜDER[7], wie der Schwesternfreund nicht nur wegen des Reims und wegen des Rhythmus dichtete, nein, auch wegen seiner zeitgemäßen Blindheit.  

‚Vielleicht liegt die Wurzel unserer Misere, der menschlichen Misere, darin, dass wir die ganze Schönheit unseres Lebens opfern, uns von Totems, Tabus, Kreuzen, Blutopfern, Kirchtürmen, Moscheen, Rassen, Armeen, Flaggen und Nationen einsperren lassen, um die Tatsache des Todes zu leugnen, die einzige Tatsache, die wir haben.‘[8] Vielleicht wird alles besser, wenn wir die Hoffnung als Tatsache zulassen und nicht mehr als Narretei abtun.

Ziel der Hoffnung ist das Ende jeder Dichotomie, wenn wir das Sowohlalsauch nicht mehr als Beliebigkeit oder Synkretismus oder als cancel culture verstehen, sondern als Chance, als Synthese, als Komposition, als Kreation unseres widersprüchlichen Selbst. Ziel der Hoffnung ist es, dass auf unserm Klavier keine Reihe von Tasten als unberührbar gilt.[9]  Ziel der Hoffnung ist es, dass die Hoffnung nicht aufhört.  


[1] William Shakespeare, Romeo und Julia, 51

[2] Erster Brief des Paulus an die Korinther, 1313

[3] 2017 bei Tribsees, Kosten der Reparatur 180.000.000 €

[4] G.W.F. Hegel, Ästhetik, Ost-Berlin 1984, Bd. 1, S. 108ff.

[5] Bundeskanzlerin a.D. Dr. Angela Merkel in der Straße Am Kupfergraben

[6] Sigmund Freud, Das Unbehagen in der Kultur, Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 1984, S. 73

[7] Friedrich von Schiller, Ode an die Freude, Werke, Cotta 1869, Bd. 1, S.  53

[8] James Baldwin, Nach der Flut das Feuer, dtv München 2018, S.100

[9] Albert Schweitzer, Die Lehre der Ehrfurcht vor dem Leben, Ostberlin 1963, S. 59

ANTIKRIEG IN WODDOW

Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Wort, dann aber von Angesicht zu Angesicht.[1]

Carl von Clausewitz schrieb einst in seinem berühmten und philosophischen Buch, dass im Krieg keine Absicht so verwirklicht wird, wie sie gedacht war. Die Absicht wird von den Friktionen unseres Tuns aufgefressen.

„So wenig man imstande ist, im Wasser die natürlichste und einfachste Bewegung, das bloße Gehen, mit Leichtigkeit und Präzision zu tun, so wenig kann man im Kriege mit gewöhnlichen Kräften auch nur die Linie des Mittelmäßigen halten.“[2]

Viele Jahre lang saß gegenüber dieser vom Krieg geschändeten Kirche ein alter Mann auf einem weißen Plastikstuhl. Und er erzählte seine Geschichte:

Als im April 1945 die Großen des Reiches und des Dorfes sich schon auf den Weg weg von der Verantwortung machten, erließ der Reichsverteidigungskommissar Goebbels die Verordnung zur Verpflichtung der alten Männer und der sogenannten Hitlerjugend in die letzte Schlacht. Den Brief der Kreisleitung Prenzlau der Hitlerjugend in der Hand befahl der Vater des Mannes, der damals ein vierzehnjähriger Junge war, die Sachen zu packen, den Handwagen zu holen, und er nahm ihn an die Hand und floh mit ihm in Richtung Westen, weg von der nahenden Front. ‚Mein Vater‘, sagte der alte Mann, ‚hat mir so das Leben gerettet, denn alle, die hier noch mitgemacht haben, sind umgekommen, verdorben und gestorben.‘

„…denn wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen.“[3]

Die Schlacht um Berlin, in deren Verlauf auch die Kirche in Woddow zernichtet wurde, begann am 16. April 1945 diesseits der Oder, an ihr nahmen zweieinhalb Millionen sowjetische und eine Million deutsche Soldaten teil, eine gigantische Sinnlosigkeit, denn der Krieg war längst verloren. Die Parallele zu heute – am 30. Juli 2023 –  ist unübersehbar, nur merkwürdigerweise streiten wir heute, die wir gar nicht beteiligt sind, darum, wer verlieren wird. Ich glaube, dass schon immer in der Geschichte das Böse nicht gewinnen kann und auch letztlich nicht gewinnt. Wenn das Böse die Summe aller falschen Entscheidungen ist, dann zeigt sich das auch in jedem Krieg, denn jeder Krieg ist falsch. Das ist keine Ermutigung des Angreifers, sondern allenfalls des Verteidigers.

So war es auch 1945 in Woddow. Stalin hatte kurzfristig entschieden, die 2. Belorussische Front unter Marschall Rokossowski im Eilmarsch an die Elbe zu schicken und nicht an der Schlacht um Berlin teilnehmen zu lassen, die von da ab von den Marschällen Shukow (1. Belorussische Front) und Konjew (2. Ukrainische Front) allein geführt wurde. Die deutsche Seite ließ dagegen, offensichtlich in Unkenntnis der veränderten Lage, von den alten Männern und den Hitlerjungen Stellungen bauen, vielleicht so ähnliche wie in den Gemälden vom BRUCHWALD an der Westwand der Kirche zu sehen sind. Diese Stellungen, teils Sperren, teils Gräben, wurden von Panzerarmeen Rokossowskis einfach überrollt. Wo sich Wehrmachts- oder SS-Soldaten etwa in den Kirchtürmen positioniert hatten und widersinnigen Widerstand leisteten, wurden sie samt dem Kirchturm hinweggeblasen, um erneut einen biblischen Ausdruck zu zitieren. Das war am 27. April[4]. In der Nacht davor hatte die dritte deutsche Panzerarmee unter General von Manteuffel mangels Materials und Muts und Möglichkeiten den Kampf aufgegeben. Die angestaute Randow und die hilflosen Gräben wurden in schönster NAZI-Überheblichkeit WOTANSTELLUNG genannt. Sie sind sang- und klanglos untergegangen. Die Menschen flohen oder starben. Der Kirchturm war zerstört. Die Kirche stand in Flammen. Die Panzer wälzten sich und ihre tödliche Last weiter durch das Land, aber bereits am 25. April waren die sowjetischen Sieger auf ihre amerikanischen Verbündeten in Torgau an der Elbe getroffen.

Karin Christiansen, o.T.

Das Gemälde von Karin Christiansen zeigt einen menschlichen Reflex und Überlebensversuch: eine Mutter mit mehreren Töchtern, die zu Puppen erstarrt sind, schläft in einem Nest aus Möbeln und Müll. Sie liegen zusammengerollt und imitieren Geborgenheit. Denn eine wirkliche Geborgenheit, das Nest, die Wärme, den Schutz, kann es im kalten, leeren Raum nicht geben. Die Trümmer, Ruinen und Reste zeigen vielmehr, wo das vermeintliche Nest sich befindet. Es ist irgendwo im Krieg, in jedem Krieg. Im Krieg zerbersten die Zitadellen, stürzen die Kirchtürme und verlieren sich die Menschen im leeren Raum. In jedem Krieg sind die Kinder die bedauernswertesten Opfer: durch Ostpreußen huschten die verhungerten und verwaisten Wolfskinder, in Afrika – so einige Bilder von Christiansen – werden Kinder als billige und willige Soldaten missbraucht. Aber waren nicht auch die Hitlerjungen missbrauchte Kindersoldaten? Putin lässt ukrainische Kinder stehlen, um der russischen demografischen Katastrophe aufzuhelfen. Selbst dieses grausige Detail hat er Hitler und Himmler abgeschaut.

Als wir Kinder waren, wurden nach den Nachrichten im Radio Meldungen des Suchdienstes des Deutschen Roten Kreuzes verlesen:

GESUCHT WIRD ERIKA, BLONDES HAAR, BLAUE AUGEN, DAMALS SIEBEN JAHRE ALT,

ZULETZT GESEHEN IN TAUROGGEN

Heute finden wir in den Suchmaschinen des Riesenkraken Google alles. Aber alles ist unwichtiger als die damals verloren gegangene Erika, die vielleicht ihre letzte Nacht in imitierter Geborgenheit in diesem Nest mit ihrer Mutter, ihren Schwestern und ihren Puppen verbracht hatte, das dann später, in besserer Zeit, von Karin Christiansen gemalt wurde. Und wie schon das berühmte Sonett von Andreas Gryphius aus dem dreißigjährigen Krieg oder das nicht weniger berühmte Gedicht `S IST KRIEG UND ICH BEGEHRE NICHT SCHULD DARAN ZU SEIN von Matthias Claudius oder wie das noch berühmtere Picassobild vom zerstörten Guernica, so will uns auch diese Sammlung von Bildern und Installationen sagen, was wir tun können: Menschen helfen, Kriegsrhetorik ächten, die richtige Partei wählen oder jedenfalls nicht die falsche, glauben, dass das Böse nicht siegen kann, hoffen, dass immer letztlich das Gute sich durchsetzt, die Menschen auch dann noch lieben, wenn sie offensichtlich irren[5].   

HOFFNUNG

THE WORLD IS NOT THY FRIEND NOR THE WORLD’S LAW[1]

Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei, aber die Liebe ist die größte unter ihnen[2].

schnelllangsam
TechnikHeimat
GeldLiebe
KommunikationGlaube
MobilitätNobilität
KulturNatur

Gift und Geld sind zwei schnelle Lösungen für hoffnungslose Situationen. Ein junger Mann will seine Geliebte und sich umbringen – ihm fehlt das Gift. Einem Apotheker fehlt das Geld, aber stattdessen hat er reichlich Zweifel und Skrupel. Romeo, der resignierte junge Mann, sagt in seiner forschen Jugendlichkeit: die Welt ist nicht dein Freund. Freud hat es 1930 allgemeiner beschrieben: das Leben ist zu schwer ohne Schlaf und Traum und Betäubung[3], denn wo die Hoffnung fehlt, regiert das Gift.

Einerseits bemächtigen sich fast alle Ideologien, Philosophien und Religionen der Hoffnung als willfähriges Instrument, andererseits wird sie als vermeintliche Weichspülung verächtlich gemacht. Wer an das Recht des Stärkeren glaubt, braucht keine Hoffnung, denn er glaubt sich schon als Gewinner. Wer sich als Verlierer sieht, braucht meist auch keine Hoffnung, denn er sieht sich schon verloren. Hoffnung ist das Salz in der Suppe.  

Wohl die meisten Bewohner des Anthropozäns setzen auf die schnelle Hoffnung, auf Technik und Geld, auf die Geschwindigkeit der Gedanken und Gestalten und glauben an die Macht der Raserei. Aber es gibt auch die Fraktion der Langsamkeit. Sie setzt auf Heimat und Glaube und glaubt, dass Heimat nicht vergeht und Liebe ewig fortbesteht. Letztlich geht es immer auf die uralte Fehde zwischen Freiheit und Ordnung zurück. Wir erfinden eine Technik nach der anderen, das Rad und den Roboter, um uns die Arbeit zu erleichtern und beschleunigen. Andererseits hängen wir an der inneren und äußeren Heimat, an der Muttersprache wie am Vaterland. So sagen manche: Geh dahin, wo du hingehörst. Sie wollen die Hoffnung auf ein besseres Leben nicht gestatten und hoffen selber auf den Bestand, darauf, dass sich alles gleichbleibt.

Selbst im Sprichwort wird die Hoffnung diskreditiert: hoffen und harren / hält manchen zum Narren. Da ist sie wieder: die Zweiteilung, die Dichotomie, damit die einen gut und richtig sein können, müssen die anderen zu Narren erklärt werden. Wer auf Emanzipation hoffte, war ein Narr wider die Ordnung. Darüber wurde das gesamte neunzehnte und zwanzigste Jahrhundert zur Epoche der Emanzipation der Frauen, der Kinder, der Afrikaner, der Mühseligen und Beladenen, der Kranken, all jener, die anders sind. Es sollte und wird kein Anders mehr geben, nichts anderes heißt ja ALLE MENSCHEN WERDEN BRÜDER[4], wie der Schwesternfreund nicht nur wegen des Reims und wegen des Rhythmus dichtete, nein, auch wegen seiner zeitgemäßen Blindheit.   

‚Vielleicht liegt die Wurzel unserer Misere, der menschlichen Misere, darin, dass wir die ganze Schönheit unseres Lebens opfern, uns von Totems, Tabus, Kreuzen, Blutopfern, Kirchtürmen, Moscheen, Rassen, Armeen, Flaggen und Nationen einsperren lassen, um die Tatsache des Todes zu leugnen, die einzige Tatsache, die wir haben.‘[5] Vielleicht wird alles besser, wenn wir die Hoffnung als Tatsache zulassen und nicht mehr als Narretei abtun.

Ziel der Hoffnung ist das Ende jeder Dichotomie, wenn wir das Sowohlalsauch nicht mehr als Beliebigkeit oder Synkretismus oder als cancel culture verstehen, sondern als Chance, als Synthese, als Komposition, als Kreation unseres Selbst. Ziel der Hoffnung ist es, dass auf unserm Klavier keine Reihe von Tasten als unberührbar gilt.[6]  Ziel der Hoffnung ist es, dass die Hoffnung nicht aufhört.   


[1] William Shakespeare, Romeo und Julia, 51

[2] 1. Brief des Paulus an die Korinther, 1313

[3] Sigmund Freud, Das Unbehagen in der Kultur, Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main 1984, S. 73

[4] Friedrich von Schiller, Ode an die Freude, Werke, Cotta 1869, Band 1, S. 53

[5] James Baldwin, Nach der Flut das Feuer, dtv München 2018, S.100

[6] Albert Schweitzer, Die Lehre der Ehrfurcht vor dem Leben, Ostberlin 1963, S. 59