GRUND LEGENDE LEGENDE

Ob ein Gedanke brandnew oder trivial ist, kann der Verfasser selten entscheiden, genauso wenig aber die Leser.

So vielen Menschen fällt es schwer, in der Gegenwart zu leben. Sie sehnen sich nach der Zukunft oder nach der Vergangenheit. Dabei scheint es reziprok zuzugehen: wer in der Vergangenheit lebt, beurteilt die Zukunft als fortwährende Katastrophe, wer in der Zukunft lebt, verzerrt die Vergangenheit. Allerdings muss auch, wer die Vergangenheit liebt, diese reinigen, geraderücken, den Regeln der heutigen Vernunft anpassen. Vernunft aber, so hatten wir schon letztens geschrieben, ist keine Triebkraft der Geschichte, sondern allenfalls ein Instrument ihrer Beschreibung. Rational geht es bei uns Menschen nicht zu.

Der ukrainische Autor Serhij Zhadan schreibt Bücher über den Krieg mit Russland, der seit 2014 tobt und seit einem Jahr durch den russischen Angriff in eine heiße Phase getreten ist. In ‚Internat‘ [2017] holt ein leicht behinderter, nicht sehr selbstbewusster Lehrer der ukrainischen Sprache, die er aber im Alltag selbst nicht spricht, seinen Neffen aus dem Internat am anderen Ende der Stadt Charkiw, die nicht genannt wird. Der Neffe liebt seine Familie nicht und ist nicht besonders handsome, er folgt seinem Onkel nur widerwillig. Während dieser insgesamt dreitägigen Ruinenodyssee begegnen sowohl dem Lehrer allein auf dem Hinweg und den beiden zwangsbefreundeten Wanderern zwar hin und wieder Soldaten, aber es lässt sich oft gar nicht ausmachen, zu welcher Seite die oft versprengten Truppen gehören. Meist lassen sie unsere beiden relativ unbehelligt entkommen, wenn nicht, findet sich ein Umweg. Es wird also weniger der Krieg beschrieben, als vielmehr das Chaos, das dem Krieg auf Schritt und Tritt folgt. Überall findet sich aber auch das Chaos der Sowjetzeit. Warum also die Neorechten hierzulande Zhadan als Kriegstreiber bezeichnen, bleibt ein Rätsel, wenn man außeracht lässt, dass in der neorechten Szene Etiketten wohlfeiler als Argumente sind. 

Noch krasser wird das in dem schon davor erschienenen Roman ‚Die Erfindung des Jazz im Donbass‘ [2010] erfahrbar. Die ganze Welt des Donbas besteht aus Versatzstücken der Sowjetunion, der oligarchiegesteuerten Privatisierung und des schwelenden Konflikts. Daher kommen auch die ständig erwähnten Postkarten aus Woroschilowgrad, so auch der Originaltitel des Buches, die zeitweilige Bezeichnung der Stadt Luhansk nach dem sowjetischen Politiker und Militär. In Luhansk befand sich die im Jahre 1900 von dem Dresdner Fabrikanten Gustav Hartmann gegründete größte Lokomotivfabrik Europas – aber sie ist weitgehend zerstört und stellt heute, in einer winzigen Restproduktion, Töpfe für den Haushalt her! Die Odyssee, auch dieses Buch ist die Vorlage für ein roadmovie, des Protagonisten Herrmann zurück in seine verwüstete Heimat ist beinahe noch fragiler als jene, immerhin auf drei Tage beschränkte Wanderung durch Charkiw, denn sie hat einen nicht benannten Ausgangspunkt und mündet Kriegswüsteneien. Die agierenden Menschen sind alle ehemalige Leninpioniere und haben ihre Immer-bereit-Ideologie nicht aufgegeben. Der Zerfall des Sowjetimperiums mag für einige eine Katastrophe sein, für andere ein Segen, geopolitisch verbesserte sich das Gesamtsystem beträchtlich. Es ist von großer symbolischer Bedeutung, dass neben der Krim der Donbass, das einstige industrielle Herz Russlands, mit seinen reichen Kohlevorkommen, die seit 1795 abgebaut werden, das Streitobjekt zwischen Russland und der Ukraine ist. Um Kohle und Diesellokomotiven wird es in der nahen Zukunft eben nicht mehr gehen. Der gesamte Putinismus ist ein Streben nach dem verlorenen Gestern: Hegemonie, Einflusssphären, Großmachtstreben, Kolonialismus und eben Kohle und Stahl.  

So lässt sich auch viel besser als mit allen anderen Ansätzen erklären, warum die Ostdeutschen so merkwürdig retrovertiert verhalten, obwohl sich – jedenfalls äußerlich – ihr Landstrich wesentlich schneller entwickelte als alle anderen: man vergleiche das prosperierende Potsdam mit dem schrumpfenden Saarbrücken. Nur in der Anzahl der Bettler kann Saarbrücken punkten. Trotzdem wählten die Ostdeutschen beharrlich PDS, jetzt DIE LINKE, nun aber AfD, obwohl sie von sich glauben, dass sie keine Nazis sind. Dies scheint mir am besten erklärbar mit diesem Verharren im Vergangenen, so wie es Zhadan für die Ukraine schildert, die auf dem Weg in den Westen ist, aber jede Menge leninistisches Sperrgut mitschleppt. Auch die Korruption ist als Erbe der Sowjetzeit erklärbar. Sie spielte in der DDR aber nicht die große Rolle, vielmehr war das so genannte Vitamin B eher ein Austausch, wenn auch nicht gleichberechtigt. Das lag aber am extrem asymmetrischen illegalen Umtauschkurs zur D-Mark.  

So wie jedes musikalisch ausdrückbare Gefühl im WTC und jedes zeichnerisch Fassbare sich in Michelangelos Werk findet, so findet sich auch jede menschliche Schwäche und jede Freude im vielleicht kollektiv entstandenen Shakespeareschen Dramen- und Gedichtwerk. So wird auch Hamlet gerne als Zögerer und Zauderer gesehen, weil er dreieinhalb Theaterstunden braucht, um zu tun, was getan werden muss. Hamlet in einer Demokratie würde Jahrzehnte benötigen, um vorwärts zu kommen. Aber ist nicht die berühmte Zeile, dass wir, da wir nicht wissen, was kommt, lieber in den Übeln verharren, die wir kennen, als zu anderen uns zu fliehen, von denen wir nichts wissen*, die Grunderzählung der Vorsicht, der Angst vor der Veränderung? Das ist kein Zaudern, das ist die Flucht zu jenen, die uns das ewige Gestern versprechen. Es gibt keine fortdauerndes Vorwärts. Minderheiten bremsen und wollen zurück und manchmal schaffen sie es, eine Welle der Mehrheit mit sich zu reißen. Aber warum schauen diese Menschen nicht einfach zurück und sehen, dass in der Vergangenheit all das nicht gelöst war, was uns heute belastet. Ausdrücklich lässt Shakespeare seinen nicht ausgedachten, sondern realistisch gezeichneten Protagonisten sagen, dass er bei those ills we have bleiben will. Er weiß und unsere Zeitgenossen wissen, dass es beträchtliche Nachteile gibt. Aber man kennt sie, und deshalb will man bei ihnen bleiben. Die Angst ist größer als das Heilsversprechen, also wird das Heilsversprechen nach hinten verlegt, ins graue, trübe Gestern.

Die Zeitenwende, von der der Redenschreiber des Kanzlers sprechen ließ, ist nicht die Wiederbewaffnung der Bundeswehr, so notwendig sie vielleicht sein mag, der wirklich wichtige Paradigmenwechsel ist die Ablösung der fossilen Energieträger, der sorgsame Umgang mit den Ressourcen einschließlich des Menschen selbst, das Ende einer europazentrierten Denk- und Wirtschaftsweise, eine Globalisierung mit menschlichem Antlitz unter besonderer Beachtung der weltweiten Migrationskrise, beinahe möchte man schreiben: und so weiter und so fort, damit klar wird, ein wie winziges Rädchen in diesem Getriebe der Zukunft die Bundeswehr und die Wehrhaftigkeit sind. Sie sind winzige Rädchen!  Es wird uns kein Zaudern mehr weiterhelfen. Wir müssen die Aufgaben, die das Leben der Menschheit uns stellt, beherzt, visionär und bei vollem Verstand zu lösen versuchen. 

Der Protagonist Herrmann wird aus dem Privatzug eines lächerlichen Oligarchen geworfen, der sich auf toten Gleisen befindet. Nach einem langen Fußweg durch die im Nebel liegende unsichtbare Landschaft, bei dem er Angst vor einer Begegnung hat, strecken sich ihm plötzlich aus dem Nebel (des Lebens sozusagen) sechs Kinderhände entgegen. Die Kinder führen ihn in das Sammellager einer Völkerwanderung, die von der UNO und der EU aus Menschenrechtsgründen begleitet wird. In dem Lager, in dem ganzen mongolisch-tatarisch-unbestimmten Volk, haben die Frauen das Sagen. Alle leben in provisorischen Zelten, überall sind Feuer zugange. Es herrscht eine aufgeregte Erwartung. Alle warten auf die Niederkunft der Führerin, die ein Baby, ein Mädchen, ohne kennbaren Vater zur Welt bringen wird, daher der Stopp in der Steppe, und dann auch tatsächlich gebiert.

An dieser Stelle des Romans, dessen Sprache oft fast lyrisch ist, aber in den Dialogen in einen prolethaften Fäkaljargon fällt, obwohl alle Protagonisten einen Hochschulabschluss haben, an dieser Stelle wird das Versagen aller Religionen und Ideologien und gleichzeitig die Größe und Mächtigkeit des notwendigen Bruchs deutlich. Sie verharren bei der unbefleckten Jungfrauengeburt eines Knaben, dessen Vermächtnis sie seitdem mit Füßen treten. Es werden Yesuspuppen hin- und hergeschleppt, Marienbilder geküsst, alte Männer, begleitet von jungen Knaben, tragen Tabernakel und wedeln mit Weirauch. Aber es ist ihnen und keiner anderen Religion oder Ideologie in mehr als dreitausend Jahren nicht gelungen, den einfachen Satz, dass man seine Feinde lieben soll, weil man dann keine mehr hat, verständlich zu machen und die Menschheit damit zu infizieren. Statt dessen wird weiter gespalten, gehetzt, verleumdet, gelogen, gemordet und scheinheilig getan. Den einstweiligen Gipfel dieses eklatanten Missbrauchs dürfte jener KGB-Offizier sein, der sich jetzt Kirill der Erste nennt und als Oberhaupt der russischen Orthodoxen zum Brudermord an den ukrainischen Orthodoxen  offen aufruft, einschließlich der von ihm verfügten Vergebung aller Sünden.

Dem Verfasser von ‚Die Erfindung des Jazz im Donbass‘ geht es wahrscheinlich, mir ganz sicher nicht um ein neues Matriarchat. In manchen Bereichen sieht es zwar so aus, aber in anderen herrscht noch das blanke Mittelalter. Was sich da in der Steppe bei Woroschilowgrad zusammenbraut, ist die Metapher für die Größe der Lösung, die wir brauchen. Wie immer, deutet die Metapher einiges an: Nomaden auf dem Weg in die Sesshaftigkeit, Sesshafte auf dem Weg (!) ins Nomadentum, Frauen als Quelle des Lebens, Kinder als Quelle fortwährender Fröhlichkeit. Auf dem Weg in die Emanzipation aller Minderheiten sind wir schon weit fortgeschritten. Aber noch gibt es viel zu viele Kinder, die nicht genug essen oder lernen können. Wir müssen den Hänsel-und-Gretel-Komplex endgültig und nachhaltig umdrehen: Kindern darf die Zukunft nicht nur sprichwörtlich gehören, sondern wörtlich. Sie brauchen ein modal angepasstes Wahl- und Mitbestimmungsrecht. Sie brauchen Investitionen in ihre Bildung, moderne Schulen, moderne Methoden, moderne junge Lehrerinnen und Lehrer.  

Neulich sagte ein mit mir befreundeter Pfarrer, dass die Menschen von Moral nichts mehr hören wollen, dass sie moralsatt sind und dass deswegen die Säkularisierung in die Diktatur führt. Das ist zum Glück schon deshalb falsch, weil das Christentum zwar einen großen Anteil an unserer Moral, unserer Ethik und unserem Wertesystem hat, aber nicht der alleinige Urheber ist. Rousseau, Kant, Lessing (‚Der Aberglauben schlimmster ist, den seinen für den erträglichern zu halten.‘) , Schiller (‚Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt.‘), Goethe  (‚Gott  nur ist moralisch, kein Mensch ist es vis-a-vis von sich; man ist es nur gegen andere, denn niemand kann sich selbst subordinieren.‘), Kierkegaard und Nietzsche, die ganze Aufklärung, das ganze Programm, haben ebenfalls dazu beigetragen. Wenn wir aufhören, uns gegenseitig zu halten, wenn wir einander die Treue brechen, dann wird das Meer uns verschlingen, dann geht das Licht aus** – das steht nicht in der Bibel, das ist von einem der größten Denker Amerikas, James Baldwin.       

*Hamlet III1

**The Price of the Ticket, S. 400

Adenauer AfD Angst vor dem Neuen Berlin Coronakrise Diktatoren Erdogan Eritrea Erpenbeck Flüchtling Flüchtlinge Freiheit Genossenschaft Globalisierung Gott Grünspan Gutes Hegel Hiob Identität jesus Krieg Kästner LINKS Masaccio Maschinen Merkel Musik Navigation Nietzsche Orgel Plattenbausiedlung Politik Putin Rache Rousseau Schiller Strafe Trump ubuntu Uckermark verschwinden weihnachten Woddow Würde

CUI BONO?

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Im Sommer 1967, zwischen dem Sechs-Tage-Krieg und meiner Armeezeit, arbeitete ich in der Berliner Stadtbibliothek als Magazinarbeiter. Der Sechs-Tage-Krieg fiel mit unserem Abitur zusammen. Ich wollte unbedingt noch etwas Geld verdienen. Der eigentliche Gewinn dieser schönen, drei Monate währenden Arbeit, lag aber darin, dass ich jeden Tag ein Buch las, denn zu den Pausen kam, als unverhoffte Lesezeit, die durch den Mauerbau höchst umständliche S-Bahn-Fahrt mit dem Berliner Außenring. Eines Tage lautete ein außerplanmäßiger Auftrag, Bücher aus dem benachbarten Staatsratsgebäude und dem wenige Meter weiter befindlichen ZK der SED zu holen. Unter Bewachung schwerbewaffneter MfS*-Soldaten fuhren wir mit unserm Wägelchen auf dem breiten Bürgersteig und über die Breite Straße in Ostberlins Mitte. Das Staatsratsgebäude gab es erst seit drei Jahren, während das ZK-Gebäude eine ebenfalls kurze, aber doch schon sehr bewegte Geschichte hinter sich hatte. Es wurde als Erweiterungsbau der Reichsbank geplant und gebaut. Um den Architekturwettbewerb rankt sich die Legende, dass ihn Hitler selbst zuungunsten der weltberühmten Architekten um Gropius, Mies van der Rohe und Hans Poelzig entschieden hatte. Auf der konservativen Seite bewarb sich Heinrich Tessenow aus Neubrandenburg. Wahrscheinlicher aber ist, dass der Kompromisskandidat, der Hausarchitekt der Reichsbank, Heinrich Wolff, sich mit seinem Kompromissvorschlag der gemäßigten Moderne durchsetzte. Zur Grundsteinlegung mit Hitler kamen 6000 geladene Gäste. Legendär waren (oder sind?) die flutbaren Tunnelsysteme unter und neben dem Gebäude, die der Sicherung der Gold- und Geldreserven dienen sollten. Erst 1959 zog in das Haus am Werderschen Markt, den es gar nicht mehr gibt, das Zentralkomitee der SED ein. Um den Sitzungssaal seines Politbüros, der eigentlichen Machtzentrale der DDR, ist nun ein absurder Streit entstanden. Vielleicht hat der erste in diesem Haus residierende gesamtdeutsche Außenminister, Klaus Kinkel, FDP, vorgeschlagen, diesen weiter als Sitzungssaal genutzten Raum nach dem Gründer des Auswärtigen Amtes, Bismarck, zu benennen.  Die jetzige Ministerin, Annalena Baerbock von den Grünen, hat ihn in Saal der deutschen Einheit umbenannt, vielleicht in Erinnerung, dass er einst Saal der deutschen Zweiheit war. Die rechte Grünenschelte macht nun daraus eine Abkehr vom Gesamterbe. Weder der Saal noch das Gebäude hat irgendetwas mit Bismarck zu tun. Es gibt in Deutschland rund 500 Bismarckdenkmäler und 150 Bismarcktürme. Der Bismarckturm in Frankfurt an der Oder wurde 1945 von der Wehrmacht gesprengt, während der Bismarckturm auf der Porta Westfalica hoch über der Autobahn A2 thront, wie jeder weiß. Um das Erbe Bismarcks muss sich also niemand Sorgen machen, zumal die von ihm begründeten Sozialversicherungen ein absolutes Markenzeichen Deutschlands sind. Jeder Sozialkundelehrer betont und erklärt das unzählige Male.  Diese Würdigung als Schöpfer eines Sozialsicherungssystems ist aus heutiger Sicht mehr wert als weitere Denkmäler, Türme und Säle. Allerdings hat Bismarck noch eine zweite bemerkenswerte, jedoch dunkle Seite: das Sozialistengesetz, beide sind eng verflochten. Dabei geht es nicht um die Sozialdemokratie, die sogar gestärkt aus der Unterdrückung hervorging, sondern um die Unterdrückung als Instrument autoritärer Herrschaft. Obwohl Bismarck die Katholiken im von ihm entfachten Kulturkampf als seine Feinde betrachtete, übernahm er den autokratischen Grundsatz von Papst Pius IX.: Wenn sich jemand — was Gott verhüte — herausnehmen sollte, dieser unserer endgültigen Entscheidung zu widersprechen, so sei er ausgeschlossen. Die Exkommunikation ist seither – auch in ihrer passiven Form als Migration – ein beliebtes Mittel aller Autokraten. Wir erinnern uns noch an den berüchtigten Satz Erich Honeckers, wahrscheinlich in diesem Gebäude, vielleicht sogar in diesem Saal formuliert, aus dem Jahr 1989: Wir weinen ihnen keine Träne nach. Ähnlich äußerte sich auch der eritreische Diktator Isaias Afwerki angesichts des Massenexodus von mehr als einer Million junger Menschen aus seinem winzigen und bettelarmen Land.

Kein Mensch und kein Geschehen hat nur eine Seite. Früher nahm man die beiden Seiten von Münzen als Metapher dafür, heute wissen wir, dass auch Münzen eher tausend als nur zwei Seiten haben.  So ist es auch mit dem von vielen Menschen zurecht verehrten Preußenkönig Friedrich II. Er brachte die Aufklärung und die Kartoffel, aber auch Kriege und Hegemonialstreben. Aus seiner gegen absolutistische Autokraten gerichteten Schrift Anti-Machiavell zitieren wir gerne den Satz, dass der König der erste Diener seines Staates sein soll. Darin steht aber auch, dass Politiker gerne glauben machen wollen, dass Politik und Moral unvereinbar und demzufolge List, Verrat und Eidbruch erlaubt seien.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, Spross eines Professorenehepaars, studierte ordentlich Jura, um dann aber Schauspieler, Komödiant, Komiker, comedian zu werden. Den größten Erfolg hatte er mit der Hauptrolle in der Seifenoper Слуга народу, zu Deutsch: Diener des Volkes. Darin spielt er einen Geschichtslehrer, der sich über die Verlogenheit und Korruption in seinem Land aufregt und dabei unversehens zum Präsidenten wird, der gegen die Verlogenheit und die Korruption ankämpft und sich damit in die Herzen seines Volkes dient. Kurze Zeit darauf hat sich Selenskyj tatsächlich als Präsidentschaftskandidat aufstellen lassen und hat mit über siebzig Prozent gegen den staunend-verzweifelnden Amtsinhaber Poroschenko gewonnen. Seither kämpft er gegen Verlogenheit und Korruption und wird immer beliebter, weil kompetenter. Allerdings muss man auch sehen, dass vor knapp einem Jahr der Ukrainekrieg Russlands in seine heiße Phase einstieg und sich hier Selenskyjs Führungsqualitäten erst richtig entfalten konnten. Legendär ist seine Antwort auf US-Präsident Bidens Angebot, ihn aus Kyjiv** ausfliegen zu lassen: I need ammunition, not a ride.  Über die Umkehrung des Verhältnisses von Politiker und Imitator haben wir schon zweimal in Bezug auf Chaplin und Hitler geschrieben. Allgemein wird angenommen, dass der Film Der große Diktator, in dem Chaplin sowohl den jüdischen Friseur im Ghetto als auch den Diktator Hynkel spielt, eine Hitlerparodie sei. Das ist der Film auch sicher und grandios. Aber es gilt auch das umgekehrte: der kinobegeisterte arbeits- und obdachlose Hitler sah den Tramp oft im Kino und nahm ihn sich zum Vorbild. Er wollte der einfache, unbedarfte Mann aus dem Volk sein, der erst vom Pech verfolgt, dann aber ein Diener des Volkes wird. Statt dessen hat er aber die Komikerstaffage als Tarnung seines durch List, Verrat und Wortbruch gekennzeichneten Politikstils übernommen.

Das ist auch Putins Politikstil. Und auch er stammt aus einer Fernsehserie: sein Vorbild ist der fiktive KGB-Agent Max Otto von Stierlitz alias Wsewolod Wladimirowitsch Wladimirow. Der Zusammenhang zwischen Putin und dieser sowjetischen Kultfernsehfigur der siebziger Jahre wird am besten durch einen Witz aus dieser Serie charakterisiert: In Hitlers Bunker kommt ein Mann und schenkt Tee ein, Hitler fragt Gestapochef Schellenberg, wer das war, Schellenberg antwortet, das war Stierlitz aus meiner Abteilung, in Wirklichkeit ist er aber ein russischer Agent: Oberst Issajew, Hitler fragt: und warum verhaften Sie ihn dann nicht? Schellenberg antwortet: das bringt nichts, er wird sich herauswinden und sagen, er hätte nur Tee gebracht.  

Putin hat das anhand des von ihm erfundenen Bedrohungsszenarios durch die NATO vorgeführt. Der einstige US-Außenminister James Baker (unter Präsident Bush senior) hat tatsächlich während der Deutschland-Verhandlungen 1990 gesagt, dass sich die NATO keinen inch nach Osten bewegen wird. Aber: da existierte der Warschauer Pakt noch fast zwei Jahre und niemand hat auf diese Bemerkung geachtet und sie ist nirgendwo verhandelt oder in Verträge aufgenommen worden. Nachdem sich der Warschauer Pakt  Ende 1991 aufgelöst hatte, erinnerten sich die nun selbstständigen Staaten des ehemaligen Einflussbereichs der Sowjetunion – die es nun auch nicht mehr gab – an die fortwährende Bedrohung durch Russland, das es nun plötzlich wieder gab. Sie drängten also nach Westen unter das Dach der NATO und der EU. Das fand Putin 2004 in einer Pressekonferenz mit dem damaligen Bundeskanzler Schröder nicht problematisch, im Gegenteil, er lobte die neue Stufe der Zusammenarbeit zwischen der NATO und Russland im neugeschaffenen NATO-Russland-Rat. Des Rätsels Lösung ist also, dass der Jelzin-Nachfolger Putin weder den Zusammenbruch der Sowjetunion noch den des Warschauer Paktes hat verarbeiten können. Im Gegenteil: er spielt mit der Großmachtsehnsucht seines nicht im Wohlstand lebenden Volkes. Wohlstand braucht keinen Nationalismus. Deshalb sucht er jetzt immer wieder nach neuen Begründungen für seinen wahnsinnigen und auch erfolglosen Krieg. Er behauptet, die NATO rücke bedrohlich näher, tut aber alles, damit die NATO tatsächlich näher rückt (Schweden, Finnland).

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Keine Person, so wissen wir alle, und kein Geschehen kann aus einem einzigen Grund erklärt werden. Die berühmte Frage wem nützt es? hat auch eine berühmte Antwort der ist es gewesen!, denn sie stammen beide aus einem Strafprozess. Wem irgendetwas nützt ist ein Aspekt einer Sache, aber oft nicht der oder noch nicht einmal ein Grund. Wer also glaubt, dass, da die Gaslieferungen nun auch aus den USA kommen, die USA der Nutznießer des Krieges und demzufolge auch sein Verursacher sei, ist mindestens einer Verkürzung aufgesessen, wenn nicht einer Verschwörungstheorie, man denke an den 11. September 2001 (nine eleven). Die Frage wem nützt es? sucht nicht eine Erklärung, sondern einen Schuldigen. Trotzdem wollen wir sie einmal für die Argumentation zulassen. Dann stellt sich heraus: die Abhängigkeit Europas vom russischen Gas (zu 50%) und Erdöl (zu 30%) nützte unserer Gier nach billigen und fossilen Rohstoffen für die Energie. Der niedrige Preis ergibt sich aus unserem tief verwurzelten Glauben an das Geld. Gleichzeitig hat die billige Energie unsere gravierenden Wettbewerbsnachteile gegenüber den USA und China, zum Beispiel mangelnde Innovation, kompensieren können. Wir hingen an den fossilen Rohstoffen, weil wir nicht glauben, dass wir gerade dabei sind, die Lebensgrundlagen der Menschheit zu zerstören. Der Wohlstand für immer mehr Menschen hat ein enormes Wachstum der Weltbevölkerung gebracht, allein in unserer Zeit drei Verdopplungen: von zwei auf vier, von drei auf sechs und schließlich von vier auf acht Milliarden Menschen. Dieses Wachstum wird erst in der Mitte des Jahrhunderts enden, wenn – und auch nur falls – der Wohlstand so hoch ist, dass zu seinem Erhalt nicht mehr Kinder als Erwachsene notwendig sind. Die vielen Menschen können aber mit Nahrung und Energie versorgt werden, allerdings nicht durch Verbrennung und ungehinderten Ressourcenverbrauch.

Der Krieg hätte tatsächlich verhindert werden können: wenn wir das alles bei Putins Machtantritt beachtet hätten, statt dessen haben wir ihn gewähren lassen, nicht einmal aus Appeasement-Gründen, denn Georgien, Ossetien, Abchasien, Transnistrien, Tschetschenien, Donbass, Luhansk und Krim waren uns gleichgültig, sondern aus Gier und Eigennutz. Wem nützte das alles: UNS, bis das System aus Eigennutz, Gier und Unverstand zusammenbrach. Damit keine Missverständnisse aufkommen, wiederhole ich, dass der Kapitalismus zwei Seiten hat: Maximalprofit und Maximalkonsum.

Das linke Abonnement, im gesamten Ostblock war die Frage Standard,  auf die Wem nützt es?-Frage kam wohl durch den kommunistischen Medien-Guru Willi Münzenberg (‚der rote Millionär‘), der sie in seinem Braunbuch vom Reichstagsbrand nicht nur benutzte, sondern ihr die allerhöchste Priorität einräumte. Er rückte in diesem hoch verdienstvollen Braunbuch auch von der Klassenkampftheorie ab und ersetzte sie mit einem Kriminalroman über die Nazi-Führung, der wahrscheinlich ziemlich realistisch war. Im Reichstagsbrand, dem Braunbuch und dem Prozess  kann man das Ringen zweier Verschwörungstheorien nach der Wem nützt es?-Frage beobachten. Der Reichstagsbrand nützte den Nazis und er nützte den Kommunisten, und wir wissen immer noch nicht, wer den Reichstag angezündet hat. Die Beantwortung dieser Frage, wir wiederholen es, bringt selten eine Erklärung, oft aber einen Schuldigen, noch öfter einen vermeintlich Schuldigen zum Vorschein.

In der Logik kann der einseitigen Betrachtung durch die cui-bono-Frage auch mit dem Trugschluss des cum hoc ergo propter hoc widersprochen werden:  zwei Ereignisse, die gleichzeitig auftreten, müssen deshalb nicht verbunden sein, schon gar nicht kausal. Der amerikanische Soziologe David A. Baldwin hat das mit den Taxifahrern erklärt, die vom Regen profitieren, ohne für ihn verantwortlich zu sein. Mir scheint dieser immer wieder beliebte Trugschluss verwandt zu sein mit dem Scholllatourismus nach dem einst omnipräsenten Fernsehjournalisten Peter Scholl-Latour, der aus seiner Anwesenheit an einem bestimmten, meist kritischen Ort seine Kompetenz, die dortigen Ereignisse erklären zu können, herleitete. Von ihm stammen berüchtigte und auch leider langlebige Vorurteile, wie zum Beispiel das Kalkutta-Paradox oder die Ansicht, dass der Islam an sich menschenfeindlich sei. Vorurteile sind leichter zu erlangen als Urteile und halten sich länger als diese. Und obwohl Verurteilungen schon in der Bibel verurteilt werden, halten so viele Menschen an ihrer Berechtigung und scheinbaren Kompetenz dafür fest.

Warum aber kann der Krieg nicht mit UNO-Soldaten gestoppt werden? Russland hat als Siegermacht des zweiten Weltkrieges, als Signatarmacht der UNO  und als Nuklearmacht im UNO-Sicherheitsrat ein Vetorecht, das es genauso oft ge- und missbraucht hat wie die anderen vier Vetomächte. Die Gegner der Waffenlieferungen übersehen, dass diese ein traditionelles Mittel für den jeweils unterlegenen und überfallenen Kriegsteilnehmer sind. Durch Waffen- und Logistiklieferungen wurde der Sowjetunion im zweiten Weltkrieg geholfen, Südkorea im Koreakrieg, Nordvietnam im Vietnamkrieg (auf dessen Gegenseite immerhin erst Frankreich und dann die USA standen), Bosnien im Jugoslawienkrieg, Kosovo im Kosovokrieg und nun der Ukraine im Ukrainekrieg.  Was ist daran nicht zu verstehen?  Russland will seine wirtschaftliche Schwäche, die es nicht eine wirkliche Großmacht sein lässt, hinter nationalistischen und kolonialistischen Großmachtfantasien verbergen. Russland ist bevölkerungsmäßig doppelt so groß wie Deutschland, hat aber ein Bruttoinlandprodukt, das nur halb so groß ist. Jeder weiß, dass es sich zu wahrscheinlich achtzig Prozent aus Rohstoff- und Lebensmittellieferungen speist. Russland ist technologisch ein Entwicklungsland. Das viele Geld, das es durch Erdöl und Gas verdient, verschwindet bei den Oligarchen oder in anderen korrupten Kanälen. Wahrscheinlich weiß das niemand. Ich erinnere an die 100 Millionen US-Dollar, die Putin zur Verfügung gestellt hatte, um in der Ukraine, vor dem Angriff, Agenten und Claqueure anzuwerben, die die russischen Truppen, unter anderen die Fliegerstaffel der Luftlandeoperation auf dem Flugplatz Kiew-Hostomel und den 60-km-Konvoi in Richtung Kiew, begrüßen sollten. Bekanntlich stand da kein einziger agent provocateur, der Flugplatz wurde nicht eingenommen, der Konvoi kam nicht an. Bis zum 23. Februar des vorigen Jahres haben wir wohl alle angenommen, dass die russische Armee, wenn schon nicht die zweitstärkste der Welt (wie in dem ukrainischen Witz, dass sie jetzt dafür die zweitstärkste in der Ukraine ist), doch eine sehr starke, große und schlagkräftige Armee sei. Nun zeigt sich, dass ihre ganze Stärke lediglich in der schieren Menge schlecht ausgebildeter Soldaten besteht. Putin droht mit Waffen, die als Prototyp bestehen mögen, von denen es aber keine in der kämpfenden Armee gibt. Dutzende Generäle sind gefallen, jeden Tag sterben geschätzt 800 Soldaten, der dritte Oberkommandierende soll jetzt das Kompetenzchaos richten, das bisher Putin genützt hat (!), nun aber dem Krieg und dem Sieg schadet. Russland wird diesen Krieg nicht gewinnen. Im schlimmsten Fall wird es auseinanderbrechen, im besten Fall kommt es zu einem Kompromiss wie nach dem Winterkrieg gegen Finnland. Wir erinnern uns, dass wir schon einmal den sowjetischen General zitiert haben, der das Ende des Winterkriegs mit folgenden Worten kommentierte: Wir haben gerade soviel Land gewonnen, dass wir unsere gefallenen Soldaten darauf beerdigen können. Schon jetzt sind der Donbass und Luhansk so weit zerbombt und geschunden, dass noch nicht einmal die Post funktioniert. Der Donbass war einst das Ruhrgebiet oder die Wallonie der Sowjetunion. Mariupol am Schwarzen Meer wurde erobert, aber es existiert nicht mehr, so wie Karthago nach dem dritten Punischen Krieg nicht mehr existierte. Wem nützt das?

Niemand weiß, wie dieser Krieg ausgehen wird, jede Seite spekuliert zu ihren Gunsten. Aber das darf niemanden hindern, kein Land und keinen Menschen, denjenigen zu helfen, die in Bedrängnis sind. Ich finde es merkwürdig, wenn ganze Theorien ausgedacht werden, warum damals Bosnien und heute die Ukraine keiner Hilfe würdig sind. Wer kann und will über Tod und Leben entscheiden?

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Wer nicht will, dass mit seinem Geld etwas getan wird, was er oder sie nicht will, muss die Partei wählen, die sein oder ihr Geld in seinem oder ihrem Sinne verwendet. Das ist sowohl ironisch gemeint als auch realistisch: die linke Partei hat in der letzten Bundestagswahl 4,9% der Wählerstimmen erhalten, die andere Alternative 10,3%. Damit kann keine der beiden Parteien regieren, wenn sie sich noch dazu so verhalten, dass die anderen Parteien mit der einen nicht koalieren können, wegen der Nähe zum Rechtsextremismus, mit der andern nicht wollen, wegen des ständigen Taktierens, Spaltens und Hetzens.

Ihren Wählern oder auch den Nichtwählern bleibt wohl nur zu schimpfen. Mit der Politikerschelte, die selbstverständlich unter die Meinungsfreiheit fällt, aber nicht produktiv ist, begann übrigens der Auflösungsprozess des Konsenses nach dem Ende des Kalten Krieges. Dem einen Politiker wird vorgeworfen, dass er nichts tut, dem anderen, dass er übereifrig ist, die eine ist inkompetent, die andere hat den falschen Beruf, der nächste verdient zu viel oder kauft zu teure Häuser, der wieder nächste verschwendet Steuergelder. Letztendlich steckt dahinter das Unbehagen an der Demokratie. Statt sich wenigstens in die Kommunalpolitik einzubringen und dort an Entscheidungen teilzunehmen, verbleibt man im Empörungsmodus. Empörung gibt einem das gute Gefühl, etwas erkannt zu haben, etwas getan zu haben, auf der richtigen Seite zu sein. Man scheint auch wissender als man ist. Der größte Teil der Empörung speist sich aus puren Behauptungen. In der sechzehn Jahre währenden Kanzlerschaft von Angela Merkel konzentrierte sich ein Großteil der sich sogar schon formierenden Empörung (Pegida, dann AfD) im Osten Deutschlands. Dafür gab es verschiedene Erklärungsansätze: die Ostdeutschen hätten sich noch nicht aus der Diktatur hinauswinden können, sie seien staatsgläubiger als die Westdeutschen, sie hätten ein besonderes Verhältnis zu Russland. Tatsächlich ging die besondere Russlandpolitik bereits von den Kanzlern Kohl und Schröder aus und wurde von Merkel nur fortgeführt. Die Pegida hatte ihren Ursprung tatsächlich in Dresden, die AfD dagegen hatte immer Führer aus dem Westen. Chrupalla ist der erste autochthone Ostbürger. Wahrscheinlich aber spielt die Herkunft, wie auch in anderen Bereichen, gar keine herausragende, vielleicht sogar gar keine Rolle. Empörung ist einfach von allen Aktivitäten die passivste, die trotzdem ein gutes Gefühl erzeugt: man muss nichts tun und ist trotzdem richtig.  

Demokratie, Säkularisierung, Globalisierung rütteln tatsächlich an den Grundfesten der alten Welt. Aber sie stammen nicht von Aliens vom Mars. Die Globalisierung begann, wenn man solche Großereignisse überhaupt an einem Datum festmachen kann, 1444, als das erste Schiff mit Sklaven aus Afrika nach Amerika unterwegs war. Die Religionen, die jetzt beklagen, dass ihnen die Menschen abhandenkommen, erklärten die Afrikaner für Nichtmenschen, damit sie entwürdigt und verwertet werden konnten. Allerdings muss man zur Ehre der Christen sagen, dass der Abolitionismus auch von Klerikalen in Portugal (Marques de Pombal), Großbritannien und den USA ausging. Jedoch spielte dabei auch die Aufklärung und die Ökonomie eine große Rolle. Die Aufklärung begann, wieder so ein Datum, am 2. November 1755, als Lissabon in einem Erdbeben, einem Tsunami und einem Großbrand zerstört wurde und der Kanzler Marques de Pombal sagte: Begraben wir die Toten und bauen wir die Stadt wieder auf. Die Religionen verharrten, statt darauf zu reagieren, in der Hoffnung, dass sie immer Staatskirche bleiben und der Glaube sozusagen polizeilich garantiert würde, so wie in Deutschland heute noch die Kirchensteuer ein Teil der Lohnsteuer ist. Die Säkularisierung führt also zur Demokratie, nicht zur Diktatur, allerdings auf langen, verschlungenen und widersprüchlichen Wegen. Immer noch ist die Sinuskurve die beste Abbildung dafür. Demokratie ist auf schicksalhafte Weise mit Wohlstand verbunden, und beide sind nie erreicht, sind asymptotisch. Die Coronakrise hat gezeigt, wie schnell viele Menschen in den Krisenmodus zurückfallen können. Beim ersten Lockdown wurde gehamstert, in der Folge gab es kein Klopapier (dummes Horten) und keine Hefe (schlaues Horten). Unter schlauem Horten verstehen wir die Parallele zum schlauen Bettler: er kauft sich Brot und ein Buch Wie werde ich Millionär?

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So wie die von Darwin beschriebene Evolution die Geduld der Natur vorschreibt, die aber kein Ziel und kein Ende hat, so ist die Demokratie die fast unmögliche Geduld ausgerechnet derjenigen Menschen, die Individualisten in einer bis vor kurzem unvorstellbar großen Menge, die durch Globalisierung aber eng verbunden und in einem ständigen Austausch befindlich, durch Säkularisierung aber ihrer bisherigen Wegweiser verlustig gegangen sind. Der berühmte Kierkegaard-Satz, dass wir vorwärts leben müssen, das Leben aber nur rückwärts verstehen können, ist beinahe noch zu optimistisch, denn wir können vieles historisch auch nicht richtig verstehen, weil wir immer zu viel Vernunft und Logik in unendliche Mengen von zufälligen Ereignissen hineininterpretieren. Vernunft und Logik sind nicht Triebkräfte der Geschichte, sondern Elemente ihrer Beschreibung. Außerdem interpretieren wir die Wirklichkeit mehr in ihren ikonografischen Dimensionen als nach tatsächlichen Ereignissen, die uns nach wie vor nicht zugänglich sind, die nicht verborgen werden, sondern verborgen sind. Je mehr Bilder es gibt, desto mehr werden sie für die Wirklichkeit gehalten. Das Goldene Kalb, das einen sichtbaren Gott einem unsichtbaren vorzog, ist wieder einmal Wirklichkeit geworden.

Wir werden nicht mehr von charismatischen Führern geführt, sondern von enigmatischen Bürokraten, die einerseits allwissend sind, andererseits uns immer wieder befragen, ob wir noch da sind, wieviel wir verdienen und ob wir noch zu Transparenz und Kooperation bereit sind. Die Bürokratie selbst verbirgt sich hinter Öffnungszeiten und Inkompetenzen. Das beste Beispiel dafür ist die Verwaltung der Bundeshauptstadt und des Landes Berlin, allein schon diese Doppelfunktion ist ein bürokratisches Monster. Man muss aber auch sehen, dass wir einerseits den Mangel an Vereinfachungen und Digitalisierungen beklagen, andererseits aber am Bargeld kleben. Kein Wunder also, dass hinter all den unverständlichen und unlogischen Erscheinungen ein böser oder guter Geist vermutet wird, der sowohl Gott abgelöst hat als auch den Despoten, dem man dankbar sein oder den man verfluchen konnte (‚Der Bauer an seinen durchlauchtigen Tyrannen‘). Die meisten Menschen in den gegenwärtigen großen Demokratien haben lange und mit großem Unverständnis auf die Sehnsucht nach charismatischen und allwissenden Führern herabgeblickt, ohne zu bemerken, dass sie selbst überall den Weltgeist, das Unglück, das Böse, die Vernunft, die Unvernunft, die Ungerechtigkeit, die Ungleichbehandlung, den unermesslichen Reichtum, die unverschuldete Sklaverei, die Zunahme des Verbrechens und so weiter vermuten.

Jede neue Sicht wird beargwöhnt. Die alten Feinde der Menschheit Rassismus, Klassismus und Sexismus glaubt man fern. Gendern erscheint so gesehen als unverständlicher, despotischer Eingriff in die angeblich eigene Sprache, in die vermutete Intimsphäre. Die Diskriminierung des anderen wird billigend in Kauf genommen. Das ändert sich, wenn man sich in den Schönhauser  Allee Arkaden mit einer Frau trifft, die man früher als junger Mann kannte. Dann beginnt man zu überlegen, wer, wie, was ist. Ebenfalls in Berlin, im Alten Museum, gegenüber vom Haus am Werderschen Markt, steht der so genannte Berliner Hermaphrodit. Er ist knapp zweitausend Jahre alt und zeigt, wie alt das Problem und wie schön man schon früher damit umgegangen ist: sexuelle Identität ist fragil. Wir haben das große Glück, in einer Zeit zu leben, in der winzigen Minderheiten die umfassende, längst überfällige Würde zurückgegeben wird, denn wir können vermuten, dass Diskriminierung oder Segregation Zutaten von Herrschaftsmechanismen der staatlichen und religiösen Ordnungen und Ideologien waren und sind.

Hinter jeder Umbenennung wird demzufolge auch eine banal-böse Macht vermutet und nicht etwa einfach neue Erkenntnisse. Wer zum Beispiel beobachtete, dass die Greifswalder Universität ihren Namen abgelegte, kann das als Abschütteln der Nazivergangenheit deuten oder als Distanzierung von wichtigen Traditionen. Aber alle Traditionen sind historisch, sie kommen und vergehen und sie werden, solange sie da sind, maßlos überschätzt, wenn sie aber verschwanden, schnell vergessen. Deshalb erklären autokratische Staatsysteme jedes zweite Ereignis zur tausendjährigen Tradition. Das Alter einer Universität hat nichts mit dem Namen zu tun, zumal wenn er erst vor kurzem von fragwürdigen Gestalten verliehen wurde. Die Greifswalder Universität verdankt ihren nun abgelegten Namen den Nazis und die Ablegung einem Beschluss des Senats und einer Befragung der desinteressierten Studenten, was sich in der äußerst geringen Wahlbeteiligung zeigte. Was sagen die Pommern dazu? Die Pommern sagen dazu nichts, weil sie schon lange nicht mehr wissen und wissen wollen, wer Ernst Moritz Arndt war. In Greifswald leben auch nicht nur Pommern und schon gar nicht nur geschichtsinteressierte Pommern. In Greifswald lebte vor vielleicht fünfzehn Jahren eine afrodeutsche Bratschistin, die im Stadttheater arbeitete und von einer rassistischen Kellnerin nicht bedient wurde. Aber das ist lange her und zeigt jedoch, wie übel lange Traditionen wirken. Natürlich ist niemandem (von wem auch?) verboten, Pommern zu sagen oder zu lieben. Selbst in der DDR war es nicht verboten, aber unerwünscht. Statt dessen sollte man sagen, man lebe im Bezirk Rostock oder im Bezirk Neubrandenburg. Dieser – aber auch nicht gewaltsame – Eingriff wirkt bis heute nach, so dass Menschen in Pommern glauben, dass sie nicht in Pommern leben oder nicht Pommern sind. Aber vielleicht neunzig Prozent aller Menschen interessieren sich nicht dafür. Pommern als Identität war wichtig, solange die meisten Menschen lebenslang in ihren Dorf sozusagen gefesselt waren, gefesselt durch Familie, Arbeit, Tradition, Unwissenheit, vor allem mangelnde Navigation. Statt dessen ist in einer Demokratie alles erlaubt, was nicht ausdrücklich verboten ist, wie zum Beispiel das Hakenkreuz, weil es in Deutschland eben nicht ein altindisches Sonnensymbol ist, sondern weil bei uns bis auf den heutigen Tag die einseitige Interpretation als Kennzeichen einer rassistischen und militaristischen Diktatur vorherrscht. Es ist auch nicht verboten (von wem auch?), Menschen aus Afrika als Neger zu benennen. Nur zeigt man damit, dass man in letzter Zeit nicht viel verstanden hat. Nicht erlaubt ist dagegen, die Würde eines Menschen ‚anzutasten‘, wie es im Grundgesetz heißt.

Andererseits kann durch ein Gesetz, so falsch oder unpopulär es auch immer dem einzelnen erscheinen mag, keine jahrtausendealte Identität zerstört werden, weil es die nicht gibt. Nationen etwa begannen sich erst im 18. Jahrhundert herauszubilden, und sie sind immer ein zweifelhaftes Konstrukt [Ernest Renan].  Identitäten und Definitionen sind ebenso historisch wie fragil, fragwürdig und zweifelhaft. Definitionen sind meist tautologische Plattitüden, Identitäten dagegen gleichen eher idealisierten Wunschbildern. Da alles in Bewegung ist, sind Definitionen so falsch wie Tatortfotografien. Nichts ist mit etwas anderem identisch, noch nicht einmal mit sich selbst.

Ob jemand sein Dorf, zunehmend auch seine Stadt, eine Region, ein Land, vielleicht sogar eine Nation oder einen ganzen Kontinent, wie viele Afrikaner tun, als seine Heimat festlegt, kann der- oder diejenige nur selbst wissen. Bei vielen Menschen ändert sich das auch. Seit eh und je, und auch heute noch, gibt es Nomaden und Sesshafte und tausend Zwischenformen.  Migration kann ein Ziel haben (Amerika), kann aber auch nur Flucht sein.  Sesshaftigkeit kann ein Ausdruck von Treue und Loyalität sein oder aber einfach Dummheit (‚stupid economy‘).  

5

Obwohl ich selbst immer die Multikausalität beschrieben habe (jedes Ereignis hat tausend Gründe, jedem Grund folgen tausend Ereignisse, alles überschneidet, widerspricht und schließt sich aus und ein), müssen doch auch Generalisierungen möglich bleiben.

Viele Menschen glauben zu sehr an den Staat. Sie verstehen nicht oder wollen nicht verstehen, dass der Staat kaum mehr sein kann als sie selbst. Wer den von ihm geschätzten oder gewählten Staat als alternativlos sieht, missachtet seine Mitmenschen. Wer den Staat, in dem er lebt, ablehnt, lehnt sich selber ab. Er müsste den Staat umstürzen oder gehen. Die DDR und Eritrea sind dafür schöne Beispiele. Die Divergenz des Staates mit seinen Bürgern kann man dank eines der besten Geschichtsbücher der letzten fünfzig Jahre*** bis ins letzte Detail und bis ins letzte Dorf studieren. Selbst gutgemeinte Wissenschaft führte zu Rassismus, wenn sie die Prämissen (Traditionen) von gestern als Maßstab anlegt, und selbst der bestmeinende Despot (Baudouin)  wird in seiner Imitation (Mobutu) nicht nur zur Farce, sondern zum Monster. Mobutu hatte übrigens Ceausescu als Vorbild, der wiederum den Personenkult von Kim Il Sung imitierte.

Der Staat, als Staatsapparat, als Exekutive, ist ein Ordnungsinstrument, letztlich ein Attribut der Gemeinschaft. Durch seine Macht (Fiskus, Polizei) sehen wir ihn aber als Akteur. Der eigentliche Akteur ist das Parlament im Auftrag seiner Wähler. Da wir aber den gesamten Parlamentarismus nur medial konsumieren, oft sogar ignorieren, erscheint er uns als irrelevant.

Menschen in Ländern mit vielen oder gravierenden Problemen sehen die Lösungen deshalb im starken Staat, im charismatischen Führer. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich aber, dass Charisma nur im engen Raum-Zeit-Rahmen wirkt. Hitler erscheint uns heute als Parodie Chaplins ohne happy end. Trump und Berlusconi zeigten sich als Politclowns. Clowns, im schlechten Sinne, gibt es auch bei uns: Gysi, Wagenknecht, Höcke, sie brillieren mit einer Rhetorik, die einen kleinen Kreis von Menschen magisch anzieht, die sogar danach süchtig werden.  Dadurch sind sie in den omnipräsenten Medien omnipräsent und erscheinen diesem engen Kreis von Menschen als die eigentlichen Macher oder Führer. Immer steht unter YouTube-Videos mit Wagenknecht: Wagenknecht muss Kanzlerin werden. Aber auf demokratischem Weg kann Wagenknecht zum Glück für uns alle nie Kanzlerin werden. Das ist ein Problem der Demokratie, das nur durch Bildung zu lösen ist. Wenn wir die 100 Milliarden Euro für die Rüstung akzeptieren, müssen wir zugleich 100 Milliarden für Bildung fordern. Nur damit können wir erreichen, dass ein Argument erkannt oder gefordert wird.

Die Allgegenwart von Medien und medialen Nachrichten vertieft die Verwechslung vom Ereignis und seinem Bild. Wir nehmen die Welt als Kommentar wahr. Der Unterschied zu früher ist, dass wir die Welt überhaupt wahrnehmen können, was früher in einem pommerschen oder anderswoigen Dorf schier unmöglich war. Es ist also ein Fortschritt, der natürlicherweise ein neues Problem hervorgebracht hat. Wie dem Alkoholiker muss man dem modernen Menschen die Flasche entziehen. Es ist nicht nur so, dass es viele, zu viele Nachrichten gibt. Die Nachrichtenmacher stehen vielmehr in einem ständigen Zwang, etwas melden oder kommentieren zu müssen. Selten gibt es gute Nachrichten. Nie sagt ein Nachrichtensprecher: heute ist nichts relevantes passiert. Und das würde auch nicht stimmen. Aber nicht alles, was passiert, wissen wir oder ist für alle relevant oder auch nur interessant.

Das ist alles schon tausendmal beschrieben worden, und trotzdem schaffen wir es nicht, unseren Fernseher oder das Handy auszuschalten. Wir müssen lernen, damit zu leben. Es ist nicht schlecht, informiert zu sein, aber zu viel Informationen führen zu einer neuen Formiertheit, wenn nicht sogar Uniformiertheit, die dann ganz schnell in Uninformiertheit zurückschlagen kann. Die rechte Kritik an den von ihren Protagonisten mainstream genannten Medien hat die eigenartige Lösung in noch kritikwürdigeren, nun auch noch unprofessionellen, absolut tendenziösen Medien, ganz ohne Korrespondenten und Kompetenzen. Auch Linksaußen folgt man lieber der vorgegebenen Ideologie, gestern zum Beispiel wurde ein sozial verträglicher Klimawandel gefordert. Dabei geht es nicht um die Lösung des Problems, sondern um die Erhaltung der Wählerschaft. Das ist natürlich bei jeder Partei so, aber die anderen sehen sich nicht als Alternativen zueinander, sondern als Komplementäre in zukünftigen Koalitionen.

Fernsehen und Internet verleiten uns auch dazu zu glauben, dass wir nicht nur alles wissen, sondern alles besser wissen.

Der Jäger und seine Sammlerin brauchten keine Nachrichten. Sie hatten nur 45 Jahre zu leben und mussten sich täglich um das Essen und die Kinder kümmern. Das bisschen Freizeit ging dafür drauf, die Götter günstig zu stimmen.  Die Dorfbewohner im alten Pommern hatten einen streng reglementierten Tag, eine durchgestylte Woche und ein sich immer wiederholendes Jahr. Nur Schicksalsschläge und Kriege störten die Monotonie. Die Kartoffel, die Dampfmaschine, der Brühwürfel, die Eisenbahn, das Fahrrad, das Automobil, das Telefon, die Schallplatte, schließlich Radio, Fernsehen und Computer brachen die festen Rollen und rigiden Regeln auf. Jetzt haben wir Wohlstand, Bildung, Freiheit, Demokratie, Säkularisierung, Globalisierung und langes Leben und bejammern den Verlust von Heimat, irgendein Dorf mit Latrine.  

*Ministerium für Staatssicherheit, DDR 

**Kiew = russische Transkription 

***David van Reybrouck, Kongo, 2010

WEIHNACHTSBRIEF 2022

 

antwort: leidenschaft für gott

kann nur leidenschaft für menschen sein

was du meinem geringsten bruder getan hast

hast du mir getan und nicht umgekehrt

nicht mit symbolischen yesuspuppen spielen

sondern jedem kind aufmerksamkeit schenken  

wir müssen keinem kult folgen

-lass deine linke nicht wissen was deine rechte tut-

sondern einfach der nächstenliebe

und der ehrfurcht vor dem leben

An einem Freitag im Advent rief mich unser Bäckerladen an, um mir zu sagen, dass mein Dinkelvollkorn trotz der gestrigen Absage doch da sei. Die polnische Verkäuferin, die sehr freundlich und beliebt ist, hatte nicht verstanden, dass das zurückgelegte Brot für mich war. Sie wollte nichts falsch machen. Das ist der Vorteil der Kleinstadt und des Landlebens. Seitdem ich keine Klasse mehr in Berlin habe, verstärkt noch durch Corona, betätige ich mich hier, und das wird dankbar angenommen. Die Mitarbeit beim Zensus hat mein Verständnis für die indigene Bevölkerung vertieft. Wenngleich ich diese Kenntnis nicht verlauten lassen darf, ist sie doch in mein Weltbild eingezogen. Meine Welt ist sozusagen um ein Uckermarkstädtchen reicher geworden. Ich habe meinen Gaststatus aufgegeben. Bald werde ich mein halbes Leben hier verbracht haben. Meine Arbeitsstellenbilanz war auch nicht schlecht: vierzig Jahre an einer Schule, die allerdings wie ein Chamäleon mehrmals ihre Farbe wechselte. Lange Zeit war es uns sogar gelungen, den genius loci zu erhalten: eine Schule mit menschlichem Antlitz. Gern würde man in diesem beschaulichen Bilanzstil fortfahren, wenn da nicht der Krieg wäre, dessen neue apokalyptische Reiter Inflation, Energiekrise und Flucht heißen. Aber halt: vergleicht man die Flucht der Ostpreußen und Hinterpommern vor der Roten Armee im Jahre 1945 mit der Flucht der Ukrainer im März 2022 nach Polen und Deutschland, so sieht man sofort, dass die fünfundsiebzig Jahre dazwischen nicht umsonst waren. Die aktuellen Flüchtlinge kamen in Autos und Bussen, sie wurden überwiegend freundlich aufgenommen. In unserer kleinen Stadt ist es schnell gelungen, für Wohnraum, Deutschkurs, Schule und Behördenerträglichkeit zu sorgen. Die Probleme blieben klein und lösbar. Die Energiekrise ist bisher nur Befürchtung, der Holzpreis stieg zwar enorm, verharrt aber unter dem Gaspreis. Die Inflation ist für unsere Verhältnisse beträchtlich, behindert aber das Konsumverhalten der hiesigen Bevölkerung nicht. Gegen die Bösartigkeit oder Verworrenheit der Welt kann man nur konkret handeln. Man muss etwas Konkretes tun, damit es auch für einen selbst besser wird. Jeder Tropfen auf den heißen Stein kühlt die Wut und höhlt den Stein, jedenfalls letztendlich. Das waren alles immer nur als Fertigteile gelieferte Ausreden. Tatsächlich wird das Paradox zum Spagat: die guten Zeiten haben wir uns jahrzehntelang zum Idyll beschworen. Am Ende des kalten Krieges  wurde der abseitige und pseudoreligiöse Gedanke von Hegel durch Francis Fukuyama zur Weltformel erhoben: Das Ende der Geschichte. Demokratie schien überall angestrebt und gelebt zu werden. Schon damals haben wir die großen Ausnahmen übersehen, China, den politischen Islam, die Macht des Militärs, die auch weiter im Westen – wenn auch nicht gerade bei uns – gepflegt wurde. Wir haben übersehen, dass die nicht aufhaltbaren schleichenden Prozesse der Säkularisierung und Globalisierung auch tiefe Löcher reißen, Leere hinterlassen, wo sich früher Nationen, Götter und Rituale befanden. Das Böse und die Bösen wurden dagegen immer schon zur Apokalypse gesteigert, deren große Anziehungskraft wir ebenfalls unterschätzt haben: ‚den entrollten Lügenfahnen / folgen alle. Schafsnatur‘ heißt es schon im ‚Faust‘.

Wem sollen wir folgen? Wer wird uns folgen? Ist folgen überhaupt die gute Bewegung? Alles fließt kann auch heißen, dass alles wegfließt oder überschwemmt oder austrocknet. Wünschen wir uns, dass wir wegwerfen, was weggeworfen werden muss, und dass wir festhalten, was festgehalten werden will, und dass wir gut unterscheiden lernen. 

Trotzdem: kommen aus Moor, das vielleicht zurück zur Natur findet, die besten Wünsche für ein gutes Jahr.

SICH WENIGER SCHADEN

…if we understood ourselves better, we would damage ourselves less… james baldwin

Kurz vor Weihnachten 1989 wurde das Diktatoren- und Verbrecherpaar Ceauşescu erschossen. Elena Ceauşescu sagte zu dem Soldaten, der sie vorher – fast biblisch – mit einem Strick fesselte: Ja, weißt du denn nicht, dass ich die Mutter der Nation bin? Das wirft die Frage auf, ob die Diktatoren und Autokraten ihren eigenen Erzählungen glauben.

Fast kein Mensch der östlichen Bundesländer hat 1961 die Mauer gewollt oder gebaut. Entweder sind die Planer und Erbauer tot oder sie verstecken sich. Aber auch kaum ein Bewohner der ehemaligen DDR hat gegen das Narrativ der Mauer als antifaschistischer Schutzwall protestiert. Wir haben dieses monströse Diktum zwar selbst nicht benutzt, sind aber auch während keiner Rede aufgestanden, in der es benutzt wurde. Vielleicht haben wir schon damals überlegt, ob der Redner glaubt, was er sagt. Mancher Redner und heutige Apologet hat das Wortmonster auch abgeschwächt, indem gesagt wurde, dass die Mauer – plötzlich war es doch eine Mauer – den Frieden gerettet oder das Ausbluten der DDR verhindert habe. Die gesamte Militarisierung der Ostrepublik geschah ja unter der vermeintlichen Aggressivität der NATO, die sozusagen auf den Sprung bereitstünde, womöglich den gesamten Ostblock zu schlucken. Es verging kaum eine Honeckerrede, in der er nicht sein Lieblingsbild von der Bundeswehr malte, die mit klingendem Spiel durch das Brandenburger Tor hereinmarschiert käme. Im Gegensatz zur NVA war die Bundeswehr bekanntlich nicht in Berlin anwesend. Diese ständige Drohung diente vor allem auch der Aufwertung der DDR: seht, wir sind wenigstens eine begehrte Beute. Denn viele Menschen waren unzufrieden, manche mit der Versorgungslage, andere mit der Unfreiheit, wieder andere mit der verordneten Provinzialität unseres kleinen Landes. Aber wir alle, die Unzufriedenen und die Zufriedenen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, duldeten, dass die Mauer, die uns hinderte zu verreisen, offiziell einen absurden Namen hatte, der sie rechtfertigen sollte. Es gab im Westen Nazis, aber es gab auch im Osten Nazis. Wie sollte denn, hätten wir uns fragen müssen, die Mauer verhindern, dass Nazis oder deren Propaganda zu uns in den Osten kommen können? Einige besonders schlaue Nazis waren im Osten geblieben, die krassesten Beispiele sind der Auschwitzarzt Fischer, der Rottenführer in Treblinka und Warschau Josef Blösche, der sogar auf einem weltbekannten Foto zu sehen ist, auf dem er martialisch seine Waffe auf einen kleinen Jungen mit kurzen Hosen und Mäntelchen richtet. Selbst in dem kleinen beschaulichen Brüssow konnte ein Mann* LPG-Vorsitzender werden, der im Baltikum zunächst für die SS übersetzte, dann mordete. Er hatte alles gefälscht: seine Vergangenheit, seine Gegenwart und seine Zukunft, aber er war in diesem winzigen Städtchen erkannt worden. Die Vergangenheit des Chefs der Planungskommission Erich Apel, der sich erschoss oder erschossen wurde, wird für immer im Dunkel des unterirdischen Raketenbaus bleiben, von dem er sich während seiner Zwangsverpflichtung in der Sowjetunion reinwaschen zu können glaubte. Den traurigen Gipfel der kleinen Nazis, die auch in der DDR großwurden, stellt aber Willi Stoph dar, dem es gelang, aus einem die Nazis verherrlichenden kleinen Bautechniker zum Armeegeneral, zum Minister, Ministerpräsidenten, Staatsratsvorsitzenden, zum ewigen zweiten Mann aufzusteigen, der neben den altkommunistischen Kadern Honecker, Axen, Sindermann, Mielke und Neumann, der sogar auch aus Neukölln stammte, bis zum letzten Tag der DDR fortexistierte. Das ist Vergangenheit. Globke, Gehlen und Kammhuber, der es auch bis zum Viersternegeneral brachte, konnten ihre Bedeutung im Nazireich herunter- und ihre Kompetenz heraufspielen, aber sie waren immer bekannt und umstritten.

Dass aber nun Putin nach so langer Zeit das ‚antifaschistische‘ Bild geradezu aufwärmt, hat sowohl mit seiner Zeit als Geheimdienstoffizier in der DDR zu tun, aber auch mit den überdimensionierten alljährlichen Siegesfeiern auf dem Roten Platz. Siegesparaden gibt es auch in Frankreich, allerdings dienen sie dort wohl mehr der Demonstration einer nach wie vor den Amerikanern und Briten  ebenbürtigen Militär- und Atommacht. Welthistorisch gibt es dagegen nur zwei Punkte, in denen Russland, auch in der Form der Sowjetunion, wirkliche Bedeutung hatte: den mit den Westalliierten zu teilenden Sieg über Hitlerdeutschland und den Sputnik. Inwieweit sich die sowjetische Raketentechnik von der untergegangenen deutschen ableitete, können nur Militärhistoriker entscheiden. Tatsache ist, dass Koroljow, der Konstrukteur, 1945 in Deutschland auf Braindrainsuche und dass er fast zehn Jahre lang in einem Gulag war. Dass er das Schicksal der Verfolgung mit so vielen Generälen und Konstrukteuren teilen musste, zeigt die Zerrissenheit Russlands. Vielleicht ist es zu weit hergeholt, aber der Streit zwischen den ‚echten Russen‘ und den als ‚Westlern‘ denunzierten Reformern tobt in Russland seit dem  Dekabristenaufstand gegen Zar Nikolaus I. Er war nicht der legitime Thronfolger seines am Krimfieber gestorbenen Bruders Alexander I., sondern er kam durch den Verzicht seines älteren Bruders Konstantin überraschend an die Macht. Das wurde als Aufstandssignal der Reformer, die durchweg aus der militärischen Führungsschicht kamen, verstanden: sie verweigerten den Treueeid. Nikolaus reagierte wie später Putin: er ließ die Rädelsführer hängen und 600 von ihnen nach Sibirien deportieren.  Aber das Ergebnis war in jeder Hinsicht fatal: Russland verharrte im ultrareaktionären Modus, einige Ehefrauen der Verbannten – wie die Fürstin Wolkonskaja – wurden weltberühmt, weil sie ihren Männern freiwillig folgten, und die Dekabristen selbst brachten als erste Kultur und Bildung nach Sibirien. Tolstoi hat das Motiv später umgedreht: er lässt den schuldigen Mann, auch er ein Fürst, freiwillig mit nach Sibirien gehen. Die mangelnde Loyalität der Eliten gegenüber ihrem Volk, das sie verachten, die grundsätzlich kolonialistische Haltung der Politik seit Iwan dem Schrecklichen**, die außerdem zeigt, dass eine Terrorherrschaft immer im Chaos endet,  die Rücksichtslosigkeit der Gewaltherrscher, all das steht einem opferbereiten Volk gegenüber, das aber auch immer lange stillhält. Die ‚militärische Spezialoperation‘, die ein Blitzkrieg werden wollte, und die ‚Entnazifizierung der Ukraine‘, die die Übernahme der Regierung in Kiew hätte sein sollen, stammen aus dem demselben Wörterverzeichnis wie der ‚antifaschistische Schutzwall‘, dessen Zaun in die falsche Richtung blickte.

Es geht hier nicht um Glauben. Weder ist es wichtig, was die Diktatoren glaubten und glauben, noch was die getäuschten Völker tatsächlich glauben. Wichtig ist nur, dass die Menschen in einer Art Ruhestellung gehalten werden und sich halten lassen, die noch nicht einmal Loyalität sein muss. Den Russen geht es heute besser als in der als Chaos empfundenen Jelzin-Ära und weit besser als in der Sowjetzeit. Den DDR-Bürgern ging es vergleichsweise im Ostblock besser als allen anderen Völkern, eingeschlossen die Sowjetunion, die angeblich auf einem weit höheren gesellschaftlichen Niveau sich befunden haben soll.  Der 9. Mai, der Tag des Sieges, und der Erdumlauf des ersten Sputniks am 4. Oktober 1957 und die bis 1969 andauernde Führungsrolle der sowjetischen Weltraumforschung haben die Großmachtwünsche der Russen bis heute getäuscht. Denn trotz dieser unbestreitbaren Leistungen ist Russland sowohl von der Größe seiner Wirtschaft als auch vor allem vom technologischen Stand her nur eine Regionalmacht. Russland hat doppelt so viele Einwohner wie Deutschland, aber ein Bruttoinlandsprodukt, das nur halb so groß ist und sich im wesentlichen aus der Ausfuhr von unbearbeiteten Rohstoffen speist. Bisher hatten wir angenommen, dass es über eine riesige Militärmacht verfügt. Nun zeigt sich aber, und das ist ein vielkolportierter ukrainischer Witz, dass aus der zweitstärksten Armee der Welt die zweitstärkste in der Ukraine geworden ist. Und wieder, diese Woche, ist die russische Antwort Extensivierung. Nun will der größenwahnsinnige Präsident die kämpfende Truppe auf anderthalb Millionen Mann vergrößern.

Hinter der verlogenen Erzählung von der ‚antinazistischen Spezialoperation‘ lugt die nächste geopolitische Katastrophe für Russland hervor. Es bleibt zu hoffen, dass sich diesmal Führer finden lassen, die die Herausforderung und die Chance, die sich in solchen Zusammenbrüchen auch zeigen können, begreifen und ergreifen. Die geopolitische Katastrophe wird aber, auf der anderen Seite, vielleicht ein Dutzend instabiler Zwergstaaten mit solchen Gestalten wie Kadyrow hervorbringen, die sich dann die nächsten zwanzig Jahre um die Grenzen und die Pipelines streiten werden.

Wir können nur hoffen, dass der Westen, wir, inzwischen lernen wird, ohne fossile Brennstoffe und ohne Verbrechersysteme auszukommen.

Lasst uns also 100 Milliarden in die Bildung investieren, damit es neue Liebigs, neue Röntgens***, neue Siemens und neue Şahins  geben wird.

*Kurt Goercke, hingerichtet 1961

**1530-1584

***Conrad Röntgen haben wir nicht nur wegen seiner überragenden technologischen Leistung, sondern auch wegen seiner bemerkenswerten Moral aufgenommen

SCHWEDTER PERSPEKTIVE

Es ist bitter kalt an diesem vorweihnachtlichen Tag in der Kleinstadt Schwedt. Nebelschwaden und ein aufkommender Schneesturm verbreiten eine Stimmung wie auf der Bühne von Macbeth. Im Dunst der kriegszerstörten Katharinenkirche – sei sie nun koptisch, orthodox, katholisch, anglikanisch, lutherisch, protestantisch, evangelisch, calvinistisch-hugenottisch, reformiert, altlutherisch, pietistisch, neuapostolisch, adventistisch, baptistisch, bibelforscherisch, scientologisch oder evangelikal – erwartet man eher die Hexen, die Macbeth eine üble Zukunft voraussagen. Das Damoklesschwert möglicherweise bitterer Entscheidungen hängt auch über der kleinen Stadt mit ihrer kaleidoskopischen Vergangenheit: Germanen, Slawen – daher der Name: swet heißt Licht -, deutsche Besiedlung und Christianisierung, dreißigjähriger Krieg, Gustav II. Adolf, der Kriegsgott, der nirgendwo fehlen darf, die brandenburgisch-preußische Nebenlinie als Markgrafen von Brandenburg-Schwedt, für die Bach seine Brandenburgischen Konzerte schrieb, die Garnison, die Juden, die Hugenotten und schließlich die Pipeline, die über 5327 Kilometer Öl aus Sibirien nach Deutschland bringt. Die Pipeline brauchte ein Stadt, die von Selman Selmanagić im Widerstreit mit Walter Ulbricht geplant und erbaut wurde. Alle Diktatoren halten sich kraft ihres Scheinerfolgs und kraft ihrer Pseudoideologie für allwissend und allvermögend, wie auch Ulbricht. So kam es, dass in Schwedt eine Stadt ohne Schulen, ohne Einkaufszentren, ohne Läden und Arztpraxen entstand. Die angeworbenen Menschen waren trotzdem zufrieden, weil sich ihr Leben, sie kamen aus zerfallenden Altstädten mit Kriegsruinen, deutlich verbessert hat. Später wurde die Infrastruktur nachgebessert, die Stadt verlor aber nie ihre steppenartige Weite. Fast nebenbei entwickelte sich eine neue Bourgeoisie, die stolz ihr Kulturhaus (1978), das heutige Theater, und ihr Klinikum (1973) verwaltete.

Im Schwedter Blickwinkel erschießt Woyzeck seine Peiniger. Es ist die ultralinke Schielweise, die sich nicht mehr von der ultrarechten Blindheit unterscheiden lässt. Woyzeck war Soldat, ist traumatisiert, arbeitet für einen Hauptmann, den der Krieg entstellte, und für einen Arzt, der angesichts all des Elends dieser Welt sein Heil in der Wissenschaft sucht. Er testet an Woyzeck neue Ernährungen, die alle mehr als satt machen sollen. Sie erzeugen aber nicht nur schizophrene Schübe, sondern auch Muskelatrophie. Weder dem Arzt noch dem Hauptmann ist das Dilemma der Eliten bewusst: sie verachten, die sie führen sollten. Aber auch Woyzeck versteht nicht, dass er ohne die Eliten, so zynisch sie auch sein mögen, nicht leben kann. Und er will besser leben: er spart für die geplante und dann so gründlich gescheiterte Idylle, sein Leben mit Marie und dem Kind. Marie aber sieht in einer Gesellschaft ohne soziale Durchlässigkeit nur einen Weg nach oben: sich mit dem Tambourmajor einzulassen, der ein Mann wie eine fleischgewordene Idealskulptur und aus einer weit höheren Hemisphäre zu sein scheint.

Das Beseitigen der Peiniger erscheint gerecht, wenn man im genialen Büchner nur den Verfasser von ‚FRIEDE DEN HÜTTEN! KRIEG DEN PALÄSTEN!‘, des Hessischen Landboten also, sieht. Aber Büchner kannte auch die Alternativen. In Gießen hatte er Justus Liebig kennenglernt, vielleicht mit ihm über dessen Ansatz des ESSEN FÜR ALLE HEISST FRIEDEN FÜR ALLE geredet. Der gutartig revolutionäre Brühwürfel löst die Probleme der bösen Welt.  Das tödliche Erbsenexperiment des bornierten Arztes, der nicht Liebig ist, spricht dafür. Büchner wusste aber auch: ‚Jeder Mensch ist ein Abgrund‘ [Woyzeck] und er fragte ‚was ist es, was in uns hurt, lügt, stiehlt und mordet‘ [Dantons Tod]. Kurzum, Büchner erkannte: aus allein einem Grund ist die Welt nicht zu verstehen und zu verändern. Wenn man das berücksichtigt, erscheint das Beseitigen der Peiniger als bloße Rache, als erneutes Recht des Stärkeren, des nun erstarkten Schwächeren, als bloße Umkehr. Die Welt wird sich nicht bessern, wenn wir uns verschlechtern. 

Indessen taucht im Nebel der Katharinenkirche eine Glühweinbude auf, vor der ein einziger Mensch steht, und in der eine einzige Menschin Glühwein und Tee anbietet. Der Platz und die Straße sind ansonsten menschenleer. Wie vom Erdboden verschluckt ist das Volk, das doch Weihnachten feiern und die Regierung hinwegfegen will. Wir nähern uns beinahe ängstlich, so einsam und gespenstisch ist die Szene. Wir hätten uns nicht gewundert, wenn eine der drei Macbeth-Hexen uns zugerufen hätte: fair is foul and foul is fair, auch durchaus passend zur Fußballweltmeisterschaft im Land der himmelschreienden Gerechtigkeit. 

Indessen ruft der alte Mann in brutalem Sächsisch, das er sich über sechzig Jahre Schwedt erhalten konnte,  dass die Grünlinge gerade dabei wären, die Erdölraffinerie zu zerstören und zu verramschen. Ich will zu einem heftigen Schlagabtausch ausholen, als um die Ecke, aus der Vierradener Straße ein kleines Häuflein kommt, angeführt von einem Trommler, so wie früher. Sie halten Schilder und Fahnen hoch, darunter die russische und die des deutschen Kaiserreichs. Und sie skandieren, von ihrer Trommel und ihrem Gleichschritt geführt: WIR SIND DAS VOLK UND WIR WOLLEN, DASS KEIN GESETZ SEI!* Ein Fenster öffnet sich und eine dicke Frau ruft wutentbrannt:  Puppen seid ihr, von ungewollten Gewalten am Draht gezogen.* Das Volk, sagt die Frau in der Glühweinbude, das Volk amüsiert sich im Konsumtempel, in der Kaufrauschkathedrale, im Odercenter und genießt dort die Sonderangebote und Rabattverseuchungen. Das Gespenst, das hier umgeht, ist die Dummheit in ihrer Giervariante. Man folgt dem einfachsten Argument: wem nützt es. Aber man kommt nur weiter, wenn man die Antwort manipuliert und fantasiert und beliebig die Amerikaner, die Russen oder gar die Juden einsetzt, hier, wo es sogar eine Jüdenstraße und eine Veit-Harlan-Straße, benannt nach einem Kaufmannsgeschlecht, gibt. Die Schließung der Raffinerie und Beseitigung der Peiniger nützt wahrscheinlich niemandem, vielleicht der Natur noch am meisten. Vielmehr schadet sich der Verursacher wahrscheinlich selbst am meisten. Wir sollten das besser wissen, waren doch unsere Vorfahren auch solche Verursacher von Leid und Pein: ‚Was ist es, was in uns hurt, lügt, stiehlt und mordet?‘ Ich frage die Frau in der Glühweinbude, wie sie in die Glühweinbude geraten ist. Sie lacht und sagt, dass sie in einer Bürgerkulturinitiative wirkt, eigentlich Ärztin sei und nun in einer Mischung aus Langeweile und Gutestunwollen hier stehe und nicht anders könne. Wir reden, sagt sie, mehr über die Zukunft als über die Vergangenheit. Wir glauben: MACH, WAS DICH KAPUTT MACHT, GANZ. Das ist die einfache Umkehrung einer allzu einfachen ultralinksrechten Losung von Woyzeck und Rio Reiser, die sich beim Rasieren trafen und dabei zur Trommel sangen: Mach kaputt, was dich kaputt macht. Sie merkten nicht, dass das nur die Kehrseite von bis alles in Scherben fällt** ist  

Im Theater hingegen ist die letzte Szene, das Finale, herangereift. Marie ist wieder auferstanden. Sie meuchelt nun ihrerseits Woyzeck, um es eine Sekunde später zu bereuen. Zu sehr ist der moderne Mensch, sind wir, daran gewöhnt, canceln zu können, zurückzuspulen, zu resetten. Alle träumen vom großen Reset. Wer hat nicht alles den neuen Menschen erfunden oder erfinden wollen, statt die Welt wenigstens ein My zu verbessern. Der ‚neue Mensch‘ war immer nur Rechtfertigung für die Beseitigung des alten Menschen. Man kann sich Menschen und Welten nicht aussuchen. Aber die Stolpersteine zeigen, dass man Menschen, unsere Schwestern und Brüder, auch nicht beseitigen kann. Die Namen haben sich eingebrannt. Ihr Erbe steht zwischen ihnen und uns: die gestohlenen Möbel, das Zahngold und die Asche.   

 *Dantons Tod von Georg Büchner

**Nazi-Lied von Hans Baumann ‚Es zittern die  morschen Knochen

17. Dezember 2022

TELLKAMP UND PUTIN

Tellkamp* ist ständig beleidigt und macht sich zum Sprecher dieser albernen Montagsmärsche mit ihren Kindertrommeln und geklauten Sprüchen. Ich habe bei ihm kein einziges Argument erkennen können, stattdessen nur Etikettierungen, die er gerade dem Mainstream vorwirft. Wer glaubt, dass der Mainstream ‚falsch‘ sei, leidet doch darunter, nicht selbst in der Mehrheit zu sein. Das ist schwer zu ertragen, aber es ist eben so. Die gegenwärtige Regierung wird von einer breiten Mehrheit getragen, die Montagsmarschierer unter Führung von Wagenknecht, Weidel, Tellkamp und Precht ignorieren diese Mehrheit. Selbst wenn die Regierung tatsächlich halb so inkompetent wäre, wie montags gerne behauptet, so lange sie durch Wahlen gedeckt ist, bleibt es müßig gegen den Mainstream zu wettern, schwimmen dagegen ist natürlich weiterhin erlaubt. Noch zwei Gegenargumente: wenn Sie so sehr unter der gegenwärtigen Politik der etablierten Parteien leiden, warum machen Sie dann nicht selber Politik? Warum sind Sie nicht im Bundestag oder wenn Sie drin sind, warum hört niemand auf Sie? Und das zweite: alle Voraussagen, die bisher von der Montagsfraktion gemacht wurden, waren falsch: weder ist der Euro durch die Griechenlandkrise in die Katastrophe gerutscht, noch haben die Flüchtlinge von 2015 Deutschland ruiniert, weder hat die Coronapolitik die Wirtschaft zum Erliegen gebracht, noch hat Russland in seinem wahnsinnigen Krieg gewonnen. Und da wundern sie sich, dass die Mehrheit sie nicht will?

Daraus folgt: der Zeitgeist ist keine qualitative Bestimmung (‚richtig‘, ‚falsch‘, ‚gut‘, ‚böse‘), sondern eine quantitative. Er ist die Summe aller vorherrschenden Meinungen, Definitionen, Identitäten, Tendenzen zu einem Zeitpunkt t. Andersherum gesagt: wer gegen den Zeitgeist ist, hat nicht deswegen recht, ist nicht die Sophie Scholl der Gegenwart. Recht haben – besser gesagt: praktikabel sein – können nur Argumente und Fakten.

Heute zum Beispiel hat die ukrainische Armee mit Cherson den dritten großen Sieg – nach Kiew und Charkiw – errungen und die einzige von den Russen eroberte Gebietshauptstadt zurückgewonnen. Präsident Putin hatte im September verkündet, dass Cherson jetzt für die Ewigkeit zu Russland gehört. Wie lange wird ihm der russische Zeitgeist noch folgen? Die Mehrheit der Bewohner der Russischen Föderation folgt ihm, weil sie jetzt besser leben als im Jelzin-Jahrzehnt und als in der Sowjetunion. Mit dieser verbinden aber viele – auch Ukrainerinnen und Ukrainer – ein mentales Wohlbefinden der Sicherheit, der Bedeutung, der Großmacht. Wie im gesamten Ostblock haben auch die alten Russinnen und Russen den Zusammenbruch eines vermeintlich ewigen Systems traumatisch empfunden.

Das Dilemma, das dem allen zugrunde liegt, ist das Herrschaftsparadoxon: die meisten Menschen streben nicht ein Regierungssystem an, sondern Wohlleben, die meisten Regierenden glauben dagegen recht zu haben. Die meisten Menschen akzeptieren daher für eine gewisse Zeit selbst die absurdesten Herrschaftsformen, viele Herrscher dagegen versuchen ihre Meinung so oft wie möglich durchzusetzen. In der Demokratie sind dazwischen die Wahlen geschaltet, mit denen man die Demokratie sogar zeitweilig abwählen kann. Allerdings hat das auf Dauer noch nie funktioniert. Hitler war nach zwölf Jahren aus eigener Schuld am Ende. Hätte er 1938 einen anderen Weg gewählt, so wäre das Ende seiner Herrschaft vielleicht nicht schon 1945 gekommen. Stalinismus und Maoismus verloren sich in einer selbst geschaffenen Sackgasse, in der allerdings heftige und noch anhaltende Diadochenkämpfe stattfinden.

Autoritarismus kann sich immer nur halten, wenn und wie lange er geduldet wird. Durch die lange Periode der Nationalismen ist allerdings ein Substitut für Wohlleben entstanden, das wieder eine Zeitlang Duldung bietet. Auch gemeinsame Nationalismen, wie der Panslawismus, der Panarabismus oder der Panislamismus können zum Machterhalt und zur Sinngebung benutzt werden. Beim Panafrikanismus scheint inzwischen eine Regionalisierung einzutreten, die gute Chancen hat, weil es – mit Ausnahme von Äthiopien und Liberia – kaum Nationalbewusstsein und natürliche, durch Sprachen oder Flüsse entstandene Grenzen gibt.

Putin begründet seinen Machtanspruch weniger mit dem tatsächlich besseren Leben der Einwohnerinnen und Einwohner, sondern mit der speziellen russischen, antiwestlichen Kultur. In seiner Rede vor der Waldai-Konferenz am 27. Oktober 2022, und auch schon mehrmals zuvor, fand sich folgende absurde Formel: wir kämpfen in der Ukraine dagegen, dass im Westen Tschaikowski und Tolstoi verboten sind.    

Auch Tellkamp hält an einem seltsamen nationalistischen Konstrukt fest: an der Deutschen angeblich demokratischen Republik. Er betont nicht nur seine Herkunft von dort, er stammt aus Dresden, wo auch Putin politisiert wurde, wir betonen diese Ironie ausdrücklich. Er zeigt, dass er in einem irrationalen Staatsglauben verfangen ist. So macht er die gegenwärtige Bundesregierung für die Energiekrise verantwortlich. Er scheut sich nicht, auch hierin gleicht er Putin, absurde Details einzublenden, zum Beispiel, dass er keinen Ofen hat und demzufolge der falschen Politik der falschen Regierung ausgeliefert ist. Schon 2015 glaubte er, dass Migration ausschließlich ökonomischer Egoismus sei. Ebenso absurd ist sein scholllatouristisches** Scheinargument, dass (nur) er wahre Meinungsfreiheit beurteilen könne, da (nur) er wahre Meinungsunfreiheit kennengelernt habe. Tatsächlich aber hatte er sich, wie die meisten von uns, dem Meinungsdiktat der DDR-Oberen einfach gebeugt, bis zum Spätherbst 1989.

Es geht es nicht um Tellkamp. Der hat sich entliterarisiert und wird sich damit gänzlich absentieren. Es geht noch nicht einmal um Putin, denn auch der wird von der Bühne nach backstage unter seinem Epitaph verschwinden und die späteren Kinder werden in ihrem Geschichtsbuch mit Fingern auf ihn zeigen. Es geht darum, dass wir jeden Anlass nutzen sollten, auf die Schädlichkeit einer Herkunfts- oder Identitätsbetonung hinzuweisen und darauf hinzuarbeiten, auch hier größere Zusammenhänge sehen zu lernen. Herkunft oder Zugehörigkeit ist vielmehr wie eine Nabelschnur: notwendig, aber zeitweilig. Seine Mutter zu schätzen und zu lieben heißt doch nicht, mit ihr identisch zu sein oder sein zu wollen. Du bist Ostdeutsche, ja, aber zu weniger als einem Prozent, denn du bist auch noch Potsdamerin, Helmholtz-Alumna, Frau, Mutter, Tochter, Enkelin, Ärztin, Notärztin, Fachärztin, Schweizerin, Bernerin, Gattin eines Hugenotten mit russischem Vornamen, Fahrradfahrerin, Extremschwimmerin, Freundin eines weltweit operierenden Freundinnenkreises, Leserin, Langschläferin, herzliche Lacherin, Grünenwählerin. Warum nur lassen wir uns von irgendeinem selbstsüchtigen Verein auf ein einziges Attribut eindampfen? Warum nur? Ich bin ich mit tausend Attributen. Only your face is your past, but the background now.    

*in einem Forum mit Sarrazin über dessen Buch Die Vernunft und ihre Feinde 2022

**Scholl-Latour, wie heute auch wieder Krone-Schmalz, begründete seine Kompetenz nicht mit Argumenten, sondern mit seiner Anwesenheit in den jeweils in Rede stehenden Krisengebieten. Von ihm stammt beispielsweise der absurde, heute noch von AfD-nahen Rednern und Wagenknecht gebrauchte Vergleich, dass wer Menschen hilft, in Wirklichkeit sich selber schade (‚Wer halb Kalkutta herholt, hilft nicht Kalkutta, sondern sorgt dafür, dass bald Kalkutta bei uns ist.‘).

GRÜNSPAN ALS FANAL

Dieser Text wird jedes Jahr am 8. November veröffentlicht

träume sind erinnerung an taten

taten sind erinnerung an träume

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Woher wusste er, dass seine Tat schon am nächsten Tag in den Schlagzeilen aller europäischen Zeitungen stehen würde? Die Zeit ist nicht nur manchmal reif für Erfindungen oder Kriege, sondern auch für Fanale. Nicht alle Fanale jedoch werden gehört und gesehen. Sein Fanal ist von den Nazis willig aufgegriffen, von allen anderen, Europäern und Amerikanern, aber ignoriert worden. Die Nazis hatten endlich einen Beweis und die anderen, wer weiß, sahen sich in einem Vorurteil bestätigt. Aber in welchem? Wir alle wissen heute, dass es eine Verschwörung der Menschen aus dem schtetl[1] nicht gegeben haben kann. Vielmehr ist Grünspan ein Vorbote der Schulversagergeneration. Allerdings zählt dazu leider auch Hitler. Während man früher als Schulversager keine Chance hatte, ist das Widersetzen gegen die Welt der Erwachsenen bei manchen ein Synonym für Innovation, die, wie im Falle Hitlers aber auch ein Rückgriff sein kann. Grünspan dagegen wollte ein Signal dagegen setzen, dass der Staat sich das Recht anmaßen kann zu bestimmen, wer wo und wann sein darf oder soll. Die Freizügigkeit gehört zur Demokratie wie die Freiheit überhaupt, die Selbstbestimmtheit und die Intimsphäre. Er sah etwas verletzt, was zum Menschen gehört, aber damals noch nicht Allgemeingut war. Die Länder, die nicht so antisemitisch wie Deutschland und Polen waren, öffneten sich aber auch nicht sofort und vollständig für den zu erwartenden Flüchtlingsstrom, sondern gaben den Deutschen insgeheim Recht: ein Jude aus Polen zu sein bedeutete damals nichts Gutes. Fügt man dann noch Frau und Linkshänder hinzu, werden alle Vorurteile durch den Namen Curie hinweggefegt. Grünspan wollte zeigen, dass es unrecht ist, dass man erst zweifacher Nobelpreisträger sein muss, um überall geduldet zu werden. Dulden ist auch das falsche Wort. Jeder Mensch muss überall ganz selbstverständlich sein, dann wird die Welt bewohnbar. Der Streit zwischen Freiheit und Ordnung darf nicht Menschen opfern. Loyalität schließt den Tod nicht ein. Hätte Grünspan die heute zugängliche Literatur gelesen, so hätte er wissen können, dass in diesem Sinne seine Tat auch ‚falsch‘ war. Selbst wenn Tyrannenmord als Ausnahme vom Tötungsverbot bestehen bleibt, so kann man sich nicht beliebige Projektionsopfer wählen. Töten ist immer falsch, aber die Schuld am Töten kann man jetzt nicht Grünspan aufbürden, der intelligent genug war, aber nicht genug Zeit hatte, darüber nachzudenken. Grünspan wollte nicht gezwungenermaßen staatenlos sein, aber auch nicht freiwillig tatenlos. In bezug auf die Wahl seiner Mittel ist Grünspan ein Opfer des Zeitgeistes, aber für das, was er tat, gehört er auf die Liste der Weltinnovatoren. Grünspan ist der Vorkämpfer gegen jede Willkür der Behörden, die schon Hiob und Hamlet beklagten und die auch heute noch so viel Schaden anrichtet, obwohl die Behörden wissen können, dass sie Diener und nicht Herrscher sind. Auch ist er das letzte mögliche Signal gegen den Racheimpuls, der in jedem von uns als archaisches Element steckt, dem von Goebbels schon einen Tag nach Grünpans Tat brutal und alttestamentarisch nachgegeben wurde, der aber für immer geächtet ist durch die Unverhältnismäßigkeit. Das Leid wird durch Rache immer verstärkt, vergrößert. Dagegen verbessert sich das Gesamtsystem, wenn man etwas für andere tut. Das gilt sogar auch für die Grünspan-Initiative. Denn wir wissen heute, dass man Menschen nicht hindern darf, dahin zu gehen, wohin sie wollen. Leben – und wieviel mehr fliehen – heißt aber immer Risiko. Man kann das Leben genauso wenig optimieren wie Märkte, Regierungen und Wasserströme. Auch dafür ist Grünspan ein Zeuge. Er ging mit fünfzehn Jahren ohne Schulabschluss von seinen Eltern weg und es ist ihm alles gescheitert, außer in die Geschichte als leuchtendes Fanal einzugehen. In dem Punkt ähnelt er Gavrilo Princip. Auf den wenigen Fotos, die es gibt, sieht er nicht glücklich aus. Er ist gerade von der französischen Polizei verhaftet worden. Glücklichsein scheint nicht der Sinn des menschlichen Lebens zu sein, nur zu leben, ohne etwas zu tun, aber auch nicht.

Niemand von uns kann die Konsequenzen seines Handelns absehen, nur machen die meisten so wenig, dass man die Folgen vernachlässigen kann. Es wäre also fatal, wollte man die Ermordung des Legationssekretärs Ernst vom Rath als voraussehbares Signal zum Holocaust deuten. Also etwa so: Hitler hätte sich nicht getraut sechs Millionen Menschen umzubringen, wenn Grynszpan[2] nicht vorher den Botschaftssekretär erschossen hätte. Das ist absurd, so kann es nicht gewesen sein, vielleicht war es nicht einmal so, dass die Nazioberen auf ein Signal gewartet haben. Dafür dass sie gewartet haben, spricht eigentlich nur der erste September 1939, wo sie den Anlass, das Signal auf perfide Weise selbst geschaffen haben. Auch zum neunten November 1938 kann man annehmen, dass Goebbels nachgeholfen hat, denn der Legationssekretär hatte außer den Schussverletzungen auch eine Krankheit, die er sich durch homosexuellen Geschlechtsverkehr zugezogen hatte. Wenn man ihn sterben ließ, und dafür spricht einiges, hatte man nicht nur einen Märtyrer mehr, sondern einen schwulen Nazi weniger. Indessen war Ernst vom Rath genauso wenig Nazi wie Grynszpan von der jüdischen Weltverschwörung beauftragt.  Vom Rath orientierte sich an seinem Onkel Köster, dem deutschen Botschafter in Paris, mit seiner kritischen Sicht auf die Nazis. Dieser Köster wurde wahrscheinlich von Hitler in Paris belassen, um dem Naziregime einen pluralistischen Anschein zu geben. Später wurde er ermordet. Grynszpan wurde von der Verzweiflung seiner ausweglosen Lage getrieben. Er hatte nirgendwo eine Aufenthaltsgenehmigung. Als er hörte, dass seine Eltern und Geschwister nach Polen ausgewiesen worden waren, kaufte er sich vom ersparten Geld eine Waffe und ging in die deutsche Botschaft. Wahrscheinlich hat vom Rath ihn empfangen, weil er das genau so sah. Grynszpan ist ein Vorkämpfer der Freizügigkeit. Eigentlich wollte er dagegen protestieren, dass seine Eltern in ein Land ihrer Unwahl abgeschoben wurden, er aber nirgendwohin konnte, denn er war auch keine Pole mehr, Deutscher schon gar nicht, in Brüssel zeitweilig geduldet, in Paris illegal. Er war ein Europäer aus Hannover, der sich nach Geborgenheit sehnte, denn als er nach dem Einmarsch der Deutschen zufällig frei kam, begab er sich in die Obhut der französischen Behörden. Er war kein Anarchist. Was mag er dann im deutschen Gefängnis und im KZ Sachsenhausen getan und gedacht haben? Er folgte jedenfalls der Strategie seines französischen Verteidigers, indem er darauf bestand, dass er gar nicht hätte ausgeliefert werden dürfen und dass er vom Rath aus homosexuellen Kreisen kannte. Das rettete ihn vor einem Schauprozess mit Todesstrafe. Rettete ihm diese Argumentation auch das Leben? Vielleicht war es aber noch ganz anders. Grynszpan hatte sich eine Waffe gekauft, um den deutschen Botschafter zu erschießen. In der deutschen Botschaft angekommen, traf er auf Rath, den er kannte und der sich das Leben nehmen wollte, weil er diese furchtbare Krankheit hatte. Rath riet ihm, ihn zu erschießen und den Botschafter zu verschonen. So haben sie beide in einem letzten Einvernehmen ihre Probleme gelöst. Wäre Grynszpan die Reinkarnation von Hiob, so hätte er überlebt. Er wäre vielleicht der US-Finanzminister geworden oder gewesen. Später glaubte er nicht mehr an Fanal und Rache, sondern an Worte. Er sagte zum Beispiel: Ich weiß, dass Sie glauben, Sie wüssten, was ich Ihrer Ansicht nach gesagt habe. Aber ich bin nicht sicher, ob Ihnen klar ist, dass das, was Sie gehört haben, nicht das ist, was ich meine. Er war in Satzkonstruktionen geflüchtet, denen niemand folgen konnte und sie deshalb lieber bewunderte als kritisierte. Er hatte erkannt, dass Zinsen, Schulden und Wachstum nicht nur rein quantitative Parameter sind, sondern auch durch die Qualität der dahinter stehenden Leistungen und Waren bestimmt sind. Das alles hätte er nicht wissen können, wenn er nicht an jenem siebten November den Mann erschossen hätte, der erschossen werden wollte, aber damit gelichzeitig das Fanal für die Würde des Menschen geliefert hat. Er war der moderne Hiob, der Hüter der Brüder.

[1] jiddisch für jüdischen Wohnplatz

[2] polnische Schreibweise

2

HIOB ALS BOTSCHAFT

Hiob gehört zu den großen Erzählungen, die uns gleichzeitig bewegen und trösten sollen und auch können. Hiob sieht seinen Erfolg übertrieben groß und sein Leid erdrückt ihn. Sein Erfolg ist – mit Ausnahme seiner Kinder – Haben und sein Leid ist Krieg und Krankheit, also für die Zeit, in der er lebt: Sein. Er findet sich auserwählt für übergroße Not und Ungerechtigkeit. Aber er ist nicht auserwählt. Keiner ist auserwählt. Da er, wie wir alle, alles richtig gemacht hat, trifft ihn jede Strafe zu unrecht. Überhaupt: warum glaubt er denn, dass er bestraft wird. Oder: glaubt nicht jeder an seine Unschuld? Würde jeder die Schuld bei sich suchen, wären die Täter schnell gefunden.

Jede Strafe ist unrecht. Die spiegelnden Strafen waren bloße Rache, sie vermehrten das Leid, statt es zu vermindern. Auch heute noch glaubt eine knappe Mehrheit, dass Strafe gerecht sei. Daraus, dass die Untat ungerecht ist, folgt nicht, dass die Strafe gerecht sei.  Gerecht wäre vorbeugendes Verhindern  der Untat und liebevolle Wiedereingliederung des Täters. Wenn eine Wiedergutmachung am Opfer nicht möglich ist, so erhöht sie doch die Bilanz des Guten in einer Gesellschaft. Das universelle Tötungsverbot muss noch mehr  durch Waffenverbote und -ächtung unterstützt werden. In Europa und Japan nimmt die Zahl dieser Untaten drastisch ab, während sie in Ländern mit Armut und Waffen erschreckend  und fast antik hoch bleibt.

So ist es auch mit dem Lohn, dem Verdienst oder Gewinn, den man sich aus seinen Taten erhofft. Wir würden alle Hiob sozusagen überwinden, wenn wir  es verstünden, Gutes zu tun, um es sofort zu vergessen. Stattdessen erwarten wir Dank und Lohn. Es schmerzt, wenn der Verdienst zum Bettler gemacht wird. Aber der wirkliche Gewinn liegt immer im Zugewinn an Seelenfrieden. All die dilemmatischen, schier unlösbaren Probleme der Menschheit, sie nähern sich mikrometermäßig ihren Lösungen, wenn wir anderen helfen, ohne zu fragen und ohne Lohn zu erwarten. Es gibt keinen böseren Verdienst als Finderlohn. Der Lohn der Treppe ist das oben, nicht noch etwas.

 Die höchste Instanz zur Beurteilung unseres Lebens ist Gott, aber er gab uns ein Gewissen. Und deshalb muss ein jeder Mensch mit seiner Schuld leben. Niemand kann sie ihm nehmen und niemand nimmt sie ihm. In den griechischen Tragödien, die zur gleichen Zeit entstanden wie das Buch Hiob, geraten die Menschen unschuldig in schuld. Auch Hiobs Leid geht auf die Wette Gottes mit seinem Widersacher, dem Satan, zurück, liegt also nicht in Hiobs Leben. Viele Täter erschrecken vor ihrer Untat. Sie wissen nicht, wie sie dazu gekommen sind. Es gibt immer nicht nur einen Grund, warum etwas geschieht. Vielmehr benötigt man, um ein Ereignis zu erklären, mehr Gründe als man je finden kann. Das geht soweit, dass man eigentlich gar keine Warumfragen stellen kann: niemand kann sie beantworten. Zu groß ist die Masse der Gründe und Gegengründe, der Tatsachen und Rechtfertigungen.

Wir müssen in diesem Geflecht von Taten und Untaten, von Schuld und Sühne leben, wir haben keinen anderen Ort als diese Welt. So gesehen gehören Hiob und Grünspan in die große Reihe der Märtyrer. Das sind Menschen, die standhalten, obwohl sie wissen, dass sie scheitern, unter der Last fremder Schuld zusammenbrechen werden, die     das auf sich nehmen, was andere ganz offensichtlich falsch machen. Aber die anderen sind das herrschende System, sie glauben erst recht Recht zu haben. In diesem Netzwerk von Taten und Untaten hat niemand recht. Der Fehler ist nicht die einzelne Tat, sondern das bestehen auf ihr, das Rechthabenwollen, gefolgt vom Wahrheitpachten. Dann kommen schon die Kreuzzüge und dreißigjährigen          Weltkriege. Gott ist keine Burg, in der man Recht hat. Gott ist innen, nicht außen.

Das Leben folgt keiner Rechenkunst. Kein Kalkül ist möglich. Während der Pest müssen die Uhrmacher schweigen. Wir werden von dem, was wir Glück nennen, genauso überrascht, wie von dem, was uns Unglück scheint. Jähe Wendungen des Lebens sind genauso wenig vorhersehbar wie lange Strecken der Langeweile. Deshalb brauchen wir Hoffnung, Erzählung, Schlaf, Droge, Ablenkung, Trost. Die Hoffnung wird am meisten kritisiert, manche glauben gar, dass nur Narren hoffen. Hoffen hängt mit Wahrscheinlichkeit zusammen. Die Wahrscheinlichkeit für einen Lottogewinn ist zum Glück genau so klein wie für den Blitzschlag. Die Wahrscheinlichkeit dagegen, dass wir jemanden erfreuen können, ist groß, wenn  wir nur genug dafür tun. Jeder hofft zurecht, dass er ein besserer Mensch werden kann. Niemand wird zum Narren, der hofft und harrt, erzählt und tröstet, schläft oder sich betäubt, wenn die Schläge des Schicksals zu hart scheinen. Wenn Sinus das Kreuz des Lebens ist, dann ist Cosinus die Lust des Strebens.

Das Leben ist kein Kalkül. Es hat demzufolge mit Zahl und Geld nichts zu tun. Das Geld ist nur eine Projektion der Zeit, die wir zur Verfügung haben und für     etwas ausgeben. Genauso wenig ist das Leben digital abbildbar, wenn uns das     auch   Netz und Filme und Spiele immer wieder suggerieren wollen. Das Leben bleibt das Leben aus Fleisch und Blut, fragil, verletzlich, kostbar. Das Leben hat     Würde und muss seine Würde behaupten, nur die Dinge haben einen Preis. Die besten Dinge aber sind die Geschenke, die Gaben, die ebenfalls keinen Preis, sondern eine Würde haben. Der schönste Satz, den ein Mensch zu einem anderen sagen kann, ist deshalb: du musst dich nicht bedanken, denn du bist das Geschenk. Das Leben ist kein Kalkül, und das einzige, was keine Inflation hat, ist das Wunder.  

Liebe ist die weiteste und größte Lösung aller unserer Probleme und unseres Schicksals. Sie eröffnet neue, weite Horizonte, weil sie sich anderen Menschen zuwendet.  Wenn die maximale Kommunikation dadurch zustande kommt, dass ein liebendes Paar in einem leeren Zimmer schweigt, dann schließt dies aber auch die gesamte Menschheit aus. Deshalb ist Liebe, wie jeder weiß, mehr als die individuelle Liebe zwischen zwei Menschen. Liebe, die die Menschheit einbezieht, ist Nächstenliebe oder Solidarität. Jedem Menschen ist das Kindchenschema eingeboren, viele haben das Helfersyndrom. Wer kalt ist, wird erfrieren. Wem kalt ist, wird geholfen. So funktioniert Gemeinschaft, ohne die wir nicht sein können. Gehe in ein fremdes Dorf irgendwo auf der Welt: man wird dir Tee bringen und deine Schuhe trocknen! Alles, was du brauchst, um keine Angst zu haben, ist Liebe, aber alles, was du brauchst, um zu lieben, ist, keine Angst zu haben. Liebe ist aber auch geben, ohne nehmen zu wollen. Nicht zufällig stammt einer der schönsten Sätze des Weltdenkens aus einer Liebestragödie: the more i give, the more i have: je mehr ich geb, je mehr ich hab. [Shakespeare, Romeo und Julia]

Die tiefste Lösung aber für den Menschen ist der Glaube. Mit ihm und sich ist der Mensch allein. Wir glauben an etwas, das größer ist als wir, und wir bauen Häuser, die mehr sind als Schutz vor Regen und Sonne. Mit dem Tod aber können wir nur leben, weil wir nicht an ihn glauben. Es ist nicht wichtig, wie wir das, woran wir glauben, nennen, wenn es nur größer ist als wir selbst und die Summe von unseresgleichen. Hiob und Grünspan stellen sich einen Gott vor, den es nicht geben kann, der ihr Leben verwettet und verspielt. Das ist menschlich, aber nicht göttlich. Nur Ultraorthodoxe können sich den Teufel als Tatsache, aber den Frieden  als bloße Metapher vorstellen. Tiefer Friede kommt aus tiefem Glauben. Das ist die Tiefe des Menschen. Glaube ist immer einsam. Gruppe dagegen ist Therapie und auch oft nötig. Die Frage, ob Hiob wirklich glaubt oder nur aus opportunistischen Gründen seinen Glauben bekennt, ist ebenso unbeantwortbar wie universell und unnütz. Wir wissen letztlich nicht, ob jemand, der sagt, dass er uns liebt, nicht sich und seine Befriedigung meint. Wir müssen es glauben, wir wollen es glauben, wir sollen es glauben. Aber genauso wenig wissen wir, wenn wir annehmen, dass wir glauben, ob wir uns nicht Vorteile bloß von der Einhaltung der Regeln, der Traditionen und Rituale versprechen. Wer – außer Grünspan – wäre kein Opportunist?

Hiob ist die Parabel für die Inflation schlechter Nachrichten. Aber sind es auch schlechte Dinge? Ist Hiob zum Schluss nicht stark und demütig, und ist freiwillige Demut nicht der Stärke gleichzusetzen? Hiob belehrt uns, aber wir wollen ihm nicht nacheifern, im bösen nicht, aber auch im guten nicht. Aber jeder von uns kennt einen: der den Schmerz ausgehalten hat, der das böse Schicksal angenommen hat, genauso wie vorher das gute. Wir wissen nicht, ob es einen Gott gibt, der unser Leben verwetten könnte, wenn er wollte, und der den Weg jeder einzelnen Ameise vorbestimmt. Aber wir wissen und glauben, dass es unsere Aufgabe ist, nicht aufzugeben, wieder aufzustehen, dem Nachbarn zu helfen, Gutes zu tun. Es ist gleich gültig, ob wir die Aufgabe als von Gott gegeben annehmen oder mit der Muttermilch der Menschlichkeit in der Vatersprache der Güte aufgenommen oder sogar beides, das ist gleich gültig, wenn wir nur mehr tun als haben zu wollen und sein zu sollen. Wir müssen mehr sein wollen: Geber und Gabe gleichzeitig.

DREI TRAUERFEIERN

Der französisch-deutsche Fernsehsender ARTE hat vor kurzem einen Film wiederentdeckt, der die Beisetzung von Gamal Abdel Nasser zeigt. Nasser starb mit nur 52 Jahren auf dem Tiefpunkt seiner Macht im Jahre 1970 und wurde am 1. Oktober beigesetzt. Er hatte dreimal verloren: den Sues-Krieg gegen Großbritannien, Frankreich und Israel, das Projekt Vereinigte Arabische Republik mit Syrien und dem Irak, das schon nach drei Jahren scheiterte, und schließlich den 6-Tage-Krieg. Nasser glaubte an die ‚Protokolle der Weisen von Zion‘, einen plump gefälschten Text von 1903, der den Anspruch und die Verschwörung der Juden zu einer Weltherrschaft beschreiben soll. Demzufolge glaubte er nicht an die Existenzberechtigung des Staates Israel, mit dessen überlegener Militärmacht er nicht gerechnet hatte. Bei uns im Osten herrschte die Erzählung vor, dass der Generalstabschef und Verteidigungsminister Moshe Dayan, der diesen Krieg souverän gewann und seinen legendären Ruhm damit begründete, eine Ausbildung an der sowjetischen Generalstabsakademie erhalten hatte. Tatsächlich war Dayan ein Kibbuznik, sein Vater war schon 1908 aus der Ukraine nach Palästina gekommen. Und tatsächlich waren die ägyptischen und syrischen Generäle sowjetisch geschult und hatten sowjetische Waffen und Flugzeuge. Moshe Dayan war als Beobachter im bösartigen Vietnamkrieg und soll gesagt haben: ‚Die Amerikaner gewinnen dort allesmögliche – außer den Krieg.‘ Das ist ein schöner Satz, der auch für die Russen im gegenwärtigen Krieg gegen die Ukraine gilt.

Nasser trat in drei von ihm selbst ausgewählten und so benannten Kreisen an: für den Panarabismus, den Panafrikanismus gemeinsam mit Kwame Nkrumah aus Ghana, und schließlich für den Panislamismus, in dem er Saudi Arabien (Sunniten) in Konkurrenz zum Iran (Schiiten) unterlag. Der Panarabismus ist krachend gescheitert, es hat noch nicht einmal die Sprache überlebt. Für den Panafrikanismus, nachdem er sich von Gaddafi befreien konnte, gibt es neuerdings wieder eine Chance in der Ostafrikanischen Gemeinschaft (EAC), die mit einem Zipfel des Kongo sogar bis an den Atlantik reicht.

Auf Nasser wurde ein Attentat von einem Muslimbruder ausgeführt, das ihn schwer verletzte, den Attentäter aber in der Folge tötete.

Nasser genoss trotzdem bei seinem Tod ein so hohes Ansehen, dass zu seiner Beerdigung fünf Millionen offensichtlich ehrlich trauernder Anhänger kamen, Kairo war damals bei weitem noch nicht so groß wie heute. Die Sicherheitskräfte waren außerstande, die wenigen ausländischen Trauergäste und den Sarg auf der zehn Kilometer langen Trauerstrecke zu schützen. Der höchste Gast war der sowjetische Ministerpräsident Kossygin. Die Gäste wurden in der Parteizentrale, wo schon die trauernden und verängstigten Frauen, darunter die Witwe und die Töchter, warteten, notuntergebracht. Auf dem Sarg, dessen Fahne zerrissen und gestohlen war, saßen zum Schluss Soldaten, die verzweifelt mit Gegenständen auf die allzu Zudringlichen, sozusagen die Vorhut der fünf Millionen, einschlugen.

Der Grund dafür liegt nun nicht in der angeblich besonderen Mentalität des Orients, der emotional aufgeheizten Stimmung und der vermeintlichen angeborenen Disziplinlosigkeit. Gerade die Hoffnungen auf ein besseres Leben, die auf Nasser lagen, obwohl er so eklatant versagt hatte, zeigen, dass die Ägypter keine andere Mentalität haben als alle anderen Menschen auf der Erde. Sie unterscheiden sich lediglich durch die Sprache und gering zu achtende Traditionen von anderen. Ihre Hoffnungen richten sich wie überall auf ein besseres und sicheres Leben.

Drei Jahre zuvor, am 25. April 1967, war ein steinalter Politiker zu Grabe getragen worden, der ebenfalls von seinen Wählern geschätzt wurde, so dass es zu ehrlicher Trauer kam. Konrad Adenauer hatte eine politische Karriere lange hinter sich, als er 1949 der erste Bundeskanzler des westlichen Deutschlands wurde. Seine überdimensionierten Leistungen waren die Aussöhnung mit Frankreich und die Implantierung Westdeutschlands in ein westliches Wirtschafts- und Militärbündnis und – heute nur noch schwer verständlich – die Rückholung der letzten 10.000 Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion, die dort, zehn Jahre nach Kriegsende, immer noch zur Sühne für ihre Untaten schuften mussten. Diese Aktion hatte aber damals einen überhöhten symbolischen Wert, da bis dahin nur eine Minderheit der deutschen Bevölkerung das Unrecht und das Verbrechen einsah, das in dem Krieg gegen die europäischen Völker gelegen hatte. Viel größer war die gemeinsam mit dem ersten israelischen Präsidenten David Ben Gurion ausgehandelte Versöhnung mit den überlebenden Juden, aber sie wurde, wenn überhaupt, nur verschämt wahrgenommen. Adenauer war weder Nazi noch Ideologe und glaubte ganz sicher nicht an die ‚Protokolle der Weisen von Zion‘. Er war ein alter Pragmatiker, dessen Todesjahr gleichzeitig die Zeitenwende eines protodemokratischen Systems wurde, ab 1968 begann eine neue Generation über neue Möglichkeiten der Politik nachzudenken.

Die weit mehr als zehn Kilometer lange Trauerstrecke, vom Kölner Dom bis zum Friedhof in Adenauers Wohnort Rhöndorf, war gesäumt von weinenden und staunenden Menschen. Die beiden wichtigsten Politiker der Zeit, Lyndon B. Johnson und General de Gaulle, die sich nicht leiden konnten, gingen in der ersten Reihe, getrennt durch den umstrittenen Bundespräsidenten Lübke, zwölf weitere Regierungschefs und Vertreter von 180 Staaten, darunter der sowjetische Außenminister Gromyko, der übrigens seine bemerkenswerte Karriere unter Stalin begonnen und unter Gorbatschow beendet hatte, folgten. Es gab keinen Zwischenfall. In Deutschland gab und gibt es, trotz Weltkriegen und grausamsten Diktaturen, Weltwirtschaftskrisen und Inflationen eine seit Jahrhunderten gefestigte Struktur. Niemand wagt es, eine Absperrung zu übertreten, nicht, weil er sich vor Strafen oder knüppelnden Soldaten fürchten müsste, sondern weil er weiß, dass er in jedem Falle unwichtiger ist als der Tote, weil er weiß, dass sein Leben auch nach dem Tod eines noch so wichtigen Politikers gesichert weitergeht. Adenauer war übrigens in seiner vierten Amtszeit zurückgetreten und hatte zwei Nachfolger im Amt noch erlebt: seinen von ihm ungeliebten, vom Volk hoch geachteten Wirtschaftsminister Ludwig Erhard und seinen Zögling Kiesinger, den sogar in der ersten Großen Koalition.

Diese von außen betrachtet bewundernswerte Strukturiertheit, wir im Innern leiden eher etwas darunter, kann man noch besser als an der Trauerzeremonie an dem einzigen Attentat zeigen, das auf Adenauer verübt wurde. In München gab ein Herr zwei Schuljungen ein Paket, das er angeblich aus Mangel an Zeit nicht selbst weiter befördern konnte, mit der Bitte zur Aufgabe bei der Post. Aber die beiden Jungen wurden stutzig über die immense Höhe des Trinkgelds und darüber, dass der Herr sie trotz vermeintlichen Zeitmangels verfolgte. Es waren offensichtlich solche Jungen, wie sie Erich Kästner schon 1929 in seinem wunderschönen Buch ‚Emil und die Detektive‘ beschrieben hatte. Sie wurden stutzig und gingen zur Polizei statt zur Post. In dem Paket an Dr. Konrad Adenauer befand sich eine Briefbombe. Der Sprengmeister der Polizei starb. Adenauer empfing – absolut zeitgemäß – die beiden Jungen und bedankte sich – total altmodisch – mit je einer goldenen Uhr.  

Der Attentäter gehörte zu einer jüdischen Partisanengruppe, die Rache an den Deutschen geschworen hatte. Adenauer verzichtete auf jede Verfolgung. Zur Struktur kann gerne auch menschliche Größe treten.

Die Gemeinsamkeit zwischen den beiden Feiern ist die religiöse Komponente, Nasser wurde in der Abdel-Nasser-Moschee in Kairo bestattet, Adenauer im Kölner Dom verabschiedet.

Genau in der Mitte zwischen Struktur und Chaos verlief die Zeremonie am 9. März 1953 für einen der grausamsten Diktatoren aller Zeiten, für Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili, genannt STALIN – der Stählerne. Er hatte fast dreißig Jahre regiert, in denen Millionen Menschen durch seine Herrschaftsmethoden sterben mussten, Gulag, Hungersnot, ‚Säuberungen‘ genannte Erschießungsorgien. Aber den überlebenden Millionen ging es besser als früher.

Er starb im Alter von 74 Jahren als Folge eines Schlaganfalls, nachdem er vorher alle seine Leibärzte hatte erschießen lassen, weil sie Juden waren. Ob er an die Protokolle der Weisen von Zion glaubte, wissen wir nicht, wir wissen, dass er seine Macht immer wieder mit Grausamkeiten gesichert hat. Es gibt kein Land auf der Erde, in dem mehr Innenminister hingerichtet wurden, denn nach den Massakern mussten immer auch die Schergen sterben.

Bei der Trauerfeier herrschte eine durch die Präsenz zehntausender Soldaten erzwungene Struktur. Volk und Trauerzug sind durch bewaffnete Soldaten getrennt. Der Trauerzug selbst ist noch ganz althergebracht: Marschälle und Generäle tragen die Orden, der Katafalk wird von berittenen Pferden gezogen, nebenher die überlebenden Rivalen, die auf der Tribüne versichern, dass sie das Land nicht durch Streitigkeiten ins Chaos stürzen werden. Wenige Wochen später wird aber bereits der widerlichste Rivale erschossen, Berija, der Sicherheitsminister und sein Stellvertreter folgen nach. Tausende andere werden befreit oder gar rehabilitiert.

Wir wissen nicht, ob das Volk, unter dem eine Panik ausbrach, so dass fünfhundert Menschen zertreten wurden, ehrlich trauerte oder nur Angst vor der Ungewissheit der Zukunft hatte. Bei der Krönung des letzten Zaren waren übrigens tausendvierhundert Menschen gestorben, nicht weil sie Nikolaj II. zujubeln wollten, sondern weil sie nach den Lebensmittelpaketen drängten, die an dem Tag als Geschenke verteilt wurden.

Herkunft kann hindern oder fördern. Zumeist wird ihre Wirkung aber überschätzt. Durch Bildung oder Flucht, Tod oder Koalition kann sich fast jeder Mensch aus der misslichen Lage befreien, in die er durch Unheil geriet, sei es staatlich oder religiös organisiert, sei es durch Naturkatastrophen herbeigeführt, sei es selbst verschuldet.

Andererseits sind wir Menschen aber nicht vor der Faulheit und Dummheit gefeit, die schon der alte Kant als die natürlichen Feinde der Mündigkeit, der Selbstbestimmtheit, der Freiheit erkannt hatte. Und er konnte sich dabei auf Rousseau und Seneca berufen, die wiederum mit Yesus korrespondierten, gar als deren geistige Onkel bezeichnet wurden. Ihre Paten sind Sokrates und Pythagoras und Gautama Buddha. Beinahe möchte man schreiben: UNDSOWEITER. Das ist die DNS der Menschheit: Kooperation. Wir sind nicht verdammt, Sklaven einer ausgedachten Erbsünde, einer konstruierten Hautfarbe, denn niemand ist rot oder gelb, weiß oder gar schwarz,  einer Herkunft, einer erdichteten Mentalität, eines demagogischen Gut oder Schlecht zu sein. Wir sind nicht verdammt, die Ketten, in die man uns legte, zu tragen.

Wir dürfen aber nicht übersehen, dass solche Prozesse immer Jahrhunderte dauern. Nur darin liegt der Unterschied zwischen Gesellschaften: an welchem Punkt der Prozesse sie sich befinden. Man kann weder Freiheit noch Demokratie exportieren. Bildung ist ein mühseliger Vorgang. Erörterung und Abwägung dauern länger als Vorurteil.  

NATIONALBOLSCHEWISTISCHES GESCHWÄTZ

Der Mensch kann nicht kommunizieren; nur die Kommunikation kann kommunizieren.*

Das Wort selbst ist Dialog, indem es seine Antworten, also alle Interpretationen, Negationen und Kollaterale, mitdenkt, die Antwort denkt dagegen das Wort, den Sprecher und dessen System von Interpretationen mit. Der Glaube, die Welt, – selbst auch nur trivial: den Nachbarn und seine Gründe – erkennen zu können, ist Wunschdenken, Aberglaube und Hybris. Andererseits weiß der Traum mehr als das Gedächtnis, das Unbewusste mehr als das Bewusstsein, das Subjektive mehr als das nur vermeintlich Objektive. Daher kommt das Wort Lippenbekenntnis, denn Bekenntnis ist mehr als Wort oder gar als Credo, Bekenntnis kann es nur im Verhalten geben. Das Schicksal jeder Botschaft ist folgerichtig Palimpsest.

Und obwohl das alles seit langem bekannt ist, tat sich das 20. Jahrhundert und seine bis heute währenden Ausläufer nicht nur durch nationale und bolschewistische Schreckensherrschaften hervor, sondern auch durch eine Rhetorik, die sowohl die Nationalisten als auch die Bolschewisten ansprach.

Das Wort Bolschewisten ist selbst zur Ironie geworden, denn es bezeichnete ursprünglich die Mehrheit in der russischen Sozialdemokratie, die sich dann bald abspaltete. Nach Lenins Tod war der Weg endgültig frei für die nationale Variante des Bolschewismus: Stalin, obwohl selbst Georgier, setzte er den großrussischen Imperialismus der Zaren, die sich selbst Selbstherrscher aller Russen nannten, nicht nur fort, sondern forcierte ihn bis zum Genozid der anderen. Die Internationale, deren letztes Gefecht in ihrer Hymne besungen wurde, war tatsächlich nicht nur in Moskau untergebracht, sondern auch Moskau unterworfen. Ihr einziger nichtrussischer Generalsekretär wurde folgerichtig vergiftet. Diesen Ermordungsmodus hat Putin wiederbelebt. Ihm schwebt – in der Nachfolge von Stalin und von Slobodan Miloševic – eine Art panslawisches, aber auch kolonialmultiethnisches Imperium vor. Die von Kohl einst apostrophierte ‚Gnade der späten Geburt‘ trifft jetzt mit Putin uns: wir können von Glück reden, dass er nicht schon früher an die Macht kam, denn dann wäre seine Wirkung noch verheerender gewesen. Aber Putin wird bald durch eine Armee besiegt sein, die vor einem halben Jahr noch keiner kannte und der keiner mehr als eine Woche des Überlebens vorausgesagt hätte. Putin ist dieses ‚letzte Gefecht‘, die Reprise des Untergangs der Sowjetunion, und wieder wird es eine geopolitische Katastrophe nur für die eigenen alten Leute sein, die anderen und die Welt werden zum zweiten Mal aufatmen.

In Deutschland dagegen wird der clowneske Charakter der nationalbolschewistischen Redner besonders in den Demonstrationen ihrer Anhänger deutlich. Man muss sie aber mit zwei Gründen entlasten: erstens kann eine Sache, eine Idee noch so hehr und heilig sein, die Anhänger zerren sie in Streit, Teilung und Korruption, wie ja auch die besten Atheisten die Mullahs und die Kardinäle sind. Und zweitens: jede Demonstration hat karnevaleske Züge, wie jeder Karneval demonstrativ ist, etwas zeigen will und vor allem darf. Vielleicht ist die Demonstration auf der Straße überhaupt eine Ausgeburt des Karnevals. Die gegenwärtige infantile Trommelei und Plakatiererei sowie das dazu passende Geschrei sprechen dafür.

Während es den nationalbolschewistischen Machthabern wenigstens noch um ihre Macht ging, obwohl man sich natürlich fragen kann, was eine Macht macht, die alles zerstört, den so genannten Gegner und die eigenen Leute und das eigene Land, geht es den heutigen, sich halbintellektuell gebärdenden Nationalbolschewisten dagegen nur um das Geld. Halbintellektuell gebärden sie sich, weil sie von Leuten verstanden werden wollen, die mit selbstgemalten Plakaten ‚Wir sind das Volk‘ schreiend durch die Kleinstädte laufen. In den Großstädten werden immer Menschen aus dem gesamten Bundesgebiet zusammengekarrt, ganz so wie bei den machtversessenen Vorbildern. Die Losung, dass jemand, eine Menge Menschen, das Volk sei, stammt bekanntlich aus dem Niedergang der DDR, wo die Herrschenden sich selbst zu Führern des Volkes ernannt hatten, der korrekte Terminus war ‚Arbeiterführer‘. Dieser Anspruch einer ‚wahren Volksherrschaft‘ wurde von den damals Demonstrierenden zerschmettert.

Die heutigen, rein rhetorisch handelnden Nationalbolschewisten Wagenknecht, Weidel, Höcke und Precht beharren auf Etiketten statt auf Argumenten. Sie genießen ihre mediale Präsenz und Berühmtheit, um immer wieder dasselbe zu sagen. Genau dieser Impuls ist es, der den protestierenden Mengen die Stichworte liefert: erst wurde das ganze schöne deutsche (?) Geld an Griechenland verschenkt und verschwendet, dann wurden durch die Bundeskanzlerin persönlich illegale Flüchtlinge eingeladen, obwohl sie Monate und Jahre zuvor schon losgewandert waren. Es entging den nationalbolschewistischen Führern und ihrer mimetischen Gefolgschaft ganz, dass die Flüchtlingsbewegung biblische Ausmaße in Raum und Zeit hatte. Besonders perfide war der Versuch der Aushebelung des ganz einfachen menschlichen Reflexes des berühmten ‚Wir schaffen das‘, der auf den Bahnhöfen und in den Asylbewerberheimen durch ein millionenfaches ‚Wir helfen euch‘ beantwortet wurde. Corona wurde als Pandemie gleich ganz geleugnet, die tastenden Maßnahmen beider Regierungen in Bausch und Bogen verurteilt. Den bisherigen Gipfel erreichte die geldgierige Protestbewegung im Ukrainekrieg. Hier wurden und werden immer wieder Opfer und Täter umgekehrt. Putin wird als das Opfer zunächst der NATO und dann der Sanktionen dargestellt. Jedes neue Narrativ von Putin – und das sind die alten Erzählungen aus dem Kalten Krieg – wird begierig weitergegeben. Die Ukraine wird, als ob die Mehrheit der Bevölkerung das nicht wüsste, als ebenso korrupt bezeichnet wie Russland, und daraus werden zwei Schlüsse gezogen, dass man dann gleich bei Russland hätte bleiben können und dass man deshalb der Ukraine nicht helfen müsste. Woher kommt nur eine derart unmenschliche Verkehrung, dass man jemandem, der Fehler hat oder macht, nicht helfen müsste, bei gleichzeitiger ständiger Berufung auf ‚unsere Werte‘. Unsere Werte heißen Solidarität oder Nächstenliebe, Kooperation und Aufklärung, Demokratie und Bildung.

Nationalbolschewismus ist ein harter und zudem historisch belasteter Begriff, der also auch eher ironisch gemeint ist für Demagogen, die vorgeben, sich um die soziale Lage ihrer follower kümmern zu wollen. Nur wie will man das aus der Opposition oder – noch ferner – aus der pseudointellektuellen Beobachterposition schaffen? Es ist schon sehr scheinheilig, mit sicheren überdurchschnittlichen Einkünften der Anwalt der Armen sein zu wollen. Vielmehr scheint diese neue Variante des Tribalismus, die die eigenen Leute zuerst in die Opferposition verfrachtet und dann auf die Straße schickt, heuchlerisch, scheinheilig und in höchstem Maße unredlich. Jeder weiß, dass alle Versuche einer kommunistisch organisierten Wirtschaft bisher gescheitert sind, zumal sie immer, bis auf den heutigen Tag, mit staatlicher Repression verbunden waren und sind. Statt tribalistische Reden zu schwingen, müssen wir immer mehr Menschen überzeugen, sich einzubringen, an den Werten festzuhalten, die sich Jahrtausende bewährt haben, sich weiterzubilden, um mehr Geld verdienen zu können.

Dies sollen die Politiker der Parteien weiter ausführen und in die Praxis umsetzen, auf deren Fahnen Solidarität und Gerechtigkeit geschrieben stehen.

Hier soll noch einmal an die möglichen Verheerungen durch Sprache erinnert werden:

Auch ein guter Rhetoriker muss an seinen Taten gemessen werden. Schöne Sprüche, Witz und Schlagfertigkeit haben einen hohen Unterhaltungswert, sind aber sonst wenig hilfreich.

Ein Etikett ist kein Argument. Der Diskurs dagegen benötigt keinen Pranger.

Die Perpetuierung der Sprache der Mörder konterkariert jeden Stolperstein. Er erweckt noch nachträglich und immer wieder den Eindruck, dass es doch Wertunterschiede zwischen den einzelnen Menschengruppen, ‚Stämmen‘, Ethnien, Völkern und Nationen geben könnte. Auch Putin beschwört eine ganz besondere russische Geschichte eines monolithischen Blocks unveränderlicher Russen, die seit tausend Jahren Großes tun. Aber ein solches Volk, eine solche Gruppe gibt es nicht. Man könnte nun meinen, dass es Vielvölkerstaaten besonders schwer haben, aber sie unterstellen ja immer ein einheitliches und noch dazu ‚reines‘ Volk. Diese ideale, aber auch höchst unmoralische Vorstellung hat zu dem Begriff der ‚ethnischen Säuberungen‘ geführt, der Morde legitimieren sollte, Stalin nannte seine Mordaktionen ‚Säuberungen der Partei‘, Hitler sprach gar von ‚Vernichtung der Juden‘ und ließ dazu ein Biozid namens Zyklon B verwenden, das man damals UNGEZIEFERVERNICHTUNGSMITTEL nannte.

All diese sprachlichen Elemente der Mörder, Diktatoren und Autokraten müssen genau so verschwinden wie der Anschein, dass Ereignisse nur eine – eventuell noch leicht zu beseitigende – Ursache hätten, dass Armut durch Abschaffung des Reichtums selber verschwände und dass immer die anderen schuld sind.            

* Luhmann, Die Wissenschaft der Gesellschaft, Frankfurt/Main 1992