NEUN KANZLER

Als Kohl Kanzler wurde, gab es viel Spott. Er wurde für einen Provinzpolitiker gehalten, der er auch war. Es gab viele Witze über ihn, zum Beispiel über seine ständige Bevorzugung von Rheinland-Pfalz oder über seine mäßigen Englischkenntnisse. Seine Doktorarbeit in Geschichte hat er über den Kreisverband Ludwigshafen, seine Heimatstadt, der CDU geschrieben, aber nicht abgeschrieben. Aber dann kam die deutsche Wiedervereinigung und alle seine vermeintlichen oder wirklichen Fehler und Gebrechen waren schnell vergessen. Denn er verwirklichte eine Grundintention und einen Grundglauben der CDU, an die niemand, auch er selbst nicht, mehr geglaubt hat, mit einem pragmatischen Schwung und einer geradezu historischen Großzügigkeit, die er dann selbst wie einen Ehrenmantel vor sich hertrug.  

Als Angela Merkel eher unerwartet Kanzlerin wurde, hatte auch sie schlechte Karten. Man hielt sie für eine Emporkömmlingin und für ein Protegé von Kohl, den sie dann auch noch verriet. Die dreißig Silberlinge, so glaubten viele, waren der Parteivorsitz und die Kanzlerschaft. Sie biss eine Reihe katholischer junger Männer weg, die alle von einer Premiumkarriere in der rheinisch-katholischen CDU geträumt hatten. Aber dann kamen die Krisen, die sie meisterte, und der Kandidatenmangel, der ihr nutzte, und Merkel wurde dreimal wiedergewählt. Niemand weiß, obwohl es viele behaupten, ob die CDU durch sie oder nur mit ihr nach links oder in die Profillosigkeit rutschte. Viel spricht dafür, dass die Zeit der Volksparteien, vielleicht überhaupt der Parteien, zuende ist.

Kohl und Merkel starteten jedenfalls mit dem falschen Omen und waren dennoch erfolgreich. Diese Feststellung ist wichtig, weil sie andeuten soll, dass, was wir über Olaf Scholz vermuten, falsch sein kann. The proof of pudding is eating.

Die ersten beiden Bundeskanzler waren im neunzehnten Jahrhundert nicht nur geboren, sondern auch verwurzelt. Adenauer, der schon dreiundsiebzig Jahre alt war, als er mit einer Stimme Mehrheit zum Bundeskanzler gewählt wurde, war ein – wenn auch bedeutender – Kommunalpolitiker gewesen, der von den Nazis zwangspensioniert und mehrfach kurz inhaftiert wurde. Obwohl er eindeutig ein Pragmatiker war, hatte er dennoch die Vision des Ausgleichs mit dem Jahrhundertfeind Frankreich, der ihm auch gelang. Auf französischer Seite wurde ein General sein Partner, der zweimal gegen Deutschland gesiegt hatte. General de Gaulle, ebenfalls ein Konservativer, war im ersten Weltkrieg in deutscher Kriegsgefangenschaft, aus der er floh, mit dem späteren sowjetischen Marschall Tuchatschewski befreundet gewesen, den Stalin noch vor dem zweiten Weltkrieg wegen seiner überragenden und nicht nur militärischen Fähigkeiten erschießen ließ. Viele ältere Menschen haben als Adenauers größte Leistung allerdings die Befreiung der letzten zehntausend Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion gesehen, durch die er der erste westliche Politiker war, der offiziell die UdSSR, den neuen Erzfeind, besuchte. Sein Nachfolger wurde sein Intimfeind Ludwig Erhard, der als Wirtschaftsminister als Vater des Wirtschaftswunders und der sozialen Marktwirtschaft gilt. Er hatte über Jahrzehnte einen Beratervertrag mit der von den Nazis enteigneten Philipp Rosenthal AG, was ihn zum Begründer des korrupten Flügels der CDU macht. Ihre Feindschaft war tief und andauernd. Zum Beispiel rüffelte Adenauer Erhard an meinem achten Geburtstag in der Rentenfrage mit einem dienstlichen Brief, in dem er zwei Sätze Erhards zitierte und sagte, dass er sie nicht glauben könne und in dem er Erhard auf seine Richtlinienkompetenz aufmerksam machte. Es ging um die Rentenanpassung als Inflationsausgleich. Weiter ging später nur die Merkel, indem sie ihren Intimfeind Röttgen, der gerade jetzt, nachdem Merkel in Rente ging, sein comeback versucht, in aller Öffentlichkeit aus dem  Amt entfernte. Die Bundesrepublik ist mit den ersten beiden Kanzlern von den Werten her, anders als die DDR, tief im neunzehnten Jahrhundert verankert.

Die nächsten drei Bundeskanzler, Kiesinger, Brandt und Schmidt sind auf unterschiedliche Weise mit der Nazizeit verbunden. Kiesinger war NSDAP-Mitglied und rundfunkpolitischer Mitarbeiter des Reichsaußenministeriums, eine Stelle, die ihm sein Schüler Gerstner verschafft hatte, der später in der DDR Agent und Chefreporter der Berliner Zeitung war. Von links aus betrachtet war Kiesinger nach Bundeskanzleramtsminister Globke und Geheimdienstchef Gehlen der dritte prominente Nazi in der Führung der Bundesrepublik, aber erstens war er wohl nur ein sehr kleines Licht gewesen und zweitens fühlte sich die Mehrheit der Bundesbürger durchaus durch ihn repräsentiert. Ein gewisse Größe muss man ihm sogar zugestehen, weil er die erste große Koalition führte, in der Brandt sein Außenminister und Vizekanzler war. Brandt war denn auch die Wende der Bundesrepublik zu mehr Demokratie und weniger Nazitum. Er war emigriert, arbeitete im Widerstand und als Journalist, war polyglotter Weltbürger und ein wenn auch undogmatischer, so doch lupenreiner Sozialdemokrat. Sozusagen ein Enkel Bebels, der in dessen Todesjahr geboren wurde. Brandt bekam den Friedensnobelpreis für die erfolgreiche Verfolgung seiner Vision des Ausgleichs mit dem europäischen Osten und trat überflüssigerweise wegen einer Spionageaffäre, die ihm Markus Wolf und Erich Mielke eingebrockt hatten, zurück. Sein Nachfolger wurde der ehemalige Wehrmachtsoffizier Schmidt, der später täglich zehn mehrsprachige Zeitungen las und zwar keine Visionen, aber äußerst gediegene Kenntnisse und Fähigkeiten sowie einen hervorragenden praktischen Sinn hatte. Auch er war ein Weltpolitiker und wurde nach Brandt der zweite und letzte elder statesman Deutschlands. Allerdings begann unter ihm das Bröckeln und Auseinanderdriften der SPD. Wahrscheinlich oder möglicherweise war Schmidt gar kein Sozialdemokrat, sondern einfach Politiker oder noch besser: der geborene Chefadministrator. Ohne Wehner, den gewendeten, ehemals führenden Kommunisten, kann man weder Brandt noch Schmidt noch den Zerfall verstehen. Aber er war kein Bundeskanzler, weil er es wegen seiner Vergangenheit nicht hätte werden können.

Die nächsten drei Bundeskanzler kann man als die Nachkriegsgruppe zusammenfassen. Kohl und Schröder stammten aus armen bis sehr armen Familien und entsprachen so dem deutschen Ideal einer Repräsentation der Normalität in den Politikern. Merkel stammte zwar aus dem Mittelstand, war aber aus dem Osten und eine Frau. Unter der neuen Regierung wird Schröders größte Leistung, die Zusammenfassung von Arbeitslosengeld II und anderer Transferleistungen unter dem unglücklichen Namen Hartz IV, Bürgergeld heißen. Aber was ändert das? Dieses Geld soll gleichzeitig Familien ein menschenwürdiges Leben ermöglichen und den Anspruch auf einen Arbeitsplatz verfolgen. Die Linkspartei, die so vehement dagegen gekämpft hat, ist mit diesem Kampf und ihren ewigen innerparteilichen Querelen untergegangen. Das wäre nicht schlimm, wenn nicht an ihre Stelle, mit einem ähnlichen populistischen Ansatz, nun aber von rechts, eine selbst ernannte Alternative getreten wäre, die zehn Prozent der Wähler fest im Griff zu haben scheint, obwohl sie bisher nicht einen einzigen realistischen oder gar visionären Vorschlag gemacht hat.

Ob Olaf Scholz einst zu einer Gruppe gehören wird, lässt sich selbstverständlich nicht voraussagen. Von der letzte Gruppe trennt ihn seine reine bundesdeutsche Biografie, seine Herkunft aus dem unteren Mittelstand und vielleicht auch sein Beruf als Rechtsanwalt. Seine rhetorische und mimische Unbeweglichkeit kann ein falsches Omen sein. Auf jeden Fall aber ist er mehr Verwalter als Visionär. Allerdings hat er mit Habeck und Lindner zwei durchaus charismatische Partner, die ihn vorwärtstreiben könnten. Der Oberlangweiler Gauland wollte ja einst Merkel jagen, aber leider gelang ihm nicht ein einziger Antrag oder Gedanke und er verfiel der Lächerlichkeit. Deswegen hoffen wir darauf, dass die ganz neuartige Koalition, das erste Mal koalieren drei Parteien, von denen jeweils nur zwei zusammenpassen, sich gegenseitig vorwärtstreiben wird, was wir uns als durchaus positiven, sportlichen Akt vorstellen möchten. Olaf Scholz könnte als ausgleichender Kanzler zweier Charaktere in die Geschichte eingehen. Er hat also nicht nur ein großes politisches Programm vor sich, für dessen Verwirklichung er wiedergewählt werden muss, sondern muss auch neue interne Maßstäbe als Kanzlertyp setzen. Hoffen wir für uns, dass er seinen Kohl-Merkel-Pfad finden wird.

HAUSMUSIK

Gedanken über die Orgel

1

Ein Paradigmenwechsel ist nur insofern ein Ende, als er auch ein Anfang ist. Alles, was früher galt, gilt auch heute, nur mit einer anderen Wertigkeit, in neuen Zusammenhängen. Man kann mit einem Faustkeil oder mit einem Dreschflegel noch genau das gleiche tun wie früher, nur tut man es jetzt wesentlich seltener. Hegel nannte das Aufgehobensein. Das ist auch eine schöne Erklärung für wahren Konservatismus: die Tradition wahren, das Alte aufheben, ohne das Neue zu verachten. Inzwischen ist aber, da wir erkannt haben, dass jede Innovation auch einen neuen Grad von Zerstörung in die Welt bringt, eine neue Denkgröße hinzugetreten: die Nachhaltigkeit, die relativ neue Vorstellung, dass nicht mehr verbraucht werden kann, als nachwächst oder sich regeneriert. So können wir überlegen, ob der Faustkeil in einer semimobilen Brechanlage funktional gut aufgehoben ist oder ob diese soviel Energie verbraucht, wie durch die neue Straße, die mit den gebrochenen Steinen als Unterbau entsteht, eingespart wird. Dann  hätte diese Gleichung eine fette Null als Lösung, das ist der Traum vom Gleichgewicht, aber in Wirklichkeit verbrauchen wir in Deutschland soviel Energie wie ganz Afrika. Das ist ein Verhältnis von achtzig Millionen zu über einer Milliarde Menschen und nicht durch das schlechte Wetter hierzulande hinreichend erklärt. Das ist signifikant nicht nachhaltig, selbst nicht mit Windrädern, denn diese müssen her- und hingestellt und später entsorgt werden, sie beeinträchtigen zudem die Lebensqualität, wenn auch weit weniger als Kohle- oder Kernkraftwerke.

2

Der kleine Kalkant

Die Orgel als Sozialidylle

Erst musste er die Glocken läuten, dann wirkte er als Kalkant an der Sonntagsmusik in seinem Heimatdorf mit. Kalkant, das klingt heute eher nach einem Menschen, der etwas kalkuliert, was wir ja alle tun. Das war aber der Bälgetreter, ein Junge, der vor der Konfirmation, die seine Kindheit im Elternhaus beendete, in der Kirche den Schöpfbalg der Orgel bediente, damit der Lehrer, der auch Kantor war, die Gemeinde begleiten konnte. Vielleicht war der Lehrer auch so gut, dass er jeden Sonntag mit einem Stück konzertierte und brillierte. Zwar brillierte der Kalkant nicht, trotzdem war er unentbehrlich und vergaß auch später nicht, was er da, vielleicht ein bis zwei Jahre lang, getan hatte, wie er glaubte, für Gott, aber, wie wir meinen, auch für die Demokratie, die Kunst und für sein eigenes Verständnis.

Was er nämlich, wenn er diese Tätigkeit beendete, verstanden hatte, war nicht die Musik, die für ihn wahrscheinlich unverständlich bleibende Musiksprache Bachs oder Regers, sondern das Komplementäre seines Tuns: wenn er den Balg nicht trat, konnte der Kantor nicht spielen, spielte der Kantor nicht, musste er auch nicht den Schöpfbalg bewegen. Die Orgeln im frühen neunzehnten Jahrhundert waren alle Meisterwerke der Mechanik. Es gibt einerseits den Weg der Luft von überall durch den Balg in die Pfeife, andererseits den Impuls des Gedankens über die Finger, die Tasten, die Abstrakten ebenfalls zur Pfeife. Dort treffen sich Luftstrom und Gedankenstrom und erzeugen im besten Falle Musik. Die Abhängigkeit des Musikers, der sich als Tastenwanderer und Spintisierer sehen mochte, vom kleinen Jungen, der seine frühe Kraft in den Dienst der Allgemeinheit stellte, diese Abhängigkeit in einem kohärenten System war gegenseitig.

Weil es einem hierarchischen Staats- und Erziehungssystem nicht gelungen ist, den Bälgetreter von der Notwendigkeit und der Sprache dieser Musik zu überzeugen, ist die Luftbeschaffung mechanisiert und die Musiksprache für Bälgetreter krass vereinfacht worden. Zwar gab es auch schon vorher neben der erbauenden die rein unterhaltende Musik und Kunst überhaupt, aber eben daneben und eher als Ausnahme. Die Reproduktionsmöglichkeiten der Kunst und der wachsende Wohlstand führten zur massenhaften Ausbreitung rein unterhaltender Musik, deren Herkunft und Abhängigkeit dem Laien verborgen bleibt, dem Musiker aber eine Selbstverständlichkeit ist: man hört im Jazz den Choral und die Polyphonie, man sieht im Instrumentarium die türkische Militärmusik, zum Beispiel die Percussion, man fühlt in der Klangnachahmung des Synthesizers den Leierkasten und die Kinoorgel. Und die hatte der Dorfschullehrer auch schon erfunden, wenn er den Kindern eine Geschichte erzählte und die dazugehörigen Geräusche auf der Orgel produzierte. Der Lehrer selbst war ein Medium und musste zaubern können.

Aber das sich ergänzende Miteinander bestand nicht freiwillig, sondern in einem autoritären Zwangssystem, auch wenn es den Menschen damals als ganz natürlich und wunderbar erschien. Der Kaiser im Märchen fiel gedanklich mit dem Kaiser in Berlin oder Wien oder Moskau oder Istanbul zusammen!

Man könnte Technik auch immer als den Versuch deuten, menschliche Abhängigkeiten und Kraftverschwendung durch Apparaturen zu ersetzen. Denn der kleine Kalkant war nicht immer zuverlässig, einmal war er krank, das andere mal hatte er seinen komplementären Termin schlicht vergessen, beim dritten Mal musste er zu einem ersten Date hinterm Hollerbusch eilen.

Die heutigen Windmaschinen erzeugen einen gleichmäßig hohen Winddruck. Spezialisten für alte Musik spielen schon wieder an Orgeln, deren Winddruck von speziell geschulten, natürlich nicht mehr halbwüchsigen Kalkanten hergestellt wird. Die heutigen Windmaschinen erzeugen aber auch oft einen Höllenlärm, der gedämpft werden muss oder störend bleibt. Kurz: ein jeder Vorteil bringt auch neue Nachteile mit sich, ein Lehrsatz, den wir allzu gern vergessen. Auch das Fahrrad war einst erfunden worden, um die Abhängigkeit des Menschen vom Pferd zu mildern. In jenem Jahr ohne Sommer, 1816, starben viele Pferde selbst Hungers oder wurden dem Hunger der Menschen geopfert. Während der Freiherr von Drais als Ersatz für das Pferd das Fahrrad ersann, dachte der junge Justus Liebig, später Freiherr von Liebig, schon über organische Chemie und Düngung, zunächst aber über Knallerbsen nach. Ganz sicher arbeitete er auch als kleiner Kalkant.

Was früher als Kraftverschwendung gedeutet wurde, könnte heute in ein Fitnessprogramm einbezogen sein. Man stelle sich diesen Genuss dickleibiger älterer Damen und Herren vor: sie trainieren sich Pfunde ab und wunderbare Musik an, wenn sie als Kalkanten statt als bloße Zuhörer zum Konzert gehen. Danach besteigen sie ein Fahrrad, das nicht durch einen Elektromotor trittverstärkt, sondern durch einen Dynamo ausgenutzt wird. Die so gewonnene Energie wird zuhause ins Mikrokraftwerk eingespeist. Ein Vorgefühl von diesem späteren Glück kann man schon sommers in der Uckermark sehen: so viele Fahrradfahrer eilen zu Orgelkonzerten!

Das gilt alles nur für kleine Dorforgeln und Fahrräder. Die neue Orgel im Dom zu Speyer hat ein offenes 32-Fuß-Register, für das man soviel Wind braucht, dass eine ganze Schulklasse kalkantisch eingesetzt werden müsste. Das Register heißt Contraposaune, sollte aber zu Ehren der Stifter der Orgel, der Fabrikantenfamilie Quandt, in Quandtarde umbenannt werden. Und weil die Familie nicht nur Automobile der Sorte BMW, sondern auch Waffen produzierte und Zwangsarbeiter beschäftigte, regte sich dagegen demokratischer Protest. Alles Gigantomanische ist kontraproduktiv.

Die Dorforgel wäre aber mit ihrem nahen Verwandten, dem Fahrrad, schon von vornherein demokratisch, wenn sie nicht in so undemokratischer Zeit gestanden hätte. Die Renaissance der Dorforgel in Orgelkonzerten und ganzen Konzertsommern ist also nicht nur unserem Dauerwunsch nach Musik geschuldet, sondern auch der Sehnsucht nach einfachen, aber demokratischen Verhältnissen, nach gegenseitigen Abhängigkeiten, die wohltuend solidarisch sind. Viele Menschen glauben sich heute in einer kalten, fremden Welt, weil sie das Solidarsystem genauso wenig wahrnehmen können wie die Winderzeugung beim sommerlichen Orgelkonzert. Eine kleine Orgel ist heute so demokratisch, sozialromantisch, ökologisch und nachhaltig wie ein Fahrrad.

Bleibt nur noch zu hoffen, dass die Glocken von einem einsamen Rentner, der seinen Lebenssinn darin wiederfindet, oder willigen Hartzvieristen, der einen kleinen Teil dessen, was er der Gesellschaft schuldet, zurückzugeben hofft, geläutet werden, und nicht von einer gott- und seelenlosen energieverbrauchenden Maschine.

3

In einem winzigen Dorf in der menschenleeren Uckermark wird am Reformationstag 2014 eine neue alte Orgel eingeweiht. Früher, im neunzehnten Jahrhundert, war die Orgel eine Schnittstelle zwischen elitärer Kultur und dem so genannten einfachen Volk. Diese Kultur war nicht insofern elitär, als dass sie niemand hätte verstehen können, sondern in dem Sinne, dass sie, mangels Reproduzierbarkeit, selten zu hören und zu sehen war. Wenn sie allerdings stattfand, waren an ihr mehr eingeborene Personen beteiligt als heute. Wir nehmen einmal an, der Dorfschullehrer von Woddow oder Bagemühl hätte sich zum Reformationstag 1814 vorgenommen, einen Bachchoral aufzuführen. Den kräftigsten Schüler hätte er als Kalkanten eingesetzt, die schönsten Stimmen hätten gesungen. Viele hätten mitgemacht. Mädchen denken immer, dass sie gut singen können, Jungen denken meistens, dass sie es nicht können. In einem Bachchoral gibt es keine Hierarchie, alle Stimmen sind gleichverpflichtet, die Orgel muss so laut sein, dass sie jeder hört, aber so leise, dass sie nicht die zarten Stimmen der angeblich groben Dorfkinder übertönt. Wie sollen die Kinder nicht die Schönheit dieses Chorals empfunden haben? Und wie soll das im Gegensatz zur Kirmesmusik gestanden haben, wie man damals Pop nannte? Nur in einer Hierarchie gibt es oben und unten, gut und schlecht. Nach zwei verheerenden Kriegen, die eine Hierarchie der Nationen stützen sollten, brach die internationale Hierarchie zurecht zusammen, aber nicht Freiheit war das Ergebnis, sondern zunächst Chaos. Vandalismus kann nie Freiheit bringen, aber vielleicht doch Befreiung. Gutshäuser wurden angezündet, Kirchen geplündert. Die Gutsherren und die Kirchenfürsten hatten sich zu sehr ins Zerstörungsgeschäft gemischt. Die Pfeifen der Woddower Orgel, wir wissen noch nicht einmal, wer das Werk einst gebaut hatte, wurden, nachdem sie Kindern zum Gespött dienten, als Altmetall verscherbelt und der Rest als Altholz verbrannt. Die Kirche verfiel, ihr Inventar, darunter ein wertvoller mittelalterlicher Altar, wurde ausgelagert. ‚Ach wie flüchtig, ach wie nichtig…‘ ächzten die Fugen des Feldsteinbaus.

Inzwischen war in Berlin durch denselben Krieg zum fünften Mal jene Kirche zerstört worden, die an der ältesten Stelle dieser nicht so sehr alten Stadt gestanden hatte, die Petrikirche. Aber im Gegensatz zu Woddow kam der Krieg nicht als fremdes unverstandenes Schicksal auf Berlin, sondern er war von hier als böses Schicksal für viele Millionen Menschen ausgegangen. Von der ältesten Gemeinde blieb ein Schutthaufen übrig, aber auch Hoffnung in einem Gemeindehaus. Für den weiteren Verfall wird gerne der durch die Diktaturen geförderte Atheismus verantwortlich gemacht, denn das haben wir alle in Hierarchien und Diktaturen gelernt, dass es leichter ist, von äußeren Ursachen auszugehen. In jeder Schuldzuweisung liegt ein falscher Trost. Zum Schluss wurde auch dieses Gemeindehaus verkauft, so dass, nachdem die Petrikirche einst die größte Orgel Berlins besessen hatte (Carl August und Carl Friedrich Buchholz, IV, 60, 1860), die letzte kleine Orgel heimatlos übrig blieb.

Und man möchte beinahe glauben, dass auf wunderbarem Weg sich diese beiden Geschichten trafen. Die Orgel scheint für die gerettete Kirche von Woddow wie gemacht, hier erst entfaltet sie ihren wahren Klang, ungedämpft durch Querelen und Hölzer. Aber für wen wurde die Kirche gerettet? Zunächst wurde sie für die Retter gerettet, die Bewohner des Palindromdorfes und der umliegenden Orte. Sodann aber auch für willkommene Gäste, seien es Verwandte und Bekannte, Touristen und Migranten. Gerade in diesen Dörfern kamen vor dreihundert Jahren französische Glaubensflüchtlinge an, die vielleicht nicht in jedem Falle willkommen waren, zumindest haben sie selbst auch lange gefremdelt, aber dann haben sie sich so sehr integriert und assimiliert, dass ihre Nachkommen heute noch nicht einmal mehr ihre eigenen Namen französisch aussprechen. Die Uckermark ist also auch ein Landstrich der Migration. Vielleicht sollten wir wieder ausrufen, dass Flüchtlinge, aus welchem Grund und Land auch immer, hier jederzeit willkommen sind. Vielleicht wird Woddow dann die erste Moschee mit einer Orgel, noch besser aber: keine Moschee und keine Kirche, sondern ein Haus für alle Menschen haben. Die einen beten – in welchem Kult und in welcher Sprache auch immer – zu Gott, die anderen beraten, was man Gutes für die nächsten Generationen tun kann. Dann hätte die alte Feldsteinkirche von Woddow dieselbe Bestimmung wie der Ort der Petrikirche, wo gerade jetzt ein Tempel der drei monotheistischen oder abrahamitischen Religionen entsteht, das HOUSE OF ONE. Um die Ecke haben übrigens zwei berühmte Pfarrer gewohnt: Gotthold Ephraim Lessing erdachte dort den weisen Nathan und den weisen Saladin und den weisen Tempelherrn, der aus der Hierarchie aussteigt wie aus einem falschen Mantel, und Johann Peter Süßmilch, der übrigens tatsächlich auch Pfarrer an der Petrikirche war, erdachte dort die Statistik als Beschreibung des perfekten göttlichen Wirkens. Er war nicht nur einer der Begründer der Demografie, sondern auch der erste Denker, der Evolution und Glauben zusammenbrachte, ein gottnaher Mathematiker.

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Die Nachhaltigkeit einer mechanischen Orgel erklärt sich aus ihrem Material, Kiefernholz, Eichenholz, Kupfer, Blei, Zinn und Zink, wie aus ihrer robust mechanischen Bauweise und Zweckbestimmtheit. All das wirkt in Dauerhaftigkeit und Verlässlichkeit zusammen. Eine Orgel besteht sicher hundert und zweihundert, oft dreihundert und vierhundert Jahre. Sie muss allerdings gepflegt und benutzt, gewollt und gemocht sein. Solange die Kirche das Monopol und den Primat im menschlichen Lebenslauf hatte, war also auch die Orgel, wo sie überhaupt vorhanden war, allgegenwärtig. Bis in das Denken und die Sprache hinein war sie zu hören: Kinder wie die Orgelpfeifen, denen man die Flötentöne schon beibringen wird, wo du nicht bist, Herr Organist, da schweigen alle Pfeifen, alle Register ziehen, den Riemen auf die Orgel werfen, die Pfeife spricht oder ist blind, zu der Orgel gehören andere Bälge, draußen orgelt der Wind. Fast jede Orgel hat viele Generationen von Menschen erlebt, fast jede Kirche hat mehrere Generationen Orgeln gehört. Konkurrenz hat die Orgel in dieser Beziehung zum Menschen nur im neunzehnten Jahrhundert vom Harmonium und vom Wohnzimmerklavier bekommen. Ansonsten steht sie einzig da: das Musikinstrument, das die meisten Menschen in vielen Jahrhunderten begleitete. Nachhaltigkeit ist also keineswegs nur eine Materialfrage. Vielmehr kann man von einer Prägung der abendländischen Bevölkerung sprechen. Sprechen die Glocken mehr als Signal, so kann die Orgel Gefühle kommentieren und sogar hinterfragen. Die Symbiose des europäischen Menschen mit der Orgel wies aber auch in die Zukunft:  Jeder kleine aufmerksame Kalkant wusste schon im neunzehnten Jahrhundert, was programmieren ist: eine Melodie oder Harmonie als Software und eine Flöte oder Trompete als grundlegende Hardware zusammenbringen. Dieses Prinzip wurde in der weitgehend verachteten Drehorgel noch weitergeführt, so dass man sagen kann, der Lochstreifen des Zuse-Computers ist die legitime Tochter der Walze von Drehorgeln oder der Lochplatten von anderen mechanisch-automatisierten Instrumenten.

Ist die Musik uns emotional am nächsten, so ist es das Haus rational. Beide treffen sich im Ton. Die mit Abstand meisten Orgeln stehen in Gotteshäusern. Es gab eine ganz kurze Periode von Kinoorgeln, die allerdings schnell durch den Tonfilm abgelöst wurde. Dennoch ist die Verwandtschaft der Kultorgeln in Kirchen und Kinos nicht zu übersehen. Die Allgegenwart des christlichen Kultus erscheint im zwanzigsten Jahrhundert abgelöst durch die Allgegenwart narrativer Medien. Wenn man noch die unvermeidliche Globalisierung hinzudenkt, ist die Angst vor Synkretismus unverständlich bis lächerlich. Alle Reinheitsvorstellungen sind notwendig absurd. Es gibt keine hundert Prozent. Alle Balken brechen nach dem Muster der Eulerschen Knickfälle und alle aufeinandertreffenden Systeme bilden Schnittmengen nach Venn, auch er übrigens ein Pfarrer.

Kultische Häuser sind einerseits Versammlungsstätten, Orte der Gruppen. Andererseits aber zeigt ihre Anzahl, ihr Raum und der Ort, auf dem sie stehen, an, dass sie gleichzeitig Symbole der Transzendenz sind. Jeder Mensch fühlt, dass es eine höhere Kraft als ihn selbst und die Summe von seinesgleichen gibt.  Selbst wenn wir das moralische Gesetz, das Kant unter dem gestirnten Himmel spürte, als Kindchenschema oder gar als biochemische Schutzreaktion der Arterhaltung deuten, ist uns klar, dass dahinter eine höhere Rettungsmacht steht, die sozusagen naturwidrige Wunder vollbringt: der gefürchtete Wolf zieht ein Menschenbaby auf und umgekehrt. Der Wolf löst gleichzeitig Furcht und Nähe aus. So ist auch das Verhältnis von Technik und Leben: sie schließen sich gleichzeitig ein und aus. Heute ist uns erst klar geworden, wer in diesem Wettstreit letztendlich obsiegen wird.  Ganz ähnlich wirken die von uns so genannten Gotteshäuser auf uns, weil wir wollen, dass etwas so auf uns wirkt. Wir spüren Gott, weil wir im gotischen Dom oder in der prächtigen Moschee Gott spüren wollen und sollen, der Architekt baut, was wir alle fühlen. Wir alle fühlen hinter den Feldsteinmauern, die durchaus auch den Regeln von Feuchte und Moder gehorchen, das Übernatürliche.

Wir wissen nicht, was die Zukunft bringt. Alle Hochrechnungen sind letztlich falsch. Als man von Telepathie träumte, wurde das Telefon erfunden, kurz darauf die die Television. Zwar spinnen wir Luftgespinste (empty visions), wie es in einem der schönsten Lieder heißt, aber selbst der felsenfesteste Fundamentalist wird zugeben müssen, dass doch nicht nur eine erstaunliche Anzahl von leeren Visionen Wirklichkeit wurde, sondern auch auf höchst erstaunlichen Gebieten. So sind wir selbst als Körper hochmobil, aber noch schneller sind unsere Gedanken. In wenigen Sekunden sind sie in Amerika oder Australien. Aber braucht sie dort jemand, fragte schon Samuel Morse?

Je schneller unser Leben zu sein scheint, desto mehr Entschleunigung benötigen wir. Man kann nach Schweden fahren oder in die Feldsteinkirche Woddow gehen, denn alles, was früher galt, gilt auch heute, wenn auch mit einer anderen Wertigkeit.  

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Also, wozu brauchen wir diese Orgel?

So wie das Kreuz die Zusammenführung zweier Linien ist, so ist die Orgel in gewisser Weise ein Symbol für das Abendland, für alles, was gestern war und von dem wir fürchten, dass es morgen nicht mehr sein wird. Unsere eigene Angst vor der Vergänglichkeit, von der die Fugen des Feldsteinmauerwerks singen, wird in der Bewahrung aufgehoben. Unser Leben hat nur Sinn auf andere Menschen hin, so wie wir von anderen Menschen leben, leben wir auch für sie. Wenn wir also etwas bewahren, tun wir es gerade auch für andere Menschen, Generationen und sogar Nationen.

Und obwohl diese Feldsteinkirche, die nach 69 Jahren Schweigen wieder eine Orgel hat, ein doppeltes und dreifaches Symbol für das Abendland ist, ist sie gerade durch ihre Leere, durch ihr Verwurzeltsein im leeren Raum, in einer Landschaft, die nahezu menschenleer ist, offen für alles Neue, ob es nun Flüchtlinge sind oder elektronische Gedankenstützen und Gefühlsreproduzenten. In der Feldsteinkirche aus dem dreizehnten Jahrhundert wohnte schon immer die Hoffnung und wohnt sie wieder. Nur wenige Touristen eilen durch unser abgelegenes Brüssower Land. Aber wenn in jedem Jahr einer darunter ist, der hier Entschleunigung und Trost findet, Stille und einen neuen Gedanken, dann hat es Sinn gehabt, die Schukeorgel opus 278 aus dem verkauften Petrigemeindesaal der fünfmal zerstörten ältesten Kirche Berlins, dort wo jetzt das HOUSE OF ONE gebaut wird, ganz in der Nähe vom Geburtsort des weisen Nathan,  in das fast schon verlassene Dorf in der menschenleeren Uckermark zu bringen, in die Kirche, die schon aufgegeben und vergessen war, an die Stelle der Orgel, an die sich niemand erinnert…

Jedes Dach ist ein Obdach und jede Melodie ist Heimat.

LIFE IS MY ROOM FROM WOMB TO TOMB

ZWEI BERLINROMANE, DIE KEINE SIND

Jeweils wenige Straßen in Berlin sind die Landschaft von zwei höchst unterschiedlichen Romanen. Beide Bücher wirken eher dokumentarisch, ihre Fiktion tritt hinter der offensichtlichen und meisterhaften Recherche zurück. So kompliziert und novellenhaft die Plots sein mögen, so greifbar, ja fast plakativ sind die Orte der Handlung: die Utrechter Straße im Wedding und das Großgebiet von der Linien- bis zur Rykestraße in Mitte und Prenzlauer Berg. Und die letzte Gemeinsamkeit: beide leiden etwas unter unübersichtlichem Personal, obwohl Seilers STERN 111 einen eindeutigen und sogar autobiografisch gestimmten Protagonisten hat. Allerdings werden in beiden Büchern die Geschichten hinter den Gesichtern bis in die Einzelheiten geradezu entblößt.

Regina Scheers GOTT WOHNT IM WEDDING liest sich wie eine allwissende Reportage über ein durchschnittliches Mietshaus. Der Leser ahnt natürlich, dass vieles schon deshalb Erfindung sein muss, weil kein Mensch alle diese Einzelheiten der Geschehnisse, Geschicke und Gedanken wissen kann. Allzu oft ist der Berliner Arbeiterbezirk als eindeutig definiert dargestellt worden. Das Lied, in dem das festgehalten wurde, wird selbstverständlich auch zitiert: DER ROTE WEDDING MARSCHIERT. Aber schon wenige Jahre danach marschierte der braune Wedding, dann der türkische, dann der studentische. Die Halbwertzeiten halbieren sich, die Botschaften verkommen zu Palimpsesten. Zwei historische Scheusale stammen aus dem Wedding: der wenig bekannte und gut getarnte Spitzennazi Artur Axmann, nach Baldur von Schirach Reichsjugendführer, er war es, der Hitler einen Tag vor dessen Tod noch die letzten verfügbaren Hitlerjungen vorführte, bevor sie zur Schlachtbank gejagt wurden, und der allseits noch erinnerte Erich Mielke. Beide hatten arme Eltern und erhielten deshalb Stipendien, um im Gymnasium lernen zu können. Beide lernten scheinbar nichts, denn auf den plumpen Sozialdarwinismus als Quintessenz ihres Verbrecherlebens hätten sie auch ohne Stipendium kommen können.

Die beiden Freunde Leo und Manfred, dessen Vater der Besitzer des Hauses ist, müssen in den dreißiger Jahren in die Illegalität gehen. Wenn man bedenkt, dass im heutigen Wedding der schöne Satz gesprayt wird KEIN MENSCH IST ILLEGAL, dann kann man daran erkennen, wie langsam die Geschichte fortschreitet, wenn sie überhaupt fortschreitet. Das sieht man auch daran, dass es schon einmal ein Buch über eine Sintifamilie im Wedding gab, nämlich EDE UND UNKU von Alex Wedding, die Vorurteile gegen die Roma, die seit 600 Jahren unsere Mitbürger sind, aber kaum weniger wurden. Wenngleich es auch viele so genannte U-Boote gab, Menschen, meist jüdischer Herkunft, die untertauchen mussten, weil sie nicht mehr fliehen konnten, so zeigt der Roman doch, dass ihre Überlebenschancen höchstens 50:50 waren. Leo überlebt, Manfred wird in einer Falle verhaftet und ermordet. Die in der Gegenwart steinalte, kaum noch bewegliche Frau Gertrud ist mit allen den Schicksalen im Haus und nur wenig darüber hinaus verknüpft. Sie liebte Manfred und er sie, aber beide bemerkten nicht die Falle aus Eifersucht und Antisemitismus. Freiheit und Demokratie haben aber auch Schmuddelecken. So kommt es, dass in der Gegenwart das Haus zum Spekulationsobjekt verkommt. Menschen ohne Genehmigungen leben dort und zahlen an Subsubunternehmer überteuerte Mieten, die ihnen aber keinen vertraglichen Schutz gewähren.

Seilers STERN 111 ist dagegen beinahe ein Entwicklungsroman, denn der Protagonist Carl sucht seinen Sinn, ja sein Leben. Dagegen stellt sich erst am Ende heraus, dass seine Eltern ein Ersatzleben gelebt hatten und ihren wahren Lebenssinn kannten und verfolgten. Dafür ist das Akkordeon zunächst unverständliche Metapher, dann aber naturnotwendiges Attribut eines ungeahnten und ganz unspießigen Lebens.

Es hört sich trivial an, wenn wir verkünden, dass jeder Zusammenbruch einen Aufbruch enthält oder zumindest von ihm gefolgt wird. Aber wir sollten bedenken, dass die Akteure jeweils den Ausgang ihrer Epoche nicht kennen können. Der Untergang der DDR hätte auch ein Orkus werden können, ein Bürgerkrieg unter Beteiligung der Sowjetunion, ein gewaltsam niedergeschlagener Aufstand, an dessen Ende ein schon zerstörtes Land in Chaos versinkt. Erich Mielke hätte die Macht übernommen und aus der biederen DDR ein Nordkorea ohne Ende gemacht haben können. Dass die Staatssicherheit der größte Unsicherheitsfaktor war, weil er auf Misstrauen gründete, zeigte sich in ihrem schmählichen Untergang und in der letzten Rede ihres unsäglichen Chefs aus dem Berliner Wedding. Aber weil das so unglaublich war, glauben es auch wirklich viele Menschen bis heute nicht und vermuten überlebensstrategische Geld- und Menschenströme im Untergrund, wahrscheinlich noch unter der U-Bahn. In den Reihen der Stasi waren sicher Profiteure, die im Untergang gewannen. Aber was haben sie gewonnen? Sie erhielten zum Lohn den Kapitalismus, den sie vier Jahrzehnte lang verteufelt hatten. Dagegen konnte der gesamte Ostberliner Untergrund mit seiner Harmlosigkeit, seiner Originalität, seiner Verschränktheit auf der einen Seite mit der kurz aufblühenden Prostitution, auf der anderen Seite mit der als Ordnungsmacht gedachten Sowjetarmee, deren klägliche Reste für sich zu retten versuchten, was für sie zu retten war. Eine Großmacht erkennt man an ihrem Bruttosozialprodukt, nicht am Militarismus – so verständlich er in diesem Fall gewesen sein mag – und nicht an den Losungen an den Häusern. Denn auch für die gilt unser schöner Satz, dass das Schicksal der Botschaft das Palimpsest ist. Genauso trivial ist es zu sehen, dass im Zusammenbruch eines großen Systems – also Staat, Gesellschaft, Industrie, Bürokratie – konkrete Menschen tatsächlich zusammenbrechen. Die lost people der DDR beziehen heute Hartz IV und wählen AfD, nachdem sie früher DIE LINKE gewählt haben. Aber es gibt diese verlorenen Menschen auch in Bochum und Dortmund, wo das zusammengebrochene System nicht der Staat, sondern die Industrie war.

Menschen aber, die im Zusammenbruch den Aufbruch wagen, werden in dem meisterhaften STERN 111 beschrieben. Zwar sind es nur die linken Chaoten, die Wohnungs- und Hausbesetzer, die Kellergastronomen und SAMISDAT-Schriftsteller, aber der wirtschaftliche Aufbruch folgte auf dem Fuße und verlangte nicht weniger Mut. Das sieht man schon daran, dass die beschriebenen Stadtteile damals alternativ-verfallen und abgeschrieben waren und heute zu den angesagtesten Wohngegenden gehören, das Gebiet von der Linienstraße in Mitte bis zur Rykestraße im Prenzlauer Berg und zur Richard-Sorge-Straße im Friedrichshain. Aber man muss gar nicht die zumeist aus dem Westen stammenden Investoren meinen, sondern vor allem die einheimischen Handwerker und Handelsleute, die aus eigener Kraft zum Aufschwung beigetragen haben, vor allem auch zu ihrem eigenen. Der Roman straft die Jammerer und ihre Parteien Lügen. Er ist ein literarisches Meisterwerk.

Literarisch ist GOTT WOHNT IM WEDDING nicht so überzeugend, wir nannten die Sprache oben schon ‚journalistisch‘. Aber er hat, vielleicht ohne es zu merken, die vielleicht sogar größere Vision zu bieten. In jeder Straße sind die Geschichten der Häuser enthalten und jedes Haus beherbergt die Geschichten der Menschen, die in ihm gewohnt haben, wohnen und wohnen werden. Und da zeigt sich, dass es in einem beliebigen Haus in Mitteleuropa die Vielfalt der ganzen Welt gibt. Es besteht selbstverständlich eine Korrelation zur Größe der Stadt: die Vielfalt nimmt in Abhängigkeit zur Gesamtbevölkerung zu oder ab, wenngleich heute auch viele Dörfer, da sie mehr Wohnplatz als Produktionsort sind, nicht mehr homogen erscheinen. Auch der Berliner Stadtteil Wedding, der früher einmal ein Dorf mit einer heiltätigen Quelle (‚GESUNDBRUNNEN‘) war, hat seine homogene Einfältigkeit aufgeben müssen und dabei gewonnen. Einfalt ist ein gutgemeint-freundliches Synonym für Dummheit. Vielfalt dagegen bündelt nicht nur die Argumente, sondern auch die Kontraargumente, und kommt zu kreativen Synthesen, durch Denken, durch Arbeiten, durch Erfinden, durch Ergänzen und nicht zuletzt durch Heiraten.  Ich lese den Roman als Spiegelbild einer idealen multikulturellen Gesellschaft. Natürlicherweise hat sie Defizite und Inflationen. Damit müssen wir leben. Nicht nur niemand ist perfekt, sondern auch nichts, auch nicht der sympathischste Stadtteil. Und so spannend wie das wirkliche Leben ist auch dieser so sorgfältig recherchierte und komponierte Roman.     

PLOT ODER SPOT?

Da das Land Brandenburg ausgerechnet in der größten Nachkriegskrise, wie Angela Merkel sagte, kein Geld für seine bedürftigen Schüler hat, die ohnehin, also auch ohne Krise, einiges aufzuholen haben, Brandenburg befindet sich im ranking auf Platz 14 von 16 möglichen, da also trotzdem kein Geld da ist, müssen meine Förderschüler vergeblich auf Förderung warten. Am gleichen Tage aber, an dem wir dieses unschöne Ende erfuhren, erhielt ich ein Angebot zur Förderung einer hochbegabten Schülerin, die Tochter reicher Eltern ist. Leider rief am Abend vor dem ersten Unterricht á la Rousseau der besorgte Vater an und teilte mit, dass das Töchterchen sich an der Côte d’Azur eine eitrige Angina geholt hätte und die Förderung fürs erste ausfallen muss. Das Schöne an der Freiheit, dachte ich, ist ja, dass man frei für Neues ist, ich beschloss also, nach Berlin zu fahren und die Straßen aus dem Roman GOTT WOHNT IM WEDDING noch einmal, denn eigentlich kenne ich sie, in der Hoffnung aber, Neues zu entdecken, entlangzugehen. Der Bahnhof war leer, weil kein Zug fuhr, weil die Lokomotivführer streikten. Gut, dachte ich, dann mache ich meine neue Skulptur KÖPFE MIT NÄGELN fertig, fahre zum Baumarkt, um die noch benötigten Hölzer und Metallteile zu kaufen. Immer belästigen uns viele Menschen mit ihrer unsinnigen Ankündigung, dass sie nun aber Nägel mit Köpfen machen werden. Das ist ein Spruch aus der Zeit der handgeschmiedeten Nägel, und wenn es drängte, dann machte der Schmied eben schnell Nägel ohne Köpfe. Dagegen grassieren gerade wieder Ideologien, die nichts anderes können als vernagelte Köpfe zu produzieren, als Bretter an die Stirnen zu nageln, als vorzutäuschen, es gäbe für irgendetwas eine schnelle Antwort oder gar Lösung. Aber mein Auto sprang nicht an. Es wird wohl meine vierte defekte Lichtmaschine innerhalb von vier Jahren sein, obwohl ich ein großer Bewunderer von Werner von Siemens bin. Ich rief einen meiner vielbeschäftigen Söhne an, aber die beiden bodenständigen Söhne hievten gerade einen neun-Meter-Balken auf ihre Feldsteinscheune. Ich würde also mit dem Bus nach Hause fahren müssen und das Auto zunächst hier stehen lassen. Auf der Vorderseite des Bahnhofs kontrollierten drei Bundespolizisten, der vierte wartete im Auto mit laufendem Motor, einen tätowierten Punk. Aber in seinem Ausweis stand wohl nicht, dass er ein Verbrecher wäre, deshalb verschwanden die drei Polizisten in der Bahnhofshalle mit den automatischen Schwingtüren. Aber in dem Moment flog (flog?) ein Eurofighter Typhoon über den Bahnhof genau auf der Strecke, in vielleicht zwanzig bis dreißig Metern Höhe, mit vielleicht 2.400 Kilometern pro Stunde, weswegen uns die Bezeichnung ‚fliegen‘ zweifelhaft erscheint. Der dritte Bundespolizist rannte aus der Halle zurück nach draußen und fragte: WAS WAR DENN DAS?  Der Punk merkte, wie recht Hamlet hatte, als er sagte, dass es eben mehr Dinge als Bundespolizei und Schulweisheit gäbe.

In der Bushaltestelle wollte ich mein neues Buch zu lesen beginnen, es ist wirklich neu, denn es erhielt im vorigen Jahr den Preis der Leipziger Buchmesse, zurecht, wie ich schon auf der ersten Seite bemerkte. Weiter kam ich nicht, denn neben mir debattierten zwei stockbetrunkene ältere Männer, wo sie nun trotz des Streiks noch hinfahren könnten. Der eine Mann schlug vor, die drei dreiköpfigen tschetschenischen Familien, die auf dem übernächsten Bussteig lautstark aufmarschiert waren, mit einer Kalaschnikow zu erschießen, wenn man eine hätte. Diese Notwendigkeit oder Möglichkeit bestritt der andere vehement, gleichzeitig betonend, dass er schließlich nicht aus der DDR stammte. Daraufhin begann der erste ältere betrunkene Mann BAUAUFBAUAUF FREIEDEUTSCHEJUGEND BAUAUF zu lallen, was die Tschetschenen stark verunsicherte, vielleicht, weil es Erich Honeckers Lieblingslied war. Aber sehr wahrscheinlich kannten sie Erich Honecker gar nicht und Putin und Ramsan Kadyrow reichen ihnen als Gewaltherrscher. Warum sie aber, obwohl in Deutschland geduldet, kaum Anzeichen von Anteilnahme, Interesse oder gar Mitarbeit zeigen, das bleibt uns ein Rätsel.

In dieser Betrachtung störte mich ein nicht mehr ganz junger, aber keinesfalls alter Mann, vielleicht höchstens Mitte dreißig. Er hätte, sagte er, schon seit zwei Stunden am Bahnhof auf einen Zug gewartet, suche nun aber den Bus nach Neuruppin. Den gibt es nicht, erwiderte ich wahrheitsgemäß, aber das konnte und wollte er nicht fassen. Ich glaube zwar, dass er Neustrelitz meinte, aber dorthin gibt es auch keinen Bus. Es stellte sich heraus, dass er nicht etwa ein verirrter Reisender war, sondern hier in dieser Stadt beheimatet. Und plötzlich stellt er fest, dass es keinen Bus nach Neuruppin gibt. Am liebsten hätte ich ihn zu dem beschränkten Schulrat geschickt, der Förderstunden für Brandenburger gestrichen hat.

TRANSIT IN EBERSWALDE

Am schwersten ist es beim Schreiben, die Beweglichkeit der Welt und der Menschen einzufangen. Leichter ist es, die Welt so zu beschreiben, als wäre sie ein Gemälde von Pieter Brueghel. Diese bewegliche Beschreibung nannte Michail Bachtin den polyphonen Roman und in diesem Roman tritt jedes Wort in Dialog mit dem Leser. Bachtin wurde von Stalin verbannt und schrieb als Buchhalter und später deklassierter Lehrer an einem Lehrerbildungsinstitut seine bahnbrechenden Werke. Sein Schicksal und seine Bedeutung sind gut mit Lew Theremin vergleichbar, der sogar in ein GULAG verbannt wurde.

In brennender Hitze bietet eine im Innern dunkle neogotische Kirche Trost und Erfrischung, die sogar – wie sich gleich zeigen wird – in Erbauung überführt werden kann. Eberswalde ist die einzige städtische Siedlung in Preußen, in die im achtzehnten Jahrhundert Schweizer Religions- und Wirtschaftsflüchtlinge gelangten. Die meisten bevorzugten Dörfer, wie zum Beispiel Linow bei Rheinsberg (‚Ruppiner Schweiz‘) oder Nattwerder, heute ein Stadtteil von Potsdam. Eine der Linower ähnliche Fachwerkkirche mag am Eberswalder Markt gestanden haben. Sie wurde baufällig und im letzten Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts durch einen bemerkenswerten Neubau ersetzt. Zwar wurde der Entwurf des Wettbewerbssiegers nicht verwirklicht, er stammte von dem Schöpfer der Hartungschen Säulen, die in Berlin Verkehrsgeschichte geschrieben hatten, aber die gebaute Kirche ist heute dennoch ein, wenn auch makelhaftes, Kleinod. Denn sie wurde im zweiten und letzten Weltkrieg hart getroffen. Die Antifa-Jugend führt deshalb an einer Mauer in der Eisenbahnstraße einen Graffito-Kampf gegen die Fa-Jugend: wurde Eberswalde wie Anklam und viel früher Freiburg im Breisgau durch die Nazi-Luftwaffe oder durch allied Aliens zerstört? Heute, nach gelungener Wiederaufbauarbeit, stellt sich allerdings auf der Website der Kirchengemeinde die Frage nach der Zukunft. Die wenigen Beter benötigen in der Innenstadt noch nicht einmal eine, geschweige denn zwei große und schöne Kirchen.

In der Kirche befinden sich äußerst freundliche Einladungen zum Verweilen, auf denen mehrfach betont wird, dass man nicht verpflichtet ist zu spenden oder sich taufen zu lassen. Auch die Adresse der Wiedereintrittsstelle fehlt dankenswerterweise. Stattdessen hört man leise Musik, die sich zunächst wie ein einzelnes und auch einstimmig gespieltes Orgelregister anhört. Aber von der architektonisch interessanten Eule-Orgel auf der Empore kann die Musik nicht kommen. Da immer noch der dunkle Kirchenraum dominiert, verzögert sich die Analyse der mysteriösen Musik. Sie könnte von einem Theremin stammen, dem ersten elektronischen Musikinstrument, lange vor der Hammond-Orgel. Zusammen mit seinem Erfinder war es lange verschollen und vergessen. Nun klingt es wie ein klagend verflötetes Flageolettcello und ganz entfernt auch nach einer frühen Hammond-Orgel. Auf dem Büchertisch liegt, passend zur Herkunft der Kirche, Anna Seghers‘ Roman TRANSIT. Wer zu lesen beginnt oder sogar bis zuende liest, wird höchst erstaunt sein über die Aktualität eines über achtzig Jahre alten Buches:

„Und selbst wenn von diesen Unzuständigen einige sich bis hierher gerettet hatten, an Leib und Seele noch blutend, sich in dieses Haus hier doch noch geflüchtet hatten, was konnte es einem Riesenvolk schaden, wenn einige dieser geretteten Seelen zu ihm stießen, würdig, halbwürdig, unwürdig, was konnte es einem großen Volk schaden?“

Der Roman beschreibt in geradezu filigranen Winkelzügen die immer wieder verhinderte Abfahrt nicht nur des namenlosen Protagonisten, sondern ganzer Heerscharen ungeduldig Wartender. Die Bürokratie, einst geschaffen, um die eigenen Leute zu schützen, erweist sich als die größte Hürde bei der Rettung von Menschen. Im Altarraum tauchen nun plötzlich Inge Keller und Jürgen Holtz auf, zwei gendervertauschte Uraltgreise, die das sechsundsechzigste Sonett von Shakespeare tänzeln:

„…und hohles nichts nur hochgezoomte tollerei / und reinste treue ohne glück in schwur und zwist / und goldne ehre ganz beschämend deplatziert / und mädchentugend hingeworfen zum verhuren / und rechte perfektion als schaden vorgeführt / und kraft springt hinkend aus den guten spuren / und kunst wird mundtot durch autorität / und die gelehrte narrheit kontrolliert den sinn / und simple wahrheit ist zur dummheit umgedreht / und güte vom bösen boss gefesselt als verbrecherin…“

Das sind zehn böse Unds, von denen so viele glauben, dass sie erst in der neuesten Neuzeit gälten. Davon handelt der Roman. Er gibt detailliert Auskunft über menschliches und unmenschliches Verhalten an einem Staudamm der Gefühle. So viele Menschen fliehen vor dem Bösen und landen in der Dummheit oder Verbohrtheit. Dabei ist es gleichgültig, wovor man flieht, denn der Fliehende hat abgeschlossen mit seiner Vergangenheit, die er nur mit seinem Gesicht mit sich durch die Welt trägt. Erst jetzt erschließt sich: das Buch stammt von der ersten Dichterin der bürokratischen Diktatur des Proletariats. Honecker, so könnte man denken, schaltet seine aus Westberlin importierten Pornofilme auf Pause und liest dieses Buch. Es ist unvorstellbar. Sie, die Dichterin, kam fünf Jahre vor ihrem Mann aus dem mexikanischen Exil und reihte sich ein in die erzwungene Arbeitereinheitsfront, besah sich Schauprozesse gegen ihre Freunde, schwieg zu Ausbürgerungen und Zuchthausstrafen und genoss ihren Ruhm. Sie war neben dem frühverstorbenen Brecht die einzige Weltliteratur in unserem kleinen verfluchten Land, mit immerhin drei Büchern, von denen im Osten nur Das siebte Kreuz Kult war, und das auch nur in der Anfangszeit. Am Ende ihres Lebens, das ihr wie ein Wartesaal in Marseille vorkam, soll sie nur noch betrunken gewesen sein. Aber vielleicht ist das auch nur ein böswilliges Gericht.

PALIMPSEST IST DAS SCHICKSAL ALLER BOTSCHAFTEN.

Ein polyphones Gewirr von Bleibenden und Fliehenden, die sich untereinander und gegenseitig behindern, verspotten, betäuben und helfen. Die Geschichte ist ganz und gar unideologisch. Kommunisten spielen in ihr eine geringere Rolle als etwa die Frau, die zwei Doggen in Pflege nimmt und dafür ein Einreisevisum erhält. Der mexikanische Konsul, den es wirklich gegeben hat, kommt öfter vor als alle Nazis und spanischen und italienischen Faschisten zusammen. Und obwohl das zum Zeitpunkt der Niederschrift und der größten Rezeption gar nicht absehbar war, kann man heute sagen: und so ist es auch. Der gutwillige Konsul ist der Pate des Europas geworden, von dem die damaligen Flüchtlinge träumten. Aber Europa konnte erst gut werden, nachdem Millionen Menschen flohen, ermordet wurden und Krieg führten, nachdem im kalten Krieg das alles noch einmal, aber eher theoretisch durchgespielt wurde, wenn auch eine Mauer zu Flucht und Jagd und Ermordung verleitete.

„…Vergangenheit und Zukunft, einander gleich und ebenbürtig an Undurchsichtigkeit, und auch an den Zustand, den man auf Konsulaten Transit nennt und in der gewöhnlichen Sprache Gegenwart…“

Der heiße Tag ging zuende. Leider spielte niemand auf der schönen Orgel oder auf dem Theremin ‚Abend wird es wieder‘ oder ‚Der Mond ist aufgegangen‘. Stattdessen schob sich durch die quietschende Nordpforte ein kranker Nachbar aus dem Lied und aus der Stadt in die dunkle Kirche, die nur durch ihre Freundlichkeit erhellt war. In Wirklichkeit aber kam er aus dem Transit, das in seinem Land መተላለፊያ hieß.  

Er war in dem Krisenjahr 2015 über das Mittelmeer zu uns gekommen und der Fahrschullehrer mit der schmutzigen Schaufensterscheibe hätte nur das Buch lesen müssen, das in der Kirche der Schweizer Migranten ausliegt. Aber lag es damals schon aus? Oder liegt es erst aus, seitdem die neuen Migranten kamen? Er hätte es, wann auch immer, lesen können: „…was konnte es einem Riesenvolk schaden, wenn einige dieser geretteten Seelen zu ihm stießen, würdig, halbwürdig, unwürdig, was konnte es einem großen Volk schaden?“  Der Junge war also durch den höllenheißen Sudan gekommen, das ging noch, durch Libyen, das war die Hölle, auf einer Schaluppe über das Mittelmeer, dort lag er fast die ganze Zeit auf dem Boden, weil er der kleinste war, dann von der italienischen Polizei mit Latexhandschuhen hart angefasst, dann durch Italien, in Mailand hat ihm eine Dame ein Frühstück in ihrer Wohnung gemacht, in Paris gab es eine Frühstücksstube kostenlos, in Aachen stand ein mürrischer alter Mann bereit, der ihn in sein Auto lud, damit er sich ordentlich bei der Polizei melden konnte, dann kam er nach dem unaussprechlichen und unsäglichen Eisenhüttenstadt, wo sie keine Flüchtlinge mochten, obwohl so viele Wohnungen leerstanden und auf den Spielplätzen nur Hunde kackten und keine Kinder spielten, dann lernte er Deutsch, dann bekam er sein erstes Praktikum, seine erste Arbeit, wurde wegen Corona gefeuert, sie feuern immer die schwächsten zuerst, hire and fire only the poorest, dann bekam er eine gute Arbeit, er ist aber auch sehr fleißig und sehr freundlich. Nun ging er daran, seinen zweiten Traum zu erfüllen. Der erste Traum war eine kleine Wohnung, die hatte er als WG, zusammen mit seinem Freund in einer winzigen Zweiraummansarde, die Möbel stammten von einem alten Mann, der einsam im Pflegeheim gestorben war, dessen entfernte Verwandten aus dem noch entfernteren Schwerin hatten im Kaufland annonciert: Möbel zu verschenken und eine Gitarre. Und der zweite Traum war die Fahrschule. Auch hier ging zunächst alles gut. Er bestand auf Anhieb die Theorie, fuhr leidlich gut, gut, alles verstand er dann doch nicht, es dauerte etwas länger, aber seine Freunde erzählten ihm, dass es bei ihnen auch so war. Doch dann häuften sich die Beschimpfungen des Fahrschullehrers mit der schmutzigen Schaufensterscheibe. Seine Tiraden wurden so schmutzig und gottverlassen wie sein Schaufenster. Jedenfalls kündigte der Junge, nachdem er so viel Geld bezahlt hatte. Der Fahrschulbesitzer mit der schmutzigen Scheibe und Seele verhinderte aber ein halbes Jahr lang, dass der Junge, der inzwischen ein junger Mann geworden war, sich in einer neuen Fahrschule anmelden konnte, indem er ihm seine Unterlagen, den Nachweis, dass er gefahren war, vorenthielt. Und der Grund war vielleicht gar nicht einmal, dass er ihm schaden oder sich rächen wollte. Der Grund war vielleicht, dass die Kladde, die Unterlagen, mit der Hand geschmiert, von Schmalzstullen besudelt, gar zu unordentlich für einen deutschen Fahrschullehrer waren, der noch dazu eine stadtbekannte schmutzige Schaufensterscheibe hatte.

Stand das nicht alles schon in dem Buch? Stand da nicht, dass das Leben wie eine Flucht ist, die Gegenwart ein Transit zwischen Vergangenheit und Zukunft? Und dass Transit ein Auf und Ab, eine ewige Sinuskurve, ein Kreuz ist, das du tragen musst?

Eigentlich ist die dunkle Kirche der einstigen Schweizer Migranten, die längst vergessen und verwest sind, auch ein Transitraum, für jene zumindest, die daran glauben, dass es irgendwie weitergeht. Und, sagte der weitgereiste junge Mann, irgendwie muss es weitergehen, schön, dass wir sprechen konnten und dass es einen so schönen Raum zum Sprechen gab.  

Eberswalde 13.7.2021  

DAS ÜBERSCHÄTZTE BÖSE

Das sogenannte Böse, schrieb schon Konrad Lorenz, wird nicht nur in dem Sinne überschätzt, als es tautologisch für eine eigenständige Kraft gehalten wird, was er mit dem Wort Automobilkraft vergleicht. Das Böse wird auch in seiner Wirkung maßlos überschätzt. Wenn die Absichtserklärung des Bösen die Zerstörung des Gesamtsystems war, dann ist die Wirkung gleich Null.

Als Graf Stauffenberg vergeblich versuchte, Hitler mit einer Bombe zu töten, drohte dieser unter anderem mit einer wörtlichen Blutrache, er werde, schrie er, die Sippen dieser Verräter auslöschen. Tatsächlich wurde das jüngste und fünfte Stauffenbergkind im Konzentrationslager Ravensbrück geboren. Es gibt ein Foto, auf dem die neunzigjährige Nina Gräfin Schenk zu Stauffenberg mit neunzig Familienangehörigen zu sehen ist, und sie hat das Foto ausdrücklich als Antwort auf Hitlers unsinniges Racheversprechen machen lassen. Die Familie war und ist zudem superreich. Stauffenberg war Hitlers Idol wie schon in seiner Kindheit der kleine Wittgenstein, der wie er ganze Wagneropern pfeifen konnte, sonst aber hochbegabt, schwerreich und stockschwul war, was Hitler alles bewunderte und imitierte. Ludwig Wittgenstein war, weil sein Vater es für gut erachtete, ein Jahr lang auf einer öffentlichen Schule, nämlicher jener Realschule in Linz, die zum gleichen Zeitpunkt, allerdings nicht erfolgreich, von dem kleinen Hitler besucht wurde. Es gibt eine  gemeinsames Jahrgangsfoto.

Goebbels erfand, um den unbedingten Rachewillen der Nazis auszudrücken, ein neues Verb: statt die Städte Großbritanniens ‚auszuradieren‘, was schon das Bild der Landkarte mit der Realität vermischte, ordnete er an, sie zu ‚coventrieren‘, also nach dem Vorbild von Coventry vollständig zu zerstören. Das gelang auch beispielsweise bei den Städten Freiburg im Breisgau, Eberswalde im Barnim und Anklam in Vorpommern. Das ist furchtbar, aber der Anspruch, alles was sich der Naziführung entgegenstellte, erbarmungslos zu vernichten, wurde noch nicht einmal im Ansatz erfüllt.

Großbritannien gehört nach wie vor zu den führenden Nationen der Welt. Auch Anklam hat es nach siebzig Jahren geschafft, den Turm der Nikolaikirche, wenn auch in anderer Form, zu rekonstruieren. Die Welt hat sich von dem falschen und schädlichen Begriff der Rasse getrennt und ein globalisiertes, multikulturelles Kapitel begonnen. Jetzt wird deutlicher, dass die Kriege und Auseinandersetzungen des zwanzigsten Jahrhunderts der Rückzug des nationalistischen, rassistischen, überhaupt des hierarchisch-konservativen Denkens und Handelns war. Es hat so gesehen keine fünfzig Jahre gedauert, um aus dem tiefsten Mittelalter der dichotomischen Bewertung und Ermordung von Menschen – der ist richtig, jener ist falsch – zur langsamen Verwirklichung des überfälligen Slogans ‚All men become brothers‘ zu gelangen. Dass Schiller nicht Männer und Frauen meinte, die natürlich nicht Brüder werden können, sondern soziale und geopolitische Grenzen beseitigen wollte, kann man aus der Urfassung von 1785 erlesen: Bettler werden Fürstenbrüder.

Auch die ansonsten vergessenen Punischen Kriege, die uns aber die römische Kultur brachten, werden von den Rechten als Sieg menschlichen Willens und menschlicher Fähigkeiten, von den Linken aber, nach Brecht, als Warnung vor dem Krieg gedeutet. Tatsächlich gab es aber nicht nur Scipio Africanus, sondern auch Hannibal, nicht nur den Untergang Karthagos, sondern auch den Roms. Kriege sind falsch, weil keiner wirklich gewinnt. Scipios Sieg über die Bürokratie – er zerriss vor den Augen des Senats die Belege über das verbrauchte Geld – und sein Satz über die 96% unserer Reaktion auf die 10% dessen, was uns passiert, sollten uns wichtiger sein als alle Berichte über Schlappen und Schlachten. Sein Schwur, Karthago dem Erdboden gleichzumachen und Salz zu verstreuen, um es für immer unbewohnbar zu halten, ging in Brechts berühmten Satz ein, aber war genauso wenig zu verwirklichen, wie alle bösen Schwüre und Taten.

Der Tyrann Herodes ließ eine ganze Kohorte Knaben ermorden, weil er die Ankündigung, dass ein neuer König der Juden geboren worden wäre, genau so wörtlich verstand wie der sprichwörtlich gewordene römische Beamte Pontius Pilatus, der nicht nur Jesus ans Kreuz nageln ließ, sondern auch das Schild IESUS NAZARENUS REX IUDAEORUM. Beide irrten sich gewaltig, denn geboren und ermordet war der Gründer einer globalen Bewegung, die später sowohl die römische Kultur und Sprache als auch den griechischen Humanismus mit in die Zukunft transportierte. An Herodes und Pilatus erinnern wir uns nur wegen Jesus, gleichgültig ob er nun Gottes Sohn oder einer der wichtigsten Denker der Weltgeschichte ist. Seine Sätze sind wichtiger als seine Herkunft. Die Wirkung seiner Sätze wird mehr durch die menschliche Überhöhung als durch das überschätzte Böse behindert. Das erste Konzil von Nicäa war genauso wenig göttlich inspiriert, sondern vom trivialen Zeitgeist bestimmt, wie jedes andere Konzil.

Ein vorletztes perfides Beispiel, das sogar die völlige Umkehrung eines bösen Wortes und darauffolgender böser Taten belegt, sind die Worte des amerikanischen Viersternegenerals Westmoreland, dass er die Vietnamesen in die Steinzeit zurück bombardieren werde. Diese unsinnigen Worte, denn die Zeit ist bekanntlich irreversibel, gingen damals durch die Nachrichtensendungen der ganzen Welt, die sich empörte und letztlich obsiegte. Einer derjenigen Wehrpflichtigen, die ihren Gestellungsbefehl vor dem Weißen Haus verbrannten, wurde wenig später Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Die USA bezahlen heute jährlich dreistellige Millionensummen für die Wiedergutmachung der in dem verheerenden Krieg angerichteten Schäden. Auf der anderen Seite stehen 90 Millionen Vietnamesen, die allerdings nicht wohlhabend sind.

Der letzte deutsche Kaiser hielt im Jahre 1900 in Bremerhaven bei der Verabschiedung deutscher Truppen eine auch rhetorisch schreckliche Rede. Auslöser war die Ermordung des deutschen Botschafters Clemens Freiherr von Ketteler. Ketteler selbst war, wie wir heute sagen würden, eher der Inbegriff von Multikulturalität, zu seinen Verwandten zählen sowohl der von Bismarck im Kulturkampf inhaftierte Arbeiterbischof von Ketteler, als auch der französische Marschall Louis Franchet d’Espery und die amerikanische Präsidentenfamilie Bush. Wilhelm sagte: „Kommt ihr vor den Feind, so wird derselbe geschlagen! Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht! Wer euch in die Hände fällt, sei euch verfallen! Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in Überlieferung und Märchen gewaltig erscheinen lässt, so möge der Name Deutscher in China auf 1000 Jahre durch euch in einer Weise bestätigt werden, dass es niemals wieder ein Chinese wagt, einen Deutschen scheel anzusehen!“ Statt sich über die Brutalität der Worte zu ereifern, die für den Nationalsozialismus programmatisch waren, sollten wir endlich realisieren, dass nichts davon verwirklicht wurde. Das Böse bleibt Programm. Es ist nicht verwirklichbar. Es ist nicht existent, sondern immer wieder nur eine zeitweilige Summe aller falschen Entscheidungen.

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Bild: Der Masaccio-Trompeter von 1426 verkündet das Gute.  

SCHNITTMUSTER

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Es ist wohl absurd anzunehmen, dass das, was man sieht, das ist, was ist oder was man denkt, dass es wäre oder wovon man glaubt, dass es war. Und diese Feststellung mag so trivial sein, wie das Wort ‚Feststellung‘ selbst, denn man kann nichts feststellen, auch die Mechanik, aus der das Wort stammt, nicht. Alles, was man feststellt, lockert und überlagert sich und vergeht wie das nicht Festgestellte. Alle Kulturen schieben sich übereinander und koexistieren mehr, als dass sie sich bekämpfen oder vergessen.

Der Bischof von Ulm verurteilte das Fliegen als unmöglich und unnötig. Der Bischof von Köln verfluchte den Bahnhof neben seinem Dom, der seinen Standort einer demokratisch-ökonomischen Entscheidung verdankte und zur Säkularisierung mehr beitrug als das Kommunistische Manifest. Der Bischof von Florenz benannte seinen Bahnhof nach der neben ihm liegenden Kirche Santa Maria Novella. Wer war wem eine Neuheit, wer novellierte was? Die Kirche erscheint mit ihrem gotischen Innenraum so schlicht, wie der Bahnhof chaotisch. Der Bahnhof bildet die sich kreuzenden Wege der Reisenden nicht ab. Das hundert mal fünfzig Meter große Fundamentalkreuz der Kirche sollte sicher eine der vielen Grundlegungen eines, wenn nicht ewigen, so doch dauerhaften Fundamentalismus werden. Zu unserem Glück durchkreuzten sich alle diese Pläne wie von selbst. Es handelt sich einfach um Gebäude von Menschen für Menschen, Gebäude voller Wirklichkeiten und Metaphern. Der sehr junge Maler Masaccio (‚der Koloss‘) malte in dieser Kirche, die damals noch nicht neben dem Bahnhof stand, das erste Bild mit Zentralperspektive, das so dreidimensional wirkt, dass man von weitem annehmen könnte, dahinter läge eine weitere reale Kapelle. Ist es das erste dreidimensionale Bild, ist es das erste erhaltene dreidimensionale Bild oder ist es das erste dreidimensionale Bild, das wir kennen? Wir wissen es nicht. Wir wissen nichts. Alles, was wir wissen, müssen wir vorher glauben und können wir hinterher vergessen.

Gebäude, Gemälde, Gedanken und Gefühle gehen ineinander über. Wir wissen nie, ob wir gerade verzaubert oder entzaubert sind. Wir brauchen beides wie den Hunger und die Sätte, den Schlaf und die Wachheit. Alle Kritik an neuen Medien oder neuen Verhaltensweisen ist demzufolge nichts weiter als die Fortschreibung eines immer wirkenden Generationswiderspruchs. Die Verzückung, die die Pilger im Mittelalter angesichts riesiger romanischer oder gotischer Gebäude und der in ihnen vollbrachten Heilungen und anderen Wandlungen empfanden,  steht in nichts den Verzückungen nach, die durch die durch die permanente Selbstkopierung durch Selfies oder andere Fotos in so großer Zahl sich sozusagen selbst reproduzieren, dass man aus ihrer Summe das lange gesuchte Gesamtkunstwerk herstellen könnte. Dazu passt, dass Milliardäre sich jetzt selbst klonen lassen, weil sie ernsthaft glauben, dass sie mit dem Geld identisch wären und außer Waren auch Sinn kaufen könnten. Aber das eben ist nicht neu, denn der Mensch der Gotik glaubte genauso widersinnig, die Wundmale des gekreuzigten und gepfählten und gehängten Vorfahren an und in sich zu spüren. Er kopierte das Leid und das Glück anderer Menschen, kumuliert in der einen, dann aber millionenfach reproduzierten Metapher.

Kulturen folgen ebensowenig wie Generationen aufeinander. Sie schieben sich in- und übereinander wie die uns heute völlig unverständlichen Schnittmusterbögen, die noch vor wenigen Jahren Zeitungen beigelegt waren, damit man nach ihnen billig nähen konnte. Heute ist alle Billigkeit nicht zu unterbieten. Der alte Mann oder der junge Junge, die am Straßenrand die solitäre Kuh hüteten, die einer Familie eine ausgewogene calcium- und fettreiche Ernährung ermöglichte, sind zur Karikatur einer Gesellschaft geworden, die zum zweiten Mal im Butterberg ertrinkt. In jedem Menschenleben treten solche höchst gegensätzlichen Bilder auf. Die Paradigmen menschlichen Wirtschaftens und Verhaltens wechseln vielleicht immer noch alle fünfzig Jahre. Die Beschleunigung, nicht die Geschwindigkeit, mag eine Verzauberung sein. Die Entzauberung tritt ein, wenn man am Ende des Lebens das Gleiche erblickt, wie die Alten zu sehen glaubten, als man selbst jung war. Die Pest von 1348 ist nicht nur eine Krankheit gewesen, sondern ein tiefsitzender Schrecken und insofern ist sie mit dem Atombombenabwurf über Hiroshima von 1945 vergleichbar. Die Pest reproduziert und potenziert sich durch den Floh der Ratte, die Zerstörungskraft der Atombombe gebiert sich aus der Spaltung des einst für das kleinste Teilchen gehaltene Atom, dessen Name die Metapher für das nicht mehr Teilbare war. Die Vorstellung und der Wunsch nach solcher Zerstörungskraft mag aus dem Gedanken des Tsunami entstanden sein, der am Allerseelentag 1755 Lissabon und die gesamte christliche Welt so sehr erschütterte, dass sie die Aufklärung hervorbrachte. Die Asche des Vulkans Tambora gebar das Fahrrad, indem im Jahr ohne Sommer 1816 die Pferde aufgegessen wurden oder verhungerten, jedenfalls fehlten. Damit soll nicht gesagt werden, dass das Schlechte das Gute gebiert, sondern dass sie nicht auseinanderzuhalten sind. In die eine Kultur steckt die andere ihre Zunge hinein. Was man sieht, ist nicht das, was ist. Was ist, sieht man nicht.

Als Brunelleschi die berühmte Kuppel des Doms Santa Maria del Fiore in Florenz errichtete, wollte er eine Kuppel bauen, aber wir erfreuen uns an dem Gefühl der Treppe in der doppeltschaligen Wand, an dem Gedanken der zauberhaften Technologie. Es gibt höhere Gebäude, es gibt schönere Gedanken, aber es gibt dieses Gefühl: in sich selbst nach oben zu gelangen, selbst der Aufstieg zu sein, von dem man träumte, mit den Augen zu hören, wie es bei Shakespeare heißt, nur in der Kuppel des Florentiner Doms. Wenige Meter davon entfernt hat ein ganz junger Maler sozusagen aufgeschrieben, was seine großen Meister Brunelleschi und Donatello ihm flüsterten: der wahre Zauber ist die Perspektive, die große Entzauberung.

Die Freilegung und Restaurierung der Fresken Masaccios in der Florentiner Kirche Santa Maria del Carmine wurden übrigens von der Computerfirma Olivetti finanziert, die wie ihre Produkte aus der Schreibmaschine hervorging und während der Mussolini-Diktatur nur überleben konnte, indem ihr Besitzer sich taufen ließ. Das ist es, was ich meine.

12. Juni 2016

ONLY YOUR FACE IS YOUR PAST

Freud schrieb, dass unser Leben zu schwer sei und wir deshalb schlafen, träumen und Drogen nehmen müssen. Aber damit nicht genug. Das Leben ist wie ein Seiltanz, und die ständige Angst abzustürzen, betäuben wir mit geglaubten Sicherheiten. Die Familie ist natürlich nicht nur geglaubt, sondern real. Trotzdem gehören Brudermord und Vatermord zu den Urbildern der Menschheit. Trotzdem gibt es den Mythos der besonderen Mutterliebe. Trotzdem erleben wir gerade – seit dem neunzehnten Jahrhundert – eine Annäherung der Geschlechter und eine komplette Änderung der Vaterrolle. Die Kinderzahl steigt zwar noch, aber die Geburtenquote sinkt in allen Ländern mit Ausnahme der allerärmsten. Damit wird sich auch die Mutterrolle, die wohl ein Mythos zur Kompensation der Rechte- und Freiheitseinschränkungen war, signifikant ändern. Der Mythos der Mutterschaft war an die alleinige Funktion der Mutterschaft gekoppelt.

Noch krasser ist es bei der Nation. Sie ist ganz offensichtlich ein Konstrukt des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts. An den Konflikten kann man sehen, wie wenig sich die Menschen, aber auch die Politiker an den Status der Nation halten. Ein reiches Land wie Belgien leistet sich einen teuren Streit: zwei Universitäten werden nebeneinander gebaut, eine wallonische und eine flämische. Einen billigen Streit leistet sich die Türkei: immer wieder klafft die Wunde zwischen Türken und Kurden, die sich ein Staatsterritorium teilen, ohne wirklich ein Volk zu sein. Der schwankende und schwächelnde Autokrat hat es diesmal sogar geschafft, nicht nur den Konflikt zu entfachen, sondern auch ein neues kurdisches nichtterroristisches Bewusstsein zu stärken. Deutschland tat sich lange schwer mit der zweimaligen Verschiebung seiner Grenzen in einem Jahrhundert und tut sich derzeit schwer mit der Anerkenntnis, dass, wer sich mit seinen ehemaligen Feinden versöhnt, eben dann auch als Musterbild der Toleranz gesehen wird. Das merkwürdige daran ist nur, dass Deutschland immer schon ein Einwanderungsland war, so wie in Frankreich, das auch den Preis für seinen Kolonialismus bezahlen muss, niemand weiß, ob er von den Galliern oder den namensgebenden Franken abstammt. Sind wir Alemannen oder Sachsen? Auf dem Balkan nennt man uns Schwaben. Das alles haben Ernest Renan (‚die Nation ist ein tägliches Plebiszit‘) und Arthur Schopenhauer (‚Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein…‘) schon mehr als gründlich beantwortet.

So ist es auch mit der Religion. Wie alle menschlichen Gruppen hat sie den Keim der Spaltung immer schon in sich. Gerade gestern, katholische Frauen wollen unter dem Label MARIA 2.0 ihre auch kirchliche Emanzipation erkämpfen, schlägt der Klerus vor, dagegen einfach eine neue, unterwürfige Frauenorganisation zu gründen. Wahrscheinlich wird sie dann rechtgläubig heißen. Ruft man bei YOUTUBE beliebig eine Predigt auf, so hört man einen Abt, der begründet, warum nur ein Priester das Abendmahl vollziehen kann. Das ist der umgekehrte Muttermythos, dem auf der wieder anderen Seite das Vaterland gegenübersteht.

Aber was ist mit den Traditionen, der Kleidung, dem Essen? Isst man sich durch die Welt, so bemerkt man schnell, dass die Differenzen marginal sind. In warmen Gegenden haben die Menschen wenig an, in kalten mehr. Das ist der ganze Unterschied. So steht es auch schon im NATHAN DER WEISE von Lessing, ein Buch, das gerne gelesen und auf dem Theater angehört, aber genauso gern vergessen wird: ‚Wie kann ich meinen Vätern weniger als du den deinen glauben?‘ [III,7] Und etwas weiter oben heißt es im schönen Dialog zwischen Saladin und Nathan, dass sich die Religionen in allerhand Äußerlichkeiten, jedoch nicht von Seiten ihrer Gründe unterscheiden.

YOUR FACE IS YOUR PAST BUT THE BACKGROUND NOW.

Der Hintergrund, auf dem wir uns bewegen, ist die Gegenwart, stage und backstage. Unser Verhalten ist immer vom Augenblick bestimmt. Wollen wir einen Ertrinkenden retten, können wir nicht unsere Prinzipien befragen, sondern wir müssen unsere jetzigen Möglichkeiten abrufen. Nur Fundamentalisten sehen das anders und verhalten sich auch anders. Sie kalkulieren immer den Tod gegen das Prinzip. Die damalige Berliner Führung der Zeugen Jehovas wurde in einer Schulklasse ausgepfiffen als sie in der letztlichen Alternative, ob man einem Verhungernden Brot oder eine Bibel geben sollte, das Prinzip wählte. Fundamentalisten gibt es nicht nur bei Boko Haram, sondern auch im Vatikan oder in einem Bundesministerium.

Was wir mit uns herumschleppen, ist unser Gesicht, nicht unsere Tradition. Die Tradition wird als Rettungsring gesehen, solange wir Rettung nötig haben. Tradition wird als Ballast über Bord geworfen, sobald wir schwimmen können. Das ist die radikale Definition und definieren heißt, einen Prozess anhalten. In Wirklichkeit sind wir weder eindeutig noch radikal vernünftig. Der Physikprofessor hat auf dem Weihnachtsmarkt oder bei einer Beerdigung Tränen in den Augen. Weihnachtsmärkte und Kopftücher sind nicht nur Orientierungen, sondern auch Erinnerungen und Gefühlsprojektionen. Das Leben ist zu schwer, um ohne all dies auszukommen. Der rechtsradikale Schwätzer, der gerade ein Kopftuchmädchen und dessen mögliche Kinder verdammt, geht im selben Moment in eine Konsumkathedrale oder einen Alkoholtempel. Jeder hat seine Traditionen, die sich unterscheiden mögen, nur von Seiten ihrer Gründe nicht.

Das Problem des Migranten ist gerade nicht, dass er einen Migrationshintergrund hat, sondern dass er sich mit seinem Gesicht in einem neuen, gegenwärtigen, für ihn unbekannten Hintergrund befindet und alle Widersprüche und Reibungen aushalten muss, die sich daraus ergeben. Deshalb hält er sich an seinen Traditionen, an einer schnell und neu zusammengezimmerten Community fest, solange es geht. Wehe, wenn die Liebe oder der Hass dazwischenfunken! Dann stürzt das Baugerüst ganz ohne Wind ein. Baugerüste sind also nicht Kontinua unseres Lebens, sondern helfen, wo es uns zu schwer erscheint. Daraus folgt, dass es zwischen dem Migranten und dem Sesshaften alle möglichen Differenzen gibt: nur von Seiten ihrer Gründe nicht. Dass wir alle gleich sind, das Postulat aller Religionen und Philosophien, ist also kein Ideal und kein leerer Wahn, sondern einfache und gut belegte Tatsache.

Das Gesicht ist aber nicht nur die Schnittstelle (interface) zwischen uns und unserer Herkunft und unserer Zukunft, sondern auch der einzig wirkliche Fixpunkt unseres Lebens. Obwohl sich das Gesicht von außen betrachtet – also für unsere Mitmenschen und anderen Mitwesen – verändert, bleibt es für uns im Innern immer gleich. Der Greis kann sich fast lückenlos in seine Kindheit versetzen, obwohl die äußere Gestalt maximal variiert. Die Seele, falls wir eine haben, findet ihren Frieden im Gesicht, falls wir eins haben. Was wir auch sehen, die Sixtinische Kapelle oder die Slums von Lagos, spielende Delphine oder geschredderte Küken, in welchen Gegenden wir agieren oder agitieren oder reagieren, wir bleiben von innen der Mensch, der wir glauben zu sein, auch wenn wir nicht glauben, dass wir irgendetwas glauben.

Wir torkeln blind durch das Stück Geschichte, das uns zugeteilt ist, denn jegliches, sagt Salomo, hat seine Zeit. Wie Kleinkinder sehnen wir uns nach dem Gängelwagen, der in Kants berühmtestem Absatz vorkommt und sogar der Königsberger Wirklichkeit abgelauscht gewesen sein mag. Das Kind strebt in die Weite und schleppt seine Unfreiheit mit sich. Wer einen Weg sucht, wundert sich, dass es eine Einbahnstraße oder gar eine Sackgasse ist, eine Baustelle oder ein Abhang, wenn nicht gar ein mainstream, vor dem uns unsere Großmutter warnte, obwohl sie ihm selbst entstiegen war. Wie ein doppelseitiges Geländer wollen uns Traditionen und Ideologien führen. Charisma ist genauso verführerisch wie ein Aphrodisiakum oder eine Trance. Wer Halt sucht, ist genauso verloren wie der Haltlose. Eigentlich ist das ganze Leben ein Dilemma: man kommt nicht vorwärts, kann aber auch nicht stehenbleiben.

Dabei gibt die Suche nach Identität einem natürlichen Sicherungsbedürfnis Gestalt. Sind wir, fragen wir uns, wirklich nur ein Abbild Gottes, geformt aus Ton, bei Shakespeare gar nur aus einer Brotkrume, verdammt dazu, auf ewig Regeln und Strafen auszuhalten? Der Verstand mag nicht das Werkzeug sein, uns glücklich zu machen, aber er weigert sich auch, uns im Gefängnis zu belassen. Bei Seneca gibt es einen Sklaven, der in der Gladiatorenarena geopfert werden sollte, der aber stattdessen sich die Abortstange in den Rachen rammte, um selbstbestimmt und in Würde sterben zu können. Das ist eine seltsame Vorstellung, die Stange, mit der in der Antike die Fäkalien beiseitegeschoben wurden, als Symbol der Würde des Menschen, die uns ein hohes Gut geworden ist.

Leider ist die Würde des Menschen, obwohl für unantastbar erklärt, nicht das höchste Gut. Wir verharren allzu gern in der Einteilung von Qualitäten und Quantitäten. Jeder glaubt sich der oder die richtige, wenigstens zur richtigen Gruppe, Familie, Nation oder Religion gehörend. Beinahe der schlimmste Kollateralschaden daran ist, dass die zu minderwertigen erklärten sich selbst auch für minderwertig halten. Die Wertordnung gilt in ihrer Zeit für alle. Der einzige Trost, dass sie von einer anderen Wertordnung abgelöst wird, ist für die rezenten Menschen kein Trost. In ihrer Lebenszeit ändert sich nichts. Sie gehen unter und ihre Würde mit ihnen.

Von Henry Ford, der leider ein Antisemit, also auch ein aggressiver Menschensortierer, aber gleichzeitig auch ein Großinnovator war, stammt der schöne Satz, dass Geschichte Quatsch sei. Hätte man also ein Automobil konstruieren können, das auf alle Lehren aus der Geschichte Rücksicht nimmt, das alle Pferde rettet? Hätte man ein Automobil konstruieren können, das die energetisch-fossile Katastrophe vorwegnimmt oder gar verhindert? Hätte man ein Automobil konstruieren können, das eine Freiheit nicht nur vortäuscht, sondern auch tatsächlich gewährt, oder diese Freiheit eben nicht vortäuscht, sondern das sein eigenes Dilemma aufzeigt: je größer das Automobil, desto größer die Unfreiheit? Es zeigt sich, während man das alles überlegt, dass das Automobil überschätzt wurde. Es ist nur ein pferdetötendes Vehikel. Aber waren die Millionen Pferde vor dem Automobil glücklich? Wir sind nicht die ersten, die über die Würde der Tiere nachdenken. Für viele Tiere wird es zu spät sein. Der Tag ist nicht mehr fern, an dem wir an unserer Häuser schreiben:

BEES AND REFUGEES WELCOME.

Denn Menschen gehören nicht in Schubladen, sondern in die Herzen und Häuser ihrer Mitmenschen. Gift gehört nicht auf den Acker oder in den Garten. Das Mittelmeer ist nicht zum Ertrinken da. Ein Kopftuch ist eine Kopfbedeckung, das gilt für Befürworter und Gegner gleichermaßen. Warum halten wir uns nicht an solche klaren Aussagen für unsere Gegenwart und suchen stattdessen unser Heil in Gruppen, Traditionen oder Ideologien?       

Noch merkwürdiger ist, wer die vermeintliche Identität anderer denunzieren will. Der greift nicht selten zum Paradox: viele rechte Schreiber wollen uns einreden, dass wir eigentlich alle Nazis sind, die schleichende Diktatur und Meinungsunfreiheit hindert uns nur daran. Das würde bedeuten, dass die Nazis als Gegner eigentlich Nazis bekämpfen. Wir müssen, um das Problem zu lösen, zu Hilfsmitteln greifen, zum Beispiel zu Wahlen. Wahlen spiegeln die Wirklichkeit genauso wenig exakt wie ein Spiegel wider, sie sind, wie der Spiegel, ein Hilfsmittel, um den bloßen Kinderglauben, dass alle so sind wie man selber zu sein glaubt, zu widerlegen. Aber indem wir diesen infantilen Unsinn als Kinderglaube bezeichnen, tun wir den Kindern unrecht, denn sie haben weniger Vorurteile, weniger Zwang und weniger Gewalt zur Verfügung als die Erwachsenen. Ein weiterer Missbrauch der ohnehin überflüssigen Identitätssuche ist die Benutzung von Tieren, zum Beispiel Wölfen, Schweinen, Hunden oder Bären als Pejorative. Die Sprache und die Gesellschaft verrohen auch, weil wir ständig etwas diskriminieren, diskreditieren und beschimpfen müssen. Wie das Automobil die unglücklichen Pferde tötete, so liquidiert das Internet die Würde von Mensch und Tier einfach durch die stündliche und millionenfache Wiederholung pejorativer Kommentare. Alles wird unflätig durch Inflation. Alles wird besser durch Enthaltsamkeit. Alles wird schlechter durch regeln, alles wird besser durch lernen, beides sind keine Substanzen aus dem Supermarkt, sondern Prozesse, Gedanken, Gefühle, Freude und Leid aus dem menschlichen Leben.

Wir torkeln also nicht durch die Geschichte, sondern nur durch unsere Geschichte. Wir torkeln durch die Welt auf der Suche nicht nur nach der verlorenen Zeit, sondern nach uns selbst. Überall sehen wir Ebenbilder. Überall wünschen wir Ebenbilder. Deshalb halten wir uns selbst auch für ein Ebenbild. Es gibt Gemeinschaften, aber es gibt keine Identitäten. Niemand ist auch nur mit sich selbst identisch. Deshalb sollten wir uns so schnell und so intensiv wie möglich angewöhnen, in jedem Gegenüber den Bruder und die Schwester zu sehen. So gesehen sind wir alle Dioskuren.  

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347 und 348 vom Mai 2019

EINBAHNSTRASSE

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Wer in der DDR zur Schule ging und gar studierte, dem blieb keine Wahl als zu glauben, was man ihn lehrte, dass nämlich der Gedanke das Abbild der Realität sei. Auf die Idee, dass die Realität auch ein Abbild der Gedanken sei, durfte man, zumindest in Prüfungen, nicht kommen. Behauptete gar ein pickliger Pfarrerssohn AM ANFANG WAR DAS WORT so wurde er zum Gespött seiner Mitschüler. Wer heimlich Nietzsche las, wusste, dass die meisten Menschen nicht wussten, dass sie nicht tun, sondern getan werden[1]. Nietzsche schreibt in der MORGENRÖTE, dass es der grammatikalische Grundschnitzer der Menschen sei, aktiv und passiv zu verwechseln. Diese Erkenntnis ist hochaktuell: Viele von uns glauben, wenn sie eine Parteilosung in die Kommentare schreiben, dass das ihre Erkenntnis oder ihre Meinung sei. Selbstverständlich hatten die meisten Menschen auch zu Nietzsches Zeit keine eigene Meinung, aber sie konnten sich auch nicht und nirgends artikulieren. Hinzu kommt die Demokratie, die im neunzehnten Jahrhundert wohl eher ein Ideal war, die es jedem ermöglicht, alles zu sagen. Diejenigen mit den unsagbarsten Aussagen berufen sich am lautesten auf diese garantierte Freiheit des Wortes. Das Ergebnis ist nicht nur keine Zurückhaltung, sondern der Aberglaube, ein aktiver Mensch mit eigener Meinung zu sein.

So findet sich am Tag bestimmt hunderte Male die alte NPD- und neue AfD-Aussage, dass wir, gemeint ist Deutschland, nicht das Sozialamt Europas oder der Welt seien. Die das schreiben, glauben felsenfest, dass sie selber darauf gekommen sind und dass es unumstößlich wahr sei, denn sie wissen, dass ihr Sozialamt begrenzte Kassen hat.

Diese hohle Phrase zeigt eine weitere Verwechslung an, nämlich die von der Interpretation und Fakt. Das Wort Fakt kommt aus dem lateinischen ‚facere‘ = machen. Ein Fakt ist das Gemachte, ob nun von Gott, der Natur oder von uns Menschen. Die meisten Fakten kennen wir aber nur durch deren Interpretationen im Elternhaus, in Schulen und Universitäten. Zurzeit am meisten gescholten sind die Interpretationen in den Medien, deren Übermächtigkeit man beklagen, deren Wahrhaftigkeit man aber nicht ohne weiteres in Zweifel ziehen kann.

Wir leben in einem Wald von Interpretationen, der uns hindert, die Bäume zu sehen, ganz zu schweigen von der Welt. Mit dem Beginn der Industrialisierung zerriss unsere Nabelschnur zur Natur. Masaccio[2] war der erste, der eine dreidimensionale Welt so reproduzierte, dass man sie für die Wirklichkeit halten konnte. Aber auch schon die Pyramiden erschienen ihren Zeitgenossen und den heutigen Touristen nicht als Gedankenkonstrukte, sondern als Wirklichkeiten. Die Welt, die uns umstellt, besteht aus Kunst und Technik. Hinter wessen Haus Kiefern rauschen, ist sich oft nicht bewusst, dass 95% unseres Waldes Forst ist, also Kulturlandschaft. War Claire Zachanassian[3] noch ein satirisch überhöhtes  Kunstprodukt, so laufen durch die nördlich-westliche Welt heute viele von der Medizin und Medizintechnik am Laufen gehaltene Menschen.

Daraus folgt, dass angesichts der Technisierung und Poetisierung der Welt die Bedeutung von Bildung und Glaubwürdigkeit noch wächst. So wie mit dem Zuwachs an Computern keineswegs der Papierbedarf sank, so wird auch die Bedeutung der Lehrer mit der Inflation an Fakten und Interpretationen steigen. Es ist ein großer Erfolg des Fortschritts und der Demokratie, dass jetzt 90% aller Menschen lesen und schreiben können. Aber die neue Herausforderung an alle Bildungseinrichtungen, an alle Religionen und Philosophien, an alle Eltern und Großeltern wird es sein, die Glaubwürdigkeit und Wahrhaftigkeit zu entwickeln und zu stärken.

In einer von Algorithmen beherrschten Welt wird Vertrauen zur wichtigsten Lebenskraft.   


[1] NIETZSCHE, 1844-1900, Morgenröte, 120

[2] MASACCIO, Maler der Frührenaissance, 1401-1428

[3] DÜRRENMATT, Besuch der alten Dame