MEYERS LEXIKON

Mein Großvater war ein Reichsbahnrat, das war ein mittlerer Beamter, der etwa einen größeren Bahnhof leiten konnte. Im zweiten Weltkrieg war er eine Zeitlang in Paris, und die familiäre Legende ging viel später davon aus, dass er dort die Züge nach Auschwitz zusammengestellt haben könnte. Dafür spricht, dass er sich im Frühjahr 1945 als Vorsteher der vier Bahnhöfe in Neustrelitz zur Reichbahndirektion Schwerin versetzen ließ, um nicht der schnell vorrückenden Roten Armee in die Hände zu fallen. Tatsächlich wurde Schwerin von den Amerikanern befreit. Tatsächlich aber nahm sich mein Großvater trotzdem das Leben. Der Grund dafür könnte jedoch auch sein Alkoholismus gewesen sein, der wiederum die Folge seiner Untaten gewesen sein könnte. Zunächst, nach dem ersten Weltkrieg, begann er zu trinken, weil sein Gesicht durch eine Granate entstellt worden war. Vielleicht ahmte er aber auch nur seinen Vater, einen Oberforstrat nach, der ebenfalls Alkoholiker war. Vielleicht imitierte er seinen Bruder, der sich 1933 aus Furcht vor den an die Macht kommenden Nationalsozialisten das Leben genommen hatte.

Meine Großmutter, meine Mutter und meine Schwester gingen nach diesem Suizid zurück nach Neustrelitz in der etwas naiven Hoffnung, dort ihre überstürzt verlassene Wohnung unversehrt vorzufinden. Das Haus stand noch, aber die Möbel waren verschwunden und zwei oder drei Familien teilten sich die einst schöne und große Wohnung des Bahnhofsvorstehers. Nun gingen sie zurück in das Elternhaus des Großvaters, in dem aber auch schon einige Familien untergekommen waren. Der älteste Sohn, also der älteste Bruder meines Großvaters, hatte nicht nur das Elternhaus in einem Dorf bei Halle übernommen, sondern auch die Rolle des Familienoberhauptes. Da er gleichzeitig ein bedeutender Ingenieur (für die Errichtung der ‚Čorna Klumpa[1]‘ erhielt er den Nationalpreis der DDR)) und ein bekennender Pietist war, wurde ich etwas später in einem Heim für gefallene Mädchen, zu dem meine Mutter degradiert wurde, obwohl sie verheiratet war und schon ein Kind hatte, geboren. Aus Gründen, die ich nicht kenne, zogen sie dann aus dem Dorf bei Halle nach Halle in eine durchaus schöne Wohnung in der Martinstraße, von der man aber durch eine Baulücke auf die Leipziger Straße sehen konnte. 

Meine Großmutter suchte, nachdem sie als jüngste und Lieblingstochter eines in seinem Umkreis bedeutenden Handwerksmeisters einen mittleren Beamten geheiratet hatte, nach einer neuen Rolle, und sie fand die Rolle des Opfers, des Flüchtlings für sich passend. Wir haben, sagte sie, 1945 alles verloren und mussten fliehen. Das war auch irgendwie wahr, nur nicht, wenn man es mit dem Schicksal, sagen wir, von Flüchtlingen aus Königsberg, Tilsit oder Breslau verglich. Ich kann mich auch nicht genau erinnern, wie sie ihre, also unsere, Rolle als Flüchtling mit dem Horten des guten Geschirrs, der Messerbänkchen und silbernen Serviettenhalter und dem Zurschaustellen tiefbürgerlicher Gesinnung in Übereinstimmung brachte. Ihre Witwenrente, die schon im Juni 1945 zum ersten Mal eintraf, bewahrte sie vor den größten Härten des Lebens, und meine Mutter glaubte im Ernst, dass ihr Hungerlohn, sie war inzwischen Buchhalterin bei der FDJ in Halle, wo sie Margot Feist kannte, den Verlust ihres Vaters überdecken könnte. Da meine Mutter auf einem Plakat gelesen hatte, dass überall Lehrerïnnen gesucht wurden, entschloss sie sich zu einem Kurzstudium an einem eigens für die Schnellausbildung gegründeten Institut, und wir zogen, um Miete zu sparen, nach Senftenberg in das Vaterhaus meiner Großmutter. Es war nicht so, dass wir dort keine Miete bezahlen mussten, aber es war nur eine kleine Miete. Wir hatten ein Zimmer und eine nicht beheizbare Kammer und keine Küche und kein Bad. In der Kammer, in der meine Schwester und ich schliefen, war es sehr kalt und es tummelten sich darin die Silberfischchen. Der Vater meiner Großmutter hatte einst seine Gitarre ergriffen und war seinem autoritären Vater und seinem noch autoritäreren Lehrmeister entflohen und hat seine Heimat, das Dorf Bellinchen[2], die kleine Stadt Zehden und die Gegend östlich der Oder verlassen. Wir wissen das so genau, weil er später gut lesbare Memoiren geschrieben hat, die zwar nicht sehr ausführlich sind, aber dennoch eine Seltenheit. Dieser Urgroßvater bestand wohl, wie dann auch meine Großmutter, aus Sprüchen. Und einer seiner Sprüche war: In diesem, meinem Haus muss immer ein Zimmer für ein heimatloses Kind sein. Zu diesem Kind hatte sich meine Großmutter nun erklärt: sie war ein Flüchtling und ein heimatloses Kind.  

Inzwischen hatte meine Großmutter einen weiteren Schlüssel für den Aufstieg gefunden, und das war die Bildung, die ihr versagt worden war. Es kam also der Tag, an dem meine Großmutter sich einen Handwagen borgte, ihn mit Decken und Kartons füllte, mich an die Hand nahm und loszog, Bildung zu besorgen. Wir gingen die Kreuzstraße entlang, die nun Ernst-Thälmann-Straße hieß, bogen in die Bahnhofstraße, dann aber in die Wiesenstraße ein. Es ging vorbei am Haus von Tante Klößchen, deren Mann einst ein kaiserlicher Stabsfeldwebel gewesen war, wovon er damals noch zehrte. Ich erbte von ihm eine zweibändige, streng nationalistische Hindenburg-Biografie, die ich an der Wende meines Lebens zum linken mainstream als einziges meiner Bücher verbrennen zu müssen glaubte und auch tatsächlich verbrannte. Man tritt einer, sagen wir einmal, Bewegung bei und muss dann aus Angst vor eben dieser Bewegung, der man jetzt selbst angehört, die Symbole einer anderen Richtung, der man selbst gar nicht beigetreten war, beseitigen, und sei es mit einem Autodafé. Bei der Taufe ist es ähnlich, obwohl man beigetreten wird, muss man selbst wieder austreten, wenn man das will.

Während des Laufens war mir aufgefallen, dass meine Großmutter, die gebürtige Senftenbergerin, einen anderen Namen für die Straße sagte, als an den Schildern stand. Ja, sagte sie, ich habe nichts gegen den einzelnen Juden, aber die Juden sind das Schicksal Deutschlands. Er war ein großer Star des Kinos. Aber musste er eine Jüdin heiraten? Dann klingelten wir an einem Haus, schon kurz vor dem Ende der Straße und der Stadt, und es zeigte sich, was wir da wollten und wodurch mein Leben eine krasse Wendung nehmen sollte: Wir kauften ein Lexikon von Meyer, nämlich die sechste, gänzlich neubearbeitete und vermehrte Auflage mit rund 155.000 Artikeln oder Stichwörtern, mit mehr als 11.000 Abbildungen im Text und über 1.400 Bildertafeln und Plänen sowie 130 Textbeilagen. Es war aus dem für mich damals unvorstellbaren Jahr 1907, an das sich meine Großmutter noch gut erinnern konnte, sogar an das Haus, an dem wir jetzt das riesige Lexikon auf unseren Handwagen luden.

Aber wie kam das riesige Lexikon in meinen kleinen Kopf? Das ist eine lange Geschichte. Schnell merkte ich, dass ich ebenso schnell vergaß, wie ich las. Also musste ich den aktuellen Artikel mehrmals lesen, möglichst dann am Abendbrottisch auch meiner meist desinteressierten Familie erklären. Später, als ich schon Lehrer war, war das kein Problem, das hatte ich genügend Publikum, um alles auszuprobieren. Ich hatte zwei Spitznamen: das wandelnde Lexikon und der Westlehrer, was sich auf meine meist liberalen Haltungen und Ansichten bezog. Aber leider gab es zwei Fälle von krasser Illiberalität: gegen meine Überzeugung musste ich gegen den Bibelspruch vom Umschmieden der Schwerter zu Pflugscharen reden[3], denn das Mädchen, das ihn am Revers trug, war vom Rausschmiss bedroht. Anders war es bei dem zweiten Fall, das war ein sehr guter Schüler, der aus einer bekannten Wissenschaftler- und Dissidentenfamilie stammte. Ich sollte ihn im Auftrag des Direktors auf eine Linie lockerer Loyalität bringen, und mein Hauptargument war, dass er das Abitur machen kann und bis dahin zur Kenntnis nehmen sollte, dass die Hälfte der Kirche dissident gegenüber der Staatsideologie war, die andere Hälfte aber mit dem ungeliebten Staat kooperierte, auch mit der Stasi. Ich fühle mich noch heute unwohl bei dem Gedanken an die beiden und könnte eine lange Reihe gegenteiliger Beispiele anfügen, die mir aber keiner glauben muss und nicht jede und jeder glauben wird, da es auch billige Rechtfertigung sein kann.  

Die Auskünfte des Lexikons haben den Nachteil, dass sie schnell veralten. Trotzdem hat das Lexikon zwei langfristige Wirkungen. Auf den etwa 23.000 Seiten standen nicht nur vergängliche Fakten, sondern auch Zusammenhänge, die ein gusseisernes Skelett des flexiblen Wissens bildeten und die dauernde Beschäftigung mit den Millionen[4] Einzelheiten führte eine inhärente Lernmethode mit sich. Aber selbst, wenn das alles nicht stimmen würde und wissenschaftlich widerlegbar wäre, dann bliebe immer noch meine Liebe zu diesem wunderlichen Riesenbuch.

Aber meine Großmutter bescherte mir noch ein anderes lebensprägendes und sogar auch lebensbegleitendes Buch: DES MÄGDLEINS DICHTERWALD[5]. Das war einfach eine in ihrer Jugend berühmte Gedichtsammlung, in der sie las und uns, meiner Schwester und mir, vorlas. Manchmal blieb sie sonntags oder feiertags gerne einfach lange im Bett liegen und rezitierte für uns Balladen oder andere lange Gedichte. Dabei siegt in meinem kleinen Köpfchen keineswegs immer nur Schiller und Goethe, sondern eher die Ballade von der Urahne, der Großmutter, der Mutter und des Kindes, die allesamt vom Blitz getroffen werden.[6]

Zwar ist es richtig, dass die Voraussetzung für Demokratie Wohlstand und Bildung ist, aber leider gilt das nicht auch umgekehrt: Bildung allein garantiert weder Wohlstand noch – und schon gar nicht – Demokratie. Demokratie ist überhaupt durch nichts garantiert. Zwar glaube ich nicht, dass die Länder und Menschen in den aufscheinenden Autokratien versinken werden, aber wir haben lange Zeit deren Anziehungskraft unterschätzt. Unsere Argumentation zugunsten des Pluralismus und der Toleranz wurde hölzern und bestand aus Argumentfetzen, die wir lieblos in die Menge warfen. Zudem funktioniert weder die Demokratie noch der Wohlstand reibungslos. Man gewöhnt sich an sie, schätzt sie gering und will mehr, immer mehr. Zudem gibt es immer eine gewisse Korruption. Sie ist zwar nicht die alleinige Ursache für die Ungerechtigkeit, aber das wird leider so wahrgenommen.  Als ungerecht wird auch empfunden, dass trotz relativer Chancengleichheit und transparenter sozialer Aufstiegsmöglichkeiten, immer ein Bodensatz an Armut und Unmut übrigbleibt. Das wäre noch erträglicher, wenn die äußere Welt sozusagen lange Zeit gleich und stabil bliebe. Aber leider gibt es nach längeren Phasen der Stabilität immer krasse Umbrüche.

Es hilft auch leider nicht, dass die Autokratien schnelllebig und wirtschaftlich unattraktiv sind. Es scheint sogar das Gegenteil einzutreten: je größer die Ungerechtigkeit ist, desto leichter kann man große Massen von Menschen zum Nationalismus verleiten und ihn als eine oder sogar die einzige Lösung der wirtschaftlichen Probleme darstellen. Dabei ist die Globalisierung keine Option, sondern, weil sie seit Jahrhunderten gegenseitige Abhängigkeiten erzeigt, wahrscheinlich unumkehrbar. Das ist der Grund, warum zwei riesige autokratisch-nationalistische Systeme sich so weit ausbreiten (deutscher Nationalsozialismus) oder so lange existieren konnten (sowjetischer Nationalbolschewismus).

Wissen hilft nur, wenn es mit Gewissen zusammen auftritt. Sowohl der Nationalsozialismus war, wenn auch keine intellektuelle Strömung, doch auch für hochgebildete Menschen attraktiv: Dr. Dr. Mengele. Der sowjetische Nationalbolschewismus band sogar jene Intellektuellen an sich, die er zu einem anderen Zeitpunkt radikal bekämpft hatte: Kurtschatow[7], Theremin[8].

In der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts erschien Brecht als ein neuer – möglicher -Klassiker und es ist schon oft kolportiert worden, dass er der kommunistischen Bewegung und dann der kommunistischen Welt aus opportunistischen Gründen nahestand. Er erfand seine dazu passende Biografie. Er schuf sich sozusagen selbst. Aber wir können uns heute fragen: wird die Welt besser, wenn die Marketenderinnen ihre Töchter prostituieren oder die Wissenschaftler angeklagt werden für die Verbrechen der Politiker. Auch der gute Mensch von Sezuan ist nur zur Hälfte gut oder funktioniert nur komplementär: weil er gut ist, darf er schlecht sein. Berühmt ist auch der Satz des Mackie Messer, dass erst das Fressen käme und dann die Moral. Das stimmt, wenn man sich den Wohlstand und die Moral als zeitliche Abfolge vorstellt. Aber auch in den finsteren Zeiten (um eine Brechtmetapher zu bemühen) gibt es Solidarität, die früher Nächstenliebe hieß. Unbestreitbar bleibt, dass es gelebten Sozialdarwinismus gibt, aber genauso unbestritten ist die menschliche Kooperation, die evolutionär vorbereitet ist. Bildung beruft sich auch gerne auf wohlfeile oder zeitbedingte Argumente. Dazu zähle ich das Toleranzparadoxon. Popper hat es in einer sehr langen Fußnote im ersten Band seines Buches ‚Die offene Gesellschaft und ihre Feinde‘ 1945 formuliert. Damals gab es in Europa noch keine Referenzobjekte funktionierender Demokratien. Auch die Vereinigten Staaten zeigten kurz nach 1945 verachtungswürdige und auch zum größten Teil überflüssige Intoleranz, die bis zu inszenierten Todesurteilen gingen[9]. Zwar ist der Kommunismus intolerant, ihn aber von der Demokratie auszuschließen, ist ebenso intolerant. Außerdem hat Popper 1000 Seiten für die offene Gesellschaft geschrieben, für die Toleranz, für den Pluralismus, aber zitiert wird von den Verfechtern der Intoleranz immer nur diese eine Fußnote.

Der Mangel an Geld ist eine Ungerechtigkeit, wenn es anderswo Menschen gibt, die auch ohne Arbeit sind, jedoch viel Geld haben. Im Osten kann man fast nichts erben. Aber dass es – in dieser Hinsicht – ungerecht ist, heißt nicht, dass das Land, die Gegend, die Region nicht liebenswert und lebenswert wäre. Hier gibt es viel weniger Menschen, also auch weniger Probleme, aber auch weniger Möglichkeiten. Es wird einige Zeit dauern, bis die Menschen hier vererben und erben können. Ich vergleiche neuerdings gerne Mannheim mit Neustrelitz. Beides sind barocke Planstädte, die eine ist weltbedeutend, die andere vollkommen unbedeutend. Trotzdem sind beide schön. Trotzdem ist die unbedeutende liebenswert und menschenleer. Und tatsächlich suchen hier andere Ruhe und Entspannung. Die prächtige Parkvilla des letzten, unglücklichen Großherzogs ist jetzt ein Schlosshotel der gehobenen Preisklasse und gut besucht. Das bringt Geld in die Stadt. Übrigens war der letzte Großherzog sehr, sehr reich, aber trotzdem unglücklich. Glück und Geld haben nur zwei Buchstaben gemeinsam, aber nicht die Ursache. Ich will keinen billigen Trost verteilen und ich habe auch kein Rezept gegen den Autoritarismus. Aber viele Menschen leben ihr Leben auch ohne Geschrei, leider auch ohne Politik. Aber das heißt nicht, ohne Verantwortung. Es gibt keinen Grund zur Panik.


[1] Kraftwerk und Gaswerk ‚Schwarze Pumpe‘ zwischen Hoyerswerda und Senftenberg

[2] jetzt Bielinek und Cedynia

[3] Jesaja 5,2 und Micha 4,3

[4] etwa 90×106 Wörter

[5] Des Mägdleins Dichterwald, herausgegeben von Theodor Colshorn, 10. Auflage, Halle 1897

[6] Gustav Schwab, Das Gewitter

[7] Raketenkonstrukteur

[8] Erfinder des Fernsehens und des ersten elektronischen Musikinstruments

[9] zum Beispiel Ethel und Julius Rosenberg

ZEITGEIST

Nr. 361

Von manchen wird der Zeitgeist so beschimpft und bekämpft wie der Kapitalismus oder die Plastiktüte. Aber das sind alles keine Feinde, die eindringen könnten oder eindringen wollen oder bereits eingedrungen sind. Es sind unsere Instrumente. Der Kapitalismus zum Beispiel ist die immer perfektere und immer perfidere Wirtschaftsform des Marktes. Man kann ihn abschaffen, aber dazu müsste man erstens eine bessere Art des Wirtschaftens als Idee und zweitens die perfekte Demokratie oder wenigstens die perfekte Diktatur haben.

Sehen wir uns in der Welt der Diktaturen und Diktatoren um, so beherrschen sie recht gut die Korruption und Großsprecherei, aber von Wirtschaft hat keiner auch nur die leiseste Ahnung. Isaias Afewerki, der Herrscher von Eritrea, setzt offiziell auf eine Art Reichsarbeitsdienst, in Wirklichkeit aber hofft er auf das Geld der Flüchtlinge und auf ein Wunder. Niemand kann die Zukunft voraussagen und Geschichte wiederholt sich auch nicht, aber die Menschen aus dem Osten Deutschlands haben ein Wunder miterlebt, das zumindest ihre wirtschaftlichen Probleme mit einem Schlag gelöst hat. Aber der Mensch lebt nicht vom Brot allein. China, vor dem alle zittern, hat zumindest versucht, mit einer neuen Kombination zu einer neuen Lösung zu kommen. Mathematisch gesehen ergibt minus mal minus plus, hier aber treffen zwei unmoralische Prinzipien aufeinander, die sich noch dazu ausschließen. Das kann nicht gutgehen. Allerdings ist das kein Argument, sondern der Wegwischwunsch eines Alptraums, der zudem ein Dilemma ist. Mit Afrika finden wir eine Übereinkunft und einen Frieden, aber was machen wir mit dem zusammenbrechenden oder zusammengebrochenen China?

In einer perfekten Demokratie dagegen kann man Grundsätzliches nur durch Mehrheitsbeschluss ändern, dazu muss man vorher die Realisierung und Finanzierung auch derjenigen Projekte bedacht haben, die mit Sicherheit scheitern werden. Das ist umständlich und zeitraubend. Unsere Demokratie befindet sich zudem im Moment in einer Krise, die durch die unerwartete Transparenz ausgelöst wurde, die durch die neuen Geschwindigkeiten der Gedankenübertragung erreicht wurde. Transparenz ist ein Wesensmerkmal der Demokratie. Für die Macher lebte es sich aber auch ganz gut ohne sie. Dem Volk, das wir hier ausnahmsweise und ein letztes Mal als unechtes plurale tantum darstellen können, dem Volk blieb lange der Zweifel, ob die Regierenden nicht heimliche Diktatoren geblieben sind, die nur vorgeben unheimliche Demokraten zu sein. Dafür gibt es Beispiele: die Spiegel-Affäre, die Spenden-Affäre (beide CDU), der Verkauf von Sozialwohnungen (SPD), die Behauptung, dass der irakische Diktator, gegen den viel sprach, chemische Waffen eingesetzt hätte, als Vorwand, um ihn von außen zu beseitigen (Republikaner). Andererseits gibt es ermutigende Äußerungen charismatischer Politiker, die als Manifeste der Demokratie taugen würden: Ich bin ein Berliner, Wir wollen mehr Demokratie wagen (beide Demokraten und Sozialdemokraten), Wir schaffen das (CDU).

Falkenberg an der Elster ist eine kleine, völlig leere Stadt im Süden von Brandenburg. Sie hat einen überdimensionierten Turmbahnhof, dessen Empfangsgebäude nicht mehr da ist. Rechts vom Bahnhof gibt es ein leeres, ruinöses Postgebäude in typischer DDR-Architektur, an das gleiche Gebäude links vom Bahnhof, dessen ehemalige Funktion nicht mehr erkennbar ist, schrieb ein mitleidiger Graffiteur: NICE. In einer nach einem bekannten Sozialisten und Kapitalisten* benannten Straße stehen mehrere wunderschöne rote Backsteinbauten als Ruinen, lediglich ein Haus ist bemerkenswert restauriert und bewohnt. An der Jugendstilkirche, mitten in der kleinen Stadt, vermutet man das Zentrum, aber ein Schild zeigt, dass das Zentrum da sein soll, wo man gerade herkam und es vergeblich suchte.  Es gibt überall sehr schöne Häuser, deren Sinn sich aber durch die gleiche Anzahl leerstehender und ruinöser Gebäude und durch die fehlende Struktur nicht erschließt. An fehlender Struktur übertrifft das arme Städtchen sogar noch Schwedt.

Die Lösung dieses Rätsels ist der Zeitgeist, der über die flache Landschaft hinwegfegte. Falkenberg hat somit das gleiche Schicksal wie die Tonbandkassette: es gibt sie noch, aber keiner braucht sie. Falkenberg war ein unbedeutendes Dorf im preußischen Regierungsbezirk Merseburg, als die Industrialisierung und mit ihr die Eisenbahnen kamen. Wahrscheinlich zufällig kreuzten sich hier fünf damals bedeutende Staatsbahnlinien. Vielleicht war aber auch der Planer, ein Reichsbahnrat, aus diesem Flecken gebürtig, der seiner Heimat ein bis heute existierendes Denkmal gesetzt hat. Alles war möglich in dieser personalisierten Zeit, die wir nicht mehr verstehen, weil wir zwar geachtete und berechtigte Individuen sind, aber so viele, dass sie keiner mehr beachten kann. Nun ist das Städtchen aber zum Mahnmal dafür geworden, dass man außer dem Zeitgeist noch etwas anderes, übergreifendes in seinem Leben haben sollte. Das ist für einen Ort nicht leicht, aber für einen Menschen auch nicht unmöglich.

Das Land, in dem wir leben, ist ja nicht der Staat. Das sollte in Deutschland, in dem wir alle Großeltern aus fünf bis sechs Staatssystemen hatten, selbstverständlich sein, ist es aber nicht. Parteien plakatieren immer wieder Widersprüche, die es gar nicht gibt. Niemand ist ja nur Ostmensch oder sollte sich darauf reduzieren lassen. Kein Städtchen ist nur Eisenbahnknoten und sollte sich darauf reduzieren lassen. Der Zeitgeist ist keine alte Frau, die uns als Hexe auf dem Rücken sitzt. Er ist auch kein alter Mann, der als allwissender Diktator und Übervater vergeblich vorgibt, es mit uns nur gut zu meinen. Das Zeitalter der Personalisierungen sollte vorüber sein. Wir sollten gelernt haben, dass Prinzipien Prinzipien sind, und keine anthropomorphen Schatten. Wir benutzen Prinzipen oder Instrumente, um bestimmte übergreifende Ziele zu erreichen. Aber am Beispiel des Wohlstands, eines erreichten Ziels, kann man gut sehen, wie dilemmatisch und trügerisch der Frieden ist, den wir mit uns selbst geschlossen haben, eine Matrjoschkapuppe, die Ungeheuer gebiert.  Frieden dagegen als Zustand zwischen Ländern, Völkern, Staaten, Nachbarn und Geschwistern ist eine Bedingung, ohne die man nicht leben kann.

Niemand wünscht sich Gefühllosigkeit. Ohne Empathie ist kein Staat mehr zu machen. Deshalb kann niemand ohne Geschichten sein, ohne Kunst, ohne Schönheit. Nichts sollte auf reine Rationalität heruntergebrochen werden, außer die festgezurrten und daher falschen Gefühle der Fanatiker, zu denen unsere Lieblingsaphoristikerin, die dicke Freifrau aus Böhmen** schreibt: Geistlose kann man nicht begeistern, aber man kann sie fanatisieren.

Obwohl natürlich keiner außerhalb des viel geschmähten und oft zitierten Zeitgeists stehen kann, der nichts ist als die Summe aller Definitionen zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort, wünschen wir uns alle endlich, endlich eine Geistzeit.

 

 

*Friedrich Engels, Sponsor von Karl Marx

**Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach

EMPATHIE STATT EMPHASE

 

Nr.  250

Nach dem letzten großen Krieg hat man in Deutschland genauso wie in vielen anderen Ländern hunderte von Kriegsfilmen gesehen. Allerdings war die gewünschte und vorgegebene, durch Kritik und Schule unterstützte und privilegierte Interpretation seitenverkehrt. Die deutsche Seite des Krieges wurde als das beschrieben, was sie war: grausam, unrecht, massenmörderisch. Die alliierte Seite wurde als edel, überlegen und siegreich beschrieben. Lange Zeit wurden Kriegsverbrechen der alliierten Seite ausgespart oder gar tabuisiert, edles Verhalten der deutschen Seite und ihrer Verbündeten verschwiegen. Das änderte sich erst mit Spielbergs Film ‚Schindlers Liste‘ von 1993.

Das dadurch entstandene Fühlen und Denken vieler Menschen in Deutschland wird von der rechten Seite als ‚Schuldkult‘ diskreditiert, was seinen vorläufigen Höhepunkt in der unsagbaren Rede des Bernd Höcke in Dresden am 17. Januar 2017 fand. Die rechte Seite meint seit langem, seit neuestem aber laut und aggressiv, dass sich die Deutschen durch diese seitenverkehrte Interpretation in eine unterwürfige, masochistische Rolle begeben hätten. Weiter kann dann eine Hörigkeit gegenüber den früheren Alliierten konstruiert werden, die alten antisemitischen Klischees können eine Rolle spielen, vor allem aber kommt die alte sozialdarwinistische Sicht wieder zum Vorschein. Da viele Rechte damals wie heute sich nicht auf einer durchschnittlichen Höhe der Bildung befinden, glauben viele von ihnen, dass Sozialdarwinismus Tatsache sei und keine Ansicht oder Theorie. Hitler und Himmler waren vielleicht die wirkmächtigsten Sozialdarwinisten, aber keineswegs die einzigen. Hundertundfünfzig Jahre Evidenz des Sozialdarwinismus haben dauerhafte Wirkung hervorgebracht. Die ständigen Vergleiche Höckes mit Goebbels sind völlig überzogen, Goebbels war ein fanatischer, aber doch auch restintellektueller Redner. Höckes Rhetorik dagegen erreicht noch nicht einmal die eines normalen Oberstudienrates, der er angeblich war, was dem hessischen Bildungswesen zur Schande gereicht.

Wahrscheinlich ist aber etwas ganz anderes passiert. Nur in Westdeutschland wurde von den drei westlichen Besatzungsmächten die Demokratie installiert, in Ostdeutschland dagegen wechselte die zweite Diktatur die erste einfach ab. Das war insofern im Einzelfall bizarr, indem Menschen glaubten, dass sie nun aber wirklich die Wahrheit besäßen. Ein pensionierter, 1945 reaktivierter Lehrer quittierte seinen Dienst erneut, als er von einem kleinen Mädchen gefragt wurde, warum denn Stalin, wenn er doch ein so guter Mensch und im Besitz der Wahrheit wäre, ihren Vater nicht freiließe.  Weder eine psyeudowissenschaftliche Ideologie noch die Demokratie entsprechen einer Wahrheit genannten scheinbaren Übereinstimmung so genannter Fakten mit den Gedanken, kürzer gesagt: es gibt keine Wahrheit. Aber es gibt einerseits Evidenz, das augenscheinlich oder empirisch Erkennbare und auf der anderen Seite die Einübung sozialen Verhaltens. Was wir als Fakt wahrnehmen, wird sofort einem Check unserer Erfahrung, Wahrscheinlichkeit, Evidenz, Wünschbarkeit (…jedes Denken ist Wunsch…), sozialen Grammatik, nicht zuletzt Taktik und Rhetorik unterworfen.  Das Denkbare ist nicht das Sagbare ist nicht das Machbare ist nicht das Wünschbare. Daraus leiten alle Ideologien ab, dass es auch nicht bezweifelbare Dinge gibt. Auch eine noch so universell scheinende Methode wie die Dialektik hat letztlich voraussagbare Ergebnisse, zum Beispiel, dass aus quantitativen Veränderungen qualitative entstünden. Das führt in die quantenmechanische Diskussion hinein, inwiefern das Verhalten der Dinge, insbesondere der Elementarteilchen, gesetzmäßig, also vorhersehbar sei. Dieser Diskurs hält seit Bohr, Heisenberg und Einstein an. Wir können nur schwer an die Willkür des Faktischen geschweige denn seine normative Kraft oder den Zufall glauben.  Gesetze, Götter und Identitäten sind uns lieber.

Wahrscheinlich ist also passiert, dass wir durch Literatur und  Filme, durch Geschichtsbetrachtung und Interpretation in siebzig Jahren gelernt haben, uns in das einzufühlen, was unsere Vorfahren noch als feindlich empfunden haben, ob es ihnen nun eingeredet worden oder tatsächlich in ihr Bewusstsein übergegangen war.  Erst im zwanzigsten Jahrhundert dämmerte der Gedanke auf, dass Solidarität einen evolutionären Vorteil bringt, obwohl die Gewaltlosigkeit Bestandteil vieler Religionen, vor allem aber des ursprünglichen Christentums ist. Krieg scheint immer die schnellere Lösung zu sein. Allerdings verkennen alle Kriegsapologeten, dass es keine Sieger gibt. Jedesmal wenn man sich auf den wohl eher sagenhaften König Pyrrhos beruft, wird nachgefragt, wer das sei. Dagegen kennen alle Hannibal und seinen scheinbar siegreichen Gegner Scipio Africanus, Wallenstein und Gustav II. Adolf, ein Krieger, nachdem sogar Kirchen benannt sind, in denen wahrscheinlich steht: wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen. Selbst Rommel und Eisenhower sind bekannter als Pyrrhos.

Wenn wir weiter aufhören würden, die Menschen nach ihrer Herkunft zu klassifizieren und schneller auf die Sprache der Täter verzichten könnten, so sollten wir auf diesem Weg der Vermenschlichung der menschlichen Gesellschaft auch besser vorankommen. Für unsere Gesellschaft ist es nicht wichtig, wo ein Mensch herkommt, sondern wo er hinwill. Will er Mitglied unserer empathischen Solidargemeinschaft werden, so ist er willkommen, egal ob er durch Geburt oder durch Migration hergekommen ist. Will er nicht Mitglied dieser Gemeinschaft werden, haben wir ein Problem, das wir nicht durch Ausschluss lösen können, auch nicht durch verbalen Ausschluss. Wir können annehmen, dass das Erstarken rechter Gruppierungen auch durch den ständigen verbalen Ausschluss durch die demokratische und pluralistische Gesellschaft ermöglicht wurde. Empathie ist also einerseits die Voraussetzung, andererseits das Ergebnis seitenverkehrter Interpretation, pluralistischen Handelns und demokratischer Voraussetzungen. Es handelt sich um eine permanente Unumkehrbarkeit und Unvorhersehbarkeit sozialer Prozesse, einfacher gesagt, gibt es eben keine Gesetzmäßigkeit gesellschaftlicher Entwicklungen und jedes Handeln hat Folgen, auch wenn wir sie nicht sehen oder sogar nicht sehen können. Wir sollten statt WOHER lieber WOHIN fragen, aber beides ist nur schwer beantwortbar.  Sir Karl Poppers Konzept der offenen Gesellschaft (das Buch erschien 1945) muss um diesen Aspekt erweitert werden: die Erziehung zur Einfühlung. Demzufolge ist es kein Zufall, sondern  notwendige Folge des bisherigen Handelns der letzten siebzig Jahre, dass es zu einer Renaissance des Fahrrads kam und dass wir uns von der Massentierhaltung abwenden. Dass es in Europa keinen Krieg mehr geben wird und wir immer mehr zu einer multinationalen und multikulturellen empathischen Gemeinschaft werden, die daraus folgend nur demokratisch, pluralistisch und offen sein kann, ist wünschenswert und absehbar. Das Ziel jeder Bildung ist soziale Durchlässigkeit. Nicht der Reiche steht dem gegenüber, sondern der Ignorant.

Der Mensch ist kein Mann deutscher, heterosexueller, rechtshändischer, unbezweifelbarer, weißer,  starker und siegessicherer Herkunft, sondern eine fragile Existenz. Es gibt keine Identitäten, sondern nur Entitäten.

Dass einige hundert Kriegsfilme solch einen Fortschritt gebracht haben, lässt hoffen.