MEYERS LEXIKON

Mein Großvater war ein Reichsbahnrat, das war ein mittlerer Beamter, der etwa einen größeren Bahnhof leiten konnte. Im zweiten Weltkrieg war er eine Zeitlang in Paris, und die familiäre Legende ging viel später davon aus, dass er dort die Züge nach Auschwitz zusammengestellt haben könnte. Dafür spricht, dass er sich im Frühjahr 1945 als Vorsteher der vier Bahnhöfe in Neustrelitz zur Reichbahndirektion Schwerin versetzen ließ, um nicht der schnell vorrückenden Roten Armee in die Hände zu fallen. Tatsächlich wurde Schwerin von den Amerikanern befreit. Tatsächlich aber nahm sich mein Großvater trotzdem das Leben. Der Grund dafür könnte jedoch auch sein Alkoholismus gewesen sein, der wiederum die Folge seiner Untaten gewesen sein könnte. Zunächst, nach dem ersten Weltkrieg, begann er zu trinken, weil sein Gesicht durch eine Granate entstellt worden war. Vielleicht ahmte er aber auch nur seinen Vater, einen Oberforstrat nach, der ebenfalls Alkoholiker war. Vielleicht imitierte er seinen Bruder, der sich 1933 aus Furcht vor den an die Macht kommenden Nationalsozialisten das Leben genommen hatte.

Meine Großmutter, meine Mutter und meine Schwester gingen nach diesem Suizid zurück nach Neustrelitz in der etwas naiven Hoffnung, dort ihre überstürzt verlassene Wohnung unversehrt vorzufinden. Das Haus stand noch, aber die Möbel waren verschwunden und zwei oder drei Familien teilten sich die einst schöne und große Wohnung des Bahnhofsvorstehers. Nun gingen sie zurück in das Elternhaus des Großvaters, in dem aber auch schon einige Familien untergekommen waren. Der älteste Sohn, also der älteste Bruder meines Großvaters, hatte nicht nur das Elternhaus in einem Dorf bei Halle übernommen, sondern auch die Rolle des Familienoberhauptes. Da er gleichzeitig ein bedeutender Ingenieur (für die Errichtung der ‚Čorna Klumpa[1]‘ erhielt er den Nationalpreis der DDR)) und ein bekennender Pietist war, wurde ich etwas später in einem Heim für gefallene Mädchen, zu dem meine Mutter degradiert wurde, obwohl sie verheiratet war und schon ein Kind hatte, geboren. Aus Gründen, die ich nicht kenne, zogen sie dann aus dem Dorf bei Halle nach Halle in eine durchaus schöne Wohnung in der Martinstraße, von der man aber durch eine Baulücke auf die Leipziger Straße sehen konnte. 

Meine Großmutter suchte, nachdem sie als jüngste und Lieblingstochter eines in seinem Umkreis bedeutenden Handwerksmeisters einen mittleren Beamten geheiratet hatte, nach einer neuen Rolle, und sie fand die Rolle des Opfers, des Flüchtlings für sich passend. Wir haben, sagte sie, 1945 alles verloren und mussten fliehen. Das war auch irgendwie wahr, nur nicht, wenn man es mit dem Schicksal, sagen wir, von Flüchtlingen aus Königsberg, Tilsit oder Breslau verglich. Ich kann mich auch nicht genau erinnern, wie sie ihre, also unsere, Rolle als Flüchtling mit dem Horten des guten Geschirrs, der Messerbänkchen und silbernen Serviettenhalter und dem Zurschaustellen tiefbürgerlicher Gesinnung in Übereinstimmung brachte. Ihre Witwenrente, die schon im Juni 1945 zum ersten Mal eintraf, bewahrte sie vor den größten Härten des Lebens, und meine Mutter glaubte im Ernst, dass ihr Hungerlohn, sie war inzwischen Buchhalterin bei der FDJ in Halle, wo sie Margot Feist kannte, den Verlust ihres Vaters überdecken könnte. Da meine Mutter auf einem Plakat gelesen hatte, dass überall Lehrerïnnen gesucht wurden, entschloss sie sich zu einem Kurzstudium an einem eigens für die Schnellausbildung gegründeten Institut, und wir zogen, um Miete zu sparen, nach Senftenberg in das Vaterhaus meiner Großmutter. Es war nicht so, dass wir dort keine Miete bezahlen mussten, aber es war nur eine kleine Miete. Wir hatten ein Zimmer und eine nicht beheizbare Kammer und keine Küche und kein Bad. In der Kammer, in der meine Schwester und ich schliefen, war es sehr kalt und es tummelten sich darin die Silberfischchen. Der Vater meiner Großmutter hatte einst seine Gitarre ergriffen und war seinem autoritären Vater und seinem noch autoritäreren Lehrmeister entflohen und hat seine Heimat, das Dorf Bellinchen[2], die kleine Stadt Zehden und die Gegend östlich der Oder verlassen. Wir wissen das so genau, weil er später gut lesbare Memoiren geschrieben hat, die zwar nicht sehr ausführlich sind, aber dennoch eine Seltenheit. Dieser Urgroßvater bestand wohl, wie dann auch meine Großmutter, aus Sprüchen. Und einer seiner Sprüche war: In diesem, meinem Haus muss immer ein Zimmer für ein heimatloses Kind sein. Zu diesem Kind hatte sich meine Großmutter nun erklärt: sie war ein Flüchtling und ein heimatloses Kind.  

Inzwischen hatte meine Großmutter einen weiteren Schlüssel für den Aufstieg gefunden, und das war die Bildung, die ihr versagt worden war. Es kam also der Tag, an dem meine Großmutter sich einen Handwagen borgte, ihn mit Decken und Kartons füllte, mich an die Hand nahm und loszog, Bildung zu besorgen. Wir gingen die Kreuzstraße entlang, die nun Ernst-Thälmann-Straße hieß, bogen in die Bahnhofstraße, dann aber in die Wiesenstraße ein. Es ging vorbei am Haus von Tante Klößchen, deren Mann einst ein kaiserlicher Stabsfeldwebel gewesen war, wovon er damals noch zehrte. Ich erbte von ihm eine zweibändige, streng nationalistische Hindenburg-Biografie, die ich an der Wende meines Lebens zum linken mainstream als einziges meiner Bücher verbrennen zu müssen glaubte und auch tatsächlich verbrannte. Man tritt einer, sagen wir einmal, Bewegung bei und muss dann aus Angst vor eben dieser Bewegung, der man jetzt selbst angehört, die Symbole einer anderen Richtung, der man selbst gar nicht beigetreten war, beseitigen, und sei es mit einem Autodafé. Bei der Taufe ist es ähnlich, obwohl man beigetreten wird, muss man selbst wieder austreten, wenn man das will.

Während des Laufens war mir aufgefallen, dass meine Großmutter, die gebürtige Senftenbergerin, einen anderen Namen für die Straße sagte, als an den Schildern stand. Ja, sagte sie, ich habe nichts gegen den einzelnen Juden, aber die Juden sind das Schicksal Deutschlands. Er war ein großer Star des Kinos. Aber musste er eine Jüdin heiraten? Dann klingelten wir an einem Haus, schon kurz vor dem Ende der Straße und der Stadt, und es zeigte sich, was wir da wollten und wodurch mein Leben eine krasse Wendung nehmen sollte: Wir kauften ein Lexikon von Meyer, nämlich die sechste, gänzlich neubearbeitete und vermehrte Auflage mit rund 155.000 Artikeln oder Stichwörtern, mit mehr als 11.000 Abbildungen im Text und über 1.400 Bildertafeln und Plänen sowie 130 Textbeilagen. Es war aus dem für mich damals unvorstellbaren Jahr 1907, an das sich meine Großmutter noch gut erinnern konnte, sogar an das Haus, an dem wir jetzt das riesige Lexikon auf unseren Handwagen luden.

Aber wie kam das riesige Lexikon in meinen kleinen Kopf? Das ist eine lange Geschichte. Schnell merkte ich, dass ich ebenso schnell vergaß, wie ich las. Also musste ich den aktuellen Artikel mehrmals lesen, möglichst dann am Abendbrottisch auch meiner meist desinteressierten Familie erklären. Später, als ich schon Lehrer war, war das kein Problem, das hatte ich genügend Publikum, um alles auszuprobieren. Ich hatte zwei Spitznamen: das wandelnde Lexikon und der Westlehrer, was sich auf meine meist liberalen Haltungen und Ansichten bezog. Aber leider gab es zwei Fälle von krasser Illiberalität: gegen meine Überzeugung musste ich gegen den Bibelspruch vom Umschmieden der Schwerter zu Pflugscharen reden[3], denn das Mädchen, das ihn am Revers trug, war vom Rausschmiss bedroht. Anders war es bei dem zweiten Fall, das war ein sehr guter Schüler, der aus einer bekannten Wissenschaftler- und Dissidentenfamilie stammte. Ich sollte ihn im Auftrag des Direktors auf eine Linie lockerer Loyalität bringen, und mein Hauptargument war, dass er das Abitur machen kann und bis dahin zur Kenntnis nehmen sollte, dass die Hälfte der Kirche dissident gegenüber der Staatsideologie war, die andere Hälfte aber mit dem ungeliebten Staat kooperierte, auch mit der Stasi. Ich fühle mich noch heute unwohl bei dem Gedanken an die beiden und könnte eine lange Reihe gegenteiliger Beispiele anfügen, die mir aber keiner glauben muss und nicht jede und jeder glauben wird, da es auch billige Rechtfertigung sein kann.  

Die Auskünfte des Lexikons haben den Nachteil, dass sie schnell veralten. Trotzdem hat das Lexikon zwei langfristige Wirkungen. Auf den etwa 23.000 Seiten standen nicht nur vergängliche Fakten, sondern auch Zusammenhänge, die ein gusseisernes Skelett des flexiblen Wissens bildeten und die dauernde Beschäftigung mit den Millionen[4] Einzelheiten führte eine inhärente Lernmethode mit sich. Aber selbst, wenn das alles nicht stimmen würde und wissenschaftlich widerlegbar wäre, dann bliebe immer noch meine Liebe zu diesem wunderlichen Riesenbuch.

Aber meine Großmutter bescherte mir noch ein anderes lebensprägendes und sogar auch lebensbegleitendes Buch: DES MÄGDLEINS DICHTERWALD[5]. Das war einfach eine in ihrer Jugend berühmte Gedichtsammlung, in der sie las und uns, meiner Schwester und mir, vorlas. Manchmal blieb sie sonntags oder feiertags gerne einfach lange im Bett liegen und rezitierte für uns Balladen oder andere lange Gedichte. Dabei siegt in meinem kleinen Köpfchen keineswegs immer nur Schiller und Goethe, sondern eher die Ballade von der Urahne, der Großmutter, der Mutter und des Kindes, die allesamt vom Blitz getroffen werden.[6]

Zwar ist es richtig, dass die Voraussetzung für Demokratie Wohlstand und Bildung ist, aber leider gilt das nicht auch umgekehrt: Bildung allein garantiert weder Wohlstand noch – und schon gar nicht – Demokratie. Demokratie ist überhaupt durch nichts garantiert. Zwar glaube ich nicht, dass die Länder und Menschen in den aufscheinenden Autokratien versinken werden, aber wir haben lange Zeit deren Anziehungskraft unterschätzt. Unsere Argumentation zugunsten des Pluralismus und der Toleranz wurde hölzern und bestand aus Argumentfetzen, die wir lieblos in die Menge warfen. Zudem funktioniert weder die Demokratie noch der Wohlstand reibungslos. Man gewöhnt sich an sie, schätzt sie gering und will mehr, immer mehr. Zudem gibt es immer eine gewisse Korruption. Sie ist zwar nicht die alleinige Ursache für die Ungerechtigkeit, aber das wird leider so wahrgenommen.  Als ungerecht wird auch empfunden, dass trotz relativer Chancengleichheit und transparenter sozialer Aufstiegsmöglichkeiten, immer ein Bodensatz an Armut und Unmut übrigbleibt. Das wäre noch erträglicher, wenn die äußere Welt sozusagen lange Zeit gleich und stabil bliebe. Aber leider gibt es nach längeren Phasen der Stabilität immer krasse Umbrüche.

Es hilft auch leider nicht, dass die Autokratien schnelllebig und wirtschaftlich unattraktiv sind. Es scheint sogar das Gegenteil einzutreten: je größer die Ungerechtigkeit ist, desto leichter kann man große Massen von Menschen zum Nationalismus verleiten und ihn als eine oder sogar die einzige Lösung der wirtschaftlichen Probleme darstellen. Dabei ist die Globalisierung keine Option, sondern, weil sie seit Jahrhunderten gegenseitige Abhängigkeiten erzeigt, wahrscheinlich unumkehrbar. Das ist der Grund, warum zwei riesige autokratisch-nationalistische Systeme sich so weit ausbreiten (deutscher Nationalsozialismus) oder so lange existieren konnten (sowjetischer Nationalbolschewismus).

Wissen hilft nur, wenn es mit Gewissen zusammen auftritt. Sowohl der Nationalsozialismus war, wenn auch keine intellektuelle Strömung, doch auch für hochgebildete Menschen attraktiv: Dr. Dr. Mengele. Der sowjetische Nationalbolschewismus band sogar jene Intellektuellen an sich, die er zu einem anderen Zeitpunkt radikal bekämpft hatte: Kurtschatow[7], Theremin[8].

In der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts erschien Brecht als ein neuer – möglicher -Klassiker und es ist schon oft kolportiert worden, dass er der kommunistischen Bewegung und dann der kommunistischen Welt aus opportunistischen Gründen nahestand. Er erfand seine dazu passende Biografie. Er schuf sich sozusagen selbst. Aber wir können uns heute fragen: wird die Welt besser, wenn die Marketenderinnen ihre Töchter prostituieren oder die Wissenschaftler angeklagt werden für die Verbrechen der Politiker. Auch der gute Mensch von Sezuan ist nur zur Hälfte gut oder funktioniert nur komplementär: weil er gut ist, darf er schlecht sein. Berühmt ist auch der Satz des Mackie Messer, dass erst das Fressen käme und dann die Moral. Das stimmt, wenn man sich den Wohlstand und die Moral als zeitliche Abfolge vorstellt. Aber auch in den finsteren Zeiten (um eine Brechtmetapher zu bemühen) gibt es Solidarität, die früher Nächstenliebe hieß. Unbestreitbar bleibt, dass es gelebten Sozialdarwinismus gibt, aber genauso unbestritten ist die menschliche Kooperation, die evolutionär vorbereitet ist. Bildung beruft sich auch gerne auf wohlfeile oder zeitbedingte Argumente. Dazu zähle ich das Toleranzparadoxon. Popper hat es in einer sehr langen Fußnote im ersten Band seines Buches ‚Die offene Gesellschaft und ihre Feinde‘ 1945 formuliert. Damals gab es in Europa noch keine Referenzobjekte funktionierender Demokratien. Auch die Vereinigten Staaten zeigten kurz nach 1945 verachtungswürdige und auch zum größten Teil überflüssige Intoleranz, die bis zu inszenierten Todesurteilen gingen[9]. Zwar ist der Kommunismus intolerant, ihn aber von der Demokratie auszuschließen, ist ebenso intolerant. Außerdem hat Popper 1000 Seiten für die offene Gesellschaft geschrieben, für die Toleranz, für den Pluralismus, aber zitiert wird von den Verfechtern der Intoleranz immer nur diese eine Fußnote.

Der Mangel an Geld ist eine Ungerechtigkeit, wenn es anderswo Menschen gibt, die auch ohne Arbeit sind, jedoch viel Geld haben. Im Osten kann man fast nichts erben. Aber dass es – in dieser Hinsicht – ungerecht ist, heißt nicht, dass das Land, die Gegend, die Region nicht liebenswert und lebenswert wäre. Hier gibt es viel weniger Menschen, also auch weniger Probleme, aber auch weniger Möglichkeiten. Es wird einige Zeit dauern, bis die Menschen hier vererben und erben können. Ich vergleiche neuerdings gerne Mannheim mit Neustrelitz. Beides sind barocke Planstädte, die eine ist weltbedeutend, die andere vollkommen unbedeutend. Trotzdem sind beide schön. Trotzdem ist die unbedeutende liebenswert und menschenleer. Und tatsächlich suchen hier andere Ruhe und Entspannung. Die prächtige Parkvilla des letzten, unglücklichen Großherzogs ist jetzt ein Schlosshotel der gehobenen Preisklasse und gut besucht. Das bringt Geld in die Stadt. Übrigens war der letzte Großherzog sehr, sehr reich, aber trotzdem unglücklich. Glück und Geld haben nur zwei Buchstaben gemeinsam, aber nicht die Ursache. Ich will keinen billigen Trost verteilen und ich habe auch kein Rezept gegen den Autoritarismus. Aber viele Menschen leben ihr Leben auch ohne Geschrei, leider auch ohne Politik. Aber das heißt nicht, ohne Verantwortung. Es gibt keinen Grund zur Panik.


[1] Kraftwerk und Gaswerk ‚Schwarze Pumpe‘ zwischen Hoyerswerda und Senftenberg

[2] jetzt Bielinek und Cedynia

[3] Jesaja 5,2 und Micha 4,3

[4] etwa 90×106 Wörter

[5] Des Mägdleins Dichterwald, herausgegeben von Theodor Colshorn, 10. Auflage, Halle 1897

[6] Gustav Schwab, Das Gewitter

[7] Raketenkonstrukteur

[8] Erfinder des Fernsehens und des ersten elektronischen Musikinstruments

[9] zum Beispiel Ethel und Julius Rosenberg

DIE SCHWEIGENDE KLASSE IM FRANKFURTER HAUPTBAHNHOF

Nr. 287

Eines der vielen Rätsel autoritärer Herrschaft ist der Widerspruch zwischen der Schuldsuche im Ausland und der Bestrafung an den eigenen Leuten. Die einfache Antwort, dass man der Schuldigen eben meist nicht habhaft werden könne, kann nicht befriedigen. Denn sie erklärt nicht, warum oft gerade diejenigen bestraft werden, die man leicht überzeugen oder anderweitig einbinden, auf jeden Fall aber dringend zum Funktionieren des Staatswesens brauchen würde. Während des Ungarnaufstandes 1956 hat eine Schulklasse in Storkow, einer Kleinstadt südöstlich von Berlin, für die Opfer in Ungarn eine Schweigeminute eingelegt. Das war, folgt man dem Buch und dem Film, fast spontan. Aber die autoritäre Herrschaft reagiert, nachdem sie langsam anfährt, mit allen Mitteln. Sie schließt schließlich, nach einem denkwürdigen und schändlichen Auftritt des Bildungsministers, alle Schüler von der Bildung im ganzen Land aus. Aber sie vergisst, dass die Grenze offen ist und alle Schüler, bis auf vier, sich in die S-Bahn setzen und dort im Westen nicht ohne Häme gut aufgenommen werden und das Abitur machen können.

Warum also schadet sich eine autoritäre Herrschaft solange selbst, bis sie verschwindet? Wir müssen uns schnell noch erinnern, dass alle diese Staatsysteme an wirtschaftlichen, Isolations-  und Loyalitätsproblemen scheiterten. Zum Schluss wollen selbst die einst Gutwilligen das System, welches am Zusammenbrechen ist, nicht mehr mittragen. Wenn es so einfach ist, dann kann man sich schon wundern, dass es immer wieder Menschen gibt, die autoritäre Herrschaft wollen. Wir lernen nicht aus der Geschichte. Alle diesbezüglichen Aufrufe sind sinnlos und dienen mehr der eigenen Entlastung: Es wäre schön, wenn wir aus der Geschichte lernen könnten. Wir können nicht aus der Geschichte lernen, weil sich die Bedingungen so ändern, dass die Erfahrung von gestern heute nicht mehr viel wert ist. Die Leute, die, sagen wir, am 8. November 1989 stehen geblieben sind, können noch so viele Geschichtsbücher lesen, wenn sie weiter glauben, dass am Bahnhof Friedrichstraße in Berlin ihre Welt endet, werden sie nichts verstehen und nicht weiterkommen. Wir lernen noch nicht einmal aus unserer eigenen Geschichte. Die Psychologie kennt den schönen Begriff des Wiederholungszwangs. Aber nicht nur die Witwe des Alkoholikers, die als nächsten Mann wieder einen Alkoholiker heiratet, frönt ihm, sondern wir alle lieben Rituale. Wir alle lieben die Bestätigung, die in der Wiederholung lebt, schon das kleinste Kind ruft: noch einmal. Aber inzwischen wissen wir: vieles lässt sich nicht wiederholen. Die Zeit insgesamt ist unumkehrbar. Wir zögern vor jedem Schritt ins neue Ungewisse, aber wir können auch nicht zurück, und selbst wenn wir es könnten, würden wir auch davor zögern.

Etwas übertrieben könnte man sagen, dass wir alle irgendwo in unserer oder in der Gesamtgeschichte stehenbleiben und den Rest der Welt nicht mehr verstehen. Die kopfschüttelnden Alten, die alles ablehnen, sind genauso typisch, wie die Jungen, die nicht wissen können und wollen, was gestern war. Einschränkend muss man allerdings sagen, dass wir weder die Zukunft noch die Vergangenheit voraussagen können. Versucht man zum  Beispiel, einen Verkehrsunfall mithilfe von zwanzig Zeugen zu rekonstruieren, so wird man scheitern und zum Schluss glauben, es hätte zwanzig verschiedene Unfälle gegeben. Hitler, ein weiteres Beispiel, war, auch als seine Zeitgenossen, Gegner und Parteigenossen, noch lebten, alles von der willenlosen Marionette des Finanzkapitals bis zum triebgesteuerten Psychopathen. Hinterher wusste es jeder besser.

Und so geht es den Autokraten auch heute noch. Der Streit zwischen Empathie, die ihren politischen Ausdruck in Demokratie und Sozialstaat gefunden hat, und einer charismatischen, aber autoritären Herrschaft, die durch die sogenannte Vaterliebe legitimiert war, währt schon sehr, sehr lange. Vielleicht ist er nicht entscheidbar. Tröstlich ist nur, dass die Herrschaft der Autoritären immer nur zeitweise anhält, schon deshalb, weil die Herrscher sterblich sind. Nordkorea ist eine Ausnahme, deren Ende absehbar ist, so wie Kanada mit der Familie Trudeau auf demokratischer Seite auch die Ausnahme ist.

Der Frankfurter Hauptbahnhof ist das Gegenteil von all dem. Man kann von ihm aus in jede Richtung, jeden Ort fahren. Das gilt eigentlich von fast jedem Bahnhof, ist aber in Frankfurt durch dessen zentraleuropäische Lage besonders gut sichtbar. Berlin, Paris und Bern sind gleichweit entfernt. Täglich sind 350.000 Menschen mit 180 verschiedenen Herkunftsländern Gäste des Bahnhofs. Der Sinn des Bahnhofs ist keinesfalls, wie man im ersten Anlauf denken könnte, das Verreisen. Vielmehr ist der Sinn des Bahnhofs nicht eindeutig bestimmbar. Wer einen der mehr als 350 Züge benutzen will, für den ist einigermaßen klar, dass der Bahnhof nicht nur Sinn, sondern auch Zweck und Nutzen hat. Was aber, wenn er oder sie sich unsterblich in sie oder ihn verliebt und beide den Zug verpassen, aber dafür das Lebensglück finden? Was aber, wenn man erschossen wird oder einen Herzinfarkt erleidet? Was aber, wenn du der Äthiopier bist, der einen CUCCI-Kiosk betreibt und damit sein Lebensglück an einem Ort gefunden hat, den er nicht nur nicht kannte, sondern sich nicht hätte vorstellen können, wenn nicht… Was aber, wenn wir, statt als Deutscher, Franzose oder Schweizer geboren zu sein, als kleiner Rom zur Welt gekommen wären und jetzt auf dem Frankfurter Hauptbahnhof zu der fast militärisch organisierten Truppe gehören würden, die jeden der 350 Züge aufsucht und jeden der 350.000 Gäste nach Geld fragt? Dann würden wir wohl an diesem Ort über unser Schicksal verzweifeln, weil sich in ganz Europa für uns keine bessere Lösung findet als die unseres Familien- oder Clanchefs.

Ein so großer Bahnhof bildet sehr schön das Leben in seinem Verhältnis von Regelhaftigkeit, die hier im realisierten Fahrplan erscheint, und Chaos ab. Das Chaos sind immer die anderen, denn wir wissen, was wir wollen. Auf einem Bahnhof kann man niemanden zum Schweigen bringen. Auch im Leben geht es offensichtlich nicht. Jener Bildungsminister, die Schulrätin, der Direktor, der Geschichtslehrer, sie alle sind einfach nur der Lächerlichkeit preisgegeben. Und doch malt dieser Film kein Schwarzweißklischee, sondern er zeigt auch die inneren Nöte des  Kommunistensohns, der loyal zu der Partei sein will und muss, von der er erfährt, dass sie seinen Vater als vermeintlichen Verräter erschoss. Aber gibt es denn keine Verräter? Vielleicht gibt es sie, vielleicht auch nicht, denn wer kennt den Ausgang der Geschichte, aber auf keinen Fall gibt es irgendeinen Grund, einen Menschen zu töten.

Aber jetzt muss ich zum Bahnsteig 11, am CUCCI-Kiosk vorbei, dem Romajungen einen Euro zuwerfen, meiner ewigen Verspätung mit zweihundert Stundenkilometern voraus- oder hinterhereilen…