GRYLLENKUNST

GRYLLENKUNST[1]

   gib deinem leben neuen sinn

   wach morgens auf als käferin

Ihr alten und hochweisen Leut, fallera,ihr denkt wohl, wir sind nicht gescheit, fallera,Wer sollte aber singen,wenn wir schon Grillen fingenin dieser herrlichen Sommerzeit?         Studentenlied aus Schweden   Gequält war er sein Leben lang,da fand er mich auf seinem Gang,Ich macht ihm deutlich, dass das Lebenzum Leben eigentlich gegeben, nicht soll in Grillen-Phantasien und Spintisiererei entfliehn.Solang man lebt, sei man lebendig.                                        Goethe, Maskenzug 1819  

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Die Zweiteilung gehört anscheinend zur DNS menschlichen Denkens, Dichtens und Rechnens. Wenn wir aus unseren Müttern fallen, sind wir schon zwei. Danach sehen wir Kleine und Große, Frauen und Männer, Heiden und Christen, Ost und West, angeblich Schwarze und vermeintlich Weiße…aber dann, wenn wir da angekommen sind, merken wir, dass wir einem Konstrukt aufgesessen sind. Die Welt – und das ist schon wieder eine Zweiteilung – besteht aus Realitäten und Narrativen, die sich aber nicht aus-, sondern einschließen. Das Bild dazu ist die Eulersche Schnittmenge. Das ist sozusagen die Unschärferelation der sichtbaren Welt. Alles Sichtbare ist Osmose. Alle Grenzen sind selektiv permeabel. 

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Das Leben des Kindes und der Steinzeitmenschen verläuft in einer strengen Ordnung im engen Rahmen der Familie, höchstens der Großfamilie. Die Wissenden werden als allwissend und allmächtig wahrgenommen. In den Armen eines Vaters kann das Kind sogar fliegen, was man dann ein Leben lang träumt. Der Steinzeitmensch dagegen sieht die Kraft und den Mut aus seiner eigenen Höhlenzeichnung tatsächlich auf sich übergehen. Damit ist nicht nur die Kunst geboren, sondern auch die Lebenskunst. Wir bedürfen der Zeichen, um uns bewegen zu können, und was ist ein Zeichen anders als ein Gezeichnetes. Auch vom Menschen, der durch ein schwieriges Leben musste, sprechen wir vom Gezeichneten.

Je mehr wir glauben, dass wir durch Eltern und Schule genügend Regeln, Gebote und Verbote, erhalten haben, desto weniger stimmt es. Nehmen wir das zwanzigste Jahrhundert in Deutschland als ein Beispiel, wie sich die Wertesysteme die Klinke in die Hand gaben. Eben noch regierte der nach Gott zweitallmächtigste Mann mit allerdings durch Aberglauben verkürzter Hand samt seinen Bischöfen, Marschällen, Ministerpräsidenten und Oberschulräten über ein gläubiges und untertäniges Volk, schon wird das ganze Herrschaftsgefüge durch die Hybris der Herrschenden hinweggefegt. Von den etwa dreizehn Millionen deutscher Soldaten hatte vielleicht ein Dreizehntel Schopenhauer im Tornister. Aber sie haben ihn nicht gelesen oder nicht verstanden: Nationalismus ist etwas für Leute ohne ICH[2]. Der erste Versuch der Demokratie schlägt fehl, Rathenau, ein elitärer Demokrat und Freigeist, wird von denen erschossen, die schon früh an Hitler und seinesgleichen glaubten. Wie sehr mit Hitler die ganze alte Ordnung in den Strudel des Untergangs gezogen wurde, kann man gerade hier in Woddow sehen: Rokossowskis Panzer zerschlagen den Kirchturm, aber die geschlagene Bevölkerung zerschlägt Kirche und Gutshaus. Beinahe möchte man sagen: und so weiter. Wer durch dieses Chaos des Lebens finden will, benötigt einen sich selbst orientierenden und ständig korrigierenden Kompass, kein starres und auch irrendes Navigationsgerät. Aber leider vertrauen wir immer noch zu viel auf alte und neue Navigationsgeräte, deren bewundernswerte Präzision ihre Fehlerhaftigkeit und magnetische Abhängigkeit allzu oft verdeckt und versteckt.  

Die erste These lautet also: Um durch das eigene Leben zu finden, mag der eine oder andere Wegweiser hilfreich sein. Der Weg selbst ist aber ein selbstgestaltetes Kunstwerk mit Gefährten, Wegmarken, Fallen und Ausflüchten. Der Weg ist nicht das Ziel, das ist eine müde Ausrede von Leuten, die es nicht aushalten, nicht da angekommen zu sein, wohin sie sich mit siebzehn Jahren geträumt hatten.  Die Kunst des Lebens besteht vielmehr darin, an Träumen festzuhalten, sich immer neue Träume auszumalen. Man kann es kaum schöner sagen als der vergessene Dichter Friedrich Rückert, der aber von Hermann Hesse in dessen schönstem Buch zitiert wird:   

Die Tage ſehen wir, die theuren, gerne ſchwinden,
Um etwas theureres herangereift zu finden,

Ein ſeltenes Gewächs, das wir im Garten treiben,
Ein Kind das wir erziehn, ein Büchlein das wir ſchreiben.[3]

Die erste Hauptthese lautet also: Leben ist Kunst.

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Was ist nicht Kunst? In dem ebenfalls zu Unrecht vergessenen schwedischen Studentenlied ‚Im Frühtau zu Berge‘[4] wird die Grille als Metapher, nicht wie bei Goethe für die lebensabgewandte Grübelei, sondern als die dem Singen adäquate Beschäftigung mit dem Überdrauf, mit dem Surplus des Lebens, mit dem, was es nicht im Supermarkt gibt, kurz mit der Transzendenz gleichgesetzt. Kunst ist gleich und nebst der Religion und der Philosophie die Abstraktion des Lebens, das Abbild, das über sich selbst hinausweist.  Nur wer zu schnell denkt und urteilt, wird finden, dass die drei nicht die höchsten Formen von Gedanken und Gefühlen sind. Man darf sie sich nicht isoliert, drei Kästen ohne Klappe, vorstellen, sondern osmotisch verbunden, dem Gesetz der kommunikativen Röhren unterworfen. Ihr gemeinsamer Vorfahre ist der Schamane oder Medizinmann. Die Eloquenz stellte sich erst später ein.

Wenn man einem nur durchschnittlich gebildeten Menschen einen Abschnitt von Hegel zu lesen gäbe, so würde dieser sagen: Der Mann ist krank. Denn unser Beispielmensch spricht die Sprache der Philosophie nicht. Aber das heißt nicht, dass er nicht philosophiert, das heißt nicht, dass er nicht religiös ist, da heißt nicht, dass er nicht Künstler ist. Es ist trivial zu sagen: jedes Kind ist kreativ. Auch jede und jeder Erwachsene kann befreit werden. Der Alltag mit seiner spießigen Langeweile hat uns so fest im Griff, dass wir uns im allgemeinen mit der Konsumtion begnügen. Allerdings ist die mögliche Konsumtion auch allgegenwärtig und allmächtig. Aber in jedem Dorf gibt es einen Kirchenchor, in jeder Kleinstadt gibt es eine Malerinnengruppe mit ihren Blumenbildern, in jeder Kreisstadt gibt es eine Volkshochschule (auch eine Idee schwedischer Studenten), in der man töpfern kann. Und weil uns das Kreative des Töpferns in die Nähe des Schöpfergottes bringt, wurde in Süddeutschland Gott auch der große Häfner genannt. Töpfern ist Nachahmen, Kunst ist Mimesis. Und seit der Antike gesellt sich zur Mimesis, der kunstvollen Nachahmung, die Katharsis, die Reinigung der Seele. Und da sehen wir sie alle drei vereint: durch Kunst, durch Religion, durch Philosophie versuchen wir unsere Seele von der geistigen Umweltverschmutzung freizuhalten und zu reinigen. Lange vor dem Christentum und dem Islam saßen die Menschen in den großen Amphitheatern und lauschten den Worten von Sophokles: UNGEHEUER IST VIEL NICHTS IST UNGEHEURER ALS DER MENSCH[5]. Man kann sich nur bemühen, kein Ungeheuer zu werden. Aber alle träumen wir doch ein bisschen: ungeheuer gut zu werden. Das geht nur dadurch, dass man nicht nur teilhat oder teilnimmt, sondern mitmacht: THE MORE I GIVE THE MORE I HAVE FOR BOTH ARE INFINITE[6].

Was die Kunst dem Menschen gibt, ist immer schräg, entspricht nicht dem gradlinigen, langweiligen Verständnis des Buchstabengelehrten oder gar des Buchstabenentleerten. Michelangelo ist schräg? Ja, denken wir an den Yesus auf Marisas Knien, der geliebt und geschützt wird, wie ein Baby, obwohl er doch ein toter dreißigjähriger Mann ist. Oder denken wir an seinen David, der sich in einen Goliath ohne Monsterqualitäten verwandelt hat. Die Verwandlung, so ist der schrägste Einfall des schrägsten Klassikers betitelt, erlebt der Handelsvertreter, der als Käfer aufwacht und nun plötzlich weiß, warum ihn niemand liebt. Bach ist schräg? Ja, aus Freud und Leid macht er Fugen, die jede und jeden ergreifen, auch die und den, welche nicht wissen, was eine Fuge ist.

Die zweite Hauptthese ist also: Alle Kunst ist Grylle. 

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Lange Zeit war es in den Schulen üblich, ganz im Ernst die berüchtigte Frage zu stellen: Was will der Dichter damit sagen? Die Interpretation war also, wenn nicht staatlich geregelt, so doch vom allweisen Lehrer vorgegeben und durch Bewertung und Zensur dem Schüler eingenötigt. Zwar gibt es Werke und sogar ganze Perioden, für die eine allgemein gültige Interpretation vorherrscht, die Aufklärung und die Kunst in der Diktatur. Das ist aber auch der Grund, warum dieser Kunst keine Dauer beschert war. Allerdings gibt es zwei Ausnahmen: Robinson Crusoe, den aufgeklärten handwerkenden selfmademan, und Nathan den Weisen, den toleranten und reichen alten Mann, der mit der berühmten Parabel von den drei verwechselbaren Ringen nicht nur in die Geschichte überhaupt, sondern in das Bewusstsein jedes Menschen guten Willens für immer eingegangen ist.

Für neunundneunzig Prozent aller Kunst gilt aber: die Interpretation ist frei und muss frei sein, da Menschen keine Schafe sind. Aber Vorsicht: woher wollen wir wissen, wie Schafe denken? Eine Skulptur, eine Sinfonie, ein Roman trifft auf Menschen, die vieles gemeinsam haben, aber auch vieles anders. Dieses Andere muss sie nicht trennen, aber kann sie unterscheiden. Manche unterschiedlichen Sichten ergänzen sich so gut, dass man von Komplementen sprechen kann, zum Beispiel die ordnungsliebenden und die freiheitbevorzugenden Menschen. Im Moment scheint es Mode zu sein, den anderen gar nicht erst zu Wort kommen zu lassen, aber es werden auch wieder Zeiten kommen, in denen die Ringparabel oder das Gleichnis vom verlorenen Sohn zum fundamentalen Verständnis möglichst vieler Menschen gehören werden.

Da die meisten Künstler alt oder tot sind, können ihre Intentionen niemals hochprozentig verwirklicht werden. Künstler überschätzen auch gerne ihre Möglichkeiten. Kunst ist auch nicht nur lupenrein gute Absicht, sondern muss auch meistens Geld verdienen, soll auch – im besten Fall – noch nach vierhundert Jahren wirken und angenommen werden können. Manche Künstler unterschätzen aber auch ihre Wirkung: Bach zum Beispiel hätte wohl nie glauben können, dass seine unendlich vielen und unendlich schönen Choralsätze sowohl inhaltlich als auch von der polyphonen Grundstruktur her über den Gospelsong in die Popkultur mindestens dreier Kontinente eingehen werden. Wenn aber die Intention nicht Wirklichkeit werden kann, so geht die Hoheit über den Text, das Bild, den Klang vom Autor auf den Leser, Betrachter oder Hörer über. Er bestimmt, schon durch sein Kaufverhalten, welche Kunst angenommen wird und überdauert. Genau genommen ergibt sich die Annahme, dass wir nicht wissen können, wie ein Text interpretiert werden soll und ihn stattdessen interpretieren, aus dem schönen Lied der Beatles: tomorrow never knows, niemand weiß, was morgen ist und niemand weiß, was gestern war.

Die erste Nebenthese ist demzufolge: Der Rezipient wird Produzent.

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Die zweite Nebenthese dagegen heißt:

DAS GEFÜHL VERSTAND, WAS DER VERSTAND GEFÜHLT.

Es ist ein alter Streit zwischen Verstand und Gefühl oder zwischen Vernunft und Kunst oder zwischen Realität und Erzählung. Heine schreibt dazu: es ist eine alte Geschichte, doch ist sie immer neu, und wem sie just passieret, dem bricht das Herz entzwei. So weit wollen wir es nicht kommen lassen. Während die dunklen Jahrtausende und Jahrhunderte der Observanz unterlagen, der einfachen, aber auch strafbewehrten Einhaltung der Regeln, traf mit dem Erdbeben von Lissabon am 1. November 1755, das zum ersten Mal nicht als Strafe Gottes, sondern als Naturkatastrophe gedeutet und vom Regierungschef Pombal mit dem Ruf beantwortet wurde: ‚Begraben wir die Toten und bauen die Stadt wieder auf‘, die Aufklärung als Sonnenstrahl auf die Menschheit. Dreihundert Jahre der Vernunft, aber auch der Überschätzung der Vernunft folgten. Im neunzehnten Jahrhundert kam noch der freie Wille des Menschen als überschätzte Triebkraft hinzu. Gefühl und Transzendenz wurden zunehmend vernachlässigt. Hegel und nach ihm Francis Fukuyama verkündeten das Ende der Geschichte. Aber so ist es nicht. Es begann das Zeitalter der Kunst. Es begann das Zeitalter der Mathematik. Es begann ein Rückfall in das Kainische Zeitalter von Mord und Totschlag, nun aber nicht an einem Bruder, sondern an Millionen von Schwestern und Brüdern. Zeitgleich wurden aber auch Hunger und Unbildung sehr erfolgreich beseitigt. Wir ahnen, dass die Gefühle von uns Menschen, und übrigens auch der Tiere, weitaus mehr auf den Fortgang des Lebens und sogar der Geschichte wirken, als je ein Aufklärer zuzugeben bereit wäre. Also ist alle Geschichte nicht nur ein Produzent, sondern immer auch ein Produkt der Geschichten. Alle Geschichten aber sind Gryllen. Und wenn man jetzt im Hochsommer genau hinhört, dann hört man sie zirpen und schreien, wimmern, weinen, flüstern und fröhlich sein.

1leben=kunst
2kunst=grylle
3intentionǂwirkung*
4gefühlverstand
                                                                                                                                                           *jeder rezipient wird produzent

[1] nach Bernhard NÜRNBERGERs Ausstellung ‚Gryllenkunst‘ in der Kunstkirche zu Woddow

[2] „Die wohlfeilste Art des Stolzes ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem darin Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt… SCHOPENHAUER, Aphorismen zur Lebensweisheit, Leipzig 1908,  S. 66

[3] Friedrich Rückert, Die Weisheit des Brahmanen, Zweite Stufe, Nr. 12,  Werke, Band 8, S. 63

[4] allerdings weicht die Nachdichtung von Walter Hensel stark vom Original ab

[5] SOPHOKLES, Antigone

[6] SHAKESPEARE, Romeo und Julia II2

KEINE LUST AUF TRAGÖDIE

Romeo und Julia in Wiesbaden

Bevor eine Tragödie als traurig und mit traurigem Ende gezeigt wird, geht man lieber tausend Umwege: Zerbröselung der Bühne, Hüpfen von einem Wortspiel zum anderen (lachen, um nur nicht weinen zu müssen), grellkomische Kostüme. Etwas anders ging es in letzten Aufführung von ‚Romeo und Julia‘ in dieser Saison in Wiesbaden an einem überhitzten Abend zu.

Das Bühnenbild zeigte ein Grundproblem unserer Zeit: die Kommunikation in getrennten, relativ geschlossenen Räumen. Unter einer großen umschließenden Brücke wurde in drei Kabinen gleichzeitig gespielt, ein anstrengendes, aber klar verständliches Bild für die Isolation kommunikativer Gruppen und ihre mögliche Überbrückung. Das wurde noch betont, indem Teile der Dialoge, vielleicht ein Viertel, bei körperlicher Anwesenheit der Darsteller als Video zu sehen und zu hören waren. Die Amme musste sogar, um noch mehr die verschiedenen Sprachen, Sprachebenen, Sprachkammern zu betonen, zeitweise Englisch sprechen. Der Diener Peter liefert vor dem Beginn eine exzellente Pantomime, die uns erinnern soll, dass wir nicht vor dem Fernseher, sondern im Theater sitzen. Das Nebeneinander von Film und (Bühnen-)Realität ist für uns Alltag. Es fehlte nur noch der Schauspieler, der seinen Text vergaß[1], um den Schritt zum Naturalismus zurückzugehen.

In der linken Kabine agierte die Apothekerin, die den Text des Franziskanerpaters Lorenzo hatte und auch dessen soziale Rolle: der psychischen und physischen Lebenshilfe. Wir haben uns aus der Allmacht der Kirche herausgewunden, aber Shakespeare und die Regisseurin Charlotte Sprenger zeigen uns, wo wir uns hineingewunden haben: in ein Konglomerat aus Pharmaindustrie, Medizin, Esoterik, Psychologie, Parapsychologie und Pseudoreligion. Die Apothekerin muss gar nicht aus ihrer Kammer herauskommen, um allgegenwärtig am Spiel teilzunehmen. Die Spieler kommen alle zu ihr. Diese, in der Wiesbadener Inszenierung drittwichtigste Rolle wurde von Süheyla Ünlü großartig gespielt, mit Tempo, Verve, Lautstärke und gewaltigem Flüstern. Man konnte durch sie gut verstehen, dass das alles nicht Probleme von Romeo oder Julia allein waren. Wir alle haben uns von einer Abhängigkeit in die nächste gerettet. Shakespeare hat also die hinter den Problemen liegende Grundstruktur von uns Menschen erkannt und demaskiert. Wir aber schalten weiter unsere Endgeräte ein und lassen uns einlullen. Ebenso stark und mit durchscheinender Tragik und Intensität spielte Maria Wördemann  die Julia. Leider ist mit heutigen (und wahrscheinlich auch damaligen) Mitteln nicht die sagenhafte Vierzehnjährigkeit des berühmten Liebespaares darstellbar, ohne albern zu werden. Dieser Gefahr entging Wördemann durch brillantes und virtuoses Spiel. Dagegen wirkte Abdul Aziz Al Khayat als Romeo sowohl von der Stimme als auch von der Erscheinung her blass. Manchmal hörte sich sein Spiel so an, als ob er gerade von einem Meisterkurs für Alte Musik zurückgekommen wäre: wie eine Rolle in der Rolle.

Köstlich spielte dagegen Kevin Krougliak den Diener der Capulets, Peter. Gekonntes androgynes Gehabe verband sich bei ihm mit pantomimischer Größe und eigenwilliger Verschmelzung mit seinem Kostüm.

Das Theater versucht, auch jüngere Zuschauerinnen und Zuschauer zu gewinnen: man benutzt eine moderne Übersetzung (hier die erstaunlich poetische von Thomas Brasch), man spart nicht bei Bühnenbild und Kostüm, aber man bleibt sehr einfach bei einer lautstarken Art von Popmusik, die für meinen Geschmack weder mit Shakespeare noch mit der heutigen Jugend zu tun hat. Ich warte auf den Tag, an dem eine Inszenierung auf klassische, aber durchaus verfremdet und verfremdend wirkende Musik setzt, so wie es Stanley Kubrick in seinen Filmen mit großem Erfolg tat. Vielleicht entsteht dadurch ein neuer V-Effekt[2], nachdem der originale uns die Tragödien als oft befremdlich und die Komödien als gekünstelt erscheinen lässt.

Immer wieder treffen sich die kommunikativ getrennten Protagonisten auf der Brücke zum gemeinsamen Spiel, zur Flucht, zum Zusammentreffen. Dieses gelungene Bild könnte sogar als die Aktualitätsklammer angenommen werden. Diese Brücke fehlt im momentanen gesellschaftlichen Diskurs und würde doch dringend gebraucht. Shakespeares Text ruht auch auf der klaren Familienstruktur der Capulets und Montagues. Diese heile und ‚heilige‘ Familie prägt nicht mehr so wie einst unser Leben oder wie wir uns das Leben von einst vorstellen. Trotzdem gibt es Tragödien, aber auch sie bestimmen nicht mehr als moralische Zeigefinger unsere Anschauung. Wir lassen uns nicht mehr auf Katharsis[3] ein, wir wollen überhaupt nicht mehr erzogen werden. Unterhaltung spielt im heutigen Theater und noch mehr im Film die weitaus größere Rolle. Das ist ein gutes Zeichen: das heutige Leben ist besser als sein Ruf. Aber es geht auch Tiefe verloren.

Durch den in eine allgütige und allgültige Seelenapothekerin gewandelten Franziskanerpater Lorenzo gerät der tatsächliche Apotheker[4] ins Hintertreffen. Er ist – so absurd uns das heute erscheinen mag – so arm, dass er Romeo nach dessen moralischer Freisprechung das tödliche Gift verkauft. Romeo sagt zu ihm, dass eine Welt, die nichts tut, um ihn reich zu machen, nicht der Freund der Menschen ist. Das eigentliche Gift, so lässt Shakespeare den blutjungen Romeo sagen, das eigentliche Gift ist das Geld. Und das ist so geblieben, obwohl die Apotheker heute reich sind und jeder Arme reicher als die Armen in Shakespeares Welt.  

Selbst Friedrich Nietzsche und Siegmund Freud waren, nebst einigen anderen, sicher, dass Shakespeares Dramen und Sonette nicht von jenem Mann aus Stratford stammen können, der, wie Bach, weder einen Abitur- noch einen Magisterabschluss hatte und mit 18 Jahren aus dem Haus ging, um als reicher und erfolgreicher Mann wiederzukommen und der nach seinem Tod eine Jahrhundertkarriere begann. Und so sicher sind wir heute, dass ein fünfzehnjähriger verliebter Junge nicht so tiefgründig über die Welt und das Geld nachdenken und sprechen kann. Aber Romeo wird getoppt durch seine Geliebte, von der wir wirklich wissen, dass sie gerade einmal vierzehn Jahre alt ist. Sie weiß sogar, belehrt durch die junge Liebe, dass es nicht das Nehmen, der Konsum, die Rezeption ist, was uns glücklich macht. Diese Liebe, so sieht sie glasklar, ist so tief wie das Meer, unendlich tief und weit. Und mitten in dieses Geplänkel des Abendgesprächs sagt sie einen Satz, einen Satzfetzen eigentlich nur, der eines Yesus oder Seneca, eines Gautama Buddha oder eines Gandhi – oder eben eines Shakespeares – würdig gewesen wäre. Der Satz wäre zudem geeignet gewesen, von der Eisenbrücke als Podium der Menschheit herab gesprochen zu werden, nicht geschrien, wie so viele böse Sätze und Racheaufrufe, sondern geflüstert, gesummt, liturgisch psalmodiert. Die kleine Julia, die so arg früh sterben muss, sagt: THE MORE I GIVE THE MORE I HAVE FOR BOTH ARE INFINITE.[5]


[1] Sonnet 23: as an unperfect actor on the stage / who with his fear is put besides his part…

[2] Brechts Verfremdung

[3] Seelenreinigung der griechischen antiken Tragödie

[4] V1

[5] II2