DER SCHLICHTE MENSCH*

 

Nr. 399

WANN WIRD AUCH DER ZEITPUNKT KOMMEN, WO ES NUR MENSCHEN GEBEN WIRD?

Beethoven an Struve, 1795

Wenn also der Maurerlehrling, weil er ein schlechtes Gedächtnis, aber ein gutes Herz hatte, durch eine Verwechslung – aus kolumbianischem Versehen – seinen geheimsten Wunsch vortrug, haben wir dann nicht die Verpflichtung – statt ihn vollmundig zum Volk zu erklären und uns mit ihm -, seiner Vorstellung nachzugehen? Wonach sehnt er sich?

Binem Heller, ein polnischer Dichter, der in der schönen, aber jetzt in Israel aus gutem Grund leider verpönten Sprache Jiddisch schrieb, hat sein Idealbild des schlichten Menschen aus allen Ländern mit den Attributen Frieden und Arbeit versehen. Der schlichte Mensch sehnt sich nach Frieden, aber er ist auch äußerst anfällig dafür, wenn ihm seine Oberen sagen, dass jenseits der Grenzen ein Feind stünde, diesen Feind mit Gewalt zu vertreiben. Er hat dem herrschenden Menschenbild kein eigenes entgegenzusetzen. Denn schon im ersten Weltkrieg bemerkten einfache Soldaten hüben und drüben, dass Weihnachten über dem Krieg steht, dass Hilfe mehr ist als Töten, und dass es schwer, ja fast unmöglich ist, einen Mitmenschen mit einem Bajonett zu erstechen. Trotzdem gab es den zweiten Weltkrieg und seit ihm noch mehr und bessere Panzer, Flugzeuge und schließlich Atombomben als weitere Anonymisierungen des Tötungshandwerks. Benennt man gar die eine Seite als herausragend: ‚DER TOD IST EIN MEISTER AUS DEUTSCHLAND‘**, dann gibt es ein großes Heulen. Aber damit ist ja nicht gesagt, dass es nicht auch andere Meister auf diesem Gebiet gab. Und was tut unser schlichter Mensch in allen Ländern? Er marschiert mit. Frieden ist also ein Ideal, das er nicht allein verwirklichen kann.  Erst in einer Demokratie kann das Ideal des Christentums, dass man auch seine Feinde lieben soll, mit dem des schlichten Menschen zusammenfallen und auch vom Staat übernommen werden. Alle Staatsformen vor und neben der Demokratie sind blindwütig, in denen außer Pyrrhus niemand zugeben mochte, dass jeder Sieg eine Niederlage ist. Gauland ins Stammbuch geschrieben: wenn unsere Großväter gesiegt hätten, wäre es eine noch größere Niederlage gewesen. Eine Kollateralfolge der Globalisierung ist der Frieden. Kriege sind heute nur noch Bürger- und Stellvertreterkriege mit kleinen Dimensionen, aber das ist für die Menschen, die in ihnen sterben, nicht wichtig und sollte für uns nicht hinnehmbar sein. Der alawitische Assad-Familienclan, der einst vorhatte Israel zu zerstören, hat nun sein eigenes Land verwüstet und verkauft Drogen, um dem Untergang zu entgehen.

Der ewige Frieden ist aber dennoch wenigstens vorstellbar, weil der Mensch nicht böse, sondern eher schlicht ist. Er folgt falschen wie guten Propheten.

Wie ist es aber mit der Arbeit? Ist die Arbeit wirklich das Ideal des schlichten Menschen in allen Ländern? Ist nicht viel mehr der im alten Testament vorgestellte Fluch Gottes, dass der Mensch im Schweiße seines Angesichts sein Brot essen soll, eine Zustandsbeschreibung gestern und heute? Dass Justus von Liebig und Fritz Haber einen Teil der schweißtreibenden Arbeit durch Stickstoff ersetzten, sollte uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass in weiten Teilen der Erde immer noch hochaufwändige und ineffektive Subsistenzwirtschaft betrieben wird.

Aber gleichzeitig müssen wir uns fragen und haben uns schon oft gefragt, ob die Massenproduktion von Lebensmitteln und Tand [all is but toys***] noch mit der wachsenden Zerstörung unserer Umwelt aufzuwiegen ist. Der Preis der Sattheit ist die Desertifikation, die irreversibel wird, wenn wir nicht einhalten. Während der Verzicht auf Gewalt gleichzeitig als hilfreich und einleuchtend empfunden wird, die Goldene Regel auch in einer volkstümlich-gereimten Version verfügbar ist – NUR WAS DU WILLST, DASS MAN DIR TU, DAS FÜGE AUCH DEN ANDERN ZU; und auch umgekehrt: NUR WAS ICH SELBER DENK UND TU, DAS TRAU ICH AUCH DEN ANDERN ZU. – gibt es für den Verzicht auf Überfluss leider keine Entsprechung. Wir empfinden jeden Verzicht gleichzeitig als Verlust. Sobald das Wort Verzicht, zum Beispiel auf den Energieüberfluss, die Runde macht, rennen wir Menschen in unsere Garage und halten unser Automobil fest. Selbst ein Elektroauto als Übergang und Kompromiss kann uns nicht von dem Verzicht des als Freiheitsersatz empfundenen Automobils überzeugen, das gleiche gilt für alle Versuche, Eigenheime und kommunikative Endgeräte zu vergesellschaften. Schon allein die Wörter ‚vergesellschaften‘ oder ‚sozialisieren‘  erfüllen uns mit Schrecken, auch weil sie durch Staatsysteme verunglimpft wurden, die zurecht gescheitert sind. Verzicht ist eine Botschaft, die niemand hören will und noch jeder Bote wurde für sie geächtet.

Und trotzdem kann der schlichte Mensch in allen Ländern nicht die heutige Arbeit, die ihn zum Maschinenteil degradiert, als Ideal haben. Vielmehr haben wir die propagierten Ideale entweder des Marktes oder des Staates in Ermangelung eigener Ideen stillschweigend angenommen. Die schweigende Mehrheit schweigt nicht als Zustimmung, sondern aus Unfähigkeit. Allerdings ist diese Unfähigkeit wegen der zunehmenden Komplexität der Dinge nur allzu verständlich. Vergleichen wir beispielsweise den Faustkeil mit dem Smartphone, zwei annähernd gleich große Werkzeuge, so ahnen wir, was Komplexität heißt. Wir Menschen haben freiwillig die Ketten angelegt, die uns zu Sklaven des Wohlstands machen. Allerdings ist es dieser Wohlstand, dessen Sklaven wir freiwillig sind, der uns auch vom letztendlich tödlichen Bevölkerungswachstum befreien wird. Es gibt keine bessere Beschreibung dieses Zustandes als das kreisförmige Trilemma. Auch in der Coronakrise war – wie ein höherer Fingerzeig – ein Trilemma als Menetekel an den Wänden zu lesen: Wirtschaft, Gesundheit und Demokratie gleichzeitig zu erhalten, ist schwer und nicht durch durch bloßes Geschrei zu bekommen.

Wir müssen uns in Zukunft an einer Art sozialem Minimumgesetz**** orientieren, das, wie seine Entsprechung aus der Natur, besagen würde, dass von jeder sozialen Notwendigkeit ein Minimum vorhanden sein muss. Diktaturen vergessen das Minimum Freiheit und verlieren sich letztlich immer in Clankämpfen, Demokratien begraben das Minimum Altruismus, die älteste und wichtigste Ingredienz menschlichen Zusammenlebens, unter einem Müllberg von meist überflüssigen Rechtsvorschriften. Diese Verrechtlichung unseres Lebens ist der der Ausdruck von Überdruss, der stets auf den Überfluss folgt. Alle Religionen und Philosophien predigen den Verzicht, aber niemand hält sich daran. Sehen wir eine der wenigen Ausnahmen, Menschen die freiwIllig auf die Symbole des Wohlstands verzichten, so ist unsere Antwort nicht selten Häme, weil wir mit Absicht Ursache und Wirkung verwechseln, wir halten die Absonderlichkeiten dieser Menschen für eine Folge des Verzichts, nicht für dessen Ursache. Wenn man sagt, es sei schwer, aus sich herauszutreten, so meint man eigentlich, dass es uns schwerfällt aus dem Korsett der Vorurteile zu klettern. Ein Gängelwagen ist uns immer noch lieber als gar kein Wagen.

*Binem Heller, Der selbe Mensch, in: Der Fiedler vom Ghetto, Reclam Leipzig, 1968

**Paul Celan, Todesfuge, Gesammelte Werke, Band 3, S. 61

***Shakespeare, Macbeth, II,2

****Sprengel, Liebig

MISSTRAUEN

Nr. 398

WANN WIRD AUCH DER ZEITPUNKT KOMMEN, WO ES NUR MENSCHEN GEBEN WIRD?* Beethoven an Struve, 1795

Wenn also der schüchterne und nüchterne Maurerlehrling (siehe Nr. 397 vom 3.5.2020 ) im grauen Ostberlin und der große Beethoven, unabhängig voneinander und mit der denkbar größten Differenz zwischen zwei Menschen ausgestattet, auf das gleiche Denkergebnis kommen, muss etwas daran sein. Der Maurerlehrling in Ostberlin wollte einen damals und heute gängigen Spruch eigentlich nur zitieren. Vielleicht hat er sich nur geirrt, aber dann war es ein solcher Irrtum wie bei Kolumbus. Kolumbus fand den falschen Kontinent, aber mit dem richtigen, damals brandneuen Weltbild. Der Maurerlehrling fand das brandneue Weltbild, nach dem er gar nicht gesucht hatte, aber nach dem er sich so sehnte.

Das Merkwürdige an der Welt ist doch, dass sich die sogenannten Alternativen des gleichen Weltbildes bedienen, wie die von ihnen abgelehnten und oft heftig bekämpften alten Systeme. Kapitalismus, Kommunismus und Faschismus haben – in bezug auf die Produktion – die fast identische Meinung zum Menschen als Faktor. Auf diese Implementierung des Menschen in die von ihm selbst geschaffene Maschinenwelt wies schon Feuerbach mit seinem etwas weltfremden Begriff der Entfremdung hin. Er erscheint uns heute weltfremd, weil die wenigsten Menschen aus den herrschenden Bedingungen aussteigen können. Sieht man sich in den jeweils alternativen Szenen der verschiedenen Jahrhunderte um, so unterliegen sie – im Vergleich zum jeweils geschmähten mainstream – nur leicht modifizierten Gruppenbedingungen. Wirkliche Eremiten gibt es wohl eher selten, und die früheste Satire auf einen Eremiten, der seine Absurdität zu einem sexuellen Vorteil ausbauen konnte, steht im Decamerone von 1348, einem Pestbuch.

Alle diese Weltbilder betonen den Mangel an Vertrauen und den Egoismus des Menschen, der es angeblich verhindert, eine bessere Gesellschaft zu bauen, die andererseits von allen Alternativen als Ideal gepriesen wird. Wir erinnern nur an den programmatischen Zeitungsnamen ‚Neues Deutschland‘, womit gemeint war, dass jetzt alles anders wird. Tatsächlich beruhte aber diese Gesellschaft wie die meisten vorherigen und folgenden auf dem Vertrauen zu Geld und Gut, nicht aber auf dem Vertrauen zum Mitmenschen, der, wie sich Beethoven schon als junger Mensch  wünschte, keiner weiteren Qualifikation bedürfte, als Mensch zu sein.

In dem dummen Spruch, dass Vertrauen zwar gut, Kontrolle aber besser sei, der damals Lenin, heute wer weiß wem zugesprochen wird, wahrscheinlich Einstein, der die meisten Zitate für sich beanspruchen kann, fast so, als sei er im Hauptberuf Zitatenschreiber gewesen, – in dem dummen Spruch kommt doch nur die alte, von uns schon immer beschworene Polarität von Freiheit und Ordnung zum Ausdruck. Natürlich bedarf jede Gesellschaft einer gewissen Ordnung. Aber jede Ordnung hat auch die Tendenz sich zu verselbstständigen. Max Weber entdeckte früh, dass die Bürokratie, das Organ der Ordnung, sich am liebsten mit sich selbst beschäftigt. In jeder Verwaltung gibt es ein Amt 1, auch oft Hauptamt genannt, das die Löhne, Gehälter und Pensionsansprüche der Beamten regelt. Übrigens muss man an dem schönen alten Wort BEAMTER nur einen Buchstaben weglassen, um ihn zu modernisieren und abzuschaffen: BEAMER. Ein Beamter projiziert die Ordnungsvorstellungen einer Gesellschaft auf jedes DIN A 4 Blatt, das selbst der Inbegriff jeder Ordnung und Bürokratie ist, genial und absurd zugleich: 1: √2.*

Die Absurdität dieses Weltbildes besteht darin, dass wir zum Schluss glauben, dass der Mensch wählbar und konstruierbar sei. Wenn wir ihn als Produktionsfaktor sehen, als Maschinenteil definieren und ihm gleichzeitig Empathie ab- und grenzenlosen Egoismus zusprechen, dann sind wir in der Ordnungsfalle. Es ist leicht und passiert immer wieder, dass wir uns ein Instrument schaffen, dessen Opfer wir dann werden.

Der Ramadan, jede Fastenzeit jeder Religion oder Ideologie, dient dem Verzicht, der Demut, der Reduktion nicht nur des Körpergewichts, sondern auch auf das Wesen des Menschen: selbst wer wenig hat, hat noch genug, um es teilen zu können. Die diätetische Falle des Ramadan besteht aber darin, dass das Fastenbrechen fast schon ein Synonym für Völlerei geworden ist, so wie Weihnachten und Ostern und Grillabend.

Das Gleiche gilt für das Fernsehen oder das Telefon: aus einem Instrument wurde eine Herrschaft. Das ist übrigens auch bei den Herrschern so: unsere Ahnen installierten sie als Führungsinstrument, aber wir willfahren ihnen als allwissende, allkönnende und ausschließlich wohlmeinende Halbgötter oder aber als inkompetente, unfähige und korrupte Marionetten. Allmacht und Ohnmacht schlössen sich gerne aus, aber sie sind gleicher als gleich, weil sie beide auf Macht statt auf Vertrauen beruhen.

Freiheit, das andere menschliche Ideal**, beruht dagegen, wie die Liebe, auf Vertrauen, die nicht nur keiner Kontrolle bedarf, sondern durch Kontrolle zerstört wird.

Als spätes Kind und früher Jugendlicher war mein Lieblingsbuch Robinson Crusoe von Daniel Defoe. Wahrscheinlich gefielen mir die Freiheit, Unabhängigkeit und auch die Einsamkeit dieses fähigen Menschen. Aber mir fiel nicht auf, dass er im Laufe seiner achtundzwanzig Inseljahre ein perfektes System der Ordnung erschuf, von der er mehr und mehr abhängig wurde. Folgerichtig versuchte er dann, einen völlig freien Menschen zu domestizieren. Der Tom-Hanks-Film CAST AWAY zeigt diese Abhängigkeit, aber auch die Beliebigkeit der Dinge, als Satire auf den Helden der Aufklärung Robinson.

Das Merkwürdige am Vertrauen, an der Freiheit und an der Liebe ist, dass wir sie fast nur emotional von ihren hässlichen Zwillingsschwestern, Miss Trust, Miss Order und Miss Ego, unterscheiden können. Der Mensch oder die Menschin, die wir lieben oder von der oder dem wir uns geliebt glauben, kann vielleicht einfach nur nicht kochen oder hielt nach ein paar passablen Genen Ausschau.

Man kann sich Menschen nicht aussuchen, auch diejenigen nicht, die nichts als Menschen sein wollen und Vertrauen der Kontrolle vorziehen. Es ist leichter zu leben, wenn man sich nicht nur Regeln gibt, sondern auch Töpfe, in die man seine Mitmenschen glaubt sortieren zu können. Drei große Töpfe zerbrachen: der Rassentopf, ein besonders hässliches Exemplar, der Klassentopf, der sich hier auf dem Lande sogar architektonisch manifestiert hat, und der besonders üble Sexustopf.

Zum Schluss kommt ein schönes Zitat aus dem guten neuen und sehr empfehlenswerten Buch*** von Rutger Bregman IM GRUNDE GUT, die Antwort nämlich, warum der Schimpanse im Käfig sitzt und der Neandertaler ausgestorben ist: weil wir freundlicher sind.

*dem Schöpfer der Papierformate, Walter Porstmann, war ein früherer Blog gewidmet

**no deal but ideal

***was hier zu besprechen unnötig ist, da wir seine Thesen schon seit langem, vor allem aber in den zehn Jahren des Blogs rochusthal.com vertreten

 

 

SCHWARZ UND WEISS

Nr. 232

Aufklärung, so haben wir es in der Schule gelernt, ist das Ende der Angst, weil Aufklärung, so schrieb KANT, der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit sei. Das kann man sich ungefähr so vorstellen: ein Mensch, der bisher nur mit dem Rollator lief, wird jetzt auf ein Rennrad gesetzt und muss die Route der Dakar-Rallye in ihrer ursprünglichen Dimension von Paris bis Dakar fahren, ohne Navigationsgerät, ohne Imbissstände, mit nur einer Flasche Wasser. Da ist es verständlich, dass er sich nach seinem Rollateur sehnt, nach seinem Sozialarbeiter, nach seinem Ernährungsberater, nach seinem Seelsorger. Das sind alles Leute, von denen KANT vor mehr als zweihundert Jahren schrieb, dass sie die Unmündigkeit fortsetzten, der wir gerade zu entkommen glaubten.

Die Demokratie ist kein Ausflugsdampfer, auf dem man Bier und Würstchen bestellt. Die Demokratie ist eher dieses Fahrrad in der Wüste, auf trügerischer Piste, unumsorgt. Und zudem ist sie eigentlich nicht kompatibel mit dem Kapitalismus, dessen massenhafte Warenproduktion aber die Voraussetzung für die Demokratie ist. Man kann mit leerem Bauch nicht über Minderheitenrechte abstimmen. Zu tief sitzt in uns das evolutionäre Erbe des Hungers, zu eingängig ist das sozialdarwinistische Gewühl des Neids. Wir wollten es nur nicht wahrhaben: jede These braucht ihre Antithese, und die Antithese der Gemeinschaft ist oft das Sehnen nach der vergangenen Geborgenheit, nach der geborgenen Vergangenheit. Dafür ist der Uterus die beste Metapher: ein Maximum an Sicherheit und Versorgung steht einem Minimum an Freiheit und Flexibilität gegenüber. Das kann nur ein vorübergehender Zustand sein. Die Freiheit ist also kein aufgesetztes und angelerntes, sondern ein natürliches Ideal. Mag der Uterus die missbrauchte Metapher sein, die Realität dieser falschen Sehnsucht ist die Hierarchie. Solange es die klassische, am Handwerk orientierte Arbeitswelt gab, schien Wohlstand ohne Hierarchie nicht möglich. Der Unternehmer erschien als Patriarch und insofern war er Hierarch.  Aber FORD und RATHENAU haben nicht nur die Fundamente des Wohlstands, sondern auch der Demokratie gelegt. Voraussetzung für Demokratie ist nicht nur Wohlstand, sondern auch ein Briefkasten (TOCQUEVILLE) und Freizeit. Jedes Abweichen von dem jetzt möglichen Modell der Demokratie erscheint uns genauso widernatürlich wie die Demokratie denjenigen, die Sicherheit und Versorgung als Grundmodell ansehen und dafür die Einschränkung ihrer Freiheit gerne inkauf nehmen. Man kann sich gegenseitig verspotten, aber wir müssen miteinander leben. Man kann sich gegenseitig nicht ausschließen. Jeder Versuch eines Genozids ist gescheitert und fällt auf seine Verursacher zurück.

Alle fünfzig Jahre gibt es den kleinen Paradigmenwechsel, alle fünfhundert Jahre einen großen mit dilemmatischen, verwirrenden und revolutionären Schüben. Der menschliche Makel in solchen Umbrüchen besteht wohl darin, dass vom Zeitgeist gelähmte Menschen Visionen der Zukunft zu verwirklichen suchen. Entweder scheitern sie wie Jesus oder aber sie bleiben, trotz allen Fortschritts, Leuchttürme des Konservatismus und damit des Zeitgeists, wie Luther und Ford. Die Lösung für die Zukunft liegt weder in der Religion noch im Automobil. Die Sackgasse der Massenproduktion kann man am besten durch die Massentierhaltung, überhaupt durch die Landwirtschaft erkennen. Früher, und in vielen Gegenden der Welt heute noch, mussten und müssen die Menschen im Schweiße ihres Angesichts Reis und Wurzeln säen, pflegen und ernten. Heute quälen wir Millionen und Abermillionen Tiere, um sie als Reserve für unsere Gier vorzuhalten. SCHOPENHAUER schrieb, dass wir tausende von Jahren brauchen werden, um für dieses terroristische Verhalten unseren  Brüdern und Schwestern gegenüber zu büßen. Genauso ist es mit den Mitmenschen, die wir instrumentalisiert haben. Aber wir sind nicht wir. Wer ist wir? Erst die wechselseitige Erniedrigung zu erkennen wird uns in den Stand setzen, nach einem Ausweg zu suchen. Eine wunderbar provokante These enthielt der Song WOMAN IS THE NIGGER OF THE WORLD von Yoko Ono und John Lennon, dessen Text aber auf ältere Gedanken zurückgeht, besonders in der Zeile woman is the slave to the slave.

Ein Afrikareisender* des letzten Jahrhunderts berichtet, dass er in einem Dorf lebte, das einmal in der Woche durch einen Autobus mit dem Rest der Welt verbunden war. Wenn der Bus in einer Woche ausfiel, war er in der nächsten Woche übervoll. Trotzdem wurde dem Weißen ein Platz freigemacht. Nach einer Zeit begannen einige Reisende, den Gast zu beschenken. Die Geschenke wurden so zahlreich, dass ein zweiter Platz benötigt und zur Verfügung gestellt wurde. Der Gast ging nun dazu über, die Geschenke weiter zu verschenken, was zu einer Kaskade des Nehmens und Gebens führte. Aber das ist schon wieder ungenau beobachtet: es war ein Wasserfall des Gebens, nicht des Nehmens. Es geht nicht um das Nehmen. Es geht um das Geben. (Leider melden sich an dieser Stelle immer die Leserbriefschreiber und verlangen nach dem Gestern.) (Leider müssen wir an dieser Stelle an den Bus in Freital erinnern, vor dem Menschen widerwärtigen Unsinn skandierten und mithilfe der Polizei Angst verbreiteten.)

Die Tastatur bäumte sich auf, wenn man schreiben wollte DIE LÖSUNG IST. Es gibt nicht DIE LÖSUNG. Aber den Kapitalismus oder die Demokratie als etwas außerhalb von uns befindliches zu erkennen glauben und überhaupt Schuldzuweisungen sind schon einmal die falsche Richtung. Wenn wir, die Menschen, der Fehler sind, dann können auch nur wir die Lösung sein. Wenn wir langsam ahnen, was falsch ist: Schuld, Gestern, Warum, dann sollte uns die neue Richtung wenigstens dämmern: Würde. Bildung. Liebe. Hoffnung.

In einer Hierarchie sind beide Seiten falsch: oben und unten. Es gibt kein Oben oder Unten. Die Angst vor den Antipoden war also berechtigt: wenn es sie gäbe, wären sie der Beweis für die Notwendigkeit hierarchischen Denkens, schwarz und weiß, oben und unten, richtig und gegenüber, Herr und KnechtIn. Jeder Mensch ist Würdenträger. Erst wenn wir ihnen, den instrumentalisierten nicht als Schwestern und Brüdern erkannten, ihre Würde zurück geben, geben wir auch uns Würde.

 

 

Achille Mbembe, Kritik der schwarzen Vernunft, Suhrkamp 2014

Didier Eribon, Rückkehr nach Reims, edition suhrkamp, 2016

*Heinrich Staudinger, brennstoff 47/2017, GEA-Magazin