
In jedem Krankenzimmer wohnt neben der Hoffnung immer auch der Tod. Wir sterben zwar, weil wir leben, aber zwischen uns und dem Tod ist die Krankheit oder die Koinzidenz unvereinbarer Tatsachen, die wir Unfall nennen. Letztlich kann alles tödlich sein, und wir wissen noch nicht einmal die Quote zwischen den Lebenden und den Toten. Historisch gesehen gibt es vielmehr Tote als Lebende. Solange man jung ist, muss man darüber nicht nachdenken, obwohl hin und wieder der Tod auch zwischen die Jugend tritt. Werden wir älter, so tritt der Tod und die Todesangst neben die Lebensängste in das Leben mitten hinein. Wir können mit dem Tod nur leben, weil wir nicht an ihn glauben. Erst als Greisen wird uns klar: der Tod ist das, was nicht mehr weh tut.
Vor zwanzig Jahren war auf der Südseite des Krankenhauses in P. die Urologie, und ich lag mit Nierensteinen, die damals noch zertrümmert wurden. In einem Dreierzimmer lag neben mir ein alter Mann – ich war damals noch nicht alt, wenn auch nicht mehr jung -, dem die Chefärztin auf ihre bekannte burschikose Weise beibrachte, dass der Krebs bei ihm sich so weit durchgefressen hatte, dass die Harnblase und die Prostata entfernt werden mussten, und dass das morgen passieren wird und wie er sich darauf vorbereiten müsse. Sie sprach von medizinischen Einzelheiten. Aber wir alle im Raum, die drei kranken Männer, die beherzte Chefärztin, der verdutzte Assistenzarzt, die traurige Krankenschwester, wussten, dass sie von nichts anderem sprach als von Leben und Tod.
Solange wir leben wird die Qualität des Lebens mit hohen und höchsten Begriffen gleichgesetzt und beschrieben: Ehre, Stolz, Sinn des Lebens, Menschlichkeit, vermeintliche Nation und ihr angeblicher Geist, seit Kant aber: Würde, die kein Äquivalent hat. Jedoch lernten wir in dieser Nachmittagsvisite, dass der alte Mann bald kein Mensch mehr sein wird, dass er wie Claire Zachanassian aus Substituten und Prothesen besteht, die ihm für ein nur noch kurzes Leben mehr schlecht als recht zur Verfügung stehen: Selbstverständlich ist ein Mensch mehr als ein Mann, aber ein Mann, der kein Mann mehr ist, fragt sich, ob er noch ein Mensch ist. Es bedürfte großer geistiger, emotionaler und vielleicht religiöser Kräfte, um mit diesem Widerspruch zu leben. Es ist zu bezweifeln, dass der alte Landarbeiter aus dem kleinen Ackerbürgerstädtchen P. über diese Kräfte auch nur ansatzweise verfügte. Vielmehr wird er sich in sein fragmentarisches Leben gefügt haben und wird bald still gestorben sein. Obwohl Pest und Krebs so schlimme und kaum beherrschbare Feinde des Menschen waren und sind, gibt es immer wieder Führer, die den Krieg als Mittel der Politik missbrauchen. Im Landstädtchen P. war es Adolf Hitler, der hier im Lazarett log, um dann Millionen in den Tod zu stürzen. Zur Strafe stürzte wenig später die riesige Marienkirche ein, die heute einen Betongleitkern als Prothese hat.
Zwanzig Jahre später liege ich wieder in einem südlichen Zimmer im zweiten Stockwerk des Krankenhauses in P. Jetzt ist hier die internistische Abteilung, und mein Hausarzt wollte wohl einerseits die tatsächlichen Symptome bekämpft wissen, während er beruhigt in die Ferien fuhr. Andererseits sah er die Chance, dass all die nötigen Untersuchungen gemacht würden, vor denen ich mich fürchtete und denen ich per Prokrastination aus dem Weg gegangen war.
Und wieder liegt ein todkranker Mann neben mir. Seine Leber hat aus bisher nicht erklärbaren Gründen ihre Tätigkeit zu achtzig Prozent eingestellt. Sein Bauch schwoll durch Wasseransammlungen und weitere Abprodukte auf das Volumen einer Schwangerschaft im Endstadium. Er leidet aber noch mehr als an den unschönen Symptomen an den projizierten Folgen, die für ihn klar daliegen. Heute hat eine ganz sanfte und empathische Stationsärztin seiner gesamten versammelten Familie die weiteren Schritte erklärt. Und als sie als mögliche Endkonsequenz die Transplantation erläuterte, brach die Frau des Kranken in Tränen aus. Denn sie hatte, wie alle anderen, verstanden, dass der Ersatz das Ende nur verzögern wird. Ohne Leber nützt auch die Würde nichts mehr, ja verschwindet sie hinter den Auswüchsen des fehlenden Organs. Der Mann war in seinem vorigen Leben Schäfer. Das sind diejenigen, die wir wegen ihrer aus Einsamkeit entsprungenen Weisheit verehrten, die kräuter- und heilkundig waren. Sie haben aber auch die Schafe, die sich vor dem Wolf fürchteten, selbst aufgegessen. Aber wir alle haben in den nicht reflektierenden Zeiten, als die Not des Hungers noch über die Zäune bleckte, Schweinelebern gegessen, essen heute noch Leberwurst oder gar Gänseleberpastete. Wir merken nicht, dass wir uns selbst auffressen. Wir merken nicht, dass wir die Ozeane mit Müll fluten. Wir merken nicht, dass wir die Atmosphäre zerstören. Wir merken nicht, dass wir die Tiere quälen.
Die Früchte unserer Erzählungen zerstören die Realität. Dabei gab es immer warnende Stimmen, Mahner und Propheten. Es ist trivial zu erwähnen, wo die meisten von ihnen landeten: am Kreuz, am Galgen, vor den Erschießungskommandos, in den Kerkern.
Es wäre besser, wenn wir endlich gesund würden.
