HAKUNA MATATA

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Als im Jahr 1994 der erfolgreichste Zeichentrickfilm von Walt Disney herauskam, spiegelte er in idealer Weise  die soeben in Ordnung gebrachte Welt: der Kommunismus war an der eigenen Schwäche verödet und damit der Kalte Krieg beendet, der Eiserne Vorhang zerfallen, die russischen Truppen aus Mitteleuropa abgezogen, die Atomwaffen gemeinsam vernichtet, und schließlich fanden immer mehr Länder den Weg zur Demokratie.

Der Film zeigt in kindgerechter, abenteuergesättigter Weise den Kampf der Generationen, Gut gegen Böse, dessen Scheitern und das Obsiegen der Liebe. Abermillionen Kinder haben gemeinsam mit ihren Eltern den Film gesehen und auf dem Heimweg CIRCLE OF LIFE und THE LION SLEEPS TONIGHT gesungen oder fröhlich HAKUNA MATATA gerufen.

Der Film unterstützt die Harmoniesucht dieser Jahre, in denen sich scheinbar alle Probleme von selbst lösten. Indessen lässt der Film die Probleme des Lebens nicht aus: der König stirbt, der Böse findet Verbündete, das Gute ist zu klein, um siegen zu können. Und so waren auch die Jahre von 1990 bis 2010, die später vielleicht die Goldenen heißen werden, keineswegs widerspruchsfrei.

Vielmehr hat die Euphorie über den Frieden völlig demokratiefremd eine Mehrheit auf die Meinung der Eliten eingeschworen. Die in Amerika traditionell verortete Elitenfeindlichkeit schwappte massiv nach Europa über. Am linken und am rechten Rand wurde an alten und überholt geglaubten Bildern vom Rassen- und Klassenkampf festgehalten. In Rostock zündeten bepisste Nazis eine Ghetto-Unterkunft von vietnamesischen Gastarbeitern an, in Paris wurden von unterprivilegierten Jugendlichen die Banlieus demoliert, die Katalanen holten ihren Regionalismus aus der Klamottenkiste des Antifranquismus. China öffnete sich und Deng Xiaoping dem Kapitalismus, lehnt aber bis heute Demokratie ab, Russland hatte nur ein ganz kurzes demokratisches Zwischenspiel und vertraute sich danach und auch bis heute einem kleinen Geheimdienstoffizier aus der DDR an. Die arabisches Welt war fest in der Hand bizarrer Diktatoren und Monarchen. Selbst am Rand Europas gab es einen Krieg, den Linke heute immer noch rechtfertigen, weil es zwar um Nationalismus ging, aber der Aggressor ein ehemaliger Kommunist war. Der Literaturnobelpreisträger Peter Handke und der ehemalige, jetzt greise Bischof der reformierten Kirche Brandenburgs, der in Brüssow in der Uckermark wohnende Dr. Dieter Frielinghaus, gründeten damals ein Solidaritätskomitee für Slobodan Milošević. Aber das wurde alles übersehen. Wir glaubten uns nicht nur in der widerspruchsfreien Zone und im ewigen Recht, sondern auch im allgemeinen Konsens. Die gestern gewählte neue Vorsitzende der Partei DIE LINKE verkündete erneut den Klassenkampf.

Der Konsens wurde uns, allerdings von Rechtsaußen, aufgekündigt. Die drei aufeinanderfolgenden Krisen, die Euro-, die Flüchtlings- und die Coronakrise, konzentrierten am rechten Rand eine recht erfolgreiche Partei. Allerdings wird übersehen, dass sich gleichzeitig die CDU und die Kanzlerin stabilisierten.

Allerdings wünscht sich niemand eine Regierung, die sozusagen das Gegenteil von HAKUNA MATATA ist. Bis zu zwanzig Prozent der Wähler in einigen Bundesländern fanden sich dazu bereit, den bestehenden Regierungen Denkzettel zu verpassen. Bundesweit kam diese Stimmung allerdings nicht über zehn Prozent und niemand glaubt, dass diese Oppositionspartei regieren kann und soll.   

Es handelt sich vielmehr darum, auf der einen Seite den Optimismus und die visionäre Kraft nicht zu verlieren, auf der anderen Seite aber zu wissen, dass es keine Wahrheit gibt, dass man immer scheitern kann und dass uns, schneller als wir es gedacht und gewollt haben, der Tod ereilt.

Es gibt zwei Sätze von mir, die sowohl von Gläubigen als auch von Ungläubigen geglaubt werden können: WIR KÖNNEN MIT DEM TOD NUR LEBEN, WEIL WIR NICHT AN IHN GLAUBEN und DASS WIR UNS IN DER EWIGKEIT WIEDERSEHEN, IST NICHT ZU FALSIFIZIEREN. Daraus folgt, dass wir den Tatsachen härter ins Auge sehen müssen, als uns unser Wohlstand, unsere Demokratie und unser Bildungshorizont raten. Besonders der Wohlstand hat eine einschläfernde Nebenwirkung. Er wird, bei gedachter Bedrohung, auch stets als erster aufgerufen. Sowohl in der Banken- oder Griechenland- als auch in der Flüchtlingskrise versuchten viele zuerst den Besitzstand zu wahren. In der Coronakrise wurden als erstes die Basics verteidigt: Hefe und Klopapier. Je deutlicher uns die Krisenhaftigkeit unseres eigenen Lebens und unseres Zusammenlebens bewusst wird oder bleibt, desto kräftiger sollten wir unsere Gedanken vertiefen, statt das ewiggleiche Politikgesülze der Talkshows auch nur anzuhören. Fernsehen trägt nur ausnahmsweise zur Vertiefung bei, wenn etwa ein guter Film gezeigt wird. Ansonsten ist das Fernsehen die Verflachung schon an sich flacher Inhalte, die Inflation des Unsinns. Auch das simpelste Theaterstück ist jeder noch so raffinierten Fernsehinszenierung schon deshalb haushoch überlegen, weil wir im Theater den agierenden Mitmenschen als Menschen spüren statt im technizistischen Abbild nur bestenfalls erahnen. Mit einem Kind oder Enkel TALER DU MUSST WANDERN oder DAS WANDERN IST DES MÜLLERS LUST zu singen ist eine größere Freude und hat mehr Sinn als eine ganze Woche aus Fernsehabenden. Am schlimmsten ist die schon Neil Postman entdeckte Selbstbezüglichkeit der Medien. Sie reden zum Schluss nur noch von sich selbst. Das haben sie mit der Bürokratie und den Kirchen gemeinsam. Lasst uns von anderen, von anderem und von tieferem und höherem denken und reden. Jeder Tausendseitenroman ist besser als ein Jahr Zeitung und Fernsehen. Schon dass sich jede Provinzzeitung zum allwissenden Fachorgan aufschwingen zu müssen glaubt, ist unerträglich. Die Redakteure jagen den Lesern nach, der Quote statt dem Inhalt.

Natürlich ist auch die Einsamkeit des Langstreckenläufers besser als jede Zerstreuung.  Es ist immer besser, sich selbst und andere zu stärken und zu vertiefen, wo es möglich ist, als abstrakt nach der Demokratie oder sogar dem Staat zu rufen. Nicht die immer wieder beschworene Härte des Rechtsstaates, die es nicht geben kann und nicht geben soll, wird uns aus denn Krisen helfen, sondern Bildung und Erziehung. Demokratie fängt im Kinderzimmer an, nicht im Gerichtssaal.

Und zu all dem braucht es Visionen, Optimismus und die fröhliche Gewissheit des HAKUNA MATATA.  

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