TRIBALISMUS ALS BEIHILFE

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Obwohl das Internet das bevorzugte Medium zur Verbreitung rechtsextremer, rassistischer und antisemitischer Inhalte ist, wurde in der vorigen Woche in einer Kölner S-Bahn auf fast jedem Sitzplatz ein Flugblatt gefunden, das Bundeskanzlerin Angela Merkel als ‚polnischstämmige Jüdin‘ ausweist. Das ist keine neue Variante extremistischen Unfugs, aber unsere Empörung geht – meiner Meinung nach – in die falsche Richtung.

Denn es ist nicht nur keine Beschimpfung, aus Polen zu stammen. Es ist die Beschreibung einer Normalität. Es wird bestimmt für ein Drittel aller so genannten Deutschen, besonders in Ostdeutschland, aber auch im Ruhr- und Rheingebiet, zutreffen. Nirgendwo auf der Welt gibt es Menschen, die sozusagen nur von sich selbst abstammen. Andersherum gesagt: wo Menschen aufeinandertreffen, reproduzieren sie sich. Gerade auch Kriege, die immer wieder um Landbesitz und Identitäten geführt werden, erreichen das Gegenteil: die Infragestellung von Land’besitz‘ und Identität. Man kann ein Grundstück kaufen, und ganz sicher hat Rousseau recht, dass die Codifizierung des Grundbesitzes der Beginn der bürgerlichen Ordnung und damit der bürgerlichen Freiheit ist. Aber man kann dieses Grundstück auch wieder verkaufen, man kann es vererben und verschenken oder es kann enteignet werden. Der Staat dagegen ist keine natürliche Person, wenn er auch immer wieder anthropomorph gesehen wird. Dieses Schicksal teilt er mit Gott, mit dem er auch zunehmend verwechselt wird. Es gibt nur wenige Länder mit unverrückbaren Grenzen: Island und Madagaskar, aber auf der anderen Seite: Polen oder Deutschland, die unfreiwillig oder freiwillig ihre Territorien hin- und herschoben. Im zwanzigsten Jahrhundert probierte man mit ebenso wenig Erfolg, die Völker statt die Territorien zu tauschen.

Daraus folgt: es gibt notwendigerweise definierte Zugehörigkeiten, die wir Staatsbürgerschaften nennen, aber niemand oder jeder ist ‚polnischstämmig‘ oder ‚deutschstämmig‘ oder ‚türkischstämmig‘. Es ist dies die Frage des Hintergrundes. Der türkische Gastarbeiter des Jahres 1960 – und jeder Migrant, auch der Krieger – verändert seinen Hintergrund. Statt der Moschee seiner Herkunftsstadt sieht er sich nun vor den Kölner Dom gestellt. Er geht aus Neugier in diese weltberühmte Kirche und sieht sich: als orientalischer Yesus, als dritter König, als Halleluja und Hosianna. Und da weiß er, dass er zuhause ist. Er hat seine Wurzeln, auf die er in den folgenden fünfzig Jahren reduziert wird, gekappt, ohne dass er sich dessen bewusst war. Er wollte nur Geld verdienen, aber er hat hier gelebt und lebt hier weiter, und seine Kinder und Enkel sind im wahrsten Sinne des Wortes ‚von hier‘. Selbst wer widerwillig hier ist, ist hier. Selbst wer widerwillig geht, geht. Verhaltensbiologie und Behaviorismus haben den Menschen nicht auf sein Verhalten reduziert, sondern in seinem Verhalten sein Wesen erkannt. Deutsch ist eine Sprache und kein Zustand.

Beinahe noch schlimmer geht es mit dem Begriff des Juden und des Judentums zu. Der Verfasser des erwähnten antisemitischen Flugblattes meint das Wort als Pejorativ, so wie es seit Jahrhunderten benutzt wird. Das ist in höchstem Maße verurteilenswürdig. Aber die Schuld für diesen beleidigenden Wortmissbrauch liegt auch bei uns, die wir das Wort als eine unsinnige Zuordnung weiter benutzen. Warum wird die Dichterin Else Lasker-Schüler als ‚jüdische Dichterin‘ bezeichnet? Haben wir schon einmal gelesen oder gehört, dass man Goethe einen  ‚evangelischen Dichter‘ nennt? Nichts wäre unpassender. Aber Else Lasker-Schüler war ebenso wenig eine jüdische Dichterin wie Goethe ein evangelischer Dichter oder auch nur Mensch. Lasker-Schüler stammte aus einer Bankiersfamilie, heiratete zunächst den Bruder des Schachweltmeisters, dann einen Dichter, der ein von ihr erdachtes Pseudonym verwendete und von Stalins Schergen erschossen wurde. Sie emigrierte, weil sie kein Geld zur Rückkehr oder Weiterreise hatte, nach Palästina, das sie Erez-Miesrael nannte. Sie war nicht religiös, sie konnte in Jerusalem nicht mehr ihre deutschen und immer noch expressionistischen Gedichte vorlesen. Mit der Religion lässt sich also das Etikett ‚jüdisch‘ nicht erklären, wie aber steht es ethnisch? In Israel leben Palästinenser, Araber, agnostische, reformierte, orthodoxe, ultraorthodoxe, jemenitsche und russische Juden, Aramäer, Drusen, Falaschen,  Misrahim, Samaritaner, Sephardim und Ashkenazim. Wenn wir dabei bleiben, ständig irgendwelche Herkunftsbezeichnungen als Klassifizierungen zuzulassen, müssen wir uns über den Missbrauch nicht wundern. Jeder Gebrauch impliziert  immer auch den Missbrauch.

In einer Kleinstadt nicht weit von meinem Wohnort hat ein Ladenbesitzer sich aufgrund dieses begrifflichen Tohuwabohus zu einer besonders perfiden Art des Antisemitismus gefunden: er behauptet, die Menschen, die auf dem Stolperstein vor ihrem zerstörten Wohn- und Geschäftshaus vermerkt seien, wären gar nicht ermordet worden. Für ihn ist ‚Jude‘ ein Etikett für Schwindel, so stark, dass er weder den Stein selbst gelesen, noch in Yad Vashem nachgesehen hat, wie das tatsächliche furchtbare Schicksal der Mitbürger ausgesehen hat. Er behauptet, der bei seiner Ermordung schon siebzigjährige Adolf Schwarzweiß sei bei ihm im Laden gewesen.

Zu dieser Versachlichung einst lebendiger Menschen trägt auch – wie wir schon wiederholt dargestellt haben – die Weiterverwendung der Sprache der Täter bei. Selbst ausgesprochen antifaschistische Vereine, Organisationen und deren Websites behaupten, von ‚Vernichtung der Juden‘ zu sprechen, um das Systematische, das Industriemäßige der ‚Mordmaschine‘ der Nazis zu betonen. Die Nazis hatten die ‚Mordmaschine‘ aber gerade erfunden, um sich selbst von der Monstrosität des Mordes zu entfernen. Es war ihnen bewusst, dass die kulturelle Scheu des Menschen vor der Tötung von seinesgleichen erst überwunden werden musste. Das taten sie einerseits, in dem sie ihren Opfern alles Menschliche zu nehmen versuchten, ideologisch, aber auch verhaltensmäßig, vor der Ermordung stand immer die Erniedrigung. Andererseits versuchten sich die Täter selbst durch Drogen und Maschinen zu schützen. Sie sind durch ihre Alpträume verfolgt worden. Und wir haben die Opfer keineswegs vergessen, ihre ‚Vernichtung‘ keineswegs zugelassen. Sie sind alle ermordet worden, von Menschen, Aug in Auge, aber an jeden einzelnen wird erinnert, durch Stolper- und Gedenksteine, durch Gedenkstätten und Museen, durch Listen und Bücher. Man kann Menschen ermorden, aber nicht vernichten. Dieses böse, aber unsinnige Wort wurde auf der Wannsee-Konferenz vielleicht nicht zum ersten Mal, aber jetzt offiziell verwendet, gleichzeitig und gleichbedeutend mit der ‚Endlösung der Judenfrage‘, während bis dahin immerhin noch Alternativen diskutiert wurden.

Wir Menschen sind zu unserem Glück nicht durch unsere Herkunft bestimmt. Sie mag uns anhängen, ist aber durch Bildung, Demokratie und Wohlstand überwindbar. Bildung, Demokratie  und Wohlstand sind die komplexen, einander gegenseitig bedingenden Bestandteile der menschlichen Gesellschaft. Nur unter dieser Bedingung werden alle Menschen Schwestern und Brüder, und selbst das klingt noch nach überflüssiger Teilung.

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