
Oft, wenn wir einen Film nach langer Zeit noch einmal sehen, sehen wir auch die mehr oder weniger rasante Fortentwicklung des Genres Film: kürzere Schnitte, Dialoge statt Monologe, schnelles Tempo, krasse Spannung, weniger Adagio zum Nachdenken. Nach fast sechzig Jahren habe ich durch Zufall ‚In der Hitze der Nacht‘, von Norman Jewison nach dem gleichnamigen Roman von John Ball, wiedergesehen. Damals verstand man es sowohl als Kriminalfall, wie auch als Rassismusdrama. Ich konnte mich an die Angst der beiden Mobszenen erinnern, nicht aber an die Szenen selbst. Die erste Mobszene zeigt den Protagonisten, den Detective Virgil Tibbs (Sidney Poitier) mit einer Brechstange, lebensgefährlich bedroht von vier Rassisten mit Eisenwerkzeugen. Dahinter hängt ein vermeintliches Arbeitsschutzschild:
Let us all be alert
We don’t want anyone to be hunted!
Im letzten, spannendsten Moment kommt der örtliche Sheriff (Rod Steiger), selbst auch anfangs mit etlichen rassistischen Vorurteilen ausgestattet, und befreit den Gastkriminalisten mit – bei uns in Europa – unerlaubter Brutalität. In der zweiten Szene ist der Mob schon auf acht wütende und zu allem entschlossene Leute angewachsen, diesmal ist die Lösung die Wahrheit, die Überführung nämlich des Täters.
Alle Klischees erscheinen als Details einer realistischen Abbildung: der rassistische Farmer, der den Detective ohrfeigt, aber dieser schlägt zurück und zeigt damit die Zeitenwende, die baumwollpflückenden Afroamerikaner, deren Armut und Unglück ihnen ins Gesicht geschrieben ist, the white trash – die weißen Armen, die den Rassismus immer wieder auf die Spitze treiben wollen, die Verhaftungsszene am Bahnhof, die Gefängnisszenen, die Ablösung des bisher reichsten Menschen, des Farmers Eric Endicott, durch den industriellen Investor, der ermordet aufgefunden wird und dessen Witwe beherzt auf der Beteiligung des Detectivs vom FBI besteht. Verdächtigt werden nacheinander: der unerkannte Polizeibeamte am Bahnhof, der flüchtige Landstreicher, der voyeuristische Polizist, nur der Täter nicht. All die Spannung, die Angst, den Abscheu und die Bewunderung erleben wir auch nach so langer Zeit erneut: die fünf verliehenen von sieben nominierten Oscars sind mehr als verdient.
Aber die Zeiten haben sich geändert. Der Rassismus hat sich zwar gewandelt, bleibt jedoch weiter existent, Europa aber ist heute anders als 1967.
Aus der Kriminalgeschichte wurde eine Parabel. So wie Dürrenmatts ‚Der Richter und sein Henker‘ sowohl Kriminalstory als auch höhere Tragödie ist, so hat auch dieser Film in der heutigen Sicht eine übergeordnete Ebene erhalten. An drei Stellen kippt das rassistische Klischee um: der alte weiße Mann schlägt, als er verdächtigt wird, den afroamerikanischen Detective ins Gesicht – aber der schlägt zurück; in der zweiten Bahnhofszene ködert der örtliche Polizeichef den berühmten FBI-Inspektor mit dessen potenzieller Eitelkeit, besser zu sein als die ‚Weißen‘, wie es in Amerika heißt; und schließlich gibt der Mordexperte zu, dass er zu gern den alten weißen Farmer überführen würde, aber der ist nicht der Täter. Jetzt triumphiert der örtliche Polizeichef: Sie sind ja wie wir, Sie sind auch nicht anders. Der Verfolgte muss nicht der Bessere sein. Auch umgekehrter Rassismus ist Rassismus[1].
Bei uns wird seit Jahr und Tag, und in den letzten zehn Jahren verschärft die Frage erörtert, ob und wieweit die Demokratie wehrhaft sein darf. Darf sie nur mit Argumenten oder kann sie auch mit Repressalien zurückschlagen, wenn sie angegriffen wird? Wir verwechseln zur Beantwortung dieser Frage gern die Ebenen. Die Judikative kann nur Rechtsbrüche verfolgen, nicht Gedanken. Die Gedanken sind frei. Eine Zensur findet nicht statt. Jeder und jede kann jede Meinung haben und äußern. Jegliche Partei kann gegründet und gewählt werden. Die Strafbarkeit liegt immer in gesetzwidrigen Handlungen, nicht in deren Begründung. Allerdings ist es auch strafbar, zu Krieg, Sturz der Demokratie, Mord und Hass aufzurufen.
Immer wieder wird von den Gegnern der Demokratie unterstellt, dass Gedanken und Worte verboten seien. Die Befürworter der Demokratie, die Mehrheit, wir tun uns schwer, sind oft uneins, scheuen Grenzen und Übertritte, sind sozusagen im Dauerdilemma: jede Lösung erscheint uns als zu langsam, zu umständlich, zu schlecht. Verboten sind jene Straftaten, die jetzt schon im Gesetzbuch stehen. Verboten sind Ungerechtigkeiten, soweit Gerechtigkeit fixiert ist, wie zum Beispiel im BGB oder in der Sozialgesetzgebung. Nicht verboten ist ein Gedanke oder eine Partei, die uns nicht genehm ist.
Ein merkwürdiger Impuls gegen die Demokratie ist das Straf-Paradox. Seit dem zweiten Weltkrieg haben die meisten Länder, darunter alle europäischen, die Todesstrafe abgeschafft. Um Mitglied der EU oder der NATO zu werden, ist dies sogar Voraussetzung. Statt Strafe setzen die meisten dieser Länder auf Resozialisierung statt auf Repressalien. Es gibt – das versteht sich von selbst – Missbrauch im Mikrobereich, der aber maßlos überschätzt wird.
Die Wirkung dieser exekutiven Grundhaltung ist, dass die Kriminalität abnimmt. Viele Menschen, sicher etwa zwanzig Prozent, glauben allerdings das Gegenteil. Das sind wahrscheinlich dieselben zwanzig Prozent der Menschen, die an angeblich und anscheinend reinigende Kräfte der Autorität glauben, an Hierarchien statt an Netzwerke, an Egoismus und Nationalismus statt an Gemeinsinn, an Grenzen und Ausschlüsse statt an die offene Gesellschaft. Besonders subtil erscheint es manchen, auf das Toleranzparadox von Karl Popper zu verweisen. Es steht in einer Fußnote in einem 1000 Seiten starken Buch über die offene Gesellschaft. In der Textstelle zu der Fußnote (1484) heißt es kursivgedruckt: ‚Alle Theorien der Souveränität sind paradox.‘[2] Polybios und Nietzsche gehen schon von der Kreisförmigkeit aller Gesellschaftstypen aus, heute sagen wir eher Hufeisenförmigkeit. Wir dagegen schlagen seit langem vor:
1. Liebe deine Feinde, denn dann hast du keine.
2. Das Gute siegt, das Böse kann nicht siegen, weil es substanzlos ist, es ist nur die Summe aller Unterlassungen.
3. Das Verhalten von Individuen und Gesellschaften ist sinusförmig.
Der alte weiße Farmer Endicott (Larry Gates) weint, als er bemerkt und bedenkt, dass er weder den Detective erschießen kann, wie er es früher getan hätte, noch dass er jemals wieder Recht bekommt, weil er nicht im Recht ist. Ob er erkennt, dass der ganze Rassismus, weil ein Konstrukt ist, Unrecht ist, das bleibt selbstverständlich offen und zu bezweifeln. Der Polizeichef Bill Gillespie verharrt durch die Macht, die er zu haben glaubt, auf jedem Level der Arroganz, bis er durch die Tatsachen heruntergespült wird. Selbst seine Einsamkeit vermag er nicht zuzugeben. Erst in der Abschiedsszene sieht er ein, dass er gewinnt, wenn er scheinbar verliert.
Viele Menschen sehnen sich nach dem Gestern, das sie kennen, und fürchten sich vor dem Morgen, das sie nicht kennen. Die Medien fischen, um ihre Seiten und Minuten voll zu bekommen, im trüben Ungenau und vagen Kalkül. Das ist keine Lüge, sondern Dateninflation. Viele Menschen lesen und hören ohnehin nur, was sie schon wissen. Der Mensch ist nicht für Umbrüche und Wahrheiten geeignet. Nicht nur gegen jede Innovation wehren wir uns, sondern gegen jede Veränderung. Jede Erfindung wird verlacht, jede Entdeckung bezweifelt.
Der Film ‚In der Hitze der Nacht‘ ist eine Parabel des Menschen zwischen seinen meist falschen Narrativen und den meist unsichtbaren Tatsachen.
[1] Robert Mugabe, der Diktator von Simbabwe, ließ britische Farmer erschießen und ruinierte damit die eigene Wirtschaft
[2] Karl Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Mohr Siebeck, Tübingen 1992, Bd. 1, S. 148