PARTEIEN SIND PAROLEN

1

So wie der Bundeskanzler Merz das Wort Zirkus als Pejorativ benutzt, obwohl wir alle als Kinder viel Freude und Staunen im Zirkus erlebten,  glaubt ein kleines Parteibüro einer kleinen, dennoch ziemlich gotischen Stadt im Nordosten Deutschlands, einen anthropomorphen Begriff vom Moor benutzen zu dürfen, obwohl schon der blutjunge Schiller (18) in seinem ersten Theaterstück die Dinge geraderückte: Der Mensch, der sich navigationslos ins Moor begibt, dem mag es ausweglos und bedrohlich, gar tödlich erscheinen. Wer aber eine Ebene höher zu blicken vermag, der wird merken, dass unsere Urgroßeltern uns vom Moor an den Schuhen kleben. [SCHILLER, Die Räuber IV,2] Moore sind unseren Voreltern ein Gräuel gewesen, einmal wegen der vermeintlichen Ausweglosigkeit, zum andern aber auch als Alternative zur im neunzehnten Jahrhundert erst in den Anfängen steckenden Intensivierung der Landwirtschaft. In der immerhin 100 km² umfassenden Friedländer Großen Wiese scheiterten allerdings nacheinander Hans Graf von Schwerin-Löwitz, der Reichsarbeitsdienst und die Freie Deutsche Jugend. Heute wissen wir, dass aller Landgewinn angesichts der Artenvielfalt  und der Bindung von Kohlendioxid verblasst. Drainierte, also begehbare und nicht ausweglose Moore dagegen setzen Kohlendioxid frei und belasten damit die Atmosphäre und das Klima. Die von Carl von Clausewitz beschriebenen Friktionen, also Reibungen zwischen Plan und Ablauf, sind, da sie prozessual auftreten, nicht mit dem mittelfristig stabilen Moor zu vergleichen. Das Moor taugt wohl nicht als Paraphrase für den Krieg. Die Sprüche in dem Schaufenster bleiben Phrase, Parole, Populismus, pubertäre Prosa. Das Moor ist allemal mehr Lösung, als dass es zur Losung taugt.

Der Krieg ist die Mutter der Marktlücken des Kapitalismus.

Der Krieg ist das ausweglose Moor.

Niemand wird nur wegen seiner Mutter geboren. Um geboren zu werden, benötigt jeder viele Dutzend Gründe. Nichts ist monokausal, weder ein Krieg noch eine Mutter oder eine Marktlücke und auch nicht der Kapitalismus. Selbstverständlich ist es erlaubt und auch möglich, übergeordnete Wahrheiten in kurzen, einfachen Sätzen unterzubringen, aber das gelingt nur sehr selten: all you need is love und schon etwas länger wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.

2

Der berühmte Satz von Heraklit, dass der Krieg der Vater aller Dinge sei, gehört nicht dazu, denn er ist nur kurz in der verkürzten und demzufolge falsch zitierten Weise. Der gesamte Gedanke Heraklits lautet: ‚Der Krieg ist aller Dinge Vater, aller Dinge König, die einen macht er zu Göttern, die anderen zu Menschen, die einen zu Sklaven, die anderen zu Freien.‘ [HERAKLIT, Fragmente B 53] Hieraus kann man leicht erkennen, dass Heraklit nicht von der militärischen Auseinandersetzung, sondern vom Streit und Widerspruch sprach. Die Anspielung des linken Spruchs funktioniert also nur, wenn man falsch zitiert und demzufolge falsch weiterdenkt. Der Krieg allein ist also niemandes Vater oder Mutter, weil schon die Idee einer monokausalen Mutter oder eines monokausalen  Vaters zu verwerfen ist. Noch nicht einmal der Gedanke einer Leihmutter ist sonderlich neu: sie erscheint schon als Abrahams Lösung der Kinderlosigkeit seiner Frau und führt zum ersten Schisma der später abrahamitisch genannten Religionen. [GENESIS 12ff.] Die Rolle des Vaters ist seit jeher fragil und letztlich unentscheidbar, wie auch antike Geschichten und Gestalten, die Dioskuren, bezeugen. Denn selbst der genetisch richtigste Vater kann der tatsächlich falscheste sein und umgekehrt.

3

Marktlücken sind kein Synonym von Mangel, sondern vielmehr dessen Ausgleich. Allerdings verleitet die Marktwirtschaft auch dazu, künstlich geschaffenen Mangel als Marktlücke auszugeben und zu beseitigen: wer braucht wirklich ein Auto, wo doch die meisten Menschen weltweit in urbanen Räumen hausen? Der Krieg schafft also nicht Marktlücken, sondern Mangel. Auch die viel zitierten Profite der Rüstungsindustrie können an diesem Bild nichts ändern, denn mit 12.000.000.000 € (2024) bleibt der Waffenexport, gemessen am deutschen Gesamtexport von 1.560.000.000.000 € (2025) marginal, nämlich unter einem Prozent. Das soll keine Beschönigung sein, es bleibt richtig, den deutschen Waffenexport zu kritisieren, mit Ausnahme vielleicht der gegenüber der Ukraine.

Die Marktlücken haben selbstverständlich keine gemeinsame Mutter, weder den Krieg noch den Frieden, sie sind vielmehr abhängig vom Stand der Wirtschaft und des Wohlstands. In der Planwirtschaft gibt es regelmäßig sowohl Mangel als auch Marktlücken, weshalb sie zuallermeist als Misswirtschaft empfunden wird. Dafür betrachten wir zwei Beispiele: die von Walther Rathenau organisierte Kriegswirtschaft ab 1915 (‚Kriegsrohstoffabteilung‘), die zum Kohlrübenwinter führte, und die auf Energiemangel und Schulden desorientierte Wirtschaft alter Männer in der Schlussphase der DDR, die zu deren Scheitern führte. Rathenaus tatsächliche Bedeutung liegt in der Entdeckung der Exportwirtschaft als Friedensfaktor, weshalb er von den rechten Gegnern eines dauerhaften Friedens ermordet wurde.

Wenn man unbedingt den Vater oder die Mutter als Metapher missbrauchen will, dann könnte man vielleicht von der Marktlücke als der Mutter der Innovation sprechen.

4

Eine ebenso unerlaubte Verkürzung ist das ständige Gerede vom Kapitalismus. Denn seit Ludwig Erhard und seinen Vorlöufern leben wir glücklicherweise in einer hochentwickelten sozialen Marktwirtschaft. Das bedeutet, dass der Staat immer wieder das Marktversagen und damit grobe Ungerechtigkeiten ausgleicht. Das heißt nicht, dass es nicht einen ständigen Kampf um die Tendenzen des Neoliberalismus gibt. Aber letztlich wird die CDU nicht den Sozialstaat, den sie selbst geschaffen hat, beseitigen. Deshalb ist es nicht nur legitim, sondern auch höchst wünschenswert, dass es immer wieder Gruppierungen und Parteien gibt, die Verteidigung und Ausbau des Sozialstaats voranbringen wollen. Absolut aktuell ist hier an den Wohnungsmarkt zu denken, immerhin war der soziale Wohnungsbau eine der vornehmsten Erfindungen der deutschen Sozialdemokratie (Ernst Reuter, Martin Wagner), und seine sichtbaren Ergebnisse sind heute UNESO-Weltkulturerbe. Gerade deshalb muss und kann es links von der SPD Parteien und Gruppierungen geben. Wenn diesen Parteien aber nichts einfällt, als mit ultralinken Parolen einer bitterbösen Vergangenheit Schaufenster der Gegenwart zu verunzieren, dann gereicht das niemandem und niemandin zum Nutzen.

5

Da in dem Fenster noch zwei weitere Spruchplakate befindlich sind, kann man annehmen, dass deren Verursacher irgendwie ihr Unbehagen an dem gegenwärtigen Krieg – vielleicht sogar an drei gegenwärtigen Kriegen – ausdrücken will. Aber der Ukrainekrieg wurde weder von der NATO begonnen noch irgendwie verursacht. Israel wurde von der HAMAS angegriffen und der Irankonflikt, so umstritten und diskursnotwendig er sein mag, hat seine Ursachen in der nach innen und außen menschenverachtenden Politik der verbrecherischen Mullahs.

Statt immer wieder die jeweils gleichen Parolen zu verbreiten, sollten alle Parteien untereinander in einen Innovationswettbewerb um die besten Lösungen treten, der öffentlich auf den Marktplätzen und in den Stadthallen ausgetragen wird.

SCHWEDTER PERSPEKTIVE

Es ist bitter kalt an diesem vorweihnachtlichen Tag in der Kleinstadt Schwedt. Nebelschwaden und ein aufkommender Schneesturm verbreiten eine Stimmung wie auf der Bühne von Macbeth. Im Dunst der kriegszerstörten Katharinenkirche – sei sie nun koptisch, orthodox, katholisch, anglikanisch, lutherisch, protestantisch, evangelisch, calvinistisch-hugenottisch, reformiert, altlutherisch, pietistisch, neuapostolisch, adventistisch, baptistisch, bibelforscherisch, scientologisch oder evangelikal – erwartet man eher die Hexen, die Macbeth eine üble Zukunft voraussagen. Das Damoklesschwert möglicherweise bitterer Entscheidungen hängt auch über der kleinen Stadt mit ihrer kaleidoskopischen Vergangenheit: Germanen, Slawen – daher der Name: swet heißt Licht -, deutsche Besiedlung und Christianisierung, dreißigjähriger Krieg, Gustav II. Adolf, der Kriegsgott, der nirgendwo fehlen darf, die brandenburgisch-preußische Nebenlinie als Markgrafen von Brandenburg-Schwedt, für die Bach seine Brandenburgischen Konzerte schrieb, die Garnison, die Juden, die Hugenotten und schließlich die Pipeline, die über 5327 Kilometer Öl aus Sibirien nach Deutschland bringt. Die Pipeline brauchte ein Stadt, die von Selman Selmanagić im Widerstreit mit Walter Ulbricht geplant und erbaut wurde. Alle Diktatoren halten sich kraft ihres Scheinerfolgs und kraft ihrer Pseudoideologie für allwissend und allvermögend, wie auch Ulbricht. So kam es, dass in Schwedt eine Stadt ohne Schulen, ohne Einkaufszentren, ohne Läden und Arztpraxen entstand. Die angeworbenen Menschen waren trotzdem zufrieden, weil sich ihr Leben, sie kamen aus zerfallenden Altstädten mit Kriegsruinen, deutlich verbessert hat. Später wurde die Infrastruktur nachgebessert, die Stadt verlor aber nie ihre steppenartige Weite. Fast nebenbei entwickelte sich eine neue Bourgeoisie, die stolz ihr Kulturhaus (1978), das heutige Theater, und ihr Klinikum (1973) verwaltete.

Im Schwedter Blickwinkel erschießt Woyzeck seine Peiniger. Es ist die ultralinke Schielweise, die sich nicht mehr von der ultrarechten Blindheit unterscheiden lässt. Woyzeck war Soldat, ist traumatisiert, arbeitet für einen Hauptmann, den der Krieg entstellte, und für einen Arzt, der angesichts all des Elends dieser Welt sein Heil in der Wissenschaft sucht. Er testet an Woyzeck neue Ernährungen, die alle mehr als satt machen sollen. Sie erzeugen aber nicht nur schizophrene Schübe, sondern auch Muskelatrophie. Weder dem Arzt noch dem Hauptmann ist das Dilemma der Eliten bewusst: sie verachten, die sie führen sollten. Aber auch Woyzeck versteht nicht, dass er ohne die Eliten, so zynisch sie auch sein mögen, nicht leben kann. Und er will besser leben: er spart für die geplante und dann so gründlich gescheiterte Idylle, sein Leben mit Marie und dem Kind. Marie aber sieht in einer Gesellschaft ohne soziale Durchlässigkeit nur einen Weg nach oben: sich mit dem Tambourmajor einzulassen, der ein Mann wie eine fleischgewordene Idealskulptur und aus einer weit höheren Hemisphäre zu sein scheint.

Das Beseitigen der Peiniger erscheint gerecht, wenn man im genialen Büchner nur den Verfasser von ‚FRIEDE DEN HÜTTEN! KRIEG DEN PALÄSTEN!‘, des Hessischen Landboten also, sieht. Aber Büchner kannte auch die Alternativen. In Gießen hatte er Justus Liebig kennenglernt, vielleicht mit ihm über dessen Ansatz des ESSEN FÜR ALLE HEISST FRIEDEN FÜR ALLE geredet. Der gutartig revolutionäre Brühwürfel löst die Probleme der bösen Welt.  Das tödliche Erbsenexperiment des bornierten Arztes, der nicht Liebig ist, spricht dafür. Büchner wusste aber auch: ‚Jeder Mensch ist ein Abgrund‘ [Woyzeck] und er fragte ‚was ist es, was in uns hurt, lügt, stiehlt und mordet‘ [Dantons Tod]. Kurzum, Büchner erkannte: aus allein einem Grund ist die Welt nicht zu verstehen und zu verändern. Wenn man das berücksichtigt, erscheint das Beseitigen der Peiniger als bloße Rache, als erneutes Recht des Stärkeren, des nun erstarkten Schwächeren, als bloße Umkehr. Die Welt wird sich nicht bessern, wenn wir uns verschlechtern. 

Indessen taucht im Nebel der Katharinenkirche eine Glühweinbude auf, vor der ein einziger Mensch steht, und in der eine einzige Menschin Glühwein und Tee anbietet. Der Platz und die Straße sind ansonsten menschenleer. Wie vom Erdboden verschluckt ist das Volk, das doch Weihnachten feiern und die Regierung hinwegfegen will. Wir nähern uns beinahe ängstlich, so einsam und gespenstisch ist die Szene. Wir hätten uns nicht gewundert, wenn eine der drei Macbeth-Hexen uns zugerufen hätte: fair is foul and foul is fair, auch durchaus passend zur Fußballweltmeisterschaft im Land der himmelschreienden Gerechtigkeit. 

Indessen ruft der alte Mann in brutalem Sächsisch, das er sich über sechzig Jahre Schwedt erhalten konnte,  dass die Grünlinge gerade dabei wären, die Erdölraffinerie zu zerstören und zu verramschen. Ich will zu einem heftigen Schlagabtausch ausholen, als um die Ecke, aus der Vierradener Straße ein kleines Häuflein kommt, angeführt von einem Trommler, so wie früher. Sie halten Schilder und Fahnen hoch, darunter die russische und die des deutschen Kaiserreichs. Und sie skandieren, von ihrer Trommel und ihrem Gleichschritt geführt: WIR SIND DAS VOLK UND WIR WOLLEN, DASS KEIN GESETZ SEI!* Ein Fenster öffnet sich und eine dicke Frau ruft wutentbrannt:  Puppen seid ihr, von ungewollten Gewalten am Draht gezogen.* Das Volk, sagt die Frau in der Glühweinbude, das Volk amüsiert sich im Konsumtempel, in der Kaufrauschkathedrale, im Odercenter und genießt dort die Sonderangebote und Rabattverseuchungen. Das Gespenst, das hier umgeht, ist die Dummheit in ihrer Giervariante. Man folgt dem einfachsten Argument: wem nützt es. Aber man kommt nur weiter, wenn man die Antwort manipuliert und fantasiert und beliebig die Amerikaner, die Russen oder gar die Juden einsetzt, hier, wo es sogar eine Jüdenstraße und eine Veit-Harlan-Straße, benannt nach einem Kaufmannsgeschlecht, gibt. Die Schließung der Raffinerie und Beseitigung der Peiniger nützt wahrscheinlich niemandem, vielleicht der Natur noch am meisten. Vielmehr schadet sich der Verursacher wahrscheinlich selbst am meisten. Wir sollten das besser wissen, waren doch unsere Vorfahren auch solche Verursacher von Leid und Pein: ‚Was ist es, was in uns hurt, lügt, stiehlt und mordet?‘ Ich frage die Frau in der Glühweinbude, wie sie in die Glühweinbude geraten ist. Sie lacht und sagt, dass sie in einer Bürgerkulturinitiative wirkt, eigentlich Ärztin sei und nun in einer Mischung aus Langeweile und Gutestunwollen hier stehe und nicht anders könne. Wir reden, sagt sie, mehr über die Zukunft als über die Vergangenheit. Wir glauben: MACH, WAS DICH KAPUTT MACHT, GANZ. Das ist die einfache Umkehrung einer allzu einfachen ultralinksrechten Losung von Woyzeck und Rio Reiser, die sich beim Rasieren trafen und dabei zur Trommel sangen: Mach kaputt, was dich kaputt macht. Sie merkten nicht, dass das nur die Kehrseite von bis alles in Scherben fällt** ist  

Im Theater hingegen ist die letzte Szene, das Finale, herangereift. Marie ist wieder auferstanden. Sie meuchelt nun ihrerseits Woyzeck, um es eine Sekunde später zu bereuen. Zu sehr ist der moderne Mensch, sind wir, daran gewöhnt, canceln zu können, zurückzuspulen, zu resetten. Alle träumen vom großen Reset. Wer hat nicht alles den neuen Menschen erfunden oder erfinden wollen, statt die Welt wenigstens ein My zu verbessern. Der ‚neue Mensch‘ war immer nur Rechtfertigung für die Beseitigung des alten Menschen. Man kann sich Menschen und Welten nicht aussuchen. Aber die Stolpersteine zeigen, dass man Menschen, unsere Schwestern und Brüder, auch nicht beseitigen kann. Die Namen haben sich eingebrannt. Ihr Erbe steht zwischen ihnen und uns: die gestohlenen Möbel, das Zahngold und die Asche.   

 *Dantons Tod von Georg Büchner

**Nazi-Lied von Hans Baumann ‚Es zittern die  morschen Knochen

17. Dezember 2022