SCHWEDTER PERSPEKTIVE

Es ist bitter kalt an diesem vorweihnachtlichen Tag in der Kleinstadt Schwedt. Nebelschwaden und ein aufkommender Schneesturm verbreiten eine Stimmung wie auf der Bühne von Macbeth. Im Dunst der kriegszerstörten Katharinenkirche – sei sie nun koptisch, orthodox, katholisch, anglikanisch, lutherisch, protestantisch, evangelisch, calvinistisch-hugenottisch, reformiert, altlutherisch, pietistisch, neuapostolisch, adventistisch, baptistisch, bibelforscherisch, scientologisch oder evangelikal – erwartet man eher die Hexen, die Macbeth eine üble Zukunft voraussagen. Das Damoklesschwert möglicherweise bitterer Entscheidungen hängt auch über der kleinen Stadt mit ihrer kaleidoskopischen Vergangenheit: Germanen, Slawen – daher der Name: swet heißt Licht -, deutsche Besiedlung und Christianisierung, dreißigjähriger Krieg, Gustav II. Adolf, der Kriegsgott, der nirgendwo fehlen darf, die brandenburgisch-preußische Nebenlinie als Markgrafen von Brandenburg-Schwedt, für die Bach seine Brandenburgischen Konzerte schrieb, die Garnison, die Juden, die Hugenotten und schließlich die Pipeline, die über 5327 Kilometer Öl aus Sibirien nach Deutschland bringt. Die Pipeline brauchte ein Stadt, die von Selman Selmanagić im Widerstreit mit Walter Ulbricht geplant und erbaut wurde. Alle Diktatoren halten sich kraft ihres Scheinerfolgs und kraft ihrer Pseudoideologie für allwissend und allvermögend, wie auch Ulbricht. So kam es, dass in Schwedt eine Stadt ohne Schulen, ohne Einkaufszentren, ohne Läden und Arztpraxen entstand. Die angeworbenen Menschen waren trotzdem zufrieden, weil sich ihr Leben, sie kamen aus zerfallenden Altstädten mit Kriegsruinen, deutlich verbessert hat. Später wurde die Infrastruktur nachgebessert, die Stadt verlor aber nie ihre steppenartige Weite. Fast nebenbei entwickelte sich eine neue Bourgeoisie, die stolz ihr Kulturhaus (1978), das heutige Theater, und ihr Klinikum (1973) verwaltete.

Im Schwedter Blickwinkel erschießt Woyzeck seine Peiniger. Es ist die ultralinke Schielweise, die sich nicht mehr von der ultrarechten Blindheit unterscheiden lässt. Woyzeck war Soldat, ist traumatisiert, arbeitet für einen Hauptmann, den der Krieg entstellte, und für einen Arzt, der angesichts all des Elends dieser Welt sein Heil in der Wissenschaft sucht. Er testet an Woyzeck neue Ernährungen, die alle mehr als satt machen sollen. Sie erzeugen aber nicht nur schizophrene Schübe, sondern auch Muskelatrophie. Weder dem Arzt noch dem Hauptmann ist das Dilemma der Eliten bewusst: sie verachten, die sie führen sollten. Aber auch Woyzeck versteht nicht, dass er ohne die Eliten, so zynisch sie auch sein mögen, nicht leben kann. Und er will besser leben: er spart für die geplante und dann so gründlich gescheiterte Idylle, sein Leben mit Marie und dem Kind. Marie aber sieht in einer Gesellschaft ohne soziale Durchlässigkeit nur einen Weg nach oben: sich mit dem Tambourmajor einzulassen, der ein Mann wie eine fleischgewordene Idealskulptur und aus einer weit höheren Hemisphäre zu sein scheint.

Das Beseitigen der Peiniger erscheint gerecht, wenn man im genialen Büchner nur den Verfasser von ‚FRIEDE DEN HÜTTEN! KRIEG DEN PALÄSTEN!‘, des Hessischen Landboten also, sieht. Aber Büchner kannte auch die Alternativen. In Gießen hatte er Justus Liebig kennenglernt, vielleicht mit ihm über dessen Ansatz des ESSEN FÜR ALLE HEISST FRIEDEN FÜR ALLE geredet. Der gutartig revolutionäre Brühwürfel löst die Probleme der bösen Welt.  Das tödliche Erbsenexperiment des bornierten Arztes, der nicht Liebig ist, spricht dafür. Büchner wusste aber auch: ‚Jeder Mensch ist ein Abgrund‘ [Woyzeck] und er fragte ‚was ist es, was in uns hurt, lügt, stiehlt und mordet‘ [Dantons Tod]. Kurzum, Büchner erkannte: aus allein einem Grund ist die Welt nicht zu verstehen und zu verändern. Wenn man das berücksichtigt, erscheint das Beseitigen der Peiniger als bloße Rache, als erneutes Recht des Stärkeren, des nun erstarkten Schwächeren, als bloße Umkehr. Die Welt wird sich nicht bessern, wenn wir uns verschlechtern. 

Indessen taucht im Nebel der Katharinenkirche eine Glühweinbude auf, vor der ein einziger Mensch steht, und in der eine einzige Menschin Glühwein und Tee anbietet. Der Platz und die Straße sind ansonsten menschenleer. Wie vom Erdboden verschluckt ist das Volk, das doch Weihnachten feiern und die Regierung hinwegfegen will. Wir nähern uns beinahe ängstlich, so einsam und gespenstisch ist die Szene. Wir hätten uns nicht gewundert, wenn eine der drei Macbeth-Hexen uns zugerufen hätte: fair is foul and foul is fair, auch durchaus passend zur Fußballweltmeisterschaft im Land der himmelschreienden Gerechtigkeit. 

Indessen ruft der alte Mann in brutalem Sächsisch, das er sich über sechzig Jahre Schwedt erhalten konnte,  dass die Grünlinge gerade dabei wären, die Erdölraffinerie zu zerstören und zu verramschen. Ich will zu einem heftigen Schlagabtausch ausholen, als um die Ecke, aus der Vierradener Straße ein kleines Häuflein kommt, angeführt von einem Trommler, so wie früher. Sie halten Schilder und Fahnen hoch, darunter die russische und die des deutschen Kaiserreichs. Und sie skandieren, von ihrer Trommel und ihrem Gleichschritt geführt: WIR SIND DAS VOLK UND WIR WOLLEN, DASS KEIN GESETZ SEI!* Ein Fenster öffnet sich und eine dicke Frau ruft wutentbrannt:  Puppen seid ihr, von ungewollten Gewalten am Draht gezogen.* Das Volk, sagt die Frau in der Glühweinbude, das Volk amüsiert sich im Konsumtempel, in der Kaufrauschkathedrale, im Odercenter und genießt dort die Sonderangebote und Rabattverseuchungen. Das Gespenst, das hier umgeht, ist die Dummheit in ihrer Giervariante. Man folgt dem einfachsten Argument: wem nützt es. Aber man kommt nur weiter, wenn man die Antwort manipuliert und fantasiert und beliebig die Amerikaner, die Russen oder gar die Juden einsetzt, hier, wo es sogar eine Jüdenstraße und eine Veit-Harlan-Straße, benannt nach einem Kaufmannsgeschlecht, gibt. Die Schließung der Raffinerie und Beseitigung der Peiniger nützt wahrscheinlich niemandem, vielleicht der Natur noch am meisten. Vielmehr schadet sich der Verursacher wahrscheinlich selbst am meisten. Wir sollten das besser wissen, waren doch unsere Vorfahren auch solche Verursacher von Leid und Pein: ‚Was ist es, was in uns hurt, lügt, stiehlt und mordet?‘ Ich frage die Frau in der Glühweinbude, wie sie in die Glühweinbude geraten ist. Sie lacht und sagt, dass sie in einer Bürgerkulturinitiative wirkt, eigentlich Ärztin sei und nun in einer Mischung aus Langeweile und Gutestunwollen hier stehe und nicht anders könne. Wir reden, sagt sie, mehr über die Zukunft als über die Vergangenheit. Wir glauben: MACH, WAS DICH KAPUTT MACHT, GANZ. Das ist die einfache Umkehrung einer allzu einfachen ultralinksrechten Losung von Woyzeck und Rio Reiser, die sich beim Rasieren trafen und dabei zur Trommel sangen: Mach kaputt, was dich kaputt macht. Sie merkten nicht, dass das nur die Kehrseite von bis alles in Scherben fällt** ist  

Im Theater hingegen ist die letzte Szene, das Finale, herangereift. Marie ist wieder auferstanden. Sie meuchelt nun ihrerseits Woyzeck, um es eine Sekunde später zu bereuen. Zu sehr ist der moderne Mensch, sind wir, daran gewöhnt, canceln zu können, zurückzuspulen, zu resetten. Alle träumen vom großen Reset. Wer hat nicht alles den neuen Menschen erfunden oder erfinden wollen, statt die Welt wenigstens ein My zu verbessern. Der ‚neue Mensch‘ war immer nur Rechtfertigung für die Beseitigung des alten Menschen. Man kann sich Menschen und Welten nicht aussuchen. Aber die Stolpersteine zeigen, dass man Menschen, unsere Schwestern und Brüder, auch nicht beseitigen kann. Die Namen haben sich eingebrannt. Ihr Erbe steht zwischen ihnen und uns: die gestohlenen Möbel, das Zahngold und die Asche.   

 *Dantons Tod von Georg Büchner

**Nazi-Lied von Hans Baumann ‚Es zittern die  morschen Knochen

17. Dezember 2022

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4 Gedanken zu “SCHWEDTER PERSPEKTIVE

  1. Udo Siegmund schreibt:

    Hallo Rochus

    Erstmal ein gesundes neues Jahr.

    Wir haben uns wieder über deinen Kalender gefreut, danke. Zeigt er doch auch ein markantes Gebäude unserer pommerschen Heimat.

    Pommersche Heimat gibt es so was noch ? Wenn ja ,darf man, ich, so was noch haben?

    In was für einer Zeit leben wir. Die Pommersche Landesuniversität (zeitälteste im Ostseeraum) darf seit Jahren nicht mehr Ernst Moritz Arndt Universität heißen. Wollten das die Pommern ?

    Frau Bärbock veranlasst die Umbenennung des Bismarkzimmers. Hat sie Bismarks Biographie studiert? Wenn man arbeitet bleibt die Weste nicht weiss.
    Die übereifrige Claudia Roth (Ton Steine Scherben) hat Probleme mit Preussen.
    Preussen ist aber viel mehr als der Soldatenkönig. Sein Sohn hat sich als ersten Diener des Staates bezeichnet. Gibt es so was heute noch? Wem dienen diese Damen wenn sie deutsche Identität vernichten ?

    Dein Weihnachtsbrief liefert mir soviel Diskussionstoff ,wir könnten wohl Tage damit füllen.
    Auch ich würde gern in meinem beschaulichen Leben (Bilanzstil) fortfahren, ich habe ihn mir erarbeitet. Dieser Krieg ist nicht mein Krieg er hätte verhindert werden müssen und können. Es war nicht gewollt, denn es gibt Nutzniesser.
    Den Vergleich zwischen der Flucht der Ostpreussen im Winter 1945 und der Flucht der Ukrainer halte ich für mindestens sehr schwierig.
    Ostpreussen, Schlesier usw mussten und wollten sich in Mittel und Westdeutschland eine neue Existens aufbauen, womit haben sie nicht unwesentlich zum
    schnellen Wiederaufbau Deutschland in Ost und West beigetragen haben.

    Es gab diesen Slogen, vielleicht gibt es Ihn noch: Nie wieder Krieg von deutschen Boden. Ramstein!!! Es war nicht alles falsch was ich in der Schule gelernt habe.
    Frieden(Völkerverständigung) durch Handel Kultur und Sport.
    Aber man verleiht einem Ukrainer den Friedenspreis des deutschen Buchhandels der kein Friedensstifter ist. Was soll das ??

    Ich muß dir auch widersprechen, die Energiekrise ist als Preissteigerung bei uns angekommen.
    Ich sehe es nicht gerne, aber ein, dass Energie und Lebensmittel teurer werden müssen, damit wir sorgfältiger/sparsamer/bewußter damit umgehen.
    Ich wüsche mir aber das die Mehreinnahmen nicht bei einigen wenigen landen,
    sondern bei Erzeugern(LW) und in Schule, KKH usw.
    Auf keinen Fall wünsche ich das mit dem Geld ,was auch meins ist ,der Krieg
    in der Ukraine und auch in anderen teilen der Welt finanziert wird.
    Es sind nicht meine Werte die im korruptestem Land Europas verteidigt werden. Sind es die Werte eines korrupten EU- Parlaments, eines dementen Bundeskanzlers, eines verlogenen Lauterbach usw.
    Ich kann es mir leisten dies zu schreiben und zusagen. Lehrer sollten sich das dreimal überlegen. Sie müssen im Zweifelsfall ihre Unschuld nachweisen.
    Eine neue Errungenschaft unserer Demokratie von Frau Faeser.
    Sie stellt Jahrtausende altes Europäisches Recht von den Füßen auf den Kopf.
    Soviel zu unseren ampelbunten Demokraten und Kriegstreiben ( Rüstungslobbyisten) Merz ist auch einer.

    Da wäre dann noch das Thema Ökoterroristen, aber genug für heute.

    Auf baldiges diskutieren

    Udo

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    • hallo udo,
      vielen dank für deinen kommentar und deine guten wünsche. das jahr ohne mich hat dir nicht gutgetan. ich werde auf alles antworten und hoffe, dich dann unter den nichtzornigen nachdenkenden wiederzufinden. wie wärs mit einem februartermin am kamin?
      beste grüße aus moor

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      • Udo Siegmund schreibt:

        Hallo Rochus

        Du hast Recht ich habe mir im Dezember arg den linken Fuß verstaucht. Gerne können wir in neuenfeld am Kamin Hitzig sachlich wie gehabt diskutieren. Freue mich auf deine Agumente und bitte um einen Terminvorschlag . Udo

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