1967.2

 

Nr. 259

Damals, 1967, gab es in beiden Deutschlands ritualisierte und ideologisierte Klassenfahrten. Die westdeutschen Realschüler und Gymnasiasten fuhren nach Berlin, Ost und West, die ostdeutschen Schüler, wir, fuhren nach Weimar. Aber fuhren wir wirklich nach Weimar? Mussten wir nicht auch im Goethehaus und Frauenplan an Buchenwald denken? Auf jeden Fall sollten wir daran denken. Diese Art Ritual unterstellt, dass sich sozusagen jedermann für oder gegen Buchenwald entscheiden konnte. Aber war es nicht vielmehr so, ohne unsere Vorfahren entschuldigen zu wollen, dass der Staat von einer Partei usurpiert worden war und, was Filbinger* später bestritt, das Unrecht plötzlich zum Recht geworden war? Meinte nicht Filbinger sich verstecken zu können hinter dem, was alle dachten? Aber dachten sie es auch 1967 noch? Wir wohnten oben auf dem Ettersberg in einer Jugendherberge, die keine war, sondern sie befahl schon wieder, wie Jugend sich wo zu benehmen und was sie zu denken hätte. Auch ohne diese harschen Anweisungen wäre niemand von uns auf die Idee gekommen, jemanden ermorden oder auch nur  diskriminieren zu wollen. In unserem Englischbuch stand das Gedicht, sein Autor war gerade in New York gestorben, I TOO AM AMERICA THEY SEND ME TO EAT IN THE KITCHEN WHEN COMPANY COMES, aber bei uns im Osten gab es keine Schwarzen, niemand war da, den man hätte diskriminieren können, um es dann zu unterlassen, aber wir jedenfalls wollten es auch gar nicht. Wenn man das Radio einschaltete, waren eher wir es, die diskriminiert wurden, einerseits als Deutsche allesamt, andererseits als moskauhörige Ostdeutsche, aber dann auch wieder als amerikagesteuerte Westdeutsche. Aber wir haben nicht sehr politisch gedacht. Wir hatten einen Politiklehrer, der uns erzählte, was sie alle taten, übrigens auch Filbinger, dass der Krieg sie politisch gemacht hätte. Mich hat der Krieg nicht politisch gemacht. Als wir Kind waren, haben die Einarmigen und Einbeinigen zum Krieg aufgerufen durch ihr Schweigen. Sie haben wieder Autorität um der Autorität willen und Waffen gegen vermeintliche Feinde  gutgeheißen. Selbst die Waffe als Metapher war allgegenwärtig. In Lehnitz drohte der Dichter, der Vater des Meisterspions und des Meisterregisseurs, ehe er sich erschoss: Kunst ist Waffe, und wir schrieben fleißig Aufsätze darüber.

Wir haben uns auch auf dieser Klassenfahrt mehr um Sex und Songs und Seele gekümmert als um Buchenwald und Kalten Krieg. Unsere Gitarre wurde aber eingeschlossen. Wir sollten trauern um das, was unsere Vorfahren angerichtet oder erduldet hatten. In Goethes Haus sollten wir lernen, dass schon Goethe im Faust den Kommunismus vorausgesehen hat: als freies Volk auf freiem Grund zu stehen…

Am 3. Dezember waren wir im Weimarer Theater und hörten das in dieser Saison vierte Sinfoniekonzert der Weimarischen Staatskapelle, in der schon Bach und Hummel und Liszt gespielt hatten. Man gab Corellis Weihnachtskonzert, Haydns Sinfonie Nr. 86 und, warum ich das überhaupt erzähle, Ottorino Respighis ‚Fontane di Roma‘ und ‚Feste Romane‘. Respighi war schon lange tot, als wir ihn in Ostdeutschland hörten, was einem Wunder gleichkommt, er hätte unser Urgroßvater sein können, aber seine Musik klang in unseren Ohren absolut modern, so wie Picasso hundert Jahre lang als der Inbegriff der Modernität und Abstraktion galt. In der Schule hörten wir in schlechten Aufnahmen auf einem Tonbandgerät namens Smaragd Musik von Hanns Eisler und Schostakowitsch. Das ist neoklassisch. Respighi dagegen hat in seinen Römischen Festen nicht nur den Osterchoral nachgeahmt, sondern auch die Karussellmusik, den Straßenverkehr, den Zirkus und den Karneval dargestellt. Im gleichen Jahr wie Gershwin seinen Amerikaner durch Paris laufen ließ, erlebte man Rom mit Fahrradklingeln und Autohupen, aber eben auch Posaunenchorälen. Sowohl dem Weimarischen Programmverfasser als auch einigen Mitschülern war das zu laut und zu vordergründig. Dabei gibt Musik immer die Welt wieder, wie sie ist. Viel zu wenig lernt man in der Schule, wie die Welt ist, also auch die Sprache der Musik, die Sprache  der Lyrik, die Sprache des Films. Vielmehr erscheint es so, als ob man lernt, wie es sein sollte oder könnte. Für mich dagegen war gerade diese Musik Programm, ein Fenster wurde aufgestoßen, Musik bildet doch die Welt ab, erfuhr ich. Als ich dann viel später das erste Mal in Rom war, habe ich genau diese Musik in Erinnerung an das denkwürdige Konzert in Weimar aus der Phase der Hochpubertät in meinem inneren Ohr gehört.

Liebe Zeitgenossinnen und Zeitgenossen,

 

als wir damals gemeinsam in unserer doppelten Echoblase saßen, in der Schule wie im Staat gefangen,  haben wir vielleicht über Ländergrenzen nachgedacht, aber nicht über Horizonte. Es war die Welt von gestern, in der wir aufwuchsen, es ist die Welt von morgen, in der wir alt werden. Auf der Straße zwischen Velten und Oranienburg überholte ich mit meinem Fahrrad, Baujahr 1928, ein Dreiradauto ‚Tempo Hanseat‘, Baujahr 1928, das Eisblöcke für Eisschränke transportierte. Mein jüngster Sohn, gerade war er doch noch Baby, erklärt mir die Probleme von KI und gutartigen bots und Astroturfing. Dagegen war Russisch weit weniger Chinesisch.   

Jetzt erst, wo wir täglich unser Schlüsselbund suchen, wird uns klarer, worin dieser verschlüsselte Lebenskreislauf besteht. Wer nur Geld angesammelt hat, steht vor dem Nichts, wer gar nichts gesammelt hat, ebenfalls. Vor einiger Zeit haben wir hier in dieser kleinen Stadt gelernt: edel sei der Mensch, hilfreich und gut. Ab morgen wird zum ersten Mal eine Partei im Bundestag sitzen, die nicht hilfreich ist. Aber sind Parteien überhaupt edel und gut? Vor fünfzig Jahren haben wir vom Bundestag noch nicht einmal geträumt, von der Volkskammer bestimmt auch nicht.

Viele glauben, dass früher alles besser war. Aber heute sind wir alle viel politischer und gebildeter. Wir haben unseren Horizont über Hohen Neuendorf hinausschieben können. Wir haben ein paar Bücher mehr gelesen als ‚Wie der Stahl gehärtet wurde‘ oder ‚Die Väter‘ von Bredel. Wir haben eine tatsächliche Revolution erlebt, obwohl wir das Wort nicht mehr benutzen mögen, und damit meine ich nicht den Zusammenbruch der DDR, sondern den Aufbruch der Technik in den Minimalismus.

1967 war keine Weggabel. Der ständige Vergleich des Lebens mit Wegen und Weggabelungen stimmt nicht. Man merkt es gar nicht, wenn sich der Weg des Lebens gabelt. Man merkt vorher noch nicht einmal einen Abgrund. Man verabschiedet sich unter der S-Bahn-Brücke und sieht sich nie wieder und will nichts mehr voneinander wissen. Oder man hört etwas, um es sein ganzes Leben lang weiter und wieder zu hören, und man redet auf Klassentreffen mit genau den gleichen Menschen, mit denen man schon damals gesprochen hat. Oder man heiratet sich von der Schulbank weg und bleibt für immer zusammen, bis zur Gnadenhochzeit oder zum Gnadenschuss. Das Leben ist eher wie ein Fluss, ewig gleich und immer anders. Mäander und Sinus sind sinnverwandt. Deswegen gibt es auch in allen Völkern und Staaten die gleichen Typen, die Versager und die Vorsager, die Reichen und die Erfolgreichen, und diejenigen, die im Lotto des Lebens immer die Null gezogen haben.

An all dem kann man auch schön sehen, wie unwichtig dann doch wieder Politik ist, denn selbst Staatshymnen und Staatssysteme, die sich für unverzichtbar und zukunftweisend halten, verschwinden sang- und klanglos. Zwar hinterlassen sie Erinnerungsspuren, aber viel interessanter ist es, dass sich andere Kulturen – wie fastfood und Copyshop und Steuererklärung – fast lautlos über das brüchige Gebilde von Konsumkaufhallen, Kinderkrippen und Kulturhäusern, das sich für ewig hielt, schoben. Merkwürdig ist auch, dass sowohl Luther als auch Lenin, beide hatten 1967 und haben jetzt Jahrestag, ihren jeweiligen Anhängern einschärften: wer nicht für mich ist, ist gegen mich. Zum Glück hat sich niemand länger daran gehalten, als es der staatliche Zwang gewährleisten konnte. Mit dem Zwang verschwindet auch immer der Wahn.

Deswegen hat, wer das Ende des Kalten Krieges und des Eisernen Vorhangs östlich der Elbe erlebte, doch auch einen kleinen Vorteil: ewig und alternativlos, weiß er aus Erfahrung, ist nichts. Die S-Bahn fährt wieder. Das Haltlose verschwindet ebenso leise wie das Ewige, das Gestrige oder das Morgige. Was bleibt, ist die Musik, ist die Liebe, die Kunst und Ingenieurskunst, Geologie und Rechtskunde, die Medizin und die Landwirtschaft, also alles das, was wir unser Leben lang gemacht und getan haben. 

 Ich hoffe, ihr habt  eure Zeit genossen.

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  • baden-württembergischer Ministerpräsident, der mit Schimpf und Schande zurücktreten musste, nachdem bekannt wurde, dass er noch nach Ende des Krieges Todesurteile gegen Deserteure gefällt und vollzogen hatte und  das nachträglich zu Recht erklären wollte

1967.1

Nr. 258

Vor fünfzig Jahren war das Jahr 1967, und alle diejenigen, die glauben, dass die Welt gerade jetzt aus den Fugen ist, sollten sich dieses Jahr ansehen. Hamlet glaubt wie so viele Menschen, dass ausgerechnet er all dieses Chaos nicht nur erlebt, sondern ordnen soll. Und da wird der bittere Zynismus offenbar: die Welt kann nicht aus den Fugen geraten, weil sie nie in den Fugen war. Die Welt ist kein Haus, und selbst wenn sie eines wäre, würde sie das Chaos beherbergen.

Was wir damals nicht wissen konnten, war, dass Stanley Milgram sein berühmtes Kleine-Welt-Phänomen in diesem Jahr entdeckt und begründet hat. Die Idee dazu hatte der ungarische Schriftsteller Frigyes Karinthy schon 1929, aber Milgram hat es experimentell bestätigt: Die Welt ist so klein, dass sechs kommunikative Schritte ausreichen, um einmal die Welt zu umrunden. Jeder kennt jeden. Alle Menschen wären Schwestern. Wir saßen unterdessen in einem ohnehin sehr kleinen Land, in dem auch jeder jeden kannte. Heute würde man solch ein Gebilde eine Echokammer nennen. Es war eine Echokammer, die sich außerdem in den beiden Sommermonaten auf Usedom oder Rügen einfand. Wir bestätigten uns selbst. Von jenseits unserer Zäune kamen zwar ‚Geschenksendungen keine Handelsware‘, aber keine Informationen, die uns nützen konnten.

In diesem Jahr starb Ilse Koch, deren böse Existenz uns näher ging als dem Westen, wo sie im Gefängnis gesessen hatte. Vielleicht hat ihr Sohn Uwe mit uns zusammen Abitur gemacht. Sie war die Frau des berüchtigten KZ-Kommandanten zuerst von Sachsenhausen und dann von Buchenwald. Er war so korrupt und grausam, dass er selbst für die SS nicht tragbar war. Er wurde 1944 von seinen eigenen Leuten hingerichtet. Nach dem Krieg kam das Gerücht auf, dass seine Frau, nicht weniger verbrecherisch als ihr Mann, sich Lampenschirme aus tätowierter Menschenhaut hat machen lassen. Im Gefängnis bekam sie dann noch diesen Sohn, wahrscheinlich von einem Gefängniswärter. Dieses biografische Detail musste sie allerdings mit Erich Honecker teilen, der aus Dankbarkeit auch eine Gefängniswärterin heiratete. Die DDR verstand sich damals, und wir mit ihr, als antifaschistische Trutzburg. Alle Nazis waren pünktlich zum 8. Mai 1945 gestorben oder emigriert oder eines besseren belehrt.

In diesem Jahr begannen die Studentenunruhen, die zum linken Terror und zur grünen Partei, auf jeden Fall zu mehr Demokratie führten. Der Student Benno Ohnesorg war während der Proteste gegen den Schah von Persien vor der Deutschen Oper, die wir gar nicht kannten, erschossen worden. Unsere Zeitungen brüllten geradezu den Protest heraus. Der Polizist, der den friedlichen Studenten der Literaturwissenschaft erschossen hatte, war ein alter Nazi wie zwei Drittel der Westberliner Polizei. Aber nach der Wiedervereinigung stellte sich heraus, dass er von der Stasi bezahlt war. So klein ist die Welt.

In diesem Jahr lasen wir in unserem Englischbuch das berühmte Gedicht I TOO AM AMERICA von Langston Hughes. Das Gedicht schildert den Traum eines afroamerikanischen Jungen, mit seiner weißen Herrschaft am selben Tisch essen zu können. Das Gedicht wurde eine Ikone, heute steht es in allen amerikanischen Lesebüchern. In einem Gedicht von Jewgeni Jewtuschenko aus demselben Jahr stirbt ein Nihilist genannter Jugendlicher als er einen Menschen rettet. Jewtuschenko las seine Gedichte manchmal in Fußballstadien. Heute wissen wir, dass das ein kalkuliertes Ventil für das Volk war. Jewtuschenko lässt einen Generationskonflikt politisch ausdeuten, plädiert aber dann dafür, den unangepassten Jugendlichen anzuerkennen, aber erst, nachdem er tot ist. Die Großmächte kämpften natürlich nicht mit Gedichten gegeneinander.

In diesem Jahr, im letzten Drittel des April, starb Adenauer, die Generäle in Griechenland putschten die Regierung hinweg und der VII. Parteitag der SED beschloss die Fünf-Tage–Arbeitswoche. Ich war am meisten beeindruckt vom Tod Adenauers, weil auf allen Westsendern den ganzen Tag klassische Musik zu hören war. Bis heute liebe ich Mozarts Adagio und Fuge c-moll, die ich an diesem Tag zum ersten Mal hörte. Die Fünftagewoche interessierte uns nicht so sehr, weil wir zur Armee mussten und dann studieren wollten. Aus heutiger Sicht war das ein Geschenk in derselben Art, wie Elena Ceaucescu kurz vor Weihnachten 1989 ihrem Mann, dem Diktator, dessen letzte Rede gerade zu kippen beginnt, zuruft: gib ihnen zweihundert mehr. Das waren zwei D-Mark. Zwei Tage später wurden beide erschossen.

In diesem Jahr machten wir das Abitur, vielleicht mit jenem Uwe Koch zusammen, aber die Nordvietnamesen schossen das 2000. US-Flugzeug ab. Wer schon einen Fernseher hatte, konnte zum Abendbrot passend das große Schlachten in Vietnam sehen. In meinem Schulatlas habe ich 1963 die Farbe von Algerien geändert, weil es nun nicht mehr zu Frankreich gehörte. Der Vietnamkrieg zog sich noch acht Jahre hin, aber er war auch der letzte Krieg, von einigen unbedeutenden Bürgerkriegen einmal abgesehen. Die Amerikaner mussten einsehen und haben eingesehen, dass Kriege sinnlos und grausam sind. Sie bezahlen heute noch Entschädigungen. Vietnam ist heute noch eins der ärmsten Länder.

In diesem Jahr im Sommer lernte ich in Ungarn meinen ersten Türken kennen. Es war ein Lastwagenfahrer aus Stuttgart, den ich für einen Bulgaren hielt. Er bezahlte mein in Ostmark umgerechnetes sehr, sehr teures Bier und bot mir an, mich in die Türkei mitzunehmen. Vielleicht wären wir beide zusammen von den Bulgaren erschossen worden. Später musste ich einmal mit hinter dem Kopf verschränkten Armen vor dem Lauf einer Kalaschnikow auf einem Schnellboot der bulgarischen Volksmarine stehend ausharren, was eine sportliche und politische Herausforderung war, denn wenn ich ein Spion gewesen wäre, dann auf der richtigen Seite.

In diesem Jahr passierte noch etwas, das bis zum heutigen Tag wirkt und fortwirkt und uns damals, wenn wir wirklich nachgedacht hätten, eines besseren hätte belehren können, als in unseren Zeitungen stand und auch von den Pfarrerskindern geglaubt wurde, so wie man eben glaubt, was schwarz auf weiß geschrieben steht. Das ist ein anderes berühmtes Ironiezitat. Israel hat im Sechstagekrieg alle seine teils mit russischen Waffen hochgerüsteten Nachbarn besiegt. Die ägyptische Luftwaffe war zum Frühstück bereits zerhackstückt, während der Vater des jetzigen syrischen Diktators verkündete, dass Israel für immer von allen Landkarten mit ebendieser Luftwaffe ausgelöscht werden wird. Niemand wird diesen Krieg verherrlichen wollen. Aber vielleicht hätten wir besser lesen sollen, dann wäre uns die Zeit bis 1989  nicht so lang geworden. Nach der Tat wissen auch die Narren Rat.

In diesem Jahr entdeckte ich erst die linke Welt, als sie schon begann sich zu verabschieden. Tamara Bunke wurde erschossen, dann Che Guveara. Stalins Tochter mit dem religiösen Namen Swetlana Allilujewa flüchtete nach Amerika. In unserer Kleinstwelt wurde im Dezember das Geld umbenannt. Es hieß nun nicht mehr Mark der Deutschen Notenbank, sondern Mark der Deutschen Demokratischen Republik. Jeder von uns sollte einmal nachrechnen, wie oft er in seinem Leben Deutsche Demokratische Republik gesagt und nicht geglaubt hat, dass sie es war. Aber nicht übertreffbar waren die Nachrichtensprecher im Osten.

In diesem Jahr erreichte die Hippiebewegung trotz der weltpolitischen Desaster ihren Höhepunkt, um es auch einmal ironisch zu sagen. Ich war zum Glück mitten in diesem Sommer auf einem Moped namens Schwalbe in der Nähe von Nietzsches Geburtsort Röcken entjungfert worden. Ich hielt dabei ein Buch von Nietzsche in der Hand, das mir ein Zahnarzt aus Schmachtenhagen geliehen hatte. Sonst hätte ich vielleicht die Kälte der beiden folgenden Winter, die ich im Norden bei der NVA verbringen musste, nicht überstanden. Dass ich nicht zur Grenze musste, verdanke ich der Mutter eines Schulfreundes, die mir vor der Musterung zuflüsterte: Sag doch einfach, dass du Westverwandte hast.

In diesem Jahr wäre uns die Zukunft wie ein Gebirgsmassiv erschienen, wie ein Dreitausender in Montenegro, wenn du mit dem Mountainbike unterwegs bist und deine Wasserflasche leer und deine Mitfahrer noch weit unten in Dalmatien, wenn wir darüber nachgedacht hätten. Kein Mensch denkt aber fünfzig Jahre weit, und er tut gut daran.

Aus der heutigen Sicht sind die letzten fünfzig Jahre zwar oft steinig gewesen, aber mehr zäh als hoch, eine leicht hügelige Ebene ohne Ende. Am Straßenrand stehen Ruinen, die aus all den Vergangenheiten auferstanden sind, und Wegweiser in unverständlichen Sprachen. Manche glauben an Verschwörungen, andere an Alternativen, wieder andere folgen den Wegweisen, die sie gefunden haben.

vor deinem haus ein stolperstein
hab keine angst und zittre nicht
dann wird dein laufen stolpern sein
ein wind verdeckt das gegenlicht
– nur weil es dir an mut gebricht
und weil du stolperst  – aber nicht

ZEITREISE IN DIE UCKERMARK

 

Über den Roman Vor dem Fest von Saša Stanišić

 

Am besten gefällt mir Frau Schwermuth vom Haus der Heimat. Wenn sie auch mit sich im Unreinen ist, weil sie doppelt soviel wiegt wie ihr Mann, so ist sie doch eine Zentralfigur in dem Dorf, das einmal Stadt war und das so viele offene Geheimnisse hat wie Einwohner. Ihr Sohn Johann, mit dem sie oft schimpft, könnte sogar Vorbild für die ganze regionale Generation werden: ihm geht es nicht um den Nutzen dessen, was er tut, sondern um den Sinn. Er ist Glöcknerlehrling und liebt die drei Glocken der Kirche von Fürstenfelde. Leider hat er noch kein Mädchen gefunden, das ihn so liebt, dass sie ihm seine Jungfräulichkeit nimmt, aber er hat eine Liste der Topfrauen… Ein Roman ist immer eine Zeitreise ins Anachronistische. Das hat Stanišić schon in seinem ersten Buch gezeigt, das zwischen Višegrad und Heidelberg, Vergangenheit und Gegenwart pendelte. Wer aus Višegrad stammt, ist für die Literatur geboren, wer schon einmal da war, weiß, dass man dort auch für das Morden geboren sein kann. Das stand übrigens auch schon in Ivo Andrićs großem Roman. Stanišić ist jedenfalls für die Literatur geboren. Die Sprache des Fürstenfelde-Romans ist eher am Glöcknerlehrling orientiert, bis in die falsche Satzstellung hinein wird auch die Uckermark sprachlich dargestellt, ohne sie zu imitieren oder gar zu parodieren. Hier wird niemand vorgeführt, aber schon nach ein paar Seiten erkennt man unsere Landschaft sprachlich wieder. Den Geburtenschwund erklärt die donauschwäbische, aus dem Banat vertriebene Malerin mit dem Mangel an Gaststätten. Statt dessen trinken die Männer des Dorfes in Ullis Garage und hecheln dort nach strengen Regeln die Geschichte und Geschichten durch. Ich kenne sogar einen Mann, der in seinem Kofferraum sitzt und trinkt. Die nachtblinde Malerin malt jeden Baum und die Erde, jeden Menschen und jedes Haus, die Kirche und die Tore, den Reiz und das Reizlose. Sie malte sogar einen schlafenden Neonazi und den Container für die rumänischen Erntehelfer. Trotzdem wirken ihre Bilder nicht inflationär, ihre Anwesenheit nicht erdrückend. Sie ist der Kommentar für das Dorf und die Landschaft, sie ist das Korrektiv einer allzu engen Gemeinschaft. Sie belebt das Dorf stellvertretend für die vielen Zuwanderer der jüngeren Geschichte, die Slawen, die Deutschen, die Juden, die Franzosen, die Polen, die Deutschen aus den Ostgebieten und dem Banat, die rumänischen Musiker und Erntehelfer und schließlich die Türken und die Asylbewerber in Prenzlau. Sie weiß aber auch: für die starken ist überall Heimat. Die Malerin ist auch ein Selbstporträt von   Stanišić, denn was der unbeholfene Journalist vom Nordkurier über die Malerin schreibt, das gilt auch für ihn, dessen Erinnerungen auch die unseren sind, auch wenn wir von ihnen erst durch sein Buch erfahren.

Es wird die Nacht vor dem Fest beschrieben, und durch diese Konstruktion fehlt dem Buch alles Kirmeshafte und Spektakuläre. Es ist zwar eine besondere Nacht, aber doch auch eine gewöhnliche. Herr Schramm versucht nicht das erste Mal, sich das Leben zu nehmen, denn er hat seine alte Dienstpistole wohl immer im Handschuhfach. Aber ob der Grund für seine Lebensmüdigkeit nun der nichtfunktionierende Zigarettenautomat ist oder die nichtausreichende Rente oder die Missachtung seiner früheren Tätigkeit, weder Anna, die ihn rettet, noch wir, die gespannten Leser, erfahren es. Ditzsche dagegen, den auch seine Vergangenheit als mutmaßlicher Spitzel belastet, tröstet sich mit Hühnerzucht und Zurückgezogenheit, er ist ein Beispiel für neue Vornehmheit. Eine grandiose parodistische Mikrostudie für den Zerfall des Ostblocks, aus dem sowohl Stanišić kommt wie auch die Fürstenfelder und ein Teil der Leser, ist der usbekische General, der die Raketenstellung in einen Gemüsegarten mit Sauna und angeschlossener Folklore verwandelt. Er ist weit überzeugender als die vielen tausend Seiten, die die immer wehleidigen ehemaligen Bürgerrechtler bisher rechthaberisch geschrieben haben. Denn er, der folkloristische General, ist gleichzeitig ein Symbol des Überlebenswillens nicht nur Usbekistans, sondern auch der Uckermark. Feinste Satire ist es auch, dass der Oberstleutnant Schramm bei Poppo von Blankenburg schwarz arbeitet, während das Fräulein von Blankenburg bei ihren Yoga-Übungen vom stummen, also sprichwörtlichen Voyeur begleitet wird.

Es hätte ein Schelmenroman werden können, aber es fehlt der Schelm. Auch eine Entwicklung, etwa des Glöcknerlehrlings, ist nicht zu sehen, er ist schon richtig. Seine Mutter tut das richtige, wenn sie auch mit sich unzufrieden ist. Das Dorf Fürstenfelde ist sich selbst genug, ohne dass es arrogant wäre. Es gibt sie. die Badegäste und Urlauber, aber sie werden nicht hofiert. Der spröde Charme der Uckermark hält sie trotz alledem nicht davon ab, wiederzukommen. Die Zugezogenen haben es schwer, aber auch sie bleiben nicht nur fremd.

Der Heidelberger Deutschlehrer, der das Talent von Saša Stanišić entdeckte, ist zu loben. Keineswegs stören die Migranten den Unterricht, vielmehr beleben sie ihn mit ihrer oft tieferen Einsicht, mit ihrer unkonventionellen Sprache, mit ihrem zunächst Beobachterstatus, der oft erst allmählich in einen angereicherten Insiderstatus übergeht. Eine neue Art von Ironie ergibt sich auch aus den Elementen der Jugendsprache, die in Vor dem Fest beinahe vorherrschend sind, so als wäre das Buch aus der Sicht der flüchtigen einheimischen Jugend geschrieben. Bestärkt werden wir in dieser Ansicht durch die langen rapähnlichen, jedenfalls gereimten Passagen, die aber gleichzeitig auch an Grass und Goethe erinnern. Immerhin! Diese Jugendlichen sind die wahren Migranten, wie zum Beispiel die Töchter des Tischlers, die das Haus ihres gestorbenen Vaters wie Müll beräumen lassen, denen nichts heilig ist, weder die Vergangenheit noch die vergangenen oder dagebliebenen Menschen.

Dieser Roman ist die nichtchronologische Chronik einer dünnbesiedelten, aber dennoch beinahe multikulturellen Region, die in allem, was sie tut oder lässt, grenzwertig ist. Und dennoch hat sie, nach harmlosen Heimatromanen aus dem Vorabendprgramm, auch den Rand von Weltliteratur hervorgebracht. Stanišić hat aber bekannt, dass er sich ein Dorf ausgedacht hat, von dem er dann erfuhr, dass es schon existiert: zwischen den beiden Seen.

Der Glöcknerlehrling Johann Schwermuth kann es in seiner lapidaren, an Rap und Rock geschulten Sprache am besten sagen, worauf es im Leben, in der Literatur und im Fußball ankommt: auf die Überwindung des namenlosen Nichtskönnertums durch die Voranstellung des Könnernamens: in der Fürstenfelder Kirche erklingt eine Grüneberg-Orgel, deren Name die wahre Qualität verbürgt, ein Ronaldo-Freistoß ist auch dann genial, wenn er gar nicht trifft, und ein  Stanišićroman ist ein Gütesiegel der Zukunft.

ZEITREISE AUS DER UCKERMARK

 

Stanišić liest in Fürstenwerder aus seiner Fürstenfeldechronik

 

Die ursprüngliche Idee, so erzählt Stanišić auf eine Frage hin, war ein bosnisches Dorf in der Nähe von Višegrad, in dem die Familie Stanišić seit Jahrhunderten siedelt und der Friedhof voll von ihnen ist. Dieses Dorf stirbt aus, nur noch wenige Menschen wohnen da. Die Häuser sehen aus, als ob ihre Bewohner gleich wieder kommen würden. Aber es zeigt sich: in jedem Dorf befindet sich ein virtuelles Archiv, ein Universum aus Geschichten.  Stanišić sagt, dass er sehr aufgeregt ist, weil ihm das hiesige Publikum vorkommt wie seine Tante aus seinem ersten Roman, deren strengen Blick er eine Stunde lang aushalten musste. Nicht so in Fürstenwerder, hier wird sein zweiter Roman gefeiert. Der freundliche Bäckermeister, der am Gelingen wie am Sauerteig zweifelte, fragt sich nun, ob auch genügend potentielle Touristen das wunderbare Buch lesen. Der Sohn der Leiterin des tatsächlichen Hauses der Heimat fragt sich, ob Frau Schwermuth seine Mutter ist. Aus Warbende, einem Nachbardorf mit Uwe-Johnson-Namen, kam eine Literaturkritikerin, die durch den Abend führt, und sie preist Vor dem Fest als neue, ganz starke Heimatliteratur. Die Buchhandlung von Nils Graf ist übervoll, obwohl man seinen Platz vorbestellen musste, vorher sah man viele Menschen mit einem Buch durch das Dorf, das eine Stadtmauer hat, laufen. Zugezogene und Einheimische lachen und weinen gemeinsam, es gibt Beifall, auch wenn die Szene noch gar nicht zuende ist: Stanišić liest äußerst lebhaft, arbeitet seine Bilder rhetorisch heraus, freut sich mit den Figuren, die alle in Grafs Buchhandlung anwesend sind. Der Dichter lacht: ‚Es ist so, als ob man mit seinem eigenen Buch sprechen würde…‘ Um Sympathien muss er an diesem wunderbaren Frühsommerabend nicht werben. Obwohl fast alle in diesem Raum Fürstenwerder kennen, verstehen auch fast alle, dass man das Buch viel universeller lesen kann und muss. Migration, so kann man aus dem Buch lesen, ist nicht nur die Wanderung der Menschen, sondern auch die Wandlung der Umstände, das Aussterben, das Neuhinzukommen, Steine sammeln und Steine zerstreuen. Eigentlich hat jedes Dorf eine Stadtmauer und jede Stadt einen Dorfkern. Aber dann fängt sie an zu bröckeln, sie wird durchlässig, jedoch das schadet dem Dorf nicht, das sichert vielmehr sein Überleben. In der Verurteilung der drei Tischlertöchter, die ihr Erbe zum Müll machen und es glatt ausschlagen, treffen sich die Dorfbewohner und die Leser ebenso wie in der Achtung vor dem ehemaligen NVA-Offizier, der sich in der Nacht vor dem Fest eben nicht das Leben nimmt, sondern den Zigarettenautomaten erschießt. Stanišić sagt, als er gefragt wird, dass er seine Lieblingsfigur sei, dass sie ausgedacht wäre und dass sein happy end bei den beiden Lektorinnen hart umkämpft werden musste. So gesehen ist das Buch auch ein wunderbarer Ostwestroman: weder der Oberstleutnant noch der Briefträger werden für ihre tatsächliche oder vermeintliche Schuld verurteilt. Sie müssen mit dieser Schuld leben, und sie leben. Dafür ist die rosafarbene Eierbox eine ganz neue Metapher des zweimal eltern- und heimatlos gewordenen Zuckerkranken, der in den Roman eine antike Tragödie hineinblinzeln lässt, die in der Gegenwart dennoch gut ausgeht.

Auch der Glöcknerlehrling Johann Schwermuth ist ein solches Symbol für die Zukunft, um die wir uns ja alle sorgen, die aber nicht so oft so sympathisch, offen und entwicklungsfähig dargestellt wird wie in diesem rappenden Jungen, der ein eben nicht überflüssiges altehrwürdiges Handwerk lernt und gerne ausübt. Hoffentlich werden in der Folge dieses schönes Buches viele automatische Läutewerke abgeschaltet. Vielleicht sollten wir mit den Glöcknerlehrlingen öfter über ihre Verwurzelung reden.

Gestern Abend wurde der Fuchs nur mehrfach lobend erwähnt, nicht gelesen, aber er war in den Gedanken allgegenwärtig. Die Empathie in die uns umgebende Natur, deren Teil wir sind, ist vielleicht eine der stärksten Seiten dieses Romans. In den Nachbarsgesprächen, in den Regionalzeitungen, in unserem Denken herrscht immer noch das alte Vorurteil über die Natur, über den Nutzen und den Schaden, über die Krone der Schöpfung, die der Mensch sein sollte, aber zum Glück nicht wurde, über die Verachtung der Natur, die sich in entsorgten Kühlschränken, überhaupt in Kühlschränken und allen anderen Klimaanlagen zeigt. Beim zweiten und dritten und vierten Lesen werden uns die Sorgen der Füchsin vielleicht verständlicher, näher kommen. Sie muss mit uns leben wie wir mit ihr und sieht uns nicht als Feind. Eher ist sie ein wenig ungläubig, wie wir überleben können, und wir bezweifeln es ja selbst zunehmend. Gerade Füchse sind ein Beispiel des falschen Eingreifens des Menschen, wie auch die Wölfe und die Rehe…

Wenn Vor dem Fest ein ganz neuer Typ von Heimatroman sein sollte, dann ist es auch ein ganz neuer Typ von Naturroman, beiden hängt der Ruf von Kitsch an, und den gibt es in der Fürstenfelder Weltchronik überhaupt nicht. Es hat sich eher angehört, als wäre der verlorene Sohn aus Amerika zurückgekehrt und hätte statt seiner Erlebnisse in der neuen Welt seine Erinnerungen an die alte Welt erzählt. Mit dem ‚wir‘ des Erzähltons ist nicht nur der Sohn in die Dorfgemeinschaft, sondern auch der Leser in den Roman integriert, der Dichter in die Welt. Das alles ist aber so heiter, wenn auch der Fährmann gestorben ist, wie die Welt wäre, wenn wir uns so freundlich begegneten wie die Fürstenfelder in ihrer Chronik. In Bosnien bin ich in einem Dorf in der Nähe von Višegrad hoch oben in den Bergen, wo man sein Auto vorher abstellen muss, weil die Straße unpassierbar wird, von einem alten Mann umarmt worden, einfach so, einfach nur, weil ich da war…

In Grafs Buchhandlung, gestern Abend, hat jeder die schöne Metaphorik einer neuen Sprache verstanden. Die Broschüren und Geschichtsbücher und Häuser der Heimat mögen mal schlechter, mal besser sein, die wahre Geschichte steht in den Geschichten, ob sie nun von den alten Frauen in den Spinnstuben, auf der Drinabrücke in Višegrad oder beim Fährmann in Fürstenfelde in der Nacht vor dem Fest erzählt werden.

 

L’ÉTAT C’EST MOI

 

Nr. 257

Wir wissen nicht, was genau der französische König Ludwig XIV. mit diesem legendären Satz meinte, aber wir haben die wohl allgemeingültige Interpretation, dass er meinte, er sei nicht nur der Souverän, sondern geradezu identisch mit dem Staat. Aber viele Historiker meinen, er hätte den Satz nicht gesagt. Wenn es so ist, würde ein Satz, der zu einem Menschen passt, ihm deshalb zugeschrieben, weil wir wollen, dass er ihn gesagt hätte. Das würde in unser Bild passen. Wir haben also vor den Fakten ein Bild fertig, in das die Fakten passen müssen. Ludwig XIV. war aber nicht nur der Inbegriff des Absolutismus, sondern auch der Kunstförderung. Besser als den falschen Satz sollte man sich vielleicht Merkantilismus, die Förderung des Handels, und den Bau des Schlosses Versailles merken, das dazu beitrug und beiträgt, dass Frankreich damals das reichste Land der Welt und heute das besucherreichste Land ist.

Theoretisch wurde der Absolutismus, die absolute Alleinherrschaft, vor allem in Frankreich abgeschafft, praktisch auch in Preußen, Österreich, Russland und natürlich England, und dann im Rest der Welt. Rousseau erklärte das Volk zum Souverän und den Staat zur Vereinbarung. Das ist mehr als zweihundert Jahre her.

Merkwürdig ist nur, dass so viele Menschen diese Veränderung noch nicht bemerkt haben. Sie scheinen zu glauben, dass Demokratie eine neue Art der Diktatur sei, bei der man zwar wählen kann, aber diese Wahl habe keinen Einfluss auf ihr Leben. Sie gehen lieber auf die Straße und benutzen Trillerpfeifen und Sprechchöre, um zum Ausdruck zu bringen, was sie wollen. Und was sie wollen, scheint direkt dem absolutistischen Staat entnommen: sie wollen, so wie die Menschen damals in Frankreich,  nur eine andere Führung. Unter Führung stellen sie sich jemanden vor, der ihnen Geld gibt. Auch wollen sie sich in der Zeitung lesen.  Als es noch keine Medien gab, hätten sie objektiv sein können, jetzt teilen sie unser Schicksal der Subjektivität. Eine Zeitung  nur für die Trillerpfeifenleute würde sich wohl schlecht verkaufen. Fernsehsender dieser Art gibt es zwar, aber in ihnen dominiert die Unterhaltung. Die Gegenkandidaten der gegenwärtigen Sonnenkönigin, wir bleiben in unserem Vergleich, müssen also Gegenwörter finden: Gerechtigkeit statt Wohlstand. Sicher weiß Schulz aus seiner Zeit als Bürgermeister, dass es keine Gerechtigkeit gibt. So läuft er durch das Land, wie damals durch Würselen, und sagt: Allen Menschen recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann.  Der FDP-Spitzenkandidat dagegen hat erkannt, worum es wirklich geht: einen gutaussehenden Menschen, der ständig etwas sagt, was man sich aber nicht merken muss. Die Linke Partei dagegen setzt auf eine Ikone, die immer das gleiche sagt, so dass man schon vorher weiß, dass sie auf jede Frage, auch auf die nicht gestellte, die Antwort weiß. Auch sie ist für die Abschaffung des Merkelismus, ist aber auch gegen Schulz. Wahrscheinlich träumt sie auf ihrem Fahrrad vom dritten Führer aus dem Saarland, und das wäre dann sie.  Die Grünen setzen weiter auf Sachthemen, die niemanden interessieren. Man kann ihren Niedergang fast körperlich wahrnehmen. Einzig die Rede Özdemirs im Bundestag, wo er die zornigen Trittin und Fischer (wie lange ist das her) imitiert, wurde kurz bemerkt und überzeugte Frau Martha Kienschwarz, 78, aus Bochum.

Die AfD dagegen ist eine Gruppe von Menschen, in der es plötzlich erlaubt ist, unanständige, ungebräuchliche und auch sogar unerlaubte Wörter zu sagen. Wenn man aber ernsthaft überlegt, wofür oder wogegen sie sind, fällt einem nichts ein. Vom Euro ist schon lange nicht mehr die Rede. Auch Flüchtlinge sind als Thema irgendwie weg. Bleiben nur noch die eigentlichen Nazibegriffe: völkisch, überfremdet, Untergang, Volksverräter, Volksaustausch.

Wir müssen uns endlich neu orientieren. Wir sind der Souverän: in unserem Land wird gemacht, was die Mehrheit von uns will. Wir sind, wie damals König Ludwig, auf Handel und Wandel angewiesen. Wir verdienen damit so gut, dass es fast egal ist, wer hier regiert, mit Ausnahme der AfD. Selbst Frau Wagenknecht droht ja wohl nur mit der Enteignung ihres Fahrradherstellers.

Unsinnig ist es wohl der Nation nachzutrauern, die ein temporäres Konstrukt des achtzehnten Jahrhunderts war, an dessen fast permanenter Umstrukturierung eigentlich nur die Rechten gearbeitet haben. Der erste Staat in Deutschland, der langsam und zögerlich genug die Diskriminierung des Andersseins beendete und auf den überholten Nation- und Ehebegriff langsam, sehr langsam verzichtete, war die Bundesrepublik unter Führung eines steinalten konservativen Mannes.

Die Technik unterliegt einem ungeheuren Innovations- und Geschwindigkeitswahn, unsere Begriffe stolpern mit unerlaubter Langsamkeit hinterher. Schon allein auf die Formulierung ‚Wie kann es sein…‘ fehlt uns die passende Antwort, dass nämlich, wo Menschen aufeinandertreffen, immer alles sein kann. Die Empörung ist schneller als der Fakt und jede Meinung braucht eine Mehrheit, wenn sie Wirklichkeit werden will.

Meine Wahlempfehlung lautet deshalb: erinnern wir uns, dass wir der Staat sind. L’État c’est nous!

indiviDUALITÄT

 

Nr. 256

 

Wohlstand war das Ziel unserer Gesellschaft. Dieses Ziel verloren wir aus den Augen, als wir merkten, welche Freude Wachstum bereitet. Das wurde zum Fortschritt erklärt. Wenn man sich die alte Welt als eine vernebelte Landschaft vorstellte, dann klärte sich der Nebel immer weiter auf. Jedoch warteten wir vergeblich auf die Sonne, denn statt des Nebels verstellten nun Rauchschwaden und Potemkinsche Dörfer unseren Blick.

I

Die Eisenbahn und das Automobil haben uns zwar die Freiheit der Fortbewegung gegeben. Wir sind nicht mehr an den Punkt oder Raum gebunden, an den uns ein blindwütiges Schicksal gestellt hat. Wir alle kennen viele Menschen, die ihr Dorf, ihre Kleinstadt oder aber auch die Großstadt hassten. Sie alle können jederzeit und auch für immer dorthin gehen, wo ihr Traum ist. So gesehen ist fast jeder Traum verwirklichbar. Die deutsche Sprache schenkte den Menschen weltweit das Wort für die Kehrseite der Traumverwirklichung: Heimweh. Wanderungen wurden früher stigmatisiert. Migranten galten als nicht verlässlich. Tatsächlich fehlten sie ja meist in ihrem Herkunftsort. Daran erinnern nicht nur das als Pejorativ benutzte Wort Zigeuner oder die Verfolgung aller Fahrenden (Roma, Sinti, Jenische, Traveller, Juden), sondern auch die ständige Forderung rechter Propagandisten, dass die gegenwärtigen Migranten lieber in ihrer Heimat bleiben sollen und dort kämpfen oder für den Wohlstand arbeiten. Aus der Sicht der Natives wird der Wohlstand aber gerade dadurch behindert, dass es zu viele Menschen gibt. Migration ist so gesehen immer auch ein demografisches Ventil. Die Auswanderung der europäischen Übervölkerung ist erinnerungsmäßig allerdings und leider in den Nebel geraten. Weiter übersehen wir unsere Wallfahrten in den Süden: Jedes Jahr sieht im Sommer die A 9 von oben wir ein endloser Zug von Dieselameisen aus, erst in die eine Richtung, dann in die andere. Während die Eisenbahn die Gesellschaft in drei Klassen abbildete und sie insgesamt auf Räder stellte, hat das Automobil die einzelnen Familien und Einzelpersonen isoliert. Man könnte leicht übertrieben von mentalen Faradayschen Käfigen sprechen. Zudem sind die Autos natürlich auch ein Statussymbol. Der Überfluss an Geld wird gern in solche Luxusgüter transferiert. Wir Deutschen sparen zum Beispiel, indem wir Küchenschwämme, obwohl sie bis zu fünfzig Milliarden Bakterien pro Kubikzentimeter Schwamm beherbergen, immer wieder auswaschen und damit für pathogene Mikroben umso attraktiver machen, kaufen uns aber alle paar Jahre ein neues Auto. Das ist wahrlich keine Leitkultur.

Der Wohlstand führte also tatsächlich zu einer Individualisierung, Vereinzelung, aber auch Sorgenfreiheit, Freizeit, Freiheit und dem Abbau der Menschenmenge. Erfreulicherweise traten auch alle Menschen, langsam und Schritt für Schritt in das Spektrum dieser neuen Betrachtungsweise: erst das Kind, dann die Frau, dann der Schwarze (‚woman is the nigger of the world’*), dann die Schwulen und die Linkshänder. Wieder traten wir aus einem Nebel. Aber wo ist die Sonne?

II

Auf der anderen Seite ist die Vereinzelung des Menschen auch ein Trugschluss. Der Mensch ist auf den Dialog angewiesen. Ohne diesen Dialog verkümmert er, auch wenn er biotisch überleben kann. Wir haben dafür traurige Beispiele in den wilden Kindern, die von fürsorglichen Tieren, oft Wölfen, aufgezogen wurden, aber auch in Kaspar Hauser, der von bösen oder irregeleiteten Menschen isoliert und nur materiell versorgt wurde. Sein Auftauchen und seine Beschreibung durch Anselm Ritter von Feuerbach brachte übrigens einen beträchtlichen Schub der Emanzipation des Individuums. Der Mensch ist eben nicht Eigentum und/oder Kopie der Eltern oder gar des Fürsten. Feuerbach schloss mit diesem Grund die Folter aus dem Rechtsraum aus und die Beachtung der Täterpersönlichkeit ein. Das ist nicht nur die Begründung des modernen – positiven – Rechts, sondern auch ein wesentlicher Beitrag zur Loslösung des Individuums von genetischen, politischen und religiösen Fesseln.

Die Vereinzelung ist auch ein Ausdruck der notwendigen Verzerrung unseres Weltbildes. So bezweckt das Abschließen unserer Haustüren nicht den Abbruch der Kommunikation, sondern den Ausschluss von Dieben. Immer wieder wird die Zunahme oder wenigstens die Konstanz von Wohnungseinbrüchen beklagt. Jeder, der schon einmal bestohlen wurde, weiß, dass es sich um ein traumatisches Erlebnis handelt, das auch lange noch im Traum verarbeitet wird. Materiell dagegen schädigt uns heutige Menschen Diebstahl nicht besonders. Für die meisten in unserem Teil der Welt ist Diebstahl kein existenzieller Eingriff. Der kommunikative Preis, den wir für unsere Sicherheit zu bezahlen bereit sind, ist also zu hoch.

Das Smartphone wird in beide Richtungen überschätzt. Auf der einen Seite ist der kommunikative Gewinn in einer ohnehin nach allen Seiten abgesicherten Welt nicht so hoch. Man muss im deutschen Schilderwald nicht alle paar Minuten Googlemaps einschalten. Aber es gibt Länder, in denen Schilder mit einer Frequenz von fünfzig oder hundert Kilometern stehen. Nach wie vor kann man sich einfach um vierzehn Uhr an einer Kirche verabreden und muss sich nicht alle zwei Minuten versichern, dass man auf dem richtigen Weg ist. Das Smartphone führt uns aber auch nicht in eine schreckliche Isolation, wie es von so vielen Menschen – verzerrt – vorausgesehen wird. Es gibt keinen Jugendlichen, der nicht sofort seine Ohrhörer zieht, wenn er angesprochen wird! Im Gegenteil: dadurch dass sie alle an ihren Smartphones hängen, sind sie nicht nur weltweit vernetzt, sondern auch mit einem großen Teil des Allgemeinwissens. Geschrieben wird heute weitaus mehr als früher.

In der Zeit, als die Bevölkerung eines Dorfes sich auf seiner einzigen Postkarte versammelte, war eine einzige Postkarte oft auch das einzige kommunikative Zeugnis des damaligen Kollektivwesens Mensch. Der heutige Mensch dagegen, so vereinzelt er in seinem Automobil und mit Kopfhörern auch erscheinen mag, ist immer in Verbindung mit seinesgleichen, auf dem Landweg, zur See, in der Luft oder im Äther, wie man früher zu Funkverbindungen sagte. heute sagt man noch nicht einmal mehr Funkverbindung, sondern einfach nur Netz. Das Bild des Netzes kommt aber doch von der Spinne oder vom Fischer. Es beinhaltet nicht nur die Verbindung, sondern auch die Erdung und den Dialog.

III

Es gibt keine dauerhafte Identität. Wir wissen sicher, dass, aber nicht, wer wir sind. Wir sind wie ein Haus, das einmal gebaut, nicht von alleine stehen bleibt. Ein Schiff wechselt nicht nur seine geografische Position ständig, sondern – durch Korrosion oder Kollision – seinen Aggregatzustand. Dieses Schiff, sich selbst überlassen, würde sich nicht nur in seine Einzelteile auflösen, sondern sogar in die Elemente des Periodensystems. So gesehen sind wir zu einem Hundertstel vielleicht Deutscher oder Franzose oder Slawe. Aber die anderen neunundneunzig Hundertstel oder neunhundertneunundneunzig Tausendstel würden zugunsten dieses einen Aspektes vernachlässigt. Jeder Mensch ist auch Links- oder Rechtshänder oder Beidhänder, links oder rechts oder beides, wie Frau Wagenknecht, Mann oder/und Frau, schwarz oder/und weiß, gläubig oder nichtgläubig, intellektuell oder/und emotional. Und/oder so weiter. Die bessere Beschreibung sind die Schnittmengen nach Euler und/oder Venn. Beide waren übrigens beinahe Pfarrer und/oder Mathematiker.

 

 

*John Lennon

DU MUSST DICH ENTSCHEIDEN: WILLST DU GLÜCK ODER UNGLÜCK

I

Nr. 255

Solche Fragen: ob die Bundesregierung uns 2015 über die Flüchtlinge belogen hat oder ob sie selber planlos vorgegangen ist, kann keiner von uns beantworten. Aber schlimmer noch: trotz sehr guter Quellenlage kann sie überhaupt niemand je beantworten.  Sich durchkreuzende Motivationen und Intentionen, sich widersprechende Nachrichten und Rechtslagen, allzu unterschiedliche Protagonisten lassen einen argumentativen Jungle entstehen, den niemand je wird lichten können. Allein die einzige Frage, ob die CDU eine christliche oder pragmatische Partei ist, lässt sich nicht beantworten.

In diese peinliche Lücke der Antwortlosigkeit stoßen seit Jahrtausenden die Besitzer von allerlei Wahrheiten, unumstößlichen Fakten und Heilslehren.

Es ist also scheinbar so, dass unsere Antworten auf die Frage nach der Lüge oder der Planlosigkeit ganz unabhängig von allen Wirklichkeiten bei uns schon durch unsere Lebenseinstellung feststehen. je länger wir leben, desto schlechter sind wir beraten, bei allen neuen Problemen die Einstellungen unserer Eltern zur Lösung heranzuziehen. Dies geht nur im Kleinkindalter. Später ist die Differenz zwischen dem elterlichen, bewährten Lösungsansatz und den Bedingungen des Problems zu groß, als dass der konservative Lösungsansatz richtig sein könnte.

Schon in die richtige Richtung, ins Gestern, verweist die erste Quelle, die einen sehr großen Einfluss auf uns hat. Das müssen nicht die Eltern, das können auch Lehrer gewesen sein, bei Studierten ein charismatischer Professor, ein sehr gutes Buch. Immer größer wird der Einfluss populärer und populistischer Literatur. Unendlich groß ist die Zahl zum Teil sehr gut gemachter Zeitschriften und Magazine. Das Paradox besteht darin, dass wir unserer ersten oder bevorzugten Quelle desto mehr glauben, je größer die Zahl der Medien insgesamt wird, dass also gleichzeitig unser fast blindes Vertrauen und unsere aggressive Ablehnung steigen.

Vielleicht wehren sich die von uns ‚Rechten‘ genannten gegen den Begriff ‚rechts‘, mit dem sie sich nicht beschrieben finden, weil sie in Wirklichkeit im Gestern stöbern, statt im Morgen. Im Morgen kann natürlich niemand suchen, aber das Heute ist dem Morgen jedenfalls näher das das Gestern.  Das Festhalten am Gestern muss also nicht unbedingt rechtslastig, sondern kann auch ganz einfach zukunftsängstlich sein. Und es ist ja wirklich so, dass wir nicht nur das nächste Jahr nicht planen können, sondern auch nicht die nächste Woche oder Stunde. Die Planbarkeit erhöht sich auch nicht mit der Planerfüllung, denn jeder weiß, dass jedes Leben, jedes Land, jeder technische Prozess unvorhersehbar ist und jäh gestört, unterbrochen oder beendet werden kann. Das Merkwürdige ist, dass schon einer der großen Denker der Bibel, der legendäre König Salomon, diese Vergänglichkeit zum Ausgangspunkt seines oft pessimistischen Weltbildes gemacht hat. Er war wohl wie sein Vater kein law-and-order-Mann, schon wegen ihres Lebenswandels kommen sie beide dafür nicht in Frage, aber andererseits war Salomon auch kein blauäugiger Optimist, er hätte auch gut ein so genannter Rechter werden können, wenn nicht sein kontraproduktives Verhalten besonders den Frauen gegenüber gewesen wäre. Wir wollen damit nicht sagen, dass Rechte die Gesetze einhalten (Kanther-Syndrom), sondern  nur, dass sie Wert darauf legen für gesetzeskonform gehalten zu werden. Hitler hat seinen angeblichen Vegetarismus, Frauke Petry ihre fünf vernachlässigten Kinder in die Waagschale gelegt. Hitler gilt heute als der Inbegriff, das Synonym für Unmoral, Petry wird auch nach dem fünfzehnten Kind nicht Bundeskanzlerin. Sophie Charlotte, das ist jene mecklenburgische Prinzessin aus Mirow, die mit Georg III. von England verheiratet war und eine immer gut gelaunte und sehr gebildete Königin wurde, befand sich nach ihrem fünfzehnten Kind auf dem Gipfel ihrer Beliebtheit. Erst als ihre großen Söhne auf dem Heiratsmarkt mit Gold und Geld um sich warfen, sank ihr Stern so tief, dass ihre Kutsche mit Steinen beworfen wurde.

Ebenso wie im Gestern bleiben viele Menschen bei der gegenständlichen Kunst stehen. Sie wollen Abbildungen. Auch bei Fotos verstehen sie eigentlich nur sich. Die Auflösung der Kunst begann aber mit der Inflation der Dinge. Es gibt so viele Dinge, dass wir sie nicht mehr wahrnehmen können. Und deshalb begann die Kunst uns Eindrücke, Verpixelungen, geometrische Formen, Farben und gänzlich neue Zusammenhänge von Elementen als Mischung von Traum und Wirklichkeit vorzuführen. Die Fasslichkeit jedoch bleibt in der Diktatur und der gegenständlichen Kunst scheinbar erhalten und findet ihren konzentriertesten Ausdruck im Selfie: Ich kann die Welt nur durch mich selbst festhalten.

Die abstrakte  und expressionistische Kunst hatte aber die lange Steinzeit hindurch schon einmal Hochkonjunktur, so dass man sagen kann, dass die gegenständliche Kunst eher die Ausnahme ist. Eigentlich beginnt Kunst bei der Nichtgegenständlichkeit. Die Elemente der Kunst sind auf der einen Seite die Metapher, auf der anderen das Ornament, beide stehen nicht gerade für buchstäbliche oder fotografische Detailtreue.

Es gibt noch eine weitere Argumentengruppe, die keinesfalls außer acht gelassen werden darf. Die Regierung handelt immer fürsorglich, schon um die nächste Wahl zu überstehen. Sie versucht also alle Ereignisse auch im Sinne der Konjunktur zu verstehen und möglichst auch zu beeinflussen. Zwar wird der Einfluss der Politik auf die Wirtschaft oft überschätzt, aber andererseits gibt es bekannte und hochwirksame Beispiele für das Eingreifen der Politik in den Markt, wie New Deal in den USA und die Stützung der Großindustrie durch Aufrüstung im Dritten Reich. Diese Beispiele dienen als Vorlage für den Glauben an die ökonomische Kompetenz und Wirkmacht der Politik. Es kann also sein, dass die Bundesregierung in der Flüchtlingskrise sogleich die keynsianische Chance der Umlenkung staatlicher Gelder zur Konjunkturbelebung gesehen hat, was von der traditionell und bekanntermaßen wirtschaftlich inkompetenten Rechten sofort als ‚Flüchtlingsindustrie‘ diskreditiert wird.

Politiker haben zwar oft eine akademische Bildung, sind aber selten wissenschaftlich tätig. Politik ist wohl eher die Kunst nicht nur der Kompromisse, sondern auch der Balance zwischen den verschiedenen Interessen. Hätte die Bundesregierung im Sommer 2015 gegen die Flüchtlinge optiert, wäre die Zahl der Gegner ungleich größer gewesen. Die Rechten hatten ein comeback, das zwar medienwirksam war, aber sich nirgendwo mit  ernstzunehmenden Mehrheiten kreuzte.

Die Wahl oder besser die Vorwahl besteht also darin, dass ich von vornherein die optimistische oder die pessimistische Sicht wähle. So sehen wir dann die Welt meist ein Leben lang. Und so agieren wir, solange wir können. Und dann werden wir einst tagsüber auf eine Parkbank gesetzt und bleiben immer noch das, was wir waren: offen oder verschlossen, verkniffen oder freundlich.

Die wirkliche oder wahre Antwort heißt Liebe oder wenigstens Vertrauen, heißt Traum und Kunst und Gunst statt Hass und Verbitterung und Mord und Totschlag.

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BESUCH BEIM KÖNIG

 

Nr. 254

Es gibt Zitate, die kann man nicht mehr hören, so oft präsentiert sie uns jemand, als hätte er sie gerade erfunden. Besonders beliebt ist die Einleitung: Wie Einstein schon sagte, dann kommt, was wir alle schon wussten, dass zwei Dinge unendlich seien. Pfarrer zitieren in diesem Jahr wahrscheinlich so oft Luther, dass er für die nächsten fünfhundert Jahre verbrannt ist. Und auch des großen Friedrichs Satz, des Königs in Potsdam, dass alle nach ihrer Façon selig werden sollten, ist oft gehört worden. Als Kind dachten wir da eher an den Friseur, der uns fragte: Fasson?

Inzwischen ist auch seine Ermutigung hinreichend bekannt, dass ‚wir ihnen Mosquen bauen, wenn sie kommen‘. Friedrich, der sowohl oberster Bischof von Preußen als auch belesener und aufgeklärter Philosoph war, wollte vielleicht den Streit über den Aberglauben beenden, dass ein Mensch wüsste, wo und wie er die Zeit nach dem Tod verbringt. Dieser Streit dauert leider noch an, und da es mehr Menschen gibt als zu Friedrichs Zeiten, sind auch mehr in diesen Streit verwickelt, wenn auch zum Glück nicht aktiv. Ob zum Beispiel der Konflikt in Jemen um Hegemonie geführt wird oder um den ‚rechten Glauben‘, wird niemand entscheiden können. Auch der gegenwärtige Terrorismus, soweit er nicht von rechts kommt, wird religiös begründet. Allerdings ahnen wir, dass die gute Botschaft der Religionen unbeschädigt bleiben kann, während die Ideologie so vieler religiöser Menschen nicht nur weit hinter den Erwartungen, sondern vor allem auch hinter den Möglichkeiten zurückbleibt. Obwohl alle das Tötungsverbot eint, zerstreiten und bekämpfen sie sich mit Mord und Totschlag. Jetzt wäre es opportun, die Salafisten zu beschimpfen. Aber es sind nicht die einzigen Mörder.

Der in diesem Jahr gefeierte Luther rief zu seiner Zeit zu Mord und Totschlag auf, als hätte es keine Reformation gegeben. In Minden wurden nach der Reformation mehr Hexen verbrannt als vorher. Nicht nur der Antisemitismus wurde aus der ideologischen Klamottenkiste geholt, sondern auch der Krieg gegen die osmanische Expansion religiös begründet und die Türken zum Antichrist erklärt. Diese ideologisch begründete Feindschaft wirkt immer noch als Angst nach. Was wir gerne übersehen, dass in den Vereinigten Staaten von Amerika die Menschen religiöser sind als in der übrigen westlichen Welt. In den Kirchen der Schwarzen wurden der Gospel (und mit ihm Elvis Presley) und Martin Luther King jun. geboren. Aber der weiße Protestantismus im Süden ist nach wie vor rassistisch und aggressiv und behält das Morden als Option bei. In den USA werden täglich 89 Menschen erschossen. Das sind seit 1968 mehr Menschen, als in allen amerikanischen Kriegen zusammen getötet wurden. Das sind selbstverständlich nicht alles religiöse Morde. Wenn man aber bedenkt, dass die meisten Opfer Schwarze sind, Homosexuelle, Ärzte, die abtreiben, Diebe oder gedachte Diebe, dann ist der Anteil des Protestantismus an der Begründung der Taten ziemlich hoch. Auch Lincoln, Kennedy und Dr. King wurden erschossen, drei von anderthalb Millionen. Der aggressive Atheismus hat den aggressiv-missionarischen Ton übernommen. Aber fast unbemerkt ist eine sanfte Richtung des religiösen Ungebundenseins entstanden, die sich auf Friedrich II. und seinen Kontrahenten Lessing beruft, auf Schleiermacher, Tolstoi, Gandhi, Albert Schweitzer und eben Martin Luther King.

Wir müssen uns nicht streiten, ob Yesus Mensch oder Gott war, was nach dem Tod ist, ob wiederverheiratete Geschiedene Niquab tragen dürfen. Wir wissen, dass man niemanden töten darf und wir töten auch niemanden. Wir sind nicht nur gegen Krieg, sondern auch gegen Waffen und Militärbischöfe, überhaupt gegen Bischöfe mit Pensionsanspruch und Dienst-BMW. Die Quelle des Guten oder überhaupt der Moral liegt nicht in einer dieser tausend und abertausend Gruppen von Rechtgläubigen, sondern in der Menschheit, in ihrer Philosophie, in ihrer Religion und in ihrer Kunst.

Am amerikanischen Weltbild, seinem Hang zum Irrationalen, seiner Überschätzung der Gewalt und seiner sozialdarwinistischen Grundeinstellung, mag Hollywood einen großen Anteil haben. Diese kritische Sicht vergisst, dass weltweit, auch im überdimensionierten Bollywood-Bereich, das Chaplin-Narrativ wirkt. Chaplin schuf diesen einfachen Menschen, der vom Pech verfolgt wird wie die Yesus-Leute vom Aussatz, aber sich nicht nur seine Menschlichkeit bewahrt, sondern auch noch, oft mitten in all dem Pech und Slapstick, Hilfe leistet und schlussendlich obsiegt. Die Sprache dieser frühen Filme ist universell. Der Typ, der auch noch Tramp heißt, ist universell. Die Botschaft ist philosophisch, interreligiös, universell, sozusagen die Verfilmung der Goldenen Regel. Ästhetisch sollte man Chaplin lieber mit Shakespeare vergleichen als mit Buster Keaton. So wie Shakespeare aus der Mischung von hochphilosophischem Gedankengut und Stegreiftheater (commedia dell arte, das ist auch der Schnittpunkt mit Chaplin) bleibende Kunst gemacht hat, die auch vierhundert Jahre später noch ausverkaufte Theater und Katharsis ohne Ende erzeugt, so hat Chaplin aus dem obdachlosen Pechvogel den Überlebenskünstler gemacht, der Gutes tut, weil er gut ist.

Warum ein so gebildetes Volk wie wir, statt einfach immer einmal wieder nach Sanssouci zu gehen und zur überlegen, was der große König meinte, immer wieder neue Umwege zum Guten findet, bleibt unbegreiflich. Zwar speist sich unser Optimismus aus dem Triumph von Demokratie, Sozialstaat mit seinen Anleihen bei der Caritas, und Rechtlichkeit, aber immer wieder lässt uns der Ausschlag der Sinuskurve nach unten verzagen. Man darf sich wahrscheinlich Ideengeschichte nicht anthropomorph denken. Die Ideen wirken in jedem Menschen gleich. Sie sind nicht an ihre ersten Hervorbringer gekoppelt. Auch hier gilt wohl unsere Hypothese, dass nicht die Herkunft entscheidend ist, sondern die Zukunft. Der Fortschritt ist kein Nepotismus, sondern nur durch Vernetzung erreichbar.

Im Park von Sanssouci spazieren Menschen aus aller Herren Länder, mehr Japaner als Afrikaner, mehr Amerikaner als Russen, mehr Franzosen als Türken. Warum ist es nur ein Park und kein Ort des Gedankenaustauschs? Warum werden in den Audioguides Details der Bau- und Pflanzgeschichte erläutert, die die Menschen schon vergessen haben, wenn sie die Headphones abnehmen, und nicht Gedanken von Friedrich über Rousseau bis Schweitzer und King? Dann kann jeder nach seiner Façon selig werden und wir müssen nicht immer wieder dieselben Zitate hören.

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HEIMATLOSE NATIONALISTEN UND NUTELLAFARBENE GELIEBTE

Nr. 253

Die Weltbürger wissen, wo sie hingehören, während die Nationalisten immer und immer ihre Heimat suchen, und sie ist immer verloren, weil heute nichts ist, wie es gestern war. Oft hört man diesen emphatischen Satz: nach dem und dem Ereignis ist nichts mehr, wie es war. Das gilt auch für Tage, an denen nichts passierte, nur da merken wir es nicht oder weniger. Das Altern beginnt am Tag der Geburt. Das Meer beginnt in der kleinen Gebirgsquelle. Die Stadt fängt mit ihrer skyline an.

Der Nationalist sucht also eigentlich keinen Ort, sondern eine verlorene Zeit. Seine Aggressivität speist sich aus einer notwendigen Erfolglosigkeit, denn die Suche nach einer verlorenen Zeit ist nicht sinnlos zwar, aber auch nicht zielführend. Vergangenheit kann man produktiv machen, indem man ihre Erfahrungen nutzt, oder man kann sie als durchlöchertes Schutzschild vor sich her tragen. Ein Ort ist immer seine Geschichte und sein Fluch und seine Flucht.

In der kleinen Stadt Cottbus steht eines der schönsten Theater Deutschlands. Es ist ein Jugendstilbau auf einem weiträumigen Platz, der mit schönen Bürgerhäusern aus eben der Zeit umstellt ist. Jugendstil ist ja eine gutgelaunte, verspielt-barocke und doch aber auch schon moderne Stilrichtung, die freundlich und hell in die Welt gestellt scheint. Wenn man genau hinsieht, erkennt man auch klassizistische und ägyptisierende Formelemente. Klassizismus ist eigentlich nie aus der Mode gekommen. Wenn man sich die neue Nationalgalerie in Berlin ansieht, dann kann man leicht erkennen, wie der Neumeister Gropius Anleihen beim Altmeister Schinkel aufnahm. Und so kann man auch im Stadttheater Cottbus die Verwurzelung des Jugendstils in seinen Ahnen erkennen. Zwei Querstraßen weiter und drei Jahre später wurde das erste Kino Brandenburgs mit architektonischen Anleihen beim Theater gebaut und es erhielt den passenden Namen ‚Weltspiegel‘ und das sind Theater und Kino auch wirklich: Spiegel und abgekürzte Chronik der Jahrhunderte, wie es im Hamlet heißt.

Der Reisende aus Frankfurt am Main oder Hamburg oder München mag glauben, dass er in die tiefste Provinz gelangte, wenn er nach Cottbus kam. Der aufmerksame Wanderer sieht, dass Cottbus neben Dannenberg, Havelberg, Bautzen, Lübbenau und Usedom einer der Schmelzpunkte slawischer und deutscher Kultur ist. Zwar gab es 948 den großen Slawenaufstand, aber wir wissen nicht, ob der Aufstand oder die jahrhundertelange Assimiliationsgeschichte kulturbildender gewesen ist. Der Widerspruch zwischen Freiheit und Ordnung hat sich auch in den Niederungen zwischen Elbe, Havel und Spree als Kampf und Anpassung zugetragen. Während die eine Interpretationsgeschichte immer nur die Konkurrenz und den Überlebenskampf betont, weiß die andere Linie schon lange von der evolutionsfördernden Kraft der Kooperation. Der Fitteste, der angeblich nur überlebt, ist also keinesfalls der körperlich stärkste, vielmehr kann der körperlich schwächste alle die empathischen Kräfte in sich vereinen, die er durch seine Schwäche angezogen hat. Darwin hat die Metapher vom surviving of the fittest von Herbert Spencer übernommen und sich im Vorwort zur fünften Auflage seiner ‚Entstehung der Arten‘ dafür entschuldigt, dass er nichts besseres gefunden hat. In der Natur herrscht, wenn überhaupt jemand, Reichtum, nicht Armut, wusste schon der aufmerksame Leser Nietzsche, der auch herausfand, dass fit sein und lesen sich nicht widersprechen.

Der zweite Punkt, der Cottbus zur Weltstadt macht, ist der berühmteste Bewohner, der Fürst von Pückler-Muskau. Er war einerseits ein damals hochberühmter Weltreisender, den Goethe befragte und der sich mit dem Freiherrn Alexander von Humboldt – von dem ihn aber Millionen von Thalern trennten – weltläufig über die Welt austauschte. Andererseits war er ein absolut bodenständiger Parkgestalter und Landschaftsarchitekt, dessen Markenzeichen, riesige Rotbuchen, wuchtig und lieblich zugleich, seine teils französischen, mehr aber englischen Parks zu Inseln der Geborgenheit inmitten einer als Heimat empfundenen Welt wurden. Dieser Fürst, der immer pleite war und sich Geld borgen musste, brachte von einer seiner Reisen die erste freie Afrikanerin mit, Machbuba aus Äthiopien, die in Europa, nämlich als seine Geliebte, lebte. Er hatte sie auf dem Sklavenmarkt in Kairo gekauft, sie war wahrscheinlich aus dem Volk der Oromo. Aber ist man als Geliebte oder Geliebter frei? Ist man als AfrikanerIn in Europa frei? Ist man als EuropäerIn in Afrika frei? Ist der Gläubige frei? Ist der Gläubiger frei? Vielleicht heißt Freiheit nur Unkenntnis der Bindungen. Andererseits, schreibt Hegel, ist der Unwissende unfrei, denn er lebt in einer Welt, die er nicht gemacht hat. Je mehr man weiß, desto mehr weiß man auch, dass es keinen Ort und keine Zeit gibt die stehenbleiben.

Das alles wusste man oder hätte man in Cottbus wissen können. Doch trotzdem schrieb man im Jahre 1908 an das weltläufige Theater: DER DEUTSCHEN KUNST. War es also ein Theater gegen die Hälfte der Einwohner, die Sorben? War es ein Theater gegen den Fürsten von Pückler-Muskau, der in dem von ihm geschaffenen Park Branitz in einer undeutschen Pyramide begraben liegt, nicht weit von seiner nutellafarbenen Geliebten, die an Heimweh starb? War es ein Theater, in dem kein Shakespeare gespielt wurde, ohne den kein Theater denkbar ist, so wie keine Musik ohne Bach und kein Bild ohne Michelangelo denkbar ist? War es ein Theater ohne Ibsen, der ewige nationalistische Asylant oder asylsuchende Nationalist, dessen letztes Wort ‚im Gegenteil‘ war? Das Theater selbst kommt in seiner heutigen Form aus Griechenland, in seiner allgemeinen Form aus jedem Kinderherzen. War es also ein Theater ohne Theater?

Wer aus der Kunst eine ‚deutsche‘ Kunst zu machen glaubt, glaubt auch an eine ‚deutsche‘ Leitkultur, an Menschen, die sich nur in Deutschland die Hand geben. Wir sind alle Unwissende, die in einer fremden Welt leben, die wir nicht gemacht haben. Aber uns ist ein Verstand gegeben, Augen zu sehen, Ohren zu hören. Wir alle leben von und durch Vertrauen und Kooperation, nicht und niemals von Neid und Geiz, Hass und Missgunst.

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LINKER WAHN UND RECHTE REUE

Nr. 252

Viele Jahre wurde gesagt, dass das Linksrechts-Schema überholt sei. Wir hörten von Volksparteien, aber mit Attributierungen taten sie sich schwer. Die CDU war mehr für die Wirtschaft, die SPD, so wurde gesagt, eine Arbeitnehmerpartei. Der FDP-Vorsitzende Möllemann nahm sich das Leben, weil es ihm nicht gelang, die liberale Partei in eine rechtskonservative zu verwandeln, sozusagen an der CDU und sogar noch an der CSU rechts vorbeischleichen. Echten Antisemitismus gab es allerdings auch in der CDU, als nämlich illegale Parteispenden zu gespendeten Nachlässen jüdischer Menschen erklärt wurden. Der damalige Innenminister Kanther wurde wegen Betrugs und Untreue rechtskräftig verurteilt.

Die Volksparteien bewegten sich dann unter Schröder noch weiter aufeinander zu, und zwar in Richtung der neuen Mitte. Jeder wollte die Mitte der Gesellschaft für sich gewinnen. Insofern war dies eine Abbildung tatsächlicher Verhältnisse, indem es in Deutschland immer noch einen starken Mittelstand gibt. Allerdings ist durch die Schröder-Politik auch deutlich der Billiglohnsektor gefördert worden. Warum es weder der FDP noch der SPD gelungen ist, das Handwerk als das Rückgrat des Mittelstandes nachhaltig zu sanieren, bleibt ein Rätsel. Vielleicht ist es der Sparwahn oder der Sparzwang, der uns hindert, wirklich gute und also auch teure Produkte zu kaufen. Allerdings da, wo ein guter Ruf sich aus der Mittelstandszeit erhalten hat, nämlich in der Automobilindustrie und in der Landwirtschaft, da wird er gerade in einer neuen Stufe verspielt. Natürlich ändern sich die Zeiten. Niemand möchte mehr hungern – das ist so trivial, dass es schon lächerlich ist -, niemand möchte mehr am Milchladen mit seiner Kanne anstehen. Aber der Preis für unseren Luxus und unsere Verwöhntheit, das sehen wir jetzt überdeutlich, ist auch sehr hoch. Nicht nur öffentliche Toiletten und U-Bahnen riechen nach diesem Desinfektionsmittel, sondern auch das Gelbe vom Ei.

Je mehr die Parteien ihr Profil zugunsten der Mitte aufgaben, desto wirkungsloser wurden sie als Partei, als ein Verein mit einem bestimmten politischen und auch praktischen Ziel. Alle Parteien verloren bis zur Hälfte ihrer Mitglieder. Da aber der Politikbetrieb nicht nur ungestört, sondern hocheffektiv weiterlief, wurde der Verlust an Parteimitgliedern nicht als Verlust gesehen. Wahrscheinlich – ich weiß es nicht -, wird das Aufhängen der Wahlplakate outgesourct, und es werden Firmen aus Polen damit beauftragt.

In all diesen Jahren der Mittewanderung und Umprofilierung der Parteien hat sich aber rechtes und linkes Gedankengut – und das ist ein großes Wort für kleinen alten Unsinn – angesammelt und sogar konzentriert.

In der linken Partei wird seit Jahrzehnten – und so auch in der diesjährigen Bundestagswahl – gefordert, die Banken und alle Großverdiener zu besteuern. Liest man die Kommentare dazu, so ist das nichts anderes als die Forderung, diese Großverdiener zugunsten der Kleinverdiener abzuschaffen. Man darf nicht vergessen, dass es in der linken Bewegung auch Verwirklichungen dieser Forderung gegeben hat. Heute weiß zum Glück niemand mehr, was das Wort ‚Kulak‘ bedeutet. Aber in der großen Hungersnot, die auf die Kollektivierung der Landwirtschaft 1928 in der Sowjetunion folgte, wurden – nach den fünf bis sechs Millionen verhungerten Menschen – drei Millionen Kulaken ermordet. Kulaken waren Großbauern. Der ehemals linke Diktator von Zimbabwe, Robert Mugabe, hat die weißen Rosenzüchter, die – und das ist schon merkwürdig genug – das Fundament der Wirtschaft des Landes waren, als Verursacher des Rassismus erschießen lassen. Niemand wird nun annehmen, dass der linke Flügel der linken Partei die Banker erschießen lassen will. Aber die Unterstellung, dass durch eine Umverteilung des vorhandenen Geldes mehr Gerechtigkeit entstehen wird, übersieht, mild gesagt, dass alle diese Versuche bisher gescheitert sind. Wenn Marx den Frühkapitalismus vielleicht wortgewaltig beschrieben hat – und einige dieser Wörter werden noch gebraucht -, dann konnte er nicht sehen, dass eine spätere Produktion die für ihn zur Revolution vorgesehen Arbeiterklasse abschaffen wird. Wir leben in immer mehr Wohlstand, den immer weniger Menschen herstellen. Jede Revolution wird aber genau die Gewalt anwenden, die sie gerade bekämpfen will. Selbst in der relativ friedlichen DDR sind tausend Menschen an der Grenze und hunderte in den Stasi-Gefängnissen gestorben. Der Gram zählt seine Opfer nicht. Die Forderung also, ein aus der Vergangenheit überkommenes Phänomen historisch durch die Eliminierung der Menschen, die es tragen,  zu beseitigen, widerspricht, wie wir aus der Erfahrung wissen, jeglicher Menschlichkeit, weil das immer mit Gewalt verbunden ist. Die Gewaltlosigkeit, als Methode gegen Machtmissbrauch, bedarf auch einer Idee für die Zukunft. In Indien wurde nach der gewaltfreien Beendigung des Kolonialismus Demokratie und Marktwirtschaft, inzwischen mit wachsendem Erfolg, übernommen und nicht etwa der Marxismus. Der Gipfel der Geschmacklosigkeit  ist aber, wenn eine vorgeblich linke Zeitschrift den Buchtitel eines Hitlerbuches für Marx reklamiert: Er ist wieder da. Allerdings hat diese Zeitschrift auch einen Populisten deswegen zum Herausgeber ernannt, weil sie hofft, von dessen 700.000 Facebook-Fans  für die eigene schwächliche Auflage zu profitieren.

Die wiederauferstandenen Er-ist-wieder-da-Rechten werden es bereuen, dass sie sich so spät aufgemacht haben, ihre Halbsätze – denn das Wort ‚Thesen‘ weigert sich, hier zu erscheinen – unter die Leute zu bringen. Wenn man bedenkt, dass diese neurechte Bewegung gerade in dem Moment aufkam, indem die Akzeptanz der muslimischen türkisch-kurdischen und unbemerkten polnischen Migranten am höchsten war. Niemand in Deutschland, mit Ausnahme einer winzigen NPD-Minderheit, hat  mit den widerlichen NSU-Morden sympathisiert. Millionen aber fanden die Forderungen der zum Glück schon halb vergessenen Pegida und der kurz darauf als eurokritische Partei gegründeten Alternative für Deutschland akzeptabel oder wenigstens überlegenswert. Es musste also erst eine neue Gruppe von Menschen hinzukommen, die keiner kannte und die man als neuen Feind deklarieren konnte. Wenn man alle Vorsicht fahren lässt, beruht der Vorschlag der Neurechten – genauso wie der Altlinken – darauf, eine Menschengruppe zu eliminieren. ‚AUF DER FLUCHT ERSCHOSSEN‘ war ja im Nazireich eine häufige Todesursache, und die Ironie der Geschichte macht vor Menschenleben nicht halt.

Was oder wen soll man also wählen? Die absurden Vorschläge erhalten im untern Bereich – um die sieben Prozent –  immer noch Zustimmung, obwohl sie beide durch die Geschichte endgültig widerlegt sein könnten. Warum sind die Menschen so dumm? Die Menschen sind nicht dumm. Die Hoffnung auf eine schnelle und einfache Antwort ist bequemer als das mühselige Sammeln von Fakten, Tendenzen und Meinungen. Es gibt heute auch zu jeder einzelnen  Frage eine wissenschaftliche Theorie mit eigener Fachsprache.  Die große Menge der Menschen wird weiter die empfohlene Mitte wählen, und es wäre ja auch schade um das mühevoll erworbene Ansehen. Keiner wird das fordern, was wir wirklich brauchen: Bildung, Sinn und Empathie.