BANLIEU

Nr. 363

Oben und unten sind genauso untauglich gewordene Begriffe wie Gewinner und Verlierer. Sie stammen aus der unsolidarischen Ständegesellschaft, inzwischen gibt es eine durch das Bildungssystem gestützte soziale Durchlässigkeit, die vor hundert Jahren absolut unvorstellbar war. Die Hälfte aller Menschen macht Abitur und in den Berufsschulen gibt es Büros, die Türöffner oder ähnlich heißen, die Menschen aufsammeln, die bisher durch alle Auffangeinrichtungen gefallen sind. Trotzdem belassen gerade die Demokratie und die mit ihr als Ideal verbundene Freiheit Menschen im Zustand der Unbildung, die theoretisch nicht identisch mit Unwissenheit ist, in der Praxis aber wohl. In der Ständegesellschaft war das unten, das waren die Verlierer, die den Hof fegten, bevor es Hartz IV oder ähnliche Leistungen gab. In Köthen in Sachsen-Anhalt gibt es zwei berühmte Familien, die jeder in Deutschland kennt: die Familie Bachs, des weltgrößten Komponisten, und Familie Ritter, die sich aller Bildung und Fürsorge durch Leberzirrhose entzieht. Sachsen-Anhalt hat zur Freude der Berliner das bundesweit schlechteste Bildungsergebnis.

Das ist nicht neu. Neu ist aber, dass sich jemand dieser bedauernswerten und bedauerlich kaum erreichbaren Gruppe bemächtigt. Wir können nicht bestreiten, dass es Xenophobie tatsächlich gibt. Aber wir wissen auch, dass sie fast nur reziprok auftritt: je mehr Fremde es gibt, desto geringer ist die Angst, je abgeschotteter und verlorener eine Region ist, desto ängstlicher sind ihre Bewohner. Diese Angst musste man aufgreifen und durch den seit altersher vorhandenen Abscheu gegen die Regierenden ergänzen. Dabei wird absichtlich Bürokratie mit dem Staat, also der Organisationsform des Gemeinwesens verwechselt. Die Kritik an der zum Ausufern neigenden Bürokratie stammt von Max Weber und nicht von Bernd Höcke. Die hoch verdienstvolle Gorki Theaterkolumne hat jüngst aufmerksam gemacht, dass der so genannte Bremer Skandal, also das angebliche Durchwinken jesidischer Flüchtlinge nach der Überprüfung eine Fehlerquote von 0,7% erbrachte, während die vorsorglichen negativen Asylbescheide zu 20% falsch sind. Obwohl die Tatsachen einfach verdreht wurden und der Staat in seiner Intention mit der ausführenden – und gut ausführenden – Bürokratie gleichgesetzt wurde, bleibt bei den Wählern dieser Gruppe hängen, dass Menschen begünstigt wurden, die nicht sie waren. Alle Argumentationen greifen schon deshalb nicht, weil sie in einem sachlichen, teils auch wissenschaftsnahen, bürokratischen Ton vorgetragen werden, den diese Gruppe nicht versteht und nicht verstehen will. Die Partei, dies sich dieser Gruppe angenommen hat, greift dagegen diesen pöbelhaften Ton auf, dessen emotionale Schärfe den Mangel an Argumenten übertönen soll.

Auch die Dresdner Pegidarentner, die keinesfalls überwiegend zu dieser Gruppe gehören, übernahmen freudig diesen Ton, mit dem sie endgültig ihren jahrzehntelangen Opportunismus aufzugeben glaubten. Tatsächlich haben sie nur die Gruppe gewechselt, werden jetzt von Bachmann, Höcke, Kalbitz und Gauland instrumentalisiert. Plötzlich ist es erlaubt, die da oben nicht nur zu kritisieren, sondern mit Pejorativen zu belegen, die im familiären Kreis längst gebannt schienen. In Dresden wurde der Bundeskanzlerin auch der Lynchgalgen gezeigt, eine uralte Tradition der Rassisten. Die Rasse, die jetzt bekämpft wird, sind die Oberen. Anders als in Amerika stammen bei uns die Regierenden keineswegs oft aus der Klasse der Oberen. Gerhard Schröder beispielsweise kommt aus einer Siedlung, die heute eher am Rand der Gesellschaft, nicht nur am Rand einer Kleinstadt zu finden wäre. Folgerichtig, so scheint es, ist der einzige Milliardär in einer deutschen Regierung von Nazis erschossen worden. Die heutigen Nazis greifen auch diese antikapitalistische Stimmung begierig auf. Damit treten sie im Osten Deutschlands das Erbe der linken Partei an, ergänzt um den pöbelhaften Ton. Würde man also die AfD nach alten Parteikriterien einzuordnen versuchen, so könnte man sie als Nationalbolschewisten bezeichnen. Vorbilder sind nicht nur die Gebrüder Strasser, sondern auch Slobodan Milošević, während Sarah Wagenknecht mit ihrer schon vom Namen her nationalbolschewistischen Initiative klar gescheitert ist.

Es gibt die Angst abzusteigen, es gibt die Angst, dass die Abgestiegenen sich den engen Raum teilen müssen, es gibt Xenophobie. Aber auf der anderen Seite gibt es immer jemanden, der das für seine Zwecke zu nutzen versteht, der instrumentalisiert, der populistische Sprüche in pöbelhafter Sprache hinausschleudert und übrigens auch keine Achtung vor den Gedanken anderer hat. Das ist kein tragfähiges politisches Konzept und wird sich auf Dauer nicht durchsetzen, weder hier noch anderswo. Die zweite Regierung mit nationalistischer Beteiligung ist soeben gescheitert, nach Österreich nun auch Italien. Sie werden alle scheitern, sowohl am Wählerwillen als auch – Gott sei Dank – an ihrer scheinbar als Fluch vererbten Inkompetenz.

Das eigentlich Tragische in diesem Jahr – und man kann befürchten, dass es bei der nächsten Bundestagswahl noch einmal so kommt – sind die Versuche der Parteien mit diesem zurecht als widerwärtig wahrgenommenen Problem fertigzuwerden. Auf der einen Seite ist die AfD demokratisch gewählt, auf der anderen Seite aber missbraucht sie die Demokratie und deren Geld auf die schändlichste Weise. Manche rennen ihrer Schaumschlägerei hinterher, wie leider auch die neue Vorsitzende der CDU. Andere versuchen ernsthaft die Rückgewinnung verlorener Verlierer.

Am Freitag vor der Landtagswahl hat sich der stellvertretende und – wie zu befürchten ist – designierte Vorsitzende der SPD in ein abseitiges Banlieu begeben. Die alte Bedeutung des heute eindeutig konnotierten Begriffs war das Stadtbild von weitem, das Weichbild einer Stadt. Die Hauptstadt der Uckermark, die immer noch eine der größten gotischen Kirchen – demnächst sogar fertig rekonstruiert – besitzt, wird aber dennoch gekennzeichnet durch fast endlose Neubauviertel, die aber schon fast ein halbes Jahrhundert hier stehen. Wahrscheinlich wollte die SPD die Menschen erreichen, die sich hier abgehängt fühlen. Aber es kam eine Handvoll überwiegend ältere Damen auf dem Fahrrad, dazu die Stadtprominenz, angeführt vom SPD-Bundestagsabgeordneten, der seit Jahren durch seine Visionslosigkeit geradezu schockiert. Die Adressaten waren wie immer ausgeblieben. Es gab mehr Kuchen als Kaffee, aber diese Kuchenbüffets sind auf allen Veranstaltungen absolut identisch. Daraus folgt, dass die ältlichen Frauen das Rückgrat dieser Art politischer, religiöser und künstlerischer Kultur sind. Der Kuchen war bemerkenswert gut. Dazu war der künftige Vorsitzende der ältesten und größten Partei Deutschlands mit zwei gepanzerten Mercedes-S-Klasse-Limousinen und einem dicklichen Polizisten auf dem Motorrad hundert Kilometer aus Berlin angereist:

LOVE WAS SUCH AN EASY GAME TO PLAY – YESTERDAY.

In derselben Woche hat das Handelsblatt eine Studie der Universität Mainz veröffentlicht, aus der hervorgeht, dass die vier gesundheitlich lebenswertesten Regionen im Nordosten Deutschlands liegen. Der in dieser Hinsicht beste Postleitzahlbezirk hat die Nummer 17. Schauen Sie nach und kommen Sie her!

WENIGER SINN?

 

Nr. 362

Unter meinen Lesern sind auch Schreiber, und einer schrieb: es scheint so, dass, da es immer mehr Menschen gibt, der Sinn nicht für alle reicht. Das kann man nicht ausschließen. Es kann auch Ironie sein und Verspottung von Inhalten, die gar zu mechanistisch dargestellt werden. Gern vergleichen wir uns auch mit Computern, und da könnte es sein. dass der Speicherplatz eng wird oder die Festplatte einen Sprung hat.

Der Zuwachs der Welt an Menschen ist tatsächlich erstaunenswert und unglaublich. Viele von uns verstehen nicht, dass eine gleiche absolute Zahl von Beteiligten 1950, 2000 und schon 2020 ein anderes Verhältnis zur Gesamtzahl bedeutet. So werden immer wieder die absoluten Zahlen etwa der Flüchtlinge nach dem zweiten Weltkrieg oder der Hungernden oder der Analphabeten zur Weltbevölkerung ins Verhältnis gesetzt, und man bemerkt nicht oder nur schwerlich, dass es immer weniger werden. Stellt man sich also den Sinn als einen endlichen Pool vor, so könnte man tatsächlich glauben, dass es eng wird. Aber die wachsende Anzahl von Menschen hat auch mehr Freizeit, mehr Bildung, mehr Kommunikationsmittel, eine weitaus höhere Mobilität und vor allem einen permanenten Zugang zur Kunst.

Adorno meinte, dass ein Leben, das Sinn hätte, nicht danach fragte. Der Satz ist etwa so sinnvoll wie der, dass es kein richtiges Leben im falschen geben kann. Es gibt kein richtiges Leben, wissen wir heute, falsch sein ist keine Entschuldigung, und Sinnsuche ist keine rationale, ein für allemal abgeschlossene, bilanzierbare Angelegenheit. Selbst die großen Sinngeber des zwanzigsten Jahrhunderts müssen sich Kritik an ihren eben auch immer zeitgeistbedingten Handlungen gefallen lassen. Immer wieder wird die Frage gestellt, ob das Werk den Schöpfer entschuldigt. Wer wirklich denkt, stellt sich und seinen Sinn täglich in Frage und versteht langsam, dass Leben keine Schiene und kein Stellwerk, sondern ein Gewirr von Schienen, Weichen, Stellwerken, Abstürzen, zu vollen Speichern, zu leeren Speichern, unverschuldeten Katastrophen und verschuldeten Katastrophen, von Schuld und Schulden, aber auch von unvermutetem Glück, von Liebe Glanz und eben Sinn ist. Weil manchmal etwas plötzlich einen Sinn erhält, den es vorher nicht hatte, glauben wir insgeheim und immer wieder gern an den großen Demiurgen, den Gott der Ameisen, der jede einzelne Bewegung, wie ein großer, großer Marionettenspieler in der Hand hält. Andererseits verwenden wir das Bild von den Marionetten auch gerne, um Menschen, die offensichtlich von Drahtziehern, die es dingfest zu machen gelte, gelenkt und geleitet werden, zu diskreditieren. Das sind immer die anderen. Wir selbst, meist schrumpft das Wir auch noch zum Ich, wir selbst sind die einzigen Realisten weit und breit, allenfalls denken noch jene realistisch, die uns Beifall klatschen. Auch das Wort Claqueure kann uns nicht abschrecken und von unserem Aberglauben an uns selbst abhalten. Andererseits kann man ohne Glauben nicht leben, und man wird hinnehmen müssen, dass er teilweise Aberglauben ist. Zum Schluss zeigt sich vielleicht, dass gar nicht der Glaube oder der Aberglaube das entscheidende waren, sondern die aus ihnen gewonnene Zuversicht.

Selbst bei einer winzigen Erdbevölkerung in grauer Urzeit ist die Verfügbarkeit von Kunst gering gewesen. Felszeichnungen, Trommeln, Oraltur* – all das war nicht allgegenwärtig, sondern wurde durch Nahrungssuche, Katastrophen, Geburt und Tod, also durch die Basics des Lebens nicht unterbrochen, sondern unterbrach das Leben: der Sonntag war geboren. Heute dagegen vermögen weder Basics noch Katastrophen den Dauerfluss der Geschichten zu unterbrechen, der auf tausend Medien eben nicht mehr unterbrechbar ist.

Es gibt nicht weniger Sinn oder mehr Unsinn, sondern weitaus mehr Ausweichmöglichkeiten als je gedacht. Der Taugenichts, den sich der Romantiker Eichendorff ausdachte, fand seinen Sinn im Nichtstun, im bloßen Spaß der Italienreise. Heute ist die Mobilität selbst in den entlegensten Winkeln der Welt eine Selbstverständlichkeit geworden. Klapprige Busse holpern durch alle Länder und durch alle Dörfer der weiten Welt. Niemand wird mehr als Taugenichts verurteilt, der Sinn oder Unsinn woanders sucht. Ein Junge aus einer türkischen Familie in Berlin, der in der Schule genötigt wurde, den Taugenichts von Eichendorff zu lesen, klappte das Buch schon nach der ersten Seite mit den Worten zu: ‚Mein Vater liebt mich viel zu sehr, als dass er mich aus dem Haus werfen könnte.‘ Niemand muss mehr Müller werden, der das nicht will oder kann, aber jeder kann Müller werden, der weit genug zu gehen imstande ist. Der Taugenichts hat sich umgedreht.

Sinnsuche war eine ziemlich elitäre Angelegenheit, die einerseits heute durch die Anwesenheit von Kunst erleichtert wird, andererseits aber aus demselben Grund nicht mehr sehr nötig erscheint.  Die Arbeitsteilung, die sich früher eher auf die Grundversorgung bezog, scheint heute auch den Sinn, die Bildung, die Religion erfasst zu haben. Der entbettete Mensch** trifft auf ein Überangebot von Geschichten. Nur noch die Kunst und die schlechte Nachricht sind allgegenwärtig. Insofern ist die Sinnsuche exklusiv geworden. Sie ist nicht mehr einer gebildeten oder vermögenden Elite vorbehalten, sondern einer sich selbst auswählenden Minderheit.

Das ist die Minderheit der Produzenten jener Gegenstände und Gedanken, die nicht von Maschinen oder Traditionen stammen. Die Freiheit, die früher als ein fast unerreichbares Ideal erschien, hat sich in unser Leben geschlichen. Allerdings ist auch sie kein Konsumartikel, sondern ein Luxus wie der Gedanke. Sinn ist so schwer zu finden wie früher, aber nicht, weil er sich rarmacht, sondern weil er überbordend in den abertausend Geschichten findbar wäre, wenn denn jemand suchte.

Angeblich wird weniger gelesen, aber jeder zehnte Lebensratgeber, oft auch als Diätbuch getarnt, wird zum Bestseller. Dann sitzt die ganze Nation im überfüllten Regionalexpress, liest dieselben Ratschläge, handelt ein paar Wochen danach, um sich der nächsten Mode zu ergeben. Das ist nicht etwa neu, sondern nur inflationär.

Vielleicht wird eines Tages Alleinsein und Sinnsuche modern.

*oder Oralliteratur

**nach Charles Taylor

ZEITGEIST

Nr. 361

Von manchen wird der Zeitgeist so beschimpft und bekämpft wie der Kapitalismus oder die Plastiktüte. Aber das sind alles keine Feinde, die eindringen könnten oder eindringen wollen oder bereits eingedrungen sind. Es sind unsere Instrumente. Der Kapitalismus zum Beispiel ist die immer perfektere und immer perfidere Wirtschaftsform des Marktes. Man kann ihn abschaffen, aber dazu müsste man erstens eine bessere Art des Wirtschaftens als Idee und zweitens die perfekte Demokratie oder wenigstens die perfekte Diktatur haben.

Sehen wir uns in der Welt der Diktaturen und Diktatoren um, so beherrschen sie recht gut die Korruption und Großsprecherei, aber von Wirtschaft hat keiner auch nur die leiseste Ahnung. Isaias Afewerki, der Herrscher von Eritrea, setzt offiziell auf eine Art Reichsarbeitsdienst, in Wirklichkeit aber hofft er auf das Geld der Flüchtlinge und auf ein Wunder. Niemand kann die Zukunft voraussagen und Geschichte wiederholt sich auch nicht, aber die Menschen aus dem Osten Deutschlands haben ein Wunder miterlebt, das zumindest ihre wirtschaftlichen Probleme mit einem Schlag gelöst hat. Aber der Mensch lebt nicht vom Brot allein. China, vor dem alle zittern, hat zumindest versucht, mit einer neuen Kombination zu einer neuen Lösung zu kommen. Mathematisch gesehen ergibt minus mal minus plus, hier aber treffen zwei unmoralische Prinzipien aufeinander, die sich noch dazu ausschließen. Das kann nicht gutgehen. Allerdings ist das kein Argument, sondern der Wegwischwunsch eines Alptraums, der zudem ein Dilemma ist. Mit Afrika finden wir eine Übereinkunft und einen Frieden, aber was machen wir mit dem zusammenbrechenden oder zusammengebrochenen China?

In einer perfekten Demokratie dagegen kann man Grundsätzliches nur durch Mehrheitsbeschluss ändern, dazu muss man vorher die Realisierung und Finanzierung auch derjenigen Projekte bedacht haben, die mit Sicherheit scheitern werden. Das ist umständlich und zeitraubend. Unsere Demokratie befindet sich zudem im Moment in einer Krise, die durch die unerwartete Transparenz ausgelöst wurde, die durch die neuen Geschwindigkeiten der Gedankenübertragung erreicht wurde. Transparenz ist ein Wesensmerkmal der Demokratie. Für die Macher lebte es sich aber auch ganz gut ohne sie. Dem Volk, das wir hier ausnahmsweise und ein letztes Mal als unechtes plurale tantum darstellen können, dem Volk blieb lange der Zweifel, ob die Regierenden nicht heimliche Diktatoren geblieben sind, die nur vorgeben unheimliche Demokraten zu sein. Dafür gibt es Beispiele: die Spiegel-Affäre, die Spenden-Affäre (beide CDU), der Verkauf von Sozialwohnungen (SPD), die Behauptung, dass der irakische Diktator, gegen den viel sprach, chemische Waffen eingesetzt hätte, als Vorwand, um ihn von außen zu beseitigen (Republikaner). Andererseits gibt es ermutigende Äußerungen charismatischer Politiker, die als Manifeste der Demokratie taugen würden: Ich bin ein Berliner, Wir wollen mehr Demokratie wagen (beide Demokraten und Sozialdemokraten), Wir schaffen das (CDU).

Falkenberg an der Elster ist eine kleine, völlig leere Stadt im Süden von Brandenburg. Sie hat einen überdimensionierten Turmbahnhof, dessen Empfangsgebäude nicht mehr da ist. Rechts vom Bahnhof gibt es ein leeres, ruinöses Postgebäude in typischer DDR-Architektur, an das gleiche Gebäude links vom Bahnhof, dessen ehemalige Funktion nicht mehr erkennbar ist, schrieb ein mitleidiger Graffiteur: NICE. In einer nach einem bekannten Sozialisten und Kapitalisten* benannten Straße stehen mehrere wunderschöne rote Backsteinbauten als Ruinen, lediglich ein Haus ist bemerkenswert restauriert und bewohnt. An der Jugendstilkirche, mitten in der kleinen Stadt, vermutet man das Zentrum, aber ein Schild zeigt, dass das Zentrum da sein soll, wo man gerade herkam und es vergeblich suchte.  Es gibt überall sehr schöne Häuser, deren Sinn sich aber durch die gleiche Anzahl leerstehender und ruinöser Gebäude und durch die fehlende Struktur nicht erschließt. An fehlender Struktur übertrifft das arme Städtchen sogar noch Schwedt.

Die Lösung dieses Rätsels ist der Zeitgeist, der über die flache Landschaft hinwegfegte. Falkenberg hat somit das gleiche Schicksal wie die Tonbandkassette: es gibt sie noch, aber keiner braucht sie. Falkenberg war ein unbedeutendes Dorf im preußischen Regierungsbezirk Merseburg, als die Industrialisierung und mit ihr die Eisenbahnen kamen. Wahrscheinlich zufällig kreuzten sich hier fünf damals bedeutende Staatsbahnlinien. Vielleicht war aber auch der Planer, ein Reichsbahnrat, aus diesem Flecken gebürtig, der seiner Heimat ein bis heute existierendes Denkmal gesetzt hat. Alles war möglich in dieser personalisierten Zeit, die wir nicht mehr verstehen, weil wir zwar geachtete und berechtigte Individuen sind, aber so viele, dass sie keiner mehr beachten kann. Nun ist das Städtchen aber zum Mahnmal dafür geworden, dass man außer dem Zeitgeist noch etwas anderes, übergreifendes in seinem Leben haben sollte. Das ist für einen Ort nicht leicht, aber für einen Menschen auch nicht unmöglich.

Das Land, in dem wir leben, ist ja nicht der Staat. Das sollte in Deutschland, in dem wir alle Großeltern aus fünf bis sechs Staatssystemen hatten, selbstverständlich sein, ist es aber nicht. Parteien plakatieren immer wieder Widersprüche, die es gar nicht gibt. Niemand ist ja nur Ostmensch oder sollte sich darauf reduzieren lassen. Kein Städtchen ist nur Eisenbahnknoten und sollte sich darauf reduzieren lassen. Der Zeitgeist ist keine alte Frau, die uns als Hexe auf dem Rücken sitzt. Er ist auch kein alter Mann, der als allwissender Diktator und Übervater vergeblich vorgibt, es mit uns nur gut zu meinen. Das Zeitalter der Personalisierungen sollte vorüber sein. Wir sollten gelernt haben, dass Prinzipien Prinzipien sind, und keine anthropomorphen Schatten. Wir benutzen Prinzipen oder Instrumente, um bestimmte übergreifende Ziele zu erreichen. Aber am Beispiel des Wohlstands, eines erreichten Ziels, kann man gut sehen, wie dilemmatisch und trügerisch der Frieden ist, den wir mit uns selbst geschlossen haben, eine Matrjoschkapuppe, die Ungeheuer gebiert.  Frieden dagegen als Zustand zwischen Ländern, Völkern, Staaten, Nachbarn und Geschwistern ist eine Bedingung, ohne die man nicht leben kann.

Niemand wünscht sich Gefühllosigkeit. Ohne Empathie ist kein Staat mehr zu machen. Deshalb kann niemand ohne Geschichten sein, ohne Kunst, ohne Schönheit. Nichts sollte auf reine Rationalität heruntergebrochen werden, außer die festgezurrten und daher falschen Gefühle der Fanatiker, zu denen unsere Lieblingsaphoristikerin, die dicke Freifrau aus Böhmen** schreibt: Geistlose kann man nicht begeistern, aber man kann sie fanatisieren.

Obwohl natürlich keiner außerhalb des viel geschmähten und oft zitierten Zeitgeists stehen kann, der nichts ist als die Summe aller Definitionen zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort, wünschen wir uns alle endlich, endlich eine Geistzeit.

 

 

*Friedrich Engels, Sponsor von Karl Marx

**Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach

DER AUTISTISCHE SPIEGEL

oder

SPIEGLEIN SPIEGLEIN IN DER HAND

Nr. 360

Einer etwas orientierungslos gewordenen Menschheit scheint ein universelles Spielzeug in die Hand gegeben zu sein, das gleichzeitig global und intim, allwissend und omnipotent ist.

Die Befriedigung der Grundbedürfnisse ist an eine allgemeine Versorgung delegiert, die auch in der sogenannten dritten Welt im allgemeinen funktioniert. Nur noch ein siebtel der Menschen hungert, und auch das liegt nicht an – einem früher normalen – Nahrungsmangel, sondern an Bürgerkrieg, Korruption oder Willkür der Behörden. Freiheit ist ein schönes Ziel und ein schöner Zustand, aber sie erhöht nicht die Sicherheit. Vielleicht sind diese beiden tiefsten Grundwünsche in die menschliche Seele eingehaucht: Freiheit und Ordnung. Aber sie schließen sich in gewisser Weise auch aus. Durch Recht wird nichts richtig oder gerecht. Ein weiterer Destruktionsfaktor ist die Mobilität. Die Fremde ist konkret geworden und für eine deutliche Mehrheit von der Metapher zum wirklichen Ort mutiert. Die Welt wird zwar nicht schöner, wenn man an einem eng begrenzten Ort bleibt, aber durch Reisen oder Flucht erhöht sich jedes Risiko.

Das Zeitalter der Industrialisierung drängte, ohne dass es vorher erkannt werden konnte, auf die Individualität. Der Mensch sollte und wollte sich aus seiner Gruppe lösen können. Noch heute kann man in einer Kleinstadt nachvollziehen, wie kontrolliert das Leben in früherer, durchgehend kleinstädtisch geprägter Zeit gewesen sein kann. Je unabhängiger der Mensch von seinen materiellen Bedürfnissen wurde, je mehr sich sein Bildungshorizont weitete, desto mehr konnte er sich einkapseln. Hinzu kommt die fast ungeheure, vor hundert Jahren unvorstellbare Zunahme an Wohnraum und Freizeit. Seit Walter Benjamins berühmtem Buch beobachten wir die Wirkung der Reproduktionsfähigkeit der Kunst, der Texte und vor allem der Bilder auf uns.

Und nun sind alle Geschichten und Drogen in ein kleines rechteckiges Gerät gewandert, das man bequem in der Hosen- oder Handtasche tragen kann, das manche gar nicht mehr aus der Hand legen wollen. Was früher Monolog oder Selbstgespräch war, ist jetzt ein Dialog mit sich selbst, denn man kann sich antworten.  Sicher, manche Menschen spielen nur damit, nur dass in diesem ‚Nur‘ die größte Arroganz liegt, in die man sich sich selbst gegenüber versetzen kann. Wo gibt es bedeutenderen Dialog als im Schach-, Fußball- oder Theaterspiel? Spiel ist ein Dialogkonzentrat.

Aber so wie der Computer nicht die erweiterte Schreibmaschine war und ist, so ist auch das smartphone nicht nur ein Spiegel. Man kann sich löschen, man kann sich manipulieren, man kann sich bearbeiten. Das alles kann man in der so genannten Realität auch, aber dort dauert es seine Zeit, manchmal ein Leben lang. Hier aber, in unserem kleinen Taschenautomaten, kann das alles im Sekundentakt geschehen. Dazu kann man Lexika und Foren befragen, Experten und Schamanen. Über die Echokammern, die in Gruppen entstehen, die sofort entstehen, wenn man nur ein Wort veröffentlicht, ist schon viel gesagt worden. Die verheerende Wirkung dieser Art von Freiheit ist wesentlich bedrückender als alles, was früher eine Zensur anrichten konnte.

Deshalb muss in den Elternhäusern, Kirchen, Clubs und Schulen nicht mehr nur das kleine Einmaleins gelehrt werden, nicht das Konsumieren, sondern das Produzieren. Unsere Welt gleicht einer großen Mall, in der Waren und Geld rotieren, aber der Sinn verlorenging. Niemand braucht ihn. Wir schalten statt dessen irgendein Gerät an, das uns bedudeln und behudeln kann und wird. Am schädlichsten wird wohl, wegen seiner Komplexität, das Fernsehen bleiben, dicht gefolgt vom smartphone.

Vor Jahrhunderten gaben unsere Ahnen ihren Häusern Namen und Sprüche mit auf den Weg, denn jedes Haus ist immer im Fluss. Aber dieser Name und dieser Spruch war doch kein Kennzeichen der Individualisierung, sondern zu jedem Haus gehörte aktuell eine große Gruppe Menschen, die durch Familie, Handwerk und Dienstleistung miteinander verbunden war. Zudem standen die Häuser einige Jahrhunderte, so dass die Gruppe auch historisch wuchs. Auf der anderen Seite erstarkt das Zusammenwachsen, von uns euphemistisch Globalisierung genannt. Zwar wächst der Wohlstand der Welt kontinuierlich, aber – für die ärmere Seite – zu langsam. Deshalb erscheint die Globalisierung eher als Bedrohung und Verrohung statt als Chance. Jeder will sich die Rosinen herauspicken, ohne den Gesamtkuchen zu beachten. Kuchen schafft nicht nur eine Schokoladenseite, sondern auch eine verwüstete Küche.

Sollte das smartphone der neue Talisman werden, so sollten wird darauf achten, dass er uns zu neuen Inhalten führt, nicht nur zu neuen Orten. Lasst uns aus Schlürfern und Surfern wieder Tüftler werden, nicht vom Welterfolg träumen, sondern vom Erfolg für unser offenes Haus.

MORALPREDIGT

Nr. 359

Polonius, den später die Würmer fressen, nachdem er Hamlets erstes Opfer wurde, gibt seinem Sohn Laertes moralische Regeln mit auf den Weg zum Kontinent. Laertes instruiert zwei Minuten vorher seine Schwester Ophelia ziemlich stringent, wie sie sich Hamlet gegenüber verhalten soll, der sie, wie man heute sagen würde, ständig anmacht oder vielleicht wirklich liebt und den sie liebt, weil er ein Lottogewinn wäre. In dieser Parallelität ironisiert Shakespeare den Wert solcher Sermone. Andererseits: wer würde eines seiner Kinder ohne gutgemeinte Worte oder gar nicht verabschieden, wenn sie für längere Zeit den Kontinent wechseln? Erziehung ist immer konservativ. Die Regeln der meisten Menschen können nur aus der Vergangenheit stammen. Wir vertrauen dem Instrumentarium zu wenig, aber sobald wir Inhalt mitgeben wollen, kann er nur von gestern sein. Polonius arbeitet als Berater der Königsfamilie, die damals die tatsächlichen Machtpolitiker waren, und er weiß: Give every man thy ear, but few thy voice*.

Demokratie und Kommunikationstechnik haben uns in die Lage versetzt, genau umgekehrt handeln zu können. Wir hören nicht mehr zu, wir lesen nur noch die Überschriften, und der Grund dafür ist der ungeheure Überdruss, den die Inflation flacher Nachrichten uns bereitet. In der Schule lernen viele Kinder und Jugendliche, dass Erörterung ein vorher bekanntes Ergebnis hat. In den Parlamenten versuchen viele Abgeordnete den Diskurs für ein vermeintlich alternativloses Ergebnis zu führen. Die rechten Abgeordneten und ihre Echos in den Blogcommunities stellen sogar regelmäßig jeden, der die Welt nicht so sieht wie sie, als geistesgestört oder wenigsten weniger intelligent dar. Für viele Menschen erscheint die Politik auch nur an ihren bürokratischen Ergebnissen spürbar, die auch tatsächlich für den Moment nicht veränderbar sind.

Wer Hartz IV bezieht, muss genau die Fragebögen ausfüllen und die Regeln einhalten, die ein oft herzloser Bürokratismus für ihn bereithält. Deshalb ist es möglich, dass Hartz IV nicht mehr als solidarische Leistung angesehen werden kann, sondern als ein Sammelsurium unsauberer Sanktionen. Viele Menschen im Osten sehen Politik ebenfalls als ein Komplott westlicher Politiker gegen sich und die besseren Seiten des Ostens an. Dabei zeigt gerade die Wiedervereinigung Deutschlands, dass Ereignisse nicht vorhersehbar sind, dass Politik also auf jähe Wendungen reagieren muss und dass sie immer nur mit Kompromissen handeln kann. Auch die derzeitige Krise der Demokratie ist von niemandem vorausgesagt worden. Ebenso wie 1989 kann man von einem neunundneunzigprozentigen Versagen der so genannten Geheimdienste ausgehen. Diese Geheimdienste liefern gewöhnlich keine Erkenntnisse, sondern Alibis für Verhalten oder Verfehlungen.

Niemand glaubt zuhören oder lesen zu müssen, wenn es sich um ein Thema handelt, bei dem er oder sie durch Anwesenheit oder Herkunft mitreden zu können glaubt. Wir haben dieses Phänomen schon oft Scholllatourismus nach dem Fernsehkorrespondenten und erfolgreichen Buchautor Peter Scholl-Latour (1924-2014) benannt, der tatsächlich sehr viele Länder bereist hatte und, je älter er wurde, desto unsinniger darauf insistierte, dass nur seine Meinung richtig sein könne, da er ‚dabei‘ oder wenigstens ‚da‘ gewesen sei. Sein unseliger Satz über die Bevölkerung von Kalkutta ist seither Ikone der rechten Besserwisserei. Aber gerade dieser Satz erwies sich als doppelt falsch: Kalkutta hat einen guten Weg gefunden, sich selbst zu retten, und jeder Mensch bleibt aufgerufen, ein guter Mensch zu werden oder zu bleiben, egal wie hoch die Erfolgsaussichten oder die Kollateralschäden seiner Handlungen sind.

Jeder, der schon einmal eine Unfall-Zeugenvernehmung miterlebt hat, weiß, dass die Anwesenheit für die Wahrheitsfindung eher unwesentlich ist. Obwohl – zum Beispiel – der Tod eine Tatsache ist, ist er nur sehr schwer und nur für Experten feststellbar. Wer – ein letztes und krasses Beispiel – an der Kreuzigung von Yesus als Augenzeuge beteiligt war, kann keine Aussage zur eventuellen Göttlichkeit des Menschensohns machen. Er weiß nur, was wir auch wissen: da starb einer der großen Visionäre, die früher Propheten genannt wurden und das Gegenteil der heutigen Berater zu sein schienen. Es fällt schwer, eine Meinung nicht für eine Tatsache zu halten, wenn man sie teilt. Hybris, früher den Tyrannen vorbehalten, ist zum Leichtgewicht geworden. ‚Größer als mein Ego ist nur mein Spiegel‘, rappt A$AP Rocky.

Noch nie haben so viele Menschen geschrieben. Die Inflation des geschriebenen Wortes scheint sich selbst exponentiell zu verstärken und von Echokammer zu Echokammer zu rasen. Daraus folgt zwangsläufig – aber nicht alternativlos – eine Inflation des Unsinns. Der ergibt sich schon aus der sinnlosen Benutzung vorgefertigter Sprachen. Zunächst einmal wird die Sprache der Medien selbst nachgeahmt. Aber nachahmen ist bestenfalls nachahnen. Die Journalisten können nur manchmal besser schreiben als wir, aber immer besser recherchieren. Warum dagegen die Sprache der Juristen imitiert wird, bleibt für immer rätselhaft. Denn die Verklausulierung der Paragrafen, Anklagen, Verteidigungen und Urteile dient ja dem Ausschluss.

Die Hochzeit der Justiz währte vielleicht von der Strafrechtsreform Dr. Dr. Anselm Ritter von Feuerbachs 1813 bis zu den Nürnberger Prozessen 1946. Seither nimmt die Kriminalität ab und die Bedeutung der Justiz beschränkt sich auf weniger sichtbare Bereiche. Die Bürokratie wird verachtet, aber ihre Sprache wird fleißig kopiert. Selbst Deutschlehrer reden und schreiben in Floskeln der Schulaufsichtsbehörde. Obwohl Politiker nur etwa alle zehn Jahre (‚und das ist auch gut so‘) einen zitierfähigen Satz hervorbringen, ergibt sich ihre sprachliche Kompetenz anscheinend aus der PS-Zahl ihrer gepanzerten Limousinen. Allerdings gibt es Entwicklungen: bei Angela Merkel immerhin von der Meisterin des Anakoluths zu einem zitierfähigen Satz.

Schreiben ist ein kreativer Akt. Die Welt wird mit handwerklichen und künstlerischen Mitteln auf eine A4-Seite, die selbst das Ergebnis des schöpferischen Akts der Ingenieurskunst war, geworfen. Schreiben ist nicht das Abarbeiten von Schreibregeln. Schreiben stärkt das Vertrauen in das instrumentelle Vermögen gegenüber der Analogie des schneller vergänglichen Inhalts. Deshalb sagen die IT-Leute auch, dass sie ein Programm schrieben. Schreiben ist kein Alibismus. Man schreibt nicht, um seine An- oder Abwesenheit zu dokumentieren. Schreiben ist ein Denkangebot und keine Definition. Die Welt anhalten zu wollen oder gar zu können, ist immer Metapher oder Propaganda. Wer durch einen Text berührt oder gar verändert wird, sollte dankbar sein. Ob allerdings nach vierhundert Jahren noch ein Satz von uns übrig bleibt, hängt davon ab, wie sehr wir dies beachten: Give every man thy ear, but few thy voice*. Nichts spricht gegen Moralpredigt, das Ohr macht den Unterschied.

 

*Shakespeare, Hamlet, I,3

NIEMAND HAT DIE ABSICHT EINE BRÜCKE ZU BAUEN

 

Nr. 358

Anfang der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zerfiel der zweimalige Versuch eines südslawischen Völkerbunds in einem blutigen und archaischen Krieg. Religion wurde als Grund des Krieges vorgeschoben und Massaker verübt, die gewachsene Strukturen durch Mord beenden sollten. Der Krieg ging von Serbien aus, das seine Vormachtstellung behalten wollte, und schließlich wurden die unterlegenen, angegriffenen Gebiete von der NATO unterstützt. Die damaligen Altlinken und die heutigen Neurechten feiern den Nationalbolschewisten Milošević als Märtyrer, während einige europäische Länder Kriegsflüchtlinge aufnahmen. Einer dieser Kriegsflüchtlinge, eine Junge namens Božidar*, der seine Eltern in diesem Krieg verloren hatte, war in meiner Klasse, um sein Fachabitur zu machen. Allein das ist schon erstaunlich, aber außerdem war er noch ein herzensguter junger Mann und ein sehr guter Schüler, vor allem auch im Fach Deutsch. Solche sprachbegabten Menschen sind in der Minderheit, aber sie erfreuen uns besonders. Damals gab es in Berlin noch kein Zentralabitur und die Lehrer konnten die Lektüre und die Prüfungsthemen selbst bestimmen. Bei mir war das ein demokratischer Prozess, in dem Schüler ihre Lieblingsbücher vorstellen konnten und dann wurde das Prüfungsbuch gewählt. In dieser multiethnischen Klasse schlugen die Osteuropäer AUFERSTEHUNG von Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoi vor, die Eingeborenen wollten DIE BLECHTROMMEL von Günter Grass lesen. Božidar aber benannte ein Buch, das niemand kannte, DIE BRÜCKE ÜBER DIE DRINA von Ivo Andrić. Alle drei Bücher waren gleich gut geeignet, wenngleich alle drei sehr dick, und hatten alle drei ein äußerst hohes, für eine Fachabiturklasse sogar ungewöhnlich hohes Niveau. Božidar war aber auch ein äußerst geschickter Politiker, er verstand es, zuerst mich für sein Projekt zu gewinnen, dann die Osteuropäer und zum Schluss müssen auch einige autochthone Deutsche für ihn gestimmt haben, aus pure love. Niemand verstand damals das nationale Chaos – so wie heute kein Reisender versteht, dass er sich in Bosnien, aber in der serbischen Entität befindet und plötzlich die Ortsschilder nicht mehr lesen kann.  – niemand verstand den Krieg. Berlin internationalisierte sich weiter, aber im ehemaligen Jugoslawien wichen sich die Brüder und Schwestern gewaltsam aus. Selbst die Sprache war nun nicht mehr eine gemeinsame, wie in Novi Sad beschlossen, sondern über Nacht gab es drei verschiedene Sprachen: serbisch, kroatisch und bosnisch.

Wir lasen den Roman, hielten uns gegenseitig Referate über die schwierigen Zusammenhänge und Probleme, lernten eine Geschichte voller Widersprüche. Božidar moderierte den ganzen Prozess und lehrte uns die Aussprache der Namen. Der Roman erzählt die Geschichte einer außergewöhnlichen Brücke über ein halbes Jahrtausend. Ein buntes Gemisch von fast hundert Personen zieht am Leser vorbei, die Spannung entsteht nicht durch die Entwicklung einer Person, sondern durch die Episoden auf der Brücke. Die Brücke ist nicht an sich außergewöhnlich, es gibt solche Brücken überall in Südeuropa, zum Beispiel sind die ebenso berühmte halbe Brücke von Avignon oder die römische Brücke in Trier sehr ähnlich, sondern die Brücke an genau dieser Stelle ist außergewöhnlich. Erbaut wurde sie von dem berühmtesten und bedeutendsten Architekten des osmanischen Reiches, Mimar Sinan, gestiftet vom ungewöhnlichsten Großwesir (das ist der Premierminister) Mehmed Sokolović, auf türkisch Sokollu Mehmed Paşa, der aus einer wichtigen bosnischen Familie aus einem Dorf unweit von Višegrad, wo die Brücke die beiden Drinaufer verbindet. Außergewöhnlich ist, dass die Drina, ein reißender, äußerst schneller Fluss, schon 1571 überbrückt wurde, und dass die Ideen zweier großer Gestalten des osmanischen Reiches hier in diesem Tal, an diesem winzigen Ort verwirklicht wurden. Dass sie sich in der wunderschönen Sokollu-Mehmed-Paşa-Moschee in Istanbul ein weiteres architektonisches Kleinod als Denkmal setzten, mag dagegen weniger verwundern. Außergewöhnlich ist weiter, dass hier das oströmische an das weströmische Reich stießen, die katholische an die orthodoxe, die christliche an die muslimische Welt, der Orient also an den Okzident. Das kleine Nest Višegrad, in dem vor dem ersten Weltkrieg Juden, Christen und Muslime mehr oder weniger friedlich zusammenlebten, bildete also die Diversität der Welt, die dann von Ivo Andrić auf diese Brücke, sogar auf die Mitte dieser Brücke projiziert wurde. Dort war der Treffpunkt dieser multiethnischen, multikulturellen und multireligiösen Welt, der sich zum Gegenteil von Babel entwickelte: trotz unterschiedlicher Sprachen verstand man sich immer besser. Andric sparte aber die Widersprüche nicht aus: eine der eindrücklichsten Szenen ist die Pfählung eines widersetzlichen christlichen Bosniers, angeordnet durch die türkische Obrigkeit, ausgeführt aber durch einen willigen, unterwürfigen Zigeuner. Der Konflikt mit der Roma-Minderheit ist in ganz Europa immer noch nicht gelöst!

Die Klasse von Božidar hatte damals verstanden: Überall begegnen sich Menschen. Menschen kann man nicht auf ihre Sprache, ihre Religion, ihre Herkunft, ihr Geschlecht, ihre sexuelle Orientierung, ihre politische Richtung, ihre Leistungen in der Schule reduzieren, sondern jeder Mensch ist so komplex wie damals der Mittelpunkt, die Kapija, das Tor, der berühmten Brücke. Jeder Mensch ist diese Brücke, ob wir es wollen oder nicht, da wir ohne Kommunikation nicht leben können, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen. Kommunikation ist allerdings kein Automatismus, sondern setzt den guten Willen voraus. Jedes Wort kann verstanden oder missverstanden werden, jedes Wort kann auch zum Unwort werden. Während also in Berlin eine Schulklasse um Verständnis rang, wurden in  Višegrad und anderswo die Denkmäler von Ivo Andrić gestürzt, weil jede Seite ihm vorwarf, dass er auf der anderen Seite stünde. Andrić, der einen serbischen Vater und eine kroatische Mutter hatte und in Bosnien aufwuchs, Botschafter und Verfechter der jugoslawischen Idee war, in seiner Jugend Mlada Bosna-Mitglied wie Gavrilo Princip, den er auch kannte, Andrić war da schon lange tot. Man hätte ihn nur lesen müssen.

Es gibt in Višegrad zwei große Friedhöfe: einen schwarzen serbischen und einen weißen bosnischen. Die dort liegen, wurden kaum älter als zwanzig. Die Synagoge ist jetzt ein Feuerwehrdepot mit einer Gedenktafel. Auf der Landzunge zwischen Rzav und Drina, kurz vor der Brücke, wartet das von Kusturica initiierte Andrićgrad, ein Disneylandverschnitt ohne Moschee, auf Touristen, die den Streit nicht nachvollziehen können, der auch darüber wieder entstanden ist.

Während also in Berlin eine Schulklasse um Verständnis rang, ging in Heidelberg ein weiterer bosnischer Kriegsflüchtling ins Gymnasium, der, wie Božidar, nicht nur mit guten Deutschkenntnissen glänzte, sondern dessen schriftstellerisches Talent vom Deutschlehrer im Biologieraum entdeckt wurde: Saša Stanišić, dessen erster Roman WIE DER SOLDAT DAS GRAMMOFON REPARIERTE ebenfalls in Višegrad spielt, sozusagen unter der Brücke ausgeheckt wurde.

Nach der Überlieferung wurde in die ersten Brückenpfeiler auf jeder Seite der Drina ein Zwilling eingemauert, Stoja und Ostoja, Halte und Bleibe, ein Junge und ein Mädchen. Damit liefert die Brücke auch, über die Romane hinaus, eine der großen Erzählungen der Menschheit von der Aufopferung, aber auch von der Auferstehung: Man muss nicht verstehen, was soeben passiert; man darf hoffen, dass alles besser wird. Wissen schafft Glauben.

*Name geändert

GESCHICHTE IST QUATSCH

Nr. 357

Es ist nicht ganz leicht zu verstehen, dass man die Geschichte kennen sollte, um sich einzuordnen, dass aber die eigne Herkunft kein Qualitätsmerkmal gegenüber anderen Menschen ist. Eigentlich schließen sich die beiden sogar gegenseitig aus. Denn wer glaubt, dass die bloße Zugehörigkeit zu einer Gruppe über dem aktuellen Verhalten steht, glaubt ja gerade, dass die Geschichte nichts bewirkt. Lange Zeit habe ich Henry Ford für seinen prägnanten Satz bewundert, dass Geschichte Quatsch sei. Der Satz, so schien mir in meiner ganzen Jugend, wäre antiautoritär, weil er der offensichtlichen, plakativen Berufung der gesamten Erwachsenenwelt in Ost und West auf die Geschichte widersprach. Aber der Mann war Antisemit, ein Bewunderer Hitlers, eher ein Trump als ein Tramp. Seine Bedeutung liegt in der sozial gestützten industriellen Massenproduktion mit wissenschaftlich untersetzter Technologie. Dieser in Deutschland von Rathenau begründete Produktions- und Konsumtionstyp wird auch Fordismus genannt. Der Satz war nur antiautoritär in bezug auf Produktionsmethoden. Der Fordkonzern ist heute noch in Familienbesitz und an der Spitze der Weltautomobilproduktion (2017 an vierter Stelle). Im Nachkriegsdeutschland wurde betont, dass man aus der Geschichte lernen müsse, aber die Menschen verhielten sich noch genauso wie vor dem gerade erst verlorenen Krieg. Die Kinder spielten auf der Straße Krieg. Die Erwachsenen schlugen die Kinder und sagten: uns hat das auch nicht geschadet. Hätten sie ihre Köpfe erhoben, so hätten sie die menschlichen und baulichen Ruinen gesehen, die ihre Herkunftshybris angerichtet hatte.

Evolutionär scheinen wir uns am wenigsten zu ändern, wenn wir darunter nur die genetische oder physische Anpassung verstehen. Aber ist evolutionär nicht auch der gemeinsame Ursprung in vielleicht einem Dutzend vormenschlicher Gruppen im östlichen Afrika? Die Metapher dafür sind die – vielleicht ebenfalls ein Dutzend – Menschentstehungsparabeln: Gott als der große Häfner[1] (HARRY POTTER!), der das erste Menschenpaar aus Ton fertigte und ihm Leben einblies, so wie wir heute noch tun, wenn wir einen fast Ertrunkenen retten. Diese – also doch – gemeinsame Quelle des menschlichen Daseins ist zweifellos auch die gleichzeitig das Fundament der Menschlichkeit. So gesehen sind Kriege geschichtsvergessenes Ausnahmeverhalten, vor dem uns auch nachträglich immer schauert. Obwohl es  inzwischen in Europa zwei Weltkriege gegeben hat, ist der dreißigjährige Krieg nicht vergessen und wird in jeder europäischen Regionalgeschichte mit den oft bis heute spürbaren Auswirkungen betont. Jeder Krieg, aber auch Hunger und Epidemien erzeugen verstärkte Migrationen. Insofern ist jede Region ein Konglomerat der eingewanderten Bevölkerungen und fast nirgendwo monochrom. Sprachen verbreiten sich in umso größeren Gebieten, je größer die sozialen Abhängigkeiten sind. So gibt es bis heute isolierte winzige neolithische Völker, aber auf der anderen Seite riesige Sprachen, die von der Hälfte der exponentiell gewachsenen Weltbevölkerung gesprochen werden. Nigeria und Brasilien sind fast gleich groß (je >200 Millionen Einwohner), aber in Nigeria gibt es 514 Sprachen, während in Brasilien 97% aller Menschen portugiesisch als Muttersprache haben. Deshalb sind die beiden Länder auch gute Beispiele, die Renan[2] noch nicht kennen konnte, dafür, warum wir von Regionen und nicht von Völkern oder Nationen sprechen, wenn wir Geschichte meinen. Die Geschichte hat uns geboren, dividiert und wieder zusammengeführt. Diversität ist sowohl ein inhaltliches als auch ein methodisches Nonplusultra. Denn so sehr die Steinzeitvölker auch wegen ihres friedlichen Lebens, ihrer Naturverbundenheit, ihrer Unaufgeregtheit bewundert werden, die meisten von uns wollen nicht ohne Kunst, Kommunikation und Kommerz leben. Außerdem sind sowohl die Zeit als auch die Geschichte irreversibel. Wir könnten vielleicht im Mittelalter leben, aber in der Steinzeit sicher nicht. Und der Neolithiker aus dem Amazonasbecken oder von Neuguinea, übrigens weisen beide Gebiete weltweit die höchste Biodiversität auf, würde bei uns nicht nur am Fahrkartenautomaten, sondern auch am Individualismus scheitern.

Biografisch sind wir ebenfalls keine Kopien, vielmehr hat der Generationenkonflikt sowohl das Potential zur Entwicklung wie zur Zerstörung in sich. Die Bibel und die Freudwerke[3] sind voll davon. Auch der archaische Bruderzwist zwischen Kain und Abel scheint mehr zu sein als eine Parabel. Auf der anderen Seite ist die Familie selbstverständlich eine tiefe und unerschöpfliche Quelle des Menschen, Orientierung und Fundament zugleich, allerdings muss es nicht die genetische Familie sein. Seit Jahrhunderten tobt der Streit zwischen Natur und Kultur im Menschen, seine vielleicht eigentümlichsten Ausformungen waren die Gestalttheorie[4] auf der einen Seite und der ein Jahrhundert später entstandene Sozialdarwinismus auf der anderen Seite. Beide gehen von einem monokausalen Zusammenhang zwischen Seele und Genetik aus.

So wie aber die regionale Kultur das Konglomerat der eingewanderten Menschen ist, so ist der Mensch auch die Mischung der verschiedensten, vorher oft nicht absehbaren genetischen und kulturellen Eigenschaften. Das macht gerade seine Stärke aus. Immer wieder aber wird die Schwäche aus der Einfalt konstruiert, werden Menschen auf eine, oft zufällige Eigenschaft reduziert. Stellen wir uns vor, ein Mensch aus dem Osten Deutschlands ist schwul, linkshändig, dunkelhäutig, farbenblind, kurzsichtig, stotternd und zuckerkrank. Was an ihm oder ihr ist dann Ossi mit dem Hang zu populistischen Gurus, ob sie nun Gauck, Gauland oder Gysi heißen?  Vielmehr zeigte sich nach den vierzig Jahren der Trennung, dass die Verschiedenheiten von Ost und West nicht größer waren als die von Nord und Süd. Nicht jeder Unterschied und nicht jede Gemeinsamkeit ist uns gleich oder überhaupt bewusst. Deshalb ist Geschichte interessant, auch in der merkwürdigen Doppeldeutigkeit des Wortes. Geschichtslos ist gesichtslos. Nur, wer denken kann, kann auch gedenken. Das Leben wird nur nekrologisch logisch. Deshalb kann man an kaum einer Stelle des Lebens Evidenz verlangen. Wir wissen selten genau, warum wir uns jetzt so oder so entscheiden. Wir wissen deshalb auch nie genau, warum wir dieser Mensch geworden sind, der wir geworden sind. Wir können es aus keiner Logik ableiten. Überhaupt heißt, nach Dr. Dr. Schiller, warum zu fragen, sich in den Jungle von tausenden Möglichkeiten zu begeben, deren jede einzelne wieder tausend Ursachen und Abweichungen beinhaltet. Aber die Diversität einzuräumen heißt noch lange nicht vor ihr zu kapitulieren. Lesen wir hin und wieder einen 1000-Seiten-Roman[5], um uns zu erinnern, dass wir in diesem Moment ein Wort aus einem Tausend-Seiten-Roman sind, bei dem auf jeder Seite tausend Wörter stehen, wie in diesem Blog, von denen jedes tausend Bedeutungsschattierungen hat.

 

[1] süddeutsch für Töpfer, englisch potter

[2] Ernest Renan, Nationtheoretiker

[3] Sigmund Freud, Begründer der Psychoanalyse

[4] Lavater, Physiognomik

[5] Krieg und Frieden, Der Mann ohne Eigenschaften, Joseph und seine Brüder, Ulysses, Glasperlenspiel, Der Klang der Zeit, 4321

‚IN ZEITEN WIE DIESEN‘

 

What’s gone and what’s past help should be past grief.

                                                                                   SHAKESPEARE, The Winter’s Tale, III,2

Nr. 356

Am Ende der siebziger Jahre stand in Ostberlin eine steinalte Frau an einer Bushaltestelle und fragte mich, ob ich nicht auch fände, dass die Kinder heute laut seien, zu laut. Ostberlin befand sich zu diesem Zeitpunkt noch im Rohzustand der Vormoderne. Die Drittelstadt war einerseits noch vom Krieg gezeichnet, Ruinen und Lücken blickten in ihre traurige Vergangenheit, einarmige Altnazis, teilweise als Hilfspolizisten verkleidet, schrien Kinder an, um ihnen ihr erfolgloses Konzept von ‚Zucht und Ordnung‘ nahezubringen.  Auch die fortschreitende Militarisierung des Lebens war dem Hitlerismus so ähnlich wie der weiland Staatssekretär Globke aus dem Bonner Bundeskanzleramt. Andererseits begannen architektonisch einfallslose Neubauviertel das Bild zu prägen und die Altstadt zu verdrängen.  Die DDR war so gesehen nicht ahistorisch, sondern log die Geschichte dreist zu ihren Gunsten um und erklärte, was ihr passte, zum Erbe der Arbeiterbewegung, als deren Krönung sie sich selbst definierte. Einmal waren Karl Marx oder Thomas Müntzer, ein anderes Mal gar Ernst Thälmann ‚der größte Sohn des deutschen Volkes‘.  Der Aufbruch, der wenige Jahre zuvor in Prag stattgefunden hatte, war im Hauch eines Konsumrausches untergegangen, den der neue Partei- und Staatschef Honecker als ökonomische Neuheit pries. Honecker hatte eine geteilte Moderne angeschoben: im Konsum sollte aufgeholt, politisch und kulturell dagegen ausgebremst werden.  Als Marken dieser verfehlten Politik zeigten sich Biermannausbürgerung, das Konstrukt der DDR-Kulturnation und die Kreditaufnahmen.

Trotzdem war auch das Ostberliner Weltchen lauter geworden, das antwortete ich der alten Frau an der Bushaltestelle.  Sie beharrte aber darauf, dass man die Kinder zur Ruhe bringen könnte oder sogar müsste. Dann erzählte sie, wie sie als Familie zu Fuß die Schönhauser Allee stadtauswärts ‚ins Grüne‘ wanderten, und ihr Vater sie, vorneweg und lauthals, wohl auch gewalttätig, an jeder Freudenkundgebung jenseits des gemeinsamen Gesangs hinderte. Das war vor dem Individualismus, aber auch vor der vollendeten Urbanisierung.

Dass die Zeit ver- und die Sonne unterginge, sind zwei gleich schräge, untaugliche und trotzdem petrifizierte Metaphern. Dass Dinge vergingen heißt doch nur, dass sie aus unserem Bewusstsein verschwinden: aus den Augen, aus dem Sinn. Dinge, Regeln und überhaupt Ordnungen sind es, die sich uns aufdrängen oder eben verschwinden. Der Umbruch von 1945 war so tief, dass er nicht verstanden werden konnte, zurecht wurde er damals Zusammenbruch genannt. Aber während ein Haus tatsächlich, wenn es zusammenbricht, verschwindet und seine Form radikal ändert, und selbst durch einen epigonalen Nachbau nicht annähernd ersetzt werden kann, bleiben Ordnungen in den Köpfen der Menschen hängen und dürsten nach weiterer Bestätigung. Ich habe den zweiten Weltkrieg nicht veranstaltet, aber mich ohrfeigte der einarmige Altnazi, dessen anschließende Lagerhaft tragisch gewesen sein mag, der aber nicht einsah, dass seine Anwesenheit in Stalingrad noch tragischer war und der deshalb auf der soeben untergegangenen Ordnung bestand und sie fortzuführen suchte. Tragik ist unverschuldetes Unglück. Die antiken Griechen ließen ihre Protagonisten – auf dem Theater – noch generationenweit von unermesslichem Leid verfolgen. Die Seele des Zuschauers sollte von der Harmoniesucht gereinigt werden. Bei Shakespeare nimmt sich das mit der überholten Ordnung kollidierende Liebespaar Romeo und Julia das Leben, bei Sophokles wird das rebellierende Paar Antigone und Haimon gar eingemauert.  Aber zwischen der Seelenreinigung durch die tragischen Ereignisse auf der Bühne und der Angst vor dem wirklichen Leben mit seinem manchmal auch nicht geringen Leid ist nur eine Handbreit Schatten.  Die allererste Fiktion war eine Tatsache. Aber schon vor hunderttausend Jahren trennten sich die Wege von Fiktion und Leben. Der Schrecken ist geblieben, und kein geringerer als der größte Balladendichter deutscher Zunge wusste, dass der schrecklichste der Schrecken der Mensch in seinem Wahn sei und dass noch jede Furcht den wirklichen Schrecken überrage.

Immer also, zu allen Zeiten, gibt es Angst und Zuversicht, Orientierung und Desorientierung. Zwanzig Jahre braucht der Mensch, um sich zu orientieren, zuerst assistiert von den Eltern, dann von der Gruppe der Gleichaltrigen, dann kann er vielleicht fünfzig Jahre mit seiner Navigation gut leben, wenn es keine großen Umbrüche gibt. Gibt es aber große Umbrüche, dann schwanken selbst die Vorstandsvorsitzenden. Jeder, der solch einen Umbruch miterlebt hat, zum Beispiel 1989, weiß, dass es rechts- und orientierungsfreie Räume gibt. Immer gibt es dann Menschen, die nicht mehr vorwärts, sondern rückwärtslaufen oder zumindest rückwärtsblicken. Der Trost ist: je älter wir werden, desto wahrscheinlicher und verständlicher ist das Stehenbleiben und Rückwärtsschauen.

Je größer der Abstand, desto absurder ist die Verzerrung.  Der Abstand kann zeitlich, räumlich, emotional oder rational sein. Eine Verzerrung, die leicht und immer wieder übersehen wird, ist die Institutionalisierung. Eigentlich ist jede Idee verloren, wenn sie in die Hände der Bürokraten fällt. Andererseits ist sie aber auch verloren, wenn sie nicht bürokratisiert wird, weil sie dann nämlich nicht wirken kann. Inzwischen wird Hartz IV nicht mehr als die aufrundende und zusammenfassende  Gesamtsozialleistung wahrgenommen, sondern als Schatten eines überbürokratisierten Molochs, der arme Menschen mit Sanktionen quält.

‚Wo bleibt der Aufschrei‘ und ‚in Zeiten wie diesen‘ sind also nichts weiter als tautologische Empörungsformeln, die den Benutzer von vornherein auf die richtige Seite stellen sollen. Er oder sie kennt die ‚Zeiten‘ zur Genüge, so dass eine kritische Zusammenfassung gewagt werden kann. Statt sich selbst zu ändern, kann man mit dem Mittelfinger der Empörung auf andere zeigen. Statt neue Ideen vorzulegen, kann man die alten zerlegen. Statt Visionen zu entwickeln, kann man ein Schreckgespenst nach dem andern aufrichten. Aber die Kraft der Vogelscheuche lässt schnell nach, besonders wenn sie auf junge Stare trifft, die im Pulk ihre Schwarmintelligenz ausprobieren, die ihnen von der Natur verliehen wurde, um die Vogelscheuchen zu verscheuchen. Wir verklären gern unsere Jugend und vergessen dabei, von wieviel bösen Geistern sie umwölkt war. Traditionen und Autoritäten, Institutionen und Vogelscheuchen konnten damals unsere gute Laune nicht stören. Mit neunzehn Jahren ist nicht nur jede und jeder schön, sondern auch mutig, voller Elan, Ideen und Zuversicht. Man darf nur seinen eigenen schönen Zustand nicht über die Epoche wie eine Zierdecke legen, die damit geadelt wird. Wer im Alter böse wird, hat die bösen Zeiten in sich nicht überwunden.

DIE NEUE GLÜCKSFORMEL

Nr. 355

Nur in der Kleinstadt gibt es nur eine Wahrheit. Jeder Großstadtbewohner weiß, dass schon sein Nachbar anders denkt. Trotzdem gibt es Menschen, deren Glück darin zu bestehen scheint, andere zu beschimpfen. Jeder sieht die Welt nur mit seinen Augen, insofern versagt Empathie, aber das ist kein Grund zu glauben, dass es nur eine Blickrichtung, nur eine Wahrheit, nur einen Schluss gäbe. Das ist nicht neu, wird aber durch die neuen Kommunikationsmöglichkeiten verstärkt und verschärft. Jeder kann sich jetzt einen Raum schaffen, in dem nur seine Wahrheit gilt, das war früher ein Privileg der Eliten, die im Besitz der Kanzel oder des Katheders waren. Demokratisierung und Industrialisierung erzeugten auch einen neuen Schub der Proletarisierung, der sich im Nationalismus genauso Bahn brach wie im Kommunismus. Die Nationalisten, deren tatsächliche oder propagandistische Angst dem Islam gilt, scheuen sich nicht davor, Saudi-Arabien als Vorbild für Patriotismus zu benennen. Die Salonkommunisten preisen die Bankenenteignung. Weichgespülte Rentner auf den Antillen fordern die neue Härte. Das ist alles absurd. Das wäre alles lächerlich, wenn nicht zur gleichen Zeit auf dem Mittelmeer Menschen ertränken, die leicht gerettet werden könnten.

2015 haben die deutsche Bundeskanzlerin und eine große Mehrheit aller Bewohner Deutschlands gezeigt, dass es für reiche Länder ein leichtes ist, eine Million Menschen aufzunehmen, zu versorgen und – wie in einem Crash-Kurs – mit den notwendigen Kenntnissen zu versorgen. Die Frage, ob man sich rückwirkend sozialisieren kann, ist nicht leicht beantwortbar. Sie wird vielmehr einerseits von dem Willen und den Fähigkeiten abhängen sich zu integrieren, andererseits von den ganz konkreten Umständen, den Nachbarn, den Lehrern, den Bearbeitern in den Jobcentern, Arbeitsagenturen und Ausländerbehörden. Wir alle haben schon von einem Menschen gelesen, der gerade deswegen abgeschoben wurde, weil er bestens integriert und demzufolge für die Behörden leicht erreichbar war. Demokratie und eben auch Integration beginnen, wie schon Alexis de Tocqueville wusste, mit der funktionierenden Mailbox. Es gibt Länder, in denen Tellerwäscher gesucht werden, egal welcher Herkunft. Zum Tellerwaschen braucht man keine Sprache. Aber wir leben in einem Land, das von einem Minimum an Gemeinsamkeit ausgeht, von einem Minimum der Überwindung von Babel. Die Sprachwissenschaftler wissen: je größer die Notwenigkeit des Zusammenhalts, desto größer der Sprachraum. Babel ist ja nicht nur das Symbol für die Sprachverwirrung als Strafe für Hybris, sondern auch die Metapher für Ungerechtigkeit, Sittenlosigkeit und Unmenschlichkeit: zwei Millionen Bürger unseres Landes fahren pro Jahr mit einem Kreuzfahrtschiff. Aber wir alle sehen zu, wie auf dem Mittelmeer, das mit Booten gekreuzt wird, die in allem das genaue Gegenteil eines Kreuzfahrtschiffes sind, Menschen in den Tod kreuzen.

Flucht ist ein höheres Risiko als Bleiben. Auf dieser Flucht sieht jeder Flüchtling dieses Risiko: er sieht Gewalt, Folter, Hunger, Durst, Vergewaltigung und Tod. Je mehr er aber davon sieht, desto größer wird sein Risiko, wachsen aber auch sein Mut und seine Kraft, durch dieses ‚Meer von Plagen‘ zu gelangen. Wer also die Überfahrt schafft, ist nicht nur stark, sondern auch gestärkt. Wer ein solches Boot überlebt hat, den kann nichts mehr schrecken. Eine kleine Minderheit, sie ist genauso groß wie in jeder autochthonen Bevölkerung, setzt die gewonnene Energie in Kriminalität um. Überall gibt es die trügerische Hoffnung auf das schnelle Glück und das schnelle Geld. Aber die meisten Menschen wissen sehr wohl: im Lotto kannst du nichts gewinnen, aber mit einem Lächeln kannst du alles gewinnen. Da die Statistik jeweils auch von einer neuen Gesamtbevölkerung ausgeht, hat die Kriminalität also nicht zugenommen. Für die Neubürger entsteht durch das racial profiling vielleicht sogar der Eindruck eines Polizeistaates und damit überdurchschnittlicher Respekt vor der Polizei. Viele Polizisten wirken dem aber durch besondere Freundlichkeit bewusst und erfolgreich entgegen. Diese kriminelle Energie ist die gleiche, die ab 1444 Kaufleute bewog, die Definition von ‚Mensch‘ zu ändern, um gleichzeitig Christ und Verbrecher sein zu können.

Jede Migration ist also ein Gewinn für die Migranten und für das Zielland. Allerdings kommen weltweit noch einige Probleme auf uns zu, die wir gemeinsam lösen müssen. Das bis 2050 anhaltende Bevölkerungswachstum in Afrika, Asien und Lateinamerika wird bei gleichzeitiger Digitalisierung der Produktion die Sinnkrise verschärfen. Die Lösung liegt nicht in China. China könnte vielmehr leicht zu einem weiteren Teil des Problems werden, wenn auch viele heute eher die Bedrohung durch Konkurrenz sehen. China hat weitaus mehr Geld verborgt, als es einlösen kann. Die Lösung liegt nicht in einem Land oder einem Wirtschaftssystem.

Keine Religion und keine Philosophie hat es bisher geschafft, uns zu einer Veränderung unseres egoistischen Verhaltens zu bringen. Die Versicherungsformel, dass das individuelle Risiko desto kleiner wird, je mehr Menschen sich an der Vorsorge beteiligen, bringt uns auf die realistischere asymptotische Vorstellung, dass wir unser verhalten ändern müssen, aber dass es gerade deshalb auch kein vollständiges Glück geben kann. Es wird immer getrübt sein durch das Unglück anderer, das wir nicht verhindern, wohl aber vermindern können. Wir müssen lernen uns so zu verhalten, als wären wir der andere. Das klingt kompliziert, ist aber ganz einfach und auch nicht ganz neu:

mehr geben als nehmen, mehr lächeln als zürnen, mehr verzeihen als Verzeihung wollen, mehr lieben als strafen oder ausschließen,

und davon sind alle Religionen und Philosophien voll, wir haben es nur immer übersehen oder übersehen wollen. Die neue Glücksformel ist die alte.

DIE HERKUNFT ALS LEGENDE

Nr. 354

Wer durch seine Taten behindert ist, wird durch seine Herkunft nicht beschleunigt. 

an-Nawawi [1233-1277], Hadith 36

Die Herkunft erscheint uns lange als sicherer Ort, ja, als sicherster. Wenn wir einsam sind, wenn wir in Massen unterzugehen scheinen, dann ist es die Herkunft, die uns tröstet und führt. Unsere Eltern und der Ort unserer Geburt scheinen gewiss.

Die Unsicherheit der Vaterschaft war der Ausgangspunkt des fünftausend Jahre währenden Patriarchats. Die dazu passende Legende haben wir hier schon oft erzählt: Zeus hatte Lust auf die glücklich verheiratete Leda. Also näherte er sich ihr als Schwan und schwängerte sie. In der gleichen Nacht wohnte ihr aber, um es biblisch und antik auszudrücken, auch ihr Gatte Tyndareos bei, so dass die Zwillinge, die sie gebar, teils göttlicher, teils menschlicher Abstammung waren, wie wir alle. Als der große Sexforscher Alfred Kinsey 1948 und 1954 seine ersten großen Studien fertig hatte, stellte sich heraus, dass im prüden und angeblich streng monogamen Amerika zehn Prozent aller Kinder nicht vom Ehepartner ihrer Mutter stammten, ein Drittel der Menschen waren nicht treu. Im Nachkriegsberlin gab es einen sechzehnjährigen Jungen, der sich darauf spezialisiert hatte, die Gattinnen der fernen Helden zu befriedigen, die ihm oft schon beim Essen unter dem Tisch die Hose öffneten. Nach seinen eigenen Angaben soll er so 1000 Frauen heimgesucht haben. Sicher ist er oft Vater geworden. Das Ergebnis des strengen Patriarchats ist also Chaos, das Erbe geriet allzu oft in falsche Hände. Wir alle sind mit großer Wahrscheinlichkeit falsch, weil es ein richtig nicht gibt.

Über die Unsicherheit der Mutterschaft gibt es ebenfalls eine jahrtausendalte Legende, und zwar sowohl im nahöstlichen wie im fernöstlichen Kulturkreis. Brecht gab der Geschichte in seinem Kaukasischen Kreidekreis sogar noch ein klassenkämpferisches Attribut, in dem die eine Mutter ihren Reichtum als Argument einzusetzen versucht. Die hohe Säuglingssterblichkeit, die in Zeiten des Hungers oft als Segen empfunden wurde, war manchmal auch oft schmerzlich. Und so führte das enge Zusammenleben der Menschen vielleicht zum Streit unter zwei Müttern über die Mutterschaft, zumal es früher kein sicheres Erkennungszeichen jenseits der Muttermale gab. Jedenfalls ließ sich der große König Salomon, als zwei Mütter sich um das eine überlebende Baby stritten, ein Schwert kommen und drohte die Teilung an. Dank seiner Weisheit stellte sich heraus, dass Liebe und Besitz sich ausschließen: die wahre Mutter verzichtete zugunsten ihres Kindes auf die königliche Anerkennung ihrer Mutterschaft, die ihr aufgrund ihres Verzichts dann zugesprochen wurde. 1995 und 2014 sind in Südafrika zwei Fälle von unfreiwilligem Müttertausch bekannt geworden. Beim zweiten Fall möchte die eine Mutter ihre leibliche Tochter wiederhaben, die andere möchte die bei ihr sozialisierte behalten. Zur Lösung brauchte man einen neuen König Salomo.

Babyklappen gibt es mindestens seit dem Mittelalter. Trotzdem kann man jetzt einwenden, dass das alles nur Einzelbeispiele und Ausnahmen sind, aber das gilt nur, wenn man lediglich eine Generation betrachtet. Das menschliche Chaos wird größer, wenn man den Beobachtungszeitraum erweitert. Daran ändern auch nichts die biblischen und adligen Genealogien. Sie sind Märchen, wenn auch die erste Fiktion eine Abbildung von Taten war.

Wir können uns auf unsere Herkunft weder verlassen noch berufen. Wir sind wie Blinde auf dem Seil. Jedes Tun, jede Tat und vor allem jede Untat ist riskant und kann gegen uns verwendet werden. Die Einteilung der Menschen in Gruppen ist nichts als eine unzulässige Verknüpfung von Herkunft und aktueller Tat. Dagegen wendet sich der weise islamische Gelehrte, dessen Auslegung des Korans und der überlieferten Lehren des Propheten Mohammed vor allem zwei Erkenntnisse zeigen: alles ist Auslegung und alles ist menschlich. Die Tat kann zur Untat werden, und wir können uns dann nicht auf die Taten unserer Vorfahren berufen. Die Anerkenntnis, dass früher fast alles schlechter war, weil differenziertes Denken durch Hunger, Pest und Krieg oft verhindert wurde, fällt uns schwer, weil wir nach Sicherheit auch jenseits des Glaubens und des Sozialstaats suchen. Der mathematische Ausdruck für die Minimierung des Risikos durch große Mengen von Menschen, 1/√n ähnelt für Nichtmathematiker dem Seitenverhältnis unserer Papierformate 1/√2. Die philosophische Abstraktion ist nicht mehr der mathematischen gleich. Die Philosophie befasst sich, obwohl ihr in den letzten hundert Jahren Hilfswissenschaften wie die Soziologie oder die Anthropologie beigesellt wurden, zu sehr mit Alltagsproblemen.

Wenn also Taten und vor allem Untaten nicht durch die Herkunft getilgt werden können und die Herkunft niemanden beschleunigen kann, es also keine auserwählten Menschen, Völker, Nationen, Religionen, Hautfarben geben kann, dann ist die Tat, so wie es im ‚Faust‘ steht, das einzige Unterscheidungsmittel. Aber jede Tat für die Menschheit, und sei sie noch so klein, erhöht gleichzeitig die Qualität des Allgemeinmenschlichen, des Guten, Edlen und Hilfreichen. Wer also sich durch seine Herkunft nicht behindern lässt, kann durch seine Taten beschleunigt werden. Statt über Herkünfte und Regeln zu brüten und zu grübeln, sollten wir einfach mehr tun, als uns immer nur mit uns selbst zu beschäftigen. Man erkennt sich im anderen schneller als man denkt. Jedes Aufeinanderzugehen beschleunigt die Liebe. Gerade dass wir die Welt als zu schnell empfinden und ‚entschleunigen‘ wollen, was wir zu einem neuen Modewort gemacht haben, zeigt, dass wir zu langsam sind in bezug auf die Globalisierung von Menschlichkeit, von Gefühl, von Denken. Lebensretter, bei den Türken sogar ein Familienname Cankurtaran, zeigen, dass man im entscheidenden Moment nicht zögern darf. Die Welt wird gerettet durch das tiefe Denken und die schnelle Tat. Das Risiko bei beiden ist gleich hoch, weshalb wir beides scheuen.

Vielleicht sollten wir uns statt des Namens unserer unsicheren Mutter und unseres noch unsichereren Vaters lieber die Formel für die Risikominimierung auf die Stelle unserer Haut tätowieren lassen, wo wir früher eine Uhr getragen haben. Inzwischen kann eine ganze Generation mit einer analogen Uhr kaum noch etwas anfangen., was die Konzentration auf das Hier und Jetzt fördert.  Die Suche nach der verlorenen Zeit behindert unseren Tatendrang.

Wer sich durch seine Herkunft nicht behindern lässt, kann durch seine Taten beschleunigt werden.