DIE ELENDEN SOLLEN ESSEN

Nr. 353

Die Ungerechtigkeit der Welt zu beklagen ist nicht nur richtig, sondern bringt auch viel Zustimmung. Aber es ist höchst ungerecht, die Fortschritte der Menschheit in den Strudel des Populismus zu werfen. Neid ist ein böses Kleid, aber wer es anzieht, beschmutzt sich selbst. Es gab noch nie so viel Geld, soviel Reichtum, aber es gab auch noch nie so wenig Hunger, Pest und Krieg[1]. Es gab noch nie so viel Freizeit, Kunst und Unterhaltung, es gab noch nie so viel Wissen für alle. Die Elenden der Welt leiden weiter unter der Ungerechtigkeit, aber sie hungern nicht mehr und sie sind keine Analphabeten. Sie sind nicht abgeschnitten vom Wissen der Welt. Im Gegenteil, sie erfahren täglich Dinge, die nichts mit ihrem Leben zu tun haben, die aber immer auch Lösungsmöglichkeiten für Probleme enthalten, die wir alle haben. Die Kluft mag größer werden, aber es muss heute daraus kein Dissens mehr konstruiert werden. Gleichzeitig muss man aber auch bedenken, dass die Sicht, die Kluft würde größer, vielleicht selbst veraltet ist. Wenn es auf der Seite der Armen so viel weniger Elend gibt, dass selbst die verbohrtesten Marxisten auf die Verelendungstheorie ihres Begründers verzichten mussten, dann sollte man einen neuen Blick auf die Welt wagen.

Ist es nicht vielmehr so, dass auf der einen Seite der Welt die Menschen sich nach dem scheinbar omnipotenten Konsumismus sehnen, den sie auf der anderen Seite der Welt in ihren Fernsehapparaten und Smartphones sehen? Der Konsumismus ist der neue Kommunismus. Die reiche Seite der Welt verzehrt sich währenddessen an ihrem schlechten Gewissen, ihrem Überdruss, leidet an dem Wachstum, das sie nicht stoppen kann. Verlustängste werden zu Alpträumen. Aber das Leid der unablässig wachsenden Welt ist schon ein Alptraum, weil er vom ebenfalls zunehmenden und unübersehbaren Tod der Natur begleitet wird.

Die Lösung dieser Menschheitsprobleme sind also weder neue Parteien, die einfache Antworten in Unterschichtsprache zu geben versprechen, noch alte Parteien, die in ihrem Parteikauderwelsch so sehr erstarrt sind, dass sie sich selbst vergessen.

Vielleicht gibt es keine Lösung. Man muss das Scheitern nicht nur für Personen und Ideen denken können, es kann sich auch auf die Menschheit oder das Universum ausdehnen. Pflanzen- und Tierarten sind ausgestorben, Kulturen, Imperien und Nationen sind untergegangen, Menschen und Ideen haben sich selbst ad absurdum geführt. Byzanz wurde am 29. Mai 1453 von Mehmet II. erobert, aber das Sowjetimperium ist an seiner Hybris zerbröckelt. An Apokalypsen hat es nie gefehlt, und dass bisher keine in Realität umschlug, heißt nicht, dass das so bleibt. Was wahrscheinlich ist, muss nicht wahr werden, und was wahr wird, muss nicht wahrscheinlich gewesen sein. Andererseits ist mit Apokalypsen immer auch Stimmung gemacht, sind Ängste instrumentalisiert worden. Das Scheitern der Zeugen Jehovas beim Voraussagen des Endes der Welt zeigt nur, dass niemand die Zukunft voraussagen kann. Geheimdienste mögen erfolgreich sein in der Ausforschung der Vergangenheit, zum Beispiel bei der Verfolgung Eichmanns, aber die Zukunft können auch sie nicht voraussagen. Hier zeigt sich, dass der Konsumismus nur scheinbar omnipotent ist: Weisheit kann man nicht kaufen.

So wie die Schallplatte Emil Berliners das gesamte Universum der Information und Unterhaltung, Konservierung und Reproduktion revolutionierte, ohne dass irgendjemand diese Umwälzung vorher ahnte, obwohl alle Elemente dieser Technologie schon vorhanden waren, so wird auch innerhalb der bereits bekannten Systeme, Prozesse, Ideen oder Menschengruppen eine Vision entstehen, deren langsame Verwirklichung ein Weiterleben ermöglicht.

Die Probleme sind nicht leicht zu lösen. Wir müssen eine bis vielleicht 2050 wachsende, dann schrumpfende Weltbevölkerung ernähren, ohne das heute übliche extensive oder intensive Wachstum. Das gleiche gilt für den Energiebedarf, der völlig ohne fossile Träger reduziert und gedeckt werden muss. Die Verträglichkeit mit der Natur ist nicht nur Naturschutz um seiner selbst willen, auch nicht nur um den Menschen als Teil der Natur zu schützen, sondern er dient genauso auch der Förderung und dem Schutz der menschlichen Empathie. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er die Natur lieben, die er nicht sieht?[2]

Wir müssen eine Ordnung finden, die gleichzeitig offen und geschlossen ist. Der Diskurs ist umständlich und langwierig, jedes seiner fragilen Ergebnisse wird sofort angezweifelt. Der Zweifel mag das Automobil und das Smartphone gebären, für das Zusammenleben der Menschen ist er toxisch. Charisma neigt nur selten zur Demut, deshalb sind Führer, so beliebt sie auch zeitweilig sein mögen, schädlich für das Zusammenleben. Trotzdem wird in der Zukunft vielleicht eine Symbiose aus Charisma und Diskurs den Rahmen einer Ordnung bilden, die heute nicht vorstellbar ist. Vor kurzem war auch die Emanzipation der Frauen und der Elenden und der Kinder noch nicht denkbar. Was heute nicht denkbar ist, ist deshalb nicht undenkbar. Wir müssen vielmehr historisch denken und dürfen nie den Beitrag Einsteins zum Weltdenken vergessen: Es gibt keine Gleichzeitigkeit, und was nicht synchron ist, ist deshalb noch lange nicht ahistorisch.

Der Sinn unseres Daseins erschöpft sich indessen nicht im Essen. Je weniger sich Ernährung als Problem zeigt, je weniger also reine Reproduktion als Sinn des Lebens gesehen werden kann, desto mehr muss für eine dann wieder kleiner werdende Menschheit ein Sinn jenseits der Arbeit gefunden werden. Das Senftenberger-See-Syndrom führt dabei, selbst wenn es im Moment als richtig und sogar richtungweisend empfunden wird, in die falsche Richtung: man kann nicht einfach reparieren, was man vorher zerstört hat. Man muss stattdessen aufhören zu zerstören. Der Weg zu einem erfüllten Leben für alle Menschen liegt also nicht in der Reproduktion ihrer selbst, sondern in der Reproduktion des Lebens selbst: in der Kunst und Wissenschaft. Wissen schafft Glauben. Glauben wird immer weniger anthropomorphe Wesen wie Götter oder Gott hervorbringen, sondern Lebensmodelle. Wer durch seine Taten behindert ist, wird durch seine Herkunft nicht beschleunigt.[3] Auch auf dem geistigen Gebiet muss also der omnipotent erscheinende Konsumismus durch Produktion, also durch Denken, ersetzt werden. Dieses Denken ist auch das Durchdenken schon vorhandener Gedanken. Die Erziehung muss von der Dressur zum Fakt wieder zur Kultivierung des Denkens zurückfinden. Dieses Denken bricht sich nicht nur in der Wissenschaft Bahn, sondern auch in der Kunst. Das Ergebnis kann eine an sich selbst glaubende Menschheit sein. Dann muss es keine Elenden mehr geben.

 

 

 

 

 

 

 

[1] die apokalyptischen Reiter, Johannes-Apokalypse 6, 1-8

[2] 1. Johannesbrief 4,20 [für ‚Gott‘ wurde ‚Natur‘ eingesetzt]

[3] Hadith 36 von an-Nawawi [1233-1277]

BELOVED LOSERS

Nr. 352

Wenngleich viele Menschen harmoniesüchtig sind, so betonen sie doch die Verschiedenheit in der Person, in der Sache, in der Herkunft. Ich frage mich deshalb, ob wir nicht bedeutend stärker sein könnten, wenn wir den Konsens betonten. Statt dessen vergeuden wir unsere Kraft im Dissens. Der Dissens geht wahrscheinlich oft aus der Differenz hervor, die niemand leugnen wird. Die Frage ist nur jeweils, wie stark die Differenzen sind und welche Kraft sie entwickeln können. Unüberbrückbar scheinende Differenzen entspringen oft dem Vorurteil. Segregation und Hierarchie werden als Naturgesetze hingestellt, so dass ihnen nicht zu entkommen sei. Man könnte also sagen, dass die ahistorische Sicht den Dissens gebiert. Die menschliche Welt ist nicht synchron, aber immer historisch, asynchron ist nicht identisch mit ahistorisch.

Geschichte verläuft also nicht linear, sondern, wie wir schon oft betont haben, sinusförmig. Die Menschheit begann vielleicht im heutigen Kenia sich bipedisch fortzubewegen, aber das heißt nicht, dass sie in Kenia heute am weitesten ist. Das heißt eigentlich nichts. Nur merkwürdig ist eben, dass ein Vorurteil geschaffen wurde, das Entwicklung und Geschichte nicht nur umkehrte, sondern daraus auch die Bedeutung des europäischen Menschen ableitete. Selbst die Darstellung von Yesus als blondem, blauäugigem, hellhäutigem Menschen ist dieser reziproken Sicht geschuldet. Am schlimmsten ist es wohl, dass nicht nur die selbst ernannte Oberschicht diese Umkehrung glaubt, weil sie sie glauben will, sondern auch die verdammte Unterschicht, weil sie sie glauben muss. Allenfalls gibt es einen zeitweiligen Adel des Geistes oder einen Adel des Herzens.

Wer jetzt allerdings moralische Aufrufe, die Welt vom Kopf auf die Füße zu stellen, erwartet, wird sich getäuscht finden. Die Welt dreht sich von allein. Alle Vorstellungen von einem Demiurgen sind anthropomorph. Sie stellen sich also einen Menschen als Lenker der Menschen vor, einen entrückten Menschen, einen gestorbenen und wieder auferstandenen Menschen, einen Menschenmenschen, aber eben einen Menschen. So wie es aber keine Triebkraft der Evolution gibt, denn Evolution ist ja nicht der Prozess, sondern seine Beschreibung, so gibt es auch keinen Antreiber der Menschen. Der Prozess der Evolution oder des menschlichen Lebens ist die Akkumulation und das Miteinander tausender und abertausender Teilprozesse. Das wahre Wunder ist der Konsens, nicht seine Beschreibung.

Wir wissen nicht, welche Musik Emil Berliner bevorzugte, ob er überhaupt Musik liebte. Vielleicht liebte er, dem Vorurteil entsprechend, nur das Geld. Vielleicht hat er über seine Erfindung gar nicht nachgedacht, sondern sie nur ausgeführt, weil seine Frau ihm die Ausführung nicht zugetraut hat? Es ist über Emil Berliner und seine Brüder sträflich wenig bekannt, was auch mit der Atemlosigkeit der darauffolgenden Entwicklungen zu tun haben kann, aber es steht fest, dass sie die Welt in einen nie dagewesenen Schwung versetzte. Die Schallplatte hat gleichzeitig die zeitliche und räumliche Reproduzierbarkeit von Sprache und Musik ermöglicht. Das gleiche Musikstück in der nämlichen Interpretation konnte jetzt an jedem Ort und in jeder Zeit außer der Vergangenheit aufgeführt werden. Daraus sind vielleicht die falschen Gedanken der Identität und der Gleichzeitigkeit entstanden. Wenn ein Streichquartett spielt und gespielt wird und im Nebenraum die Aufnahme des gleichen Streichquartetts erklingt, so ist das weder wirklich gleichzeitig noch identisch. Wer das nicht glaubt, höre sich György Ligetis legendäre Komposition – Poéme Symphonique – mit den 100 Metronomen an.

Ungeachtet der Absichten der Erfinder stellt sich die Erfindung in eine komplexe Welt und macht sie noch komplexer, so komplex, dass wir ihr nicht mehr folgen können, obwohl wir mitten in ihr leben. Wir essen auch die Brötchen eines Bäckers, der bäckt, nicht damit wir, sondern auf dass er satt werde. Geschichte ist immer paradox, reziprok oder dilemmatisch, sinusartig, jedoch selten linear.

Aus der ständigen Anwesenheit von Geschichten ergab sich jedenfalls, dass wir die Ursachen gegenwärtigen Geschehens in gegenwärtigen Geschichten statt in Tatsachen suchen. Vielmehr haben wir erkannt oder glauben wir erkannt zu haben, dass es so gesehen gar keine Tatsachen, sondern nur ihre Interpretationen gibt. History und story waren früher zeitlich und räumlich getrennt. Die alten Israeliten glaubten die Gründungsgeschichte ihres Volkes und Staatswesens in des Hirtenjungen Davids Sieg über den Giganten Goliath. Aber das war lange her. Heute dagegen glauben wir nicht, dass ein böser Bube unsere Fensterscheiben eingeworfen hat, sondern wir nehmen lieber an, dass der Hausbesitzer einen noch böseren Buben angeheuert hat, der uns die Fensterscheiben einwirft, damit er die Miete erhöhen und/oder uns hinausekeln kann. Wir glauben sogar lieber Mythen als der Geschichte, weil die Geschichte weniger greifbar ist, als es die Mythen sind. Wir sehen in jeder Grippe eine biologische Waffe, so wenig logisch das auch sein mag, in jeder Gruppe, zu der wir nicht gehören, aggressive loser oder verlierende Angreifer. Periodisch tauchen Fremde oder Wölfe auf, um an unserem Reichtum zu nagen, den wir immer für verdient und für schwer erarbeitet halten.

Der Verlierer lebt eher im Konsens mit sich selbst als der Gewinner, der mit Mythen seinen Gewinn verteidigen zu müssen glaubt. Der geschäftlich erfolgreiche Mensch wird allerdings zum Mythos vom self made man gewöhnlich den Geiz als support hinzufügen. Hartherzigkeit ist in so zahllose Geschichten eingegangen, dass wir sie glauben müssen. Umgekehrt glaubt niemand an den Egoismus der Armen. Ihnen bleibt nur die Gutherzigkeit, da die Hartherzigkeit schon vergeben ist. Zur Geschichte und zum Mythos treten Dichotomie und Evidenz. Der Mythos lebt von der Gutgläubigkeit. Der Zweifel dagegen erschafft die Schallplatte und das Smartphone, das die Welt mehr verändern wird als heute irgendjemand auch nur ahnt. Die Verlierer werden wissender, die Gewinner werden zweifelnder, die Regierenden werden transparenter, die Regierten mutiger – all das wird möglicherweise durch das smartphone befördert werden. Oder aber es wird, wie bei der Schallplatte oder beim Automobil schon in einer Generation Folgen geben, die heute niemand ahnt, weil er sie nicht ahnen kann. Zwar kann man einerseits nichts vermissen, was man nicht hat, aber andererseits kann niemand wissen, was er schon bald haben wird. Vielleicht führt bald, bald ein gegenseitiger Maximalkonsens vermittels technisch gestützter Empathie zu gegenseitiger maximaler Zuwendung. Denn das smartphone und andere, noch nicht erahnbare Techniken verhelfen uns zur Verwirklichung unserer geträumten Imagines, statt starrer dummer Identitäten. Warum soll der Mensch weniger sein als eine Raupe, wenn er schon nicht mehr ist?

VERSCHWUNDENE MENSCHEN

Nr. 351

Immer wieder verschwinden Menschen. Viele werden schon am nächsten Tag wiedergefunden. Manche wollen ihr bisheriges Leben verlassen und ein neues beginnen. Vielleicht haben sie Schulden, vielleicht das Gegenteil: Überdruss, vielleicht belastet sie eine unerwiderte Liebe. Jugendliche beginnen mit dem verschwinden oft eine Drogen- oder Outlaw-Karriere. In vielen Wohlstandsländern, wie auch bei uns, nehmen sich viele Menschen das Leben.

Philosophisch und evolutionär mag der Tod erklärlich sein, die Religionen können tröstlich sein, aber für das namenlose Verschwinden von Menschen in einer überinformationellen und auch hochfürsorglichen Welt gibt es keine Erklärung.

Zwei Dörfer neben meinem lebten anfangs der neunziger Jahre in einer aus der DDR übrig gebliebenen verwahrlosten Siedlung Menschen am Rand der Gesellschaft. Nur mühselig gelang es ihnen, sich in das überbürokratisierte Sozialsystem des neuen Staates einzufügen. Für sie war die Welt aus den Fugen, und sie versuchten mit Gelegenheitsjobs und kleinen Diebstählen auf der einen, auf der anderen Seite aber mit Insistieren auf ihrem Lebensrecht und mit Umzügen in eine bessere Welt, wo die Beamtinnen in den Sozialämtern netter wären, sich diese ihre Welt neu einzurichten. Manchmal war auch einfach der Verkauf des Hauses, in dem sie bisher gelebt hatten, der Grund, die Gegend zu verlassen. Ein schon etwas älterer alleinstehender Mann, nennen wir ihn R., blieb übrig. Seine Nachbarn, die alten wie die neuen, versicherten immer wieder, dass sie ihm bessere Lebensbedingungen angeboten hätten, ein Zimmer, den Dachboden, einen alten Campinganhänger. Er blieb aber in seinem Schuppen ohne Fenster, ohne Strom und ohne Wasser. Er ging früh schlafen und stand spät auf. Man konnte das an der Tür zu seinem Schuppen erkennen, wenn man auf der an dieser Stelle engen Dorfstraße an dem Hof vorbeifuhr. Heute fragt man sich: wer half ihm, wenn er krank war. Manchmal stand er an der Bushaltestelle, um in die Kreisstadt zu fahren. An anderen Tagen fuhr er mit seinem Fahrrad und mit klappernden Flaschen im aufmontierten Einkaufskorb in die ‚Deine Kette‘ genannte ehemalige Konsumverkaufsstelle der benachbarten Kleinstadt, um sich ein paar Flaschen Bier zu kaufen. Manchmal versuchte er dabei eine Flasche Schnaps zu stehlen. Wenn er erwischt wurde, erhielt er als Strafe ‚gemeinnützige Arbeitsstunden‘, über deren Ableistungen in Gemeinschaft oder für Projekte er sich so freute, dass er leise verkündete, dass er wieder stehlen werde, um wieder hier arbeiten zu dürfen. Einige Nachbarn gaben ihm hin und wieder etwas Arbeit, die er auch still und gerne verrichtete. Das verdiente Geld trug er stets mit seinem klappernden Fahrrad in den Konsum, der jetzt DEINE KETTE heißt. Wie er den Winter überstand, wissen wir nicht. Im Winter sah man ihn fast nie. Jetzt ist er an Krebs gestorben, im Dorf wird aber auch gemunkelt, dass ihm niemand Essen und trinken und Medikamente brachte. Die Hütte, die manch anderer noch nicht einmal als Hühnerstall benutzt hätte, wurde sogleich abgerissen. Die Kriminalpolizei ermittelte wegen unterlassener Hilfeleistung. Auf dem Friedhof weiß niemand etwas von einer Beerdigung. Alle bisher befragten kannten seinen Namen nicht, sondern nannten ihn R. Wenn die Landschaft ein Gemälde wäre, würde er fehlen.

‚Er war selbst schuld.‘ Mit diesem Satz schleichen wir uns gern aus der Verantwortung für unsere Mitmenschen. Neuerdings gibt es sogar wieder eine Partei, die die sozialdarwinistische Ansicht vertritt, jeder – und jedes Land – sei sich selbst der oder das nächste, da ohnehin nur der stärkere gewinnt, wir seien nicht das Sozialamt der Welt. Mit dem Satz, dass jemand selbst schuld war, unterstützen wir den Hang zum monokausalen Denken. So wie niemand allein seines Glückes Schmied ist, so ist auch keiner allein seines Unglücks Müllmann. Wieder zwei Dörfer weiter in die andere Richtung wohnt eine Frau in einem Container, weil eine Abrissfirma, die die dem Nachbarn gehörende Scheune – schon das war fragwürdig – entsorgen sollte [ENTSORGEN, ABSCHIEBEN, WEGWERFEN – die Konservativen immer vorneweg] ihr Haus versehentlich mit abriss. Zum Glück, dessen Schmiedin sie nicht war, musste sie an diesem Tag zum Arzt, sonst hätte sie keinen Arzt mehr gebraucht. Das Unglück kommt mit Schuld daher, sicher, aber auch mit Unwetter und bürokratischen oder technischen Katastrophen, mit Neid und Missgunst, mit Eifersucht, Streit und Sozialdarwinismus. Wenn wir die Schuld bei uns suchen würden, wären die Täter schneller gefunden.

Im Februar des vorigen Jahres ertrank unter dem Eis des Sees unserer Kreisstadt ein blutjunger Flüchtling aus Pakistan. Er war ein freundlicher junger Mann, wie seine Kollegen und Mitbewohner bestätigen. Er arbeitete in einer gastronomischen Einrichtung der Kreisstadt, einem Mittelding zwischen Hotel und Jugendherberge. So gesehen war er erstaunlich gut integriert.

Man kann die Faszination der Südländer für das Eis beobachten und verstehen. Vor vielen Jahren rief mein erster afrikanischer Freund I’M JESUS, als er über sein erstes Eis lief. Später wurde er erschossen – beinahe auch wie Yesus –, weil er zur falschen Befreiungsorganisation gehörte. Eis ist ein Phänomen, das es nur im Norden oder in großer Höhe gibt, vielleicht nicht mehr lange.

Der junge Mann, der Neubürger der Kreisstadt, hatte jedenfalls den ersten Urlaub in seinem Leben – bei uns genießen schon die kleinsten Kinder den Urlaub der Eltern als eigenen – und er ging vielleicht gern spazieren. Er ging auf das Eis, brach ein, rief um Hilfe, wurde auch gehört, aber die schnell eintreffenden Rettungskräfte konnten ihn nicht finden. Das Eis hatte ihn verschluckt. Wenn die Landschaft ein Gemälde wäre, würde er fehlen. Es gab dann eine großangelegte Suchaktion, darin sind wir groß. In diesem Fall war die aufwändige Suche vergebens, in vielen anderen Fällen rettet sie Leben. Der Junge wurde dann auf einem muslimischen Friedhof in Berlin beerdigt. Auf seinem Grab steht eine Nummer. Darin sind wir klein.

Integration ist nicht ein überwiegend juristischer und sozialbürokratischer Prozess, der sogar bei genuin-inländischen Menschen schwerer zu fallen scheint als bei – auffälligeren – neu zugewanderten. Integration geht nur, wenn man über den eigenen Gartenzaun, die Landesgrenze und Herkunft hinaus zu blicken bereit und fähig ist. Integration heißt nachfragen.

[DAS GEMEINDEKIND]

Nr. 350

Über Vergänglichkeit kann man sich nur wundern: alles vergeht, jegliches hat seine Zeit, aber bei manchen Dingen ist es eben bedauerlich, dass sie weg sein sollen. Wenn man durch Zufall oder was sonst auf die alte Geschichte vom Gemeindekind stößt, wundert man sich als erstes, dass es vergessen ist, dass Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach die größte deutschsprachige Erzählerin ist und sich heute noch atemlos liest. Dabei erscheint sie auf dem bekanntesten Bild als eine runzlige, ziemlich dicke alte Frau. Sie musste nicht schreiben, sie besaß von Haus aus ein beträchtliches Vermögen nebst schönem Schloss und heiratete zum Überfluss mit achtzehn Jahren einen nicht nur reichen, sondern auch intelligenten und höchst originellen Mann, der Professor für das Geniewesen der österreichischen Armee war und dessen wichtigstes Arbeitsergebnis und Buch hieß: DER LUFTBALLON IM KRIEG. Sie schrieb, um die Menschheit zu erziehen, und dafür – für dieses heute etwas in Verruf geratene Schreibziel – sind ihre Geschichten umwerfend gut.

In dem kleinen Roman ‚Gemeindekind‘ geht es zunächst um eine höchst asoziale und verbrecherische Familie, deren Kinder nach Aburteilung der Eltern zur Disposition stehen. Das folgsame Mädchen kommt in die Obhut der Gutbesitzerin – das ist eine runzlige, ziemlich dicke alte Frau. Ihre Verschroben- und Direktheit wird liebenswürdig geschildert und man glaubt ihr beinahe nicht ihre Empathie und ihre eigene Entwicklung, bis man ihr glaubt, dass Wohltaten wohltun. Allerdings versteht sie bis zum tragischen Ende des Mädchens nicht, dass man niemandem wohltut, den man in die Obhut der Unmündigkeit, und sei sie auch im prächtigsten Gewand, zurückgibt. Die Kirche erachtet die fiktive Seele höher als das reale Leben.

Dem Knaben hingegen scheint ein Leben als Nichtsnutz und Verbrecher vorherbestimmt. Er wird in eine wiederum asoziale und verachtete Familie gegeben, um Kosten zu sparen. In ganz Europa war damals das Armenwesen in die Hände und Kassen der Gemeinden gelegt. Das war weitaus konkreter als Hartz IV. Jedoch waren die Empfänger der dürftigen Sozialleistungen auch der Diskriminierung durch die direkt zahlenden Menschen im Dorf und in der Kleinstadt ausgesetzt. Als wirklich eingeboren galt damals der Hochangepasste. Als fremd und zu bekämpfen galt der Unangepasste, der Arme, Asoziale, der Nomade. Wirklich Fremde aus der Fremde gab es so selten, dass sie namengebend wurden.

Die Geschichte ist in zwei Teile gegliedert und bei all den Niederungen menschlicher Schicksale, die der erste Teil bis zur Schmerzgrenze schildert, kann man leicht glauben, dass der zweite Teil den reich gewordenen ehemaligen Verbrecher als Wohltäter zeigt. Dieses Märchen hat später der Schweizer Dichter Dürrenmatt zerlegt, indem er die alte Dame Wahltaten im höheren Sinne bringen lässt. Ebner-Eschenbach hingegen lässt ihn im zweiten erst erkennen, dass es überhaupt Alternativen gibt. Und nach der Entwicklung des Protagonisten und der alten liebenswert-mürrischen Gutsbesitzerin kommt nun das Porträt eines Dorfschullehrers, das von Tolstoi sein könnte, wenn Tolstoi statt über Grafen und Generäle über die Dorfschullehrer geschrieben hätte, von denen er selbst einer hätte sein wollen. Seine wichtigste Frage war, und es sollte auch unsere wichtigste Frage heute sein, – was wird aus den Talenten, die wir nicht entdecken? Die alte Freifrau, auch Tolstoi war Graf, weiß die Antwort: der Lehrer, der sich vollkommen überfordert mit der körperlichen Züchtigung vermeintlicher und tatsächlicher Delinquenten zeigt, ist selbst ein nicht entwickeltes Talent, das sein Ziel um Längen verfehlte, aber dessen Blick geschärft ist für nicht entwickelte Talente. Während heute und bei uns Verachtung, Überforderung und bürokratische Vereinnahmung der Lehrer üblich sind, wird hier das liebevolle und tiefsinnige Portrait eines Lehrers gemalt, der, wie es so schön heißt, seines Amtes waltet, und sein Amt ist es, Talente zu entdecken und zu fördern. Dieser Lehrer weiß schon lange: prügeln verschlimmert das, was es bessern wollte. Bessern kann immer nur die bessere Methode: Liebe. Vielleicht sind solcherart Botschaften überhaupt in Misskredit geraten, vielleicht aber stört uns, dass es bei den Protagonisten der hoch- und herzensgebildeten Freifrau um alles oder nichts, sein oder nicht sein, um existenzielle Fragen geht. Wir dagegen befinden uns in der komfortablen Lage, fast ausschließlich über Luxusprobleme zu diskutieren, die wir kurzerhand zu existenziellen Fragen umdichten. Flaschensammler sind bei uns keine Flaschensammler, sondern bis auf Hemd abzehrte, von der Regierung sträflichst vernachlässigte Typen. Weil wir eine, wenn auch in ihrer Überbürokratisierung manchmal unbeherzte und herzlose Regierung haben, die sich um fast alles kümmert, glauben wir allzugerne, dass sie sich um alles, aber auch wirklich alles kümmern muss. Am linken und am rechten Rand der Gesellschaft wird das lächerlicherweise bis ins Absurde geführt: da tummeln sich in Regierungsämtern frivole Ausbeuter und kaltschnäuzige Volksaustauscher. Dabei stammt dieser Gedanke aus einem hasenfüßigen Gedicht Bertolt Brechts, der zu feige oder zu geldgierig war, seinem Staatschef die Meinung zu sagen und stattdessen lieber ein Gedicht nicht veröffentlichte, das vorschlug statt der Regierung das Volk auszutauschen. Noch lustiger ist die Personifizierung einer modifizierten Wirtschaftsmethode, des Kapitalismus, als eine Art Väterchen Frost, dem man mit dem Teekesselchen des schon zu Marx‘ Zeiten falschen Marxismus leicht beikommen könnte.  Diese Blickwinkel vernachlässigen, dass es in der Mitte der Gesellschaft nach wie vor Millionen von Menschen mit Verantwortung und Leidenschaft gibt, darunter auch viele Rentner, die keine Flaschen, sondern Spenden sammeln und Erfahrungen weitergeben.

Es gibt keine einfachen Lösungen, aber eine Lösung ist es, einfach dem nächsten besten zu helfen, der uns begegnet. Um das zu befördern, bedarf es keines Pessimismus, sondern guter Lehrer auf dem Dorf und in der Stadt, wörtlich und metaphorisch.

Der geübte Leser wird zu dieser Geschichte in seinem inneren Ohr Mahlers wunderschönes episodisches Gesamtkunstwerk hören, die erste Sinfonie, die voller Zauber ist und wie Ebner-Eschenbachs Geschichte voller unerwarteter Wendungen. Beide stammen aus derselben Zeit und aus derselben Gegend, nur dass Mahler eher das Gemeindekind war und Ebner-Eschenbach, ohnehin dreißig Jahre älter, die Erzieherin der Menschheit. Aber Vorsicht: erziehen ist ein altes und wahrscheinlich falsches Wort, denn es gibt eine verallgemeinerte, von der Gesellschaft oder dem Zeitgeist anempfohlene Richtung vor und verlangt Anpassung. Der wahre Lehrer dagegen spürt das Talent, die seelische Not, den Hilferuf, und versucht, die Gesellschaft an dieses eine Kind anzupassen, das er entdeckt hat. MORNING BELLS ARE RINGING?

DU HAST DIE WAHL

Nr. 349

In vielen Megastädten gibt es weder Straßennamen noch Stadtpläne und nicht jeder benutzt Google. Also stehen Jungs am Straßenrand und geben gegen geringes Entgelt Auskunft. In Europa dagegen hatten zuerst die Häuser Namen, dann die Straßen, dann führte Napoleon die Nummerierung der Häuser ein, schließlich entstanden Stadtpläne und Navigationssysteme. Die Vor- und Nachbereitung von Reisen und Fahrten kann die Reisen und Fahrten ersetzen. Was früher die Vorstellungskraft und die Erinnerung leisteten, haben uns die digitalen Denksubstitute abgenommen. Google Maps verhält sich zur Wirklichkeit wie der Liebigsche Brühwürfel zum Sonntagsbraten.

Und auch die Demokratie entstand nicht durch eine blutige Revolution aus der Asche der Barrikaden, sondern wie ein Brühwürfel nach dem anderen: Dreiklassenwahlrecht, Frauenwahlrecht, Achtstundentag, passives Wahlrecht für alle, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Schwesterlichkeit, die Ersetzung aller Rassismen und Hierarchien, Vegetarismus, Rückbesiedlung des Landes als zigste Reformbewegung, Abschaffung der Kriege und Emanzipation der Verhandlungen. Jede|r mag für sich entscheiden, welche oder wessen Ideale damit verwirklicht wurden. Entscheidend ist nicht, ob beispielsweise eine Forderung aus der Bergpredigt des Großpropheten Yesus oder ein Satz aus Rousseaus Gesellschaftsvertrag wirklich wurde, sondern dass sich zum Schluss herausstellt, dass es keine signifikanten kulturellen Differenzen gibt, dass also der fiktive Großprophet Nathan recht hatte, als er diese immer wieder angenommenen und betonten Differenzen in den Bereich reiner und zufälliger Äußerlichkeiten verlegte. Demokratie und Sozialstaat sind also keine Herkunfts-, sondern Zukunftsfragen.

Was aber alle Visionäre, Propheten und Philosophen nicht vorausgesehen haben oder nicht voraussehen konnten, ist die Ermüdung am Guten. So wie die intensive Landwirtschaft, vielleicht beginnend mit dem friderizianischen Erdapfel, step by step den Hunger beseitigte und nicht ahnen konnte, dass dann nicht nur sattzufriedene, sondern auch adipöse Menschen, überdüngter Boden, Monokulturen und Artensterben das Ergebnis sein werden, so ergeht es auch der Demokratie. Sie schüttet Wohltaten aus und erntet Undank und Widerstand. Demokratie ist aber selbst auch ein Kind des Widerstands und muss sich also nicht über die Umkehrung der Verhältnisse wundern. Ist es nicht eigenartig, dass eines der häufigsten Argumente gegen die etablierte Demokratie deren Geldverschwendung ist und die nationalistischen Alternativen mit eben dieser Geldverschwendung beginnen und mit großer Wahrscheinlichkeit auch enden werden? In den Kinderzeiten der Demokratie zeigte sich, dass der abgeordnete und seiner Erwerbstätigkeit entfremdete Bürger alimentiert werden muss. Im heutigen Deutschland wurde diese Alimentierung wie die Altersrenten an den Inflationsausgleich gekoppelt, gleichzeitig aber durch jährliche Parlamentsbeschlüsse von der Regierung unabhängig gemacht. Und genau das wird nun von denjenigen Menschen kritisiert, die vom Sozialstaat abhängen. Aber das erste, was die Alternative für Deutschland im Bundestag getan hat, war für 10.000 Steuerzahler-€ Schnittchen bestellen. Marie Le Pen machte ihre Leibwächter zu vom Europäischen Parlament bezahlten Assistenten. Finanzskandale sind die Normalität dieser Alternativen, die in Wirklichkeit Karikaturen sind.

Die Alternative zur etablierten und erstarrten Politik ist der Bürokratieabbau, die Abschaffung der immer unverständlicheren Juristen-, Bürokraten- und Zeitungssprache, die Beendigung der permanenten Verrechtlichung aller Dinge und Prozesse. Wer über die Straße geht oder in einen Fluss springt, muss sich des Risikos für sein Leben bewusst sein, und es ist nicht nur die unmittelbare Gefahr, sondern auch die drohenden Gefahr durch die ständige Veränderung, die gerade auf Straße und Fluss gut angezeigt wird. Ganz im Ernst wurde schon davor gewarnt, dass, wenn der Individualverkehr durch Elektroautomobile leiser wird, die Unfallgefahr steigt. Jede Verbesserung wird durch Verrechtlichung und Bürokratisierung zur Verwässerung oder Verschlechterung. Der Rechtsstaat hat sich vor die Demokratie und vor den Sozialstaat gedrängt, dabei war er doch nichts anderes als ein Assistenzsystem der beiden. Der Rechtsstaat ist nur die Garantie, dass Demokratie und Sozialstaat für jede|n erreichbar sind, dass Gerechtigkeit für alle angestrebt wird. Der Rechtsstaat ist kein Polizeistaat, wie es jetzt auch die CDU, in nachjagendem Gehorsam plakatiert, aber sie jagt nicht dem Recht nach, sondern dem Rechts. Wenn Angela Merkel Ziele verfehlt hat, dann die Modernisierung der CDU, der Antimerkelismus, die Grundtorheit dieser Partei, gebiert solche rechtskonservativen Ungeheuer wie Kramp-Karrenbauer, Spahn, Ziemiak (‚da hilft kein Integrationskurs, sondern nur Gefängnis‘), Kuban, deren Namen man sich hoffentlich nicht merken muss. Auch die CSU jagt der autoritären Karotte nach und bleibt im Kreis der Ewiggestrigen. Nicht zufällig wurde die Erneuerung Deutschlands auf wichtigen Gebieten eben nicht verschlafen, sondern aus Angst verdrängt, Digitalisierung, Bildung, Globalisierungspolitik mit Weltmarkt und Migration. Die CDU ist genauso unrettbar verloren wie die SPD, aber die Karikatur- und Schnittchenpartei Gaulands und Höckes (‚wir brauchen eine neue Männlichkeit‘) ist auch nichts weiter als die Vergreisung des Autoritarismus. Die Erneuerung kommt aus der Jugend und aus der Technik.

Diese Erstarrung von Reformbewegungen oder Willkür verselbstständigter Assistenzsysteme ist natürlich nicht neu. Der Großprophet Salomo beklagte sie genauso wie der Renaissanceriese Shakespeare: ‚and strength by limping sway disabled‘*. Der erste Weltkrieg ist das grandiose und tragische Missverständnis eines solchen Paradigmenwechsels. Die lange Friedensperiode wurde als Stillstand interpretiert und die Voraussage überhört.** Der Fluch der Wende ist, dass man nicht weiß, was kommt. In der Nichtwende weiß man es auch nur durch Gewohnheit und ewige Wiederholung. Eigentlich also weiß man nie, was wirklich kommt. Die Verunsicherung führt zu Angst, Missgunst und Krieg. Wenn man, wie wir, den Krieg nicht mehr zu den praktikablen Mitteln zählt, zeigt sich, wie mächtig die verbleibenden Faktoren Angst und Missgunst sind. Das Neue, für das wir noch keinen Namen haben, eine Mischung vielleicht aus Demokratie, Sozialstaat und Digitalisierung, setzt sich genauso wie einst die Demokratie aber nicht in einer Revolution, sondern in einem schleichenden und damit nicht weniger beängstigenden Prozess durch. Digitalisierung darf man sich aber nicht nur allzu technisch vorstellen. Die Verkleinerung und Verkomplexisierung der Geräte ist nur die eine Seite. Die andere Seite aber ist die immer höhere Zugriffsgeschwindigkeit zu Wissen und Kunst. Das ist die unterschätzte Seite. Auf der dritten Ebene muss also die Intensivierung von Ethik, Sinn, Transparenz und Transzendenz, Abstraktion und die Bevorzugung von simply truth vor simplicity*.

Wir stehen nicht nur am Ende einer alten Welt, sondern auch am Beginn einer neuen. Haben wir eine Wahl?

 

 

*Sonett 66

**Rathenau

YOUR FACE IS YOUR PAST II

Nr. 348

Wir torkeln blind durch das Stück Geschichte, das uns zugeteilt ist, denn jegliches, sagt Salomo, hat seine Zeit. Wie Kleinkinder sehnen wir uns nach dem Gängelwagen, der in Kants berühmtestem Absatz vorkommt und sogar der Königsberger Wirklichkeit abgelauscht gewesen sein mag. Das Kind strebt in die Weite und schleppt seine Unfreiheit mit sich. Wer einen Weg sucht, wundert sich, dass es eine Einbahnstraße oder gar eine Sackgasse ist, eine Baustelle oder ein Abhang, wenn nicht gar ein mainstream, vor dem uns unsere Großmutter warnte, obwohl sie ihm selbst entstiegen war. Wie ein doppelseitiges Geländer wollen uns Traditionen und Ideologien führen. Charisma ist genauso verführerisch wie ein Aphrodisiakum oder eine Trance. Wer Halt sucht, ist genauso verloren wie der Haltlose. Eigentlich ist das ganze Leben ein Dilemma: man kommt nicht vorwärts, kann aber auch nicht stehenbleiben.

Dabei gibt die Suche nach Identität einem natürlichen Sicherungsbedürfnis Gestalt. Sind wir, fragen wir uns, wirklich nur ein Abbild Gottes, geformt aus Ton, bei Shakespeare gar nur aus einer Brotkrume, verdammt dazu, auf ewig Regeln und Strafen auszuhalten? Der Verstand mag nicht das Werkzeug sein, uns glücklich zu machen, aber er weigert sich auch, uns im Gefängnis zu belassen. Bei Seneca gibt es einen Sklaven, der in der Gladiatorenarena geopfert werden sollte, der aber stattdessen sich die Abortstange in den Rachen rammte, um selbstbestimmt und in Würde sterben zu können. Das ist eine seltsame Vorstellung, die Stange, mit der in der Antike die Fäkalien beiseitegeschoben wurden, als Symbol der Würde des Menschen, die uns ein hohes Gut geworden ist.

Leider ist die Würde des Menschen, obwohl für unantastbar erklärt, nicht das höchste Gut. Wir verharren allzu gern in der Einteilung von Qualitäten und Quantitäten. Jeder glaubt sich der oder die richtige, wenigstens zur richtigen Gruppe, Familie, Nation oder Religion gehörend. Beinahe der schlimmste Kollateralschaden daran ist, dass die zu minderwertigen erklärten sich selbst auch für minderwertig halten. Die Wertordnung gilt in ihrer Zeit für alle. Der einzige Trost, dass sie von einer anderen Wertordnung abgelöst wird, ist für die rezenten Menschen kein Trost. In ihrer Lebenszeit ändert sich nichts. Sie gehen unter und ihre Würde mit ihnen.

Von Henry Ford, der leider ein Antisemit, also auch ein aggressiver Menschensortierer, aber gleichzeitig auch ein Großinnovator war, stammt der schöne Satz, dass Geschichte Quatsch sei. Hätte man also ein Automobil konstruieren können, das auf alle Lehren aus der Geschichte Rücksicht nimmt, das alle Pferde rettet? Hätte man ein Automobil konstruieren können, das die energetisch-fossile Katastrophe vorwegnimmt oder gar verhindert? Hätte man ein Automobil konstruieren können, das eine Freiheit nicht nur vortäuscht, sondern auch tatsächlich gewährt, oder diese Freiheit eben nicht vortäuscht, sondern das sein eigenes Dilemma aufzeigt: je größer das Automobil, desto größer die Unfreiheit? Es zeigt sich, während man das alles überlegt, dass das Automobil überschätzt wurde. Es ist nur ein pferdetötendes Vehikel. Aber waren die Millionen Pferde vor dem Automobil glücklich? Wir sind nicht die ersten, die über die Würde der Tiere nachdenken. Für viele Tiere wird es zu spät sein. Der Tag ist nicht mehr fern, an dem wir an unserer Häuser schreiben:

BEES AND REFUGEES WELCOME.

Denn Menschen gehören nicht in Schubladen, sondern in die Herzen und Häuser ihrer Mitmenschen. Gift gehört nicht auf den Acker oder in den Garten. Das Mittelmeer ist nicht zum Ertrinken da. Ein Kopftuch ist eine Kopfbedeckung, das gilt für Befürworter und Gegner gleichermaßen. Warum halten wir uns nicht an solche klaren Aussagen für unsere Gegenwart und suchen stattdessen unser Heil in Gruppen, Traditionen oder Ideologien?

Noch merkwürdiger ist, wer die vermeintliche Identität anderer denunzieren will. Der greift nicht selten zum Paradox: viele rechte Schreiber wollen uns einreden, dass wir eigentlich alle Nazis sind, die schleichende Diktatur und Meinungsunfreiheit hindert uns nur daran. Das würde bedeuten, dass die Nazis als Gegner eigentlich Nazis bekämpfen. Wir müssen, um das Problem zu lösen, zu Hilfsmitteln greifen, zum Beispiel zu Wahlen. Wahlen spiegeln die Wirklichkeit genauso wenig exakt wie ein Spiegel wider, sie sind, wie der Spiegel, ein Hilfsmittel, um den bloßen Kinderglauben, dass alle so sind, wie man selber zu sein glaubt, zu widerlegen. Aber indem wir diesen infantilen Unsinn als Kinderglaube bezeichnen, tun wir den Kindern unrecht, denn sie haben weniger Vorurteile, weniger Zwang und weniger Gewalt zur Verfügung als die Erwachsenen. Ein weiterer Missbrauch der ohnehin überflüssigen Identitätssuche ist die Benutzung von Tieren, zum Beispiel Wölfen, Schweinen, Hunden oder Bären als Pejorative. Die Sprache und die Gesellschaft verrohen auch, weil wir ständig etwas diskriminieren, diskreditieren und beschimpfen müssen. Wie das Automobil die unglücklichen Pferde tötete, so liquidiert das Internet die Würde von Mensch und Tier einfach durch die stündliche und millionenfache Wiederholung pejorativer Kommentare. Alles wird unflätig durch Inflation. Alles wird besser durch Enthaltsamkeit. Alles wird schlechter durch regeln, alles wird besser durch lernen, beides sind keine Substanzen aus dem Supermarkt, sondern Prozesse, Gedanken, Gefühle, Freude und Leid aus dem menschlichen Leben.

Wir torkeln also nicht durch die Geschichte, sondern nur durch unsere Geschichte. Wir torkeln durch die Welt auf der Suche nicht nur nach der verlorenen Zeit, sondern nach uns selbst. Überall sehen wir Ebenbilder. Überall wünschen wir Ebenbilder. Deshalb halten wir uns selbst auch für ein Ebenbild. Es gibt Gemeinschaften, aber es gibt keine Identitäten. Niemand ist auch nur mit sich selbst identisch. Deshalb sollten wir uns so schnell und so intensiv wie möglich angewöhnen, in jedem Gegenüber den Bruder und die Schwester zu sehen. So gesehen sind wir alle Dioskuren.

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ONLY YOUR FACE IS YOUR PAST

 

Nr. 347

Freud schrieb, dass unser Leben zu schwer sei und wir deshalb schlafen, träumen und uns betäuben müssen. Aber damit nicht genug. Das Leben ist wie ein Seiltanz, und die ständige Angst abzustürzen, verdrängen wir mit geglaubten Sicherheiten. Die Familie ist natürlich nicht nur geglaubt, sondern real. Trotzdem gehören Brudermord und Vatermord zu den Urbildern der Menschheit. Trotzdem gibt es den Mythos der besonderen Mutterliebe. Trotzdem erleben wir gerade – seit dem neunzehnten Jahrhundert – eine Annäherung der Geschlechter und eine komplette Änderung der Vaterrolle. Die Kinderzahl steigt zwar noch, aber die Geburtenquote sinkt in allen Ländern mit Ausnahme der allerärmsten. Damit wird sich auch die Mutterrolle, die wohl ein Mythos zur Kompensation der Rechte- und Freiheitseinschränkungen war, signifikant ändern. Der Mythos der Mutterschaft war an die alleinige Funktion der Mutterschaft gekoppelt.

Noch krasser ist es bei der Nation. Sie ist ganz offensichtlich ein Konstrukt des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts. An den Konflikten kann man sehen, wie wenig sich die Menschen, aber auch die Politiker an den Status der Nation halten. Ein reiches Land wie Belgien leistet sich einen teuren Streit: zwei Universitäten werden nebeneinander gebaut, eine wallonische und eine flämische. Einen billigen Streit leistet sich die Türkei: immer wieder klafft die Wunde zwischen Türken und Kurden, die sich ein Staatsterritorium teilen, ohne wirklich ein Volk zu sein. Der schwankende und schwächelnde Autokrat hat es diesmal sogar geschafft, nicht nur den Konflikt zu entfachen, sondern auch ein neues kurdisches nichtterroristisches Bewusstsein zu stärken. Deutschland tat sich lange schwer mit der zweimaligen Verschiebung seiner Grenzen in einem Jahrhundert und tut sich derzeit schwer mit der Anerkenntnis, dass, wer sich mit seinen ehemaligen Feinden versöhnt, eben dann auch als Musterbild der Toleranz gesehen wird. Das merkwürdige daran ist nur, dass Deutschland immer schon ein Einwanderungsland war, so wie in Frankreich, das auch den Preis für seinen Kolonialismus bezahlen muss, niemand weiß, ob er von den Galliern oder den namensgebenden Franken abstammt. Sind wir Alemannen oder Sachsen? Auf dem Balkan nennt man uns Schwaben. Das alles haben Ernest Renan (‚die Nation ist ein tägliches Plebiszit‘) und Arthur Schopenhauer (‚Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört,, stolz zu sein…‘) schon mehr als gründlich beantwortet.

So ist es auch mit der Religion. Wie alle menschlichen Gruppen hat sie den Keim der Spaltung immer schon in sich. Gerade gestern, katholische Frauen wollen unter dem Label MARIA 2.0 ihre auch kirchliche Emanzipation erkämpfen, schlägt der Klerus vor, dagegen einfach eine neue, unterwürfige Frauenorganisation zu gründen. Wahrscheinlich wird sie dann rechtgläubig heißen. Ruft man bei YOUTUBE beliebig eine Predigt auf, so hört man einen Abt, der begründet, warum nur ein Priester das Abendmahl vollziehen kann. Das ist der umgekehrte Muttermythos, dem auf der wieder anderen Seite das Vaterland gegenübersteht.

Aber was ist mit den Traditionen, der Kleidung, dem Essen? Isst man sich durch die Welt, so bemerkt man schnell, dass die Differenzen marginal sind. In warmen Gegenden haben die Menschen wenig an, in kalten mehr. Das ist der ganze Unterschied. So steht es auch schon im NATHAN DER WEISE von Lessing, ein Buch, das gerne gelesen und auf dem Theater angehört, aber genauso gern vergessen wird: ‚Wie kann ich meinen Vätern weniger als du den deinen glauben?‘ [III,7] Und etwas weiter oben heißt es im schönen Dialog zwischen Saladin und Nathan, dass sich die Religionen in allerhand Äußerlichkeiten, jedoch nicht von Seiten ihrer Gründe unterscheiden.

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Der Hintergrund, auf dem wir uns bewegen, ist die Gegenwart, stage und backstage. Unser Verhalten ist immer vom Augenblick bestimmt. Wollen wir einen Ertrinkenden retten, können wir nicht unsere Prinzipien befragen, sondern wir müssen unsere jetzigen Möglichkeiten abrufen. Nur Fundamentalisten sehen das anders und verhalten sich auch anders. Sie kalkulieren immer den Tod gegen das Prinzip. Die damalige Berliner Führung der Zeugen Jehovas wurde in einer Schulklasse ausgepfiffen als sie in der letztlichen Alternative, ob man einem Verhungernden Brot oder eine Bibel geben sollte, das Prinzip wählte. Fundamentalisten gibt es nicht nur bei Boko Haram, sondern auch im Vatikan oder in einem Bundesministerium.

Was wir mit uns herumschleppen, ist unser Gesicht, nicht unsere Tradition. Die Tradition wird als Rettungsring gesehen, solange wir Rettung nötig haben. Tradition wird als Ballast über Bord geworfen, sobald wir schwimmen können. Das ist die radikale Definition und definieren heißt, einen Prozess anhalten. In Wirklichkeit sind wir weder eindeutig noch radikal vernünftig. Der Physikprofessor hat auf dem Weihnachtsmarkt oder bei einer Beerdigung Tränen in den Augen. Weihnachtsmärkte und Kopftücher sind nicht nur Orientierungen, sondern auch Erinnerungen und Gefühlsprojektionen. Das Leben ist zu schwer, um ohne all dies auszukommen. Der rechtsradikale Schwätzer, der gerade ein Kopftuchmädchen und dessen mögliche Kinder verdammt, geht im selben Moment in eine Konsumkathedrale oder einen Alkoholtempel. Jeder hat seine Traditionen, die sich unterscheiden mögen, nur von Seiten ihrer Gründe nicht.

Das Problem des Migranten ist gerade nicht, dass er einen Migrationshintergrund hat, sondern dass er sich mit seinem Gesicht in einem neuen, gegenwärtigen, für ihn unbekannten Hintergrund befindet und alle Widersprüche und Reibungen aushalten muss, die sich daraus ergeben. Deshalb hält er sich an seinen Traditionen, an einer schnell und neu zusammengezimmerten Community fest, solange es geht. Wehe, wenn die Liebe oder der Hass dazwischenfunken! Dann stürzt das Baugerüst ganz ohne Wind ein. Baugerüste sind also nicht Kontinua unseres Lebens, sondern helfen, wo es uns zu schwer erscheint. Daraus folgt, dass es zwischen dem Migranten und dem Sesshaften alle möglichen Differenzen gibt: nur von Seiten ihrer Gründe nicht. Dass wir alle gleich sind, das Postulat aller Religionen und Philosophien, ist also kein Ideal und kein leerer Wahn, sondern einfache und gut belegte Tatsache.

Das Gesicht ist aber nicht nur die Schnittstelle (interface) zwischen uns und unserer Herkunft und unserer Zukunft, sondern auch der einzig wirkliche Fixpunkt unseres Lebens. Obwohl sich das Gesicht von außen betrachtet – also für unsere Mitmenschen und anderen Mitwesen – verändert, bleibt es für uns im Innern immer gleich. Der Greis kann sich fast lückenlos in seine Kindheit versetzen, obwohl die äußere Gestalt maximal variiert. Die Seele, falls wir eine haben, findet ihren Frieden im Gesicht, falls wir eins haben. Was wir auch sehen, die Sixtinische Kapelle oder die Slums von Lagos, spielende Delphine oder geschredderte Küken, in welchen Gegenden wir agieren oder agitieren oder reagieren, wir bleiben von innen der Mensch, der wir glauben zu sein, auch wenn wir nicht glauben, dass wir irgendetwas glauben.

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DIE NEOBRANDENBURGISCHE REVOLUTION

 

Nr. 346

I

Von 1248 an wurde in einer winzigen norddeutschen Stadt eine riesige, wunderschöne Kirche gebaut. Das Problem der Verzierungen löste der uns unbekannte Baumeister, indem er mit gebrannten Formsteinen die Wimperge (spitzhohe Tür- und Fensterverzierungen) und Fialen (Türmchen) nachahmte, die im Süden Europas, etwa in Florenz, Reims oder Köln, aus Stein gemeißelt sind. Somit entstand einer der prächtigsten Ostgiebel im ganzen Norden Europas. Mehrmals stürzte die Kirche ein, im Dreißigjährigen Krieg haben sich Christen, die nicht nur nicht töten, sondern sogar ihre Feinde lieben sollen, gegenseitig in ihr massakriert. Dann aber wurde der geniale großherzogliche Baumeister Friedrich Wilhelm Buttel, ein Schüler Schinkels und Zeitgenosse Stülers, mit der vollständigen Rekonstruktion beauftragt. Das Ergebnis war ein Meisterwerk, zeitgleich entstand seine neogotische Schlosskirche in der benachbarten Residenzstadt. Das neogotisch umgeformte hochgotische Backsteinmeisterwerk wurde eines der beliebten Motive des romantischen Malers Caspar David Friedrich.

Das Großherzogtum ging im ersten Weltkrieg unter, die kleine Stadt und die großartige Kirche erst im zweiten Weltkrieg. Wie durch ein Wunder oder als eine symbolische Vorbedeutung blieb aber, wie im benachbarten Prenzlau, der Ostgiebel fast unzerstört stehen. Als Ruine musste die Kirche die weitere Zerstörung der mittelalterlichen Stadtstruktur mitansehen. Die Chefarchitektin, eine Schülerin des Bauhausschülers Selman Selmanagić aus Srebrenica in Bosnien, tat ihr möglichstes, die Vergangenheit aus der Stadt zu verbannen. Nur die fast vollständig erhaltene Wehranlage einschließlich der vier Tore und 27 Wiekhäuser überdauerte sowohl den Krieg als auch den Bauwahn. Zum Ende der DDR gab die Kirche den imposanten Bau, der immer noch Ruine war, an den ungeliebten Staat ab, der aber mit seinen Umbauplänen nicht recht vorwärtskam. Nach der Wiedervereinigung gewann der finnische Architekt  Pekka Salminen den Wettbewerb zum Umbau der Marienkirche in eine Konzertkirche. Pekka Salminen gehört zu den TOP- und Großarchitekten der Welt. Bevor wir jetzt seine Konzertkirche betreten, sollte man sich das Grand Theatre in Wuxi ansehen. Wuxi ist eine Stadt in China, die doppelt so groß ist wie Berlin. Salminen hat Großbüros in Helsinki und Shanghai.

Das Gewölbe der Kirche war durch den Druck des Dachstuhls und des Brandes eingestürzt, jedoch die Außenwände, der von Buttel restaurierte Turm und vor allem der weltberühmte Ostgiebel standen noch. Eine deutsche Besonderheit ist es, dass alle Groß- und viele Mittel- und sogar Kleinstädte ein Theater und ein Orchester haben. Das ist ein Vorteil der nachteiligen jahrhundertelangen Kleinstaaterei. Der Auftrag lautete also, in die bestehende Außenhaut, in die historische Form einen hochmodernen Konzertsaal zu stellen. Salminen hat den Konzertsaal aus Sichtbeton, Stahl und Glas in diese historische Hülle hineingeschoben, aber beide offen gelassen. Ein Konzertsaal hat außer der Statik und dem Aussehen noch das Problem der Akustik. Maßstäbe hat hier Schinkel gesetzt, der unglückliche August Orth war ein Meister der Akustik wie auch nach ihm Hans Scharoun. Von diesem stammt auch die Aufhebung der konträren Platzierung des Orchesters. In der zweiten Berliner, der Scharoun-Philharmonie ist das Orchester in der Mitte aufgestellt. In der Konzertkirche gibt es einen rechteckigen, zweigeteilten Zuhörerraum. Akustisch äußerst interessant sind die Sitzreihen hinter dem Orchester. Gewagt ist die sichtbare Stahlkonstruktion der absolut transparenten Empore. Die letzte erhaltene Wandmalerei an der Nordseite der Westwand wirkt wie ein hypermodernes Gemälde und vollkommen aus der Zeit gefallen. Das letzte Element zu einem perfekten Konzertsaal stiftete ein Maschinenbaufabrikant, der jetzt bescheiden in der vierten Reihe sitzt, die große Orgel von Schuke in Berlin und Klais in Bonn, mit 71 Stimmen, in Norddeutschland nur zu vergleichen mit der Orgel in der Elbphilharmonie Hamburg, ebenfalls von Klais, und der historischen Orgel im Schweriner Dom von Altmeister Ladegast.

Der ehrenvolle und bescheidene Maschinenbaufabrikant hört dann beispielsweise das Orgelkonzert von Francis Poulenc, ein opulentes Werk, wie geschrieben für diese Orgel und diesen Raum, ein Werk zwischen Choral und Clownerie. Das auf die Streicher reduzierte Orchester versucht der Orgel zu folgen, aber vier Pauken jagen beide von Innovation zu Innovation. Poulenc verwendet eine alte, eher abseitige Form, das Orgelkonzert, um eine Sprache zu finden, die zwischen mathematisch-permutativem Barock und expressionistischem Klangcluster schwebt. Geschrieben wurde das wunderbar kraftvolle Werk 1938 für die Mäzenin Prinzessin de Polignac, die eine Tochter des amerikanischen Nähmaschinenkönigs Isaac Singer war, der es vom Wanderschauspieler zum perfektionistischen Superingenieur und Multimillionär gebracht hatte. Ihr wesentlich älterer und homosexueller Gatte wurde zur Figur des Swann in Marcel Prousts À la recherche du temps perdu. Ihr wunderschönes Palais in Venedig malte Claude Monet.

II

Diese nicht ausgedachte Klimax zweier korrespondierender Künste führt uns zur notwendigen Umfunktionierung und Reformierung von drei wichtigen gesellschaftlichen Teilsystemen.

Ideenführungssystem

Alle bisherigen Ideologien sind zu bestenfalls bürokratischen, oft aber auch terroristischen Führungs- und Kontrollsystemen verkommen. Der derzeitige Kontrollwahn der Volksrepublik China übertrifft bei weitem den von George Orwell im Voraus beschriebenen. Die von ihm gedachte Spanne von 1948 – Stalinismus und McCarthyismus – bis 1984 – der Ostblock kurz vor dem Zusammenbruch – ist gerade einmal das Frühembryo heutiger chinesischer Zustände, deren Dimensionen alles überschreiten, was bisher vorstellbar war. Vorbild einer ideologischen Führungsmacht mit totalitärer Kontrollfunktion mag die 1000 Jahre herrschende katholische Kirche gewesen sein, deren reformierter Ableger aber ebenfalls dem Reiz der Staatskirche mit Überwachung der anvertrauten Menschen unterlag und jahrhundertelang frönte. Nur die beiden islamischen Länder mit funktionierender Wirtschaft, Saudi Arabien und Iran, haben ein annähernd vergleichbares System mit seinen grausigen Folgen hervorgebracht, allerdings in einer historisch unvergleichbar kurzen Zeit. Sie sind weltpolitisch, ungeachtet ihrer Bedrohung für Israel, unbedeutend. Vielmehr ist die geschürte Angst europäischer Rechtspopulisten vor einer islamischen oder gar islamistischen Macht Ausdruck jenes Strebens oder Sehnens nach einer Führung durch Ideen, die durchaus auch durch Personen repräsentiert sein können.

Die Rechtspopulisten wie die Islamisten wollen Segregation und Autoritarismus. Das ist wieder zum Scheitern verurteilt, wie es schon mehrfach gescheitert ist. Eine nennenswerte linke Idee gibt es nicht mehr, und das ist, wenn man an ihre Staatgläubigkeit denkt, auch gut so. Allerdings sehnen sich die Menschen nach einer Gerechtigkeit, die niemanden ausschließt. Die scheint im Sozialstaat skandinavischer, kanadischer und deutscher Ausprägung der Verwirklichung nahe zu sein. Allerdings fehlt ihr die Idee, die Botschaft. Der Staat hat keine Idee, außer sich selbst, das wissen wir seit Max Weber. Es mag damals in Nicäa* richtig gewesen sein, aus dem charismatischen Wanderprediger und Topdenker mit weit größerer Ausstrahlung als Seneca einen Gottessohn und Teil einer Dreigottheit zu machen und seine Lehre zur Staatsdoktrin zu erheben. Das Ergebnis war allerdings nichts als Staat, Totalkontrolle und Unterdrückung. Die Botschaft verschwand hinter dem Kreuz. Möglicherweise wirkte das Kreuz sogar als Drohung für alle Abweichler. Noch heute heißen mittelalterliche Türme in norddeutschen Städten Fangel- oder Hexenturm. Es war der afroamerikanischen Kirche vorbehalten, die Verhältnisse zumindest gedanklich wieder umzukehren: Must Jesus bear the cross alone? Die Ideen sind also da, es sind die vielbeschworenen europäischen Werte, die teils von dem vornicänischen Yesus, teils von der Aufklärung stammen. Das sind nicht die Elemente von Sonntagspredigten, sondern schwer verständliche und schwer vermittelbare, immer noch unerfüllte und neue Forderungen: seine Feinde zu lieben, weil man dann keine mehr hat, nur zu richten, wenn man selbst frei von Untaten wäre, so zu leben, dass die Maxime des eigenen Handelns allgemeines Gesetz werden könnte, jeden Versuch, ein Recht des Stärkeren zu postulieren, durch Vereinbarung abzublocken, permanent von der Gleichheit aller Menschen auszugehen, deren Folge die allgemeine Solidarität ist. Schließlich müssen wir alle lernen, dass lernen sinnvoller als regeln ist. Regeln können nur zeitweiliger Support sein, das wusste schon König Salomo.

Demokratiereform

Mehrere Jahrhunderte lang haben sich alle fünfzig Jahre (Goethe**, Kondratieff***) die Lebensumstände, Technologien, aber auch Krisenzyklen verändert. Das ist der Grund, warum heute noch alte Menschen die Welt nicht mehr verstehen. Sie brauchen nicht nur Gehhilfen, sondern auch Gehilfen. Offensichtlich war unser Blick für die Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels in der Demokratie durch den Zusammenbruch des Ostblocks verstellt. Eine ganze Phalanx nichtvisionärer Politiker, mit Ausnahme von Deng Xiaoping, beherrschte gerade zu diesem Zeitpunkt die Weltpolitik, so dass der Eindruck entstand, der Rest der Welt schwenke endlich in die sozialstaatlich gebremste Marktwirtschaft und die westlich dominierte Demokratie ein. Aber das Scheitern der einen Idee ist nicht der Beginn einer neuen Idee, nur in dem Ausnahmefall, dass eine alte Idee scheitert, weil eine neue da ist. Diktatoren wurden selbstverständlich geächtet, bis sich herausstellte, dass Diktaturen auch beträchtliche Vorteile haben, nicht nur für den Diktator selbst und seine nepotische Clique. Selbst eine segregationistische, autoritäre Idee ist mehr Idee als die allgemeine Annahme ewigen Fortschritts und konsensualer Omnipotenz. Dabei ist der autoritäre Blick in die Vergangenheit bei vielen Menschen nicht so unbeliebt, wie die andere Hälfte der Menschheit denken mag.

Es gibt keine einfache Lösung und keinen geraden Weg aus dieser Sackgasse. Volksbefragungen, noch dazu zum jetzigen Zeitpunkt, würden zu einem zeitweiligen Überhang der Ignoranz führen. Zudem ist der direkt-demokratische Prozess noch langwieriger als der repräsentativ-demokratische, der aber auch jede Überschaubarkeit und Transparenz verloren zu haben scheint. Vielleicht könnte Prozessstraffung und Regionalisierung der Politik eine neue Richtung vorgeben. Die AfD ist nicht nur entstanden, weil sich ein Zehntel der Bevölkerung nach markigen Sprüchen, einfachen Antworten und Rehabilitierung der Nazisprache sehnte, sondern weil deren Abgeordnete auch vorführen und nutznießen wollten, wie lukrativ die Demokratie für ihre Betreiber ist. Das ist ein uralter Vorwurf und ein unauflösliches Dilemma: aber, selbst wenn nur Reiche Politik machen würden, gäbe es nicht nur Bismarck und Kennedy, sondern auch Guttenberg und Trump. Eine wieder schärfere Profilierung der Parteien kann man sich nicht wünschen, weil solche Prozesse ganz offensichtlich nicht volitiv verlaufen. Hinzu kommt, dass wir momentan verunsichert darüber sind, ob Parteien überhaupt noch die geeigneten Interessenvertreter sind. Jedenfalls gibt es in Europa schon mehrere Bewegungen, die an die Stelle fest umrissener Programmparteien getreten sind: Cinque Stelle in Italien, Wiosna in Polen und En marche in Frankreich****.  Das ist vielleicht der Sieg der klaren Metaphern über die verklausulierten Programme. Die Politiksprache muss sich umgehend von der Juristen- und der Bürokratensprache abkoppeln. Es ist für uns mittlerweile unerträglich, dass Politiker Juristen und Bürokraten folgen, denen sie Visionen vorgeben sollten. Diese Art der Politiksprache ist der Grund, warum so viele Menschen einfach Sätze (‚Wir schaffen das‘) genauso wenig verstehen wie Fragebögen und Regierungserklärungen. Politisch gescheiterte Rhetoriker sind die willkommene Stütze für diese These: Westerwelle, zu Guttenberg, Lindner, Gysi, Lafontaine, Wagenknecht. Selten fällt geschliffene und apodiktische Rhetorik mit erfolgreicher und angenommener Politik zusammen: Bismarck, Rathenau, Brandt, Schmidt. Politik heißt nicht, jemanden zu überreden, sondern uns alle mitzunehmen.

Globalisierung mit menschlichem Antlitz  

1968 ging von der schönen Stadt Prag eine Hoffnung für Ost und West aus. Denn man darf nicht vergessen, dass in diesem Jahr in Westeuropa und Amerika Studenten Ho-Ho-Ho-Chi-Minh brüllend durch die Städte rannten und gegen das System protestierten, das wir heute noch haben. In Prag, und sympathisierend in allen Ostblockstädten, forderten die Menschen ein Wirtschafts- und Regierungssystem mit menschlichem Antlitz. Deshalb übernehmen wir hier diesen Ausdruck für die globalisierte Wirtschaft, von der uns die Billigimporte aus 150 Ländern erfreuen. Uns erquickt auch der Gedanke, dass wir vom Export in 200 Länder profitieren. Aber für jede für uns negative Erscheinung wird sofort der Kapitalismus denunziert, der wir doch selber sind. Damit sind noch nicht einmal die rechten Proteste gegen die Aufnahme von Flüchtlingen gemeint. Rechte Argumentation entblödete sich nicht, die europäische Einwanderung in Amerika mit ihrer gegen die autochthone Bevölkerung gerichteten Aggression mit den Diktatur- und Armutsflüchtlingen zu vergleichen. Segregationistische Aggression ging in beiden Fällen von derselben Ideologie aus. Jedes Kind weiß, dass Könige in Afrika und Häuptlinge in Nordamerika den Einwanderern äußerst freundlich begegneten, bis sich deren leichenfressende Gier – seit Kolumbus – zeigte. Damit ist auch der Jammer über die Kinderarbeit in Pakistan oder Bangladesh oder Westafrika gemeint, ohne die noch mehr Menschen unter das Existenzminimum gerieten. Europa muss versuchen, von hieraus  den Standard für den Welthandel weiter zu bestimmen. Dazu müssen wir nur unsere Janusköpfigkeit oder Doppelzüngigkeit aufgeben. Wir dürfen keine Waffen mehr exportieren. Wir dürfen keine Waffen mehr herstellen. Wir müssen vom Prinzip der gegenseitigen Meistbegünstigung dann abgehen, wenn es gilt, unterentwickelte Volkswirtschaften zu unterstützen. Dem dient die Merkel-Müller-Initiative in Afrika, die sich im Schatten sinnentleerter Diskussionen über Obergrenzen und Schulschwänzen vollzieht. Über Chinas Menschenrechtsverletzungen darf nicht nur nicht hinweggegangen werden, sondern wir müssen versuchen, in Afrika unseren guten Ruf und unseren Einfluss weiter geltend zu machen, vor allem mit Investitionen. Das Befremden chinesischer Führer über unsere Empörung müssen wir genauso stoisch ertragen, wie die Chinesen einst die Niederschlagung des Boxeraufstandes***** und die Aneignung von Kiautschou (Bewegung des 4. Mai) ertragen mussten. Die Angst vor China muss sofort durch Handeln und Handel überwunden werden. Auch in dieser Beziehung müssen wir uns von der US-Politik abkoppeln. Trump macht es uns leicht.

III

So wie in die alte Kirche ein neuer Konzertsaal geschoben wurde, so wie die alte Form des Orgelkonzerts mit der Autohupenmusik des zwanzigsten Jahrhunderts gefüllt wurde, müssen wir in der alten Welt weiterleben, die wir kontinuierlich reformieren und immer wieder neu denken, statt ihrer Deformation tatenlos zuzusehen. Aber offensichtlich brauchen wir einen Architekten für dem Umbau der Welt.

 

 

*Konzil von Nicäa, Mai bis Juli 325, beschließt die Trinität, den Kanon der Bibel, die Göttlichkeit von Jesus (gegen den Arianismus), die Monopolstellung des Christentums im Römischen Reich, den Termin des Osterfestes und das Glaubensbekenntnis 

**Maximen und Reflexionen

***der fünfzigjährige Krisenzyklus wurde nach dem erschossenen sowjetischen Ökonomen Kondratieff (1892-1938) benannt

****fünf Sterne, Frühling, auf dem Weg

*****1900, profaschistische Hunnenrede Kaiser Wilhelms II., Beginn des 45jährigen Krieges, der am 8. Mai 1945 endete

 

 

schon bestellt?

03_Haus im Fluss

 

BRIEF AN MEINEN SOHN

 

SONY DSCmein lieber sohn,

endlich ist es zeit und gelegenheit auf deinen wunderbaren geburtstagsbrief zu antworten. allerdings muss ich dir scharf widersprechen: seit jahr und tag plädiere ich dafür, dass die eltern den kindern zu danken haben. bei dir begann der dank gleich am zweiten mai, heute vor dreißig jahren, einem wolkigen, windigen, recht frischen tag. du konntest nicht schnell genug auf die welt kommen, auf der kreuzung wilhelm-pieck-/chausseestraße wäre es beinahe schon passiert, um 7.30 uhr blicktest du dann so verknittert und originell in die welt, ein kreativer zwerg, den man gleich liebhaben musste. viele menschen waren damals mit der beendigung der ddr beschäftigt, andere wiederum hatten mit ihrer angst zu tun, dass alles anders und also schlechter werden könnte, das hamlet-syndrom. unbeeindruckt von all dem – ausgenommen die direkten wochen des umsturzes – sind wir beide an der mauer entlangspaziert, denn abgesehen von aller späteren freude, hast du mir zunächst einmal ein babyjahr beschert, das ich mit dir zusammen genossen habe. schon in der küche in der linienstraße warst du unser kleiner clown.

unser domizil in moor war von vornherein auch für euch konzipiert und ihr habt es wunderbar angenommen. es ist natürlich gut zu hören, dass du, dass ihr das domizil (und ich wiederhole das wort, weil moor eben immer mehr war als nur ein haus), diese bedingungen zu einer glücklichen kindheit verschmelzen konntet. das wichtigste im leben ist aber nicht, was man macht, was man ist, und schon gar nicht, woher man kommt, sondern, ob man es geschafft hat, so selbstbestimmt wie möglich zu sein. die zwänge sind immer groß, aber dem allgemeinen jammern, dass sie zunähmen, kann man nicht zustimmen. gerade an unserem haus kann man ablesen, wie die zwänge früherer zeiten die menschen und vor allem auch die kinder niederdrückten. man sollte in jedem haus neben dem strom-, dem gas- und dem wasserzähler auch einen unmündigkeitszähler anbringen, der misst, wo wir vormündern ohne äußere not gefolgt sind. dann würde sich zeigen, dass wir die meiste zeit mit dem anfertigen von ausreden zu tun haben, die wir zur rechtfertigung vor uns selbst zu benötigen glauben. andererseits muss man sich auch bedingungen stellen, die einen vor dem abseits bewahren: man muss geld verdienen, man muss kompromisse eingehen, man muss dem gemeinwesen in bestimmtem maße dienen, das einem selbst auch dient.

die frage, ob man rousseau lesen muss, beantwortet sich so von selbst, aber es muss natürlich nicht im ersten studienjahr sein. die ddr, indem sie uns bestimmte bücher und erkenntnisse und länder vorenthielt, hat uns damit eine freude für spätere zeiten aufbewahrt, und so kann man es auch im eigenen freieren leben halten: man muss und kann nicht alle erkenntnisse gleichzeitig haben. erkenntnisse sind auch nur dann wirklich etwas wert, wenn sie gelebt und gefühlt werden können, und dazu braucht man zeit. einer dieser abhängigkeits- und faulheitsapostelsprüche ist ja: man muss das rad nicht neu erfinden, nein, aber man muss es immer wieder neu denken.

nicht gerade der erfinder, wohl aber der neuentdecker diese thinking out of the box ist dein großer freund leonardo aus dem kleinen dörfchen vinci, der gerade heute seinen fünfhundertsten todestag hat. ein kleiner witz am rande ist, dass auf der einen seite sein gemälde salvator mundi für 450 millonen dollar verkauft wurde und verschwunden ist, andererseits jede christliche flüchtlingsfamilie sein letztes abendmahl, das bröckelnde sgraffito, an der wand hat, dass es auch so eine klaine nachtmusik/air/kreuz im gebirge/vocalise geworden ist. nimmt man die mona lisa und den vitruvianischen mann von der krankenkassenkarte dazu, dann sind es schon vier bildnarrative, die leonardo uns geschenkt hat und die noch lange nicht verschlissen sind. sein code lautet: mach dich nicht abhängig, auch wenn du notgedrungen abhängig bist, besser eine feier organisieren als gar nicht zu feiern, abmalen kann jeder, habe den mut zur eigenen mona lisa. anagramme schaffen dabei nur scheingeheimnisse, keine lösungen. leonardo hat bestimmt den computer vorausgedacht, solche geheimnisse konnten ihn nicht ängstigen, dafür die geheimnisse der natur und der natur des menschen um so mehr anziehen. lehrersein ist nicht die schlechteste möglichkeit, sich den menschen forschend zu nähern. man sieht sie, nicht wie der arzt nur in angst und schrecken, sondern auch in freude und wissbegier, in der lust des lernens und der geistigen hingabe.

apropos kreuz im gebirge: gespannt sein darf man auf euer haus im gebirge, einerseits von hohen ansprüchen gezeichnet, andererseits mit großem geschick gebaut? so könnte es kommen. was bleibt zu wünschen übrig? ich finde es wunderbar, dass du so viel liest und noch wunderbarer finde ich es, wenn wir beide die gleichen bücher lesen. ich weiß gar nicht, wann du liest, mir fällt es schwer zu lesen, nicht weil ich zu viel zu tun habe, sondern weil ich zu viel im internet oder irgendwo bin. ich war entzückt, wie lange wir im städelmuseum in frankfurt waren, dann sogar noch das architekturmsueum nachgeschoben haben. theater versteht sich von selbst. aber was ist mit der musik: ich wünsche dir, dass du viel üben musst, weil du auftritte hast, dass du viel klavier spielst und dir den spielerischen umgang mit der musik jetzt noch mehr bewahren kannst als früher, wo auch immer ernst und angst wie silberfäden eingewoben waren.

die kinder werden es mögen, wenn du lustige sachen am klavier machst und wenn du dann eine taschentrompete hervorzauberst und auf ihr einen esel – oder irgend jemand anderen – nachahmst. auch in der schule wirst du es merken: es ist schön, wenn die kinder dankbar sind, aber noch schöner und noch wichtiger ist es, wenn wir ihnen danken, was wir von ihnen und mit ihnen – oder für sie – lernen, weil wir durch sie gute laune behalten und nicht zu griesgrämigen greisen werden, weil sie selbst meist fröhlich sind oder gut drauf, ein eigenes kind – obwohl es einem nicht gehört – wäre nicht schlecht, aber das könnt ihr nur alleine wissen, die liebe zu deiner frau ist zu pflegen, und schließlich und letztlich muss man auch hin und wieder an sich denken.                                        

beste grüße und wünsche

dein vater          

 

 

der specht ist die percussion
des waldes so ein rhythmus je
der konstruktion die höhle
als gleichnis wie sähen

wohl die jungen spechte
die welt wenn sie die
welt nicht sähen als
zwang und mühsal

kein verlangen hätten
sie nach freiheit wenn
ihre eltern ihnen die 
freiheit nicht als paradies

zeigten voller würmer
und bäume und maden
voller gesang und mit
schönheit und percussion

 

gedicht aus: haus im fluss, grille-verlag 2018

DAS RIGOROS ABSURDE BLAU

 

 

Nr. 345

 

Im Bosnienkrieg*, in dem wir bekanntlich den Bosniaken, den europäischen Muslimen, gegen den Hegemoniewahn der damaligen serbischen Führung unter dem Nationalbolschewisten Milosevic halfen, nahmen wir auch Kriegsflüchtlinge auf, deren Kinder bei uns Berufsausbildungen oder das Abitur machen konnten, während Vedran Smajlović mit seinem Cello die Nationalbibliothek in Sarajevo verteidigte. In Heidelberg ging der kleine Saša Stanišić zur Schule, und sein Deutschlehrer entdeckte sein Schreibtalent und förderte es in den Pausen im Biologieraum. Sein erstes Buch, WIE DER SOLDAT DAS GRAMMOFON REPARIERTE (2006), fiel schon durch seinen außergewöhnlichen Stil, seine anekdotische Struktur und sein fast antikes Pendeln zwischen Komödie und Tragödie auf. Seine Einordnung als bloß migrantisches Talent konnte er mit seinem zweiten Roman abstreifen, denn VOR DEM FEST (2014) spielt in dem kleinen uckermärkischen Dorf Fürstenwerder und zeigt nicht nur dessen Ostblockvergangenheit und Ossigegenwart, sondern auch die Allgegenwart der Migration. In Fürstenwerder wurde der Roman natürlich gefeiert und mancher hat vielleicht zum ersten Mal darüber nachgedacht, dass ein Begebnis nicht durch ein Motiv, sondern durch tausende Beweggründe angeschoben oder aufgehalten oder aufgehoben wird.

Sein dritter Roman, HERKUNFT, ist soeben erschienen und löst die ganze Familiengeschichte, die in Bosnien oft an ein einziges Dorf gekoppelt ist, als anekdotisches Material der Weltgeschichte auf. Die Marxzitate seiner liebenswerten, aber auch fragilen Mutter konterkarieren ebendiese Weltgeschichte fast karikaturistisch, während die touristisch-kitschige Verwandlung der Heimat- und/oder Herkunftsstadt Višegrad durch Emir Kusturica gerade mal eine einzige Zeile erhält. Es zeigt sich, warum Stanišić verrückte Geschichten erzählt oder seine Großmutter erzählen lässt: Geschichten sind verrückte Wirklichkeit. Geschichte ist verrückte Wirklichkeit.

Višegrad ist eine ganz kleine Stadt im Tal der Drina, das genauso malerisch-hinreißend ist wie die Täler der Neretva, in dem Yul Brunner einst den Partisanenkampf vorführte, oder der Bosna, Save, Miljacka und des Vrbas, in dessen Höhlensystem sich Partisanengeneral Tito verbarg. Zwei Brücken haben die Weltgeschichte abgebildet oder wegkatapultiert: die Brücke über die Drina in Višegrad, die von dem anderen Dichter aus dieser Stadt** zum Symbol der Kontinuität gemacht wurde, und die Lateinerbrücker in Sarajevo, auf der der erste Weltkrieg begann.

Viele Menschen glauben (wieder), dass sie ihre Herkunft oder Heimat auf einen topografischen Punkt, auf eine (ihre) Familie, auf eine Sprache reduzieren können. Stanišić dagegen zeigt in absurd komischen Szenen, wie unzuverlässig selbst das Autokennzeichen als Abbild einer vielbeschworenen Identität wird. Der Polizist an der Grenze, der auf das Käsesandwich scharf ist, hört den Akzent und sagt: ihr seid doch gar keine Kroaten. Der Akzent macht die Grenze durchlässig oder undurchlässig, nicht die Mauer oder der Zaun.

Andererseits gab es in Heidelberg, wo eine viel jüngere, aber nicht unähnliche Brücke den Neckar überschreitet, das Ghetto der Zugezogenen, dominiert von Russlanddeutschen, Polendeutschen, Jugos, wie man damals sagte, Deutschtürken und deutschen Levantinern. Heimat ist, wie wir am Beispiel des alten Zahnarztes Dr. Heimat lernen können, Freundlichkeit. Und auch das Ghetto hat einen Weg nach innen und einen anderen nach außen. Einerseits entsteht ein neuer, manchmal lebenslanger Zusammenhalt, andererseits ist es ein Sprungbrett, in dem es im inneren den Blick auf das wesentliche äußere lenkt. Berühmte Ghettoflüchter waren Rothschild und Mendelssohn, aber auch Armstrong und Baldwin. Stanišić studiert Slavistik und wird Deutschdozent am MIT. Indessen werden seine Eltern abgeschoben und gehen erst nach Amerika, dann nach Kroatien. Die Familie, die so vielen als ein heimatlicher Monolith erscheint, ist ein Schnipselhaufen. Die meisten Menschen können über ihre Großeltern nicht hinausdenken, davor ist der Monolith zum Chaos zerwürfelt. Aus Familie und Nation lässt sich meist keine Kontinuität gewinnen. Wer nun etwa das gebeutelte Bosnien mit dem angeblich stabilen Deutschland aufrechnen will, hat von Geschichte keine Ahnung. Auch wer andere beutelt, findet keinen Frieden. Außerdem ist das Leben der so genannten einfachen, also nicht besonderen Menschen immer kontinuierlicher als die National- oder Weltgeschichte. Am Kriegsmorgen und am ersten Tag im Frieden muss es ein Frühstück geben oder wenigstens ein Stück Brot am Mittag. Erst wenn man nicht mehr über das Essen nachdenken muss, kann man sich mit Demokratie und Bildung beschäftigen.

Indessen ist, im Buch HERKUNFT, der Pessimismus auch bis in die Berge vorgedrungen: Als die Familie, nun besuchsweise im Tal der Drina, hoch oben einen Friedhof besuchen will, trifft sie auf einen allein gebliebenen und insofern etwas verwahrlosten Verwandten, der den allgemeinen Irrglauben teilt und mitteilt: ‚Auf einen guten Menschen kommen hierzulande drei Verbrecher.‘*** Die Zahl der guten Menschen ist eine Dunkelziffer, obwohl die Taten transparent sind. Wir wissen die Zahl nicht, weil niemand von uns nur gut oder nur schlecht ist. Heute helfen wir, morgen brauchen wir Hilfe, übermorgen sind wir frustriert von der Hilflosigkeit. Aber die Zahl ist immerhin und konstant so groß, dass die Berufspessimisten und Staatsgläubigen das Wort Gutmenschen zum Pejorativ zu machen versuchten. Das ist im Gelächter der guten Menschen untergegangen.

Und hier, genau an dieser Stelle, liegt der Wert dieses so heiteren und gleichzeitig tiefgründigen Werks des deutschen Dichters Stanišić: dass er die von Fanatismus und Gleichgültigkeit zerwürfelten Werte in Figuren seiner Fantasie neu konstruiert. Der Wert ist die Freundlichkeit des Menschen. Man kann sich Menschen nicht aussuchen, aber es begegnen uns genügend Menschen, um daraus ein ICH zu formen und ihm Leben einzuhauchen. Das ICH ist das Konzentrat der ANDEREN. Deshalb ist Dankbarkeit eine gute Reaktion, immer und überall.

Beim Lesen ahnt man es immer mehr: die eigentliche Bedrohung des Menschen ist nicht, dass er das Gute vergisst, sondern, dass er überhaupt vergisst. Die Großmutter in Višegrad, die man nun wieder besucht, aber zu selten besucht, die Mutter kann in Višegrad das Trauma nicht vergessen, die Großmutter vergisst wer wer ist, wer sie ist, wer die anderen sind. Man verlegt sie in ein als Hotel umgedeutetes Altenheim, von denen es in Bosnien bei weitem nicht so viele gibt, aber dann durchschaut ihr schwindendes Gedächtnis das Spiel. Vielleicht ist Demenz das Schicksal des Wohlstands, das Unglück oder auch das Glück.

Nach dem Epilog kommt, anders als im Leben, noch ein Spiel. Die Möglichkeiten menschlichen Seins und ganz konkreter Biografien, werden, ganz wie im Leben, als Nur-Möglichkeiten ausgelotet: lesen Sie weiter auf Seite sowieso, wenn Sie das oder das wollen. Das ist kürzer, aber amüsanter als bei Paul Auster****, wo man sich nacheinander durch die vier Varianten lesen muss.

Mein Fazit lautet: Am Ende kommt es auf die Brücken an, die Brücken über die Drina und den Neckar, die Brücken über der Drina in die Welt. Dahinter ist nur das rigorose, aber auch absurde Blau.

herkunft

*1992-1995, 100.000 Tote

**Ivo Andrić

***S. 272

****Paul Auster, 4321, 2017