Die Gans ist gegessen. Das Fest ist gefeiert. Das Lametta ist verworfen. Was bleibt, sind Müll und Gedanken.
Noch vor zehn oder sogar nur sechs Jahren erschien die Politik vielen Menschen langweilig und gleichförmig. Viele glaubten an die Politikverdrossenheit ihrer Raum- und Zeitgenossen. Aber es gab Vorboten: die Banken- oder Griechenlandkrise und Sarrazins dummes und böses Buch. Es war zum Glück auch – was wir damals ahnten und heute wissen – falsch. Deutschland schafft sich nicht nur nicht ab, sondern erfindet sich neu, weil es sich neu erfinden muss und kann. Der Grund ist allerdings weniger, dass es feindliche Machenschaften von Gates & Merkel und dem ausgedachten Weltjudentum gibt, noch nicht einmal die Reichsbürger können Deutschland erschüttern, obwohl sie das so sehr gehofft hatten. Es ist auch nicht das Corona-Virus, was uns den Neubeginn aufzwingt.
Das Corona-Virus hat uns aber wie der Totalschnitt eines Pathologen oder Romanciers gezeigt, wozu wir fähig sind. Europa, dessen angeblich morbider Zustand immer wieder beschworen wird, hat nicht nur auf Urlaubsreisen, sondern vor allem auch auf Weihnachten verzichtet. Die Häme ist weitgehend aus der Politik gewichen. Für eine so große Krise arbeitet Europa erstaunlich gut zusammen. Obwohl die Demonstrationen, die sich 2016 gegen die Flüchtlingspolitik, nun aber gegen die antipandemischen Maßnahmen der Regierung richten, ärgerlich, schändlich und lächerlich sind, werden sie weitgehend geduldet. Schädlich dagegen sind sie nicht und auch sie werden Deutschland und Europa nicht abschaffen.
Abschaffen – ein Wort übrigens, das wieder eine Art von großem Administrator unterstellt – müssen wir unsere Lebensweise der Verachtung, Vermüllung und Vernichtung der Natur. Es wird bald mehr Plastikteile als Fische in den Weltmeeren geben.
Wer es geschafft hat, dem Corona-Virus zu widerstehen, der sollte es auch mit Weihnachten aufnehmen können. Weihnachten ist vom Fest der Yesusgeburt zu einem Konsumterrortiefpunkt der Verschwendung geworden. Das Symbol der Menschwerdung – nicht Gottes, sondern der Menschen – in der Verehrung eines neugeborenen Kindes unter widrigsten Umständen wurde schrittweise in ein konsumistisches Horrorszenario verwandelt. Ob zum Beispiel der Weihnachtsmann dabei eine Rückkehr heidnischer Gebräuche oder der Trottel des Konsums ist, bleibt gleichgültig. Der Ersatz einer einzelnen wunderwirkenden Kerze durch elektrische, automatisch gesteuerte Beleuchtungen ganzer Vergnügungsparks und zu Vergnügungsparks umgewidmeter Innenstädte, der Wettbewerb der Hausbesitzer der Vorstädte um die hellste und brutalst verschwenderische Beleuchtung, die vierwöchige Dauerbeschallung und damit inflationäre Opferung der Weihnachtslieder – das alles ist bedauernswert, aber nicht unumkehrbar. Weihnachtmann und Weihnachtsbaum sind so gesehen Merkmale des Untergangs, den wir verhindern können.
Gefeiert wird eigentlich die Geburt eines Kindes, von dem sich später herausstellt, dass es der Menschheit einige der besten Sätze und Lehren brachte, das aber mit den Mächtigen ebendieser Menschheit kollidierte und demzufolge ermordet wurde.
Daraus muss folgen, dass es niemals mehr Mächtige geben darf, denen die Lizenz zum Töten oder auch nur Einkerkern von Störern ihrer Macht gegeben wird. Wer sich eine solche Lizenz anmaßt, muss gehen. Erkennbar sind solche autoritären Politiker an ihrem clownesken Verhalten, das nicht ihrem Verstand, sondern ihrem Unverstand entspricht und von den wirklichen Clowns zurecht und gekonnt nachgeäfft wird. Wir haben vor Jahr und Tag schon auf das merkwürdige, verkehrt herum wahrgenommene Verhältnis von Chaplin und Hitler, die im selben Monat desselben Jahrs geboren wurden, hingewiesen. Hitler, der als arbeits-, obdachdach- und sinnloser Asylheimbewohner sicher oft ins Kino gegangen ist, sah dort den Tramp, den Wanderarbeiter, der das Gute will, aber durch tausend Schwierigkeiten, die zum Weinen und zum Lachen sind, hindurch muss. Hitler kannte das, denn er wurde in Wien wegen seiner lächerlichen Reden von Bauarbeitern vom Baugerüst geworfen. Sein clowneskes Verhalten behielt er bis zu seinem würdelosen Ende bei. Er ahmte Chaplin nach, ohne dessen Qualität auch nur erahnen zu können.
Daraus muss weiter folgen, dass wir noch viel mehr die Möglichkeit jeder Tötung ächten und verhindern. Es muss die Ächtung geächtet werden, nicht Menschen. Die Verherrlichung von Waffen und die Waffen selbst müssen geächtet werden, nicht Menschen. Der Staat mit seinen Polizisten und Soldaten sollte den Anfang machen. Einige Länder, in denen überwiegend die Vernunft regiert, wie zum Beispiel Deutschland, sollten die Waffenindustrie stilllegen und den Im- und Export von Waffen verbieten. Alle Institutionen, Sozietäten, Gruppen und Vereine sollten diesem Beispiel folgen. Im Vatikan, in dem es außer dem Papst auch einen Nuntius der Hölle zu geben scheint, sollte ebenfalls begonnen werden, das Böse zu tilgen: Geld, Gier, Geschwätz, Lüge und Machterhalt.
Die Aufforderung zur Rückkehr oder die Rückkehr zu alten Gewohnheiten selbst, kann nur schädlich sein. Als vor hundert Jahren die spanische Grippe fast ungehindert wüten konnte, rief der Bischof von Zamora seine Mitbürger auf, die Reliquien des heiligen Rochus – der sich im Grabe umgedreht hat – zu küssen. Damit wurde diese Stadt zum hotspot der Seuche und die Seuche bekam daher ihren Namen, und auch weil einzig die spanische Presse unzensiert über den Verlauf und die Todeszahlen berichten konnte. Man kann des heilenden Rochus von Montpellier, der sich um Pestkranke kümmerte und deshalb verfolgt wurde, nur durch Selbstlosigkeit gedenken. An Reliquien sollte man dabei nicht glauben, man sollte Menschen lieben, aber keine Gegenstände. Heilend oder heilig können nur Medizin und Liebe sein, nicht Menschen und Dinge.
Wir können religiös nur durch die Ehrfurcht vor dem Leben sein. Wir müssen auch gar nicht mehr religiös sein. Vernunft und Aufklärung können heute genau das Gute bewirken, das früher fast nur durch die Religionen erreicht werden konnte. Fehlbar sind beide, Religion und Vernunft.
Wir leben nicht nur nicht in besonders harten Zeiten. Die Zeiten sind immer gleich hart und gleich warm und herzlich. Wir leben in Zeiten neuer Chancen, auch das ist nicht neu, aber wir können es jetzt besser erkennen als je zuvor. 1918, noch bevor die spanische Grippe beendet war, zerfielen fünf große und schädliche Reiche: das Osmanische Reich, das schon mehrere Jahrhunderte lang geschwächelt hatte (‚der kranke Mann am Bosporus‘), das Russische Zarenreich, ein Unort von Ausbeutung, Unterdrückung und Alkoholismus, die österreichisch-ungarische Doppelmonarchie, ein am eigenen Rassismus gescheiterter Vielvölkerstaat, das deutsche Kaiserreich, bis heute das Vorbild für Bürokratismus, Militarismus und Kadavergehorsam und, allerdings noch nicht vollständig und krass angeheizt durch die spanische Grippe, das British Empire. Sie gingen zurecht, weil sie sich überlebt hatten, unter, aber sie alle hatten auch gute Seiten. Das Osmanische Reich war von einem zwanzigjährigen Visionär, Mehmet II., errichtet worden, sein enormer Beitrag zur Musikgeschichte kann hier nicht ausgeführt werden, Russland brachte Lew Graf Tolstoi mit seiner Lebensreform hervor, Deutschland das Automobil und die Schallplatte, Österreich Kafka und Großbritannien den Widerwillen vor kolonialer Ausbeutung.
Jede Zeit hat ihre Chancen. Wer mit Corona fertig wurde, kann auch Weihnachten in der heutigen konsumistischen Perversion abschaffen. Das wird natürlich kein administrativer Akt sein, sondern die durch Überzeugung erreichte Abänderung der Gewohnheiten. Die Plastiktüte ist das Vorbild. Auch die Atombombe ist seit Hiroshima und Nagasaki nie wieder angewendet worden. Der Plastikbecher muss das nächste Ziel sein. Dann kommt Weihnachten.
„Viel Kälte ist unter den Menschen, weil wir nicht wagen, uns so herzlich zu geben, wie wir sind.“
Müsste man eine Streitfrage entscheiden, die danach fragt, was einer Kultur oder einem Land wichtiger zu bewahren sei, ein Menschenleben oder ein einmaliges gotisches Gesamtkunstwerk, so sähe man sich vor einem Berg von Schwierigkeiten.
Im Reich der Zwecke, so schrieb einst Kant in Königsberg, habe alles entweder einen Preis oder eine Würde. Im Reich der Zwecke, jedoch im Reich der Transzendenz mag es anders sein. Dass die riesige und überschöne Kirche Notre Dame de Paris einen Preis hat, daran zweifelt niemand, aber dass das letzte Opfer eines Terroranschlags eine Würde hat, das Opfer, das zwar unbescholten, aber auch unberufen war, und dass selbst des Täters Würde beachtet werden muss, das ist schwer zu verstehen. Vielmehr scheint es vielen Menschen so, als dass die Würde des Opfers erst mit seinem Tod eingetreten sei, während der Täter, sollte er vorher eine Würde besessen haben, sie selbst auf dem Altar seiner nichtswürdigen Ideologie geopfert hat.
Diejenigen Menschen, die an den Staat (so wie früher an Gott oder besser an dessen Rituale) glauben, sehen beispielsweise die Ehe oder eben den Staat oder eben die Religion als den Maßstab des gesellschaftlichen Lebens an. Mit der Ehe ist hier natürlich nicht die unendliche Menge an Liebe gemeint, die zwei Menschen auf kurze oder lange Zeit verbinden kann, sondern die Kette der Regularien, wie sie etwa bei der verordneten oder Zwangsehe im Islam auftreten oder bei den Versuchen der katholischen Kirche, die alte Macht über die Individuen weiter auszuüben. So ist es nach den Vorstellungen vatikanischer Greise und anachronistischer Kirchenfürsten der Gegenwart nicht erlaubt, dass wiederverheiratete Geschiedene am Abendmahl teilnehmen können. Natürlich kann man eine Eisenbahn dadurch erhalten, dass man sie nicht fahren lässt. Nur dann hat sie auch keinen Sinn mehr. Blind kann der exzessive Fortschrittsglaube genauso sein wie das Festklammer an der alten Gewohnheit. Mit diesem Irrsinn, diesen Irrlehren und diesem Aberglauben kann man gut erklären, wie der Mensch ohne Würde, also nur durch das Einhalten von Regeln definiert wird, und das in einer Religion, die immer wieder behauptet, aus bloßer Liebe zu bestehen. In starren Regelwerken wird der Mensch ebenso zur Handelsware wie in der Sklaverei.
Die Würde des Menschen ist ohne Voraussetzung. Man muss nicht beschnitten, getauft, gepierct, gebrandmarkt oder anders bezeichnet sein, nicht von Geburt zu irgendeiner Gruppe oder in einer Gruppe zu irgendeinem Rang gehören, nein, jedes Menschenkind, das geboren wird, hat von Anbeginn diese Schutzhülle der Würde um sich.
Ein Bauwerk wird zerstört und kann wieder aufgebaut werden. Es zeigt sich, dass seine Einmaligkeit doch wiederholbar ist, was die Seltenheit seiner Erscheinung, die Schönheit, die Erhabenheit, die in die Transzendenz weisende und berückende Großartigkeit in keiner Weise stört oder gar zerstört. Nur uns erscheint die Frauenkirche in Dresden unnatürlich, disneyhaft, synthetisch, epigonal. In hundert Jahren wird sie wieder ein ganz normales, wunderschönes barockes Bauwerk sein. Mit der Dresdener Frauenkirche und der Kathedrale von Coventry, zwei zerstörten Kultursymbolen äußerst hohen Ranges, sind nicht nur zwei Kultursymbole äußerst hohen Ranges wiedererstanden, sondern zwei Symbole der Versöhnung, der Vergebung und – es gibt dafür leider kein Wort – des Gegenteils von Rache. Somit liegt im Wiederaufbau, der vielen als blasphemisch erscheint, ein moralischer Zugewinn.
Südafrikaner protestiert gegen der Versklavung unserer Brüder und Schwestern in Libyen, 2020
Dagegen ist die Zerstörung auch nur eines Menschenlebens ein irreversibler und barbarischer Akt. Zwar könnte man argumentieren, dass so viele Menschen keinen Lebenssinn gefunden haben, dass, je mehr Menschen es gibt, jeder einzelne desto weniger wert sei und schließlich dass unsere Vorfahren, denen ein Kind starb – und es starben sehr viele Kinder – es flugs, manchmal sogar mit dem gleichen Namen versehen, ersetzten. Auch wurden schon viele Menschen verkauft. So viele, dass die Kulturgeschichte Narrative fand, um dem Einhalt zu gebieten: die Josephsgeschichte aus dem Alten Testament, die Geschichte von dem Geschwisterpaar, das sich über lange Jahre der Sklaverei die Treue hielt. Die Sklaverei, und damit das Äquivalent von Mensch und Geld, gehörte lange Zeit zu den geduldeten Untugenden. Allerdings wurden sie von den Sklaven selbst ohnehin nicht geduldet. Davon zeugt der ungeheuer – wenn auch nicht letztendlich – erfolgreiche Aufstand des Spartacus (73-71 vor Christus) und der Aufstand der Zandsch, der afrikanischen Sklaven in Mesopotamien, unter Ali bin Mohammed, auch er ein Philosoph, 869-883, sowie die Tatsache, dass es im transatlantischen Sklavenhandel Aufstände in jedem vierten Schiff gab.
Die sozusagen erste Stufe der Entwürdigung ist die Degradierung des freien Menschen zur Handelsware, die zweite Stufe seine Einkerkerung. Jedoch zeigt sich an der Einkerkerung, dass die Würde des Menschen, innere Stärke vorausgesetzt, nicht zu brechen ist. Der italienische Philosoph Tommaso Campanella, ein Freund Galileo Galileis, war 27 Jahre im Kerker und schrieb dort seine freundliche Utopie DER SONNENSTAAT. Nelson Mandela war 28 Jahre lang auf einer Gefängnisinsel und wurde anschließend der erste frei gewählte Präsident Südafrikas.
Die in allen Kulturen, Philosophien und Religionen verbotene Tötung von Menschen ist nicht nur die dritte Stufe der versuchten, aber immer scheiternden Entwürdigung. Der Fluch der widermoralischen, unmenschlichen Tötung bleibt als Kainsmal am Täter hängen. Während in der griechischen Überlieferung der Inzest und die Knabenschändung, der Fluch des Ödipus, als Grund für Verdammung galten, ist es in der jüdischen Großerzählung der Brudermord aus letztlich segregationistischen Gründen. Wenn also heute ein Bauer, weil er sich vor dem Vorwurf der Naturschändung durch Überdüngung, Einsatz von Pestiziden und Massentierhaltung schützen zu müssen glaubt, sich per Plakat zum wichtigsten Beruf proklamiert, dann kann er sich in dieser antiken segregationistischen Tradition wissen. Überhaupt neigt unsere Zeit zur Wiederaufnahme antiker Denkmuster.
In der Neuzeit kam eine völlig neue Dimension des Menschen auf, das Individuum. Es wurde von einer Vielzahl philosophischer und religiöser Thesen und Theoremen bis in die Gegenwart begleitet, zumal es weiterhin – auch bis in die Gegenwart – die antike Teilung der Menschen in gute und böse gab. So ist der Genozid in Ruanda 1994 nicht etwa auf einem ethnischen Unterschied begründet gewesen, sondern auf einer sozialen Unterscheidung der ehemaligen belgischen Kolonialmacht, welche nach der Zahl der Rinder im Besitz einer Familie die Zugehörigkeit zu den Tutsi (mehr als zehn Rinder), Hutu (weniger als zehn Rinder) oder Twa (keine Rinder) definierte. Im Genozid entlud sich, was keine Entschuldigung sein soll, der durch den Kolonialismus aufgestaute Rassismus und zeigte zugleich seine Hohlheit. Es gibt keine Rassen. Und alle projizierten Unterschiede zwischen ‚Rassen‘ und Kulturen lassen sich auf die Diversität der Sprachen zurückführen. Die Differenz etwa zwischen kopftuchtragenden und nichtkopftuchtragenden Menschen, die im gegenwärtigen Europa so heftig diskutiert wird, wie man es sich nur in voraufgeklärten Gesellschaften vorstellen mag, ist minimal. An den 1945 eingewanderten Ungarndeutschen, Donauschwaben, Wolgadeutschen, Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben kann man gut zeigen, dass diese Differenz keinen kulturellen Gegensatz begründet. Statt dessen wurden die eingewanderten Deutschen als ‚Zigeuner aus Ungarn‘ bezeichnet, was wiederum zeigt, dass das Wort ‚Zigeuner‘ eben keine Ethnie benennt, sondern ein Pejorativ war und ist. Es kann uns egal sein, wie Schokoküsse und Letschoschnitzel früher hießen. Es war diskriminierend, was nichts anderes heißt, als böswillig unterscheidend.
Nun wird klar, dass die Individualität des neuen Menschen, nur geschützt durch seine Würde, die ihn wie eine unzerstörbare Eihaut umgibt, einer neuen Form der Liebe bedurfte, die kein äußeres Reglement benötigte, einen Staat, dessen Souverän er nur selber sein kann und muss und einer Religion, die sich selbst aus der Institution löst und auf den ursprünglichen Impuls zurückzugehen imstande ist. Dieser ursprüngliche Impuls ist die Umkehrung des Kainsmals: dass jeder seines Bruders Hüter sein soll. Aggressiven Feministen und Feministinnen seien erinnert, dass ohne die Emanzipation der sich als Brüder sehenden Menschen die Emanzipation der Schwestern gar nicht möglich gewesen wäre. Wir verteidigen damit nur und ausnahmsweise den historischen Ausdruck als einer Stufe der menschlichen Entwicklung. Die Emanzipation der Frauen, der Kinder, der Afrikaner und der Minderheiten ist die Voraussetzung für die Entwicklung des Individuums. Übrig bleibt der reinweiße, reinmaskuline, alte Mann, der seine Würde in eine gruppenbezogene Ehre zu tauschen versucht und sich demzufolge über seine Ehe, seine angebliche Kultur, seine Nation und neuerdings immer häufiger über seinen Staat definiert. Der perverseste und noch dazu tautologische Kult hatte sich Meine Ehre heißt Treue zur Losung gemacht, die Würde erstens durch eine partielle Ehre ersetzt und dann auch noch diese einfach an das Aushalten gekoppelt. Es ist schwer, zu einer in allen Punkten infiniten Menge zu gehören, es ist leicht, sich als Mitglied einer definiten Gruppe zu interpretieren.
Woran wir also seit zweihundert Jahren, geleitet von Rousseau, Kant und Kollegen, arbeiten, ist eine repräsentative Legislative, eine weitgehend auf ihre bürokratische Funktion zurückgenommene Exekutive und eine Judikative, die weiß, dass sie nicht richten [WER OHNE SÜNDE IST, WERFE DEN ERSTEN STEIN. Johannes 8,7], sondern resozialisieren soll.
Es war Anselm von Feuerbachs Entdeckung, dass auch der Täter die Eihaut der Würde als erstes Attribut des Menschseins hat. Es gibt nur wenige Verbrechen und Verbrecher, die daran Zweifel wecken. Umso erstaunlicher ist es, dass immer wieder Menschen in den antiken Rachemodus verfallen und höhere Strafen, die Todesstrafe gar, verlangen. In Europa zeigt sich, dass die seit Feuerbach eingeleitete Justiz- und Strafreform zu einem Rückgang der Kriminalität führt, der allerdings durch steigenden Wohlstand und wachsende Demokratie assistiert wird. Insofern ist es geradezu kontraproduktiv, wenn selbst erstzunehmende Politiker immer wieder nach der ‚Härte des Rechtsstaates‘ rufen, obwohl sie wissen müssten, dass der Rechtsstaat eben nicht hart ist, sondern gerecht zu sein versucht, indem er auch dem übelsten Täter ein Recht einräumt, das dessen Würde, soweit sie sich nicht selber schützen kann, schützt.
Natürlich sind Menschen, die aus einem anderen Rechtsraum einwandern, ein Problem. Aber es ist doch unbestreitbar, dass die Resozialisierung kein Zweiklassenrecht ist. Schon wiederholt brachte ich das Beispiel des fünfzehnjährigen somalischen Piraten, der vor einem deutschen Gericht zum ersten Mal bemerkte, dass er ein Mensch unter Menschen ist, ein Bruder, der seine Hüter fand, nachdem er zunächst geglaubt hatte, dass es um seine Hinrichtung geht. Der weißhaarige Richter, dessen Worte von zwei vereidigten Dolmetschern übersetzt wurden, bemühte sich in einem mehrere Millionen Euro teuren Prozess um Verständnis und verurteilte den Piraten zu einer Berufsausbildung als einziger Möglichkeit, dem Verbrechen und der Entwürdigung für immer zu entgehen. Unter Rechtsstaat verstehen wir die Maximierung der Gerechtigkeit durch Einklagbarkeit von eigentlich allem durch alle, nicht die Verschärfung der Strafen durch bloße Forderung. Auch die Unabhängigkeit der Richter wird immer wieder durch unsinnige Forderungen an einen anonymen Staat infrage gestellt. Die oberste Instanz bei der Ahndung ist der Richter, und weil irren menschlich ist, kann man sein Urteil mehrfach revidieren lassen. Ein Richter ist kein Henker und ein Henker ist kein Richter. Rache ist ein menschlicher Impuls mit einer unmenschlichen Wirkung, deshalb ist hier – mehr als anderswo – Triebverzicht vonnöten: Was uns zur Rache treibt, sollte vertrieben werden.
Im Unterschied zur vogelgenetischen Eihaut ist die Würde des Menschen zwar auch ein Geschenk der Natur, aber sie muss durch spezielle Methoden bewahrt werden. Und es gibt nur einen Weg, sie zu erhalten: Wir müssen die Würde derjenigen Menschen schützen, sie von Antastungen freihalten, die uns im Laufe des Lebens begegnen oder uns sogar berühren. Die Differenz zwischen Berühren und Antasten ist die Liebe. Nur die Liebe, aber natürlich nicht nur die erotische, auch die caritative und die allgemeine Menschenliebe, erlaubt uns, einen anderen Menschen zu berühren. Die Unantastbarkeit der Würde entsteht nicht dadurch, dass man sie sich sozusagen nimmt, sondern nur dadurch dass man sie anderen gibt, dass man andere zu schützen sucht. Das Geheimnis der Würde ist die Solidarität, die man auch Nächsten- oder Menschenliebe nennen kann. Es gilt kein Warten auf religiöse Gemeinschaften oder auf den inzwischen für omnipotent gehaltenen Staat, es gilt nur unsere mitmenschliche Zuwendung. Sie kann, aber sie muss nicht institutionalisiert sein. Ein Lächeln zählt oft mehr als ein Geldschein. Wenn man immer nur die Bosheit betrachtet, erscheint das Gute marginal, aber in Deutschland werden jährlich rund fünf Milliarden Euro gespendet, die Summe stieg bis zum ‚WIR-SCHAFFEN-DAS‘-JAHR 2015 kontinuierlich an und ist seitdem leicht rückläufig. Manchmal braucht es eben etwas mehr als ein Lächeln. In den letzten zweihundert Jahren vollzog sich schrittweise die Ablösung des vermeintlichen Rechts des Stärkeren durch die unantastbare Würde. Um eine Hierarchie, auch die des vermeintlich Stärkeren, aufrecht zu erhalten, muss die Individualität, jenes hohe Gut der Aufklärung, geopfert werden.
Die Demokratie lädt uns in den Diskurs ein, aber manchmal hilft nicht das schon von Friedrich II. belächelte Räsonieren, sondern nur die Tat. Es fragt sich eben, ob am Anfang das Wort war oder die Tat. Auf jeden Fall brauchen wir Kraft.
Dagegen benötigt die Entwürdigung kein Geheimnis. Sie braucht ein Opiat oder eine äußerst fragwürdige Biografie, um das eigene Gewissen, das die Umkehrung der Würde, ihr Wächter ist, ausschalten zu können. Der amerikanische Schriftsteller Jonathan Littell hat in seinem 1400-Seiten-Roman DIE WOHLGESINNTEN den Versuch unternommen, die Psyche und das Gewissen der gewissenlosesten Täter der Neuzeit in einem voluminösen Roman zu analysieren. Es wäre demzufolge endlich an der Zeit, die Sprache der Täter und damit ihren speziellen Umgang mit ihrem Gewissen zu bannen. Die Täter haben schon in den Planungen (Wannseekonferenz) das Wort der ‚Judenvernichtung‘ aufgebracht, weil das Verstecken hinter industriellen und strukturalistischen Begriffen ermöglicht, darüber hinwegzusehen, dass in den Konzentrationslagern Menschen ermordet wurden, Individuen trafen auf Individuen, von denen die eine Gruppe ihr Gewissen betäubte, die andere bis zum letzten Atemzug an ihrer Würde festhielt. Und darüber hinaus: jeder Stolperstein, jede Erwähnung in Yad Vashem und Dutzenden Museen zeigt: man kann Menschen nicht ‚vernichten‘. Sie bleiben – als die Lebenden und die Toten – unsere Mitmenschen, unsere Vorfahren, unsere Schwestern und Brüder. Aber auch die Mörderseite kann man nicht heimlich verlassen. Zwar gibt es Generationen später keine juristische Schuld mehr, jedoch die Mahnung, aufmerksam zu bleiben. Es ist, so Littells Schluss, offensichtlich möglich, das Gewissen auszuschalten, aber nur für eine winzige Minderheit von Menschen. Schon leichter ist es, wegzusehen, sich in den Gleichgültigkeitsmodus fallen zu lassen. Wir haben nichts aus diesem Genozid gelernt, denn eine andere Ethnie, die Sinti und Roma, sind uns weiter so gleichgültig wie vor sechshundert Jahren.
Die Würde des Menschen ist unantastbar, aber nur, wenn wir sie nicht antasten.
Allerdings steht der Würde und ihrer prinzipiellen Unantastbarkeit unser Konsum entgegen. Der Hunger wurde bekämpft und besiegt, aber der Wohlstand schadet der Natur, die wir plötzlich sehr biblisch Umwelt nennen, und er macht aus uns Sklaven unserer Gier.
Wir leben nicht nach unserem Lebenssinn sondern folgen unseren Begierden. Diesen Vorwurf gab es schon in der Antike (SENECA, YESUS), aber es ist beschämend, dass wir im Zeitalter der Aufklärung immer noch nicht diese Fress- und Luxussucht zu überwinden lernten.
Zudem: Tomaten oder Erdbeeren im Winter sind nicht nur widernatürlich, sondern das Ergebnis moderner Sklaverei, denn in Italien und Spanien ernten afrikanische Arbeiter unter prekären Bedingungen unsere Luxusspeisen. Der Lohn ist so gering, dass nach Abzug von Essen, Wasser und Miete fast nichts übrigbleibt. Nicht besser sind die Verhältnisse der meist osteuropäischen Fleischzerleger, schon das Wort ist grauenerregend, unmenschlich und würdelos. Nachdem sogar weltweit fast niemand mehr hungern muss, müssen wir endlich beginnen zu erkennen, dass unsere Würde auch von der Würde der Tiere abhängig ist. Wir können so nicht weiterleben. Fortschritt heißt nicht nur MEHR, sondern immer auch BESSER. Jede Tomate, jede Erdbeere und jedes in Plastik verpackte Stück Fleisch in unseren Supermärkten tastet unsere Würde an.
Die Würde des Menschen ist unantastbar, aber nur, wenn wir sie nicht antasten.
Die Welt ist nicht voller Teufel, die noch Luther an die Wand malte, sondern voller Dystopien. Man kann vermuten, dass sie Hochkonjunktur haben, weil so viele Menschen nicht nur an Adipositas und Bluthochdruck, sondern auch einfach an Überdruss leiden. Die Inflation an Menschen, Geld, Dingen und Informationen hat zu dem falschen Schluss geführt, dass es gar keine Botschaften mehr gibt, sondern nur noch Medien. Dieser legendäre, aber keineswegs zutreffende Satz stammt von Marshall McLuhan, der wenig spektakuläre Roman über die ausgefallene Apokalypse in Pasewalk dagegen rührt aus dem Laptop von Daniel Marschall[1], das höchstwahrscheinlich mit einem automatischen Storyteller versehen ist. Die Hälfte des apokalyptischen Potentials von Pasewalk, die Verwandlung des Gefreiten Hitler in den ersten Trommler Deutschlands, wurde wenigstens erwähnt, ohne jedoch Bezug zum Geschehen zu erhalten. Die andere Hälfte, der Einsturz der Sankt Marienkirche am 3. Dezember 1984 dagegen wird ignoriert. Es gibt also im Plot des Romans keinen erkennbaren Grund, warum das Ende des aztekischen Kalenders ausgerechnet in Pasewalk ausgesetzt und gerade deshalb dort gefeiert werden soll. Die Schlusspointe, dass die ganze Apokalypse dann als Volksfest in den auf Anordnung des Bürgermeisters errichteten Bratwurstbuden stattfindet, lässt das Buch wenigstens als Farce oder Groteske konsequent erscheinen. Die beiden Hauptfiguren, der von seinem Alkoholismus verfolgte einstige Starreporter Konrad Fall und sein Gegenspieler, der Volontär Andrej Fischer, sind ziemlich schematisch in einen strikten Generationskonflikt verstrickt, der zum Teil über die Technik abgewickelt wird. Das ist reichlich langweilig. Viele Menschen haben Angst vor der Künstlichen Intelligenz, von der sie längst umgeben sind. Es ist müßig, auf die einstige Angst vor der Eisenbahn zu verweisen, da die Informationstechnik tatsächlich näher am Menschen ist, als es damals die Eisenbahn war. Andererseits vollzieht sich der technische Fortschritt auch ohne die ausdrückliche Zustimmung jedes einzelnen Menschen. Jedoch ist dieser technische Fortschritt auch wieder nicht zwangsläufig, sondern kann bei Bedarf auch zurückgenommen werden, wie die Atombombe und die Plastiktüte anschaulich beweisen.
Dass Nachrichten, Kommentare und Interviews über Ereignisse produziert werden, die nicht stattgefunden haben, befürchten viele Menschen und diese werden durch die ausbleibende, aber medial durchaus existierende Apokalypse bestätigt. Wie aber jede Kapitalismuskritik, so blendet auch diese als Medienkritik getarnte den Konsumenten aus. Das Streben nach Maximalprofit, hier durch maximierte News erzeugt, hat auch die Kehrseite der – wenn auch verführten, so doch – mitspielenden Konsumenten. Das Fleisch wird immer billiger und immer schlechter, weil es gekauft wird, nicht nur weil der Produzent nach Maximalprofit giert. Der Konsument giert genauso wie nach Billigfleisch auch nach extraordinärer Nachricht. Man kann es gut in der jetzigen Krise beobachten. Sie wäre weitaus leichter zu überstehen, wenn wir nicht viertelstündlich an sie erinnert würden. Das ist aber nicht nur den Journalisten, ob nun mit Textbausteinen oder nicht, sondern vor allem auch jenen Nervenkitzel suchenden Zuhörern, Zuschauern und Kommentatoren geschuldet. Wir erleben eine Revolution des Kommentars, zu dem sich jeder berufen fühlt. Wir erleben eine Inflation der Meinung, zu der die Demokratie ermutigt hat und vor der sie jetzt zurückschreckt. Diese persiflierenden Passagen des Romans sind durchaus belustigend und damit unterhaltend. Es gibt sogar auch berührende Momente, etwa die erotische Annäherung des armen Konrad Fall an die mollige und Abenteuern zugewandte Gattin des Bestattungsunternehmers, der einst beinahe Skisprungweltmeister geworden wäre. Auch die erneute Annäherung an die beiden Krankenschwesternazubis in der Kneipe, die übrigens ein Atavismus ist, solche Kneipen gibt es gar nicht mehr, hat kurz einen durchaus verständlichen und liebenswerten Impuls, der aber dann sofort wieder in die groteske Schieflage kippt. Der polnische Philosophiestudent, dessen Deutsch aus Kochbüchern gespeist ist, hätte den Karrieresprung zur wirklichen und bleibenden Romanfigur geschafft, wenn nicht auch er in die Farce umgeleitet worden wäre. Es ist ein Roman aus lauter Kasperlefiguren.
Auch das Potenzial der nach Pasewalk importierten Ernst-Thälmann-Siedlung aus Viereck ist leider etwas verschleudert worden.
Über diese Siedlung, die nach dem Arbeiterführer benannt wurde, der niemals gefallen sein soll, gibt es schon ein merkwürdiges kleines Büchlein aus dem Mitteldeutschen Verlag[2], das zwar nur die jetzt abgerissene Schule beschreibt, aber die gleichnamige Siedlung meint. Das Gespenstische dieses verlassenen Ortes wird in lyrisch-lapidaren Texten geradezu besungen. Die Fotos betonen das Dokumentarisch-Unwirkliche. Unserem Roman dagegen hilft noch nicht einmal die nicht ausgedachte Kunstaktion in den leeren Wohnblocks. Sie war ein tatsächlicher Versuch der Belebung des Verblichenen.
In diesem Büchlein wird in dem längsten Text geschildert, wie es einer ganzen Schulklasse aus dieser Militärsiedlung in Wochen nicht gelingt, gleichzeitig zu marschieren und zu singen. Wir müssen nicht im Gleichschritt und Gleichklang mit all unseren Raum- und Zeitgenossen sein. Wir müssen nicht ununterbrochen Billigfleisch von gequälten Tieren in uns hineinfressen. Wir müssen nicht Tag und Nacht Nachrichten über nicht stattfindende Ereignisse schlürfen. Jedes Endgerät hat eine Powertaste. Wenn man ihm die Power entzieht, schweigt es. Man muss auch nicht zu all und jedem seinen Kommentar abgeben. Man muss sich auch nicht über jeden Kommentar empören. Überhaupt ist empören leichter als verstehen oder verzeihen.
Von all dem steht in dem Roman, in dieser teils albernen, teils düsteren Dystopie nichts. Er ist in das Jahr 2023 vorverlegt, bleibt aber der Vergangenheit (Kneipe!) weit mehr verhaftet als der zum Glück nicht voraussehbaren Zukunft.
Meine Schlusspointe ist genauso traurig: in Pasewalk, dieser durch und durch – bis auf die zwei Ausnahmen – unapokalyptischen Stadt, gibt des den Roman, auf dessen Titel sich Verlag und Autor wohl nicht einigen konnten, nicht zu kaufen. Das ist eigentlich schade, denn sein Lokalkolorit ist besser als sein schabloneus-unglückliches Personal.
[1] Daniel Marschall, TONIATIUH ODER APOKALYPSE IN PASEWALK, Periplaneta Berlin, 2019
[2] Katrin Heyer, ERNST-THÄLMANN-SCHULE. Eine deutsche Erinnerung, Mitteldeutscher Verlag Halle, 2006
Je länger man zuhört, desto mehr vertieft sich die Annahme, dass der so erschreckend oft vorgebrachte Staatsglaube in Wirklichkeit eine Staatshoffnung ist, überhaupt eine Hoffnung. Und selbst die Verschwörungstheorien, die ein eher negatives Weltbild offenbaren, könnten doch auch von der möglichen Rettung der soeben untergehenden Welt zeugen: wenn Bill Gates und Angela Merkel in der Lage sind, sich die Welt anzueignen und zu zerstören, dann könnten doch auch wir alle, das Volk und die Völker, vorausgesetzt wir wachen rechtzeitig auf, dieselbe Welt in letzter Minute retten. Und diese Hoffnung, so die dritte These, könnte sie nicht ein Misstrauen an sich selbst sein? Ich traue mir nicht über den Weg, für den ich Verantwortung habe? Mir wäre es lieber, ein anderer machte all die Fehler und hätte all die Verantwortung, mit der ich überfordert bin.
Ich hörte heute einem Gespräch zu, in dem es um einen verhaltensgestörten Schüler ging. Die Lehrerin, die einen schriftlichen Tadel begründete, sagte dann als Quintessenz all ihrer Gedanken: sie verstehe diesen Staat nicht, dass er nicht präventiv das störende Verhalten solcher Menschen erkennen und verhindern könne. Das sei, sagte sie, wie bei den Terroristen, bei denen sich jedes(!)mal herausstelle, dass sie schon polizeibekannt gewesen seien.
Das Ideal vieler Menschen ist also nicht die Freiheit, aber sie bemerken nicht, dass der Ordnungsstaat nicht weniger chaotisch ist als die demokratische Verwaltung, deren Projektion die Freiheit ist. In jeder Diktatur gibt es Korruption, weil Loyalität vor Kompetenz kommt und Gnade vor Recht. Jede Hierarchie muss scheitern, weil sich oben auf unten und unten auf oben verlässt. Demokratie dagegen heißt Vernetzung und Verzahnung, gegenseitige Achtung und Würdigung, das ist die Anerkennung der Würde, die jedem Menschen als Hauptattribut zukommt.
Sobald man aber anstelle der Würde die Ehe, die Kirche oder den Staat setzt, muss die vermeintliche Ordnung mit blanker Willkür aufrechterhalten werden. In dieser Sicht wird klar, dass der perfekte Polizeistaat die komplette Unordnung ist, weil niemand mehr bemerken will, dass die Paragraphen nur als Interpretationen gültig sind. Dagegen ist die Demokratie, so chaotisch, widerspruchsvoll und ungelenkt sie uns erscheinen mag, die Näherung an die höhere Ordnung. Es muss nur noch jemand die große RESET-Taste drücken.
Sein Leben verlief fast wie das des Weihnachtssterns: spät aufgegangen, eine zeitlang hellleuchtend, und dann wie vergessen. Seine Welt war untergegangen. Allerdings lebt Czernowitz, seine Heimatstadt, als touristische Literatenstadt auf, und die Lyrik lebt in der Werbung, in der Popkultur und im RAP.
Als ich das erste Gedicht von ihm las – in dem Osten, aus dem er kam – lebte er noch, und das ist deshalb so bemerkenswert, weil er von den hundert Jahren, die seit seiner Geburt vergangen sind, nur weniger als fünfzig gelebt hat. Und er lebte im unerreichbaren, ferner als fernen Paris, aber er übersetzte dort den erschossenen Mandelstam[1] vom russischen Totenreich auch ins Ostdeutsche. Russisch wurde uns nahegebracht, aber hat es nicht geschafft, uns jemals nahe zu sein. Er hatte es in einem Sommer gelernt und später, in Paris, betrunken, hat er russische Lieder gegrölt, genau wie wir in unserem grauen Ostberlin.
Aber das erste Gedicht, das ich von ihm las, war keine Mandelstamnachdichtung, sondern ein aus Reimen und Assonanzen bestehender Achtzeiler[2], der wie Bildhauerabfall auf dem Boden herumlag und nicht wusste, ob er Proverb oder Gesammeltes Werk werden sollte: ‚Wohin gings? Gen Unverklungen.‘ Das Gedicht stand in einem kleinen Auswahlband westdeutscher Lyrik, den es bei uns im Osten von Freund zu Freund zu leihen, aber nirgendwo zu kaufen gab. Denn bei uns im Osten hatten nicht nur die Bücher ihre Schicksale, sondern auch die Leser. Celan wurde nicht gedruckt, aber war trotzdem – als Übersetzer – wohlgelitten.
Bei uns in Ostdeutschland ‚traten keine Steine aus dem Berge‘, sondern die Dichter und ihre Epigonen wetteiferten in Oden und Elogen, und niemandem fiel auf, das ELOGEN ein Beinahanagramm von GELOGEN war, eine Ruine des Wortes, ein Bruchstück der Wahrheit. Man muss gar nicht Becher, KuBa, Wiens und ihre Stalin- und Stasigesänge meinen, es reicht Brechts ‚Erziehung der Hirse‘ erneut zu lesen, um zu verstehen, dass das keine neue Lyrik war, sondern pseudobiblisches Interpretations- und Motivationsgeschwafel. Während man bei Diktatoren nicht sicher sein kann, ob sie nicht doch an sich und von sich glauben, dass sie das wären, was viele Menschen von ihnen glauben, weil sie es ihnen zuvor eingeredet haben, sind sich diese Dichter sicher, dass sie lügen sollen und wollen, um Geld und Ruhm zu verdienen und zu vertrinken. Ihren Phantomschmerz ertränkten sie in Kokain und Suizid.
Celan dagegen wurde verfolgt von seinem eigenen Gefühl der Unvollkommenheit, wenn nicht sogar des Unvermögens. Er verdiente sein Geld mit kongenialen Übersetzungen und als Lehrer an einer Eliteschule. Antisemitismus und überhaupt Segregation waren damals noch so verbreitet, dass selbst die Opfer deren Wirkungen eher hinnahmen. Celan wurde verlacht, wenn er vorlas. Artur Brauner musste erleben, dass Kinos demoliert wurden, in denen sein Film, der erste, der in einem KZ spielte, gezeigt wurde. Die Nazis hatten noch die Deutungshoheit. Als die TODESFUGE schon in den Lesebüchern stand, gab es einen Deutschlehrer in Deutschland, der klappte das Buch auf, las die TODESFUGE vor, klappte das das Buch wieder zu und sagte kalt: Das kann man nicht verstehen.
Spätere Generationen von Deutschlehrern gaben – in bester Absicht – mit diesem Gedicht einem ganzen Volk die Absolution: Seht, sagten sie, so ist es gewesen, aber es ist Präteritum, auch der Rauch, der keine Metapher war, ist vergangen. Das Grab in den Lüften wurde zum Stolperstein.
Vielleicht hielt er es nicht aus, in den Lesebüchern und Abituraufgaben angekommen zu sein. Vielleicht glaubte er tatsächlich, am Tod seiner Eltern mitschuldig zu sein. Vielleicht fühlte er sich aber von all den antifaschistischen Nazis in Ost und West verfolgt? Nur die engen Freunde aus seiner Jugend glaubten, dass er ein neuer Hölderlin gewesen sei. Aber letztlich verschönten auch sie ihr eigenes Leben mit dem Wissen über ihn. Wer will es ihnen verdenken? Vielleicht hatte er auch einfach nur Angst vor dem Alter, denn er wäre in seinem Todesjahr fünfzig Jahre alt geworden, wenn er geblieben wäre? Vielleicht hatte er Angst vor seinen Wahnvorstellungen, die ihm unheilbar erschienen?
Er ist in die Literaturgeschichte schwer einordbar. So wie Kafka, und ganz im Gegensatz zu Thomas Mann und Bertolt Brecht, tat er nichts für seinen Nachruhm. Er hoffte, man würde ihn erkennen. Seine wahre Bedeutung erschließt sich nur, wenn man, Seite um Seite, in seinem Werk blättert, nicht wie bei Schiller und Brecht in verstreuten Zitaten. Er fand die Welt als Ruine vor und hat die Bruchstücke als Zutaten gesammelt. Nur dass sein Lapidarium so durcheinander blieb wie die Welt. Man muss sich auf ihn einlassen wollen, dann wird man von einem großen Werk auch wirklich eingelassen. Während Brecht mit dem Gegenständlichen rang und sich im Elogischen verlor und Kafka sich hinter der trivialen Erzählstruktur verbarg, um ungeschont und ungeschönt für die Ewigkeit reden zu können, schuf Celan aus den Splittern einer absurden Kainswelt einen Gefühlskanon, der nur dem WTC[3] von Bach vergleichbar ist. Und nicht zufällig heißen viele Gedichte von Celan Fuge, Tango, Engführung. Das Material – die Fugenthemen und Präludiencluster, die Wortkaskaden und entgrammatisierten Proverbien – lag sozusagen auf der Straße und es bedurfte eines Genies, um das lesbar zu machen, es zu analogisieren. Bach schrieb den Anfang des WTC bekanntlich in Weimarer Beugehaft. Celan dagegen war immer auf der Flucht vor dem semantischen Gefängnis.
Wer sich mit mir jetzt in das Verhältnis zwischen den Steinbrüchen von Carrara und der Kathedrale, dem Baptisterium und dem schiefen Campanile von Pisa oder den expressiven Abbildern des großen Michelangelo versetzen kann, hier die kullernden Bruchstücke im wahrsten Wortsinn, dort die reinste synthetische Kunst, das Schlechte wie Spreu hinweggeblasen, der wird auch Celan besser verstehen. Seine Wortfetzen parodieren eine Welt, die sich für perfekt hält, jedoch abgrundtief verdorben, toxisch und zerstört ist.
Er schrieb nicht über Auschwitz oder den Sieg oder die Niederlage einer der vielen Wahrheiten, die einen Moment lang ewig waren. Er schrieb auch nicht über sich. Er schrieb, ohne dass wir es bemerkten, wenn wir nicht immer wieder lasen und lesen, über dich und mich: ‚Vielleicht war mein Wispern schon vor meinen Lippen geboren‘. [MANDELSTAM]
WAS GESCHAH? Der Stein trat aus dem Berge.
Wer erwachte? Du und ich.
Sprache. Sprache. Mit-Stern. Neben-Erde.
Ärmer. Offen. Heimatlich.
Wohin gings? Gen Unverklungen.
Mit dem Stein gings, mit uns zwein.
Herz und Herz. Zu schwer befunden.
Schwerer werden. Leichter sein.
CELANs TODESFUGE
Es kann ihnen und uns kein Trost sein, dass der Tod auch Meister aus anderen Ländern war, ihnen nicht, weil sie nicht auferstehen können von den Toten, uns nicht, weil unsere Vorväter die Untaten auf ihr und unser Gewissen geladen haben. Der Dichter entkam den einen Schergen und entkam den anderen Schergen knapp, aber er entkam nicht seinem Gewissen und seiner Erinnerung. Er wurde derjenige, der die törichte Frage für absurd erklärte, ob man nach Auschwitz schreiben könne, man müsse, war seine Antwort, man müsse nach Auschwitz schreiben, auf dass das nicht zu Verstehende gefühlt würde. Sein Gedicht wurde das berühmteste und auch das beste, aber der Preis dafür war sehr hoch: sein Leben.
Es wurde schon oft hineininterpretiert: der einzige Reim in dem Gedicht besteht aus den blauen Augen des Mörders und seinem zielgenauen Schuss. Vielleicht ist es Zufall, dass sich das Gedicht an dieser Stelle reimt. Was es zu einem großen Kunstwerk macht, ist der Gesang des schrecklichen Details, das Rezitativ der Trauer, die Banalität des bösen Briefeschreibers. Das Lager bestand nicht nur aus Schrecken und Tod, sondern auch aus diesen fortwährenden trivialen Befehlen: grabt schneller, grabt tiefer, grabt weiter an eurem Grab, eine Olympiade des Grabens, des Grauens und des Abgrunds. Dieses Gedicht zeigt, dass der Superlativ des Abgrunds nicht nur in der Größe des teuflischen Projekts lag, sondern auch in jedem einzelnen Opfer und jedem einzelnen Täter. Jeder Täter musste ein Maximum an Bösem in sich anhäufen und nach außen dringen lassen. Und jedes Opfer musste ein Maximum an Leid tragen und mit in das vor ihm liegende Grab nehmen. Darüber darf kein Gras wachsen, so nötig uns Gras sonst ist. Immer wieder gibt es Unmut darüber, dass wir, so lange danach, immer noch mit Verantwortung gestraft sind. Der Grund ist dieses unerträgliche Maximum an Leid, das die Opfer auf sich nehmen mussten. Jeder einzelne dieser Menschen hat ein Recht darauf, dass an ihn gedacht wird. In Löcknitz, einem vorpommerschen Städtchen, gab es nur zwei oder drei jüdische Familien, eine davon, die Familie Schwarzweiss, besaß das einzige Kaufhaus am Ort. Der letzte Besitzer hatte den heute peinlichen Vornamen Adolf. Eines Tages traf ich drei alte Frauen, und sie erzählten mir von dem Tag, an dem die drei Familien, voran Dolfi Schwarzweiss, aus ihren Wohnungen getrieben wurden, zum Bahnhof gehen mussten, nach Stettin gebracht wurden. Weiter wollten die drei Frauen nichts wissen. Wir wissen, dass nach Stettin das Todeslager kam, und aus dem Gedicht wissen wir, dass er, der Mörder, Briefe schrieb, dass Dolfi Schwarzweiss und seine Tochter Esther zum Graben singen mussten. Sie stehen im Totenbuch von Mecklenburg und in der Gedenkstätte Yad Vashem. Aber nur ihr Name ist erhalten. Als die Russen kamen, wurde gerade ihr Kauf- und Wohnhaus, in dem auch ein kleiner Betraum war, zerstört. Nichts erinnert mehr an die drei Familien von Löcknitz. Nur das Gedicht.
Dieses Gedicht ohne Satzzeichen, mit nur einem Reim, mit unerträglichem Refrain des Todes, dieses Gedicht lehrt uns, wie falsch es ist, immer noch die Sprache der Täter zu sprechen, nicht deutsch, das ist auch die Sprache der Opfer und des Dichters. Die Sprache der Täter sagt nämlich, dass dort nicht Menschen ermordet wurden, sondern angeblich eine bestimmte Gruppe von Menschen. Wer das betont, glaubt, wie wir wissen, an die Berechtigung seiner Morde. Aber wir? Wir glauben nicht an die Berechtigung zu töten. Wir lassen nur noch den Selbstmord und den Tyrannenmord als Ausnahme vom universellen Tötungsverbot bestehen.
Das ist nicht die Folge des Gedichts, wohl aber die Folge dieser Taten, und die hat dieses Gedicht zuerst und gültig beschrieben. Zu recht wird vom Wirtschaftswunder gesprochen, schon zu unrecht wird es nur westlich der Elbe gesehen. Aber ganz unrecht ist: warum wir nicht – oder zu wenig oder zu langsam – sehen, dass es nach diesem Krieg auch ein Moralwunder gegeben hat. Die Todesstrafe ist abgeschafft, der Krieg wurde für immer geächtet:Nicht der andere ist uns feind, sondern der Krieg. Nicht der Fremde ist Ursache des Kriegs, sondern der Hunger oder die Gier.
Die Intoleranz steht am Pranger, alle Kinder und Jugendlichen lesen Rousseau und Kant, die Mündigkeit ist Verfassungsgebot, vielleicht am wichtigsten: alle fahren in alle Länder, also alles Fremde wird uns nah.
Fakt und Kontrafakt gehen in diesem Gedicht ineinander über wie im Leben. Wer will entscheiden, ob ‚das Grab in den Lüften’ die Metapher für das Undenkbare ist, oder das reale Bild verbrannter, zu Rauch gewordener Menschen, oder der ewige Ort, hoch oben, aller unserer Seelen?
Das Absurde kann nur im Absurden gezeigt werden, aber das Gedicht ist alles andere als surreal. Es heißt Fuge, weil es die stärkste Verdichtung des Grauens zeigt. Alle Mittel der Kunst werden ausgeschöpft, darunter erschreckend Neues, aber es liest sich trotzdem wie der Bericht eines Überlebenden. Tatsächlich hat sich Celan in die Rolle seiner Mutter versetzt, aus ihrer Sicht, die nicht überlebt hat, ist der Bericht. Er hat sich sein Leben lang Vorwürfe gemacht, dass er überlebt hat, sie nicht. Er war jung. Er ist zweimal weggelaufen, einmal vor den Deutschen, einmal vor den Russen, er, der so gut russisch konnte, dass er die Gedichte des erschossenen Mandelstam kongenial übersetzt hat und, wenn er betrunken war, russische Lieder gegrölt hat, mitten in Paris. Wie seine Heimat war er multilingual. Wie seine Heimat ist er untergegangen. Die Seine in Paris nahm ihn auf, nachdem der Pruth in Czernowitz ihn verstoßen hatte.
Eine Reihe von uns unbekannten Dichtern, die aber alle mit Celan bekannt waren, haben ähnliche Gedichte geschrieben. Celans Gedicht ist das dichteste, das deshalb zurecht das berühmteste wurde und er der berühmte Autor. Es ist schade, dass die anderen Dichter fast oder ganz vergessen sind (Rose Ausländer, Moses Rosenkranz, Immanuel Weissglas), aber das darf uns nicht hindern, Celan zu bewundern. Er selbst hat am meisten unter der von ihm bewusst gewählten – und von manchen Plagiat geschimpften – Intertextualität gelitten. Sein Gedicht ist eine Kompilation aus all den anderen Gedichten, aber auch das Denkmal gewordene Abbild des Schreckens. Besser als ein Geschichtsbuch lässt es uns fühlen (wer nicht hören will, muss fühlen), wie es wäre, wenn wir die Opfer oder die Mörder wären. Als einziger hat Celan es geschafft. Er litt auch darunter, dass dieses Gedicht in den Lesebüchern steht, aber da gehört es hin, zu uns.
Paul CELAN 23. November 1920 bis 20. April 1970
[1] Ossip Mandelstam, russischer Dichter, 15. Januar 1891 bis 27. Dezember 1938
[2] WAS GESCHAH? aus: Die Niemandsrose, Suhrkamp Taschenbuchausgabe, Band 1, Seite 269
Gedichte von Kesanet Abraham in dem Bildband DIE LIEBE IST GROSS
Die Versuchung ist groß, den Dichter aus Eritrea, der seit 2015 in Deutschland ist und in Berlin lebt, anzurufen und zu fragen, wen er in seinem Gedicht KEIN WUNDER meint. Aber Texte leben nicht nur davon, dass sie geschrieben, sondern dass sie von allen Lesern interpretiert werden, man kann sogar sagen, wer einen Text liest, wird sein Autor.
Das Gedicht beschreibt, aus meiner Sicht, die Mitverantwortung eines ganzen Volkes an seinem Diktator. Das steht in Übereinstimmung mit dem schönen Spruch: jedes Volk hat die Regierung, die es verdient. Ich kannte einmal einen Pfarrer, der schrieb lange Tiraden darüber, wie die böse DDR – ich glaube, sie war eher dumm – das schöne Christentum kaputt gemacht hatte, was Nero mit seiner nun wirklich grausamen Praxis, Christen als brennende Fackeln und als Löwenfraß zu ermorden, nicht geschafft hat. Und das sollte die DDR, der es nicht gelang, Bananen und Schrauben in ausreichender Menge zu beschaffen, geschafft haben? War es nicht vielmehr so, dass zu viele Pfarrer von ihrer Staatskirche geträumt haben und selbst dann nicht aufgewacht sind, als ihre Kirchen ohne ihr Zutun ein Jahr voll waren wie sonst nur zu Weihnachten? Wie schön dagegen beschreibt der junge Dichter die schweigenden Mehrheiten und jubelnden Massen, die dem Diktator erst eingesagt haben, was er ist: ein Genie, ein Feldherr, ein großer Theoretiker. Man hat an ihn geglaubt und das führte dazu, dass er sich jetzt selbst glaubt, anstatt sich zu hinterfragen. Man muss allerdings sagen, dass Isayas Afewerki den Krieg gegen das große Äthiopien tatsächlich gewonnen hat, während – zum Beispiel – Honecker nur den Schlüssel zur fertigen Machtzentrale abholen musste. Hinterher will es niemand gewesen sein, aber der junge Dichter widerspricht: ‚Wir haben ihm das gesagt.‘
DIE LIEBE IST GROSS ist eine Redewendung in der Sprache Tigrinya, die in Eritrea und in der jetzt leider im Krieg befindlichen Provinz Tigray in Norden Äthiopiens gesprochen wird. Dieses schöne Gedicht umspielt mit zarten Metaphern die Begriffe Glauben und Liebe, die sich dann auf wunderbare Weise vereint finden: Lass es! Sorge dich nicht. An die Liebe zu glauben, ist die Seligkeit selbst. Der orientalische Ton des Landes am Roten Meer mag auch solche, uns inzwischen übertrieben scheinende Hyperbeln wie flammende Feuerglut erlauben. Er greift dabei sogar die Sprache König Salomos aus dem Hohelied der Liebe auf. Aber wie oft die Dichter uns auch mahnen, dass Liebe und Glauben dasselbe seien, so folgen doch immer noch viele den berüchtigten Lügenfahnen, auf denen ein Glaube ohne Liebe verkündet wird.
DIE ZEIT DER LIEBE führt uns die Relativität auch der Liebe vor. Nichts ist wie früher, so sehr wir es uns auch wünschen. Im Gegenteil, Konkurrenz selbst in der Liebe scheint hinzuzukommen, die Eitelkeit gewinnt Raum, aber es bleibt die Hoffnung, dass auch diese Monster des Zusammenlebens wieder verschwinden werden. Wir hätten wohl verstanden, wenn Kesanet Abraham uns bittere Gedichte präsentiert hätte, aber sie enden alle zuversichtlich. Seine Freundlichkeit strahlt auch nach innen. Das wirkliche Liebesgedicht aber, EROBERT, kommt ein wenig rational daher, als beschriebe es einen beliebigen und wiederholbaren Vorgang. Aber auch hier versöhnt uns der Schluss: Du hast mein Herz genommen. Gib Du mir Deines.
Der Dichter beklagt im Vorwort, dass er sich für manch eine Aussage noch nicht reif genug fühle. Das kann ich nicht nachvollziehen, wie ich gleich zeigen werde. Mein Einwand ist dagegen, dass die ersten Gedichte ein bisschen zu lang, zu wenig konzentriert sind. Das kann aber auch mit einer Tradition zusammenhängen, die wir nicht kennen oder sehr verallgemeinernd ‚orientalisch‘ nennen.
Das intensivste Gedicht ist dasjenige über die Mutter, welches einen Schnittpunkt zwischen den Liebes- und den Fluchtgedichten darstellt. Unter dieser unterbrochenen einst engen Verbindung zur Mutter leiden fast alle Flüchtlinge. Und dieses Leid wird in dem Text WIEDERSEHEN verdichtet und verwoben und verklärt. Gleichzeitig zeigt sich aber auch das Dilemma der Mutter, die ihrem Sohn das Beste wünscht und dieses Beste nur erreicht sieht, wenn er sie verlässt. Das ist anrührend, bewegend, herzzerreißend. Das Geheimnis der Geburt ist Trennung. Und man muss befürchten, dass es kein Wiedersehen geben wird.
Die stärkste Metapher, das tiefste Bild des kleinen sympathischen Buches findet sich in dem Gedicht MEINE KRAFT. Wer erst fünf Jahre in Europa lebt, kann nicht tausende von Buch- und Filmtiteln kennen. Dass das Alleinsein, die Isolation – und nicht wie bei Rainer Werner Fassbinder die Angst – die Seele aufzuessen scheint, ist also wohl kein Zitat, sondern genauso Eigenschöpfung wie das Heimweh, das Frösteln macht. Die Sonne ist tatsächlich weg, als Tatsache und als innere Kraft. Und es stellt sich heraus, dass die Flucht ein Friedhof ist, nicht nur der Hoffnungen und vieler Weggefährten, auch der Zurückgelassenen, der Geschwister, der Mütter und Väter, der Communities an den Busstationen. Und wie könnte es anders sein – im Gedicht anders als im Leben: schließlich muss man aus der Flucht fliehen, ankommen, sich integrieren. Vielleicht bleiben Injera, das allgegenwärtige Fladenbrot, und der gelegentliche Besuch der gespaltenen Kirche die letzten Überbleibsel der Vergangenheit. Aber wenn dein ganzer Background die Gegenwart ist, das Hier und Heute und Jetzt, dann, ja dann ist nur noch dein Gesicht deine Vergangenheit.
fast alle Gedichte standen schon vorher in der Zeitschrift von kulturTür Berlin Schöneberg
Wir haben schon auf den offensichtlichen Grundwiderspruch der menschlichen Gesellschaft hingewiesen. Bevor es menschliche Gesellschaften gab, werden wohl der bloße Überlebenswillen und die Nahrungssuche übermächtig stark an Reflexionen gehindert haben. Gesellschaft heißt Arbeitsteilung und Arbeitsteilung heißt immer auch Streit, Neid und Gier. An einem Bauernhof eines Nachbardorfes hing bestimmt ein Jahr lang ein Schild, dass Bauer der wichtigste Beruf sei. Die Arbeitsteilung und die allmähliche Institutionalisierung führte indes zu dem heute noch währenden Grundwiderspruch und Streit zwischen Freiheit und Ordnung. Man kann sich das sehr schön an der Domestizierung des Wolfes vorstellen: um die Schafe zu schützen, bedurfte es einer ebenso starken Gewalt wie es der Wolf war. Und der erste Hütejunge, der auf die Idee kam, dass das nur der Wolf selbst sein kann, sollte ebenso gefeiert werden, wie die Wölfin, die Romulus und Remus säugte. Das Symbol für Kraft, Gewalt und Sicherheit kam zustande durch Zuwendung, Einfühlung und Geborgenheit. Übrigens enthält diese schöne Legende viele Elemente von anderen Legenden, was meine Ansicht vom Mangel an Differenz zwischen den Kulturen stützt.
1915 erschien ein in der Fachwelt eher verlachtes Buch eines damals sehr berühmten Forschers, Die Entstehung der Kontinente und Ozeane. Berühmt war er für seine Grönlandexpeditionen, deren letzte ihm dann auch den Tod brachte. Wenn man durch die Gegend fährt, in der er aufgewachsen ist, dann sieht man – aus heutiger Sicht – seine Theorie schon vorgeformt: Seen, Moore und Rinnsale, die in ständiger Bewegung sind. Da sein Vater ein bedeutender Altphilologe war, wird ihm der schöne Spruch panta rhei geläufig gewesen sein. Aber dass auch die Kontinente fließen sollen, konnte sich in der Fachwelt nur Otto Hahn vorstellen.
Erbeben treten dort auf, wo sich tektonische Platten reiben. Die vor Wegener herrschende Theorie nannte sich Fixismus, alles ist tief gegründet und bleibt immer so, wie es ist. In Island und im Großen Afrikanischen Grabenbruch kann man gut erkennen, dass nichts so bleibt, wie es ist.
Mir scheint das nun ein sehr gutes Gleichnis zu den Plattenverschiebungen zu sein, die die Gesellschaft immer wieder erschüttern. Was bei heutigen Demonstrationen auffällt, ist nicht Staatsversagen, sondern Plattenverschiebung. Die Platte der Autokratie und die Platte der Demokratie reiben sich solange, bis sie wieder einen ein, zwei Jahrhunderte währenden Kompromiss gefunden haben. Auch Sieg und Niederlage des Trumpismus scheint mir kein Unfall der Geschichte zu sein, sondern ein Erdbeben. Der Unterschied zur Plattentektonik ist nur der, dass in der Geschichte Menschen mit Gefühl, Verstand und Absichten agieren. Und die neue Kommentarfunktion der Weltgeschichte erlaubt jedem einzelnen Bürger, recht zu haben. Gruppen sind nicht mehr Kirchen und Parteien, sondern Kommentarkreise, die sich gegenseitig bestätigen. Allerdings gilt für sie auch das eherne Gruppengesetz: Trennung, Scheidung, Schisma.
Sehen wir uns die zum Glück sang- und klanglos untergegangene Trump-Administration an: heute ist man Vertrauter, morgen ist man im Knast oder bei der Staatsanwaltschaft. Auch die AfD und die vergleichbaren Bewegungen in Europa beschäftigen sich ZU UNSER ALLER GLÜCK am meisten mit sich selbst. Meine Großmutter hatte dafür den schönen Spruch: Pack schlägt sich, Pack verträgt sich, und der Vorteil dieses schönen Spruchs war, dass sein Sprecher und seine Sprecherin außen vor blieben, er hatte die Wahrheit gepachtet. Vielleicht sollten wir aufhören, unsere Mitbürger als Pack zu denken und zu bezeichnen.
Die Kontinentaldrift und die kapitolinische Wölfin zeigen uns: es kommt immer anders als man denkt, weil es mehr Gründe gibt, als man denken kann. Solche Parteien des Fixismus tragen monokausale Monster und Monstranzen vor sich her. Oft gibt es auch den einen Grund, aber immer hat er tausend Schwestern und Brüder.
Neulich geriet ich in eine Diskussion über feministische Linguistik. Die Unterdrückung der Frau sei bis in die Syntax hinein nachweisbar. Ich selbst gab mich früher gern als Feminist aus und wollte damit meine absolute Solidarität ausdrücke, und bemerkte nun aber, dass ich eines nicht bin: Feministin. Die Diskussion lief letztlich auf zwei Fragen hinaus, und die sind allemal interessanter als alles, was die anticoronistischen Heulsusen und Heulfritzen im Angebot haben, wenn sie wöchentlich einmal vom Akkordeon begleitet um die Protestlinde tänzeln.
Die erste Frage ging nach der Männlichkeit der deutschen Sprache. Wir kennen alle diese Diskussion: Deutschland hat die schlimmste Bürokratie, Deutschland hat die meisten Gesetze und die höchsten Steuern. Diese Art Nestbeschmutzung brauchen viele, zum Beispiel die gesamte AfD, um es in der Heimat aushalten zu können. Es ist dies die immer gleiche Verwechslung des Focus mit der Weltsicht. Ein Linguist oder eine Linguistin, die – sagen wir – fünfzig Sprachen beherrscht hat durch Erfahrung Einsicht in vielleicht weitere fünfzig Sprachen, das wäre ein Achtel aller afrikanischen Sprachen, könnte die Frage, welche Sprache männlich und welche weiblich sei, besser beantworten als wir alle. Trotz dieser strukturbedingten Inkompetenz wage ich die These, dass der männliche Focus der Sprachen durch das Patriarchat zustande kam und keine Frage der Sprachen selbst ist. In jeder Sprache wird es aber auch weibliche Formen geben, die, wenn sie nicht den Ausgleich brachten, doch den Versuch zeigen. Mein Geschreibsel hat natürlich nicht die Spur wissenschaftlichen Nachweises oder auch nur Denkens in sich. Aber wenn ein einfacher Gedanke, dass im Englischen die Schauspielerin actor und der Mensch sogar man heißt, ausreicht um ein linguistisches und feministisches und wissenschaftliches Kartenhaus zum Einstürzen zu bringen, dann kann es damit nicht weit her sein. Insofern ist es gut, dass Luise F. Pusch keine Professur erhielt, aber eine Ikone des Feminismus wurde.
Die zweite Frage war, ob Frauen militaristische Begriffe verweiblichen und sich typische männliche Grundfehler wegen der Gleichberechtigung einverleiben sollten. Die große Feministin sagte im Interview, dass es darauf ankäme irgendetwas auf Vorderfrau zu bringen. Das soll das feministische Gegenstück zum Vordermann sein. Ich halte den Vordermann für einen militaristischen Begriff und seinen heutigen Gebrauch für einen Beweis der langen Beibehaltung der Militär- und der Tätersprache. Nach wie vor wird von der obersten Heeresleitung gesprochen, vom Frontverlauf, studentische Hilfskräfte werden HIWIS genannt, aus dem Tritt kommen, so schnell schießen die Preußen nicht, in Visier nehmen, Ruhe im Glied, das alles wird täglich benutzt. Ich verstehe, dass frau sich über männliche Sprache aufregt. Aber frau kann nicht auf Verständnis hoffen, wenn sie militaristische oder gar Täterbegriffe verweiblichen und vereinnahmen will.
Soweit die sprachliche Seite. Dann ging es aber darum, ob Frauen die Wahl haben, ob sie Pazifistinnen oder Bellizistinnen werden wollen. Ich muss gleich sagen: ich empfinde schon die Fragestellung als obszön. Natürlich hat es immer auch Bellizistinnen gegeben. Aber sind sie wirklich das Ideal einiger Frauen? Dadurch dass der Krieg in 99% der Fälle Männersache war, die Sache alter Männer, die junge Männer in Krieg und Tod schickten, dadurch richtete er sich nicht nur gegen den bewaffneten Feind, sondern gegen Frauen, Kinder und Greise, also den unbewaffneten Teil der Bevölkerung. Frauen sind in allen Kriegen vergewaltigt und abgeschlachtet worden, ihre Kinder sind vor ihren Augen aufgespießt oder an die Wände geworfen worden, ihre Söhne waren die Mörder. Und jetzt wollen sie die Wahl haben, ob sie lieber Pazifistinnen bleiben oder Bellizistinnen werden sollen, Befürworterinnen von Kriegen, die weitgehend abgeschafft und befriedet werden. Zum Glück gibt es nur noch kleine Bürgerkriege, die auch Stellvertreterkriege sein können, die aber niemals mehr die Dimensionen des dreißigjährigen Krieges, der beiden Weltkriege, des Vietnam- oder Algerienkrieges haben. Statt die Bundeswehr abzuschaffen, erste Gelegenheit 1955, zweite 1989, dritte 2020, wird sie wegen der gleichberechtigten Teilnahme für Frauen geöffnet. Natürlich führt die Bundeswehr keinen Krieg, das kann sie gar nicht, das verhindert schon das Bundeswehrbeschaffungsamt in Koblenz, aber sie steht, obwohl sie demokratische kontrolliert wird, in der Tradition der Kriege. Selbst wenn eine Kaserne nach Stauffenberg benannt wurde, heißt sie nicht nur nach dem mutigen und höchst bewundernswerten Hitler-Attentäter, sondern auch nach dem Generalstabschef des Ersatzheeres. Über einen anderen Oberst der Wehrmacht wurde in Rotenburg an der Wümme gestritten: er schoss 111 ‚feindliche‘ Flugzeuge ab, aber Stadt- und Kasernenrat hielten den toten Oberst bis zum Juni 2020 für einen missbrauchten Mitläufer. Und nun wollen auch die Frauen militärische Mitläuferinnen gewesen sein? Diese Art feministische Diskussion verläuft so wie die Stadtratssitzungen in Rotenburg zum Thema Lent: schoss er tatsächlich Feinde ab oder wurden diejenigen erst dadurch zu Feinden, dass er sie abschoss?
Zwar kann niemand mehr eine Enzyklopädie oder zwölf Bände Hegel schreiben, aber man kann nicht bei der Beantwortung einer Frage alle anderen schon möglichen Antworten ignorieren.
In der Fülle der Feiertage, die unseren Alltagstrott erschüttern, Reformationstag, Halloween, Allerheiligen, Allerseelen, spielt merkwürdigerweise das Erdbeben von Lissabon keine Rolle. Ein Jahr lang werden wir über Luther hören, was wir noch nie gehört haben und was wir vielleicht gar nicht hören wollen. Nicht nur der aggressive Antisemitismus und Antiislamismus der Neuzeit gehen auf ihn zurück, auch seine Katastrophen- und Höllenprojektionen wirken bis in die Gegenwart. Unbestritten ist sein Einfluss auf Bildung, Wohlfahrt und Chancengleichheit. Man kann ihm nicht genugtun. Aber kann man denn dem kleinsten und unbedeutendsten Menschen gerecht werden? Kann man den Nachbarn beurteilen, den Freund, die Ehefrau, den Ehemann, den Kollegen, die Vorgesetzte, die Eltern, die Kinder? Ein frühes Produkt der Neuzeit, an deren Beginn eben auch Luther steht, ist das Individuum und die Erkenntnis, dass es mehr Gründe und Gegengründe als Menschen und Ameisen gibt.
Am Allerheiligentag 1755 wurde Lissabon, das damals die Hauptstadt eines großen Weltreiches, des lusophonen Dreiecks war, von einem Erdbeben der Stärke neun, einem Tsunami und einem flächendeckenden Großbrand heimgesucht. Und es ist vielleicht einer der ersten Punkte der Menschheitsgeschichte, wo wir merkten, dass wir eben nicht heimgesucht wurden, sondern dass wir Teil der Natur sind, die nicht nur schön ist. Jeder kennt den Satz des Außenministers und späteren Kanzlers des portugiesischen Reiches angesichts der Verheerung, immerhin waren fast neunzig Prozent der teils wunderschönen Bausubstanz zerstört und die Hälfte der Einwohner tot, ‚begraben wir die Toten und ernähren wir die Lebenden‘. Das ist nicht nur ein äußerst mutiger Pragmatismus, das ist die Erkenntnis, dass wir Teil eines schönen und schrecklichen Gesamtsystems sind, das wir nur sehr bruchstückhaft verstehen. Der Kanzler musste erst aus seiner Gruppe heraustreten, um dies zu erkennen und um hilfreich zu handeln. Leider ist es oft so, dass die Herausgetretenen eine neue Gruppe der Wahrheitsbesitzer bilden, die wartet, bis das nächste Erdbeben ihre Wahrheit zerstört und ihren Führungsanspruch annulliert.
Dafür gibt es keine Lösung. Immer wieder werden Teile der Menschheit auf einfache Wahrheiten hereinfallen. Aber es gibt immer weniger Kriege. Immer wieder werden Menschen glauben, dass andere an ihrer Armut schuld sind. Aber es gibt immer weniger Hunger. Das Mehr an Bildung, das es erfreulicherweise auch gibt, scheint manchmal in neuen Medien zu ertrinken. Aber so ist es nicht. Die neuen Medien, zu Luthers Zeiten das Flugblatt, heute zum Beispiel Facebook, verstärken nur etwas, das da sein muss. Sie sind Medium, nicht Botschaft. Schwer zu erkennen ist beispielsweise die Gleichzeitigkeit: die neuen Medien trafen gleichzeitig auf Menschen, die endlich in der Demokratie angekommen und ihrer überdrüssig waren. Die von Nietzsche behauptete Verwechslung von Aktiv und Passiv tritt um so deutlicher hervor, je mehr Möglichkeiten das Passiv hat. Es möchte wahrgenommen werden, zunächst als Individuum, als Mensch, dann als Frau, als Kind, als Wähler, als Schwarzer, als Homosexueller. Es geht nicht um die Befreiung zum Konsum, sondern um die Emanzipation zur Bildung, zur Chancengleichheit, zur Elite. Alle Elitetheorien sind gescheitert. Am lächerlichsten war es, eine bestimmte Hautfarbe oder Herkunft a priori zur Elite zu erklären, die Weißen, die Adligen, die Arbeiter. Das ist schwer zu erkennen, wenn man in einer dieser Gruppen feststeckt. Dazu braucht man einen Marques de Pombal oder Luther, darf aber nie vergessen, dass diese, außer dass sie Revolutionäre sind, auch vom Zeitgeist bestimmt sind und bleiben. Luther blieb Antisemit, Pombal ging über Leichen und erlaubte den soeben verbotenen Sklavenhandel nun für die aufstrebende Kolonie Brasilien.
Es machte wenig Sinn, wenn man in den Schulen das Fach Revolutionskunde einführte. Schon sinnvoller lehrbar erscheint aber der Gedanke der Innovation, den wir uns immer noch zu sehr technisch und ökonomisch vorstellen. Wir lernen in der Schule nicht nur die Kulturtechnik des Schreibens, sondern auch, Texte zu verfassen. Hunderte von Jahren wurde die Schrift selbst als Gegenstand des Lehrens und Lernens betrachtet. Texte, selbst die von Lehrern bestehen aber immer noch aus Textbausteinen und Analogien. Durch diese Einschränkung, so wird argumentiert, können auch beschränkte Schüler zu höherer Einsicht gelangen. Es ist eben viel mühseliger, für jeden Schüler, für jeden Menschen nicht nur einen Pfad zu finden, sondern seinen. Das Paradox ist, dass es, je mehr Menschen es gibt, auch desto mehr Wege geben müsste. Aber wir dürfen uns von Paradoxa und Rückschlägen nicht irritieren lassen.
Die Hassbotschaften in den Medien sind ärgerlich, aber auch vergänglich, aber auch ein Ausdruck des gewachsenen Selbstbewusstseins. Es wäre doch merkwürdig, wenn Selbstbewusstsein nur in Kombination mit Gutmenschentum auftreten würde. Statt dessen gelingt es immer wieder, beide durch das Schüren von Ängsten zu schwächen. Darin war Luther mit seinem leibhaftigen Teufel leider auch ein Meister.
Warten wir auf den Feiertag, an dem auf einem Lutherdenkmal oder in Pombal ein bedenkenswürdiges Graffito steht.
Die Allgemeingültigkeit dieses wunderbaren Satzes besteht darin, dass er nicht etwa nur passiv, sondern vor allem auch aktiv gilt. Man könnte leicht verstehen: ich hatte es schwer, alles, was ich noch brauche, ist Liebe und Verständnis, Zuwendung und Solidarität meiner Mitmenschen. Vielmehr ist es umgekehrt: da die Welt Liebe braucht, muss ich sie ihr geben. Liebe entsteht durch geben. Es ist nur da, was ich und meinesgleichen produzieren. Der Neid produziert nichts als Missstimmung und Zerstörung, und zwar nicht nur beim Beneideten, sondern vor allem auch beim Neider. Ein ganz ähnliches, fast arithmetisch zu nennendes Verhältnis zeigt uns, dass durch Rache das Leid zu- und nicht abnimmt, durch Neid die schlechte Laune befördert wird, nicht die Gerechtigkeit.
Überhaupt: der Markt mag ergebnisorientiert sein, das Leben ist erlebnisorientiert. Wenn man Liebe als Investition ansehen wollte, so darf man doch nicht erwarten, dass sie das gewünschte Ergebnis hat. Das wird schon dem Pubertierenden klar: seine Sehnsucht sucht sich einen Gegenstand, der für ihn unerreichbar bleibt. Die Lösung ist ein entstehendes Idol oder Ideal.
Die Botschaft des Satzes erreichte die Welt zu einem Zeitpunkt, als sie glaubte, alles mögliche zu brauchen. Die Massenkonsumgüterproduktion lief zwar schon mehr als sechzig Jahre, aber war immerhin und immer wieder von der massenhaften Produktion von Waffen und Rettungsgerät unterbrochen worden. Erst die großen Konjunkturen, in Deutschland als dem an sich gläubigsten Land Wirtschaftswunder genannt, brachten die Botschaft, dass und was man alles braucht, um glücklich zu sein. Diese Annahme, dass wir vom Pappbecher bis zur Atombombe (Jean Luc Goddard) alle diese überflüssigen Gegenstände benötigen, führte zu der umfassendsten Produktionskrise, die die Menschheit bisher erlebt hat, denn sie entstand auf dem Boden der größten Produktion und Verfügbarkeit von Dingen. Es wird nicht abwegig sein zu vermuten, dass auch die Überhandnahme von Geld, und damit sein vermeintlicher Mangel, zusammenhängt. Gleichzeitig schritt aber die Säkularisierung mit einer fast total zu nennenden Informierung und Kommunikation einher, so dass die bisher professionellen Wertebewahrer, also Religionen und Staaten einschließlich ihrer Bildungssysteme, ebenfalls in eine tiefe Krise gerieten, zumal sie sich innerlich nicht von ihrer bisherigen Monopolstellung befreien können. Keinesfalls sind die alten Werte wie Liebe, Solidarität oder Kooperation überholt. Dagegen ändern die Sekundärtugenden so schnell ihre Bestimmungen, wie sich die hinter ihnen liegende reale Welt wandelt. War eine zwar kohärente, aber auch starrsinnige Welt an Konditionierung, an Lohn und Strafe, gebunden, die auch in das Verhältnis zu Gott hineinprojiziert wurde, so konnte die darauffolgende Arbeitsgesellschaft als einzige und Höchststrafe die Arbeitslosigkeit anbieten. Diese hat im fast religiös anmutenden und funktionierenden Sozialstaat ihre Wirksamkeit verloren. Eine ganze Generation kann das Leben ohne Arbeit ausprobieren, ohne zu verhungern. Auch in den hungernden Regionen, die glücklicherweise schrumpfen, träumen viele Menschen nicht von Arbeit, sondern zum Beispiel von Fußball und Musik.
Liebe ist nur zu erlangen, als Konsum und als Instrument, durch Liebe. Das ist keine Tautologie, sondern ein Hinweis darauf, dass es keiner weiteren Bedingungen bedarf. Man muss nicht noch einem Verein zur Verbreitung der Liebe beitreten, damit die Liebe sich verbreite. Es reicht, wenn man sie verbreitet. Das ist natürlich immer auch institutionalisiert möglich, vor allem aber auch individuell. Gegen das Institut spricht dessen Abhängigkeit vom Zeitgeist, der Summe aller Interpretationen zu einem bestimmten Zeitpunkt. Wo Menschen zusammenkommen, streben sie nach Konsens, sie vergleichen ihre interpretativen Ausgangspunkte, und so entsteht eine neue Abteilung des Zeitgeistes. Das Wunder der Menschheit vollzieht sich im Verständnis. Zum Missverständnis bedarf es keiner Anstrengung. Jähzorn, Vorurteil, Neid, Missgunst, Wahrheit (also die Monopolisierung einer einzigen Interpretation), deren Folge dann oft der Hass ist (also ist Hass das organisierte Gefühl einer so genannten Wahrheit), das alles sind die gewöhnlichen Hinderungen der Liebe. Sie muss man im täglichen Leben einfach überwinden. Das ist alles sehr schwer. Viele von uns können sich nicht an den Gedanken gewöhnen, dass es keine ‚Wahrheit‘ gibt, also keine längerfristig gültige Interpretation. Vertrauen in die Welt entsteht, man will es nicht glauben, durch die Liebe unserer Eltern zu uns, nicht dadurch, dass jemand die Teilbarkeit der Teilchen voraussetzt oder nicht voraussetzt. Der Unterschied zwischen einem Gleichgewicht und einem stabilisierten Ungleichgewicht ist im Alltagsleben gleich null. Die Wissenschaft einschließlich der Evolutionstheorie, das ist inzwischen ein ebenso legendärer wie trivialer Vorwurf, hat sich einfach an die Stelle der alten ‚ewigen‘ Wahrheiten gesetzt und ein ganzes Jahrhundert ist ihr willig gefolgt. Man kann den Alltag bestehen, ohne an Gott zu glauben, ohne die Relativitätstheorie zu kennen oder auch ohne Shakespeare. Wieviel Shakespeare, Relativitätstheorie und Gott allerdings in den vorhandenen Interpretationen und Dingen steckt, das wiederum vermag niemand zu bestimmen. Wer Shakespeare nicht kennt, wird ihn auch nicht entdecken können. Das ist das einfache Paradoxon der Bildung, nicht des Lebens.
Wenn man nun alle Lebenserleichterungen, vom Eisenerzabbau (physisch) über die Espressomaschine (psychosomatisch) bis hin zur Psychotherapie (psychisch), auf den berühmten Nenner (eine der wunderbarsten mathematischen Metaphern) zu bringen versucht, so kommt entweder Gier heraus oder Liebe. Die Gier ist ein Erzeugnis der Sattheit und des daraus sich ergebenden Überdrusses, weshalb Völlerei schon zu den antiken sieben Todsünden zählt. In der Sattheit zu erkennen, was einem fehlt, ist auch schon seit der Antike diskutiert worden. Wir suchen einen Sinn unseres Lebens. Die einen sagen, der Sinn des Lebens ist nichts als das Leben selbst. Die Existenz kann nicht über sich hinausdenken, wohl aber über sich hinaus handeln. Den Folgen meines Handelns folgen meine Nachfolger. Die anderen sagen, der Sinn des Lebens besteht in einem Leben nach dem Leben, in einer fortdauernden Existenz, die bilderbuchhaft vorgestellt werden kann. Beides ist hilfreich. Hilfreicher ist es aber, zu einem Pool der Liebe beizutragen. Hilfreicher ist es, wie Kinder immer wieder zu einer Unvoreingenommenheit zu gelangen. Es spricht nichts dagegen, sich dabei von denjenigen helfen zu lassen, die das auch schon so gesehen haben, die großen Religionsstifter, die großen Künstler und die großen Sätzeschreiber. Aber es ist andererseits nicht nötig, immer nach dem Großen und Alten zu sehen. In deiner Nachbarschaft, bei den so genannten schlichten Menschen entsteht genau so viel Menschlichkeit durch Liebe wie Liebe durch Menschlichkeit, wie in den großen Religionen, Philosophien und Kunstwerken. Sie alle sind Liebeswerke.