STAATSGLAUBE UND ICHMISSTRAUEN

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Je länger man zuhört, desto mehr vertieft sich die Annahme, dass der so erschreckend oft vorgebrachte Staatsglaube in Wirklichkeit eine Staatshoffnung ist, überhaupt eine Hoffnung. Und selbst die Verschwörungstheorien, die ein eher negatives Weltbild offenbaren, könnten doch auch von der möglichen Rettung der soeben untergehenden Welt zeugen: wenn Bill Gates und Angela Merkel in der Lage sind, sich die Welt anzueignen und zu zerstören, dann könnten doch auch wir alle, das Volk und die Völker, vorausgesetzt wir wachen rechtzeitig auf, dieselbe Welt in letzter Minute retten. Und diese Hoffnung, so die dritte These, könnte sie nicht ein Misstrauen an sich selbst sein? Ich traue mir nicht über den Weg, für den ich Verantwortung habe? Mir wäre es lieber, ein anderer machte all die Fehler und hätte all die Verantwortung, mit der ich überfordert bin.

Ich hörte heute einem Gespräch zu, in dem es um einen verhaltensgestörten Schüler ging. Die Lehrerin, die einen schriftlichen Tadel begründete, sagte dann als Quintessenz all ihrer Gedanken: sie verstehe diesen Staat nicht, dass er nicht präventiv das störende Verhalten solcher Menschen erkennen und verhindern könne. Das sei, sagte sie, wie bei den Terroristen, bei denen sich jedes(!)mal herausstelle, dass sie schon polizeibekannt gewesen seien.

Das Ideal vieler Menschen ist also nicht die Freiheit, aber sie bemerken nicht, dass der Ordnungsstaat nicht weniger chaotisch ist als die demokratische Verwaltung, deren Projektion die Freiheit ist. In jeder Diktatur gibt es Korruption, weil Loyalität vor Kompetenz kommt und Gnade vor Recht. Jede Hierarchie muss scheitern, weil sich oben auf unten und unten auf oben verlässt. Demokratie dagegen heißt Vernetzung und Verzahnung, gegenseitige Achtung und Würdigung, das ist die Anerkennung der Würde, die jedem Menschen als Hauptattribut zukommt.

Sobald man aber anstelle der Würde die Ehe, die Kirche oder den Staat setzt, muss die vermeintliche Ordnung mit blanker Willkür aufrechterhalten werden. In dieser Sicht wird klar, dass der perfekte Polizeistaat die komplette Unordnung ist, weil niemand mehr bemerken will, dass die Paragraphen nur als Interpretationen gültig sind. Dagegen ist die Demokratie, so chaotisch, widerspruchsvoll und ungelenkt sie uns erscheinen mag, die Näherung an die höhere Ordnung. Es muss nur noch jemand die große RESET-Taste drücken.  

6 Gedanken zu “STAATSGLAUBE UND ICHMISSTRAUEN

  1. Ich muss ehrlich sagen: Ich glaube nicht an das Vorhandensein einer solchen „RESET-Taste“, egal, wer was mit ihrem Drücken bewirken will. In welchen Ausgangszustand soll da welches System zurückversetzt werden? – Was mich indessen wundert, ist dass der Begriff der Staatsraison – ob man ihn positiv oder negativ benutzt – in keiner der Diskussionen der jüngsten Vergangenheit auftaucht. In jedem Fall ist es ein sehr klar definierter Begriff und deshalb geeignet, das Problem mit größtmöglicher Objektivität zu beleuchten. – Wohin ich auch schaue, überall hat der Bauch das Sagen.

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      • Ich denke, ich weiß was Du meinst. Nur bringt uns Ironie auch nirgendwohin. Sie erleichtert für einen Moment. Aber es ist, als würde man den Geschmack von Fäulnis mit Essig zu überdecken suchen. Und auch das ist eine schlechte Metapher, denn die Hütte verfault nicht, sondern sie brennt. Und ich bin es wirklich leid, darüber zu diskutieren, ob man denn wirklich die Feuerwehr braucht, und ob nicht ein Eimer Wasser genügen würde.

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  2. Hm. Nach meiner Auffassung von Demokratie wäre ich nicht auf die Idee gekommen, die Ehe mit Kirche und Staat gleichzeitig anstelle der Würde zu setzen. Oder überhaupt eines der drei. Weil keines ohne die Würde funktioniert, wenngleich Würde in vielerlei Hinsicht unterschiedlich betrachtet bzw. ausgelegt zu werden scheint, was es ja gerade so schwierig macht, ihr den nötigen Platz einzuräumen. Selbst extrem bemühte Demokraten scheitern mit kläglichen Versuchen, die jeweilige Würde zu würdigen. Und in den kleinsten Formationen des Zusammenlebens merken wir bereits, dass die eigene Würde eventuell der Würde des anderen untergeordnet werden muss, aus zwingenden Gründen, die gar nichts mit Macht oder Hierarchie oder Gesellschaftsnormen zu tun haben müssen. Sobald du jemandem Grenzen aufzeigst, fühlt er sich in seiner Würde beschnitten, weil er nach seiner Empfindung gerade nicht über sich selbst bestimmen darf. Selbst wenn alle Regeln gemeinsam verfasst und fixiert wurden, treten würdelose Zustände auf, die man nicht unter Kontrolle bringt, wenn man die Würde jedes Einzelnen als gleichwertig achtet. Ich glaube, dass dieses Wissen es fast unmöglich macht, einen Staat zum Wohle aller zu leiten. Und Demokratie mag zwar die beste aller bekannten Regierungsformen sein, aber sie bedingt hohes Verantwortungsgefühl von allen Beteiligten, auch von jenen, die mit Verantwortung oder Pflicht wenig anfangen können, weil ihnen davor graut und sie beides weder aktiv noch passiv ertragen können. Das merkt man schon daran, wie nahezu jede politische Person, mag sie auch noch so ehrenhaft denken, fühlen und sprechen, von irgendeiner Seite zumindest verbal wüst attackiert wird, was dann auch noch als demokratisch dargestellt wird, weil Demokratie angeblich Kritik, Widerspruch und Reibung verlangt, um nicht ins Despotische abzugleiten. Selbst wenn sie wollten, dürfen sie nicht zustimmen, die Oppositionsparteien, sie verlören sonst ihre Würde. Und so weiter. Und eigentlich befürchte ich, dass keinerlei Staatsform uns vor Korruption schützen kann, solange Menschen existieren, die ihre ganz eigenen Machtstrukturen gerne inmitten von Demokratien ausleben und deren Gesetzgebung belächeln und ausnutzen, weil es in Demokratien eben immer auch die Auslegungsfrage gibt, bis irgendein Höchstgericht nach Jahren dann vielleicht doch mal ein endgültiges Urteil fällt. Derweil haben wieder ein paar Leute mehr den Glauben an einen funktionierenden Rechtsstaat in „ihrer“ Demokratie verloren, weil aus diversen Gründen – die allesamt rechtens sein sollen, je nachdem für wen – Freiheit, Würde und Recht mit Füßen getreten wurden. Es gibt keine Ordnung, nicht mal im Recht. Regeln, ja, aber sie zu umgehen wird erlaubt, auch wieder je nachdem. Spätestens jetzt, in dieser weltweiten Pandemiezeit, müssen wir erfahren, wie schwierig, ja fast unmöglich es ist, sogar multipel durchdachte Sicherheitsgefüge hinzubekommen, ohne die Würde Einzelner hintanzusetzen und demokratische Freiheiten zu beschneiden, geschweige denn möglichst alle Menschen wenigstens im phasenweisen Kampf gegen Ansteckung für ein paar Wochen hinsichtlich Durchhalten zu vereinen. Trotzdem bleibe ich positiv und hoffnungsvoll, denn wichtige Dinge haben schon immer ihre Zeit gebraucht. Weihnachten zum Beispiel 😉 . Alles Liebe!

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    • vielen dank für deinen ausführlichen kommentar, der ein intensives interesse voraussetzte. ich meine ehe nicht im heutigen sinn als infinite liebe, sondern die ehe als institution, wie die zwangsehe oder die vorstellung antiker greise im vatikan, dass wiederverheiratet geschiedene dies oder jenes nicht dürften. die würde dagegen ist das ergebnis der aufklärung. wo früher die regel galt, der platz in der hierarchie, die ehre ausgewählter menschen, gilt heute jeder mensch gleich. wir haben die emanzipation der frau erlebt, gleich darauf – aber weit weniger spektakulär – die des kindes, jetzt der afrikaner und der verschiedenen genderidentitäten – wütend bekämpft von den ewiggestrigen. hätte ich ’nation‘ geschrieben, so wäre leichter klar gewesen, wie schnell ein phantom – die nation eben – den menschen die würde rauben kann. wer das nicht glaubt, sollte einmal nach verdun fahren. aber es ging ja um die frage, warum so viele menschen an den staat glauben: ich glaube, weil sie hoffen, dass es irgendjemand richten kann und muss. und so wie heute fast jeder und jedem in unseren gegenden klar ist, dass man keine ehe zum lieben braucht, so wird später jedem und jeder klar sein, dass man keinen staat braucht, um ordnung zu halten, sondern eben die würde und deren achtung oder wie es im gg so schön heißt: deren unantastbarkeit. heute morgen erinnerte ein sehr guter pfarrer im radio (ndr-kultur) daran, wie in der spanischen stadt zamora, als sie von der spanischen grippe erreicht wurde, tausende menschen die reliquien des heiligen rochus küssten und starben statt bewahrt blieben: der glaube an definite institutionen und rituale tötete sie. ihre würde dagegen hätten sie mit einem atemschutz bewahren können. bleib gesund und mir gewogen. beste grüße rochus

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