APOKALYPSE IN PASEWALK

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Die Welt ist nicht voller Teufel, die noch Luther an  die Wand malte, sondern voller Dystopien. Man kann vermuten, dass sie Hochkonjunktur haben, weil so viele Menschen nicht nur an Adipositas und Bluthochdruck, sondern auch einfach an Überdruss leiden. Die Inflation an Menschen, Geld, Dingen und Informationen hat zu dem falschen Schluss geführt, dass es gar keine Botschaften mehr gibt, sondern nur noch Medien. Dieser legendäre, aber keineswegs zutreffende Satz stammt von Marshall McLuhan, der wenig spektakuläre Roman über die ausgefallene Apokalypse in Pasewalk dagegen rührt aus dem Laptop von Daniel Marschall[1], das höchstwahrscheinlich mit einem automatischen Storyteller versehen ist. Die Hälfte des apokalyptischen Potentials von Pasewalk, die Verwandlung des Gefreiten Hitler in den ersten Trommler Deutschlands, wurde wenigstens erwähnt, ohne jedoch Bezug zum Geschehen zu erhalten. Die andere Hälfte, der Einsturz der Sankt Marienkirche am 3. Dezember 1984 dagegen wird ignoriert. Es gibt also im Plot des Romans keinen erkennbaren Grund, warum das Ende des aztekischen Kalenders ausgerechnet in Pasewalk ausgesetzt und gerade deshalb dort gefeiert werden soll. Die Schlusspointe, dass die ganze Apokalypse dann als Volksfest in den auf Anordnung des Bürgermeisters errichteten Bratwurstbuden stattfindet, lässt das Buch wenigstens als Farce oder Groteske konsequent erscheinen. Die beiden Hauptfiguren, der von seinem Alkoholismus verfolgte einstige Starreporter Konrad Fall und sein Gegenspieler, der Volontär Andrej Fischer, sind ziemlich schematisch in einen strikten Generationskonflikt verstrickt, der zum Teil über die Technik abgewickelt wird. Das ist reichlich langweilig. Viele Menschen haben Angst vor der Künstlichen Intelligenz, von der sie längst umgeben sind. Es ist müßig, auf die einstige Angst vor der Eisenbahn zu verweisen, da die Informationstechnik tatsächlich näher am Menschen ist, als es damals die Eisenbahn war. Andererseits vollzieht sich der technische Fortschritt auch ohne die ausdrückliche Zustimmung jedes einzelnen Menschen. Jedoch ist dieser technische Fortschritt auch wieder nicht zwangsläufig, sondern kann bei Bedarf auch zurückgenommen werden, wie die Atombombe und die Plastiktüte anschaulich beweisen.

Dass Nachrichten, Kommentare und Interviews über Ereignisse produziert werden, die nicht stattgefunden haben, befürchten viele Menschen und diese werden durch die ausbleibende, aber medial durchaus existierende Apokalypse bestätigt. Wie aber jede Kapitalismuskritik, so blendet auch diese als Medienkritik getarnte den Konsumenten aus. Das Streben nach Maximalprofit, hier durch maximierte News erzeugt, hat auch die Kehrseite der – wenn auch verführten, so doch – mitspielenden Konsumenten. Das Fleisch wird immer billiger und immer schlechter, weil es gekauft wird, nicht nur weil der Produzent nach Maximalprofit giert. Der Konsument giert genauso wie nach Billigfleisch auch nach extraordinärer Nachricht. Man kann es gut in der jetzigen Krise beobachten. Sie wäre weitaus leichter zu überstehen, wenn wir nicht viertelstündlich an sie erinnert würden. Das ist aber nicht nur den Journalisten, ob nun mit Textbausteinen oder nicht, sondern vor allem  auch jenen  Nervenkitzel suchenden Zuhörern, Zuschauern und Kommentatoren geschuldet. Wir erleben eine Revolution des Kommentars, zu dem sich jeder berufen fühlt. Wir erleben eine Inflation der Meinung, zu der die Demokratie ermutigt hat und vor der sie jetzt zurückschreckt. Diese persiflierenden Passagen des Romans sind durchaus belustigend und damit unterhaltend. Es gibt sogar auch berührende Momente, etwa die erotische Annäherung des armen Konrad Fall an die mollige und Abenteuern zugewandte Gattin des Bestattungsunternehmers, der einst beinahe Skisprungweltmeister geworden wäre. Auch die erneute Annäherung an die beiden Krankenschwesternazubis in der Kneipe, die übrigens ein Atavismus ist, solche Kneipen gibt es gar nicht mehr, hat kurz einen durchaus verständlichen und liebenswerten Impuls, der aber dann sofort wieder in die groteske Schieflage kippt. Der polnische Philosophiestudent, dessen Deutsch aus Kochbüchern gespeist ist, hätte den Karrieresprung zur wirklichen und bleibenden Romanfigur geschafft, wenn nicht auch er in die Farce umgeleitet worden wäre. Es ist ein Roman aus lauter Kasperlefiguren.

Auch das Potenzial der nach Pasewalk importierten Ernst-Thälmann-Siedlung aus Viereck ist leider etwas verschleudert worden.

Über diese Siedlung, die nach dem Arbeiterführer benannt wurde, der niemals gefallen sein soll, gibt es schon ein merkwürdiges kleines Büchlein aus dem Mitteldeutschen Verlag[2], das zwar nur die jetzt abgerissene Schule beschreibt, aber die gleichnamige Siedlung meint. Das Gespenstische dieses verlassenen Ortes wird in lyrisch-lapidaren Texten geradezu besungen. Die Fotos betonen das Dokumentarisch-Unwirkliche. Unserem Roman dagegen hilft noch nicht einmal die nicht ausgedachte Kunstaktion in den leeren Wohnblocks. Sie war ein tatsächlicher Versuch der Belebung des Verblichenen.

In diesem Büchlein wird in dem längsten Text geschildert, wie es einer ganzen Schulklasse aus dieser Militärsiedlung in Wochen nicht gelingt, gleichzeitig zu marschieren und zu singen. Wir müssen nicht im Gleichschritt und Gleichklang mit all unseren Raum- und Zeitgenossen sein. Wir müssen nicht ununterbrochen Billigfleisch von gequälten Tieren in uns hineinfressen. Wir müssen nicht Tag und Nacht Nachrichten über nicht stattfindende Ereignisse schlürfen. Jedes Endgerät hat eine Powertaste. Wenn man ihm die Power entzieht, schweigt es. Man muss auch nicht zu all und jedem seinen Kommentar abgeben. Man muss sich auch nicht über jeden Kommentar empören. Überhaupt ist empören leichter als verstehen oder verzeihen.

Von all dem  steht in dem Roman, in dieser teils albernen, teils düsteren Dystopie nichts. Er ist in das Jahr 2023 vorverlegt, bleibt aber der Vergangenheit (Kneipe!) weit mehr verhaftet als der zum Glück nicht voraussehbaren Zukunft.

Meine Schlusspointe ist genauso traurig: in Pasewalk, dieser durch und durch – bis auf die zwei Ausnahmen – unapokalyptischen Stadt, gibt des den Roman, auf dessen Titel sich Verlag und Autor wohl nicht einigen konnten, nicht zu kaufen. Das ist eigentlich schade, denn sein Lokalkolorit ist besser als sein schabloneus-unglückliches Personal.


[1] Daniel Marschall, TONIATIUH ODER APOKALYPSE IN PASEWALK, Periplaneta Berlin, 2019

[2] Katrin Heyer, ERNST-THÄLMANN-SCHULE. Eine deutsche  Erinnerung, Mitteldeutscher Verlag Halle, 2006

danielmarschall.de

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