TRAKTAT ÜBER DIE WÜRDE

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Müsste man eine Streitfrage entscheiden, die danach fragt, was einer Kultur oder einem Land wichtiger zu bewahren sei, ein Menschenleben oder ein einmaliges gotisches Gesamtkunstwerk, so sähe man sich vor einem Berg von Schwierigkeiten.

Im Reich der Zwecke, so schrieb einst Kant in Königsberg, habe alles entweder einen Preis oder eine Würde. Im Reich der Zwecke, jedoch im Reich der Transzendenz mag es anders sein. Dass die riesige und überschöne Kirche Notre Dame de Paris einen Preis hat, daran zweifelt niemand, aber dass das letzte Opfer eines Terroranschlags eine Würde hat, das Opfer, das zwar unbescholten, aber auch unberufen war, und dass selbst des Täters Würde beachtet werden muss, das ist schwer zu verstehen. Vielmehr scheint es vielen Menschen so, als dass die Würde des Opfers erst mit seinem Tod eingetreten sei, während der Täter, sollte er vorher eine Würde besessen haben, sie selbst auf dem Altar seiner nichtswürdigen Ideologie geopfert hat.

Diejenigen Menschen, die an den Staat (so wie früher an Gott oder besser an dessen Rituale) glauben,  sehen beispielsweise die Ehe oder eben den Staat oder eben die Religion als den Maßstab des gesellschaftlichen Lebens an. Mit der Ehe ist hier natürlich nicht die unendliche Menge an Liebe gemeint, die zwei Menschen auf kurze oder lange Zeit verbinden kann, sondern die Kette der Regularien, wie sie etwa bei der verordneten oder Zwangsehe im Islam auftreten oder bei den Versuchen der katholischen Kirche, die alte Macht über die Individuen weiter auszuüben. So ist es nach den Vorstellungen vatikanischer Greise und anachronistischer Kirchenfürsten der Gegenwart nicht erlaubt, dass wiederverheiratete Geschiedene am Abendmahl teilnehmen können. Natürlich kann man eine Eisenbahn dadurch erhalten, dass man sie nicht fahren lässt. Nur dann hat sie auch keinen Sinn mehr. Blind kann der exzessive Fortschrittsglaube genauso sein wie das Festklammer an der alten Gewohnheit. Mit diesem Irrsinn, diesen Irrlehren und diesem Aberglauben kann man gut erklären, wie der Mensch ohne Würde, also nur durch das Einhalten von Regeln definiert wird, und das in einer Religion, die immer wieder behauptet, aus bloßer Liebe zu bestehen. In starren Regelwerken wird der Mensch ebenso zur Handelsware wie in der Sklaverei.

Die Würde des Menschen ist ohne Voraussetzung. Man muss nicht beschnitten, getauft, gepierct, gebrandmarkt oder anders bezeichnet sein, nicht von Geburt zu irgendeiner Gruppe oder in einer Gruppe zu irgendeinem Rang gehören, nein, jedes Menschenkind, das geboren wird, hat von Anbeginn diese Schutzhülle der Würde um sich.

Ein Bauwerk wird zerstört und kann wieder aufgebaut werden. Es zeigt sich, dass seine Einmaligkeit doch wiederholbar ist, was die Seltenheit seiner Erscheinung, die Schönheit, die Erhabenheit, die in die Transzendenz weisende und berückende Großartigkeit in keiner Weise stört oder gar zerstört. Nur uns erscheint die Frauenkirche in Dresden unnatürlich, disneyhaft, synthetisch, epigonal. In hundert Jahren wird sie wieder ein ganz normales, wunderschönes barockes Bauwerk sein.  Mit der Dresdener Frauenkirche und der Kathedrale von Coventry, zwei zerstörten Kultursymbolen äußerst hohen Ranges, sind nicht nur zwei Kultursymbole äußerst hohen Ranges wiedererstanden, sondern zwei Symbole der Versöhnung, der Vergebung und – es gibt dafür leider kein Wort – des Gegenteils von Rache. Somit liegt im Wiederaufbau, der vielen  als blasphemisch erscheint, ein moralischer Zugewinn.

Südafrikaner protestiert gegen der Versklavung unserer Brüder und Schwestern in Libyen, 2020

Dagegen ist die Zerstörung auch nur eines Menschenlebens ein irreversibler und barbarischer Akt. Zwar könnte man argumentieren, dass so viele Menschen keinen Lebenssinn gefunden haben, dass, je mehr Menschen es gibt, jeder einzelne desto weniger wert sei und schließlich dass unsere Vorfahren, denen ein Kind starb – und es starben sehr viele Kinder – es flugs, manchmal sogar mit dem gleichen Namen versehen, ersetzten. Auch wurden schon viele Menschen verkauft. So viele, dass die Kulturgeschichte Narrative fand, um dem Einhalt zu gebieten:  die Josephsgeschichte aus dem Alten Testament, die Geschichte von dem Geschwisterpaar, das sich über lange Jahre der Sklaverei die Treue hielt. Die Sklaverei, und damit das Äquivalent von Mensch und Geld, gehörte lange Zeit zu den geduldeten Untugenden. Allerdings wurden sie von den Sklaven selbst ohnehin nicht geduldet. Davon zeugt der ungeheuer – wenn auch nicht letztendlich – erfolgreiche Aufstand des Spartacus (73-71 vor Christus) und der Aufstand der Zandsch, der afrikanischen Sklaven in Mesopotamien, unter Ali bin Mohammed, auch er ein Philosoph, 869-883, sowie die Tatsache, dass es im transatlantischen Sklavenhandel Aufstände in jedem vierten Schiff gab.

Die sozusagen erste Stufe der Entwürdigung ist die Degradierung des freien Menschen zur Handelsware, die zweite Stufe seine Einkerkerung. Jedoch zeigt sich an der Einkerkerung, dass die Würde des Menschen, innere Stärke vorausgesetzt, nicht zu brechen ist. Der italienische Philosoph Tommaso Campanella, ein Freund Galileo Galileis, war 27 Jahre im Kerker und schrieb dort seine freundliche Utopie DER SONNENSTAAT. Nelson Mandela war 28 Jahre lang auf einer Gefängnisinsel und wurde anschließend der erste frei gewählte Präsident Südafrikas.

Die in allen Kulturen, Philosophien und Religionen verbotene Tötung von Menschen ist nicht nur die dritte Stufe der versuchten, aber immer scheiternden Entwürdigung. Der Fluch der widermoralischen, unmenschlichen Tötung bleibt als Kainsmal am Täter hängen. Während in der griechischen Überlieferung der Inzest und die Knabenschändung, der Fluch des Ödipus, als Grund für Verdammung galten, ist es in der jüdischen Großerzählung der Brudermord aus letztlich segregationistischen Gründen. Wenn also heute ein Bauer, weil er sich vor dem Vorwurf der Naturschändung durch Überdüngung, Einsatz von Pestiziden und Massentierhaltung schützen zu müssen glaubt, sich per Plakat zum wichtigsten Beruf proklamiert, dann kann er sich in dieser antiken segregationistischen Tradition wissen. Überhaupt neigt unsere Zeit zur Wiederaufnahme antiker Denkmuster.

In der Neuzeit kam eine völlig neue Dimension des Menschen auf, das Individuum. Es wurde von einer Vielzahl philosophischer und religiöser Thesen und Theoremen bis in die Gegenwart begleitet, zumal es weiterhin – auch bis in die Gegenwart – die antike Teilung der Menschen in gute und böse gab. So ist der Genozid in Ruanda 1994 nicht etwa auf einem ethnischen Unterschied begründet gewesen, sondern auf einer sozialen Unterscheidung der ehemaligen belgischen Kolonialmacht, welche nach der Zahl der Rinder im Besitz einer Familie die Zugehörigkeit zu den Tutsi (mehr als zehn Rinder), Hutu (weniger als zehn Rinder) oder Twa (keine Rinder) definierte. Im Genozid entlud sich, was keine Entschuldigung sein soll, der durch den Kolonialismus aufgestaute Rassismus und zeigte zugleich seine Hohlheit. Es gibt keine Rassen. Und alle projizierten Unterschiede zwischen ‚Rassen‘ und Kulturen lassen sich auf die Diversität der Sprachen zurückführen. Die Differenz etwa zwischen kopftuchtragenden und nichtkopftuchtragenden Menschen, die im gegenwärtigen Europa so heftig diskutiert wird, wie man es sich nur in voraufgeklärten Gesellschaften vorstellen mag,  ist minimal. An den 1945 eingewanderten Ungarndeutschen, Donauschwaben, Wolgadeutschen, Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben kann man gut zeigen, dass diese Differenz keinen kulturellen Gegensatz begründet. Statt dessen wurden die eingewanderten Deutschen als ‚Zigeuner aus Ungarn‘ bezeichnet, was wiederum zeigt, dass das Wort ‚Zigeuner‘ eben keine Ethnie benennt, sondern ein Pejorativ war und ist. Es kann uns egal sein, wie Schokoküsse und Letschoschnitzel früher hießen. Es war diskriminierend, was nichts anderes heißt, als böswillig unterscheidend.

Nun wird klar, dass die Individualität des neuen Menschen, nur geschützt durch seine Würde, die ihn wie eine unzerstörbare Eihaut umgibt, einer neuen Form der Liebe bedurfte, die kein äußeres Reglement benötigte, einen Staat, dessen Souverän er nur selber sein kann und muss und einer Religion, die sich selbst aus der Institution löst und auf den ursprünglichen Impuls zurückzugehen imstande ist. Dieser ursprüngliche Impuls ist die Umkehrung des Kainsmals: dass jeder seines Bruders Hüter sein soll. Aggressiven Feministen und Feministinnen seien erinnert, dass ohne die Emanzipation der sich als Brüder sehenden Menschen die Emanzipation der Schwestern gar nicht möglich gewesen wäre. Wir verteidigen damit nur und ausnahmsweise den historischen Ausdruck als einer Stufe der menschlichen Entwicklung. Die Emanzipation der Frauen, der Kinder, der Afrikaner und der Minderheiten ist die Voraussetzung für die Entwicklung des Individuums. Übrig bleibt der reinweiße, reinmaskuline, alte Mann, der seine Würde in eine gruppenbezogene Ehre zu tauschen versucht und sich demzufolge über seine Ehe, seine angebliche Kultur, seine Nation und neuerdings immer häufiger über seinen Staat definiert. Der perverseste und noch dazu tautologische Kult hatte sich Meine Ehre heißt Treue zur Losung gemacht, die Würde erstens durch eine partielle Ehre ersetzt und dann auch noch diese einfach an das Aushalten gekoppelt. Es ist schwer, zu einer in allen Punkten infiniten Menge zu gehören, es ist leicht, sich als Mitglied einer definiten Gruppe zu interpretieren.

Woran wir also seit zweihundert Jahren, geleitet von Rousseau, Kant und Kollegen, arbeiten, ist eine repräsentative Legislative, eine weitgehend auf ihre bürokratische Funktion zurückgenommene Exekutive und eine  Judikative, die weiß, dass sie nicht richten [WER OHNE SÜNDE IST, WERFE DEN ERSTEN STEIN. Johannes 8,7], sondern resozialisieren soll.

Es war Anselm von Feuerbachs Entdeckung, dass auch der Täter die Eihaut der Würde als erstes Attribut des Menschseins hat. Es gibt nur wenige Verbrechen und Verbrecher, die daran Zweifel wecken. Umso erstaunlicher ist es, dass immer wieder Menschen in den antiken Rachemodus verfallen und höhere Strafen, die Todesstrafe gar, verlangen. In Europa zeigt sich, dass die seit Feuerbach eingeleitete Justiz- und Strafreform zu einem Rückgang der Kriminalität führt, der allerdings durch steigenden Wohlstand und wachsende Demokratie assistiert wird. Insofern ist es geradezu kontraproduktiv, wenn selbst erstzunehmende Politiker immer wieder nach der ‚Härte des Rechtsstaates‘ rufen, obwohl sie wissen müssten, dass der Rechtsstaat eben nicht hart ist, sondern gerecht zu sein versucht, indem er auch dem übelsten Täter ein Recht einräumt, das dessen Würde, soweit sie sich nicht selber schützen kann, schützt.

Natürlich sind Menschen, die aus einem anderen Rechtsraum einwandern, ein Problem. Aber es ist doch unbestreitbar, dass die Resozialisierung kein Zweiklassenrecht ist. Schon wiederholt brachte ich das Beispiel des fünfzehnjährigen somalischen Piraten, der vor einem deutschen Gericht zum ersten Mal bemerkte, dass er ein Mensch unter Menschen ist, ein Bruder, der seine Hüter fand, nachdem er zunächst geglaubt hatte, dass es um seine Hinrichtung geht. Der weißhaarige Richter, dessen Worte von zwei vereidigten Dolmetschern übersetzt wurden, bemühte sich in einem mehrere Millionen Euro teuren Prozess um Verständnis und verurteilte den Piraten zu einer Berufsausbildung als einziger Möglichkeit, dem Verbrechen und der Entwürdigung für immer zu entgehen. Unter Rechtsstaat verstehen wir die Maximierung der Gerechtigkeit durch Einklagbarkeit von eigentlich allem durch alle, nicht die Verschärfung der Strafen durch bloße Forderung. Auch die Unabhängigkeit der Richter wird immer wieder durch unsinnige Forderungen an einen anonymen Staat infrage gestellt. Die oberste Instanz bei der Ahndung ist der Richter, und weil irren menschlich ist, kann man sein Urteil mehrfach revidieren lassen. Ein Richter ist kein Henker und ein Henker ist kein Richter. Rache ist ein menschlicher Impuls mit einer unmenschlichen Wirkung, deshalb ist hier – mehr als anderswo – Triebverzicht vonnöten: Was uns zur Rache treibt, sollte vertrieben werden.

Im Unterschied zur vogelgenetischen Eihaut ist die Würde des Menschen zwar auch ein Geschenk der Natur, aber sie muss durch spezielle Methoden bewahrt werden. Und es gibt nur einen Weg, sie zu erhalten: Wir müssen die Würde derjenigen Menschen schützen, sie von Antastungen freihalten, die uns im Laufe des Lebens begegnen oder uns sogar berühren. Die Differenz zwischen Berühren und Antasten ist die Liebe. Nur die Liebe, aber natürlich nicht nur die erotische, auch die caritative und die allgemeine Menschenliebe, erlaubt uns, einen anderen Menschen zu berühren. Die Unantastbarkeit der Würde entsteht nicht dadurch, dass man sie sich sozusagen nimmt, sondern nur dadurch dass man sie anderen gibt, dass man andere zu schützen sucht. Das Geheimnis der Würde ist die Solidarität, die man auch Nächsten- oder Menschenliebe nennen kann. Es gilt kein Warten auf religiöse Gemeinschaften oder auf den inzwischen für omnipotent gehaltenen Staat, es gilt nur unsere mitmenschliche Zuwendung. Sie kann, aber sie muss nicht institutionalisiert sein. Ein Lächeln zählt oft mehr als ein Geldschein. Wenn man immer nur die Bosheit betrachtet, erscheint das Gute marginal, aber in Deutschland werden jährlich rund fünf Milliarden Euro gespendet, die Summe stieg bis zum ‚WIR-SCHAFFEN-DAS‘-JAHR 2015 kontinuierlich an und ist seitdem leicht rückläufig. Manchmal braucht es eben etwas mehr als ein Lächeln. In den letzten zweihundert Jahren vollzog sich schrittweise die Ablösung des vermeintlichen Rechts des Stärkeren durch die unantastbare Würde. Um eine Hierarchie,  auch die des vermeintlich Stärkeren, aufrecht zu erhalten, muss die Individualität, jenes hohe Gut der Aufklärung, geopfert werden.

Die Demokratie lädt uns in den Diskurs ein, aber manchmal hilft nicht das schon von Friedrich II. belächelte Räsonieren, sondern nur die Tat. Es fragt sich eben, ob am Anfang das Wort war oder die Tat. Auf jeden Fall brauchen wir Kraft.  

Dagegen benötigt die Entwürdigung kein Geheimnis. Sie braucht ein Opiat oder eine äußerst fragwürdige Biografie, um das eigene Gewissen, das die Umkehrung der Würde, ihr Wächter ist, ausschalten zu können. Der amerikanische Schriftsteller Jonathan Littell hat in seinem 1400-Seiten-Roman DIE WOHLGESINNTEN den Versuch unternommen, die Psyche und das Gewissen der gewissenlosesten Täter der Neuzeit in einem voluminösen Roman zu analysieren. Es wäre demzufolge endlich an der Zeit, die Sprache der Täter und damit ihren speziellen Umgang mit ihrem Gewissen zu bannen. Die Täter haben schon in den Planungen (Wannseekonferenz) das Wort der ‚Judenvernichtung‘ aufgebracht, weil das Verstecken hinter industriellen und strukturalistischen Begriffen ermöglicht, darüber hinwegzusehen, dass in den Konzentrationslagern Menschen ermordet wurden, Individuen trafen auf Individuen, von denen die eine Gruppe ihr Gewissen betäubte, die andere bis zum letzten Atemzug an ihrer Würde festhielt. Und darüber hinaus: jeder Stolperstein, jede Erwähnung in Yad Vashem und Dutzenden Museen zeigt: man kann Menschen nicht ‚vernichten‘. Sie bleiben – als die Lebenden und die Toten – unsere Mitmenschen, unsere Vorfahren, unsere Schwestern und Brüder. Aber auch die Mörderseite kann man nicht heimlich verlassen. Zwar gibt es Generationen später keine juristische Schuld mehr, jedoch die Mahnung, aufmerksam zu bleiben. Es ist, so Littells Schluss, offensichtlich möglich, das Gewissen auszuschalten, aber nur für eine winzige Minderheit von Menschen. Schon leichter ist es, wegzusehen, sich in den Gleichgültigkeitsmodus fallen zu lassen. Wir haben nichts aus diesem Genozid gelernt, denn eine andere Ethnie, die Sinti und Roma, sind uns weiter so gleichgültig wie vor sechshundert Jahren.

Die Würde des Menschen ist unantastbar, aber nur, wenn wir sie nicht antasten.

Allerdings steht der Würde und ihrer prinzipiellen Unantastbarkeit unser Konsum entgegen. Der Hunger wurde bekämpft und besiegt, aber der Wohlstand schadet der Natur, die wir plötzlich sehr biblisch Umwelt nennen, und er macht aus uns Sklaven unserer Gier.

Wir leben nicht nach unserem Lebenssinn sondern folgen unseren Begierden. Diesen Vorwurf gab es schon in der Antike (SENECA, YESUS), aber es ist beschämend, dass wir im Zeitalter der Aufklärung immer noch nicht diese Fress- und Luxussucht zu überwinden lernten.

Zudem: Tomaten oder Erdbeeren im Winter sind nicht nur widernatürlich, sondern das Ergebnis moderner Sklaverei, denn in Italien und Spanien ernten afrikanische Arbeiter unter prekären Bedingungen unsere Luxusspeisen. Der Lohn ist so gering, dass nach Abzug von Essen, Wasser und Miete fast nichts übrigbleibt. Nicht besser sind die Verhältnisse der meist osteuropäischen Fleischzerleger, schon das Wort ist grauenerregend, unmenschlich und würdelos. Nachdem sogar weltweit fast niemand mehr hungern muss, müssen wir endlich beginnen zu erkennen, dass unsere Würde auch von der Würde der Tiere abhängig ist. Wir können so nicht weiterleben. Fortschritt heißt nicht nur MEHR, sondern immer auch BESSER.  Jede Tomate, jede Erdbeere und jedes in Plastik verpackte Stück Fleisch in unseren Supermärkten tastet unsere Würde an.

Die Würde des Menschen ist unantastbar, aber nur, wenn wir sie nicht antasten.

2 Gedanken zu “TRAKTAT ÜBER DIE WÜRDE

  1. Nachdem ich beim Lesen zunächst dachte, dass wir mit dem Begriff Würde wohl doch zu nachlässig umgehen, dass Du im Grunde also von zwei verschiedenen Würden schreibst: der Menschenwürde, mit der ein Kind (jedes Kind!) bereits auf die Welt kommt, und der Würde, die, selbst wenn wir den „Würdenträger“ beiseite lassen, verdient sein will. – Weiter lesend, dachte ich: Nein. es ist doch ein und dieselbe Sache. Wir werden mit einer Würde geboren, die es zu erhalten gilt, was mit der Zunahme unseres Wissens und unserer Erkenntnisse schwieriger wird. – Und nun kam mir die Idee, nachzuschauen, was denn der Duden über Würde zu sagen hat. Und das erscheint mir wirklich richtig und eingängig: 1. a) Achtung gebietender Wert, der einem Menschen innewohnt, und die ihm deswegen zukommende Bedeutung. 1. b) Bewusstsein des eigenen Wertes [und dadurch bestimmte Haltung]. (Es folgen dann im Duden noch die Würde der Sache (Institution) und die Würde des Amtes.) Da es sich beim Duden um ein Wörterbuch handelt und nicht um ein philosophisches Werk, setzte ich voraus, dass mit dem „Bewusstsein des eigenen Wertes“ auch ein Bewusstsein des Wertes jedes anderen Menschen gemeint ist.

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