ÜBER WEGE UND WEGWEISER

 

Nr. 173

Dadurch dass man manchmal einen veralteten und verstörenden Wegweiser findet, der auf eine Straße weist, die schon lange nicht mehr benutzt wird, die von einer Bahnlinie durchschnitten wird, die es seit hundert Jahren schon gibt und an der ohnehin nur ein einziges verlassenes Haus steht, dadurch glaubt man, dass die Wegweiser das Orientierungsproblem sind. Es ist aber eher umgekehrt. Die Wegweiser werden rechtzeitig gewechselt, aber die Wege bleiben noch lange Zeit bestehen. Dieselbe Sucht nach Gewohnheit und Vertrautheit lässt aber auch Wege ohne Wegweiser, gar ohne Erlaubnis oder im Widerstand gegen Weisungen entstehen.

Immer wieder kann man lesen oder hören, die DDR hätte den Menschen die Religion genommen. In der Tat war die DDR nicht religionsfreundlich. Aber der verordnete Atheismus der DDR traf ja doch wohl auf Menschen, die gerade massiv gegen das Tötungsverbot verstoßen hatten. Oder haben sie in Stalingrad gebetet? (Es ist noch schlimmer, sie hatten sogar Pfarrer dabei, die den Sieg der Mörder gewünscht haben.) Von dem gottlosen Attentäter in Paris oder Istanbul wird behauptet, er  sei ein radikaler Muslim. War dann der Eroberer von Stalingrad nicht ein radikaler Christ? Und ist unsere Empörung gegen diese Erkenntnis nicht nur aus unserer Vertrautheit mit dem Christentum, unsere Annahme, dass der Islam aggressiv sei nicht nur unserer Unkenntnis geschuldet? Eine Milliarde Muslime sind jedenfalls offensichtlich keine Attentäter. Und natürlich sind die Deutschen, die in Stalingrad Massaker verübten, nicht als Christen dorthin gezogen. Aber dann ist auch der DDR-Atheismus nicht schuld an der Entchristianisierung. Die DDR hat weder wirtschaftlich noch kulturell wirkliche Spuren hinterlassen, aber sie, ein schwächelndes, von Moskau gehaltenes inkompetentes Regime soll eine Weltreligion gestürzt haben? Eine Religion, die verspricht, Menschen aus der Not zu befreien, muss sich nicht wundern, wenn niemand kommt. Es gibt gar keine Not mehr. Und Weihnachten, das vielbeschworene Wunder der Liebe, kommt nicht von allein, sondern nur, indem man auf Menschen zugeht. Wer Angst vor Menschen in Not hat, kann sich nicht als Christ oder Muslim oder Jude bezeichnen. Die höchsten Ziele, die wir anstreben können, Mensch zu sein und Liebe zu geben, sind ohnehin unabhängig davon, ob wir Christ, Muslim, Jude, Buddhist, Hindu, Zeuge Jehovas oder Hutterer, Marxist oder Anthroposoph sind oder waren oder werden.

Der Vorsitzende der polnischen Partei Recht und Gerechtigkeit, der gerade Recht und Gerechtigkeit zugunsten von zurückgekehrtem Nationalismus aufgeben will, hat seine Doktorarbeit bei einem Professor geschrieben, der die Vorstellung von Politik als Direktorat hatte. Genau diese Vorstellung versucht Kaczynski zu verwirklichen, obwohl er nicht nur kein Marxist, sondern natürlich Antikommunist ist. Außerdem hasst er aber Deutschland und Russland und alle Menschen, die sich ihm in den Weg stellen. Wenn er und seine Partei nicht regieren, dann, will er seine Landsleute glauben machen, wird Polen von einem deutsch-russischen geheimen Direktorium regiert. Liebt er Polen oder liebt er die Macht oder liebt er gar nur sich? Gewählt wurde er wegen der von ihm versprochenen Einführung des Kindergelds von 125 €, wir müssen vor unseren polnischen Nachbarn also keine Angst haben. Wegweiser, ob falsch oder richtig, kommen und verschwinden immer schneller als die Wege.

Auch bei uns in Deutschland tobt gerade ein Streit, nicht weil jemand den Weg weiß, sondern weil niemand den Weg weiß. Über Nacht scheinen alle Wegweiser umgedreht zu sein. In solch einer Situation werden immer die alten Fahnen und Wegweiser aus den Verstecken geholt. Die ganze Kraft wird in den Blick zurück gesteckt. Da bleibt kein Mut für den Weg ohne Wegweiser und ohne Wegweise. Wegweise gibt es nur alle hundert Jahre. Als Willy Brandt vor dem Denkmal des Warschauer Ghettos kniete, haben viele Polen das als Demutsgeste Polen gegenüber verstanden, viele Juden haben es als Schuldbekenntnis aller Deutschen genommen und die Deutschen waren erleichtert. Diese eine schlicht-emotionale Attitüde hat ein Tor in eine ganz neue Politik aufgestoßen, hat letztlich den gesamten Ostblock destabilisiert. Und wieviel Millionen Katholiken wird es geben, die gedanken- und gefühllos auf den Knien auswendig gelernte Gebete herunterleiern? Die millionenfach missbrauchte Attitüde kann zum einsamen Symbol, zum Wegweiser für ganze Generationen werden. Der selbstgewollten Demütigung des einzelnen, wenn sie Wegweise sind, kann die Ermutigung ganzer Völker folgen.

Ein Weg ist oft eine Chance und ein Wegweiser eine Hoffnung. Aber genauso oft gehen wir Irrwege, weil wir aberwitzigen Wegweisern folgen, die von früher hier stehen oder die der böse Wille aufgerichtet hat. Seit wir die rationalen Jahrhunderte erreicht haben, trauen wir uns selbst nicht mehr über den Weg. Wir misstrauen unseren Träumen und Emotionen. Wir haben nicht nur Angst vor dem Weg, wie unsere Vorfahren, sondern vor uns selbst. Wer Angst vor neuen Wegen oder neuen Weggefährten hat, lese das Schiffstagebuch des goldgierigen Kolumbus. Sein Ziel war nicht Amerika, sondern Vizekönig zu werden. Für wenige von uns gibt es keinen richtigen Weg, weil es gar keinen Weg für sie gibt.

Für die andern gilt die Weisheit des großen Gelehrten aus Basra, al Hariri (1054-1122), übersetzt von Friedrich Rückert (1788-1866):

WAS MAN NICHT ERFLIEGEN KANN, MUSS MAN ERHINKEN.

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FRIEDLAND FÜR ALLE

Nr. 172

In dem Film ‚Populärmusik in Vittula‘ von Reza Bagher fallen alte Weiber in der Einöde der schwedisch-finnischen Grenzregion in Ohnmacht, als sie nicht nur zum ersten Mal in ihrem Leben einen Schwarzen sehen, sondern einsehen  müssen, dass sie sich nicht mit dem polyglotten schwarzen Missionar verständigen können. Nur der kleine Matti hatte in einem Radiokurs Esperanto gelernt.

Wenn man die aktuellsten Nachrichten vom heutigen Morgen mit den ältesten Berichten etwa aus der Bibel vergleicht, dann könnte man zu dem gewiss trivialen Schluss kommen, dass die Weltgeschichte in Wellen der Wanderungen ganzer Völker und einzelner Familien verläuft. Moses führte sein Volk aus Ägypten. Die Familie von Jesus musste vor dem Knabenmord des Herodes nach Ägypten fliehen. Nero ließ in Rom Christen anzünden. Mohammed wurde aus Mekka vertrieben, und der von ihm gewählte Ort heißt heute Medina, Stadt des Propheten. In der Nacht zum 24. August 1572 ermordete man in Paris tausende Protestanten. Das Wort Pogrom für die Massaker an Juden stammt dagegen aus Russland. Das größte Pogrom war der Holocaust. Danach flohen rund zehn Millionen Deutsche vor der Rache des Ostens in den Westen. Das war vor siebzig Jahren. Vor sechzig Jahren kamen die ersten Gastarbeiter nach Deutschland. Seit fünfzig Jahren wohnen Millionen Türken bei uns. Schon immer kommen Kriegsflüchtlinge. Noch nie wurden Flüchtlingen Autobusse und Eisenbahnen entgegengeschickt. Trotzdem ertrinken immer noch Menschen im Mittelmeer und ist der Schrecken des in der Wüste und auf dem Meer Erlebten in den Augen jugendlicher Flüchtlinge aus Eritrea genauso lesbar wie in den alten Schriften.

Krieg, Hunger und Pest waren und sind die Hauptfeinde der Sesshaften, für die es noch nicht einmal ein richtiges Wort gibt, sondern nur dieses Übergangswort für einen Übergangszustand. Aber ist nicht jeder Zustand Übergang? Warum werden Zustände erbittert verteidigt, wenn sie doch nur Übergänge in den nächsten Zustand sind? Bei traumatischen Ereignissen wird gern die Formel benutzt: Danach wird nichts so sein, wie es davor war. Aber das gilt doch immer. Kein Tag ist so wie der vorhergehende. Menschen werden geboren, Menschen sterben, Häuser werden aufgebaut und abgerissen. ‚Ein schwankendes Gebäude braucht des Erdbebens nicht, um übern Haufen zu fallen.‘ (Schiller, Die Räuber, II1). Die Forderung der Ultrarechten, dass sie auch in tausend Jahren noch in Deutschland leben wollen, ist genau so unsinnig und ahistorisch wie Honeckers Aufschrei ‚Die Mauer wird noch fünfzig oder hundert Jahre stehen.‘ Nur Begriffe halten lange. An der Schweiz kann man sehen, wie schnell sich ein Land verändert, das einfach nur stehen bleibt.

Je sicherer die Welt wurde, desto mehr sind wir von Sicherheitsdenken beseelt, und desto mehr glauben wir, dass unser Zeitalter das unsicherste ist. Je trüber der Blick, desto schrecklicher die Welt. Man muss die Folgen seines Handelns bedenken, sicher, aber wer nur über die Folgen nachdenkt, hat genauso wenig Gelegenheit zum Handeln wie derjenige, der nur über die Einhaltung von Gesetzen nachdenkt. Wir können die Folgen unseres Handelns nicht einmal bruchstückweise voraussehen. Das ist der Grund, warum so viele Menschen lieber von einer Planmäßigkeit des Weltgeschehens und ihres Lebenslaufs ausgehen. So gesehen ist jede Diktatur eine verwirklichte und gescheiterte Verschwörungstheorie. Geschichten sind konstruiertes Leben, Leben ist verwirklichte Geschichte.

Es ist nicht so schwer, sich eine Kleinstadt in Deutschland vorzustellen, die sowohl im Dreißigjährigen als auch im Zweiten Weltkrieg so schwer zerstört wurde, dass sie sich sichtlich nicht und bis jetzt nie wieder davon erholte. Zwar gab es immer wieder auch einmal Rückbesiedlungen und Rückbesinnungen, aber nach dem letzten großen welthistorischen Ereignis, der deutschen Wiedervereinigung, war der Niedergang nicht mehr aufzuhalten. Eine kleine Gruppe von russlanddeutschen Spätaussiedlern brachte eine kleine Belebung, insgesamt ist aber fast die Hälfte der Einwohner gestorben oder ausgewandert. Ein kleiner Teil der historischen Bausubstanz erinnert an große tage, die längst vergangen sind, aber auch die Erbauer der Zwischenwelt, der Plattenbauten, werden bald vergessen sein.

Unvorstellbar ist in solch einer kleinen Stadt eine Wohnbevölkerung, die zur Hälfte oder sogar zu drei Vierteln aus Kindern besteht. Was wäre das für ein Glück für eine Perspektive voller Lebensfreude. Der weltoffene Bürgermeister müsste aus seinem provisorischen Rathaus ausziehen, denn es müsste wieder Schule werden. Kinderlachen und frohe Erwachsene würde das Stadtbild genauso bestimmen wie jetzt der offensichtliche Rückschritt. Flüchtlinge gibt es genauso wie einige Jugendliche, aber ob sie bleiben wollen und werden? Das ist die bange Frage des mutigen Bürgermeisters und der bangen Bewohner, von denen immerhin soviel für die Ultrarechten sind, dass es einer der ihren als Stadtrat ins Rathaus geschafft hat. Dort kann er sich aber weder gegen den Bürgermeister, der keiner Partei angehört, noch gegen die Hoffnung durchsetzen.

Es gibt also nur zwei Dinge, die in dieser kleinen Stadt fehlen: Geld und Arbeitsplätze, was vielleicht das gleiche ist. Konventionell gedacht muss man leider sagen, dass in so einer kleinen Stadt nur ein Änderungsschneider sein Auskommen hat. Obwohl es mehrere Seniorenresidenzen gibt, ist auch dort der Arbeitskräftebedarf letztlich begrenzt, zumal nicht jeder für diese verantwortungsvolle, aber ein wenig hoffnungslose Arbeit geeignet ist. Warum vertrauen wir nicht viel mehr auf die zukunftsträchtige Seite unserer Gesellschaft, auf den gesamten informationellen Teil? Jeder Flüchtling hat ein Smartphone. Das Smartphone hat mehr zur Globalisierung beigetragen als dieser durch ungelöste Probleme geschadet werden kann. Die Investitionen auf diesem Gebiet sind auch längst nicht mehr so furchteinflößend wie noch vor ein paar Jahren. Wenn wir also über Arbeitsbeschaffung und Geldbeschaffung nachdenken, sollten wir nicht dabei die Blätter im Herbst vor Augen haben, die bisher von einem Heer von Hartzvieristen in wahren Sisyphosaktionen bekämpft wurden. Vielmehr sollten wir uns auf regenerative Energien besinnen, aus diesen Blättern also zum Beispiel Biogas machen. Vielmehr sollten wir über IT-Prozesse und IT-Dienstleistungen nachdenken. Vielmehr sollten wir überhaupt auch Chancen dort sehen, wo bisher eher Verfall und Entropie samt dem dazugehörigen Entsetzen herrschten. Vielmehr sollten wir also die kleinen Städte, allen voran die kleine Stadt zwischen Anklam udn Neubrandenburg, und die heute überdimensioniert wirkenden Dörfer neu besiedeln, aber nicht nur mit Menschen aus aller Welt, sondern auch mit Ideen und Hoffnungen aus allen guten Geschichten, die die Menschheit hervorgebracht hat und mit sich durch die Geschichte schleppt. Statt Esperanto brauchen wir heute einen verbesserten Googleübersetzer.

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woanders, aber auch leer

 

MILITÄRMUSIK VON FRÄULEIN MAYER

Friedland braucht ein Mayerdenkmal!

Seit einigen Jahren spielt in Friedland in Mecklenburg ein junger Organist, Lukas Storch, die Eröffnung des Friedländer Orgelfrühlings. Nach einem Konzert standen wir mit ihm auf dem Marktplatz hinter der Marienkirche, und sinnierten über die beiden bedeutendsten Friedländer, Friederike Krüger, die als Mann verkleidet, was immer wieder ein Rätsel ist, an den Befreiungskriegen teilnahm, und Wilhelm Sauer, der immerhin die Orgeln im Berliner Dom, in der Thomaskirche in Leipzig und in der Breslauer Jahrhunderthalle gebaut hat. Aber wir vergaßen die bedeutendste Friedländerin, die Komponistin Emilie Mayer (1812-1883).

Die mehrfach umgebaute große pneumatische Sauerorgel geht auf das erste Instrument von Wilhelm Sauer zurück, der aus Schönbeck bei Friedland stammte und in Friedland aufgewachsen war. Ganz sicher kannte er Emilie Mayer, die an seiner Orgel zwar keinen Unterricht erhielt, aber sicher konzertierte. Da man sich in Friedland kaum aus dem Weg gehen konnte und kann, schon gar nicht musikalisch, ist es sehr wahrscheinlich, dass Emilie Mayer, die Tochter des Ratsapothekers, und Wilhelm Sauer, der Sohn des Orgelbauers Ernst Sauer, der durch ein Stipendium des Großherzogs vom Schmied zum Orgelbauer aufstieg, sich kannten.

So wie die Stadt Friedland in zwei Kriegen bis zur Unkenntlichkeit entstellt wurde, so ist das Schicksal von Emilie Mayer durch harte Schläge deformiert. Wie groß muss ihre Kraft gewesen sein, diesem Schicksal zu widerstehen und ein großes Werk zu hinterlassen! Ein Talent wird auch immer durch die räumlichen Bedingungen beeinflusst. In diesem Fall einer historisch-gotisch geprägten Kleinstadt. Ihre Mutter starb, als sie zwei Jahre alt war, ihr Vater erzog die fünf Kinder von zwei Frauen allein. Er nahm sich aber, als sie knapp dreißig Jahre alt war, das Leben. Diese tragische Wende war der Ausgangpunkt ihrer erstaunlichen Karriere, die sie zu ihrem Bruder nach Stettin führte, wo sie von keinem geringeren als Carl Loewe unterrichtet und gefördert wurde. In Berlin, wo sie ein eigenes Haus führte, fand sie ebenfalls zwei Förderer, nämlich die beiden Theoretiker und Musikmanager Adolph Bernhard Marx und Wilhelm Wieprecht. Deshalb konnte sie ohne einen berühmten Gatten, wie Clara Schumann, oder einen berühmten Bruder, wie Fanny Hensel, im Berliner und Stettiner Musikleben bestehen. Konzertreisen führten sie aber auch in alle Musikzentren Mitteleuropas. In Musikkritiken wurde immer wieder betont, dass sie als weibliche Komponistin die absolute Ausnahme sei, dass die weiblichen Kräfte an sich nicht ausreichten, sinfonische Dimensionen zu bewältigen. Kein Mensch kam auf die Idee, die biografischen Umstände für den vermeintlichen Mangel an weiblicher Gestaltungskraft zu untersuchen. Es scheint auch einen finanziellen Engpass in ihrem Leben gegeben zu haben, als sie 1862 wieder zu ihrem Bruder nach Stettin zurückzog. Die letzten Jahre ihres Lebens, die sehr erfolgreich waren, verbrachte sie aber wieder in ihrer eigenen Wohnung in Berlin. Wie alle großen Komponisten schrieb sie für die Kinder ihrer Familie, vor allem für ihre Nichten, auch Klavieralben. Ihr Lehrer, der Organist an der Nikolaikirche in Friedland, Carl Driver, der übrigens kurz nach ihrem Vater starb, hat durch seine lehrertypische Bemerkung über ihre eigenwilligen Interpretationen vielleicht den Anstoß zur ihrem kompositorischen Werk gegeben: dann  schreib doch selber, wenn du es besser kannst, soll er gesagt haben, der aber wohl doch eher ein guter Lehrer gewesen war.

Gestern Abend wurde in der ehemaligen Landeshauptstadt Neustrelitz die dritte Sinfonie C-Dur von Emilie Mayer aufgeführt, mit der sie einst im Berliner Schauspielhaus debütiert hatte. Die Akustik im halbbesuchten Landestheater war denkbar schlecht. Im benachbarten Neubrandenburg hätte man die Musik in der wunderbaren Konzertkirche hören können, an der die Gotik, der Großherzogliche Hofbaumeister Friedrich Wilhelm Buttel, auch er ein Stipendiat des Großherzogs, und Pekka Salminen, bauten, der dreißigjährige Krieg, die Entropie und der WWII zehrten.

Den historischen Eindruck, den Klang zu Lebzeiten von Emilie Mayer, das Großherzogtum Mecklenburg-Strelitz, das alles hat man aber nur in Neustrelitz.

Nur in ihrem ersten Satz erinnert die Sinfonie an Haydn oder vielleicht noch eher an Schubert, wenn er Mozart imitiert. Vielleicht ist es auch ein Haydn, der ein Schüler Schumanns war, auf keinen Fall klingt auch nur der erste Satz epigonal, wie das Programmheft, vielleicht etwas entschuldigend, meint. Da gibt es nichts zu entschuldigen, allenfalls ist der erste Satz der schwächste. Dann kommen drei wunderbare Scherzi, obwohl nur der dritte Satz so heißt. Die große Stärke von Emilie Mayer ist wohl die freundliche und fröhliche Darstellung ernster Gegenstände. Vielleicht heißt die Sinfonie wegen der militärmusikalischen Verdienste ihres Förderers Wieprecht ‚Sinfonie militaire‘, vielleicht auch wegen des Schlagwerks im vierten Satz, aber auf jeden Fall ist es eine völlig eigenständige Interpretation des Militärlebens.

Der Schrecken des Türkensturms, so wurde der Versuch des Osmanischen Reiches, Europa zu nehmen, genannt, hatte uns sowohl das Instrumentarium der Militärmusik als auch eine gut hundertjährige musikalische Mode (‚alla turca‘) gebracht, die Entführung aus dem Serail, der türkische Marsch in der neunten Beethovensinfonie und der A-Dur-Klaviersonate von Mozart, sie alle beruhen auf dem Gleichschritt, auf dem, wenn auch musikalisch gefällig gemachten, Schrecken türkischer Perkussion. Die türkischen Heere, die Europa stürmten, wurden von gigantischen Kapellen (‚mehterhane‘) begleitet, die gleichermaßen Mut und Furcht verbreiteten, allein die Trommeln (davul, kös) hatten manchmal metergroße Ausmaße. Christian Friedrich Daniel Schubarth schrieb: Der Charakter dieser Musik ist kriegerisch, da er auch feigen Seelen den Busen hebt. Nicht so bei Emilie Mayer. Sie schreibt türkische Musik ohne Macht, ohne Timur Lenk, aber nicht ohne Kraft. Sie stellt mit denselben Instrumenten, wenn auch vorsichtig eingesetzt, die beschwingte Freude nichtkriegerischer, im Militär eingesperrter junger Männer dar, die trotzdem fröhlich bleiben, die sich an den Frühling erinnern, an die Mädchen der Dörfer in den Bergen, an die Schönheiten des Lebens. Das ist fernab von Krieg und Kriegsgeschrei. Das ist fröhlich und zärtlich, fast erotisch möchte man meinen, das Fräulein, so wurde sie tatsächlich auch in Kritiken genannt, erinnert sich an die Jungs aus Friedland.

Die Dumpfheit des Landestheaters, überhaupt des Großherzogtums, muss nicht zwangsläufig in die vielbeschworene Dummheit und Zurückgebliebenheit des Landstrichs verfallen. Der Großherzog musste viel mehr Talente entdecken und gezielt fördern. Das Theater steht an der Hertelstraße:  der eine Hertel, der in Strelitz wirkte, war Bachs Freund, der andere Bachs Schüler, beide haben wunderbare Musik gemacht, die Mayer ist nicht direkt vom Großherzog gefördert worden, aber der alte Sauer wurde nach Ohrdruff geschickt, um geschickter Orgeln bauen zu können, Friedrich Wilhelm Buttel gar wurde als achtzehnjähriger zu Schinkel nach Berlin in die Lehre gesandt und kam als neunzehnjähriger (!) Hofbaumeister zurück. Das ist Größe, auch vom Großherzog. Und etwas davon mag im Herzen der liebenswerten Mayer angekommen sein: das Leben, wie viel Schicksalsschläge es für dich auch bereit stellt, ist lebenswert, fröhlich, freundlich, erotisch, frühlingshaft, eine Sinuskurve wie die unendlichen Endmoränen des Großherzogtums.

Nach diesem schönen und erfrischenden Konzert, dessen Schwung die Zuhörer zu Beifallsstürmen hinriss, kam eine der schönsten Autofahrten meines Lebens. Im Halbdunkel sieht man die Lücken in Neustrelitz nicht. Der Nebel aus dem Lied des Schwedter Hofkapellmeisters Johann Peter Abraham Schulz legte sich auf die Straßen und tiefschwarzen Wälder der sanften Endmoränen. Rehe kreuzten die Straßen, was nicht ganz ungefährlich ist, aber zum langsamen Fahren anhielt. Nach einer Weile zählte ich sowohl die Autos als auch die Füchse und kam bei beiden auf die Zahl fünfzehn bei neunundachtzig Kilometern. Das dürfte Deutschlandrekord sein. Nur Russland und Australien sind noch menschenleerer als das Großherzogtum und die Uckermark. Malerische Dörfer reihten sich an der Straße auf. Traumhafte Berge und Täler erinnerten nicht nur an Kinderlieder. Im Ohr war noch die freundliche, ebenso traumhafte Musik von Fräulein Mayer. Wir wissen nicht, warum sie nicht verheiratet war, vielleicht war sie enttäuscht oder lesbisch, vielleicht reichte das väterliche Erbe gerade mal für sie alleine und sie war der Meinung, dass ihr Talent aber für zwei reichte, mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit kann man aber annehmen, dass die Männer, die ihr begegneten, von ihrem Talent abgeschreckt waren: wer sollte kochen, waschen, Socken stopfen, wenn die Hausfrau am Bechsteinflügel saß und döste? Die Nachwelt sollte noch freundlicher mit diesem Erbe umgehen, als es in den letzten Jahren schon von der Schweriner Staatskapelle und der Neubrandenburger Philharmonie versucht wurde. Und Friedland braucht ein Mayerdenkmal!

ZWEI SAUCEN IN FRIEDLAND

Die Ähnlichkeit von Saucen und Texten ist offensichtlich: beide unterliegen Regeln, beide werden komponiert. Alles was komponiert wird, unterliegt Regeln, wir betonen es nur, weil der Dualismus oder Nichtdualismus unser Thema ist. All die Saucen, die man so in normalen Restaurants zu normalen Gerichten bekommt, stehen in irgendwelchen Kochbüchern oder kommen aus dem allgemeinen Erfahrungsschatz unserer Großmütter. So würde man denken, wenn man nicht darüber nachdenkt. Tatsache ist aber, dass der kreative Anteil des Kochens von Männern stammt und aus herrschaftspolitischen Gründen wahrscheinlich eher nicht weitergegeben wurde. Edelköche waren sicher überdurchschnittlich oft nicht verheiratet und sind überdurchschnittlich oft durch ihre Kunst zu Tode gekommen: falsch angerichtet und schon hingerichtet.

Im Mecklenburger Hof in Friedland ist es mir am vergangenen Sonntag zum erstenmal gelungen, zwei Saucen als von einer Frau komponiert zu identifizieren. Die erste Sauce war ein mildes Dressing zu einem ganz gewöhnlichen von Weisskohl dominierten köstlichen Salat, der hervorragend zu der Forelle passte, an der man wenig falsch machen kann. Die zweite Sauce war eine auf Meerrettich basierende Remoulade, die aber von dem Meerrettich nicht überlagert, die weder zu scharf noch zu milde, und vor allem nicht von einem weiteren Gewürz gestört war. Diese auf Milde fundierte Komposition war leicht als weibliche zu erkennen. Männliche Saucen sind aggressiver. Das ist mit Texten ebenso, man erkennt das Geschlecht der Schreibung. Der irrationale Anteil beim Erkennen dürfte ebenso hoch sein, wie der irrationale Anteil bei den psychischen oder mentalen Geschlechtsmerkmalen selbst. Ein Teil von ihnen mag, wie wir spätestens seit dem herrlichen Einmanntheaterstück ‚Caveman‘ wissen, aus dem Neolithikum stammen. Tatsächlich kann sich das lange Verharren in den Berufen und Zuständen der Jäger und Sammlerinnen evolutionär ausgewirkt haben. Merkwürdig ist aber, dass unser Vorschlag diese lange Epoche auch so zu benennen, wie sie war, nämlich die Epoche der Sammlerinnen und Jäger, und nicht, wie man sinnloserweise immer noch lesen kann: Jäger und Sammler, noch nirgendwo anders zu lesen war. Trotzdem gab es auch im Neolithikum als Ausnahmen schon Amazonen und Sammler.  Beinahe noch interessanter ist aber der irrationale Anteil von Merkmalen, der durch das Verstecken und die Abwehr jener Merkmale entstanden sein mag, die nicht modern oder nicht opportun waren. Die berühmtesten Beispiele sind: Männer weinen nicht. Frauen sind gläubig.

Während die Pflichten der Frauen eher natürlicher Art waren, sind die der Männer eher gesellschaftlicher Art: Schutz, Trutz, Schmutz. Daraus ließ sich leicht eine erhöhte Bedeutung ableiten: sie bekommt die Kinder, er erzieht, beschützt, stählt die Kinder und schickt sie in den Tod. Der Anteil der Frauen an der Erziehung ist schon deshalb höher, weil man vor Siegmund Freud ja nicht wusste, dass sie im wesentlichen bis zum vierten Lebensjahr dauert. Vielleicht kommt der fragile Anteil im Mann im doppelten Sinne von der Mutter: das Menschlichallgemeine und das Nichtmännliche. Das Nichtmännliche verhindert aber eine stabile Männlichkeit, worauf beruht sie, wenn das weibliche bereits abgewehrt ist? Demzufolge würde das Fragile der männlichen Rolle nicht erst und nicht nur durch die Emanzipation der Frauen gekommen, sondern auch früher schon da gewesen sein. Allerdings konnte man die eigene Schwäche gut hinter Alkohol, Patriotismus und Krieg (heute Auto) verstecken. Organisierte Mordlust überspielt die Neigung zum Weinen. Allerdings darf man wieder nicht übersehen, mit wieviel Wohlgefallen dieses männliche Unwesen von den Frauen begleitet wurde: wieviele Frauen standen an den Straßen und winkten den Soldaten (Autos)? Genauso viele, wie es Soldaten gab. Die Uniform wurde als etwas Individuelles angesehen, weil sie ihren Träger aus der Masse der Dorf- und Kleinstadtmenschen heraushob.

Arithmetisch betrachtet ist es ja ohnehin Unfug, von weiblichen Anteilen und männlichen Anteilen zu sprechen. Erstens sind sie statistisch gesehen gleich groß, zweitens sind sie immer komplementär, selbst in solchen Gesellschaften, wo es ausgeprägtes Geschlechtsgruppenverhalten gibt. Die Räuberbanden etwa des neunzehnten Jahrhunderts mögen, von außen betrachtet, männlich dominiert und entsexualisiert gewesen sein. Aber es gibt keinen wirklichen Grund anzunehmen, dass in diesen Banden weniger Frauen waren und das Sagen hatten. Auch in patrialinearen Gesellschaften und in patriarchalischen Familien überwiegt das Komplementäre über das Symmetrische oder gar Subalterne. Man könnte es auch so beschreiben: Männer und Frauen unterliegen jeweils einer Doppelbindung. Um ein Mann zu sein, muss man eine Frau sein können, darf es aber nicht. Um eine Frau zu sein, muss frau ein Mann sein können, darf es aber nicht zeigen.

Das komplementäre mag das statistisch überwiegende Moment der Unterscheidung sein, es wird aber überlagert durch das Streben nach Dominanz unabhängig vom Geschlecht. Jene Menschen, die im Laufe ihres Lebens merken, dass es ihnen fast nie gelingt, dominant zu sein, flüchten sich gerne in das von Sacher-Masoch beschriebene Phänomen und glauben, im Unterliegen überlegen zu sein. Überleben scheint mir dagegen ein komplementäres Miteinander von Dominanz und Solidarität zu sein, das in der Mütterlichkeit besser vorgeformt ist als in der Männlichkeit, dagegen ist Väterlichkeit in nichts von Weiblichkeit unterschieden. Über der berechtigten Kritik männlicher Sozietäten oder auch Horden wie Jägern, Kriegern, Räubern und Marodeuren mit ihrer bewussten Leugnung der solidarischen, oft auch ethisch genannten Prinzipien ist die permanente weibliche Hordenbildung jahrhundertlang übersehen worden. Allerdings ist ihr Schaden auch eher gering. Sie haben keine Kriege geführt, nur Männer ausgeschlossen aus ihrer Spinnstube. Vielleicht haben sie sich mit ihrem Kult des Pragmatismus, Erfolgs und Überlebens selbst von der Kreativität verabschiedet und der Jäger wäre nur deshalb Bastler geworden, weil er nicht Sammler werden durfte?

Der Begriff des Komplementären, von Watzlawick in die Gesellschaftspsychologie eingeführt, beschreibt die Verabschiedung vom Dualismus, von der Dichotomie, wie wir sie wegen der ständigen Konfrontation mit unserer Geschlechtlichkeit nicht nur denken, sondern erleben und lieben. Er beschreibt die Schnittmenge, die wir nicht mögen und nicht wollen, obwohl sie vollendete Tatsache ist. Die Schnittmenge empfinden wir als Makel, weil wir in einer immer noch dichotomischen Begriffswelt leben, die als perfektes Abbild der Welt erkannt sein will. Obwohl das Begriffspaar gerade und ungerade gerade die Unpaarigkeit beschreibt, beschreibt es eine scheinbar bipolare Welt.

Das uralte Thema jedenfalls, seit wir denken können, bleibt offen: wie werden sich Frauen und Männer weiterentwickeln, und werden sie sich überhaupt weiterentwickeln? Wird man an  Saucen und Texten und Kindern weiter ihren Haupturheber erkennen können?

DER MOOR DUALISMUS

 

Philosophen und Mediziner lehren mich, wie

treffend die Stimmungen des Geistes mit den

Bewegungen der Maschine zusammenlaufen.

 

Nr. 171

 

Der eine ekelt sich vor sich selbst, er hat ‚große Rechte, über die Natur ungehalten zu sein‘. Deshalb tut er sein ganzes kurzes und nichtswürdiges Leben lang nichts anderes, als zu versuchen, die vermeintlich ungerechten Bedingungen für sein Leben zu verändern: mit Psychoterror, Vergewaltigung, Lüge, bezahltem Verrat, populistischen Versprechungen, und schließlich mit Mord und Totschlag.

Den anderen ‚ekelt vor diesem tintenklecksenden‘ Jahrhundert. Er verlässt sein Elternhaus, weil er die Welt verbessern will, stößt auf die Hürden der Bürokratie und des institutionalisierten Wissens und wird prompt ein Outlaw wie aus den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts.

Die beiden Brüder könnten aus einem Forum im Internet entsprungen und dort die Anführer einer Empörungsgruppe sein. Die Empörung ist die neue Revolution. Man kann ganz laut schreien. Man kann zeigen, wie unrecht die widerwärtige Welt hat und ist. Alle machen alles falsch, aber wir, wir wissen es besser. Denn der Chefempörer ist nicht allein. Er hat eine Gruppe Claqueure um sich versammelt, die nie schläft, die immer die erforderlichen Klicks und unterwürfigen Beifallsrufe bereit hält. Wichtig ist nur, rechtzeitig das Thema zu wechseln, damit die Hohlheit des Protests nicht im All widerhallt.

Dem Vorwurf des Egoismus versucht die andere Gruppe durch den Hinweis auf mangelnde Gerechtigkeit zu entgehen, mit der sie die eigenen Mängel zu erklären versucht. Auch sie will einen gerechteren Anteil erzwingen.

Der eine verflucht die Ordnung, der andre die Freiheit. Beide Sichtweisen erklären die jetzige Welt für verdorben: jetzt erst klecksen die Bürokraten das Jahrhundert voll, jetzt erst offenbart sich die himmelschreiende Ungerechtigkeit. Der eine will die Welt korrigieren, indem er den Reichen nimmt und den Armen gibt. Der andere meint, es reicht, wenn seine eigene Lebenssituation auf Kosten der anderen verbessert wird. Das nennen wir zwar böse, aber wir bewundern es immer wieder. Die Natur, meint diese auf dem Kopf stehende Theorie des Rechts des Stärkeren, ‚gab…uns doch Erfindungsgeist mit, setzte uns nackt und bloß ans Ufer diese großen Ozeans Welt: Schwimme, wer schwimmen kann, und wer zu plump ist, geh unter.‘ Man kann alles in schöne Sätze fassen, auch das Elend der eigenen Nichtswürdigkeit.

Das Platonische Höhlengleichnis zeigt die Abhängigkeit unseres Erkenntnisvermögens von der uns umgebenden Welt. Wir können nur erkennen, was wir kennen. Das chinesische Gleichnis von der Kuh der armen Familie zeigt uns, wie wir aber auch materiell über die Dinge schwer hinausgelangen können, von denen wir derzeit abhängen. Man könnte es auch das Hartzviergleichnis nennen: Ein Weiser in China ging mit seinem Jünger übers Gebirge und sie kehrten bei einer bettelarmen Familie ein, die nur überlebte, weil sie eine einzige Kuh hatte. Als der Jünger beim Weiterwandern von seinem Mitleid bedrückt war, sagte ihm der Meister: geh zurück und stoße die Kuh den Abhang hinab. Der Jünger tat das zwar, aber es brach ihm fast das Herz. Der Meister starb, und der Jünger, nun selber Meister, ging nach vielen Jahren an den Ort zurück und fand eine reiche Familie vor.

Jeder Jammer und jede Empörung rennt also in die falsche Richtung. Jeder weiß: ‚ein schwankendes Gebäude braucht des Erdbebens nicht, um übern Haufen zu fallen‘. Gift und Galle sind nicht die Arzneien für eine kranke Welt. Und trotzdem bleibt fast jeder beim Jammer stehen. Wer in einem kalten Zimmer sitzt, heizt. Wer in einer kalten Gesellschaft sitzt, jammert.

Weder das Festhalten an der Ordnung, wozu auch die Tradition gehört, noch das übermäßige Erwarten der Freiheit führt uns zu einem Gleichgewicht, das es nicht geben kann. Um das das Zimmer warm zu halten, muss man Energie nachlegen. Um die Gesellschaft am Laufen zu halten, muss man etwas tun. Es gibt die vielleicht etwas naiv-optimistische Vorstellung, dass der Fortschritt ein Naturgesetz sei. Sie übersieht das Scheitern und das Verschwinden. Es gibt die pessimistische Idee, dass das Paradies keine Metapher ist, sondern wahr war, unsere Vorfahren die edlen Wilden. Sie überbetont das heutige Scheitern gegenüber dem vergangenen. Und es gibt die Realisten, die glauben, dass alles ein ewiger Zyklus sei. Sie übersehen den Fortschritt und das Scheitern. In den großen Geschichten und Parabeln wird uns oft ein Dualismus nicht etwa als Wirklichkeit oder gar Täuschung vorgespielt, sondern als Didaktik. An der Zweiheit sollen wir die Vielheit erkennen. Etwas Unglaubliches passierte, und Tatsache, wir können es nicht glauben. So ist es schon, seit die Menschheit denkt. Und deshalb gibt es die Geschichten, von denen die Realisten glauben, dass sie die ‚Torheit unserer Ammen und Wärterinnen‘ seien. Selbst mit den Maschinen, die unsere Erkenntnis stärken, ja substituieren wollen oder sollen, ist die Vielheit nicht erfassbar. Wir verstehen schon nicht, dass ein Mensch nicht das ist, was er zu sein vorgibt, was er in diesem Moment seines Triumphes ist, was er in diesem Moment seines Versagens ist, worin seine Botschaft besteht, wenn er eine hat, woher er kommt, wohin er geht. Selbst der liebste und nächste Mensch bleibt uns fremd, aber auch der fernste und gleichgültigste. Wir haben zweitausend Jahre gebraucht, um über einen so komplexen Begriff wie Feindesliebe auch nur nachzudenken. Sobald man ihn in den Diskurs einwirft, kommt als Echo die sogenannte Realität oder das Ammenmärchen. Die wahren Geschichten wollen wir nicht glauben oder glauben wir, abtun zu müssen, aber die abenteuerlichsten Erklärungen von ewiger Wahrheit und Weltregierung, von Geld, das die Welt regiert, vom Stärkeren, der irgendein Recht hat, von der Ordnung, die uns hindert, von der Freiheit, die uns vorenthalten wird, das alles glauben wir und saugen es auf wie einst die Muttermilch, nur um nichts tun zu müssen, um nur ja nicht über unseren Schatten springen zu müssen.

Die Geschichte von den beiden Brüdern, von denen der eine die kleine Welt ändern will, um selbst besser dazustehn, der andere aber die große Welt ändern will, um sie zu verbessern, zeigt uns, dass keiner nur böse oder nur gut ist. Man kann weder die kleine Welt noch gar die große Welt ändern, wenn man sich selbst nicht ändert. Man muss niemanden auffordern, zu nehmen, das können wir alle von selbst, man muss auch nicht hinausschreien: gib, gib, gib. Man muss geben, damit sich die Welt so langsam weiter bessert, wie sie es schon seit Jahrtausenden tut, gegen alles Jammern, aber auch nicht von allein. Wir sollten weder um ein goldenes noch um ein heiliges Kalb tanzen. Es reicht, wenn wir einander achten, uns gegenseitig helfen, etwas tun, etwas geben. Vielleicht reicht es schon, wenn wir einfach aufhören zu jammern und über uns selbst nachzugrübeln.

 

 

Alle Zitate sind aus SCHILLERs Räubern, von den Brüdern Moor.

Des Verfassers Rochusthal heißt in Wirklichkeit Moor.  

DIE WEIHNACHTSMASCHINE

 

Nr. 170

Selbst wenn die Weihnachtsmaschine nur Lametta herstellen könnte, wäre sie Teil von dem, was in der gesamten christlichen Welt von Weihnachten erwartet wird, und das ist zu viel. Die Weihnachtsmaschine, wenn es sie gäbe, wäre so etwas wie die Turingmaschine, nur eben zur Lösung aller emotionalen Probleme aller Menschen. Schlaf, Drogen, Depressionen, aber auch Kunst und Religion helfen uns, das zu schwere Leben auszuhalten. Vom Lametta erhoffen wir uns die Lösung unserer unlösbaren Probleme. Im Weihnachtsbaum, der zur christlichen Metaphorik in keinem Zusammenhang steht, erhoffen wir uns die Reproduktion unserer Kindheit, genauer gesagt die widerspruchsfreie Katharsis, die auch in unserer Kindheit nur zu Weihnachten und vielleicht noch partiell in den Sommerferien eintrat, wenn der Sommer heiß und schön war. Genauso ist die hundertprozentige Erfüllung unserer Wünsche oder Ausführung unserer Pläne eben nicht möglich. Insofern ist jeder Weihnachtswunsch Illusion. Noch schlimmer ist es, dass die Erfüllung eines Wunsches ein noch größeres Bedürfnis erschafft, als es mit diesem Wunsch vorhanden war.

Die Kritik, dass Weihnachten einfach eine Verstärkung von Frustrations- und Konsumverhalten ist, ist so alt wie dieses Verhalten selbst. Deshalb wurde die Geburt von Jesus mit Weihnachtbäumen, Engeln und Christkindern, Nikoläusen und schließlich Weihnachtsmännern verstärkt, aber auch sie haben ihre Höhepunkte überschritten und verblassen gerade.

Wir wollen gleichzeitig eine Atempause und einen moralischen Ansporn, den wir aber mit Absicht jedes Jahr überhören, weil wir immer die Welt durch Kritik an den andern verbessern wollen. Auch die Pause füllen wir uns mit einem Kalender voller Termine zur angeblichen, tatsächlich aber weit verfehlten Besinnung. Auch diese Kritik ist schon sprichwörtlich.

Wahrscheinlicher fällt die wachsende Verkultung von Weihnachten eher mit der Sinnkrise der wohlhabenderen Menschheit zusammen. Ein fehlender Sinn wird aber immer noch nicht als Defizit empfunden. Statt dessen wird weiterhin das Wohlstandsdefizit als eigentliches Problem benannt, so als würde das neunzehnte Jahrhundert fortdauern. Hunger lässt sich einfacher und himmelschreiender beschreiben als Leere.

Dabei stehen der Sinn des Lebens und die Weihnachtsbotschaft in engstem Zusammenhang: die Lösung kommt nicht von außen. Wer auf den Sinn des Lebens wie auf ein Weihnachtsgeschenk wartet, kann lange warten. Man kann den Sinn des Lebens nicht bei Amazon bestellen. Wer auf einen Erlöser wartet, kann ebenso lange warten. Vielmehr ist die Weihnachtsbotschaft eine Metapher der Selbstbefreiung. In jedem neugeborenen Kind ist die Hoffnung auf Sinn und Sinngebung, nicht auf Sinnerlangung.

Jeder hat es schon einmal erlebt, dass ein langes Gespräch Licht in das Dunkel bringen kann. Das muss und kann nicht die Lösung des Problems sein, falls es ein Problem gibt, sondern eine neue Sichtweise, eine Ermutigung. Wer schon einmal in einer verzweifelten Lage war, weiß, dass die Ermutigung mehr wert ist als die fertige Lösung oder der richtige Weg. Denn es gibt keinen richtigen Weg, es gibt keine widerspruchsfreie Lösung. Das ist das Paradox des Weihnachtsgeschenkes: wenn man es endlich hat, ist man schon wieder unbefriedigt und in Erwartung des nächsten Weihnachten. Wenn wir uns die Welt als einen tiefen dunklen Wald vorstellen, etwa wie bei Rotkäppchen, dann ist der Wegweiser eher eine Falle, unsere Hoffnung ist zu einem Drittel Misstrauen und zum dritten Drittel Verzweiflung. Sieht man umgekehrt die Welt als Metapher für einen dunklen unwegsamen Wald, dann sind am Ende mehr verführte als frohe Menschen zu sehen.

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Die Weihnachtsbotschaft ist Freude, aber die meisten Menschen sind gar nicht froh. Sie leiden an sich, an ihren Widersprüchen oder Pickeln, an ihren Wünschen oder Hoffnungen oder Geschenken. Der Sieg über den Hunger hat mehr Probleme geschaffen, als er gelöst hat, woraus nicht folgt, dass das Leben mit dem Hunger leichter gewesen wäre. Nur fielen damals Sinn und Hungerbeseitigung – oder Essenbeschaffung – zusammen.  So gesehen sind die Flüchtlinge, die derzeit zu uns kommen, nicht nur eine demografische Chance, sie lösen nicht nur ein Problem, das wir noch nicht einmal als Problem erkannt haben.

Sie zeigen vielmehr, dass Ermutigung immer Mut voraussetzt. Man muss seine kaputte Hütte und sein verzweifeltes Leben verlassen, durch die Wüste und das Meer zu neuen Ufern und Orten aufbrechen. Man muss die petrifizierten Metaphern wieder verwirklichen. Dann erst können sie zu einem neuen Narrativ erstarren, was wieder, wer weiß, wie lange, Leuchtkraft und Beispiel sei.

Allerdings dürfen wir uns nicht nur unserem klapprigen Smartphone anvertrauen, sondern müssen dem Menschen auf der anderen Seite der Kommunikation ins Auge blicken, wenn wir schon nicht ins Herz sehen können.

 

Es gibt keine Turingmaschine, die alle Probleme berechnen und berechnend lösen kann, wenngleich ein Smartphone oder ein Personalcomputer fast wie Wunder sind. Trotzdem ist der Traum dieses obersympathischsten Träumers und Nerds aller Nerds, Alan Turing, Ansporn und sinnloses Weihnachtsgeschenk, Hoffnung und Enttäuschung zugleich. Unser meistgesprochener Satz am Computer ist: Warum macht er das jetzt nicht. Und nicht: Ein Wunder, was er alles kann! Übrigens ist der Nerd of Nerds ganz ähnlich zu Tode gekommen wie der Lord of Lords: man war befremdet von seinem Anderssein.

Es gibt keine Weihnachtsmaschine, die alle unsere Kindheitsgefühle reproduzieren könnte. Ein dickes Märchenbuch mit 2002 Geschichten, eine fantastischer als die andere, käme dieser ersehnten Maschine noch am nächsten. Die verzweifelte Hoffnung auf die Zernichtung des Hoffens, die reine Rationalität also, war ein Irrweg. Dagegen ist der Irrweg durch die Märchen und Geschichten, durch die Legenden und Gleichnisse, der einzig wichtige Weg zur Ermutigung, zur Hoffnung, zur Lichtung durch Licht und nicht durch fadenscheinige Argumente. Nicht das Medium ist die Botschaft, sondern die Geschichte selbst ist die Botschaft, die Geschichte, die sich jetzt vor unseren Augen abspielt. Die Lösung ist das Naheliegende, was in diesem Moment bei dir anklopft.

DER FREMDLING SCHAFFT SICH AB

Ungleich verteilt sind des Lebens Güter

unter der Menschen flüchtgem Geschlecht.

SCHILLER, Die Braut von Messina

Nr. 169

Einerseits ist der Streit zwischen Nomaden und Sesshaften eine Zeitenwende, die neolithische Revolution, die vor allem in jenem Gebiet zuerst stattfand, das wir als Fruchtbarer Halbmond oder Zweistromland bezeichnen, und aus dem heute ein Großteil der Flüchtlinge kommt. Andererseits tobt ebendieser Streit in jedem von uns. Wir sehnen uns nach einem Haus wie nach der Ferne. Ist man einigermaßen wohlhabend, so kann man einen guten Kompromiss finden, indem man sowohl ein Haus  besitzt als auch dreimal im Jahr in den Urlaub fährt oder sich für 100.000 € ein Wohnmobil kauft. Merkwürdig bleibt nur, dass die großen Hotelanlagen an den Küsten Europas und Nordafrikas dem Banlieue so ähnlich sehen. Die Parallelgesellschaft entsteht nicht nur durch andere Sprachen. Sieht man aber auf die Flüchtlinge, die derzeit nach Deutschland kommen, so kann man mehr Globalisiertes als Trennendes wahrnehmen. Was uns alle eint, ist das Smartphone. Vielleicht richtet sich die Wut der ärmeren Bewohner Europas gar nicht gegen den äußeren Besitz, sondern gegen diese Gleichheit. Es ist ein Neid auf die Gleichheit entstanden, wo früher Klassenhass und Rassismus waren. Google wird schneller einen einfachen Universalübersetzer für jedes Smartphone auf der ganzen Welt entwickeln und verbreiten, als wir das seit langem als falsch und überflüssig erkannte Wort ‚Rasse‘ aus dem Grundgesetz oder den bundespräsidialen Trauererlassen entfernen.

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Flüchtlinge in Prenzlau

Als die französischen Glaubensflüchtlinge in die Uckermark, ins Oderbruch und ins Havelland kamen, schienen ihnen die Differenzen groß und unüberwindlich. Hundert Jahre hielten sie an ihrer sprachlichen und religiösen Separation fest. Heute gibt es noch ein paar Grabsteine und deutsch ausgesprochene Nachnamen. Der Gewinn, den die ängstlich am Zaun stehenden Ureinwohner hatten, war beträchtlich. Einen Behälter zum Tragen von Geld nennen wir immer noch Portemonnaie oder Portmonee, obwohl kaum noch jemand weiß, wie es geschrieben wird. Jedoch gerät langsam in Vergessenheit, wie Phantasie geschrieben wird: Fantasie oder Fantasy? Die Angst vor der Überfremdung der Sprache und der Sitte ist schon immer groß gewesen. Der Fremdling wird zunächst gemieden wie der Köper den Virus oder die Bakterie meidet. Jedoch kam die Rettung nicht aus der Vermeidung, sondern aus dem Schimmelpilz.

Die Frage wird noch sein, wer der Sprache mehr schadet, der Bürokrat, der Wörter nach Definitionen bildet, oder der Flüchtling oder Fremdling, der ein fragiles Verhältnis zur Grammatik und einen Wortschatz wie ein Bildzeitungsleser hat. Fast ist es gelungen, das schöne Wort Lehrling durch die bürokratische Fügung AZUBI, im Westen vorne, im Osten in der Mitte, von den Migranten hinten betont, zu verdrängen. Aus Eltern wurden Elternteile, aus Einwanderern Migranten und aus dem Arbeitsamt das Jobcenter.

Die ehemaligen Gastarbeiter und ihre Kinder und Enkel haben den Genitiv schon gar nicht mehr kennengelernt. Sie können an seinem Verschwinden nicht schuld sein. Als sie in die deutsche Sprache eintraten, war diese gerade mit der Zusammenlegung des Dativs mit dem Akkusativ und der Abschaffung von Flexionsendungen beschäftigt. Konjunktiv und Präteritum sind inzwischen Möglichkeitsformen der Vergangenheit, besonders im Süden (‚Oberdeutscher Präteritumsschwund‘).

Daraus folgt: die Sprache verändert sich, der Mensch verändert sich, die Welt verändert sich. Man kann versuchen zu bestehen oder zu widerstehen, gleichviel, alles ändert sich, und das ist das einzige Kontinuum. Individuen bleiben sich gleich – aber nur von innen gesehen. Von außen sehen wir die anderen, und sie ändern sich so stark, dass wir nicht in der Lage sind, uns ein Bild von ihnen zu machen. Da wir mit ihnen, den anderen, in engen Beziehungen stehen, ändern auch wir uns, indem wir uns ihnen anpassen oder ihnen widerstehen. Von Brecht gibt es die schöne kleine Geschichte, dass ein Sklave gefragt wird, ob er seinem Herrn dienen will. Er antwortet nach sieben Jahren, nachdem der Herr gestorben war, mit einem leisen Nein. So sind wir. Aber wir wollen das Wort Flüchtling und den Flüchtling abschaffen. Dabei übersehen wir, dass er sich selber abschafft.

In ein Gebirgsdorf, in dem alle Familien den gleichen Nachnamen haben, zieht ein Fremdling. Schon durch seinen Namen, aber auch durch seine Lebensweise bleibt er der Fremdling, der Zugezogene, bis ein neuer Fremdling kommt und fragt: wie lange wohnst du schon hier? Der Fremdling schafft sich selber ab, indem er sich anpasst oder die Menschen um ihn herum verändert. Eines Tages werden seine Enkel Bürgermeister. Amerika hat zweihundert Jahre gebraucht, bis es einen schwarzen Präsidenten ertragen konnte und benötigte.

Der Lehrling schafft sich selber ab, indem er lernt und Geselle oder Meister wird. Allerdings wächst das Wissen und wachsen die Fertigkeiten ebenso, und deshalb heißt ein lateinisches Sprichwort bonus vir semper tiro, ein guter Mensch bleibt immer Lehrling. Ein guter Mensch bleibt aber immer auch Flüchtling. Potentiell muss er sozusagen auf dem Sprung bleiben, falls die Verhältnisse in seinem Land ihm weder veränderbar noch erträglich erscheinen. Er ist kein Feigling, wenn er sich der Tyrannei durch Flucht entzieht. In Eritrea herrscht eine der absurdesten Diktaturen der gegenwärtigen Welt, und die Menschen haben dort einen Weg gefunden, dem zu entgehen, indem sie den flexibelsten Sohn auf die lebensgefährliche Reise in bessere Gegenden der Welt entsenden, damit er von dort aus die Familie mit ernähren kann. Diktator Isayas Afewerki profitiert von dieser Massenflucht durch eine erzwungene Steuer. Sein System basiert, wie alle Diktaturen, auf einem projizierten Feind: dem Nachbarland Äthiopien, wer das nicht glaubt, soll Angst vor den USA haben. Das Bruttosozialprodukt von Eritrea ist halb so groß wie das der Uckermark, zweihundert Millionen Dollar kommen jährlich von der EU zur Verbessrung der Stromversorgung als Bekämpfung der Fluchtursachen.

Aber auch von seiner Herkunft ist der gute, will sagen ehrliche Mensch, ein Abkömmling von Flüchtlingen. Nur einige Völker am Amazonas und auf Papua-Neuguinea leben in fast vollständiger Isolation, es gibt einige winzige religiöse Enklaven. Aber der übergroße Rest der Menschheit, nämlich 99,99% leben in offenen Gesellschaften. Alle Versuche, Mauern zu errichten, sind gescheitert. Alle Versuche, die Kommunikation, sei es physische und schon gar geistige, zu unterbinden, sind kläglicher als kläglich gescheitert. Auch das Spitzelsystem des Isayas Afewerki wird scheitern. Der Flüchtling schafft sich ab, indem er heimisch wird, sich integriert. Die Kleinstädte würden davon am meisten profitieren.

MENSCHEN KANN MAN NICHT WÄHLEN

Nr. 168

Dass man sich seine Eltern nicht aussuchen kann, dürfte allen bekannt sein. Man ist hineingeworfen in ein Elternhaus, und daraus sind ganz sicher die Begriffe von Schicksal, Vorbestimmtheit, aber auch Geborgenheit und behüteten Wege entstanden. Trotzdem ist es nicht sinnvoll, sich einen anderen Vater, weil er im Familienverband oft die fragile Rolle hat, oder eine andere Mutter zu wünschen, weil dieser Wunsch der Selbstverneinung gleichkommt. Es ist so, als wollte man seine Eltern umbringen, bevor man selbst gezeugt wurde. Man muss sich selbst anzunehmen lernen.

Die Kinder wurden früher so lange geprügelt oder gedemütigt, bis sie so wurden oder so zu sein vorgaben, wie es die Eltern als Repräsentanten der Mehrheitsgesellschaft wollten. Sicher hat es immer schon Eltern gegeben, die sich dem Mainstream widersetzt hatten und bei ihren Kindern alle Fünfe gerade sein ließen. Das wird immer eine Minderheit gewesen sein, genauso wie die traumatisierende Erziehung durch die Schwarze Pädagogik Ausnahme blieb. Gewalt wird heute in der Erziehung mehrheitlich abgelehnt, und langsam dämmert uns, wie sehr wir von anderen Menschen lernen können. In Afrika gibt es das schöne Bonmot, dass man zur Erziehung eines Kindes immer ein ganzes Dorf braucht. Das will sagen, selbst die besten Eltern sind Versager, weil das wahre oder wirkliche Wesen eines Menschen nicht erkennbar ist. Das Wesentliche kann nur erahnt werden. Keinen Menschen, noch nicht einmal uns selbst, können wir genau kennen. Es bleibt immer ein Lernen, und auch deswegen ist lernen immer besser als regeln. Als bestes Instrument der Erkenntnis erweist sich die Liebe oder wenigstens die Empathie.

Daraus folgt, dass man sich seine Kinder auch nicht aussuchen kann. Sie suchen sich selbst ihren Weg. Aber auch das Suchen muss man erst einmal finden. Mit jedem Fund entfernen sich die Kinder von den Eltern, aber nur um sie dann ganz wiederzufinden. Bis auf wenige Ausnahmen ist es uns nicht gegeben, uns weit von unseren Ursprüngen zu entfernen. Wir bleiben immer der Apfel, wenn wir vom Apfelbaum stammen, selbst wenn wir ihn oder uns reformieren, deformieren, programmieren, revolutionieren, zur Mutation oder Konversion zwingen oder bringen.

Genauso evident ist die Zufälligkeit von Nachbarn, Kollegen, sogar Freunden und Geliebten, die mathematisch und von ihrem Ergebnis her gesehen mit der Vorbestimmtheit zusammenfällt: wir können sie uns nicht aussuchen. Erkenntnisse kann man drehen und wenden, um einige kommt man nicht herum, im Gegenteil, sie breiten sich über die Dinge aus, die nicht voraussehbar war: zunächst hielt man die Antipoden für Ungeheuer, dann entdeckte man durch den berühmten Apfel die Gravitation, schließlich die Massenanziehung und dann die Äquivalenz von Masse und Energie. Einstein ist viel berühmter als seine Lehre. Und so ist es auch mit der Erkenntnis über den Menschen: zunächst ging man von einer universellen, generalisierten aus, doch je tiefer wir eindrangen, umso mehr erkannten wir, das wir nicht erkennen können. Wir waren oder sind füreinander bestimmt, sagen zwei Liebende, und das heißt doch nichts anderes, als dass es gestimmt hat. Über die Ursache sagt das nichts. Auf die Verwandtschaft von Bestimmung und Stimmung hat schon Shakespeare hingewiesen, von dem auch die mathematischste aller Liebesdefinitionen und Weisheiten über den Menschen stammt, die sicher nicht zufällig in seiner größten und schönsten Liebestragödie steht: the more I give the more I have [Romeo and Juliet II2] .

Da das Skript nicht erkennbar ist, müssen wir uns mit den Narrativen behelfen. Und all die Narrative der ältesten und entferntesten, aber auch der nahen und nächsten  Kulturen sagen eigentlich nur zweierlei: geben ist besser als nehmen, tu einem anderen nur an, was du dir selbst antust. Das setzt die mögliche Anonymität des anderen voraus und es lässt Raum für Transzendenz, denn das andere kann auch gut ein höheres sein, der Lenker aller Dinge, wie es in der Barockdichtung und im Koran so schön heißt. Jedoch: ein Narrativ ist endlich, die Natur dagegen ist unendlich, auch die Natur des Menschen.

Wir müssen in der und mit der Natur leben, die wir vorfinden. Alle Rechthaberei führt uns nur ins Leere. Alle Menschenmäkelei – und auch dieses Wort ist ein barockes Zitat – ist sinnlose Menschenfeindschaft. Ein Menschenfeind ist immer auch ein Feind von sich selbst, ein Opfer also, kein fröhlicher Sucher. Das Leben besteht aus suchen. Allerdings sollten wir keine Antworten suchen, sondern nur Fragen. Allerdings sollten wir nicht die Welt infrage stellen oder unsere Mitmenschen, sondern uns selbst und unsern Weg. Mit den Navigationsgeräten, vom Kompass bis zum Tomtom, ist uns eine schöne Metapher für das Irregehn gegeben. Wir gehen notwendig in die Irre, aber das Lächeln eines Mitmenschen kann uns in unserer Sackgasse trösten. Wer mir ein Wort beibringt, dem diene ich tausend Jahre [Ali ibn Abi Talib]. Das ist ein dem Apfelbaum ganz ähnlicher Gedanke. Der Apfelbaum mag sogar von Unwissenden und Irrenden gefällt worden sein, aber längst hatte der Geschmack der Äpfel Mensch und Tier erfreut, hatte die Kerne die Botschaft des Apfelbaums in alle Welt getragen.

Immer wieder hört man. Der ist schlecht, jener böse, dieser versteht mich nicht, der ist unwissend und rachsüchtig. Immer wieder muss man dagegen andenken: ich will das Gute, warum tue ich es nicht, ich war böse, lass mich das nächste mal besser sein, lass mich so reden, dass man mich versteht, lass uns wissen verbreiten wie Apfelkerne, lass uns Rache auch nur als Ahnung ablehnen und ablehnen. All diese wunderschönen Metaphern oder Wahrheiten – wer weiß es? – von der engen Pforte und dem schmalen Weg, von dem Pfad, der schmal wie ein Haar und scharf wie ein Messer ist, aber allein zum Guten führt, alle anderen fallen siebzig Jahre tief, lasst sie uns endlich beherzigen und glauben. Der Glaube an Gott ist immer auch der Glaube an Menschen. Der Glaube an Menschen ist immer auch der Glaube an Gott. Das ist der Kern.

SPINNEN ODER FÜRCHTEN

Nr. 167

Variation auf Sonett XVI von William Shakespeare

Die Angst vor dem Verändern ist mit der vor Menschen fast identisch. Menschen sind Veränderung. Sobald man sich auf einen neuen Menschen einlässt, muss man seinen Weg ändern. Wenn man seinen Weg partout nicht ändern will oder kann, muss man ganz allein bleiben, was nicht geht, autoritär werden, was nicht durchhaltbar ist, oder sich in eine Hierarchie einordnen, und das ist widernatürlich. Der Kompromiss ist vielleicht die kritische Distanziertheit, etwa so: die Menschen sind schlecht, noch nicht reif, unentwickelt, partiell böse, aber ich, wir meine Familie, mein Volk, meine Religion, wir sind immer richtig. Man kann nur leben, wenn man sich für richtig hält. Aber wenn man lebt und sieht, dann sieht man auch, dass man tastet, wo man gehen sollte, dass man nach dem Stock sucht, wo man den Weg finden könnte. Wir sind nicht richtig. Wir brauchen die Gemeinschaft. Wir brauchen den Kompromiss und die Veränderung.

Wir wollen uns vorstellen, dass das Leben eines Menschen wie sein Haus ist, das er sich nicht selbst gebaut, aber im Laufe eines langen Lebens seinen Bedürfnissen und Gewohnheiten, seinen Ängsten und seinem Mut angepasst hat. Wir brauchen gleichzeitig die Geborgenheit und die Tür. Wir brauchen das Fenster ebenso wie den Ofen. Von unserem Hausgast, der Spinne, haben wir nicht nur die Fähigkeit zum Alleinsein, sondern auch zur Vernetzung. Die Spinnen sind uns, obwohl wir für die Angst vor ihnen sogar ein eigenes Wort haben, Arachnophobie, so nah, dass wir für unser Veränderungsdenken ihren Plural zum Verb gemacht haben: wir spinnen. Da war allerdings der Umweg über eine zweite Metapher: das Spinnen am Spinnrad, das wir den Spinnen nachgeahmt haben. Am Spinnrad mögen mehr Geschichten erzählt worden sein als Weltveränderungsfantasien, aber Geschichten, obzwar sie ein Spiegel der Welt sind, sind doch auch ihr Script. Wir gehen in die Welt mit einem Repertoire von Geschichten für alle Situationen. Entweder haben wir das, was heute unsere Geschichte ist, selbst erlebt, oder schon mit auf den Weg bekommen. Mit auf den Weg bekommen haben wir es durch unsere Eltern und deren Maximen, die aus der Religion oder aus der Region stammen können, oder aus dem größten Speicher der Menschheit, den Geschichten der Geschichte. Auch der Speicher ist eine Baumetapher. Lernen ist Nachahmen, oft mit dem Umweg der Geschichten.

Aus diesen Geschichten könnten wir wissen, dass es immer Menschen geben muss und wird, die bleiben, und solche, die aufbrechen. Unser Geschichtengedächtnis ist aber selektiv. Wir hören immer die Geschichte, die wir hören wollen. Wollen wir aufbrechen, hören wir die Geschichte vom Aufbrechen. Wollen wir bleiben, so singt es in uns ‚Kein schöner Land‘ oder ‚Das Boot ist voll‘ oder andere Nationalhymnen. Dagegen gibt es in jeder Familie einen Urgroßvater, der aufbrach und verschwand oder der ein neues Leben fand. Wir unterschätzen, wieviele Menschen in der Zeit der Sesshaftigkeit aufbrachen, nach Russland, nach Rumänien, ins Banat, nach Amerika, um es nur von hier aus zu betrachten. Der ewige Streit um Nomaden und Sesshafte ist eben tatsächlich ein ewiger Streit, der nie entschieden wird. Leider scheint uns mit dem Glauben an die Richtigkeit unseres Weges (oder Stockes) auch die Verächtlichkeit der anderen Wege eingeboren zu sein. Toleranz muss man genauso lernen wie Einsamkeit oder Gemeinsamkeit oder Spinnen. Ohne Kultur könnten wir noch nicht einmal auf zwei Beinen gehen. Verächtlichkeit lernen wir auf dem gleichen Weg wie das Aufrechtgehen: durch Nachahmung. Es gibt demzufolge Verhaltensweisen, die über Jahrtausende gleich bleiben, obwohl sie weder gut noch nützlich sind. Wir übernehmen sie nur deshalb, weil sie vorhanden sind und sich alles andere, was vorhanden ist, mehr oder weniger bewährt hat. Wahrscheinlich nur so ist das Festhalten an nationalen Gewohnheiten und Rechthabereien zu verstehen, obwohl die Welt ihre Globalisierung so offensichtlich über Frühstücksgewohnheiten hinaus ausdehnt.

Auch das Scheitern wird gespeichert. Vielleicht sind die wirklichen und die wirklich neuen Entscheidungen immer aus dem Dilemma (bei Kant: Zwietracht) geboren. Am krassesten wird uns das deutlich, wenn wir ein innovator’s dilemma miterleben. Ein Mensch hat eine vielleicht sogar wesentliche Neuerung in sein und das Leben seiner Mitmenschen implantiert. Aber sein Stolz, seine Eitelkeit, seine Vergesslichkeit, seine Trägheit, seine Perspektive, die notwendig verzerrt ist, sie alle hindern ihn zu erkennen, dass auch seine Innovation veraltet und er mit ihr. Zum Schluss sitzt er – wie alle – in seinem Rollstuhl und murmelt etwas von ‚heutzutage‘ und ‚bloody tyrant time‘.

Ein Haus zu bewohnen erfordert genau so viel Mut wie ein Boot zu besteigen. Die Zeit überwogt uns genau so stark wie das Meer. Mehr Menschen sterben in ihren Häusern als durch ihre Boote. Trotzdem hören wir lieber eine Odyssee als die Geschichte vom Spinnrad. Trotzdem haben wir vor dem mehr Angst, der mit dem Boot zu uns kommt, als vor dem, der still vor seinem verfallenden Haus sitzt und Schreckliches ausbrütet: Langeweile und Xenophobie. Vor dem Verfall kann man sich nur retten, indem man sich nicht vor ihm fürchtet. Unser Haus verfällt genauso wie unser Boot. Alle Reparaturen führen in den Untergang.

Von unseren Häusern müssen wir lernen: zu verfallen und gleichzeitig erhaltenswert zu sein. Von unseren Spinnen können wir lernen in einer eher feindlichen Welt auszuharren, ungeheuer komplexe Fähigkeiten haben und in einem Augenblick anwenden, aber lange Zeiten den Durst nach Taten aushalten wie den Durst nach Wasser. Verfall ist notwendigerweise Entmutigung, also müssen wir uns immer wieder ermutigen. Für die nächsten tausend Jahre schlage ich das Wort Arachnotharros vor, Spinnenmut. Das kann und sollte sowohl unser Mut sein, mit der Spinne zu leben als auch der Mut, den die  Spinnen haben. Es erfordert ebensoviel Mut, seine Gedanken fortzuspinnen, überhaupt erst einmal eigene Gedanken zu haben. Aber es hilft auch nicht, die Gedanken der anderen zu ignorieren. Der Kompromiss wiederum schließt das Charisma nicht aus. Ein wahrer Führer fühlt seine Gemeinschaft. Auch er lernt nur durch Mimesis, durch Nachahmen. Der Schauspieler ahmt uns nach, aber wir ahmen den Schauspieler nach. Nur wenn du gibst, hast du auch. Es gibt keine anderen Menschen. Die Menschen – das bist du und das bin ich. Mein Haus ist offen für alle, die offen für mein Haus sind.

DIE KONSTRUKTION DES BÖSEN AUS LINKEM UND RECHTEM WAHN

Nr. 166

 

Es ist immer ein Wähnen, wenn man glaubt, Wahrheit, Lösung, Wissen gefunden zu haben. Trotz zunehmender Bildung ist der Wahn weiter verbreitet, dass es für alles kurzfristige, einfache und plausible Lösungen gibt, die von System, Systemverbrechern, alteingesessenen Fremden, von der Geldgier der anderen, überhaupt: von anderen verhindert werden.  Bücher haben Millionenauflagen, in denen geschrieben steht, dass Deutschland sich abschafft, wenn es so weiterlebt. Niemandem fällt auf, dass es diese Angst schon immer gibt. Vor dem ersten Weltkrieg waren fast alle Menschen in Deutschland, merkwürdigerweise auch sehr viele Intellektuelle, der Meinung, dass Deutschland verschwände, würde es sich nicht präventiv seiner Feinde erwehren. Aber selbst nach dem zweiten Weltkrieg, der so viele Menschen und Länder, darunter auch Deutschland, in den Orcus des Verderbens gerissen hatte, gab es Deutschland noch. Man sprach damals von Zusammenbruch und meinte den Hitlerwahn, der wie ein Kartenhaus zusammengebrochen war, weil er aus nichts bestand und trotzdem leider nicht von heute auf morgen verschwand, und man bemerkte nicht, dass die Kinder in den Schulen schon wieder und immer noch Goethegedichte lasen und ‚Kein schöner Land‘ sangen.

In anderen Büchern, die sich ebenso gut verkaufen, steht, dass ein bestimmtes Ereignis im Jahre 1953 in Persien der Ausgangspunkt für die heutigen Auseinandersetzungen sei, an denen demzufolge die Amerikaner allein Schuld hätten. Als vorsichtige Argumente seien erwähnt: der Streit zwischen Schiiten und Sunniten dauert schon 1400 Jahre, der zwischen dynastischem und selektivem Prinzip, ob also ein Anführer genetisch oder nach seinen tatsächlichen Fähigkeiten bestimmt wird, währt schon hunderttausende von Jahren,  geht man noch einen Schritt zurück, so ist es die Auseinandersetzung zwischen Schwarmintelligenz und zeitweiliger Führerschaft (Aberglaube vom Alphatier). Das alles ändert sich ohnehin, wenn ein harter Winter kommt: Ein sehr harter Winter ist, wenn ein Wolf den andern frisst. Das heißt, Prinzipen überschneiden sich, Paradoxien sind weder leicht erkennbar noch plausibel, man folgt aus Gewohnheit oder aus Gruppensolidarität, weniger und seltener aus rationalen Gründen. Alleine über Gruppensolidarität lässt sich immer wieder nachsinnen: wir folgen den Gruppen gleicher Religion, gleicher Nation, aber zum Schluss folgen wir immer der Gruppe des gleichen Geschlechts, das sind mehr als dreieinhalb Milliarden Menschen.

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SED-Kreisleitung in Strasburg 

In der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts entwickelten sich drei Grundgedanken, um die Gesellschaft, die, vielleicht entfernt vergleichbar mit den heutigen Erscheinungen, aus einem fragilen, allerdings auch glitschigen Zustand wieder herauszuführen. Die vom Land in die Stadt drängenden Elenden, die dort hofften, ihr Elend abschütteln zu können, sahen sich getäuscht, mussten nun auch unter traurigsten äußeren Verhältnissen schuften. Der Wohlstand, den diese Arbeitermassen erwirtschafteten, kam erst ihren Enkeln zugute. Man nannte das die soziale Frage. Der erste Grundgedanke war, die Verhältnisse umzustürzen, in denen solch ein Leid für so viele Menschen genauso produziert wurde, wie all die Lebensmittel und Gegenstände, die es vorher nicht gegeben hatte. Sowohl die Menge der Lebensmittel als auch die Menge der Gegenstände wuchsen exponentiell. Dass sie schneller wachsen würden als die Menge der Menschen, die nur in eine hohe Sterblichkeit und nach Amerika ausweichen konnten, war nicht absehbar. Der linke Mythos, dass der Umsturz der Verhältnisse die kurzfristige, einfache und plausible, wenn auch schmerzhafte Lösung sei, war geboren und wurde erprobt. Ihr Scheitern war ebenso schmerzhaft wie ihre Geburt, bedeutete aber nicht das Ende des Mythos. Er lebt fort in den Forderungen linker Parteien überall auf der Welt und in tödlichen Karikaturen linker Diktaturen und Diktatoren, wie zum Beispiel in Nordkorea. Dort hat sich auch das dynastische mit dem selektiven Prinzip verbunden. Es herrscht eine Art Baby Doc, der Enkel des Staatsgründers. Von allen Ideen, die links und plausibel gewesen sein mögen, sind nur der absurde Traum von Autarkie und ein ebenso absurder Militarismus geblieben. Unter Militarismus soll hier nicht nur die relativ zur Bevölkerung größte Armee der gegenwärtigen Welt verstanden werden, sondern auch die militaristisch-gleichförmige und totale Bewegung großer, wahrscheinlich sogar der meisten Bevölkerungsteile, die ganz sicher auch dem Nationalhymnenwahn erlegen sind, dass sie im besten aller Länder leben. Sie kennen allerdings nur ein Land, und das ist durch die Leere gekennzeichnet.

Barmherzigkeit ist dringend notwendig, aber auch nicht die Lösung großer sozialer Spannungen, wie sie in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts in Europa auftraten. Wichern und Kolping, zwei religiös fundamentalistische, sozial aber revolutionäre Denker, haben den Adventskranz und den Wahn hervorgebracht, die Rückkehr zur frommen Idylle könnte die einfache, relativ kurzfristige und plausible Lösung sein. In dem Maß, wie sich Religion als soziale oder nationale Sprengkraft versteht, wird sie weiter scheitern. Sie scheitert, indem sie in der Säkularisierung untergeht, und sie scheitert, indem sie immer wieder bewaffnete Mörderbanden toleriert, um nicht zu sagen: billigt oder gar losschickt. Der Versuch ist sträflich und schändlich. Es gibt keinen Grund zum Töten.

Sobald der dritte Grundgedanke auch nur erwähnt wird, winken die Realisten beider Lager, des linken und des rechten, des Umsturzes und der Bewahrung, ab. Die Zunahme des Wohlstands muss von einer gleichen Zunahme an Bildung, Kultur und Moral begleitet werden. Die Lösung des Problems ist langfristig, komplex und nicht leicht, fast gar nicht einzusehen: sie besteht in der Produktion von Dingen und Gedanken, die sich schnell ausbreiten können und auch tatsächlich schnell verbreiten. Auch Gerechtigkeit unterliegt dem Gesetz der großen Zahl und ist nur asymptotisch zu haben.

Im Theater dagegen sind hin und wieder die alten Mythen zu sehen. Während Ovid sein altes Ehepaar durch die Götter belobigen lässt, sie dürfen zusammen sterben und leben als Bäume vor ihrem Haus weiter, schauderte es Goethe und vor allem Brecht vor soviel Gutem. Goethe lässt am Ende von Faust II Philemon und Baucis, jenes alte Ehepaar, durch Mephisto umbringen, der den Geist des blinden Aktionismus gepaart mit Skrupellosigkeit verkörpert. Brecht lässt seine Shen Te, seinen guten Menschen von Sezuan, auflaufen, scheitern und hinter der Maske des kalten und bösen Kapitalisten verbergen. Das Böse maskiert sich immer mit dem Guten, das Gute hingegen ist immer nackt. Das Böse scheitert immer so wie Macbeth und Hitler gescheitert sind: in Schande, Verachtung und Ekel. Das Gute triumphiert immer, und sei es am Kreuz oder Galgen.

Es ist genau umgekehrt: der Kapitalismus erzeugt jenen Wohlstand, der für Demokratie und Wohlfahrt Voraussetzung und Rückhalt ist.

Es ist genau umgekehrt: das Scheitern des guten Menschen in widrigen Verhältnissen ist die Zeugung des Keims besserer Verhältnisse in den Herzen vieler Menschen und dann später in der Wirklichkeit.

 

[Das Titelbild zeigt die Kleiderbörse für Arme im ehemaligen französischen Pfarrhaus in Strasburg in der Uckermark.]