DER MOOR DUALISMUS

 

Philosophen und Mediziner lehren mich, wie

treffend die Stimmungen des Geistes mit den

Bewegungen der Maschine zusammenlaufen.

 

Nr. 171

 

Der eine ekelt sich vor sich selbst, er hat ‚große Rechte, über die Natur ungehalten zu sein‘. Deshalb tut er sein ganzes kurzes und nichtswürdiges Leben lang nichts anderes, als zu versuchen, die vermeintlich ungerechten Bedingungen für sein Leben zu verändern: mit Psychoterror, Vergewaltigung, Lüge, bezahltem Verrat, populistischen Versprechungen, und schließlich mit Mord und Totschlag.

Den anderen ‚ekelt vor diesem tintenklecksenden‘ Jahrhundert. Er verlässt sein Elternhaus, weil er die Welt verbessern will, stößt auf die Hürden der Bürokratie und des institutionalisierten Wissens und wird prompt ein Outlaw wie aus den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts.

Die beiden Brüder könnten aus einem Forum im Internet entsprungen und dort die Anführer einer Empörungsgruppe sein. Die Empörung ist die neue Revolution. Man kann ganz laut schreien. Man kann zeigen, wie unrecht die widerwärtige Welt hat und ist. Alle machen alles falsch, aber wir, wir wissen es besser. Denn der Chefempörer ist nicht allein. Er hat eine Gruppe Claqueure um sich versammelt, die nie schläft, die immer die erforderlichen Klicks und unterwürfigen Beifallsrufe bereit hält. Wichtig ist nur, rechtzeitig das Thema zu wechseln, damit die Hohlheit des Protests nicht im All widerhallt.

Dem Vorwurf des Egoismus versucht die andere Gruppe durch den Hinweis auf mangelnde Gerechtigkeit zu entgehen, mit der sie die eigenen Mängel zu erklären versucht. Auch sie will einen gerechteren Anteil erzwingen.

Der eine verflucht die Ordnung, der andre die Freiheit. Beide Sichtweisen erklären die jetzige Welt für verdorben: jetzt erst klecksen die Bürokraten das Jahrhundert voll, jetzt erst offenbart sich die himmelschreiende Ungerechtigkeit. Der eine will die Welt korrigieren, indem er den Reichen nimmt und den Armen gibt. Der andere meint, es reicht, wenn seine eigene Lebenssituation auf Kosten der anderen verbessert wird. Das nennen wir zwar böse, aber wir bewundern es immer wieder. Die Natur, meint diese auf dem Kopf stehende Theorie des Rechts des Stärkeren, ‚gab…uns doch Erfindungsgeist mit, setzte uns nackt und bloß ans Ufer diese großen Ozeans Welt: Schwimme, wer schwimmen kann, und wer zu plump ist, geh unter.‘ Man kann alles in schöne Sätze fassen, auch das Elend der eigenen Nichtswürdigkeit.

Das Platonische Höhlengleichnis zeigt die Abhängigkeit unseres Erkenntnisvermögens von der uns umgebenden Welt. Wir können nur erkennen, was wir kennen. Das chinesische Gleichnis von der Kuh der armen Familie zeigt uns, wie wir aber auch materiell über die Dinge schwer hinausgelangen können, von denen wir derzeit abhängen. Man könnte es auch das Hartzviergleichnis nennen: Ein Weiser in China ging mit seinem Jünger übers Gebirge und sie kehrten bei einer bettelarmen Familie ein, die nur überlebte, weil sie eine einzige Kuh hatte. Als der Jünger beim Weiterwandern von seinem Mitleid bedrückt war, sagte ihm der Meister: geh zurück und stoße die Kuh den Abhang hinab. Der Jünger tat das zwar, aber es brach ihm fast das Herz. Der Meister starb, und der Jünger, nun selber Meister, ging nach vielen Jahren an den Ort zurück und fand eine reiche Familie vor.

Jeder Jammer und jede Empörung rennt also in die falsche Richtung. Jeder weiß: ‚ein schwankendes Gebäude braucht des Erdbebens nicht, um übern Haufen zu fallen‘. Gift und Galle sind nicht die Arzneien für eine kranke Welt. Und trotzdem bleibt fast jeder beim Jammer stehen. Wer in einem kalten Zimmer sitzt, heizt. Wer in einer kalten Gesellschaft sitzt, jammert.

Weder das Festhalten an der Ordnung, wozu auch die Tradition gehört, noch das übermäßige Erwarten der Freiheit führt uns zu einem Gleichgewicht, das es nicht geben kann. Um das das Zimmer warm zu halten, muss man Energie nachlegen. Um die Gesellschaft am Laufen zu halten, muss man etwas tun. Es gibt die vielleicht etwas naiv-optimistische Vorstellung, dass der Fortschritt ein Naturgesetz sei. Sie übersieht das Scheitern und das Verschwinden. Es gibt die pessimistische Idee, dass das Paradies keine Metapher ist, sondern wahr war, unsere Vorfahren die edlen Wilden. Sie überbetont das heutige Scheitern gegenüber dem vergangenen. Und es gibt die Realisten, die glauben, dass alles ein ewiger Zyklus sei. Sie übersehen den Fortschritt und das Scheitern. In den großen Geschichten und Parabeln wird uns oft ein Dualismus nicht etwa als Wirklichkeit oder gar Täuschung vorgespielt, sondern als Didaktik. An der Zweiheit sollen wir die Vielheit erkennen. Etwas Unglaubliches passierte, und Tatsache, wir können es nicht glauben. So ist es schon, seit die Menschheit denkt. Und deshalb gibt es die Geschichten, von denen die Realisten glauben, dass sie die ‚Torheit unserer Ammen und Wärterinnen‘ seien. Selbst mit den Maschinen, die unsere Erkenntnis stärken, ja substituieren wollen oder sollen, ist die Vielheit nicht erfassbar. Wir verstehen schon nicht, dass ein Mensch nicht das ist, was er zu sein vorgibt, was er in diesem Moment seines Triumphes ist, was er in diesem Moment seines Versagens ist, worin seine Botschaft besteht, wenn er eine hat, woher er kommt, wohin er geht. Selbst der liebste und nächste Mensch bleibt uns fremd, aber auch der fernste und gleichgültigste. Wir haben zweitausend Jahre gebraucht, um über einen so komplexen Begriff wie Feindesliebe auch nur nachzudenken. Sobald man ihn in den Diskurs einwirft, kommt als Echo die sogenannte Realität oder das Ammenmärchen. Die wahren Geschichten wollen wir nicht glauben oder glauben wir, abtun zu müssen, aber die abenteuerlichsten Erklärungen von ewiger Wahrheit und Weltregierung, von Geld, das die Welt regiert, vom Stärkeren, der irgendein Recht hat, von der Ordnung, die uns hindert, von der Freiheit, die uns vorenthalten wird, das alles glauben wir und saugen es auf wie einst die Muttermilch, nur um nichts tun zu müssen, um nur ja nicht über unseren Schatten springen zu müssen.

Die Geschichte von den beiden Brüdern, von denen der eine die kleine Welt ändern will, um selbst besser dazustehn, der andere aber die große Welt ändern will, um sie zu verbessern, zeigt uns, dass keiner nur böse oder nur gut ist. Man kann weder die kleine Welt noch gar die große Welt ändern, wenn man sich selbst nicht ändert. Man muss niemanden auffordern, zu nehmen, das können wir alle von selbst, man muss auch nicht hinausschreien: gib, gib, gib. Man muss geben, damit sich die Welt so langsam weiter bessert, wie sie es schon seit Jahrtausenden tut, gegen alles Jammern, aber auch nicht von allein. Wir sollten weder um ein goldenes noch um ein heiliges Kalb tanzen. Es reicht, wenn wir einander achten, uns gegenseitig helfen, etwas tun, etwas geben. Vielleicht reicht es schon, wenn wir einfach aufhören zu jammern und über uns selbst nachzugrübeln.

 

 

Alle Zitate sind aus SCHILLERs Räubern, von den Brüdern Moor.

Des Verfassers Rochusthal heißt in Wirklichkeit Moor.  

DIE WEIHNACHTSMASCHINE

 

Nr. 170

Selbst wenn die Weihnachtsmaschine nur Lametta herstellen könnte, wäre sie Teil von dem, was in der gesamten christlichen Welt von Weihnachten erwartet wird, und das ist zu viel. Die Weihnachtsmaschine, wenn es sie gäbe, wäre so etwas wie die Turingmaschine, nur eben zur Lösung aller emotionalen Probleme aller Menschen. Schlaf, Drogen, Depressionen, aber auch Kunst und Religion helfen uns, das zu schwere Leben auszuhalten. Vom Lametta erhoffen wir uns die Lösung unserer unlösbaren Probleme. Im Weihnachtsbaum, der zur christlichen Metaphorik in keinem Zusammenhang steht, erhoffen wir uns die Reproduktion unserer Kindheit, genauer gesagt die widerspruchsfreie Katharsis, die auch in unserer Kindheit nur zu Weihnachten und vielleicht noch partiell in den Sommerferien eintrat, wenn der Sommer heiß und schön war. Genauso ist die hundertprozentige Erfüllung unserer Wünsche oder Ausführung unserer Pläne eben nicht möglich. Insofern ist jeder Weihnachtswunsch Illusion. Noch schlimmer ist es, dass die Erfüllung eines Wunsches ein noch größeres Bedürfnis erschafft, als es mit diesem Wunsch vorhanden war.

Die Kritik, dass Weihnachten einfach eine Verstärkung von Frustrations- und Konsumverhalten ist, ist so alt wie dieses Verhalten selbst. Deshalb wurde die Geburt von Jesus mit Weihnachtbäumen, Engeln und Christkindern, Nikoläusen und schließlich Weihnachtsmännern verstärkt, aber auch sie haben ihre Höhepunkte überschritten und verblassen gerade.

Wir wollen gleichzeitig eine Atempause und einen moralischen Ansporn, den wir aber mit Absicht jedes Jahr überhören, weil wir immer die Welt durch Kritik an den andern verbessern wollen. Auch die Pause füllen wir uns mit einem Kalender voller Termine zur angeblichen, tatsächlich aber weit verfehlten Besinnung. Auch diese Kritik ist schon sprichwörtlich.

Wahrscheinlicher fällt die wachsende Verkultung von Weihnachten eher mit der Sinnkrise der wohlhabenderen Menschheit zusammen. Ein fehlender Sinn wird aber immer noch nicht als Defizit empfunden. Statt dessen wird weiterhin das Wohlstandsdefizit als eigentliches Problem benannt, so als würde das neunzehnte Jahrhundert fortdauern. Hunger lässt sich einfacher und himmelschreiender beschreiben als Leere.

Dabei stehen der Sinn des Lebens und die Weihnachtsbotschaft in engstem Zusammenhang: die Lösung kommt nicht von außen. Wer auf den Sinn des Lebens wie auf ein Weihnachtsgeschenk wartet, kann lange warten. Man kann den Sinn des Lebens nicht bei Amazon bestellen. Wer auf einen Erlöser wartet, kann ebenso lange warten. Vielmehr ist die Weihnachtsbotschaft eine Metapher der Selbstbefreiung. In jedem neugeborenen Kind ist die Hoffnung auf Sinn und Sinngebung, nicht auf Sinnerlangung.

Jeder hat es schon einmal erlebt, dass ein langes Gespräch Licht in das Dunkel bringen kann. Das muss und kann nicht die Lösung des Problems sein, falls es ein Problem gibt, sondern eine neue Sichtweise, eine Ermutigung. Wer schon einmal in einer verzweifelten Lage war, weiß, dass die Ermutigung mehr wert ist als die fertige Lösung oder der richtige Weg. Denn es gibt keinen richtigen Weg, es gibt keine widerspruchsfreie Lösung. Das ist das Paradox des Weihnachtsgeschenkes: wenn man es endlich hat, ist man schon wieder unbefriedigt und in Erwartung des nächsten Weihnachten. Wenn wir uns die Welt als einen tiefen dunklen Wald vorstellen, etwa wie bei Rotkäppchen, dann ist der Wegweiser eher eine Falle, unsere Hoffnung ist zu einem Drittel Misstrauen und zum dritten Drittel Verzweiflung. Sieht man umgekehrt die Welt als Metapher für einen dunklen unwegsamen Wald, dann sind am Ende mehr verführte als frohe Menschen zu sehen.

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Die Weihnachtsbotschaft ist Freude, aber die meisten Menschen sind gar nicht froh. Sie leiden an sich, an ihren Widersprüchen oder Pickeln, an ihren Wünschen oder Hoffnungen oder Geschenken. Der Sieg über den Hunger hat mehr Probleme geschaffen, als er gelöst hat, woraus nicht folgt, dass das Leben mit dem Hunger leichter gewesen wäre. Nur fielen damals Sinn und Hungerbeseitigung – oder Essenbeschaffung – zusammen.  So gesehen sind die Flüchtlinge, die derzeit zu uns kommen, nicht nur eine demografische Chance, sie lösen nicht nur ein Problem, das wir noch nicht einmal als Problem erkannt haben.

Sie zeigen vielmehr, dass Ermutigung immer Mut voraussetzt. Man muss seine kaputte Hütte und sein verzweifeltes Leben verlassen, durch die Wüste und das Meer zu neuen Ufern und Orten aufbrechen. Man muss die petrifizierten Metaphern wieder verwirklichen. Dann erst können sie zu einem neuen Narrativ erstarren, was wieder, wer weiß, wie lange, Leuchtkraft und Beispiel sei.

Allerdings dürfen wir uns nicht nur unserem klapprigen Smartphone anvertrauen, sondern müssen dem Menschen auf der anderen Seite der Kommunikation ins Auge blicken, wenn wir schon nicht ins Herz sehen können.

 

Es gibt keine Turingmaschine, die alle Probleme berechnen und berechnend lösen kann, wenngleich ein Smartphone oder ein Personalcomputer fast wie Wunder sind. Trotzdem ist der Traum dieses obersympathischsten Träumers und Nerds aller Nerds, Alan Turing, Ansporn und sinnloses Weihnachtsgeschenk, Hoffnung und Enttäuschung zugleich. Unser meistgesprochener Satz am Computer ist: Warum macht er das jetzt nicht. Und nicht: Ein Wunder, was er alles kann! Übrigens ist der Nerd of Nerds ganz ähnlich zu Tode gekommen wie der Lord of Lords: man war befremdet von seinem Anderssein.

Es gibt keine Weihnachtsmaschine, die alle unsere Kindheitsgefühle reproduzieren könnte. Ein dickes Märchenbuch mit 2002 Geschichten, eine fantastischer als die andere, käme dieser ersehnten Maschine noch am nächsten. Die verzweifelte Hoffnung auf die Zernichtung des Hoffens, die reine Rationalität also, war ein Irrweg. Dagegen ist der Irrweg durch die Märchen und Geschichten, durch die Legenden und Gleichnisse, der einzig wichtige Weg zur Ermutigung, zur Hoffnung, zur Lichtung durch Licht und nicht durch fadenscheinige Argumente. Nicht das Medium ist die Botschaft, sondern die Geschichte selbst ist die Botschaft, die Geschichte, die sich jetzt vor unseren Augen abspielt. Die Lösung ist das Naheliegende, was in diesem Moment bei dir anklopft.

DER FREMDLING SCHAFFT SICH AB

Ungleich verteilt sind des Lebens Güter

unter der Menschen flüchtgem Geschlecht.

SCHILLER, Die Braut von Messina

Nr. 169

Einerseits ist der Streit zwischen Nomaden und Sesshaften eine Zeitenwende, die neolithische Revolution, die vor allem in jenem Gebiet zuerst stattfand, das wir als Fruchtbarer Halbmond oder Zweistromland bezeichnen, und aus dem heute ein Großteil der Flüchtlinge kommt. Andererseits tobt ebendieser Streit in jedem von uns. Wir sehnen uns nach einem Haus wie nach der Ferne. Ist man einigermaßen wohlhabend, so kann man einen guten Kompromiss finden, indem man sowohl ein Haus  besitzt als auch dreimal im Jahr in den Urlaub fährt oder sich für 100.000 € ein Wohnmobil kauft. Merkwürdig bleibt nur, dass die großen Hotelanlagen an den Küsten Europas und Nordafrikas dem Banlieue so ähnlich sehen. Die Parallelgesellschaft entsteht nicht nur durch andere Sprachen. Sieht man aber auf die Flüchtlinge, die derzeit nach Deutschland kommen, so kann man mehr Globalisiertes als Trennendes wahrnehmen. Was uns alle eint, ist das Smartphone. Vielleicht richtet sich die Wut der ärmeren Bewohner Europas gar nicht gegen den äußeren Besitz, sondern gegen diese Gleichheit. Es ist ein Neid auf die Gleichheit entstanden, wo früher Klassenhass und Rassismus waren. Google wird schneller einen einfachen Universalübersetzer für jedes Smartphone auf der ganzen Welt entwickeln und verbreiten, als wir das seit langem als falsch und überflüssig erkannte Wort ‚Rasse‘ aus dem Grundgesetz oder den bundespräsidialen Trauererlassen entfernen.

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Flüchtlinge in Prenzlau

Als die französischen Glaubensflüchtlinge in die Uckermark, ins Oderbruch und ins Havelland kamen, schienen ihnen die Differenzen groß und unüberwindlich. Hundert Jahre hielten sie an ihrer sprachlichen und religiösen Separation fest. Heute gibt es noch ein paar Grabsteine und deutsch ausgesprochene Nachnamen. Der Gewinn, den die ängstlich am Zaun stehenden Ureinwohner hatten, war beträchtlich. Einen Behälter zum Tragen von Geld nennen wir immer noch Portemonnaie oder Portmonee, obwohl kaum noch jemand weiß, wie es geschrieben wird. Jedoch gerät langsam in Vergessenheit, wie Phantasie geschrieben wird: Fantasie oder Fantasy? Die Angst vor der Überfremdung der Sprache und der Sitte ist schon immer groß gewesen. Der Fremdling wird zunächst gemieden wie der Köper den Virus oder die Bakterie meidet. Jedoch kam die Rettung nicht aus der Vermeidung, sondern aus dem Schimmelpilz.

Die Frage wird noch sein, wer der Sprache mehr schadet, der Bürokrat, der Wörter nach Definitionen bildet, oder der Flüchtling oder Fremdling, der ein fragiles Verhältnis zur Grammatik und einen Wortschatz wie ein Bildzeitungsleser hat. Fast ist es gelungen, das schöne Wort Lehrling durch die bürokratische Fügung AZUBI, im Westen vorne, im Osten in der Mitte, von den Migranten hinten betont, zu verdrängen. Aus Eltern wurden Elternteile, aus Einwanderern Migranten und aus dem Arbeitsamt das Jobcenter.

Die ehemaligen Gastarbeiter und ihre Kinder und Enkel haben den Genitiv schon gar nicht mehr kennengelernt. Sie können an seinem Verschwinden nicht schuld sein. Als sie in die deutsche Sprache eintraten, war diese gerade mit der Zusammenlegung des Dativs mit dem Akkusativ und der Abschaffung von Flexionsendungen beschäftigt. Konjunktiv und Präteritum sind inzwischen Möglichkeitsformen der Vergangenheit, besonders im Süden (‚Oberdeutscher Präteritumsschwund‘).

Daraus folgt: die Sprache verändert sich, der Mensch verändert sich, die Welt verändert sich. Man kann versuchen zu bestehen oder zu widerstehen, gleichviel, alles ändert sich, und das ist das einzige Kontinuum. Individuen bleiben sich gleich – aber nur von innen gesehen. Von außen sehen wir die anderen, und sie ändern sich so stark, dass wir nicht in der Lage sind, uns ein Bild von ihnen zu machen. Da wir mit ihnen, den anderen, in engen Beziehungen stehen, ändern auch wir uns, indem wir uns ihnen anpassen oder ihnen widerstehen. Von Brecht gibt es die schöne kleine Geschichte, dass ein Sklave gefragt wird, ob er seinem Herrn dienen will. Er antwortet nach sieben Jahren, nachdem der Herr gestorben war, mit einem leisen Nein. So sind wir. Aber wir wollen das Wort Flüchtling und den Flüchtling abschaffen. Dabei übersehen wir, dass er sich selber abschafft.

In ein Gebirgsdorf, in dem alle Familien den gleichen Nachnamen haben, zieht ein Fremdling. Schon durch seinen Namen, aber auch durch seine Lebensweise bleibt er der Fremdling, der Zugezogene, bis ein neuer Fremdling kommt und fragt: wie lange wohnst du schon hier? Der Fremdling schafft sich selber ab, indem er sich anpasst oder die Menschen um ihn herum verändert. Eines Tages werden seine Enkel Bürgermeister. Amerika hat zweihundert Jahre gebraucht, bis es einen schwarzen Präsidenten ertragen konnte und benötigte.

Der Lehrling schafft sich selber ab, indem er lernt und Geselle oder Meister wird. Allerdings wächst das Wissen und wachsen die Fertigkeiten ebenso, und deshalb heißt ein lateinisches Sprichwort bonus vir semper tiro, ein guter Mensch bleibt immer Lehrling. Ein guter Mensch bleibt aber immer auch Flüchtling. Potentiell muss er sozusagen auf dem Sprung bleiben, falls die Verhältnisse in seinem Land ihm weder veränderbar noch erträglich erscheinen. Er ist kein Feigling, wenn er sich der Tyrannei durch Flucht entzieht. In Eritrea herrscht eine der absurdesten Diktaturen der gegenwärtigen Welt, und die Menschen haben dort einen Weg gefunden, dem zu entgehen, indem sie den flexibelsten Sohn auf die lebensgefährliche Reise in bessere Gegenden der Welt entsenden, damit er von dort aus die Familie mit ernähren kann. Diktator Isayas Afewerki profitiert von dieser Massenflucht durch eine erzwungene Steuer. Sein System basiert, wie alle Diktaturen, auf einem projizierten Feind: dem Nachbarland Äthiopien, wer das nicht glaubt, soll Angst vor den USA haben. Das Bruttosozialprodukt von Eritrea ist halb so groß wie das der Uckermark, zweihundert Millionen Dollar kommen jährlich von der EU zur Verbessrung der Stromversorgung als Bekämpfung der Fluchtursachen.

Aber auch von seiner Herkunft ist der gute, will sagen ehrliche Mensch, ein Abkömmling von Flüchtlingen. Nur einige Völker am Amazonas und auf Papua-Neuguinea leben in fast vollständiger Isolation, es gibt einige winzige religiöse Enklaven. Aber der übergroße Rest der Menschheit, nämlich 99,99% leben in offenen Gesellschaften. Alle Versuche, Mauern zu errichten, sind gescheitert. Alle Versuche, die Kommunikation, sei es physische und schon gar geistige, zu unterbinden, sind kläglicher als kläglich gescheitert. Auch das Spitzelsystem des Isayas Afewerki wird scheitern. Der Flüchtling schafft sich ab, indem er heimisch wird, sich integriert. Die Kleinstädte würden davon am meisten profitieren.

MENSCHEN KANN MAN NICHT WÄHLEN

Nr. 168

Dass man sich seine Eltern nicht aussuchen kann, dürfte allen bekannt sein. Man ist hineingeworfen in ein Elternhaus, und daraus sind ganz sicher die Begriffe von Schicksal, Vorbestimmtheit, aber auch Geborgenheit und behüteten Wege entstanden. Trotzdem ist es nicht sinnvoll, sich einen anderen Vater, weil er im Familienverband oft die fragile Rolle hat, oder eine andere Mutter zu wünschen, weil dieser Wunsch der Selbstverneinung gleichkommt. Es ist so, als wollte man seine Eltern umbringen, bevor man selbst gezeugt wurde. Man muss sich selbst anzunehmen lernen.

Die Kinder wurden früher so lange geprügelt oder gedemütigt, bis sie so wurden oder so zu sein vorgaben, wie es die Eltern als Repräsentanten der Mehrheitsgesellschaft wollten. Sicher hat es immer schon Eltern gegeben, die sich dem Mainstream widersetzt hatten und bei ihren Kindern alle Fünfe gerade sein ließen. Das wird immer eine Minderheit gewesen sein, genauso wie die traumatisierende Erziehung durch die Schwarze Pädagogik Ausnahme blieb. Gewalt wird heute in der Erziehung mehrheitlich abgelehnt, und langsam dämmert uns, wie sehr wir von anderen Menschen lernen können. In Afrika gibt es das schöne Bonmot, dass man zur Erziehung eines Kindes immer ein ganzes Dorf braucht. Das will sagen, selbst die besten Eltern sind Versager, weil das wahre oder wirkliche Wesen eines Menschen nicht erkennbar ist. Das Wesentliche kann nur erahnt werden. Keinen Menschen, noch nicht einmal uns selbst, können wir genau kennen. Es bleibt immer ein Lernen, und auch deswegen ist lernen immer besser als regeln. Als bestes Instrument der Erkenntnis erweist sich die Liebe oder wenigstens die Empathie.

Daraus folgt, dass man sich seine Kinder auch nicht aussuchen kann. Sie suchen sich selbst ihren Weg. Aber auch das Suchen muss man erst einmal finden. Mit jedem Fund entfernen sich die Kinder von den Eltern, aber nur um sie dann ganz wiederzufinden. Bis auf wenige Ausnahmen ist es uns nicht gegeben, uns weit von unseren Ursprüngen zu entfernen. Wir bleiben immer der Apfel, wenn wir vom Apfelbaum stammen, selbst wenn wir ihn oder uns reformieren, deformieren, programmieren, revolutionieren, zur Mutation oder Konversion zwingen oder bringen.

Genauso evident ist die Zufälligkeit von Nachbarn, Kollegen, sogar Freunden und Geliebten, die mathematisch und von ihrem Ergebnis her gesehen mit der Vorbestimmtheit zusammenfällt: wir können sie uns nicht aussuchen. Erkenntnisse kann man drehen und wenden, um einige kommt man nicht herum, im Gegenteil, sie breiten sich über die Dinge aus, die nicht voraussehbar war: zunächst hielt man die Antipoden für Ungeheuer, dann entdeckte man durch den berühmten Apfel die Gravitation, schließlich die Massenanziehung und dann die Äquivalenz von Masse und Energie. Einstein ist viel berühmter als seine Lehre. Und so ist es auch mit der Erkenntnis über den Menschen: zunächst ging man von einer universellen, generalisierten aus, doch je tiefer wir eindrangen, umso mehr erkannten wir, das wir nicht erkennen können. Wir waren oder sind füreinander bestimmt, sagen zwei Liebende, und das heißt doch nichts anderes, als dass es gestimmt hat. Über die Ursache sagt das nichts. Auf die Verwandtschaft von Bestimmung und Stimmung hat schon Shakespeare hingewiesen, von dem auch die mathematischste aller Liebesdefinitionen und Weisheiten über den Menschen stammt, die sicher nicht zufällig in seiner größten und schönsten Liebestragödie steht: the more I give the more I have [Romeo and Juliet II2] .

Da das Skript nicht erkennbar ist, müssen wir uns mit den Narrativen behelfen. Und all die Narrative der ältesten und entferntesten, aber auch der nahen und nächsten  Kulturen sagen eigentlich nur zweierlei: geben ist besser als nehmen, tu einem anderen nur an, was du dir selbst antust. Das setzt die mögliche Anonymität des anderen voraus und es lässt Raum für Transzendenz, denn das andere kann auch gut ein höheres sein, der Lenker aller Dinge, wie es in der Barockdichtung und im Koran so schön heißt. Jedoch: ein Narrativ ist endlich, die Natur dagegen ist unendlich, auch die Natur des Menschen.

Wir müssen in der und mit der Natur leben, die wir vorfinden. Alle Rechthaberei führt uns nur ins Leere. Alle Menschenmäkelei – und auch dieses Wort ist ein barockes Zitat – ist sinnlose Menschenfeindschaft. Ein Menschenfeind ist immer auch ein Feind von sich selbst, ein Opfer also, kein fröhlicher Sucher. Das Leben besteht aus suchen. Allerdings sollten wir keine Antworten suchen, sondern nur Fragen. Allerdings sollten wir nicht die Welt infrage stellen oder unsere Mitmenschen, sondern uns selbst und unsern Weg. Mit den Navigationsgeräten, vom Kompass bis zum Tomtom, ist uns eine schöne Metapher für das Irregehn gegeben. Wir gehen notwendig in die Irre, aber das Lächeln eines Mitmenschen kann uns in unserer Sackgasse trösten. Wer mir ein Wort beibringt, dem diene ich tausend Jahre [Ali ibn Abi Talib]. Das ist ein dem Apfelbaum ganz ähnlicher Gedanke. Der Apfelbaum mag sogar von Unwissenden und Irrenden gefällt worden sein, aber längst hatte der Geschmack der Äpfel Mensch und Tier erfreut, hatte die Kerne die Botschaft des Apfelbaums in alle Welt getragen.

Immer wieder hört man. Der ist schlecht, jener böse, dieser versteht mich nicht, der ist unwissend und rachsüchtig. Immer wieder muss man dagegen andenken: ich will das Gute, warum tue ich es nicht, ich war böse, lass mich das nächste mal besser sein, lass mich so reden, dass man mich versteht, lass uns wissen verbreiten wie Apfelkerne, lass uns Rache auch nur als Ahnung ablehnen und ablehnen. All diese wunderschönen Metaphern oder Wahrheiten – wer weiß es? – von der engen Pforte und dem schmalen Weg, von dem Pfad, der schmal wie ein Haar und scharf wie ein Messer ist, aber allein zum Guten führt, alle anderen fallen siebzig Jahre tief, lasst sie uns endlich beherzigen und glauben. Der Glaube an Gott ist immer auch der Glaube an Menschen. Der Glaube an Menschen ist immer auch der Glaube an Gott. Das ist der Kern.

SPINNEN ODER FÜRCHTEN

Nr. 167

Variation auf Sonett XVI von William Shakespeare

Die Angst vor dem Verändern ist mit der vor Menschen fast identisch. Menschen sind Veränderung. Sobald man sich auf einen neuen Menschen einlässt, muss man seinen Weg ändern. Wenn man seinen Weg partout nicht ändern will oder kann, muss man ganz allein bleiben, was nicht geht, autoritär werden, was nicht durchhaltbar ist, oder sich in eine Hierarchie einordnen, und das ist widernatürlich. Der Kompromiss ist vielleicht die kritische Distanziertheit, etwa so: die Menschen sind schlecht, noch nicht reif, unentwickelt, partiell böse, aber ich, wir meine Familie, mein Volk, meine Religion, wir sind immer richtig. Man kann nur leben, wenn man sich für richtig hält. Aber wenn man lebt und sieht, dann sieht man auch, dass man tastet, wo man gehen sollte, dass man nach dem Stock sucht, wo man den Weg finden könnte. Wir sind nicht richtig. Wir brauchen die Gemeinschaft. Wir brauchen den Kompromiss und die Veränderung.

Wir wollen uns vorstellen, dass das Leben eines Menschen wie sein Haus ist, das er sich nicht selbst gebaut, aber im Laufe eines langen Lebens seinen Bedürfnissen und Gewohnheiten, seinen Ängsten und seinem Mut angepasst hat. Wir brauchen gleichzeitig die Geborgenheit und die Tür. Wir brauchen das Fenster ebenso wie den Ofen. Von unserem Hausgast, der Spinne, haben wir nicht nur die Fähigkeit zum Alleinsein, sondern auch zur Vernetzung. Die Spinnen sind uns, obwohl wir für die Angst vor ihnen sogar ein eigenes Wort haben, Arachnophobie, so nah, dass wir für unser Veränderungsdenken ihren Plural zum Verb gemacht haben: wir spinnen. Da war allerdings der Umweg über eine zweite Metapher: das Spinnen am Spinnrad, das wir den Spinnen nachgeahmt haben. Am Spinnrad mögen mehr Geschichten erzählt worden sein als Weltveränderungsfantasien, aber Geschichten, obzwar sie ein Spiegel der Welt sind, sind doch auch ihr Script. Wir gehen in die Welt mit einem Repertoire von Geschichten für alle Situationen. Entweder haben wir das, was heute unsere Geschichte ist, selbst erlebt, oder schon mit auf den Weg bekommen. Mit auf den Weg bekommen haben wir es durch unsere Eltern und deren Maximen, die aus der Religion oder aus der Region stammen können, oder aus dem größten Speicher der Menschheit, den Geschichten der Geschichte. Auch der Speicher ist eine Baumetapher. Lernen ist Nachahmen, oft mit dem Umweg der Geschichten.

Aus diesen Geschichten könnten wir wissen, dass es immer Menschen geben muss und wird, die bleiben, und solche, die aufbrechen. Unser Geschichtengedächtnis ist aber selektiv. Wir hören immer die Geschichte, die wir hören wollen. Wollen wir aufbrechen, hören wir die Geschichte vom Aufbrechen. Wollen wir bleiben, so singt es in uns ‚Kein schöner Land‘ oder ‚Das Boot ist voll‘ oder andere Nationalhymnen. Dagegen gibt es in jeder Familie einen Urgroßvater, der aufbrach und verschwand oder der ein neues Leben fand. Wir unterschätzen, wieviele Menschen in der Zeit der Sesshaftigkeit aufbrachen, nach Russland, nach Rumänien, ins Banat, nach Amerika, um es nur von hier aus zu betrachten. Der ewige Streit um Nomaden und Sesshafte ist eben tatsächlich ein ewiger Streit, der nie entschieden wird. Leider scheint uns mit dem Glauben an die Richtigkeit unseres Weges (oder Stockes) auch die Verächtlichkeit der anderen Wege eingeboren zu sein. Toleranz muss man genauso lernen wie Einsamkeit oder Gemeinsamkeit oder Spinnen. Ohne Kultur könnten wir noch nicht einmal auf zwei Beinen gehen. Verächtlichkeit lernen wir auf dem gleichen Weg wie das Aufrechtgehen: durch Nachahmung. Es gibt demzufolge Verhaltensweisen, die über Jahrtausende gleich bleiben, obwohl sie weder gut noch nützlich sind. Wir übernehmen sie nur deshalb, weil sie vorhanden sind und sich alles andere, was vorhanden ist, mehr oder weniger bewährt hat. Wahrscheinlich nur so ist das Festhalten an nationalen Gewohnheiten und Rechthabereien zu verstehen, obwohl die Welt ihre Globalisierung so offensichtlich über Frühstücksgewohnheiten hinaus ausdehnt.

Auch das Scheitern wird gespeichert. Vielleicht sind die wirklichen und die wirklich neuen Entscheidungen immer aus dem Dilemma (bei Kant: Zwietracht) geboren. Am krassesten wird uns das deutlich, wenn wir ein innovator’s dilemma miterleben. Ein Mensch hat eine vielleicht sogar wesentliche Neuerung in sein und das Leben seiner Mitmenschen implantiert. Aber sein Stolz, seine Eitelkeit, seine Vergesslichkeit, seine Trägheit, seine Perspektive, die notwendig verzerrt ist, sie alle hindern ihn zu erkennen, dass auch seine Innovation veraltet und er mit ihr. Zum Schluss sitzt er – wie alle – in seinem Rollstuhl und murmelt etwas von ‚heutzutage‘ und ‚bloody tyrant time‘.

Ein Haus zu bewohnen erfordert genau so viel Mut wie ein Boot zu besteigen. Die Zeit überwogt uns genau so stark wie das Meer. Mehr Menschen sterben in ihren Häusern als durch ihre Boote. Trotzdem hören wir lieber eine Odyssee als die Geschichte vom Spinnrad. Trotzdem haben wir vor dem mehr Angst, der mit dem Boot zu uns kommt, als vor dem, der still vor seinem verfallenden Haus sitzt und Schreckliches ausbrütet: Langeweile und Xenophobie. Vor dem Verfall kann man sich nur retten, indem man sich nicht vor ihm fürchtet. Unser Haus verfällt genauso wie unser Boot. Alle Reparaturen führen in den Untergang.

Von unseren Häusern müssen wir lernen: zu verfallen und gleichzeitig erhaltenswert zu sein. Von unseren Spinnen können wir lernen in einer eher feindlichen Welt auszuharren, ungeheuer komplexe Fähigkeiten haben und in einem Augenblick anwenden, aber lange Zeiten den Durst nach Taten aushalten wie den Durst nach Wasser. Verfall ist notwendigerweise Entmutigung, also müssen wir uns immer wieder ermutigen. Für die nächsten tausend Jahre schlage ich das Wort Arachnotharros vor, Spinnenmut. Das kann und sollte sowohl unser Mut sein, mit der Spinne zu leben als auch der Mut, den die  Spinnen haben. Es erfordert ebensoviel Mut, seine Gedanken fortzuspinnen, überhaupt erst einmal eigene Gedanken zu haben. Aber es hilft auch nicht, die Gedanken der anderen zu ignorieren. Der Kompromiss wiederum schließt das Charisma nicht aus. Ein wahrer Führer fühlt seine Gemeinschaft. Auch er lernt nur durch Mimesis, durch Nachahmen. Der Schauspieler ahmt uns nach, aber wir ahmen den Schauspieler nach. Nur wenn du gibst, hast du auch. Es gibt keine anderen Menschen. Die Menschen – das bist du und das bin ich. Mein Haus ist offen für alle, die offen für mein Haus sind.

DIE KONSTRUKTION DES BÖSEN AUS LINKEM UND RECHTEM WAHN

Nr. 166

 

Es ist immer ein Wähnen, wenn man glaubt, Wahrheit, Lösung, Wissen gefunden zu haben. Trotz zunehmender Bildung ist der Wahn weiter verbreitet, dass es für alles kurzfristige, einfache und plausible Lösungen gibt, die von System, Systemverbrechern, alteingesessenen Fremden, von der Geldgier der anderen, überhaupt: von anderen verhindert werden.  Bücher haben Millionenauflagen, in denen geschrieben steht, dass Deutschland sich abschafft, wenn es so weiterlebt. Niemandem fällt auf, dass es diese Angst schon immer gibt. Vor dem ersten Weltkrieg waren fast alle Menschen in Deutschland, merkwürdigerweise auch sehr viele Intellektuelle, der Meinung, dass Deutschland verschwände, würde es sich nicht präventiv seiner Feinde erwehren. Aber selbst nach dem zweiten Weltkrieg, der so viele Menschen und Länder, darunter auch Deutschland, in den Orcus des Verderbens gerissen hatte, gab es Deutschland noch. Man sprach damals von Zusammenbruch und meinte den Hitlerwahn, der wie ein Kartenhaus zusammengebrochen war, weil er aus nichts bestand und trotzdem leider nicht von heute auf morgen verschwand, und man bemerkte nicht, dass die Kinder in den Schulen schon wieder und immer noch Goethegedichte lasen und ‚Kein schöner Land‘ sangen.

In anderen Büchern, die sich ebenso gut verkaufen, steht, dass ein bestimmtes Ereignis im Jahre 1953 in Persien der Ausgangspunkt für die heutigen Auseinandersetzungen sei, an denen demzufolge die Amerikaner allein Schuld hätten. Als vorsichtige Argumente seien erwähnt: der Streit zwischen Schiiten und Sunniten dauert schon 1400 Jahre, der zwischen dynastischem und selektivem Prinzip, ob also ein Anführer genetisch oder nach seinen tatsächlichen Fähigkeiten bestimmt wird, währt schon hunderttausende von Jahren,  geht man noch einen Schritt zurück, so ist es die Auseinandersetzung zwischen Schwarmintelligenz und zeitweiliger Führerschaft (Aberglaube vom Alphatier). Das alles ändert sich ohnehin, wenn ein harter Winter kommt: Ein sehr harter Winter ist, wenn ein Wolf den andern frisst. Das heißt, Prinzipen überschneiden sich, Paradoxien sind weder leicht erkennbar noch plausibel, man folgt aus Gewohnheit oder aus Gruppensolidarität, weniger und seltener aus rationalen Gründen. Alleine über Gruppensolidarität lässt sich immer wieder nachsinnen: wir folgen den Gruppen gleicher Religion, gleicher Nation, aber zum Schluss folgen wir immer der Gruppe des gleichen Geschlechts, das sind mehr als dreieinhalb Milliarden Menschen.

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SED-Kreisleitung in Strasburg 

In der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts entwickelten sich drei Grundgedanken, um die Gesellschaft, die, vielleicht entfernt vergleichbar mit den heutigen Erscheinungen, aus einem fragilen, allerdings auch glitschigen Zustand wieder herauszuführen. Die vom Land in die Stadt drängenden Elenden, die dort hofften, ihr Elend abschütteln zu können, sahen sich getäuscht, mussten nun auch unter traurigsten äußeren Verhältnissen schuften. Der Wohlstand, den diese Arbeitermassen erwirtschafteten, kam erst ihren Enkeln zugute. Man nannte das die soziale Frage. Der erste Grundgedanke war, die Verhältnisse umzustürzen, in denen solch ein Leid für so viele Menschen genauso produziert wurde, wie all die Lebensmittel und Gegenstände, die es vorher nicht gegeben hatte. Sowohl die Menge der Lebensmittel als auch die Menge der Gegenstände wuchsen exponentiell. Dass sie schneller wachsen würden als die Menge der Menschen, die nur in eine hohe Sterblichkeit und nach Amerika ausweichen konnten, war nicht absehbar. Der linke Mythos, dass der Umsturz der Verhältnisse die kurzfristige, einfache und plausible, wenn auch schmerzhafte Lösung sei, war geboren und wurde erprobt. Ihr Scheitern war ebenso schmerzhaft wie ihre Geburt, bedeutete aber nicht das Ende des Mythos. Er lebt fort in den Forderungen linker Parteien überall auf der Welt und in tödlichen Karikaturen linker Diktaturen und Diktatoren, wie zum Beispiel in Nordkorea. Dort hat sich auch das dynastische mit dem selektiven Prinzip verbunden. Es herrscht eine Art Baby Doc, der Enkel des Staatsgründers. Von allen Ideen, die links und plausibel gewesen sein mögen, sind nur der absurde Traum von Autarkie und ein ebenso absurder Militarismus geblieben. Unter Militarismus soll hier nicht nur die relativ zur Bevölkerung größte Armee der gegenwärtigen Welt verstanden werden, sondern auch die militaristisch-gleichförmige und totale Bewegung großer, wahrscheinlich sogar der meisten Bevölkerungsteile, die ganz sicher auch dem Nationalhymnenwahn erlegen sind, dass sie im besten aller Länder leben. Sie kennen allerdings nur ein Land, und das ist durch die Leere gekennzeichnet.

Barmherzigkeit ist dringend notwendig, aber auch nicht die Lösung großer sozialer Spannungen, wie sie in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts in Europa auftraten. Wichern und Kolping, zwei religiös fundamentalistische, sozial aber revolutionäre Denker, haben den Adventskranz und den Wahn hervorgebracht, die Rückkehr zur frommen Idylle könnte die einfache, relativ kurzfristige und plausible Lösung sein. In dem Maß, wie sich Religion als soziale oder nationale Sprengkraft versteht, wird sie weiter scheitern. Sie scheitert, indem sie in der Säkularisierung untergeht, und sie scheitert, indem sie immer wieder bewaffnete Mörderbanden toleriert, um nicht zu sagen: billigt oder gar losschickt. Der Versuch ist sträflich und schändlich. Es gibt keinen Grund zum Töten.

Sobald der dritte Grundgedanke auch nur erwähnt wird, winken die Realisten beider Lager, des linken und des rechten, des Umsturzes und der Bewahrung, ab. Die Zunahme des Wohlstands muss von einer gleichen Zunahme an Bildung, Kultur und Moral begleitet werden. Die Lösung des Problems ist langfristig, komplex und nicht leicht, fast gar nicht einzusehen: sie besteht in der Produktion von Dingen und Gedanken, die sich schnell ausbreiten können und auch tatsächlich schnell verbreiten. Auch Gerechtigkeit unterliegt dem Gesetz der großen Zahl und ist nur asymptotisch zu haben.

Im Theater dagegen sind hin und wieder die alten Mythen zu sehen. Während Ovid sein altes Ehepaar durch die Götter belobigen lässt, sie dürfen zusammen sterben und leben als Bäume vor ihrem Haus weiter, schauderte es Goethe und vor allem Brecht vor soviel Gutem. Goethe lässt am Ende von Faust II Philemon und Baucis, jenes alte Ehepaar, durch Mephisto umbringen, der den Geist des blinden Aktionismus gepaart mit Skrupellosigkeit verkörpert. Brecht lässt seine Shen Te, seinen guten Menschen von Sezuan, auflaufen, scheitern und hinter der Maske des kalten und bösen Kapitalisten verbergen. Das Böse maskiert sich immer mit dem Guten, das Gute hingegen ist immer nackt. Das Böse scheitert immer so wie Macbeth und Hitler gescheitert sind: in Schande, Verachtung und Ekel. Das Gute triumphiert immer, und sei es am Kreuz oder Galgen.

Es ist genau umgekehrt: der Kapitalismus erzeugt jenen Wohlstand, der für Demokratie und Wohlfahrt Voraussetzung und Rückhalt ist.

Es ist genau umgekehrt: das Scheitern des guten Menschen in widrigen Verhältnissen ist die Zeugung des Keims besserer Verhältnisse in den Herzen vieler Menschen und dann später in der Wirklichkeit.

 

[Das Titelbild zeigt die Kleiderbörse für Arme im ehemaligen französischen Pfarrhaus in Strasburg in der Uckermark.]

MOM I SWEAR IT IS LIKE IN A FOREST

Nr. 165

Die Wahrscheinlichkeit, dass die Geschichte vom Turmbau zu Babel ziemlich genau beschreibt, wie es wirklich war, nimmt mit fortschreitender Globalisierung zu. Wir kommen aus Ostafrika und je weiter wir uns von der Urheimat entfernten, desto mehr diversifizierten sich unsere Sprachen, bis zur Unkenntlichkeit. Solange unsere Vorfahren kaum aus ihrem Dorf, geschweige denn aus ihrem Land herauskamen, gingen sie von der fundamentalen Verschiedenheit der Menschen aus. Obwohl es Reiseberichte gab, die Versöhnliches berichteten, hörte man lieber – und das ist bis heute so geblieben – auf die Schreckensmeldungen. Über Kannibalenwitze mag man lachen oder nicht, der Kinderraub der Zigeuner wird ernsthaft in der Berliner U-Bahn kolportiert. Auch in dem Slogan ‚Kindermörder Israel‘, der während der letzten offenen Kämpfe im Nahostkonflikt auf Berliner Demonstrationen zu hören war, stecken uralte antisemitische Vorurteile, Ängste und Gewaltrechtfertigungen.

Seit zehn Jahren sagen die Demografen voraus, dass sich hunderttausende Flüchtlinge auf den Weg nach Europa machen werden. Während die Politiker von schroff ablehnend (ZÄUNE BAUEN LEITKULTUR) bis krass humanistisch (WIR SCHAFFEN DAS) reagierten, sind die Bevölkerungen in einer überwältigenden Mehrheit offen freundlich, hilfsbereit, neugierig und spendenbereit. Allerdings haben die Flüchtlinge, wenn sie hier bei uns angekommen sind, das schlimmste hinter sich. Sie begegnen Europa zuerst auf dem Mittelmeer oder auf der Balkanroute in Form von Marinesoldaten mit Hygieneschutzkleidung oder Polizisten, die scheinbar nur zwei Wörter kennen: PASSPORT und FINGERPRINT.

Die  Politiker und Verwalter zögern hamletmäßig bei der Verwendung so gut geeigneter Häuser wie dem ehemaligen Innenministerium in Moabit, obwohl wir für dessen Leerstand eine Dreiviertelmillion Euro pro Monat an Miete und Sicherheit bezahlen müssen. Das Haus und das Geld werden dringend benötigt! Die Flüchtlinge dagegen haben schon ein eigenes Theater, den Refugee Club Impulse, und sie spielten gestern im derzeitigen migrantischen Wallfahrtsort Gorkitheater. MOM I SWEAR IT IS LIKE IN A FOREST, schreibt ein fiktiver Flüchtling nach Hause. Frau Müller, die wunderbare Karikatur einer Deutschlehrerin im Erstkurs, muss alle diese Briefe lesen, um zu verstehen, dass es nicht darauf ankommt, Demokratie zu erklären, sondern zu leben. Und sie macht mit! Wer diese Art Theater nicht als Bereicherung empfindet, der hat von Theater, von Kultur, von Musik und Parabel nicht viel verstanden. DIE ANTWORT GOTTES AUF BABEL IST HIPHOP. Fast unbemerkt von unseren Konzertsälen und Opernhäusern, vor allem aber von unserer Fernsehunkultur, hat sich eine globalisierte Jugendkultur, nicht als Subkultur und nicht als Parallelgesellschaft, entwickelt, die keiner Sprache mehr bedarf. Graffiti werden in teuren Kunstbänden gesammelt, wer zum ersten Mal einen arabischen Rapper hört, ist überwältigt und, wenn er es sich übersetzen lässt, zu Tränen gerührt, und Breakdance hat sich zu einer umfassenden Theaterdisziplin entwickelt, die die alte Pantomime mit dem Puppenspiel zu einer expressiven Akrobatik vereinigt, allerdings scheint Gott selbst der Puppenspieler zu sein.

Dem wunderschönen Theaterabend in der mehr als überfüllten Studiobühne ᴙ des Maxim Gorki Theaters vorausgegangen war ein fast ebenso schönes, von einer spontan gebildeten Patenklasse und – wie in einer Montessorischule  von den Müttern unterstützt – organisiertes arabisches Frühstück für die Willkommensklasse der Martin-Wagner-Schule. Die sehr jungen Flüchtlinge, die fast kein Wort sprechen konnten (MOM I SWEAR IT IS LIKE IN A FOREST) und fast verängstigt wirkten, fühlten sich plötzlich durch Dolmetscher und arabisch-kurdische Delikatessen aufgefangen. Es wurde die These eines syrischen Jungen diskutiert, immer als Antwort auf das Babeltrauma,  ob tatsächlich jeder Mensch viermal auf der Welt gleichzeitig existiert. Denn anders kann man sich nicht erklären, und man muss der Wissenschaft dankbar sein, die das auch so sieht, dass manch ein Mensch, trotz anderer Hautfarbe und unverständlicher Sprache, uns so vertraut ist, als wäre er unser Bruder. Er ist unser Bruder, wurde noch deutlicher, als zwei Rapper zu Beats aus dem Telefon, verstärkt durch den Beamer im Klassenzimmer, miteinander in Arabisch und Deutsch auftraten.

Ein ähnliches Schlüsselerlebnis hat man, wenn man mit einem Erstkurs durch den Supermarkt in einer Kleinstadt geht und – gefühlt – jedes der etwa tausend Produkte untersucht und zu erklären versucht. Der Filialleiter hatte zunächst Bedenken, die wir aber zerstreuen konnten, und kam dann sehr schnell auf den aufklärerischen Ansatz, dass ihm gebildete Kunden – woher auch immer – lieber sind als ungebildete. Der Höhepunkt dieser ungewöhnlichen Unterrichtsstunde war ein Exkurs über Leinen in Eritrea, Syrien und Deutschland. Das Publikum bestand aus alten einkaufswagen- und rollatorschiebenden Ehepaaren, die – freundlichst begrüßt – vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben über Globalisierung und Verjüngung nachdachten.

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Dagegen scheint man ins Mittelalter zurückversetzt, wenn man in einer großen deutschen Stadt durch Zufall in den Gottesdienst einer Kirche gerät. Dort wird an einem ‚Volkstrauertag‘ genannten Sonntag der Toten gedacht, die einst andere Länder überfielen und sich wunderten, dass sie das nicht überlebten. Aber, um diese krasse Einseitigkeit aufzulockern, werden dann auch die anderen Toten genannt, so die „Juden, die ermordet wurden, weil sie vermeintlich einer anderen Rasse angehörten“. Wenn sie also tatsächlich einer anderen Rasse angehört hätten, wären sie zurecht erschossen worden? Ganz sicher hat der Pfarrer, der im weiteren eine bemerkenswerte und bemerkte Predigt über die immer und gerade jetzt hochaktuelle Frage ‚Wer ist eigentlich der Nächste, dem wir aufhelfen sollen‘ hielt, das nicht gemeint. Aber er hat es gesagt. Und wir alle sagen es immer wieder, wenn wir von ‚Judenmord‘ sprechen, so, als wäre es etwas anderes, einen Juden oder einen Menschen zu ermorden. Der latente sprachliche Antisemitismus ist möglicherweise die nicht erlaubte Rechtfertigung vom traumatischen, billigend in Kauf genommenen Tod von Menschen oder sogar von Mord. Nach wie vor sprechen wir zum Beispiel von ‚Vernichtung‘ von Menschen, und wir könnten und müssten wissen, dass unsere Vorfahren tatsächlich ‚Ungeziefervernichtungsmittel‘ benutzten, um Menschen zu ermorden. Und wir sprechen immer noch von ‚ausrotten‘. Und was, bitte, ist denn Ungeziefer? Kafka lebte übrigens vor dem Holocaust, seit ihm können wir wissen, dass auch der Käfer unser Bruder ist. Und wo, wenn nicht in einer Schule oder in einer Kirche oder in einer Moschee oder in einer Synagoge, sollten wir gemeinsam darüber nachdenken, was uns Käfer oder Ameisen bedeuten, die ausdrücklich in der Bibel und im Koran gewürdigt werden, von Darwin ohnehin. Wenn wir wirklich das Land und der Kontinent werden wollen, als die wir im Moment im Nahen Osten und im Teilen Afrikas gelten, dann sollten wir schnellstens unsere kranke Sprache überprüfen und ändern. Sie ändert sich, ob wir es wollen oder nicht, ohnehin gerade, und zwar nicht durch die Migranten und Flüchtlinge, wie so viele bösartig vermuten, sondern durch uns selbst. Wir haben den Genitiv weitgehend aufgegeben (‚Wir gedenken den Menschen.‘ O-Ton ‚Volkstrauer‘) und legen gerade Dativ und Akkusativ zusammen, den Konjunktiv gibt es nur noch im Grammatikteil der Schullehrbücher. Aber wenn wir schon dabei sind, die Sprache der Bequemlichkeit und der Globalisierung zu opfern, dann sollten wir schnellstens ihren mittelalterlichen Gebrauch überdenken. Sonst werden unsere neu hinzugekommenen Mitbürger eines nicht so fernen Tages, wenn sie die Sprache literaturfähig beherrschen,  über sie sagen: MOM I SWEAR IT IS LIKE IN A FOREST.

FISCHBESTECK 1 und 2

für Mustafa

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Die landende Insel. Ambidexter

Auf die Insel Usedom kommt man über zwei Brücken. Die Insel verlandet und wird gleichzeitig weggespült. Vielleicht war die sagenhafte Stadt Vineta auf ihr, vielleicht war aber auch die Odermündung, an der Vineta lag, ganz woanders. Die Insel gehörte schon immer den Slawen und den Germanen, die heute als Deutsche im Begriff sind, das Gegenteil von dem zu werden, was sie vor achtzig Jahren sein wollten oder sollten. In einem Wikingerrestaurant – bekanntlich sind die Wikinger auf Grönland untergegangen – sitzen ein Linkshänder, der das Messer in der rechten Hand hält und ein Rechtshänder, der das Messer in der linken Hand hält. Der Rechtshänder ist ein geborener Linkshänder, der aber in einer Zeit Kind war, als die Erwachsenen glaubten, dass Linkshändigkeit schädlich für den Charakter sei. Genau genommen glaubte man wohl, dass jemand, der anders sei, auch die anderen gefährde und eines Tages die ganze Gesellschaft auf dem Kopf stellte. Obwohl schon im Sturm und Drang der Dichter Lenz einen Lehrer ironisch sagen lässt: wer nicht gerade schreiben kann, kann auch nicht gerade leben, herrschte noch lange strenges Normdenken vor. Die Ironie wurde genau so hartnäckig ignoriert wie die seines berühmteren Kollegen Goethe: denn was du schwarz auf weiß besitzt, kannst du getrost nach Hause tragen. Je virtueller Schrift und Text werden, desto mehr wird den Menschen die vorherige Ironie bewusst. Unserem Linkshänder wurde seinerzeit mit viel böser Mühe, mit Strafen und Ermahnungen über seine Minderwertigkeit die Linkshändigkeit abgewöhnt, so dass sich als Vorteil eine leichte Ambidextrie einstellte, als Nachteil aber eine extrem schlechte Handschrift. Handwerkliche Arbeiten und Handschrift waren aber gerade das Argument, warum man glaubte, dass nur mit Rechtshändigkeit ein erfülltes rechtgläubiges Leben möglich sei. Als Kind denkt man darüber natürlich nicht nach, sondern man fühlt sich lange Zeit so, wie man von den Erwachsenen bewertet und mitgedacht wird.

Der Linkshänder dagegen hatte noch nie mit einem Fischbesteck gegessen. Um nichts falsch zu machen und weil er sich ohnehin gerade auf einer Bildungsreise befand, orientierte er sich an dem umerzogenen Linkshänder, der sich als einziges Privileg seiner ehemaligen Linkshändigkeit, die nun einer erzwungenen Rechtshändigkeit und teilweisen Beidhändigkeit weichen musste, das Essen mit dem Messer in der vermeintlich falschen Hand erhalten hat. Gib statt zu sagen ‚Gib die schöne Hand!‘ dem Linkshänder die linke Hand, wenn es kein Türke ist, und versuche als Linkshänder mit der rechten Hand in Spiegelschrift zu schreiben. Da sitzen sie nun und verstehen die Welt nicht mehr, weil ihre Begriffe falsch sind. Claude Levi-Strauss, von dem nicht die Hosen, sondern die traurigen Tropen sind, schlug vor, von binären Oppositionen auszugehen, also von reinen Gegensätzen, die sich – vielleicht sogar unversöhnlich – gegenübersitzen. Der Linkshänder und der Rechtshänder auf Usedom sehen sich aber gerade nicht als unversöhnlich, sondern in einer Art gewünschtem Adoptionsverhältnis. Levi-Strauss, dessen Einfluss auf die Soziologie und Anthropologie nicht zu unterschätzen ist, kam dann auf das weitere Begriffspaar der komplementären Dichotomie. Komplementär sind zwei Dinge, wenn sie zusammen erst ein Ganzes geben, obwohl sie alleine auftreten, also zum Beispiel biologisch der Geschlechtsdimorphismus oder kulturell die Dominanz einer Hand. Sieht man aber noch genauer hin, dann bemerkt man, dass das Komplement so funktioniert wie Wechselstrom im Gegensatz zum Gleichstrom. Es war die Entscheidung zwischen diesen beiden eine Glaubensfrage zwischen Edison und Tesla, auch die beiden selbst sind ein komplementäres Paar. Obwohl Edison stotterte und hyperventilierte, war er der weitaus bessere Vermarkter seiner genialen Ideen, während Teslas Ideen nicht schlechter waren, aber in einer für den Markt unverständlichen Sprache vorgetragen wurden.

Daraus folgt, dass die menschliche Lern- und Bindungsfähigkeit natürlich nicht statisch ist, sondern absolut dynamisch, fließend, ständigen Wechseln unterliegend. Deshalb ist eine statische Schule falsch. Viel erfolgreicher sind Bildungsreisen. Man lässt die Landschaft, die Natur und Kultur, die Sprache und das Denken, die Moleküle und Marotten an sich vorüberziehen, erklärt, wenn gefragt wird und eine Erklärung bereitsteht, genießt, wenn es einfach nur schön ist, erholt sich, wenn etwas zu holen ist. Der Unterschied zu einer virtuellen Reise, die heute problemlos möglich ist, besteht darin, dass man jene jederzeit abschalten kann, während man auf einer tatsächlichen Reise dort ist, wo man gerade ist. Das Merkwürdige unserer Zeit besteht in der fortwährenden Verwechslung der beiden Welten: Menschen haben Angst vor einer Überflutung mit Daten, die sie einfach abschalten könnten, werden sie dagegen mit Wasser überflutet, halten sie es für eine Ungerechtigkeit. Kein Wunder also, dass sich die dritte Welt, das transzendente Himmelszelt darüber, auch gerade wandelt, am rechten Rand zum Fundamentalismus, am linken zur Beliebigkeit, obwohl es beides auch schon immer gab.

Wir haben also einerseits mehr Bindungsmöglichkeiten, als wir glauben, weil sie nämlich schneller wechseln, als wir verstehen können. Andererseits sind wir, was wir schon immer ahnten, durch die Geschwindigkeit der Möglichkeiten unfreier, als uns lieb ist. Der berühmten Frage, was wir mit unserer Freiheit eigentlich anfangen wollten, bleiben wir die Antwort immer und immer wieder schuldig. Wir lassen uns auf Mitmenschen ein, und das ist nicht nur richtig, sondern die einzige Möglichkeit zu leben. Die Marktbegriffe von Angebot und Nachfrage mögen hilfreich sein, sie lösen unsere bangen Fragen nicht: wird gesucht, was ich der Welt zu bieten habe? Gibt es überhaupt das, was ich suche und zu brauchen glaube. Lange Zeit halten wir uns für Solitäre und erkennen uns erst spät in der Gruppe oder in der Masse wieder. Manchmal suchen und suchen wir in den Menschenmassen und erkennen nicht unsere Einzigartigkeit, die nur in der Tat bestehen kann, nie im bloßen Dasein. Gemeinschaften, deren Sinn die Masse und die Hilfe ist, betonen deshalb immer wieder die Einzigartigkeit a priori, vor allem.  Aber jede Tat ist auch das Resultat unseres ganzen Wesens, unserer ganzen nicht aufgeschriebenen Biografie, denn wenn wir sie aufschreiben, wird sie notwendig verzerrt und verlogen. Diese Gedanken beschäftigen uns am meisten, wenn wir gerade im Begriff sind, aus dem sprichwörtlichen Nest zu fallen. Aber das ist schon wieder ein Trugschluss: fallen wir nicht jeden Tag aus jedem Nest, weil nämlich jeder Tag und jeder Ort – Raum und Zeit also – uns Sicherheit vorspielen, wo sie uns lieber die Schwierigkeiten des steten Wandels zeigen sollten. Aber man kann wieder auch nicht ohne das Gefühl der Sicherheit leben. Wir wissen noch nicht einmal, was uns lieber ist: die Spannung oder die Befriedigung. Später im Leben sehnen wir uns eher nach der Spannung, früher eher nach der Befriedigung. Auch wenn man den wirklich Hungernden bitter weh tut: wenn man satt ist, sehnt man sich nach dem Hunger. Es wird oft gesagt: entspann dich. Das Bild kommt aus der Pferdesprache. Als man sich mit Hilfe von Pferden fortbewegte, war es wichtig, die Pferde abends auszuspannen. Entspannt ist also keine Bewegung möglich. Die Lösung des Dilemmas ist die Hoffnung, nichts weiter. Solange wir glauben, dass sich das Gute und das Böse gegenüberstehen, brechen wir die Welt auf eine Kinderformel herunter, die ihr nicht gerecht werden kann. Auch für Kinder muss man die Welt nicht verkitschen, um sie – die Kinder und die Welt – zu verstehen. Es ist ein bisschen so wie der Unterschied zwischen der Diktatur, wo alles einfach, hierarchisch, zwangsgeordnet ist, und der Demokratie, wo nichts zu funktionieren scheint, alles länger dauert als erwartet und immer frustrierend ist. Es ist schwer zu verstehen, dass es nichts als Hoffnung geben kann, keine Garantie auf das sogenannte Gute, keine Zwangsläufigkeit des Bösen. Pessimisten und Optimisten sind gleichwohl schlecht beraten, nur übertroffen durch die selbsternannten Realisten. Hoffnung und Glaube hängen so eng zusammen, dass es schwer ist einzusehen, dass, wer nicht glaubt, alles wissen müsste, um zu überleben. Vielleicht liegt darin der Grund, dass der Mensch seinen Glauben, seine Hoffnung, die so individuell sind wie nichts anderes, immer wieder institutionalisierte und dann mehr an die Institutionen glaubt als an den Gegenstand seines Glaubens, der gedanklich nicht zu fassen ist. Zu glauben, dass man nichts glauben kann, heißt nicht, dass man nicht glauben sollte, sondern dass es keine Gewissheiten gibt, weder im Glauben noch außerhalb von ihm.

Vielmehr ist es verwunderlich, dass Monologe nicht nur immer dialogisch sind, weil sie Adressaten haben und Signale senden, sondern dass sie sich mit unendlich vielen Monologen interferent berühren wie die Kreise der Steine, die man ins Wasser warf. Die Kunst des Lebens besteht auch darin, wie viel Interferenz man in seinen Monologen erkennt, wie oft es gelingt, aus der unendlichen Reihe der Monologe auszubrechen und kurz in einen echten Dialog einzutreten. Dialog ist die kurze Zeit existierende interferente Schnittmenge zwischen zwei Kreisen im Wasser. Anders gefragt: Kann man das Dritte mitdenken? Das Dritte ist nicht nur nicht ausgeschlossen, es ist ausdrücklich erwünscht! Die Alten haben sich – wie auch wir – ihre Welt zurechtgedacht: tertium non datur, ‚das Dritte kann es nicht geben‘, mit der linken Hand kann man nicht schreiben, der Mensch kann nicht fliegen, wenn die Erde keine Scheibe wäre, würden wir herunterfallen. Das ist präkolumbianisches Denken. Der Junge will vom Alten lernen, aber der Alte muss vom Jungen lernen. Werte sind oft nur schlechte Gewohnheiten. Inseln sind oft nur heimatloses Land oder umspülter Meeresboden. Was mag man mehr, den anderen oder dass man den anderen mag?

 

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Die gotische Pforte. Counterpoint

Für den kleinen Bach begann das Jahrhundert schrecklich. Erst hatte er seine Eltern verloren, dann auch noch seinen Freiplatz. Einen Freiplatz würden wir heute als ein Stipendium erklären, das aus der Teilnahme an den Mahlzeiten besteht. Die Schule im Wohnort seines großes Bruders war nicht schlecht, aber die Schule, zu der er jetzt mit seinem Freund wanderte, war besser, und er war nicht nur ein sehr guter Schüler, sondern auch ein hervorragender Sänger und bemerkenswerter und schon bemerkter Organist und Cembalist. Er hätte auch Geigenvirtuose werden können und hatte seine Geige als einziges Gepäckstück dabei: die Geige und das Geigenspiel war das Erbe seines Vaters, des Eisenacher Ratstrompeters. Weil die evangelische Kirche die neue Zeitrechnung um fast zwei Jahrhunderte verschlafen hatte – nur durch die orthodoxe Kirche überholt, die zwei weitere Jahrhunderte wartete – wurden im Jahr 1700 zehn Tage ausgelassen, damit der Kalender wieder stimmte. Der kleine Bach hatte zehn Tage keine Sorge ums Essen, denn er aß zeit seines Lebens sehr gerne. In der gotischen Stadt, in die er gewandert war, verdiente er sein erstes Geld, und nicht wenig, indem er für die Michaeliskirche sang und für die benachbarten und befreundeten Ritterschüler zum Tanz aufspielte. Der kleine Bach lernte also in zweieinhalb Jahren in dieser Stadt: auf eigenen Beinen stehen, Geld verdienen, Orgel spielen, Orgel bauen, alle paar Wochen nach Hamburg laufen, um noch bedeutendere Orgeln und Organisten zu hören, französisch von den Rittern, italienisch von den Musikern, lateinisch  in der Schule, er las Ovids Metamorphosen, und wanderte als ganz junger und schon berühmter Meister nach Thüringen zurück. Der übelste Scherz, den die Ritterschüler mit ihm machten, zeugt von der großen Hochachtung, die dem 16jährigen Meistercembalisten entgegengebracht wurde. In einem Gasthaus zwischen Hamburg und der gotischen Stadt warfen sie für ihn Heringsköpfe auf den Mist, die mit soviel dänischen Dukaten gefüllt waren, dass er davon nicht nur gut essen, sondern auch die nächste und übernächste Fahrt nach Hamburg finanzieren konnte. Immerhin haben es die Ritter mit dieser Geschichte in die Weltgeschichte zu gelangen geschafft: der kleine Bach wurde der größte Musiker aller Zeiten. Er zerlegte die Heringsköpfe nach keiner Regel und mit keinem Fischbesteck. Er kannte alle Regeln der Musik und schuf die schönsten Melodien und Harmonien und die  krassesten Kontrapunkte.

Schon wieder sitzen sie sich gegenüber: der Linkshänder, der das Messer in der rechten Hand hält, und der Rechtshänder, der ein verhinderter Linkshänder ist und das Messer als letzten Trotz in der linken Hand hält. Man sieht es nur beim Fischbesteck. Das Fischbesteck ist der Inbegriff falscher Regelhaftigkeit. Sie essen Forelle und der Linkshänder seziert seine Forelle nach allen Regeln. Er sagt: der Mentor, der ein Chaot ist und chaotisch seine Forelle isst, hätte hier lernen können. Und der Mentor sagt: wir sitzen hier, um Regeln zu vergessen, weil sie zwar nicht immer falsch, aber fast immer historisch sind. Lernen ist immer besser als regeln. Ein Mentor, und da stimmen sie wieder überein, kann nur Mentor sein, wenn er sich heraushält und selber lernt. Ein Kind oder ein Schüler ist ein Projekt, ein Abenteuer, ein Weg, aber keine Projektion der eigenen Projekte, Abenteuer und Wege. Man lernt nicht aus Fehlern, schon gar nicht aus den Fehlern der anderen. Der Linkshänder ist auch ein Südländer, der ein Nordländer sein will und der Rechtshänder ist ein verhinderter Südländer, der durch viele Südländer gereist ist, um das Geheimnis von Nordland und Südland zu finden. Jetzt reist er mit dem Südländer, der ein Nordländer werden will und auch ist, durch Nordland, auch um das Geheimnis zu finden. Es gibt keines.

Es ist so, wie man als Kind glaubte, dass es ein Geheimnis des Erwachsenseins gäbe. Natürlich, es gibt die Sexualität. Aber sie ist dann, wenn man sie mit einem bestimmten Alter erreicht hat, kein Geheimnis, sondern vielmehr ein Merkmal, eine innewohnende und so oder so ausgeübte Eigenschaft. Wenn man Essen und Sexualität vergleicht, könnte man die Frage stellen, was ist das Fischbesteck der Sexualität? Gibt es ein geheimes Regelwerk der Liebe? Das sind schon zwei verschiedene Bereiche, wenn sie auch eng zusammenhängen. Und wir glauben inzwischen, dass es nur ganz wenig zu regeln gibt: gib mehr als du nimmst und achte mehr als du geachtet werden möchtest. Es gibt nicht mehr als die goldene Regel zu beachten. Alle Religionen wollen das gleiche, die Philosophien predigen nicht anderes. Die Unterschiede der Menschen sind seit der Antike gleich: entspricht der Mensch seinem Bild oder nicht. Der berühmte antike Philosoph Empedokles, von dem die Vierelementetheorie und die Rhetorik stammen sollen, hat seinem Leben durch den Sprung in den Ätna ein Ende gesetzt. Aber: hat er dadurch göttliche Qualitäten offenbart, wie seine Anhänger meinen, oder wollte er vielmehr durch sein spurloses Verschwinden göttliche Qualitäten vortäuschen, wie seine Gegner behaupten. Wir wissen nichts von den Spuren, die wir hinterlassen, aber auch fast nichts von den Spuren, denen wir folgen. Die meisten Menschen sind im Leben blind, so steht es im Faust, und wir wissen nicht, ob das, was wir sehen, Einbildung oder Ausbildung ist.

Die einzige Rückkopplung, die es gibt, ist die Praxis. Gegen den metaphorischen Charakter der Wissenschaft spricht immerhin ihr Ergebnis: das Rad, der Rechner, die Rakete. Aber wir wissen nicht, was diese Resultate für uns bedeuten: vielleicht wäre es besser gewesen, wir wären in der Steinzeit verblieben wie die Yanomami am Amazonas. Vielleicht sind die Raketen oder die Rechner der Anfang vom Ende der Menschheit und der Erde?  Genauso ergeht es dem einzelnen Menschen. Alles, was er tut, kann genauso falsch wie richtig sein, weshalb die Begrifflichkeit von falsch und richtig falsch ist. Woran soll er sich aber orientieren?

Der arme Mensch hat nur drei Möglichkeiten zum Überleben: nachahmen, lieben und geben. Alle drei sind lebensgefährlich, äußerst riskant und ein Erfolg ist niemals garantiert.  Du ahmst deine Eltern nach, aber sie sind Nazis oder Analphabeten oder beides. Aber das ist noch nicht das schlimmste: du ahmst deine Eltern auch dann nach, wenn du sie ablehnst und überwunden zu haben glaubst. Die Nachahmung, die seit der frühesten Kindheit unsere Überlebensstrategie ist, sitzt uns bis zum bitteren Ende so sehr in den Gelenken und Gedanken, dass wir sie für ein Gen halten. Ein Erbe ist sie allemal. Der Streit darüber, was Natur des Menschen ist, was Nachahmung, dauert schon seit Empedokles an. Daraus kann man nur lernen, dass alle Wissenschaft, mit Ausnahme der Resultate, Metapher ist: Pythagoras konnte Fischschwärme lenken und Alan Turing starb an einem vergifteten Apfel.

Nicht viel anders ist es mit der Liebe. Wir folgen eher Instinkten und tief – nicht von uns – eingegrabenen Mustern und sind stolz auf das, was wir für unsere Wahl halten, bis es zur Qual wird. Aber es gibt auch Paare, die fünfzig oder sechzig Jahre zusammen und glücklich sind. Es gibt auch Paare, die Minuten oder wenige Tage nacheinander sterben, darunter sind auch Zwillinge. Das zeigt, dass wir den Begriff der Liebe immer zu eng und einseitig auf die Geschlechtsliebe beziehen. Liebe ist – wie eigentlich jeder weiß – viel mehr, von Geschwistern über Erziehung bis zur Menschheitsliebe, die oft Nächstenliebe genannt wird, nach Jesus, aber eben auch Fremdenliebe heißen sollte, denn was uns am Fremden einzig hindert, ist Angst, Restrisiko. Das Restrisiko wird zwar durch Gruppenzugehörigkeiten gemindert, diese beruhen aber auf ungenauer und falscher Beobachtung.

Von meiner Großmutter, die mir die Kunst nahebrachte, habe ich auch den verhängnisvollen Spruch, der in Jüterbog am Zinnaer Tor nebst zugehöriger Keule hängt: ‚Wer seinen Kindern giebt das Brodt, und leidet nachmals selber Noth, den schlage man mit der Keule todt.‘ Die Angst, sich zu verausgaben, war in den Zeiten des Hungers, als ein Stück Brot goldwert war, natürlich größer als heute, wo sie wie ein Atavismus vor  einer übersättigten Menschheit hergetragen wird. Dass in armen Ländern Solidarität allgemeines Merkmal sei, kann nicht nachvollzogen werden, dass Solidarität aber ein selektiver Vorzug sei, sehr wohl. Gegen Geben spricht nichts, auch nicht die Angst. Es mögen genauso viel Menschen durch unvorsichtiges und selbstloses Teilen gestorben sein, wie am durchbrochenen Magen durch Weihnachtsganswettessen reicher Bauern in unvernünftiger Zeit. Unter unvernünftiger Zeit wollen wir verstehen, dass die Reichen dick und die Armen dünn sind. Heute ist es umgekehrt. Beim Geben, wenn man es als Teilen versteht, kann man also am wenigsten falsch machen, zumal es auch selbst angstabbauend ist.

Wenn du nicht überleben willst, kannst du jederzeit in den Ätna springen. Wenn du aber auf dem Ätna stehst, erfüllt dich plötzlich und zum Glück ein unsägliches Verlangen nach Leben und Liebe, nach Wärme und Geborgenheit. So kalt und ungeheuerlich ist es da oben.

Wer teilen und geben nicht gelernt hat oder zu lernen nicht bereit und fähig ist, dem fehlen wesentliche Bausteine eines sinnvollen und erfüllten Lebens. Egoismus, Egozentrismus, Konsumismus und Selbstbezogenheit erscheinen jeder Zeit als typisch, sind aber ständige Begleiter der menschlichen Gesellschaft.

Wer teilen und geben gelernt hat oder zu lernen bereit und fähig ist, der hat den besseren Kontrapunkt zum allgegenwärtigen und oft widerwärtigen konsumieren. Kaufen und kaufenwollen können sogar krankmachen und kranksein.

Empathie ist aber in jedem Lebensalter für jede Gruppe und immer erlernbar. Alle Religionen und alle Philosophien lehren sie. Empathie ist die schönste und erfolgreichste Metamorphose und der größte Gewinn ist der für sich und die anderen.

 

DIE GEDICHTE MEINER GROSSMUTTER

Die Gedichte meiner Großmutter standen alle in einem gelben Buch ‚Des Mägdleins Dichterwald‘ von Theodor Colshorn, aus dem uns am Sonntagfrüh im Bett vorgelesen wurde. Der Sonntag war damals noch der einzige Nichtwerktag, in seiner Einhaltung berief man sich auf den Schöpfungsbericht. Meine Großmutter widersetzte sich dieser starren Interpretation. Sie erklärte den Sonntag zum Kunsttag. Der Grund dafür war eher ihre Unlust aufzustehen, so verband sie das Angenehme mit dem Nützlichen. Denn dass Kunst nützlich sei, war für sie Axiom. Ihre gesamte Lebenserfahrung war an Sprüche und Zitate gekoppelt, die aus dem Bildungsschatz des neunzehnten Jahrhunderts stammten. Das neunzehnte war das Jahrhundert Schillers. Durch seinen frühen Tod ist Schillers jugendliches Pathos direkt in die Schullesebücher katapultiert worden, während Goethe dort als alter weiser Mann erschien, dessen moralische Sentenzen für Wände taugten, nicht für Köpfe. Dass das Pathos oft auch nur äußerst gekonnte Rhetorik war, übersah man im rhetorischen Jahrhundert gerne. Schiller ist zweifellos der beste Stilist deutscher Zunge, aber er war auch selbstverliebt in seine wunderschönen Formulierungen: ‚In seinen Göttern malt sich der Mensch‘ und ‚In seinen Taten malt sich der Mensch‘ war für Schiller kein Widerspruch, sondern glückliche Sprachkunst [Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte, 1789; Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen, 1795].

Meine Großmutter zitierte, wenn sie Schiller zitierte, zumeist aus der Glocke, die als normativ empfunden wurde, von Schiller aber ganz sicher deskriptiv gemeint war. Sein Anspruch mag der perfekte Schöpfungsbericht als Parallelgeschichte gewesen sein. Sicher werden ihm Ludwigsburger, Rudolstädter und Apoldaer Glockengießer vom fragilen Schöpfungsprozess einer Glocke erzählt haben. In der Geschichte dieses Gedichts zeigt sich die Verwechslung von Wirklichkeit und Parabel sowie Produktion und Rezeption. Dass ausgerechnet Jacob Grimm, der Wörterbuchmeister und Märchenerzähler, die nationalistische Deutung, nur wir Deutschen hätten so ein Gedicht, aufbrachte, mag mit den historischen Umständen zu Schillers hundertstem Geburtstag entschuldigt sein.

Vor der massenhaften Reproduzierbarkeit von Kunst war die Kunst ganz eng an elitäre Lebensweisen einerseits und an den Bildungskanon andererseits geknüpft. Der Roman vom Werther wurde genauso wie die Glocke wörtlich genommen: man erschoss sich aus Liebe und man fügte sich in die lebenslängliche Ehe, weil es so geschrieben stand. Man kann sogar so weit gehen, dass die Analogie, die buchstabengetreue Auslegung zum Gipfel der Kriegskunst führte, der glücklicherweise mit seinem Ende zusammenfiel und die Begriffe Krieg und Kunst für immer trennte. Unsere Vorfahren lernten weniger Varianten als vielmehr Analogien und Muster, Normative statt Narrative. Eine Geschichte ist ein Viereck, das aus dem Leben gebrochen ist; das Leben ist ein Vieleck, das aus Geschichten besteht. Die Konstruiertheit jeder Parabel, jeder Geschichte spricht gegen ihre direkte Entnahme aus dem Leben und vor allem gegen ihre analoge Verwendungsmöglichkeit. Man sollte keinen gelben Frack anziehen und sich erschießen, weil man unglücklich verliebt ist. Man sollte nicht für sein Vaterland in Krieg und Tod ziehen, weil es der Vater und der Großvater ebenso taten. Der Begriff des Vaterlands begründet, wenn überhaupt, nur eine schwache Bindung von Menschen, denen es offensichtlich an Bildung und Sinn mangelt. Sinn, zumal Lebenssinn, ist viel schwerer zu finden als in Analogien gesucht wird. Sinn verhält sich zur Analogie wie Demokratie zur Elternschaft. Man kann zwar suchen, aber man wird nicht finden. Das Gesetz der großen Zahl ist eine wunderbare Erklärung, aber kein identitätsstiftendes Muster für ein Leben. Es gibt kein Muster für ein Leben. Es gäbe ein Muster für das Leben, wenn jemand alle Weltereignisse wüsste und verarbeiten könnte, das ist ein Schillerzitat, das ihn in einer Reihe mit Nietzsche und Wittgenstein als Verächter törichter Warumfragen und als reinen Denker ohne hohles Pathos zeigt.

Das neunzehnte Jahrhundert indessen und meine Großmutter, die mir damit den Sinn für Poesie eingab, blieben in der pathetischen und normativen Spur. Ihr Lieblingsgedicht, das sie uns zu Tränen gerührt immer wieder vorlas, war ‚Das Gewitter‘ des Sagendichters Gustav Schwab, nach dem in der schwäbischen Stadt Tuttlingen der Blitz dergestalt einschlug, dass von den zehn Toten vier in direkter Abstammung sich zueinander verhielten: Urgroßmutter, Großmutter, Mutter und Kind. Sie werden nicht in ihrer individuellen, sondern in ihrer klassifizierten Form gezeigt. Dem Dichter gelingt auch kein Trost, wie er manchmal sogar der Natur eigen ist. Als am 29. Juni 1764 der schwerste Tornado, den es in Deutschland je gab, die Stadt Woldegk  verwüstet, sterben nur zwei Menschen, ein Enkel und eine Großmutter, weil sich alle anderen, weil es einer der vierteljährlichen Bußtage war, in den dem Sturm trotzenden Kirchen befanden. Die Ernte war zerstört, die Menschen überlebten trotzdem. Aus diesem Tornado ging aber keine Geschichte, sondern die wissenschaftliche Meteorologie hervor.

Obwohl die Bildung in den letzten hundert Jahren von einer elitären Veranstaltung fast zum Gemeingut wurde, verbleibt sie leider immer noch viel zu viel im Reich des Faktischen und Analogen, des Aufsagens und des Abfragens.

Wir brauchen in Zukunft nicht nur ein Bruttosozialprodukt, sondern ein Bruttosozialglück, nicht die Inflation der Dinge, sondern ein Maximum an Bildung. Und diese Bildung müsste sich nicht nur am Wissen orientieren – das in jeder Suchmaschine zu finden ist-, sondern auch am Gewissen. Und das Gewissen schult sich eher am Ungewissen als am inflationären Wissen. Aus der normativen Kraft des Faktischen, des Gemachten, muss zunehmend die normative Kraft des Gedachten werden. Aber wie lehrt man denken? Und wie nutzt man die narrative Kraft der Gedichte?

DIE GESCHICHTEN MEINER GROSSMUTTER

Meine Großmutter war der Vorgeschmack  auf die heutigen Medien: ihre Geschichten und Sprüche waren allgegenwärtig. Es waren mehr Legenden darunter als eine Zweizimmerwohnung ertragen konnte. Sie war auch Verschwörungstheorien nicht abgeneigt und ging hin und wieder in einen spiritistischen Zirkel. Durch unsere Großeltern, wenn sie fern genug sind, und durch unsere Enkel, wenn sie jung genug sind, haben wir eine Erfahrungsspanne von fast anderthalb Jahrhunderten.

Genauso wie wir uns in den Medienkonsum flüchten, flüchtete man früher in die Familiengeschichte. Seit langem gibt es Fotoalben, lange vor den Nationalsozialisten gab es ein Interesse an Familiengeschichte. Die Hausbibel hatte oft vorgeschaltete Seiten mit dem so genannten Stammbaum. Jede Zeit bietet übrigens genügend Stoff, um individuelle, Familien- und Weltgeschichte miteinander zu verknüpfen. Der erste Weltkrieg, davon abgesehen, dass er von vielen Historikern als die Urkatastrophe des an Katastrophen nicht gerade armen Jahrhunderts angesehen wird, war für viele Menschen die erste Gelegenheit, an andere, weit entfernte Orte zu gelangen. Das Ausland besuchten bis dahin nur ganz wenige Menschen. Kein Wunder also, dass ihre Berichte zu Legenden wurden. In der Familie meines Großvaters, der sieben Geschwister hatte, was damals nicht ungewöhnlich war, kam die Legende auf, dass in einer nordfranzösischen Stadt, nicht weit von Belgien entfernt, in einem Museum die Urahne unserer Familie als möglicherweise sogar von Lucas Cranach gemalte Idelette de Bure, verwitwete Stordeur, ausgestellt ist. Das Bild gibt es noch als Kopie und unser Nachname ist stammt tatsächlich aus dieser europäischen Gegend. Was heute ein Urlaubsnachmittag ist, war damals ein abendfüllendes Programm.

In der Kleinstadt, aus der meine Großmutter stammte und wir lebten, herrschte niemals das Weltjudentum. In meiner Kindheit herrschten dort die Kommunisten und verwalteten das Elend. Rings um die kleine Stadt wurde Braunkohle abgebaut. Wir zählten oft die Waggons eines Güterzuges. Eine Lokomotive der Baureihe 54 zog locker 54 Waggons mit je 20 Tonnen, also insgesamt über 1000 Tonnen Braunkohle, aber wir rechneten, wenn wir überhaupt rechneten, alles in Zentner um. Unsere Kindheit war braunkohlenrußgewschwärzt, zumal auch die Briketts, die gepresste Braunkohle, angeliefert wurde, indem man sie auf die Straße schüttete, von wo sie mit Eimern in die Keller geschafft wurde. Das war eine gute Gelegenheit, sich eine oder zwei Ostmark zu verdienen. Allerdings zeigt sich heute, dass es zwischen Braunkohle und Kommunisten keinen Kausalzusammenhang gibt.

Im Elternhaus meiner Großmutter, in dem wir damals wohnten, war ein altes Flüchtlingsehepaar aus Breslau untergebracht. Der Mann war ein Farbengroßhändler, was man an seiner umgehängten Aktentasche sehen konnte, und die Frau war Spiritistin. Sie konnte tatsächlich den Kontakt zu Toten herstellen. Das einzige Zimmer ihrer winzigen Wohnung wurde verdunkelt, es gab zu Einstimmung einen Kräuterlikör und es wurde reichlich nachgeschenkt.  Spielkarten lagen auf dem Tisch, der dann irgendwann im Laufe des Abend anfing zu wackeln. Meine Großmutter hörte meinen toten Großvater sprechen. Der Mann starb dann bald und die alte Frau verbrachte ihre letzten Lebensjahre in einem Pflegeheim, das in einer alten Wasserburg untergebracht war. Und darin gab es seit Jahrhunderten eine weiße Frau, die nachts durch die Räume lief und die Menschen nicht erschrecken wollte, aber doch erschreckte. Einige starben sogar an den Schrecken dieses Spuks, wie sie selber glaubten und wie dann von den Überlebenden immer wieder und wiede5r erzählt wurde. Die Besuche in diesem Altersheim empfand ich als schrecklich, aber sie brachten uns jahrelang Westpakete ein, die von der dankbaren Tochter, die nicht kommen konnte, regelmäßig geschickt wurden. An diese Pakete muss ich heute noch denken, wenn ich durch einen ALDI gehe.

Lange bevor es Seifenopern tatsächlich gab, wurden wirkliche Ereignisse durch die Großmütter in Legenden umgegossen. Es gab schon einmal eine Zeit, wo dieser Vorgang in die Weltliteratur einging, als nämlich die Gebrüder Grimm Märchen sammelten, die von besonders fähigen Erzählerinnen allabendlich verbreitet wurden. Ein Mensch wurde von einem blitzgefällten Baum erschlagen und die Generation meiner Großmutter machte daraus einen Mann mit vier Kindern, der drei Straßen weiter wohnte, und aus dem Gewitter wurden die Wetterunbilden, die zwischen Gottesstrafe und Klimawandel angesiedelt waren. Es war Stimmungs- und Angstmache über der seifenduftenden Fußwaschschüssel. Sogar die Scheintoten, durch übrigens tatsächlich veränderte Untersuchungs- und Beerdigungsmethoden gänzlich ausgeschlossen, mussten in diesen Erzählungen herhalten. Das ganze neunzehnte Jahrhundert lebte in meiner Kindheit fort. Ein Teil der Geschichten wurde in Sprüchen konzentriert oder besser kondensiert. Mir war als Drittklässler schon das Wort Surrogat geläufig, denn es stand auf dem von mir sehr geschätzten Caro-Kaffee, der in den Westpaketen war.

Wie die Sprüche mit den Geschichten korrelierten, zeigt ein Lieblingsspruch meiner Großmutter: Wer seinen Kindern gibt das Brot und leidet nachher selber Not, den schlagt mit dieser Keule tot, so steht es am Stadttor von Jüterbog. So wie in dem Märchen ‚Hänsel und Gretel‘ ausführlich erzählt, war in diesem bösen Spruch das heutige Denken noch nicht zu erkennen. Während wir von einer eindeutigen gegenseitigen und umkehrbaren Versorgungspflicht ausgehen, glaubte man damals an den Vorrang der Eltern. Das Ideal war überhaupt der alte Mensch. Die Jugend musste sich als alt verkleiden, heute ist es genau umgekehrt.

Aber vieles, vielleicht sogar das meiste, ist auch gleich geblieben. Die Geschichten gibt es heute im Fernsehen, die Sprüche und Verschwörungstheorien bei Facebook und bei Bundestagswahlen. Wer weiß schon, dass BüSo, die auch für den Bundestag kandidieren, eine verschwörungstheoretische Gruppe ist, die sogar den guten alten Schiller missbraucht? Viel stärker als alle unsere Vorfahren, die doch ununterbrochen Geschichten erzählten und vorlasen, hängen wir von den Geschichten aus den vielfältigen Medien ab, denen wir uns kaum entziehen können, die aber auch andererseits die Quelle sehr umfänglichen Weltwissens und sogar Weltgewissens sein können. Ich glaube nicht, dass wir unter einer medialen Flut leiden. Ich glaube, dass wir dem Höhepunkt der Poetisierung erst noch zustreben werden, ein Zustand, der von den Romantikern mit ziemlicher Präzision, denn einige von ihnen waren Naturwissenschaftler, vorausgesagt und herbeigewünscht wurde. Irgendwann werden wir nicht mehr unterscheiden können, ob wir in der Wirklichkeit sind oder in einer Fortsetzungsgeschichte. Der Wahn und die Geschichten waren schon immer Surrogat der Welt. Aber ist die Welt nicht auch manchmal Surrogat für eine schlechte Geschichte? Die Welt wird eines Tages so sein, als ob wir alle vom Fliegenpilz gegessen oder auf meine Großmutter gehört hätten. Aber einen besseren Trost über und für die Welt kann es doch nicht geben?