ARBEIT MACHT NICHT FREI

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Dass im neunzehnten Jahrhundert nach anderen Religionen gesucht wurde, ergibt sich fast zwangsläufig durch die großen Umbrüche Industrialisierung, Urbanisierung und Säkularisierung.  Dem stemmten sich entgegen: ein neuer Arbeitsethos als Stütze gegen allzu krasse Umbrüche und beginnende Vereinzelung, der Nationalismus als Trost für die Millionenmassen, die merkten, dass sie am Verlieren waren und der Militarismus als sozusagen auf den Kopf gestellte  Solidarität.

Die Arbeit, die überhandnahm, wurde selbst zur Religion und Speisung des Volkes: die Männer schufteten je sechzehn Stunden an sechs Tagen die Woche, die Frauen zwölf und selbst die kleinen Kinder mussten in Bergwerken und auf den Feldern die Hand anlegen, die noch zu klein war für die Maloche. Vielen Zeitzeugen des Liverpool-Kapitalismus erschien dieser eher als neue Form der Sklaverei denn als Morgenröte der Freiheit. Heine dichtete: Deutschland, wir weben dein Leichentuch, wir weben, wir weben. Selbst der nur um Millimeter kriechende Fortschritt war kaum erkennbar. Trotzdem erschienen Bücher mit der Botschaft, dass Arbeit Freiheit bringe. Zwar hat diese Botschaft den rationalen Kern, dass sie den langen Umweg zu Freiheit über den Wohlstand auslässt, aber selbst heute werden geistige und physische Mobilität, die die eigentlichen Folgen des Wohlstands und damit auch der Arbeit sind,  nicht als Freiheit wahrgenommen.

Im Gegenteil: die einstigen Rhetoren der Arbeit, die angeblich frei machen soll oder den eigentlichen Sinn des Lebens darstellt, die Nationalisten und die Sozialisten, beklagen heute die Einschränkung der Freiheit durch die angebliche Staatsdoktrin. Und in dieser Renaissance des Arbeitsethos steht auch die Perversion wieder auf. Denn dass die Torüberschrift der Konzentrationslager ‚Arbeit macht frei‘ absolut zynisch gemeint war, daran kann es keinen Zweifel geben. Die Befehle der SS lauteten ganz eindeutig ‚Vernichtung durch Arbeit‘, ausgedacht vom SS-Obergruppenführer Theodor Eicke, der in Oranienburg das SS-Wirtschaftsverwaltungs-Hauptamt leitete und der einer der treuesten Gefolgsleute Hitlers und Himmlers war.

Den heutigen Neonazis, Rechtsradikalen, Identitären oder AfDlern wurde durch die Beibehaltung der Sprache der Täter geradezu assistiert. Wenn von antifaschistischen Websites argumentiert wird, dass man von Vernichtung spricht, um das industrielle, das systematische zu verdeutlichen, dann übernehmen diese Antifaschisten genau die Sicht der Mörder: es ist der Versuch, die Tatsache des Mordes durch Fokusänderung zu verschleiern. Jeder einzelne Ermordete des Nazireiches ist ein Mensch gewesen, der von einem anderen Menschen gegen alle Moral, Religion, Philosophie und Gewohnheit ermordet wurde. Auch Krieg ist keine Entschuldigung. Der Euphemismus der ‚industriellen Vernichtung‘ diente intentional der Verschleierung des Mordes Auge in Auge, den die Mörder nur aushalten konnten, weil sie sich betäubten, meist mit Alkohol, aber auch mit Pervitin, einem Metamphetamin, oder durch den Wahn ‚richtiger‘ und Sieger zu sein.

Aber es gibt, neben dem Broterwerb, noch einen zweiten Aspekt, der Freiheit und Arbeit zusammenbringt: die Kreativität. Jeder Schriftsteller schreibt immer weiter, bei den Malern stapeln sich die Bilder, die Bildhauer füllen ihren eigenen Park hinter dem Haus, sie alle sind nicht nur auf Ruhm und Geld aus, sie wollen weiter schaffen, weil sie weiter schaffen müssen. Aber: Künstler sind Ausnahmemenschen, wenn es erfreulicherweise auch immer mehr werden, weil die Möglichkeiten wachsen. Und: es gibt keine nennens- oder erhaltenswerte rechte Kunst, auf die sich die Wiederentdecker des scheußlichen Spruches, dass Arbeit freimache, berufen können. Es ist der Versuch der Wiederbelebung eines widerlichen Diktums, geschaffen von Menschenverächtern.

Es ist natürlich schön, wenn die Arbeit eine Freude ist, aber sie dient dem Broterwerb und heute können in Europa die Menschen für ihren Wohlstand und für ihren Urlaub arbeiten. Die Freizeit nimmt bereits den größten Teil des Lebens ein. Niemand muss auf die Arbeit als Freiheit hoffen. Fast jede und fast jeder kann sich seinen Hobbies, seinen Reisen und seinen Kindern widmen, ohne dabei zu verhungern.

MENSCHEN DRITTER KLASSE

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wer ist ostdeutscher

wer ist westdeutscher

wer ist deutscher als wer

In diesen Tagen um den dritten Oktober fühlen sich so viele im Osten als Menschen zweiter Klasse. Und eine ganze Menge unter ihnen sieht zu ihrem Glück noch Menschen dritter Klasse unter sich. Dieses Phänomen hatte vor hundert Jahren schon Heinrich Mann geschildert, und der kannte die DDR erst als er schon tot war.

Es geht dabei einerseits um Schuld. Ist glücklicherweise jemand an meinem Unglück schuld? Andererseits geht es um Klassismus, Rassismus, Sexismus in Form einer sozialen Pyramide. Diese soziale Hierarchie kann sich mit der nationalen oder der religiösen Pyramide überschneiden. Und schließlich drittens leiden wir alle an der Krankheit der Vergangenheitssehnsucht. Weihnachten war früher schöner, schon meine Großmutter sagte, wenn auch ironisch, der Schnee war früher weißer, und seit dreißig Jahren ist nun eben die DDR besser als sie jemals gewesen sein kann gewesen. Denn wäre sie auch nur annähernd so gewesen, wie sie jetzt von einigen Millionen Menschen erinnert wird, dann wäre sie nicht sang- und klanglos untergegangen. Honecker hat uns immer gewarnt: die Bundeswehr wolle mit klingendem Spiel durchs Brandenburger Tor einmarschieren. Das wolle er verhindern. Tatsächlich verschwand er dann aber in seiner Volvostretchlimousine in die Anonymität und schließlich nach Chile zum Sterben. „Es war nicht alles schlecht.“ Selbstverständlich nicht, aber es war bei weitem nicht so gut wie es hätte sein können und vor allem nicht, für wie gut es erklärt wurde. Drüben machte man sich demzufolge über das Arbeiterparadies lustig, aber wir fanden es nicht lustig, anstehen zu müssen, den Beruf nicht frei auswählen zu können. Wir fanden es nicht lustig, dass die Karten jenseits von Helmstedt und Hennigsdorf weiß blieben. Die Berufswahl hing an einem sozusagen sozial-politischen numerus clausus. Auch der heutige eher kapazitätsbedingte numerus clausus wird als ungerecht empfunden. Denn es kann jemand für Medizin begabt sein, der oder die nicht einen Abiturdurchschnitt von 1,0 hat. Wie erst müssen sich Frauen und als Juden bezeichnete Menschen vor 1945 gefühlt haben, die durch einen sexistischen und rassistischen numerus clausus vom Studium ausgeschlossen waren. In bezug auf Juden kann man sich nicht anders als verquast ausdrücken, denn die Nazis meinten damit eine ausgedachte ethnische Zugehörigkeit, die sie – rassistisch – als ‚rassisch‘ bezeichneten, die aber eigentlich nur auf Religion gegründet war. Aber nicht jede und jeder, der in eine bestimmte Familie hineingeboren wird, muss sich an die in ihr geltenden Traditionen gebunden fühlen. Einfacher gesagt: In jüdischen Familien gibt es genauso viele Agnostiker und Atheisten wie Fromme und Fundamentalisten wie in christlichen oder muslimischen Familien. Die Religionen, so hilfreich sie vielen Menschen erscheinen mögen, überzeugen nicht gerade durch ein Wahrheitsmonopol , das es auch gar nicht geben kann.  Selbst in krassen Diktaturen gehört man nur dazu, wenn man es will und sich als zugehörig definiert. Denken wir immer an Rosa Parks, die sich als erste im Bus auf einen Platz setzte, der nicht für sie reserviert war.

Jeder weiß, dass es nicht allen Menschen aus der DDR gelang, im wiedervereinten Deutschland nach oben zu kommen. Wir wollen uns hier nicht an diesen sinnlosen Zahlenspielen beteiligen, im Gegenteil verweisen wir auf Angela Merkel, die schon länger Bundeskanzlerin ist als Adenauer Bundeskanzler war. Nur weil er so steinalt war, erschien uns seine Zeit seinerzeit als ewig. Und weil wir jetzt selber schon steinalt sind und die wichtigsten oder wenigstens aufregendsten Jahre unter Kohl erlebten, erscheint es uns jetzt so, als sei die Merkel erst gestern gewählt worden. Und morgen wird sie abgewählt. Dann haben die Leute wieder etwas zu jammern: Das gab es unter Merkel nicht.

Ich hatte schon vor langer Zeit einmal darauf hingewiesen, das Diktatoren nach ihrem Tod gerne geduzt werden. Erst jetzt ist mir der Grund klarer geworden. Wenn sie tot sind, haben sie genauso verloren wie die Menschen, die früher alles besser fanden. Vergangenheit und Diktatur kreuzen sich also nur zufällig. Es ist beruhigend zu wissen, dass die Alten in einiger Zukunft ihren Enkeln von der Demokratie als der besseren Zeit vorschwärmen werden. Neulich saß ich in einer Altmännerrunde und hörte eine Weile geduldig zu. Es ging nicht um die Einzelheiten, die da diskutiert wurden, es ging darum am Alten festzuhalten. Alles Neue wurde einfach abgelehnt. Wochen später saß ich in einer Altfrauenrunde, und da verstieg man sich sogar zu der Ansicht, dass die Abschaffung der Worte Mohr und Neger wegen Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf nicht hinnehmbar sei.

Aber wer will nun die dritte Klasse von Menschen sein? Für die AfD ist es klar: die Flüchtlinge, die Muslime, überhaupt die Fremden. Aber es scheint den Wählern der AfD immer klarer zu werden, was sie da gewählt haben: eine Partei dritter Klasse, die niemand braucht. Zwar hat es Alice Weidel auf die Rankingliste des Politbarometers geschafft, aber an letzter Stelle und als einzige Alternative. Die andern Schreihälse sind schon verschwunden. Gauland jagt wahrscheinlich nackt die Kanzlerin am Ufer des Jungfernsees in Potsdam und lässt sich dann brav von Polizeibeamtinnen nach Hause führen.

Im alten Ostberlin, damit meine ich den Zustand, als es noch in der Invaliden- und Heinrich-Heine-Straße endete, vor allem natürlich in der Sonnenallee, im alten Ostberlin sinnierte ich an der Kaufhalle in der Chausseestraße, ja, ja, so hießen einst im Osten die Supermärkte, dass man nicht anstehen müsste, wenn man sich nicht anstellte. Wenn niemand anstehen würde, hätte es die Erdbeeren oder Bananen auch ohne Anstehen gegeben. Aber: auch der Appetit war scheinbar kollektiv geregelt, wahrscheinlich vom Zentralkomitee oder von der Hauptabteilung Geschmacksbildung des Ministeriums für Staatssicherheit unter Leitung des Genossen Generalleutnant Wolfgang Gülle.

Und so könnten wir auch jetzt verfahren: Wenn wir uns nicht mehr als Menschen zweiter Klasse sehen würden, dann gäbe es auch keine Menschen erster und schon gar keine dritter Klasse. Man muss nur im Bus den Platz wechseln.  

MAXIMUM?

Diese radikale Sicht ermöglicht ein moralisches Maximum, vergisst aber, dass der so verteufelte Kapitalismus nicht nur die Produktions- und Kapital-, sondern auch die Konsumentenseite hat. Ohne Konsumenten gibt es keinen Profit. Man kann den Kapitalismus eben nicht durch die Revolution des Kapitals, sondern nur durch die Evolution der Konsumenten verändern.

EKLEKTIZISMUS

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Auf dem Land – im Osten – gibt es viele alte, zum Teil historische Gebäude. Wenn sie in der alten DDR auch genutzt wurden, dann fällt auf, dass sie sehr unstilish erhalten, gepflegt und umgebaut wurden. Verschiedene Plastikfenster, Vordächer aus Wellplastik, Dächer gar aus Asbest, zugenagelte oder zugemauerte Türen. Das ist wohl nicht darauf zurückzuführen, dass es im Osten keine Ästheten gab, sondern darauf, dass die Buchhalter herrschten. Und sie verwalteten die leeren Kassen. Deshalb verfielen nicht nur so viele Gebäude auf dem Land, sondern ganze Altstädte. Bis dann Günter Mittag auf die Idee kam, alles Alte einfach wegzubulldozern und dafür überall die schönen suburbs aus Plattenbauten hinzustellen. Kulturbolschewismus.

Ein Fünftel unserer Bevölkerung jammert über den Zustand der Bevölkerung: sie erscheint ihnen nicht mehr homogen genug, sie kommt ihnen vor wie eine Patchwork-Familie, nur eben viel größer. In der DDR, die sich ja immerhin doch noch ein paar Leute zurückwünschen oder jedenfalls verklären, war es umgekehrt. Es gab eine fast homogene Bevölkerung, aber ein Patchwork-Staatswesen. Allerdings war die Gleichartigkeit etwas vorgetäuscht, denn unter uns lebten eine halbe Million sowjetische Besatzungssoldaten und eine unbestimmte Menge gut versteckter Gastarbeiter aus Vietnam, Kuba, Mozambique und Angola, Studenten aus Algerien und dem Irak, Flüchtlinge aus Chile und Palästina. Aber man sah sie kaum: hidden folks.

Der Staat indessen war eine krude Mischung aus Nazistaat, Sowjetsystem, österreich-ungarischer Korruption auf Tauschbasis, Scheindemokratie und Alkoholismus. Zwar gab es nicht solche hohen Nazis wie im Westen in neuen Funktionen, aber auf der unteren Ebene waren sie unvermeidbar. Das Sowjetsystem hat sich vor allem in der Kollektivierung der Landwirtschaft, aber auch in der Staatssicherheit und in den endlosen Titeln gezeigt. Die Titel konnten aber auch Kopien aus der KuK Monarchie sein. Das merkwürdigste Patchwork-Element war aber die Tauschwirtschaft. Mangelwirtschaft und Geldüberfluss, eine wertvollere Zweitwährung und auch ein gewisser Kult der gegenseitigen Bauern- und Nichtbauernhilfe* führten zu einer Schattenwirtschaft, die selbst vor Funktionären des System nicht halt machte. Soundsoviel blaue Fliesen aus Boizenburg wurden gegen soundsoviele Rollen Raufasertapete aus Erfurt getauscht. Blaue Fliesen waren aber gleichzeitig der Geheimcode für die blauen Hundert-DM-Scheine, ungeachtet, dass 100 Ostmark auch mit einem blauen Schein zu haben waren. Autoersatzteile und auch ganze Autos waren vielleicht neben Fliesen die größten Posten auf dem Tauschmarkt. Bei Autos wurde nicht nur der Preis in Zahlung genommen, sondern auch die Wartezeit geldwert umgerechnet.

Ein Maximum an Patchwork oder Eklektizismus steht einem Maximum an Staatshomogenität und Perfektionismus entgegen. Dafür ist ein wunderbares Beispiel die Bürokratie des neuen Deutschlands. Wer zum Beispiel ein Haus bauen will, geht nicht zum Amt und wird beraten, sondern er kommt ratlos wieder und muss sich einen oder mehrere Berater nehmen. Das Berater- und Nachhilfewesen muss in der perfektionistisch-staatshomogenen Gesellschaft zwangsläufig durch Berater gestützt werden, weil ein System aus Normen, Gesetzen und Verordnungen zum unnavigierbaren Jungle wird. Das Gegenteil war die Bauordnung des zur Megastadt wachsenden Istanbul: wer in einer Nacht eine Haus erbaute, brauchte dafür keine Genehmigung. Die Häuser heißen heute noch: gecekondu.

Menschen unterscheiden sich also mehr nach den Staatssystemen, aus denen sie kommen. Aber die Wirkung ist die gleiche wie bei verschiedenen Hautfarben: alles mischt sich immer wieder neu.

Die Suche nach der verlorenen Homogenität ist vergleichbar mit dem Weihnachtsparadox: je weiter Weihnachten in der Erinnerung zurückliegt, desto perfekter wird es. Auch die Homogenität gab es nur in der frühen Kindheit: weil wir da noch keine Unterschiede sehen konnten. Perfektes Weihnachten gab es nur, als wir klein waren: da waren die Geschenke am größten.

Die alles überschattende Frage ist immer wieder: wie lange halten sich die Reiche? Das Nazireich, auf 1000 Jahre konzipiert, dauerte schließlich zwölf viel zu lange Jahre. Der Ostblock, als Ende der Geschichte gedacht, brachte um die 70 Jahre auf die Waage, davon die DDR 40, Äthiopien nur 16 harte Jahre einer 3000jährigen Geschichte. Das Römische Reich brauchte immerhin 500 Jahre, um untergehen zu können, verschwunden ist es bis heute nicht. Das lässt doch hoffen.  

MOHRENSTRASSE UND NEGERKUSS

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Warum haben sich eigentlich die Afrikaner früher nicht über das bösartige Verhalten ihnen gegenüber beschwert? Die Frage zeigt nicht nur, wie dumm sie ist, sondern auch unser heutiges Dilemma: wir müssen entweder zunehmend auf unser oft gedankenloses, oft aber auch bösartiges Verhalten verzichten oder aber wir werden dümmer als unsere Vorfahren dastehen. Beides scheint uns nicht wünschenswert.

Die Frage, ob unsere Vorfahren hätten wissen können, wie falsch und schädlich ihr Verhalten ist, scheint müßig, denn es kann nicht darum gehen, sie nachträglich zu verurteilen. Es geht überhaupt nicht um verurteilen oder anordnen, sondern um einsehen. Unsere Vorfahren wussten, was sie taten oder hätten es wissen können. Sie sind nicht entschuldigt, aber gerechtfertigt durch ihre Eliten, die Mord, Totschlag, Krieg und Rassismus als Herrschaftsinstrument benutzten und damit legitimierten. Rassismus in diesem Zusammenhang ist allerdings ein anachronistischer Begriff, denn er wurde erst nach 1444 erfunden, um seinerseits die Sklaverei zu legitimieren. Das Gebot der Nächstenliebe musste durch die vermeintliche Minderwertigkeit der zu Versklavenden umgangen werden. Der Unterschied zwischen der antiken und der mittelalterlichen Sklaverei ist übrigens die Zahl der Flüchtlinge und der Aufstände. Es gab sie praktisch auf jedem Schiff, weshalb außerdem noch der Mord als demonstrative Strafe gerechtfertigt werden musste. Bis 1444 konnte man auf jedem Altarbild, das die Geburt von Yesus zeigte, einen afrikanischen König sehen, der dem kleinen Propheten Gold, Weihrauch und Myrrhe darbrachte. Niemand wäre auf die Idee gekommen, dass der dritte König minderwertig sein könnte. Trotzdem wurden zweitausend Jahre nach ihm Afroamerikaner ohne Grund von Euroamerikanern erschossen. Übrigens: auch mit Grund darf ein Polizist keinen Menschen erschießen.

Die Hautfarbenbezeichnungen und die dazugehörigen Qualifizierungen wurden im Laufe der auf den Beginn des Sklavenhandels (1444) folgenden Jahrhunderte entwickelt. Und da sie sich bis heute gehalten haben, wenn auch Morde seltener wurden, da überhaupt mit steigendem Wohlstand und deutlich verbesserter Bildung die Kriminalität sinkt, müssen wir versuchen die täterbegleitende Sprache zu beenden.

Eine Umbenennung der Berliner Mohrenstraße scheint daher dringend geboten, zumal es – außer Gewohnheit – keinen plausiblen Grund zur Beibehaltung dieses Namens gibt. Wir wissen noch nicht einmal den Grund der Benennung. Es ist möglich, dass der Schwedter ‚Kammermohr‘ tatsächlich ein Haus in dieser Straße bezog, genauso wahrscheinlich ist es aber, dass Mitglieder der damals fälschlich Janitscharenmusik genannten Militärkapelle diesen Weg zum Schloss nahmen. Janitscharen waren Eliteeinheiten des osmanischen Heeres, dessen Militärmusik Mehterhane hieß. Damals nahm man auch an, dass der Kaffee türkischen Ursprungs sei (C-A-F-F-E-E trink nicht so viel Kaffee, nicht für Kinder ist der Türkentrank…). Man hatte wohl nicht bemerkt, dass das Osmanische Reich ein Vielvölkerstaat war, wie auch Russland und Österreich.  

Auch ein solcher ‚Kammermohr‘, ein Hofbelustiger, war Anton Wilhelm Amo. Solange er unter dem Schutz seines Braunschweiger Herzogs stand, konnte er sich bilden und dozieren. Aber als die Gunst verschwand, konnten ihn auch seine Magister- und Doktortitel nicht vor Spott und unverhohlenem Rassismus retten. Er hatte gewagt, eine Europäerin heiraten zu wollen.

Auf diese Isolation der gekauften oder gefangenen Afrikaner hatten wir schon [in Nr. 367] angesichts der vier Afrikaner in der Kirche der Grafen von Schwerin zu Putzar hingewiesen. Exotik erschauerte die Menschen, so wie damals auch Behinderte auf den Jahrmärkten zur Belustigung ausgestellt waren, von Gleichheit, nach der das Jahrhundert schrie, war keine Spur zu sehen.

Das Unrecht vergangener Zeit kann man nicht tilgen, aber man kann seine Fortführung verhindern. Der hochintelligente und hochgebildete Anton Wilhelm Amo hätte diese späte Rehabilitierung mehr als verdient. Die bösen Worte ‚Mohr‘ (abgeleitet von den Mauren, Mauretanien ist der letzte offen rassistische und sklavenhaltende Staat der Welt) und ‚Neger‘ (abgeleitet von lateinisch niger = schwarz, aber im Sklavenhandel und noch mehr im Kolonialismus übelst beleumdet) müssen wir endlich aus unseren Worten und Gedanken bannen.

Diese sprachlichen und begrifflichen Umbrüche sind ein Kind des demokratischen Fortschritts. Manchmal scheint es, als würde die Demokratie gar nicht merken, was sie anrichtet: mehr Demokratie.

MASKENMÜDIGKEIT

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Die ständige Verwechslung von Behörden (und ihren Anordnungen) und der Politik (meist meinen wir dann die Bundesregierung) könnte auch ein unseliges Erbe aus der DDR sein gekoppelt mit dem ‚BILD‘-Jargon: ‚Schocknachricht‘, ‚Ausweisung‘ ergibt es dann die Verwirrung, die wir bei einer winzigen Minderheit erleben. Nur so ist es zu erklären, dass immer wieder einzelne Menschen an ihrem Land und seiner Regierung verzweifeln, eigentlich aber örtliche Anordnungen und Gepflogenheiten meinen. Überall, wo der Bürokratie (oder überhaupt jemandem) Entscheidungsbefugnisse übertragen werden, wird es auch Fehlentscheidungen geben, so wie es überall Fehler gibt, wo etwas getan wird. Bildung, Demokratie und Medien haben gemeinsam dafür gesorgt, dass viel mehr Menschen eine Meinung haben und äußern können. Aber diese neue Freiheit trifft auf den alten Führerwahn: man glaubt, wenn etwas geschieht, sei ein Führer verantwortlich, und man sucht sich, damit etwas geschehe, neue Führer. Alle Autoritätsbefürworter glauben an den Staat und an Hierarchien. Alle Staatsgläubigen sehnen sich nach Autorität und Hierarchie. Alle, die an Hierarchien glauben, glauben auch an den Staat und an die Allmacht der Autorität. ‚Merkel muss weg‘ zeugt also nicht nur von einem archaischen Demokratieverständnis, sondern paradoxerweise auch von einer überdimensionierten Sehnsucht nach der Staatsautorität. Autorität verwechselt sich selbst aber immer mit Kompetenz.
Es wird, um die Unfähigkeit der Bundesregierung zu zeigen, ein Chefarzt aus Neubrandenburg zitiert, gegen den wir hier nichts sagen wollen, denn er wird selber wissen, ob er aus Kompetenz oder aus Eitelkeit sprach. Es gibt in Deutschland aber 2000 Krankenhäuser und demzufolge zwischen zehn- und zwanzigtausend Chefärzte. Würden wir also all ihren Vorschlägen folgen wollen, müssten wir die Coronakrise auf zehntausend Jahre ausdehnen. Dann wüssten wir, was zu tun ist. Jede Krise erfordert Handeln, aber nicht jedes Tun ist auch erfolgreich. Manche Leute scheinen das zum ersten mal zu hören.

BESUCH BEIM KÖNIG

ein credo. mein credo.

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Nr. 254

Es gibt Zitate, die kann man nicht mehr hören, so oft präsentiert sie uns jemand, als hätte er sie gerade erfunden. Besonders beliebt ist die Einleitung: Wie Einstein schon sagte, dann kommt, was wir alle schon wussten, dass zwei Dinge unendlich seien. Pfarrer zitieren in diesem Jahr wahrscheinlich so oft Luther, dass er für die nächsten fünfhundert Jahre verbrannt ist. Und auch des großen Friedrichs Satz, des Königs in Potsdam, dass alle nach ihrer Façon selig werden sollten, ist oft gehört worden. Als Kind dachten wir da eher an den Friseur, der uns fragte: Fasson?

Inzwischen ist auch seine Ermutigung hinreichend bekannt, dass ‚wir ihnen Mosquen bauen, wenn sie kommen‘. Friedrich, der sowohl oberster Bischof von Preußen als auch belesener und aufgeklärter Philosoph war, wollte vielleicht den Streit über den Aberglauben beenden, dass ein Mensch wüsste, wo und wie er die Zeit nach dem Tod verbringt. Dieser Streit…

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FRIEDENSPFLICHT

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Haben wir keine Feinde, weil wir keine Flugzeugträger haben, oder haben wir keine Flugzeugträger, weil wir keine Feinde haben?

 

Friedenspflicht ist ein Wort aus dem Streikrecht und bedeutet dort, dass nicht gestreikt werden darf, während die Tarifverhandlungen laufen. Merkwürdigerweise ist noch niemand darauf gekommen, dass das Wort auch eine weitaus allgemeinere Bedeutung haben sollte und könnte. Wir sind im täglichen Leben zum Frieden verpflichtet, weil wir nicht im Streit leben können. Staaten müssen miteinander auskommen, wenn sie nicht ihren Wohlstand gefährden wollen, ja, Wohlstand hat Frieden als eine Vorbedingung. Wer rüstet, findet kein Ende. Rüstung ist immer unersättlich, weil sie auch stündlich veraltet. Die Spuren der Rüstung wirken lange nach, sind sozusagen nachhaltiger als befürchtet. Zwischen Prenzlau und Stettin gibt es im Wald ein Rüstungsdepot der Wehrmacht, das aussieht, als hätte man es gestern verlassen. Im schönen Wald bei Neustrelitz, der den Geist der Königin Luise von Preußen atmet, die dort ihre schönsten, aber auch ihre letzten Stunden verlebte, spürt man die Hangars der Atomraketen mit dem martialischen Namen SS-20. Die Antwort darauf, den amerikanischen Stützpunkt Ramstein, gibt es heute noch. Übrigens entstand er, als die Wehrmacht Teile der Reichsautobahn als Start- und Landebahn nutzte. Rüstung kommt also immer zurück, wie ein mathematisch gesteuertes Schicksalssystem. Ramstein ist die Reinkarnation der V-Raketen aus Peenemünde. Das V stand, man erinnert sich nur mühsam und widerwillig, für Vergeltung. Vergeltung hat nach einer zu langen Karriere bei den rachsüchtigen Menschen endlich ausgedient.

Die Europäische Union befindet sich offensichtlich in einer Sinnkrise, nicht etwa in einer Wirtschaftskrise. Selbst die Jugendarbeitslosigkeit der südlichen Länder ließe sich nach deutschem Vorbild wenn nicht bekämpfen, so doch wesentlich entzerren und lindern. Nur in Berlin werden OSZs geschlossen. Wir sollten diese Sinnkrise nutzen, um der Union einen Entwicklungsschub zu geben, der ihr gleichzeitig den teilweise verloren Sinn wiedergeben kann.

  1. Alle Länder der Union stellen keine Waffen mehr her und beteiligen sich nicht mehr am Waffenhandel. Natürlich sind die Waffen nicht schuld an Krieg und Mord, aber sie tragen zu einem sozusagen effizienten Mordsystem bei. Deutschland beteiligt sich glücklicherweise seit über siebzig Jahren nicht mehr an Kriegen und Kriegshandlungen. Die Zahl der Tötungsdelikte geht drastisch zurück. Dies ist gleichermaßen der humanen Rechtsprechung gedankt. Deutsche Waffen können beträchtlichen Schaden anrichten und sie tun das auch, aber der Schaden in unserer Exportstatistik ist wahrlich gering. Waffenexporte machen weniger als ein Prozent unserer Exporte aus, was ungefähr fünf Prozent Weltmarktanteil Da wir aber nach den USA und Russland und neben Frankreich und China einen der vorderen Plätze im Welthandel mit Waffen belegen, wäre die Signalwirkung eines deutschen Verzichts beträchtlich. Jeder weiß, dass Deutschland einmal hochgerüstet war und den zweiten Weltkrieg begonnen und immerhin fünfeinhalb Jahre lang geführt hat.
  2. Die Union tritt aus der NATO aus, bleibt ihr aber assoziiert und freundschaftlich verbunden und beteiligt sich an Friedenseinsätzen mit UNO-Mandat finanziell und logistisch. Für Katastropheneinsätze und andere humanitäre Aufgaben wird ein gesamteuropäisches Berufsheer geschaffen. Für einen Übergangszeitraum bleibt das Raketenabwehrsystem der NATO mit Zentrum in Ramstein bestehen.
  3. Waffen werden auch im Inneren mittelfristig geächtet. Das Gewaltmonopol des Staates wird einerseits gestärkt und verstärkt durchgesetzt, andererseits langsam entwaffnet. Die Landespolizeien verfügen ab sofort über keine Waffen mehr. Die Bundespolizei konzentriert sich auf Gewaltbekämpfung und unterhält bewaffnete Sondereinsatzkommandos, deren Verwendung jeweils parlamentarisch kontrolliert wird. Das Ziel ist gewaltfreies Assekuranz- und Verantwortlichkeitsdenken.
  4. Die Medien, Kunst, Kultur, Unterhaltung und Schule verpflichten sich, zunehmend und bemerkbar auf militaristische, rassistische und gewaltverherrlichende Inhalte zu verzichten. Da jedes Verbot wie Gewalt wirkt, müssen wir den freiwilligen Verzicht stärken.
  5. Alle Autoren schwächen den Glauben an Hierarchien und Institutionen, Zeichen, Grade, Kreuze, Siege, Feinde, Verschwörungen, Alternativlosigkeiten und Monokausalitäten, Strafen und Technik. Diese Liste kann von jedem und jeder ergänzt, korrigiert, umgestellt werden. Statt dessen sollten wir uns gegenseitig ermutigen, wieder an das Gute, an den Menschen und all die Lehren und Imperative zu glauben, die im Laufe der Menschheitsgeschichte gedacht und gefühlt wurden. Der Glaube an Gott ist immer auch ein Glaube an Menschen, der Glaube an Menschen ist immer auch ein Glaube an Gott, an das Transzendente, das uns verbindet. Warum sollte nicht, nachdem Kunst und Kommunizieren einen solchen Aufschwung genommen haben, auch das Denken und das Vertrauen, wie das Glauben in den verschiedenen, langsam zusammenwachsenden Gemeinschaften, gestärkt werden können?
  6. Die Union nimmt jedes Jahr Flüchtlinge auf und integriert sie in die gesellschaftlichen Systeme der Mitgliedsländer. Dabei sollte man weitgehend individuell vorgehen, den Menschen als Menschen sehen und nicht als Zahl. Dies sorgt für die ständige Korrektur unserer Sichten auf die Welt, die Menschen und die Union selbst. Empathie ist die wichtigste Menschensicht und Menschenpflicht. Als Nebeneffekt dürfen Flüchtlinge auch von den zuständigen Gremien und Experten als Wirtschaftsfaktor einbezogen werden.

Wir bleiben heute ausnahmsweise einmal konkret.

VIRALE VIRENGEGNER

 

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Jetzt kann ich mir besser vorstellen, wie die Naturapostel barfuß durch die europäischen Städte zwischen den Weltkriegen liefen und von den Erwachsenen belächelt, von den Kindern verspottet wurden. Aber sie wollten vor dem warnen, das wirklich eintraf: der sinnlos wachsende Konsum und die Entfernung von der Natur, aus der wir stammen und ohne die wir nichts sein können, außer nichts. Gestern keifte eine Virengegnerin einen ganzen Wagen eines Regionalexpresses zusammen, weil, wie sie meinte, wir alle Lakaien der Merkel- und Gatesdiktatur seien. Dabei verdanken wir alle Gates die – zugegebenermaßen monopolisierte – Kommunikationstechnik. Als ich dann durch die Chausseestraße lief, hörte ich die Menge blöken, nicht aufgebracht, eher heiter, mit der Heiterkeit der Sieger der Geschichte, das hat hier in dieser Gegend schon einmal eine Partei von sich geglaubt. Vom Erscheinungsbild, viele Regenbogenfahnen und alternativ gekleidete Mittelaltermenschen, war die Menge zunächst nicht eindeutig zuordenbar. Das hätten auch vegane Radfahrer sein können. Aber als die ersten Reichskriegsflaggen auftauchten, die ersten Antimerkelcartoons, die ersten deutsch-amerikanischen Fahnen, die Antiviren- und Antiimpfsprüche, war es klar, wer da marschiert. Trotzdem ist und bleibt es bemerkenswert, dass man sich, wie einst die Nazis, die kommunistische Lieder umdichteten, die Insignien des Gegners aneignet, um dessen gedankenlose Mitläufer zu den eigenen Mitläufern – gestern sogar wörtlich – zu machen. Eine alte Frau, die mir vergeblich einen Antiimpfaufkleber aufkleben wollte, lachte laut und verächtlich auf wie eine Hexe im bösen Märchen. Und dieses Siegerbewusstsein kommt wahrscheinlich allein durch die falschen Zahlen. Da eine halbe Million zunächst angekündigt war, die dann durch die Veranstalter selbst auf 10.000 herabgezoomt wurden, das ist schon ein kühner Sprung ins Nichts, fantasierten eben viele Teilnehmer von 800.000 Menschen und der unmittelbar bevorstehenden Machtübernahme, möglicherweise durch Attila Hildmann als Reichskanzler mit sofortiger Wiedereinführung der Todesstrafe.

In einem ganz leeren italienischen Restaurant konnte ich darüber nachdenken, dass so viele Menschen, etwa 17.000, so viel Geld und Kraft für eine so sinnlose Sache auszugeben bereit waren. Ist es der Überfluss an Freizeit oder der Mangel an Kreativität, der sie in die Sprechchöre einstimmen lässt. Sie beklagen, dass ihnen die Freiheit genommen wurde, die sie doch aber anscheinend nur dazu benutzt haben, bis zum Überdruss Massenmedien zu konsumieren.

Die vielen Neuigkeiten in der Welt führten zu neuen Massenmedien. Die neuen Massenmedien dagegen führten zu immer mehr als Neuigkeit und Sensation aufgebauschten Ereignissen. Jede Inflation, auch die von unsinnigen Nachrichten, führt letztlich zur Insuffizienz des Systems. Obwohl wir alle in der Schule den sparsamen Gebrauch von Massenmedien auf der einen Seite, von der Verlässlichkeit der Demokratie und der Bürokratie auf der anderen Seite gelehrt bekommen, hat der Glaube daran inzwischen tiefe Risse bekommen. Die Streitfrage ist nur noch: wie viele Menschen sitzen in dem Riss?

Ich glaube auch nicht an eine bloße Wiederherstellung einer als vollständig gedachten Demokratie. Denn nichts ist vollständig, wie sollte es da gerade eine so bewegliche und zerbrechliche Sache wie die Demokratie sein? Genauso wenig war und ist es wünschenswert, dass nach der Corona-Krise alles wieder so wird, wie es vorher war. Nein, wünschenswert ist, dass wir die Chance der Krise zu einem Aufbruch nutzen: es ist also möglich, weniger zu fliegen, es gibt die Solidarität zugunsten einer benachteiligten Bevölkerungsgruppe, es gibt nach wie vor ein großes und berechtigtes Vertrauen in staatliches Handeln.

MENSCHENMÄKELEI

 

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Schon der Romantiker Eichendorff widersprach dem menschenmäkelnden Schimpfwort TAUGENICHTS mit seiner zauberhaften Erzählung. Nach den Weltkriegen, die nun wirklich zu nichts taugten, kamen Pejorative aus Amerika: loser und asshole. Wahrscheinlich können wir heute nicht mehr entscheiden, ob der Geist der Mäkelei aus der ideologischen Segregation herrührte, dass etwa Männer wichtiger seien als Frauen, Weiße intelligenter als Schwarze, Christen für den Himmel vorgesehen, Heiden, Sünder, Ketzer und Hexen dagegen für die Hölle, oder ob es vielleicht umgekehrt ist: aus dem Alltagsrassismus der Schimpfwörter und des Dünkels entwickelte sich der institutionelle Rassismus der Kirchen und überhaupt der Religionen und des staatlichen Nationalismus.

Seit es keine Kirchen mehr gibt, die die alleinige moralische Deutungshoheit besitzen und seit der Staat die Zügel mittels der Demokratie lockerte, werden Größen wie Einstein und Freud mit falschen Zitaten in den Kampf der Schuldigsprechung der ANDEREN geschickt. Einstein, Freud und Stephen Hawkins sollen demnach gesagt haben, dass die Welt ohne die anderen, schlechteren, die uns nerven, erträglicher wäre. Es werden auf dem Friedhof der alten Autoritäten neue Meinungsautokraten geboren. Ja, es nerven uns andere. Aber auch wir sind andere, die andere nerven.

Es ist mit den Schimpfwörtern wie mit den Waffen. Sie sind nicht schuld an Tod und Leid, aber ohne sie ließe sich Tod und Leid viel schwerer bewerkstelligen. Der Fehler ihrer Heiligsprechung kann nur dadurch aufgehoben werden, dass wir freiwillig auf beide verzichten.

Das Wesen der Demokratie ist ihre Freiwilligkeit, die einmalige Einstimmigkeit zur Voraussetzung hat. Zu dieser Freiwilligkeit passen aber auch Tränengas und Wasserwerfer nicht. Also muss auch der Staat den nächsten demokratischen Schritt mit dem Verzicht auf körperliche Gewalt gehen. Dann würden zum Beispiel auch keine Inhaftierten mehr in ihren Zellen verbrennen*. Dann würde sich unser Leben nicht nur ohne Schimpfwörter, mit denen wir das Leben anderer Menschen verschlechtern, verbessern. Dann würde insgesamt der Faktor Glück wachsen.  Glück geht nicht allein. Wo die Liebe ist, schreibt Rumi, gibt es kein ICH. Glück geht aber vor allem auch nicht in einer Welt mit Waffen und Schimpfwörtern. Diese sind nur eine böse Angewöhnung. Es gibt Gesellschaften, die ohne jede verbale und materielle Gewalt auskommen. Der Teufelskreis der Gewalt heißt deswegen Teufelskreis, weil man ihn nur ganz allein durchbrechen kann.

 

 

*Oury Jalloh am 7. Januar 2005 in Dessau, Amad Ahmad am 17. September 2018