ARBEIT MACHT NICHT FREI

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Dass im neunzehnten Jahrhundert nach anderen Religionen gesucht wurde, ergibt sich fast zwangsläufig durch die großen Umbrüche Industrialisierung, Urbanisierung und Säkularisierung.  Dem stemmten sich entgegen: ein neuer Arbeitsethos als Stütze gegen allzu krasse Umbrüche und beginnende Vereinzelung, der Nationalismus als Trost für die Millionenmassen, die merkten, dass sie am Verlieren waren und der Militarismus als sozusagen auf den Kopf gestellte  Solidarität.

Die Arbeit, die überhandnahm, wurde selbst zur Religion und Speisung des Volkes: die Männer schufteten je sechzehn Stunden an sechs Tagen die Woche, die Frauen zwölf und selbst die kleinen Kinder mussten in Bergwerken und auf den Feldern die Hand anlegen, die noch zu klein war für die Maloche. Vielen Zeitzeugen des Liverpool-Kapitalismus erschien dieser eher als neue Form der Sklaverei denn als Morgenröte der Freiheit. Heine dichtete: Deutschland, wir weben dein Leichentuch, wir weben, wir weben. Selbst der nur um Millimeter kriechende Fortschritt war kaum erkennbar. Trotzdem erschienen Bücher mit der Botschaft, dass Arbeit Freiheit bringe. Zwar hat diese Botschaft den rationalen Kern, dass sie den langen Umweg zu Freiheit über den Wohlstand auslässt, aber selbst heute werden geistige und physische Mobilität, die die eigentlichen Folgen des Wohlstands und damit auch der Arbeit sind,  nicht als Freiheit wahrgenommen.

Im Gegenteil: die einstigen Rhetoren der Arbeit, die angeblich frei machen soll oder den eigentlichen Sinn des Lebens darstellt, die Nationalisten und die Sozialisten, beklagen heute die Einschränkung der Freiheit durch die angebliche Staatsdoktrin. Und in dieser Renaissance des Arbeitsethos steht auch die Perversion wieder auf. Denn dass die Torüberschrift der Konzentrationslager ‚Arbeit macht frei‘ absolut zynisch gemeint war, daran kann es keinen Zweifel geben. Die Befehle der SS lauteten ganz eindeutig ‚Vernichtung durch Arbeit‘, ausgedacht vom SS-Obergruppenführer Theodor Eicke, der in Oranienburg das SS-Wirtschaftsverwaltungs-Hauptamt leitete und der einer der treuesten Gefolgsleute Hitlers und Himmlers war.

Den heutigen Neonazis, Rechtsradikalen, Identitären oder AfDlern wurde durch die Beibehaltung der Sprache der Täter geradezu assistiert. Wenn von antifaschistischen Websites argumentiert wird, dass man von Vernichtung spricht, um das industrielle, das systematische zu verdeutlichen, dann übernehmen diese Antifaschisten genau die Sicht der Mörder: es ist der Versuch, die Tatsache des Mordes durch Fokusänderung zu verschleiern. Jeder einzelne Ermordete des Nazireiches ist ein Mensch gewesen, der von einem anderen Menschen gegen alle Moral, Religion, Philosophie und Gewohnheit ermordet wurde. Auch Krieg ist keine Entschuldigung. Der Euphemismus der ‚industriellen Vernichtung‘ diente intentional der Verschleierung des Mordes Auge in Auge, den die Mörder nur aushalten konnten, weil sie sich betäubten, meist mit Alkohol, aber auch mit Pervitin, einem Metamphetamin, oder durch den Wahn ‚richtiger‘ und Sieger zu sein.

Aber es gibt, neben dem Broterwerb, noch einen zweiten Aspekt, der Freiheit und Arbeit zusammenbringt: die Kreativität. Jeder Schriftsteller schreibt immer weiter, bei den Malern stapeln sich die Bilder, die Bildhauer füllen ihren eigenen Park hinter dem Haus, sie alle sind nicht nur auf Ruhm und Geld aus, sie wollen weiter schaffen, weil sie weiter schaffen müssen. Aber: Künstler sind Ausnahmemenschen, wenn es erfreulicherweise auch immer mehr werden, weil die Möglichkeiten wachsen. Und: es gibt keine nennens- oder erhaltenswerte rechte Kunst, auf die sich die Wiederentdecker des scheußlichen Spruches, dass Arbeit freimache, berufen können. Es ist der Versuch der Wiederbelebung eines widerlichen Diktums, geschaffen von Menschenverächtern.

Es ist natürlich schön, wenn die Arbeit eine Freude ist, aber sie dient dem Broterwerb und heute können in Europa die Menschen für ihren Wohlstand und für ihren Urlaub arbeiten. Die Freizeit nimmt bereits den größten Teil des Lebens ein. Niemand muss auf die Arbeit als Freiheit hoffen. Fast jede und fast jeder kann sich seinen Hobbies, seinen Reisen und seinen Kindern widmen, ohne dabei zu verhungern.

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