DANKEN IST BESSER ALS BITTEN

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DANKEN IST BESSER ALS BITTEN                               INTERKONFESSIONELLES CREDO

für Michélè und Timofej zur Hochzeit am 24./25. Juli 2020, Kap Arkona, Brüssow

 

 

1         Wo die Liebe ist

gibt es kein ICH                                                      RUMI

2         Was du gegeben hast

kann dir niemand nehmen

3         Je mehr du gibst

desto mehr hast du

denn beides ist unendlich                                  SHAKESPEARE

4         Wenn du deine Feinde liebst                             YESUS

hast du keine mehr

5         Lernen ist besser

als regeln

6         Reden ist besser

las zürnen und schweigen

7         Sei der Hüter

deiner Schwester und deines Bruders             MOSE

8         Getan ist was du tust

nicht was man dir tut

9         Schlichten ist besser als richten

10       Es eifre jeder seiner unbestochenen

von Vorurteilen freien Liebe nach                   LESSING

11       Jegliches hat seine Zeit                                        SALOMO

12       ALL YOU NEED IS LOVE                                        LENNON

DIE LPG-TANKSTELLE

 

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Wer zurück in seine Kindheit zu fahren versucht, findet sie zerstört, weil er nicht mehr Kind und weil sie vergangen ist. In der Gegenwart gibt es andere Kinder, deren zukünftige Vergangenheit jetzt ist. Wir halten ein omnipotentes Telefon in der Hand und können mit der ganzen Welt kommunizieren, trauern aber einer LPG-Tankstelle nach. Man könnte wahrscheinlich ein tausendseitiges Buch darüber schreiben, wenn man könnte und wenn man Ökonom und Historiker wäre, aber man kann es auch kurz sagen: die LPG-Tankstelle war unsinnig und ist, wie alles Unsinnige, zurecht untergegangen. Damit wurde Platz für neuen Sinn und neuen Unsinn. Wer glaubt, dass es irgendwann und irgendwo nur Sinn gegeben hätte, sollte sein eigenes Leben betrachten. Aber Vorsicht: Lebenslauf ist gleich Lebenslüge!

In einer kindlichen Welt mag die LPG-Tankstelle einen gewissen Sinn gehabt haben, zum Beispiel als Arbeitsstelle der geliebten Mutter oder des geliebten Vaters. Aber mit ihnen schwand auch der Inhalt der LPG samt ihrer Tankstelle oder Offenställe. Wir erinnern uns natürlich nicht gerne an die toten, erfrorenen Rinder, die morgens in den Offenställen lagen, einen oder zwei Winter lang. Danach gab es rationierte Butter und Rindfleisch auf Marken. Es ist schon schlimm genug, dass man Tiere nur deshalb hält, weil man sie essen will. Das Schaf, las ich neulich, fürchtet sich sein ganzes Leben vor dem Wolf, aber dann wird es vom Schäfer gefressen. Geradezu pervers ist es aber, wenn man Tiere hält, um sie aufzufressen, sie aber dann vorher sterben lässt, damit sie vom Abdecker beseitigt werden. Schon das Wort ‚beseitigen‘ ist eine Beleidigung jeder Kreatur und der gesamten Natur, wieviel erst die Tatsache der Beseitigung.

Das Glück der Kindheit kam nicht von der LPG-Tankstelle oder vom zweiten Weltkrieg, sondern daher, dass wir glückliche Kinder waren, weil sich jemand um uns kümmerte und unser Fortschritt so schnell hämmerte wie der Puls nach tausend Metern rennen. Dieser Fortschritt ernüchtert sich später, wenn nicht zu Gleich- oder Rückschritt, so doch zu einem gefühlt ewig dauernden Trott. Auch das liegt daran, dass wir an das Geld, aber nicht an die Träume unserer Kindheit glauben. Wir schuften und konsumieren lieber, anstatt zu träumen. Würden wir das Kind in uns füttern, statt unsere Gier und unseren Neid, so wäre unsere Kindheit auch nicht ganz vergangen. Lachen wir lieber mit unseren Kindeskindern, statt mit unseren Ahnen zu weinen. Nichts war in der Vergangenheit besser, auch wenn es noch so oft behauptet wird. Fast alles war früher anders, auch wenn es noch so oft geleugnet wird.

Was wir erleben, ist das demografische Trauerspiel, dass der Egoismus keine Kinder gebiert, aber der Wohlstand Leben ohne Arbeit und fast ohne Ende. Was früher 300 Menschen in einer LPG samt Tankstelle schaffen mussten, macht heute ein Bauer mit drei Helfern im Sommer, aber mit KI-Megamaschinen.

CAMERON CARPENTER IN EBERSWALDE

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Als Scholz* in Prenzlau war, gab es Kaffee und Kuchen. Der Kaffee war alle, der Kuchen gut (siehe dort). Als Carpenter in Eberswalde war, am Dienstag, roch es nach Kaffee, aber es gab keinen. Statt dessen genossen die Menschen die Feld-, Wald- und Wiesenatmosphäre des schönen, mit Kunst aufgepeppten Parks, in dem der LKW mit der elektronischen Orgel parkte. Die Orgel klang etwas übersteuert, was ihr den Beigeschmack eines Rockkonzertes gab. Aber der Meister, er schien die ganze Zeit etwas genervt, spielte reinen Bach, wenn auch verspielt und verziert. Er ist einerseits ein Rockstar, andererseits ein zeitgenössischer Barockmensch. Es gibt Kirchenorganisten, die seinen Stil als effekthaschend und unernst kritisieren. Aber die sind einfach nur musikgeschichtsvergessend. Beethovens mitfühlender Freund Mälzel konstruierte Panoramen und Musikautomaten, für die Großmaestro reinen Lärm komponierte. Die Firma Hupfeld in Leipzig, einst die größte Klavierfabrik der Welt, baute in ihren besten Zeiten Orchestrion-Musikautomaten, automatische Klaviere und Kinororgeln, deren Rasseln, Klappern, Quietschen und Tuten seinerzeit viele Menschen erfreute. Stellen Sie sich vor, wie Charles Marie Widor auf seiner riesigen Cavaillé-Coll-Orgel Bach spielte, nämlich genauso wie seine eigenen Orgelsinfonien: bombastisch. Und stellen Sie sich zuletzt vor, wie der gerade achtzehnjährige Bach selbst, soeben zum Stadtorganisten und Musikdirektor des damals hochbedeutenden Mühlhausen ernannt, mit seiner exaltierten Fugen- und Verzierungskust die selbst ernannten heiligen Stadtväter und Musikbeamten verschreckte.

Carpenter, der schon embryonal genial war, wie seine Mutter berichtet, verziert gerne, steuert den einen oder anderen Ton durch extrem schnelle Läufe an und macht einen Triller schriller als den anderen. Er war vom Beifall genervt, den einige Zuschauer zwischen das Es-Dur-Präludium BWV 552 und die dazugehörige sehr lange und sehr kunstvolle dreiteilige Fuge setzen wollten. Aber er hatte an dem Tag auch schon vor einigen Seniorenresidenzen gespielt. Eberswalde war zudem der letzte Tag einer Deutschland-Tournee nicht nur des guten Willens, sondern der Solidarität mit den durch das Corona-Virus eingesperrten und aller Freude beraubten alten Menschen.

Geschmack ändert sich. Was zählt, ist die Freude, die Mitmenschen bereitet wird. Die Zeit zählt mehr als das Wort von eingeschnappten Kritikern. Vielleicht ist Carpenter – so wie auf ganz anderem Gebiet Robert Wilson – einer der neuen Mittler zwischen dem, was wir unter strenger klassischer Musik verstehen, und dem, was als Rock und Pop gezählt wird, eine Unterscheidung, die ohnehin nicht taugt.

Die angeblich für die Kammer geschriebenen Goldbergvariationen kamen jedenfalls sehr gut und gar nicht übersteuert über die Wiese gelaufen, allerdings in einem atemberaubenden Tempo. Aber vielleicht hat der kleine Goldberg, der sie dem russischen Botschafter in Dresden immer vorspielte, auch so rasend gespielt und  damit seinen Ruf als bester Bachschüler und bester Cembalist seiner Zeit begründet. Und auch sein Freund, der älteste Bachsohn Wilhelm Friedemann, war ein schillernder Effektsetzer und brillanter Virtuose auf der Orgel, durchaus vergleichbar den Großkünstlern des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts von Pagagnini und Liszt bis Lang Lang und Daniel Hope.

Eberswalde, einst eine der ersten blühenden Industriestädte Deutschlands, in der DDR als Garnisonsstadt für 50.000 russische Soldaten heruntergewirtschaftet, ist nun ein kleines nachhaltiges Hochschulstädtchen. Dadurch überwiegt, wenn auch nicht gerade bei solchen Konzerten, im Stadtbild die studentische Jugend. Zusammen mit dem Wasser der Kanäle und dem Wald des Urstromtals geben sie der Stadt eine Leichtigkeit und Frische, wie sie im Osten eher selten ist.

Zu diesem fast jungfräulichen und damit deutlich verkannten Charakter der Stadt passt auch ihr ebenfalls lange verkannter bekanntester Bürger, der Arzt Werner Forßmann, der 1929 im Selbstversuch als erster den Rechtsherzkatheter legte. Er scheint dies aus einer Voraussicht der heutigen äußerst häufigen Herz-Kreislauf-Erkrankungen gewagt zu haben. Der Dank kam spät in Form des Nobelpreises 1956 und der Umbenennung seiner einstigen Wirkungsstätte auf seinen Namen im Jahre 1990.

 

*wer ist Scholz?

SIND POLITIKER GÖTTER?

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Wenn Gott, falls es ihn gibt, wirklich ein Subjekt wäre, dem ununterbrochen gehuldigt werden muss, dann wäre er nichts als eine billige Karikatur von Herrschern, die ihren Beruf verfehlt haben.

Natürlich geht es hier nicht um Gott, den wir nicht beurteilen können, sondern um die Politiker, mit denen wir wenigstens leben müssen.

Ein berufener Politiker erwartet keine Huldigungen, sondern huldigt seinen Wählern oder seinem Volk.

Höhepunkte von Konrad Adenauers Leben als Politiker waren die Erfindung der Adenauerwurst* und des Kölner Brotes und die Rückholung der letzten zehntausend Kriegsgefangenen aus Russland. Er ging sehr vorsichtig zu werke. Seiner Delegation wurde ein gepanzerter, abhörsicherer Eisenbahnzug vorausgeschickt, in dem sich auch seine ebenfalls gepanzerte Mercedeslimousine befand, mit der er dann durch Moskau düste. Der Schlagabtausch mit Chruschtschow, Bulganin und Molotow, also mit eisenharten Stalinisten, war eisenhart, aber Adenauer hatte, wenn auch keine hochrangigen, so doch gestandene Nazis an seiner Seite. Der Durchbruch kam nach Schwanensee im Bolschoi Theater und literweisem Wodka, den der fast achtzigjährige Kanzler gut überstand. Die Russen bekamen ihre diplomatischen Beziehungen, Adenauer bekam seine Kriegsverbrecher. Bei dem berühmten Empfang der Spätheimkehrer im Lager Friedland war Adenauer durch eine schwere Grippe verhindert, aber bei der improvisierten Pressekonferenz anlässlich der Heimkehr der bundesdeutschen Delegation aus Moskau gibt es eine Szene, wo eine schon recht alte Frau sich nach vorne drängt, tatsächlich auch zu Adenauer durchdringt und ihm unter Tränen zweimal die Hände küsst. Man sieht deutlich die Verunsicherung des greisen Politikers. Schon das erste Mal wehrt er, noch freundlich lächelnd, ab, aber beim zweiten Mal wird er deutlich und schiebt die Frau mit der geküssten und tränengetränkten Hand unwirsch beiseite. Adenauer wusste, dass er nicht in einer menschlichen Hierarchie oben steht, sondern dass er – als hochkarätiger Pragmatiker [PATENTIERTE ADENAUERWURST!] –   auf einer Leiter der Fakten die jeweils günstigste Sprosse erreicht hatte. Das Brot und die Wurst verdanken die Kölner, deren berühmtester Bürgermeister er später war, seiner Herkunft aus einer alteingesessenen Handwerkerfamilie, die Kriegsheimkehrer verdanken ihre Rückkehr der Gier der Sowjetführung nach Anerkennung, Adenauers pragmatischer Meisterschaft, der Reife der Zeit, der Unfähigkeit der Ulbricht-Administration, die gerade aus ihrer größten Krise aufgetaucht und auf die nächste zu taumelte.

Im Dom zu Roskilde, wo alle dänischen Könige seit 1000[!] Jahren begraben sind, darunter Harald, genannt Bluetooth, kann man an einem Balken ablesen, wie groß König Christian X. war, der Großvater der heutigen dänischen Königin Margarethe II., nämlich zwei Meter, von den dort an einem Balken verewigten überragte ihn nur Peter der Große[!] mit zwei Metern und drei Zentimetern. Wir brauchen seine Größe, weil wir in zwei Anekdoten zeigen wollen, dass auch er zu den unhierarchischen Herrschern gehörte. Als die Nazis Dänemark besetzt hatten, hissten sie auf dem Reichstag (Schloss Christiansburg) die rote Flagge mit dem Hakenkreuz. Christian X. bestellte den Nazigeneral ein und befahl ihm, die Flagge zu entfernen, was dieser natürlich verweigerte. Darauf sagte Christian X., dass in diesem Falle ein dänischer Soldat die Flagge entfernen wird. Der General erwiderte, dass der Soldat erschossen würde. Darauf sagte Christian X., der es auch gewagt hatte, Hitler so zu beleidigen, dass dieser den dänischen Botschafter ausweisen ließ, dass er das nicht glaube, denn er werde dieser dänische Soldat sein. Christian X. ritt jeden Morgen, begleitet von jubelnden Dänen durch Kopenhagen und zeigte damit seinen ungebrochenen Territorialanspruch an. Aus Dänemark wurde kein einziger Jude deportiert oder ermordet, weil sie auf sein Geheiß bei Nacht und Nebel in Fischerbooten über den Öresund nach Schweden verbracht wurden. Auch ihre vorherige Kennzeichnung mit dem Davidsstern scheiterte daran, dass Christian X. der Gestapo mitteilen ließ, dass er als erster diesen Stern tragen wird und dass er vermute, dass es alle Dänen ihm nachtun werden.

Sich in Fakten einreihen ist also die Fähigkeit eines Herrschers oder Politikers und damit Gutes tun. Wer so Handlungsstränge zum Guten wenden kann, braucht keine Hierarchie und Huldigung. Erzählen Sie das ihren Kindern unter dem riesigen Reiterdenkmal Christians X. in Kopenhagen, wie ich es tat, oder neben dem Adenauer, der auf dem Kurfürstendamm in Berlin noch immer steht.

 

*fleischlose Wurst auf Sojabasis, Vorläufer der heutigen vegetarischen Substitute, damals aber gegen den Hunger erfunden

WO LEBEN SIE DENN?

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Diese Frage meint ja nicht den Ort oder das Land unserer Herkunft, die bei Inländern meist eindeutig erkennbar sind, sondern will die Übereinstimmung unserer Wahrnehmung mit der Wirklichkeit diskreditieren. Insofern ist dieses Scheinargument seelenverwandt mit der vermeintlich erkenntnisbringenden Zeugenschaft. Wer dabei gewesen ist, glaubt, Bescheid zu wissen und bringt das gern als Beweis ein. Auch Verwandte und Bekannte reichen dem Scheinargumentvorbringer als Zeugen und Beweislast aus. Warum, fragt schon Nathan den Saladin, soll ich meinen Vätern weniger glauben als du den deinen? Aber so ist es nicht. Auf der einen Seite kann keiner, der dabei gewesen ist gleichzeitig die Wahrheit gepachtet haben, andererseits vertrauen wir zurecht auch wildfremden, wenn wir sie als Mitmenschen erkannt haben.

‚Wo leben Sie denn‘, fragt also jener, der glaubt, es besser zu wissen. Dass Deutschland besonders seit der ….krise* nicht mehr lebenswert sei, rief ein lebhafter Rentner bei reichlich Kaffee und Kuchen in die Runde seiner Altersgenossen. Als er zurückgefragt wurde, was der denn so schrecklich an seiner Heimat finde, widersprach als erster der Gastgeber und rief aufgebracht, dass solche Fragen zwar erlaubt wären, aber doch zu sehr polarisieren könnten. Aber der lebhafte Greis ließ sich nicht   hindern, auf die polarisierende Frage zu antworten. Erstens, sagte er, gäbe es in Deutschland keine vollständige Demokratie, denn nur die Hälfte der Abgeordneten sei vorher namentlich bekannt. Zweitens gäbe es, trotz aller Versprechungen der Politiker, keine gleichen Lebensbedingungen in den verschiedenen Landesteilen. Und drittens täusche die Regierung über die Untauglichkeit der Elektroautos hinweg, deren schiere Menge dazu führen werde, dass er mit seinem Diesel, einst über dreißig Minuten an der Tankstelle würde warten müssen.

Man kann den Inhalt der Fragen leicht abtun, gehen sie doch nicht nach Deutschland aus, sondern nach seinem Wahlsystem, das vielleicht schwer zu verstehen, aber auch wieder nicht leicht abzulehnen ist, nach demografischen  Entwicklungen, vor denen die Politik gern die Augen verschlossen hat, die aber nichts mit böswilliger Absicht und nichts mit Ost und West, noch nicht einmal mit Deutschland  zu tun haben, und schließlich nach der Fragwürdigkeit der politischen Einflussnahme auf die Wirtschaft.

Vielmehr ist die Hochrechnung des bösen Ausgangs, wie sie in allen letzten Krisen von einer zunächst erstarkenden neuen Rechten als neue oder vielleicht uralte Argumentationsmethode favorisiert wird, interessant. Man muss seinen Blick zunächst so weit wie möglich subjektivieren, was auch schlichten Gemütern meist recht gut gelingt. Die meisten Menschen interessieren sich nicht für die meisten Menschen. Sodann fällt es uns nicht schwer, den bösen Ausgang eines Trends vorauszusagen, denn Ängste hat jeder. Ängste widersprechen auch gerne unseren Erfahrungen von Urvertrauen, Zuwendung und Hilfsbereitschaft. In unseren Gegenden haben die fast alle Menschen eine Mutter, und wer sie nicht hatte, ist doch aufgefangen worden. Leider kann man zwar doch tiefer fallen als in Gottes Hand, wie ein ganz dummer Buchtitel einer populistischen Autorin falsch verspricht, aber es sind hier und heute ganz wenige, die tiefer fallen. Will sagen: die Theodizee ist nicht nur nicht gelöst, sondern nicht lösbar, außer man sieht jegliche Evolution als identisch mit Gotten Willen. Merkwürdig ist aber auch die neuartige Umkehr der Theodizee: man kritisiert jetzt gerne, dass schlechten Menschen gutes widerfahre.

Jeder kann argumentieren, wie es ihm gefällt und Erfolg zu bringen verspricht, jedoch sollte er sich nicht wundern, wenn ein anderer mit dem gleichen Recht gegenteilig argumentiert. Da hilft es nicht zu fragen: WO LEBEN SIE DENN?

 

*hier können Sie ihre allerschockierendste Lieblingskrise einfügen

DER TOTEN STADT BESTES

 

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Er wolle, sagt der Bürgermeister, der Stadt Bestes tun. Aber was ist für eine Stadt gut oder sogar noch besser oder sogar das Beste? Wir wissen es genauso wenig wie der Bürgermeister. Aber wir waren in der Stadt und halfen Hilfebedürftigen. Dabei parkten wir falsch. Wieso falsch? Der Parkplatz war genauso leer wie die Stadt, kurz vor tot. Die Coronakrise hat nur das verstärkt, was ohnehin schon da war: so gut wie nichts. Also wir stellten unser Auto auf einen absolut leeren Parkplatz. Da war nichts, vielleicht noch ein oder zwei andere Autos. Menschenleere. Stille. Halt, nein, da war eine grinsende Frau. Wie grinste sie denn? Triumphierend. Sie grinste triumphierend und hatte einen Notizblock in der Hand.  In dem Wort Ordnungsamt finden sich zwei absolute Stillstandsanzeiger; Ordnung und Amt. Wenn du eine Sardinenbüchse öffnest, siehst du Ordnung. Wer sortierte die Sardinen? Das Amt für Sardinenordnung nach der ersten Ausführungsanordnung des Gesetzes zur Sardinenlegung in enger Zusammenarbeit mit dem Zentralamt für Sardinenfang und -tötung. Aber wahrscheinlich töten sie sich selbst. Der Bürgermeister hat vielleicht keinen Sinn für Freiheit, aber du hast keinen für Satire. Möglicherweise sind diese blauen Karten in Bochum erfunden worden, weil die Menschen in ihrer Not auf den Supermarktparkplätzen Rettung suchten. Möglich, aber was beweist das? Das zeigt, von beweisen möchte ich nicht sprechen, dass in toten Städten solche Ordnungen mehr als überflüssig sind. Du meinst, die toten Orte sollten froh sein, wenn jemand kommt? Ich will nicht gerade von Blumensträußen reden, aber ein bisschen Freundlichkeit und Freiheit wäre angezeigt.

Man könnte doch die Ordnungsamtsbeamten dafür einsetzen, die Müllcontainer in den Neubaugebieten zu bewachen. Oder die Nazischmierereien von den Eisenbahnbrücken zu entfernen. Ich ahne, was der Bürgermeister antworten wird, wenn wir ihm das vorschlagen. Wenn! Er wird sagen: das ist keine Eisenbahnbrücke, es ist die Brücke der Kreisstraße über die Eisenbahnlinie, also sind wir doppelt nicht zuständig. Außerdem können wir nichts dafür, dass Nazis – woher wollen Sie überhaupt wissen, dass es Nazis sind? – unsere schönen weißen Wände beschmieren. Wer weiß, wo die herkamen, die sie als Nazis beschimpfen.

Der Unterschied, wird der Bürgermeister sagen, zwischen den Verbrechern, die unsere schönen weißen Wände beschmieren und den Verbrechern, die ihre Parkkarte nicht ins Fenster legen, ist der, dass wir die einen haben und die anderen nicht. Außerdem bringt es Geld. Bei dem wenigen Verkehr in der fast toten Stadt kann es doch nicht mehr Geld sein, als die beiden grinsenden Ordnungsamtsaußendienst-mitarbeiterinnen kosten, einschließlich des Arbeitgeberanteils der Sozialversicherungsbeiträge? Immerhin, wird der Bürgermeister sagen, immerhin.

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DREI ZEITEN, DREI BILDER

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Die kleine Stadt ist ausgestorben. Auf dem Markt, wo einst das Rathaus stand, sitzen ein paar ratlose Jugendliche und klappern mit ihren Bierflaschen, begleitet vom Bass ihrer Box. Kein Fußgänger ist zu sehen, nur ein verwundeter Radfahrer. An einer Litfasssäule hängt ein Plakat:

hier steht noch alles doch ist alles leer

das mittelalter dünstet hohl in gassen

das neugebaute kann kein auge fassen

die glocke dröhnt und leichtes wird hier schwer

 

die stadt zum zweiten letzten mal verlassen

so viele schulen und kein schüler mehr

zerstörung ruinierung ohne heer

ein sattes innen aber ohne sassen

 

von ferne scheint die kirche asymmetrisch

doch innen durch die orgel voll verstrahlt

und kein tabu stört diesen letzten fetisch

 

an den wir selber singend sicher glauben

und während gottes mühle schneller mahlt

zerfällt ein fachwerkhaus mit seinen gauben*

 

Die Thomas-Müntzer-Straße stadtauswärts sieht aus wie eine Hausaustellung. Am Ende ist ein riesiges, aber nicht eingefriedetes Haus tatsächlich zu verkaufen. Es ist weder eine Villa noch ein Mietshaus. Es such vielleicht eine Gemeinschaft.

Die Straße verrät ihr Geheimnis noch nicht. Sie wird von einer Bahnlinie gekreuzt, das Bahnwärterhaus ist verlassen, der Bahnwärter, der vielleicht sein Kind verlor, ist durch Automaten ersetzt. IN DEUTSCHLAND ALLES AUTOMATIK. Dann kommt das Geheimnis der Straße: auf einem großen Stein ist eingemeißelt, dass hier einst vierundzwanzig deutsche Soldaten erschossen wurden. Aber von wem? Die Endmoräne, jetzt kommt das wirkliche Geheimnis, hat eine Berg- und Talbahn geschaffen, die den Radfahrer  maßlos freut und spaßlos ärgert, eine Sinuskurve wie das Leben, wie das Kreuz des Lebens.

Schließlich rollen wir in ein Dorf, in dem eine einizge Frau, ebenfalls auf dem Fahrrad, zweimal an uns vorbeifährt, während wir das kunstvolle Mauerwerk der Dorfschmiede bewundern, die aber wohl eine Gutsschmiede gewesen sein wird. Jedoch ist das Gut samt seinen letzten Besitzern, die man auf dem Friedhof bewundern kann, verschwunden. Von der Dorfstraße, noch vor der Kirche, biegt die ehemalige Gutsstraße ab, immer noch gesäumt von Scheunen, in denen aber nichts Essbares mehr gelagert wird. Vor einer liegt Schrott, vor einer anderen steht ein alter Verkaufswagen: THÜRINGER ROSTBRATWURST, er hat sich wohl letztmalig verfahren. Zwei Biertrinker winken fröhlich herüber. Aber am Ende der Allee steht das spätbarocke Schloss, so heißen hier die Gutshäuser, dessen neue Putzfarbe gerade dabei ist, erneut abzufallen, seine letzten Besitzer, die auf dem Friedhof, kauften es von einem verarmten Grafen von Schwerin, der wie wir mit dem Fahrrad kam, um im Rucksack die hunderttausend Reichsmark Kaufpreis abzuholen.

Jetzt steht ein Schild KUNST OFFEN vor dem Schloss, das aber verschlossen ist. Der neue Besitzer sitzt im Garten in der spärlichen Frühlingssonne. Er ist ein Künstler, der sowohl ziemlich konventionelle Bilder malt, aber auch konstruktivistische, vor allem aber höchst originelle Skulpturen macht, die nur aus der Außenhaut bestehen, die entweder aus Kupfer oder aus Gips ist. Aber auch die zunächst für konservativ gehaltenen Bilder sind doch siebenfache Selbstbildnisse. Vielleicht macht der Künstler demnächst eine Membranskulptur von der kleinen leeren Stadt, in die wir im frischen Abendwind zurückrudern und die nun noch leerer als leer ist. Ein dicker Junge schläft mit seiner Bierflasche in der Hand auf dem Markt.

 

*Stordeur, 36 Sonette, epubli

DAS ENDE DER SONNTAGSKOLUMNE

 

Nr. 402

 

Von meinem großen essayistischen und vor allem aphoristischen Vorbild, König Salomo, stammt der Satz, den sicher jeder schon einmal gedacht hat: jegliches hat seine Zeit, und er zählt dann auf, und die ostdeutschen Puhdys haben das in ‚Wenn ein Mensch lebt‘ vertont, Steine sammeln, Steine zerstreun. Und so ist es auch mit einem erfolgreichen Blog. 400 (±2) Texte zu je 1000 Worten – das ist ein sehr dickes Buch mit tausend Seiten, nicht so dick wie Krieg und Frieden, aber wie der Zauberberg locker. Es ist nicht so, dass mir die Ideen ausgehen, eher kommt es mir im Gegenteil oft so vor, als hätte ich das, was ich grade schreibe, schon einmal geschrieben. In diesen fast zehn Jahren, die ersten Jahre waren unter einem anderen Bloganbieter, dort hatte man wesentlich mehr Leser, gab es nicht nur wöchentlich einen Text, sondern auch mehrere Parallelprojekte. Zusammen mit einem Philosophiestudenten habe ich einen Bildungsblog geschrieben, auch wöchentlich, zu jedem Thema der notwendigen Bildungsreform gab es zwei pro- und zwei contra-Texte. Im Laufe eines Jahres haben sich nicht unsere Ansichten, aber unsere Textmethodik und unser Stil so angepasst, dass die Texte kaum zu unterscheiden waren. Leider hat mein Coautor in der Mitte des Projekts aufgegeben und rechtliche Bedenken hinderten mich, es allein fortzuführen. Mit einem Dichterkollegen hatte ich ein noch kürzeres Projekt, Papierflieger genannt, das eher aus Frage und Antwort bestand, aber auch gerne gelesen wurde.

Seit einigen Jahren habe ich die Sonntagstexte meines Blogs auch in die Kollektivblogplattform ‚Fisch und Fleisch‘ in Wien eingestellt. Auch dort hatte ich einen festen Leserstamm. Es gab einige Texte, die heftig diskutiert wurden, die viele hundert Leser und Kommentatoren hatten. Aber es herrscht dort in vielen Texten auch Einfalt, das meine ich nicht so sehr als Qualitätsbestimmung, sondern mehr als das Gegenteil von Vielfalt. Das ist immer unerfreulicher geworden, so dass ich mich ohnehin bald von dort zurückgezogen hätte. Ich lade meine dortigen Stammleser sehr herzlich ein, mir auf meinen eigenen Blog zu folgen.

Dort wird es in Zukunft nicht mehr die Sonntagskolumne geben. Ich habe vor, den brüssowBLOG von Facebook mit rochusthal.com zu vereinen, auch inhaltlich. Der kleine brüssowBLOG hatte eher kleine Texte, die oft von Alltagsbeobachtungen ausgingen. Diese Linie wird im neuen, vereinten Blog fortgesetzt, der gleiche Text erscheint also unter rochusthal.com und brüssowBLOG (bei Facebook). Die Linkversendung wird ebenfalls eingestellt, denn ich nehme an, dass es keine Internetbesucher mehr gibt, die nicht eine Suchmaschine finden können.

Ich hoffe und wünsche mir sehr, dass mir meine treuen Stammleser erhalten bleiben, dass aber die jetzt kürzeren Texte auch neue und vielleicht sogar auch jüngere Leser anziehen werden.

Ich bedanke mich bei allen meinen Leserinnen (das ist die Mehrheit) und Lesern. Lesen Sie weiter unter rochusthal.com

PFINGSTWUNDEN – I CAN’T BREATHE

 

Nr. 401

WANN WIRD AUCH DER ZEITPUNKT KOMMEN, WO ES NUR MENSCHEN GEBEN WIRD?

Beethoven an Struve, 1795

 

Fünfzig Tage nach Ostern feiert die christliche Kirche ihren Geburtstag. Aber es gibt die christliche Kirche nicht, sondern vielleicht 1000 Gemeinschaften, die alle von sich behaupten, die christliche Kirche zu sein. Jede Gruppe trägt den Keim der Spaltung als Kainszeichen von Geburt an. Was in der Bibel als pfingstliche Ausgießung des Heiligen Geistes beschrieben wird, dass sich alle plötzlich verstanden, obwohl sie verschiedene Sprachen benutzten, ist der allgemeine Gründungsmythos jeder Gruppe. Je inklusiver eine Gruppe ist, desto exklusiver ist sie auch.

Die beiden größten Gruppen der Menschheit sind Männer und Frauen. Abgesehen von den schon seit dem Altertum bekannten Hermaphroditen und weiteren winzigen Minderheiten schließen sie sich gegenseitig aus. Allerdings lockert sich seit etwa 150 Jahren die Inklusivität: die tertiären Geschlechtsmerkmale – Frisur, Kleidung, Berufe – sind nicht mehr stabil. Goethe und der Großherzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach waren die ersten Nacktbader in der Ilm, Eden bei Oranienburg war die erste Nudistensiedlung in Deutschland, man las Emerson und Thoreau und scherte sich nicht um die noch geltenden Tertiärordnungen und Schamgesetze. Lange Haare für Männer waren noch in der DDR unerwünscht, Hosen für Frauen galten lange als unschicklich, aber inzwischen laufen gerade die größten Machos mit Goldkettchen herum. Selbst der größte islamistische Fundamentalist in Berlin-Wedding ahnt, dass seine Tolerierung die Duldung des – aus seiner Sicht verkleideten – Transvestiten einschließt, und der Transvestit glaubt den Islamisten ebenfalls in einer gar nicht einmal so unähnlichen Verkleidung.

In der letzten Woche konnte man wieder glauben, dass der Rassismus zurückkehrt, die Erzählung der zweiten großen Gruppen. Der furchtbare und traurige Tod von George Floyd, dessen Delikt so klein war, dass es fast nicht erwähnenswert ist*, zeigt aber etwas ganz anderes: die absolute Dummheit dieses Polizisten als Vertreter einer rückwärtsgewandten Ordnung mit verfehlten und zum Scheitern verurteilten Mitteln. Eine mediale Welle der Sympathie mit dem Opfer begann wenige Minuten nach der verabscheuungswürdigen Tat. Die Rückkehr des Rassismus ist nicht gelungen und kann nicht gelingen. Leider gibt es im Moment keinen neuen Friedensnobelpreisträger Dr. Martin Luther King, deshalb entlädt sich – wie nach jedem rassistischen Mord –  eine Hass-, Rache- und Gewaltlawine. Rache ist ganz sicher falsch und nicht zeitgemäß, aber verständlich. Die Exekutivorgane des Staates sind, soweit sie eine Waffe tragen, ebenfalls eine solche eingeschworene Gruppe, die das Recht immer auf ihrer Seite glaubt und für die der Folxmund seit altersher den schönen Spruch parat hat, dass eine Krähe der anderen kein Auge aushackt. Allerdings stehen die Krähen neuerdings unter medialem Kuratel. Und die Krähen als Kulturfolger bescheren uns eine weitere schöne Erkenntnis: wenn ein Stadtrat die Krähen als Plage ansieht und zum Abschuss freigibt, wird das Ergebnis die Vergrößerung der Population sein. Gewalt ist für kein Problem die Lösung, sondern ein Katalysator der Probleme.

Und  deshalb müsste heute die größte Pazifistin in der Frühzeit des Pazifismus nicht mehr nur fordern, ‚die Waffen nieder‘ zu legen, sondern die Gewalt insgesamt zu ächten. Allerdings wollte sie auch schon wissen, dass die Religion nicht den Scheiterhaufen rechtfertigt, der Vaterlandsbegriff nicht den Massenmord und die Wissenschaft die Tierfolter nicht entsündigen kann.** Die ehemals feststehende Ordnung beruhte auf dem Ausschluss der jeweils anderen, dem Ausschluss aus der Religion um den Preis der Unterwerfung, den Ausschluss aus den Eliten, die hierarchisch festzustehen schienen, den Ausschluss alles Fremden durch Grenzen und Kriege, die als natürlich und unvermeidlich dargestellt wurden. Vielleicht ist der Hass der Ultrarechten auf das vereinte Europa in Wirklichkeit die Trauer über den Verlust des Krieges als Rechtfertigung und damit die Rechtfertigung der Kriege.

Das Pfingstwunder vollzieht sich dadurch, dass fast alle Menschen der bis 2050 größer werdenden Weltbevölkerung Englisch und die Sprache der Technik verstehen. Das Zusammenwachsen der Menschheit besteht auch darin, dass wir theoretisch die Welt bis in die letzte Provinzstadt kennen können, ob sie nun in Burkina Faso, in Hubei oder in der Uckermark liegt. Und in jeder Provinzstadt wird ein Telefon der Firma Huawei benutzt und ist ein host ein host, was ursprünglich ein Wirt war, der uns freundlich aufnimmt. Vielleicht dreht sich die Lebensweise der Menschen wieder in Richtung der Kleinstadt, von der wir ausgegangen sind, als Zentrum eines ländlichen Gebiets, das früher die Quelle des Lebens war, jetzt ein angehängter Raum, der sich für sanften Tourismus anpreist und von überwiegend alten Menschen bewohnt wird. In diesen Gebieten steht ungenutzter umbauter Raum in Hülle und Fülle zur Verfügung, von der Kirche bis zum Speicher, die dieselbe Urform, die Basilika, haben, neuerdings auch Bahnhöfe und Postämter als einstige Schnittstellen der Kommunikation.

Die Pfingstwunde, die Leerstelle der Globalisierung, ist die Krise, in die Demokratie und Globalisierung immer wieder verfallen und verfallen können. Nur ist es grundfalsch, bei jeder Krise anzunehmen, dass der Welt- oder Systemuntergang bevorsteht. Wenngleich es auch Gruppen gibt, deren Zusammenhalt gerade im prognostizierten Untergang besteht: Zeugen Jehovas, Kommunisten, Ultrarechte, all diese apokalyptischen Vereine.  Wahrheit ist für sie das, was sie selbst erzählen, deshalb lohnt es für sie nicht, Argumente zu diskutieren, Thesen zu erörtern. Erörterung ist ihnen ein Graus. Sie leben für ihre Kurz- und Universalthesen, fernab von jeglicher Gründlichkeit. Aber das funktioniert nur zeitweilig und nur in der definierten Gruppe mit ritualisierten Zugangsbeschränkungen wie Taufe, Beschneidung, Eid, Mutprobe.

Merkwürdig ist nur, dass ausgerechnet diejenigen, die von der Exklusivität ihrer Gruppe ausgehen, das Verschwinden der Diversität der Gemeinschaften beklagen. Aber aus diesem Verschwinden, so traurig es im Einzelfall auch sein sollte, führt die Menschheit in eine neuerdings gemeinsame Welt der Schwestern und Brüder, wo es nur noch Menschen geben wird. Die Diversität wird in der geschwisterlichen Menschheit aufgehoben, in der exklusiven Gruppe aber ausgeschlossen.

 

 

*er soll versucht haben, in einem Imbiss mit einem falschen 20 $ Schein zu bezahlen

**Bertha von Suttner, Schach der Qual, 1898

DREIFACHINFLATION

 

WANN WIRD AUCH DER ZEITPUNKT KOMMEN, WO ES NUR MENSCHEN GEBEN WIRD?

Beethoven an Struve, 1795

 

Nr. 400

Als Beethoven davon träumte, dass es nicht mehr verschiedene Bewertungen und Einteilungen für die Menschen nach Stand, Hautfarbe, Religion, Geschlecht und vielleicht sogar noch auf Jahrmärkten vorgeführte Besonderheiten geben sollte, konnte er sich wohl kaum vorstellen, dass es zweihundert Jahre später immer noch nicht einfach Menschen gibt, aber dass der Grund diesmal nicht Mangel, sondern Überfluss und Überdruss ist. Zum dreihundertneunundneunzigsten Blog gab es einen amüsanten Leserbrief. Der rechte Leser, der sich für ‚eigentlich‘ links hält (womöglich ein Sarrazinepigone), was nach unserer Überzeugung ohnehin unwichtig ist, meinte, dass er die Frage, mit der ich mich nun schon seit fünf Monaten beschäftige und noch weitere sieben Monate untersuchen will, mit einem Satz, ja, mit einem Wort beantworten könne: nie. Selbst Beethoven war nach seiner Meinung dümmlich. Da haben wir, in einem Leserbrief, verschiedene Kennzeichen unserer Zeit: die Selbstüberschätzung (ICH WEISS ES BESSER), den Populismus (DAS IST DOCH GANZ EINFACH) und die monokausale Überschätzung der aktuellen Situation (SO MUSS ES WERDEN) gegenüber einer langen Vergangenheit und einer hoffentlich noch längeren Zukunft. Diese Gegenwartspriorität oder, negativ ausgedrückt, Geschichtsvergessenheit resultiert wahrscheinlich nicht nur aus Unwissen, sondern vor allem auch aus einem permanenten Nachrichten- und Meinungsüberkonsum.

Sortiert und eingebettet in unsere Ansicht von der Inflation der Dinge, der Gedanken und des Geldes könnte das vielleicht so aussehen:

Industrialisierung der Landwirtschaft, Informationsinflation und langsame Durchdringung des gesamten Lebens der ganzen Welt mit Demokratie.

Als die Menschen noch allgemein hungerten, glaubten sie nicht, dass ihre Nachfahren einst das umgekehrte Problem haben werden. Sie müssen sich sozusagen künstlich bewegen, weil die natürlichen Bewegungen nicht ausreichen, um das Überangebot an Nährstoffen zu verbrennen. Hinzu kommt, dass die industriell produzierte Nahrung extrem ungesund und einseitig ist, so dass heute die Armen dick und die Reichen dünn sind, weil sie sich gesund und ausgewogen ernähren. In der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts gab es so große Hungersnöte, dass auf der einen Seite Millionen Menschen auswanderten, auf der anderen Seite die Wissenschaft an dem Problem arbeitete. Chemische Düngung im allgemeinen und dann speziell die Stickstoff- und Phosphatgaben ermöglichten ein weltweites Überangebot an Tier- und Menschennahrung. Die Tiere werden in Megamassen industriell gehalten, geschlachtet, zerlegt und verkauft. Wenn man sich diese Entwicklung als Verschwörung vorstellt, dann sieht man einen dicken Demiurgen, der etwa sagen könnte: Lass sie fressen und saufen, dann machen sie keine Probleme. Das entspricht auch in ungefähr der ultralinken und ultrarechten Vorstellung von den Eliten.

Allerdings, und das widerspricht – wie überall und immer – der Verschwörungserzählung, wäre der Demiurg nicht nur dick, sondern auch dumm, denn die Schäden, die durch die Massentierhaltung und Überdüngung der Böden entstehen, sind irreversibel und, wenn wir nicht bald einhalten, tödlich, auch für ihn. Selbst wenn er unsterblich wäre, hätte er nichts von seiner Strategie, denn keiner könnte mehr an ihn glauben, weil keiner mehr da wäre.

Die Fixierung auf die fast unendlichen Medienangebote führt zu einer weiteren Übersättigung. Allerdings glauben wir nicht an die schon oft zitierte Informationsflut, sondern wir sehen zwei Probleme: auf der einen Seite haben wir Medien, die kommerziell arbeiten und demzufolge lückenlos Nachrichten, Kommentare und Meinungen produzieren. Ist nichts passiert, dann wird nichts (oder nur selten) erfunden, sondern das wird – als Beispiel – der letzte Bundestagsabgeordnete befragt, wie er dies oder jenes lösen würde. Und am nächsten Tag steht in der Zeitung: Abschaffung der Touristen oder der Rentner erwogen. Und das Volk murrt: Die wollen uns abschaffen! Daher übrigens auch der Titel des Machwerks von Sarrazin, das als erster Bestseller all die unaussprechlichen Dinge aussprach. Aber ein Tabubruch ist an sich keine Wahrheitsfindung, wenn sie sich auch manchmal wechselseitig katalysieren können. Auf der anderen Seite stehen Konsumenten, die über immer mehr Freizeit verfügen und deren existenzielle Probleme immer geringer werden. Daraus folgt, dass das kommerzielle Überangebot schwammartig aufgesogen wird. Es jagen sich nicht wirkliche Informationen, sondern Gigabytes von Meinungsschnipseln. Es ist mir unbegreiflich, wie die Meinung eines Politikers oder einer Politikerin, eines Journalisten oder einer Journalistin für bare Münze, für Wahrheit oder auch nur für relevante Information genommen werden können. Es gibt Menschen, die können nicht ihren Fernseher abschalten, es gibt andere, die hassen Nachrichtenredakteure, wieder andere halten den Bundesgesundheitsminister für den Teufel. Aber das alles ist nicht, wie von wieder anderen gewünscht, der Rückfall ins Mittelalter, sondern das ist – nach der falschen Ernährung – die zweite Einordnungskrise. So wie wir auf Zucker, Fett und Alkohol, die drei Dickmacher, freiwillig verzichten müssen, so sollten wir schnellstens lernen, auch die Nachrichten zu dosieren. Meinungsfreiheit darf nicht zum Meinungsdurchfall werden. Es ist mir genauso unbegreiflich, wie Kritiker der Medien, weil sie  ihre Zuverlässigkeit bezweifeln, sich Tage, Wochen und Monate damit beschäftigen können, immer wieder neue Auflistungen von Zitaten aus den verachteten Medien anzufertigen. Das Problem sind nicht die Medien, sondern wir, ihre Konsumenten. Auch das malträtierte Rind ist nicht schuld an der maßlosen Überfressung der Menschen. Selbstverständlich ist das nicht so gemeint, dass es einen Schuldigen gibt. Wie immer gibt es ein Kartell der Schuld, aber in dem spielen wir alle mit.

Am schwersten ist der Überfluss an Demokratie zu beschreiben, weil wir alle eher Defizite der Demokratie erkennen. Ein schöner und höchst aktueller Gedanke von Albert Camus besagt, dass Präfekten und Präsidenten Bürokratien und Hierarchien kommandieren, aber (nur) Viren sich leichtfüßig über sie hinwegsetzen. Wir haben das ‚nur‘ eingefügt, um zu zeigen, dass hier das eigentliche Defizit liegt. Überall herrscht Demokratie – obwohl sie nach Erich Fried eben nicht herrscht -, aber wir werden weiterhin von Bürokratien und Hierarchien beherrscht. Wir sind weltweit parlierende Demokraten, aber wir wählen und werden gewählt, wir reden und werden beredet, darin besteht die Inflation, aber wir fördern nicht wirklich die demokratischen Strukturen und Bausteine. Letztendlich resignieren wir, wo wir weiterkämpfen müssten, und wir protestieren, wo wir auch etwas hinnehmen sollten.

Wäre ich Diplom-Populist, würde ich eine radikale Lösung vorschlagen. Ich habe auch eine im Angebot, nur ist sie leider diskreditiert durch ihre inflationäre Benutzung im institutionalisierten Christentum: die Demut.

Demut heißt nicht Unterordnung, sondern Zurücknahme der Person vor der Sache, die so wenig Ideologie sein sollte, wie möglich. Demut ist weder Unmut noch Feigheit oder Mutlosigkeit. Demut ist vielmehr die Anerkennung, dass etwas über uns als Subjekt hinausgeht, kein Gott, kein Demiurg oder Dienstherr, sondern die Menschheit mit ihrer Menschlichkeit, der Mensch mit seiner Würde, ohne Klassismus, Rassismus, Sexismus und ohne religiösen Wahn. Auch wenn meine rechten Leser kopfstehen vor Wut oder Verachtung: es wird die Zeit kommen, in der es nur Menschen geben wird.