manifest der falschschreibung

seid nicht wie die blinden / die den stock suchen / aber nicht den weg

dieser rotstiftkult des falschschreibens führt zum nichtschreiben und zum fehlersuchen. es geht nicht um rechtschreibung, sondern um das rechte schreiben. es geht nicht um die falschschreibung, sondern um das falsche schreibenlernen.
jahrelang wird den kindern gedroht: wenn du zum stift greifst, greife ich zum rotstift. und kaum eine drohung wird wahrer gemacht als diese.
dabei leiden beide seiten unter diesem selbst verschuldeten terror. die schüler schwitzen und zittern vor jedem wort, es könnte falsch sein, und die lehrer leiden unter ihrer eigenen kleinlichkeit, die sie für recht und gerechtigkeit, ja für ein denkmodell halten. man denke nur an die großschreibung etwa der substantivierten interjektionen! das ist der punkt, an dem ein normal denkender mensch weghören muss!
dagegen weiß jedes kind, dass rechtschreibung fast nichts zum rechten schreiben beiträgt. umgekehrt aber würde kreatives schreiben sehr viel für die rechtschreibung tun, denn welches kind, welcher jugendliche, welcher erwachsene wollte nicht, dass seine geschichte gewählt würde.
rechtschreibung ist ein bloßes und zeitweiliges ordnungsmittel. wichtiger ist es, aus jeder möglichen schreibung sinn zu gewinnen.
das argument der rechtschreiber, dass falsch geschriebenes in der not nicht erkannt werden könnte, kehrt sich gegen sie selbst: selbst in der not bestehen sie darauf nicht zu helfen, weil sie, die angeblich weiseren, die zeichen nicht erkennen konnten. man hilft einem ertrinkenden nicht dadurch, dass man ihn auf das schild hinweist, das er übersehen haben soll: ertrinken verboten!
nicht die rechtschreibung ist falsch, sondern der absolute glaube an ihre kraft, die sie nicht haben, ihre herrlichkeit, die es nicht geben kann. es gibt keine flächendeckende rechtschreibung mehr, weil mehr geschrieben wird als je zuvor, weil es zeitungen und dichter gibt, die die alte rechtschreibung beibehalten haben, weil es sms und emails gibt, weil es die schweiz und österreich gibt, weil es rechtschreibprogramme gibt, ja, ja, wir müssen es einsehen, rechtschreibprogramme sind sehr nützlich, aber nicht unfehlbar. auch deutschlehrer sind sehr, sehr nützlich, aber auch sie: nicht unfehlbar, nicht allwissend. es ist eine verklärung der alten zeit, zu behaupten, früher hätten alle richtig geschrieben.
es geht nicht darum, zum falschschreiben aufzurufen, sondern die relative wertlosigkeit der rechtschreibung zu erkennen. all die vielen tausenden stunden, die die lehrer damit zubringen, rote tinte sinnlos in texte zu klexen, könnten sie besser dazu benutzen, mit jedem einzelnen schüler dessen texte zu verbessern, vor allem inhaltlich, aber auch schreiblich. wir sollten schwimmlehrer werden, die neben ihren schülern schwimmen, nicht solche, die am ufer stehend höhnen. wir sollten schwimmschüler werden, die nur in begleitung ihrer besser schwimmenden lehrer schwimmen wollen. uferhöhner werden von uns verlassen.
lasst uns in jedem vierteljahr gemeinsam ein buch lesen, lasst uns in jedem vierteljahr gemeinsam einen textwettbewerb ausrichten: die deutsche sprache wird es uns danken, die bücher werden besser, die schüler rennen in die schulen, um an den anschlagsäulen ihre namen zu lesen, wenn sie gewonnen haben. es darf auch einen kleinen nebenpreis für den kleinsten fehlerquotienten geben. die lehrer ernten die früchte ihrer schweißtreibenden arbeit: keine diktate, also auch keine diktatur der rechtgläubigkeit, keine klausuren, nur noch essays und geschichten. ein lehrer ist ein lehrer, kein richter.
wenn wir eingesehen haben, dass die rechtschreibung ein hilfsmittel ist – und das wort rechtschreibung ist ja nicht zufällig verwandt mit rechtgläubigkeit – dann können wir in einem zweiten schritt über die textbeschreibungen und anleitungen zur anfertigung von texten nachdenken. auch sie sind keinesfalls starre lehrsätze, sondern bestenfalls anregungen.
ein text muss einerseits sachlich nachvollziehbar sein. seine argumentation sollte mit dem durchschnittsverstand und der hochsprache verständlich sein. warum sich der deutschunterricht nicht auch mit rap beschäftigen kann, dafür gibt es keinen grund, überhaupt sollte jugendsprache viel mehr einbezogen werden. erst vor diesem hintergrund wird ja klar, warum wir die hochsprache überhaupt brauchen.
kleine kinder, solange sie nicht mit regeln überfüttert sind, liefern immer phantasievolle texte ab, die wirkungsvoll bleiben, weil ihre schönheit überzeugt. je mehr die kinder auf teils unsinnige regeln gedrillt werden, desto weniger phantasie und schönheit  können sie einsetzen. überhaupt ist schule immer noch viel zu sehr konditionierung auf die immer unwichtiger werdende arbeitswelt. unsinnige regeln sind großschreibung, ß, dass und das, eine erörterung hat immer drei pro- und drei contraargumente. wem das zu radikal ist, der sollte wenigstens das ß abschaffen oder uns den unterschied von reis und reiß erklären.
diese sofort umsetzbare veränderung betrifft weniger die geschriebene sprache, als vielmehr den umgang mit ihr in der schule, wo das fundament für eine lebenslange abneigung genau so gelegt werden kann wie für eine lebenslange liebe und aktivität. wer schreibt, bleibt nicht nur, sondern sieht weniger fern, spielt weniger gern am computer, nimmt mehr am gesellschaftlichen leben, zum beispiel im internet, teil.

wenn wir aber schon einmal dabei sind, endlich, endlich die bildung statt immer nur die schule zu reformieren, dann sollten wir auch gleich noch über die folgenden zehn punkte, die sich selbstverständlich überschneiden, nachdenken. überflüssig zu sagen, dass eine bildungsreform nur bundesweit sinn macht.

1 dialog statt ranking

die hierarchische unterscheidung in lehrer und schüler wird zugunsten eines gleichberechtigten dialogs aufgegeben. lehrer und schüler arbeiten gemeinsam in und an projekten.

2 empathie statt emphase

nicht der schüler muss sich in den lehrer, sondern der lehrer in den schüler einfühlen. es entfallen alle emphatischen vor- und einwürfe wie lob und tadel, schuld und sühne. das leben bestraft den schüler, nicht der lehrer.

3 emanzipation des wahnsinns

das vorherrschen von gefühl, bewegung, phantasie, spiel bei kindern und jugendlichen wird durch die schule unterstützt und nicht unterdrückt.

4 abschaffung der konditionierung

wichtigstes konditionierungmittel sind die zensuren. sie werden ersatzlos gestrichen. auch verbale notizen der lehrer dienen nicht der beurteilung, sondern der veränderung von verhalten, wissensaneignung und produktion. die prüfung ist das leben, vertreten durch ein praktikum.

5 enterprise statt entertainment

in der schule muss man genauso wenig stunden verbringen, absitzen wie im leben jahre. deshalb sollte weniger unterhaltung den schulalltag bestimmen, so amüsant sie heute sein mag, sondern selbst gewählte unternehmungen. der lehrer wird, das klingt beinahe schon wie ein gemeinplatz, immer mehr zum moderator.

6 konzentration auf kernfächer

jeder, der einen neuen bildungsgegenstand zu entdecken glaubte, will ein neues unterrichtsfach, beispiele sind awt oder ler. statt dessen sollten wir uns auf kernkompetenzen und demzufolge auf vier kernfächer besinnen: deutsch, englisch, mathematik und naturkunde, musik/kunst/sport.

7 kommunikationszentren statt schulen

schulen sind tag und nacht geöffnete einrichtungen, die von jedem menschen ungeachtet seines alters oder seiner fähigkeiten genutzt werden können. jeder erhält, wenn er es wünscht, hilfe und anleitung.

8 kreativität durch kompetenz / kompetenz durch kreativität

kinder werden in ihrer kreativität gefördert. für jedes jahr werden kompetenzen angestrebt, über deren erwerb man gemeinsam rechenschaft ablegt.

9 wissen oder gewissen

nicht durch ein bestimmtes fach, sondern durch die gesamte schule, die ein laboratorium ist, sollte das gewissen, die moral, die verantwortung der nächsten generation gestärkt werden. das kann man vor allem durch kunst, philosophie und religion tun.

10 lehrer als generalisten

lehrer sollten sich an ihre vorgänger, die dorfschullehrer, erinnern, die ein instrument spielen, bäume bestimmen, aufsätze schreiben, geschichte erforschen, talente entdecken und vielleicht noch tausend andere sachen…konnten.

ZEITUMSTELLUNG

Nr. 233

Seit es die Zeitumstellung gibt, gibt es auch den Widerstand gegen sie. Manche mögen die Unbequemlichkeit tatsächlich empfinden. Kinder und alte Menschen können zum Beispiel einige Tage aus dem Rhythmus geraten. Andere sehen eine günstige Gelegenheit, wieder einmal gegen die Regierung zu sein. Unsere alte Ostregierung tat ausnahmsweise etwas sehr Schlaues: sie berief sich auf den Westen und auf dessen Sachzwänge. Es gibt immer gute Gründe, gegen die Regierung zu sein. Vielleicht war das Hauptargument gegen die DDR die Mauer, aber dann ist das entscheidende Argument gegen unsere heutige Regierung auch ausschließlich der Waffenhandel und die Massentierhaltung einschließlich Kükenschreddern. Wir sind uns alle einig, dass Krieg, Bürgerkrieg und Terrorismus falsch und verbrecherisch sind und nicht unterstützt werden dürfen. Aber wir wählen immer wieder Regierungen, die den Waffenhandel erlauben. Die neue Partei ist sogar für das Schießen an den Grenzen. Das einzige, was uns entlastet, ist der geringe Anteil des Waffenhandels, nämlich etwas über einem halben Prozent  an unserem Exportvolumen von 1,2 Billionen Euro im vergangenen Jahr. Da die meisten Rüstungsgüter hochwertig sind, U-Boote, Panzer, Kriegsschiffe und Flugzeuge, ist also auch ihre absolute Menge eher gering. Aber das sind nur Entlastungen und Rechtfertigungen. Es ist jedoch auch schwer, seine Haltung im Welthandel zu ändern.

An der Massentierhaltung und am Kükenschreddern kann man besser beschreiben, dass wir nicht bereit sind, unser Leben zu ändern, auch nicht wenn wir uns ununterbrochen empören. Es zeigt sich, dass Empörung leichter ist als Tat. Wir könnten ohne Probleme auf Fleisch verzichten, nicht für immer, aber als Boykott. Erinnern wir uns an den Boykott gegen die Versenkung der Shell-Bohrplattform. Es war kein großes Problem, die Autofahrer in ganz Europa dazu zu bringen, nicht bei Shell zu tanken, und Shell knickte nach wenigen Tagen ein. Vielleicht hören große Konzerne erst ab dem Verlust von einer Milliarde zu. Als Vorbild und Namensgeber sollten wir uns aber, obwohl er auf eine Stadt begrenzt war, den Montgomery Bus Boycott nehmen, der damit begann, dass Rosa Parks in Montgomery, Alabama, auf ihrem Platz im Bus sitzen blieb, den ihr jemand aus Prinzip, nicht aus Not streitig machen wollte.

Also, warum boykottieren wir nicht das Billigfleisch, das seinen Grund in der Massentierhaltung und im Kükenschreddern hat? Diese Frage ist ganz leicht zu beantworten: weil es leicht ist, Jahr für Jahr bei Facebook zu posten: Gegen …. Wenn du auch dagegen bist, teile das. Zwei Klicks, und schon haben wir unser Gewissen beruhigt. Gegen alles gibt es inzwischen auch Unterschriftensammlungen. Ganz sicher ist es sinnvoll, wenn eine Schule für den Verbleib eines Mitschülers oder einer Mitschülerin eine Petition an die Härtefallkommission einreicht: konkrete Menschen für ein konkretes Ziel, und das ist ein Mensch in Schwierigkeiten. Die Zahl der Petitionen und deren ausführender Organisation hat dermaßen zugenommen, dass man, falls man sich beteiligen will, sich erst durch einen Wust von Spendenaufrufen kämpfen muss. Inzwischen leben schon wieder Dutzende von Menschen von Petitionen. Ich würde lieber jemanden bezahlen, der den Montgomery Bus Boycott II organisiert.

Was also spricht gegen die Zeitumstellung? Natürlich kann man die Zeit nicht umstellen. Wir meinen ohnehin immer die Uhr, wenn wir Zeit sagen. Die Uhr dient unserer Orientierung. Wir wollen eine Struktur, und wir geben uns eine Struktur. Die Umstellung der Uhr stärkt den Morgen gegen den Abend. Das ist eine Botschaft, die wir gebrauchen können. Wenn wir die Uhren umstellen, kann uns bewusst werden, dass die Messung der Zeit nicht nur relativ ist, sondern Willkür. Wir halten mit der Zeitmessung nicht nur am geozentrischen Weltbild fest, sondern auch am Duodezimalsystem. Es stärkt schon unsere Flexibilität, dass wir zwei und manchmal auch mehr Denksysteme nebeneinander, parallel oder sogar synchron benutzen können. Unser Hauptdenk- und -glaubenssystem beruht auf Egoismus. Wir müssen  glauben, dass wir Recht haben, dass unsere Gruppe erfolgreich ist, dass das Fleckchen Erde, in das wir gestellt sind oder das wir gewählt haben, optimal für uns ist. Unser Hauptlebenssystem beruht aber auf Altruismus, Solidarität, Kooperation, Nächstenliebe. Von Anbeginn der Menschheit wird über die Prioritäten gestritten, und immer ist es falsch, was wir entscheiden. Spontan entscheiden wir uns eher für den anderen Menschen, rational fallen uns aber tausend Gründe gegen ihn ein. AM I MY BROTHER’S KEEPER? YA. Nicht die Länge des Wegs, sondern die Nähe des Ziels lässt uns ermüden. Wir kämpfen ein ganzes Leben lang gegen die Relativität der Dinge und Menschen, die uns umgeben. Wir können und wollen uns nicht damit abfinden, dass perfekt zu sein eine Idealvorstellung ist, die noch nicht einmal in der wunderbaren Natur verwirklichbar war, und die Natur hatte Milliarden von Jahren und Billionen von Möglichkeiten, soweit wir sehen können.

Jährlich zweimal könnten wir üben, dass wir nicht nur Männer, sondern auch Frauen, nicht nur Frauen, sondern auch Männer sind. Wir könnten diesen Sonntag daran denken, wie wir aus Schwarzen Weiße wurden. Es gibt keine Wiedergutmachung, aber vielleicht kann man es die nächsten Jahrtausende einfach besser machen. Diese ständige Ablehnung, die nur dazu dient, uns selbst als perfekt und einmalig zu sehen, hat der wunderlichste Dichter des zwanzigsten Jahrhundert in einem faszinierenden Büchlein beschrieben. Seine Frage war vielleicht: erkennen wir im Käfer unseren Bruder wieder? Tatsächlich, da der Dichter drei Schwestern hatte, ist die Schwester des Käfers lange Zeit kooperativ. Anscheinend ist Schwesternschaft – obwohl die üblichen Worte Bruderschaft und Brüderlichkeit heißen – eine Urfigur menschlichen Verhaltens: es vereint sich in ihr die dem Vater gegenüber stärkere Rolle der Mutter mit der des Geschwisters. Bei der älteren Schwester kommt die brüderliche Rolle des Beschützers hinzu. Vor der größten Gruppenzugehörigkeit, der geschlechtlichen, gibt es anscheinend die Geschwisterlichkeit und in ihr die Schwesterlichkeit. Ich glaube nicht, dass der Westen, also Europa, Nordamerika und Japan, wegen seiner Kinderlosigkeit zum Scheitern verurteilt ist. Vielmehr wird er seine führende Rolle einbüßen, weil sein Wirtschaftsmodell zu egoistisch ist. Es schädigt andere. Und die anderen werden kommen und ihre Begriffe von Schwesterlichkeit, als Beispiel, und Zeit mitbringen. Und die neuen Lehrer kommen als Bittsteller. Alle fünfhundert Jahre müssen wir unsere Begriffe ändern, nicht weil es jemand will, sondern weil sie nicht mehr taugen. Es ist sehr sinnlos, sich nach der Vergangenheit zu sehnen und dabei die Zukunft zu verpassen.

SCHWARZ UND WEISS

Nr. 232

Aufklärung, so haben wir es in der Schule gelernt, ist das Ende der Angst, weil Aufklärung, so schrieb KANT, der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit sei. Das kann man sich ungefähr so vorstellen: ein Mensch, der bisher nur mit dem Rollator lief, wird jetzt auf ein Rennrad gesetzt und muss die Route der Dakar-Rallye in ihrer ursprünglichen Dimension von Paris bis Dakar fahren, ohne Navigationsgerät, ohne Imbissstände, mit nur einer Flasche Wasser. Da ist es verständlich, dass er sich nach seinem Rollateur sehnt, nach seinem Sozialarbeiter, nach seinem Ernährungsberater, nach seinem Seelsorger. Das sind alles Leute, von denen KANT vor mehr als zweihundert Jahren schrieb, dass sie die Unmündigkeit fortsetzten, der wir gerade zu entkommen glaubten.

Die Demokratie ist kein Ausflugsdampfer, auf dem man Bier und Würstchen bestellt. Die Demokratie ist eher dieses Fahrrad in der Wüste, auf trügerischer Piste, unumsorgt. Und zudem ist sie eigentlich nicht kompatibel mit dem Kapitalismus, dessen massenhafte Warenproduktion aber die Voraussetzung für die Demokratie ist. Man kann mit leerem Bauch nicht über Minderheitenrechte abstimmen. Zu tief sitzt in uns das evolutionäre Erbe des Hungers, zu eingängig ist das sozialdarwinistische Gewühl des Neids. Wir wollten es nur nicht wahrhaben: jede These braucht ihre Antithese, und die Antithese der Gemeinschaft ist oft das Sehnen nach der vergangenen Geborgenheit, nach der geborgenen Vergangenheit. Dafür ist der Uterus die beste Metapher: ein Maximum an Sicherheit und Versorgung steht einem Minimum an Freiheit und Flexibilität gegenüber. Das kann nur ein vorübergehender Zustand sein. Die Freiheit ist also kein aufgesetztes und angelerntes, sondern ein natürliches Ideal. Mag der Uterus die missbrauchte Metapher sein, die Realität dieser falschen Sehnsucht ist die Hierarchie. Solange es die klassische, am Handwerk orientierte Arbeitswelt gab, schien Wohlstand ohne Hierarchie nicht möglich. Der Unternehmer erschien als Patriarch und insofern war er Hierarch.  Aber FORD und RATHENAU haben nicht nur die Fundamente des Wohlstands, sondern auch der Demokratie gelegt. Voraussetzung für Demokratie ist nicht nur Wohlstand, sondern auch ein Briefkasten (TOCQUEVILLE) und Freizeit. Jedes Abweichen von dem jetzt möglichen Modell der Demokratie erscheint uns genauso widernatürlich wie die Demokratie denjenigen, die Sicherheit und Versorgung als Grundmodell ansehen und dafür die Einschränkung ihrer Freiheit gerne inkauf nehmen. Man kann sich gegenseitig verspotten, aber wir müssen miteinander leben. Man kann sich gegenseitig nicht ausschließen. Jeder Versuch eines Genozids ist gescheitert und fällt auf seine Verursacher zurück.

Alle fünfzig Jahre gibt es den kleinen Paradigmenwechsel, alle fünfhundert Jahre einen großen mit dilemmatischen, verwirrenden und revolutionären Schüben. Der menschliche Makel in solchen Umbrüchen besteht wohl darin, dass vom Zeitgeist gelähmte Menschen Visionen der Zukunft zu verwirklichen suchen. Entweder scheitern sie wie Jesus oder aber sie bleiben, trotz allen Fortschritts, Leuchttürme des Konservatismus und damit des Zeitgeists, wie Luther und Ford. Die Lösung für die Zukunft liegt weder in der Religion noch im Automobil. Die Sackgasse der Massenproduktion kann man am besten durch die Massentierhaltung, überhaupt durch die Landwirtschaft erkennen. Früher, und in vielen Gegenden der Welt heute noch, mussten und müssen die Menschen im Schweiße ihres Angesichts Reis und Wurzeln säen, pflegen und ernten. Heute quälen wir Millionen und Abermillionen Tiere, um sie als Reserve für unsere Gier vorzuhalten. SCHOPENHAUER schrieb, dass wir tausende von Jahren brauchen werden, um für dieses terroristische Verhalten unseren  Brüdern und Schwestern gegenüber zu büßen. Genauso ist es mit den Mitmenschen, die wir instrumentalisiert haben. Aber wir sind nicht wir. Wer ist wir? Erst die wechselseitige Erniedrigung zu erkennen wird uns in den Stand setzen, nach einem Ausweg zu suchen. Eine wunderbar provokante These enthielt der Song WOMAN IS THE NIGGER OF THE WORLD von Yoko Ono und John Lennon, dessen Text aber auf ältere Gedanken zurückgeht, besonders in der Zeile woman is the slave to the slave.

Ein Afrikareisender* des letzten Jahrhunderts berichtet, dass er in einem Dorf lebte, das einmal in der Woche durch einen Autobus mit dem Rest der Welt verbunden war. Wenn der Bus in einer Woche ausfiel, war er in der nächsten Woche übervoll. Trotzdem wurde dem Weißen ein Platz freigemacht. Nach einer Zeit begannen einige Reisende, den Gast zu beschenken. Die Geschenke wurden so zahlreich, dass ein zweiter Platz benötigt und zur Verfügung gestellt wurde. Der Gast ging nun dazu über, die Geschenke weiter zu verschenken, was zu einer Kaskade des Nehmens und Gebens führte. Aber das ist schon wieder ungenau beobachtet: es war ein Wasserfall des Gebens, nicht des Nehmens. Es geht nicht um das Nehmen. Es geht um das Geben. (Leider melden sich an dieser Stelle immer die Leserbriefschreiber und verlangen nach dem Gestern.) (Leider müssen wir an dieser Stelle an den Bus in Freital erinnern, vor dem Menschen widerwärtigen Unsinn skandierten und mithilfe der Polizei Angst verbreiteten.)

Die Tastatur bäumte sich auf, wenn man schreiben wollte DIE LÖSUNG IST. Es gibt nicht DIE LÖSUNG. Aber den Kapitalismus oder die Demokratie als etwas außerhalb von uns befindliches zu erkennen glauben und überhaupt Schuldzuweisungen sind schon einmal die falsche Richtung. Wenn wir, die Menschen, der Fehler sind, dann können auch nur wir die Lösung sein. Wenn wir langsam ahnen, was falsch ist: Schuld, Gestern, Warum, dann sollte uns die neue Richtung wenigstens dämmern: Würde. Bildung. Liebe. Hoffnung.

In einer Hierarchie sind beide Seiten falsch: oben und unten. Es gibt kein Oben oder Unten. Die Angst vor den Antipoden war also berechtigt: wenn es sie gäbe, wären sie der Beweis für die Notwendigkeit hierarchischen Denkens, schwarz und weiß, oben und unten, richtig und gegenüber, Herr und KnechtIn. Jeder Mensch ist Würdenträger. Erst wenn wir ihnen, den instrumentalisierten nicht als Schwestern und Brüdern erkannten, ihre Würde zurück geben, geben wir auch uns Würde.

 

 

Achille Mbembe, Kritik der schwarzen Vernunft, Suhrkamp 2014

Didier Eribon, Rückkehr nach Reims, edition suhrkamp, 2016

*Heinrich Staudinger, brennstoff 47/2017, GEA-Magazin

RAMSES II. IM MÜLL

 

Nr. 231

Niemand, der in der Krise steckt, weiß, wie tief sie ihn erfassen wird und wie er aus ihr hervorgehen wird. Niemand kann die Zukunft voraussagen. Unsere Vorfahren waren durch Pest, Krieg und Hunger bedroht. Wir fühlen uns durch schlechte Nachrichten bedroht Aber tatsächlich steckt Welt in einer Krise. Die Apokalyptiker sehen sie bereits untergehen, die Populisten sehen sich aufgehen, die Liberalen sind genervt und trauen ihren Werten nicht mehr über den Weg. Jeder versucht in letzter Minute, auf den Zug des anderen aufzuspringen. Aber wenn alle Trittbrettfahrer von allen sind, sollte der Zug umkehren, dann muss eine neue Idee her.

In der Megastadt Kairo gibt es einen Stadtteil, der einst Heliopolis hieß. Es ist ein Slum, der nicht nur im Müll, sondern auch im Schlamm zu versinken droht. Alle diese Megastädte haben Probleme: die Armut und den Müll. Es ist der Gegensatz unserer Welt: auf der einen Seite werden geschälte Apfelsinenstückchen in Plastikfolie eingepackt, auf der anderen Seite lernen Kinder nichts weiter, als im Müll nach Nutzen zu suchen. Zwar gibt es eine Abnahme der Armut, weniger als ein Siebtel der Menschheit, nämlich 800 Millionen, sind von Hunger bedroht. Aber es gibt leider zwei immer wieder aufflackernde Schwerpunkte: Hungersnöte in Kriegs- und Dürregebieten. Das sind im Moment besonders Südsudan, Somalia, Jemen und Nigeria. Wir liefern keine Waffen in diese Gebiete. Aber liefern wir genügend Bücher und Brunnen?

Der zweite Schwerpunkt sind die Slums in den Megastädten, vielleicht mit Ausnahme von Tokyo und New York. In Lagos, das ist die riesige und chaotische Hauptstadt von Nigeria, dürften sich beide Probleme kreuzen. Aber in Heliopolis graben deutsche und ägyptische Archäologen im Schlamm, und sie werden immer wieder gefragt, was es denn besonderes in ihrem Slum zu suchen und zu finden gäbe.

Der Name sagt es schon: die ägyptische Hochkultur glaubte daran, dass genau an diesem Ort, in diesem Slum, in diesem Schlamm die Welt einst gegründet worden sei. So wie wir uns jeden Gott anthropomorph vorstellen, so stellen wir uns jede Weltgründung nicht als evolutionären, hunderttausende Jahre währenden Prozess, sondern als Gründung, als Zeugung, als Empfängnis, als einmaligen Akt, als Punkt vor. Zwar gibt es mehrere Punkte der Welt, an denen die Welt gegründet worden sein soll, aber es ist möglich, dass unser nicht ganz bedeutungs-, allerdings auch nicht prolemloser euro-asiatisch-afrikanischer Entstehungspunkt für die Menschheit wichtig war, weil seine Folgen im Guten wie im Bösen, sich über die gesamte Welt gelegt haben. Von Ramses II. gibt es viele Zeugnisse, viele Statuen, Gebäude und Inschriften. Im Schlamm des Slums wurde jetzt eine weitere gefunden, dazu sein kleiner Enkel – als Statuette. Vor ihm herrschte die berühmte inzestuöse Familie Echnaton und Nofretete mit ihrem körperlich leicht behinderten, aber genialen Sohn Tutenchamun. Sie heißen nicht nur nach der Sonne, sondern sie installierten den wahrscheinlich weltweit ersten uns bekannten Monotheismus. Warum soll nicht Mose, der Begründer des nächsten, wegen seiner Folgen weit wirkungsvolleren Monotheismus, seine Ideen von seiner Mutter, die nach der Überlieferung eine Pharaotochter war, oder von den ägyptischen Sonnenpriestern übernommen haben? Jede Überzeugung veraltet und hat immer auch schon das Schisma in sich. Also gab es in dem kleinen Volk der Juden mehrere Gruppen, die die mosaische Lehre erstarrt fanden und sich auf die Quellen beriefen, die Samaritaner, wir kennen sie aus dem Gleichnis des barmherzogen Samariters, und es gibt sie heute noch als eine wunderliche, aber auch bewundernswerte Gemeinschaft, und die Essener. Aus den Essenern könnte Jesus hervorgegangen sein. Jedenfalls stammt von Jesus diese Bewunderung der Samaritaner oder Samariter: Ein Mensch war von Räubern überfallen worden und lag schwer verletzt in der Wüste. Alle gingen vorbei: der Rabbiner, der Beamte, der Gelehrte. Dann kam ein Samaritaner oder Samariter, hielt an, versorgte die Wunden, nahm den Verletzten mit und bezahlte seinen Aufenthalt in einem Gasthof. Das ist die Parabel der guten Tat, die nicht nach unserer Herkunft oder unserem Bekenntnis fragt, sondern nur nach unserer Effizienz. Jeder Religionsstifter lebt unter definierten Bedingungen in einer ebenso bestimmten Zeit. Man muss also in seiner Interpretation den Zeitgeist von der Quintessenz, dem Kern seiner Botschaft trennen. Das ist insbesondere das Problem Mohammeds, der sich am Anfang in seiner Heimatstadt Mekka seiner Feinde zu erwehren hatte und in die später nach ihm benannte Stadt Medina auswich. Man könnte Mohammed, der sich im Koran dutzende Male auf Jesus beruft, auch einen konsequenten Monotheisten nennen, denn die Christen hatten inzwischen einen Dreigott installiert und darüber waren heftige Kämpfe ausgebrochen.

Gandhis Werk des gewaltlosen Widerstands wurde von Martin Luther King fortgesetzt und ist in allen Demokratien als wichtiges, wenn nicht wichtigstes Element enthalten: der Staat hat das Gewaltmonopol, aber er darf es nur sehr sparsam anwenden. Solange es Waffen und Wasserwerfer gibt, ist die Demokratie nicht allgemeingültig.

Wir sollten weder Macht demonstrieren noch unsere nationalen oder auch religiösen Prinzipien über andere stellen. Statt dessen sollten wir in einem gigantischen Programm, – unter anderem mit dem Geld, das US-Präsident Trump für die Erhöhung des Rüstungsetats bereitstellen will, und das mehr ist, als Russland für Rüstung ausgibt, – die Slums in den großen Städten durch Wohnungsbauprogramme und Bildungsangebote schließen. Dies muss mit einer echten Arbeitsbeschaffung einhergehen. Staatliche Gelder werden nicht in staatlichen Organisationen, wie beim nazideutschen Autobahnbau, ausgegeben, sondern dienen gleichzeitig, wie von Lord Keynes vorgeschlagen und vom erfolgreichsten aller US-Präsidenten, Franklin Delano Roosevelt, ausgeführt, der Konjunktur. Sodann wird dieser unwürdige Kampf ums Öl dadurch beendet, dass wir einen kostenlosen öffentlichen Stadtverkehr in allen Städten der Welt durchsetzen. Dadurch würde sich der Ölverbrauch von selber senken. Sodann muss die ebenfalls unwürdige Plastikverschwendung, vor allem für Verpackungen, sofort beendet werden. Viele Länder, allen voran China, haben uns nachgemacht. Das führt dazu, dass ganze Flüsse und große Teile der Meere in Plastikverpackungsabfällen zu ertrinken drohen. Die Massentierhaltung muss sofort durch Fastenprogramme und vegetarische Alternativen sanft beendet werden. In Deutschland sind schon neun Millionen Menschen Vegetarier. Allerdings verbieten sich Verbote. Alle anderen Probleme lassen sich dann mit dem Schwung, den wir dann aufgenommen haben, besser lösen.

Alles das muss sofort in die Bildungsprogramme aller Länder eingehen: von den rumänischen Slums der Roma bis hin zu den Slums in den Megastädten. In Heliopolis kann man mit dem anfangen, was jetzt hin und wieder der deutsche Chefarchäologe interessierten Zaungästen erklärt. Hier, so würde in den Kursen erklärt, fanden wir Menschen die erste Transzendenz: die Sonne, das Licht, das Gute, die Hilfe, die Sattheit, den Reichtum, die Würde des Menschen und des Tiers, alle Menschen sind unter der Sonne gleich, alle Tiere sind unsere Schwestern und Brüder.

Das ist Sozialromantik? Ja, natürlich, aber heute wird man dafür nicht mehr gekreuzigt.

DEUTSCHE GRUNDSUPPE

 

Nr. 230

Ringelpietz mit Anfassen war schon in meiner Jugend der verächtliche Ausdruck für sinnlose Treffen älterer Menschen, auf denen es um das Essen ging. Deshalb stand vorsorglich auf der Einladung: für das leibliche Wohl ist gesorgt. Diese Formulierung stammt aus der Zeit, da die Menschen in den Alpentälern oder in der Uckermark einmal im Jahr zu einem Fest ins Nachbardorf gingen, das soweit entfernt war, dass sie, als sie ankamen, schon wieder Hunger hatten. Überhaupt war der Hunger im neunzehnten Jahrhundert noch weit verbreitet. Damals war also das leibliche Wohl gefährdet, wenn man zwanzig Kilometer lief. Heute dagegen sitzen dicke alte Menschen herum, die Kuchen, gegrillte Schweine, Bier und Kaffee liter- und kiloweise in sich hineinschütten. Fast jede Veranstaltung, auch wenn sie Gottesdienst oder Konzert oder Bürgerdialog heißt, ist mit Fressen und Saufen verbunden. Die meisten Teilnehmer sehen auch so aus, als ob ihr leibliches Wohl bald in Überfressung und Unwohl umschlüge.

Das ist einer der Gründe, warum jede Gesellschaft nicht nur der Erneuerung durch die nächste Generation bedarf, sondern auch durch die sogenannten Fremden, die – aus welchen Gründen auch immer – ein und auswandern. Es ist geradezu lustig, mit heutigen Refugès durch Dörfer zu fahren, in denen vor dreihundert Jahren ebenfalls Refugés ankamen. Damals waren es vor allem Glaubensgründe, die aber schnell in wirtschaftliche Argumente umschlugen, denn die Flüchtlinge brachten Kenntnisse, Handwerke und Initiativen mit, die hier nicht bekannt waren. Noch heute sieht man die französischen Tabakscheunen aus den gewöhnlichen Scheunen wegen ihrer Größe herausragen. So wie heute die türkischen Einwanderer waren damals die französischen weitaus selbstständiger, hatten mehr Unternehmen  als die vergleichbaren Alteinsitzer. Das hängt sicher damit zusammen, und dafür ist natürlich die Einwanderung in Amerika das beste Beispiel, dass nicht gerade die initiativarmen und mutlosen Söhne gehen. Die Flüchtlinge sind ja die Fortschreitenden. Der Fortschritt kommt nicht vom Beharren auf Sätzen und in Orten.

Meine ostafrikanischen Flüchtlinge wollten schon ein Jahr lang ins benachbarte Polen, weil sie gehört hatten, dass dort alles billiger ist als hier. Jetzt endlich haben sie den lang ersehnten Reiseausweis und dürfen in fast alle Länder, mit Ausnahme ihres Heimatlandes, reisen. Denn erstens kämen sie dort ins Gefängnis und zweitens würden sie hier ihren Schutzstatus verlieren. Der Hauptmann von Köpenick lauert überall. Die lustigste Begegnung, die wir in Stettin hatten, war beim Essen. Stettin ist bekanntlich eine polnische Großstadt. Davor war sie siebenhundert Jahre lang eine deutsche Großstadt und davor war sie mindestens vierhundert Jahre lang eine  slawische Burg und Stadt. Meine Ostafrikaner sind koptische Christen, die aber viel genauer die Vorschriften und Rituale einhalten. Wir mussten also im katholischen Polen etwas zu essen suchen, das sowohl kein Fleisch als auch keine Milchprodukte enthielt. Im Einkaufszentrum Galaxy gibt es vielleicht ein Dutzend Restaurants, neben dem polnischen, wo nichts vom Fasten zu sehen war, ist das türkische. Dort gaben wir in Englisch unsere nicht ganz leichte Bestellung auf. Die jungen Verkäufer und Verkäuferinnen können übrigens alle sehr gut Englisch. Es gibt kein Problem. Das ist überhaupt auch der Lieblingssatz meiner Flüchtlinge. Problematisch ist eher, aber die Gründe liegen in der Politik, wie wir alle wissen, dass es im katholischen, also christlichen, also nächstenliebenden Polen keine Flüchtlinge gibt. Damit ist einerseits der Mut meiner Flüchtlinge bewundernswert, in dieses Land zu wollen und auch zu fahren. Andererseits war es auch ein Versuch. Wir sind überall gut aufgenommen worden. Die meist jungen Verkäuferinnen waren keinem Flirt und Witz abgeneigt. Jedenfalls gab es also einen wunderbaren türkischen Salat mit Oliven und scharfer (‚spiced‘) Sauce in einem amerikanischen Einkaufzentrum in der polnischen Stadt, die lange deutsch war, für ostafrikanische (‚Habesha‘) Flüchtlinge und ihren Betreuer und Paten, der von französischen Refugés abstammt. Amtssprache ist hier Englisch. Wir sind hier in Europa. Europa ist genauso wie Amerika ein Einwanderungsgebiet, schon einmal weil es auch ein Auswanderungsgebiet ist.

Die Grundsuppe muss nicht nur gut gerührt werden. Sie darf uns nicht anbrennen. Sie wird aber auch langweilig, wenn sie immer nur die gleichen Bestandteile hat (‚krauts‘). Die refugees kommen alle aus Familien mit vielen Kindern. Es wird keiner geopfert, sondern einer vorgeschickt. Aber er erkundet nicht nur, sondern schickt Geld nach Hause. Er bleibt Mitglied der Familie. Vielleicht war er nicht nur der wendigste, sondern auch der offenste.

Bei dieser Fahrt, es war nicht unsere erste, aber unsere erste ins Ausland, für sie die erste legale Auslandsreise überhaupt, wurde streng darauf geachtet, dass ich genügend Kaffee bekam, den sie bezahlten. Da sie sich aber nicht trauten zu bestellen, ging ich mit und bestellte auf polnisch. Am Tisch fragte dann B., der bezahlt hat, ob es in Polen Menschen gibt, die tigrinisch können. Er hatte das Wort ‚herbata‘ gehört, das es, was wir alle nicht wussten, sowohl in Tigrinisch gibt, da heißt es vier, und in Polnisch, da heißt es Tee. Das kann man sich am Herbarium merken, dem getrockneten Kräutergarten, dem Vorläufer des Gewächshauses oder der Darre. Das Wort stammt aus dem Lateinischen und heißt Kraut, siehe oben. Globalisierung kommt auch aus dem Lateinischen und heißt rund, Erdenrund. Globalisierung ist nicht das, was man machen oder verhindern kann, sondern das, was passiert, wenn man keine Kriege und Grenzen mehr hat, sondern nur noch Handel und Wandel treibt, wenn man die Eisenbahn erfindet, das Automobil und das Smartphone. All das führt dazu, dass aus den vielen verschiedenen Menschen die Menschheit wird. Die Regierung in Warschau hinkt hinterher, die Menschheit in Stettin ist da weiter.

Niemand sollte einem anderen die Suppe versalzen. Aber wir sollten schon für neue Gewürze offen sein. Das Wort Grundsuppe habe ich direkt aus dem sechzehnten Jahrhundert importiert. Luther bezeichnete das Papsttum, so heißt auch ein Dorf in Mecklenburg, als Grundsuppe des Teufels. Müntzer dagegen, der gevierteilte Sympath, nannte den Besitz die Grundsuppe des Wuchers, den wir alle ablehnen, auch jene, die das Geld und den Geiz lieben. Für den Geiz gibt es immer gute Gründe, die Güte steht dagegen grundlos da.

PREKARIAT

 

Nr. 229

Es ist beinahe trivial festzustellen, fast schon sprichwörtlich, dass eine ganze Menge von Menschen glaubt, die Welt sei mit ihnen entstanden. Vorher war nur Schlamm und Dummheit. Unser Bewusstsein räumt uns selbst die Priorität ein, die wir als Selbstwert brauchen, um in den ebenfalls sprichwörtlichen Stürmen der Welt bestehen zu können. Die Stürme der Welt sind allerdings durch die Art des Wirtschaftens, durch den Sozialstaat und durch die Demokratie zu lauen Lüften aus Frühlingsgedichten gebändigt. Vor dieser Dreiheit war der Mensch durch Missernte, mangelnde Barmherzigkeit und Willkür der Eltern, Arbeitgeber und Staatsbeamten praktisch ständig existenziell gefährdet. Wer das Wort gegen die Obrigkeit richtete, dem wurde die Zunge aus dem Mund gerissen. Merkwürdig ist nur, dass es auch heute noch Menschen gibt, die an die Abschreckung durch Unmenschlichkeit glauben. Wären das Zungeherausreißen, das Blenden, Händeabschlagen und Hängen, das Kopfabschlagen, Pfählen und Vierteilen wirksam und abschreckend gewesen, dann säßen wir heute noch in einem solchen mittelalterlichen, finsteren und äußerst prekären Staat und würden auf Eselskarren ins Nachbardorf als weitestem Ort unseres gesamten kurzen Lebens reisen.

Nicht wenige glauben, dass es prekäre Verhältnisse erst gibt, seit eine sozialdemokratische Regierung Langzeitarbeitslosen geregelte, allerdings nicht besonders üppige Dauereinkünfte gesichert hat. Und diese Sicherheit nun wird immer wieder hinterfragt. Einerseits glaubt sich jeder Steuerzahler überfordert und rechnet einmal pro Jahr nach, wieviele Menschen von seinem Einkommen, seiner Differenz zwischen Brutto und Netto, leben. Andererseits rechnen die Empfänger von Transferzahlungen wöchentlich nach, was sie mit den drei Euro und siebenundachtzig machen könnten, die ihnen zustünden, aber verweigert wurden, sei es aus Abschreckung, sei es aus Mangel an vorliegenden Gründen. Das Wort ‚prekär‘ ist aber natürlich viel älter als die Geschichte Deutschlands. Es steht in jedem Lateinwörterbuch und heißt einfach ‚unsicher‘. Unsichere Verhältnisse sind jene, in die man zu geraten vermeiden sollte, wenn man kann, ist man aber darin, so sollte man versuchen, Oberhand zu behalten und schnellstmöglich herauszukommen. Wir streben immer nach Sicherheit, obwohl wir wissen, dass Abenteuer es sind, die uns eigentlich vorwärtsbringen. In gesellschaftlichen Umbruchzeiten neigen die Menschen dann auch zu Abenteuern. Als 1989 der Ostblock zerbröselte, hat die ganze Stadt Rostock und das ganze Land Albanien, jeweils auch durch ihre Stadt- und Landesregierung ermuntert, an einem Schneeballfinanzspiel teilgenommen. Es beruht darauf, dass jeder Teilnehmer Gewinn macht, und zwar von unten nach oben. Man muss also nur jedem Teilnehmer einreden, dass er zwar am Anfang ganz unten ist, aber mit jedem gewonnenen Neuteilnehmer sukzessive nach oben gelangt. Die einfache Rechnung, dass in einem Topf nicht mehr Geld sein kann, als man hineinwirft, wird von den Teilnehmern verdrängt und schließlich vergessen. Vielleicht verwechseln die Menschen auch den Besitz von Geld und seinen Verkauf, weshalb immer wieder, von Jesus bis Silvio Gesell, und dazwischen Gottfried Feder, Ideologien aufkommen, dass der Zins  der eigentliche Verderb des ehrlichen, einfachen, geraden Menschen sei. Gerade Menschen kann und darf es nicht geben, weil das Ideal und das Lot immer von Menschen gemacht wären.

Wir Menschen streben also nicht nur nach einer sicheren Menge von Geld, ungeachtet ihrer Größe, weil wir Geld für das Äquivalent von Glück halten. Bestenfalls ist es aber der Gegenwert von Brot, Kleid und Dach. Immer wieder werden hinter den komplizierten menschlichen Verhältnissen, darunter den ökonomischen und außenpolitischen, einfache Lösungen vermutet, die aber aus Dummheit, Böswilligkeit oder Berechnung nicht zum Einsatz kommen. Statt langsam zu glauben, dass es keine Wahrheiten gibt, sondern nur Varianten, wird immer wieder zurückgeblickt: Aber hinter uns liegt doch die gleiche Gemengelage von Erfolg und Scheitern, das gleiche Wechselspiel von Glück und Unglück, das uns auch nicht verunsichern sollte. Das geistige Prekariat sind also Leute, die glauben, dass allzu einfache Lösungen die komplizierten Probleme lösen können. Dass die Welt und ihre Erscheinungen im Gegenteil komplexer werden und dadurch die Lösungen immer differenzierter werden müssen, wird wohl kaum ein denkender Mensch bestreiten können. Allerdings wird schon bestritten, dass man denken muss, wenn man glaubt, dass die abgegriffenen Lösungen der Vergangenheit tauglich wären für immer komplexere Probleme. Dabei sind viele Probleme schon sozusagen eingezäunt worden: es gibt – außer Malaria und AIDS – keine der Pest oder der Cholera in bezug auf Mortalität und Verbreitung vergleichbaren Krankheiten. Diese beiden weltweiten und mit ungeheurer Wucht tödlichen Krankheiten haben sich ins sprichwörtliche Leben und Fühlen der Völker eingegraben, so dass man heute noch ein Dilemma mit der Wahl zwischen Pest und Cholera beschreibt, und das sollte man einmal an der Shell-Tankstelle in 89058 Scilla* gedacht haben. Zwar haben wir im Süd-Sudan und Somalia gerade eine Hungersnot und rund 800 Millionen Menschen hungern weltweit noch, aber jeder weiß, dass dieser Hunger leicht zu besiegen wäre. Wir liefern zwar Lebensmittel in solche Regionen, aber wir liefern auch Waffen. Wenn sich alleine Deutschland dazu entschließen könnte auf ein Prozent seines Exports, nämlichen den Waffenexport, zu verzichten und die dadurch verlorene Geldmenge in gleicher Höhe aus anderen Quellen in die Entwicklungshilfe zu geben, gleichzeitig die Ausgaben für Rüstung statt zu steigern zu senken, und die dadurch gewonnene Geldmenge in die Bildung zu stecken, dann wäre nicht nur ein Zeichen gesetzt, sondern auch tatsächlich geholfen. Der bedauerliche und höchst überflüssige Bürgerkrieg in Syrien wird leider von einigen Mächten als Projektionsfläche ihrer Machtspiele genutzt, aber wer wollte ihn ernsthaft behaupten, dass dieser Krieg dem zweiten Weltkrieg oder dem Vietnamkrieg ähnlich sei? Es ist der Menschheit gelungen, große Probleme zu lösen (Pest, Hunger, Krieg). Die Weltlage ist nicht prekär und wird es auch nicht durch Trump, Petry und Le Pen. Prekär kann die Welt nur werden, wenn man jenen glaubt, die glauben, dass es einfache Lösungen geben könnte. Die Frage ist ja noch, ob sie es wirklich glauben. Wir können diese Frage ebenso wenig beantworten, wie die Frage, ob derjenige oder diejenige, die sagen, dass sie uns lieben, uns lieben, oder vielleicht vielmehr Kompromisse eingehen, um geliebt zu werden. Diese prekären Personen und Parteien sind also mehr missgünstigen Nachbarn zu vergleichen, die morgens um zehn bei dir klingeln und dir sagen, sie hätten gesehen, wie dein Liebster/deine Liebste IN WIRKLICHKEIT jemand anderen liebt. Prekär ist es, einen Gedanken für die Wirklichkeit zu halten. IST JEDES ANTI EIN MANGEL AN PRO?

ORIENTEXPRESS

Nr. 228

Der Orientexpress, der legendäre Zug von Paris nach Konstantinopel, fährt in Leere. Inzwischen gibt es auch die beiden großen Bahnhöfe in Istanbul nicht mehr, Sirkesi auf der europäischen Seite und Endstation des Orientexpresses, und Haydarpaşa, der Ausgangspunkt der Bagdadbahn werden sollte.

Der Begriff des Romans wird gewöhnlich aus den romanischen Sprachen, woher er kommt, hergeleitet. Das übersieht die italienische Neuigkeit, novella, aus der die englische und amerikanische novel kommt. Und alle zusammen vergessen, dass nirgendwo länger und ausgiebiger erzählt wurde als im Orient, nicht nur tausendundeine Nacht lang, sondern Jahrtausende.

Die osmanische Herrschaft war traumatisch grausam wie jede Fremdherrschaft. Aber sie hatte ihre Nischen und Kommodationen. Zwar wurde jeder zehnte christliche Knabe in einer ebenso spektakulären wie theatralischen, aber auch leidvollen Aktion (devşirme, Knabenlese) für die Janitscharen, die Elitetruppe der Sultane, geraubt, und die Mütter gingen kilometerweit schreiend und klagend hinter dem Zug her. Aber jeder tausendste Knabe hatte auch die Chance des Aufstiegs. Wenn man das Leid der Familien wegrechnen könnte, dann wäre die Chancenverteilung mathematisch nicht so grundlegend anders als heute. Aus einem bosnischen Bergdorf namens Sokolov, Falkenort, unweit Vişegrads, wurde um 1515 ein solcher Knabe geraubt, der es bis zum Großwesir des Osmanisches Reiches und Schwiegersohn des Sultans Selim II. brachte, nachdem er Admiral und Gouverneur, dritter und zweiter Wesir geworden war. Er hat sich in einer Reihe berühmter Bauten verewigt, die zum Teil, wie die legendäre Brücke über die Drina und die wenig bekannte, aber wunderschöne Moschee (Sokollu Mehmet Paşa Camii), von dem ebenfalls aus der Knabenlese stammenden Megabaumeister Mimar Sinan errichtet worden waren. Was er, der seiner Familie und seinem Volk ein Denkmal errichten wollte, nicht ahnen konnte, dass Jahrhunderte später wieder ein kleiner Junge davon träumen würde, seiner Vergangenheit mit einem Monument zu dienen. Man darf nicht vergessen, dass Bosnien ein kleines, liebenswürdiges, wunderschönes, aber gänzlich unbekanntes Land ist. Ivo Andrić, der später, als er schon als alter Dichter in seiner Belgrader Wohnung sinnierte, den Nobelpreis dafür erhielt, war als kleiner Junge bei seiner Tante in Vişegrad untergebracht. Dort sah er täglich die Brücke, die nicht nur die beiden Ufer der Drina, sondern auch die beiden Welten Orient und Okzident miteinander verband. Die Brücke, die oft auch zerstört wurde, zuletzt im Bosnienkrieg 1992-1995, ist selbst auch ein kultureller Ort gewesen, den der kleine Ivo tief in sich aufgesogen hat. Andrić schrieb eine viel beachtete Dissertation und wurde Botschafter des Königreichs Jugoslawien in Deutschland. Während der deutschen Besatzung, sozusagen im Zwangsexil, schrieb der seine weltberühmte fiktive Chronik ebenjener Brücke in ihrer krassen Widersprüchlichkeit. Die Brücke ist an sich schon die perfekte Metapher der Verbindung von Widersprüchen. In diesem beschaulichen Tal trafen aber nicht nur gewöhnliche Widersprüche, sondern die beiden Welten aufeinander. Sie, diese beiden Welten, sind sich gleichzeitig Orientierung, denn wir haben das Wort son unserem morgendlichen Blick in den Osten, und Feind. Diese Feindschaft wird immer wieder beschworen. Sie ist nicht nur überflüssig, wie inzwischen jede Feindschaft, sondern auch historisch nicht vertretbar. Die Religionen, die so lange Orientierung für fast alle Menschen in Europa und damit auch in Amerika waren, kommen aus dem Orient, die Mathematik, der Kaffee und eben die Erzählkunst, das hohe Abschweifen, die ganz lange, fast permanente Geschichte. Während man lebt erzählt man gleichzeitig sein leben, so dass Leben und Erzählung, Tatsache und Fiktion, zu einem einzigen Fluss zusammenwachsen, so wie die Drina und der Rzaw an der Brücke von Vişegrad. Ivo Andrć hat diese gemächliche, alle Nebengeschichten zulassende orientalische Erzählkunst in die Gegenwart gerettet. Dort hat sie Orhan Pamuk aufgefangen. Pamuk stammt aus einer reichen Istanbuler Familie. Von seinem wunderbaren Haus kann er sowohl über den Bosporus als auch über das Goldene Horn blicken. Diese privilegierte Sicht nutzt er, um die Tiefen menschlichen Verhaltens zu beobachten und zu beschreiben. Seine Geschichte aus tausendundeinem Jahr beschreibt eine Familie, eigentlich nur einen Menschen aus dieser Familie, den Boza-Verkäufer Mevlut Karataş. Da beginnen schon die Symbole. Boza ist ein vergorenes joghurtähnliches Getränk, manchmal mit, manchmal ohne Alkohol, das in den Straßen ausgerufen und lose verkauft wurde, ein Relikt aus dem alten Konstantinopel, die letzte Bastion der Natur vor den heute allgegenwärtigen und allmächtigen Plastikbechern, die eines Tages unsere Meere zugeschüttet haben werden. Karataş, Schwarzstein, und Aktaş, Weißstein, sind die beiden Zweige derselben Familie, die alle vom Land nach Istanbul gehen und damit der merkwürdigen Stadtentwicklung folgen, die zum großen Teil aus Gecekondus besteht, aus Bauten also, die, um die Baugenehmigung zu umgehen, in einer Nacht errichtet wurden. Mevlut geling nicht der Aufstieg. Er bleibt der ewige underdog. Er schreibt mit einem Briefsteller und weiterer Hilfe Liebesbriefe an ein Mädchen, das er nur einmal gesehen hat, und muss dann ihre Schwester heiraten. Aber sie und die beiden Töchter liebt er über alles. Fast könnte man sagen, dass über dem orientalisch erzählten Roman der Satz des Augustinus stünde:  ama et fac quod vis, liebe und tue, was du willst. Aber es zeigt sich, dass man in einem normalen Leben, und das hat eben unser armer Mevlut, nicht tun kann, was man will, sondern was man muss. Also bleibt uns nur zu lieben.

Zwischendurch sollte man allerdings auch immer etwas lesen. Lesen ist keine Sache des Expresses, des Druckes der Geschwindigkeit und des Zeitgeists. Lesen ist Ausdruck – Express – des langen Flusses des Lebens, der keiner Navigation, keiner Kausalität, keinem Zwang folgt. Jedem Anstauen des Flusses folgt eine Entladung, jeder Entladung ein Mäandrieren und Verweilen. Und vielleicht sind wir alle, wie der Fährmann von Visegrad, der vor der Errichtung der berühmten Brücke sein Handwerk verrichtete: ‚Er war ein Mann von hünenhaftem Wuchs und ungewöhnlicher Kraft, aber er war heruntergekommen in vielen Kriegen, in denen er sich hervorgetan hatte. Er besaß nur ein Auge, ein Ohr und ein Bein, das andere war aus Holz. So, ohne Gruß und ohne ein Lächeln, beförderte er Waren und Reisende, launenhaft und eigenwillig, langsam und unregelmäßig, aber ehrlich und sicher, so dass seine Vertrauenswürdigkeit und Ehrlichkeit genauso weit bekannt waren wie seine Langsamkeit und Eigenwilligkeit.‘

 

 

 

Ivo Andrić,   DIE BRÜCKE ÜBER DIE DRINA, Hanser 1962

Orhan Pamuk,  DIESE FREMDHEIT IN MIR, Hanser 2016

DIE GEGNER SIND ALLE IM INTERNET

Nr. 227

Ein Brief

 

Liebe D.T.,

endlich habe ich nun das von dir geschenkte Buch gelesen und verstehe, warum du es mir geschenkt hast. Viele Schreibende – bei den Lesenden erfährt man es nicht – sind in dieser uns so schnell erscheinenden Zeit – aber ein Blick in den Salomon, Shakespeare und die Barockdichtung zeigt: die fanden die Welt auch zu schnell, bloody tyrant time – fasziniert von der Gleichzeitigkeit der Menschen und Dinge. Wir erleben als nebeneinander stehend, was unsere Vorfahren noch schön sortiert nacheinander erfuhren. Genossen haben sie es auch nicht, sie litten unter dem, was sie sahen, wir leiden an der heutigen Welt und eines unserer klagenden Lieblingsworte ist deshalb auch ‚heutzutage‘, was immer so klingt, wie ein resignierender Greis im Kreis seiner technikbegeisterten Enkel.

Einen alternde Professor, der mit der plötzlich vorhandenen Zeit und dem leeren Raum um ihn her hadert, beschreibt Jenny Erpenbeck aus der Pankower Erpenbeck-Literatur-Dynastie in ihrem jüngsten und hochaktuellen Roman GEHEN, GING, GEGANGEN. Modellhaft stellt er unsere vielfach zerrissene und auf wundersame Weise Gleichzeitigkeit repräsentierende Welt dar. Er kann auch nach fünfundzwanzig Jahren nicht so recht fassen, dass er im vereinten Deutschland nicht nur lebt, sondern hochangesehen und wohlhabend ist. Zwar wurde das Orchester, in dem seine Frau einst Bratsche spielte, abgewickelt, aber sie hatte, wie wir auf den letzten Seiten erfahren, noch drei weitere Probleme, nämlich dass sie nach einer Abtreibung keine Kinder mehr bekommen konnte, dass ihr Mann eine Klischeegeliebte hatte, nämlich eine Studentin, und dass sie deshalb dem Alkohol in diesen kleinen billigen Chantréfläschchen, die es an der Kasse gibt, verfallen war. Dieses Vakuum füllt der alternde Professor mit seiner Beschäftigung, denn zunächst ist es mehr Interesse als Engagement, für eine Gruppe westafrikanischer Flüchtlinge, die er auf dem Oranienplatz zufällig gesehen hat. Am meisten wundert er sich darüber, dass wir als aufgeklärte, höchstmoderne, mit schnellster Informationstechnik ausgerüstete Menschen nicht in der Lage sind zu unterscheiden, ob wir etwas wollen oder etwas uns will. Würden wir mehr auf die Afrikaner hören, so wäre die Antwort schnell gefunden: Wer das Mittelmeer in lecken Schlauchbooten ohne Steuermann überlebt, mit dem hat Gott etwas vor. Wer kurz vor dem Verhungern ist, dem zeigt das Schicksal einen Ring, der in einer für einen einzelnen Menschen viel zu großen Villa sinnlos herumlag, wie der Leser weiß, schon seit Jahrzehnten. Aber da begibt sich der Dieb, obwohl er sein Überlebensproblem kurzfristig gelöst hat, in ein unlösbares moralisches Dilemma, das mit seinen kindlichen Thesen und unserem übertriebenen Rechtsverständnis kollidiert. Er tritt, obwohl die Erzählerin die Schuldfrage letztlich offen lässt, nach dem möglichen Diebstahl nicht mehr auf und muss sich selbst verleugnen. Wir lehnen aber diese einfachen klaren Denkstrukturen ab und nennen sie kindlich. Wenn wir bei Verstand geblieben sind, lehnen wir aber auch die Produkte eines kranken, bürokratischen Ungeistes ab, der zum Beispiel Duldung als Aussetzung der Abschiebung definiert. Demnach wäre Leben auch nur die Aussetzung des Todes und der Bürokrat in einem üblen Sinne allmächtig. Vielmehr ist der Professor in seiner Ostvilla das Sinnbild, nach dem wir handeln könnten und nach dem er auch im letzten, fast utopisch zu nennenden Kapitel handelt: er füllt sein Sinnvakuum mit Menschenliebe und seine Bibliothek mit lieben Menschen. Um das als richtig, machbar und notwendig zu erkennen, muss er aber erst eine Berliner Odyssee durchlaufen, vom Altersheim, das jetzt ein Flüchtlingsheim ist, aber dann umgebaut wird, nach Spandau und von da in das Kirchen- und Wohnzimmerasyl.

Und genau dort in Spandau, liebe D.T., du hast es vielleicht geahnt, kam auch ich in der ersten Flüchtlingskrise vor zwanzig Jahren zu meinem Interesse an der Verwandlung von Papierfetzen in Menschen. Genau wie damals in Spandau, sind auch hier die Flüchtlinge in einer ehemaligen Kaserne untergebracht, und das ist allemal besser als in einer Turnhalle, die noch dazu gebraucht wird. Die Kaserne dagegen braucht niemand mehr. In ihren großen, für Appelle und hallige, louisarmstrongmäßige Befehlsschreie gedachten Fluren stehen noch die russischen Bezeichnungen aus der Besatzungszeit. Wenn ich noch länger dorthin gehe, entdecke ich im Keller vielleicht auch noch die Uniform eines toten Wehrmachtshauptmannes. Oben kochen meine Ostafrikaner ihre scharfen Saucen und brutzeln deutsche Hühner zu äthiopischen Kostbarkeiten um. Wie der Professor aus dem Buch erhalte ich als einziger Besteck, ich kann die Suppe nicht mit dem Brot, das injera heißt, essen. Eine weitere schöne Parallele sind die Autofahrten. Die Menschen, die uns an der Kreuzung stehen sehen, vier Schwarze und ein verrückter weißer alter Mann, verstehen die Welt nicht mehr. Und damit haben sie recht: es ist schwer zu verstehen, dass die Welt sich gerade wieder, vielleicht wirklich aller fünfzig Jahre, in einem Umbruch befindet. Wir wissen es nicht, aber vielleicht bringt dieser Umbruch wieder einen Schub Gerechtigkeit. Der fiktive Professor und der reale Dorfschullehrer hören jedenfalls die gleichen Geschichten aus West- und aus Ostafrika: jeder Cent, der hier durch Sparen und billigstes Essen übrig bleibt, wird nach Hause geschickt. Dort muss eine Schwester aus dem Gefängnis in Libyen freigekauft werden, hier wird ein Stück Land für die ganze Familie in Ghana gekauft.

Im Roman, den ich nicht gleich gelesen habe, weil mein Vorurteil gegen dokumentarische Literatur manchmal Zeit haben will, wird ganz deutlich der Gewinn gezeigt, den wir alle von den Flüchtlingen und überhaupt von allen Migranten haben: die Welt, die wir als Erfahrung brauchen, kommt zu uns. Migration ist so gesehen ein Pizzadienst der Weisheit. Unser Sinnvakuum füllt sich langsam, nicht ohne Rückschläge auf.  Das überflüssige (ich hoffe, dass die mitlesenden Ökonomen das leicht verachtende Wortspiel erkennen) Geld wird sinnvoll unter die Menschheit gebracht. Die Umweltkatastrophe, die durch unsere maßlose Energieverschwendung beschleunigt wird, kann durch die Aufnahme von Menschen aus anderen Weltgegenden abgebremst werden. Die Besinnung auf traditionelle Techniken könnte dies noch unterstützen, zum Beispiel Fahrräder aus Bambus, die in Ghana hergestellt werden. In Westafrika gibt es begnadete professionelle Autobastler, die aus von uns aufgegebenen Ruinen keine Nobelkarossen, aber doch fahrtüchtige Flitzer machen. Aus Ostafrika kam einst der Kaffee und kommt er noch, aber wir, die wir ihn lieben, verachten seine Erfinder. Vielleicht war der Finder des Kaffees wirklich ein Ziegenhirt in der äthiopischen Provinz Kaffa, der beobachtete, dass seine Ziegen munterer waren, wenn sie von einem bestimmten Strauch gefressen hatten. Auch er konnte in der Mittagssonne eine Aufwachdroge gut gebrauchen.

Gestern war ich im Heim verabredet, aber es war niemand da. Später wird eine Botschaft nach der anderen bei Facebook eingehen. In der Küche brutzelte ostafrikanische Köstlichkeit und ein Baby schrie. Und zum zweiten Mal merkte ich, dass sich schwarze Babies (a boy or a girl?) von alten weißen (stupiden?) Männern gern und gut beruhigen lassen. Die Mutter freute es.

Unsere Welten sind offensichtlich nicht nur kompatibel, sondern komplementär. Wenn jeder einen Flüchtling aufnähme, gäbe es keine mehr. Und in noch einem Punkt geht es mir und sollte es uns allen wie dem alternden Professor in dem Roman gehen: Ich kenne nur Sympathisanten. Die Gegner haben sich alle ins Internet verzogen.

 

Jenny Erpenbeck, GEHEN, GING, GEGANGEN, Roman, Knaus 2015

HEUTELAND IST MORGENLAND

 

Nr. 226

Der erbitterte Widerstand gegen Angela Merkel ist auch ein Restvorurteil gegen Frauen. Frauen hatten bis 1918 in Deutschland kein Wahlrecht und kein Recht, ein Konto zu eröffnen, selbst dann nicht, wenn sie eine beträchtliche Summe  geerbt hatten, weil die herrschende Meinung den Frauen nicht das Recht absprach, aus Gehässigkeit, aus Machtwillen, aus Demagogie, sondern die Fähigkeit. Man war vor 1918 der festen Überzeugung, dass Frauen und Schwarze über andere, nämlich geringere geistige Fähigkeiten verfügten als Männer. Diese Erkenntnis kam daher, dass es offensichtlich keine Frauen in führenden Positionen gab, keine Dichterinnen, Wissenschaftlerinnen, Politikerinnen. Selbst den Ausnahmen unterstellte man Hilfebedürftigkeit. Maria Theresia regierte nur deshalb so erfolgreich, weil ihr nach außen erst ihr Mann und dann ihr Sohn zur Seite gestellt war, so dass damalige Frauenfeinde die österreichische Politik genau andersherum sehen konnten. Nicht die Vergangenheit war besser, sondern die mangelnde Erkenntnis war einfacher. Früher stimmte die Welt noch, ist der Satz, den man genauso oft hören kann wie: früher war alles besser. Wenn nur alte, weiße, blöde Männer zur Regierung taugen, dann ist nicht die Regierung besser, sondern die Erkenntnis der Fehler und Richtungsweisungen leichter. In den Vereinigten Staaten von Amerika spielt sich gerade eine solche Erkenntnistragödie ab. Die Botschaft, es sei doch alles ganz einfach, den Terror beendet man mit Einreiseverboten, mangelnde Wirtschaftskraft mit Protektionismus und das ewige Zaudern schwarzer, weiblicher, liberaler und junger Menschen mit Aktionismus. Jedoch weiß jeder Mensch: Aktionismus ist blind, weil er wütend wird. Und Wut ist nicht das Gegenteil von Zaudern. Demokratie ist auch nicht zaudern, sondern abwägen, überlegen, erörtern.

Die großen autokratischen Regierungen des neunzehnten Jahrhunderts, die meist auch gleichzeitig monarchisch waren, wurden durch die Abschaffung der einfachen, dichotomischen Sichten ausgehöhlt. Erst nach dem Sturz des Kommunismus 1989 wurde den meisten Menschen klar, dass die große politische Differenz nicht zwischen links und rechts bestand, sondern zwischen autoritär, was zeitweilig auch totalitär genannt wurde, und liberal. Allerdings sind sowohl Freiheit als auch Ordnung als Leitbilder menschlichen Zusammenlebens notwendig. Während aber die Freiheit das wichtigste Ideal und Ziel der Menschen ist, kann die Ordnung immer nur ein begrenztes notwendiges Übel sein. Natürlich hatte Rousseau recht, wenn er schrieb, dass die rechtliche Definition des Raumes oder des Besitzes  der Beginn der Gesellschaft ist, weil sie den ersten Vertrag darstellt. Aber auf Rousseau können sich die Ordnungshüter gerade nicht berufen. Er ist ihnen zum Glück verdächtig. Alle Versuche, den Besitz in Gemeineigentum zu überführen sind dann gescheitert, wenn dies als die neue Ordnung ausgegeben wurde. Allerdings gibt es berühmte Ausnahmen, wie die Allmende, die gemeinsame Weide. Aber es gibt, als Gegenargument, auch das Allmendedilemma, das schädliche Suchen nach dem eigenen Vorteil zulasten der anderen. Man kann es gut mit einem schönen, leider wahren Satz von Goethe aus den ‚Maximen und Reflexionen‘ umschreiben: ‚So eigenartig widersprechend ist der Mensch: zu seinem Vorteil will er keine Nötigung, zu seinem Schaden leidet er jeden Zwang.‘[163]

Vielmehr ist die Lösung der Ungerechtigkeit unter uns Menschen in Bildung und allgemeinem Wohlstand zu finden. Das sind beides langwierige, letztlich nur demokratisch zu erlangende Eigenschaften. Die soziale Durchlässigkeit, sozusagen die Abschaffung der Klassen, ist eine große Errungenschaft, aber sie geht einher mit dem Verlust der elitären, apriorischen Eigenschaften einer vorbestimmten Führung. Wenn jeder und jede nach oben gelangen kann, dann fehlt es, dem Anschein nach, an wirklicher Führung. Deshalb wird von sozialrevolutionärer Seite immer wieder das Auseinanderklaffen von arm und reich betont, das es auch tatsächlich gibt. Allerdings lebt ein Prozent unserer Bevölkerung in märchenhaftem Reichtum, ein Prozent lebt in bitterer, unwürdiger, meist auch unnötiger Armut. Aber dazwischen ist die eigentliche Errungenschaft der Industriegesellschaft: achtundneunzigprozentiger allerdings1 abgestufter Wohlstand. Allerdings2 ist die Befreiung vom Hunger nicht identisch mit dem Erreichen einer Zufriedenheit. Allerdings3 ist allgemeiner Wohlstand nicht Problemlosigkeit. Allerdings4 schaffen weder Wohlstand noch Demokratie den ständigen Widerspruch zwischen Evidenz und Tatsache aus der Welt. Der neue informationelle Zustand scheint dabei sogar eher kontraproduktiv zu sein. Aber auch er ist nicht abschaffbar. Informationelle Isolation ist heute weniger denn je möglich, wünschenswert ist sie ja ohnehin nicht. Nordkorea wird an der einfachen, durch Internet und Fernsehen verbreiteten Tatsache zugrunde gehen, dass Südkorea gar nicht arm ist, obwohl es nach der Logik der Herrscherdynastie arm sein müsste.

Obwohl Autokraten immer mit der Evidenz spielen, um es harmlos zu sagen, sind sie doch immer wieder erfolgreich. Nach einer langen Periode der Liberalität, der Demokratie und auch des Wohlstands sehnen sich mehr Menschen nach autokratischen Verhältnissen, in denen sozusagen die Welt noch stimmt: Mann noch Mann ist und Frau Frau, in denen Männer herrschen und Waffen das Sagen haben, in denen schwarz und weiß deutlich unterscheidbar sind, der Feind außen ist, der Freund innen. Ob Hitler, Honecker oder Höcke glauben, was sie schreien, wissen wir nicht. Es ist aber auch nicht sehr wichtig.

Innenpolitisch machen wir gerne den Wandel zur Demokratie am Jahr 1968 fest. Die Spiegelaffäre war überstanden, Brandt wurde Kanzler und kniete in Warschau, die linken Studenten mutierten von niederzuknüppelnden Staatsfeinden zur Elite. Aber es wird vergessen, dass noch zehn Jahre lang in Baden-Württemberg Filbinger regierte und der CDU die höchsten jemals erreichten Wahlergebnisse einfuhr. Filbinger kämpfte nicht nur gegen linke importierte Studenten, sondern auch gegen einheimische Bauern, die den Rhein für wichtiger erachteten als Atomkraftwerke. Und Filbinger reagierte und regierte nicht nur mit Wasserwerfern, sondern auch mit der Untergangslüge, die gerade wieder modern wird: wenn wir das Atomkraftwerk Wyhl nicht bauen, wird es in zehn Jahren hier dunkel sein. Wenn wir Europa und Amerika nicht zumauern, wird das Abendland untergehen.

morgenland

Evidenz ist oft nicht Erkenntnis, sondern dummer Spruch. Erkenntnis ist so schwer wie Wohlstand und Demokratie. Das dauert.

In seinem zweitberühmtesten Zitat beklagt Hamlet nicht, dass die Welt aus den Fugen, dass etwas faul im Staate, sondern dass ausgerechnet er, der Zauderer und Prokrastinierer, berufen sei, sie einzurichten. Dass wir uns berufen fühlen, Schicksalsschläge hinzunehmen, besonders hartes Leid zu tragen oder die Welt zu verbessern, ist doch auch nur eine Frage der Projektion, nicht des Projekts. Die meisten Menschen folgen ohnehin nur der Musik, befolgen Befehle und folgen damit ihrer eigenen Vergangenheit, unabhängig davon, ob sie erfolgreich war. Gruppe scheint ihnen wichtiger als Erfolg.

WO WAREN 1967 DIE ACHTUNDSECHZIGER?

Nr. 225

Wir Menschen schwanken in unseren Erwartungen gern zwischen der Apokalypse und dem tausendjährigen Reich. Unsere historischen Emotionen und Dimensionen pendeln vom Minimum auf das Maximum und zurück. Als tausend noch eine große Zahl war, fielen die beiden Begriffe auch gern zusammen. Ein Hauptgrund für diese der täglichen Langeweile widersprechenden Vorstellung ist unser dichotomisches oder bipolares Weltbild. Wir sind immer die Guten, die anderen dürfen das Böse verkörpern. Unser Reich ist das Ende der Geschichte, alles andere muss und wird untergehen. Diese Sicht erzeugt Selbstgerechtigkeit und die schadet einer Idee immer mehr als der äußere Feind, den einzuladen wir so gerne verpassen. Statt sie einzuladen, werden die anderen, die auf der anderen Seite gerne als die Antipoden angesehen, die also nicht nur anders sind, sondern auch noch auf dem Kopf stehen. Diese ganze Feindrhetorik beruht auf dem Unterschied von Evidenz und Tatsache. Erst seit kurzem ist uns bewusst, dass wir Tatsachen nicht so leicht aufnehmen können, wenn überhaupt. Die Relativität von oben und unten hat es den damals herrschenden, ob nun bewusst oder unbewusst, leichtgemacht zu erklären, dass in Australien niemand leben kann, es sei denn, er sei vom bösen Geist besessen, es sei denn, die Erde ist eine Scheibe, es sei denn, die Berichterstatter lügen allesamt. Das war die Erfindung der Lügenpresse. Wir können nicht glauben, dass das, was wir sehen, nicht das ist, was ist, sondern nur das, was wir glauben. Unsere Gewissheit über oben und unten wurde zum ersten Mal erschüttert, als wir eine Milchkanne an unserem Arm herumschleuderten und die Milch nicht auslief. Aber es gibt keine Milchkannen mehr. Eine Karikatur über die europafressende Rothschildbank hat es immerhin schon bis in ein Sozialkundebuch (Autor der Karikatur: David Dees, Anstöße 2, 2012) des Klettverlages geschafft.

Seit vielen Jahren bedauern wird die Abschwächung des Rechtslinksschemas. Merkel wird die Zerstörung des Konservatismus, Schröder die Aufweichung der Sozialdemokratie vorgeworfen. Tatsächlich leben wir in einem reichen Sozialstaat mit Schützen- und Vertriebenenvereinen, mit rechten und linken Parteien, mit einer sehr großen Bandbreite von Meinungen und politischen Absichten. Die Wähler   wählen seit vielen Jahren die Partei oder die Parteien, die Beständigkeit versprechen. Aber Beständigkeit ist nicht identisch mit Konservatismus oder Sozialdemokratismus. Wählen ist nicht nur eine rationale, sondern auch eine emotionale, traditionelle, zeitgeistbelastete, flüchtige Entscheidung. Kaum einer prüft die Parteiprogramme oder die Kandidaten. Jeder, der auf Tatsachen schwören würde, wenn man ihn fragte, folgt hier dem nebulösen Gefühl von Sicherheit und Unsicherheit, von Bündnis und Nationalstaat, von Europa und dem Dorf, in dem seine Großmutter lebt.

1968, und die Jahreszahl ist auch eher Symbol als Tatsache, vollzog sich ein Wandel von der formal schon seit 1917 installierten Demokratie – oder jedenfalls dem Ende von fünf monarchischen Großreichen – zur wirklich gelebten Demokratie mit freien Wahlen, freier Presse, mit Emanzipation der Frauen und der Schwarzen, mit der Revolution und dem bittersten Konservatismus. Am 2. Juni 1967 wurde der schöngeistige Student Benno Ohnesorg in Westberlin von einem blindwütigen Polizisten erschossen, der sowohl Nazi, wie die Hälfte seiner Kollegen, als auch Stasi-Agent war und trotzdem das Denkschema von vor 1917 zu verteidigen glaubte. Ihn trifft der Vorwurf: Wenn wir die Schläger schlagen, sind wir die Schläger. Aber Benno Ohnesorg war kein Schläger, Randalierer, Revolutionär oder dergleichen. Eher war er die Ahnung von dem neuen empathischen, interessierten, hilfreichen Menschen.

Die Frage, die sich jetzt aufdrängt, nachdem genau wieder fünfzig Jahre vergangen sind, ist, ob die Welt sich wieder umkehrt, die Populisten, die Rechten, die Rechtskonservativen das Denken bestimmen werden.

Diese Frage kann niemand beantworten. Wieder kann man nur glauben, obwohl man glaubt, Tatsachen zu sehen. Aber wir wollen noch einmal auf 1917 und 1967 zurückblicken. Vielleicht haben 1917 mehr Menschen den Krieg für sinnlos gehalten als 1914, wo doch eine satte Mehrheit den Krieg als Lebensgefühl und legitime Methode verstanden hatte. Aber niemand hat auch nur im entferntesten geahnt, dass vier Kaiser  einfach von der Bildfläche verschwinden würden. 1967 hat selbst der sozialdemokratische Pfarrer als Bürgermeister von Westberlin die Weltordnung durch feinsinnige Kunststudenten gefährdet gesehen.

Niemand kann die Zukunft voraussehen. Aber das überlange Festhalten an veralteten Vorstellungen hat immer eher zum Gegenteil dessen geführt, was es wollte oder vorgab zu wollen. Dass es oft einfach um Macht und Geld geht, hat auch nicht zur Glaubwürdigkeit von Politik beigetragen. So wie wir nicht wissen können, ob etwas Tatsache, Meinung oder Ideologie sei, so können wir auch nicht wissen, ob jemand selbst an das glaubt, was er sagt. Wenn wir andererseits immer von Manipulation, Betrug und Verführung ausgehen, muss es ein Skript geben, das jemand kennt und ausnutzt. Aber das Leben hat kein Skript, noch nicht einmal feste Regeln. Ineinandergeschachtelt unterliegen wir biotischem Verhalten, das wir aber aushebeln können (‚Antibabypille‘), sozialem Verhalten, das wir aber manipulieren (Halluzinogene, Populismus) und einem informationellen System, das zwischen Omnipotenz und Infarkt schwankt, wie wir selbst. Vielleicht sind wir in den letzten hundert Jahren aber auch geschickter zum Vorausahnen geworden. Kriege scheiden als Konfliktlösung aus. Mauern dienen keinesfalls dem Handel, der die Voraussetzung zum Wohlstand ist. Teilen ist das Grundprinzip des Sozialstaats und sollte in der Welt nicht gelten? Empathie hat sich nicht nur theoretisch (Jesus, Gandhi), sondern auch praktisch als Basisverhalten bewährt, ebenso wie Emanzipation. Wir glauben heute nicht mehr an die Schädlichkeit oder Besessenheit der Antipoden. Wir sollten gewitzt genug sein, überhaupt gegen anti zu sein. Besonders Ideologien, die sich auf anti stützen oder stützten, haben sich nicht bewährt. Da alle Ideologien für die Macht missbraucht wurden, sollten wir sie überhaupt überdenken oder auf ein Minimum beschränken.

Rechts hebelte die Mitte aus und gebar Links. Links vergaß sich in Selbstgefälligkeit und gebar erneutes Rechts. Was kommt, wird weder links noch rechts sein. Bis dahin können wir schon einmal an alle Wände sprühen: Mr. Trump tear down this wall.