DAS WACHSENDE HAUS

Nr. 176

Am Anfang war das Wort. Aber dann kam schon die Hütte. Wir Menschen brauchen immer ein Obdach und oft auch einen Mentor, aber da wir fast immer nach der trial and error Methode vorgehen, müssen wir manchmal dutzende oder hunderte von Jahren mit unseren Irrtümern leben und lernen dabei auch Widerstand und Geduld. Vielleicht ist dies auch ein Generationenkonflikt: am Anfang leisten wir Widerstand und später folgen wir den Mentoren, die schon alt waren als sie uns den Rat gaben, Geduld zu lernen und zu üben.

So kann man die Geburt der Renaissance, was ja Wiedergeburt heißt und somit wunderbar den Ausschnitt aus dem uns unendlich erscheinenden Zyklus von Werden und vergehen beschreibt, in das Florenz des ersten Drittels des 15. Jahrhunderts (italienisch Quattrocento) datieren. Masaccio, der Schüler, der schon Meister war, gestaltet in seinem Fresco Dreifaltikgkeit die Dreidimensionalität und sein Lehrer Brunelleschi vollendet 1436 die Kuppel des Doms, erfindet dabei den Rückwärtsgang eines Getriebes und überholt die Byzantiner, die kurz darauf den Osmanen unterliegen, die dann weiter Kuppeln bauen, die ihren Gipfel in Mimar Sinan erreichen. Die Weltgeschichte kann man in einem Satz einzufangen versuchen.

In Berlin wurde einst ein komplexes Nahverkehrssystem für eine Weltstadt entwickelt. Berlin leistete sich früher auch Stadtbaudirektoren, die Meilensteine der Baugeschichte setzten. Ludwig Hoffmann überzog die Stadt mit einem Netz wunderbarer Bildungseinrichtungen, Gemeindeschulen, deren kathedralartige Elemente den unterprivilegierten Schülern wenn schon nicht Perspektiven aufzeigen, so doch Raum für Trost bieten konnten. Indessen nahm das Elend nicht in dem Tempo ab, wie es notwendig gewesen wäre. So gesehen kann man den ersten Weltkrieg auch als ein großes Ablenkungsmanöver von den Nöten der Zeit sehen, wahrscheinlicher aber ist er das erste gescheiterte Rückzugsspektakel des Konservatismus. Man wird nicht behaupten können, dass mit dem sozialen Wohnungsbau auch tatsächlich alle sozialen Probleme gelöst werden können. Das Gegenteil, dass man nämlich mit einer Wohnung einen Menschen wie mit einer Axt erschlagen könne, ist sowohl behauptet (Heinrich Zille) als auch lange Zeit zitiert worden.

Dagegen trat nun der Stadtbaudirektor Martin Wagner mit seiner Idee des sozialen Wohnungsbaus an. In Ernst Reuter fand er seinen Senator, in einer ganzen Phalanx von hervorragenden Architekten und Landschaftsarchitekten kongeniale Mitarbeiter. Poelzig bezeichnete Wagner als Regisseur des Bauens. Einige der damals gebauten Wohnsiedlungen gehören heute zum UNESCO-Weltkulturerbe (Schillerpark, Hufeisensiedlung, Wohnstadt Carl Legien, Siemensstadt, Weiße Stadt). Viel später verkam der soziale Wohnungsbau zu einer urbanen Subkultur, zu den berüchtigten Plattenbauten an den Rändern schnellwachsender Großstädte, suburbs, banlieus, gecekondus, Vorstädte, Wohnsilos. Das moderne Ghetto fand hier seine Heimat.

Martin Wagner wurde von den Nazis entlassen. Er lebte noch einige Jahre in Berlin wie ein Flüchtling. Weil er es nicht ertragen konnte, ohne Arbeit, ohne Einkommen, ohne die Fortführung seiner großen Ideen zu sein, setzte er sich jeden Morgen in die S-Bahn und fuhr von seinem Reihenhaus im Eichkamp in Charlottenburg an die Stätte seines einstigen Wirkens, das Rote Rathaus. Sein Freund Hans Poelzig verschaffte ihm einen Beraterauftrag in Istanbul, wo allerdings keines seiner geplanten Häuser gebaut wurde. Wieder ein paar Jahre später wurde er Harvardprofessor, fand noch einmal seine Bestimmung als Stadtplaner und entwickelte etwas, das wir heute im doppelten Sinn gut gebrauchen könnten: das wachsende Haus.

Schon in Istanbul muss Wagner beim Anblick der vielen Moschee- und Marktkuppeln (Bedestan) die Idee seines Igloo Hauses gekommen sein, das größte Variabilität auf kleinstem Grundriss ermöglicht. Über dem kreisrunden Grundriss erhob sich eine vorgefertigte Kuppel, außen aus Stahl, innen aber mit Sperrholz ausgeführt. Diese Igloo-Elemente konnten beliebig kombiniert werden. Ebenfalls vorgefertigte Fundamente aus Stahlbeton zeigen die Herkunft Wagners aus dem deutschen Wohnungsbau, der eben auch die Vorfertigung (Schinkel) und den Plattenbau hervorgebracht hat. Die erste deutsche Plattenbausiedlung hatte Wagner selbst entworfen, sie befindet sich in Friedrichsfelde, im Berliner Stadtbezirk Lichtenberg. Der heutige Name der Splanemann-Siedlung ehrt einen kommunistischen Widerstandskämpfer, der alte Name ‚Kriegerheim-Siedlung‘ war nach zwei Kriegen für die Bewohner und den Erbauer unerträglich geworden.

Martin Wagner wurden zwar von General Motors die Patentkosten bezahlt, aber sonst fand sich kein Investor für seine großartige Idee, die für den normalen Wohnungsbau, für schnell erforderlichen Wohnraum, für Wochenend- und Zweitwohnungen, auch für den militärischen Unterkunftsbau geeignet gewesen wäre. Er stand im Briefwechsel mit seinem berühmten Kollegen Richard Buckminster Fuller, der auch schon ökologische Gedanken mit seinem ganz ähnlichen Projekt, dem Dymaxion, verband. Beide waren zu früh gekommene Denker und Konstrukteure.

Warum nun eine so großartige Stadt wie Berlin sich weder auf die in ihr geborenen Ideen besinnt noch diese Ideen überhaupt erinnert, statt dessen ein Bild des hilflosen Durcheinanders bietet, gerade auf den Gebieten, wo sie schon einmal weltweit führend war, bleibt unverständlich. Knapp hunderttausend Flüchtlinge kamen in den letzten Wochen und Monaten nach Berlin. Teils sind sie in komfortablen Containerbauten untergekommen, teils in vorhandenen Heimstätten, aber eben auch in konfiszierten Turnhallen und anderen unwürdigen Massenunterkünften. Jeder weiß, dass es dort zu Stress und Hysterie kommen muss. Warum weiß niemand Verantwortliches, dass der bedeutendste Berliner Stadtplaner einst Häuser ersann, um genau so eine Krise zu meistern. In schneller und doch ökonomischer und ökologischer Bauweise hätten Wohnstätten entstehen können, die Lücken gefüllt und die Menschen menschenwürdig und sogar komfortabel dezentral untergebracht hätten. Zudem sind diese Kuppeln ein wunderbares Architekturzitat, eine hochsignifikante Metapher für das Himmelszelt, dessen moralisierende Funktion zwar in Königsberg beschrieben, aber gleichwohl in Deutschland und anderswo vergessen wurde. Schon lange fragen sich viele Menschen, wann endlich von Berlin wieder Gedanken ausgehen von der Größe der Relativitätstheorie, Ideen verwirklicht werden von der Art des wachsenden MW-Hauses, übrigens befand sich auch das erste Kraftwerk der Welt in Berlin. Auch andere Obdachlose, denn was sind Flüchtlinge?, kann man auf diese Weise unterbringen. Überhaupt müssen wir endlich darüber nachdenken, dass es zwischen Sesshaftigkeit und Nomadentum keine Hierarchie gibt, es ist die eine Lebensweise nicht der anderen überlegen. Es ist überhaupt keine Lebensweise einer anderen überlegen. Trotzdem und gerade deswegen können und müssen wir voneinander lernen. Das wird im täglichen Kleinleben auch nicht so sehr bezweifelt, im großen Leben dagegen prallen immer wieder einmal Ideen aufeinander, darunter auch solche, die längst vom Leben widerlegt wurden. Andere, gute, wichtige dagegen stehen in der Warteschlange.

 

 

Für meine zahlreichen österreichischen Leser bemerke ich noch, dass Martin Wagner aus einer nach Ostpreußen ausgewanderten Salzburger Familie stammte. Das MW-Haus habe ich den Aufzeichnungen seines Sohnes, ‚Martin Wagner – Leben und Werk‘, Hamburg 1985 entnommen. Zwei nicht unbedeutende Quellen, Dehio und Wikipedia, geben für das Weddinger Rathaus einen anderen Architekten, einen Mitarbeiter Wagners, an.

DIE EINEN KENNEN DIE ZUKUNFT, DIE ANDEREN DIE VERGANGENHEIT

 

Nr. 175

In diesen Tagen hat man den Eindruck, sich argumentativ im Kreise zu drehen. Wir haben jahrelang die Leere, den Mangel an Innovation, die Talent- und Tatenlosigkeit, den politischen Unwillen und den Reformstau beklagt. Wir sprachen schon von einer überangepassten Generation ohne jeden Widerstandswillen. Solche Beschimpfungen sind ohnehin meist Verklärung der eigenen Jugend. Jeder findet sich richtig.

Nun ist aber die Veränderung eingetreten. Der ängstliche Rand der Gesellschaft verkriecht sich in archaische Verhaltensmuster: es wurden bisher 1000 Flüchtlingsheime angezündet, zum Glück ohne ernsthafte Opfer. Das ist der rechte Rand der Gesellschaft. Er will, dass Deutschland so bleibt, wie es einmal war. Wir wissen, dass das nicht geht. Die umwerfendsten Veränderungen treten ein, wenn man die Rechten gewähren lässt. Dann bricht das ganze Land, samt Staat, Moral und Ordnung zusammen. Lässt man dagegen die Linken gewähren, mangelt es bald am notwendigsten. Im letzten Spiegel schreibt ein prominenter Linker, dass nicht ernstzunehmen sei, wer nicht 140 Zeichen weit denken könne: zur Abschaffung des Kapitalismus. Er könne es. Aber wir wissen, wohin es führt. Petry, die rechte Galionsfigur, fordert schon Mauern, Waffengewalt und Homogenität. Der rechte Rand reicht weit, manche haben Angst und glauben, dass es europaweit zu einer Rückkehr der rechten Gewaltherrschaft kommen könnte. Das kann niemand ausschließen, die Wahrscheinlichkeit ist aber nicht sehr hoch.

Im FAZ blog stand kürzlich ein langer Artikel voller Einzelheiten von einem und über einen alten Mann, der nachts in seiner Sparkasse keinen höheren Geldbetrag zur Bezahlung eines Gemäldes und für eine Urlaubsreise abholen konnte, weil dort vier schwarzhaarige Fremde frech grinsend herum lungerten. Das ist in der Tat unangenehm. Wer hätte die Situation an seiner Stelle ignorieren können? Das Deutschland, aus dem er käme, argumentierte er, kannte so etwas nicht. Nein, in dem Deutschland, aus dem er kommt, konnte man nachts keine Geldbeträge abholen. Ein Nazi war Ministerpräsident eines Bundeslandes und bis in die 80er Jahre war es gang und gäbe, Kinder und Jugendliche so lange zu schlagen, bis die Putzfrau das Blut aufwischen musste. Im anderen Teil Deutschlands kam die renitente Jugend in Jugendwerkhöfe, wurde von der weiteren Bildung ausgeschlossen oder an der vermauerten Grenze erschossen. In meiner Jugend hatten die Alten Angst vor den Jugendlichen, die mit Kofferradio am Bahnhof standen, lange Haare hatten und Elvis Presley und dann Beatles und Rolling Stones hörten. Das Schreckgespenst waren damals die langen, heute sind es die schwarzen Haare. Genauso unredlich ist es, wenn man Ursache und Wirkung in ihrer Reihenfolge umdreht. Jeder weiß, dass die Bundeskanzlerin ihren berühmten menschenfreundlichen Satz erst sagte, als schon über eine halbe Million Flüchtlinge in Deutschland waren. Warum muss man also immer wieder so tun, als hätte Angela Merkel die Menschen in Syrien und Eritrea, im Irak und in Afghanistan erst eingeladen und dann wären sie gekommen.  Es ist noch unredlicher, jetzt plötzlich die offenen Grenzen zu beklagen, die erfreulicherweise sowohl durch konservative als auch sozialdemokratische Regierungen Europas nach und nach geöffnet wurden, was besonders diejenigen zu schätzen wissen, die früher selbst eingemauert waren. Grenzen und Mauern, Schießbefehle und Verfolgungsjagden scheitern und müssen scheitern, auch wenn sie sich selbst durch Teilerfolge zu beschwichtigen suchen. Die Flüchtlingskrise ist seit zehn Jahren vorausgesagt worden, allerdings bleiben die Bücher der Demografen weitgehend  unbeachtet. Die Flüchtlingskrise ist weder durch die einladenden Worte der deutschen Kanzlerin noch durch ein zu lasches Grenzregime ausgelöst worden, sondern durch Pest, Krieg und Hunger. Kennedy wusste es in seiner berühmten Antrittsrede noch, seither scheint es vergessen.

Nun ausgerechnet den Kapitalismus abschaffen zu wollen, der übrigens eine Wirtschaftsordnung und keine Person ist, der bei allen Kriegen, Widersprüchen und fortgeschriebenen Ungerechtigkeiten durch seine industrielle Massenproduktion den Hunger von 90% der Bevölkerung auf unter ein Siebtel, also etwa 14% gedrückt hat. Die Menge der Lebensmittel ist durch den Kapitalismus schneller gewachsen als die Menge der Menschen, die sich allein im zwanzigsten Jahrhundert zweimal verdoppelt hat: von zwei auf vier, dann von drei auf sechs Milliarden.

Keinesfalls besteht der Kapitalismus nur aus dem Streben nach Maximalprofit. Wir wissen und ignorieren es alle: er besteht auch aus dem Streben nach Maximalkonsum. Und um dieses beides zu bedienen, gibt es eine im Norden weitgehend automatisierte und rechnergesteuerte, im Süden auf Hand- und Kinderarbeit beruhende Produktion, deren Produkte billig sind, aber deren Preis hoch ist. Würden wir die heute noch bestehenden Konsumtionsprobleme mit der Enteignung der Reichen lösen wollen, so wäre das erstens einmalig und zweitens würden die anderen beiden Probleme, Krieg und Pest, fortbestehen. In einem Punkt scheinen sich aber alle Linken, Grünen, Christen, Buddhisten einig zu sein: wir müssen sofort aufhören Waffen zu produzieren. Es wäre dies ein genauso traumatisch erlebter Einschnitt wie die Öffnung der Grenzen. Die Angst vor neuen Problemen darf uns nicht hindern, alte Probleme zu lösen. Wir brauchen kolumbianischen Mut, aber mit aufgeklärter Moral. Viele Flüchtlinge scheinen den zu haben.

Stellen wir uns einmal vor, wir müssten oder wollten nach Eritrea flüchten. Wir können die Sprache nicht, die meisten wissen noch nicht einmal, welche Sprache man dort spricht. Wir kennen das politische System, die Religionen, die Kultur, das Essen, das Wasser nicht. Man kann im Internet oder im Fernsehen mehr über Deutschland erfahren als über Eritrea, sicher, das ist ein Unterschied, aber das emotionale Empfinden, das Urvertrauen, das von einem Land ausgeht, das wird genau so weitergegeben wie zu Zeiten des Alten Testaments: von Mund zu Mund (wenn auch ein Smartphone dazwischen geschaltet ist). So gesehen ist die Flüchtlingskrise eine Bestätigung für den guten Ruf Europas und des Kapitalismus: hier liegt die Hoffnung, nicht in deren Abschaffung. Wir müssen uns gegenseitig Mut machen, statt die Mutmacher fortwährend zu verunglimpfen. Keiner kennt die Vergangenheit oder die Zukunft. Obwohl wir alle einen Rechner haben: alles lässt sich nicht berechnen. Zum Leben gehören immer auch Mut, Vertrauen, Glauben und Wissen.

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1          Der Kapitalismus ist kein Wolf, sondern wir.

            Der Wolf ist kein Untier, sondern der Vorhund.

2          Der Kapitalismus hat zwei böse Seiten:

            Maximalprofit und Maximalkonsum.

3          Früher war alles schlechter. Alles.  

4          Das Hauptproblem der Menschen sind ihre Waffen.

5          Bildung ist die einzige Lösung aller Probleme.   

SCHACHMATT FÜR DEN GROSSMUFTI

für Raif Badawi, meinen berühmten Bloggerkollegen

 

Der Mensch spielt nur da, wo er ganz Mensch ist

und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.

Friedrich von Schiller

 

Teile und alle werden satt,

spalte und alle werden vernichtet.

Yunus Emre

 

Groß ist nicht, wer sich groß nennt. Auch ein Amt kann nicht groß machen, so viele sind durch ihr Amt winzig geworden, Staub, vergessen, vergangen. Groß wird man durch Taten, die länger als Menschen wirken. Groß wird man durch Ideen, die Menschenleben verbessern, Menschen beflügeln. Gott hat die Welt nicht für Ordnungshüter geschaffen, sondern für uns, die Menschen, und uns helfen dabei solche Riesen wie Ibn Ruschd,  Sinan, Bach, Michelangelo, Shakespeare, Einstein.

Seit Jahrhunderten wird Schach gespielt. Seit Jahrtausenden wird gespielt. Es spielt der Mensch, es spielt das Tier. Spiel ist nicht nur etwa Zerstreuung, die durch Permaernst ersetzt werden müsste oder könnte. Spiel ist die Voraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben. Das Spiel der Kinder modelliert das Leben, bildet es zur Probe ab. Aber weder das Lernen noch die Arbeit substituiert das Spiel. Vielmehr bilden die drei, je älter der Mensch wird, eine komplementäre Dreiheit. Das schließt keinesfalls die transzendenten Tätigkeiten des Menschen aus, allerdings ist auch hier die Religion nur ein Drittel, die anderen beiden sind Kunst und Philosophie. Besonders in der Kunst berührt der zweite transzendente Kreis den ersten praktischen Kreis menschlicher Tätigkeiten, und zwar im Spiel. Eine Reihe von Künsten werden im Spiel ausgeübt: Theater, Tanz, Musik.

Die populärsten Spiele überhaupt waren mehrere Jahrhunderte lang Schach und Fußball. Sport muss jüngeren Datums sein, da er früher nur als Ritterturnier, also nur für die Eliten vorkam. Ansonsten ist Sport ein Kind der Sattheit. Wer mehr isst, als er durch Arbeit verbrennen kann, braucht Sport. Schneller als man überhaupt denken kann, sind diese beiden Spiele aber durch Millionen von Computerspielen überholt worden, die von Milliarden Menschen gespielt werden. Es ist so, wie mit der katholischen Kirche und der Wiederzulassung Wiederverheirateter Geschiedener zum Abendmahl. Das betraf früher die Mehrheit der Menschheit. Heute versteht die Mehrheit gar nicht, was das sein soll. Sechs Milliarden Menschen kennen kein Abendmahl. Sechs Milliarden Menschen werden von dem Schachverbot noch nicht einmal hören, obwohl sich sonst die Schlagzeilen und die Nachrichten überholen.

Die Ignoranz wird die Ignoranten teuer zu stehen kommen, das war schon immer so, jedoch können über dem Schachverbot oder der Hinrichtung eines religiösen Führers der Gegenpartei einst bedeutende Staaten zu Wüstenoasen verkommen.

Saudi Arabien, das nicht so sehr von seinem greisen und gebrechlichen König Salman, sondern wahrscheinlich viel mehr von seinem überaus agilen Sohn Mohammed bin Salman (MBS) geführt wird, der gleichzeitig faktischer Außenminister, wirklicher Verteidigungsminister, stellvertretender Ministerpräsident und Vizekronprinz ist. Er führt den Krieg gegen die Schiiten im Jemen, er schürt den Krieg gegen die Schiiten im Iran, er fährt Verluste im dreistelligen Milliardenbereich ein, um den Ölpreis verfallen zu lassen. Man kann im Koran überall nachlesen, dass das nicht gutgehen kann. Der Koran verpflichtet die Muslime zu dem, was alle Menschen guten Willens wollen und tun: Gutes. Wetteifert darum in guten Werken, heißt es zum Beispiel in 5:49. Ob dazu Flächenbombardements gegen Glaubensbrüder gehören, kann man gerne bezweifeln. Richten kann allerdings nur einer.

In derselben Sure (5:91) steht auch, womit ebenfalls alle vernünftigen und gutwilligen Menschen der ganzen Welt und der ganzen Geschichte übereinstimmen: dass Glücksspiele und Wein, Götzenbilder und Lospfeile Werke des Bösen sind, in anderen Übersetzungen kann das ein wenig abweichen, der Sinn bleibt. Glückspiele sind sinnlos, weil sie falsche Hoffnungen auf schnelles Geld wecken, die fast immer, zu 99,99% enttäuscht werden müssen. Ein anderer großer Prophet hat bekanntlich die Geldwechsler und Glücksspieler aus dem Tempel geworfen.

Es gibt jedoch in keinem der heiligen Bücher einen Hinweis darauf, und kein vernünftiger Mensch wird darauf kommen, dass Spiel überhaupt verboten sein könnte. Im Gegenteil beteiligten sich auch große Propheten wie zum Beispiel Salomon (Suleiman, Salman) am Spiel der Menschheit.

Die Ignoranz geht indessen weiter, als man auf den ersten Blick sehen kann. Schach hat schon immer den Nebenblick auf die Mathematik und die Philosophie gehabt. Die großen Schachspieler waren die ersten Nerds. Darunter waren auch bedeutende Politiker, wie zum Beispiel Sultan Saladin, der zurecht der Große genannt wird.

Die Mathematik der letzten Jahrzehnte hat mit ihrer Spieltheorie versucht, das menschliche Denken, aber auch Taktik und sogar Strategie zu modellieren, um all diese Denkhilfsmaschinen zu konstruieren, die unser Leben effektiv, schnell und schön machen. Wenn wir die Druckerpresse mit beweglichen Lettern einbeziehen, dann ist das ein Prozess, der seit fünfhundert Jahren an Tempo und Wirksamkeit exponentiell zunimmt. Nach der Druckerpresse kamen die Telegrafie, die Kinematografie, die Schallplatte, das Radio, das Tonband, das Fernsehen, der Computer, die CD, das Smartphone. Die Produktion fast aller Gegenstände wird heute von Computern gesteuert und von Robotern realisiert. Eine der ersten Maschinen, leider war es ein Fake, war der so genannte Schachtürke von Johann Nepomuk Mälzel, den er ab 1804 vorführte, der aber ungeachtet seines von Edgar Allan Poe logisch hergeleiteten Trickcharakters die Diskussion um die künstliche Intelligenz  beschleunigte.

Die Entspannung, die das Spiel dem Menschen gewährt, ist wesentlich mehr wert als alle Verordnungen von Fundamentalisten. Der wahre göttliche Funken trifft auf den Menschen wahrscheinlich nicht so sehr im Gebet als im Spiel. Das Gebet ist die Hinwendung und die Konzentration des Menschen, im Spiel dagegen entfaltet sich der Mensch als Abbild dessen, dessen Abbild er ist. Das Spiel modelliert die Welt und die Welt modelliert das Spiel, bei Schach und Fußball ist es so offensichtlich, dass es niemandem entgehen dürfte. Das Leben verwirklich Geschichten, und Geschichten sind konzentriertes Leben. Träume sind erinnerte Wege, Wege sind erinnerte Träume.

Der ganze Nahe Osten spielt Schach, in jedem türkischen Café spielen die alten Männer, in Europa, in Amerika. In Asien gibt es ähnliche Spiele. Wir werden für ein paar Jahre – vielleicht – auf Saudi Arabien verzichten müssen, aber dann, niemand wird mehr wissen, wie der Großmufti hieß, wird ein Araber – endlich – Schachweltmeister.

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Sokollu Mehmet Pasha Camii in Istanbul,  gebaut von Mimar Sinan

 

 

ÜBER WEGE UND WEGWEISER

 

Nr. 173

Dadurch dass man manchmal einen veralteten und verstörenden Wegweiser findet, der auf eine Straße weist, die schon lange nicht mehr benutzt wird, die von einer Bahnlinie durchschnitten wird, die es seit hundert Jahren schon gibt und an der ohnehin nur ein einziges verlassenes Haus steht, dadurch glaubt man, dass die Wegweiser das Orientierungsproblem sind. Es ist aber eher umgekehrt. Die Wegweiser werden rechtzeitig gewechselt, aber die Wege bleiben noch lange Zeit bestehen. Dieselbe Sucht nach Gewohnheit und Vertrautheit lässt aber auch Wege ohne Wegweiser, gar ohne Erlaubnis oder im Widerstand gegen Weisungen entstehen.

Immer wieder kann man lesen oder hören, die DDR hätte den Menschen die Religion genommen. In der Tat war die DDR nicht religionsfreundlich. Aber der verordnete Atheismus der DDR traf ja doch wohl auf Menschen, die gerade massiv gegen das Tötungsverbot verstoßen hatten. Oder haben sie in Stalingrad gebetet? (Es ist noch schlimmer, sie hatten sogar Pfarrer dabei, die den Sieg der Mörder gewünscht haben.) Von dem gottlosen Attentäter in Paris oder Istanbul wird behauptet, er  sei ein radikaler Muslim. War dann der Eroberer von Stalingrad nicht ein radikaler Christ? Und ist unsere Empörung gegen diese Erkenntnis nicht nur aus unserer Vertrautheit mit dem Christentum, unsere Annahme, dass der Islam aggressiv sei nicht nur unserer Unkenntnis geschuldet? Eine Milliarde Muslime sind jedenfalls offensichtlich keine Attentäter. Und natürlich sind die Deutschen, die in Stalingrad Massaker verübten, nicht als Christen dorthin gezogen. Aber dann ist auch der DDR-Atheismus nicht schuld an der Entchristianisierung. Die DDR hat weder wirtschaftlich noch kulturell wirkliche Spuren hinterlassen, aber sie, ein schwächelndes, von Moskau gehaltenes inkompetentes Regime soll eine Weltreligion gestürzt haben? Eine Religion, die verspricht, Menschen aus der Not zu befreien, muss sich nicht wundern, wenn niemand kommt. Es gibt gar keine Not mehr. Und Weihnachten, das vielbeschworene Wunder der Liebe, kommt nicht von allein, sondern nur, indem man auf Menschen zugeht. Wer Angst vor Menschen in Not hat, kann sich nicht als Christ oder Muslim oder Jude bezeichnen. Die höchsten Ziele, die wir anstreben können, Mensch zu sein und Liebe zu geben, sind ohnehin unabhängig davon, ob wir Christ, Muslim, Jude, Buddhist, Hindu, Zeuge Jehovas oder Hutterer, Marxist oder Anthroposoph sind oder waren oder werden.

Der Vorsitzende der polnischen Partei Recht und Gerechtigkeit, der gerade Recht und Gerechtigkeit zugunsten von zurückgekehrtem Nationalismus aufgeben will, hat seine Doktorarbeit bei einem Professor geschrieben, der die Vorstellung von Politik als Direktorat hatte. Genau diese Vorstellung versucht Kaczynski zu verwirklichen, obwohl er nicht nur kein Marxist, sondern natürlich Antikommunist ist. Außerdem hasst er aber Deutschland und Russland und alle Menschen, die sich ihm in den Weg stellen. Wenn er und seine Partei nicht regieren, dann, will er seine Landsleute glauben machen, wird Polen von einem deutsch-russischen geheimen Direktorium regiert. Liebt er Polen oder liebt er die Macht oder liebt er gar nur sich? Gewählt wurde er wegen der von ihm versprochenen Einführung des Kindergelds von 125 €, wir müssen vor unseren polnischen Nachbarn also keine Angst haben. Wegweiser, ob falsch oder richtig, kommen und verschwinden immer schneller als die Wege.

Auch bei uns in Deutschland tobt gerade ein Streit, nicht weil jemand den Weg weiß, sondern weil niemand den Weg weiß. Über Nacht scheinen alle Wegweiser umgedreht zu sein. In solch einer Situation werden immer die alten Fahnen und Wegweiser aus den Verstecken geholt. Die ganze Kraft wird in den Blick zurück gesteckt. Da bleibt kein Mut für den Weg ohne Wegweiser und ohne Wegweise. Wegweise gibt es nur alle hundert Jahre. Als Willy Brandt vor dem Denkmal des Warschauer Ghettos kniete, haben viele Polen das als Demutsgeste Polen gegenüber verstanden, viele Juden haben es als Schuldbekenntnis aller Deutschen genommen und die Deutschen waren erleichtert. Diese eine schlicht-emotionale Attitüde hat ein Tor in eine ganz neue Politik aufgestoßen, hat letztlich den gesamten Ostblock destabilisiert. Und wieviel Millionen Katholiken wird es geben, die gedanken- und gefühllos auf den Knien auswendig gelernte Gebete herunterleiern? Die millionenfach missbrauchte Attitüde kann zum einsamen Symbol, zum Wegweiser für ganze Generationen werden. Der selbstgewollten Demütigung des einzelnen, wenn sie Wegweise sind, kann die Ermutigung ganzer Völker folgen.

Ein Weg ist oft eine Chance und ein Wegweiser eine Hoffnung. Aber genauso oft gehen wir Irrwege, weil wir aberwitzigen Wegweisern folgen, die von früher hier stehen oder die der böse Wille aufgerichtet hat. Seit wir die rationalen Jahrhunderte erreicht haben, trauen wir uns selbst nicht mehr über den Weg. Wir misstrauen unseren Träumen und Emotionen. Wir haben nicht nur Angst vor dem Weg, wie unsere Vorfahren, sondern vor uns selbst. Wer Angst vor neuen Wegen oder neuen Weggefährten hat, lese das Schiffstagebuch des goldgierigen Kolumbus. Sein Ziel war nicht Amerika, sondern Vizekönig zu werden. Für wenige von uns gibt es keinen richtigen Weg, weil es gar keinen Weg für sie gibt.

Für die andern gilt die Weisheit des großen Gelehrten aus Basra, al Hariri (1054-1122), übersetzt von Friedrich Rückert (1788-1866):

WAS MAN NICHT ERFLIEGEN KANN, MUSS MAN ERHINKEN.

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FRIEDLAND FÜR ALLE

Nr. 172

In dem Film ‚Populärmusik in Vittula‘ von Reza Bagher fallen alte Weiber in der Einöde der schwedisch-finnischen Grenzregion in Ohnmacht, als sie nicht nur zum ersten Mal in ihrem Leben einen Schwarzen sehen, sondern einsehen  müssen, dass sie sich nicht mit dem polyglotten schwarzen Missionar verständigen können. Nur der kleine Matti hatte in einem Radiokurs Esperanto gelernt.

Wenn man die aktuellsten Nachrichten vom heutigen Morgen mit den ältesten Berichten etwa aus der Bibel vergleicht, dann könnte man zu dem gewiss trivialen Schluss kommen, dass die Weltgeschichte in Wellen der Wanderungen ganzer Völker und einzelner Familien verläuft. Moses führte sein Volk aus Ägypten. Die Familie von Jesus musste vor dem Knabenmord des Herodes nach Ägypten fliehen. Nero ließ in Rom Christen anzünden. Mohammed wurde aus Mekka vertrieben, und der von ihm gewählte Ort heißt heute Medina, Stadt des Propheten. In der Nacht zum 24. August 1572 ermordete man in Paris tausende Protestanten. Das Wort Pogrom für die Massaker an Juden stammt dagegen aus Russland. Das größte Pogrom war der Holocaust. Danach flohen rund zehn Millionen Deutsche vor der Rache des Ostens in den Westen. Das war vor siebzig Jahren. Vor sechzig Jahren kamen die ersten Gastarbeiter nach Deutschland. Seit fünfzig Jahren wohnen Millionen Türken bei uns. Schon immer kommen Kriegsflüchtlinge. Noch nie wurden Flüchtlingen Autobusse und Eisenbahnen entgegengeschickt. Trotzdem ertrinken immer noch Menschen im Mittelmeer und ist der Schrecken des in der Wüste und auf dem Meer Erlebten in den Augen jugendlicher Flüchtlinge aus Eritrea genauso lesbar wie in den alten Schriften.

Krieg, Hunger und Pest waren und sind die Hauptfeinde der Sesshaften, für die es noch nicht einmal ein richtiges Wort gibt, sondern nur dieses Übergangswort für einen Übergangszustand. Aber ist nicht jeder Zustand Übergang? Warum werden Zustände erbittert verteidigt, wenn sie doch nur Übergänge in den nächsten Zustand sind? Bei traumatischen Ereignissen wird gern die Formel benutzt: Danach wird nichts so sein, wie es davor war. Aber das gilt doch immer. Kein Tag ist so wie der vorhergehende. Menschen werden geboren, Menschen sterben, Häuser werden aufgebaut und abgerissen. ‚Ein schwankendes Gebäude braucht des Erdbebens nicht, um übern Haufen zu fallen.‘ (Schiller, Die Räuber, II1). Die Forderung der Ultrarechten, dass sie auch in tausend Jahren noch in Deutschland leben wollen, ist genau so unsinnig und ahistorisch wie Honeckers Aufschrei ‚Die Mauer wird noch fünfzig oder hundert Jahre stehen.‘ Nur Begriffe halten lange. An der Schweiz kann man sehen, wie schnell sich ein Land verändert, das einfach nur stehen bleibt.

Je sicherer die Welt wurde, desto mehr sind wir von Sicherheitsdenken beseelt, und desto mehr glauben wir, dass unser Zeitalter das unsicherste ist. Je trüber der Blick, desto schrecklicher die Welt. Man muss die Folgen seines Handelns bedenken, sicher, aber wer nur über die Folgen nachdenkt, hat genauso wenig Gelegenheit zum Handeln wie derjenige, der nur über die Einhaltung von Gesetzen nachdenkt. Wir können die Folgen unseres Handelns nicht einmal bruchstückweise voraussehen. Das ist der Grund, warum so viele Menschen lieber von einer Planmäßigkeit des Weltgeschehens und ihres Lebenslaufs ausgehen. So gesehen ist jede Diktatur eine verwirklichte und gescheiterte Verschwörungstheorie. Geschichten sind konstruiertes Leben, Leben ist verwirklichte Geschichte.

Es ist nicht so schwer, sich eine Kleinstadt in Deutschland vorzustellen, die sowohl im Dreißigjährigen als auch im Zweiten Weltkrieg so schwer zerstört wurde, dass sie sich sichtlich nicht und bis jetzt nie wieder davon erholte. Zwar gab es immer wieder auch einmal Rückbesiedlungen und Rückbesinnungen, aber nach dem letzten großen welthistorischen Ereignis, der deutschen Wiedervereinigung, war der Niedergang nicht mehr aufzuhalten. Eine kleine Gruppe von russlanddeutschen Spätaussiedlern brachte eine kleine Belebung, insgesamt ist aber fast die Hälfte der Einwohner gestorben oder ausgewandert. Ein kleiner Teil der historischen Bausubstanz erinnert an große tage, die längst vergangen sind, aber auch die Erbauer der Zwischenwelt, der Plattenbauten, werden bald vergessen sein.

Unvorstellbar ist in solch einer kleinen Stadt eine Wohnbevölkerung, die zur Hälfte oder sogar zu drei Vierteln aus Kindern besteht. Was wäre das für ein Glück für eine Perspektive voller Lebensfreude. Der weltoffene Bürgermeister müsste aus seinem provisorischen Rathaus ausziehen, denn es müsste wieder Schule werden. Kinderlachen und frohe Erwachsene würde das Stadtbild genauso bestimmen wie jetzt der offensichtliche Rückschritt. Flüchtlinge gibt es genauso wie einige Jugendliche, aber ob sie bleiben wollen und werden? Das ist die bange Frage des mutigen Bürgermeisters und der bangen Bewohner, von denen immerhin soviel für die Ultrarechten sind, dass es einer der ihren als Stadtrat ins Rathaus geschafft hat. Dort kann er sich aber weder gegen den Bürgermeister, der keiner Partei angehört, noch gegen die Hoffnung durchsetzen.

Es gibt also nur zwei Dinge, die in dieser kleinen Stadt fehlen: Geld und Arbeitsplätze, was vielleicht das gleiche ist. Konventionell gedacht muss man leider sagen, dass in so einer kleinen Stadt nur ein Änderungsschneider sein Auskommen hat. Obwohl es mehrere Seniorenresidenzen gibt, ist auch dort der Arbeitskräftebedarf letztlich begrenzt, zumal nicht jeder für diese verantwortungsvolle, aber ein wenig hoffnungslose Arbeit geeignet ist. Warum vertrauen wir nicht viel mehr auf die zukunftsträchtige Seite unserer Gesellschaft, auf den gesamten informationellen Teil? Jeder Flüchtling hat ein Smartphone. Das Smartphone hat mehr zur Globalisierung beigetragen als dieser durch ungelöste Probleme geschadet werden kann. Die Investitionen auf diesem Gebiet sind auch längst nicht mehr so furchteinflößend wie noch vor ein paar Jahren. Wenn wir also über Arbeitsbeschaffung und Geldbeschaffung nachdenken, sollten wir nicht dabei die Blätter im Herbst vor Augen haben, die bisher von einem Heer von Hartzvieristen in wahren Sisyphosaktionen bekämpft wurden. Vielmehr sollten wir uns auf regenerative Energien besinnen, aus diesen Blättern also zum Beispiel Biogas machen. Vielmehr sollten wir über IT-Prozesse und IT-Dienstleistungen nachdenken. Vielmehr sollten wir überhaupt auch Chancen dort sehen, wo bisher eher Verfall und Entropie samt dem dazugehörigen Entsetzen herrschten. Vielmehr sollten wir also die kleinen Städte, allen voran die kleine Stadt zwischen Anklam udn Neubrandenburg, und die heute überdimensioniert wirkenden Dörfer neu besiedeln, aber nicht nur mit Menschen aus aller Welt, sondern auch mit Ideen und Hoffnungen aus allen guten Geschichten, die die Menschheit hervorgebracht hat und mit sich durch die Geschichte schleppt. Statt Esperanto brauchen wir heute einen verbesserten Googleübersetzer.

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woanders, aber auch leer

 

MILITÄRMUSIK VON FRÄULEIN MAYER

Friedland braucht ein Mayerdenkmal!

Seit einigen Jahren spielt in Friedland in Mecklenburg ein junger Organist, Lukas Storch, die Eröffnung des Friedländer Orgelfrühlings. Nach einem Konzert standen wir mit ihm auf dem Marktplatz hinter der Marienkirche, und sinnierten über die beiden bedeutendsten Friedländer, Friederike Krüger, die als Mann verkleidet, was immer wieder ein Rätsel ist, an den Befreiungskriegen teilnahm, und Wilhelm Sauer, der immerhin die Orgeln im Berliner Dom, in der Thomaskirche in Leipzig und in der Breslauer Jahrhunderthalle gebaut hat. Aber wir vergaßen die bedeutendste Friedländerin, die Komponistin Emilie Mayer (1812-1883).

Die mehrfach umgebaute große pneumatische Sauerorgel geht auf das erste Instrument von Wilhelm Sauer zurück, der aus Schönbeck bei Friedland stammte und in Friedland aufgewachsen war. Ganz sicher kannte er Emilie Mayer, die an seiner Orgel zwar keinen Unterricht erhielt, aber sicher konzertierte. Da man sich in Friedland kaum aus dem Weg gehen konnte und kann, schon gar nicht musikalisch, ist es sehr wahrscheinlich, dass Emilie Mayer, die Tochter des Ratsapothekers, und Wilhelm Sauer, der Sohn des Orgelbauers Ernst Sauer, der durch ein Stipendium des Großherzogs vom Schmied zum Orgelbauer aufstieg, sich kannten.

So wie die Stadt Friedland in zwei Kriegen bis zur Unkenntlichkeit entstellt wurde, so ist das Schicksal von Emilie Mayer durch harte Schläge deformiert. Wie groß muss ihre Kraft gewesen sein, diesem Schicksal zu widerstehen und ein großes Werk zu hinterlassen! Ein Talent wird auch immer durch die räumlichen Bedingungen beeinflusst. In diesem Fall einer historisch-gotisch geprägten Kleinstadt. Ihre Mutter starb, als sie zwei Jahre alt war, ihr Vater erzog die fünf Kinder von zwei Frauen allein. Er nahm sich aber, als sie knapp dreißig Jahre alt war, das Leben. Diese tragische Wende war der Ausgangpunkt ihrer erstaunlichen Karriere, die sie zu ihrem Bruder nach Stettin führte, wo sie von keinem geringeren als Carl Loewe unterrichtet und gefördert wurde. In Berlin, wo sie ein eigenes Haus führte, fand sie ebenfalls zwei Förderer, nämlich die beiden Theoretiker und Musikmanager Adolph Bernhard Marx und Wilhelm Wieprecht. Deshalb konnte sie ohne einen berühmten Gatten, wie Clara Schumann, oder einen berühmten Bruder, wie Fanny Hensel, im Berliner und Stettiner Musikleben bestehen. Konzertreisen führten sie aber auch in alle Musikzentren Mitteleuropas. In Musikkritiken wurde immer wieder betont, dass sie als weibliche Komponistin die absolute Ausnahme sei, dass die weiblichen Kräfte an sich nicht ausreichten, sinfonische Dimensionen zu bewältigen. Kein Mensch kam auf die Idee, die biografischen Umstände für den vermeintlichen Mangel an weiblicher Gestaltungskraft zu untersuchen. Es scheint auch einen finanziellen Engpass in ihrem Leben gegeben zu haben, als sie 1862 wieder zu ihrem Bruder nach Stettin zurückzog. Die letzten Jahre ihres Lebens, die sehr erfolgreich waren, verbrachte sie aber wieder in ihrer eigenen Wohnung in Berlin. Wie alle großen Komponisten schrieb sie für die Kinder ihrer Familie, vor allem für ihre Nichten, auch Klavieralben. Ihr Lehrer, der Organist an der Nikolaikirche in Friedland, Carl Driver, der übrigens kurz nach ihrem Vater starb, hat durch seine lehrertypische Bemerkung über ihre eigenwilligen Interpretationen vielleicht den Anstoß zur ihrem kompositorischen Werk gegeben: dann  schreib doch selber, wenn du es besser kannst, soll er gesagt haben, der aber wohl doch eher ein guter Lehrer gewesen war.

Gestern Abend wurde in der ehemaligen Landeshauptstadt Neustrelitz die dritte Sinfonie C-Dur von Emilie Mayer aufgeführt, mit der sie einst im Berliner Schauspielhaus debütiert hatte. Die Akustik im halbbesuchten Landestheater war denkbar schlecht. Im benachbarten Neubrandenburg hätte man die Musik in der wunderbaren Konzertkirche hören können, an der die Gotik, der Großherzogliche Hofbaumeister Friedrich Wilhelm Buttel, auch er ein Stipendiat des Großherzogs, und Pekka Salminen, bauten, der dreißigjährige Krieg, die Entropie und der WWII zehrten.

Den historischen Eindruck, den Klang zu Lebzeiten von Emilie Mayer, das Großherzogtum Mecklenburg-Strelitz, das alles hat man aber nur in Neustrelitz.

Nur in ihrem ersten Satz erinnert die Sinfonie an Haydn oder vielleicht noch eher an Schubert, wenn er Mozart imitiert. Vielleicht ist es auch ein Haydn, der ein Schüler Schumanns war, auf keinen Fall klingt auch nur der erste Satz epigonal, wie das Programmheft, vielleicht etwas entschuldigend, meint. Da gibt es nichts zu entschuldigen, allenfalls ist der erste Satz der schwächste. Dann kommen drei wunderbare Scherzi, obwohl nur der dritte Satz so heißt. Die große Stärke von Emilie Mayer ist wohl die freundliche und fröhliche Darstellung ernster Gegenstände. Vielleicht heißt die Sinfonie wegen der militärmusikalischen Verdienste ihres Förderers Wieprecht ‚Sinfonie militaire‘, vielleicht auch wegen des Schlagwerks im vierten Satz, aber auf jeden Fall ist es eine völlig eigenständige Interpretation des Militärlebens.

Der Schrecken des Türkensturms, so wurde der Versuch des Osmanischen Reiches, Europa zu nehmen, genannt, hatte uns sowohl das Instrumentarium der Militärmusik als auch eine gut hundertjährige musikalische Mode (‚alla turca‘) gebracht, die Entführung aus dem Serail, der türkische Marsch in der neunten Beethovensinfonie und der A-Dur-Klaviersonate von Mozart, sie alle beruhen auf dem Gleichschritt, auf dem, wenn auch musikalisch gefällig gemachten, Schrecken türkischer Perkussion. Die türkischen Heere, die Europa stürmten, wurden von gigantischen Kapellen (‚mehterhane‘) begleitet, die gleichermaßen Mut und Furcht verbreiteten, allein die Trommeln (davul, kös) hatten manchmal metergroße Ausmaße. Christian Friedrich Daniel Schubarth schrieb: Der Charakter dieser Musik ist kriegerisch, da er auch feigen Seelen den Busen hebt. Nicht so bei Emilie Mayer. Sie schreibt türkische Musik ohne Macht, ohne Timur Lenk, aber nicht ohne Kraft. Sie stellt mit denselben Instrumenten, wenn auch vorsichtig eingesetzt, die beschwingte Freude nichtkriegerischer, im Militär eingesperrter junger Männer dar, die trotzdem fröhlich bleiben, die sich an den Frühling erinnern, an die Mädchen der Dörfer in den Bergen, an die Schönheiten des Lebens. Das ist fernab von Krieg und Kriegsgeschrei. Das ist fröhlich und zärtlich, fast erotisch möchte man meinen, das Fräulein, so wurde sie tatsächlich auch in Kritiken genannt, erinnert sich an die Jungs aus Friedland.

Die Dumpfheit des Landestheaters, überhaupt des Großherzogtums, muss nicht zwangsläufig in die vielbeschworene Dummheit und Zurückgebliebenheit des Landstrichs verfallen. Der Großherzog musste viel mehr Talente entdecken und gezielt fördern. Das Theater steht an der Hertelstraße:  der eine Hertel, der in Strelitz wirkte, war Bachs Freund, der andere Bachs Schüler, beide haben wunderbare Musik gemacht, die Mayer ist nicht direkt vom Großherzog gefördert worden, aber der alte Sauer wurde nach Ohrdruff geschickt, um geschickter Orgeln bauen zu können, Friedrich Wilhelm Buttel gar wurde als achtzehnjähriger zu Schinkel nach Berlin in die Lehre gesandt und kam als neunzehnjähriger (!) Hofbaumeister zurück. Das ist Größe, auch vom Großherzog. Und etwas davon mag im Herzen der liebenswerten Mayer angekommen sein: das Leben, wie viel Schicksalsschläge es für dich auch bereit stellt, ist lebenswert, fröhlich, freundlich, erotisch, frühlingshaft, eine Sinuskurve wie die unendlichen Endmoränen des Großherzogtums.

Nach diesem schönen und erfrischenden Konzert, dessen Schwung die Zuhörer zu Beifallsstürmen hinriss, kam eine der schönsten Autofahrten meines Lebens. Im Halbdunkel sieht man die Lücken in Neustrelitz nicht. Der Nebel aus dem Lied des Schwedter Hofkapellmeisters Johann Peter Abraham Schulz legte sich auf die Straßen und tiefschwarzen Wälder der sanften Endmoränen. Rehe kreuzten die Straßen, was nicht ganz ungefährlich ist, aber zum langsamen Fahren anhielt. Nach einer Weile zählte ich sowohl die Autos als auch die Füchse und kam bei beiden auf die Zahl fünfzehn bei neunundachtzig Kilometern. Das dürfte Deutschlandrekord sein. Nur Russland und Australien sind noch menschenleerer als das Großherzogtum und die Uckermark. Malerische Dörfer reihten sich an der Straße auf. Traumhafte Berge und Täler erinnerten nicht nur an Kinderlieder. Im Ohr war noch die freundliche, ebenso traumhafte Musik von Fräulein Mayer. Wir wissen nicht, warum sie nicht verheiratet war, vielleicht war sie enttäuscht oder lesbisch, vielleicht reichte das väterliche Erbe gerade mal für sie alleine und sie war der Meinung, dass ihr Talent aber für zwei reichte, mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit kann man aber annehmen, dass die Männer, die ihr begegneten, von ihrem Talent abgeschreckt waren: wer sollte kochen, waschen, Socken stopfen, wenn die Hausfrau am Bechsteinflügel saß und döste? Die Nachwelt sollte noch freundlicher mit diesem Erbe umgehen, als es in den letzten Jahren schon von der Schweriner Staatskapelle und der Neubrandenburger Philharmonie versucht wurde. Und Friedland braucht ein Mayerdenkmal!

ZWEI SAUCEN IN FRIEDLAND

Die Ähnlichkeit von Saucen und Texten ist offensichtlich: beide unterliegen Regeln, beide werden komponiert. Alles was komponiert wird, unterliegt Regeln, wir betonen es nur, weil der Dualismus oder Nichtdualismus unser Thema ist. All die Saucen, die man so in normalen Restaurants zu normalen Gerichten bekommt, stehen in irgendwelchen Kochbüchern oder kommen aus dem allgemeinen Erfahrungsschatz unserer Großmütter. So würde man denken, wenn man nicht darüber nachdenkt. Tatsache ist aber, dass der kreative Anteil des Kochens von Männern stammt und aus herrschaftspolitischen Gründen wahrscheinlich eher nicht weitergegeben wurde. Edelköche waren sicher überdurchschnittlich oft nicht verheiratet und sind überdurchschnittlich oft durch ihre Kunst zu Tode gekommen: falsch angerichtet und schon hingerichtet.

Im Mecklenburger Hof in Friedland ist es mir am vergangenen Sonntag zum erstenmal gelungen, zwei Saucen als von einer Frau komponiert zu identifizieren. Die erste Sauce war ein mildes Dressing zu einem ganz gewöhnlichen von Weisskohl dominierten köstlichen Salat, der hervorragend zu der Forelle passte, an der man wenig falsch machen kann. Die zweite Sauce war eine auf Meerrettich basierende Remoulade, die aber von dem Meerrettich nicht überlagert, die weder zu scharf noch zu milde, und vor allem nicht von einem weiteren Gewürz gestört war. Diese auf Milde fundierte Komposition war leicht als weibliche zu erkennen. Männliche Saucen sind aggressiver. Das ist mit Texten ebenso, man erkennt das Geschlecht der Schreibung. Der irrationale Anteil beim Erkennen dürfte ebenso hoch sein, wie der irrationale Anteil bei den psychischen oder mentalen Geschlechtsmerkmalen selbst. Ein Teil von ihnen mag, wie wir spätestens seit dem herrlichen Einmanntheaterstück ‚Caveman‘ wissen, aus dem Neolithikum stammen. Tatsächlich kann sich das lange Verharren in den Berufen und Zuständen der Jäger und Sammlerinnen evolutionär ausgewirkt haben. Merkwürdig ist aber, dass unser Vorschlag diese lange Epoche auch so zu benennen, wie sie war, nämlich die Epoche der Sammlerinnen und Jäger, und nicht, wie man sinnloserweise immer noch lesen kann: Jäger und Sammler, noch nirgendwo anders zu lesen war. Trotzdem gab es auch im Neolithikum als Ausnahmen schon Amazonen und Sammler.  Beinahe noch interessanter ist aber der irrationale Anteil von Merkmalen, der durch das Verstecken und die Abwehr jener Merkmale entstanden sein mag, die nicht modern oder nicht opportun waren. Die berühmtesten Beispiele sind: Männer weinen nicht. Frauen sind gläubig.

Während die Pflichten der Frauen eher natürlicher Art waren, sind die der Männer eher gesellschaftlicher Art: Schutz, Trutz, Schmutz. Daraus ließ sich leicht eine erhöhte Bedeutung ableiten: sie bekommt die Kinder, er erzieht, beschützt, stählt die Kinder und schickt sie in den Tod. Der Anteil der Frauen an der Erziehung ist schon deshalb höher, weil man vor Siegmund Freud ja nicht wusste, dass sie im wesentlichen bis zum vierten Lebensjahr dauert. Vielleicht kommt der fragile Anteil im Mann im doppelten Sinne von der Mutter: das Menschlichallgemeine und das Nichtmännliche. Das Nichtmännliche verhindert aber eine stabile Männlichkeit, worauf beruht sie, wenn das weibliche bereits abgewehrt ist? Demzufolge würde das Fragile der männlichen Rolle nicht erst und nicht nur durch die Emanzipation der Frauen gekommen, sondern auch früher schon da gewesen sein. Allerdings konnte man die eigene Schwäche gut hinter Alkohol, Patriotismus und Krieg (heute Auto) verstecken. Organisierte Mordlust überspielt die Neigung zum Weinen. Allerdings darf man wieder nicht übersehen, mit wieviel Wohlgefallen dieses männliche Unwesen von den Frauen begleitet wurde: wieviele Frauen standen an den Straßen und winkten den Soldaten (Autos)? Genauso viele, wie es Soldaten gab. Die Uniform wurde als etwas Individuelles angesehen, weil sie ihren Träger aus der Masse der Dorf- und Kleinstadtmenschen heraushob.

Arithmetisch betrachtet ist es ja ohnehin Unfug, von weiblichen Anteilen und männlichen Anteilen zu sprechen. Erstens sind sie statistisch gesehen gleich groß, zweitens sind sie immer komplementär, selbst in solchen Gesellschaften, wo es ausgeprägtes Geschlechtsgruppenverhalten gibt. Die Räuberbanden etwa des neunzehnten Jahrhunderts mögen, von außen betrachtet, männlich dominiert und entsexualisiert gewesen sein. Aber es gibt keinen wirklichen Grund anzunehmen, dass in diesen Banden weniger Frauen waren und das Sagen hatten. Auch in patrialinearen Gesellschaften und in patriarchalischen Familien überwiegt das Komplementäre über das Symmetrische oder gar Subalterne. Man könnte es auch so beschreiben: Männer und Frauen unterliegen jeweils einer Doppelbindung. Um ein Mann zu sein, muss man eine Frau sein können, darf es aber nicht. Um eine Frau zu sein, muss frau ein Mann sein können, darf es aber nicht zeigen.

Das komplementäre mag das statistisch überwiegende Moment der Unterscheidung sein, es wird aber überlagert durch das Streben nach Dominanz unabhängig vom Geschlecht. Jene Menschen, die im Laufe ihres Lebens merken, dass es ihnen fast nie gelingt, dominant zu sein, flüchten sich gerne in das von Sacher-Masoch beschriebene Phänomen und glauben, im Unterliegen überlegen zu sein. Überleben scheint mir dagegen ein komplementäres Miteinander von Dominanz und Solidarität zu sein, das in der Mütterlichkeit besser vorgeformt ist als in der Männlichkeit, dagegen ist Väterlichkeit in nichts von Weiblichkeit unterschieden. Über der berechtigten Kritik männlicher Sozietäten oder auch Horden wie Jägern, Kriegern, Räubern und Marodeuren mit ihrer bewussten Leugnung der solidarischen, oft auch ethisch genannten Prinzipien ist die permanente weibliche Hordenbildung jahrhundertlang übersehen worden. Allerdings ist ihr Schaden auch eher gering. Sie haben keine Kriege geführt, nur Männer ausgeschlossen aus ihrer Spinnstube. Vielleicht haben sie sich mit ihrem Kult des Pragmatismus, Erfolgs und Überlebens selbst von der Kreativität verabschiedet und der Jäger wäre nur deshalb Bastler geworden, weil er nicht Sammler werden durfte?

Der Begriff des Komplementären, von Watzlawick in die Gesellschaftspsychologie eingeführt, beschreibt die Verabschiedung vom Dualismus, von der Dichotomie, wie wir sie wegen der ständigen Konfrontation mit unserer Geschlechtlichkeit nicht nur denken, sondern erleben und lieben. Er beschreibt die Schnittmenge, die wir nicht mögen und nicht wollen, obwohl sie vollendete Tatsache ist. Die Schnittmenge empfinden wir als Makel, weil wir in einer immer noch dichotomischen Begriffswelt leben, die als perfektes Abbild der Welt erkannt sein will. Obwohl das Begriffspaar gerade und ungerade gerade die Unpaarigkeit beschreibt, beschreibt es eine scheinbar bipolare Welt.

Das uralte Thema jedenfalls, seit wir denken können, bleibt offen: wie werden sich Frauen und Männer weiterentwickeln, und werden sie sich überhaupt weiterentwickeln? Wird man an  Saucen und Texten und Kindern weiter ihren Haupturheber erkennen können?

DER MOOR DUALISMUS

 

Philosophen und Mediziner lehren mich, wie

treffend die Stimmungen des Geistes mit den

Bewegungen der Maschine zusammenlaufen.

 

Nr. 171

 

Der eine ekelt sich vor sich selbst, er hat ‚große Rechte, über die Natur ungehalten zu sein‘. Deshalb tut er sein ganzes kurzes und nichtswürdiges Leben lang nichts anderes, als zu versuchen, die vermeintlich ungerechten Bedingungen für sein Leben zu verändern: mit Psychoterror, Vergewaltigung, Lüge, bezahltem Verrat, populistischen Versprechungen, und schließlich mit Mord und Totschlag.

Den anderen ‚ekelt vor diesem tintenklecksenden‘ Jahrhundert. Er verlässt sein Elternhaus, weil er die Welt verbessern will, stößt auf die Hürden der Bürokratie und des institutionalisierten Wissens und wird prompt ein Outlaw wie aus den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts.

Die beiden Brüder könnten aus einem Forum im Internet entsprungen und dort die Anführer einer Empörungsgruppe sein. Die Empörung ist die neue Revolution. Man kann ganz laut schreien. Man kann zeigen, wie unrecht die widerwärtige Welt hat und ist. Alle machen alles falsch, aber wir, wir wissen es besser. Denn der Chefempörer ist nicht allein. Er hat eine Gruppe Claqueure um sich versammelt, die nie schläft, die immer die erforderlichen Klicks und unterwürfigen Beifallsrufe bereit hält. Wichtig ist nur, rechtzeitig das Thema zu wechseln, damit die Hohlheit des Protests nicht im All widerhallt.

Dem Vorwurf des Egoismus versucht die andere Gruppe durch den Hinweis auf mangelnde Gerechtigkeit zu entgehen, mit der sie die eigenen Mängel zu erklären versucht. Auch sie will einen gerechteren Anteil erzwingen.

Der eine verflucht die Ordnung, der andre die Freiheit. Beide Sichtweisen erklären die jetzige Welt für verdorben: jetzt erst klecksen die Bürokraten das Jahrhundert voll, jetzt erst offenbart sich die himmelschreiende Ungerechtigkeit. Der eine will die Welt korrigieren, indem er den Reichen nimmt und den Armen gibt. Der andere meint, es reicht, wenn seine eigene Lebenssituation auf Kosten der anderen verbessert wird. Das nennen wir zwar böse, aber wir bewundern es immer wieder. Die Natur, meint diese auf dem Kopf stehende Theorie des Rechts des Stärkeren, ‚gab…uns doch Erfindungsgeist mit, setzte uns nackt und bloß ans Ufer diese großen Ozeans Welt: Schwimme, wer schwimmen kann, und wer zu plump ist, geh unter.‘ Man kann alles in schöne Sätze fassen, auch das Elend der eigenen Nichtswürdigkeit.

Das Platonische Höhlengleichnis zeigt die Abhängigkeit unseres Erkenntnisvermögens von der uns umgebenden Welt. Wir können nur erkennen, was wir kennen. Das chinesische Gleichnis von der Kuh der armen Familie zeigt uns, wie wir aber auch materiell über die Dinge schwer hinausgelangen können, von denen wir derzeit abhängen. Man könnte es auch das Hartzviergleichnis nennen: Ein Weiser in China ging mit seinem Jünger übers Gebirge und sie kehrten bei einer bettelarmen Familie ein, die nur überlebte, weil sie eine einzige Kuh hatte. Als der Jünger beim Weiterwandern von seinem Mitleid bedrückt war, sagte ihm der Meister: geh zurück und stoße die Kuh den Abhang hinab. Der Jünger tat das zwar, aber es brach ihm fast das Herz. Der Meister starb, und der Jünger, nun selber Meister, ging nach vielen Jahren an den Ort zurück und fand eine reiche Familie vor.

Jeder Jammer und jede Empörung rennt also in die falsche Richtung. Jeder weiß: ‚ein schwankendes Gebäude braucht des Erdbebens nicht, um übern Haufen zu fallen‘. Gift und Galle sind nicht die Arzneien für eine kranke Welt. Und trotzdem bleibt fast jeder beim Jammer stehen. Wer in einem kalten Zimmer sitzt, heizt. Wer in einer kalten Gesellschaft sitzt, jammert.

Weder das Festhalten an der Ordnung, wozu auch die Tradition gehört, noch das übermäßige Erwarten der Freiheit führt uns zu einem Gleichgewicht, das es nicht geben kann. Um das das Zimmer warm zu halten, muss man Energie nachlegen. Um die Gesellschaft am Laufen zu halten, muss man etwas tun. Es gibt die vielleicht etwas naiv-optimistische Vorstellung, dass der Fortschritt ein Naturgesetz sei. Sie übersieht das Scheitern und das Verschwinden. Es gibt die pessimistische Idee, dass das Paradies keine Metapher ist, sondern wahr war, unsere Vorfahren die edlen Wilden. Sie überbetont das heutige Scheitern gegenüber dem vergangenen. Und es gibt die Realisten, die glauben, dass alles ein ewiger Zyklus sei. Sie übersehen den Fortschritt und das Scheitern. In den großen Geschichten und Parabeln wird uns oft ein Dualismus nicht etwa als Wirklichkeit oder gar Täuschung vorgespielt, sondern als Didaktik. An der Zweiheit sollen wir die Vielheit erkennen. Etwas Unglaubliches passierte, und Tatsache, wir können es nicht glauben. So ist es schon, seit die Menschheit denkt. Und deshalb gibt es die Geschichten, von denen die Realisten glauben, dass sie die ‚Torheit unserer Ammen und Wärterinnen‘ seien. Selbst mit den Maschinen, die unsere Erkenntnis stärken, ja substituieren wollen oder sollen, ist die Vielheit nicht erfassbar. Wir verstehen schon nicht, dass ein Mensch nicht das ist, was er zu sein vorgibt, was er in diesem Moment seines Triumphes ist, was er in diesem Moment seines Versagens ist, worin seine Botschaft besteht, wenn er eine hat, woher er kommt, wohin er geht. Selbst der liebste und nächste Mensch bleibt uns fremd, aber auch der fernste und gleichgültigste. Wir haben zweitausend Jahre gebraucht, um über einen so komplexen Begriff wie Feindesliebe auch nur nachzudenken. Sobald man ihn in den Diskurs einwirft, kommt als Echo die sogenannte Realität oder das Ammenmärchen. Die wahren Geschichten wollen wir nicht glauben oder glauben wir, abtun zu müssen, aber die abenteuerlichsten Erklärungen von ewiger Wahrheit und Weltregierung, von Geld, das die Welt regiert, vom Stärkeren, der irgendein Recht hat, von der Ordnung, die uns hindert, von der Freiheit, die uns vorenthalten wird, das alles glauben wir und saugen es auf wie einst die Muttermilch, nur um nichts tun zu müssen, um nur ja nicht über unseren Schatten springen zu müssen.

Die Geschichte von den beiden Brüdern, von denen der eine die kleine Welt ändern will, um selbst besser dazustehn, der andere aber die große Welt ändern will, um sie zu verbessern, zeigt uns, dass keiner nur böse oder nur gut ist. Man kann weder die kleine Welt noch gar die große Welt ändern, wenn man sich selbst nicht ändert. Man muss niemanden auffordern, zu nehmen, das können wir alle von selbst, man muss auch nicht hinausschreien: gib, gib, gib. Man muss geben, damit sich die Welt so langsam weiter bessert, wie sie es schon seit Jahrtausenden tut, gegen alles Jammern, aber auch nicht von allein. Wir sollten weder um ein goldenes noch um ein heiliges Kalb tanzen. Es reicht, wenn wir einander achten, uns gegenseitig helfen, etwas tun, etwas geben. Vielleicht reicht es schon, wenn wir einfach aufhören zu jammern und über uns selbst nachzugrübeln.

 

 

Alle Zitate sind aus SCHILLERs Räubern, von den Brüdern Moor.

Des Verfassers Rochusthal heißt in Wirklichkeit Moor.  

DIE WEIHNACHTSMASCHINE

 

Nr. 170

Selbst wenn die Weihnachtsmaschine nur Lametta herstellen könnte, wäre sie Teil von dem, was in der gesamten christlichen Welt von Weihnachten erwartet wird, und das ist zu viel. Die Weihnachtsmaschine, wenn es sie gäbe, wäre so etwas wie die Turingmaschine, nur eben zur Lösung aller emotionalen Probleme aller Menschen. Schlaf, Drogen, Depressionen, aber auch Kunst und Religion helfen uns, das zu schwere Leben auszuhalten. Vom Lametta erhoffen wir uns die Lösung unserer unlösbaren Probleme. Im Weihnachtsbaum, der zur christlichen Metaphorik in keinem Zusammenhang steht, erhoffen wir uns die Reproduktion unserer Kindheit, genauer gesagt die widerspruchsfreie Katharsis, die auch in unserer Kindheit nur zu Weihnachten und vielleicht noch partiell in den Sommerferien eintrat, wenn der Sommer heiß und schön war. Genauso ist die hundertprozentige Erfüllung unserer Wünsche oder Ausführung unserer Pläne eben nicht möglich. Insofern ist jeder Weihnachtswunsch Illusion. Noch schlimmer ist es, dass die Erfüllung eines Wunsches ein noch größeres Bedürfnis erschafft, als es mit diesem Wunsch vorhanden war.

Die Kritik, dass Weihnachten einfach eine Verstärkung von Frustrations- und Konsumverhalten ist, ist so alt wie dieses Verhalten selbst. Deshalb wurde die Geburt von Jesus mit Weihnachtbäumen, Engeln und Christkindern, Nikoläusen und schließlich Weihnachtsmännern verstärkt, aber auch sie haben ihre Höhepunkte überschritten und verblassen gerade.

Wir wollen gleichzeitig eine Atempause und einen moralischen Ansporn, den wir aber mit Absicht jedes Jahr überhören, weil wir immer die Welt durch Kritik an den andern verbessern wollen. Auch die Pause füllen wir uns mit einem Kalender voller Termine zur angeblichen, tatsächlich aber weit verfehlten Besinnung. Auch diese Kritik ist schon sprichwörtlich.

Wahrscheinlicher fällt die wachsende Verkultung von Weihnachten eher mit der Sinnkrise der wohlhabenderen Menschheit zusammen. Ein fehlender Sinn wird aber immer noch nicht als Defizit empfunden. Statt dessen wird weiterhin das Wohlstandsdefizit als eigentliches Problem benannt, so als würde das neunzehnte Jahrhundert fortdauern. Hunger lässt sich einfacher und himmelschreiender beschreiben als Leere.

Dabei stehen der Sinn des Lebens und die Weihnachtsbotschaft in engstem Zusammenhang: die Lösung kommt nicht von außen. Wer auf den Sinn des Lebens wie auf ein Weihnachtsgeschenk wartet, kann lange warten. Man kann den Sinn des Lebens nicht bei Amazon bestellen. Wer auf einen Erlöser wartet, kann ebenso lange warten. Vielmehr ist die Weihnachtsbotschaft eine Metapher der Selbstbefreiung. In jedem neugeborenen Kind ist die Hoffnung auf Sinn und Sinngebung, nicht auf Sinnerlangung.

Jeder hat es schon einmal erlebt, dass ein langes Gespräch Licht in das Dunkel bringen kann. Das muss und kann nicht die Lösung des Problems sein, falls es ein Problem gibt, sondern eine neue Sichtweise, eine Ermutigung. Wer schon einmal in einer verzweifelten Lage war, weiß, dass die Ermutigung mehr wert ist als die fertige Lösung oder der richtige Weg. Denn es gibt keinen richtigen Weg, es gibt keine widerspruchsfreie Lösung. Das ist das Paradox des Weihnachtsgeschenkes: wenn man es endlich hat, ist man schon wieder unbefriedigt und in Erwartung des nächsten Weihnachten. Wenn wir uns die Welt als einen tiefen dunklen Wald vorstellen, etwa wie bei Rotkäppchen, dann ist der Wegweiser eher eine Falle, unsere Hoffnung ist zu einem Drittel Misstrauen und zum dritten Drittel Verzweiflung. Sieht man umgekehrt die Welt als Metapher für einen dunklen unwegsamen Wald, dann sind am Ende mehr verführte als frohe Menschen zu sehen.

keintelefon

Die Weihnachtsbotschaft ist Freude, aber die meisten Menschen sind gar nicht froh. Sie leiden an sich, an ihren Widersprüchen oder Pickeln, an ihren Wünschen oder Hoffnungen oder Geschenken. Der Sieg über den Hunger hat mehr Probleme geschaffen, als er gelöst hat, woraus nicht folgt, dass das Leben mit dem Hunger leichter gewesen wäre. Nur fielen damals Sinn und Hungerbeseitigung – oder Essenbeschaffung – zusammen.  So gesehen sind die Flüchtlinge, die derzeit zu uns kommen, nicht nur eine demografische Chance, sie lösen nicht nur ein Problem, das wir noch nicht einmal als Problem erkannt haben.

Sie zeigen vielmehr, dass Ermutigung immer Mut voraussetzt. Man muss seine kaputte Hütte und sein verzweifeltes Leben verlassen, durch die Wüste und das Meer zu neuen Ufern und Orten aufbrechen. Man muss die petrifizierten Metaphern wieder verwirklichen. Dann erst können sie zu einem neuen Narrativ erstarren, was wieder, wer weiß, wie lange, Leuchtkraft und Beispiel sei.

Allerdings dürfen wir uns nicht nur unserem klapprigen Smartphone anvertrauen, sondern müssen dem Menschen auf der anderen Seite der Kommunikation ins Auge blicken, wenn wir schon nicht ins Herz sehen können.

 

Es gibt keine Turingmaschine, die alle Probleme berechnen und berechnend lösen kann, wenngleich ein Smartphone oder ein Personalcomputer fast wie Wunder sind. Trotzdem ist der Traum dieses obersympathischsten Träumers und Nerds aller Nerds, Alan Turing, Ansporn und sinnloses Weihnachtsgeschenk, Hoffnung und Enttäuschung zugleich. Unser meistgesprochener Satz am Computer ist: Warum macht er das jetzt nicht. Und nicht: Ein Wunder, was er alles kann! Übrigens ist der Nerd of Nerds ganz ähnlich zu Tode gekommen wie der Lord of Lords: man war befremdet von seinem Anderssein.

Es gibt keine Weihnachtsmaschine, die alle unsere Kindheitsgefühle reproduzieren könnte. Ein dickes Märchenbuch mit 2002 Geschichten, eine fantastischer als die andere, käme dieser ersehnten Maschine noch am nächsten. Die verzweifelte Hoffnung auf die Zernichtung des Hoffens, die reine Rationalität also, war ein Irrweg. Dagegen ist der Irrweg durch die Märchen und Geschichten, durch die Legenden und Gleichnisse, der einzig wichtige Weg zur Ermutigung, zur Hoffnung, zur Lichtung durch Licht und nicht durch fadenscheinige Argumente. Nicht das Medium ist die Botschaft, sondern die Geschichte selbst ist die Botschaft, die Geschichte, die sich jetzt vor unseren Augen abspielt. Die Lösung ist das Naheliegende, was in diesem Moment bei dir anklopft.

DER FREMDLING SCHAFFT SICH AB

Ungleich verteilt sind des Lebens Güter

unter der Menschen flüchtgem Geschlecht.

SCHILLER, Die Braut von Messina

Nr. 169

Einerseits ist der Streit zwischen Nomaden und Sesshaften eine Zeitenwende, die neolithische Revolution, die vor allem in jenem Gebiet zuerst stattfand, das wir als Fruchtbarer Halbmond oder Zweistromland bezeichnen, und aus dem heute ein Großteil der Flüchtlinge kommt. Andererseits tobt ebendieser Streit in jedem von uns. Wir sehnen uns nach einem Haus wie nach der Ferne. Ist man einigermaßen wohlhabend, so kann man einen guten Kompromiss finden, indem man sowohl ein Haus  besitzt als auch dreimal im Jahr in den Urlaub fährt oder sich für 100.000 € ein Wohnmobil kauft. Merkwürdig bleibt nur, dass die großen Hotelanlagen an den Küsten Europas und Nordafrikas dem Banlieue so ähnlich sehen. Die Parallelgesellschaft entsteht nicht nur durch andere Sprachen. Sieht man aber auf die Flüchtlinge, die derzeit nach Deutschland kommen, so kann man mehr Globalisiertes als Trennendes wahrnehmen. Was uns alle eint, ist das Smartphone. Vielleicht richtet sich die Wut der ärmeren Bewohner Europas gar nicht gegen den äußeren Besitz, sondern gegen diese Gleichheit. Es ist ein Neid auf die Gleichheit entstanden, wo früher Klassenhass und Rassismus waren. Google wird schneller einen einfachen Universalübersetzer für jedes Smartphone auf der ganzen Welt entwickeln und verbreiten, als wir das seit langem als falsch und überflüssig erkannte Wort ‚Rasse‘ aus dem Grundgesetz oder den bundespräsidialen Trauererlassen entfernen.

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Flüchtlinge in Prenzlau

Als die französischen Glaubensflüchtlinge in die Uckermark, ins Oderbruch und ins Havelland kamen, schienen ihnen die Differenzen groß und unüberwindlich. Hundert Jahre hielten sie an ihrer sprachlichen und religiösen Separation fest. Heute gibt es noch ein paar Grabsteine und deutsch ausgesprochene Nachnamen. Der Gewinn, den die ängstlich am Zaun stehenden Ureinwohner hatten, war beträchtlich. Einen Behälter zum Tragen von Geld nennen wir immer noch Portemonnaie oder Portmonee, obwohl kaum noch jemand weiß, wie es geschrieben wird. Jedoch gerät langsam in Vergessenheit, wie Phantasie geschrieben wird: Fantasie oder Fantasy? Die Angst vor der Überfremdung der Sprache und der Sitte ist schon immer groß gewesen. Der Fremdling wird zunächst gemieden wie der Köper den Virus oder die Bakterie meidet. Jedoch kam die Rettung nicht aus der Vermeidung, sondern aus dem Schimmelpilz.

Die Frage wird noch sein, wer der Sprache mehr schadet, der Bürokrat, der Wörter nach Definitionen bildet, oder der Flüchtling oder Fremdling, der ein fragiles Verhältnis zur Grammatik und einen Wortschatz wie ein Bildzeitungsleser hat. Fast ist es gelungen, das schöne Wort Lehrling durch die bürokratische Fügung AZUBI, im Westen vorne, im Osten in der Mitte, von den Migranten hinten betont, zu verdrängen. Aus Eltern wurden Elternteile, aus Einwanderern Migranten und aus dem Arbeitsamt das Jobcenter.

Die ehemaligen Gastarbeiter und ihre Kinder und Enkel haben den Genitiv schon gar nicht mehr kennengelernt. Sie können an seinem Verschwinden nicht schuld sein. Als sie in die deutsche Sprache eintraten, war diese gerade mit der Zusammenlegung des Dativs mit dem Akkusativ und der Abschaffung von Flexionsendungen beschäftigt. Konjunktiv und Präteritum sind inzwischen Möglichkeitsformen der Vergangenheit, besonders im Süden (‚Oberdeutscher Präteritumsschwund‘).

Daraus folgt: die Sprache verändert sich, der Mensch verändert sich, die Welt verändert sich. Man kann versuchen zu bestehen oder zu widerstehen, gleichviel, alles ändert sich, und das ist das einzige Kontinuum. Individuen bleiben sich gleich – aber nur von innen gesehen. Von außen sehen wir die anderen, und sie ändern sich so stark, dass wir nicht in der Lage sind, uns ein Bild von ihnen zu machen. Da wir mit ihnen, den anderen, in engen Beziehungen stehen, ändern auch wir uns, indem wir uns ihnen anpassen oder ihnen widerstehen. Von Brecht gibt es die schöne kleine Geschichte, dass ein Sklave gefragt wird, ob er seinem Herrn dienen will. Er antwortet nach sieben Jahren, nachdem der Herr gestorben war, mit einem leisen Nein. So sind wir. Aber wir wollen das Wort Flüchtling und den Flüchtling abschaffen. Dabei übersehen wir, dass er sich selber abschafft.

In ein Gebirgsdorf, in dem alle Familien den gleichen Nachnamen haben, zieht ein Fremdling. Schon durch seinen Namen, aber auch durch seine Lebensweise bleibt er der Fremdling, der Zugezogene, bis ein neuer Fremdling kommt und fragt: wie lange wohnst du schon hier? Der Fremdling schafft sich selber ab, indem er sich anpasst oder die Menschen um ihn herum verändert. Eines Tages werden seine Enkel Bürgermeister. Amerika hat zweihundert Jahre gebraucht, bis es einen schwarzen Präsidenten ertragen konnte und benötigte.

Der Lehrling schafft sich selber ab, indem er lernt und Geselle oder Meister wird. Allerdings wächst das Wissen und wachsen die Fertigkeiten ebenso, und deshalb heißt ein lateinisches Sprichwort bonus vir semper tiro, ein guter Mensch bleibt immer Lehrling. Ein guter Mensch bleibt aber immer auch Flüchtling. Potentiell muss er sozusagen auf dem Sprung bleiben, falls die Verhältnisse in seinem Land ihm weder veränderbar noch erträglich erscheinen. Er ist kein Feigling, wenn er sich der Tyrannei durch Flucht entzieht. In Eritrea herrscht eine der absurdesten Diktaturen der gegenwärtigen Welt, und die Menschen haben dort einen Weg gefunden, dem zu entgehen, indem sie den flexibelsten Sohn auf die lebensgefährliche Reise in bessere Gegenden der Welt entsenden, damit er von dort aus die Familie mit ernähren kann. Diktator Isayas Afewerki profitiert von dieser Massenflucht durch eine erzwungene Steuer. Sein System basiert, wie alle Diktaturen, auf einem projizierten Feind: dem Nachbarland Äthiopien, wer das nicht glaubt, soll Angst vor den USA haben. Das Bruttosozialprodukt von Eritrea ist halb so groß wie das der Uckermark, zweihundert Millionen Dollar kommen jährlich von der EU zur Verbessrung der Stromversorgung als Bekämpfung der Fluchtursachen.

Aber auch von seiner Herkunft ist der gute, will sagen ehrliche Mensch, ein Abkömmling von Flüchtlingen. Nur einige Völker am Amazonas und auf Papua-Neuguinea leben in fast vollständiger Isolation, es gibt einige winzige religiöse Enklaven. Aber der übergroße Rest der Menschheit, nämlich 99,99% leben in offenen Gesellschaften. Alle Versuche, Mauern zu errichten, sind gescheitert. Alle Versuche, die Kommunikation, sei es physische und schon gar geistige, zu unterbinden, sind kläglicher als kläglich gescheitert. Auch das Spitzelsystem des Isayas Afewerki wird scheitern. Der Flüchtling schafft sich ab, indem er heimisch wird, sich integriert. Die Kleinstädte würden davon am meisten profitieren.