HEIMAT

 

Nr. 179

Ich bin in eine Gruppe hineingeboren worden, die weder eine Familie war, noch eine Heimat hatte. Wie gehetzt zog sie von einer brandenburgischen Kleinstadt in die nächste. Als ich fünf Jahre alt war, stand ich auf dem Turmbahnhof der Kleinstadt Doberlug-Kirchhain, deren sorbischen Namen die Nazis in einen deutschen gewandelt hatten, auf dem Weg zu meinen französisch benannten Verwandten. Dort glaubte ich zum ersten Mal, die Welt verstanden zu haben: es kreuzten sich zwei Bahnlinien der Nordsüd- und der Ostwestrichtung. Um die Welt zu verstehen, benötigst du n! Fakten und Synapsen – und schon hast du es. Wem die Zahl zu hoch erscheint, der lege erst einmal immer die doppelte Anzahl Fakten und Synapsen auf die Felder seines Schachbrettes. Damit kannst du jeden Großmufti in dir überwinden.

In diesen Kleinstädten gab es Vertriebene, die bei uns im Osten aber Umsiedler hießen, und bei denen es Mittagessen aus Schlesien, Ostpreußen, Hinterpommern und dem Warthe- und dem Sudetengau gab, ja, sie sagten Sudetengau, obwohl in der Zeitung Bruderland stand. Wie eine Antizipation des in der gegenwärtigen Jugendsprache wieder üblichen und fast inflationären Wortes Bruder, das der Bibel, Schiller und dem gesamtdeutschen Vokabular genauso vertraut war wie der sozialistischen Propaganda, kommt mir heute das merkwürdige Wort Bruderstaat vor. Denn der Staat ist niemandes Bruder. Nur der Bruder kann dem Bruder Bruder sein. Da ich keinen Bruder hatte, musste ich mir welche suchen.

Wir wohnten dann in einer Kleinstadt mit einer Russenkaserne. Die Soldaten waren eingesperrt. Wenn sie flohen, flohen sie nicht immer vor dem Sozialismus und der Mangelwirtschaft ihrer Blechnäpfe, sondern oft auch, was ich damals noch nicht wusste, vor der Dedowtschina genannten grausamen Herrschaft der dienstälteren über die blutjungen, wie Kinder wirkenden Soldaten. Tödlichen Ausgang der Dedowtschina gibt es auch heute noch.

Die Offiziere konnten sich zwar frei bewegen, aber sie waren geächtet und sie verachteten die Deutschen. Meine ersten Worte in einer fremden Sprache habe ich dort im gemeinsamen Spiel mit den Kindern der Offiziere erlernt und auch am Abendbrottisch. Sie waren sehr freundlich, aber die Väter wollte immer wissen, was mein Vater im Krieg gemacht hat. Zum Glück hatte ich keinen Vater, jedenfalls kannte ich keinen. Noch schlimmer ging es meinen Cousins: sie hatten keine Mutter, denn die war in Russland im Gulag. Aber das sagte man hinter vorgehaltener Hand.

Der erste Afrikaner, mit dem ich lange Gespräche führte und der viele Wochenenden bei mir verbrachte, war ein Partisan aus Südrhodesien, der in der DDR geschult wurde. Er zeigte mir an der Havel, wie er am Sambesi den Krokodilen entkommen war. Auf dem zugefrorenen Ruppiner See lief er und rief er: I am Jesus! Sein Pech war, dass er dem falschen Volk angehörte. Die Anhänger des heute dienstältesten und neben Isaias Afewerki und Kim Jong Un absurdesten Diktators der Welt erschossen ihn, als er in seine Heimat zurückkehrte, um sie zu befreien.

Es hat mir sehr geholfen, dass meine ersten wirklich schönen und vertrauten Städte im Ausland zwei deutsche Städte waren: Danzig und Hermannstadt. In Danzig verschwanden damals gerade die Kaschuben, deren Verwandte ich aus Lübbenau kannte, und immer wieder geben sich Menschen zu erkennen, die auf der Gustloff oder auf der Kap Arkona Königsberg, Danzig oder Stettin entkommen konnten. Viele Jahre bereiste ich Siebenbürgen, sah noch die Geschlechtertrennung in den Dorfkirchen und die Äpfel an den Weihnachtsbäumen. Jetzt, fünfundzwanzig Jahre nach dem Exodus der Siebenbürger Sachsen zurück in die Heimat, wie sie sagen, obwohl sie heute noch von der süßen Heimat Siebenbürgen singen,  stürzen auch die Türme ihrer schönen, schönen Kirchenburgen ein.

Was ich also seit dem Turmbahnhof, der Russenkaserne, dem schlesischen Himmelreich und der Lügenbrücke in Sibiu  verstanden zu haben glaubte, war die Bikulturalität, wenn nicht sogar die Multikulturalität, obwohl es das Wort noch gar nicht gab. Ich bleibe im Konjunktiv, weil es einen Indikativ der Zukunft nicht geben kann.

Das Gegenargument wäre der uralte Pejorativ vom vaterlandslosen Gesellen. Ich dagegen glaube, dass es viel schwerer ist, Heimat als einen unverwechselbaren, monokulturellen Ort zu bestimmen, als anzuerkennen, dass wir jedes Fleckchen Erde mit anderen teilen.

Hört man sich Nationalhymnen oder Regionallieder an, so wird in jedem Song das Gleiche beschworen: das Vaterland, die Muttersprache, die Kindheit, die Wälder, Wüsten, Täler, Höhen, die süßer nie klingen als an eben dieser einen einzigen Stelle, von denen es unzählige gibt. Gläubige glauben zudem, dass ihre wahre Heimat im Jenseits ist. Kein Ort ist so schön, dass man nicht einen zweiten kennen würde. Also ist Heimat auch Gewohnheit, Erinnerung, Prägung. Man könnte von einem topical imprinting sprechen: wir sind von dem Ort geprägt, den wir zuerst gesehen haben. Später sagen wir: das ist unsere Heimat. Die meisten Menschen sagen: das war meine Heimat. Immer mehr Menschen sagen: das wird meine Heimat, weil Migration keine Ausnahme ist.

rst hilfe2

Man muss noch einen Gesichtspunkt bedenken. Die meisten Menschen früherer Zeiten waren an einen Ort gebunden. Für sie war Heimat immer auch Gefängnis. Ihre weiteste Reise war die Kreisstadt. Urlaub gab es für die allermeisten nicht. Eine wichtige Quelle der Fernerkundung waren der Militärdienst und der Krieg. Er speiste Fremdenangst und Völkerhass, aber auch Neugier und Sprachkenntnis. Trotzdem kennt jeder die Geschichten, wie im ersten Weltkrieg die Waffen schwiegen und stattdessen plötzlich Weihnachtslieder erklangen. Das bekannteste Weihnachtslied seit zweihundert Jahren ist: Silent Night. Wenn man es von Mahalia Jackson gesungen hört, kann man ihre und seine Heimat vergessen.

Von dem großen Weltreisenden Alexander von Humboldt stammen zwei schöne Erkenntnisse: dass es nämlich keine Weltanschauung ohne Weltanschauung geben könne und dass alle Menschen, die er getroffen habe, und das waren solche in allen Weltgegenden, gleich intelligent und emotional gewesen wären. An diesem Beispiel kann man auch lernen, dass eine Gegend, in diesem Falle Berlin, sowohl Heimat des größtmöglichen Kosmopolitismus, heute würden wir eher sagen größter Multikulturalität sein kann, wie auch Herd und Heimat maximaler Menschenverachtung.

Man kann also auf der einen Seite beklagen, dass Menschen an einem zufälligen Örtchen kleben. Man kann genauso beklagen, dass andere Menschen keinen solchen Ort haben. Nie war es aber richtig oder gut, Menschen für den Ort, die Hautfarbe, den Zufall ihrer Geburt zu verurteilen oder sogar zu bekämpfen. Im Falle des Mordes sollte man allerdings neu bedenken: ein Mord ist immer eine infame Tötung aus Berechnung, aus niederen Beweggründen, dazu zählen auch Mordlust und Sexualität, mit Häme und nach Plan. Warum muss man also die falschen und widerwärtigen Motive der Mörder sprachlich konservieren? Es gibt keine ‚rassische‘ oder ‚rassistische‘ Verfolgung. Es gibt keine Heimat. Niemandem gehört ein Land.

TRIVIA:

Alle Menschen waren/sind/werden Brüder/Schwestern. Du sollst deines Bruders Hüter sein. Die Grenze zwischen Nomaden und Sesshaften verläuft in den Menschen, nicht zwischen ihnen. Ich bin, weil wir sind. Ubuntu. Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein. Es gibt nur eine Erde. Geld kann man nicht essen. Man ist als Mensch vergessen, wenn man nichts hinterlässt, was überall gilt. Wetteifert um gute Taten. The more I give the more I have.  Getan ist, was du tust, nicht, was man dir tut.  

DAS MERCEDESPUTZGEN

 

[getan ist was du tust nicht was man dir tut]

Nr. 178

 

Von der türkischen Wanderung können wir nur einen Bruchteil sehen: der über Istanbul hinaus bis Westberlin, München, Frankfurt, Wolfsburg reichte. Jene weitaus mehr Ostanatolier, die in Istanbul blieben, wurden Istanbuler, die anderen wurden Berliner, Frankfurter, Hamburger. Der angebliche Mangel an Integration ist eine Wahrnehmungsverzögerung. Solange die indigene Bevölkerung (die um 1960 auch alles andere war als indigen) die sogenannten Gastarbeiter als Gäste sah, konnten diese sich auch als Gäste fühlen. Das änderte sich nicht durch das Eingreifen der Politik, sondern durch die Wirkung des eigenen Verhaltens, die Gastarbeiter bekamen Kinder, die Eingeborenen lernten die Verkaufskultur der neuen Gemüseläden schätzen. Fast gleichzeitig mit diesem komplementären Verhalten der beiden nicht homogenen Gruppen kamen der Behaviorismus aus Amerika und die Verhaltensbiologie aus Wien. Man hätte wissen können, was man jetzt weiß, aber man weiß es erst jetzt: die Menschen sind so, wie sie sich verhalten, nicht wie sie sich verhalten möchten oder verhalten sollten. Das heißt nicht, dass es keine Ideale oder Imperative gäbe, sondern dass das Verhalten der ersten Gruppe nicht weniger normativ für die zweite Gruppe ist als das Verhalten der zweiten für die erste. Hinzu kommt, dass es selten nur zwei aufeinander treffende Gruppen gibt. In den fünfziger und sechziger Jahren wirkten sich das Hollywood- und Rock’n’Rollverhalten, verstärkt durch die tatsächlich anwesenden Amerikaner, und das der französischen und italienischen Nachbarn ebenfalls prägend aus. Überhaupt gab es im Westen Deutschlands den vorsichtigen Beginn der Globalisierung, kommentiert und gebremst durch Nazirichter und einige rechtskonservative Politiker. Auf der anderen Seite standen aber Willy Brandt, Heinrich Böll und Günter Grass. So hat eine ganze Generation Salingers Fänger im Roggen in der Übersetzung von Böll gelesen. Vergleichbare Leitbilder gab es im Osten nicht, auch der kulturelle Austausch blieb hier marginal. Immerhin können die meisten älteren Ostbürger wenigstens eine andere Schrift deuten.

Die Frage also, ob das Essener Busexperiment, wenn es in fünfzig Jahren unter umgekehrten Vorzeichen wiederholt wird, im Ergebnis gleich bleibt, kann man positiv beantworten, wenn auch ohne jede Garantie. Allerdings muss man die Naivität der Frage durch ein großes ALLERDINGS bremsen. Fünfzig Jahre gelten seit Goethe und Kondratieff als eben jene Mittelfrist, in der sich Basisinnovationen und Verhaltensweisen so grundlegend ändern, dass die Welt ausgetauscht erscheint. Wir hatten deshalb den Honeckersatz vom Januar 1989 als unfreiwillige Karikatur dieses Austauschs ansehen können. Allerdings muss man sagen, dass die Berliner Mauer eher eine Metapher oder Marginalie als ein tatsächliches gravierendes Ereignis war. Man muss sie nur in Beziehung setzen zu den wirklich großen Innovationen dieser Zeit: der Atombombe als letztem Waffensystem, dem Computer als Modellierung und Mobilisierung der Welt und Automobil und Flugzeug als größtem Mobilitätsschub der bisherigen Geschichte.

Wenn man in den siebziger,  achtziger und neunziger Jahren durch bestimmte Straßen von Offenbach, Rüsselsheim oder Kreuzberg ging, sah man das deutscheste Verhalten: tausende von Männern putzten ihr Statussymbol – auch das Wort kam damals auf – und ihre Mobilitätsmetapher – denn in Wirklichkeit gingen sie zur Arbeit um die Ecke -, den 123er Mercedes, mit dem sie in die Heimat fuhren, die ihnen durch ihre Kindheit tränenfeucht nah war, durch ihre Kinder aber immer rationalpragmatisch ferner wurde. Das Putzen des Mercedes war also kein nationales oder rationales Verhalten, sondern vom Mercedes, vom Sozialstatus, vom Zeitgeist vorgegeben. Wir werden es noch erleben, dass das Zweite Fahrradzeitalter alle in Europa lebenden Stadtbewohner erreichen wird, egal, wo ihre Großeltern gelebt hatten.

ALLERDINGS widersetzt sich das Leben allen Berechnungen. Das Gegenteil des Lebens ist Kalkül. Einen Tod kann man berechnen, wie Franz von Moor es tat, aber das Leben folgt komplexeren Bedingungen. Deshalb wäre es unsinnig, Gutes zu tun, um Gutes zu erhalten. Do ut des – gib damit dir gegeben wird – ist ein Rechts- oder Vertragsprinzip. Eine Hand wäscht die andere ist ein ironischer Spruch bestenfalls aus dem Alltagsleben. Aber eigentlich beschreibt er Korruption. Schließlich ist das zwar auch aus dem Volksmund kommende, dann aber in die Spieltheorie übergegangene tit for tat bestenfalls eine Strategie, die im Spiel oder im Gefängnis aufgehen kann. Sie erkennt schon das Wesen und das Fundament des menschlichen Handelns: die Kooperation, die sich evolutionär aus dem Pflegeverhalten ergeben hat. Wir können nicht ohne Pflege überleben. Es ist immer wieder schwer zu erkennen, dass damit nicht vor allem die Pflege gemeint ist, die uns angetan wurde und wird. Als Kind wissen wir noch, wie beschämend es ist, auf Hilfe angewiesen zu sein. Wir versuchen, uns aus der mütterlichen oder väterlichen Fürsorge, die zunehmend als Klammerung empfunden wird, zu emanziperen. Aus dem protecting wird allzuschnell und allzuleicht overprotecting. Und das hat einen ganz einfachen Grund: es bereitet Freude und Genugtuung, zu geben und zu helfen, zu beschützen und zu pflegen, zu retten, zu bewahren und wiederzubeleben. Alles Leben ist Renaisssance.

Dem widerspricht nicht wirklich, dass es Situationen gibt, in denen Egoismus sich wie ein schwarzer Schatten vor die Kooperation schiebt, durch Todesangst zum  Beispiel. In der schlimmsten Schiffskatastrophe aller Zeiten überlebten vier Kapitäne und tausend Männer, es starben neuntausend Frauen und Kinder. Aber der zweite dreißigjährige Weltkrieg ist eben kein Modell des Lebens und das Leben ist eben kein Krieg aller gegen alle. Wenn alle Metaphern wörtlich zu nehmen wären, gäbe es keine. Eine Hand wäscht die andere, aber nicht deshalb. Getan ist, was du tust, nicht, was man dir tut.

 

Wir dichten da nicht: wir rechnen.

Aber damit wir rechnen können,

hatten wir zuerst gedichtet.

           Friedrich Nietzsche

DIE MAUER WIRD NOCH IN HUNDERT JAHREN STEHEN…

Nr. 177

 

 

Es gibt einen kleinen Film, mag es nun ein Fake oder wirklich ein Experiment der Universität Duisburg-Essen sein, in dem in öffentlichen Verkehrsmitteln erneut die Segregation eingeführt wird, deren Abschaffung einst Martin Luther King und die ungeheuer mutige Rosa Parks im Montgomery Busboykott initiiert hatten. In Essen oder in dem Fake weigert sich nun die Mehrheit der Menschen oder der Schauspieler  in eine solche widersinnige und anachronistische Unordnung einzutreten. Was soll daran schlecht sein? Die Mehrheit der guten Menschen versichert sich von Zeit zu Zeit ihrer Mehrheit. Diese schweigende Mehrheit des Guten ist nur durch Demagogen und auch nur zeitweise zu beeinflussen. Demagogen nannte man früher die Populisten. Der eigentliche Mut des Busboykotts lag bei Rosa Parks, denn sie wusste ziemlich genau, dass ihre harmlose Aktion – nämlich auf dem Platz für Weiße einfach sitzen zu bleiben – für sie tödlich enden konnte. Für die Bewohner von Montgomery und die Besitzer der Busgesellschaft dagegen verwirklichte sich nur, was in der Bibel und in der amerikanischen Verfassung geschrieben steht. Deren Frage war falsch gestellt: woher nehme ich die Garantie, dass, wenn einmal die Schwarzen die Mehrheit haben, ich noch einen Platz im Bus bekomme. Die Frage ist ungefähr so sinnvoll wie die Frage des alten Mannes in Georg Kreislers Lied ‚Der Hund‘, was nämlich macht, wenn ein Krieg kommt und Welt untergeht, mein Hund.

Hamlet ist auch ein Fake und keine Wirklichkeit, wir lernen daraus trotzdem, dass wir uns mit überlanger Prokrastination nur schaden. Aber wir lernen aus Hamlet auch, dass es schwer ist, über seinen Schatten zu springen. Deshalb ist Veränderung ein ungeheuer langsamer Prozess, der hin und wieder von traumatischen Ereignissen durchbrochen wird. Die Ergebnisse von beiden Entwicklungslinien sind nicht voraussehbar, die Zeit ist andererseits irreversibel, unumkehrbar. Davon träumen die Fiktionen, an denen wir uns mehr und mehr erfreuen. Es gab einmal eine Zeit, wo viele Menschen Angst hatten, dass die Märchen durch ihre Grausamkeit den Kindern schaden könnten. Man nahm vielleicht an, dass jedes kleine Mädchen, das nicht schnell genug in seine neuen Schuhe zu schlüpfen imstande wäre, sich die Hacken abhacken würde. Der vielleicht berühmteste Märchenforscher und Kinderpsychologe Bruno Bettelheim fand heraus, dass Kinder Märchen brauchen und die Grausamkeiten als Fake oder Fiktion erkennen. Kinder wollen immer wieder hören und sehen, dass das Gute siegt, so wie in dem Essener Bus.  Die alten Griechen, von denen wir die ersten großen Erzählungen auf der Bühne haben, unterschieden auch schon in Komödien, in denen man über die Fehler der Protagonisten lachen kann, und Tragödien, wo sie sterben und wir mit geläuterter Seele nach Hause gehen. Die große Erzählung von David und Goliath weiß nichts vom falschen Triumph der Schwachen, sondern von der Erneuerung der Eliten. Bekanntlich wird der siebte Sohn des Hirten, der seinen Brüdern nur das Essen bringen soll, König und Begründer einer Dynastie, und zwar nur weil er die bessere Technologie hat.

Globalisierung beginnt nicht mit Kolumbus, der übrigens weder Amerika entdecken wollte noch sonderlich über die Zukunft der Menschheit nachdachte, sondern der einfach reich und glücklich werden wollte, wie wir alle. Besonderen Wert legte er auf den Titel Vizekönig von Indien. Trotzdem kann man das Ignorieren der Globalisierung mit dem Ignorieren der Kartoffelgestalt der Erde vergleichen und als präkolumbianisches Denken bezeichnen. Genau genommen ist es aber auch gar kein Denken, sondern ein Beharren.

Manche Menschen behaupten, dass sie, wie in der Diktatur, bestimmte Dinge nicht mehr sagen oder eben fragen dürften, sie nennen das dann Meinungsdiktatur, Lügenpresse, Gutmenschenfaschismus. Aber sie fragen jedes Mal das gleiche: ob jemand ihnen die Garantie geben könnte, dass im Essener Busfake, wenn die anderen die Mehrheit haben, sie sich dann für uns genauso einsetzen wie wir jetzt für sie. Dieser merkwürdige Gedankengang unterstellt, dass jemand die Zukunft voraussagen könnte oder dass politische Konstrukte, wie Staat, Sozialversicherung oder LAGESO, eine größere Halbwertzeit als hundert Jahre haben könnten. Letztlich ist die Frage eine Variation des berüchtigten Honecker-Satzes vom 19. Januar 1989, der übrigens auch stark tautologisch und demagogisch war, dass nämlich die Mauer noch fünfzig oder hundert Jahre bestehen bliebe, wenn sich die Bedingungen nicht änderten. Bekanntlich änderten sich die Bedingungen schneller, als Honecker denken konnte.

Von der Globalisierung profitieren wir alle, indem wir unsern Reichtum dem Export verdanken. Dabei spielen Waffen zum Glück zahlenmäßig nur eine untergeordnete Rolle von unter einem Prozent. Hauptsächlich exportieren wir Autos, Maschinen, Chemie- und Pharmaziewaren sowie Elektronik. Von der Globalisierung profitieren wir aber auch ganz persönlich, indem wir ein Handy benutzen, in dem Seltene Erden verwendet werden, das ist die etwas irreführende Kurzbezeichnung für gar nicht einmal so selten auftretende Metalle, die aber schwer zu gewinnen sind.

Globalisierung ist aber auch die Reise in den Hotelkomplex irgendeines Landes, dessen Bewohner viel ärmer sind als wir, die aber auch, indem sie uns bedienen oder Seltene Erden fördern, von der Globaliserung Nutzen haben und nicht etwa nur an den Folgen des Kolonialismus leiden. Wir leiden übrigens auch an den Folgen des Kolonialismus, indem manche Menschen immer noch nicht wissen, dass alle Menschen Brüder und Schwestern sind. Damals war Verbrüderung verboten, weil man Verkafferung befürchtete, ein Wort, das in den Köpfen einiger Menschen als archaische Angst herumspukt.

Schließlich aber ist die Globalisierung die Hauptursache dafür, dass die großen und wichtigen Länder der Welt keinen ernsthaften und großen Krieg mehr führen. Zwar gibt es noch Bürgerkriege, in denen auch Interessen der Nachbarländer oder sogar der Großmächte oder Möchtegerngroßmächte kollidieren. Aber alle diese bedauerlichen und überflüssigen Konflikte sind nicht mit dem Dreißigjährigen Krieg des siebzehnten Jahrhunderts (1618-1648) oder gar mit dem dreißigjährigen Krieg des zwanzigsten Jahrhunderts (1914-1945) vergleichbar.

Obwohl Nietzsche sich selbst eher als scharfsinniger Beobachter gesehen haben wird, weniger als Konstrukteur einer neuen Gesellschaft, hat er zur Konstruktion der Zukunft, also unserer Gegenwart, doch einige Bauteile geliefert: die Umwertung aller Werte und Abschaffung restriktiver Moral etwa und eben die notwendige Beseitigung der Grenzen.

 

Ihr führt Krieg?

Ihr fürchtet euch vor einem Nachbarn?

So nehmt doch die Grenzsteine weg –

so habt ihr keinen Nachbarn mehr.

FRIEDRICH NIETZSCHE, Nachlass 1883, KSA Band 10, S. 137

Angst und Verachtung sind die eigentliche Katastrophe. Die Lösung aller Katastrophen aber ist Zuversicht.

DAS WACHSENDE HAUS

Nr. 176

Am Anfang war das Wort. Aber dann kam schon die Hütte. Wir Menschen brauchen immer ein Obdach und oft auch einen Mentor, aber da wir fast immer nach der trial and error Methode vorgehen, müssen wir manchmal dutzende oder hunderte von Jahren mit unseren Irrtümern leben und lernen dabei auch Widerstand und Geduld. Vielleicht ist dies auch ein Generationenkonflikt: am Anfang leisten wir Widerstand und später folgen wir den Mentoren, die schon alt waren als sie uns den Rat gaben, Geduld zu lernen und zu üben.

So kann man die Geburt der Renaissance, was ja Wiedergeburt heißt und somit wunderbar den Ausschnitt aus dem uns unendlich erscheinenden Zyklus von Werden und vergehen beschreibt, in das Florenz des ersten Drittels des 15. Jahrhunderts (italienisch Quattrocento) datieren. Masaccio, der Schüler, der schon Meister war, gestaltet in seinem Fresco Dreifaltikgkeit die Dreidimensionalität und sein Lehrer Brunelleschi vollendet 1436 die Kuppel des Doms, erfindet dabei den Rückwärtsgang eines Getriebes und überholt die Byzantiner, die kurz darauf den Osmanen unterliegen, die dann weiter Kuppeln bauen, die ihren Gipfel in Mimar Sinan erreichen. Die Weltgeschichte kann man in einem Satz einzufangen versuchen.

In Berlin wurde einst ein komplexes Nahverkehrssystem für eine Weltstadt entwickelt. Berlin leistete sich früher auch Stadtbaudirektoren, die Meilensteine der Baugeschichte setzten. Ludwig Hoffmann überzog die Stadt mit einem Netz wunderbarer Bildungseinrichtungen, Gemeindeschulen, deren kathedralartige Elemente den unterprivilegierten Schülern wenn schon nicht Perspektiven aufzeigen, so doch Raum für Trost bieten konnten. Indessen nahm das Elend nicht in dem Tempo ab, wie es notwendig gewesen wäre. So gesehen kann man den ersten Weltkrieg auch als ein großes Ablenkungsmanöver von den Nöten der Zeit sehen, wahrscheinlicher aber ist er das erste gescheiterte Rückzugsspektakel des Konservatismus. Man wird nicht behaupten können, dass mit dem sozialen Wohnungsbau auch tatsächlich alle sozialen Probleme gelöst werden können. Das Gegenteil, dass man nämlich mit einer Wohnung einen Menschen wie mit einer Axt erschlagen könne, ist sowohl behauptet (Heinrich Zille) als auch lange Zeit zitiert worden.

Dagegen trat nun der Stadtbaudirektor Martin Wagner mit seiner Idee des sozialen Wohnungsbaus an. In Ernst Reuter fand er seinen Senator, in einer ganzen Phalanx von hervorragenden Architekten und Landschaftsarchitekten kongeniale Mitarbeiter. Poelzig bezeichnete Wagner als Regisseur des Bauens. Einige der damals gebauten Wohnsiedlungen gehören heute zum UNESCO-Weltkulturerbe (Schillerpark, Hufeisensiedlung, Wohnstadt Carl Legien, Siemensstadt, Weiße Stadt). Viel später verkam der soziale Wohnungsbau zu einer urbanen Subkultur, zu den berüchtigten Plattenbauten an den Rändern schnellwachsender Großstädte, suburbs, banlieus, gecekondus, Vorstädte, Wohnsilos. Das moderne Ghetto fand hier seine Heimat.

Martin Wagner wurde von den Nazis entlassen. Er lebte noch einige Jahre in Berlin wie ein Flüchtling. Weil er es nicht ertragen konnte, ohne Arbeit, ohne Einkommen, ohne die Fortführung seiner großen Ideen zu sein, setzte er sich jeden Morgen in die S-Bahn und fuhr von seinem Reihenhaus im Eichkamp in Charlottenburg an die Stätte seines einstigen Wirkens, das Rote Rathaus. Sein Freund Hans Poelzig verschaffte ihm einen Beraterauftrag in Istanbul, wo allerdings keines seiner geplanten Häuser gebaut wurde. Wieder ein paar Jahre später wurde er Harvardprofessor, fand noch einmal seine Bestimmung als Stadtplaner und entwickelte etwas, das wir heute im doppelten Sinn gut gebrauchen könnten: das wachsende Haus.

Schon in Istanbul muss Wagner beim Anblick der vielen Moschee- und Marktkuppeln (Bedestan) die Idee seines Igloo Hauses gekommen sein, das größte Variabilität auf kleinstem Grundriss ermöglicht. Über dem kreisrunden Grundriss erhob sich eine vorgefertigte Kuppel, außen aus Stahl, innen aber mit Sperrholz ausgeführt. Diese Igloo-Elemente konnten beliebig kombiniert werden. Ebenfalls vorgefertigte Fundamente aus Stahlbeton zeigen die Herkunft Wagners aus dem deutschen Wohnungsbau, der eben auch die Vorfertigung (Schinkel) und den Plattenbau hervorgebracht hat. Die erste deutsche Plattenbausiedlung hatte Wagner selbst entworfen, sie befindet sich in Friedrichsfelde, im Berliner Stadtbezirk Lichtenberg. Der heutige Name der Splanemann-Siedlung ehrt einen kommunistischen Widerstandskämpfer, der alte Name ‚Kriegerheim-Siedlung‘ war nach zwei Kriegen für die Bewohner und den Erbauer unerträglich geworden.

Martin Wagner wurden zwar von General Motors die Patentkosten bezahlt, aber sonst fand sich kein Investor für seine großartige Idee, die für den normalen Wohnungsbau, für schnell erforderlichen Wohnraum, für Wochenend- und Zweitwohnungen, auch für den militärischen Unterkunftsbau geeignet gewesen wäre. Er stand im Briefwechsel mit seinem berühmten Kollegen Richard Buckminster Fuller, der auch schon ökologische Gedanken mit seinem ganz ähnlichen Projekt, dem Dymaxion, verband. Beide waren zu früh gekommene Denker und Konstrukteure.

Warum nun eine so großartige Stadt wie Berlin sich weder auf die in ihr geborenen Ideen besinnt noch diese Ideen überhaupt erinnert, statt dessen ein Bild des hilflosen Durcheinanders bietet, gerade auf den Gebieten, wo sie schon einmal weltweit führend war, bleibt unverständlich. Knapp hunderttausend Flüchtlinge kamen in den letzten Wochen und Monaten nach Berlin. Teils sind sie in komfortablen Containerbauten untergekommen, teils in vorhandenen Heimstätten, aber eben auch in konfiszierten Turnhallen und anderen unwürdigen Massenunterkünften. Jeder weiß, dass es dort zu Stress und Hysterie kommen muss. Warum weiß niemand Verantwortliches, dass der bedeutendste Berliner Stadtplaner einst Häuser ersann, um genau so eine Krise zu meistern. In schneller und doch ökonomischer und ökologischer Bauweise hätten Wohnstätten entstehen können, die Lücken gefüllt und die Menschen menschenwürdig und sogar komfortabel dezentral untergebracht hätten. Zudem sind diese Kuppeln ein wunderbares Architekturzitat, eine hochsignifikante Metapher für das Himmelszelt, dessen moralisierende Funktion zwar in Königsberg beschrieben, aber gleichwohl in Deutschland und anderswo vergessen wurde. Schon lange fragen sich viele Menschen, wann endlich von Berlin wieder Gedanken ausgehen von der Größe der Relativitätstheorie, Ideen verwirklicht werden von der Art des wachsenden MW-Hauses, übrigens befand sich auch das erste Kraftwerk der Welt in Berlin. Auch andere Obdachlose, denn was sind Flüchtlinge?, kann man auf diese Weise unterbringen. Überhaupt müssen wir endlich darüber nachdenken, dass es zwischen Sesshaftigkeit und Nomadentum keine Hierarchie gibt, es ist die eine Lebensweise nicht der anderen überlegen. Es ist überhaupt keine Lebensweise einer anderen überlegen. Trotzdem und gerade deswegen können und müssen wir voneinander lernen. Das wird im täglichen Kleinleben auch nicht so sehr bezweifelt, im großen Leben dagegen prallen immer wieder einmal Ideen aufeinander, darunter auch solche, die längst vom Leben widerlegt wurden. Andere, gute, wichtige dagegen stehen in der Warteschlange.

 

 

Für meine zahlreichen österreichischen Leser bemerke ich noch, dass Martin Wagner aus einer nach Ostpreußen ausgewanderten Salzburger Familie stammte. Das MW-Haus habe ich den Aufzeichnungen seines Sohnes, ‚Martin Wagner – Leben und Werk‘, Hamburg 1985 entnommen. Zwei nicht unbedeutende Quellen, Dehio und Wikipedia, geben für das Weddinger Rathaus einen anderen Architekten, einen Mitarbeiter Wagners, an.

DIE EINEN KENNEN DIE ZUKUNFT, DIE ANDEREN DIE VERGANGENHEIT

 

Nr. 175

In diesen Tagen hat man den Eindruck, sich argumentativ im Kreise zu drehen. Wir haben jahrelang die Leere, den Mangel an Innovation, die Talent- und Tatenlosigkeit, den politischen Unwillen und den Reformstau beklagt. Wir sprachen schon von einer überangepassten Generation ohne jeden Widerstandswillen. Solche Beschimpfungen sind ohnehin meist Verklärung der eigenen Jugend. Jeder findet sich richtig.

Nun ist aber die Veränderung eingetreten. Der ängstliche Rand der Gesellschaft verkriecht sich in archaische Verhaltensmuster: es wurden bisher 1000 Flüchtlingsheime angezündet, zum Glück ohne ernsthafte Opfer. Das ist der rechte Rand der Gesellschaft. Er will, dass Deutschland so bleibt, wie es einmal war. Wir wissen, dass das nicht geht. Die umwerfendsten Veränderungen treten ein, wenn man die Rechten gewähren lässt. Dann bricht das ganze Land, samt Staat, Moral und Ordnung zusammen. Lässt man dagegen die Linken gewähren, mangelt es bald am notwendigsten. Im letzten Spiegel schreibt ein prominenter Linker, dass nicht ernstzunehmen sei, wer nicht 140 Zeichen weit denken könne: zur Abschaffung des Kapitalismus. Er könne es. Aber wir wissen, wohin es führt. Petry, die rechte Galionsfigur, fordert schon Mauern, Waffengewalt und Homogenität. Der rechte Rand reicht weit, manche haben Angst und glauben, dass es europaweit zu einer Rückkehr der rechten Gewaltherrschaft kommen könnte. Das kann niemand ausschließen, die Wahrscheinlichkeit ist aber nicht sehr hoch.

Im FAZ blog stand kürzlich ein langer Artikel voller Einzelheiten von einem und über einen alten Mann, der nachts in seiner Sparkasse keinen höheren Geldbetrag zur Bezahlung eines Gemäldes und für eine Urlaubsreise abholen konnte, weil dort vier schwarzhaarige Fremde frech grinsend herum lungerten. Das ist in der Tat unangenehm. Wer hätte die Situation an seiner Stelle ignorieren können? Das Deutschland, aus dem er käme, argumentierte er, kannte so etwas nicht. Nein, in dem Deutschland, aus dem er kommt, konnte man nachts keine Geldbeträge abholen. Ein Nazi war Ministerpräsident eines Bundeslandes und bis in die 80er Jahre war es gang und gäbe, Kinder und Jugendliche so lange zu schlagen, bis die Putzfrau das Blut aufwischen musste. Im anderen Teil Deutschlands kam die renitente Jugend in Jugendwerkhöfe, wurde von der weiteren Bildung ausgeschlossen oder an der vermauerten Grenze erschossen. In meiner Jugend hatten die Alten Angst vor den Jugendlichen, die mit Kofferradio am Bahnhof standen, lange Haare hatten und Elvis Presley und dann Beatles und Rolling Stones hörten. Das Schreckgespenst waren damals die langen, heute sind es die schwarzen Haare. Genauso unredlich ist es, wenn man Ursache und Wirkung in ihrer Reihenfolge umdreht. Jeder weiß, dass die Bundeskanzlerin ihren berühmten menschenfreundlichen Satz erst sagte, als schon über eine halbe Million Flüchtlinge in Deutschland waren. Warum muss man also immer wieder so tun, als hätte Angela Merkel die Menschen in Syrien und Eritrea, im Irak und in Afghanistan erst eingeladen und dann wären sie gekommen.  Es ist noch unredlicher, jetzt plötzlich die offenen Grenzen zu beklagen, die erfreulicherweise sowohl durch konservative als auch sozialdemokratische Regierungen Europas nach und nach geöffnet wurden, was besonders diejenigen zu schätzen wissen, die früher selbst eingemauert waren. Grenzen und Mauern, Schießbefehle und Verfolgungsjagden scheitern und müssen scheitern, auch wenn sie sich selbst durch Teilerfolge zu beschwichtigen suchen. Die Flüchtlingskrise ist seit zehn Jahren vorausgesagt worden, allerdings bleiben die Bücher der Demografen weitgehend  unbeachtet. Die Flüchtlingskrise ist weder durch die einladenden Worte der deutschen Kanzlerin noch durch ein zu lasches Grenzregime ausgelöst worden, sondern durch Pest, Krieg und Hunger. Kennedy wusste es in seiner berühmten Antrittsrede noch, seither scheint es vergessen.

Nun ausgerechnet den Kapitalismus abschaffen zu wollen, der übrigens eine Wirtschaftsordnung und keine Person ist, der bei allen Kriegen, Widersprüchen und fortgeschriebenen Ungerechtigkeiten durch seine industrielle Massenproduktion den Hunger von 90% der Bevölkerung auf unter ein Siebtel, also etwa 14% gedrückt hat. Die Menge der Lebensmittel ist durch den Kapitalismus schneller gewachsen als die Menge der Menschen, die sich allein im zwanzigsten Jahrhundert zweimal verdoppelt hat: von zwei auf vier, dann von drei auf sechs Milliarden.

Keinesfalls besteht der Kapitalismus nur aus dem Streben nach Maximalprofit. Wir wissen und ignorieren es alle: er besteht auch aus dem Streben nach Maximalkonsum. Und um dieses beides zu bedienen, gibt es eine im Norden weitgehend automatisierte und rechnergesteuerte, im Süden auf Hand- und Kinderarbeit beruhende Produktion, deren Produkte billig sind, aber deren Preis hoch ist. Würden wir die heute noch bestehenden Konsumtionsprobleme mit der Enteignung der Reichen lösen wollen, so wäre das erstens einmalig und zweitens würden die anderen beiden Probleme, Krieg und Pest, fortbestehen. In einem Punkt scheinen sich aber alle Linken, Grünen, Christen, Buddhisten einig zu sein: wir müssen sofort aufhören Waffen zu produzieren. Es wäre dies ein genauso traumatisch erlebter Einschnitt wie die Öffnung der Grenzen. Die Angst vor neuen Problemen darf uns nicht hindern, alte Probleme zu lösen. Wir brauchen kolumbianischen Mut, aber mit aufgeklärter Moral. Viele Flüchtlinge scheinen den zu haben.

Stellen wir uns einmal vor, wir müssten oder wollten nach Eritrea flüchten. Wir können die Sprache nicht, die meisten wissen noch nicht einmal, welche Sprache man dort spricht. Wir kennen das politische System, die Religionen, die Kultur, das Essen, das Wasser nicht. Man kann im Internet oder im Fernsehen mehr über Deutschland erfahren als über Eritrea, sicher, das ist ein Unterschied, aber das emotionale Empfinden, das Urvertrauen, das von einem Land ausgeht, das wird genau so weitergegeben wie zu Zeiten des Alten Testaments: von Mund zu Mund (wenn auch ein Smartphone dazwischen geschaltet ist). So gesehen ist die Flüchtlingskrise eine Bestätigung für den guten Ruf Europas und des Kapitalismus: hier liegt die Hoffnung, nicht in deren Abschaffung. Wir müssen uns gegenseitig Mut machen, statt die Mutmacher fortwährend zu verunglimpfen. Keiner kennt die Vergangenheit oder die Zukunft. Obwohl wir alle einen Rechner haben: alles lässt sich nicht berechnen. Zum Leben gehören immer auch Mut, Vertrauen, Glauben und Wissen.

rst8hilfe

 

1          Der Kapitalismus ist kein Wolf, sondern wir.

            Der Wolf ist kein Untier, sondern der Vorhund.

2          Der Kapitalismus hat zwei böse Seiten:

            Maximalprofit und Maximalkonsum.

3          Früher war alles schlechter. Alles.  

4          Das Hauptproblem der Menschen sind ihre Waffen.

5          Bildung ist die einzige Lösung aller Probleme.   

SCHACHMATT FÜR DEN GROSSMUFTI

für Raif Badawi, meinen berühmten Bloggerkollegen

 

Der Mensch spielt nur da, wo er ganz Mensch ist

und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.

Friedrich von Schiller

 

Teile und alle werden satt,

spalte und alle werden vernichtet.

Yunus Emre

 

Groß ist nicht, wer sich groß nennt. Auch ein Amt kann nicht groß machen, so viele sind durch ihr Amt winzig geworden, Staub, vergessen, vergangen. Groß wird man durch Taten, die länger als Menschen wirken. Groß wird man durch Ideen, die Menschenleben verbessern, Menschen beflügeln. Gott hat die Welt nicht für Ordnungshüter geschaffen, sondern für uns, die Menschen, und uns helfen dabei solche Riesen wie Ibn Ruschd,  Sinan, Bach, Michelangelo, Shakespeare, Einstein.

Seit Jahrhunderten wird Schach gespielt. Seit Jahrtausenden wird gespielt. Es spielt der Mensch, es spielt das Tier. Spiel ist nicht nur etwa Zerstreuung, die durch Permaernst ersetzt werden müsste oder könnte. Spiel ist die Voraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben. Das Spiel der Kinder modelliert das Leben, bildet es zur Probe ab. Aber weder das Lernen noch die Arbeit substituiert das Spiel. Vielmehr bilden die drei, je älter der Mensch wird, eine komplementäre Dreiheit. Das schließt keinesfalls die transzendenten Tätigkeiten des Menschen aus, allerdings ist auch hier die Religion nur ein Drittel, die anderen beiden sind Kunst und Philosophie. Besonders in der Kunst berührt der zweite transzendente Kreis den ersten praktischen Kreis menschlicher Tätigkeiten, und zwar im Spiel. Eine Reihe von Künsten werden im Spiel ausgeübt: Theater, Tanz, Musik.

Die populärsten Spiele überhaupt waren mehrere Jahrhunderte lang Schach und Fußball. Sport muss jüngeren Datums sein, da er früher nur als Ritterturnier, also nur für die Eliten vorkam. Ansonsten ist Sport ein Kind der Sattheit. Wer mehr isst, als er durch Arbeit verbrennen kann, braucht Sport. Schneller als man überhaupt denken kann, sind diese beiden Spiele aber durch Millionen von Computerspielen überholt worden, die von Milliarden Menschen gespielt werden. Es ist so, wie mit der katholischen Kirche und der Wiederzulassung Wiederverheirateter Geschiedener zum Abendmahl. Das betraf früher die Mehrheit der Menschheit. Heute versteht die Mehrheit gar nicht, was das sein soll. Sechs Milliarden Menschen kennen kein Abendmahl. Sechs Milliarden Menschen werden von dem Schachverbot noch nicht einmal hören, obwohl sich sonst die Schlagzeilen und die Nachrichten überholen.

Die Ignoranz wird die Ignoranten teuer zu stehen kommen, das war schon immer so, jedoch können über dem Schachverbot oder der Hinrichtung eines religiösen Führers der Gegenpartei einst bedeutende Staaten zu Wüstenoasen verkommen.

Saudi Arabien, das nicht so sehr von seinem greisen und gebrechlichen König Salman, sondern wahrscheinlich viel mehr von seinem überaus agilen Sohn Mohammed bin Salman (MBS) geführt wird, der gleichzeitig faktischer Außenminister, wirklicher Verteidigungsminister, stellvertretender Ministerpräsident und Vizekronprinz ist. Er führt den Krieg gegen die Schiiten im Jemen, er schürt den Krieg gegen die Schiiten im Iran, er fährt Verluste im dreistelligen Milliardenbereich ein, um den Ölpreis verfallen zu lassen. Man kann im Koran überall nachlesen, dass das nicht gutgehen kann. Der Koran verpflichtet die Muslime zu dem, was alle Menschen guten Willens wollen und tun: Gutes. Wetteifert darum in guten Werken, heißt es zum Beispiel in 5:49. Ob dazu Flächenbombardements gegen Glaubensbrüder gehören, kann man gerne bezweifeln. Richten kann allerdings nur einer.

In derselben Sure (5:91) steht auch, womit ebenfalls alle vernünftigen und gutwilligen Menschen der ganzen Welt und der ganzen Geschichte übereinstimmen: dass Glücksspiele und Wein, Götzenbilder und Lospfeile Werke des Bösen sind, in anderen Übersetzungen kann das ein wenig abweichen, der Sinn bleibt. Glückspiele sind sinnlos, weil sie falsche Hoffnungen auf schnelles Geld wecken, die fast immer, zu 99,99% enttäuscht werden müssen. Ein anderer großer Prophet hat bekanntlich die Geldwechsler und Glücksspieler aus dem Tempel geworfen.

Es gibt jedoch in keinem der heiligen Bücher einen Hinweis darauf, und kein vernünftiger Mensch wird darauf kommen, dass Spiel überhaupt verboten sein könnte. Im Gegenteil beteiligten sich auch große Propheten wie zum Beispiel Salomon (Suleiman, Salman) am Spiel der Menschheit.

Die Ignoranz geht indessen weiter, als man auf den ersten Blick sehen kann. Schach hat schon immer den Nebenblick auf die Mathematik und die Philosophie gehabt. Die großen Schachspieler waren die ersten Nerds. Darunter waren auch bedeutende Politiker, wie zum Beispiel Sultan Saladin, der zurecht der Große genannt wird.

Die Mathematik der letzten Jahrzehnte hat mit ihrer Spieltheorie versucht, das menschliche Denken, aber auch Taktik und sogar Strategie zu modellieren, um all diese Denkhilfsmaschinen zu konstruieren, die unser Leben effektiv, schnell und schön machen. Wenn wir die Druckerpresse mit beweglichen Lettern einbeziehen, dann ist das ein Prozess, der seit fünfhundert Jahren an Tempo und Wirksamkeit exponentiell zunimmt. Nach der Druckerpresse kamen die Telegrafie, die Kinematografie, die Schallplatte, das Radio, das Tonband, das Fernsehen, der Computer, die CD, das Smartphone. Die Produktion fast aller Gegenstände wird heute von Computern gesteuert und von Robotern realisiert. Eine der ersten Maschinen, leider war es ein Fake, war der so genannte Schachtürke von Johann Nepomuk Mälzel, den er ab 1804 vorführte, der aber ungeachtet seines von Edgar Allan Poe logisch hergeleiteten Trickcharakters die Diskussion um die künstliche Intelligenz  beschleunigte.

Die Entspannung, die das Spiel dem Menschen gewährt, ist wesentlich mehr wert als alle Verordnungen von Fundamentalisten. Der wahre göttliche Funken trifft auf den Menschen wahrscheinlich nicht so sehr im Gebet als im Spiel. Das Gebet ist die Hinwendung und die Konzentration des Menschen, im Spiel dagegen entfaltet sich der Mensch als Abbild dessen, dessen Abbild er ist. Das Spiel modelliert die Welt und die Welt modelliert das Spiel, bei Schach und Fußball ist es so offensichtlich, dass es niemandem entgehen dürfte. Das Leben verwirklich Geschichten, und Geschichten sind konzentriertes Leben. Träume sind erinnerte Wege, Wege sind erinnerte Träume.

Der ganze Nahe Osten spielt Schach, in jedem türkischen Café spielen die alten Männer, in Europa, in Amerika. In Asien gibt es ähnliche Spiele. Wir werden für ein paar Jahre – vielleicht – auf Saudi Arabien verzichten müssen, aber dann, niemand wird mehr wissen, wie der Großmufti hieß, wird ein Araber – endlich – Schachweltmeister.

DSCF2959

Sokollu Mehmet Pasha Camii in Istanbul,  gebaut von Mimar Sinan

 

 

ÜBER WEGE UND WEGWEISER

 

Nr. 173

Dadurch dass man manchmal einen veralteten und verstörenden Wegweiser findet, der auf eine Straße weist, die schon lange nicht mehr benutzt wird, die von einer Bahnlinie durchschnitten wird, die es seit hundert Jahren schon gibt und an der ohnehin nur ein einziges verlassenes Haus steht, dadurch glaubt man, dass die Wegweiser das Orientierungsproblem sind. Es ist aber eher umgekehrt. Die Wegweiser werden rechtzeitig gewechselt, aber die Wege bleiben noch lange Zeit bestehen. Dieselbe Sucht nach Gewohnheit und Vertrautheit lässt aber auch Wege ohne Wegweiser, gar ohne Erlaubnis oder im Widerstand gegen Weisungen entstehen.

Immer wieder kann man lesen oder hören, die DDR hätte den Menschen die Religion genommen. In der Tat war die DDR nicht religionsfreundlich. Aber der verordnete Atheismus der DDR traf ja doch wohl auf Menschen, die gerade massiv gegen das Tötungsverbot verstoßen hatten. Oder haben sie in Stalingrad gebetet? (Es ist noch schlimmer, sie hatten sogar Pfarrer dabei, die den Sieg der Mörder gewünscht haben.) Von dem gottlosen Attentäter in Paris oder Istanbul wird behauptet, er  sei ein radikaler Muslim. War dann der Eroberer von Stalingrad nicht ein radikaler Christ? Und ist unsere Empörung gegen diese Erkenntnis nicht nur aus unserer Vertrautheit mit dem Christentum, unsere Annahme, dass der Islam aggressiv sei nicht nur unserer Unkenntnis geschuldet? Eine Milliarde Muslime sind jedenfalls offensichtlich keine Attentäter. Und natürlich sind die Deutschen, die in Stalingrad Massaker verübten, nicht als Christen dorthin gezogen. Aber dann ist auch der DDR-Atheismus nicht schuld an der Entchristianisierung. Die DDR hat weder wirtschaftlich noch kulturell wirkliche Spuren hinterlassen, aber sie, ein schwächelndes, von Moskau gehaltenes inkompetentes Regime soll eine Weltreligion gestürzt haben? Eine Religion, die verspricht, Menschen aus der Not zu befreien, muss sich nicht wundern, wenn niemand kommt. Es gibt gar keine Not mehr. Und Weihnachten, das vielbeschworene Wunder der Liebe, kommt nicht von allein, sondern nur, indem man auf Menschen zugeht. Wer Angst vor Menschen in Not hat, kann sich nicht als Christ oder Muslim oder Jude bezeichnen. Die höchsten Ziele, die wir anstreben können, Mensch zu sein und Liebe zu geben, sind ohnehin unabhängig davon, ob wir Christ, Muslim, Jude, Buddhist, Hindu, Zeuge Jehovas oder Hutterer, Marxist oder Anthroposoph sind oder waren oder werden.

Der Vorsitzende der polnischen Partei Recht und Gerechtigkeit, der gerade Recht und Gerechtigkeit zugunsten von zurückgekehrtem Nationalismus aufgeben will, hat seine Doktorarbeit bei einem Professor geschrieben, der die Vorstellung von Politik als Direktorat hatte. Genau diese Vorstellung versucht Kaczynski zu verwirklichen, obwohl er nicht nur kein Marxist, sondern natürlich Antikommunist ist. Außerdem hasst er aber Deutschland und Russland und alle Menschen, die sich ihm in den Weg stellen. Wenn er und seine Partei nicht regieren, dann, will er seine Landsleute glauben machen, wird Polen von einem deutsch-russischen geheimen Direktorium regiert. Liebt er Polen oder liebt er die Macht oder liebt er gar nur sich? Gewählt wurde er wegen der von ihm versprochenen Einführung des Kindergelds von 125 €, wir müssen vor unseren polnischen Nachbarn also keine Angst haben. Wegweiser, ob falsch oder richtig, kommen und verschwinden immer schneller als die Wege.

Auch bei uns in Deutschland tobt gerade ein Streit, nicht weil jemand den Weg weiß, sondern weil niemand den Weg weiß. Über Nacht scheinen alle Wegweiser umgedreht zu sein. In solch einer Situation werden immer die alten Fahnen und Wegweiser aus den Verstecken geholt. Die ganze Kraft wird in den Blick zurück gesteckt. Da bleibt kein Mut für den Weg ohne Wegweiser und ohne Wegweise. Wegweise gibt es nur alle hundert Jahre. Als Willy Brandt vor dem Denkmal des Warschauer Ghettos kniete, haben viele Polen das als Demutsgeste Polen gegenüber verstanden, viele Juden haben es als Schuldbekenntnis aller Deutschen genommen und die Deutschen waren erleichtert. Diese eine schlicht-emotionale Attitüde hat ein Tor in eine ganz neue Politik aufgestoßen, hat letztlich den gesamten Ostblock destabilisiert. Und wieviel Millionen Katholiken wird es geben, die gedanken- und gefühllos auf den Knien auswendig gelernte Gebete herunterleiern? Die millionenfach missbrauchte Attitüde kann zum einsamen Symbol, zum Wegweiser für ganze Generationen werden. Der selbstgewollten Demütigung des einzelnen, wenn sie Wegweise sind, kann die Ermutigung ganzer Völker folgen.

Ein Weg ist oft eine Chance und ein Wegweiser eine Hoffnung. Aber genauso oft gehen wir Irrwege, weil wir aberwitzigen Wegweisern folgen, die von früher hier stehen oder die der böse Wille aufgerichtet hat. Seit wir die rationalen Jahrhunderte erreicht haben, trauen wir uns selbst nicht mehr über den Weg. Wir misstrauen unseren Träumen und Emotionen. Wir haben nicht nur Angst vor dem Weg, wie unsere Vorfahren, sondern vor uns selbst. Wer Angst vor neuen Wegen oder neuen Weggefährten hat, lese das Schiffstagebuch des goldgierigen Kolumbus. Sein Ziel war nicht Amerika, sondern Vizekönig zu werden. Für wenige von uns gibt es keinen richtigen Weg, weil es gar keinen Weg für sie gibt.

Für die andern gilt die Weisheit des großen Gelehrten aus Basra, al Hariri (1054-1122), übersetzt von Friedrich Rückert (1788-1866):

WAS MAN NICHT ERFLIEGEN KANN, MUSS MAN ERHINKEN.

rochusthal3

FRIEDLAND FÜR ALLE

Nr. 172

In dem Film ‚Populärmusik in Vittula‘ von Reza Bagher fallen alte Weiber in der Einöde der schwedisch-finnischen Grenzregion in Ohnmacht, als sie nicht nur zum ersten Mal in ihrem Leben einen Schwarzen sehen, sondern einsehen  müssen, dass sie sich nicht mit dem polyglotten schwarzen Missionar verständigen können. Nur der kleine Matti hatte in einem Radiokurs Esperanto gelernt.

Wenn man die aktuellsten Nachrichten vom heutigen Morgen mit den ältesten Berichten etwa aus der Bibel vergleicht, dann könnte man zu dem gewiss trivialen Schluss kommen, dass die Weltgeschichte in Wellen der Wanderungen ganzer Völker und einzelner Familien verläuft. Moses führte sein Volk aus Ägypten. Die Familie von Jesus musste vor dem Knabenmord des Herodes nach Ägypten fliehen. Nero ließ in Rom Christen anzünden. Mohammed wurde aus Mekka vertrieben, und der von ihm gewählte Ort heißt heute Medina, Stadt des Propheten. In der Nacht zum 24. August 1572 ermordete man in Paris tausende Protestanten. Das Wort Pogrom für die Massaker an Juden stammt dagegen aus Russland. Das größte Pogrom war der Holocaust. Danach flohen rund zehn Millionen Deutsche vor der Rache des Ostens in den Westen. Das war vor siebzig Jahren. Vor sechzig Jahren kamen die ersten Gastarbeiter nach Deutschland. Seit fünfzig Jahren wohnen Millionen Türken bei uns. Schon immer kommen Kriegsflüchtlinge. Noch nie wurden Flüchtlingen Autobusse und Eisenbahnen entgegengeschickt. Trotzdem ertrinken immer noch Menschen im Mittelmeer und ist der Schrecken des in der Wüste und auf dem Meer Erlebten in den Augen jugendlicher Flüchtlinge aus Eritrea genauso lesbar wie in den alten Schriften.

Krieg, Hunger und Pest waren und sind die Hauptfeinde der Sesshaften, für die es noch nicht einmal ein richtiges Wort gibt, sondern nur dieses Übergangswort für einen Übergangszustand. Aber ist nicht jeder Zustand Übergang? Warum werden Zustände erbittert verteidigt, wenn sie doch nur Übergänge in den nächsten Zustand sind? Bei traumatischen Ereignissen wird gern die Formel benutzt: Danach wird nichts so sein, wie es davor war. Aber das gilt doch immer. Kein Tag ist so wie der vorhergehende. Menschen werden geboren, Menschen sterben, Häuser werden aufgebaut und abgerissen. ‚Ein schwankendes Gebäude braucht des Erdbebens nicht, um übern Haufen zu fallen.‘ (Schiller, Die Räuber, II1). Die Forderung der Ultrarechten, dass sie auch in tausend Jahren noch in Deutschland leben wollen, ist genau so unsinnig und ahistorisch wie Honeckers Aufschrei ‚Die Mauer wird noch fünfzig oder hundert Jahre stehen.‘ Nur Begriffe halten lange. An der Schweiz kann man sehen, wie schnell sich ein Land verändert, das einfach nur stehen bleibt.

Je sicherer die Welt wurde, desto mehr sind wir von Sicherheitsdenken beseelt, und desto mehr glauben wir, dass unser Zeitalter das unsicherste ist. Je trüber der Blick, desto schrecklicher die Welt. Man muss die Folgen seines Handelns bedenken, sicher, aber wer nur über die Folgen nachdenkt, hat genauso wenig Gelegenheit zum Handeln wie derjenige, der nur über die Einhaltung von Gesetzen nachdenkt. Wir können die Folgen unseres Handelns nicht einmal bruchstückweise voraussehen. Das ist der Grund, warum so viele Menschen lieber von einer Planmäßigkeit des Weltgeschehens und ihres Lebenslaufs ausgehen. So gesehen ist jede Diktatur eine verwirklichte und gescheiterte Verschwörungstheorie. Geschichten sind konstruiertes Leben, Leben ist verwirklichte Geschichte.

Es ist nicht so schwer, sich eine Kleinstadt in Deutschland vorzustellen, die sowohl im Dreißigjährigen als auch im Zweiten Weltkrieg so schwer zerstört wurde, dass sie sich sichtlich nicht und bis jetzt nie wieder davon erholte. Zwar gab es immer wieder auch einmal Rückbesiedlungen und Rückbesinnungen, aber nach dem letzten großen welthistorischen Ereignis, der deutschen Wiedervereinigung, war der Niedergang nicht mehr aufzuhalten. Eine kleine Gruppe von russlanddeutschen Spätaussiedlern brachte eine kleine Belebung, insgesamt ist aber fast die Hälfte der Einwohner gestorben oder ausgewandert. Ein kleiner Teil der historischen Bausubstanz erinnert an große tage, die längst vergangen sind, aber auch die Erbauer der Zwischenwelt, der Plattenbauten, werden bald vergessen sein.

Unvorstellbar ist in solch einer kleinen Stadt eine Wohnbevölkerung, die zur Hälfte oder sogar zu drei Vierteln aus Kindern besteht. Was wäre das für ein Glück für eine Perspektive voller Lebensfreude. Der weltoffene Bürgermeister müsste aus seinem provisorischen Rathaus ausziehen, denn es müsste wieder Schule werden. Kinderlachen und frohe Erwachsene würde das Stadtbild genauso bestimmen wie jetzt der offensichtliche Rückschritt. Flüchtlinge gibt es genauso wie einige Jugendliche, aber ob sie bleiben wollen und werden? Das ist die bange Frage des mutigen Bürgermeisters und der bangen Bewohner, von denen immerhin soviel für die Ultrarechten sind, dass es einer der ihren als Stadtrat ins Rathaus geschafft hat. Dort kann er sich aber weder gegen den Bürgermeister, der keiner Partei angehört, noch gegen die Hoffnung durchsetzen.

Es gibt also nur zwei Dinge, die in dieser kleinen Stadt fehlen: Geld und Arbeitsplätze, was vielleicht das gleiche ist. Konventionell gedacht muss man leider sagen, dass in so einer kleinen Stadt nur ein Änderungsschneider sein Auskommen hat. Obwohl es mehrere Seniorenresidenzen gibt, ist auch dort der Arbeitskräftebedarf letztlich begrenzt, zumal nicht jeder für diese verantwortungsvolle, aber ein wenig hoffnungslose Arbeit geeignet ist. Warum vertrauen wir nicht viel mehr auf die zukunftsträchtige Seite unserer Gesellschaft, auf den gesamten informationellen Teil? Jeder Flüchtling hat ein Smartphone. Das Smartphone hat mehr zur Globalisierung beigetragen als dieser durch ungelöste Probleme geschadet werden kann. Die Investitionen auf diesem Gebiet sind auch längst nicht mehr so furchteinflößend wie noch vor ein paar Jahren. Wenn wir also über Arbeitsbeschaffung und Geldbeschaffung nachdenken, sollten wir nicht dabei die Blätter im Herbst vor Augen haben, die bisher von einem Heer von Hartzvieristen in wahren Sisyphosaktionen bekämpft wurden. Vielmehr sollten wir uns auf regenerative Energien besinnen, aus diesen Blättern also zum Beispiel Biogas machen. Vielmehr sollten wir über IT-Prozesse und IT-Dienstleistungen nachdenken. Vielmehr sollten wir überhaupt auch Chancen dort sehen, wo bisher eher Verfall und Entropie samt dem dazugehörigen Entsetzen herrschten. Vielmehr sollten wir also die kleinen Städte, allen voran die kleine Stadt zwischen Anklam udn Neubrandenburg, und die heute überdimensioniert wirkenden Dörfer neu besiedeln, aber nicht nur mit Menschen aus aller Welt, sondern auch mit Ideen und Hoffnungen aus allen guten Geschichten, die die Menschheit hervorgebracht hat und mit sich durch die Geschichte schleppt. Statt Esperanto brauchen wir heute einen verbesserten Googleübersetzer.

SONY DSC

woanders, aber auch leer

 

MILITÄRMUSIK VON FRÄULEIN MAYER

Friedland braucht ein Mayerdenkmal!

Seit einigen Jahren spielt in Friedland in Mecklenburg ein junger Organist, Lukas Storch, die Eröffnung des Friedländer Orgelfrühlings. Nach einem Konzert standen wir mit ihm auf dem Marktplatz hinter der Marienkirche, und sinnierten über die beiden bedeutendsten Friedländer, Friederike Krüger, die als Mann verkleidet, was immer wieder ein Rätsel ist, an den Befreiungskriegen teilnahm, und Wilhelm Sauer, der immerhin die Orgeln im Berliner Dom, in der Thomaskirche in Leipzig und in der Breslauer Jahrhunderthalle gebaut hat. Aber wir vergaßen die bedeutendste Friedländerin, die Komponistin Emilie Mayer (1812-1883).

Die mehrfach umgebaute große pneumatische Sauerorgel geht auf das erste Instrument von Wilhelm Sauer zurück, der aus Schönbeck bei Friedland stammte und in Friedland aufgewachsen war. Ganz sicher kannte er Emilie Mayer, die an seiner Orgel zwar keinen Unterricht erhielt, aber sicher konzertierte. Da man sich in Friedland kaum aus dem Weg gehen konnte und kann, schon gar nicht musikalisch, ist es sehr wahrscheinlich, dass Emilie Mayer, die Tochter des Ratsapothekers, und Wilhelm Sauer, der Sohn des Orgelbauers Ernst Sauer, der durch ein Stipendium des Großherzogs vom Schmied zum Orgelbauer aufstieg, sich kannten.

So wie die Stadt Friedland in zwei Kriegen bis zur Unkenntlichkeit entstellt wurde, so ist das Schicksal von Emilie Mayer durch harte Schläge deformiert. Wie groß muss ihre Kraft gewesen sein, diesem Schicksal zu widerstehen und ein großes Werk zu hinterlassen! Ein Talent wird auch immer durch die räumlichen Bedingungen beeinflusst. In diesem Fall einer historisch-gotisch geprägten Kleinstadt. Ihre Mutter starb, als sie zwei Jahre alt war, ihr Vater erzog die fünf Kinder von zwei Frauen allein. Er nahm sich aber, als sie knapp dreißig Jahre alt war, das Leben. Diese tragische Wende war der Ausgangpunkt ihrer erstaunlichen Karriere, die sie zu ihrem Bruder nach Stettin führte, wo sie von keinem geringeren als Carl Loewe unterrichtet und gefördert wurde. In Berlin, wo sie ein eigenes Haus führte, fand sie ebenfalls zwei Förderer, nämlich die beiden Theoretiker und Musikmanager Adolph Bernhard Marx und Wilhelm Wieprecht. Deshalb konnte sie ohne einen berühmten Gatten, wie Clara Schumann, oder einen berühmten Bruder, wie Fanny Hensel, im Berliner und Stettiner Musikleben bestehen. Konzertreisen führten sie aber auch in alle Musikzentren Mitteleuropas. In Musikkritiken wurde immer wieder betont, dass sie als weibliche Komponistin die absolute Ausnahme sei, dass die weiblichen Kräfte an sich nicht ausreichten, sinfonische Dimensionen zu bewältigen. Kein Mensch kam auf die Idee, die biografischen Umstände für den vermeintlichen Mangel an weiblicher Gestaltungskraft zu untersuchen. Es scheint auch einen finanziellen Engpass in ihrem Leben gegeben zu haben, als sie 1862 wieder zu ihrem Bruder nach Stettin zurückzog. Die letzten Jahre ihres Lebens, die sehr erfolgreich waren, verbrachte sie aber wieder in ihrer eigenen Wohnung in Berlin. Wie alle großen Komponisten schrieb sie für die Kinder ihrer Familie, vor allem für ihre Nichten, auch Klavieralben. Ihr Lehrer, der Organist an der Nikolaikirche in Friedland, Carl Driver, der übrigens kurz nach ihrem Vater starb, hat durch seine lehrertypische Bemerkung über ihre eigenwilligen Interpretationen vielleicht den Anstoß zur ihrem kompositorischen Werk gegeben: dann  schreib doch selber, wenn du es besser kannst, soll er gesagt haben, der aber wohl doch eher ein guter Lehrer gewesen war.

Gestern Abend wurde in der ehemaligen Landeshauptstadt Neustrelitz die dritte Sinfonie C-Dur von Emilie Mayer aufgeführt, mit der sie einst im Berliner Schauspielhaus debütiert hatte. Die Akustik im halbbesuchten Landestheater war denkbar schlecht. Im benachbarten Neubrandenburg hätte man die Musik in der wunderbaren Konzertkirche hören können, an der die Gotik, der Großherzogliche Hofbaumeister Friedrich Wilhelm Buttel, auch er ein Stipendiat des Großherzogs, und Pekka Salminen, bauten, der dreißigjährige Krieg, die Entropie und der WWII zehrten.

Den historischen Eindruck, den Klang zu Lebzeiten von Emilie Mayer, das Großherzogtum Mecklenburg-Strelitz, das alles hat man aber nur in Neustrelitz.

Nur in ihrem ersten Satz erinnert die Sinfonie an Haydn oder vielleicht noch eher an Schubert, wenn er Mozart imitiert. Vielleicht ist es auch ein Haydn, der ein Schüler Schumanns war, auf keinen Fall klingt auch nur der erste Satz epigonal, wie das Programmheft, vielleicht etwas entschuldigend, meint. Da gibt es nichts zu entschuldigen, allenfalls ist der erste Satz der schwächste. Dann kommen drei wunderbare Scherzi, obwohl nur der dritte Satz so heißt. Die große Stärke von Emilie Mayer ist wohl die freundliche und fröhliche Darstellung ernster Gegenstände. Vielleicht heißt die Sinfonie wegen der militärmusikalischen Verdienste ihres Förderers Wieprecht ‚Sinfonie militaire‘, vielleicht auch wegen des Schlagwerks im vierten Satz, aber auf jeden Fall ist es eine völlig eigenständige Interpretation des Militärlebens.

Der Schrecken des Türkensturms, so wurde der Versuch des Osmanischen Reiches, Europa zu nehmen, genannt, hatte uns sowohl das Instrumentarium der Militärmusik als auch eine gut hundertjährige musikalische Mode (‚alla turca‘) gebracht, die Entführung aus dem Serail, der türkische Marsch in der neunten Beethovensinfonie und der A-Dur-Klaviersonate von Mozart, sie alle beruhen auf dem Gleichschritt, auf dem, wenn auch musikalisch gefällig gemachten, Schrecken türkischer Perkussion. Die türkischen Heere, die Europa stürmten, wurden von gigantischen Kapellen (‚mehterhane‘) begleitet, die gleichermaßen Mut und Furcht verbreiteten, allein die Trommeln (davul, kös) hatten manchmal metergroße Ausmaße. Christian Friedrich Daniel Schubarth schrieb: Der Charakter dieser Musik ist kriegerisch, da er auch feigen Seelen den Busen hebt. Nicht so bei Emilie Mayer. Sie schreibt türkische Musik ohne Macht, ohne Timur Lenk, aber nicht ohne Kraft. Sie stellt mit denselben Instrumenten, wenn auch vorsichtig eingesetzt, die beschwingte Freude nichtkriegerischer, im Militär eingesperrter junger Männer dar, die trotzdem fröhlich bleiben, die sich an den Frühling erinnern, an die Mädchen der Dörfer in den Bergen, an die Schönheiten des Lebens. Das ist fernab von Krieg und Kriegsgeschrei. Das ist fröhlich und zärtlich, fast erotisch möchte man meinen, das Fräulein, so wurde sie tatsächlich auch in Kritiken genannt, erinnert sich an die Jungs aus Friedland.

Die Dumpfheit des Landestheaters, überhaupt des Großherzogtums, muss nicht zwangsläufig in die vielbeschworene Dummheit und Zurückgebliebenheit des Landstrichs verfallen. Der Großherzog musste viel mehr Talente entdecken und gezielt fördern. Das Theater steht an der Hertelstraße:  der eine Hertel, der in Strelitz wirkte, war Bachs Freund, der andere Bachs Schüler, beide haben wunderbare Musik gemacht, die Mayer ist nicht direkt vom Großherzog gefördert worden, aber der alte Sauer wurde nach Ohrdruff geschickt, um geschickter Orgeln bauen zu können, Friedrich Wilhelm Buttel gar wurde als achtzehnjähriger zu Schinkel nach Berlin in die Lehre gesandt und kam als neunzehnjähriger (!) Hofbaumeister zurück. Das ist Größe, auch vom Großherzog. Und etwas davon mag im Herzen der liebenswerten Mayer angekommen sein: das Leben, wie viel Schicksalsschläge es für dich auch bereit stellt, ist lebenswert, fröhlich, freundlich, erotisch, frühlingshaft, eine Sinuskurve wie die unendlichen Endmoränen des Großherzogtums.

Nach diesem schönen und erfrischenden Konzert, dessen Schwung die Zuhörer zu Beifallsstürmen hinriss, kam eine der schönsten Autofahrten meines Lebens. Im Halbdunkel sieht man die Lücken in Neustrelitz nicht. Der Nebel aus dem Lied des Schwedter Hofkapellmeisters Johann Peter Abraham Schulz legte sich auf die Straßen und tiefschwarzen Wälder der sanften Endmoränen. Rehe kreuzten die Straßen, was nicht ganz ungefährlich ist, aber zum langsamen Fahren anhielt. Nach einer Weile zählte ich sowohl die Autos als auch die Füchse und kam bei beiden auf die Zahl fünfzehn bei neunundachtzig Kilometern. Das dürfte Deutschlandrekord sein. Nur Russland und Australien sind noch menschenleerer als das Großherzogtum und die Uckermark. Malerische Dörfer reihten sich an der Straße auf. Traumhafte Berge und Täler erinnerten nicht nur an Kinderlieder. Im Ohr war noch die freundliche, ebenso traumhafte Musik von Fräulein Mayer. Wir wissen nicht, warum sie nicht verheiratet war, vielleicht war sie enttäuscht oder lesbisch, vielleicht reichte das väterliche Erbe gerade mal für sie alleine und sie war der Meinung, dass ihr Talent aber für zwei reichte, mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit kann man aber annehmen, dass die Männer, die ihr begegneten, von ihrem Talent abgeschreckt waren: wer sollte kochen, waschen, Socken stopfen, wenn die Hausfrau am Bechsteinflügel saß und döste? Die Nachwelt sollte noch freundlicher mit diesem Erbe umgehen, als es in den letzten Jahren schon von der Schweriner Staatskapelle und der Neubrandenburger Philharmonie versucht wurde. Und Friedland braucht ein Mayerdenkmal!

ZWEI SAUCEN IN FRIEDLAND

Die Ähnlichkeit von Saucen und Texten ist offensichtlich: beide unterliegen Regeln, beide werden komponiert. Alles was komponiert wird, unterliegt Regeln, wir betonen es nur, weil der Dualismus oder Nichtdualismus unser Thema ist. All die Saucen, die man so in normalen Restaurants zu normalen Gerichten bekommt, stehen in irgendwelchen Kochbüchern oder kommen aus dem allgemeinen Erfahrungsschatz unserer Großmütter. So würde man denken, wenn man nicht darüber nachdenkt. Tatsache ist aber, dass der kreative Anteil des Kochens von Männern stammt und aus herrschaftspolitischen Gründen wahrscheinlich eher nicht weitergegeben wurde. Edelköche waren sicher überdurchschnittlich oft nicht verheiratet und sind überdurchschnittlich oft durch ihre Kunst zu Tode gekommen: falsch angerichtet und schon hingerichtet.

Im Mecklenburger Hof in Friedland ist es mir am vergangenen Sonntag zum erstenmal gelungen, zwei Saucen als von einer Frau komponiert zu identifizieren. Die erste Sauce war ein mildes Dressing zu einem ganz gewöhnlichen von Weisskohl dominierten köstlichen Salat, der hervorragend zu der Forelle passte, an der man wenig falsch machen kann. Die zweite Sauce war eine auf Meerrettich basierende Remoulade, die aber von dem Meerrettich nicht überlagert, die weder zu scharf noch zu milde, und vor allem nicht von einem weiteren Gewürz gestört war. Diese auf Milde fundierte Komposition war leicht als weibliche zu erkennen. Männliche Saucen sind aggressiver. Das ist mit Texten ebenso, man erkennt das Geschlecht der Schreibung. Der irrationale Anteil beim Erkennen dürfte ebenso hoch sein, wie der irrationale Anteil bei den psychischen oder mentalen Geschlechtsmerkmalen selbst. Ein Teil von ihnen mag, wie wir spätestens seit dem herrlichen Einmanntheaterstück ‚Caveman‘ wissen, aus dem Neolithikum stammen. Tatsächlich kann sich das lange Verharren in den Berufen und Zuständen der Jäger und Sammlerinnen evolutionär ausgewirkt haben. Merkwürdig ist aber, dass unser Vorschlag diese lange Epoche auch so zu benennen, wie sie war, nämlich die Epoche der Sammlerinnen und Jäger, und nicht, wie man sinnloserweise immer noch lesen kann: Jäger und Sammler, noch nirgendwo anders zu lesen war. Trotzdem gab es auch im Neolithikum als Ausnahmen schon Amazonen und Sammler.  Beinahe noch interessanter ist aber der irrationale Anteil von Merkmalen, der durch das Verstecken und die Abwehr jener Merkmale entstanden sein mag, die nicht modern oder nicht opportun waren. Die berühmtesten Beispiele sind: Männer weinen nicht. Frauen sind gläubig.

Während die Pflichten der Frauen eher natürlicher Art waren, sind die der Männer eher gesellschaftlicher Art: Schutz, Trutz, Schmutz. Daraus ließ sich leicht eine erhöhte Bedeutung ableiten: sie bekommt die Kinder, er erzieht, beschützt, stählt die Kinder und schickt sie in den Tod. Der Anteil der Frauen an der Erziehung ist schon deshalb höher, weil man vor Siegmund Freud ja nicht wusste, dass sie im wesentlichen bis zum vierten Lebensjahr dauert. Vielleicht kommt der fragile Anteil im Mann im doppelten Sinne von der Mutter: das Menschlichallgemeine und das Nichtmännliche. Das Nichtmännliche verhindert aber eine stabile Männlichkeit, worauf beruht sie, wenn das weibliche bereits abgewehrt ist? Demzufolge würde das Fragile der männlichen Rolle nicht erst und nicht nur durch die Emanzipation der Frauen gekommen, sondern auch früher schon da gewesen sein. Allerdings konnte man die eigene Schwäche gut hinter Alkohol, Patriotismus und Krieg (heute Auto) verstecken. Organisierte Mordlust überspielt die Neigung zum Weinen. Allerdings darf man wieder nicht übersehen, mit wieviel Wohlgefallen dieses männliche Unwesen von den Frauen begleitet wurde: wieviele Frauen standen an den Straßen und winkten den Soldaten (Autos)? Genauso viele, wie es Soldaten gab. Die Uniform wurde als etwas Individuelles angesehen, weil sie ihren Träger aus der Masse der Dorf- und Kleinstadtmenschen heraushob.

Arithmetisch betrachtet ist es ja ohnehin Unfug, von weiblichen Anteilen und männlichen Anteilen zu sprechen. Erstens sind sie statistisch gesehen gleich groß, zweitens sind sie immer komplementär, selbst in solchen Gesellschaften, wo es ausgeprägtes Geschlechtsgruppenverhalten gibt. Die Räuberbanden etwa des neunzehnten Jahrhunderts mögen, von außen betrachtet, männlich dominiert und entsexualisiert gewesen sein. Aber es gibt keinen wirklichen Grund anzunehmen, dass in diesen Banden weniger Frauen waren und das Sagen hatten. Auch in patrialinearen Gesellschaften und in patriarchalischen Familien überwiegt das Komplementäre über das Symmetrische oder gar Subalterne. Man könnte es auch so beschreiben: Männer und Frauen unterliegen jeweils einer Doppelbindung. Um ein Mann zu sein, muss man eine Frau sein können, darf es aber nicht. Um eine Frau zu sein, muss frau ein Mann sein können, darf es aber nicht zeigen.

Das komplementäre mag das statistisch überwiegende Moment der Unterscheidung sein, es wird aber überlagert durch das Streben nach Dominanz unabhängig vom Geschlecht. Jene Menschen, die im Laufe ihres Lebens merken, dass es ihnen fast nie gelingt, dominant zu sein, flüchten sich gerne in das von Sacher-Masoch beschriebene Phänomen und glauben, im Unterliegen überlegen zu sein. Überleben scheint mir dagegen ein komplementäres Miteinander von Dominanz und Solidarität zu sein, das in der Mütterlichkeit besser vorgeformt ist als in der Männlichkeit, dagegen ist Väterlichkeit in nichts von Weiblichkeit unterschieden. Über der berechtigten Kritik männlicher Sozietäten oder auch Horden wie Jägern, Kriegern, Räubern und Marodeuren mit ihrer bewussten Leugnung der solidarischen, oft auch ethisch genannten Prinzipien ist die permanente weibliche Hordenbildung jahrhundertlang übersehen worden. Allerdings ist ihr Schaden auch eher gering. Sie haben keine Kriege geführt, nur Männer ausgeschlossen aus ihrer Spinnstube. Vielleicht haben sie sich mit ihrem Kult des Pragmatismus, Erfolgs und Überlebens selbst von der Kreativität verabschiedet und der Jäger wäre nur deshalb Bastler geworden, weil er nicht Sammler werden durfte?

Der Begriff des Komplementären, von Watzlawick in die Gesellschaftspsychologie eingeführt, beschreibt die Verabschiedung vom Dualismus, von der Dichotomie, wie wir sie wegen der ständigen Konfrontation mit unserer Geschlechtlichkeit nicht nur denken, sondern erleben und lieben. Er beschreibt die Schnittmenge, die wir nicht mögen und nicht wollen, obwohl sie vollendete Tatsache ist. Die Schnittmenge empfinden wir als Makel, weil wir in einer immer noch dichotomischen Begriffswelt leben, die als perfektes Abbild der Welt erkannt sein will. Obwohl das Begriffspaar gerade und ungerade gerade die Unpaarigkeit beschreibt, beschreibt es eine scheinbar bipolare Welt.

Das uralte Thema jedenfalls, seit wir denken können, bleibt offen: wie werden sich Frauen und Männer weiterentwickeln, und werden sie sich überhaupt weiterentwickeln? Wird man an  Saucen und Texten und Kindern weiter ihren Haupturheber erkennen können?