[KEHRSEITE DER ANGST]

 

Nr. 191

Während Verschwörungstheorien die Kehrseite der Diktatur, die selbst eine Verschwörung ist, sind, ist die Zugehörigkeit zur vermeintlich richtigen Gruppe die Kehrseite der Angst, ja die Angst selbst.  Richtig sein zu wollen ist nichts weiter als die Angst vor dem falsch sein müssen.

Parteiungen beginnen in der Familie und halten selbst dort ein Leben lang vor. Auf Klassentreffen reden wir noch nach einem halben Jahrhundert exakt mit den gleichen Leuten wie in unserer Jugend. Dagegen kann und soll man nichts tun. Aber dieser scheinbar natürliche Hang zur Apartheid führt uns leider auch in den Irrglauben, dass  die eine Gruppe von Menschen falsch, die andere aber richtig sei. Das dichotomische Weltbild, die Ansicht also, dass alles zwei Seiten habe, stimmt ja schon bei der vielzitierten Münze nicht.

Jede Gruppe pervertiert, jede Meinung, die zur Institution wird, erstarrt in Rechthaberei. Obwohl jeder weiß, wie zufällig Grenzen sind, wie zufällig Geburt und Genetik und Geschick sind, halten wir selbst Ort, Zeit und Tatsache unserer Geburt für richtig. Auch das Anwachsen der Menschheit auf unvorstellbar große Mengen schreckt uns nicht ab, an die Richtigkeit unserer Existenz zu glauben. Das ist eine Überlebensstrategie, gewiss, aber dieselbe hat mein Nachbar auch.  Unsere Zugehörigkeiten zu Gruppen lassen uns gerade nicht an diese Pluralität, sondern an unsere Exklusivität glauben. Zwar zweifeln wir auch an uns selbst, aber nur, um immer wieder in den Schoß einer, der richtigen Gruppe zurückzufallen.

Die großen Ideen, Religionen und Revolutionen haben bis jetzt leider nicht den Gedanken der Gleichheit durchsetzen können, befördert worden ist er jedoch schon. Ihr Ideal ist auch nicht die Freiheit, sondern die Zugehörigkeit. Nicht nur Durchsetzungskraft und Aggressivität der Megagruppen sind dabei schädlich und zerstörerisch, sondern auch ihre jeweiligen Selbstinszenierungen als Märtyrer und Opfer der anderen. Jedes Phänomen ist sozusagen sein eigener Spiegel. Die goldene Regel, auf die sich jeder gern beruft, ist leider auch umkehrbar: Du musst immer behaupten, dass das, was du anderen antust, auch dir angetan wurde. In gereimter Form wird es nicht besser: Das, was ich selber denk und tu, das sprech ich auch den andern zu.  Und jeder, der sich als Märtyrer inszenieren kann, hofft darauf, dass sein Leiden als sein Rechthaben wahrgenommen wird. Im Laufe der langen Menschheitsgeschichte gibt es Fortschritte in Technologie und Technik, sogar in Moral und Empathie, aber auch in der Rechtfertigung, und das ist ein wahrer Rückschritt.

Obwohl alle großen Propheten und Philosophen davor warnten und weiter warnen, neigen wir außer zu Ausreden und Rechtfertigungen auch zu deren Spiegelung, den Schuldzuweisungen. Weitverbreitet ist die Ansicht, dass durch Rache oder wenigstens Strafe Gerechtigkeit hergestellt würde. Obwohl es offensichtlich ist, dass Freiheit und Wohlstand viel bessere Wege zur Gerechtigkeit sind, glauben viele an die Kraft der Strafe statt an die Kraft der Liebe.

Viele Menschen haben Angst, dass jenseits der Sortierungen und Strafen eine große Leere oder Bedeutungslosigkeit oder Beliebigkeit folgen könnte. Welche Leere und Beliebigkeit war je größer als nach großen Sortierungs- und Strafaktionen? Der zweite Weltkrieg hat all diese schädlichen Gedanken ad absurdum geführt. Es gibt keine Sorten Menschen. Jede Strafe ist gleich schädlich. Vielleicht wird der Raum eng für die Kopfabschläger. Immer mehr Menschen werden taub für die Hassprediger.

Die Frage ist nur, ob die Rückzugsgefechte uns wütender erscheinen als die großen dreißigjährigen Kriege oder ob der Focus, der durch unsere flächendeckende Nachrichtenversorgung entsteht, gleichzeitig als Mikro- und Teleskop und Speicher des Bösen wirkt. Man kann es aushalten, man kann sich ändern oder anpassen, als Märtyrer sterben oder Auswandern.

Wandern ist immer mutig. Die Hutterer (siehe dort) sind vor den Rechthabern solange geflohen, bis sie, und das klingt beinahe biblisch, an einen Ort kamen, an dem sie in Frieden so leben können, wie sie es für richtig halten und auch wollen. Der eine flieht vor Verfolgung, der andere flieht zum leichteren Brot, wie zum Beispiel die Siebenbürger Sachsen schon zum zweiten Mal. Niemand sollte darüber richten.

Man kann sich Nachbarn nicht aussuchen. Man kann sich Menschen nicht aussuchen, aber man muss nicht alle aushalten.

Man kann seine Angst aushalten. Man kann sich mit anderen zusammentun und eine Gruppe gründen, aber sie wird in Rechthaberei enden, besonders dann, wenn man oft recht hat. Angst ist aber ein schlechter Ratgeber. Ein Mann, vor wenigen Tagen in Ägypten, hatte Angst, dass sein Kamel weglaufen könnte, hat es mit gefesselten Beinen bei 43° C in der Sonne stehen lassen. Fünfundzwanzig Dorfbewohner haben vergeblich versucht, das aufgebrachte Tier zu beruhigen. Es biss seinem nichtswürdigen Besitzer den Kopf ab. Das ist verständlich, und wir sind sogar auf der Seite der gequälten Kreatur, aber richtig ist Rache nicht. Wir müssen weiter denken. Es genauso unrichtig eine Gruppe zu gründen, um eine andere auszuschließen. Man kann sich da auch nicht auf die innere Perspektive zurückziehen, der Blick von außen muss genauso möglich bleiben.

Es wäre leicht zu denken, dass sich ein Hauptbahnhof und ein Dom ausschließen, der eine ist ein Ort der Kontemplation, der meditativen Einkehr, des Gebets und des stillen Hilferufs, vielleicht auch der transzendenten Bewunderung; der andere dagegen die Quintessenz von Kommunikation, Aufklärung, Freiheit und sogar Gleichheit. Und doch stehen sie in Köln direkt nebeneinander, auf sie beide führt die Hohenzollernbrücke über den Rhein hin. Sichtbar und nachdrücklich hat die Kirche ihren Alleinvertretungsanspruch, ihre Richtlinienkompetenz und ihre Deutungshoheit verloren. Aber das ist auch gut so. Sie muss sich diese vergangenen Ansprüche nicht nur mit dem Bahnhof, sondern auch mit dem Museum für moderne Kunst, dem archäologischen Museum und der Philharmonie teilen. Die Philharmonie ist ein umgekehrter Turmbau zu Babel und leidet ihrerseits unter einer schwingenden Decke. Die Bahn ächzt unter der Konkurrenz von vielleicht hundert Fernbusunternehmen. In manchen Städten dürfen sie nicht bis ins Zentrum fahren. Im Dom dagegen dürfen auch Muslime beten, was die ultrarechten Christen und die Salafisten stört. Aber im Dom predigt auch ein Mann von gestern: er sagt, dass es so ist, weil es so ist, und will das, was er glaubt, auch gern beweisen, nur kann er es nicht. Indessen schwingt und swingt der Riesendom, die größte gotische Kirche Europas, unter den Klängen einer Megaorgel und widerspricht auf die schönste Weise aller verkündeten Demut. Auf der Treppe vor dem Dom, die konstruktiv ein Wahrzeichen der betonverstärkten Domplatte ist, sitzen Menschen aus allen Ländern und mit jedem Glauben und Aberglauben, auch Ungläubige und Widersinnige, die man früher verbrannt hätte und hat. Die Bettler spielen ihre professionelle Rolle kontinuierlich seit dem Mittelalter. Prozessionen prozessieren gegen Prozesse. Und eine Ameise zittert und zitiert aus der Bibel, die sie im Mülleimer fand: Gehe zur Ameise, du Fauler, und lerne…

MENSCHE ÄNDERE DICH

In einer Zeit der Inflation von fast allem gibt es auch das überbordende Angebot der Unterrichtsfächer. Jeder, der meint herausgefunden zu haben, was für die Menschen der Zukunft wichtig sein kann, macht daraus ein neues Unterrichtsfach. Durch die vielen neuen Fächer entsteht aber nicht nur Beliebigkeit, sondern auch ein Großteil der Gleichgültigkeit. Die permanente Verfügbarkeit der Fakten lässt den Schüler gegen eine Schule abstumpfen, die nach wie vor glaubt, Fakten vermitteln und zu Festigung und Leistungsüberprüfung abfragen zu müssen. Es besteht die Vorstellung von reiner Quantifizierung des Wissens und Denkens fort. Die Qualifizierung der Menschen versteckt sich hinter Bergen von Scheinwissen und falschen Ansprüchen, zum Beispiel die vorgebliche Erziehung zu Werten. Dieses Scheinwissen zeigt sich am besten in Abfrage-Shows im Fernsehen. Millionär wird, wer weiß, wo die längste Brücke der Welt war.

Werte und Charakter sind relativ unabhängig von der Schule, andererseits sind sie nicht a priori vorhanden. Wissen kann und muss nicht mehr das Ziel der Schule sein, weil es allgemein verfügbar ist. Wir suchen eher Sinn als Fakten, die genauso inflationär sind wie alle Dinge. Also sollte die Schule mit ihrem neuen Fächerkanon lebenspraktisch, berufs- und freizeitvorbereitend, also kreativ, und wertestabilisierend sein.

Die Inflation von fast allem erscheint einerseits als Atomisierung, andererseits als Entfremdung. Gerade die Schule aber zeigt, dass das Leben keineswegs beschleunigt wurde, wie immer wieder behauptet wird. Die Schule verharrt geradezu auf ewiggestrigen Positionen, sie scheint stehengeblieben zu sein. Dass sie tatsächlich nicht stehenbleibt, liegt an den lebendigen Menschen, die in ihr, allen Verwaltungsvorschriften und -vorstellungen zum Trotz, agieren.

Die wirkliche Verwandlung besteht aber in dem Wechsel vom produktiven zum konsumtiven Leben. Seit mehr als einem Jahrhundert tun wir fast nichts mehr. Wir konsumieren, beschäftigen uns mit dem Konsumieren und kommentieren den Konsum. Der Hauptinhalt unseres Denkens ist Werbung, zunehmend auch die Apothekenrundschau. Auch Nachrichten, besonders Katastrophen und Kriege, werden nur noch konsumiert, niemand kommt auf die Idee, sich nach ihnen zu richten. Die sogenannte Medienflut besteht zu 99% aus überflüssigen Mitteilungen, in der Sprache der Medien selbst: aus Redundanz, die sich aus Tautologien speist. Selbst die Wetterberichte, ein schönes Beispiel für Inflation, gehen kaum über das empirisch Wahrnehmbare, den Blick aus dem Fenster, hinaus. ‚Fenster‘ heißt denn auch das am häufigsten benutzte Weltsimulationsprogramm unserer Lieblingsspielzeuge.
Noch im neunzehnten Jahrhundert standen Essen und Bewegung sowohl in einem Kausalzusammenhang als auch in einem annähernden Gleichgewichtsverhältnis. Seit der Überwindung von Hunger und Not muss mehr als die Hälfte der Menschheit ernsthafte Programme zur Gewichtsreduzierung absolvieren. Der jetzt mögliche Konsum hat das Gleichgewicht nach der anderen Seite hin ausschlagen lassen. Wir reden noch von Not und leiden schon lange unter Übergewicht.

So ist es auch mit der Bildung. Die Schulen sind zu Anstalten des überregulierten, überimitierten und maßlosen Konsums geworden. Ein Schüler ist ein Mensch, der an einem Tag Datenmengen in der Größenordnung und Komplexität von drei oder vier Spielfilmen verarbeiten soll. Das führt zu der schon erwähnten Beliebigkeit und Gleichgültigkeit, zumal der Inhalt der Filme leicht auch austauschbar und variant beschaffbar ist. Während der Lehrer noch mit der Filmapparatur kämpft, haben die Schüler schon die Kernsätze des künftigen Aufsatzes ausgetauscht. Während der Lehrer noch an Invarianz glaubt, wissen die Schüler, dass alles variant ist. Selbst Dissertationen bestehen nicht mehr aus Gedanken, sondern aus leicht beschaffbaren Kernsätzen und verschulten Modulen. Bestseller behaupten, was die Mehrheit immer wieder lesen will.

Aber in dieser festgefahrenen Situation liegt auch die Chance zur Umkehr, nicht der Richtung, sondern der Traktion: der Schüler wird zum Produzenten seiner selbst, wenn jedes Unterrichtsfach, um lebenstauglich zu werden, permanent interaktiv ist.
Im Dreifächermodell sind dies Theater, Spurensuche und Fußball, weshalb es auch Baden-Powell-Modell genannt werden könnte. Lord Baden-Powell gründete die Boyscouts, weil er die Defizite der Bildung oder umgekehrt gesagt, die Entfremdung einer ganzen Generation sah. Er wurde an der Universität abgelehnt, bestand aber die Aufnahmeprüfung bei der Armee als Landesbester. Er war ein erfolgreicher General und lehnte aber den Krieg als Mittel der Auseinandersetzung ab. Er verachtete die herkömmliche Bildung und schuf die immer noch weltgrößte Jugendorganisation, die alle ihre schlechten Kopien überlebte.

Dem Fach Theater ordnet sich von selbst das natürliche Rollenspiel der Kinder, aus dem es hervorgegangen ist, unter. Weiter aber beinhaltet es Sprachen, Literatur, Musik, Kunst und die Teile der Philosophie, die mit der Vermarktung des entstandenen oder aufgeführten Dramas sowie mit seinem Praxisbezug zusammenhängen. Der ‚deus ex machina‘ mag der Angelpunkt zum zweiten Fach sein, der Spurensuche, zu der alle Religionen gehören. Die Beschäftigung mit einer Religion schließt nicht die anderen Religionen aus, die Verinnerlichung aller Religionen schließt nicht die traditionelle Übernahme oder individuelle Wahl der einen Religion aus. Zur Spurensuche gehören aber vor allem auch Naturkunde und Mathematik, einschließlich der Netzwerke und ihrer Programmierung. Naturbetrachtung wird vorrangig in Exkursionen und Spielen stattfinden, die auch wieder der Angelpunkt zum nächsten Fach sind, das wir Fußball nennen. Aber die Schüler werden eben nicht nur Fußball spielen, sondern sich überhaupt taktisch bewegen, einmal ihrem eigenen Körper gegenüber (fitness und bodybuilding), zum anderen in der Natur, was jeder Beschränkung zuwiderlaufen wird. Exkursionen werden das Normale sein, das Zusammenfallen von Diskurs und Exkurs. Baumbestimmung geht in das Fußballturnier im Nachbardorf über, das sein neuestes Theaterstück in Englisch oder Türkisch zeigt. Die Prüfungen finden im Verfassen von Texten, im traditionellen scouting, gekoppelt mit einer Wanderung im unbekannten Gebiet statt.
Das Vierfächermodell sieht eine ähnlich komplexe Struktur vor, bezeichnet sie aber konventioneller mit Deutsch, Sprachen, Naturkunde/Mathematik und Kunst/Bewegung.
Das Fach Deutsch meint Sprachkunde, Computerbenutzung, Literatur, Theater, Geographie und Geschichte sowie Philosophie und Religion, also eigentlich alles, was hier zu erleben ist. Das Fach Sprachen hingegen (nicht: Fremdsprachen!) meint alles, was nebenan passiert: Englisch als die uns allen befreundete und nahe Sprache sowie die Sprachen unserer tatsächlichen und geographischen Nachbarn, also Türkisch, Französisch, Polnisch etwa. Natur und Mathematik hebt die atomisierte oder dichotomisierte Betrachtung von Bild (Natur) und Abbild (Mathematik) auf und modelliert im Programmieren. Kunst und Bewegung dagegen sind die Vermittlung zum Alltag der Kinder und Jugendlichen. Hier tun sie, was sie immer tun: spielen. Spielen ist aber, so wie auch schon im Dreifächermodell, als eine äußerst produktive und komplexe Tätigkeit zu gestalten. Während Computerspiele und die bisherige Schule zwar taktisches Verhalten etwa im Stil von ‚Mensch ärgere dich nicht‘ voraussetzen und resultieren, bilden Theater und Fußball doch die Welt, das Leben und den Menschen durch Tätigkeit und, in begrenztem Umfang, Kreativität, ab. Das neue Spiel heißt ‚Mensch ändere dich und die Welt‘.

 

 

Exkurs: Der gefangene Wärter

Wer lange an Orten verbleibt, nimmt deren Charakter an. Der Schornsteinfeger wird jeden Tag aufs neue schwarz und der Lehrer bleibt immer Schüler. Dass Lehrer jung bleiben, ist umso wünschenswerter, als ihr Altersdurchschnitt so dramatisch steigt, dass sie sich gezwungen sehen, gegen sich selber öffentliche Demonstrationen zu veranstalten.
In ihrem Inneren glauben sie aber, ihre Kindlichkeit einerseits durch Entertainment verschleiern, andererseits durch autoritäres Droh- und Verwaltungsverhalten verschärfen zu müssen.

Was man mit zunehmendem Alter an Erfahrungen gewinnt, verliert man aber auch an Geschwindigkeit, Flexibilität, Multifunktionalität, Emotionalität, Freudigkeit. Charisma ist immer Jugend gekoppelt mit einem anderen Faktor. Jugend ist das Erstaunenswerte, das eigentliche Wunder des Lebens. Wir erkennen das zwar bei Wunderkindern, weigern uns aber zu sehen, dass alle Kinder Wunderkinder sind. Warum, wenn das so ist, Jugend dann so spät erst als Lebensalter entdeckt wurde und immer noch nicht als sich selbst organisierende Lernepoche gesehen wird, liegt in der mangelnden Reflexion sowohl des eigenen Lebens als auch der Gesellschaft insgesamt, liegt weiter in der Überschätzung der Versorgungsleistung und in der Überschätzung der egozentrischen Erfahrung . Die nachgeäffte Mode der Jugend kann wirkliche Jugend nicht ersetzen.
Die Ereignishaftigkeit der Jugend besteht darin, dass jedes Ereignis tatsächlich neu, frisch, eruptiv und tiefgreifend ist, während es sich durch fortwährende Wiederholung kumulativ abschleift. Die Irreversibilität ist es, die uns veranlassen müsste endlich zu erkennen, dass man die Jugend nicht in billigem Abfragen und Bestrafen verschleudern darf, seine eigene nicht und die der anderen schon gar nicht.
Das Gefangensein in der Kindlichkeit spricht dafür, die kindliche Untersuchungssucht beizubehalten, den Forscher- und Unternehmungsdrang, zumal das Erziehungsziel nicht mehr der relativ passive Arbeitnehmer, sondern der hochflexible Unternehmer ist. Wir wollen nicht mehr befehlen. Also müssen wir auch nicht mehr gehorchen. Wir wollen Netzwerke nutzen, also müssen wir auch Netzwerk sein.
Das Bildungsideal von Baden Powell: learning by doing, Spurensuche, Theater und Fußball ist wichtiger und richtiger als zehn Tonnen Lehrplan und Kompetenzgerede, wenn die Grundlagen der Schule Anwesenheit und Abfragen bleiben.
Hinter diesem Bildungsideal verbergen sich nicht nur alle traditionellen Schulfächer, sondern vor allem auch die Herangehensweise des Unternehmens, hier im doppelten oder ursprünglichen Sinne des Wortes. Das, was das Kind und der Jugendliche wollen, etwas unternehmen, um ein anderes Etwas zu erkennen, muss in die Schule hineingelegt werden.
Fußball, Theater und Computer sind ohnehin schon allgegenwärtig, schon lange muss man sich wundern, wie schwerfällig sie Eingang in die Schule gefunden haben. Die ganze heutige junge Generation hat den Computer durch learning by doing erfahren. Die fehlende Experimentierfreudigkeit ist es, die älteren Menschen den Umgang mit jeder neuen Technik erschwert. Wenn man also einen Computer in einem Regelwerk versteckt, wird man ihn nicht wiederfinden. Das gilt aber für alle Gegenstände. Erfreulicherweise wurde in den letzten Jahren die Priorität der Rechtschreibung durch die der Schreibung abgelöst. Dazwischen wurde aber immerhin ein Regelwerk eingebaut, das zunächst nur autorlose Texte gebiert. Genauso fraglich ist es, warum man die Regeln des Hochsprungs oder der Genetik kennen muss, wenn es um Bewegung und Naturkenntnis geht. So bewundernswert viele Biologielehrer die Natur kennen, so wenig ist es verständlich, dass sie die Schüler Regeln wissenschaftlicher Naturbetrachtung lehren, die niemand braucht als der Wissenschaftler selbst. Überhaupt: Lehrer sind nicht nur Kinder geblieben, was wunderbar ist, sie sind leider auch Opportunisten, die sich hinter Schulräten, Punktetabellen, Lehrplänen und Anwesenheitskontrollen stets und fast perfekt zu verstecken wissen. Lehrer sind oft Menschen mit einer überdurchschnittlichen Intelligenz, aber ohne besonderes Interesse. Aus der Geschichte ragen nur die Lehrer hervor, die ein solches apartes Interesse, gerade oft auch in Biologie, Politik oder Heimatgeschichte, entwickelt haben.
Lord Baden Powell ist auf seinen reformpädagogischen Ansatz nicht nur durch seine Betrachtung der sozialen Frage, wie man das damals nannte, gekommen, sondern im Gegenteil durch seine Bewunderung der jugendlichen Späher und Spurenspürer in einer Kriegshandlung im zweiten Burenkrieg. Auch biografisch ist er interessant, indem er zum Militär ging, weil ihn die Universität, wie auch schon vorher die Schule, ablehnte. Später lehnte er den Krieg ab, führte ihn aber weiter und gewann sehr oft, entwickelte während seiner militärischen Tätigkeit sein boyscouting.

Statt also die Natur in abstrakten Regelwerken zu verpacken, sollten wir überlegen, ob wir den gesamten naturwissenschaftlichen Unterricht nicht als eine Art Spurensuche anlegen sollten. Man kann die Spuren der Menschheit in den Wäldern schweigen hören. Man kann die chemischen Prozesse der Überdüngung riechen. Der dringend gebotene Energiesparwahn zieht eine Schneise der Verwüstung durch das Land, die es zu untersuchen gilt. Die Städte haben oft eine reichere Flora und Fauna als der von Monokulturen geplagte ländliche Raum. So wird jede Unterrichtsstunde – die wir auch endlich beenden müssen, die preußische Zerhackstückung der Welt in 45-Minuten-Takte – zur Unternehmung. Lasst uns die Zoos, Orte der Gefangenenpsychosen, abschaffen zugunsten von Beobachtungssafaris jeder Schulklasse der ganzen Welt nach Afrika. Lasst uns Afrika zum Ferienparadies für die Afrikaner und alle anderen Menschen machen!
Theater und, heute gleichberechtigt und numerisch überlegen, Film sind eine mimetische Spurensuche menschlichen Verhaltens. Die Umkehrung vom konsumierten zum produzierten Theater bringt genau so einen Unternehmungsgewinn wie der Wandel vom betrachteten zum gespielten Fußball. Indem die Schule den Konsum so zur Norm machte wie der Rest der Gesellschaft, verspielte sie das Aktivpotenzial der Kinder und Jugendlichen, den vielbeschworenen, aber allzu oft vergessenen wirklichen Reichtum, der mit autoritärem Restgehabe in einer zunehmend demokratischer werdenden Umgebung mit Füßen getreten wird.

Das wahre Gefangenendilemma besteht darin, dass der Wärter zum Gefangenen seiner autoritären Strafideologie wird. Er glaubt zum Schluss selbst, dass Gefangensein Freiheit bringen kann. Der dichotomische Reflex von Schuld und Sühne, projiziert auf ein Bildungssystem des Abfragens veralteten Wissens, ist eine gigantische Zusammenfassung aller vordemokratischen Zustände. Wie ein Wunder scheint es, dass die Demokratie vor den Netzwerken entdeckt wurde.

QUELLE ODER MÄANDER

[pınar yahut menderes]

Nr. 190

                                                                                                                         [Am Tag der kalten Sophie]

Dass der Mathematiker John Forbes Nash jr. mehr als eine halbe Stunde brauchte, um auf der Speisekarte ein Essen auszuwählen, wissen wir schon, aber dass Albert Einstein vor neunzig Jahren in der Preußischen Akademie der Wissenschaften einen Vortrag hielt, dessen erster Teil sich mit der konträren Zirkulation der Teeblätter in einer Tasse befasste, passt in unsere heutige Gedankenwelt.

Über einem Rapsfeld, dessen sattes Gelb Anlass zu Gemälden und Gedanken gibt, läuft eine Telefonleitung entlang der Straße, zwischen zwei Leitungsmasten leuchtet ein Kirchturm. Man sieht sofort die Verwandtschaft der drei Bildelemente. Der Kirchturm erscheint als eine Energie- und Navigationsquelle, die Leitung als Energie- und Navigationstransport, der Raps dagegen hat nur Energie zu bieten und vollendete Schönheit, das satteste Gelb des Frühsommers, der an Grün und Gelb nicht reicher sein könnte: Sumpfdotter, Löwenzahn, Schellkraut.

Aber so sind wir Menschen: weil wir zu faul zum Denken sind, lieben wir unsere Denkfehler. Die Kirche, wie auch jedes andere Gotteshaus, erhebt uns nicht, weil es ein Gottesbau ist, sondern weil der Architekt, der vielleicht an Gott, aber auf jeden Fall an die Wirkung konzentrierten Raums glaubte, die  ihm als gottgegeben erschienen sein mag, einen Bau errichtete, der die Absicht hatte, uns zu erheben. Zwar ist es unübersehbar, dass uns ein großer und reicher, wunderschöner und höchst kunstvoller Bau, etwa die Hagia Sophia in Istanbul oder der Petersdom in Rom, besonders faszinieren, aber eine winzige Kirche in Eritrea hat fast dieselbe Wirkung auf die Menschen, weil sie jeden Sonntag nicht nur voller gläubiger und fröhlicher Menschen ist, sondern noch hunderte um sie herum singen und tanzen und beten und sich segnen lassen. Das ist zweifelsfrei eine Energiequelle. Aber die Quelle dieser Quelle war die Idee und die Quelle der Idee war das Ei, weshalb schon in der römischen Antike ‚ab ovo‘, vom Ei an, gesagt wurde, wenn man die Quellenlosigkeit der Quellen beschreiben wollte. Jeder kennt das Kinderrätsel, das so ernst ist wie alle Kinderfragen, wer zuerst dagewesen sei: die Henne oder das Ei. Daraus folgt, dass eine Kirche nichts über Gott aussagt, sondern über den Zeitgeist der Architektur, der Religion, der Kommunikation.

Aus heutiger Sicht erscheint die Kommunikation vor der Erfindung des Telegraphen als sinnentleert und wirkungslos. Wer so denkt, ist schon wieder in seinen Denkfehler verliebt: er oder sie unterstellt, dass es einen Sinn an sich gäbe. Tatsächlich ergibt sich der Sinn erst aus dem Getanen, aus der Tat, so wie sich die Absicht aus dem Bild der Welt ergibt und nicht etwa aus der Welt selbst. Das wussten schon die Alten und nannten das, was ist, das Getane: den Fakt. Der Sinn ist das, was sich ergibt, wenn etwas gelingt. Aber vieles scheitert. Wir verdrängen hin und wieder, dass wir einfach selbst denken und dies unseren Mitmenschen mitteilen können. Aber das ist nicht neu und nicht durch die von uns selbst erfundene Leitung – als Metapher für den Strom und die Führung – bestimmt, sondern durch unsere Vorsicht, Unfähigkeit und Faulheit. Alle Probleme der Welt sind Folgen von Kommunikationsanomalien, woraus zwingend folgte, dass die Lösung aller Probleme die Optimierung der Kommunikation wäre. Aber sowohl Shakespeare als auch der in einem Taxi in einer scharfen Kurve unweit New York vor fast genau einem Jahr verunglückte John Forbes Nash jr. haben ziemlich deutlich erkannt, dass der Mensch lieber in einem Defizit verharrt, als den Schritt in ein neues Optimum oder Desaster zu wagen.

Bleibt der Raps, die Ästhetik des Frühsommers. Er ist ein Speicher der Energie, die wir verbrennen und verpulvern. Wir überlassen den Boden der Desertifikation und verstecken uns hinter dem ästhetischen Fremdwort, um die Wirklichkeit, die wir nicht erkennen, sondern nur erschaffen können, dann auch noch zu umgehen. Wir haben sie geschaffen, um uns über die nächsten Jahre zu verhelfen. Die nächsten Jahrhunderte lassen wir dabei außer Acht, weil sie nicht in unseren Blickwinkel passen. Aber auch unsere Mitmenschen erfassen wir immer noch zu sehr als Fremde, als Außenstehende, gar als Bedrohung.  Der Mensch sieht sich immer als Singular und kann doch nur als Plural überleben. Globalisierung heißt bei weitem nicht nur die Marmelade aus Argentinien zu importieren und den Turnschuh nach Ouagadougou zu exportieren, auch nicht nur, Entwicklungshilfe zu leisten, auch nicht nur Flüchtlinge aufzunehmen. Das ist alles selbstverständlich. Vielmehr sollten wir wieder lernen, jeden anderen Menschen, jeden anderen Gedanken als Bereicherung, ja, als Geschenk zu begreifen.

 

 

Drei Thesen:

Diese Gedanken entstanden, als ich mit drei fröhlichen und neugierigen, absolut dankbaren und bescheidenen Flüchtlingen aus Eritrea über Land fuhr in Betrachtung all der Dinge, die in diesem Text vorkommen, darunter Kunst und Kirchen und Raps. Daraus folgt, dass wir immer wieder unsere Welt und unsere Gedanken mit Menschen aus ganz anderen Gegenden der Welt betrachten und überprüfen sollten. In Eritrea gab es das Christentum tausend Jahre länger als in Deutschland. Die Armut des Landes besteht eher in einem Mangel an Freiheit als an Brot (Injera), das allgegenwärtig ist und am liebsten kollektiv genossen wird.

Übrigens stammt auch die Redewendung ‚ab ovo‘ nicht aus der Naturbetrachtung, die es, wie wir gesehen haben, nicht geben kann, sondern aus der Kritik der Dichtung als Reflexion des Reflektierten: Horaz kritisierte damit den nach seiner Meinung falschen Beginn der Schilderung des Trojanischen Krieges aus den beiden Zwillingseiern der Leda, aus denen nicht nur Helena, sondern auch Klytemnestra und Castor und Pollux, die Protektoren der Navigation,  entschlüpften, der Anfang war also Chaos. In Prenzlau gibt es eine Skulptur der Leda mit dem Schwan und daran steht der Hinweis: KEIN TRINKWASSER. Castor und Pollux belehren uns, dass wir alle Zwillinge sind und sterblich und unsterblich zugleich, unbekannter Herkunft und namenloser Zukunft, stets zwischen Olymp und Hades unterwegs, wahrscheinlich nicht geradewegs, sondern mäandrierend, Sinus ist unser Kreuz.

Die neue Hamletfrage ist: die Wahl zwischen zwei Nash-Gleichgewichten und die Unmöglichkeit und Unnötigkeit innerhalb all der rotierenden und mäandrierenden Teeblätter eine Quelle zu erkennen. Es gibt n Antworten und n Jahre, die Fragen zu finden. Das Verhalten der Menschen ergibt sich vielmehr aus dem Verhalten, aus dem schon Getanen, aus den Reflexionen der Taten.

 

Auf dem Foto sieht man die Kirche St. Sophia zu Brüssow.

Der Titel wird auch in Türkisch wiedergegeben, weil der Fluss inzwischen Menderes heißt und in der Türkei mäandriert und seine Symbole und Erkenntnisse verbreitet.

Angosom und all den anderen sage ich: Du musst dich nicht bedanken, du bist das Geschenk.

KLAGENDE ODER KLÜGERE SCHÜLER

 

Nr. 189

Vieles hat sich verbessert, aber vieles könnte besser sein. Wenn man richtig erziehen wollte, müsste man in die Zukunft sehen können, und die wäre anders, wenn man richtig erzogen hätte. Aber schon Freud wusste: es geht nicht. Der Grund ist: es gibt nur kleine Wahrheiten, keine großen, aber weil so viele Menschen lügen, wollen sie gern glauben, dass es umgekehrt sei.

Die Nordkoreaner wurden vom Großvater des heutigen Diktators dazu aufgefordert, hinter jedem Baum einen Japaner oder Nordamerikaner zu vermuten. Die Einhaltung dieses Gebots erklärte den absoluten Stillstand der nordkoreanischen Gesellschaft bis auf den heutigen Tag. Allerdings gibt es jetzt erste Aufbrüche.

Wir haben nicht zu viele Bäume, hinter denen vermeintliche Feinde stehen, sondern wir haben zu viele Regeln, die uns hindern, initiativ zu sein. Je mehr Regeln wir uns gegeben haben, desto mehr Supervisionäre brauchten wir und haben wir erhalten. Aber Supervisionäre sind nicht nur keine Visionäre, sondern das Gegenteil. [Und um dem dummen Satz von Helmut Schmidt zu widersprechen, von dem allerdings keiner weiß, warum und in welchen Zusammenhängen er ihn sagte, und witzige Sätze müssen nicht richtig, noch nicht einmal gut sein, muss man nur Willy Brandt und Helmut Schmidt vergleichen.]  Um zu zeigen, was Bürokratie kann, aber was sie auch nicht kann, folgt nun

DAS GROSSE FACEBOOK GLEICHNIS

Im Jahre 2015 kamen nach Deutschland über eine Million Flüchtlinge, von denen eine halbe Million als Asylbewerber blieben, von denen ein nicht genau bestimmbarer Anteil nach geltendem Recht anerkannt werden wir, ein anderer Teil wird geduldet oder abgeschoben. Die Ämter waren heillos überfordert. Als Beispiel für eine katastrophale Überforderung mag das Berliner LAGESO, Amt für Gesundheit und Soziales stehen. Bürger und Wohlfahrtsorganisationen mussten ihm zu Hilfe eilen. [Dass die Berliner Verwaltung insgesamt ihre Aufgaben nicht mehr lösen kann, sieht man vor allen Bürgerämtern, und dort stehen nur die dringlichen Fälle, die anderen haben online Termine in den nächsten Wochen und Monaten.] Zehntausend jugendliche unbegleitete Flüchtlinge sind verschwunden. Die sechzehn Bundesländer und die Bundespolizei haben verschiedene Erfassungssysteme mit nicht kompatibler Software. Obwohl allen Flüchtlingen mehrfach und in allen Ländern Fingerabdrücke abgenötigt werden, sind diese nicht vergleichbar, Flüchtlinge sind also nicht verfolgbar. Die wenigen kriminellen Flüchtlinge werden also nicht von einer perfekten Polizei verfolgt, sondern sie erleben den gleichen Schlendrian wie in ihren Herkunftsländern, nur besser aussehend. Im besten Fall, und das ist der schlechteste Fall, wird der tatsächliche Delinquent erschossen. Papiere liegen monatelang in Erstaufnahmebüros. Namen werden in Varianten geschrieben, so dass sich Leistungen oder Identitäten verschleiern können. Es gibt nur wenige böse Sätze, aber einer, der gleichzeitig auch noch dumm ist [aber ist nicht alles Böse dumm?], lautet: AMTSSPRACHE IST HIER DEUTSCH. Nein, wir sind hier in Europa und alle Bürokraten haben einen Hochschulabschluss. Zudem können Ämter gar nicht sprechen. Menschensprache ist Empathie oder umgekehrt! Überfüllte Ämter sind überfordert. Der Profiteur ist die immer die selbsternannte Alternative, wenn man sein Modell als alterativlos bezeichnet. Solche selbsternannten Alternativen preisen das Gestern als Lösung.

Statt dieses gestrigen Verhaltens hätte man [und könnte man bei der nächsten Krise] moderne Medien und Methoden anwenden können.

Jeder Flüchtling, der in Europa ankommt, erhält ein Smartphone mit einem Facebookprofil, das zu seiner Sicherheit durch fingerprints unterfüttert wurde. In dem Telefon befindet sich auch ein Wörterbuch seiner Herkunftssprache, das dann jeweils auf die Sprache des Aufenthaltslandes umgestellt wird. Damit haben auch die Flüchtlinge mit eher seltenen Sprachen wie Tigrinya, Urdu, Somali, Farsi oder Deri eine bessere Chance der Verständigung. Flüchtlinge wie Bürokraten haben Sicherheit durch ein Medium, das sie bestens beherrschen, statt in Methoden herumzutappen, die sich selbst überholt haben.  

Das ist keine Vision, das ist verpasste Wirklichkeit. Als 1990 ein ganzes Land mit fünfzehn Millionen Einwohnern mit Geld und Waren des täglichen Bedarfs, einschließlich der Südmilch aus Stuttgart, versorgt wurden, war das auch kein Wunder und keine Vision, sondern Wirklichkeit eines oft verschmähten und gescholtenen Kapitalismus. Eine Flotte von blauen Mercedeslastern setzte sich nachts in Bewegung und am nächsten Morgen erwachte ein Land in einem andern Land und konnte zwischen Südmilch und Nordmilch wählen. Ein Denkmal davon findet sich in der Berliner Brunnenstraße als Inschrift. Dieses Haus, steht da, stand früher in einem anderen Land, aber der Glaube der Menschen kann Berge und Häuser versetzen.

So hinken eine Schule, eine Bürokratie und ein ganzes Land hinter sich selbst her, weil sie den Glauben an sich, der einmal ihr Markenzeichen war, verloren haben. Fast zehn Prozent von uns folgen einer obskuren Sekte, die wie alle rechts- und linksextremen Parteien oder Gruppierungen nur ANTI und NEIN und GESTERN zu bieten haben. Die restlichen neunzig Prozent sind erstarrt wie das Kaninchen vor der Schlange. Wollen wir nicht endlich die Fernseher ausschalten, um dieses unsägliche Gemisch von Pertry, Wagenknecht und Böhmermann nicht mehr ertragen zu müssen?

In Bhutan ist, nach dem damals siebzehnjährigen König, das Bruttonationalglück Hauptparameter des wirtschaftlichen und sozialen Handelns. Aus bösen Diktaturen Afrikas fliehen freundliche und fröhliche Menschen, und sie tun gut daran, einer Politik zu entkommen, die sie mit Sicherheit unglücklich machen wird. Aber ob sie hier glücklich bleiben? Denn was tun wir? Wir runzeln die Stirnen und haben Angst vor unseren eigenen Initiativen. Die kleinen Städte, statt sich über Kinder, Jugendliche und junge Menschen mit guter Laune zu freuen, übergeben sich ihren Bedenken und Gebrechen. Wir sind ein Land geworden, in dem die wichtigsten Botschaften in der APOTHEKENRUNDSCHAU stehen. Obwohl ein Drittel von uns an Adipositas leidet, haben wir Angst, dass uns jemand etwas wegessen könnte.

In der deutschen Schule wird um Zensuren und Rechtsvorschriften, Punktesysteme, siebzig Schultypen und seit zwanzig Jahren über das Abitur gestritten. In Berlin wachen fünfzig Schulräte  darüber, dass es keine klagenden Schüler gibt.

Es geht mir gut, es geht mir eigentlich immer gut, singt AnnenMayKantereit. Wann singen wir endlich wieder mit? Und wann trauen wir uns wieder Visionen zu statt nur Supervisionen.

 

Das GROSSE FACEBOOK GLEICHNIS folgt einer Idee Caspar David Stordeurs. Danke.

ZAHLENDREHER

 

 

Nr. 188

 

Man sieht sich lieber als Märtyrer der Zeit oder, wie es moderner heißt, der Sachzwänge. denn als erfolglosen Neuerer. Zu allen Zeiten war es schwer, eine eigene Idee zu entwickeln und sie durchzusetzen. Dagegen hilft eigentlich nur zweierlei: einfach mit der Masse mitlaufen oder sich als Opfer stilisieren.  Plagiate wollen wir nicht als ernsthafte Möglichkeit anerkennen.

Die Masse und ihre Führer stellen sich natürlich und als gesunden Menschenverstand dar, der dann auch im Englischen common sense heißt. Es ist nicht nötig aufzuzählen, was der gesunde Menschenverstand schon alles als normal angesehen hat und ansieht. Unter Führung ihrer Priester zogen Millionen Menschen zu den Volksbelustigungen der Exekutionen. Ein besonders krasser Fall mag der siebzehn Jahre junge Jesse Washington gewesen sein, dessen Erhängung und Verbrennung ein tausendköpfiger Mob johlend zusah, der anschließend Postkarten mit dem Grauen verkaufte, aber es war leider in allen Kulturen und Religionen üblich. Das wird deutlich und deutlicher, wenn man mit jungen Flüchtlingen am Richtstein und am Standort des Militärgalgens einer mittelalterlichen Stadt steht. Heute kann man wenigstens fliehen. Fliehen konnte man schon immer, aber heute wird man doch weitaus freundlicher aufgenommen. Die Ausnahmen, wie das alte Preußen, aber auch Russland, Amerika oder das Habsburger Reich, sollten gefeiert werden.

Viel zu sehr glauben wir Loser, dass Innovation in die Geschichtsbücher gehört. Vielmehr reicht es, wenn die Innovation die Herzen erreicht. Innovation ist alles, was über den reinen Broterwerb und die bloße Pflichterfüllung hinausgeht. Die großen Denker haben unter Pflicht freilich etwas anderes verstanden: die Pflichten, die wir am Menschengeschlecht haben, deren Erfüllung uns erst zu Menschen macht. Jede Ordnungsmacht nutzt den Widerspruch aus, der sich zwischen den rein semantischen Unterschieden eines einzigen Wortes auftut, ja, sie fördert das Missverständnis. jede Diktatur tut so, als sei ihr meist durch Zufälle nach oben gespülter Unrat Heil und Heiland zugleich.

Und wir, die Loser, glauben den Sprüchen und Botschaften, ohne sie zu befragen. Wir befragen auch uns nicht genügend, denn sonst würden wir nicht immer und immer wieder den entrollten Lügenfahnen hinterherrennen. Das ist bekanntlich ein Zitat aus Goethes Faust II. Der Vorsitzende der NPD hat es neulich im Schweriner Landtag Walther von der Vogelweide zugeschrieben. Wir wollen nicht auf die Unbildung des Migranten Pastörs verweisen, sondern auf den Ge- und Missbrauch von Sprüchen.

Im untergegangenen Ostblock wurden die sogenannten Klassiker des Marxismus-Leninismus nicht nur in Vorlesungen und Reden zitiert. Einige dieser Zitate sind in die Spruchweisheiten gelangt. Sie dienten gleich- und gegenseitig zum Beweis des Systems und das System bewies mit seiner Existenz die Sprüche. Wir sind heute zurecht schockiert, wenn eine politische  oder wissenschaftliche oder wirtschaftliche Instanz Demokratie und Transparenz vernachlässigt, um die Interessen eines Chefs zu verwirklichen. In der Diktatur ist das gang und gäbe, der uralte Ausdruck für Zeitgeist,  und wird mit Sprüchen getarnt.

Es war einmal ein armer kleiner Maurerlehrling. Der musste einen Aufsatz über sich schreiben, aber das konnte er nicht. Schon immer hatte er große Probleme, wenn er etwas schreiben sollte. Zudem konnte er auch nicht öffentlich sprechen, was aber seine Lehrer nicht störte. Immer wieder demütigten sie ihn. Kurz gesagt, gehörte Deutsch nicht gerade zu seinen Lieblingsfächern und deshalb wollte er auch nicht Schriftführer oder Schriftsteller werden, sondern Maurer. Aber er hatte schon eine Idee für diesen Text. Er wollte sagen, dass er schon fähig wäre, etwas zu tun, wenn seine Mutter ihm dabei helfen würde, wenigstens, indem sie ihn erinnerte, mahnte, kontrollierte. Und um das zu sagen, fiel ihm ein Spruch ein, der damals in allen Zeitungen stand, von allen Rednern eifrig zitiert wurde, allgegenwärtig war, vielleicht war er auch auf seiner Jugendweihe zelebriert worden. Er schrieb: Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser. Zwar wurde er etwas unsicher, als er es geschrieben hatte, aber er blieb doch dabei. Und er war immer unsicher, wenn er etwas schreiben oder öffentlich sagen musste. Als er seine Arbeit zurückbekam, saß er mit roten Ohren da, wie immer, ein blonder Junge, unsicher über sich selbst und die Welt. Der Lehrer sprach: Das ist ein hervorragender Text. Du hast etwas großartiges geschrieben, vielleicht sogar entdeckt. Der Junge wurde über und über rot und sagte: Es kann sein, dass ich etwas verwechselt habe. Nein, nein, sagte der Lehrer, du hast nichts verwechselt. Du hast erkannt, wie es richtig heißen muss. Und wenn du heute nach Hause kommst, sagst du dir deinen Satz hundertmal gegen den Spiegel. Und immer wenn du ihn dann andersherum, hörst oder liest, wirst du wissen, dass du richtig und die anderen falsch sind. Und ich sehe das, sagte der Lehrer, ab heute auch so. Und weil du uns einen großen Schritt vorangebracht, wird dein Text als der jahrgangsbeste ausgezeichnet, wie Lehrer so reden.

Wenn man nachts die Landsberger Allee in Berlin stadteinwärts fährt, und ein wenig sinnlose Gespräche führt, einfach um wacher zu bleiben, dann fällt einem vielleicht der angebliche Urheber des ursprünglichen falschen und dummen Spruchs ein, der durch einen leider namenlos gebliebenen blonden Maurerlehrling mit immer roten Ohren korrigiert wurde. Aber vielleicht fällt einem auch nur der Film GOOD BYE LENIN ein, aber vielleicht ist das ganze Leben überhaupt nur ein dejá vue?

Mir fielen diese Geschichte, dieser Spruch und seine Umkehrung wieder ein, als ich die CD einer bemerkenswerten Deutschrockband hörte, nämlich AnnenMayKantereit, und da heißt es: Vertrauen ist gut, Kontrolle für Besserwisser…

LOVE ME TENDER

 

oder

Wir singen schon lange global

Nr. 187

Es gibt Sätze mit einer sehr großen Halbwertzeit, wie zum Beispiel ‚All you need is love‘ oder ‚Alle Menschen sind/werden Brüder/Schwestern‘. ‚Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein‘ wird auch gut und richtig bleiben, später allerdings wird die Menge der Erklärungen zunehmen, wenn niemand mehr wissen wird, was Sünde und was Strafe ist, von Steinigung ganz zu schweigen. Andere Sätze verlieren an Bedeutung, weil nichts, was sie einst beschrieben, noch da ist: ‚Proletarier aller Länder, vereinigt euch‘ wird dann wie eine IKEA-Werbung klingen. Wenn man sich das riesige Bruttosozialprodukt unseres Landes im Vergleich zur geringen Zahl der Arbeitskräfte ansieht, dann weiß man, was Geisterhände sind. Dann gibt es Sätze, die werden weiter zitiert, aber nicht weiter hinterfragt. Sie klingen gut und waren wahr, warum sollten sie nicht mehr klingen? ‚Es gibt kein richtiges Leben im falschen‘, meinte Adorno angesichts des Nazi-Terrors, aber meinte er nicht auch, dass es kein Leben mehr wie früher gibt? Denn ursprünglich hatte sein Satz anders gelautet: ‚Man kann privat nicht mehr richtig leben.‘ Und das fragen wir: was soll denn ‚richtig‘ sein? Soll es heißen: wie früher, soll es heißen: wie später, soll es ideal heißen, traditionell, revolutionär? Es gibt kein richtiges Leben im falschen, weil es kein richtiges Leben gibt. Falsch dagegen scheint mir eher das Synonym für ein Leiden an der Unangepasstheit, der Überangepasstheit, dem Mangel an Kreativität, dem Gefängnis der Begriffe zu sein. Falsch ist ein burnout des Richtigen, also historisch Angepassten. Falsch heißt meistens veraltet.

Marshall McLuhan wollte dagegen mit seinem Klassiker zurecht das Fernsehen diskreditieren. Das Fernsehen ist auch heute noch das dümmste Medium. Aber aus heutiger Sicht ist sein berühmter Satz ‚Das Medium ist die Botschaft‘ zumindest veraltet.

Mehr noch durch das Internet als durch das Fernsehen sind alle großen Narrative weltweit zu jedem beliebigen Zeitpunkt frei verfügbar. Die Kehrseite, dass dadurch auch jeder Mensch transparent und kontrollierbar sei, verkommt zur Bedeutungslosigkeit, da schon die Datenmengen herkömmlicher Geheimdienste nicht zu bewältigen waren. Es ist uns überhaupt erst in den letzten Jahrzehnten seit McLuhans Tod die riesige Menge an Daten bewusst geworden, die von unseren Gehirnen und Maschinen bewegt werden. Die unvorstellbar größten Zahlen (‚googolplex‘, das ist eine 1 und 10100 Nullen, nicht zu verwechseln mit der danach benannten Suchmaschine) reichen nicht aus, um mathematisch zu beschreiben, was wir denken und wissen und teilen. Schon die Zahl selber ist unvorstellbar. Um 106 Nullen darzustellen, würde ein normales Buch mit 400 Seiten reichen. Wir brauchten also noch 1094 solcher Bücher, um alle Nullen unserer schönen Zahl zu drucken. Die ganze Welt ist nicht, wie McLuhan beklagte, eine Bibliothek von Alexandria geworden. Das Buch musste seinen Rang mit einem faustkeilgroßen Universalgerät teilen, das die tatsächliche Globalisierung mehr voranbringt als die Produktion und Konsumtion aller anderen Güter zusammen. Das Wort ‚universal‘ ist hier sowohl als global wie auch als omnipotent oder universell zu verstehen. Natürlich bleiben die biotischen Fundamente Essen und Trinken sowie die sozialen Basics Obdach und Alphabet.

Beiträge zu einer universalen Sprache haben früher schon die Mathematik und die Philosophie geleistet, aber den Durchbruch brachte die Popmusik mit ihrem Vorläufer Jazz. Der Jazz nahm sowohl Elemente der polyphonen europäischen Kirchenmusik als auch, besonders vom Instrumentarium her, der von der Mehterhane geprägten Militärmusik auf und vereinigte sie zu einer weltweit wie eine neue Kultur wahrgenommenen Botschaft. Zugleich ist es der erste große Beitrag der ehemaligen Schwarzafrikaner zur Weltkultur. Am ersten weltberühmten Popsänger, der ebenfalls durch die schwarze Chorkultur geprägt war, kann man auch gleich die Botschaft der Globaliserung ablesen. Elvis Presley kam als Besatzungssoldat, also als Repräsentant einer finsteren Vergangenheit, des Krieges, nach Deutschland. Sozusagen von hier aus begann seine Weltkarriere. LOVE ME TENDER, eine Volksliedadaption, hörten zuerst gleichzeitig 54 Millionen Menschen. Trotz aller Diversifizierung der Musik, die seitdem stattgefunden hat, gibt  es, außer SILENT NIGHT, jetzt Lieder, die jeder auf der ganzen Welt kennt, ohne dass er ihre Herkunftssgeschmacksrichtung teilt.

In der Substitution des Buches, die gleichzeitig seine Einbeziehung ist, spielt der Film nach der Musik die zweite Rolle. Jeder Mensch auf der ganzen Welt kennt Charlie Chaplin. Viele glauben, da sie die Sequenz nur aus youtube kennen, dass die berühmte Rede des Friseurs im GROSSEN DIKTATOR ein Originalbeitrag zur Philosophie ist. Davon träumten die Romantiker: der Mensch wird durch Geschichten gebildet, nicht durch Belehrungen. Der Mensch lebt in Geschichten mehr als in der Welt. Die Welt des Menschen ist verwirklichtes Narrativ, von der Felszeichnung, die zur Jagd ermutigen sollte, bis zum Smartphone mit seinen unendlich vielen Sequenzen, Filmen, Fakten und Fakes.

Das Fake ist die radikale Metapher. Nur der Außenseiter der virtuellen Welt verwechselt es mit der Wirklichkeit. Niemand, der Aschenputtel gelesen hat, hackte sich den Hacken ab, um in unpassende Schuhe zu kommen. Niemand, der eine Unpässlichkeit mit seiner kleinen Welt fühlt, glaubt, dass Rothschild daran Schuld haben könnte. Rothschild ist so absurd wie der abgehackte Hacken. Rotschild ist der moderne schwarze Mann.

Indessen kommen Flüchtlinge nach Europa, nach Deutschland und auch nach Prenzlau. Wenige Prenzlauer kennen das Land, aus dem die schwarzen jungen Männer sind. Diese aber kennen das Smartboard und hören in den Pausen ihres Deutschkurses Musik aus ihrem geheimnisvollen schönen und schrecklichen Land. Und die Musik klingt so, als würde Elvis Presley singen, wenn er heute noch singen würde und aus diesem Land käme. Wir singen schon lange global.

ALLE MENSCHEN SIND/WERDEN BRÜDER/SCHWESTERN. EINE WAHRSCHAU

 

Nr. 186

Nichts ist so, wie es ist oder gar nur scheint. Phänomenologisch sind wir durch die Arbeitsteilung und die vielfältigen Absicherungen, vom Konservenglas bis zum Kindergarten, fast untauglich oder jedenfalls blind geworden. Und wir können es uns leisten. Dieser Tage wird besonders unsere Abhängigkeit vom bis zu 99% überflüssigen Nachrichtenbetrieb diskutiert. Auf Segelschiffen und bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts hieß der Ausguck Wahrschau, obwohl auch damals die Unwahrschau die Regel gewesen sein muss, denn der unbeliebte Platz verzerrte den Blick, Alkohol, Fehlsichtigkeit, Müdigkeit, Abgelenktheit, Hunger, Sexualität trugen zur Trübung bei. Niemand sieht, was er sieht. Man sieht eher, was man glaubt, als dass man glaubt, was man sieht. Keiner kennt alle zur Erkenntnis nötigen Details. Niemand kennt die tausend Gründe, warum etwas geschieht oder nicht geschieht. Der Grund wird zum Abgrund. Unsere Erwartung wird enttäuscht und verkommt zur Hoffnung, diese wird diskreditiert. Die Realisten behaupten, dass sie, weil von Hoffnung, Trauer, Liebe, Sehnsucht, Schmerz, Freude, Selbstsicherheit, Selbstlosigkeit, Selbstbewusstsein oder Unsicherheit nicht ablenkt, die wahren Seher sind. Jeder von uns kennt dagegen Realisten, die nichts weiter als un- oder eingebildete oder ent- oder getäuschte Zyniker sind. Sie sagen immer das gleiche. Die Befürworter nennen das Klartext, weil es gegen den Mainstream oder gegen die Vision gerichtet ist, die Gegner nennen es Populismus, weil es nicht auf Beobachtung und schon gar nicht auf Nachdenken beruht, sondern auf Gefallenwollen, Beachtetseinwollen, Bewundertseinwollen und mit dem zu beobachtenden Fakt meist nichts zu tun hat. Die Flüchtlingskrise hat beispielsweise, selbst wenn die Aufnahme und beginnende Integration um die zehn Milliarden Euro pro Jahr kosten sollte, nichts mit Geld zu tun, sondern mit Kapazität, Europa, Belastbarkeit, Parteipolitik, Wählerverhalten und wahrscheinlich noch weit mehr Faktoren. Gemessen an den Sozialleistungen aus dem Staatshaushalt von bis zu 150 Milliarden Euro pro Jahr fällt das nicht ins Gewicht, zumal steuerliche, konjunkturelle und investitive Rückkopplungen sofort wirksam werden. Es wird Geld ausgegeben und in den Wirtschaftskreislauf eingefügt, das sonst irgendwo herumliegen würde.

Unser metaphorisches Schiff braucht also nicht nur Kapitän und Kompass, Autorität und Aufklärung, sondern auch die Wahrschau vom höchsten Punkt des Mastes aus, die nicht nur, und vielleicht sogar weniger, Fakten erkennt und weitergibt, sondern Hoffnung, Appell, eventuell auch die Gewissheit des Endes. Im antiken Griechenland wurde der Bote der schlechten Nachricht getötet, und wir sollten uns den Verzerrungsgrad jeder Nachricht nach zweiundvierzig Kilometern Todesangst vorstellen können.

Der Schiffsjunge im Mastkorb muss über den Nebel hinaus sehen können, er muss aufklären, was ohne ihn im Dunkeln bliebe. Sein Ruf erlöste aus der Todesangst oder war das Todesurteil, sein Ruf war der Beginn einer neuen Menschheitsepoche oder der Verbleib in der Verdammnis.

Das christliche Abendland ist nicht nur durch das Christentum geprägt. Das ist übrigens eine Erkenntnis, die jeder einzelne Muslim oder Buddhist oder Atheist, der zu uns kommt, selbst macht. Das christliche Abendland ist nicht nur durch die Himmelsrichtung geprägt. Das christliche Abendland hat sich aber andererseits auch nicht nur auf den Kompass der Aufklärung verlassen, sondern genauso auf die Hoffnung und Zuversicht, auf die Menschlichkeit, die jedem Individuum, jeder Kultur, jeder Nation, jeder Dorfgemeinschaft innewohnt.

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Dass die Menschheit wenige Wege, aber Millionen Irrwege gegangen ist, darf uns nicht abhalten, weiter nach gangbaren Möglichkeiten zu suchen. Einerseits sind wir Teil der Natur, wie man durch den Atavismus der wilden Kinder überdeutlich sehen kann oder an unserer Schonungslosigkeit. Wie eine Herde Rehe fressen wir alles ab, auch die zukunftsträchtigsten Bäume, um uns dann über die Leere und den Tod zu wundern. Andererseits sind wir nach unserem Selbstverständnis mit einer Kraft begabt, die uns den Vorausblick, die Wahrschau, das Einfügen in größere Zusammenhänge ermöglicht. Immer wieder halten wir an und suchen Perspektiven, die uns von vergangener Schuld zwar nicht erlösen können, aber sie in Zukunft vermeidbarer machen.

So kann und sollte man die Aufforderung verstehen, nicht zu richten, weil man auch selbst gerichtet wird. Es ist überhaupt müßig, nach der Schuld zu fragen, weil das die Rache näher legt als die Besserung. Der Glaube an Gerechtigkeit scheint der wahre Irrglaube zu sein. Gerechtigkeit wäre ein Gleichgewicht, ein Hundertprozentzustand, die Klarheit und Reinheit ohne jede Nebenwirkung und Kollaterale, ohne die wir zum Infarkt verurteilt wären. Die Frage nach dem Warum ist eine wissenschaftliche, keine Alltagsfrage, weil sie im Alltag nicht beantwortbar ist und in der Wissenschaft jede Antwort Hypothese bleibt.

Der Wahrschauruf LANDINSICHT ist, wie wir schon gesehen haben, bei weitem nicht nur ein Fakt, wenn er nicht sowieso ein Fake ist. Er ist auch immer ein Appell, und auch der Appell ist nur dann wirkungsmächtig, wenn gleichzeitig auch mindestens einen minimalen Wahrheitsgehalt hat. Schillers Glückssatz, dass alle Menschen Brüder und Schwestern werden, beruht auf Lessings fast didaktisch daherkommenden Erkenntnis, dass wir alle Brüder und Schwestern sind. Vielleicht sind die Muslime Arianer und die Christen Essener, dann würde derselbe Gott endlich auch das Ende des Kopftuchstreits und des Rechthabenwollens bedeuten.

Dass die Menschen sich schon so oft wie Feinde benommen haben, Mauern errichtet, Kriege geführt, sich gegenseitig umgebracht, geglaubt oder gehofft haben, Recht zu haben oder recht zu sein und den jeweils Fremden als falsch, sinister, tierisch, teuflisch, ungläubig, böse bezeichnet zu haben, darf uns nicht hindern, zu sehen, dass auch und schon immer die Ameise unserer Bruder war, und das endlich alle Menschen Brüder werden. Noch vor hundert Jahren wusste jeder, dass ein Schwarzer faul und ungebildet, ein Wal ein Fisch, die Erde eine Scheibe, die Hierarchie Natur, der Mann intelligenter als die Frau ist, Gott Kriege nicht nur will, sondern auch führt, der Staat und die Kirche morden darf. All das darf uns doch nicht hindern, besser zu werden, auf Besserung nicht nur zu hoffen, die großen Sätze an die Kirchtürme und Minarette zu nageln: WER OHNE SÜNDE IST, WERFE DEN ERSTEN STEIN oder/und ALLE MENSCHEN SIND/WERDEN BRÜDER/SCHWESTERN.

 

Anmerkung: Wir haben einem befreundeten Rapper eine Materialsammlung zu Schillers Satz geschrieben und im Gedichtblog veröffentlicht. Einer von diesen fäkalverliebten selbsternannten Realisten schrieb darunter, dass Schiller Scheiße bliebe, solange die Menschheit mehr der eigenen Art umgebracht hätte als jede andere Art. Er schlägt also vor, erst die Vergangenheit zu ändern und dann die Zukunft. Dies ist mein Antwortversuch.  

schillers rap an die freude

FRIEDRICH DER ZWEITE DACHTE

 

Nr. 185

Obwohl er den berüchtigten, fast tödlichen Konflikt mit seinem jähzornigen Vater hatte und man verstehen könnte , dass er alles anders machen will, hat Friedrich ein gutes Verhältnis zu einer Tradition gefunden, die alles andere als rational war. Sein Vater hat ganz auf die Armee, die Vorsicht und den berechtigten Zorn gesetzt. Er hatte eine große, ungeheuer teure Armee, aber er hat sie nicht eingesetzt. Sein Verhältnis zum Menschen war mehr als patriarchalisch. Er fühlte sich als Sklavenhalter und von Gott dazu berufen, auf seine Mitmenschen einzuprügeln. Katte musste sterben und Friedrich dabei zusehen, obwohl Friedrich die Flucht geplant hatte und nicht Katte. Friedrich war gerade einmal achtzehn Jahre alt.

Friedrich schätzte und nutzte trotz des falschen, schändlichen und zurecht verhassten Verhaltens seines Vaters dessen traditionell auf das Wohl des Landes ausgerichtete Einwanderungspolitik.

Zweitens aber tat er, was damals mit Ausnahme seiner Erzfeindin Maria Theresia niemand tat, er setzte auf die Aufklärung, und zwar in einem ganz praktischen Sinn. Während er vielleicht Schlesien eroberte, um Maria Theresia zu ärgern, was wir heute ganz vehement ablehnen, hat er sich mit der Kartoffel und der vorsichtig versuchten Gewaltenteilung einen Dauerbonus in der Geschichte verschafft. Die Kartoffel war und ist so nachhaltig, dass die heutigen Migranten uns sogar so nennen.

Friedrich, sein Vater und sein Großvater sagten nicht nur ‚Bienvenue aux réfugiés‘ und ‚Wir schaffen das‘, sondern sie schufen ein auch wirtschaftlich günstiges Klima. Wer heute von Neulietzgöricke im Oderbruch bis Bagemühl in der Uckermark fährt, sieht immer noch viele Dutzende französische Kolonistenhäuser. Manche sind in der zwölften Generation liebevoll restauriert, andere sind vom Verfall bedroht.

Der Verfall hat indes nichts mit Ein- oder Auswanderung zu tun, er ist das Ergebnis bedauerlicher und heilloser Überalterung und Kinderlosigkeit, kurz demografischer Wandel genannt, denn wir lieben Metaphern und Euphemismen.

Warum stellen wir nicht interessierten Flüchtlingen verfallene oder verfallende Häuser zur Verfügung, dazu Baumaterialgutscheine, Steuerfreiheit, ein zinsloses Darlehen für startups und dazu braucht man in Deutschland leider auch bürokratische Hilfe. In anderen Ländern kauft man sich einfach ein Schild, auf dem die Firma, die man gegründet hat, steht, und schon steht die Firma. Aber dafür haben andere Länder andere Nachteile, die zum Teil nicht hinnehmbar sind. Wer sich ernsthaft einen solchen Präsidenten vorstellen kann, den kann man nicht mehr ernstnehmen.

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Der Vorschlag staatlich geförderter Hausbesetzungen ist relativ leicht umzusetzen. Wenn auch nur ein Viertel der Flüchtlinge auf diese Weise unterkäme, könnte doch mit größerer Streuwirkung gerechnet werden. Aber was sollen die Flüchtlinge, die nun Neubürger und Hausbesitzer sind, tun, um Geld zu verdienen.

Es gab einst einen schönen Werbespruch von ESSO, der sagte, dass es viel zu tun gäbe und man es nur anpacken müsste. Man könnte einerseits eine Expertenkommission einsetzen, die zu prüfen hätte, woran es uns fehlt. Viele denken, dass es uns an nichts fehlt, aber das ist eine Frage der Perspektive. Es fehlt uns an Pflegekräften. Wir müssen endlich Pflegekräfte besser bezahlen und ihnen viel mehr Zeit einräumen. Es fehlt uns an innovativer Implementierung vielfältiger Computertechnik. Es fehlt uns an Fußballtrainern, Feuerwehrleuten, Erziehern und Sozialarbeitern. Es fehlt uns an Dichtern und Mathematikern, die die Leistungsgesellschaft schrittweise in eine poesie- und computergestützte Idylle verwandeln. Die Expertenkommission dürfte auch gerne einen Wettbewerb ausschreiben.

Auf der anderen Seite kann man einfach abwarten: was werden die hausbesitzenden Neubürger als nächstes tun? Sobald sie etwas Gemeinnütziges auch nur vorhaben, muss man ihre Vorhaben finanziell und logistisch unterstützen. Es wird sich zeigen, dass bei dem einen oder anderen Projekt die Neugierde über die Fremdenangst siegen wird. Über den maroden Zaun hinweg wird Deutsch gelernt und Innovation. Es werden langsam, Schritt für Schritt, auch Altbürger einbezogen werden, die zu Transferleistungsbeziehern degradiert wurden, nicht von jemandem, sondern durch die Eigendynamik einer einerseits höchstleistenden, andererseits aber auch sozialen Gesellschaft. Es ist billig und populistisch, die Erhöhung der Sozialleistungen auf ein, wie es heißt, menschenwürdiges Niveau zu fordern. Menschwürdig ist es allein, sich selbst – wenn auch mit Hilfe – zu unterhalten. Selbsthilfewerkstätten, Dorf- und Kleinstadtzentren, in denen geplant und gewerkelt werden kann, könnten das Ergebnis dieser neuartigen Zusammenarbeit sein.

Nun sind die Flüchtlinge, selbst die gut gebildeten syrischen, keineswegs alle genügend qualifiziert oder gar überqualifiziert, um solch ein gigantisches Werk zu vollbringen. Aber sie haben alle einen Unterdruck an Aktionismus und Innovation. Sie kommen alle aus repressiven oder wenigstens autoritären Mangelwirtschaften, so dass sie jede finanzielle, logistische und liebevolle Hilfe dankbar annehmen. Sie wissen Bildung als hohes, oft unerreichbares Gut zu schätzen. Statt ihnen schon wieder einfach nur Geld zum Konsumieren zu geben, sollten wir jede Idee, jede Tat und jede Gemeinnützigkeit belohnen. Wir haben schon wieder Monate mit solchen Fragen zugebracht: Sind alle oder doch einige Flüchtlinge Terroristen? Darf man mit einem Kopftuch schwimmen/kochen/helfen? Was ist der Unterschied zwischen einem Kirchturm und einem Minarett?

Die Chancen für ein funktionierendes Miteinander sind in den Dörfern und Kleinstädten größer als in den Großstädten. Die Gefahr der Ghettoisierung auf beiden Seiten ist geringer. Wenn du immer nur die Gruppe ändern willst, zu der du gar nicht gehörst, wirst du nichts ändern! Lasst uns Spielräume schaffen und nicht Geld verteilen! Öffnen wir unsere Häuser und unsere Köpfe!

Der Staat und die Gesellschaft, und wer soll das sein, wenn nicht wir, sollten sich endlich auf ihre Großen besinnen: Friedrich und sein hochproduktives Verhältnis zu Tradition und Fortschritt. Was wir brauchen, ist eine Innovation von der Dimension der Kartoffel.

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DIGITALES NADELÖHR

Nr. 183

Plötzlich erinnern sich Menschen an den greisen Revolutionsführer Fidel Castro. Seinerzeit ist er im Westen wie im Osten eine Ikone gewesen, wenn auch nicht vom Rang seines begnadeten und trotzdem gescheiterten Genossen Ernesto Che Guevara. Weil der bei seinen kommunistischen Zeitgenossen, wenn nicht verboten, so doch auch nicht recht erlaubt war, mussten wir uns mit der Bürger- und Genossenschreckvariante Fidel Castro begnügen. Während unsere Partei- und Staatsführer stundenlange Reden schlecht von widerwilligen Blättern ablasen, sagte Fidel Castro das gleiche vier Stunden lang auswendig. Wir waren begeistert. Wenn wir spanisch verstanden und vier Stunden lang zugehört hätten, wären wir weniger begeistert gewesen. Im Grunde sprach er zwei Stunden gegen den amerikanischen Imperialismus. Dessen Zeit, so jubelte Castro rhetorisch mehr als wirkungsmächtig, sei abgelaufen. Obwohl er seit der Kubakrise hätte wissen können, als Politiker sogar wissen müssen, dass da etwas nicht stimmte. Kennedy war weltweit übrigens nicht weniger beliebt. Aber auch der zweite Teil seiner eigenen Rede hätte Castro eines besseren belehren können: die letzten zwei Stunden erklärte er, warum in Kuba weniger produziert als gebraucht wurde. Das lag zum einen wieder am amerikanischen Imperialismus, nämlich sogar doppelt: an der Zuckermonokultur, die einst die Amerikaner (?wer?) installiert hatten und am Handelsembargo, das Dwight D. Eisenhower, der immerhin schon einen Weltkrieg, den er nicht begonnen, gewonnen hatte, verhängte, nachdem Fidel Castro im Ergebnis seiner Revolution die US-Amerikaner enteignete. Zweitens aber, und das war die vierte Stunde seiner Rede, vielleicht hörten die Kubaner jetzt doch nicht mehr so aufmerksam zu oder hatten gar zuviel Kubarum getrunken, auch bei uns wurde bei Massenveranstaltungen sehr viel Alkohol konsumiert, jedenfalls waren laut ihrem Staats-, Partei-, Armee- und Revolutionsführer die Kubaner zwar qualifiziert, aber nicht so sorgsam, wie es zur Erfüllung ihrer Wünsche notwendig gewesen wäre. Zum Schluss musste selbst der Zucker importiert werden. Dieser Krug ging solange zu Wasser, bis er brach, und das war 1990.

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Fidel Castro hätte drei Stunden seiner vielen Reden streichen müssen, er hätte sich selber Lügen strafen müssen, wenn er geglaubt hätte, dass die Amerikaner (‚Gringos‘), überhaupt der Westen, der von Kuba aus gesehen allerdings im Norden und im Osten lag, sich bewegen und entwickeln könnte. Castro war der felsenfesten Meinung, dass die Amerikaner mitsamt ihrem Westen zum Scheitern verurteilt waren. Von sich dagegen glaubte er, dass ihm die Geschichte recht geben würde. Dieselben Worte gebrauchte, vielleicht als Zitat, der Hilfsschuster Nicolae Ceaucescu kurz bevor er in einer kruden Mischung aus Rache und Zumschweigenbringen erschossen wurde. Seine Frau fragte sogar das Erschießungskommando, ob es nicht wüsste, dass sie, Elena Ceaucescu, eine der größten Wissenschaftlerinnen der Welt und die Mutter der Nation sei. Castro kannte auch die Verdorbenheit der katholischen Kirche gut und von innen, auch von ihrem Untergang war er überzeugt.

Vor diesem Hintergrund ist sein Satz aus dem Jahre 1973 zu verstehen, der jetzt plötzlich, aber nicht zufällig zitiert wird, dass nämlich die USA kommen werden um mit uns, den Kubanern, zu sprechen, ‚wenn sie einen schwarzen Präsidenten und die Welt einen lateinamerikanischen Papst haben werden‘. All das ist in der vorigen und vorvorigen Woche eingetreten. Der lateinamerikanische Papst hat sich auf Kuba mit dem Patriarchen von Moskau und ganz Russland getroffen, um über den seit tausend Jahren währenden Streit zu reden. Im Ergebnis riefen sie ihre Völker auf, sich nicht zu streiten, so als ob sich die Völker und nicht die Patriarchen gestritten hätten. Ich bin sicher, dass die meisten Katholiken und Orthodoxen nicht wissen, worüber der Streit tausend Jahre lang ging. Das Merkwürdige an den Religionen und Ideologien ist, dass wenn zwei ihrer Anhänger zusammenkommen, ein jahrhundertelanger Streit beginnt. Vielleicht träumen sie deshalb vom ewigen Leben. Obama, der erste schwarze Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, traf allerdings nicht mehr auf Fidel Castro, der aber sicher am Fernseher saß, sondern auf dessen älteren Bruder, der im Laufe der Jahre immer mehr Funktionen übernahm.

Fidel Castro hat damals ganz sicher gemeint, dass die USA niemals mit Kuba sprechen, niemals das Handelsembargo und die Blockade aufgeben werden. Er hat deshalb zwei aus seiner Sicht völlig absurde Vergleiche gewählt, die seiner Meinung nach zeigten, dass sich die USA und die westliche Welt niemals ändern werden. Seine eigene Theorie, der Marxismus, der ja punktueller oder linearer Linkhegelianismus ist, sprach zwar immer davon, dass sich alles bewegt, verändert, gar revolutioniert (uns Bewohnern des Ostblocks hätte schon eine Evolution genügt), aber manches war eben einfach am Dauersterben.

Man kann heute nicht mehr streiten, was Castro damals gemeint hat: hat er vorausgesagt, was tatsächlich eintrat, oder wollte er im Gegenteil sagen, dass es so absurd ist, dass es nie eintreten könne. Es ist dies ein Beispiel dafür, dass selbst eindeutige Aussagen tatsächlich nur Interpretationen sind und keine Faktbeschreibungen.

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Es gibt einen historischen Präzedenzfall, in dem ein viel berühmterer und philosophischerer Provinzführer einen ebensolchen absurden Vergleich brachte, um zu zeigen, dass es, trotz Gottes Allmacht und Prophetie des Sohnes, Dinge gibt, die nicht eintreten werden. Obwohl die Bewegung, die sich später Christentum nannte, nur dann wirklich erfolgreich war, wenn sie sich mit der Macht zur Staatskirche vereinte und demzufolge auch horrende Reichtümer anhäufte, hat sie die Bibel nach einer gewissen Zeit nicht mehr verändert. Viele Muslime schließen übrigens daraus fälschlich, dass der Koran im Gegensatz zur Bibel nicht historisch sei. Jesus meinte mit seinem berühmten Wort, zeitweilig war es sogar sein berühmtestes, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reicher in den Himmel kommt. Das steht dreimal in der Bibel und einmal im Koran (Markus 1025, Lukas 1825, Matthäus 1924 und 7:40). Manche Forscher meinen, die Bibelstellen könnten auf einem griechischen Übersetzungsfehler beruhen und Jesus könnte gemeint haben, dass ein Tau, das auf griechisch dem Kamel ähnlich klingt, durch ein Nadelöhr einzufädeln sei, gleichviel meinte er etwas Absurdes. Andere glauben, dass Jesus eine bestimmte schmale Gasse in Jerusalem, die in ein sehr kleines Tor mündet, meinte, durch die man niemals ein beladenes Kamel treiben konnte, gleichviel meinte er etwas Absurdes. Er wollte sagen, dass Reiche nicht in dem Himmel kommen. Das ist keine Tatsache, sondern eine Interpretation, weil wir nämlich nicht wissen, was Jesus meinte. Es gibt tausend Bände Kommentar zu dem, was er alles gesagt und getan hat. Genau genommen müsste Jesus vorausgesehen haben können, dass die Armut ab-, also die Güte der Reichen zunimmt. Inzwischen gibt es Reiche, die durchaus in den Himmel gehörten, wenn wir ein Mitspracherecht hätten. Genausogut hätte Jesus aber meinen können, dass tausende Kamele pro Sekunde durch Mikronadelöhre passen: digital.

 

Es ist nicht wichtig wo, sondern wer man ist. Heute war ich Freiherr von Eichendorff  [WANDERN & DICHTEN] im Schloss der Grafen von Schwerin in Zinzow. 

Das ironische Wort ‚Provinzführer‘ bezieht sich einerseits auf Fidel Castro, denn Kuba ist nicht viel größer als Hohen Neuendorf, andererseits aber auf Jesus als er noch lebte. Aus Jesus ist dann Gottes Sohn, nach Meinung der Christen, ein Prophet, nach Meinung der Muslime, ein Überphilosoph, nach Meinung der Agnostiker, geworden. Das spricht für ihn. 

PERFIDER MORD

Nr. 182

Immer wieder wird der eine Mord gegen den anderen ausgespielt. Der halbe Ostblock hat Anfang der neunziger Jahre gehofft, dass die Verbrechen diesseits des Eisernen Vorhangs gerechtfertigter seien als die Verbrechen der Hitlerdiktatur. Immer wenn es einen Toten an der Mauer gab, wurde auf die Toten der anderen Seite verwiesen. Die andere Seite gab die Opfer zu, aber argumentierte, dass diese Opfer im Namen der zu erhaltenden Freiheit unvermeidlich seien. Die Toten wurden nicht nur aufgerechnet, sondern auch unterschiedlich gerechtfertigt und gewertet. Der eine Tote war mehr wert als der andere, also war der eine Mord weniger Verbrechen als der andere. Alle Seiten hatten schon immer ihre Märtyrer.

Alles ist Interpretation, und keine Interpretation ist richtig oder wahr. Wahrheit wäre die völlige Übereinstimmung zwischen dem Fakt und seiner Beschreibung. Richtig wäre die perfekte Voraussage eines künftigen Weges. Selbstverständlich kann man Probleme lösen, aber wir werden nie ein Problem so lösen, dass nicht andere entstehen. Dafür wollen wir zwei Beispiele ansehen. Wenn ich bestimmte Pflanzen anbaue, also auf einem abgegrenzten Raum eine Monokultur errichte, werden dem Boden überproportional Stoffe entzogen. Albrecht Daniel Thaer und Justus von Liebig haben nun vorgeschlagen, diese Stoffe dem Boden durch gezielte Düngung zurückzugeben. Da man diese Düngung nicht genau dosieren kann, entsteht leicht ein Überdüngung. Phosphate oder gar Antibiotika – beispielsweise – gelangen in den Boden und damit in den Ernährungskreislauf. Genau das gleiche passiert, wenn wir eine Krankheit oder einen Virus bekämpfen. Daraus folgt, dass es weder Wahrheit noch Richtigkeit geben kann, sondern nur Unwahrheit, die vielleicht im besten Falle nicht beabsichtigt ist, oder Unrichtigkeit. Warum leben wir trotzdem? Uns genügt ein Ungefähr. Wenn wir uns ein altes Kloster genauer ansehen, so fallen uns die unregelmäßigen Ziegel auf, im antiken Orient gar wurden handgeformte Ziegel sonnengebrannt, und die Häuser stehen immer noch. In einer vollautomatischen W*Ziegelfabrik entnehmen gelangweilte Arbeiter, von denen es nur vier gibt, jeden zehntausendsten Ziegel, der eine Abweichung von unter 0,1% haben darf. Wir werden sehen, ob die mit ihnen gebauten Häuser in tausend Jahren noch stehen. Uns genügt ein Ungefähr.

Gegen die Herrschaft dieses Ungefähr im technischen und technologischen Bereich haben unsere Vorfahren in der Moral einige Gebote errichtet, die zu 1000% gelten. Allerdings müssen wir manchmal abwägen: gilt das Tötungsverbot mehr als die Loyalität?

Es scheint fast so, als hätten wir die Hierarchie erfunden, um diese schwere Frage nicht immer entscheiden zu müssen: Ist jemand weniger wert als wir, so müssen wir ihm gegenüber auch nicht loyal sein und umgekehrt. Ist jemand weniger wert als wir, so können wir ihn auch vom Tötungsverbot ausnehmen. Das ist die allgemeine Erklärung für Krieg. Sie wird noch dadurch verstärkt, dass wir auf der anderen Seite Mitmenschen einen höheren wert als uns selber verleihen. Dann dürfen sie unsere Loyalität einfordern und uns jeden Befehl geben, auch den zum Töten.

An dieser Stelle merken wir, dass das Problem nicht lösbar ist. Wenn man die Demokratie, also die Enthierarchisierung, bis zum letzten Ende durchdenkt, dürfen wir auch keine Tiere und Pflanzen töten. Eine Lösung des Problems käme einer dritten Ernährungsrevolution gleich: alle Nahrung für Menschen müsste synthetisch aus unbelebter Materie gewonnen werden. Allerdings würde dann zum ersten Mal in der Weltgeschichte eine natürliche Hierarchie entstehen: wir würden den Tieren und Pflanzen etwas zugestehen, auf das wir selbst aus Einsicht verzichten.

Aber sollen wir und dürfen wir bis dahin auf den jetzt für gut erkannten Grad von Denken und Empathie verzichten? Nein, natürlich nicht. Demnach gibt es keinen Grund, einen Menschen zu töten. Wer es trotzdem tut, setzt sich über dieses seit allen Zeiten geltende Gebot hinweg und wird nach den jetzt geltenden, nicht vergeltenden Regeln aus der Gemeinschaft geschlossen, und das ist wörtlich zu verstehen. Demnach darf man sich auch nicht auf das Unrecht eines staatlichen oder religiösen Systems einlassen. Das ist viel verlangt. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich aber, dass die Unholde von Herodes bis Kim Jong Un zählbar sind, genauso wie ihre Tage. Die Menschheit hätte nicht überlebt, wenn es anders wäre. Seit der Steinzeit folgen wir in der überwiegenden Mehrheit lichten Leitfiguren. Allerdings kann man nicht bestreiten, dass es dazwischen immer wieder auch schwarze Tage und Jahre gibt.

Oft kann man lesen, dass in der Gegenwart die Christen die meistverfolgte Gruppe sind, viele Muslime fühlen sich verfolgt und stellen ihrerseits Listen getöteter Muslime auf. Wir werden mitschuldig, wenn wir Opfer auch noch nachträglich diskriminieren: der Grund ist gleichgültig, das Töten ist das Verbrechen.

Wer von heute noch ‚Judenvernichtung‘ oder Ermordung aus ‚rassischen Gründen‘ spricht, macht sich nachträglich an den unschuldigen Opfern schuldig. Es gibt keinen Grund, einen Menschen zu töten. Es gibt keine Rasse. Das bösartige Wort Vernichtung im Zusammenhang mit dem Holocaust kommt von dem Gift ‚Zyklon B‘, das nach Meinung seiner Hersteller ein ‚Ungeziefervernichtungsmittel‘ war, auch da schon falsch gebraucht, denn es gibt nur in einer hierarchischen utilitaristischen Relation ‚Ungeziefer‘. Wir haben uns hier schön öfter auf Kafka bezogen, der als erster Neuzeitseher den Versuch einer Empathie in das Wesen eines Käfers gemacht hat, und deshalb steht im ersten Satz seines berühmten Textes das Zeitgeistwort ‚Ungeziefer‘, während es im Fortgang der Geschichte zum unwissenden Kommentar von Ignoranten herabgestuft wird.

Wer heute noch sagt: in Auschwitz wurden Zigeuner ermordet, macht sich mitschuldig, denn er übernimmt – vielleicht nicht absichtsvoll, aber in jedem Fall gedankenlos – einen Teil der absurden Scheinbegründung der Mörder. Das Grundgesetz wurde schon mehr als fünfzig Mal geändert, aber wir schaffen es nicht, das falsche und böse Wort ‚Rasse‘ aus ihm zu entfernen. Fragt man hochbezahlte Oberbürokraten, zum Beispiel promovierte Referenten vom Bundespräsidialamt, so begründen sie auf zwei Seiten, dass sie bei der Sprache der Täter bleiben, damit das Perfide des Mordes auch heutigen Menschen klar wird.

Unabhängig von juristischen Bewertungen, zum Beispiel dem Unterschied zwischen Totschlag und Mord, sind solche Scheinbegründungen und solche Wörter überhaupt weit hinter dem Bewusstseinsstand der überwiegenden Mehrheit der heutigen europäischen Bevölkerung zurückgeblieben. Die weitaus meisten heutigen Menschen in Europa morden nicht nur nicht, sondern wissen, dass es keinen Grund gibt und geben kann, einen Menschen zu töten. Die meisten heutigen Menschen in Europa wissen, dass die Unterschiede innerhalb einer Gruppe von Menschen immer größer sind, als die Unterschiede zwischen den Gruppen.