KEINE UTOPIE

 

Nr. 218

Let’s do as we may be done by.

Thomas Morus gehörte mit Thomas Müntzer zum Kanon der Revolutionäre, die Vorläufer des Kommunismus waren. Morus hatte eine Satire auf die Zustände in England geschrieben und die Handlung auf die Insel NIRGENDWO  – u topia – verlegt. Das Eigentum war auf dieser Insel ebenso abgeschafft wie einige Jahre zuvor in Mühlhausen und Münster. Die Antworten früherer Regierungen waren immer gleich: vierteilen, hängen, enthaupten. Dagegen sind die Käfige an der Lambertikirche in Münster, in denen die Delinquenten verhungerten, schon originell, vor allem dass sie heute noch hängen. Aber schrecken sie auch ab? Nein, die Gesellschaft ist heute bei den humanen Forderungen angekommen, für die damals gestorben wurde. Der Staat ist der Sozialrevolutionär. Morus war übrigens wie Bismarck ein konservativer Umstürzler. Er glänzte durch überragende Bildung und Verhandlungsgeschick. Er war der Vater der gebildetsten Frau Europas.  Er war aber auch so sehr Katholik, dass er ein katholischer Heiliger wurde.

Shakespeare, der – merkwürdigerweise – mit vier Kollegen zusammen ein Stück über Thomas Morus schrieb, gefielen aber zwei Fakten nicht, und so änderte er sie in der Fiktion einfach ab. An dem tatsächlichen ‚bösen Maitag‘ 1517 (evil may day) hörten die aufständischen Migrationsgegner nicht auf Thomas Morus und sie wurden deshalb gehängt, ausgenommen und gevierteilt. Und Shakespeare war irritiert, dass die französischen Flüchtlinge, die er sah,  noch genauso schlecht behandelt wurden wie zu Zeiten des Lordkanzlers Thomas Morus.

Zum einen darf man sich nicht täuschen über den tatsächlichen menschlichen Fortschritt. Er ist gering. Wir sind Tiere, deren Verhaltensänderungen evolutionär verankert werden müssten, und das dauert zehntausende von Jahren.  Wir verwechseln immer wieder den erfreulichen technischen Fortschritt mit den notwendigen Veränderungen der menschlichen Gesellschaft und der menschlichen Individuen. Dann bemerken wir, dass der technische Fortschritt nicht nur erfreulich ist, sondern desaströse Langzeitwirkungen hat, aber gerade in dem Moment zeigt sich die Trägheit der Gesellschaft, die reagiert wie ein Galileisches Pendel: es verharrt in der einmal vorgegebenen Bewegung. Es gibt aber auch etliche technische Neuerungen, die selbst abgelehnt und bekämpft wurden, weil man glaubte, dass sie nur negative Auswirkungen haben würden, zum Beispiel die Eisenbahn. Die Eisenbahn ist der Vorläufer der Massenproduktion und der Globalisierung, sie bekämpfte erfolgreich den Hunger und die Sehnsucht nach der Ferne. Aber nicht wenige Menschen hatten Angst vor der Dampfmaschine, vor der Geschwindigkeit, vor der Entwurzelung, vor dem ungeheuren Energieverbrauch, vor der Zerstörung der Landschaft. Nicht wenige Romantiker sehnten sich nach dem eisenbahnlosen alten Wald und vergaßen, dass in ihm die Räuberbanden mit hungrigen und deshalb kriminellen Kindern lebten, die zuvor von bösartigen, aber ebenfalls hungrigen Eltern buchstäblich zum Teufel gejagt und gemacht wurden. So gesehen ist der soziale Fortschritt unübersehbar und riesengroß: weite Teile der Welt kennen keinen Hunger mehr, überhaupt nur noch ein Achtel der Menschen hungert, und in denselben sieben Achteln der Menschheit ist mit dem Hunger auch der Aberglaube an Strafe und Abschreckung gebrochen und zum großen Teil verschwunden.

Aber andererseits scheint es archaisches Verhalten zu geben, das uns besonders in Katastrophen oder in als Katastrophen erlebten Situationen zur Verfügung steht. Oft ist dieses Verhalten dann die wahre und eigentliche Katastrophe. Im Leben unserer frühen Vorfahren war es wohl kein Unterschied, ob ein Erdbeben die Vorräte beseitigte oder eine feindliche bewaffnete Großfamilie. Aber schon zur von Jesus ausgelösten Zeitenwende war genügend Spielraum für die Einsicht, dass es eigentlich gar keine Feinde gibt, dass man mit Barmherzigkeit für sich selber dieselbe Wirkung erzielt und dabei noch die Weltmentalität nachhaltig verbessert. Die ehemaligen Feinde würden ihre Feinde ebenfalls als ehemalig erkennen und damit würde die unsinnigste Energieverschwendung, die für Aggression, entfallen. Jeder kennt die Rechnung: würden wir heute auf Bewaffnung verzichten, hätten wir nicht nur das Hungerproblem, sondern mit großer Wahrscheinlichkeit auch das Energieproblem gelöst. Aber so schnell sind wir Menschen eben nicht. Wir müssen zweitausend Jahre über so etwas nachdenken. Und das schlimmste ist noch, dass die meisten Menschen gar nicht nachdenken.

Shakespeare denkt sich also einen Morus aus, der so geschickt argumentiert, dass die Aufständischen sofort einsichtig werden und umkehren. Er lässt ihn sagen, dass sie das brechen, wonach sie schreien: den Frieden, die Ordnung. Würden sie, die Fremdenfeinde, Recht bekommen, so wären sie nur die Könige ihrer Wünsche (as kings in your desire). Niemand würde auf einen Meuterer hören. Die Meuterer müssten fliehen und wären nun selbst Fremde – ausdrücklich wird auch Deutschland als Ziel benannt -, die von der Meute angegriffen würden. Der Shakespearsche Morus redet sich in Rage. Die wütende Menge der Fremdenfeinde glaubt, das Evangelium selbst zu hören (thats true as the Gospel) und schließlich kehrt der Mob um und erkennt von selbst – angeleitet zwar durch den göttlichen Morus – die goldene Regel: Handeln wir, wie wir an uns gehandelt sehen wollen.  Und Shakespeare setzt noch eins drauf: ein Plädoyer gegen die Todesstrafe. Denn der erste Meuterer und Schreihals, er heißt geschichtsironisch Lincoln, ist schon hingerichtet, als die Botschaft der königlichen, von Morus auf Knien erbetenen Gnade ankommt.

Die Aktualität dieser winzigen Szene ist erhellend. Zu allen Zeiten haben die Menschen Angst vor ihresgleichen gehabt. Wer nur König seiner Wünsche ist, dem mangelt es an Mitgefühl. Eine der großen Empathiegeschichten wird gerade erzählt, aber man kann sie nur als Konsumterror mit gigantischer Energieverschwendung erkennen. Vielleicht sollte man sich an die nächste Ecke stellen und vorlesen: Es begab sich aber zu der Zeit des Kaisers Augustus, dass die Menschen ein kleines Kind als Lebenssinn und als wahren Retter der Welt erkannten. Aber wen wir auch als Retter der Welt ansehen, es stehen immer einige wenige am Weg, die schreien: Kreuzige. Und es finden sich immer einige wenige, die auf diesen falschen und bösartigen Ruf hören. Ist es immer noch ein Angstschrei oder ist es die Gier, König der Wünsche zu sein?

Die Szene ist schon lange bekannt, aber erst seit kurzem wissen wir, dass sie von Shakespeare stammt. Es ist sogar die einzige Handschrift von ihm, die wir haben. Die Kriminalistik, die die Herkunft des Bösen immer im einzelnen nachweisen muss, verfügt inzwischen über Methoden, die mit ziemlicher Sicherheit Täter und Schriften entziffern können. Die vergleichende Sprachwissenschaft, die word cluster untersucht, ist zu dem nämlichen Ergebnis gekommen.

Ein Großmeister hat gesprochen. Folgen wir ihm oder schüren wir Gerüchte und Feuer?

[William Shakespeare, Die Fremden, dtv, München 2016, Deutsche Erstausgabe herausgegeben und übersetzt von Frank Günther]

script

Eine Betrachtung zu Weihnachten

Wenn wir wüssten, wer unser Script schrieb, würden wir auch nicht anders leben. Es ist genau so wie mit den Warumfragen, die wir nicht beantworten können; weil es eine unendliche Menge von Antworten gibt, von denen wir glauben, dass sie unser Leben erleichtern, die uns aber eigentlich nur ablenken oder ablenken sollen, wie im Falle des Warums auf dem Grabstein. Es bleibt sich gleich, ob Gott unser Script verfasste, und das von Milliarden Ameisen, oder die so genannte Umwelt, unter der man früher nur die Nachbarn verstand, heute dagegen die Natur, oder die Gene, was bedeuten würde, dass wir doppelt in der Hand unserer Eltern und Voreltern sind, die ihre Probleme auch gern damit lösen, dass sie uns für fehlerhafte Kopien ihrer selbst halten. Oder sind wir selbst die Verfasser unseres Scripts? Seit der Aufklärung legt sich uns dieser Gedanke sozusagen von selbst nahe. Wir wären gerne die Verfasser unseres Scripts, weil wir dann vor uns und vor anderen besser dastünden. Das gilt aber leider nicht nur für den erfolgreichen Teil unseres Lebens: für unsere Anpassung, für unsere Mitwirkung, für unsere Taten und Rettungsaktionen. Das gilt dann aber auch, so wie die Hochzeitsformel nahe legt: in guten und in bösen Tagen, für unser Versagen, für unseren Widerstand, für unsere Untaten und für all das Kontraproduktive, das wir tun.

Die Warumfrage ist die personalisierte Schuldfrage. Wenn wir selbst schuld zu sein glauben, laden wir unserer armen gequälten Seele eine Last auf wie Hamlet , die sie nicht tragen kann. Und wie Hamlet müssen wir dann nicht nur überlegen, was wir tun sollten, um einen moralisch oder aktionistisch zukunftsfähigen Zustand wieder herzustellen, sondern wir müssten uns mit der Frage quälen, wie wir hätten verhindern können, dass es soweit gekommen ist, wie es kam. Die Hälfte unseres Lebens verbringen wir – wenn wir glauben, dass wir für unser Script verantwortlich sind – mit Rechtfertigungen. Wir suchen Gründe, warum wir dennoch richtig sind, obwohl alles falsch ist. Oder, noch viel schlimmer, warum wir falsch sind, wenn doch alles richtig ist.

Richtig und falsch sind die unrichtigen, die veralteten und vereinfachten Kategorien. Nur wenn wir statt von einem Durchschnitt von einer Norm oder einem zu verwirklichenden Ideal ausgehen, der neue Mensch oder dergleichen, fällt ein Teil der Menschen durch das Raster der selbst ernannten Kontrollbehörde. Der Satz also ‚es gibt kein richtiges Leben im falschen‘ ist falsch, weil es kein richtiges Leben gibt. Denn nur in Gesellschaften, in denen einfache Antworten akzeptiert werden, kann es diese Kontrollinstanzen geben. Während die Religionen Trost spenden, sagt die Aufklärung eigentlich nur: suche deinen Weg, den es nicht gibt, aber wenn du ihn nicht findest, dann werden wir dir mit Hoffnung und Trost aushelfen. Das solidarische Modell ist genetisch verankert im Kindchenschema, sozial verankert im Kain-Abel-Paradigma: ja, ich soll meines Bruders Hüter sein, nicht, weil er auch mein Hüter ist, sondern weil sich die Welt nicht nur verbessert, sondern überhaupt erst bewohnbar wird, wenn wir aufeinander achten. Zu unseren Brüdern gehören aber auch die Ameisen. Davon sind die Geschichten voll, aber auch unsere realen Biografien, sofern es sie überhaupt gibt.

Denn wir sind nicht nur das, was wir selbst über uns denken, fühlen und glauben, nicht nur das, was andere über uns denken, fühlen und glauben, sondern auch die Überschreibungen, Verschränkungen, Schnittmengen, Schnitte, akuten Verletzungen, verheilten Narben, Wunschträume, wir sind unser permanentes Wunschdenken, wir sind unsere permanente Enttäuschung.

Das ist der Unterschied zum Script. Wir sind eher ein Palimpsest, eine Festplatte, auf der schon einmal etwas anderes stand. Wir hängen nicht nur an dem Weihnachtsglück aus Kindertagen, sondern auch an dem Schmerz, den uns andere oder wir selbst zufügten. Dieser Schmerz ist nicht nur oft eine willkommene Erklärung, sondern wahrscheinlich genau so oft tatsächlicher Handlungsimpuls. Was Galilei vom Pendel fand, gilt genau so vom menschlichen Handlungsantrieb: er ist träge, aber seine Trägheit drängt nicht nur nach Stillstand, sondern verharrt auch gleichermaßen in der Bewegung.

Einerseits gilt natürlich weiterhin, dass des Menschen Leben erst nekrologisch logisch wird. Zum Schluss wird es erst stimmig geredet, so lange geglättet, bis es eine zu Tränen rührende Geschichte wird und in seiner Gesamtheit auf einen Stein passt: WARUM.

Andererseits haben wir die Möglichkeit, unser Leben vorher, bevor es auf Stein gemeißelt wird, schon anzunehmen, und zwar nicht in der Differenzbestimmung zum Ideal, sondern genau so wie es ist. Mit dem Aussehen haben wir es leichter, es ist leichter zu korrigieren, aber die Korrektur ist auch leichter wieder rückgängig zu machen. Trotzdem gibt es wahrscheinlich keinen Menschen, der mit seinem Aussehen zu jedem Zeitpunkt zufrieden ist. Zwar lässt sich Verhalten auch korrigieren, aber nicht rückgängig machen. Schon ein Wort ist nicht zurückholbar. Insofern modelliert der Computer nicht das menschliche Kommunikationsverhalten. Wir haben weder eine ENT noch eine ESC taste, aber wir können verdrängen, vergessen, ignorieren, schweigen, lachen, überlegen tun, unterlegen tun. Wir sind kein Computer, der das letzte update haben muss und ständig darauf wartet, dass jemand die ESC taste drückt, damit wir ihn wieder so gut finden wie zuvor.

Die menschliche Antwort auf alle Schwierigkeiten ist Liebe. Sie ist gleichzeitig der einzige Maßstab, den nicht wir anzulegen berechtigt sind, sondern den das Leben selbst anlegt. Man kann sich die nächsten Sätze sparen: jeder Mensch wird geliebt, weil jeder liebt und umgekehrt. Auch hier sind wir aber eher unzufrieden. Es gibt immer Geschichten von größerer Liebe und größerer Enttäuschung, als wir sie erlebt haben, immer ist es nur ein broken hallelujah. Weihnachten ist ein falsches Ideal, aber eine gute Erinnerung an die mangelnde Kraft des Palimpsests.

Die freudsche Entdeckung, dass unser ICH von einem ÜBERICH und einem ES überlagert ist, ist äußerst hilfreich, aber sie meint Dimensionen, Ausdehnungen, nicht Zwangsjacken.

Die Absicht eines Textes wird sich nicht erfüllen. Wer einen Text liest, wird sein Koautor. Das Script eines Menschen, wer es auch geschrieben hat, kann sich nicht erfüllen, weil wir immer an ihm mitschreiben, unsere Angst diktiert die Ahnung. Und die so genannten Fakten sind nichts weiter als das Lametta des Lebens. Ein Baum ist nicht durch seine Schönheit schön, sondern durch sein Sein.

HAUSMUSIK

 

 

 

1

Ein Paradigmenwechsel ist nur insofern ein Ende, als er auch ein Anfang ist. Alles, was früher galt, gilt auch heute, nur mit einer anderen Wertigkeit, in neuen Zusammenhängen. Man kann mit einem Faustkeil oder mit einem Dreschflegel noch genau das gleiche tun wie früher, nur tut man es jetzt wesentlich seltener. Hegel nannte das Aufgehobensein. Das ist auch eine schöne Erklärung für wahren Konservatismus: die Tradition wahren, das Alte aufheben, ohne das Neue zu verachten. Inzwischen ist aber, da wir erkannt haben, dass jede Innovation auch einen neuen Grad von Zerstörung in die Welt bringt, eine neue Denkgröße hinzugetreten: die Nachhaltigkeit, die relativ neue Vorstellung, dass nicht mehr verbraucht werden kann, als nachwächst oder sich regeneriert. So können wir überlegen, ob der Faustkeil in einer semimobilen Brechanlage funktional gut aufgehoben ist oder ob diese soviel Energie verbraucht, wie durch die neue Straße, die mit den gebrochenen Steinen als Unterbau entsteht, eingespart wird. Dann  hätte diese Gleichung eine fette Null als Lösung, das ist der Traum vom Gleichgewicht, aber in Wirklichkeit verbrauchen wir in Deutschland soviel Energie wie ganz Afrika. Das ist ein Verhältnis von achtzig Millionen zu über einer Milliarde Menschen und nicht durch das schlechte Wetter hierzulande hinreichend erklärt. Das ist signifikant nicht nachhaltig, selbst nicht mit Windrädern, denn diese müssen her- und hingestellt und später entsorgt werden, sie beeinträchtigen zudem die Lebensqualität, wenn auch weit weniger als Kohle- oder Kernkraftwerke.

2

In einem winzigen Dorf in der menschenleeren Uckermark wird am Reformationstag 2014 eine neue alte Orgel eingeweiht. Früher, im neunzehnten Jahrhundert, war die Orgel eine Schnittstelle zwischen elitärer Kultur und dem so genannten einfachen Volk. Diese Kultur war nicht insofern elitär, als dass sie niemand hätte verstehen können, sondern in dem Sinne, dass sie, mangels Reproduzierbarkeit, selten zu hören und zu sehen war. Wenn sie allerdings stattfand, waren an ihr mehr eingeborene Personen beteiligt als heute. Wir nehmen einmal an, der Dorfschullehrer von Woddow oder Bagemühl hätte sich zum Reformationstag 1814 vorgenommen, einen Bachchoral aufzuführen. Den kräftigsten Schüler hätte er als Kalkanten eingesetzt, die schönsten Stimmen hätten gesungen. Viele hätten mitgemacht. Mädchen denken immer, dass sie gut singen können, Jungen denken meistens, dass sie es nicht können. In einem Bachchoral gibt es keine Hierarchie, alle Stimmen sind gleichverpflichtet, die Orgel muss so laut sein, dass sie jeder hört, aber so leise, dass sie nicht die zarten Stimmen der angeblich groben Dorfkinder übertönt. Wie sollen die Kinder nicht die Schönheit dieses Chorals empfunden haben? Und wie soll das im Gegensatz zur Kirmesmusik gestanden haben, wie man damals Pop nannte? Nur in einer Hierarchie gibt es oben und unten, gut und schlecht. Nach zwei verheerenden Kriegen, die eine Hierarchie der Nationen stützen sollten, brach die internationale Hierarchie zurecht zusammen, aber nicht Freiheit war das Ergebnis, sondern zunächst Chaos. Vandalismus kann nie Freiheit bringen, aber vielleicht doch Befreiung. Gutshäuser wurden angezündet, Kirchen geplündert. Die Gutsherren und die Kirchenfürsten hatten sich zu sehr ins Zerstörungsgeschäft gemischt. Die Pfeifen der Woddower Orgel, wir wissen noch nicht einmal, wer das Werk einst gebaut hatte, wurden, nachdem sie Kindern zum Gespött dienten, als Altmetall verscherbelt und der Rest als Altholz verbrannt. Die Kirche verfiel, ihr Inventar, darunter ein wertvoller mittelalterlicher Altar, wurde ausgelagert. ‚Ach wie flüchtig, ach wie nichtig…‘ ächzten die Fugen des Feldsteinbaus.

Inzwischen war in Berlin durch denselben Krieg zum fünften Mal jene Kirche zerstört worden, die an der ältesten Stelle dieser nicht so sehr alten Stadt gestanden hatte, die Petrikirche. Aber im Gegensatz zu Woddow kam der Krieg nicht als fremdes unverstandenes Schicksal auf Berlin, sondern er war von hier als böses Schicksal für viele Millionen Menschen ausgegangen. Von der ältesten Gemeinde blieb ein Schutthaufen übrig, aber auch Hoffnung in einem Gemeindehaus. Für den weiteren Verfall wird gerne der durch die Diktaturen geförderte Atheismus verantwortlich gemacht, denn das haben wir alle in Hierarchien und Diktaturen gelernt, dass es leichter ist, von äußeren Ursachen auszugehen. In jeder Schuldzuweisung liegt ein falscher Trost. Zum Schluss wurde auch dieses Gemeindehaus verkauft, so dass, nachdem die Petrikirche einst die größte Orgel Berlins besessen hatte (Carl August und Carl Friedrich Buchholz, IV, 60, 1860), die letzte kleine Orgel heimatlos übrig blieb.

Und man möchte beinahe glauben, dass auf wunderbarem Weg sich diese beiden Geschichten trafen. Die Orgel scheint für die gerettete Kirche von Woddow wie gemacht, hier erst entfaltet sie ihren wahren Klang, ungedämpft durch Querelen und Hölzer. Aber für wen wurde die Kirche gerettet? Zunächst wurde sie für die Retter gerettet, die Bewohner des Palindromdorfes und der umliegenden Orte. Sodann aber auch für willkommene Gäste, seien es Verwandte und Bekannte, Touristen und Migranten. Gerade in diesen Dörfern kamen vor dreihundert Jahren französische Glaubensflüchtlinge an, die vielleicht nicht in jedem Falle willkommen waren, zumindest haben sie selbst auch lange gefremdelt, aber dann haben sie sich so sehr integriert und assimiliert, dass ihre Nachkommen heute noch nicht einmal mehr ihre eigenen Namen französisch aussprechen. Die Uckermark ist also auch ein Landstrich der Migration. Vielleicht sollten wir wieder ausrufen, dass Flüchtlinge, aus welchem Grund und Land auch immer, hier jederzeit willkommen sind. Vielleicht wird Woddow dann die erste Moschee mit einer Orgel, noch besser aber: keine Moschee und keine Kirche, sondern ein Haus für alle Menschen haben. Die einen beten – in welchem Kult und in welcher Sprache auch immer – zu Gott, die anderen beraten, was man Gutes für die nächsten Generationen tun kann. Dann hätte die alte Feldsteinkirche von Woddow dieselbe Bestimmung wie der Ort der Petrikirche, wo gerade jetzt ein Tempel der drei monotheistischen oder abrahamitischen Religionen entsteht, das HOUSE OF ONE. Um die Ecke haben übrigens zwei berühmte Pfarrer gewohnt: Gotthold Ephraim Lessing erdachte dort den weisen Nathan und den weisen Saladin und den weisen Tempelherrn, der aus der Hierarchie aussteigt wie aus einem falschen Mantel, und Johann Peter Süßmilch, der übrigens tatsächlich auch Pfarrer an der Petrikirche war, erdachte dort die Statistik als Beschreibung des perfekten göttlichen Wirkens. Er war nicht nur einer der Begründer der Demografie, sondern auch der erste Denker, der Evolution und Glauben zusammenbrachte, ein gottnaher Mathematiker.

3

Die Nachhaltigkeit einer mechanischen Orgel erklärt sich aus ihrem Material, Kiefernholz, Eichenholz, Kupfer, Blei, Zinn und Zink, wie aus ihrer robust mechanischen Bauweise und Zweckbestimmtheit. All das wirkt in Dauerhaftigkeit und Verlässlichkeit zusammen. Eine Orgel besteht sicher hundert und zweihundert, oft dreihundert und vierhundert Jahre. Sie muss allerdings gepflegt und benutzt, gewollt und gemocht sein. Solange die Kirche das Monopol und den Primat im menschlichen Lebenslauf hatte, war also auch die Orgel, wo sie überhaupt vorhanden war, allgegenwärtig. Bis in das Denken und die Sprache hinein war sie zu hören: Kinder wie die Orgelpfeifen, denen man die Flötentöne schon beibringen wird, wo du nicht bist, Herr Organist, da schweigen alle Pfeifen, alle Register ziehen, den Riemen auf die Orgel werfen, die Pfeife spricht oder ist blind, zu der Orgel gehören andere Bälge, draußen orgelt der Wind. Fast jede Orgel hat viele Generationen von Menschen erlebt, fast jede Kirche hat mehrere Generationen Orgeln gehört. Konkurrenz hat die Orgel in dieser Beziehung zum Menschen nur im neunzehnten Jahrhundert vom Harmonium und vom Wohnzimmerklavier bekommen. Ansonsten steht sie einzig da: das Musikinstrument, das die meisten Menschen in vielen Jahrhunderten begleitete. Nachhaltigkeit ist also keineswegs nur eine Materialfrage. Vielmehr kann man von einer Prägung der abendländischen Bevölkerung sprechen. Sprechen die Glocken mehr als Signal, so kann die Orgel Gefühle kommentieren und sogar hinterfragen. Die Symbiose des europäischen Menschen mit der Orgel wies aber auch in die Zukunft:  Jeder kleine aufmerksame Kalkant wusste schon im neunzehnten Jahrhundert, was programmieren ist: eine Melodie oder Harmonie als Software und eine Flöte oder Trompete als grundlegende Hardware zusammenbringen. Dieses Prinzip wurde in der weitgehend verachteten Drehorgel noch weitergeführt, so dass man sagen kann, der Lochstreifen des Zuse-Computers ist die legitime Tochter der Walze von Drehorgeln oder der Lochplatten von anderen mechanisch-automatisierten Instrumenten.

Ist die Musik uns emotional am nächsten, so ist es das Haus rational. Beide treffen sich im Ton. Die mit Abstand meisten Orgeln stehen in Gotteshäusern. Es gab eine ganz kurze Periode von Kinoorgeln, die allerdings schnell durch den Tonfilm abgelöst wurde. Dennoch ist die Verwandtschaft der Kultorgeln in Kirchen und Kinos nicht zu übersehen. Die Allgegenwart des christlichen Kultus erscheint im zwanzigsten Jahrhundert abgelöst durch die Allgegenwart narrativer Medien. Wenn man noch die unvermeidliche Globalisierung hinzudenkt, ist die Angst vor Synkretismus unverständlich bis lächerlich. Alle Reinheitsvorstellungen sind notwendig absurd. Es gibt keine hundert Prozent. Alle Balken brechen nach dem Muster der Eulerschen Knickfälle und alle aufeinandertreffenden Systeme bilden Schnittmengen nach Venn, auch er übrigens ein Pfarrer.

Kultische Häuser sind einerseits Versammlungsstätten, Orte der Gruppen. Andererseits aber zeigt ihre Anzahl, ihr Raum und der Ort, auf dem sie stehen, an, dass sie gleichzeitig Symbole der Transzendenz sind. Jeder Mensch fühlt, dass es eine höhere Kraft als ihn selbst und die Summe von seinesgleichen gibt.  Selbst wenn wir das moralische Gesetz, das Kant unter dem gestirnten Himmel spürte, als Kindchenschema oder gar als biochemische Schutzreaktion der Arterhaltung deuten, ist uns klar, dass dahinter eine höhere Rettungsmacht steht, die sozusagen naturwidrige Wunder vollbringt: der gefürchtete Wolf zieht ein Menschenbaby auf und umgekehrt. Der Wolf löst gleichzeitig Furcht und Nähe aus. So ist auch das Verhältnis von Technik und Leben: sie schließen sich gleichzeitig ein und aus. Heute ist uns erst klar geworden, wer in diesem Wettstreit letztendlich obsiegen wird.  Ganz ähnlich wirken die von uns so genannten Gotteshäuser auf uns, weil wir wollen, dass etwas so auf uns wirkt. Wir spüren Gott, weil wir im gotischen Dom oder in der prächtigen Moschee Gott spüren wollen und sollen, der Architekt baut, was wir alle fühlen. Wir alle fühlen hinter den Feldsteinmauern, die durchaus auch den Regeln von Feuchte und Moder gehorchen, das Übernatürliche.

Wir wissen nicht, was die Zukunft bringt. Alle Hochrechnungen sind letztlich falsch. Als man von Telepathie träumte, wurde das Telefon erfunden, kurz darauf die die Television. Zwar spinnen wir Luftgespinste (empty visions), wie es in einem der schönsten Lieder heißt, aber selbst der felsenfesteste Fundamentalist wird zugeben müssen, dass doch nicht nur eine erstaunliche Anzahl von leeren Visionen Wirklichkeit wurde, sondern auch auf höchst erstaunlichen Gebieten. So sind wir selbst als Körper hochmobil, aber noch schneller sind unsere Gedanken. In wenigen Sekunden sind sie in Amerika oder Australien. Aber braucht sie dort jemand, fragte schon Samuel Morse?

Je schneller unser Leben zu sein scheint, desto mehr Entschleunigung benötigen wir. Man kann nach Schweden fahren oder in die Feldsteinkirche Woddow gehen, denn alles, was früher galt, gilt auch heute, wenn auch mit einer anderen Wertigkeit.

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Also, wozu brauchen wir diese Orgel?

So wie das Kreuz die Zusammenführung zweier Linien ist, so ist die Orgel in gewisser Weise ein Symbol für das Abendland, für alles, was gestern war und von dem wir fürchten, dass es morgen nicht mehr sein wird. Unsere eigene Angst vor der Vergänglichkeit, von der die Fugen des Feldsteinmauerwerks singen, wird in der Bewahrung aufgehoben. Unser Leben hat nur Sinn auf andere Menschen hin, so wie wir von anderen Menschen leben, leben wir auch für sie. Wenn wir also etwas bewahren, tun wir es gerade auch für andere Menschen, Generationen und sogar Nationen.

Und obwohl diese Feldsteinkirche, die nach 69 Jahren Schweigen wieder eine Orgel hat, ein doppeltes und dreifaches Symbol für das Abendland ist, ist sie gerade durch ihre Leere, durch ihr Verwurzeltsein im leeren Raum, in einer Landschaft, die nahezu menschenleer ist, offen für alles Neue, ob es nun Flüchtlinge sind oder elektronische Gedankenstützen und Gefühlsreproduzenten. In der Feldsteinkirche aus dem dreizehnten Jahrhundert wohnte schon immer die Hoffnung und wohnt sie wieder. Nur wenige Touristen eilen durch unser abgelegenes Brüssower Land. Aber wenn in jedem Jahr einer darunter ist, der hier Entschleunigung und Trost findet, Stille und einen neuen Gedanken, dann hat es Sinn gehabt, die Schukeorgel opus 278 aus dem verkauften Petrigemeindesaal der fünfmal zerstörten ältesten Kirche Berlins, dort wo jetzt das HOUSE OF ONE gebaut wird, ganz in der Nähe vom Geburtsort des weisen Nathan,  in das fast schon verlassene Dorf in der menschenleeren Uckermark zu bringen, in die Kirche, die schon aufgegeben und vergessen war, an die Stelle der Orgel, an die sich niemand erinnert…Jedes Dach ist ein Obdach und jede Melodie ist Heimat.

abgedruckt in:

Prenzlauer Heimatkalender 2017, Prenzlau, Dezember 2016

SOPHIE UND IHRE KLEINEN SCHWESTERN, Kirchen im Brüssower Land,

Brüssow 2017

ORGELLANDSCHAFT BRANDENBURG, website

UMWEGE ZUM RUHM

Nr. 217

Kirk Douglas ist dieser Tage hundert Jahre alt geworden und man gönnt ihm, dass er zwar wie so viele alte Menschen einen Rollator hat und von einem Pfleger geleitet wird, aber dann in seinen Rolls Royce einsteigen kann. Das Lächeln in die Kameras, die sicher nur noch an wenigen wichtigen Tagen erscheinen, strengt ihn an. Viele Menschen kennen ihn als Westernhelden, als Spartacus, als Vincent van Gogh. Aber er hatte vor Spartacus schon einmal mit Stanley Kubrick zusammengearbeitet, und wenn man heute zufällig auf diesen frühen Film stößt, so erkennt man ihn gleich als ein großes Meisterwerk. Es ist der erste Film Kubricks, der kein happy end hat. Die Spannung des Films kommt nur durch seine Meisterschaft, nicht durch seinen Plot. Ein französischer Oberst im ersten Weltkrieg soll eine Höhe einnehmen, was ziemlich unmöglich erscheint, und als der opferreiche Angriff tatsächlich misslingt, werden Verantwortliche gesucht und durch Los in den Reihen der einfachen Soldaten bestimmt. Es geht zu wie in einer antiken Tragödie: für einen Fehler sollen unschuldige Menschen und ihre Kinder und Kindeskinder bestraft werden. Der Film ist gedreht worden, als die Wunden des zweiten Weltkrieges noch ganz nah waren. Der Zusammenhang der beiden Kriege wurde nicht so gesehen wie heute, und man hatte sicher weniger Sinn für Parabeln, in einer Zeit, da realistische Schilderungen vorherrschten. In Frankreich war der Film anfangs sogar verboten, da man ihn dort nationalistisch verstand, aber auch in Westdeutschland wollte man wohl eher nicht über die Verantwortung der Verantwortlichen nachdenken. Kubricks Film spart das alles aus. Die Parabel wird untersetzt durch die Psychogramme der beteiligten Figuren. Zwei Generäle reden gar nicht über Menschen, sondern über Marionetten, die Prinzipien folgen. Der von Kirk Douglas dargestellte Oberst ist hin- und hergerissen zwischen seiner patriarchalischen, auf die Männer seines Regiments gerichteten Fürsorgepflicht, und dem, was auch ihm als übergeordnete Pflicht des Vaterlands, der Strategie, der Vernichtung des Feindes erscheint. Es geht um wenige Meter Landgewinn. Einer der Unterschiede zwischen den beiden Weltkriegen ist, dass es im ersten um Ackerflächen ging. Selbst der Todesacker von Verdun, auf dem eine Million französische und deutsche Soldaten begraben liegen, bleibt überschaubar, wenn auch grauenhaft. Und im zweiten Krieg ging es, als Vorausnahme der Globalisierung, um Kontinente. Ganze Länder wurden verschoben und Völker zernichtet.

Die tiefste und längste Episode zeigt dann, wie die drei zum Tode verurteilten Soldaten mit dieser krassen und irreversiblen Ungerechtigkeit umgehen. Der Film ist so gemacht, dass man als Rezipient die ganze Zeit hofft, nein, weiß, dass dem Schicksal dieser Schlag nicht durchgehen darf. Ein Priester erscheint. Er erinnert nur, was Jesus gesagt hat, als er zum Tode verurteilt war, nämlich dass sie heute noch im Paradies sein werden. Das klingt aus heutiger Sicht wie der falsche Trost eines Selbstmordattentäters. Die drei Soldaten waren aber keine Selbstmörder, sondern von den eigenen Leuten zur Abschreckung und Projektion der Schuld am Versagen aller zum Tode verurteilt. Der Priester wird als Teil des Verbrechersystems von einem der Soldaten angegriffen und dieser von den anderen niedergeschlagen. Er wird dann am nächsten Morgen zur Erschießung auf eine Bahre geschnallt, was wie eine Kreuzigung aussieht. Die Auseinandersetzung der Soldaten mit dem Tode und mit dem Priester findet in einem Stall statt, wie die legendäre Geburt von Jesus.  Die Erschießung wird dagegen zu einem Staatsakt hochstilisiert: aufmarschierte Soldaten, Generäle, Priester, Bürgermeister, Kommandos, all das soll das Staatsverbrechen durch Inszenierung legitimieren. Der Staat glaubt sich im Recht, wenn seine Untertanen  den Ritualen folgen. Wie sollte man sonst erklären können, dass wir Menschen anderthalb Jahrtausende lang sonntags die Botschaft DU SOLLST NICHT TÖTEN zelebrierten und von montags bis freitags dem Geschäft des Todes nachgingen? Im Film gibt es kein happy end. Ob wir die Jahrtausende des Tötens durch Jahrtausende der Liebe, wie Schopenhauer meinte, werden aufwiegen können, kann niemand voraussagen. Man kann Geschehenes nicht ungeschehen machen, die Zeit ist unumkehrbar. Noch nicht einmal Worte kann man zurückholen. Man kann nur nach vorne handeln, geben und vergeben. Der frühe Film von Stanley Kubrick erwies sich also als ein großes Meisterwerk mit großer Nachwirkung. Hoffentlich fällt er uns bei der nächsten Abschiebung ein.

Riesig ist dagegen die Diskrepanz zwischen einer ebenfalls fast mit antiken Ausmaßen daherschreitenden Geschichte und ihrer Verfilmung durch einen alternden und schwächelnden Meister, Istvan Szabo. Er hat die Geschichte seiner Namensvetterin verfilmt, die von einer einfachen Frau erzählt, deren Leben durch zwei tragische Ereignisse deformiert wird. Als Kind erlebt sie, wie ihre beiden kleinen Schwestern, die Zwillinge waren, vom Blitz getroffen wurden und ihre Mutter darauf in einen dieser schönen ungarischen Brunnen springt. Sie rettet dann beinahe wie Christophorus ein kleines Mädchen ihrer von den Nazis verfolgten Herrschaft. Das kleine Mädchen verwurzelt sich im Heimatdorf der Frau, was der Geschichte eine weitere ganz starke Dimension hinzufügt. Aufgearbeitet wird diese große und tragische Lebensgeschichte, als die Frau, nun schon alt, die Haushälterin einer Schriftstellerin, nämlich von Magda Szabo wird, die gleichermaßen einbezogen ist, wie aber auch mit Unverständnis und Gleichgültigkeit reagiert, so wie wir alle, wenn wir einen Bettler sehen. Dann fallen uns auch gleich allerhand Belehrungen ein. Die Skurrilität der alten Frau wird durch ein Zitat aus Wilhelm Hauff gezeigt: weil ihr eine Katze an der Türklinke erhängt worden war, hält sie ihre Katzen jetzt versteckt in der Wohnung, aber es werden immer mehr. Sie stirbt dann auch an den hygienischen Defiziten, was zu ihrer Lebenstätigkeit als Haushälterin in krassem Paradox steht. Auch hier gibt es kein happy end. Das einst gerettete Mädchen kommt aus Amerika, um zu danken, aber es ist zu spät. Die symbolische Szene auf dem Friedhof, die den sinnlosen Sturm des Lebens zeigt, zeigt auch gleichzeitig die Schwäche des Films. Wie ein Machwerk des einst sozialistisch sein wollenden Realismus wird Symbol über Symbol angehäuft. Die atheistische alte Frau redet ständig in Gleichnissen wie Jesus. Sie verbreitet ein Pathos der Arbeit, das uns als Ethos gepriesen werden soll. Tatsächlich fegt sie aber immer wieder den gleichen Gehweg vor ihrem Haus, und es gelingt ihr so wenig wie dem korinthischen König Sisyphos, der uns unter Mitwirkung von Albert Camus die Metapher des absurden Lebens schenkte.

Die Worte werden uns auf den Lebensweg mitgegeben, aber dann ist jeder in seinem Vokabular gefangen.

Stanley Kubrick: Wege zum Ruhm, 1957

Istvan Szabo: Hinter der Tür, 2012

DIE GESPRUNGENE SCHALLPLATTE

 

Nr. 216

Weil sie fühlte oder ahnte, dass Faust ein Repräsentant einer anderen oder neuen Welt sei, stellte ihm Gretchen, bevor sie sich mit ihm einließ, gerade weil von ihm der Reiz des neuen Systems ausging und trotz seines beträchtlichen Alters, er war vierzig, die Frage nach seiner Kompatibilität mit der alten, bürgerlichen Welt ihrer Herkunft. Faust antwortete bekanntlich mit einer völlig neuen, erstmals das Individuum in den Mittelpunkt stellenden Gottessicht: Gott ist die Assistenz zur Güte. Die heutige Entsprechung wäre der Turing-Test: würden wir in einem Dialog zwischen Mensch und Maschine die Maschine erkennen? Schon Weizenbaum, der das erste Dialogprogramm für einen Computer fand (ELIZA), kritisierte nicht nur die Schwachstellen der Maschine, sondern auch der beteiligten Menschen.  Die machten nämlich, vor über fünfzig Jahren, denselben Fehler wie der Teslafahrer vor einigen Wochen, der mit seinem selbstfahrenden und selbststeuernden Mobil in einen Sattelzug raste und wie  jene Fahrer, die mit einem herkömmlichen Navigationsgerät, wenn sie von Bochum nach Düsseldorf wollen, in Prag merken, dass etwas schiefgelaufen ist. Der Turing-Test, der der Gretchenfrage so ähnlich ist, bannt die Angst vor der Übermacht der Assistenzsysteme. Diese Angst überbetont die Kollateralschäden neuer Systeme, zum Beispiel des Buchs, der Eisenbahn oder des Automobils, und projiziert oder stilisiert sie zu neuen Feinden der Menschheit. Dabei ist seit der Antike klar, dass wir Menschen uns höchstens selbst im Weg stehen. Wir verbrennen und kreuzigen jene, um noch einmal Faust zu zitieren, die uns wirklich und durch Vorlaufen Wege weisen wollen und verherrlichen andere, die als dümmliche und statische Wegweiser immer nur die Vergangenheit beschwören können. Deshalb wirken ihre ohnehin schon schwächlichen Argumente wie eine broken record, die seit fünfhundert oder noch mehr Jahren dudelt.

Am Montag vergangener Woche fand in der European School of  Management and Technologies, einer Privatuniversität im ehemaligen Staatsratsgebäude, ein vom rbb organisierter und durchaus hochkarätiger Dialog statt, auf dem die pro- und die contra-Seite mit prominenten Befürwortern und Gegnern der Künstlichen Intelligenz besetzt war. Auch ein echter Obermitarbeiter, principal scientist, von Google sprach einführende Worte, durch die man endlich bemerkte, dass es Google wirklich gibt und dass es aus echten Menschen und echten Milliarden besteht. Viele Menschen halten ja Google und Facebook, aber auch GPS für eine transzendente, höhere, nicht aber wirkliche Wirklichkeit. Deshalb ist es wichtig, dass man, wenn schon nicht Lord Zuckerberg persönlich, so doch hin und wieder Menschen sieht, die diese virtuellen Räume herstellen. Nicht jeder von uns hat das Glück, in der Familie einen Informatiker zu haben, der den Computer reparieren und nebenher den Turing-Test erklären kann.

Die Fragestellung war schon etwas religiös gehalten, ob nämlich die künstliche Intelligenz mehr Fluch oder mehr Segen für die Menschheit ist. Die Pferde und die Kutscher haben vielleicht das Automobil als Fluch empfunden, aber man muss sich heute ernstlich fragen, ob die Pferde wirklich glücklich waren, wenn sie schwere Wagen, beladen mit Bierfässern und mit Kohle, durch Straßen aus Sand und Kopfsteinpflaster gezogen haben, als sie Straßenbahnen schleppten und Menschen, die sie schlugen, trugen, als ihnen mehrstöckige Ställe, zum Beispiel in der Berliner Schwedenstraße, gebaut wurden, in denen sie gegen jeden Instinkt, nach oben geführt wurden, denn das Pferd ist ein Fluchttier. Und wenn sie ein Leben lang für den meist undankbaren Menschen geschuftet hatten, wurden sie zu Bouletten und Mänteln verarbeitet. Ist das Glück des Sklaven, behütet und versorgt, aber unfrei zu sein, noch heute ein Ideal? Andererseits bringt das Pferdesubstitut Automobil bestenfalls eine falsche Freiheit, deren andere Seite die Abhängigkeit des Menschen von der Arbeit, vom Öl und vom Straßensystem immer größer wird, seine Verantwortung, diesmal nicht in Bezug auf lebende und fühlende Wesen, sondern auf die Belastung der Atmosphäre proportional zu seiner Freiheit wächst, die sich zum bloßen Gefühl degradiert. Das Öl der Zukunft sind die Daten.

Zum Glück für die Veranstaltung war die populistische Kapitalismuskritikerin mit dem Luxemburglook verhindert, sonst hätten wir zum siebenhunderteinunddreißigsten Mal erfahren können, dass die künstliche Intelligenz nur den Banken dient und deshalb mit diesen abgeschafft gehört. Der Kapitalismus wird von ihr erst personifiziert und dann verteufelt. Das ist schon rhetorisch fragwürdig, philosophisch aber überhaupt nicht haltbar, denn er ist eine Methode und der Computer ist sein Assistenzsystem. So erscheint sie wie die prominenteste Reichsbürgerin, gefangen in einem schönen Paradox: sie bekämpft das System und verdient dabei gut. Statt dessen erläuterte eine eingesprungene ebenfalls prominente Grüne, die vor ein paar Wochen Menschen besucht hat, die ihr Hassbotschaften geschickt hatten, dass für sie künstliche Intelligenz erst nach der Schaffung eines Rechtssystems akzeptabel sei, so als ob es bei uns einen Mangel an Rechtssicherheit gäbe und ausgerechnet die Grünen ihn entdeckt hätten. Eine Professorin aus Wien war stolz auf ihr Buch, das neunhundert Fälle von Datenmissbrauch auflistet. Sie glaubt ernsthaft, dass die Menschen ihr Buch kaufen, weil sie das System durchschauen und ablehnen wollen. Und wir sollen ihr glauben, dass sie das Buch geschrieben hat, weil sie die Wahrheit kennt und nun unter das unwissende Volk bringen will, nein, muss. So funktioniert Populismus auch ohne Wagenknecht und Petry, und wie sie alle heißen mögen. Der auch auf dieser Seite des Podiums anwesende Bischof wirkte so dümmlich wie Luther gegenüber Zwingli in Marbach im Jahre 1529. Dort argumentierte Luther rein autoritär. Das Hauptargument des gegenwärtigen Bischofs, dass die Maschinen vielleicht Intelligenz, aber kein Gewissen hätten, lässt sich in mindestens zwei Richtungen  falsifizieren. Erstens nützt einem das Gewissen wenig, wenn man sich in Mordsysteme einbinden lässt, von den Kreuzzügen bis zum zweiten Weltkrieg war das Gewissen der Christen auf Null gesetzt. Und zweitens führt ein Gewissen ohne Intelligenz auch nicht zum Ziel. Der Bischof jedenfalls wurde aus dem Publikum zurecht scharf attackiert und hatte dem nichts entgegenzusetzen: da stand er nun und konnte nicht anders als dieses eine Scheinargument zu wiederholen wie eine broken record.

Dagegen wirkte die Befürworterseite quicklebendig und konnte ihr Konzept von der Assistenz durch die Maschinen, von der Befreiung von stupider Arbeit, von der Maschine als bloßer Nachahmung menschlicher Intelligenz, von der Widersprüchlichkeit aller Perfektion, von dem Aberglauben, dass die Maschinen die Macht übernehmen könnten, beinahe möchte man sagen: undsoweiter undsoweiter überzeugend darlegen. Jedem, der Kinder oder Flüchtlinge dabei beobachtet hat, wie sie Sprache lernen, und der auf der anderen Seite schon einmal den Googleübersetzer benutzte, weiß, dass von der Maschine keine Gefahr ausgeht. Trotzdem gewannen die Gegner in der Abschlussabstimmung Prozentpunkte, wenn auch nicht die Mehrheit.

Es scheint ein Naturgesetz zu sein, dass sich Zellen, Wahrheiten und Software, sobald sie manifest sind, zu teilen beginnen. Bei den Zellen begrüßen wir es, bei der Software verstehen wir es nicht und bei den Wahrheiten glauben wir immer wieder und immer wieder, dass es sie gäbe. Wir glauben immer wieder, dass der gegenwärtige Stand der Dinge der letzt- und immergültige sei. Statt dessen ist es wohl eher so: Das Fernsehen ist wie ein vertrautes Wohnzimmer, aber der Computer ist der immer noch verpackte Fernsehapparat, der in der Diele steht.

ENTITÄTEN UND ID ENTITÄTEN

 

Nr. 215

Nichts ist mit nichts identisch, auch nicht mit sich selbst. Diesen Satz würde die Hälfte der Bevölkerung unterschreiben, aber die andere Hälfte könnte aufschreien: außer mir, und mein Nachbar denkt das gleiche. Die Gruppenbildung wird heute durch die Echowirkung der neuen und für praktisch jeden verfügbaren Medien erleichtert und verstärkt. Wirft jemand seine Wahrheit in den Raum, so springt sofort jemand herzu, der sie bestätigt. Sie bestätigen sich beide und finden bald einen Dritten, der die Welt auch so sieht. Die Gruppen lesen über lange Zeiträume nur ihre eigenen Botschaften. Es wäre falsch zu sagen, dass ihre Begriffe postfaktisch wären. Sie haben mit Fakten nichts zu tun. Es sind zu Fakten stilisierte Ängste, Befürchtungen und Vorstellungen, die zu Gewissheiten werden, je mehr sie sich wiederholen.

Man begreift, wenn man die Gegenwart genau betrachtet, den Hexenwahn besser. Er war, so wie diese eigenartigen Echos heute, eine Mischung aus tatsächlicher Angst und Denunziation. Denunziation ist auch Ablenkung von der eigenen Verantwortung und von der eigenen Angst. Das ist verständlich. Aber Denunziation ist auch so ziemlich das Niedrigste, besonders wenn sie mit der scheinbaren Allmacht von Kirche oder Staat kombiniert auftritt und den Denunzierten zum hilflosen Opfer einer omnipotenten Ranküne macht. Die Denunziation im Verbund mit der Macht ist die Verschwörung, die als Projektion von den Denunzianten den Denunzierten vorgeworfen wird. Wer anders hat mit dem Teufel gebuhlt als der Nachbar oder die Nachbarin, die die Nachbarin dem Feuer oder der Vierteilung auslieferte? Hoffentlich erinnern sich die Reformationsfeierer im nächsten Jahr, dass im protestantischen Minden viermal soviel Hexen verbrannt wurden als im katholischen Köln. Es verbessert oder modernisiert sich nie alles gleichzeitig. Manches bleibt aus guter alter Gewohnheit beim alten. Fast alle der Dutzenden Abspaltungen von den Protestanten waren Fundamentalisten. Nur die zurück gehen, wissen den Weg.

Die Krise der Demokratie, nicht ihr Ende, scheint nicht auf einem Mangel an Lebensmitteln zu beruhen. Die deutsche Kanzlerin betont, dass es uns nie besser ging als gerade jetzt, aber sie trifft damit nicht das Defizit, unter dem ihre Nichtwähler leiden. Ich wohne in einer Kleinstadt im äußersten Nordosten Deutschlands. Wenn hier in einer Diskussion Kritik vorgebracht wird, dann reagiert die führende Gruppe reflexartig mit immer derselben Argumentation: aber wir haben doch das Schwimmbad, die Freilichtbühne, das Parkfest und die neue Straße. Die neue Straße ist vierzig Jahre alt, von daher kommt auch die führende Gruppe. Aber sie versucht, wenn auch mit überholten Mitteln, die Identität, oft auch Heimat genannt, zu bewahren. Dagegen werden die Kreisreformen, die es hier seit über hundert Jahren gibt, die Identitäten der Menschen immer weiter abbauen. Ein paar Jahre später jedoch besteht wieder die Chance, dass genügend Neubürger die alte Zugehörigkeit nicht mehr kennen.

Wenn sich große gesellschaftliche Systeme im Umbruch befinden, reagieren die Menschen panisch. Aber dann sollten Institutionen da sein, die die Menschen beruhigen, ihnen das Gefühl der Zugehörigkeit vermitteln. Aber diese Institutionen müssen sich gerade auch in diesem Moment zum Reformieren zurückziehen. Der Staat schließt gerade dann seine Luken, wenn er am meisten gebraucht wird. Wir stehen konsterniert vor dem Häuschen mit dem Schild: Geschlossen aus Betriebsablaufgründen. Aber da drinnen wird nicht nachgedacht, sondern es werden die alten Schilder neu sortiert: Politikverdrossenheit, Modernisierungsverlierer, postfaktisches Zeitalter als Ersatz für schnelllebige Zeiten. Ein Schild wurde entsorgt: Alternativlosigkeit. Am besten ist: in Zeiten wie diesen.

Aber es geht nicht darum Politiker dafür zu schelten, dass sie auch nur Menschen sind, dass sie auch nur zwei Hände und einen Kopf haben. Es ist eher erstaunlich, dass es immer wieder Menschen gibt, die es für ein bisschen Macht und bei uns in Deutschland nicht so viel Geld auf sich nehmen, ihr ganzes privates Leben zu destabilisieren, um nicht zu sagen zu zerstören. Und bei weitem nicht jeder von ihnen kommt in die Geschichtsbücher, was ein weiteres Motiv wäre. Viele verderben sich auch noch die Spanne zwischen dem Ende der Wirkmächtigkeit und dem Geschichtsbucheintrag.

Ein winziges Detail aus der jüngeren Geschichte mag veranschaulichen, dass der Zusammenhang zwischen ökonomischem und politischem Wohlbefinden schon lange nicht mehr entscheidend ist. Elena Ceaucescu rief ihrem Mann, dem stürzenden Diktator auf dessen letzter, scheiternder Kundgebung zu: Gib ihnen hundert mehr, denn der Lohn war in kommunistischen Diktaturen ebenfalls vom Staat diktiert. Bekanntlich haben die beiden den Tag nicht überlebt. Die letzte Rentenreform in Deutschland hat ebenfalls keine stabilisierende Wirkung auf CDU und SPD. Bedauerlich ist, dass es keine Aussicht auf eine andere Koalition gibt. In Großbritannien haben ebenfalls die älteren Wähler dafür gesorgt, dass die Taschenlampen ausgegraben wurden, um den Weg zurück zu finden: zurück aus Europa. Ein weiteres Ergebnis des Brexit könnte sein, dass die seit 1701 bestehende Personalunion des englischen Königshauses mit dem schottischen beendet wird.

Wir können uns tatsächlich unserer Identität nur rückwärtsgewandt versichern, da niemand die Zukunft voraussehen kann. Die Industrialisierung wurde nicht nur als Bedrohung gesehen, sondern fand sogar in einer ästhetischen Bewegung die wir heute noch schätzen, ihre Begleitung, nämlich in der Romantik. Und im allgemeinen Sinne ist Romantik heute immer noch: sich aus der allzu mobilen Welt zurückziehen, eine Kerze ins Fenster stellen und am besten zu zweit träumen. Es gab vehemente Widerstände gegen die Mobilitätsschübe durch die Eisenbahn und durch das Automobil, gegen die Entfremdung durch die Industrialisierung und die am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts einsetzende Massenproduktion, der wir die Globalisierung verdanken. Es gab Proteste gegen die Amerikanisierung der Populärkultur in den zwanziger Jahren, die im Rassismus der Nazis ihren vorläufigen Höhepunkt fanden. Es gab in den Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg ein aus heutiger Sicht völlig unverständliches, fast pathologisches Festhalten  an alten, absolut untauglichen Werten, die keine waren: Prügelstrafe, Zuchthaus, Ächtung, Verbote gegen Amerikanisierung, Verweiblichung, Gleichmacherei, lange Haare, enge Hosen. Jugendliche wurden in beiden deutschen Ländern als halbstark bezeichnet von Männern, die ihre Arme und Beine und den Krieg verloren hatten. Wenn James Dean im Kino weinte, schrien diese Männer in ihrem Nazijargon etwas von Verweichlichung.

Obwohl es höchst unangenehm ist, mit Trump und Frauke Petry zu leben, letztlich beunruhigend ist es nicht. Sie werden vergehen, ohne Spuren zu hinterlassen. Das familiär-politische Korruptheitsbündel der Trumps, Erdoğans und Putins dieser Welt ist von vornherein zum Scheitern verurteilt, weil es so gestrig ist und eine Identität vorspiegelt, die es nie wirklich gegeben hat.

SYMMETRISCHE VISIONEN: SELAMÜN ALEYKUM

Zur Erinnerung an die Uraufführung 2014 von Begegnung der Propheten von Erhan Sanrı

Ich saß zuerst auf dem falschen Platz der leider nur gut zu zwei Dritteln besetzten Philharmonie in Berlin. Ein freundlicher junger Deutschtürke zeigte mir seine beinahe identische Karte. Dem Architekten des Hauses, Hans Scharoun, gelang, wovon wahrscheinlich viele Architekten träumen: ein symmetrisches Konstrukt, das spontan wirkt, aus dem Ärmel geschüttelt, das die perfekte Akustik für Visionen hat. Nur die Orgel ist asymmetrisch.

Als Auftragswerk der Berliner Cappella entstand ein Oratorium, das, so ähnlich wie Bach, Händel oder Mendelssohn Bartholdy Thora- und Bilbeltexte vertonten, erstmalig Korantexte zur Grundlage hat. Erhan Sanrı stand vor der schwierigen Aufgabe die beiden religiösen Welten, die musikalischen Sprachen des Morgen- und Abendlands sowie antikes Denken und modernes Publikum zusammenzubringen.

War die türkische Musik im achtzehnten Jahrhundert eine Mode (alla turca), so ist ihr Einfluss über die Militärmusik, deren Instrumente und Rhythmen sich mit dem nordamerikanischen Gospel vereinigten und an der Wiege aller modernen Musik standen, viel nachhaltiger als wir alle denken können.

Zu Zeiten Bachs und Händels war die biblische Sprache den Menschen in Europa so nahe wie die Sprache des Korans den heutigen Muslimen. Diese aber kennen nur die traditionelle melodiöse Vortragsweise.  In diesem Spannungsfeld entstand eine äußerst interessante und im zweiten, mittleren, Jesus gewidmeten Teil hochemotionale Musik.

Der erste Teil zeigt, wie der Prophet Mohammed zu seiner Berufung kam und stand und wie er mit ihr umging. Da der Prophet, aus Hochachtung, nicht direkt zu uns sprechen kann, wird sein erster Biograf Ibn Ishaq als Vermittler seiner Worte eingeführt, für die gläubigen Muslime spricht und singt Fatima. Ganz ähnlich wie bei Bach steht die wunderbare und samtene Altstimme für die tiefgläubigen Frauen, die als Mütter viel mehr für die Weitergabe des Glaubens tun als die teils hochgelehrten Männer, so wie die Frau des Propheten der erste Mensch war, der an seine Berufung glaubte.

Im dritten Teil sind sich die drei monotheistischen oder abrahamitischen Weltreligionen am nächsten, er zeigt Mose in den uns allen bekannten Situationen. Plötzlich kann uns klar werden, dass aus dem Orient nicht nur jeden Morgen das Licht, sondern auch das Wort kommt. Musikalisch tut  Sanrı in diesem Teil das, was wir vielleicht am meisten von ihm erwarten: er zeigt mit orientalischen musikalischen Mitteln, den Klarinetten, die Verwandlung des Stockes in eine Schlange und zurück. Aber andererseits entgeht der Komponist genau diesem erwarteten Schema. Zwar hat er zwei orientalische Instrumente, die Nay-Flöte und die orientalische Zither Qanun, die vor allem auch für die Rezitative eingesetzt wird, er entgeht jedoch der Folklore-Falle weitaus mehr als sein berühmter Kollege Fazil Say in seiner Istanbul-Sinfonie. Aber, um noch einen Vergleich zu bringen, der die Eigenständigkeit der Tonsprache Sanrıs gegenüber anderen betont, auch die vollständige Auflösung des orientalischen Modells in elektronische und minimalistische Klänge wie bei Erdem Helvacıoğlu (‚Timeless Waves‘) wird vermieden. Lediglich einige Orgelcluster zeigen, dass Sanrı auch diese Sprache beherrscht. In Hamburg wurde Sanrı kritisiert, dass er nicht der neue Bach sei, ein Vorwurf, den sich auch Beethoven und Paul McCartney gefallen lassen müssten, in Berlin muss er gelobt werden, dass er versucht hat, für das neue Zusammenleben der alten Religionen und Weltsichten eine neue Tonsprache wenigstens zu versuchen. Die Synthese muss nicht zwangsläufig erkennbare, gar folkloristische Elemente enthalten, sie kann und soll differenzierter und emotionaler sein. Die meisten Chöre sind eher in der Schönbergschen Tradition der allerspätesten Spätromantik, während das Orchester, beispielhaft an den beiden Trompeten vorgeführt, oft in kleinen Sekunden dahinschreitet und fast atonal ruft. Am besten gelungen scheint das im emotionalsten und spannungsreichsten zweiten Teil, der Jesus, also Isa, dem jüdischen Stifter des Christentums und islamischen Propheten gewidmet ist. Aber anders als bei Mose teilen sich bei Jesus auch die Ansichten. Die Juden erkennen ihn nicht als Messias an, die Muslime sehen ihn zwar als Propheten, nicht aber als Sohn Gottes. Auch ist er nach islamischer Überlieferung nicht durch Schriftbesitzer, also die Juden, getötet worden, sondern am Kreuz entrückt, zu Gott eingegangen, und das hat er mit allen Propheten gemeinsam, von Adam und dem rätselhaften Idris, über den gottergebenen (‚Muslim‘) Ibrahim (Abraham) bis zu Musa (Moses), Isa und Mohammed. Sie alle werden musikalisch gestaltet. Der wuchtige Chor ‚Jesus gleicht Adam‘ kann sich einen Platz in der Oratorienkultur erobern, besonders wenn er sich dann mit dem bemerkenswerten Altsolo, gesungen von Sunniva Eliassen, zu einem machtvollen Bekenntnis aller Religionen, Weltsichten, ja, aller Menschen vereinigt: Friede sei auf allen, selamünaleyküm.

Wenn sich die Gedanken und Gefühle aller Menschen einer Stadt vereinen, dann schwebt über ihr schon lange der Geist der Gemeinsamkeit und Toleranz, wenn auch von hier der schlimmste Rückfall in die Barbarei geplant und ausgeführt wurde. Geplant wurde in Berlin aber auch der Nathan, der mit weiser Voraussicht und im Verein mit dem weisen Saladin und dem ungestüm-weisen jungen Tempelherrn die geheimen Verwandtschaften der Menschen aufdeckt. Und uraufgeführt wurde gestern in Berlin der sehr gut gelungene Versuch, die Oratorientradition mit einem Seitenzweig zu bereichern, der den über Berlin schwebenden Geist musikalisch ausdrücken will. So gesehen hat sich das Toleranzviertel von der Gegend um die Sophienkirche in Berlins Mitte in Richtung auf die Emmauskirche am Lausitzer Platz verschoben, tatsächlich aber über ganz Berlin ausgebreitet.

In den nächsten Wochen wird Bachs Weihnachtsoratorium in Berlin bestimmt fünfzigmal aufgeführt. Tausende Berliner Muslime lesen gerade, weil sie ein Fachabitur machen wollen, Lessings Nathan. Das ist gut. Aber schön wäre, wenn wir nächstes Jahr zu Weihnachten in Berliner Kirchen wenigstens den mittleren Teil von Sanrıs Oratorium hören könnten. In einer Moschee wird es noch lange nicht möglich sein, weil es deren Tradition verbietet.

Natürlich gibt es keine symmetrischen Konstruktionen im Zusammenleben der Menschen, insofern ist die Architektur nicht erstarrtes Leben. Aber wir sollten uns immer wieder bemühen, die andere Seite aus ihrer vermeintlichen Asymmetrie zu befreien, so wie sie uns aus unserer Asymmetrie zu befreien suchen sollte, und welches schönere Bild kann es für den vereinten gekrümmten Raum geben, als die Kuppel einer Moschee oder Kirche oder Synagoge. Das ist eine Vision, und übrigens heißt Sanrı übersetzt: Vision. Ich hoffe, dass mein symbolisches Spiegelbild, der junge deutschtürkische Mann auf Platz 2 Reihe 2 Block B rechts ebenfalls gute Gedanken und Gefühle hatte.

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PARADOX

Nr. 214

Jemand, der nicht einsieht, dass Schwesterlichkeit Brüderlichkeit zur Voraussetzung hatte, weil die Welt war, wie sie war, ist wie einer, der seine Eltern vor seiner Geburt umgebracht hat und sich dann wundert, dass er nicht da ist. Man kann die Vorgeschichte, die gesamte Geschichte ignorieren, aber nicht ungeschehen machen. Henry Ford meinte, als er Geschichte zu Quatsch erklärte, sicher das Auswendiglernen von Geschichtsdaten einerseits, andererseits das konservative Festhalten an ungeprüften oder nur scheinbar bewährten Überlieferungen. Zum Beispiel war man früher der Ansicht, dass das Verprügeln eines Menschen durch berechtigte Personen, wie zum Beispiel Väter, Lehrer, Polizisten, noch niemandem geschadet hätte. Dass die verprügelten Menschen willig in den Krieg zogen, umso williger, je mehr Mühe man sich gab, sie zu erniedrigen und zu motivieren, wird völlig ausgeblendet. So wie das Verprügeln für legitim gehalten wurde, sah man auch das Töten im Krieg. Überhaupt neigen wir dazu, einfache Zusammenhänge, zum Beispiel Kausalzusammenhänge, zugunsten komplizierter Zusammenhangsverästelungen zu bevorzugen. Wir vernachlässigen, was uns zu kompliziert erscheint. Die heutigen Medien, die der Gipfel demokratischer Meinungsbildung zu sein schienen, sind gerade die Meisterstücke des Ausblendens allgemeiner Zusammenhänge. Man könnte dies den Google-Filter nennen: gib dich selbst bei Google ein, und du hältst dich für bedeutend, weil du glaubst, dass die ganze Welt dich so sieht, wie du dich in deinem Google-Spiegel. Das elektronische Echo verfolgt dich nicht nur, sondern es überhöht dich. Du plapperst nach, was andere dir jeden Tag einflüstern, und glaubst, dass du eine dezidierte Meinung zu allen, aber auch allen Lebensfragen der Gesellschaft und der Geschichte  hast. Das wurde durch fünfzig Jahre Talkshows eingeübt. Aber die heutigen Stichwortgeber und Einflüsterer sind nicht mehr Politiker, über deren Kompetenz schon beinahe wieder Einvernehmen herrscht, sondern bist du selbst mit der riesigen Gruppe der Menschen, die die Welt auch so sehen wie du. Die Eliten, von denen die Eisenbahn, das Automobil, das Internet abstammt, werden in Bausch und Bogen übel beleumdet. Aber als Unglück wird nicht die eigene Schwäche, das eigene Defizit, vielleicht auch die zufällige Verknüpfung widriger Umstände angesehen, sondern die Eliten, die Demokratie als die herrschende Regierungsform, der Fremde, der mit bittendem Blick am Gartenzaun steht.

Obwohl bei jedem der ebenfalls allgegenwärtigen Medikamente ein Zettel liegt, auf dem steht, dass beispielsweise der Kopfschmerz zwar schwindet, aber dafür auf Dauer die Niere geschädigt wird, das Herz gewinnt, aber der Magen verliert, obwohl also jeder von uns schon einmal solch einen Zettel wenigstens teilweise gelesen hat, negieren viel Menschen, dass jede Handlung, jeder Fakt auch tausend Gegenhandlungen und Echos hat. Wir blenden aus, was uns irritiert. Und dann irritiert, was wir zuvor ausgeblendet haben, wenn es nämlich ein anderer Mensch sagt, der nicht zu unserem Kreis gehört. Die Gruppe, der Freundeskreis, die soziale Schicht ersetzt, was früher Rasse, Klasse, Nation, Religion war. Die Globalisierung und Demokratisierung schieben sich nur langsam über die Menschheit, obwohl ständig von der zunehmenden Geschwindigkeit die Rede ist. Schneller sind immer die anderen. Obwohl bei jedem der letzten Kleinkriege, dem Eingreifen des Westens etwa in Bürgerkriege, umständlich betont würde, dass und wieviel und warum Zivilisten Opfer kriegerischer Handlungen sein könnten, und wodurch das gerechtfertigt wäre, nämlich durch den endlichen Sieg der Demokratie und der Globalisierung, glauben immer noch viele Menschen, dass eine Tat eine Tat ist und nicht tausend Gründe und tausend Nebenwirkungen hat.

Unsere Gesellschaft hat viele Jahrhunderte dafür gebraucht, herauszubekommen, dass Strafe weder wirklich abschreckt noch als Rache legitimiert werden kann. Schon im Alten Testament und parallel dazu in den Gesetzen des babylonischen Königs Hammurapi steht das Talionprinzip, das sich gegen Rache und Willkür richtete, und anscheinend wurde erst im zwanzigsten Jahrhundert entdeckt, dass die Menschheit blind würde, wenn sie das konsequent und buchstabengetreu anwendete. In den Jahrzehnten der Stabilisierung der Demokratie gab es immer wieder Rückfälle in das alte Strafdenken und eine Minderheit hat sich immer wieder auf eine Gruppe von Menschen konzentriert, die aus der allgemeinen Vergebung fallen sollten. In Amerika, aber auch während des Kalten Krieges in Europa waren das zum Beispiel die Spione, dann die Mörder. Seit es immer weniger Mörder gibt, jedenfalls in Japan und Europa, sind es nun die Sexualstraftäter, besonders wenn es Fremde sind. Wie schon die Morde, werden die meisten Sexualstraftaten in der Familie begangen. Ein solcher Täter plant seine Tat wahrscheinlich weniger als der Kaufhausräuber, von denen es scheinbar auch immer weniger gibt. Wahrscheinlich wird die Abschreckung nicht viel helfen. Es hilft viel mehr Prävention, die Voraussicht, dass ein Kind in irgendeiner Weise gestört ist, könnte verhindern, dass es später, wenn es erwachsen ist zum Straftäter wird. Andererseits, das haben wir hier schon oft geschrieben, wird unser Sicherheitsdenken immer perfekter, so wie unsere Sicherheit und unser Wohlstand wachsen. Unser Fokus richtet sich auf die verbleibenden Taten. So wie wir den Terror nur zur Kenntnis nehmen, wenn er vor unserer Haustür stattfindet, und dahin projizieren wir ihn auch, so erscheint uns die Berichterstattung der Sensationen so, als ob unser grauer Alltag umstellt mit Sensationen wäre. Statt dessen wird über den Fehler eines Politikers genauso langte berichtet und diskutiert wie über die brüchige Ehe eines Schauspielers wie über die Beziehungstat in einem Einfamilienhaus in Tübingen, weil es keine wirklichen Sensationen gibt. Wir empfinden es nicht als Sensation, dass es seit dem letzten Krieg keinen wirklichen Krieg mehr gegeben hat. Statt dessen schauen wir gebannt auf die allerdings wirklichen schrecklichen Taten einiger Terrorgruppen. Weil fast alle Krankheiten von der Erde verschwunden sind, wird jeder einzelne Virus, man möchte beinahe sagen, als Sensation begrüßt. Und schließlich hungern zum Glück, zum Glück, immer weniger Menschen.

Und deshalb sind diese eigenartigen Meinungen von Minderheiten, dass wir wieder mehr Strafen, dass wir gar die Todesstrafe brauchen, dass Politiker zurücktreten müssen oder verhaftet werden sollten, dass die Polizei in jeder einzelnen Familie Untaten verhindern kann, dass das Böse wie die Vogelgrippe eingeschleppt wird, dass Kleidungsstücke verboten werden müssen, diese Meinungen sind zum Scheitern verurteilt. Das letzte Kleidungsstück, das in Deutschland verboten war, war die ‚Nietenhose‘, so wurden die Jeans von den Funktionären der DDR genannt. Und wo sind sie jetzt?

Nicht nur Demokratie und Globalisierung werden triumphieren, sondern auch die Innerlichkeit, die Vergebung und die Liebe.

DIE WELT, DIE ICH MIR WÜNSCHTE

Nr. 213

Als ich ein kleiner Junge war, gab es wenige Autos und wenige Autofahrer, und sie hatten noch den Grundsatz gelernt, dass Motorkraft vor Muskelkraft geht. Autos hatten Vorfahrt. Die Muskelkraft wurde auch dem Geist vorgezogen, und so wurden wir Kinder, je nach der Kraft unserer Erziehungsberechtigten und weniger Berechtigten mit Ohrfeigen, Kopfnüssen, Ohrendrehen und auch mit der einen oder anderen ‚Tracht Prügel‘ zur vermeintlichen Ordnung gerufen. Aber was war das für eine Ordnung? Die Erwachsenen hatten gerade den zweiten Krieg ihres Lebens verloren, aber sie konnten und wollten nicht einsehen, dass damit auch alle ihre wirklich falschen Ordnungs- und Gedankengebäude zusammengebrochen waren. Ruinen waren nicht nur die Kirchen und Schulen, die Fabriken und Wohnhäuser, sondern auch die Pfarrer und Lehrer, Fabrikdirektoren und Hausbesitzer. Einmal waren sie Ruinen im wörtlichen Sinne: ihnen fehlten Arme, Beine, Augen… Vielleicht kommt daher das Wort Elternteil. Zum anderen aber verstanden sie die Welt nicht mehr und brüllten daher ihre Gedankenfragmente in die Ruinen, in denen wir, die Kinder jener Zeit, geduckt saßen. In die beiden deutschen Länder hinein, die allerdings am Anfang noch viele Klammern, wie etwa Verwandte und Radiosender, hatten, wurde die Vision des jeweiligen Siegers verbreitet. Dass der Kommunismus nur aus mehr oder weniger epigonalen Textbausteinen bestand, so wie vor ihm der Nationalsozialismus auch, war schon deshalb nicht gleich erkennbar, weil über den Kommunismus eine Folie des Antifaschismus gelegt wurde. Die Volksweisheit, dass man die Kleinen hängt und die Großen laufen lässt, galt in beiden Deutschländern. Auch im Westen ist die Demokratie erst angenommen worden, als wir schon mitten im Generationskonflikt feststeckten.

Als ich ein kleiner Junge war, träumte ich von einem Fahrrad und von fernen Ländern. Mit dem Fahrrad fuhren die sich langsam wieder einordnenden Väter zur Arbeit. Es hatte keinen sportlichen Aspekt, sondern diese Schwerfälligkeit und Langsamkeit der Väter und Großväter, die für die Arbeit zuständig waren und nicht für das Vergnügen. Trotzdem lernte ich früh Fahrradfahren, ohne Hoffnung auf ein eigenes. Von fernen Ländern zu träumen war leicht. Noch war die grüne Grenze, so wurde sie genannt, offen. Mein Taschengeld dagegen reichte noch nicht einmal für eine Bahnsteigkarte. Ich hatte kleine Stapel von Briefmarken und Geldnoten geerbt, die materiell nichts wert waren, aber meinen Horizont erweiterten. Mit meinem ältesten Freund habe ich Landkarten in den Sand gemalt. Figuren und Wörter in den Sand zu malen, ist nicht nur ein Ausdruck von Abwesenheit, sondern auch von Vision, Traum, Fantasy, die man damals noch mit PH und IE schrieb. Wir haben damals von Ländern geredet, die niemand kannte und die es auch gar nicht mehr gab: Montenegro, Bosnien, Estland und San Marino, das es zwar gab, das faktisch im Schutz seiner Unbekanntheit lag, gegen die aggressive Kirche aber auch ein Heer ausgebildet hatte. Die letzte Todesstrafe wurde in San Marino 1468 vollzogen. Österreich erklärte San Marino den Krieg und Großbritannien warf trotz Neutralität und Grenzkennzeichnung durch riesige weiße Kreuze Bomben ab, und allein daran kann man die Unsinnigkeit und den Nichtsnutz von Aggression, Militär und Macht sehen. Demokratie und Kommunismus waren in San Marino sogar zeitweilig vereint, als kommunistische Kapitänregenten gewählt worden waren. Mit solchen Problemen haben wir uns beschäftigt, als wir kleine Jungen waren.

Als ich ein kleiner Junge war, waren Männer noch Männer und Frauen noch Frauen, rechts war rechts und links war links, Schwarze waren Schwarze und Weiße Weiße, und so weiter, das ganze dichotomische Lexikon herauf und herunter. Aber jeder in meiner brandenburgischen Kleinstadt kannte die Katzenfresserin und den alten Mann in Frauenklamotten. Jeder wusste, dass der Oberkommunist früher Nazi war. Später kannte jeder den berüchtigten Satz von Filbinger: Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein. Der erste Schwarze, den ich gesehen habe, wurde von einer Kindergruppe freundlichst begrüßt: Neger, Neger, Schornsteinfeger sangen sie oder waren es wir, die so sangen? Der erste Schwarze, mit dem ich befreundet war, wurde von den Konkurrenten seiner Leute erschossen, weil er in der falschen Befreiungspartei war. Der Befehlsgeber der Mörder ist der heute absurdeste Führer eines afrikanischen Landes. Heute kommt mir selbst die politisch korrekte Bezeichnung colored nations oder Schwarze inkorrekt vor, weil es keine Unterschiede gibt.

Als ich ein kleiner Junge war, träumten wir von Maschinen, die die Straßen fegen würden, denn die Straßen wurden von Losern gefegt und der Beruf galt als das allerletzte, was man erreichen konnte, wenn man nichts erreicht hatte. Der Müll wurde von Pferdewagen abgeholt, auf denen dreckige schlechtbeleumdete alte Männer saßen, die direkt aus den Geschichten aus der Murkelei von Hans Fallada entstiegen zu sein schienen. Hans Fallada ist der Dichter, der nicht so hieß, wie er hieß, der drogensüchtig und hochbegabt, Mörder ohne Abitur und Kreator ohne Studium gleichzeitig war, und obwohl er in der bürgerlichen Gesellschaft als ‚dauernd untauglich‘ galt, ist er bis heute äußerst erfolgreich. Wir träumten von Maschinen, die die Teller wüschen und die Dinge bauten, die wir verbrauchen würden, wenn wir so reich wären, wie wir heute sind. Wir träumten solange von Maschinen, sie waren auch in unseren Lesebüchern abgebildet und entsprangen der Fantasy von Fantasten gleich uns, bis wir von Maschinen umstellt, in Maschinen eingeschlossen, Gefangene unserer Fantasy waren. Wer sich schon einmal in einem Gebäude befand, nachdem die Alarmanlage eingeschaltet hatte, weiß, wovon hier die Rede ist. Wieder sind es die Romanschreiber und Filmemacher, die Maler und Fantasten, die uns die Alternative einer nie alternativlosen Welt zeigen: Jean Tinguely baute mit seinen absurden Maschinen die absurde Welt nach. Lange Zeit ist die Musik, die aus Geräuschen und Krach besteht, missverstanden worden: auch sie malt, wie Rembrandt, die Welt ab und nach: laut und sinnlos zieht sie ihren Umweg. Was uns früher als reine Dichotomie erschien, zeigt heute sein wahres Gesicht als Unschärfe.

Warum ist denn das Leben falsch? Es ist falsch, weil es nicht richtig sein kann. Es kann nur gut sein, wenn du aus der Maschinenwelt hinaustrittst, wenn du auf das falsche, aufgezwungene, vorgeschriebene, aus Text- und Legobausteinen bestehende Leben der anderen verzichtest, wenn du aufhörst, über den Verzicht der anderen zu lachen. Du musst dich selber nach dem Weg fragen, nicht deine Navigationsmaschine, du musst dich selber bewegen, nicht nur auf das Gaspedal deines Selbstbewegermaschine genannten Semiautomaten drücken, das Selbstbewegende bezog sich auf den Verzicht auf Pferde, die so schön und schnell und treu sind. Die Renaissance des Fahrrads in Amsterdam und Kopenhagen und Münster und Berlin, die Renaissance des Gesprächs, wenn die Geräte abgeschaltet sind, die Renaissance der maschinenlosen Welt jenseits der Schlachthöfe und jenseits der Betonvorstädte ist vielleicht die Alternative, die Zukunft der Menschheit, der Menschheit, nicht der weißen absurden stupiden Automateneuropäer in ihren fliegenden und sausenden kohlenstoffdioxiderzeugenden und energieverbrauchenden Kisten mit Monitoren und Kopfhörern und Telefonen, die alles können außer Espresso und Liebe. Glaubt mir, unser Leben ist ein Sinus, kein Kreuz.

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STORDEUR: Der indische Junge in der TINGUELY-Maschine. Amsterdam 2016

SPIEGELVERWERTUNGSGEMEINSCHAFT

 

Nr. 212

Das Wort TEILEN erlebt nach einem Jahrhundert des SAMMELNS eine Renaissance, wenn nicht eine Hochkonjunktur. Das müsste uns nicht beruhigen oder beunruhigen, weil wir seit langem wissen: Steine sammeln, Steine zerstreuen, und man kann es auf den Feldern tatsächlich beobachten. Ein Traktor mit Arbeitsleiste und einem Arbeiter zieht seine Runden und sammelt die Steine, die die Eiszeit zuvor verstreut hatte. Manche Steine wurden zu Häusern oder Schlössern oder auch Straßen verdichtet, andere liegen in Söllen, jenen Wasserlöchern der Eiszeit, wieder andere bedecken Gräber, und man fragt sich, wie haben unsere Vorfahren vor dreitausend Jahren derart schwere Steine bewegen können. Die Antwort ist seitdem: mit ihrem Geist. Vielleicht schalteten sie auch zwischen ihren Geist und die Aufgabe eine Megamaschine. Das Auf und Ab des Lebens fand schon immer seine Metapher in solchen symbolischen, aber gleichzeitig auch nützlichen Tätigkeiten.

Während im Westen schon immer der Grundsatz galt: eine Zeitschrift ist eine Zeitschrift ist eine Zeitschrift, war hinter dem Eisernen Vorhang klar: eine Zeitschrift aus dem Westen ist der verdichtete, ja komprimierte Blick in den Westen, also in die Welt, durch ein zufälliges Fenster. Das zufällige Fenster konnte ein Kofferraum sein, der sich aus ganz anderem Grund geöffnet hatte, aber neben Sandwiches und Klopapier eben auch den Spiegel enthielt. Die Tasche eines Westverwandten konnte es sein, der keine Angst vor der Zollkontrolle gehabt hatte, die natürlich keine Zollkontrolle, sondern eine verlängerte Zensurmaßnahme war. Westeuropäer und Ostrentner teilten sich damals in die absolut ängstlichen, die nichts schmuggelten, und die mutigen, die ein Buch oder eine Zeitschrift nicht als verboten anerkannten. Es ist immer wieder lächerlich zu sehen, wie Diktatoren oder Potentaten sich vor dem Wort und dem Witz fürchten. Sie können nicht ohne Groll regieren. Alles Schlechte wird einem imaginären Feind zugeschrieben und alles Gute dem ebenso imaginären Freund angelastet.

In den osteuropäischen Großstädten gab es deutschsprachige, vor allem jüdische Sprachinseln, aber auch die deutschen Minderheiten, die außer in Rumänien zu Miniminderheiten geschrumpft waren, hatten Kulturräume, in denen der SPIEGEL auslag. Meist waren es alte und zerlesene Exemplare, aber manchmal war auch ein ganz neuer darunter. In Warschau und Bukarest gab es noch jüdische Gemeinden und  Theater, und in deren Lesestuben konnte man sich einfinden. Tee erhielt der Exot aus Ostdeutschland umsonst. Von daher kommt unsere Vorstellung, dass eine Zeitschrift mehr ist als eine Zeitschrift, dass die Komprimiertheit des Wissens, aber auch der Luxus einer eigenen Meinung etwas Bewahrenswertes ist. Im Osten wurde ohnehin vielmehr gesammelt, legendär war unser Plastiktütenwahn, die Ansicht, dass Verpackung selber eine bewahrenswerte Qualität sei. Da wir Brutto nicht verstanden, konzentrierten wir uns auf Netto und Tara. Der Mangel erzeugt immer eine Art ansaugendes Vakuum. Diebstahl wird toleriert, wenn er einen  staatlich gelenkten Mangel ausgleicht. Dass man  damit das Gesamtsystem noch mehr schädigt, war uns nicht bewusst. Aber wenn es uns bewusst war, dann wurden wir für verrückt gehalten. Zum Beispiel fand mein Aufruf ‚Wer sich nicht anstellt, muss nicht anstehen.‘ kein Gehör. Im Westen wurde zur gleichen Zeit die Losung eines ebenfalls kaputten Dichters bevorzugt: ‚Macht kaputt, was euch kaputt macht.‘ Die gesamtdeutsche Antwort auf beide zerrissenen Teilthesen kann nur lauten: MACHT, WAS EUCH KAPUTT MACHT, GANZ.

Eine kompakte Zeitschrift erzeugt nicht nur kompaktes Wissen, sondern auch Altpapierberge. Diese kann man sammeln wie ein Mensch von damals, diesseits des Eisernen Vorhangs, man kann sie recyceln wie ein Bürger diesseits des nur noch fragmentarisch vorhandenen eisernen Vorhangs, oder aber man kann ein geistig-materielles Recycle-Programm mit einer Teilhabe mehrerer genossenschaftlich verbundener Personen ins Leben rufen. Das haben wir getan.

Durch ein Abonnement statt bisher teils sehr aufwändiger und sogar unsinniger Einzelkäufe wird der Arbeitsplatz des Verteilers gesichert. Das ist keine so leichte Aufgabe. Ich kenne einen Informatikstudenten, der ein paar Monate lang nicht nur die Zeitungen und Zeitschriften in Berlin-Kreuzberg verteilte, sondern die dazugehörigen Datensätze im Kopf hatte und auf den Wegen zwischen den Abonnenten an einer App arbeitete, die das alles verarbeitete. Sodann haben wir den Abonnenten, das bin ich für den Printteil, für den elektronischen Zugang, der rabattgestützt daranhängt, konnte ein Student der Volkswirtschaft an einer Eliteuniversität gewonnen werden. Die Printhefte gehen dann in ein weiteres uckermärkisches Dorf, wo sie zweitgelesen werden. Nach einer gewissen Zeit der Sammlung werden die Hefte dann nach Berlin-Reinickendorf zu einem Studenten der Sozialwissenschaften befördert, der damit seinen Rückstand des Lesens im allgemeinen und der Politik im Besonderen aufholen will. Das macht er seit Jahr und Tag sogar mit freiwilliger Kontrolle.

Warum kann man nun nicht, so fragen die Befürworter von Genossenschaften und Teilgemeinschaften schon mehrere Jahrhunderte lang, auch andere Güter so teilen und einer Gemeinschaft nutzbar machen? Dem steht offensichtlich das künstlich, durch Aufklärung, Wohlstand und Demokratie, vielleicht auch nur durch die industrielle Massenproduktion geschaffene Individuum gegenüber, das Ideale und Teilideale von Besitz und Unabhängigkeit in sich trägt, die nicht zu verwirklichen sind. Es macht gerade den Reiz des Lebens aus, dass einerseits unverwirklichbare Ideale den andererseits nicht zu beseitigenden Widersprüchen, deshalb heißen sie so, gegenüberstehen. Wie Vater und Sohn oder Mutter und Tochter sich gegenüberstehen, obwohl sie zu einem hohen Prozentsatz identisch sind, so sehen sich Ideal und Wirklichkeit unversöhnlich an. Der Sohn wird zum Kompromiss, wenn er Vater wird. Der Wohlstand hat nicht nur zur Hungerfreiheit geführt, sondern auch zur Sammelleidenschaft. Das ist keineswegs neu, steht schon im AltenTestament, aber neu ist seine Inflation. Wir haben zum ersten Mal Gesellschaften, in denen die Menge und sogar Mehrheit der Menschen mehr als satt ist.

Und so könnte eine neue Zeit des Teilens und der Genossenschaften gekommen sein. Es wird immer wieder behauptet, dass der Mensch an sich böse, egoistisch oder gewaltbereit sei. Wäre das so, sage ich seit langem, wären wir seit langem schon nicht mehr. Der Impuls das Kind zu schützen war immer größer als der, das Kind zu verwerfen. Das ist der Grund, warum die Menschheit, seit wir uns selbst reflektieren, wächst. Dieses Wachsen empfindet sogar wieder eine Minderheit als bedrohlich. Angst ist eine Tatsache, aber keine Entschuldigung für das Böse. Das Fremde ist sicher oft mit Angst besetzt, aber es ist auch immer die Quelle des Fortschreitens.