KOHL UND STEINBACH

 

Nr. 247

 

Manche Dinge verkehren sich in ihr Gegenteil. Andere bewirken ihr Gegenteil. Menschen widersprechen sich und anderen. Andere hassen und bekämpfen sich. Das liegt daran, dass wir zur Vereinfachung der Welt ein dichotomisches Weltbild haben: gut und böse, warm und kalt, oben und unten,  Mann und Frau, man kann nicht ein bisschen schwanger sein, das war immer so, das sind die Fakten. Die katholische Kirche zum Beispiel, die gerade wieder vor der Ehe für alle warnt, warnte einst vor den Antipoden, von denen die meisten schon gar nicht mehr wissen, wer oder was das war.

Erika Steinbach war nicht vertrieben, sie war gar nicht aus Westpreußen. Sie ist dort geboren, weil ihr Vater nahe Danzig Soldat und ihre Mutter Flakhelferin war. Trotzdem war sie lange Zeit Präsidentin des Verbandes der Vertriebenen.  Als Vertriebenenchefin  hat immer wieder das Unrecht betont, das Polen angeblich über Deutschland gebracht hat. Irgendetwas in ihrem Leben hat sie dazu gebracht, die ganze Welt immer von gestern aus zu betrachten. Als schließlich die ganze CDU an ihr vorbeigezogen war, trat sie aus ihrer Partei und hielt am vorigen Freitag ihre letzte Rede, die ihr keinen Beifall und stattdessen eine Rüge des Bundestagspräsidenten einbrachte. Beifall erhielt sie, als sie sagte, dass sie aus dem Bundestag ausscheidet.

Konservatismus ist eine politische Richtung, aber Politik ist die Kunst der Kompromisse. Steinbach kollidierte nicht mit Merkel, sondern mit Kohl. Kohl hatte als Oppositionsführer und Kanzlerkandidat ähnlich vollmundig wie Trump die Rücknahme der Politik seiner Vorgänger angekündigt. Gemeint war der Ausgleich mit dem Osten und die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze. Das war die spektakuläre und visionäre Außenpolitik Brandts. Sie hat letztlich zu deutschen und europäischen Vereinigung geführt. Schmidt dagegen bekämpfte dem ultralinken Terror der RAF und erfand den NATO-Doppelbeschluss. Da gab es für Kohl, der Schmidt 1982 mit einem konstruktiven Misstrauensvotum, ermöglicht durch den Seitenwechsel der FDP, ablöste, nichts zurückzunehmen. Das alles muss Steinbach verschlafen haben. Kohl hat dann während seiner sechzehn Jahre als Kanzler den Nationalstaatsgedanken zugunsten der europäischen Union samt gemeinsamer Währung aufgegeben. Der Grund dafür war sicher nicht die deutsche Wiedervereinigung, die niemand ahnte. Später aber zeigte sich, dass die europäische Einigung die Kompensation für das vereinte und erstarkte Deutschland verstanden werden könnte. Das Rathenau-Modell, zu produzieren und nur durch die Qualität und Quantität der Produkte Absatzmärkte zu sichern, ist letztlich durch den konservativen Kohl durchgesetzt worden.

Kohl war kein Ideologe. er verstand sich als Machtmensch und Politik als pragmatisches Handeln. Kohl polarisierte in seiner Partei, konnte Menschen gewinnen und wegbeißen. Nur einmal hat er auch außenpolitisch polarisiert, aber diesen krassen Fehler sofort korrigiert. Nach dem Machtantritt Gorbatschows hielt er dessen Reformkurs für einen propagandistischen Trick und verglich ihn mit Goebbels. Diese Korrektur zeigt, dass Kohl die Größe hatte, die weit über die Verspottungsbegriffe hinausging, mit denen er gerne belegt wurde. Größe bewies er auch, als er im dichotomischen Wettstreit mit dem zwergenhaften Kanzlerkandidaten der SPD auf die Währungsunion setzte und damit die DDR mit einem Federstrich wegschob. Das wiederum verletzte die letzten verteidiger der DDR, und das waren erstaunlicherweise ehemalige Bürgerrechtler und Widerstandskämpfer auf der Seite und Betonköpfe der SED auf der anderen Seite. Das war eine winzige Minderheit. Angst dagegen hatten viele. Steinbach scheint auch das verschlafen zu haben. Vielleicht kam sie 1990 in den Bundestag nur durch die Konjunktur der CDU. Jedoch setzte sie ihren Marsch rückwärts fort. Sie trat aus der evangelischen Kirche, die ihr zu modern war, und schloss sich jener Splittergruppe* an, die sich um 1850 gegen die Modernisierungsversuche des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. gebildet hatte.

Kohl dagegen konzentrierte sich in den nächsten Jahren auf ein neues Ziel: die europäische Einigung, deren eine Dimension er zusammen mit dem CSU-Führer Theo Waigel erreichte, die gemeinsame Währung. Die zweite notwendige Dimension, die Aufgabe der nationalen Souveränität zugunsten eines funktionierenden europäischen Parlaments und der dazugehörigen Regierung, bleibt weiter umstritten. Einleuchtend ist es aber, dieses Europa der Regionen, denn die Nationalstaaten sind Konstrukte des neunzehnten Jahrhunderts und seiner Kriege bis hin zum zweiten und letzten Weltkrieg.

Auch Kohl war ein Konservativer. Er hielt sein Ehrenwort höher als die Gesetze. darin steckt eine letztverbliebene konservative Verachtung der Demokratie. Sie hat ihm und der CDU nur geschadet. Überhaupt ist Kohl mit seinem eigenen Erbe schlecht umgegangen. Während Adenauer und Brandt zurecht kultisch verehrt werden, und Schmidt sich ein Leben als elder statesman erarbeitet hat, nach dem er hochgeachtet starb, hat Kohl, und darin zeigt sich seine Kleine, seinen Ruf auf lange Zeit verdorben. Groß war er ohnehin nicht, aber ein bedeutender Pragmatiker, den die zeit mit Erfolg verwöhnt hat und dem wir in Europa demzufolge viel verdanken.

Wenn es für Kohl eine Gnade war, so spät geboren zu sein, dass er nicht mehr schuldig werden konnte, er war fünfzehn Jahre alt, als der Krieg zuende ging, so war es für Steinbach scheinbar eine Strafe, zu spät geboren zu sein, um all das verantworten zu dürfen, für das sie sich später einsetzte. Warum hat sie Polen beschimpft? Warum hat sie sich immer gegen Versöhnung ausgesprochen? Wir sollten nicht nur nicht gegen Versöhnung sein, sondern unsern Nachbarn danken, dass sie uns verziehen haben. Aber auch das ist ein Satz von gestern. Denn in Wirklichkeit ist die Gegenwart des letzten Krieges zum Glück im Nebel der nachfolgenden Generationen und eingewanderten Mitbürger verschwunden.

Steinbach glaubte, wegen Merkels humanitärer Flüchtlingspolitik nach rechts ausweichen zu müssen. Aber sie landete im Orkus der Unmenschlichkeit und damit des Verbrechens. So hart kann Dichotomie sein.

 

 

* die altlutherische oder selbstständige lutherische Kirche

CHAPLIN UND HITLER II

 

Nr. 246

 

Man muss gar nicht den vielleicht veralteten, auf jeden Fall aber überstrapazierten Fortschrittsgedanken bemühen, um den Vergleich der beiden im gleichen Monat und im gleichen Jahr geborenen Persönlichkeiten zugunsten Chaplins zu entscheiden. Es reicht die reine Quantität. Dabei muss man nicht fragen, wieviele Menschen kennen Hitler, wieviele kennen Chaplin, sondern, und eineindeutiger geht es dann nicht, wieviele leben mit den Folgen der beiden. Die Antwort ist: Eurozentrismus. Nur weil wir ständig über Hitler reden, wird er nicht bedeutend. Wir reden ständig über Hitler, weil wir das schlechte Gewissen unserer Vorfahren bedienen und weil wir in Deutschland und in Europa Folgen und Gedenksteine sehen können.

Trotzdem bleibt Hitler ein ideologisches und ein faktologisches Konglomerat. Seine Ideologie setzte sich aus bekannten rechtskonservativen, radikalen, rassistischen und sozialdarwinistischen Elementen zusammen, von denen er keines gefunden oder erfunden hatte. Im Gegenteil: er bezog alle diese Elemente aus schon aufbereiteten Broschüren. Vielleicht hat er gar kein Buch gelesen, geschrieben hat er jedenfalls keines.

Die Welt besteht aber nicht nur aus Europa. Die Weltbevölkerung hat sich seit Hitler nicht nur zweimal verdoppelt, sondern auch ihr Schwergewicht verlagert. Die Teile der Weltbevölkerung, die unseren Vorfahren marginal erschienen sein mögen, sind jetzt ihr Kern und ihr Hauptgewicht: China, Indien, Afrika. Es ist bei so großen Prozessen unsinnig, nach der Schuld zu fragen, aber soviel ist sicher: die grünlinksversifften Demonstranten waren es nicht. Selbst die Kommunisten waren Nationalisten. Man kann die Zukunft nicht voraussagen, aber nach heutiger Lage sieht es so aus, dass es keine dominierende Weltreligion geben wird, auch wenn alle diese Gruppen nach wie vor davon träumen. Auch eine einheitliche Regierungsform scheint es in absehbarer Zeit nicht zu geben, wenngleich viel für die Demokratie spricht. Alle rückwärtsgewandten Autokratisierungsversuche sind von beiden Seiten aus verständlich: viele Menschen sehnen sich nach einem Führer, der alles weiß und alles kann, und viele Politiker dichten sich selbst Omnipotenz an.  Wenn die Welt aber immer komplexer und immer schneller wird, nimmt die Wahrscheinlichkeit ab, dass es einfache, oft gestrige Antworten auf die vielen neuen Frage gibt. Die Neigung der neuen Probleme, in Dilemmata zu münden, hat wohl eher zugenommen.

Die Politik hat die repräsentativen Aufgaben von der Monarchie und von der Religion übernommen. Nach wie vor ahmen aber auch Religionsführer Politiker nach: wenn der Papst nach Berlin kommt, wird er von vier Kampfjets begleitet, seine Wachen ballern mit Heckler&Koch-Geräten. Jesus ritt bekanntlich auf einem Esel in Jerusalem ein und verbot seinen Jüngern mit sprichwörtlich gewordenen, heute noch gültigen Sentenzen die Benutzung von Waffen. Was uns fehlt, wenn uns etwas fehlt, sind nicht Waffen, sondern Visionen.

Nur aus der übergroßen Beachtung für die Politiker wächst ihre übergroße Verachtung. Ein großer Politiker, zum Beispiel Scipio Africanus, ist auch früher schon verehrt worden. Aber heute wird aus der sporadischen Erhöhung, zum Beispiel dem frenetische Jubel zur Begrüßung des heimkehrenden Mannes, ein tausend mal am Tag und millionen Mal im Jahr wiederholter floskel- und gebetsmühlenartiger Jubel. Die scheinbare Allmacht eines heutigen Politikers ist identisch mit seiner Allgegenwart. Selbst ein Helmut Kohl, von dem alle, die ihn erlebt haben, wissen, dass er ein visionsloser, rückwärtsgewandter Pragmatiker und Machtmensch war, wird heute, nachdem er tot ist, in den Rang eines großen Deutschen und großen Europäers gehievt. Seine Witwe wird sogar versuchen, ihn in die Klasse von Bismarck, Brandt und Scipio Africanus zu befördern. Daran hängt auch viel Geld.

Diese mediale Verstärkung aller Prozesse verdanken wir einerseits der Erfindung der Medien selbst. Samuel Morse, der den Telegraphen erfand, nicht das erste, aber das erste wirklich wirksame Mittel, Gedanken zu dislozieren, war im Hauptberuf Maler religiös-moralischer Bilder und lieferte zu seiner legendären Erfindung den Zweifel gleich mit: Warum, so fragte er, müssen die Menschen in Baltimore sofort wissen, was in Washington passiert. Vom Telegraphen zum Smartphone ist es ein Siebenmeilenschritt. Und heute fragen manche, und das war der Inhalt des ersten Telegramms, WAS HAT GOTT GETAN? [Numeri 23,23]. Die Medien benötigen, auch wenn das der große Medienguru Marshall McLuhan bestritt, eine Botschaft, weil nämlich wir Menschen eine Botschaft brauchen. Parallel zur Entwicklung der heute allgegenwärtigen Medien hat sich also eine Mediensprache entwickelt. Ganz am Anfang steht Chaplin. Er kreierte den Typen, der fortan die Welt bestimmen sollte, der gute, aber nicht sehr individuelle Mensch, der vom Pech verfolgt ist, aber das Glück sucht und bringt. Das sind wir. Der Trost, den wir früher aus der Religion ziehen konnten, kommt heute aus der medial verbreiteten Kunst. Die Kunst, sagte man früher ahmt das Leben nach, das Leben ahmt heute im gleichen Maße auch die Kunst nach. Viel mehr Menschen schreiben, dank der Medien und überhaupt der Technik, die uns von groben Arbeiten befreit hat. Es entsteht dort ein übergroßer Widerspruch, wo die Erde mit dem Hakenpflug, die Kommunikation dagegen mit dem Smartphone bearbeitet wird.

Aber Hitler hatte nicht nur Chaplin als Vorbild. In seiner Realschule in Linz, die er bekanntlich nicht erfolgreich beendete, begegnete ihm der kleine Wittgenstein, ebenfalls wie Hitler und Chaplin im April 1889 geboren. Wenn er dessen Leben weiterverfolgt hat und wenn er damals gewusst hat, wer sein Schulkamerad ist, dann hat er ihn wohl lebenslang als Idol und Feindbild gehabt. Wittgenstein war hochbegabt, steinreich, musikalisch und schwul, alles das, was Hitler sein wollte, aber nicht war oder nicht sein durfte. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich kannten, ist groß, denn Wittgenstein, der sonst wie seine Geschwister Privatlehrer hatte, fiel durch seine exklusiven Manieren und Kleidungsstücke auf. Hitler und Wittgenstein, gleichaltrig, aber in unterschiedlichen Klassen, konnten beide wunderbar pfeifen und interessierten sich für Opern. Die beiden polarisierten den Schulhof wie später die Welt.

Aber Hitler hat nichts geschaffen, keine Mediensprache, keine Philosophie, kein Flugzeugtriebwerk, kein Gedankengebäude, keine Musik, keinen Film. Er konnte nur Postkarten, antisemitische Vorurteile und Opernfragmente reproduzieren. Der zweite Weltkrieg wurde von Joachim von Stülpnagel geplant, die armen Menschen aus Osteuropa sind von Heinrich Himmler und unseren Vorfahren ermordet worden.

HITLER ALS MEHRFACHNULL

 

Über Medien und Macht

Wenn man sich die kleine Oona mit ihren drei möglichen Namen vorstellt – O’Neill Salinger Chaplin -, dann gehört sie in die Reihe der großen Witwen: Alma Schindler Mahler Kokoschka Gropius Werfel, bekanntlich wollte Thomas Mann dann nicht mehr am Grabe der Männer von Alma reden. Aber Oona O’Neill, die Tochter des damals berühmtesten amerikanischen Schriftstellers Eugene O’Neill (Long day’s journey into night), ist viel mehr als das: ein Schnittpunkt der medialen Welten. Zunächst sah sie aus und benahm sich wie eine normale Multimillionärstochter. Sie betrank sich unter der Aufsicht livrierter Oberkellner und im Verein mit ihresgleichen im teuersten Club von New York. Aber da waren auch Truman Capote, Orson Welles und Salinger, die zur kulturellen Halbkugel der Eliten gehörten. War Salinger dort als zukünftiger koscherer Wurstfabrikant oder als späterer berühmtester amerikanischer Schriftsteller? Die amerikanischen Eliten, liest man auf vergnüglich-französische Weise, lebten enger als eng zusammen, das ist insofern bedenklich, weil Amerika viel  größer ist, aber viel weniger Einwohner hat als Europa. Trotzdem wechselte gerade in der Zeit, um die es hier geht, der Schwerpunkt von der Ostküste an die Westküste, wo sich bis heute das mediale und monetäre Zentrum der Welt befindet.

Die kleine Oona verliebt sich, während Capote fortwährend die Kellner anhimmelt, in den schlaksigen Wurstfabrikantensohn mit seinen drei Kurzgeschichten. Sie ist erst sechzehn Jahre alt und erst an ihrem achtzehnten Geburtstag wird sie in die Weltgeschichte der Medien eintreten. Sie lieben sich und sie lieben sich nicht. Vielleicht ist Holden Caulfields kleine Schwester in Wirklichkeit Oona? Beigbeder schildert dieses eine Jahr, als wäre er als Paparazzo dabei gewesen. Er beschreibt die ständig feuchte Unterhose von Salinger genauso realistisch wie die Angstkeuschheit der doppelt kleinen Oona. Lebenslang sind sie aufeinander festgelegt gewesen, haben sich über den Ozean geliebt, nach Chaplins Tod noch einmal getroffen. Salinger hat als fünfzigjähriger Mann in dritter Ehe eine achtzehnjährige Krankenschwester (praktisch!) namens O’Neill geheiratet und damit Oonas Biografie nachgespielt. Oona dagegen kannte jedes Detail aus Salingers schmalem Werk. Soweit die Biografie.

Begbeider, der letzte (oder der erste?) Bohémien Europas, scheint den apodiktisch-trotzigen Stil von Salinger zu imitieren, wechselt im zweiten Teil aber auch in Hemingways souveräne Art und hat in seinen Kriegsschilderungen, die zum besten gehören, was zu diesem Thema geschrieben wurde, einen Satz-für-Satz-schnellst-cut-Modus gefunden, der atemberaubend und absolut realistisch wirkend Chaplins Schnitttechnik in den Stummfilmen imitiert. Tatsächlich aber ist mit der merkwürdig direkten Autorsprache ein neuer Montmartrestil gefunden, der sowohl das Buch als auch seinen Inhalt ungeheuer intensiv im Leser zu verankern vermag. Hätten die Amerikaner, schreibt Beigbeder auf Seite 235, 1944 schon über die Atombombe verfügt, so hätten sie Berlin zerstört und den Krieg damit früher beendet. Das ist einer der härtesten Sätze, die über diesen letzten aller Kriege je geschrieben wurden, und der die immanente Sinnlosigkeit des Krieges für alle Zeiten beschreibt. Die Schlacht im Hürtgenwald bei Aachen, weder von den Franzosen noch von uns, und schon gar nicht von den Russen überhaupt zur Kenntnis genommen, hätte die Amerikaner so frustriert, dass sie zu jeder Rache fähig gewesen wären, wenn sie zu ihr schon fähig gewesen wären. Es gibt, so steht es zwischen den Zeilen von Hemingway, Salinger und Beigbeder, keinen guten Krieg und keine gute Seite. Die Guten werden böse, wenn sie mit Waffen auf andere losgehen.

Salinger ging in den Krieg vielleicht aus dem Gefühl seiner verschmähten Liebe oder aus einem etwas übertriebenen Patriotismus heraus. Er hatte das Gefühl, dass er etwas für Amerika oder die Menschheit tun müsse. Zum Glück für die Menschheit beließ er es nicht bei diesem Beitrag als Kompaniechef, der die Gliedmaßen seiner toten Soldaten aufsammelte, und als Geheimdienstoffizier, der auch später noch, lange vor dem Internet, jede Adresse ausfindig machen konnte, sondern er schrieb einen Roman, der hundertundfünfzig millionenmal  verkauft wurde und den wir alle für den besten Coming-of-age-Roman nach Werthers Leiden hielten, bis wir lasen, dass Hemingway als einziger verstand, worum es ging: der Einzelgänger im Massenschlachten, in Massenmedien, im Massenkonsum, das Individuum neu vermessen und kalibriert.

Oona O’Neill hatte unterdessen an ihrem achtzehnten Geburtstag als dessen vierte Frau den sechsundfünfzigjährigen Chaplin geheiratet, der am Ende seiner Karriere und seiner politischen Tragfähigkeit angelangt war. Selbst sein britischer Akzent und sein Migrantenstatus wurden ihm plötzlich angelastet. Er hat sich nicht nur mit Oona (Sie hält mich jung. Er macht mich reif.) und ihren gemeinsamen acht Kindern wunderbar getröstet, er ist auch geadelt worden, von einer Million Menschen in Großbritannien empfangen worden und hat seiner kleinen Großfamilie ein riesiges Palais an der Nordseite des Genfer Sees spendiert. Oona fuhr von nun an barfuß im Rolls Royce. Viele schreiben und er war selber auch der Meinung, dass er das Ende der Stummfilmära ist, dass seine Tonfilme ihn zu einem normalen Schauspieler gemacht haben, dass sie normale, also vergängliche Filme waren, wenn auch im ‚König von New York‘ Isaac Stern Geige und Louis Armstrong Trompete spielen.

Vielmehr haben Chaplin und Salinger etwas gemeinsam: Sie beschrieben die Inszenierung des Menschen in einer Welt, die immer voller wird: voller Menschen, voller Dinge, voller Geld und sogar auch voller Ideen. Der Film war gemeinsam mit der Schallplatte und dem Radio eines der ersten Medien, die große Menschenmassen erreichten. Immer wieder inszeniert Chaplin seinesgleichen aus der Anfangszeit. Wenn er auch  Künstlerkind war, so waren seine Eltern doch mental, medial und monetär ganz, ganz unten. Es reichte nicht zum Überleben. Vor allem hätte dieses Leben, das seine Eltern führten, nicht zum Überdauern gereicht. Chaplin inszenierte und installierte einen Typus, den viele für real hielten, besonders als er sich in The Kid auch noch reproduzierte.

Die dritte Kreation von Chaplin aber war Hitler. Hitler hielt den Bart und die Art für echt, erkannte nicht, dass Chaplins Narrativ dessen Broterwerb war. Er glaubte und hoffte, dass man so sein müsse, um anzukommen. Also ging er so los wie Chaplin als Tramp in seinen Filmen. Chaplin war Multimedia-Künstler so wie Hitler eine Mehrfachnull war. Er imitierte mit großem Erfolg eine Inszenierung, die selbst schon ein übergroßer Erfolg gewesen war. Nullen aber, selbst wenn sie sich mit sich selbst multiplizieren, mutieren nie zur Eins. Merkwürdig ist nur, dass es damals nicht bemerkt wurde. Auch später dachten alle, dass Chaplin Hitler parodierte. Sein jüdischer Friseur aus dem ersten Krieg wurde nicht verstanden. Seine überlange und hochmoralische Rede feiert übrigens gerade bei Facebook und in anderen Medien ein Comeback nach dem anderen. Das alles zeigt uns, dass die Botschaft ein Medium braucht, dass das Medium immer totaler, ganzheitlicher wird, aber doch trotzdem immer Medium bleibt.

Hitler ist vielleicht der brutalste Ausdruck des merkwürdigen Festhaltens an alten Formen, des Unverstands der alten Männer gegenüber dem Neuen, den Söhnen. Genau das hat übrigens auch Freud beschrieben! Hitler hat zuerst seinen alten Vater imitiert, sodann den genau mit ihm gleichaltrigen Chaplin, dessen Narrativ ihm allerdings ebenfalls traditionalistisch erschien, denn wie jeder Narr blieben sich Chaplins Tramp und Hitler immer gleich, keine Entwicklung konnte sie trüben oder vorwärts bringen. Hitlers Programm war tatsächlich närrisch: er wollte eine ahistorische Welt erzwingen.

Der eine starb in den selbst produzierten Trümmern seiner alten Welt, die er vielleicht wirklich retten wollte, aber zertrümmerte, der andere ist der Clown der Medienwelt, der sie selbst schuf. Seine Botschaft aber überlebt alle Medien. Sieh den Jungen dort in der U-Bahn in New York oder Berlin, er sieht, hört, fühlt und schmeckt die Rede des großen Diktators, der ein kleiner geadelter Gutmensch ist, über den Sieg der Menschlichkeit…

 

Frédéric Beigbeder, Oona & Salinger

DAS PITTSBURGHPROBLEM UND DAS FAHRRAD

 

Nr. 245

In diesen Tagen wird zurecht der alte Scholl-Latour bemüht, denn den Egoisten unter uns reicht die wirre Argumentation von Trump, LePen, Petry, Orban und Konsorten nicht aus. Der Altmeister des Besserwissens, Scholl-Latour, hatte seinerzeit gesagt, dass man nicht halb Kalkutta hierher holen könnte, weil man damit Kalkutta nicht hülfe, aber selbst bald Kalkutta wäre. Trump hat darauf geantwortet, indem er das Klimaabkommen von Paris mit den Worten aufkündigte, dass er von den Bürgern in Pittsburgh gewählt worden sei, nicht von denen in Paris. Beide Sätze sind schon einmal faktisch widerlegt. Aus Indien kommen heute höchstens Computerexperten zu uns. Jede Hilfe für Indien hat sich gelohnt, denn Indien ist sowohl ein demokratisches als auch, wirtschaftlich, ein aufstrebendes Schwellenland. Obwohl es noch beträchtliche Probleme gibt, kann man schon jetzt sagen, dass Indien so ziemlich alles richtig gemacht hat: es setzt auf Bildung, Demokratie und Marktwirtschaft. Das anhaltende Bevölkerungswachstum, welches aber nur knapp über dem Weltdurchschnitt liegt, ist auf die gestiegene Lebenserwartung und verbesserte Gesundheitsvorsorge zurückzuführen. Der Satz von Kalkutta war also sachlich falsch. Trump hat in Pittsburgh nur 20% der Stimmen erhalten, die Pittsburgher wollten mit überwältigender Mehrheit Hillary Clinton als Präsidentin.

Trump hätte sich einfach beraten lassen müssen. Wahrscheinlich hat er Pittsburgh wegen der Stahlkrise gewählt, hat aber schon übersehen, dass die Stadt ein positives Beispiel für den Strukturwandel ist. Er wollte eigentlich sagen, dass er Politik für Amerika macht. Aber das ist eben genauso falsch, wie zu glauben, dass man nicht für das Leid in anderen Ländern zuständig sei: Deutschland ist nicht der Zahlmeister, so oder so ähnlich heißt es bei NPD oder AfD.

Tatsächlich ist es aber ein bisschen komplizierter. Wahrscheinlich beruht unsere Vorstellung von der Welt tatsächlich auf dem christlichen Gedanken- und Weltparadigma. Aber auch die christliche Vorstellung war kein Weihnachtsgeschenk. Allein an der Ähnlichkeit der Gedanken von Seneca und Yesus, ja selbst an der lateinischen Version seines Namens, kann man die Vielfalt ihrer Herkunft sehen. Römisches Recht, im Falle von Yesus auch Unrecht, griechische Philosophie, ägyptischer Lichtglaube, germanische Feste, orientalische Weisheit und Metaphernlust, all das fand sich nicht in der Person des Yesus zusammen, sondern in dem sich entwickelnden christlichen Europa, was keinesfalls nur positiv war. Trotz aller Kriege und Massenmorde blieb aber in Europa der universelle Ansatz der Barmherzigkeit eine Grundierung. Die Barmherzigkeit ist dann auch durch den vielleicht größten Konservativen der Geschichte, Bismarck, in den Sozialstaat umgeschmolzen worden. Heutige Rechte verstehen nicht mehr, warum ein notleidender Mensch, der über unsere offene Grenze zu uns kommt, hier Anspruch auf Linderung seiner Not hat. Genauso wie der Artikel 1 unseres Grundgesetzes die Würde aller Menschen schützt, nicht nur durch den Zufall der Geburt selektierter Menschen.

Handel und Kultur beruhen auf Austausch, überhaupt beruht das Leben auf Stoffwechsel. So gesehen gibt es zwei Grundmodelle von Handel und Kultur, Expansion und Intensivierung. Man kann es sich gut an der Landwirtschaft vorstellen. Wenn eine Bevölkerung durch verbesserte Lebensbedingungen wächst, braucht sie mehr Nahrung. Entweder ich gewinne neue Flächen oder ich intensiviere den Anbau auf den alten Flächen. Alle großen Reiche haben den Fehler der Expansion gemacht und sind daran gescheitert. Im zwanzigsten Jahrhundert könnte man die beiden Modelle auch als Hitler-Expansion und Rathenau-Intensivierung bezeichnen. Wir haben uns inzwischen so stark und erfolgreich auf das Rathenau-Modell konzentriert, dass weltweit unser Handelsüberschuss kritisiert wird. Allerdings ist es nicht nur falsch, sondern verheerend, wenn andere Länder dem mit Schutzzöllen begegnen wollen. Hier liegt der nächste Irrtum von Trump. Wahrscheinlich ist es heute, im Gegensatz zum Bismarckschen Protektionismus, gar nicht mehr möglich eine so große Volkswirtschaft abzuschotten. Isolierte Länder haben nach ihrer Öffnung noch Jahrzehnte mit den Folgen zu kämpfen, so ist Albanien nach wie vor das ärmste Land Europas.

Ich empfehle jedem, einen Sommerbesuch in Bad Freienwalde zu machen und Rathenaus zu gedenken, der ein merkwürdiger und gleichzeitig großartiger Mensch war. Wir würden zwar nicht seiner Kritik folgen, müssen aber seinen Scharfsinn in der Vorhersage bewundern: „Ein Sinnbild entarteter Naturbetrachtung ist die Kilometerjagd des Automobils, ein Sinnbild der ins Gegenteil verkehrten Kunstempfindung das Verbrecherstück des Kinematographen.“  [Zur Kritik der Zeit, 1912]. Der Mann besaß nicht nur den damals weltgrößten Elektrokonzern, sondern auch eine Automobilfabrik.

Der dritte Grund schließlich, inwiefern die beiden Sätze falsch und dumm sind, ist das Allmende-Dilemma in seiner sozusagen erweiterten Betrachtungsweise. Das Gesamtsystem verbessert sich in jedem Fall, auch wenn dies zunächst unbemerkt bleiben könnte, wenn sich ein Teilsystem verbessert. Das kann auf den ersten Blick auch als Begründung grenzenlosen Egoismus gedeutet werden. Aber schnell zeigt sich, dass die Belastung umso größer wird, je mehr Probleme ungelöst bleiben. In einem Flüchtlingsboot etwa, in dem Schwache und Verdurstende über Bord geworfen werden, wie oft behauptet wird, wird das Boot leichter, aber das Gewissen immer schwerer. Menschen, die so handeln, können nicht mehr froh werden. Der Weg in die Freiheit, der mit schweren Verbrechen gepflastert ist, endet im Gefängnis der Schuld. Die Wikinger sollen so vorgegangen sein und werden von allen Sozialdarwinisten dafür gefeiert. Aber wo sind sie?

Hilfe ist also nicht Selbstlosigkeit oder Geldverschwendung, sondern dient immer auch dem Helfer. Vielleicht sind deshalb alle autokratischen Systeme so sehr dem Individuum abgewandt, weil sie gar kein Selbst haben wollen. Es sind die Menschen ohne Offenheit. Hochintelligenz findet ihren Sinn in der Mitteilung, im Austausch.

Der Freiherr von Drais mag ein verschlossener, merkwürdiger Mensch gewesen sein. Er war dem Alkohol ergeben und wurde schließlich entmündigt. Aber seine Kreativität entlud sich in Gedanken und Erfindungen, die heute noch wirken. Sein ‚Wagen ohne Pferde‘ war zwar nur ein Gedanke, aber dient heute der Kilometerjagd. Seine Notenschreibmaschine wies weit über ihre Entstehungszeit hinaus. Seine Schnellschreibmaschine mit nur vier mal vier Tasten setzte sich nicht durch, wohl aber seine ‚dyadische Charakterik‘ (Binärsystem), das Rechnen mit 0 und 1. Aber wir alle kennen die nachhaltigste seiner Erfindungen: das Fahrrad, das in dieser Woche vor zweihundert Jahren (am 12. Juni 1817) zum ersten Mal mit seinem Erfinder in Mannheim vierzehn Kilometer in einer Stunde fuhr.

Alles dient der Offenheit, nichts ist schlimmer als das Gefängnis der Vorurteile und monokausalen Erklärungen.

Wer also Kalkutta hilft, hilft auch immer sich selbst und verhindert, dass die ganze Welt zu einem Kalkutta wird, das es glücklicherweise nicht mehr gibt. Jeder Schüler der siebenten Klasse kann heute, wenn er ein Smartphone hat, schlauer sein als die genannten Besserwisser.  In Pittsburgh steht übrigens die Cathedral of Learning, das zweithöchste Universitätsgebäude der Welt.

PFINGSTEN UND DIE TELEOLOGIE

 

Nr. 244

Makro- und mikroperspektivisch gehen wir immer von uns aus. Wir beurteilen oder verurteilen den Fremden nach unseren Maßstäben. Gott und Tier und Pflanze müssen wir erst in der Vorstellung zu Menschen machen, damit wir sie verstehen. Auch Prozesse stellen wir uns anthropomorph vor: das berühmte Bild von der kaputten Uhr, die ein blinder Uhrmacher wieder zusammensetzen muss, ohne dass er sie vorher gekannt hat. Die Uhr ist ein von Menschen geformter und mit Zwecken ausgerüsteter Gegenstand, also, folgern wir, muss die Nachtigall, die vor unserem Fenster singt, ebenfalls ein Gegenstand sein, den jemand hergestellt und verzweckt hat. Der Baum, so haben wir es in unserer mittelalterlichen Schule gelernt, ist dazu da, uns Sauerstoff zu liefern. Es ist verzwickt, dass wir uns die Welt immer nur andersherum vorstellen können, eben von uns aus gesehen.

Adam Smith, der Vater der Nationalökonomie, erklärte das wahre Wesen des Bäckers, der, wie wir, nichts will, als sich erhalten. Ein Rechtsanwalt oder ein Zeitungsschreiber hat, außer dass er sich erhalten will, auch noch seinen gesellschaftlichen Status als Ziel. Der alte Bach schrieb am Samstagabend für den Sonntag, nicht für den Weltruhm. Der Weltruhm war die Zugabe. Und Beethoven, 1809 auf dem Gipfel seines Ruhm, las in der Zeitung, dass das letzte lebende Kind des alten Bach in Not lebt, überwies prompt 307 Gulden, eine stattliche Summe, die alle ihre Probleme löste und Erwartungen übererfüllte, wie sie ebenso prompt mit Freudentränen in den Augen Beethoven antwortete. Es geht um Versorgung. Die Arbeitsteilung bringt immer kompliziertere Verwicklungen hervor, umso wichtiger festzustellen, dass Lord Zuckerberg nicht die Weltherrschaft wollte, sondern ein leichtes Leben. Das alles heißt ja nicht, dass wir nicht dem Bäcker und Bach und Beethoven und Lord Zuckerberg dankbar sein können und sogar sollen. Wir können auch dem Baum dankbar sein und seine Würde achten. Aber er ist nicht in einem blinden Uhrwerk für uns erschaffen worden, damit wir ihn verheizen. Andererseits müssen wir uns auch nicht wegen all unserer Schuld verkriechen, nur weil wir die einzigen sind, die Schuld erkennen. Wir bleiben eine Art unter Arten und richten Schaden und Nutzen an, wie wir ihn verstehen. Allerdings ist selbst unser wissenschaftlicher Verstand nicht in der Lage, alle Ursachen oder alle Folgen eines einzigen Gegenstandes oder einer einzigen Erscheinung zu erfassen.

Es wäre natürlich schön und wünschenswert, wenn unsere Vernunft uns hinderte, noch mehr Schaden anzurichten als die sprichwörtlichen alttestamentarischen und aktuellen Heuschreckenschwärme, die ganze Dörfer und Landschaften auffressen können. Wir würden schon wieder gern die falsche Frage stellen: vielleicht hat selbst die Inflation der Heuschrecken einen Zweck? Baruch d’Espinoza ist aus der Amsterdamer jüdischen Gemeinde ausgeschlossen worden, weil er schrieb, dass ein Gott, der einen Zweck hat, keinen Sinn hat. Der Sprachgebrauch war allerdings noch hundert Jahre nach Spinoza, wie wir ihn meist nennen, ungenau: Ende, Zweck und Sinn fielen mehr oder weniger zusammen. Der Streit allerdings, ob den Dingen ein Zweck schon innewohnt, tobt von der Antike bis heute munter fort. Insofern ist es nicht peinlich, zu einer Partei zu gehören. Viel spricht für intelligent design, aber wahrscheinlich noch mehr dagegen. Wir haben hier schon oft geschrieben,. dass die intelligenteste Lösung dieses Streits von Darwin selbst stammt, der ihn auf den Gipfel trieb, nämlich, dass Gott nicht nur die Welt der Dinge, sondern auch die Welt der Prozesse, das methodische Material lieferte, die Evolution in der Schöpfung schon anlegte. Selbst Einstein, der nicht in die Synagoge ging und Gott mit physikalisch-philosophischen Scherzen* eher ausschloss, stellte sich einen menschengestaltlichen Gott vor, der würfelt oder nicht würfelt. Das alles heißt ja nicht, dass wir nicht jeder Religion und vor allem jedem religiösen Menschen mit großer Achtung und Ehrfurcht begegnen sollen. Allerdings bleibt zu bezweifeln, ob all diese religiösen Vorstellungen nicht in den nächsten tausend Jahren mit der Kunst und der Philosophie zusammenfallen werden. In der Kirche Santa Maria Novella in Florenz, gleich neben dem Bahnhof, ist das berühmteste Bild von Masaccio zu sehen, das die Trinität mit nur zwei Teilnehmern zeigt: Gottvater und Gottes Sohn. Aber wo ist der Heilige Geist, fragt man nicht nur zu Pfingsten. Und Masaccio hat die Antwort auf seinem Bild gegeben, das genauso Kunst wie Philosophie wie Religion ist. Der Geist ist die Perspektive.

Aus dieser Allgegenwart der Teleologie ergeben sich zwei Erscheinungen der modernen Welt: die Vermenschlichung der Maschinen und die Verschwörungstheorien. Beides gibt es in zunehmender Form seit dem Mittelalter. Wir erinnern an den Schachautomaten von Johann Nepomuk Mälzel, der aber Schachtürke hieß und ein Fake war, allerdings so grandios, dass die geistreichsten Schriftsteller der Zeit all ihren Geist bemühen mussten, um das Rätsel nach vielen Jahren zu lösen. Sein Nachfolger ist das Smartphone, das so vielen Menschen Menschenersatz ist. Für Beethoven baute Mälzel übrigens den Metronom. Seitdem wechselte die Priorität in der Musik von der Melodie und der Harmonie zum Rhythmus.

Verschwörung ist heute nicht mehr nur Brunnenvergiftung, die es aber auch noch gibt. Der Vorwurf der Verschwörung richtet sich wieder einmal gegen die Eliten, die mit der Demokratie ein neues Gesellschaftsmodell entwarfen. Früher litt das Volk unter den Führern, heute leidet es unter dem Führermangel. Jeder, der sich nicht selbst führt, muss leiden. Das gilt auch für Schmerz und Krankheit. Rousseau hat das als erster erkannt, hatte aber gleichzeitig furchtbare Angst vor Verfolgung und Erkältung. So ist der Mensch. So sind wir.

 

 

* Einstein soll einem Kardinal, der ihn für die Kirche gewinnen wollte, gesagt haben, dass er einträte, wenn der Kardinal zwei Fragen beantworten könne, erstens, ob Gott allmächtig, und zweitens, ob er demzufolge fähig sei, einen Stein (EIN STEIN) zu machen, den er selbst nicht heben kann.     

ZÄHL DEIN GLÜCK DOPPELT

 

 

Nr. 243

 

Viele Menschen glauben, dass die Welt immer schlechter, böser, ungerechter, ärmer und kriegerischer wird. Zu Anwälten dieser Ansicht haben sich die Billigmedien, aber auch diejenigen Religionsvertreter gemacht, die Angst haben, vor leeren Bankreihen zu predigen. Apokalyptische Ängste sitzen tief in uns, wahrscheinlich seit dem Neolithikum. Unsere Vorfahren haben aus ihrer Angst Kunst und Religion, vielleicht auch Wissenschaft gemacht. Und dieses Dreigespann zieht heute noch den Karren der Menschheit durch den Schlamm der Ängste und Befürchtungen. Kein Mensch greift zum Lexikon oder zur Bibel, wenn er Angst vor für ihn konkreten Erscheinungen des Lebens hat.

Das zwanzigste Jahrhundert hat in Europa eine ganze Reihe von Umbrüchen erleben lassen, die die Menschen nicht nur tief verunsichert haben, sondern auch atavistische Ängste verstärkten. Bei jedem steinalten Menschen, der in Deutschland stirbt, zählen wir die politischen oder ideologischen Systeme, die er durchlebt und oft auch durchlitten hat. 2008 starb ein Mensch namens Franz Künstler, der mit 108 Jahren der älteste noch lebende Teilnehmer am ersten Weltkrieg war, er stammte aus Siebenbürgen. Nach einem anderen Franz Künstler ist Berlin-Kreuzberg eine Straße und war in Ostberlin ein Reichsbahnausbesserungswerk benannt. Überlegen wir, welche politischen Komplikationen in diesen beiden Sätzen versteckt sind.

Die Reanimation uralter Ängste hat immer Hochkonjunktur, wenn eine sicher geglaubte Periode zuende geht. Man kann es im Moment gut beobachten. Seit dem Sturz des Kommunismus hat Europa ein Phase der Stabilität durchlebt. Regierungen hielten, was sie versprachen, so schien es uns, den Bürgern. Wenn wir aber untersuchen würden, wie hoch der Anteil Helmut Kohls an der Wiedervereinigung vor dem Fall der Mauer war, so würden wir auf einen Wert nahe Null kommen. Helmut Kohl gehörte vielmehr zu den Realpolitikern, die mit Gegebenheiten gut umgehen konnten, vor Visionen und Erscheinungen aber zurückschreckten. So hatte er die neue Ostpolitik Willy Brandts bekämpft, aber 1987 die DDR mit Krediten gestützt und Honecker in Bonn, wenn auch mit Widerwillen, empfangen, obwohl der seinem Amtsvorgänger in Güstrow eine Geisterstadt, heute würden wir sagen ein Fake, vorgesetzt hatte.

Ängste und Fakten sind also nicht immer kausal verbunden. Ängste können zu Fakten werden, wenn sie gemacht sind. Der Fall der vielgescholtenen Medien klärt sich aber ganz leicht durch einen immer wieder kolportierten Irrtum. Viele Menschen glauben, dass die Medien einen Auftrag zur Versorgung mit Informationen haben. Das ist aber nicht so, wie man an zwei einfachen Beispielen zeigen kann. Stellen wir uns vor, wir würden morgen eine Zeitung gründen, was keine gute Idee wäre, wenn wir nicht eine große Summe Geldes im Lotto gewonnen hätten. Stellen wir uns weiter vor, die Zeitung wäre wider Erwarten erfolgreich. Es gibt in einem freien Land keine Kontrolle, höchstens eine Selbstverpflichtung zur Wahrhaftigkeit und zum Dementi. Das einzige Beispiel einer verbotenen Zeitung war die Spiegelaffäre, und sie endete bekanntlich mit einer unfassbaren Solidarität der Medien untereinander und dem völligen Fiasko einer Regierung, die Demokratie noch nicht recht verinnerlicht hatte. Die Medien sind kein Subjekt, oder wenn sie eins sind, dann ein heterogenes, zu dem ab morgen der BRÜSSOWER GENERALANZEIGER gehören könnte, der sich nicht nach der SÜDDEUTSCHEN ALLGEMEINEN ZEITUNG richten und auch nicht zur Bundespressekonferenz erscheinen wird. Seit Adam Smith wissen wir, dass der Bäcker an der Ecke keinen Versorgungsauftrag hat, sondern selber überleben will. Deshalb bäckt er. Deshalb druckt er, könnte man ebenso von dem Zeitungsunternehmer sagen. Und deshalb sind sie beide mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht von Lord Rothschild oder Lord Zuckerberg gesteuert. Trotz dieser hohen, an Sicherheiten grenzenden Wahrscheinlichkeit, gibt es immer um die zehn Prozent Leichtgläubige, die hinter jedem Zusammenhang einen Kausalzusammenhang wittern, hinter jeder Ähnlichkeit eine Verschwörung. Das Subjekt dieser Verschwörung suchen sie hingegen nicht. Statt sinnloser Suche hilft manchmal Vertrauen.

Beinahe noch schwieriger gestaltet sich die Bilanz unseres privaten Glücks und Unglücks. Genauso wie die finsteren Verschwörer in der Gesellschaft, sind wir in unserer Seele geneigt, das Unglück zu zählen und nachhaltig zu verankern. Das Glück hingegen, das manchmal nur in Gestalt eines kleinen Lächelns in einem Tsunami erscheint, wird von uns gerne ignoriert.

Die Gemeinsamkeit liegt im fehlenden Subjekt. Würden wir verfolgt, vom Pech, vom Finanzamt, vom Fahrkartenkontrolleur, vom Dachziegel, so müssten alle diese und die unzähligen weiter möglichen Elemente ein gemeinsames Subjekt haben. Die Religionen bieten hierfür Gott an. Aber es scheint so, dass die falsche anthropomorphe Gottesvorstellung hier ihren unsinnigen Tiefpunkt findet. Ein Gott, der einerseits jeder Ameise den Weg ebnet, soll jedem Menschen Steine vor die Füße werfen? Hiob ist vielmehr eine Metapher für einen Menschen, der sich erstens selber treu bleibt und zweitens an etwas Höheres glaubt als an sich selber und Reichtum oder Unglück. Hiob ist gerade das Gegenbeispiel. Er glaubt nicht an Verfolgung. Die Vorstellung des strafenden Gottes findet ihre Materialisation auch in den Worten Vater oder Herr. Der Mensch, der sich nach Autoritäten sehnt, findet auch welche. Besser ist es wohl, auf die kollektive Vernunft der Menschheit zu setzen. Dafür stehen die Zeichen gerade günstig. Wir haben uns sowohl informativ als auch real eine Welt geschaffen, deren Distanzen leicht überbrückbar sind. Das Zeitalter der Kriege und Lügen ist vorbei. Was wir erleben, ist ein gigantischer Umbruch. Unsere Marmelade kommt aus Neuguinea, eine Idee aus Gambia, von dem wir früher noch nicht einmal wussten, dass es existiert, unser Nachbar ist aus Eritrea. Wenn das Telefon klingelt, sind wir in Südamerika.

Wir könnten zu dieser Sicht der Globalisierung und Gerechtigkeit beitragen, wenn wir, statt unser Unglück zu zählen, eine Liste des Glücks schrieben, auf der wir jeden Punkt doppelt zählten, so dass eventuelle, von uns meist auch übertriebene Pechbausteine sich von selbst halbierten. Wir sind satt. Wir sind zufrieden. Wir lieben jemanden (‚ja, wer auch nur eine Seele sein nennt auf dem Erdenrund…‘). Wir reisen. Wir lesen. Wir genießen Kunst. Wir können frei unsere Religion und unsere Sexualität wählen. Wir können sogar unsere Regierung wählen und abwählen, nur wir tun es nicht, aus Angst, aus Trägheit, aus apokalyptischem Wahn.

Ich kenne einen jungen Menschen aus einem schrecklichen Land mit unerträglicher Armut und einer verbrecherischen Regierung. Er kommt aus einer großen Familie. Er kommt in das kalte und verjammerte Deutschland und findet hier, abgesehen von seinen Landsleuten, auf Anhieb drei Menschen, die ihm helfen. Jetzt steht er glücklich auf Fotos herum. Glück und Freundlichkeit strahlen aus und machen andere Menschen auch glücklich und freundlich.

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GEDANKENGANG

IM JOCH DER VORURTEILE

 

Nr. 242

Als das Joch noch ein im Leben vorhandener, sozusagen lebendiger Gegenstand war, war es auch als Metapher allgegenwärtig. All die Pferde, Ochsen, Ziegen und Hunde, die ins Joch gespannt wurden, um die Lasten der Menschen zu ziehen, sind durch Motore und Vehikel ersetzt. Immer geht mit einer neuen Erfindung die Verheißung der Freiheit einher. Fliegen wurde (‚frei wie ein Vogel‘) Jahrtausende lang fast als Synonym für Freiheit benutzt. Verdienstvolle Menschen opferten sich, wenn es ihnen vielleicht auch nicht bewusst war, um diesem Traum von Freiheit näher zu kommen. Lange vor Lilienthal aus Anklam und Berblinger aus Ulm flog Abbas Ibn Firnas bei Cordoba in die Katastrophe und Ahmet Celebi über den Bosporus, wurde aber als Ketzer in die Wüste geschickt. Heute fliegen Millionen Marmeladengläser aus Neuguinea, Kiwis aus Neuseeland oder Büroklammern aus China auf der einen Seite, Millionen Urlauber von ihren Plattenbausiedlungen oder jedenfalls aus ihren Großstädten in eigens für sie gebaute Ghettohotelkomplexe auf der anderen Seite. Nur Flüchtlinge benutzen noch antike Boote.

Die Globalisierung wird indessen wieder von großen Gruppen als Fluch oder Joch angesehen. Sie glauben, dass die Globalisierung ein Machwerk großer Konzerne sei, um die Menschheit erstens in den Griff zu bekommen und zweitens nach allen Möglichkeiten auszubeuten, wenn nicht gar zu versklaven.

Der Ochse konnte in der Tat nicht aus seinem Joch heraus. Er starb im Joch, auf dem Feld und wurde vom nächsten Ochsen in die Küche gezogen. Der Mensch dagegen begibt sich mehr oder weniger freiwillig, manchmal durch Unachtsamkeit, durch den Glauben an Versprechungen, durch  verlogene Herrscher oder Umstände, die er zu lange geduldet hat, in jochähnliche Zustände, aus denen er dann nicht glaubt, sich jemals wieder befreien zu können. Der Sklave, der aus widrigen Verhältnissen fliehen will, braucht nicht nur Maxima an Mut und Kraft, sondern auch an Empathie und Navigation. Der germanische Gladiator, den Seneca beschreibt, der keinen Ausweg sah, als mit der in den Hals gerammten Fäkalstange dem unausweichlichen und unwürdigen  Tod in der Arena zuvorzukommen, wird als Vorbild gerne verworfen. So viele Jahrhunderte haben wir Menschen darüber nachgedacht, um endlich vor dem Wort ‚Würde‘ zu erschauern. Lieber sagen wir, wir kennen es nicht, als dass wir anerkennen, dass es der Schlüssel zu einem selbstbestimmten Leben ist.

Als innovator’s dilemma bezeichnet man die eigenartige Umkehrung, dass auch der Erfinder des Neuen, der Innovator veraltet und es selbst nicht merkt, weil sein Bewusstsein ihm unauslöschlich eingebrannt hat, dass er der Wegweiser ist. Aber es gibt auch ein Dilemma der Menschheit, das darin besteht, aus einem Joch in das andere zu fallen. Die Quälerei der Pferde und Ochsen in ihren Jochen mag mehr Menschen aufgefallen sein als dem schon kranken Oberphilosophen Nietzsche, der darüber zusammengebrochen ist. Demzufolge wurden die Eisenbahn, das Automobil und das Flugzeug als Befreiung angesehen, ihre Benutzung und ihr Besitz gar als Freiheit. Das ist genauso falsch, wie die Arbeit als Joch zu begreifen.

Arbeit ist genauso Nahrungs- wie Sinnbeschaffung. Tiere unterscheiden sich vom Menschen nicht durch Denken oder Fühlen, sondern dadurch, dass bei ihnen individuell Nahrungssuche und Sinn zusammenfallen, evolutionär dagegen Sinn und Funktion im Biotop. Ein Reh auf einer Waldwiese benötigt den ganzen Tag, um genau die Energie zu sammeln, die es verbraucht. Da ist kein Sinndefizit. Evolutionär gehört es in die berühmte Nahrungskette, rettet Gras und wird vom Wolf gerettet. Der Mensch dagegen  hat sich von sich selbst entfremdet, indem er sich ein Dach über dem Kopf baute und das bedeutet, dass er sich von den unmittelbaren Umständen, die optimal für ihn wären, räumlich entfernen kann. Sein Schlüsselwort ist der Vorrat, der beim Eichhörnchen und beim Hamster schon angedeutet ist, mit denen wir eng verwandt sind. Ein Supermarkt ist nichts anderes als das Lager des Hamsters oder die Scheune des Neolithikers. Die Tabakscheunen der Hugenotten in der Uckermark zeigen, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt, er muss sich auch betäuben. Parallel dazu, mit dem verlorenen Sinn, wurden auch Sinnsubstitute errichtet. Nicht zufällig sind die ersten Tempel baulich identisch mit Markthallen, nämlich der römische Basilikatyp. Wenn man noch weiter bedenkt, dass wir heute mit Markt unsere gesamte komplexe und globalisierte Wirtschaft meinen, dann haben wir uns einerseits nicht weit von unseren Vorfahren vor tausenden Jahren entfernt, andererseits aber wird unsere Sinnsuche klarer. Je straffer der Sinn organisiert war, desto weniger haben wir sein Fehlen bemerkt.

Das Joch ist also keineswegs etwas Negatives. Der Ochse bekommt sein Futter. Der Sklave muss über nichts nachdenken, wenn er Freiheit nicht als Mangel fühlt. Der Mensch in der Diktatur bequemt sich den bizarren Ideologien seiner Führer an, wenn er seine tägliche Banane erhält.

In diesem Gedanken liegt auch der Schlüssel für unsere Unzufriedenheit. Wir wollen alles technisch verbessern und verbessern es auch. Aber mit jeder Maschine, die wir benutzen, geht auch ein bisschen Sinn verloren. Deshalb glauben so viele Menschen, dass früher alles besser war. Es ist also nicht nur eine Generationsfrage und ein Problem billigster Medien, sondern auch ein Mangel an Sinn. Sinn ist aber auch wieder kein Regelwerk. Man muss nicht in eine bestimmte Himmelsrichtung blicken, um zu erkennen, dass der Nachbar Hilfe braucht. Ein Gott der gelobt werden will, ist eine anthropomorphe Karikatur. Ein Gott dagegen, der uns anstiftet, Gutes zu tun, die Welt zu verbessern, Sinn und Navigation zu spenden, der steht in allen Schriften aller Philosophen und Propheten.

Aus all dem könnte man leicht schlussfolgern, dass der Mensch wie die von dem kleinen Orwell durchschnittene Wespe sei, die erst, nachdem sie sinnlos geschlungen hat, bemerkt, dass ihr die wichtigere (?) Hälfte fehlt. Es ist moralisch verwerflich, Wespen oder andere Lebewesen zu zerstückeln. Es gibt keine wichtigere Hälfte. Wir müssen immer wieder neu einen Sinn suchen. Dabei können Religionen helfen, Philosophien, überhaupt Narrative. Wer will denn unterscheiden, ob die Geschichte von Joseph und seinen Brüdern, eine Geschichte von Liebe und Tod, von Hunger und Vergebung, von der Bindungskraft der Familie und der Geschichten, von der Erfindung der Erfindung, von Träumen und Visionen, vom Markt und seinem Chaos, von Macht und Verrat, – ob diese Geschichte von Moses oder von Thomas Mann besser erzählt wurde? Wir Menschen verbleiben lieber in unseren bewährten Vorurteilen als uns auf einen neuen Weg zu begeben.

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BRÜSSOWER KONFIRMANDEN IN BERLINER MOSCHEEN

 

Nr. 241

Es gibt doch diese lokalzeitungsähnlichen Berichte: Wir machten einen Ausflug, für das leibliche Wohl war gesorgt. Zwei petrifizierte Metaphern sollen einen Tag beschreiben und spiegeln auch tatsächlich ganz genau die Langeweile wider, die den Tag so unspannend machte. Vielen unserer Unternehmungen ist der Sinn abhanden gekommen, es herrscht nicht der Übermut, sondern der Überdruss.

Gestern sollten eventuelle Vorurteile abgebaut werden. Aber es gab gar keine. Die Erwachsenen projizieren ihre Vorstellungen in die Kinder hinein, beklagen deren unangepasstes Verhalten, zum Beispiel die SMARTPHONESUCHT. Aber die neue Art zu kommunizieren hat auch eine globalisierte Jugend geschaffen. Während wir, die FESTNETZGENERATION, uns gerade einmal eine globalisierte Dingwelt vorstellen können, Marmelade aus Neuguinea und Büroklammern aus China, scheint der übernächsten Generation längst klar zu sein, dass es zwischen Menschen keine Unterschiede gibt, dass die Forderung der französischen Revolution nach Gleichheit ein Abschied war aus der alten Welt der Separation, der Abtrennung, des Rassismus, der Besserwisserei, des schlimmsten aller Irrglauben: dass ich allein richtig sei.

Da sitzen in einem Sandkasten vier Kinder, in jeder Ecke eines. Das erste Kind sagt: ich bin das auserwählte Lieblingskind. Deshalb bin ich richtig. Das zweite Kind sagt: mir schickte der Vater seinen Sohn, deshalb bin ich richtig. Das dritte Kind sagt: ich bekam die letzen Anweisungen, weil die andern alles falsch gemacht haben. Deshalb bin ich richtig. In der vierten Ecke sitzen die Kinder mit dem Smartphone in der Hand: ein schwarzes, ein weißes, ein gelbes, so wie man früher die Menschen eingeteilt hat. Sie sind zwar etwas abgelenkt, indem sie ständig ihr Telefon im Auge und in den Fingern haben. Aber sie sehen die Welt nicht halbiert, sondern verdoppelt. Und dabei fällt ihnen auf, dass keine von den sogenannten Wahrheiten oder Richtigkeiten – von Ewigkeit zu Ewigkeit – einen Tag überdauert. Wenn Jesus wirklich gesagt hat, was in Johannes 35 berichtet wird, dass der Mensch auf Wasser und Geist abstrahierbar sei und geboren wird, dann ist die SMARTPHONEGENERATION die erste, die ihr Leben gleichzeitig lebt und reflektiert. Da wir aber nur das Puppenstadium dieser Entwicklung sehen, urteilen wir so hart wie die Vorurteilsverteidiger [RESSENTIMENTALISTEN] zu Zeiten des Isa-Yesus, des Mohammed oder des Mahatma. Aber sie haben sich durchgesetzt, ihr Geist hat über das Wasser gesiegt.

In jeder großen Stadt gibt es sinnüberfüllte Viertel. Am Columbiadamm in Neukölln wurden die toten Soldaten aus den Regimentern südlich der Spree beerdigt. Berlin war lange die Hauptstadt des preußischen Militarismus, dessen Höhepunkt nicht der Philosoph Friedrich II. war, sondern der säbelrasselnde Wilhelm II., der mit seinem besten Freund im Orient, Abdülhamid II., den Ausgangspunkt von Krieg und Massaker bildete. Aber das sieht man dem Columbiadamm heute nicht mehr an, der zwei quicklebendige Stadtteile, Neukölln und Tempelhof, miteinander verbindet und Parks, Vergnügungsparks, Sportplätze, ein übel beleumdetes Schwimmbad, Friedhöfe und die Şehitlikmoschee fast wie eine verzauberte Enklave wirken lässt. Die Brüssower Konfirmanden mit ihrem Pfarrer ließen sich von der Märchenmoschee tatsächlich verzaubern, aus der auch gerade ein Traumbrautpaar kam. Geduldig ließen sie sich ‚Wie kamen die Türken nach Berlin‘ und ‚Die fünf Glaubenssäulen des Islam‘ erklären, dabei sah keiner auf sein Smartphone. Dann gingen sie zum Mittagsgebet in die Moschee. Unten sahen sie sowohl die Inbrunst der Beter als auch deren Toleranz gegenüber den Jungen, die mit ihren Smartphones und ihrem Übermut spielten, während sie selbst eher ehrfürchtig den wunderschön vorgetragenen Koranversen lauschten. Oben auf der Empore folgten sie den Erklärungen über Kalligraphie statt möglicher Bilder. DU SOLLST DIR KEIN BILD MACHEN. Das Smartphone ist die allerletzte Folge der Übertretung des Bilderverbots. Draußen gab es eine heftige Diskussion über die Quelle des Guten. Die Quelle des Guten kann die Religion sein, aber auch der von Gott und Natur begnadete Mensch. [Wir versuchen es einmal mit ‚Gott und Natur‘ statt ‚Gott oder Natur‘. Nicht umsonst, und das weiß jeder Muslim, den ich bisher traf, steht sowohl in der Bibel als auch im Koran die Ameise.]

Dann wurden – zu ihrer großen Überraschung – die Brüssower Konfirmanden, die gerade über die Stärke und den notwendigen oder möglichen Zuckergehalt des türkischen Tees redeten, zu einem Morgenmahl eingeladen, das zwar dem Gedenken eines Toten galt, aber alle lebendigen  Besucher der Moschee einbezog.

Mit dem VW-Bus T5 ihres Pfarrers fuhren sie dann in eine andere, aus ganz anderen Gründen berühmte Moschee: die HACI BAYRAM CAMII im Wedding. Wedding war einst ein kleines Dorf, durch das Friedrich II. ritt, dem man da, wo sich jetzt die Prinzen- und die Badstraße kreuzen, Wasser reichte, weshalb er die Gegend mit dem Namen Gesundbrunnen adelte. In dem Riesenschiff Gesundbrunnencenter tauchten unsere Konfirmanden kurz in die Welt des Konsums. Im berühmten Jugendhaus der HACI BAYRAM Moschee wurden sie von einer Gruppe empfangen, die eine völlig neue Generation von Deutschtürken und von Muslimen darstellt. Nur die Gebäude selbst, die die Väter und Großväter, Mütter und Großmütter der heutigen Leiter dem alten Wedding abtrotzten, erinnern noch an das erste Deutschtürkentum. Im heutigen Jugendhaus verbinden sich intellektueller Anspruch – alle Leiter sind Studenten – mit sozialem Auftrag und religiöser Tradition auf so gelungene Weise, dass sowohl dem Pfarrer als auch seinen Konfirmanden vor Staunen die Sprache wegblieb. Trotzdem gab es eine äußerst lebhafte Diskussion, in der die Konfirmanden selbst eine ganze Weile mehr zuhörten, aber absolut wach alles verfolgten und dann mit Fragen und Bemerkungen anreicherten. Was ist beten? Danken. Was ist Religion? Eine Quelle des Guten. Was fehlt uns? Sinn. Wenn ihr Berliner seid, geht in die HACI BAYRAM, wenn ihr fasten und fastenbrechen wollt, wenn ihr Hilfe braucht, wenn ihr Sinn sucht, wenn ihr etwas über ein Buch wissen wollt. Das ist Werbung? Die sollte im Zeitalter der Werbung wohl erlaubt sein. Das ist sowohl Werbung für die kompetenten und äußerst freundlichen Menschen in der HACI BAYRAM –  mit der guten Website – als auch für die Brüssower Konfirmanden, die gerade auf so schöne Weise die Welt entdecken, wie ihre Voreltern sich nie hätten träumen lassen. Es gibt gar keine Vorurteile, außer bei den Ressentimentalisten. Wer ist das? Vergiss es.

Bester Dank an Isa Genç und Irfan Doğan für ihre kompetente und freundliche Hilfe.

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DIE HEGELSCHE TREPPE

Nr. 240

DER PREIS DES AUFSTIEGS IST DIE TREPPE gilt auch umgekehrt

für Tamer K.

Wir können nicht von uns fortschreiten, weder neben uns treten, noch vor oder hinter uns. Diese Gebundenheit in Raum und Zeit ist immer als Fessel der Erkenntnis gedeutet worden, so dass wir lange annahmen, wir könnten nur begrenzt erkennen und deuten. Dagegen scheint es ratsam, einmal zu untersuchen, ob die Fessel nicht vielmehr die Ursache unseres Stillstands ist, dagegen aber anzunehmen, dass der Geist, wie sich ja in jeder Phantasie und in jeder psychischen Krankheit zeigt, ganz frei sei. Das Leiden an der psychischen Störung entsteht durch die Reibung mit der Wirklichkeit, jener raum-zeitlichen Gebundenheit, in deren Fesseln die Mehrheit der Menschen lebt und leben muss. Wer aus sich heraustritt, ist für die Welt verloren.

Wir nehmen aus zwei Gründen an, dass wir fortschreiten, nämlich weil wir glauben, dass wir auf ein Ziel hin leben, und weil  uns scheint, dass die Annehmlichkeiten des Lebens das Leben selbst sind. Unsere Folgerung: das Leben wird annehmbarer, also ist es Fortschritt. Wir blenden die Unannehmlichkeiten einfach aus, zumindest nachträglich. Wir nehmen den Schein für die Wirklichkeit. Wir glauben eher das, was uns jemand über die Welt sagt, als das, was die Welt uns sagt. Wenn wir aber selber sehen, dann sehen wir mit den Augen, Brillen und Begriffen unserer Vormütter und Überväter, und das waren in unseren Augen meistens Übelväter. Wir können die Fehler der Vergangenheit viel besser deuten als die der Zukunft. Sprichwörtlich ist inzwischen unsere Abhängigkeit von Medien und Maschinen, wir haben die Aufklärung an die Stelle der  Religion gesetzt und glauben an Titel, Thesen und Temperamente.

Ein Ziel ist ja mehr als ein Ende. Das Ende der Geschichte ist ein Idealzustand, mag der nun Paradies, Kommunismus, demokratischer Sozialstaat, ewiges Leben heißen. Man glaubt sich ja am Ende seines Lebens auch am Ziel seiner Wünsche: man ist weiser, reicher, beliebter als am Anfang. Wer das glaubt, sollte doch vor der Zeit einmal ein Pflegeheim besuchen. Bis zum 18. Jahrhundert wurde das Wort Ende auch synonym zu Zweck verwendet (Schiller: Was heißt und zu welchem Ende studieren wir Universalgeschichte? Jena, 1789). Als Zweck des Menschen, von anderen nun wieder mit ‚Sinn’ gleichgesetzt, erscheint dann die Fortpflanzung. Das ist reine Tautologie: ich bin da, damit (oder auch: weil) ich da bin. Indessen hat hier nicht Darwin Hegel bestätigt in dem Sinne, dass der Mensch über der Ameise stünde. Die einzelne Ameise mag ein Nichts sein (wie der einzelne Mensch außerhalb seines Zusammenhangs auch), die Ameisen-Sozietät dagegen ist  ein kollektiver Makroorganismus. Aber was anderes ist der Mensch? Der Mensch ist als Körper ein sich selbst organisierendes Zusammenwirken von Mikroorganismen und Teilsystemen, die Summe des Humus, als soziales Wesen der Quotient seiner Vorväter und das Produkt seiner Urenkel. Wäre also Fortpflanzung sein Zweck, so würde er sich nur selbst bezwecken und beenden. Stattdessen sollte er sich darauf besinnen, für die nachkommenden Generationen das Leben annehmbarer zu machen als es für die vorangegangenen Generationen, denen wir nicht mehr danken können, war. Dieser Beitrag zur Lebenssinntheorie stammt von Schiller aus der genannten Antrittsvorlesung in Jena.

Im neunzehnten Jahrhundert entstand nicht nur der blinde Glaube an den Fortschritt, und wir wollen glauben, dass sein Gott Hegel hieß, sondern auch der Gegenzweifel, der zweite Hauptsatz der Thermodynamik. Und obwohl jeder weiß, dass Wärme nicht von selbst von einem Körper niedrigerer auf einen Körper höherer Temperatur übergehen kann, glaubt es dennoch keiner.

Wir glauben an den Fortschritt oder die Wissenschaft. Wir glauben an das Buch, die Zeitung und das Internet. Wir glauben an die Hauptsätze der Thermodynamik, aber nicht an den zweiten: siehst du etwas zerfallen oder erkalten? Viele Menschen glauben an Schneeballsysteme oder an das Geld, das die Welt regiert. Wir glauben an die Omnipotenz der Maschine, besonders an das Automobil und den Ordinateur.  Viele glauben an die Kraft der Kontrolle und die Wirksamkeit der Strafe sowie an das Recht des Stärkeren. Wir können nicht glauben, dass der Mensch gut ist, wir sehen es täglich, aber wir glauben es nicht. Wir müssen dagegen glauben, dass wir höher stehen als die Ameise und der Wilde. Man sieht es ja. Wir glauben, dass Glauben etwas grundsätzlich anderes ist als Wissen. Das glauben wir zu wissen. Manche glauben, was sie sehen, und andere sehen, was sie glauben.

Der Philosoph Hegel, dessen Treppe wir bestaunen und nachbeten, stammt aus einer schwäbischen Beamtenfamilie, war zum Pfarrer bestimmt, teilte während der Schulzeit sein Zimmer mit Hölderlin und Schelling, wurde aber zunächst Hauslehrer, also Hofmeister, dann Gymnasialdirektor durch Protektion, Schulrat, Professor und schließlich Rektor der Berliner Universität. Sein wichtigstes Buch, mit dem er allerdings sein ganzes Leben beschäftigt war, Phänomenologie des Geistes (1807), schrieb in der Mitte seines Lebens in Jena, just als Napoleon sich anstellte, Jena zu erobern. Was wollte der große Napoleon mit dem kleinen Jena? Dieser Lebensweg mag manchem als Fortschritt, als ein Aufstieg von unten nach oben erscheinen.

Hegels Schwester Christiane hingegen, ebenfalls hochintelligent, arbeitete auch als Hauslehrerin, nämlich für die fünf Töchter des Freiherrn von Berlichingen. Als diese Töchter erwachsen waren und das Haus verließen, brauchte niemand mehr Christiane Hegel. Sie wurde, wie man damals sagte, schwermütig, manchmal auch hysterisch. Vielleicht war sie depressiv oder schizophren. Sie schrieb sehr schöne Gedichte und bedeutende Briefe, die ihre Familie sorgfältig vernichtete. Ihr Bruder, der ihr Abgott war, lud sie einmal ein, bei ihm zu wohnen, obwohl sie ihm unheimlich war, aber dann ließ er sie doch entmündigen. Man nahm ihr das kleine Haushaltsbüchlein fort, mit dem sie sich bewies, dass sie von niemandem abhing. Sie ernährte sich jetzt von Handarbeits- und Französischunterricht, wenn und solange sie nicht in der geschlossenen Anstalt war. Manchmal kümmerte sich Hegels Schwiegermutter, Freifrau von Tucher, um sie. Als Hegel starb, und bekanntlich baute Schinkel ihm das Grab, wollte auch seine Schwester nicht mehr leben. Sie starb selbstbestimmt in der Nagold, einem kleinen schwäbischen Flüsschen, wurde kilometerweit flussaufwärts gefunden. Alles fließt. Zu ihrer Beerdigung in Calw kamen vier Personen, davon zwei um zu sehen, wer ihre Auslagen bezahlen würde. Ihr Geist ging später in den kleinen Hermann Hesse über. Wir können nicht von uns fortschreiten, aufwärts nicht und nicht abwärts.

VOLKSZÄHLUNG

 

jeder siebte ist muslim

sechs nicht

jeder siebte ist afrikaner

sechs nicht

jeder siebte ist chinese

sechs nicht

jeder siebte ist inder

sechs nicht

jeder siebte ist europäer oder nordamerikaner

sechs nicht

zwei siebtel sind der rest der welt

fünf siebtel nicht

wer bedroht jetzt wen wer will wen schlucken

zählen wir lieber die plastiktüten im ozean