DIE WIEDERKEHR DES ZAUBERERS NOBI

 

Nr. 366

für D.T.

An dem Tag, als ich seit langer Zeit wieder einmal eine Grundschule betrat, wurde gefragt, was man in der Schule, eher war eine Elementarschule gemeint, gelernt hat. Ein von uns sehr geschätzter Lehrer erzählte vom Krieg, das Schlimmste, was er als achtzehnjähriger Soldat erlebt hatte, waren die norwegischen Krankenschwestern, vor denen er seinen Po entblößen musste, damit sie ihn spritzen konnten. Es war also nicht alles nur Indoktrination. Natürlich lernten wir lesen und schreiben. Auf meinem allerersten Zeugnis hatte ich in beidem eine 1, trotzdem schrieb die Lehrerin, dass ich wild und nicht sorgfältig sei. Was hätte ich für Zensuren bekommen können, wenn ich zahm und sorgfältig gewesen wäre? Da ich einen sehr guten Russisch- und Musiklehrer hatte, lernte ich in diesen beiden Fächern auch sehr gut. An mehr kann ich mich nicht erinnern, aber als ich jetzt in dieser Grundschule ganz nach oben ging, lagen dort auf einem Tisch aussortierte alte Kinderbücher, die sich die heutigen Kinder wohl mit nach Hause nehmen können. Zuoberst lag Ludwig Renns ‚Nobi‘*, die rührende Geschichte einer wunderbaren Kindheit im historischen Afrika. Sofort erstand meine Kindheit in meiner Fantasy**. Ich sehe mich am Nachmittag, die Mappe, damals noch Ranzen genannt, war zuhause abgelegt, das Mittagessen hineingeschlungen, eine kurze Stippvisite auf dem Spielplatz absolviert, aber dann ging ich in die Kinderabteilung der Stadtbibliothek. Sie erschien mir riesig. Sie erschien mir fast so groß, wie heute die Grimm-Bibliothek, die größte Freihand-Bibliothek Europas. Die Studenten sagen, sie sei zu klein. In meiner Bibliothek kannte ich mich aus. Ich habe damals alle Kinderklassiker gelesen, aber mein Oberklassiker war Ludwig Renn.

Was ich damals nicht wusste und was für mich auch irrelevant gewesen wäre, dass er ein ehemaliger Adliger war, ein Freund des sächsischen Kronprinzen, Offizier im ersten Weltkrieg, Schriftsteller in der Weimarer Republik, Kommandeur im spanischen Bürgerkrieg, Emigrant in Mexiko, Professor an der Humboldt-Universität. Obwohl er weitgereist und welterfahren war, war er ganz auf der Linie der regierenden Partei. Der Grund war vielleicht seine, wie man heute sagen würde, offen schwule Lebensweise. Mit seinem Lebensgefährten und einem weiteren Freund lebte er in einer Villa in Berlin-Kaulsdorf. Alle drei wurden später zusammen auf dem Friedhof der Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde begraben, Abteilung Künstler, obwohl seine beiden Freunde vielleicht weder Sozialisten noch Künstler waren.

Ludwig Renn, dessen wirklicher Name Arnold Vieth von Golßenau war, eröffnete mir die andere Seite der Welt, die eine Seite war die Russenkaserne am Binnenhafen meiner winzigen Heimatstadt. Ein kleiner mexikanischer Junge namens Trini half – in dem gleichnamigen Buch – seiner Familie bei Überleben. Und Nobi, ein wirklich heldenhafter kleiner Afrikaner, kämpfte gegen alles, was nicht in seine Heimat gehörte. Soweit, und auch in dem heute merkwürdigen Wort ‚gerechter Kampf‘ war das Buch linientreu. Aber dafür habe ich es nicht geliebt. Jetzt, beim Wiederlesen nach sechzig Jahren las ich denselben Glanz und dieselbe Spannung: Nobi ist ein Zauberer. Er kann nicht nur mit den Tieren kommunizieren, sondern sein Lächeln bewirkt, dass alle Menschen – egal was sie vorher gedacht oder geplant hatten – ihm freundlich begegnen. Dieses Lächeln ist das Äquivalent zum Nathan-Parabel-Ring, von dem sich ja auch herausstellt, dass die Wirkung auch ohne den Ring möglich ist. Es gibt solche Menschen, und wir alle sollten uns bemühen, zu ihnen zu gehören. Nobi verliert früh seinen Vater durch einen grausamen Jagdunfall, dadurch verabscheut er die Jagd und wird aus Protest Schmied. Man kann das heute gut und gerne als Anti-DDR-Parabel lesen, nur können wir nicht mehr eruieren, ob der Erfinder von Nobi es so gemeint hat. Seinen bösen Lehrmeister überflügelt und vertreibt Nobi, genauso wie er ohne Jagd und ohne Sport – nur durch seinen Beruf – zu einem Athleten heranwächst, vor dem man sich fürchten sollte, wenn man ihn nicht lieben müsste. Der großmächtige Zauberer, der alte böse König, der junge gute König, sie alle gehen auf seine Seite über. Die weißen Sklavenhändler jedoch werden von ihm bekämpft (‚gerechter Kampf‘), besiegt und vertrieben. Und da steht ein Satz, der überhaupt nicht in die frühe DDR passte: Nobi tut es leid, dass er im Kampf so viele europäische Sklavenhändler töten musste, aber seine hochgiftige Zauberschlange tröstet ihn: es ging nicht anders, sagt sie. Aber fortan wird er die Sklavenhändler, wiewohl sie abgrundtief böse sind, nur noch vertreiben.

Mit erstaunlicher Weitsicht und Modernität wird die Natur und die Kraft der Natur beschrieben. Ein alter Elefant, der so vielen Menschen als aggressiv und böse erschien, wird lenkbar im Kampf gegen die gierigen und grausamen Eindringlinge. In dem nagelneuen Buch Die Intelligenz der Tiere*** steht genau das: dass Elefanten, Wölfe und Wale gut und böse, Menschen und Unmenschen unterscheiden können. Mich wundert nicht, dass die Kunst der Wissenschaft voraus ist. Das ist sie schon immer gewesen und das bleibt auch so. Mich wundert, dass in einem schlichten DDR-Kinderbuch solche Weisheiten standen. Ludwig Renn hatte sicher doppelte Narrenfreiheit, die er  aber auch mit seiner Loyalität erkaufte. Als ‚Spanienkämpfer‘ stand er in einer Reihe mit Hans Beimler, Heinz Hoffmann, Erich Mielke, aber auch mit Ernest Hemingway, Willi Brandt und Joris Ivens. Er musste nichts mehr für seinen Ruf und seinen Ruhm tun. Geld hatte er auch genug. So konnte er sich seinen Freunden und seinen Kinderbüchern widmen.

Mir wurde klar, wie sehr mich dieses Buch geprägt hat, mehr als die Schule, mehr als meine Familie, mehr als die Kirche, die in meinem Heimatort aus einem autoritären Luther-Epigonen bestand, der mehr Menschen vertrieb als anlockte, einer seiner Söhne tat es ihm nach, einer wurde Mensch, der dritte nahm sich das Leben. Zu meinem großen Glück hatte ich meinen Freund Nobi zwischen zwei Buchdeckeln. Heute kenne ich einen Neubürger aus Ostafrika, dessen Lächeln alle Menschen betört und erfreut. In dem Punkt hat er es leicht. Für ihn habe ich das hier aufgeschrieben.

 

*Ludwig Renn, Nobi, Kinderbuchverlag Ostberlin 1955                                                       [die ersten sieben Auflagen hießen noch: Der Neger Nobi]

**von mir vorgeschlagenen Euro-Schreibweise

***Carl Safina, Die Intelligenz der Tiere, New York 2015,                                                              deutsche Ausgabe: München 2017

UND DER ZUKUNFT ZUGEWANDT

Nr. 365

Diktaturen funktionieren nur abstrakt, konkret müssen sie versagen: die Planwirtschaft mag logisch sein, die Bedürfnisse kann sie nicht befriedigen. Leider erklärt sich so auch, warum Kim Jong Un seinen Onkel, angeblich mit einer Kanone, erschießen ließ, warum Stalin und Hitler ihre eigenen Leute umgebracht haben. Der konkrete Mensch passt nur dann in die Schablone, wenn Loyalität über die Kompetenz und über die Solidarität gestellt werden. Auch die technizistische Sprache der Diktaturen ist so zu erklären: der Mensch ist nur wert, was er als Maschinenteil im Apparat taugt. Dies wurde zuerst von Klemperer* beschrieben und wird nach wie vor nicht beherzigt, indem wir immer noch die Sprache der Täter imitieren, angeblich um die besondere Grausamkeit oder die Einmaligkeit der Verbrechen zu betonen. Tatsächlich wird hinter technizistischen Begriffen der Mensch eskamotiert: das Opfer verschwindet in einer undefinierbaren Masse, die ‚vernichtet‘ wird, so die Sprache der Täter von der Wannsee-Konferenz bis zu den Aufzeichnungen des Auschwitzkommandanten Höß, der sich als einer der Haupttäter ebenfalls hinter der Technik verstecken kann: als das berüchtigte Rädchen im Getriebe. Schon das Wort ‚Judenvernichtung‘ besagt, dass nicht ein Mensch einen Menschen von Angesicht zu Angesicht ermordet hat, auch die Hinzufügung der Gründe der Täter – ‚Rassismus‘ – ändert daran nichts: denn es gibt keinen Grund, der uns erlaubt, einen Menschen zu töten**. Warum also entschuldigen wir nachträglich die Täter, indem wir sie zu industriellen Systemteilen erklären, die nicht anders konnten, als so zu handeln wie es jeder Menschlichkeit, jeder Religion und jeder Philosophie, nicht aber jeder Ideologie widerspricht? Ein Mensch kann nicht vernichtet werden, weil er – außer in der Gesellschaft – auch in seiner Familie, in seinem Freundeskreis, in seinem Arbeitskollegium, in seiner Wohnsiedlung als Mensch fortlebt. Es war nicht die Politik oder die Gesellschaft als Ganzes, die uns mit dem Projekt der Stolpersteine bildlich vor Augen führt: wer hier einmal gelebt hat, lebt in unserer Erinnerung fort. Streng genommen wird sogar nichts zu nichts. Es fehlt ein neues Buch von der Qualität und Reichweite der LTI.

Was nicht fehlt, sind Bücher und Filme zu den Diktaturen, in denen unsere Ahnen als Täter oder Opfer agierten, der neueste Film zitiert als Titel eine Zeile der später verbotenen DDR-Hymne ‚…und der Zukunft zugewandt…‘. Das heißt in dieser Geschichte: auf jeden Fall der Vergangenheit abgewandt. Drei Frauen waren in Workuta, in einem der GULAGs, obwohl und wohl weil sie Kommunistinnen waren. In einem benachbarten Lager ist der Mann von Antonia Berger inhaftiert – und jedes dieser Wörter ist ein Euphemismus – und er überwindet Stacheldraht und Wachmannschaften, strömender Regen hilft ihm etwas klischeehaft, um seiner kranken Tochter zum Geburtstag zu gratulieren. Auf dem Rückweg wird er erschossen, obwohl er auf seiner Kompetenz als Ingenieur der Moskauer U-Bahn insistiert. Ihm wird ein Mangel an Loyalität unterstellt, und deshalb sind er und seine kleine Familie, wie auch alle anderen Häftlinge, aus dem Zirkel der allgemeinmenschlichen Solidarität ausgeschlossen.

Auf Intervention des in der Bevölkerung wohlgelittenen, in Wirklichkeit aber arg stalinistischen Staatspräsidenten Pieck werden die drei Frauen vorzeitig entlassen und kommen nicht nur in der DDR, sondern in der ersten sozialistischen Planstadt an: Fürstenberg an der Oder, das bald darauf in das unaussprechliche Stalinstadt, dann in das noch widersetzlichere Eisenhüttenstadt umbenannt wurde. Zum zweiten Mal zeigt sich unsere These vom Versagen der Diktatur im Konkreten in der ersten Krankenhausszene: das sterbende Kind in den Armen der ausgemergelten Mutter wird als erstes nach dem Sozialversicherungsausweis gefragt, der analogen Krankenkassenkarte. Der Arzt ahnt Schreckliches, als er die hochgradigen Erfrierungen sieht und er greift im Geheimschrank nach dem Penicillin aus amerikanischer Produktion. Die Liebesgeschichte zwischen dem Arzt und der durchaus der Zukunft zugewandten Antonia geht tragisch aus, sie erkaltet im kalten Krieg und wird als telefonische Freundschaft bis zum Mauerfall fortgesetzt.

Antonia, die auch ihrer Mutter nicht sagen kann, wo sie die letzten zehn Jahre war, scheitert immer wieder am Konkreten und rettet sich immer wieder in die Abstraktion des Kommunismus. Auf diese Abstraktion der fernen Zukunft beruft sich auch der Agitationssekretär Silberstein, ein durchaus sympathischer und durch seine mögliche Herkunft aus einer jüdischen Familie noch mit einem zusätzlichen Bonus versehener Altgenosse, der zwar mehrmals den Ausgleich oder den Kompromiss zwischen den beiden Ebenen des Lebens sucht und versucht, letztlich aber doch zum Telefon greift und die Staatssicherheit beauftragt, Antonia im Konkreten endlich umzudrehen. Jeder – auch die Protagonisten im Film – versteht die Situation: ein Mann mit Hut und Mantel klingelt an der Tür, zeigt seinen Ausweis und nimmt Antonia mit. Der Verhörer glaubt, nur er sei im richtigen Lager gewesen und nur die Qualen, die er ausgehalten hat, und die allerdings wirklich furchtbar und unvorstellbar waren, berechtigten ihn, jetzt andere Menschen zu befragen und zu quälen. Allerdings lenkt er ein, eine Intervention von außen kommt in Gestalt des Sekretärs Silberstein. Antonia sollte nicht schon wieder verschwinden, sondern nur ernsthaft verwarnt werden. Das gelingt auch, sie vernichtet ihre Aufzeichnungen aus dem Lager und glaubt, vielleicht hofft sie auch, dass damit auch das Lager selbst verschwindet.

Es gab – wenn auch vielleicht wenige – Menschen, die in beiden Arten Lagern inhaftiert waren, zwei davon sollen hier als Beispiele genannt werden, Margarete Buber-Neumann und Erich Reschke. Margarete Buber-Neumann heiratete nach ihrer Scheidung vom Sohn des Religionsphilosophen Buber den Führer der linksradikalen Fraktion der Kommunistischen Partei Deutschlands und Kontrahenten Ernst Thälmanns, Heinz Neumann. Seine Radikalität bestand darin, als den Hauptfeind der KPD und der gesamten Gesellschaft die Nationalsozialisten zu erkennen und  benennen, während Thälmann gemäß den Weisungen Stalins die SPD als den Hauptfeind bekämpfte. Neumann wurde 1938 in Moskau erschossen, seine Frau interniert, später wurde sie nach Deutschland abgeschoben – auch eines dieser Wörter aus dem Thesaurus der Täter – und im KZ Ravensbrück gefangen, wo sie Zeuginnen Jehovas, der Freundin Kafkas, Milena Jesenska, der Witwe Stauffenbergs half und der Witwe Thälmanns begegnete. Erich Reschke dagegen war zwölf Jahre lang KZ-Häftling, lange in Buchenwald, und dort war er Lagerältester, also Chef der von der SS installierten und tolerierten Selbstorganisation der Häftlinge. Als solcher wurde er von Bruno Apitz in dessen berühmtem Buch ‚Nackt unter Wölfen‘, das man nicht wörtlich und als Erlebnisbericht, sondern eben als Roman verstehen muss, als einer der Hauptakteure bei der Rettung des Kindes gezeigt. Heute wissen wir, dass die Rettung durch einen Austausch auf der Auschwitz-Transportliste zustande kam. Erich Reschke wurde von den Amerikanern befreit und hatte den unterstützenden Aufstand der Häftlinge mit organisiert. Wahrscheinlich deshalb wurde er einer der ersten Generäle der Volkspolizei, bis es eines Tages an seiner Wohnungstür klingelte und sich die berüchtigte Szene tatsächlich abspielte, die der Film so realistisch zeigt. Reschke wurde wegen angeblicher Spionage oder dergleichen zu lebenslanger Lagerhaft verurteilt, musste aber nur bis zum Lebensende von Stalin – was? – büßen. Danach lebte er als Leiter eines Gefängnisses (!) und dann Frührentner, von Honecker spät mit dem Karl-Marx-Orden rehabilitiert, in Hohen Neuendorf.

Uns geht heute leicht von den Lippen: das ist eine Diskrepanz zwischen dem Abstrakten der Diktatur und dem Konkreten des menschlichen Daseins. Aber jeder Mensch lebt nur einmal. Neben einer faszinierenden Alexandra Maria Lara in der Hauptrolle, neben Robert Stadlober als bewundernswertem und von Antonia bewunderten Chefarzt, brilliert aber auch Barbara Schnitzler als die abtrünnige Genossin, die mit ihrer Ankunft in der von vornherein verlogenen DDR nicht mehr Genossin sein möchte, die sich den Mund nun und nimmermehr verbieten lassen will. Die dritte Leidensgenossin, gespielt von Karoline Eichhorn, ist für immer desorientiert und aller sozialen Kontakte – mit Ausnahme Antonias und des Rotweins – beraubt. Wenn es einen deutschen Oskar für die beste Nebenrolle gäbe, bekäme ihn von mir Hark Bohm in der Rolle des Vaters, der seinen Sohn, den Zonen-Chefarzt in Stalinstadt, zurück nach Hamburg holen will, um dort, so wie es Recht und Ordnung gebieten, die Praxis zu übernehmen. Er versteht die Welt nicht mehr. Verstehen wir sie denn?

Die titelgebende Textzeile aus der Nationalhymne Ostdeutschlands, zu dem Zeitpunkt der Filmerzählung war sie noch nicht verboten, wird damals von vielen als frohe Botschaft angenommen worden sein. Der Dichter musste sich allerdings mit Morphium benebeln und betäuben, um die Diskrepanz zwischen der von ihm erdichteten und der um ihn herum errichteten Welt aushalten zu können. Seinen fortwährenden toxischen Rauschzustand kann man wunderbar nachvollziehen, wenn man sich bei YouTube ansieht, wie er dressierten Jungen Pionieren erzählt, dass Walter Ulbricht der größte Sohn des deutschen Volkes sei.

 

 

 

 

*LTI (Lingua Tertii Imperii), Die Sprache des Dritten Reiches

**traditionell gab es fünf Ausnahmen: Krieg, Todesstrafe, Tyrannenmord, Selbstmord, Abtreibung, von denen heute eigentlich nur noch der Selbstmord als legitim erscheint und die Abtreibung als historische Übergangslösung geduldet wird. Für diese beiden verbliebenen Ausnahmen gilt, dass man sie weder billigen noch nicht billigen kann.

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SOLOMONs GRIME

 

Nr. 364

Man wünscht sich spätestens ab Seite 600 einen Mozartschluss: dam-dam-da-di-da. Statt dessen geht es aber so weiter wie bisher, als ob ein geklonter Franz Liszt immerfort artifizielle Permutationen desselben genialen Gedankens generierte, ein fortwährendes prestissimo und fortissimo als Ritardando eines asymptotischen Untergangs. Das andere Buch dagegen ist wie ein langsamer Beethovensatz, vierhundert Seiten lang: der Mensch ist nicht so politisch wie er sein könnte oder sollte.

Sibylle Bergs Buch GRIME stand als Neuerscheinung sozusagen auf dem Plan, während Toni Morrisons SOLOMONs LIED sich durch einen Zufall ergeben hat, noch dazu lieferte Amazon eine DDR-Lizenzausgabe, die ein Papier-dejá-vu bescherte: das schwerfällige, dicke und den Fingern unfreundliche Papier aus Schwedt, als es noch Großstadt sein oder werden wollte. Aber dann stellte sich doch die Frage: was schreiben zwei so angesagte Frauen anders als die immer noch zahlenmäßig überwiegenden Männer?

Nur als Frau kann man die Jagd, seit sie nicht mehr – vor der neolithischen Revolution – unmittelbares Existenzmittel ist, als das denunzieren, was sie ist: blutrünstiges Machogehabe, nicht so weit vom Mord entfernt. Vom Landgericht Stralsund wurden vorgestern zwei junge Monster verurteilt, die eben einmal sehen wollten, wie ein Mensch stirbt. Als Opfer hatten sie sich ein schwangeres Mädchen aus ihrem Freundeskreis ausgesucht. Zwar bekamen beide die jeweils mögliche Höchststrafe und werden wahrscheinlich nie wieder in Freiheit kommen, aber das versöhnt uns nicht mit dieser Tat und solchen Taten überhaupt. Die beiden Großschriftstellerinnen jedenfalls kritisieren die Jagd jeweils aus der Sicht des gezwungenen weichen Teilnehmers, für den das Erlebnis traumatisch ist. Wie weit Männlichkeit immer noch mit Härte identifiziert wird, kann man in einer eigenartigen Inschrift auf dem Bahnhof Wriezen lesen: Kevin Anders ist eine Pussy, steht da, und das soll heißen, dass dieser Kevin zu weich für diese Welt ist, wie jedenfalls der Graffiteur oder die Graffiteuse meint.

Toni Morrisons Buch handelt ausdrücklich vom Verhältnis der Männer zu den Frauen. Der Protagonist heißt Milchmann, weil er von seiner ungeliebten Mutter gestillt wurde, bis er zweieinhalb Jahre alt war. Nicht nur seine Mutter war ungeliebt, auch er selber sollte mit Schlägen und Stricknadeln aus dem Bauch getrieben werden, was seine Mutter verhinderte. Erst als Milchmann schon erwachsen ist, erkennt er seine Mutter und bewahrt sie einmal vor den Schlägen des sich omnipotent glaubenden Vaters, der es tatsächlich geschafft hat, aus dem Ghetto herauszuragen. Er besitzt Immobilien und lebt von den Mieten und Rückständen. Die zweite Frau im Leben Milchmanns ist seine Tante Pilate, von der er lange glaubt, dass sie einen Goldschatz verwahrt. Erst zum Schluss erkennt er sie als eine Traditionshüterin an, und da stirbt sie auch schon. Beinahe noch tragischer ist sein Verhältnis zu seiner Cousine Hagar, die er nicht liebt, mit der er aber über ein Dutzend Jahre ein Verhältnis hat. Sie nimmt sich das Leben, als er sie verlässt. Anders als die biblische Hagar ist Milchmanns Cousine selbstbewusst und liebt den, der sie nur als Verhältnis missbraucht, wenn auch nicht etwa bösartig, sondern eher gleichgültig. Morrisons Figuren haben alle eine tiefe Bindung an ihre Vorfahren, die Sklaven waren, davon handelt eigentlich der Roman. Die Schattierungen der Hautfarbe, als Projektion der Verachtung durch die weißen Sklavenhalter und durch den weißen Trash, spielen eine große Rolle, obwohl die beiden Großväter Milchmanns erfolgreich und reich waren. Milchmann, schon durch seinen Spitznamen an die Frauen gebunden, emanzipiert die drei wichtigen Frauen in seinem Leben spät, zu spät. Im Land seiner Vorfahren trifft er auf eine Schönheit, mit der es vielleicht sogar echte Liebe geben könnte. Eine andere Schlüsselszene ist die fast tödliche Prügelei, die nur deshalb ausbricht, weil Milchmann in der Kneipe sich verhält wie ein weißer, reicher Fremder, jedenfalls glauben das seine Kontrahenten. Darin liegt auch die Aktualität des Romans nicht nur für Amerika, sondern auch für unsere zu früh friedlich geglaubten und gehofften Gesellschaften, in denen immer wieder aus Hass und Angst Mord und Totschlag wird. Wir sind, so könnte wohl die Botschaft dieser liebenswerten, ein wenig verschnörkelt erzählten Geschichte lauten, wir sind, obwohl wir es nicht wollen, im Gestern vernetzt, aber selbst, wenn uns das Böse treibt, schleppen wir das Gute mit uns.

GRIME erzählt dagegen, dass wir, obwohl wir es nicht wollen, immer schon im Morgen angekommen sind, und alles das Gute scheint all das Böse nicht verhindern zu können. ‚Das ist keine Dystopie‘ steht auf der Rückseite des Umschlages, sondern ein brillanter Report einer selbst ernannten Realistin. Es ist ziemlich unrealistisch, sich für einen Realisten oder eine Realistin zu halten. Der ganze lange Roman tut so, als ob unser Leben schon jetzt und vor allem in naher Zukunft in jenem Schmutz stattfinden würde, nach dem die im Buch vorherrschende Musikrichtung heißt, nach der der Roman heißt. Tatsächlich sind viele Menschen jetzt schon in der virtuellen Welt abgetaucht. Sicher kann man besonders viele junge Menschen sehen, deren Leben fast ganz im Internet, in ihrem Endgerät, wie es im Roman heißt, spielt, sozusagen ohne sie. Und wir können sogar glauben, dass die beiden Mörder, die wir vorhin erwähnten, reales Leben auf die perfideste, schändlichste, böseste Weise ausprobieren wollten, fühlen wollten, was sie schon oft auf dem Monitor sahen. Aber diese eben doch dystopische Sicht übersieht aus stilistischen Gründen, dass das Internet, das Smartphone, der Computer, die Navigation, die AI für Milliarden Menschen eben auch Bildung, Teilhabe, Rettung, Kunst, Unterhaltung, Sprache, Kommunikation bedeuten. Milliarden Menschen reisen im wahrsten Wortsinn durch die Weltgeschichte, Dutzende Millionen Menschen können den Ort politischen oder wirtschaftlichen Elends verlassen und finden sich mit zusammengesuchten Brocken Englisch zurecht und den Weg zur nächsten Polizeistation. Ein Roman ist keine Universalenzyklopädie, aber ein Mentalatlas schon. Echt dagegen scheint die Angst vor der neuen Versklavung zu sein, die noch dazu mit vollständiger Überwachung einherzugehen scheint. Wir alle wissen jedoch noch nicht, ob es wieder Staatswesen geben wird, die – ähnlich wie die derzeitige chinesische Regierung – an einer solchen Kontrolle interessiert sein werden. Die Wirtschaft ist an uns als Konsumenten interessiert, und das beschreibt Berg in ihrem kunstvoll konstruierten Stil, der manchmal – bis in die generierten Pejorative hinein – von AI inspiriert ist. Die Wirtschaft ist an uns interessiert – ‚wir sind die verdammte Zukunft‘ [S. 509] -, aber wir müssen nicht bestellen. Es gibt eben keine Plus- oder Minuspunkte für Verhalten, wenn sich auch die Wähler von Trump, Putin, Bolsonaro, Erdoğan, Orban und wie sie alle heißen das wünschen. Mugabe ist schon gestorben, Strache und Salvini sind hinweggewischt und Erdoğan wackelt. China wird mit dieser Ordnung nicht triumphieren können.

Die fast entpersönlichten Figuren sind wahrlich traurige Gestalten, deren Vorbilder in der Wirklichkeit nicht bestritten werden können, aber sie sind, genauso wie der Schmutz der Städte, singulär, beherrschbar, sekundär. Übersehen wird der Sozialstaat als Bindemittel, dagegen wird seine Entmündigungstatsache in den Vordergrund geschoben. Dass wir uns in einer schwierigen Phase, in einer Krise sowohl der Demokratie als auch der Arbeitswelt befinden, heißt doch nicht, dass wir in dieser Krise verbleiben oder gar vergehen.

Die Hoffnung bei Morrison ist das Finden einer neuen Identität und vor allem Individualität. Die Hoffnung bei Berg bleibt aus. Und unter diesem Aspekt sind die 600 kunstvollen Seiten dann 500 zu viel. Die entpersönlichten Figuren entwickeln sich nur zum Schmutz hin. Zwar sterben auch bei Morrison wichtige Protagonisten, aber dass Thome erst sein ungeliebtes und ungeborenes Geschwisterchen mit den Knien tottritt, dann seine gehasste Stiefmutter ermordet und in Säure auflöst, dann den Vater, der nicht zum neuen Premierminister gewählt worden war, auf dessen Bitten hin – in ausdrücklicher Erinnerung an die Jagdszene –  erschießt, um sich dann selbst zu entseelen oder zu entleiben, das geht doch sehr weit in einen abgrundtiefen Pessimismus hinein. Es gibt in GRIME keine großartigen Momente, aber großartige Sentenzen und Erkenntnisse. Eine dieser guten Ideen ist es, die Weltbevölkerung gegen eine neue Weltbevölkerung auszutauschen. Einer der großen Sätze ist: ‚Emotionen, Hass und Wut, sie sind wie Saurier in einem kleinen Reisebus.‘ oder ‚Kaufen. Das hat sich bewährt. Es war noch einfacher als ein Glaube.‘ Darüber kann man natürlich streiten.

Die zerbrochene Welt, die dann nur noch der Schmutz zusammenhält, wird durch eine gebrochene und zerbrechende Syntax dargestellt. Das geht beinahe bis zum Exzess, allerdings auch auf Kosten des Lesers. Morrisons Stil dagegen wird durch die Übersetzung aus dem Slang heraus in eine gewisse Piefigkeit hineingezogen, liest sich aber überwiegend konventionell.

Die beiden großen Frauen setzen zu einem grandiosen Schluss an, beinahe wie Mahler in der dritten Sinfonie. Was aber bei Morrison Spannung bis zur letzten Zeile ist, ist bei Berg keine Entspannung, auch keine Entwarnung, wenn auch ganz zum Schluss, auf den allerletzten Seiten dann doch noch die Notbremse gezogen wird: die Welt geht vielleicht nicht unter. Davon nicht. Jetzt.

1000 Seiten, von zwei Frauen geschrieben, sind doch eine andere Sicht auf die Welt. Sie hat früher gefehlt: Stillen aus der Sicht des Kindes (Morrison) oder Sex aus der Sicht einer achtjährigen Nutte (Berg). Beide zeigen auch, dass das Unten der Frau und der Schwarzen nur ein Unten aus der Sicht der weißen alten Patriarchen war. Vielleicht hat Freud das mit seinem Übervater gemeint. In beiden Büchern wird auch das altväterliche Element der Namen und ihrer Bedeutung dekonstruiert. Die Namen der ehemaligen Sklaven sind fast genauso Beinahe-Karikaturen – übrigens auch der Bibel – wie die HipHop-Namen der Postpostpostmoderne, der angeblich nahen Zukunft. But: what’s in a name, wusste schon Shakespeare. Auf der einen Seite, das können wir bei Morrison lesen, wird eine neue Menschlichkeit geboren werden, wo sie früher gerade am wenigsten vermutet wurde. Auf der anderen Seite lesen wir bei Berg nicht, dass die Welt nicht nur digitaler, sondern auch komplexer und vielleicht ein bisschen besser wird. Wir hoffen es jedenfalls.

BANLIEU

Nr. 363

Oben und unten sind genauso untauglich gewordene Begriffe wie Gewinner und Verlierer. Sie stammen aus der unsolidarischen Ständegesellschaft, inzwischen gibt es eine durch das Bildungssystem gestützte soziale Durchlässigkeit, die vor hundert Jahren absolut unvorstellbar war. Die Hälfte aller Menschen macht Abitur und in den Berufsschulen gibt es Büros, die Türöffner oder ähnlich heißen, die Menschen aufsammeln, die bisher durch alle Auffangeinrichtungen gefallen sind. Trotzdem belassen gerade die Demokratie und die mit ihr als Ideal verbundene Freiheit Menschen im Zustand der Unbildung, die theoretisch nicht identisch mit Unwissenheit ist, in der Praxis aber wohl. In der Ständegesellschaft war das unten, das waren die Verlierer, die den Hof fegten, bevor es Hartz IV oder ähnliche Leistungen gab. In Köthen in Sachsen-Anhalt gibt es zwei berühmte Familien, die jeder in Deutschland kennt: die Familie Bachs, des weltgrößten Komponisten, und Familie Ritter, die sich aller Bildung und Fürsorge durch Leberzirrhose entzieht. Sachsen-Anhalt hat zur Freude der Berliner das bundesweit schlechteste Bildungsergebnis.

Das ist nicht neu. Neu ist aber, dass sich jemand dieser bedauernswerten und bedauerlich kaum erreichbaren Gruppe bemächtigt. Wir können nicht bestreiten, dass es Xenophobie tatsächlich gibt. Aber wir wissen auch, dass sie fast nur reziprok auftritt: je mehr Fremde es gibt, desto geringer ist die Angst, je abgeschotteter und verlorener eine Region ist, desto ängstlicher sind ihre Bewohner. Diese Angst musste man aufgreifen und durch den seit altersher vorhandenen Abscheu gegen die Regierenden ergänzen. Dabei wird absichtlich Bürokratie mit dem Staat, also der Organisationsform des Gemeinwesens verwechselt. Die Kritik an der zum Ausufern neigenden Bürokratie stammt von Max Weber und nicht von Bernd Höcke. Die hoch verdienstvolle Gorki Theaterkolumne hat jüngst aufmerksam gemacht, dass der so genannte Bremer Skandal, also das angebliche Durchwinken jesidischer Flüchtlinge nach der Überprüfung eine Fehlerquote von 0,7% erbrachte, während die vorsorglichen negativen Asylbescheide zu 20% falsch sind. Obwohl die Tatsachen einfach verdreht wurden und der Staat in seiner Intention mit der ausführenden – und gut ausführenden – Bürokratie gleichgesetzt wurde, bleibt bei den Wählern dieser Gruppe hängen, dass Menschen begünstigt wurden, die nicht sie waren. Alle Argumentationen greifen schon deshalb nicht, weil sie in einem sachlichen, teils auch wissenschaftsnahen, bürokratischen Ton vorgetragen werden, den diese Gruppe nicht versteht und nicht verstehen will. Die Partei, dies sich dieser Gruppe angenommen hat, greift dagegen diesen pöbelhaften Ton auf, dessen emotionale Schärfe den Mangel an Argumenten übertönen soll.

Auch die Dresdner Pegidarentner, die keinesfalls überwiegend zu dieser Gruppe gehören, übernahmen freudig diesen Ton, mit dem sie endgültig ihren jahrzehntelangen Opportunismus aufzugeben glaubten. Tatsächlich haben sie nur die Gruppe gewechselt, werden jetzt von Bachmann, Höcke, Kalbitz und Gauland instrumentalisiert. Plötzlich ist es erlaubt, die da oben nicht nur zu kritisieren, sondern mit Pejorativen zu belegen, die im familiären Kreis längst gebannt schienen. In Dresden wurde der Bundeskanzlerin auch der Lynchgalgen gezeigt, eine uralte Tradition der Rassisten. Die Rasse, die jetzt bekämpft wird, sind die Oberen. Anders als in Amerika stammen bei uns die Regierenden keineswegs oft aus der Klasse der Oberen. Gerhard Schröder beispielsweise kommt aus einer Siedlung, die heute eher am Rand der Gesellschaft, nicht nur am Rand einer Kleinstadt zu finden wäre. Folgerichtig, so scheint es, ist der einzige Milliardär in einer deutschen Regierung von Nazis erschossen worden. Die heutigen Nazis greifen auch diese antikapitalistische Stimmung begierig auf. Damit treten sie im Osten Deutschlands das Erbe der linken Partei an, ergänzt um den pöbelhaften Ton. Würde man also die AfD nach alten Parteikriterien einzuordnen versuchen, so könnte man sie als Nationalbolschewisten bezeichnen. Vorbilder sind nicht nur die Gebrüder Strasser, sondern auch Slobodan Milošević, während Sarah Wagenknecht mit ihrer schon vom Namen her nationalbolschewistischen Initiative klar gescheitert ist.

Es gibt die Angst abzusteigen, es gibt die Angst, dass die Abgestiegenen sich den engen Raum teilen müssen, es gibt Xenophobie. Aber auf der anderen Seite gibt es immer jemanden, der das für seine Zwecke zu nutzen versteht, der instrumentalisiert, der populistische Sprüche in pöbelhafter Sprache hinausschleudert und übrigens auch keine Achtung vor den Gedanken anderer hat. Das ist kein tragfähiges politisches Konzept und wird sich auf Dauer nicht durchsetzen, weder hier noch anderswo. Die zweite Regierung mit nationalistischer Beteiligung ist soeben gescheitert, nach Österreich nun auch Italien. Sie werden alle scheitern, sowohl am Wählerwillen als auch – Gott sei Dank – an ihrer scheinbar als Fluch vererbten Inkompetenz.

Das eigentlich Tragische in diesem Jahr – und man kann befürchten, dass es bei der nächsten Bundestagswahl noch einmal so kommt – sind die Versuche der Parteien mit diesem zurecht als widerwärtig wahrgenommenen Problem fertigzuwerden. Auf der einen Seite ist die AfD demokratisch gewählt, auf der anderen Seite aber missbraucht sie die Demokratie und deren Geld auf die schändlichste Weise. Manche rennen ihrer Schaumschlägerei hinterher, wie leider auch die neue Vorsitzende der CDU. Andere versuchen ernsthaft die Rückgewinnung verlorener Verlierer.

Am Freitag vor der Landtagswahl hat sich der stellvertretende und – wie zu befürchten ist – designierte Vorsitzende der SPD in ein abseitiges Banlieu begeben. Die alte Bedeutung des heute eindeutig konnotierten Begriffs war das Stadtbild von weitem, das Weichbild einer Stadt. Die Hauptstadt der Uckermark, die immer noch eine der größten gotischen Kirchen – demnächst sogar fertig rekonstruiert – besitzt, wird aber dennoch gekennzeichnet durch fast endlose Neubauviertel, die aber schon fast ein halbes Jahrhundert hier stehen. Wahrscheinlich wollte die SPD die Menschen erreichen, die sich hier abgehängt fühlen. Aber es kam eine Handvoll überwiegend ältere Damen auf dem Fahrrad, dazu die Stadtprominenz, angeführt vom SPD-Bundestagsabgeordneten, der seit Jahren durch seine Visionslosigkeit geradezu schockiert. Die Adressaten waren wie immer ausgeblieben. Es gab mehr Kuchen als Kaffee, aber diese Kuchenbüffets sind auf allen Veranstaltungen absolut identisch. Daraus folgt, dass die ältlichen Frauen das Rückgrat dieser Art politischer, religiöser und künstlerischer Kultur sind. Der Kuchen war bemerkenswert gut. Dazu war der künftige Vorsitzende der ältesten und größten Partei Deutschlands mit zwei gepanzerten Mercedes-S-Klasse-Limousinen und einem dicklichen Polizisten auf dem Motorrad hundert Kilometer aus Berlin angereist:

LOVE WAS SUCH AN EASY GAME TO PLAY – YESTERDAY.

In derselben Woche hat das Handelsblatt eine Studie der Universität Mainz veröffentlicht, aus der hervorgeht, dass die vier gesundheitlich lebenswertesten Regionen im Nordosten Deutschlands liegen. Der in dieser Hinsicht beste Postleitzahlbezirk hat die Nummer 17. Schauen Sie nach und kommen Sie her!

WENIGER SINN?

 

Nr. 362

Unter meinen Lesern sind auch Schreiber, und einer schrieb: es scheint so, dass, da es immer mehr Menschen gibt, der Sinn nicht für alle reicht. Das kann man nicht ausschließen. Es kann auch Ironie sein und Verspottung von Inhalten, die gar zu mechanistisch dargestellt werden. Gern vergleichen wir uns auch mit Computern, und da könnte es sein. dass der Speicherplatz eng wird oder die Festplatte einen Sprung hat.

Der Zuwachs der Welt an Menschen ist tatsächlich erstaunenswert und unglaublich. Viele von uns verstehen nicht, dass eine gleiche absolute Zahl von Beteiligten 1950, 2000 und schon 2020 ein anderes Verhältnis zur Gesamtzahl bedeutet. So werden immer wieder die absoluten Zahlen etwa der Flüchtlinge nach dem zweiten Weltkrieg oder der Hungernden oder der Analphabeten zur Weltbevölkerung ins Verhältnis gesetzt, und man bemerkt nicht oder nur schwerlich, dass es immer weniger werden. Stellt man sich also den Sinn als einen endlichen Pool vor, so könnte man tatsächlich glauben, dass es eng wird. Aber die wachsende Anzahl von Menschen hat auch mehr Freizeit, mehr Bildung, mehr Kommunikationsmittel, eine weitaus höhere Mobilität und vor allem einen permanenten Zugang zur Kunst.

Adorno meinte, dass ein Leben, das Sinn hätte, nicht danach fragte. Der Satz ist etwa so sinnvoll wie der, dass es kein richtiges Leben im falschen geben kann. Es gibt kein richtiges Leben, wissen wir heute, falsch sein ist keine Entschuldigung, und Sinnsuche ist keine rationale, ein für allemal abgeschlossene, bilanzierbare Angelegenheit. Selbst die großen Sinngeber des zwanzigsten Jahrhunderts müssen sich Kritik an ihren eben auch immer zeitgeistbedingten Handlungen gefallen lassen. Immer wieder wird die Frage gestellt, ob das Werk den Schöpfer entschuldigt. Wer wirklich denkt, stellt sich und seinen Sinn täglich in Frage und versteht langsam, dass Leben keine Schiene und kein Stellwerk, sondern ein Gewirr von Schienen, Weichen, Stellwerken, Abstürzen, zu vollen Speichern, zu leeren Speichern, unverschuldeten Katastrophen und verschuldeten Katastrophen, von Schuld und Schulden, aber auch von unvermutetem Glück, von Liebe Glanz und eben Sinn ist. Weil manchmal etwas plötzlich einen Sinn erhält, den es vorher nicht hatte, glauben wir insgeheim und immer wieder gern an den großen Demiurgen, den Gott der Ameisen, der jede einzelne Bewegung, wie ein großer, großer Marionettenspieler in der Hand hält. Andererseits verwenden wir das Bild von den Marionetten auch gerne, um Menschen, die offensichtlich von Drahtziehern, die es dingfest zu machen gelte, gelenkt und geleitet werden, zu diskreditieren. Das sind immer die anderen. Wir selbst, meist schrumpft das Wir auch noch zum Ich, wir selbst sind die einzigen Realisten weit und breit, allenfalls denken noch jene realistisch, die uns Beifall klatschen. Auch das Wort Claqueure kann uns nicht abschrecken und von unserem Aberglauben an uns selbst abhalten. Andererseits kann man ohne Glauben nicht leben, und man wird hinnehmen müssen, dass er teilweise Aberglauben ist. Zum Schluss zeigt sich vielleicht, dass gar nicht der Glaube oder der Aberglaube das entscheidende waren, sondern die aus ihnen gewonnene Zuversicht.

Selbst bei einer winzigen Erdbevölkerung in grauer Urzeit ist die Verfügbarkeit von Kunst gering gewesen. Felszeichnungen, Trommeln, Oraltur* – all das war nicht allgegenwärtig, sondern wurde durch Nahrungssuche, Katastrophen, Geburt und Tod, also durch die Basics des Lebens nicht unterbrochen, sondern unterbrach das Leben: der Sonntag war geboren. Heute dagegen vermögen weder Basics noch Katastrophen den Dauerfluss der Geschichten zu unterbrechen, der auf tausend Medien eben nicht mehr unterbrechbar ist.

Es gibt nicht weniger Sinn oder mehr Unsinn, sondern weitaus mehr Ausweichmöglichkeiten als je gedacht. Der Taugenichts, den sich der Romantiker Eichendorff ausdachte, fand seinen Sinn im Nichtstun, im bloßen Spaß der Italienreise. Heute ist die Mobilität selbst in den entlegensten Winkeln der Welt eine Selbstverständlichkeit geworden. Klapprige Busse holpern durch alle Länder und durch alle Dörfer der weiten Welt. Niemand wird mehr als Taugenichts verurteilt, der Sinn oder Unsinn woanders sucht. Ein Junge aus einer türkischen Familie in Berlin, der in der Schule genötigt wurde, den Taugenichts von Eichendorff zu lesen, klappte das Buch schon nach der ersten Seite mit den Worten zu: ‚Mein Vater liebt mich viel zu sehr, als dass er mich aus dem Haus werfen könnte.‘ Niemand muss mehr Müller werden, der das nicht will oder kann, aber jeder kann Müller werden, der weit genug zu gehen imstande ist. Der Taugenichts hat sich umgedreht.

Sinnsuche war eine ziemlich elitäre Angelegenheit, die einerseits heute durch die Anwesenheit von Kunst erleichtert wird, andererseits aber aus demselben Grund nicht mehr sehr nötig erscheint.  Die Arbeitsteilung, die sich früher eher auf die Grundversorgung bezog, scheint heute auch den Sinn, die Bildung, die Religion erfasst zu haben. Der entbettete Mensch** trifft auf ein Überangebot von Geschichten. Nur noch die Kunst und die schlechte Nachricht sind allgegenwärtig. Insofern ist die Sinnsuche exklusiv geworden. Sie ist nicht mehr einer gebildeten oder vermögenden Elite vorbehalten, sondern einer sich selbst auswählenden Minderheit.

Das ist die Minderheit der Produzenten jener Gegenstände und Gedanken, die nicht von Maschinen oder Traditionen stammen. Die Freiheit, die früher als ein fast unerreichbares Ideal erschien, hat sich in unser Leben geschlichen. Allerdings ist auch sie kein Konsumartikel, sondern ein Luxus wie der Gedanke. Sinn ist so schwer zu finden wie früher, aber nicht, weil er sich rarmacht, sondern weil er überbordend in den abertausend Geschichten findbar wäre, wenn denn jemand suchte.

Angeblich wird weniger gelesen, aber jeder zehnte Lebensratgeber, oft auch als Diätbuch getarnt, wird zum Bestseller. Dann sitzt die ganze Nation im überfüllten Regionalexpress, liest dieselben Ratschläge, handelt ein paar Wochen danach, um sich der nächsten Mode zu ergeben. Das ist nicht etwa neu, sondern nur inflationär.

Vielleicht wird eines Tages Alleinsein und Sinnsuche modern.

*oder Oralliteratur

**nach Charles Taylor

ZEITGEIST

Nr. 361

Von manchen wird der Zeitgeist so beschimpft und bekämpft wie der Kapitalismus oder die Plastiktüte. Aber das sind alles keine Feinde, die eindringen könnten oder eindringen wollen oder bereits eingedrungen sind. Es sind unsere Instrumente. Der Kapitalismus zum Beispiel ist die immer perfektere und immer perfidere Wirtschaftsform des Marktes. Man kann ihn abschaffen, aber dazu müsste man erstens eine bessere Art des Wirtschaftens als Idee und zweitens die perfekte Demokratie oder wenigstens die perfekte Diktatur haben.

Sehen wir uns in der Welt der Diktaturen und Diktatoren um, so beherrschen sie recht gut die Korruption und Großsprecherei, aber von Wirtschaft hat keiner auch nur die leiseste Ahnung. Isaias Afewerki, der Herrscher von Eritrea, setzt offiziell auf eine Art Reichsarbeitsdienst, in Wirklichkeit aber hofft er auf das Geld der Flüchtlinge und auf ein Wunder. Niemand kann die Zukunft voraussagen und Geschichte wiederholt sich auch nicht, aber die Menschen aus dem Osten Deutschlands haben ein Wunder miterlebt, das zumindest ihre wirtschaftlichen Probleme mit einem Schlag gelöst hat. Aber der Mensch lebt nicht vom Brot allein. China, vor dem alle zittern, hat zumindest versucht, mit einer neuen Kombination zu einer neuen Lösung zu kommen. Mathematisch gesehen ergibt minus mal minus plus, hier aber treffen zwei unmoralische Prinzipien aufeinander, die sich noch dazu ausschließen. Das kann nicht gutgehen. Allerdings ist das kein Argument, sondern der Wegwischwunsch eines Alptraums, der zudem ein Dilemma ist. Mit Afrika finden wir eine Übereinkunft und einen Frieden, aber was machen wir mit dem zusammenbrechenden oder zusammengebrochenen China?

In einer perfekten Demokratie dagegen kann man Grundsätzliches nur durch Mehrheitsbeschluss ändern, dazu muss man vorher die Realisierung und Finanzierung auch derjenigen Projekte bedacht haben, die mit Sicherheit scheitern werden. Das ist umständlich und zeitraubend. Unsere Demokratie befindet sich zudem im Moment in einer Krise, die durch die unerwartete Transparenz ausgelöst wurde, die durch die neuen Geschwindigkeiten der Gedankenübertragung erreicht wurde. Transparenz ist ein Wesensmerkmal der Demokratie. Für die Macher lebte es sich aber auch ganz gut ohne sie. Dem Volk, das wir hier ausnahmsweise und ein letztes Mal als unechtes plurale tantum darstellen können, dem Volk blieb lange der Zweifel, ob die Regierenden nicht heimliche Diktatoren geblieben sind, die nur vorgeben unheimliche Demokraten zu sein. Dafür gibt es Beispiele: die Spiegel-Affäre, die Spenden-Affäre (beide CDU), der Verkauf von Sozialwohnungen (SPD), die Behauptung, dass der irakische Diktator, gegen den viel sprach, chemische Waffen eingesetzt hätte, als Vorwand, um ihn von außen zu beseitigen (Republikaner). Andererseits gibt es ermutigende Äußerungen charismatischer Politiker, die als Manifeste der Demokratie taugen würden: Ich bin ein Berliner, Wir wollen mehr Demokratie wagen (beide Demokraten und Sozialdemokraten), Wir schaffen das (CDU).

Falkenberg an der Elster ist eine kleine, völlig leere Stadt im Süden von Brandenburg. Sie hat einen überdimensionierten Turmbahnhof, dessen Empfangsgebäude nicht mehr da ist. Rechts vom Bahnhof gibt es ein leeres, ruinöses Postgebäude in typischer DDR-Architektur, an das gleiche Gebäude links vom Bahnhof, dessen ehemalige Funktion nicht mehr erkennbar ist, schrieb ein mitleidiger Graffiteur: NICE. In einer nach einem bekannten Sozialisten und Kapitalisten* benannten Straße stehen mehrere wunderschöne rote Backsteinbauten als Ruinen, lediglich ein Haus ist bemerkenswert restauriert und bewohnt. An der Jugendstilkirche, mitten in der kleinen Stadt, vermutet man das Zentrum, aber ein Schild zeigt, dass das Zentrum da sein soll, wo man gerade herkam und es vergeblich suchte.  Es gibt überall sehr schöne Häuser, deren Sinn sich aber durch die gleiche Anzahl leerstehender und ruinöser Gebäude und durch die fehlende Struktur nicht erschließt. An fehlender Struktur übertrifft das arme Städtchen sogar noch Schwedt.

Die Lösung dieses Rätsels ist der Zeitgeist, der über die flache Landschaft hinwegfegte. Falkenberg hat somit das gleiche Schicksal wie die Tonbandkassette: es gibt sie noch, aber keiner braucht sie. Falkenberg war ein unbedeutendes Dorf im preußischen Regierungsbezirk Merseburg, als die Industrialisierung und mit ihr die Eisenbahnen kamen. Wahrscheinlich zufällig kreuzten sich hier fünf damals bedeutende Staatsbahnlinien. Vielleicht war aber auch der Planer, ein Reichsbahnrat, aus diesem Flecken gebürtig, der seiner Heimat ein bis heute existierendes Denkmal gesetzt hat. Alles war möglich in dieser personalisierten Zeit, die wir nicht mehr verstehen, weil wir zwar geachtete und berechtigte Individuen sind, aber so viele, dass sie keiner mehr beachten kann. Nun ist das Städtchen aber zum Mahnmal dafür geworden, dass man außer dem Zeitgeist noch etwas anderes, übergreifendes in seinem Leben haben sollte. Das ist für einen Ort nicht leicht, aber für einen Menschen auch nicht unmöglich.

Das Land, in dem wir leben, ist ja nicht der Staat. Das sollte in Deutschland, in dem wir alle Großeltern aus fünf bis sechs Staatssystemen hatten, selbstverständlich sein, ist es aber nicht. Parteien plakatieren immer wieder Widersprüche, die es gar nicht gibt. Niemand ist ja nur Ostmensch oder sollte sich darauf reduzieren lassen. Kein Städtchen ist nur Eisenbahnknoten und sollte sich darauf reduzieren lassen. Der Zeitgeist ist keine alte Frau, die uns als Hexe auf dem Rücken sitzt. Er ist auch kein alter Mann, der als allwissender Diktator und Übervater vergeblich vorgibt, es mit uns nur gut zu meinen. Das Zeitalter der Personalisierungen sollte vorüber sein. Wir sollten gelernt haben, dass Prinzipien Prinzipien sind, und keine anthropomorphen Schatten. Wir benutzen Prinzipen oder Instrumente, um bestimmte übergreifende Ziele zu erreichen. Aber am Beispiel des Wohlstands, eines erreichten Ziels, kann man gut sehen, wie dilemmatisch und trügerisch der Frieden ist, den wir mit uns selbst geschlossen haben, eine Matrjoschkapuppe, die Ungeheuer gebiert.  Frieden dagegen als Zustand zwischen Ländern, Völkern, Staaten, Nachbarn und Geschwistern ist eine Bedingung, ohne die man nicht leben kann.

Niemand wünscht sich Gefühllosigkeit. Ohne Empathie ist kein Staat mehr zu machen. Deshalb kann niemand ohne Geschichten sein, ohne Kunst, ohne Schönheit. Nichts sollte auf reine Rationalität heruntergebrochen werden, außer die festgezurrten und daher falschen Gefühle der Fanatiker, zu denen unsere Lieblingsaphoristikerin, die dicke Freifrau aus Böhmen** schreibt: Geistlose kann man nicht begeistern, aber man kann sie fanatisieren.

Obwohl natürlich keiner außerhalb des viel geschmähten und oft zitierten Zeitgeists stehen kann, der nichts ist als die Summe aller Definitionen zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort, wünschen wir uns alle endlich, endlich eine Geistzeit.

 

 

*Friedrich Engels, Sponsor von Karl Marx

**Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach

DER AUTISTISCHE SPIEGEL

oder

SPIEGLEIN SPIEGLEIN IN DER HAND

Nr. 360

Einer etwas orientierungslos gewordenen Menschheit scheint ein universelles Spielzeug in die Hand gegeben zu sein, das gleichzeitig global und intim, allwissend und omnipotent ist.

Die Befriedigung der Grundbedürfnisse ist an eine allgemeine Versorgung delegiert, die auch in der sogenannten dritten Welt im allgemeinen funktioniert. Nur noch ein siebtel der Menschen hungert, und auch das liegt nicht an – einem früher normalen – Nahrungsmangel, sondern an Bürgerkrieg, Korruption oder Willkür der Behörden. Freiheit ist ein schönes Ziel und ein schöner Zustand, aber sie erhöht nicht die Sicherheit. Vielleicht sind diese beiden tiefsten Grundwünsche in die menschliche Seele eingehaucht: Freiheit und Ordnung. Aber sie schließen sich in gewisser Weise auch aus. Durch Recht wird nichts richtig oder gerecht. Ein weiterer Destruktionsfaktor ist die Mobilität. Die Fremde ist konkret geworden und für eine deutliche Mehrheit von der Metapher zum wirklichen Ort mutiert. Die Welt wird zwar nicht schöner, wenn man an einem eng begrenzten Ort bleibt, aber durch Reisen oder Flucht erhöht sich jedes Risiko.

Das Zeitalter der Industrialisierung drängte, ohne dass es vorher erkannt werden konnte, auf die Individualität. Der Mensch sollte und wollte sich aus seiner Gruppe lösen können. Noch heute kann man in einer Kleinstadt nachvollziehen, wie kontrolliert das Leben in früherer, durchgehend kleinstädtisch geprägter Zeit gewesen sein kann. Je unabhängiger der Mensch von seinen materiellen Bedürfnissen wurde, je mehr sich sein Bildungshorizont weitete, desto mehr konnte er sich einkapseln. Hinzu kommt die fast ungeheure, vor hundert Jahren unvorstellbare Zunahme an Wohnraum und Freizeit. Seit Walter Benjamins berühmtem Buch beobachten wir die Wirkung der Reproduktionsfähigkeit der Kunst, der Texte und vor allem der Bilder auf uns.

Und nun sind alle Geschichten und Drogen in ein kleines rechteckiges Gerät gewandert, das man bequem in der Hosen- oder Handtasche tragen kann, das manche gar nicht mehr aus der Hand legen wollen. Was früher Monolog oder Selbstgespräch war, ist jetzt ein Dialog mit sich selbst, denn man kann sich antworten.  Sicher, manche Menschen spielen nur damit, nur dass in diesem ‚Nur‘ die größte Arroganz liegt, in die man sich sich selbst gegenüber versetzen kann. Wo gibt es bedeutenderen Dialog als im Schach-, Fußball- oder Theaterspiel? Spiel ist ein Dialogkonzentrat.

Aber so wie der Computer nicht die erweiterte Schreibmaschine war und ist, so ist auch das smartphone nicht nur ein Spiegel. Man kann sich löschen, man kann sich manipulieren, man kann sich bearbeiten. Das alles kann man in der so genannten Realität auch, aber dort dauert es seine Zeit, manchmal ein Leben lang. Hier aber, in unserem kleinen Taschenautomaten, kann das alles im Sekundentakt geschehen. Dazu kann man Lexika und Foren befragen, Experten und Schamanen. Über die Echokammern, die in Gruppen entstehen, die sofort entstehen, wenn man nur ein Wort veröffentlicht, ist schon viel gesagt worden. Die verheerende Wirkung dieser Art von Freiheit ist wesentlich bedrückender als alles, was früher eine Zensur anrichten konnte.

Deshalb muss in den Elternhäusern, Kirchen, Clubs und Schulen nicht mehr nur das kleine Einmaleins gelehrt werden, nicht das Konsumieren, sondern das Produzieren. Unsere Welt gleicht einer großen Mall, in der Waren und Geld rotieren, aber der Sinn verlorenging. Niemand braucht ihn. Wir schalten statt dessen irgendein Gerät an, das uns bedudeln und behudeln kann und wird. Am schädlichsten wird wohl, wegen seiner Komplexität, das Fernsehen bleiben, dicht gefolgt vom smartphone.

Vor Jahrhunderten gaben unsere Ahnen ihren Häusern Namen und Sprüche mit auf den Weg, denn jedes Haus ist immer im Fluss. Aber dieser Name und dieser Spruch war doch kein Kennzeichen der Individualisierung, sondern zu jedem Haus gehörte aktuell eine große Gruppe Menschen, die durch Familie, Handwerk und Dienstleistung miteinander verbunden war. Zudem standen die Häuser einige Jahrhunderte, so dass die Gruppe auch historisch wuchs. Auf der anderen Seite erstarkt das Zusammenwachsen, von uns euphemistisch Globalisierung genannt. Zwar wächst der Wohlstand der Welt kontinuierlich, aber – für die ärmere Seite – zu langsam. Deshalb erscheint die Globalisierung eher als Bedrohung und Verrohung statt als Chance. Jeder will sich die Rosinen herauspicken, ohne den Gesamtkuchen zu beachten. Kuchen schafft nicht nur eine Schokoladenseite, sondern auch eine verwüstete Küche.

Sollte das smartphone der neue Talisman werden, so sollten wird darauf achten, dass er uns zu neuen Inhalten führt, nicht nur zu neuen Orten. Lasst uns aus Schlürfern und Surfern wieder Tüftler werden, nicht vom Welterfolg träumen, sondern vom Erfolg für unser offenes Haus.

MORALPREDIGT

Nr. 359

Polonius, den später die Würmer fressen, nachdem er Hamlets erstes Opfer wurde, gibt seinem Sohn Laertes moralische Regeln mit auf den Weg zum Kontinent. Laertes instruiert zwei Minuten vorher seine Schwester Ophelia ziemlich stringent, wie sie sich Hamlet gegenüber verhalten soll, der sie, wie man heute sagen würde, ständig anmacht oder vielleicht wirklich liebt und den sie liebt, weil er ein Lottogewinn wäre. In dieser Parallelität ironisiert Shakespeare den Wert solcher Sermone. Andererseits: wer würde eines seiner Kinder ohne gutgemeinte Worte oder gar nicht verabschieden, wenn sie für längere Zeit den Kontinent wechseln? Erziehung ist immer konservativ. Die Regeln der meisten Menschen können nur aus der Vergangenheit stammen. Wir vertrauen dem Instrumentarium zu wenig, aber sobald wir Inhalt mitgeben wollen, kann er nur von gestern sein. Polonius arbeitet als Berater der Königsfamilie, die damals die tatsächlichen Machtpolitiker waren, und er weiß: Give every man thy ear, but few thy voice*.

Demokratie und Kommunikationstechnik haben uns in die Lage versetzt, genau umgekehrt handeln zu können. Wir hören nicht mehr zu, wir lesen nur noch die Überschriften, und der Grund dafür ist der ungeheure Überdruss, den die Inflation flacher Nachrichten uns bereitet. In der Schule lernen viele Kinder und Jugendliche, dass Erörterung ein vorher bekanntes Ergebnis hat. In den Parlamenten versuchen viele Abgeordnete den Diskurs für ein vermeintlich alternativloses Ergebnis zu führen. Die rechten Abgeordneten und ihre Echos in den Blogcommunities stellen sogar regelmäßig jeden, der die Welt nicht so sieht wie sie, als geistesgestört oder wenigsten weniger intelligent dar. Für viele Menschen erscheint die Politik auch nur an ihren bürokratischen Ergebnissen spürbar, die auch tatsächlich für den Moment nicht veränderbar sind.

Wer Hartz IV bezieht, muss genau die Fragebögen ausfüllen und die Regeln einhalten, die ein oft herzloser Bürokratismus für ihn bereithält. Deshalb ist es möglich, dass Hartz IV nicht mehr als solidarische Leistung angesehen werden kann, sondern als ein Sammelsurium unsauberer Sanktionen. Viele Menschen im Osten sehen Politik ebenfalls als ein Komplott westlicher Politiker gegen sich und die besseren Seiten des Ostens an. Dabei zeigt gerade die Wiedervereinigung Deutschlands, dass Ereignisse nicht vorhersehbar sind, dass Politik also auf jähe Wendungen reagieren muss und dass sie immer nur mit Kompromissen handeln kann. Auch die derzeitige Krise der Demokratie ist von niemandem vorausgesagt worden. Ebenso wie 1989 kann man von einem neunundneunzigprozentigen Versagen der so genannten Geheimdienste ausgehen. Diese Geheimdienste liefern gewöhnlich keine Erkenntnisse, sondern Alibis für Verhalten oder Verfehlungen.

Niemand glaubt zuhören oder lesen zu müssen, wenn es sich um ein Thema handelt, bei dem er oder sie durch Anwesenheit oder Herkunft mitreden zu können glaubt. Wir haben dieses Phänomen schon oft Scholllatourismus nach dem Fernsehkorrespondenten und erfolgreichen Buchautor Peter Scholl-Latour (1924-2014) benannt, der tatsächlich sehr viele Länder bereist hatte und, je älter er wurde, desto unsinniger darauf insistierte, dass nur seine Meinung richtig sein könne, da er ‚dabei‘ oder wenigstens ‚da‘ gewesen sei. Sein unseliger Satz über die Bevölkerung von Kalkutta ist seither Ikone der rechten Besserwisserei. Aber gerade dieser Satz erwies sich als doppelt falsch: Kalkutta hat einen guten Weg gefunden, sich selbst zu retten, und jeder Mensch bleibt aufgerufen, ein guter Mensch zu werden oder zu bleiben, egal wie hoch die Erfolgsaussichten oder die Kollateralschäden seiner Handlungen sind.

Jeder, der schon einmal eine Unfall-Zeugenvernehmung miterlebt hat, weiß, dass die Anwesenheit für die Wahrheitsfindung eher unwesentlich ist. Obwohl – zum Beispiel – der Tod eine Tatsache ist, ist er nur sehr schwer und nur für Experten feststellbar. Wer – ein letztes und krasses Beispiel – an der Kreuzigung von Yesus als Augenzeuge beteiligt war, kann keine Aussage zur eventuellen Göttlichkeit des Menschensohns machen. Er weiß nur, was wir auch wissen: da starb einer der großen Visionäre, die früher Propheten genannt wurden und das Gegenteil der heutigen Berater zu sein schienen. Es fällt schwer, eine Meinung nicht für eine Tatsache zu halten, wenn man sie teilt. Hybris, früher den Tyrannen vorbehalten, ist zum Leichtgewicht geworden. ‚Größer als mein Ego ist nur mein Spiegel‘, rappt A$AP Rocky.

Noch nie haben so viele Menschen geschrieben. Die Inflation des geschriebenen Wortes scheint sich selbst exponentiell zu verstärken und von Echokammer zu Echokammer zu rasen. Daraus folgt zwangsläufig – aber nicht alternativlos – eine Inflation des Unsinns. Der ergibt sich schon aus der sinnlosen Benutzung vorgefertigter Sprachen. Zunächst einmal wird die Sprache der Medien selbst nachgeahmt. Aber nachahmen ist bestenfalls nachahnen. Die Journalisten können nur manchmal besser schreiben als wir, aber immer besser recherchieren. Warum dagegen die Sprache der Juristen imitiert wird, bleibt für immer rätselhaft. Denn die Verklausulierung der Paragrafen, Anklagen, Verteidigungen und Urteile dient ja dem Ausschluss.

Die Hochzeit der Justiz währte vielleicht von der Strafrechtsreform Dr. Dr. Anselm Ritter von Feuerbachs 1813 bis zu den Nürnberger Prozessen 1946. Seither nimmt die Kriminalität ab und die Bedeutung der Justiz beschränkt sich auf weniger sichtbare Bereiche. Die Bürokratie wird verachtet, aber ihre Sprache wird fleißig kopiert. Selbst Deutschlehrer reden und schreiben in Floskeln der Schulaufsichtsbehörde. Obwohl Politiker nur etwa alle zehn Jahre (‚und das ist auch gut so‘) einen zitierfähigen Satz hervorbringen, ergibt sich ihre sprachliche Kompetenz anscheinend aus der PS-Zahl ihrer gepanzerten Limousinen. Allerdings gibt es Entwicklungen: bei Angela Merkel immerhin von der Meisterin des Anakoluths zu einem zitierfähigen Satz.

Schreiben ist ein kreativer Akt. Die Welt wird mit handwerklichen und künstlerischen Mitteln auf eine A4-Seite, die selbst das Ergebnis des schöpferischen Akts der Ingenieurskunst war, geworfen. Schreiben ist nicht das Abarbeiten von Schreibregeln. Schreiben stärkt das Vertrauen in das instrumentelle Vermögen gegenüber der Analogie des schneller vergänglichen Inhalts. Deshalb sagen die IT-Leute auch, dass sie ein Programm schrieben. Schreiben ist kein Alibismus. Man schreibt nicht, um seine An- oder Abwesenheit zu dokumentieren. Schreiben ist ein Denkangebot und keine Definition. Die Welt anhalten zu wollen oder gar zu können, ist immer Metapher oder Propaganda. Wer durch einen Text berührt oder gar verändert wird, sollte dankbar sein. Ob allerdings nach vierhundert Jahren noch ein Satz von uns übrig bleibt, hängt davon ab, wie sehr wir dies beachten: Give every man thy ear, but few thy voice*. Nichts spricht gegen Moralpredigt, das Ohr macht den Unterschied.

 

*Shakespeare, Hamlet, I,3

NIEMAND HAT DIE ABSICHT EINE BRÜCKE ZU BAUEN

 

Nr. 358

Anfang der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zerfiel der zweimalige Versuch eines südslawischen Völkerbunds in einem blutigen und archaischen Krieg. Religion wurde als Grund des Krieges vorgeschoben und Massaker verübt, die gewachsene Strukturen durch Mord beenden sollten. Der Krieg ging von Serbien aus, das seine Vormachtstellung behalten wollte, und schließlich wurden die unterlegenen, angegriffenen Gebiete von der NATO unterstützt. Die damaligen Altlinken und die heutigen Neurechten feiern den Nationalbolschewisten Milošević als Märtyrer, während einige europäische Länder Kriegsflüchtlinge aufnahmen. Einer dieser Kriegsflüchtlinge, eine Junge namens Božidar*, der seine Eltern in diesem Krieg verloren hatte, war in meiner Klasse, um sein Fachabitur zu machen. Allein das ist schon erstaunlich, aber außerdem war er noch ein herzensguter junger Mann und ein sehr guter Schüler, vor allem auch im Fach Deutsch. Solche sprachbegabten Menschen sind in der Minderheit, aber sie erfreuen uns besonders. Damals gab es in Berlin noch kein Zentralabitur und die Lehrer konnten die Lektüre und die Prüfungsthemen selbst bestimmen. Bei mir war das ein demokratischer Prozess, in dem Schüler ihre Lieblingsbücher vorstellen konnten und dann wurde das Prüfungsbuch gewählt. In dieser multiethnischen Klasse schlugen die Osteuropäer AUFERSTEHUNG von Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoi vor, die Eingeborenen wollten DIE BLECHTROMMEL von Günter Grass lesen. Božidar aber benannte ein Buch, das niemand kannte, DIE BRÜCKE ÜBER DIE DRINA von Ivo Andrić. Alle drei Bücher waren gleich gut geeignet, wenngleich alle drei sehr dick, und hatten alle drei ein äußerst hohes, für eine Fachabiturklasse sogar ungewöhnlich hohes Niveau. Božidar war aber auch ein äußerst geschickter Politiker, er verstand es, zuerst mich für sein Projekt zu gewinnen, dann die Osteuropäer und zum Schluss müssen auch einige autochthone Deutsche für ihn gestimmt haben, aus pure love. Niemand verstand damals das nationale Chaos – so wie heute kein Reisender versteht, dass er sich in Bosnien, aber in der serbischen Entität befindet und plötzlich die Ortsschilder nicht mehr lesen kann.  – niemand verstand den Krieg. Berlin internationalisierte sich weiter, aber im ehemaligen Jugoslawien wichen sich die Brüder und Schwestern gewaltsam aus. Selbst die Sprache war nun nicht mehr eine gemeinsame, wie in Novi Sad beschlossen, sondern über Nacht gab es drei verschiedene Sprachen: serbisch, kroatisch und bosnisch.

Wir lasen den Roman, hielten uns gegenseitig Referate über die schwierigen Zusammenhänge und Probleme, lernten eine Geschichte voller Widersprüche. Božidar moderierte den ganzen Prozess und lehrte uns die Aussprache der Namen. Der Roman erzählt die Geschichte einer außergewöhnlichen Brücke über ein halbes Jahrtausend. Ein buntes Gemisch von fast hundert Personen zieht am Leser vorbei, die Spannung entsteht nicht durch die Entwicklung einer Person, sondern durch die Episoden auf der Brücke. Die Brücke ist nicht an sich außergewöhnlich, es gibt solche Brücken überall in Südeuropa, zum Beispiel sind die ebenso berühmte halbe Brücke von Avignon oder die römische Brücke in Trier sehr ähnlich, sondern die Brücke an genau dieser Stelle ist außergewöhnlich. Erbaut wurde sie von dem berühmtesten und bedeutendsten Architekten des osmanischen Reiches, Mimar Sinan, gestiftet vom ungewöhnlichsten Großwesir (das ist der Premierminister) Mehmed Sokolović, auf türkisch Sokollu Mehmed Paşa, der aus einer wichtigen bosnischen Familie aus einem Dorf unweit von Višegrad, wo die Brücke die beiden Drinaufer verbindet. Außergewöhnlich ist, dass die Drina, ein reißender, äußerst schneller Fluss, schon 1571 überbrückt wurde, und dass die Ideen zweier großer Gestalten des osmanischen Reiches hier in diesem Tal, an diesem winzigen Ort verwirklicht wurden. Dass sie sich in der wunderschönen Sokollu-Mehmed-Paşa-Moschee in Istanbul ein weiteres architektonisches Kleinod als Denkmal setzten, mag dagegen weniger verwundern. Außergewöhnlich ist weiter, dass hier das oströmische an das weströmische Reich stießen, die katholische an die orthodoxe, die christliche an die muslimische Welt, der Orient also an den Okzident. Das kleine Nest Višegrad, in dem vor dem ersten Weltkrieg Juden, Christen und Muslime mehr oder weniger friedlich zusammenlebten, bildete also die Diversität der Welt, die dann von Ivo Andrić auf diese Brücke, sogar auf die Mitte dieser Brücke projiziert wurde. Dort war der Treffpunkt dieser multiethnischen, multikulturellen und multireligiösen Welt, der sich zum Gegenteil von Babel entwickelte: trotz unterschiedlicher Sprachen verstand man sich immer besser. Andric sparte aber die Widersprüche nicht aus: eine der eindrücklichsten Szenen ist die Pfählung eines widersetzlichen christlichen Bosniers, angeordnet durch die türkische Obrigkeit, ausgeführt aber durch einen willigen, unterwürfigen Zigeuner. Der Konflikt mit der Roma-Minderheit ist in ganz Europa immer noch nicht gelöst!

Die Klasse von Božidar hatte damals verstanden: Überall begegnen sich Menschen. Menschen kann man nicht auf ihre Sprache, ihre Religion, ihre Herkunft, ihr Geschlecht, ihre sexuelle Orientierung, ihre politische Richtung, ihre Leistungen in der Schule reduzieren, sondern jeder Mensch ist so komplex wie damals der Mittelpunkt, die Kapija, das Tor, der berühmten Brücke. Jeder Mensch ist diese Brücke, ob wir es wollen oder nicht, da wir ohne Kommunikation nicht leben können, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen. Kommunikation ist allerdings kein Automatismus, sondern setzt den guten Willen voraus. Jedes Wort kann verstanden oder missverstanden werden, jedes Wort kann auch zum Unwort werden. Während also in Berlin eine Schulklasse um Verständnis rang, wurden in  Višegrad und anderswo die Denkmäler von Ivo Andrić gestürzt, weil jede Seite ihm vorwarf, dass er auf der anderen Seite stünde. Andrić, der einen serbischen Vater und eine kroatische Mutter hatte und in Bosnien aufwuchs, Botschafter und Verfechter der jugoslawischen Idee war, in seiner Jugend Mlada Bosna-Mitglied wie Gavrilo Princip, den er auch kannte, Andrić war da schon lange tot. Man hätte ihn nur lesen müssen.

Es gibt in Višegrad zwei große Friedhöfe: einen schwarzen serbischen und einen weißen bosnischen. Die dort liegen, wurden kaum älter als zwanzig. Die Synagoge ist jetzt ein Feuerwehrdepot mit einer Gedenktafel. Auf der Landzunge zwischen Rzav und Drina, kurz vor der Brücke, wartet das von Kusturica initiierte Andrićgrad, ein Disneylandverschnitt ohne Moschee, auf Touristen, die den Streit nicht nachvollziehen können, der auch darüber wieder entstanden ist.

Während also in Berlin eine Schulklasse um Verständnis rang, ging in Heidelberg ein weiterer bosnischer Kriegsflüchtling ins Gymnasium, der, wie Božidar, nicht nur mit guten Deutschkenntnissen glänzte, sondern dessen schriftstellerisches Talent vom Deutschlehrer im Biologieraum entdeckt wurde: Saša Stanišić, dessen erster Roman WIE DER SOLDAT DAS GRAMMOFON REPARIERTE ebenfalls in Višegrad spielt, sozusagen unter der Brücke ausgeheckt wurde.

Nach der Überlieferung wurde in die ersten Brückenpfeiler auf jeder Seite der Drina ein Zwilling eingemauert, Stoja und Ostoja, Halte und Bleibe, ein Junge und ein Mädchen. Damit liefert die Brücke auch, über die Romane hinaus, eine der großen Erzählungen der Menschheit von der Aufopferung, aber auch von der Auferstehung: Man muss nicht verstehen, was soeben passiert; man darf hoffen, dass alles besser wird. Wissen schafft Glauben.

*Name geändert

GESCHICHTE IST QUATSCH

Nr. 357

Es ist nicht ganz leicht zu verstehen, dass man die Geschichte kennen sollte, um sich einzuordnen, dass aber die eigne Herkunft kein Qualitätsmerkmal gegenüber anderen Menschen ist. Eigentlich schließen sich die beiden sogar gegenseitig aus. Denn wer glaubt, dass die bloße Zugehörigkeit zu einer Gruppe über dem aktuellen Verhalten steht, glaubt ja gerade, dass die Geschichte nichts bewirkt. Lange Zeit habe ich Henry Ford für seinen prägnanten Satz bewundert, dass Geschichte Quatsch sei. Der Satz, so schien mir in meiner ganzen Jugend, wäre antiautoritär, weil er der offensichtlichen, plakativen Berufung der gesamten Erwachsenenwelt in Ost und West auf die Geschichte widersprach. Aber der Mann war Antisemit, ein Bewunderer Hitlers, eher ein Trump als ein Tramp. Seine Bedeutung liegt in der sozial gestützten industriellen Massenproduktion mit wissenschaftlich untersetzter Technologie. Dieser in Deutschland von Rathenau begründete Produktions- und Konsumtionstyp wird auch Fordismus genannt. Der Satz war nur antiautoritär in bezug auf Produktionsmethoden. Der Fordkonzern ist heute noch in Familienbesitz und an der Spitze der Weltautomobilproduktion (2017 an vierter Stelle). Im Nachkriegsdeutschland wurde betont, dass man aus der Geschichte lernen müsse, aber die Menschen verhielten sich noch genauso wie vor dem gerade erst verlorenen Krieg. Die Kinder spielten auf der Straße Krieg. Die Erwachsenen schlugen die Kinder und sagten: uns hat das auch nicht geschadet. Hätten sie ihre Köpfe erhoben, so hätten sie die menschlichen und baulichen Ruinen gesehen, die ihre Herkunftshybris angerichtet hatte.

Evolutionär scheinen wir uns am wenigsten zu ändern, wenn wir darunter nur die genetische oder physische Anpassung verstehen. Aber ist evolutionär nicht auch der gemeinsame Ursprung in vielleicht einem Dutzend vormenschlicher Gruppen im östlichen Afrika? Die Metapher dafür sind die – vielleicht ebenfalls ein Dutzend – Menschentstehungsparabeln: Gott als der große Häfner[1] (HARRY POTTER!), der das erste Menschenpaar aus Ton fertigte und ihm Leben einblies, so wie wir heute noch tun, wenn wir einen fast Ertrunkenen retten. Diese – also doch – gemeinsame Quelle des menschlichen Daseins ist zweifellos auch die gleichzeitig das Fundament der Menschlichkeit. So gesehen sind Kriege geschichtsvergessenes Ausnahmeverhalten, vor dem uns auch nachträglich immer schauert. Obwohl es  inzwischen in Europa zwei Weltkriege gegeben hat, ist der dreißigjährige Krieg nicht vergessen und wird in jeder europäischen Regionalgeschichte mit den oft bis heute spürbaren Auswirkungen betont. Jeder Krieg, aber auch Hunger und Epidemien erzeugen verstärkte Migrationen. Insofern ist jede Region ein Konglomerat der eingewanderten Bevölkerungen und fast nirgendwo monochrom. Sprachen verbreiten sich in umso größeren Gebieten, je größer die sozialen Abhängigkeiten sind. So gibt es bis heute isolierte winzige neolithische Völker, aber auf der anderen Seite riesige Sprachen, die von der Hälfte der exponentiell gewachsenen Weltbevölkerung gesprochen werden. Nigeria und Brasilien sind fast gleich groß (je >200 Millionen Einwohner), aber in Nigeria gibt es 514 Sprachen, während in Brasilien 97% aller Menschen portugiesisch als Muttersprache haben. Deshalb sind die beiden Länder auch gute Beispiele, die Renan[2] noch nicht kennen konnte, dafür, warum wir von Regionen und nicht von Völkern oder Nationen sprechen, wenn wir Geschichte meinen. Die Geschichte hat uns geboren, dividiert und wieder zusammengeführt. Diversität ist sowohl ein inhaltliches als auch ein methodisches Nonplusultra. Denn so sehr die Steinzeitvölker auch wegen ihres friedlichen Lebens, ihrer Naturverbundenheit, ihrer Unaufgeregtheit bewundert werden, die meisten von uns wollen nicht ohne Kunst, Kommunikation und Kommerz leben. Außerdem sind sowohl die Zeit als auch die Geschichte irreversibel. Wir könnten vielleicht im Mittelalter leben, aber in der Steinzeit sicher nicht. Und der Neolithiker aus dem Amazonasbecken oder von Neuguinea, übrigens weisen beide Gebiete weltweit die höchste Biodiversität auf, würde bei uns nicht nur am Fahrkartenautomaten, sondern auch am Individualismus scheitern.

Biografisch sind wir ebenfalls keine Kopien, vielmehr hat der Generationenkonflikt sowohl das Potential zur Entwicklung wie zur Zerstörung in sich. Die Bibel und die Freudwerke[3] sind voll davon. Auch der archaische Bruderzwist zwischen Kain und Abel scheint mehr zu sein als eine Parabel. Auf der anderen Seite ist die Familie selbstverständlich eine tiefe und unerschöpfliche Quelle des Menschen, Orientierung und Fundament zugleich, allerdings muss es nicht die genetische Familie sein. Seit Jahrhunderten tobt der Streit zwischen Natur und Kultur im Menschen, seine vielleicht eigentümlichsten Ausformungen waren die Gestalttheorie[4] auf der einen Seite und der ein Jahrhundert später entstandene Sozialdarwinismus auf der anderen Seite. Beide gehen von einem monokausalen Zusammenhang zwischen Seele und Genetik aus.

So wie aber die regionale Kultur das Konglomerat der eingewanderten Menschen ist, so ist der Mensch auch die Mischung der verschiedensten, vorher oft nicht absehbaren genetischen und kulturellen Eigenschaften. Das macht gerade seine Stärke aus. Immer wieder aber wird die Schwäche aus der Einfalt konstruiert, werden Menschen auf eine, oft zufällige Eigenschaft reduziert. Stellen wir uns vor, ein Mensch aus dem Osten Deutschlands ist schwul, linkshändig, dunkelhäutig, farbenblind, kurzsichtig, stotternd und zuckerkrank. Was an ihm oder ihr ist dann Ossi mit dem Hang zu populistischen Gurus, ob sie nun Gauck, Gauland oder Gysi heißen?  Vielmehr zeigte sich nach den vierzig Jahren der Trennung, dass die Verschiedenheiten von Ost und West nicht größer waren als die von Nord und Süd. Nicht jeder Unterschied und nicht jede Gemeinsamkeit ist uns gleich oder überhaupt bewusst. Deshalb ist Geschichte interessant, auch in der merkwürdigen Doppeldeutigkeit des Wortes. Geschichtslos ist gesichtslos. Nur, wer denken kann, kann auch gedenken. Das Leben wird nur nekrologisch logisch. Deshalb kann man an kaum einer Stelle des Lebens Evidenz verlangen. Wir wissen selten genau, warum wir uns jetzt so oder so entscheiden. Wir wissen deshalb auch nie genau, warum wir dieser Mensch geworden sind, der wir geworden sind. Wir können es aus keiner Logik ableiten. Überhaupt heißt, nach Dr. Dr. Schiller, warum zu fragen, sich in den Jungle von tausenden Möglichkeiten zu begeben, deren jede einzelne wieder tausend Ursachen und Abweichungen beinhaltet. Aber die Diversität einzuräumen heißt noch lange nicht vor ihr zu kapitulieren. Lesen wir hin und wieder einen 1000-Seiten-Roman[5], um uns zu erinnern, dass wir in diesem Moment ein Wort aus einem Tausend-Seiten-Roman sind, bei dem auf jeder Seite tausend Wörter stehen, wie in diesem Blog, von denen jedes tausend Bedeutungsschattierungen hat.

 

[1] süddeutsch für Töpfer, englisch potter

[2] Ernest Renan, Nationtheoretiker

[3] Sigmund Freud, Begründer der Psychoanalyse

[4] Lavater, Physiognomik

[5] Krieg und Frieden, Der Mann ohne Eigenschaften, Joseph und seine Brüder, Ulysses, Glasperlenspiel, Der Klang der Zeit, 4321