DAS PARADOX DER SPRACHE. WORTE.

Nr. 373

 

Fünfundsiebzig Jahre nach dem letzten großen Krieg sprechen die Enkel und Urenkel immer noch die Sprache der Täter, ihrer Ahnen, obwohl sie deren Ziele und Taten verurteilen, ablehnen und schon lange nicht mehr nachvollziehen können. Dabei ist der Streit um den Antisemitismus höchst aktuell, nicht nur, weil es erneut antisemitische Gesinnungen gibt, die Taten ermutigen und erlauben, sondern weil es inzwischen auch andere Menschengruppen in unserer Gesellschaft gibt, die ausgeschlossen und angegriffen werden. Sowohl die Angreifer als auch die Angegriffenen sind kleine Minderheiten, vielleicht deshalb glaubt eine große Mehrheit, schweigen zu dürfen. Den Begriff und die Vorstellung der schweigenden Mehrheit zu Rechtfertigung erfand der irrationale Amtsvorgänger von Trump, Richard M. Nixon, auch Tricky Dick genannt. Nixon hat es mit seinen üblen Tricks nicht geschafft, die amerikanische Gesellschaft zu entdemokratisieren. Man kann optimistisch sein, dass es auch Trump nicht schaffen wird, sicher ist es nicht.

Die Sprache der Täter ist sicher nicht die Ursache für Angriffe auf Menschen, und die meisten europäischen Länder sind in einem Maße sicher und lebenswert, das im Kongo oder in Honduras, wo pro Jahr und auf 100.000 Menschen bezogen achtundfünfzig >Mal mehr Menschen durch Mörderhand sterben, unvorstellbar ist. Trotzdem ist es merkwürdig, dass wir es nicht lassen können, nach Rechtfertigungen für die Untaten unserer Vorväter ausgerechnet bei ihnen selbst, den Tätern zu suchen.

So heißt es noch heute: diese Menschen wurden ‚aus rassischen Gründen‘ ermordet. Vielleicht schleppen wir diese Formulierung schon seit den ersten Nachkriegsjahren mit uns herum, aber das rechtfertigt sie nicht. Es gibt keine ‚rassischen Gründe‘, weil es keine Rassen und keine Gründe gibt, Menschen zu töten. Die Juristen schlagen für dieses Phänomen einen Sammelbegriff vor, nämlich ‚niedere Beweggründe‘, zu den Mordmerkmalen zählen noch das Naziwort ‚Heimtücke‘ und die sehr relative ‚besondere Grausamkeit‘. Aber alle diese Begriffe sind besser als die ‚rassischen Gründe‘, die selbst das Bundespräsidialamt benutzt.

Wenn wir uns in die zwanziger Jahre des vorigen Jahrhundert zurückversetzen, dann sind die damals lebenden Menschen insofern entschuldigt, als dass sie in der Schule lernten, dass es drei verschiedene, auch qualitativ differente menschliche Rassen gibt. Man kann nicht von jedem Schüler verlangen, dass er im Lexikon nachsieht, um zu überprüfen, ob das, was der Lehrer sagt und an den Schautafeln im Klassenzimmer steht, auch wirklich gut ist. Hätte er jedoch im Meyers Konversationslexikon von 1907 nachgelesen, so hätte er zumindest eine differenziertere Sicht gefunden. Man kann nicht von jedem Schüler verlangen, dass er in der Bibel nachliest, ob das, was seine Lehrer sagen, wenn schon nicht wissenschaftlich haltbar, so doch moralisch unanfechtbar ist. Weder im alten noch im neuen Testament gibt es ausdrückliche Segregation. Der Satz des Kain ‚Soll ich meines Bruders Hüter sein‘ bezieht sich zwar in der Geschichte auf einen leiblichen Bruder, aber die Geschichte steht symbolisch für die neolithische Revolution, meint also den jetzt gefährdeteren Mitmenschen. Yesus hat nicht nur alle Menschen, die er kannte, für gleich erachtet, sondern Gleichnisse dafür geliefert, so das vom barmherzigen Samaritaner, das einem ganzen Berufungszweig den Namen gab (Samariter), oder das von der Ehebrecherin, in dem er sich zu einem der größten Sätze der Moralgeschichte aufschwang.

Die ständige Betonung der Herkunft ändert nichts an der in allen Religionen und Philosophien betonten Gleichheit der Menschen. Die Menschen unterscheiden sich, ‚nur von Seiten ihrer gründe nicht‘, könnte man einen der großen Gedanken der Aufklärung hier anwenden. Was ist die Form einer Nase (oder was Sie wollen) gegen einen Gedanken oder gegen die seit altersher überlieferte Gastfreundschaft. Diese Gastfreundschaft ist doch die freundliche Aufnahme eines unbekannten Menschen auf die Vermutung und Gewissheit hin, dass er ein Mensch wie du und ich ist. Der urbane Mensch hat diese Spontanfreundschaft auch auf domestizierte Tiere übertragen. Erst in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts wurde das Kindchenschema entdeckt. Jetzt wissen wir, dass die böse Wölfin unser Baby versorgt, das wir im Wald liegenließen.

Die Betonung der Herkunft dient sehr oft als Rechtfertigung für das Böse. Deshalb ist es nicht besonders praktikabel, dass wir zwar das Wort ‚Rasse‘ geächtet, ‚Rassismus‘ aber beibehalten haben. Den Gebrauch der Worte kann man nur schwer ändern, das ändert nichts an der Weisheit des Laotse, dass das Übel in den Worten seinen Ursprung hat. Mein Vorschlag für die Ablösung von ‚Rassismus‘ ist das etwas sperrige Segregation, das sowohl im anglophonen Raum als auch in der Wissenschaft schon lange verwendet wird. Für das Gegenteil, die empathische Gleichstellung aller Menschen, die oft mit der Zerschlagung ihrer Ketten einherging, bietet sich das historische Wort Abolitionismus an, das man englisch und lateinisch aussprechen kann und das ursprünglich die Befreiung der Sklaven meinte, dann aber überhaupt die Befreiung der Menschen. Man ist noch lange nicht frei, lässt Lessing sagen, wenn man seiner Ketten spottet.

Nicht ganz so grundlegend ist die sprachliche Rechtfertigung des Krieges, weil Krieg oder nicht Krieg nicht so sehr vom Willen des einzelnen abhängt wie die Diskriminierung anderer Menschen. Der zweite Weltkrieg, hier oft wörtlich zu verstehen als der letzte große Krieg, wird von der Seite des Angreifers her einmütig missbilligt, bis auf ein paar Neonazis auch von den meisten Deutschen.  Trotzdem kann man beiläufig lesen, dass jemand am ‚Polenfeldzug‘ teilgenommen hat, das ist die euphemistische Nazibezeichnung für den Überfall auf unser Nachbarland, für den das schon erwähnte Wort ‚Heimtücke‘ besonders zutrifft, weil mit dem gefakten Überfall auf den Sender Gleiwitz ein Rechtfertigungsgrund geschaffen worden war: Seit fünf Uhr, sagte Hitler im Reichstag, wir ZURÜCKgeschossen. In den lexikalischen Biografien der Nazigeneräle stehen übrigens minutiös alle Auszeichnungen und Orden aufgelistet, die sie bekanntermaßen für gigantische und monströse Untaten erhielten. Hier dürfte die Grabsteinfrage WARUM? angebracht sein, denn diese Praxis könnten wir ganz leicht ändern. So schön das Wort ‚Heeresluftschifffahrt‘ auch sein mag, es bezeichnete eine ebenso grausige Tatsache wie das vom Schlachten herkommende Wort Schlacht. Und übrigens dauerte der Krieg gegen Polen keinesfalls nur siebzehn Tage, wie die Nazipropaganda bis heute glauben machen will. Polnische Einheiten kämpften auch in der Befreiung von Berlin mit, die nicht nur die letzte große Schlacht des zweiten Weltkrieges, sondern der Menschheit war.

Aber auch den Siegesfeiern etwa in Russland, Frankreich und Kanada, so verständlich und berechtigt die Freude über den Sieg auch ist, haftet ein Quäntchen Nostalgie des Krieges, der Uniformen, Orden und nicht zuletzt Waffen überhaupt an. Es ist viel schwerer auf eine berechtigte Siegesfeier zu verzichten, als auf der Rechtfertigung eines noch dazu unsinnigen und heimtückischen Angriffs zu bestehen. Die Gleichberechtigung der Nationen, die den Krieg begonnen und die ihn gewonnen haben, wäre durch den Verzicht auf Waffen wiederhergestellt, und zwar auf die menschlichste und religiöseste Weise, die überhaupt denkbar ist.

Die Herstellung und der Verkauf von Waffen ist nicht die Ursache des Streits, wohl aber die Verlängerung eines äußerst falschen, in das Grunddilemma des Lebens führenden und immer kontraproduktiven Versuchs der Konfliktlösung.

Der Grundimpetus menschlichen Daseins ist die Fürsorge, und die Freude sollte ihr ständiger Begleiter sein. Für beide braucht man keine Waffen, auch nicht als Metapher.

GRÜNSPAN ALS FANAL

Dieser Text wird jedes Jahr am 8. November veröffentlicht

träume sind erinnerung an taten

taten sind erinnerung an träume

Woher wusste er, dass seine Tat schon am nächsten Tag in den Schlagzeilen aller europäischen Zeitungen stehen würde? Die Zeit ist nicht nur manchmal reif für Erfindungen oder Kriege, sondern auch für Fanale. Nicht alle Fanale jedoch werden gehört und gesehen. Sein Fanal ist von den Nazis willig aufgegriffen, von allen anderen, Europäern und Amerikanern, aber ignoriert worden. Die Nazis hatten endlich einen Beweis und die anderen, wer weiß, sahen sich in einem Vorurteil bestätigt. Aber in welchem? Wir alle wissen heute, dass es eine Verschwörung der Menschen aus dem schtetl[1] nicht gegeben haben kann. Vielmehr ist Grünspan ein Vorbote der Schulversagergeneration. Allerdings zählt dazu leider auch Hitler. Während man früher als Schulversager keine Chance hatte, ist das Widersetzen gegen die Welt der Erwachsenen bei manchen ein Synonym für Innovation, die, wie im Falle Hitlers aber auch ein Rückgriff sein kann. Grünspan dagegen wollte ein Signal dagegen setzen, dass der Staat sich das Recht anmaßen kann zu bestimmen, wer wo und wann sein darf oder soll. Die Freizügigkeit gehört zur Demokratie wie die Freiheit überhaupt, die Selbstbestimmtheit und die Intimsphäre. Er sah etwas verletzt, was zum Menschen gehört, aber damals noch nicht Allgemeingut war. Die Länder, die nicht so antisemitisch wie Deutschland und Polen waren, öffneten sich aber auch nicht sofort und vollständig für den zu erwartenden Flüchtlingsstrom, sondern gaben den Deutschen insgeheim Recht: ein Jude aus Polen zu sein bedeutete damals nichts Gutes. Fügt man dann noch Frau und Linkshänder hinzu, werden alle Vorurteile durch den Namen Curie hinweggefegt. Grünspan wollte zeigen, dass es unrecht ist, dass man erst zweifacher Nobelpreisträger sein muss, um überall geduldet zu werden. Dulden ist auch das falsche Wort. Jeder Mensch muss überall ganz selbstverständlich sein, dann wird die Welt bewohnbar. Der Streit zwischen Freiheit und Ordnung darf nicht Menschen opfern. Loyalität schließt den Tod nicht ein. Hätte Grünspan die heute zugängliche Literatur gelesen, so hätte er wissen können, dass in diesem Sinne seine Tat auch ‚falsch‘ war. Selbst wenn Tyrannenmord als Ausnahme vom Tötungsverbot bestehen bleibt, so kann man sich nicht beliebige Projektionsopfer wählen. Töten ist immer falsch, aber die Schuld am Töten kann man jetzt nicht Grünspan aufbürden, der intelligent genug war, aber nicht genug Zeit hatte, darüber nachzudenken. Grünspan wollte nicht gezwungenermaßen staatenlos sein, aber auch nicht freiwillig tatenlos. In bezug auf die Wahl seiner Mittel ist Grünspan ein Opfer des Zeitgeistes, aber für das, was er tat, gehört er auf die Liste der Weltinnovatoren. Grünspan ist der Vorkämpfer gegen jede Willkür der Behörden, die schon Hiob und Hamlet beklagten und die auch heute noch so viel Schaden anrichtet, obwohl die Behörden wissen können, dass sie Diener und nicht Herrscher sind. Auch ist er das letzte mögliche Signal gegen den Racheimpuls, der in jedem von uns als archaisches Element steckt, dem von Goebbels schon einen Tag nach Grünpans Tat brutal und alttestamentarisch nachgegeben wurde, der aber für immer geächtet ist durch die Unverhältnismäßigkeit. Das Leid wird durch Rache immer verstärkt, vergrößert. Dagegen verbessert sich das Gesamtsystem, wenn man etwas für andere tut. Das gilt sogar auch für die Grünspan-Initiative. Denn wir wissen heute, dass man Menschen nicht hindern darf, dahin zu gehen, wohin sie wollen. Leben – und wieviel mehr fliehen – heißt aber immer Risiko. Man kann das Leben genauso wenig optimieren wie Märkte, Regierungen und Wasserströme. Auch dafür ist Grünspan ein Zeuge. Er ging mit fünfzehn Jahren ohne Schulabschluss von seinen Eltern weg und es ist ihm alles gescheitert, außer in die Geschichte als leuchtendes Fanal einzugehen. In dem Punkt ähnelt er Gavrilo Princip. Auf den wenigen Fotos, die es gibt, sieht er nicht glücklich aus. Er ist gerade von der französischen Polizei verhaftet worden. Glücklichsein scheint nicht der Sinn des menschlichen Lebens zu sein, nur zu leben, ohne etwas zu tun, aber auch nicht.

Niemand von uns kann die Konsequenzen seines Handelns absehen, nur machen die meisten so wenig, dass man die Folgen vernachlässigen kann. Es wäre also fatal, wollte man die Ermordung des Legationssekretärs Ernst vom Rath als voraussehbares Signal zum Holocaust deuten. Also etwa so: Hitler hätte sich nicht getraut sechs Millionen Menschen umzubringen, wenn Grynszpan[2] nicht vorher den Botschaftssekretär erschossen hätte. Das ist absurd, so kann es nicht gewesen sein, vielleicht war es nicht einmal so, dass die Nazioberen auf ein Signal gewartet haben. Dafür dass sie gewartet haben, spricht eigentlich nur der erste September 1939, wo sie den Anlass, das Signal auf perfide Weise selbst geschaffen haben. Auch zum neunten November 1938 kann man annehmen, dass Goebbels nachgeholfen hat, denn der Legationssekretär hatte außer den Schussverletzungen auch eine Krankheit, die er sich durch homosexuellen Geschlechtsverkehr zugezogen hatte. Wenn man ihn sterben ließ, und dafür spricht einiges, hatte man nicht nur einen Märtyrer mehr, sondern einen schwulen Nazi weniger. Indessen war Ernst vom Rath genauso wenig Nazi wie Grynszpan von der jüdischen Weltverschwörung beauftragt.  Vom Rath orientierte sich an seinem Onkel Köster, dem deutschen Botschafter in Paris, mit seiner kritischen Sicht auf die Nazis. Dieser Köster wurde wahrscheinlich von Hitler in Paris belassen, um dem Naziregime einen pluralistischen Anschein zu geben. Später wurde er ermordet. Grynszpan wurde von der Verzweiflung seiner ausweglosen Lage getrieben. Er hatte nirgendwo eine Aufenthaltsgenehmigung. Als er hörte, dass seine Eltern und Geschwister nach Polen ausgewiesen worden waren, kaufte er sich vom ersparten Geld eine Waffe und ging in die deutsche Botschaft. Wahrscheinlich hat vom Rath ihn empfangen, weil er das genau so sah. Grynszpan ist ein Vorkämpfer der Freizügigkeit. Eigentlich wollte er dagegen protestieren, dass seine Eltern in ein Land ihrer Unwahl abgeschoben wurden, er aber nirgendwohin konnte, denn er war auch keine Pole mehr, Deutscher schon gar nicht, in Brüssel zeitweilig geduldet, in Paris illegal. Er war ein Europäer aus Hannover, der sich nach Geborgenheit sehnte, denn als er nach dem Einmarsch der Deutschen zufällig frei kam, begab er sich in die Obhut der französischen Behörden. Er war kein Anarchist. Was mag er dann im deutschen Gefängnis und im KZ Sachsenhausen getan und gedacht haben? Er folgte jedenfalls der Strategie seines französischen Verteidigers, indem er darauf bestand, dass er gar nicht hätte ausgeliefert werden dürfen und dass er vom Rath aus homosexuellen Kreisen kannte. Das rettete ihn vor einem Schauprozess mit Todesstrafe. Rettete ihm diese Argumentation auch das Leben? Vielleicht war es aber noch ganz anders. Grynszpan hatte sich eine Waffe gekauft, um den deutschen Botschafter zu erschießen. In der deutschen Botschaft angekommen, traf er auf Rath, den er kannte und der sich das Leben nehmen wollte, weil er diese furchtbare Krankheit hatte. Rath riet ihm, ihn zu erschießen und den Botschafter zu verschonen. So haben sie beide in einem letzten Einvernehmen ihre Probleme gelöst. Wäre Grynszpan die Reinkarnation von Hiob, so hätte er überlebt. Er wäre vielleicht der US-Finanzminister geworden oder gewesen. Später glaubte er nicht mehr an Fanal und Rache, sondern an Worte. Er sagte zum Beispiel: Ich weiß, dass Sie glauben, Sie wüssten, was ich Ihrer Ansicht nach gesagt habe. Aber ich bin nicht sicher, ob Ihnen klar ist, dass das, was Sie gehört haben, nicht das ist, was ich meine. Er war in Satzkonstruktionen geflüchtet, denen niemand folgen konnte und sie deshalb lieber bewunderte als kritisierte. Er hatte erkannt, dass Zinsen, Schulden und Wachstum nicht nur rein quantitative Parameter sind, sondern auch durch die Qualität der dahinter stehenden Leistungen und Waren bestimmt sind. Das alles hätte er nicht wissen können, wenn er nicht an jenem siebten November den Mann erschossen hätte, der erschossen werden wollte, aber damit gelichzeitig das Fanal für die Würde des Menschen geliefert hat. Er war der moderne Hiob, der Hüter der Brüder.

[1] jiddisch für jüdischen Wohnplatz

[2] polnische Schreibweise

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DER WERT EINES APFELS

Im Fernsehen beißt ein Mann oder eine Frau in einen Apfel und als Text hört man, dass man sich krankenversichern oder prophylaktisch behandeln lassen soll, damit man später auch noch so kraftvoll in Äpfel beißen kann. Unsere liebsten Äpfel kommen aus Neuseeland und Israel. Dagegen ist nichts einzuwenden. Das sind die neuen Eckdaten für ein einstiges fundamentales Lebenssymbol.

Durch den Überfluss der Dinge haben sich sowohl das Ranking als auch der Fokus verschoben. Der Mensch entfremdete sich erneut von seinen Lebensgrundlagen. Die erste Entfremdung war bekanntlich die Industrialisierung, die Arbeiten wurden – aus handwerklichen oder bäuerlichen Produzenten – zum Teil des Arbeitsprozesses oder sanken sogar zum Maschinenteil herab. Ein Arbeiter bei VW, der die Setzung von 400 Schweißstellen pro Minute sowohl am Monitor als auch analog verfolgt, erhält einen Teil seiner Selbstständigkeit zurück: er kann die ganze Arbeit verwerfen und verschrotten. Die zweite Entfremdung lässt uns genetisch manipulierte, aus Massentierhaltung stammende oder über eine Entfernung von mehr als 18.000 Kilometern herbeigeholte Lebensmittel verzehren, zu denen wir kein Verhältnis entwickeln können. Gleichzeitig erklärt sich der Bauer im Nachbardorf, der mit computergesteuerten Systemen 2000 Hektar bearbeitet, zum wichtigsten Beruf. Als Gipfel dieser unheilvollen Phase sieht man immer wieder eine geschälte Mandarine, die in Plastik eingeschweißt ist. Eins unserer Hauptprobleme heißt Verpackung, die auch ein Teil der Entfremdung ist. Eine einfache Influenza-Diagnostik beschäftigt heute eine ganze Phalanx von Maschinen, die den Ärzten jedes empirische Denken und Handeln buchstäblich aus der Hand nimmt.

Immer wieder gibt es Versuche, unser Leben zu reformieren, auf den Boden der Natur zurückzuführen. Vor hundert Jahren blühte eine vielschichtige Reformbewegung, die auf Obsternährung, Sport und Genossenschaften gründete. Nackte, langhaarige Prediger zogen durch Europa und ermahnten die Menschen zur natürlichen Lebensweise. Fünfzig Jahre davor warb der viel gelesene Graf Tolstoi für Bildung und Einfachheit, allerdings in extrem christlicher Ausprägung. Wieder hundert Jahre zurück glaubte Rousseau, dessen Einfluss man nicht überschätzen kann, dass die damals so genannten Wilden das eigentliche Leben repräsentierten, während jede Zivilisation notwendig rückwärtsgeht.

Wie zwei Lavaströme aus dem Eyjafjallajökull laufen also die Rationalisierung genannte Entfremdung und die Reformierung genannte Rückkehr zur Natur nebeneinander. Eine Maschine nach der anderen wurde erfunden, heute redet man fast ausschließlich von Künstlicher Intelligenz, also von Maschinen, die Maschinen und Technologien ohne weiteres Zutun des Menschen herstellen. Der Alptraum dieser Entwicklung sind Milliarden von Menschen, die weder verhungern noch etwas tun.

Der Apfel muss als Tatsache und als Symbol wieder in unser Bewusstsein und in unsere Jackentasche zurückkehren. Nicht nur vor dem Weltuntergang und nicht nur jeder Mann sollte einen Apfelbaum selbst pflanzen und nutzen. Schon allein die dann entstehenden Gespräche wären eine ungeheure Bereicherung. Dabei wäre die autarke Ernährung auf dem Land nur ein abstraktes und ideales, der Vitamin- und Sauerstoffreichtum das konkrete Ziel.

Bildung sollte weniger als staatliche, oft widerwillige wahrgenommene Aufgabe gesehen werden, sondern als kollektive und vor allem aktive Aneignung der äußeren, der maschinellen und der inneren Welt. Als Fächer genügen Fußball, Theater und Scouting. Alle notwendigen Abstraktionsprozesse würden sich unterwegs ergeben. Vorbild ist nicht nur der katechetische und maschinengestützte europäische Bildungstyp, sondern auch der afrikanische Ubuntukreis mit fünfzig Schülern als Gegenmittel zu allzu ausgeprägtem Individualismus.

Arbeit muss wieder als Wertschöpfung wahrgenommen werden können, das heißt, sie muss es auch sein. Die beiden größten Errungenschaften, das Handwerk und die Landwirtschaft, müssen von jedem Menschen auf der Erde verstanden und praktiziert werden. Wir können nicht mit dem Wahn weitermachen, immer nur die letzte Erfindung als größte und einzige Möglichkeit zu verstehen. Der gegenwärtige Preisunterschied zwischen industriellen und handwerklichen Produkten würde sich durch eine Verschiebung der Anzahl der Produzenten ausgleichen. Wie die Lebensreformbewegung vor hundert Jahren setzen wir auf Genossenschaften als Organisationsform. Aber auch die vor zwanzig Jahren eher ironische gemeinte ICH-AG sollte ernsthaft gedacht werden.

Der Lebenssinn ergibt sich aus den neuen und überdimensionierten Möglichkeiten der Kunst als Antikonsum. Durch die milliardenfache Reproduktion ist Kunst einerseits zum Konsumartikel herabgesunken, andererseits aber durch die Inflation von Zeit und Geld für jeden machbar. Es fehlen – als Bindeglied – oft nur die Fertigkeiten. Fiktion ist längst Teil der Wirklichkeit geworden, aber viele glauben noch und nur an die Kraft der immer wackliger werdenden Fakten. Die Menschen sehnen sich sowohl nach Sinn, der sich aus Kunst, als auch nach einem Übervater oder einer Übermutter, die sich aus entzerrter Religion ergeben. Jede Institution trägt den Keim der Spaltung und des Wahns in sich. Vielleicht und hoffentlich eröffnen die online-Vernetzungen neue Möglichkeiten.

Zwei Irrwege der Industrialisierung sind die großen Städte und das Automobil. Die Konzentration von Menschen als Arbeitskräfte war nur eine historische Etappe, ist heute überflüssig. In den nichtindustriellen Ländern ist dieser Irrweg ohne Industrie, aufgrund der bloßen Hoffnung auf ein besseres Leben nachgeahmt worden. Allein die Slums von Lagos, der 22-Millionen-Stadt in Nigeria, mit ihrer eigenen Lebens- und Produktionsweise, teilweise auf dem Wasser, ihrer Kunst und ihrem Leid und hunderttausendfachem Tod auf Megatonnen Müll, sollte ein schnelles Umdenken von den Städten aufs Land bewirken. Fragt man alte Menschen in dünnbesiedelten Gegenden, warum sie ein Auto – in Australien und Island auch gerne ein Flugzeug – benutzen, dann zeigt sich die Grundversorgung als Hauptgrund. Aber jede Ware ist heute online bestellbar und mit Elektroautos am nächsten Tag lieferbar. Die medizinische Versorgung muss ebenfalls einfach neu organisiert werden.

Es geht also nicht um einen neuen Maschinensturm – silesian weaver’s like -, sondern um den Unterschied von Renaissance und Konservatismus. Während der Konservatismus zwangläufig auch schädliche Traditionen – wie zum Beispiel die Wehrpflicht oder das Robbentöten – bewahrt, kann die Renaissance diejenigen Elemente der Vergangenheit wiedergebären, die jetzt einen völlig neuen Sinn oder einen Zweck für alle – omnibus, ubuntu -, eine neue Dimension oder eine ungeahnte Vernetzung haben.

Globalisierung – seit 1444! – ist auch angstbesetzt, die einen fürchten eine Islamisierung, die andern eine Anglisierung. Diese Ängste mögen verständlich sein, nachvollziehbar sind sie zum Glück nicht. Mit dem Wohlstand sinkt nicht nur die Kinderzahl, sondern auch die Notwendigkeit institutionellen Glaubens. Statt also Angst zu kultivieren, sollten wir lieber – freiwillig – einen Weltramadan einführen und uns freuen, dass wir mit jedem Menschen, welcher Muttersprache auch immer, in Englisch online – und natürlich auch analog – reden können.

Lasst uns lieber Gedanken importieren als Äpfel.

DAS PARADOX DER INTOLERANZ

Nr. 372

Popper schrieb sein berühmtes Buch* mit dem jetzt viel- und oft einseitig zitierten Abschnitt während des zweiten Weltkriegs. Es erschien 1945. Popper, damals noch nicht Sir, hörte in seinem inneren Ohr Goebbels im Volksempfänger** rheinisch singsangbellen und sah Coventry und Dresden ‚ausradiert‘. Unter diesem Eindruck schrieb er, dass es eine ultima ratio, ein letztes Mittel geben müsste, wenn die Gegenseite der Intoleranz vom Weg des Diskurses abkäme und zu offener Gewalt aufriefe. Dann, und nur dann, kann die Toleranz ihrerseits ausnahmsweise von ihrem Weg abkommen und zur staatlichen Gegengewalt greifen.

Die Welt ist heute zum Glück eine andere. Wir wissen heute, dass Toleranz keine Substanz ist, sondern ein Attribut. Sie kann nur eingebettet sein entweder in eine Religion der Liebe, aber keine uns bekannte Religion hat diese Liebe tatsächlich verwirklicht oder auch nur zu verwirklichen gesucht. Alle haben sich der Macht ergeben oder bedient und zu den Waffen gegriffen und sich im Turm der Wahrhheit geglaubt. Gerade auch solche Leute wie Luther haben auf schändlichste Weise Gewalt gepredigt und toleriert. Seine schmählichen Metaphern geistern noch heute wortgewaltig durch die Irrungen einer immer noch verstörten Welt. Also kann Toleranz nur das Attribut einer Demokratie sein, deren Ideal die Freiheit und deren Mittel die Bildung ist.

Goebbels war nicht nur sozusagen im Besitz des schwarzen Volksempfängers mit dem kleinen Hakenkreuz, er hatte ihn auch erfunden. Bis zur letzten Stunde des Naziregimes hat er aus ihm seine Thesen des Unheils gebrüllt. Anders die heutigen Nazis. Ihre Reden, Thesen und Zitate werden ausschließlich durch uns, die Demokraten und ihre Medien, verbreitet. Aus Furcht, dass ‚das Volk‘ – auch so eine Naziübertreibung – die Thesen als Losungen übernehmen könnte, werden sie schnell im öffentlichen Fernsehen wieder- und wiedergekäut. Dabei ahnen oder wissen wir, dass die AfD nicht wegen ihres dürftigen Parteiprogramms gewählt wird, sondern wegen ihres widerlich-pejorativen Zum-Munde-Redens. Diese zehn Prozent Kleinstnazis hat es immer gegeben, im Westen wie im Osten, aber sie hatten keine Führer. Jetzt haben sie sie in dieser Partei gefunden, und diese Führer haben sich selbst erst in dieser Partei gefunden. Das erste Sakrileg war die Europakritik des jetzt zurecht ausgepfiffenen Wirtschaftsprofessors Lucke. Der zweite Tabubruch, noch zögerlich und tastend, war die Wiedereinführung des ‚Völkischen‘ durch die gleichzeitig weinerliche und trotzige Bestschülerin Frauke Petry, deren Lehrer ihr Großes zutrauten und arg getäuscht wurden. Ihre historische Leistung war die Wendung dieser Partei zu den Nazibegriffen. Völkisch ist die Projektion des Nationalismus in jene Gesellschaftsschichten hinein, die sich nur schwer ein eigenes Bild machen können. Wenn Nationalismus nur durch Verführung entsteht, dann ist das Völkische die Vorstellung, dass die Bevölkerung schon vor der Verführung nationalistisch sein müsste wie ein Mädchen, das vor der Vergewaltigung schon von dem Vergewaltiger schwanger war.

Inzwischen, seit Goebbels‘ unfreiwilligem Tod, haben wir seit mehr als siebzig Jahren eine zuerst durchaus fragile, nun aber mit satten 80% der Wähler gefestigte Demokratie. Selbstverständlich verfolgt – nicht die Demokratie – der Staat Straftaten und Straftäter. Die Unabhängigkeit der Justiz hat sich, bei aller Kritik an einzelnen Urteilen, bewährt, wie man in Russland oder der Türkei am Gegenteil studieren kann. Passiert etwas Schreckliches, so hört man den Aufschrei der Politiker aller Parteien, dass der Rechtsstaat jetzt mit aller Härte durchgreifen müsse. Der Rechtsstaat hat aber nichts mit Härte zu tun. Unter Rechtsstaat versteht man das Prinzip, dass alle Entscheidungen staatlicher und überhaupt gesellschaftlicher Institutionen juristisch hinterfragt und im Streitfall eingeklagt werden können. Diese Verwechslung von Rechtsstaat und Exekutive ist der Verwechslung von Toleranz und Intoleranz sehr ähnlich. Zwar hinken alle Vergleiche, aber wir brauchen sie trotzdem zum besseren Verständnis.

Wenn die Toleranz tatsächlich die Intoleranten ausschlösse, müsste sie sich selbst in Intoleranz verwandeln. Es müsste eine Instanz geben, die entscheidet, wer tolerant ist , wer intolerant, wer also Toleranz verdient und wer mit Intoleranz geächtet werden muss. Das sind aber die Mittel und die Merkmale intoleranter, autoritärer Herrschaften, wie sie jetzt, vielleicht auch durch das mit Absicht herbeigeführte Missverständnis des Popperschen Toleranzparadoxes, überall aus den vermeintlichen Ruinen der Demokratie auferstehen.

Tatsächlich gab es einmal ein Toleranzedikt, auch das eine heute paradoxe Vorstellung: dass man Toleranz befehlen könne. Tatsächlich befahl der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg am 8. November 1685 die Aufnahme von französischen Glaubensflüchtlingen, die daraufhin in Berlin und Prenzlau ein Drittel der Bevölkerung stellten, was mit der Entvölkerung durch den dreißigjährigen ersten Weltkrieg zu erklären ist. Man könnte sagen, dass die Anordnung von neuen positiven Lebensweisen den Übergang vom absoluten, autoritären Staat zur Aufklärung kennzeichnet. Der Urenkel des Großen Kurfürsten führte auf diese Weise die Kartoffel ein und rettete damit sein Volk vor dem Hungertod, um es etwas pathetisch zu sagen. Sein Urgoßvater, eben jener Verfasser des Toleranzedikts, sorgte übrigens mit der Aufnahme der Hugenotten nicht nur für Toleranz, sondern auch für wirtschaftlichen Aufschwung.

Die Demokratie selbst ist das Toleranzedikt unserer Tage. Man kann ihm widersprechen, allerdings nicht mit Bombenanschlägen, die gleichzeitig eine Straftat sind. Die Verfolgung von Straftaten unterscheidet sich nicht so sehr in autoritären und demokratischen Systemen, wohl aber das Ziel der Strafe. In der Demokratie geht es um Resozialisierung. Wir glauben und wissen, dass der Täter eine Reihe von Gründen hatte, von denen man einen Teil durch Bildung, Erziehung und Chancengleichheit beseitigen kann. Die Kriminalität sinkt also, wenn die Strafen milde und gleichzeitig vorwärtsweisend sind. Allerdings gelingt dies nur bei knapp zwei Dritteln der Straftäter. Es gibt einige Bereiche mit einer hohen Wiederholungsquote. Andere Bereiche, etwa die Kapitalverbrechen, nehmen kontinuierlich ab. Die Aufnahme von Flüchtlingen führt nicht zu einem signifikanten Steigen der Kriminalität. Das bemerken auch die Führer der Intoleranzpartei, und sie fälschen dreist Statistiken und Berichte. Die Oberhysterikerin Weidel zum Beispiel warf der Bundesregierung vor, dass aus dem befriedeten Land Äthiopien Menschen ohne jeden Fluchtgrund eingeflogen werden. Tatsächlich handelt es sich um Menschen, die schon nach Äthiopien, einem der Hauptaufnahmeländer von Flüchtlingen, vor allem aus dem Südsudan und aus Somalia, geflohen sind und nun, zum Beispiel weil sie krank sind oder kleine Kinder haben, unter den unzureichenden Bedingungen in Flüchtlingscamps im südlichen Äthiopien zu leiden haben. Ein anders Hauptaufnahmeland, nämlich der Libanon, wird von uns finanziell unterstützt. Die Bundesregierung tut also das Gegenteil von dem, was die Weidel gehässig und falsch verkündet. Um auch eine Zahlenvorstellung zu vermitteln, sei erwähnt, dass in Deutschland im Jahr 2018 970.000 Menschen starben, nur 780.000 geboren und aus Äthiopien 1000 Flüchtlinge eingeflogen wurden.

In vielen Schulen oder Gemeinschaftseinrichtungen in Europa hängen heute kleine Toleranzedikte an der Wand, in den gemahnt wird, friedlich, ohne Mobbing und Streit miteinander auszukommen. Wir sollten lieber diesen schönen, auch sogar preußischen Begriff wieder aufleben lassen, statt den alten Sir Karl Popper bis zur Unkenntlichkeit zu verzerren.

*‘Die offene Gesellschaft und ihre Feinde‘, London 1945

**staatlich subventioniertes einfaches Radio in Nazideutschland

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DEFORMATION UND REFORMATION

 

Wenn Martin Luther Kardinal geworden wäre, gäbe es heute keine Waschmaschine. Aber an der Waschmaschine klebt ein kleines Schild: wer den Papst, die Juden und die Türken zu Feinden erklärt, hat Yesus nicht verstanden. Denn nur wer seine Feinde liebt, hat keine. Das Argument, dass man stürbe, wenn man sich nicht verteidigte, gilt ja wohl noch viel mehr, wenn man sich verteidigt. Der dreißigjährige Krieg, auch eine Folge von Luther, ist aber zugleich auch der Beginn der Diplomatie und Europas. Schade, dass es wieder einer Wahrheitssekte bedurfte, um zu mehr Freiheit zu kommen. Aber gilt das gleiche nicht für das Automobil, das auch gleichzeitig Weg und Unweg ist? Weder ist Gott eine Burg noch ist das Automobil die Freiheit, wenn es auch noch so viele glauben wollen. Solche Jubiläen wie ‚500 Jahre Reformation‘ verstärken auch immer die Inflation der Begriffe und führen dazu, dass man glaubt, die nächsten 500 Jahre nichts mehr davon hören zu können. Das Schicksal aller Innovatoren, selbst zu veralten und selbst zur Ikone zu werden, teilt Luther seit er auch Symbol bittersten Nationalismus wurde. Das beste Buch über Luther schrieb übrigens Feridun Zaimoğlu aus Kiel. Veränderungen sind weder gut noch böse, sondern haben tausend Seiten.

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LUTHERWORT UND NEUBÜRGER

KATASTROPHE? DAS SIND WIR SELBER.

Nr. 371

 

Anzeigen und Wasserwerfer sind keine erlaubten Bestandteile des Diskurses. Hätten meine beiden Mitreisenden im ICE darauf insistiert, hätte man sie als zeitgemäße Gesprächspartner akzeptieren können. So aber mussten wir schweigen zu einer unsäglichen Tirade, die genau dreißig Jahre zu spät kam.

Vor neunundzwanzig Jahren drehte sich im Osten des sich soeben wiedervereinigenden Landes die Stimmung radikal und total. Aus der Euphorie der D-Mark und der über Nacht gefüllten Ostkaufhalle, die wenige Tage vor dem 1. Juli 1990, dem Tag der Währungsunion, all das für Pfennige verhökerte, was schon die letzten Jahre niemand gekauft hatte. Das war eigentlich für niemanden ein Schaden, hätte aber als das Menetekel wahrgenommen werden können, als dass es sich kurze Zeit später herausstellte. Denn wenige Wochen und Monate nach diesen denkwürdigen Ausverkaufstagen wurden all die Menschen arbeitslos, die diesen wertlosen Plunder einst hergestellt hatten. Statt aber das Menetekel zu erkennen, übersahen sie die Ironie der Geschichte. Sie lachten herzlich über den Pfennigplunder, der meist auf Tischen auf der Straße feilgeboten wurde und die Regale leerräumen sollte, die tatsächlich – beinahe niemand hatte es so richtig glauben können – über Nacht mit all den schönen und schnuckligen Sehnsuchtsprodukten wieder aufgefüllt wurden, von denen man wiederum nie geglaubt hätte, dass sie je Dörfer und Städte im noch Bezirk Neubrandenburg genannten Teil Mecklenburgs und im noch Bezirk Karl-Marx-Stadt genannten Teil Sachsens erreichen könnten. Aber das Wunder war geschehen und sein Demiurg hieß Kohl, dessen Zenit aber genauso schnell sank, wie er gestiegen war. Denn wer mit dem ersten Lohnzettel, auf dem D-Mark stand, gleichzeitig seine Kündigung erhielt, der wollte an Wunder nicht mehr glauben.

Es ist im Jahr 1990 von kaum einem Ostbürger realisiert worden, dass er unverkäuflichen Plunder in schrottreifen Fabriken hergestellt hat, während er selbst von hochwertigen Farbfernsehern, Automatikwaschmaschinen (die im Westen schon nicht mehr so hießen, im Osten aber noch weitgehend unbekannt oder unerschwinglich waren), exotischen Geschirrspülern, Video-Recordern und vor allem Autos träumte. Der Tankstellenpächter der kleinen Stadt, in der wir seit fast dreißig Jahren wohnen, hatte sich zum Beispiel ein überteuertes  Faxgerät aufschwatzen lassen, das er nie brauchte und dessen Kopierfunktion er nicht verstand. Er wollte nichts und hatte auch nichts zu kopieren. Nachdem wir einige Male bei ihm getankt hatten, fragte er uns, ob wir ein Karussell oder einen Zirkus betrieben, so exotisch kamen wir ihm vor, und wir waren aus Ost-, nicht aus Westberlin, hatten aber einen gelb angemalten T2-Bulli.

In den nächsten Wochen und Monaten kreuzten sich zwei fatale Falschansichten: zum einen glaubten viele Menschen  im Osten, dass alles, was geschieht, durch den Staat getan wird. Der DDR-Staat war eine einzige Hybris. Man sollte ihm, wenn man zum Beispiel Medizin studierte, dankbar sein, dass man Medizin studieren durfte, nachdem man drei Jahre seines Lebens in der NVA* vergeudet hatte. Auf die Idee, dass er vielleicht Ärzte brauchen könnte, um seiner Fürsorgpflicht nachzukommen, kam der Staat anscheinend nicht. Der Staat ist auch keine Person, kein menschengestaltliches Wesen. Der Staat ist einfach die Verwaltung, böse gesagt die Bürokratie, die, wir wissen es von und seit Max Weber, die Tendenz zum kanzerogenen Wachstum hat, die mit Dauerhybris geboren wird und die schließlich von sich glaubt, selbst die Bewegung des Augenlids bedürfe eines siebenseitigen Antragsformulars. Diese im Osten gewollte Ansicht des Staates wurde nun auf den Westen übertragen, ohne zu bemerken, dass es im wesentlichen wirtschaftliche Prozesse waren, die nicht nur vor den Augen der entsetzten Ostbürger abliefen, sondern, die ihnen unter den Händen wegliefen, so wie sie selbst noch aus dem Territorium, in das sie achtundzwanzig Jahre hineingezwängt waren. Die Wirtschaft, und das war die zweite Falschperspektive, wurde nicht als eigenständige Kraft wahrgenommen. Wer also seinen Arbeitsplatz verlor, glaubte in seiner Selbstwahrnehmung, dass er ihm genommen worden war von einem Staat, den er zwar herbeigesehnt, aber dessen derart böse Schatten er nie und nimmer hatte erahnen können. Wer sich als passiv wiederfindet, muss über jede Aktion entsetzt sein.

Es ist dies das Paradox der frühen neunziger Jahre, dass die Menschen eine Befreiung aus der Mangelwirtschaft und dem Stacheldrahtkäfig wollten, nicht aber aus dem scheinbar perfekten monetären Sozialstaat, dessen Anteil an der Pleite sie nicht verstehen wollten, und aus dem ebenso scheinbar omnipotenten mentalen Fürsorgsystem, das von der sprichwörtlichen Sitzordnung auf den Krippentöpfchen bis zur sozialistisch geweihten Einäscherung reichte. Der Ostbürger war genauso gespalten wie das Land, dessen Drittel er nicht sein eigen nennen konnte, sondern mit der Sowjetunion aus Dankbarkeit teilen musste. So hatte zum Beispiel die Stadt Eberswalde 50.000 Einwohner, aber hinter den Kasernenmauern wohnten versteckt und verborgen noch einmal 50.000 Menschen, die miternährt und mitbeheizt werden mussten, die Mitglieder der ruhmreichen 10. Gardepanzerdivision. Man ahnte sie nur, wenn 1000 halbnackte blutjunge Soldaten 55 Güterwagen Braunkohle mit Forken entluden.

Aber auch der Westbürger hatte sein Paradox der neunziger Jahre. Er lächelte freundlich, außer wenn er ein Spekulant war, freute sich über die selffulfilling prophecy der Wiedervereinigung und wunderte sich über die mangelnde, ja sogar abnehmende Dankbarkeit der Schwestern und Brüder im Osten, aber das sagte schon keiner mehr. Auch hier machte sich Entsetzen breit über die falschen Cousinen und Cousins, die Flüchtlingsheime in Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda anzündeten und sternhagelvoll und mit bepissten Hosen, was das Westfernsehen genüsslich vorführte, Siegheil riefen, und die schließlich den falschen Heiland Kohl mit faulen Eiern bewarfen.

Kurz gesagt hatten beide Seiten ein widerspruchsfreies System erwartet, stattdessen hagelte es aber Widersprüche, Paradoxa und Dilemmata.

Es geht nicht um Politik oder Wirtschaft. Es geht um Beleidigtsein. Es nicht schlimm, wenn jemand komplexe Prozesse nicht versteht. In der Diktatur muss er darüber – zumindest öffentlich – schweigen, in der Demokratie dagegen ist er aufgefordert zu reden, und er redet. So waren meine beiden Mitreisenden im ICE nach Hamburg  im Begriff, dort ein großes Kreuzfahrtschiff zu besteigen und womöglich auf große Fahrt zu gehen. Diese Fahrt hätten sie in den Zeiten, von denen sie nun träumten, weder finanziell noch tatsächlich machen können: um ihr Ländchen war ein Zaun mit Stacheldraht und Selbstschussanlagen, Hunden und scharfen Posten aufgebaut. Das hatten sie vergessen. 5000 € sind ungefähr 10.000 DM, das sind etwa 70.000 Ostmark gewesen, allerdings nach illegalem Umtauschkurs, jedoch gab es keinen legalen Umtausch in dieser Höhe. Wer beim Tausch solcher Summen erwischt worden wäre, wäre unweigerlich für mindestens fünf Jahre nach Bautzen und nicht in die Karibik gefahren. Sie verballerten umgerechnet 70.000 Ostmark, aber debattierten über den scheinheiligen Staat, der das Bier, das einst fünfzig Ostpfennige kostete, dann zwei D-Mark, nun fünf € kosten lassen würde, weil seine Gier nach Steuern (keine Rede von HartzIV**, Wohngeld, Straßen, Schulen!) einfach absurd wäre: die Merkel ist schuld. Das ist das Paradox der Neuzeit, wenn es nicht sogar eine Katastrophe ist.

* Nationale Volksarmee

**HartzIV wird in dem Sinne auch nicht als Geldtransfer wahrgenommen, sondern als Strafe

DAS IST ES. MIGRANTEN SIND WIR SELBER.

 

Nr. 370

Die ältesten überlieferten Geschichten erzählen von Zwist, Neid, Hader und Brudermord. Aber diese Geschichten sind keine Zustandsberichte, keine Soziologie des Altertums, sondern sie sind Warnungen. Dem Verfasser einer dieser alten Warngeschichten fiel auf, dass wir, wenn man seine Geschichte wörtlich nähme, alle von Kain, dem Brudermörder und Stammvater des Neids, abstammten. Also bekamen Eva und Adam noch einen Sohn, Seth. Wenn wir alle von Neid und Bruderzwist zerfressen wären, wären wir schon längst ausgestorben. Sollten wir aussterben, dann nicht am Bruderstreit, sondern an unserer schamlosen Ausbeutung der Natur. Es wird ihr, seit wir nicht mehr hungern,  mehr entnommen als zurückgegeben. Das ist kein guter Deal.

Die menschlichen Beziehungen dagegen scheinen nur subjektiv enttäuschend zu sein, was tatsächlich eine Quelle der Kunst ist, der subjektivsten Art der Weltbetrachtung. Objektiv betrachtet – soweit das überhaupt geht -, jedenfalls in der Bilanz aller Bilanzen, soweit sie erkennbar ist, muss die Solidarität den Hass überwogen haben.

Wenn aber nun alle Feldzüge, die nach Meinung der Konservativen notwendig und allgegenwärtig, sogar der Vater aller Dinge wären und in der Natur des Menschen lägen, die dem Landerwerb oder der Landverteidigung dienten, nichts als verkürzte, komprimierte und militarisierte Migrationen wären? Dann würde die Migration aus dieser Sicht vom Makel befreit sein. Denn immer noch steht in fast jedem Dorf und in fast jeder Stadt ein Obelisk mit der Aufschrift, dass diese militarisierte Wanderung mit Gottes ausdrücklichem Segen stattfand. Im ersten Europakrieg wurden von hunderttausenden Soldaten tausende von Kilometern hin- und zurückgelegt und dabei zwei Dutzend Millionen Menschen umgebracht.  Das war nicht nur kein gutes Beispiel für Sesshaftigkeit und Lebensraum, es hatte auch nichts mit Treue, Nation und Religion zu tun. Es ging nur um Geld und Abschlachten. Zum Schluss dieses verheerenden und totalen Krieges trafen sich die Fürsten Europas in Münster und Osnabrück und schlossen das erste europäische Vertragswerk. Nicht der Krieg war also notwendig, sondern eine neue Ordnung, und die ist nicht durch den Krieg erreicht worden, sondern durch den Westfälischen Frieden.

Was aber sind die unbewaffneten Völkerwanderungen? Können sie nicht die Folge zu stringenter Ordnungen sein, die dann zum Krieg oder zum Ausweichen ganzer Bevölkerungsgruppen führen? Die Hamelner Rattenfängerlegende und vorher der Kinderkreuzzug können Hinweise auf gezielte Migration überzähliger Bevölkerungsgruppen, in diesem Fall von Kindern und Jugendlichen sein. Aber auch sonst weisen Migranten eine Reihe gemeinsamer Merkmale, wie Flexibilität, Resilienz und eine große eidetische Bewahrkraft,  auf. Nicht unbedingt eine überdurchschnittliche Intelligenz oder eine hohe Berufsqualifikation, sondern eine – auch sprachlich-mental – besondere Anpassungsfähigkeit und -willigkeit. Eine schleichende Invasion völlig feindlicher Kräfte zur Unterwanderung einer alten Kultur, wie sie AfD und andere rechte Gruppierungen besonders seit Sarrazins unseligem Buch von 2010 und seit 2015 immer wieder beschworen haben, ist schon von daher Unsinn. Sarrazin geht einerseits von einer Übernahme durch Fertilität, andererseits aber von der genetischen Unfähigkeit muslimischer Einwanderer durch Inzucht aus. Eine ähnliche Ungereimtheit trat dann gleich zu Beginn der sogenannten Flüchtlingskrise aus, indem einerseits den Flüchtlingen unterstellt wurde, dass sie weder arbeiten könnten noch wollten (‚make the lazy nigger working‘), sie aber andererseits und enigmatischerweise eine direkte Bedrohung für die Arbeitsplätze der autochthonen Bevölkerung wären.Inzwischen hat die Rechte ohnehin die Gefahr aus dem Islam zugunsten der afrikanischen Invasion fallengelassen.

Auch das Ausweichen vor Hungersnöten, wie zum Beispiel die irische und deutsche Auswanderung in der Mitte des 19. Jahrhunderts, fällt in diese Kategorie, denn spätestens seit Friedrich II. wissen wir, dass der Staat sehr wohl, auch vorausschauend, für seine Untertanen sorgen kann und muss, nicht nur für die bewaffneten.

Der Kulturaustausch in Kriegszeiten wird fast immer im wesentlichen auf der Vergewaltigung und Zerstörung menschlicher, wirtschaftlicher und baulicher Existenzen beruhen. Trotzdem lässt sich nicht bestreiten – auch wenn das den Vorwurf des Zynismus einbringt -, dass alle Konzepte oder auch nur Vorstellungen von nationaler oder ethnischer Reinheit eben durch die Angreifer und immer ad absurdum geführt werden. Es gibt sie nicht. Wo Menschen aufeinandertreffen, ob im Guten oder Bösen, tauschen sie Gene und Geist, Erfahrungen und sogar auch Traditionen aus. Deshalb flüchten alle segregationistischen Modelle, alle erzkonservativen Ordnungen, alle Mauerbauer und Intelligenzverwalter zum Schluss immer in biologistische Wahnvorstellungen: es ist eben so. Durch Segregationsschübe kommt es immer wieder auch zu Liberalisierungen. Da aber die Bildung weltweit zunimmt, haben autokratische Systeme und segregationistische Modelle immer weniger Chancen sich durchzusetzen, wenn sie es auch auch wieder und wieder, wie eben jetzt, versuchen.

Auf die Frage, ist aber zum kulturellen Austausch Migration zwingend erforderlich, kann man leicht antworten: nein, wahrscheinlich nicht, es reichen auch Kriege. Gemessen an den wirklich großen Kriegen, gibt es immer weniger und immer kleinere Kriege. Da wir heute viel mehr über Gerechtigkeit wissen und nachdenken, da wir viel mehr von der Opferperspektive ausgehen, finden wir solche asymmetrischen Kriegen wie den saudisch unterstützen Bürgerkrieg im Jemen oder den syrischen Stellvertreterkrieg unerträglich. Das war früher, als es immer wieder auch große Kriege gab, ganz anders. Goethe hat das in der Osterszene im Faust I mit sprichwörtlich gewordener Präzision beschrieben. Empathie ist ein Ergebnis der Demokratie, der Bildung und des Wohlstands.

Zwar ist die Berliner Mauer wahrscheinlich die einzige Sicherung eines rigiden Staatssystems nach innen, aber sie ist – vom Jubiläum ihres Falls ganz abgesehen – hervorrragend geeignet zu zeigen, dass alle natürlichen und anscheinend auch alle sozialen Systeme Osmose als Grundprinzip haben. Andersherum gesagt: es gibt keine Undurchlässigkeit. Die Berliner Mauer hatte ihren Höhepunkt vielleicht 1976, also fast genau in der Mitte ihrer Existenz, als Gartenschläger durch Abbau von Selbstschussanlagen nachwies, dass die Mauer selbst, ohne Hunde und diese Schießautomaten, hochdurchlässig war. Er musste es mit dem Leben bezahlen, aber die DDR-Regierung musste die Anlagen, die übrigens ein SS-Ingenieur für die KZ erfunden hatte, abbauen. Zu diesem Zeitpunkt gab es schon das Mauermuseum am Checkpoint Charlie, das bis heute die verlogene Großspurigkeit der DDR-Führung und die Großporigkeit der Mauer zeigt. Nach Berlin kommen jährlich mehr als dreißig Millionen Menschen, wahrscheinlich sehen sie sich alle die Reste der porösen Mauer an und wissen, dass so etwas nicht funktioniert. ‚Je kompakter die Ordnung, desto aggressiver die Entropie,‘ sagt der polyglott-philosophische Reiseführer afrikanisch-jamaicanischer Herkunft, ‚die Definition ist der Grund der Spaltung.‘ Aber da wendeten sich schon viele Touristen der Currywurst zu.

 

‚Das ist es. Deutschland, das sind wir selber. Und darum wurde ich plötzlich so matt und krank beim Anblick jener Auswanderer, jener großen Blutströme, die aus den Wunden des Vaterlandes rinnen und sich in den afrikanischen Sand verlieren.‘ 

Heinrich Heine, Vorrede zum ersten Band des ‚Salon‘, Werke, Band 12, S. 21, Leipzig 1884       

DAS IST ES. KAPITALISMUS, DAS SIND WIR SELBER.

 

Nr. 369

Je größer das Vehikel, desto größer ist auch die Neigung, sich dahinter zu verstecken. Die abstruse Ansicht, dass mit der Abschaffung der Zinsen auch die Ungerechtigkeit verschwände, hat Millionen Menschen vom Nationalsozialismus überzeugt. Trotzdem empfindet der Betroffene die Zinsen, den Kaufpreis des Geldes, als ungerechtfertigt (hoch), auch wenn sie extrem niedrig sind. In Deutschland verging kein halbes Dutzend Jahre, als die schräge These, dass die Abschaffung des Eigentums nun aber wirklich und endgültig Gerechtigkeit brächte. Diese These fand sogar ihren Weg in das Programm der soeben gegründeten neuen konservativen Partei, der CDU. Wenn heute jemand Enteignung, die im Grundgesetz vorgesehen ist, fordert, schrecken alle auf, in Berlin sollten damit aber die Fehler des SPD-geführten Senats kaschiert werden, der seinerzeit städtische Wohnungen an private Investoren verscherbelt hatte. Und dabei war Berlin einst, mit so großen Sozialdemokraten wie Ernst Reuter und Martin Wagner, die Geburtsstätte des sozialen Wohnungsbaus als architektonische Meisterleistung.

Das alles kann und sollte gewusst werden. Trotzdem lassen sich immer wieder viele Menschen mit dem tröstlichen Gedanken einlullen, dass an allen Schwierigkeiten der Kapitalismus schuld sei. Wir wollen nicht schon wieder den berühmten Bäcker von Adam Smith herbeizitieren, obwohl wir uns gerne an dem Erstaunen ehemals nur linker, neuerdings auch rechtskonservativer Leser weiden: ach, es gibt gar keinen Versorgungsauftrag? Der Staat macht gar keine Preise? Adam Smith‘ Bäcker bäckt nur, um selber satt zu werden?

Es scheint schwer vorstellbar, dass aus dem Chaos von blinden Akteuren so schöne Produkte wie der Faustkeil, die Dampfmaschine und das Smartphone geboren werden können. Dasselbe ungläubige Erstaunen haben die Gegner der Evolutionstheorie vorzubringen, die am Kreationismus festhalten, weil er evident ist. Mit großer Wahrscheinlichkeit gibt es keinen Bauplan, sondern die Ordnung gebiert sich aus dem Chaos. Dasselbe Chaos ist der Markt. Nassim Nicholas Taleb schreibt sich die Finger wund und die Kasse voll mit seiner nun wahrlich nicht neuen These, dass nichts vorhersehbar und der Markt chaotisch ist. Wir tun gut daran, uns ausnahmsweise dieses Autoritätsbeweises, der natürlich keiner ist, zu bedienen. Dadurch dass es Mode geworden ist, dass jeder Kommentare zu allem absondern kann, dadurch entsteht keine Kompetenz. Und so wie die Physik sich seit dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik zur Relativität aufschwingen musste, bis sie bei der Heisenbergschen Unschärferelation ankam, so musste sich auch die ökonomische Lehre von den naturwissenschaftlich erscheinenden Gesetzen abwenden und der soziologisch verbrämten Spekulation zuwenden.

Man hätte es beim Televisor ahnen können: ganze Völker und Kontinente ziehen Information und Unterhaltung der primären Bedürfnisbefriedigung vor. In den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hat Europa noch gelächelt, als afrikanische Dörfer gezeigt wurden, die einen Fernsehapparat mittels dieselbetriebenen Notstromaggregats unterhielten und sich köstlich über, beispielsweise, Schnee und Eis auf europäischen und nordamerikanischen Straßen amüsierten, weil es zwar Endgeräte, aber keine eigenen Programme gab. Gleichzeitig, aber nicht kausal verbunden mit dieser Informationsrevolution ist auch der Hunger zurückgedrängt worden. Übrigens übersehen das gerne diejenigen Argumenteure, die vor einer, bis vor kurzem islamischen, jetzt plötzlich afrikanischen Invasion in Europa warnen. Sie glauben, das sei ein mathematisches Problem. Mathematische Probleme sind beispielsweise Gleichungen, aber nicht Invasionen. Die Lösungen der afrikanischen Probleme sind ebensowenig durch Migration zu finden, wie die europäischen, fast identischen Probleme in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts durch Migration zu lösen waren, obwohl es riesige Migrationsströme vor allem nach Amerika gab. Hunger und Bevölkerungswachstum als Problem haben eigentlich nur eine Lösung: Wohlstand. Der war in Europa damals ziemlich wohlfeil, weil die Industrialisierung, noch nicht aber die Massengüterproduktion und die Sozialversicherung angeschoben war. Die Intensivierung der landwirtschaftlichen Produktion hat aber auch heute erst sichtbare Nachteile. Wir werden nicht weiter so viel Fleisch essen können wie bisher. Der Fokus auf die tatsächlich nicht unbeträchtlichen Probleme Afrikas vergisst aber, dass gleichzeitig der Westen, nämlich nicht nur Europa, ebenfalls anwachsende Probleme hat. In Japan kann man das demografische Problem des Westens am besten studieren, in den USA ist es durch die Einwanderung abgeschwächt, in Europa stehen wir an der Schwelle: eine Gesellschaft ohne Kinder reproduziert sich auch geistig nicht, erstarrt und verkalkt im wörtlichen wie im metaphorischen Sinn. Der Sinn des Lebens geht ohne Kinder verloren, denn er kann nun und nimmermehr im Konsum bestehen. Das gilt übrigens nicht nur nur auf der materiellen Ebene. Wir befinden uns vielleicht auf dem Zenit der Reproduzierbarkeit von Kunst. Aber die Euphorie wird in Langeweile umschlagen. Letztlich befriedigend ist, genügend Zeit und Geld vorausgesetzt, nur die Produktion. Noch nie haben soviele Menschen geschrieben, musiziert, fotografiert. All das bedarf aber auch der kontinuierlichen Innovation.

Afrika wird nicht den Weg der Industrialisierung gehen können, wie ihn einst Europa ging, aber wir müssen gemeinsam Lösungen zum Wohlstand finden, natürlich außerhalb der Migration. Migration ist enorm wichtig für den von den Konservativen so sehr verteufelten Kulturaustausch, sollen sie bei ihrem Theoretiker Ernest Renan nachlesen. Aber Migration löst selbstverständlich nicht die Probleme einer noch wachsenden Bevölkerung.

Das alles ist der Kapitalismus. Das alles sind wir. Die Konzerne kommen und gehen. Sie streben nach Maximalprofit, den sie aber nur erlangen können, wenn wir alle maximal konsumieren. Und das tun wir, je mehr Freizeit und Geld wir zur Verfügung haben, desto lieber und desto mehr. Auf Facebook, einem kapitalistischen Goliath, der Spielwiese des Lords Zuckerberg, krächzen manche gegen den Kapitalismus. Das ist ebenso hilflos wie lächerlich. In den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wanderte ein seltsamer Apostel der Umkehr durch Europa, mit dem passenden Namen Gusto Gräser, barfuß und ohne jedes Eigentum. Er wurde verhaftet, für verrückt erklärt, verlacht und verschmäht. Zurück-zur-Natur-Apostel gab es auch in Siedlungen wie Eden, Gildenhall oder Monte Verita, genützt haben sie nichts oder nicht viel. Die europäische Menschheit schlitterte blind und ohnmächtig in einen Konsumrausch nicht nur ohnegleichen, sondern wie er nie und nimmer vorstellbar war, es sei denn im absurden Märchen vom Schlaraffenland.

Wir machen den Fehler aller Diktaturen und Diktatoren: wir häufen Fehler auf Fehler, mit denen wir uns selbst schaden, bis wir untergehen. Ungeachtet dessen, ob der Klimawandel menschengemacht ist oder nicht, sollten wir auf zwei Dinge in der Zukunft verzichten, weil die Lebensqualität durch sie sinkt und nicht etwa steigt: auf Fleisch aus Massentierhaltung und auf große Städte. Man kann natürlich nicht zuerst den Menschen in Lagos oder Mumbay empfehlen, aufs Land zurück zu gehen, weil sie nur die Wahl zwischen Scylla und Charybdis haben. Wir müssen damit anfangen, wir, die wir es uns leisten können. Die Erwerbsarbeit darf dann natürlich nicht auf Pendeln, sondern muss auf Digitalisierung beruhen. Auch der Fleischkonsum muss vom Westen und vom Wohlstand aus zurückgedrängt werden. Das wäre ein Lackmustest zur Abschaffung des Kapitalismus von seiten der Konsumenten. Keine noch so steile These ersetzt den handfesten Boykott.

DAS IST ES. DEUTSCHLAND, DAS SIND WIR SELBER.

 

Nr. 368

Man hätte Deutschland so vereinigen sollen, dass der Osten den Westen domestiziert, aber auch wieder so, als wenn er selber schon der Westen gewesen wäre. Und den Kapitalismus sollte man einfach mit menschlichem Antlitz gestalten. Du gehst in dein Kaufhaus, nimmst dir, was du brauchst, die Kassiererin sagt: schon gut. Auch dein Arbeitgeber winkt müde ab: bleib zuhaus. Da hinten steht Götz Werner und winkt mit 1000-€-Scheinen.

Schon in der DDR, als sie noch gar nicht wackelte, gab es diesen Trend: Neckermannreisen und Sozialversicherungsausweis. Immer mehr Nichtrentner konnten im Laufe der achtziger Jahre in den Westen reisen, und sie berichteten, dass dort in Bochum einerseits die Hölle herrsche, andererseits das Paradies. Und genau so empfanden viele – wahrscheinlich andere – die DDR UNSER HEIMATLAND, so die arhythmisch-rhythmische Variante der FDJ-Sprechchöre, wenn irgendwo ein Politbüromitglied herein getragen oder geschoben wurde. Die bestgepflegten Greise hatten erreicht, wovon sie früher geträumt hatten. Damit muss man gar nicht das Jagdschloss in Wolletz oder das graue Einfamilienhaus in Wandlitz meinen. Sie hatten die Macht. Das war ihr Fetisch. Andererseits ignorierten sie jedes Problem, also glaubten sie ihre Bevölkerung nicht nur wohlverwahrt, sondern auch wohlversorgt. Im GUNDERMANNfilm gibt es diese berüchtigte Begegnung mit Werner Walde, dem Cottbuser Bezirkssekretär, die das zeigt: was wollt ihr denn, ihr habt doch alles, die Schwierigkeiten kommen von außen.

Dieses Erklärungsmuster ist uns geblieben. Irgendjemand muss immer schuld sein. Die Ikone des linken Vereins mit dem schönen proletarischen Namen Wagenknecht tritt immer wieder damit an: Schuld an der Misere sind die Konzerne, ist der kalte Kapitalismus. Die Misere muss erst herbeigeredet werden. Die Gegenüberstellung lautet ja nicht Hartz IV oder unter der Brücke schlafen, und Hartz IV gibt es keinesfalls nur im Osten, sondern auch besonders schlimm in Bochum. Die Gegenüberstellung Wagenknechtscher Prägung lautet: ob es nicht erniedrigend sei, von den Jobcenterbeamten sanktioniert zu werden. Ihre Antwort auf diese Frage lautet immer gleich: Banken enteignen.  Unsere gemeinsame Antwort sollte aber sein: Ja, es ist demütigend, besser ist es arbeiten zu gehen. Die Wagenknechtsche Konstellation scheint zudem davon auszugehen, dass alle Menschen im Osten Hartz IV beziehen, besonders die Rentner. Aber weder die Rentner in ihrer Gesamtheit noch der gemeine Ostmensch sind arm. Sie sind – statistisch gesehen – etwas ärmer als ihre, wie man leider nur früher sagte, als wir noch geteilt waren, Schwestern und Brüder im Westen. Gemessen an ihrer eigenen Vergangenheit sind sie aber viel, viel reicher, auch reicher als ihre Schwestern und Brüder jenseits der Oder-Neiße-Grenze.

Man hätte die Wiedervereinigung nicht besser oder auch nur anders gestalten können. Nur selten in der Geschichte kann etwas aktiv und bewusst, rational und vielleicht noch dazu demokratisch ‚gestaltet‘ werden. Meist passiert die Geschichte, weil zuviele Faktoren zu einem Ereignis beitragen, sagen wir (wie immer) 1000 und nehmen wir einen besonders guten Politiker, sagen (wie immer) Willy Brandt. Dann kann er ein Zeichen setzen, niederknien, eine neue Ostpolitik  wagen, nach Erfurt reisen. Aber er konnte – leider, leider – nicht dafür sorgen, dass sein schöner Spruch JETZT WÄCHST ZUSAMMEN, WAS ZUSAMMENGEHÖRT, der uns damals allen das Wasser in die Augen trieb, schneller als, sagen wir, in hundert Jahren verwirklicht werden kann.

Dass am 1. September 1939 alle Menschen in Deutschland, besonders die Männer, aber vor allem auch die Frauen, Mütter, Schwestern, Verlobten, Freundinnen, Krankenschwestern, gesagt hätten: NEIN, NICHT SCHON WIEDER, ist genauso unwahrscheinlich, wie dass alle Menschen an einem Tag ihr Geld als Bargeld von der Bank abholen. Soviel Geld gibt es nicht, soviel Einigkeit gibt es nicht. Es gibt noch nicht einmal eine Schulklasse in Deutschland, die einstimmig beschließt, die Klassenfahrt nach Lloret de Mar zu machen. Wie Geschichte wirklich funktioniert, konnte man viel besser am 9. November 1989 sehen: ein Staat (und nicht ein Land oder eine Heimat) brach zusammen, weil irgendwelche Tattergreise die Zettel verwechselten oder ihre Schlaftabletten nicht finden konnten. Der Staat ist nichts als die Büroklammer einer Gesellschaft.

Es gibt Länder mit enteigneten Banken, es gibt Länder ohne nennenswerte Industrie, es gibt Länder mit Regierungen, die ihre Politik besser erklären als die Bundesregierung MERKEL IV. Aber keines dieser Länder ist insgesamt erfolgreicher. Die USA und China haben größere Volkswirtschaften als Deutschland, aber will wirklich eine signifikante Menge Menschen aus Deutschland dorthin wechseln? Ich erinnere nur an den erschossenen Austauschschüler aus Hamburg. Da ging es um eine Büchse Bier. Auch wenn es mir immer wieder Kritik einbringt: China ist weder die gewünschte noch die tatsächliche Zukunft der Welt. China wird einfach untergehen. Saudi Arabien ist gerade dabei.

Ein funktionierendes und wohlgefälliges Staats- und Gesellschaftssystem (schon das Wort ‚System‘ klingt zu sehr nach Konstruktion) wächst ganz langsam. Das Projekt der deutschen Einheit braucht hundert, vielleicht sogar zweihundert Jahre. Schon vor der deutschen Teilung gab es ein statistisches Gefälle zwischen Nord und Süd, Ost und West. In den ostpreußischen oder uckermärkischen Dörfern gab es vor hundert Jahren Armut, in Bochum dagegen Wohlstand. Gerechtigkeit ist ein Ideal, genauso wie Freiheit, dennoch nehmen sie real in der Gesellschaft zu. Flaschensammler gab es schon in der DDR, man kann bezweifeln, dass sie nur ein Armutszeugnis sind.

1989 waren wir alle überfordert. Ein winziger Fehler hatte zu einem politischen Erdrutsch geführt. Jeder war auf seine Weise desorientiert. Der Kalte Krieg war zuende, die Sowjetunion brach in sich zusammen, Grenzen verschwanden, Völker wanderten ein- und aus. Aber heute verlangen Unrealisten, dass die damaligen Politiker schon damals gewusst hätten, was wir selbst heute nur erahnen können: Zusammenhänge, Netzverflechtungen, Strömungen, Einflüsse. So ungern man es (immer wieder) sagen muss: der Koloss Kohl war ein Pragmatiker der Macht und als solcher der richtige Mensch zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Der Schwachmatiker Lafontaine dagegen hat zurecht alle Wahlen verloren. Wahrscheinlich ist sein Anteil am Untergang der deutschen Sozialdemokratie größer als sein Rache- und Geltungsbedürfnis. Seine Gattin Wagenknecht, mit dem schönen proletarischen Namen und dem rosa Luxemburgkleid, radelt auf ihrem 10.000-€-Fahrrad durch das arme Saarland und überlegt, was man im Osten noch zur Misere erklären könnte. Auch sie hat eine Partei in den Ruin gestürzt. Das alles ist weder schade noch traurig: jegliches hat seine Zeit. Traurig ist, dass im Osten Deutschlands nicht nur das Erklärungsmuster gleich geblieben ist, sondern auch die Parolensucht. Eine Parole müsste doch irgendwann einmal richtig sein, glaubt man hier. Politik im Osten ist ein bisschen wie Lotto: man tippt immer die selben Zahlen (Parolen) und verliert.

Statt dessen gilt: Im Lotto kannst du nichts gewinnen, mit einem Lächeln kannst du alles gewinnen. Liebe Mitschwestern und Mitbrüder im Osten: lächelt. Seid doch endlich einmal froh, dass es keine Grenzen mehr gibt, aber dafür Baumärkte (reißt mal eure alten Schuppen ab!), dass ihr ein gutes Auto habt, ein Haus, eine freundliche Wohnung (selbst die einst grauen Plattenbauten leuchten in vielen Kleinstädten), freut euch, dass ihr nach Mallorca reisen könnt, aber fahrt bitte auch einmal woanders hin. Seid stolz und nicht wehleidig. Baut Leuchttürme statt Tränenteiche und Jammertäler! Lest Heine!

 

 

‚Das ist es. Deutschland, das sind wir selber. Und darum wurde ich plötzlich so matt und krank beim Anblick jener Auswanderer, jener großen Blutströme, die aus den Wunden des Vaterlandes rinnen und sich in den afrikanischen Sand verlieren.‘

Heinrich Heine, Vorrede zum ersten Band des ‚Salon‘,

Werke, Band 12, S. 21, Leipzig 1884

BILDBESCHREIBUNG

Nr. 367

Im Jahre 1721 ließ ein Graf von Schwerin in dem kleinen vorpommerschen Dorfe Putzar seine Kirche neu einrichten. Die Orgelempore stellte er auf Säulen, die vier riesige Mohren darstellten. Sein Vater, Detloff Graf von Schwerin, der in niederländischen Diensten gewesen war, soll sie aus Dankbarkeit, weil sie ihm das Leben gerettet hatten, mitgebracht haben. Aber hat er ihnen auch das Leben gerettet oder auch nur verbessert? Vielleicht hat er die vier, die in seiner kleinen, exorbitant schönen Kirche als Helden, Riesen, gute Goliathe dargestellt sind, vor der Sklaverei bewahrt? Immerhin war es Preußen, wenn auch hundert Jahre später, das als erstes Land überhaupt die Sklaverei verbot. Allerdings gab es in Preußen gar keine Sklaven. Trotzdem darf man, zumal in einer Kirche, nicht den Faktor der Barmherzigkeit unterschätzen.

In einem vorpommerschen Dorf gilt heute noch als Fremdling, wer vor fünfzig Jahren aus dem Nachbardorf herzog oder vor 75 Jahren als Vertriebene oder Vertriebener aus dem ehemals deutschen Osten kam. Die panische Angst vor dem Fremden fand ihren skurill-tragischen Höhepunkt im Jahre 1945 ein paar Dörfer weiter, in Alt-Teterin, als die verschüchterten Dorfbewohner, bestärkt vom Obernazi-Gutsverwalter, die lauten Motorgeräusche, vielleicht von Tieffliegern, vielleicht auch nur von ein paar Artillerieschleppern, für einen Menschenfleischwolf der Russen hielten und sich dutzendweise mit ihren Kindern das Leben nahmen.  Die Russen waren 1944 und 1945 aus leicht erkennbaren Gründen das zum Horror aufgeblähte Feindbild. Sieht man sich die rechtsextreme Propaganda zur Migration seit 2015 an, ähneln sich die Bilder  so erschreckend, dass der Vergleich doch nicht mehr ganz abwegig ist. Das Fremde wird gern verteufelt. Wie mag es also unseren vier Afrikanern gegangen sein? Sie waren vier junge Männer, niemand konnte und wollte sie verstehen oder gar heiraten. Die Angst hat sich vielleicht schnell gelegt, spätestens als sie den riesigen und superschweren Prunksarg des Grafen zu Grabe trugen. Aber auch ohne die Angst hielt sich die Kommunikation sicher in Grenzen. Erst zehn Jahre später wird im benachbarten Dorf Spantekow der Sohn des dortigen Pfarrers geboren, Johann Christoph Adelung, der ein so berühmter Sprachforscher wurde, dass man ihm die kommunikative Brücke  zu den vier damals Mohren genannten Afrikanern hätte zutrauen können. Das Wort ‚Mohr‘ ist übrigens kolonial unbelastet und eher biedermeierlich zu verstehen. Es leitet sich von den Mauren her, die den arabisch-saharischen Baustil in Spanien und auf Sizilien mitbrachten. Heute erinnert nur noch das einzige Land der Welt an sie, Mauretanien, in dem es zwar offiziell keine, aber inoffiziell sehr wohl noch atavistische Sklaverei gibt und die Menschen in die hellhäutigen Araber-Berber (Bidhan) und die dunkelhäutigen, schwarzafrikanischen Sklaven (Soudan) eingeteilt werden. Auch in Libyen gibt es, allerdings wegen seiner herausgehobenen Stellung als erstes Transitland, neu aufgelebte Formen des segregationistischen Sklavenhandels.

Diese Seite der Migration, die das Leid des Zurücklassens, der Unangepasstheit, der Fremdheit und des Heimwehs meint, findet sich meisterlich beschrieben in Joseph Roths Roman ‚Hiob‘. Wie dem biblischen Hiob wird Mendel Singer alles genommen, als er nach Amerika geht, aber er übersieht, dass er Lockungen gefolgt ist und sich über Warnungen und Bindungen hinweggesetzt und insofern selbst den ersten Impuls zu seinem namenlosen Leid gegeben hat. Seine Frau stirbt im Gram über den Tod des Sohns in russischen Diensten, der die Leichtigkeit des Soldatenlebens verkörperte, Alkohol, Prostitution und verlorenes Geld. Die Tochter kann ihre Männertollheit nun ausleben, gibt aber darüber ihren ohnehin schon verkümmerten Geist auf. Und wie beim biblischen Hiob gibt es eine Wendung zum Guten: der kranke und behinderte, in Russland gegen den Rat des Rabbiners zurückgelassene Sohn Menuhin taucht als Musikgenie auf, wie um den sterbenden Vater zu trösten. Der Vater hatte all dieses Leid kausal der Migration zugeordnet, nicht eigentlich seinem Leben. Darin gleicht er, und deshalb hat der große Erzähler diesen Titel gewählt, dem biblischen Hiob und sovielen unserer Zeitgenossen.

Wir können nur hoffen, dass sich jemand fand, die sterbenden afrikanischen Helden im Dorfe Putzar in Vorpommern zu trösten. Ich vermute beinahe, dass es niemand war, dass man stattdessen aufatmete, die sinistren Fremden endlich los zu sein, die nichts als eine Marotte des großen Herrn waren. Wegen dieser zu Absonderlichkeiten und auch zu Grausamkeiten neigenden Art der Feudalherren verstehe ich bis heute nicht, warum die Menschen, die an einen personalen oder zumindest anthropomorphen Gott glauben, diesen ‚Herr‘ nennen, König, Lord of Lords, Herrscher gar der himmlischen HEERscharen und dergleichen. Ich verstehe es nicht.  Eine Marotte des wahrlich großen, ebenso skurrilen wie genialen Herrn war auch die afrikanische Geliebte, Machbuba, des weltberühmten Fürsten zu Pückler-Muskau, die seine Liebe nur drei Jahre ertragen konnte und dann an dem Gram darüber starb. Das sind die Kehrseiten. Vielleicht reagieren wir demnächst wenigstens der Verzweiflung gegenüber milder.

Der fünfte Afrikaner, der je nach Putzar kam, hörte sich diese Geschichten alle an. Die heutigen Afrikaner staunen über das Alter der europäischen Gebäude. Wenn sie wüssten, wie harsch der große, aber blasse Philosoph Hegel, der den Weltgeist und den Fortschritt erfand, über diese Gebäudelosigkeit in Afrika urteilte, ‚Afrika hat keine Geschichte‘, dann würden noch weniger ihre eigene große Geschichte verstehen. Der fünfte Afrikaner von Putzar kommt aus einer Kultur mit mindestens zweieinhalbtausendjähriger Geschichte, die ersten Christen seines Landes stehen in der Bibel*. Aber an diesem vielleicht letzten Spätsommertag des Jahres genoss er einfach seine Berufung als Model und ließ sich gerne fotografieren. Die Herkulesse nahm er gelassen hin, staunte nur über ihr Alter.

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Zwischen den beiden, durch 300 Jahre geschiedenen Afrikanern hängt ein Zettel, der den ganzen Jammer unserer heutigen Kultur zeigt**. Auf dem Zettel, der an eine historische Holzsäule gepinnt ist, steht, dass der Besucher bitte eine Spende für den Erhalt der Kirche geben soll. Die Kirche wurde mehrmals von den Patronen, den adligen und steinreichen Besitzern des Dorfes und des Landes ringsum gebaut, renoviert und mit teils kostbaren Ausstattungsstücken versehen, darunter die exotischen Mohren, aber auch die Trägerfiguren des Sarkophags, Epithaphien, die Kassettendecke, Gemälde, Gold, Silber, Edelstein, alles vom Feinsten. Die heutige Kirchenorganisation verfügt über Milliarden und Abermilliarden. Allein von den deutschen Bischofsgehältern eines Monats könnte man zwanzig nubische Dörfer ein ganzes Jahr lang ernähren. Zum Erhalt besonders wertvoller Kunstdenkmale gibt es die Deutsche Stiftung Denkmalpflege, die Millionen ausschüttet. Aus Steuermitteln und Sparkassengewinnen, von privaten Großspendern und nicht zuletzt von den adligen Ehemalspatronen fließen ebenfalls beträchtliche Summen. Aber die deutsche Konsumseele, nie zu faul, den Kapitalismus als böse Geißel der Menschheit zu beklagen, entblödet sich nicht, überall, ungeachtet des kunsthistorischen Wertes, Zettel anzupinnen, auf denen steht, dass es auf deinen Groschen ankommt. War es nicht Yesus, der die Händler aus dem Tempel vertrieb***? Ich meine das nicht als Kirchenkritik. Die Kirche muss man nicht kritisieren, die zerlegt sich von selbst, indem sie einerseits das Rollenspiel der Staatskirche ad absurdum führt, andererseits weiter und immer weiter die ehemaligen Groschen der einstmals Armen einsammelt.

Ich meine das als Kritik an uns allen, an einer Gesellschaft, die ihre Talente nicht als Leuchttürme versteht, sondern überall daraus tiefe Tränenteiche und Jammertäler macht. Das Jammern wird zur Nationalhymne auf angepinnten Zetteln. Dieses Land schwimmt in Geld und Zeit, Überfluss jagt Überfluss, verbleibt aber im infantilen Zustand des Kohlrübenwinters. Dreiundzwanzig Millionen Rentner rasen jeden Freitagnachmittag mit ihren Mercedessen in die Kaufländer, der Rest bestellt bei Amazon und lässt von Hermes, DHL und DPD liefern. Was früher die Volksparteien waren, sind heute die Lieferdienste und Paketboten: die gute Botschaft dieselt durchs Land. Parteien plakatieren das Elend, das nur sie bekämpfen können. Tatsächlich werden allein in Deutschland jährlich 14 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen.

Zum Glück verstehen die Neubürger die Wahlplakate und Manifeste noch nicht so genau. Sie wüssten nicht, worüber sie jammern sollten. Ihre Partei, wenn sie eine hätten, wäre einfach nur dankbar. Vielleicht ist das sogar der tiefe Sinn der Migration: dass die Sesshaften die Dankbarkeit neu lernen. Du musst dich nicht bedanken, sagte der Hausbesitzer zu dem Hausbesetzer, du bist doch das Geschenk.

Die Welt des Schwerinswinkels, die vorpommerschen Güter, Schlösser, Kirchen und Dörfer, die den Grafen von Schwerin gehörten, mag in der alten Form untergegangen sein. Wer aber den Weg dorthin findet, findet Juwelen, Kostbarkeiten, Leuchttürme der Schönheit, der Exotik, der Ruhe, des Friedens, der unberührten Natur. Auch die Gerechtigkeit muss man mehr in den Herzen suchen, und nicht auf den Kontoauszügen oder Wahlplakaten.

*Apostelgeschichte 8,26-40

**der Zettel war also nicht zufällig auf das ansonsten gestellte und zugeschnittene Foto geraten

***Johannes 2,16