VERNUNFTVERDROSSENHEIT

Nr. 376

Als wir kleine Kinder waren, erklärten uns unsere Eltern mit Vernunftgründen, warum wir frühzeitig ins Bett gehen sollten. Wir haben es nie eingesehen und später eine gute Mischung aus Rationalem und Irrationalem für uns gefunden. Der eine sieht Fantasy-Filme, der andere zockt, der nächste glaubt an den Weihnachtsmann.

Die Politiker seit den siebziger Jahren erklärten alles mit Vernunft, seit der Wiedervereinigung war sogar die Geschichte selbst vernünftig geworden. Die Welt war in den Fugen und brauchte niemanden, der sie hätte einrichten müssen. Denn der kalte Krieg endete nur mit der Schmach der einen Seite, und das war eigentlich nur die Sowjetunion. Jetzt erst, dreißig Jahre danach, zeigt sich, dass die Schmach des sowjetischen Diktats nachwirkt in dem als Diktat wahrgenommenen europäischen Einigungsprozess. Populisten aller Richtungen betonen immer wieder, dass bei der deutschen und bei der europäischen Vereinigung Fehler gemacht wurden. Es sieht aber eher danach aus, dass es keiner besser wusste. Nach der Tat wissen auch die Narren Rat.

Der rhetorische Tiefpunkt der rationalen und Konsensepoche war die Floskel von der Alternativlosigkeit bestimmter Politikansätze oder Entschlüsse. Es ist jedem klar, dass es immer Alternativen gibt, genauso klar dürfte aber sein, dass Politiker sich immer richtig finden und in eingeübten Floskeln reden. Jeder Mensch muss sich notwendigerweise immer richtig finden, sonst könnte er nicht leben. Die ganze Smalltalk-Welt besteht aus Floskeln. Aber während noch vor vierzig Jahren die Politker nur eingedampft zu hören waren, eingehaust in Nachrichtensendungen vom Tagesschau- und Heuteformat, die Aktuelle Kamera war die Perversion davon, weil sie absoluten Personen- und Thesenkult betrieb, sind die Politiker von heute allgegenwärtig. Die Schnipsel ihrer Satzteile geistern jeweils tagelang durch das Internet. Und die andere Seite der Politik, wir, die Wähler, sind allkompetent geworden wie ein Glasfaserkabel. Vielen Wählern und Medienkonsumenten reicht schon das Stichwort, um alles besser zu wissen. Vor ein paar Wochen hat die Bundesbank ein Rechenmodell vorgelegt, das den Generationenvertrag mit dem Renteneintrittsalter hochrechnete, wohlgemerkt, die Bundesbank, es hätte auch die Bundesbahn gewesen sein können. Es war jedenfalls nicht die Regierung oder eine Regierungskommission, trotzdem schlug die Empörung wieder große Wellen. Wer so kleinteilig denkt, kann die Bedrohung der Menschheit durch den Klimawandel scheinbar nur schwer nachvollziehen.

Die Kohlepoche endete in dieser Politikverdrossenheit, die fortan fast zwanzig Jahre lang beklagt wurde. Die Wähler wandten sich von der Politik ab. Das war aber kein abstrakter, sondern ein sehr konkreter Prozess. Die Wahlbeteiligung sank dramatisch. Die Mitgliederzahlen und die Wahlergebnisse der beiden großen Volksparteien sanken ebenfalls, aber von ihnen nicht bemerkt. Das Konzept der Volksparteien, wenn es jemals gestimmt hat, stimmte nicht mehr. Die alte Zentrumspartei stand zwar auch, schon dem Namen nach, in der Mitte, vertrat aber eindeutig konservative und auch nur katholische Interessen. Schon allein die in Deutschland nie ganz aufgehobene Allianz zwischen Kirche und Staat war in der Zeitspanne des Wirkens der Zentrumspartei rückwärtsgewandt, denn die beiden großen Glaubensgemeinschaften waren schon lange keine Volkskirchen mehr. Die eigentliche Volkspartei war immer die Sozialdemokratie. Allerdings änderte sich seit den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts auch der Charakter der Arbeit. Fast unbemerkt verschwand die Arbeiterklasse. Sie stieg zur angeblich verschwindenden Mittelschicht auf oder sank zum neu benannten Prekariat ab.

Wenn das Leben, wie oft beschrieben, ein Fluss ist, so bemerken seine Schiffer zunächst nicht, wann und wie der Strom reißend oder zu flach wird. Die Sandbank stört erst, wenn man aufgefahren ist. Selbst erfahrene Kapitäne, wie der der Titanic, auf der Wilhelm Gustloff waren sogar vier, die alle, entgegen den Grundsätzen und neun Zehnteln der Passagiere überlebten, können nicht in jedem Fall der Katastrophe ausweichen. Die Beherrschung des Sturms und der Wellen durch Yesus auf dem See Genezareth ist entweder Wunschtraum oder Paradigma.

Die Politiker, die diese Zeiten der Umbrüche zu meistern hatten, waren schlechte Kapitäne, die man aber nicht verurteilen kann, weil sie, nicht wie die späteren Populisten meinten, nicht vermeidbare Fehler machten, was nicht heißt, dass es vorher keine Alternativen gegeben hätte. Nur war scheinbar niemand da, der sie gesehen hätte. Zum ersten Mal seit langer Zeit hat sich am heutigen Sonnabend (30. 11. 2019) eine deutliche Mehrheit von jener Art des Parteiestablishments abgewandt, das über die unvermeidlichen Fehler hinaus einfach an der Macht klebten. Sein Motto war einfach: ‚Solange ich im AUDI A8 sitze, ist die Welt in Ordnung.‘

Die CDU hatte dagegen nie eine Ideologie oder unaustauschbare Wählerschaft. Sie galt jahrzehntelang als reine Wirtschafts-, ehrlicher gesagt Lobbypartei. Sie musste also, das hatte nicht mit dem oder der Vorsitzenden zu tun, immer dem Volk hinterhereilen, um der Wirtschaft – wir meinen das noch nicht einmal negativ – zu dienen. Denn in all diesen Jahren steigerte sich der Wohlstand, wenn auch vielleicht nicht so schnell und vor allem nicht so eindeutig wie das Bruttosozialprodukt. Aus Trotz und jugendlicher Frische hat der damals erst siebzehnjährige König Jigme Singye Wangchuk von Bhutan einem italienischen Jounalisten geantwortet, dass künftig das Bruttonationalglück mehr zählen wird. Damit hat er recht behalten. Volkspartei wäre identisch mit Bruttonationalglück, aber hier klafft die Wunde. Es kann in einer Gesellschaft, in der eine Schulklasse ein halbes Jahr braucht, um das Ziel einer Klassenfahrt zu bestimmen, keine Volkspartei geben, auch keine, die ‚jetzt aber wirklich‘ die Interessen des Volkes vertritt. Und der Grund ist ganz einfach: nach über zweihundert Jahren der Säkularisierung und Urbanisierung gibt es 83 Millionen Individualisten, die sich, wenn es hochkommt, noch in Gruppen ordnen lassen. Das AfD-Geschwafel vom Volk ist der inkompetente Wunschtraum einer Minderheit: an diesem Wochenende würde sie 13% der Wählerstimmen erhalten, die Mehrheit halten im Moment CDU/CSU und Grüne. Dass es die AfD und ihre Schwesterparteien in fast allen europäischen und weiteren Ländern überhaupt gibt, liegt daran, dass doch recht viele Menschen, nachdem sie ihr Vertrauen in Politik und Kirchen aufgegeben haben, das Vertrauen in die Vernunft gleich hinterherschickten. Es scheint ihnen so, als dass manche Ereignisse nicht mehr anders als mit Soros (ehemals Rothschild), Chemtrails, Bevölkerungsaustausch zu erklären sind. Darin bestärkt werden sie von ihren Gruppen im Internet, von ihren Politikern, und von einer Fantasywelt, die auf riesigen Displays überall gegenwärtig ist. Sie verstehen die Welt nicht mehr. SIE VERSTEHEN DIE WELT NICHT MEHR. Und das ist auch schwer, aber gegenwärtig 87% von uns bemühen sich wenigstens darum.

DAS PARADOX DER DEMOKRATIE

Nr. 375

 

Je demokratischer ein Land ist, desto lauter sind die Undemokraten, ja, schlimmer noch desto mehr Undemokraten gibt es. Aber ist das überhaupt ein Paradox? Tatsächlich ist es eine notwendige Folge, aber da wir meist in Evidenzen denken, erscheint es uns nicht nur als Paradox, sondern auch als grobe Ungerechtigkeit. Demokratie setzt Wohlstand voraus, Bildung und Freiheit als Ideal. Aber nicht jeder empfindet seinen Zustand als Wohlstand, viele mögen sogar erinnerungsmäßig in einem vorhergehenden Zustand verharren. Nicht alle haben die Bildung, die sie haben könnten und haben sollten. Wir dürfen nicht vergessen, dass es eine inzwischen in zwei oder drei Generationen fortgesetzte Folge von Sozialhilfe- und Hartzvierempfängerinnen und -empfängern gibt. Bildung ist auch nicht das einzige Ideal unserer Gesellschaft, wenn es auch nicht die krasse Intelligenzverachtung wie in den USA gibt. Schließlich empfinden recht viele Menschen die Freiheit nicht als höchst erstrebenswertes Monopol. Vielmehr glauben viele, dass Verbrechen und Unordnung zunehmen und  führen selbst die Todesstrafe  immer wieder als Argument vor. Das Bauparadox, die Tatsache, dass Großbauten wie der Berliner Flughafen, die Elbphilharmonie Hamburg, der Stuttgarter Bahnhof oder die Oper in Köln neuerdings unter der Last der Normen und Verordnungen zusammenzubrechen drohen, wird der Demokratie angelastet, weil es das früher, als die Demokratie noch nicht so ausgeprägt war, angeblich nicht gegeben hat. Früher gab es auf den Großbaustellen mehr Tote als Verzögerungen.

Vielleicht ist es auch immer wieder schwer, zwischen Systemimmanenz, Politik und Bürokratie zu unterscheiden. Die meisten von uns kommen nicht täglich mit Politik in Kontakt, wohl aber mit Bürokratie. Wer sein Leben nach Strafzetteln und Steuernachzahlungen bemisst, kann auch weder die große Leistung der Bürokratie – im Vergleich zu so vielen chaotischen Ländern – ermessen oder etwa die Richtungsvorgaben der Politik bewerten. Merkwürdigerweise wird von den gegenwärtigen Protestbewegungen und –parteien der angebliche Ordnungsfaktor der chaotischen Länder hervorgehoben. Zum Beispiel wird Saudi-Arabien, ein Land, indem es fast täglich willkürliche Auspeitschungen und Vollstreckungen von Todesurteilen, zudem einen grausamen und dennoch nicht erfolgreichen Krieg gibt, als Vorbild für Grenzkontrollen und Polizeistaatlichkeit erwähnt. Im Iran tobt seit Tagen ein erbitterter Kampf um die wegen der Zahlungsunfähigkeit der Regierung verdoppelten Benzinpreise, schon weit über 100 Tote sind zu beklagen, aber unsere selbst ernannten Realisten sehen darin Stärke und Ordnung.

Andererseits ist es legitim, in einer Demokratie jede Meinung laut und deutlich vorzubringen. In Deutschland sind nur ganz wenige Begriffe und Symbole davon ausgenommen, die man aber auch nicht benötigt, um seine gegenwärtigen Ansichten zu formulieren. Vielmehr gelten Hakenkreuz, Hitlergruß oder Holocaustleugnung als gezielte Provokationen. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus schien ein Optimum an Demokratie und Konsens erreicht. Niemand wollte daran denken, dass es Optima nicht geben kann. Wohl kann man etwas optimieren, aber man wird dabei kein Optimum erreichen, weil jeder Zustand ein Vektor ist. Auf dem Gipfel dieser mehr herbeigesehnten als tatsächlichen vorhandenen Konsensgemeinschaft erschien das schöne Buch DAS ENDE DER GESCHICHTE, ein Hegelsches Konstrukt, geschrieben vom Stabschef des Weißen Hauses, Francis Fukuyama. Hegel meinte mit Ende natürlich nicht den Schluss, sondern den Zustand höchsten Glückes, den die Menschheit dann nicht wieder verlassen muss. Hegel passt aber trotzdem sehr gut in unsere Zeit, indem er sowohl als gedanklicher Vater des Marxismus (Linkshegelianismus) wie auch als preußischer Staatsphilosoph (Rechtshegelianismus) gilt, was sich an sich [auch ein Hegelianismus] ausschließt, aber durch seine ideale Konstruktion, dass alles, was wirklich auch vernünftig, und alles, was vernünftig auch wirklich sei, doch zusammengeht. Vernunft, oder besser Verstand und Vorstellungskraft, gleichen tatsächlich den Mangel an Wirklichkeit aus. ‚Der Unwissende ist unfrei‘, schreibt Hegel, ‚denn ihm gegenüber steht eine fremde Welt, … von welcher er abhängt, … ohne dass er sie … gemacht hätte.‘*

Das gilt auch für die Demokratie, von der wir alle abhängen, ohne dass wir sie immer wieder gemacht hätten. Politiker sollten mehr zum Dialog mit ihren Wählern übergehen, etwa so, wie im neunzehnten Jahrhundert in den USA die Präsidentschaftswahlkämpfe veranstaltet wurden. Dabei ist es nicht nötig, den Anteil der direkten Demokratie zu erhöhen, weil damit gleichzeitig die Unübersichtlichkeit zunimmt. Außerdem verdeckt die direkte Demokratie, die Abstimmung vieler über alle Fragen, den Mangel an Beteiligung. So werden die neuen Parteivorsitzenden der SPD in Wirklichkeit nur von zehn Prozent der Mitglieder gewollt sein.

Indes ist das Paradox der Demokratie wie unter ein Lupe durch die neuen Medien verstärkt worden. Die Möglichkeit, alles und jederzeit kommentieren zu können, lässt den eigenen Mangel an Wissen und Denken immer mehr in den Hintergrund treten. Zwar hat es auch im Mittelalter schon den Glauben an Demiurgen und Verschwörungen gegeben, aber sie haben noch lange Zeit gebraucht, um große Wegstrecken zurückzulegen. Vielleicht, aber das ist wirklich nur eine vage Vermutung, bringen immer neue Medien den Glauben an Verschwörungen erneut hervor.

Weltweit, und wir haben es schon oft betont, nimmt, fast möchte man sagen: im Gegensatz zur Monotonie sozialer Medien, die Bildung zu. Fast nirgendwo gibt es Häufungen von gleichermaßen analphabetischen und hungernden Menschen. Diese ungeheure Dynamik des zwanzigsten Jahrhundert, das bekanntlich auch ein Jahrhundert der Zerstörung und des Massenmords war, setzt sich offensichtlich fort, selbst wenn es im Moment beträchtliche Rückschritte durch Autokraten gibt. Repressivmaßnahmen können gegen die Freiheit und gegen die Demokratie eingesetzt werden, nicht aber gegen Bildung. Auch die stärksten Wasserwerfer können einmal gedachte Zusammenhänge nicht mehr aus den Köpfen der Menschen spülen. Die Situation für die Autokraten hat sich enorm verschlechtert, woran sowohl die Bildung als auch die schon sehr weit verbreitete Demokratie schuld sind.

Es klingt immer ein wenig schamanisch oder jedenfalls fatalistisch, wenn man das Leben überhaupt als sinusförmig oder zyklisch erklärt. Der am wenigsten systematische Philosoph des neunzehnten Jahrhunderts hat gleich das ganze Wort der Ewigkeit mit dem Bade ausgeschüttet: die ewige Wiederkehr des Gleichen, nicht das Aggregat ist ewig, sondern seine Wiederkehr. Nur das individuelle Leben ist endlich, es kennt Wiederholungen, und es lebt in Frieden mit dem Tod, weil es nicht an ihn glaubt.

Jedoch lehnen die Menschen sich nicht zurück und hoffen auf Automatismen, sondern sie gehen auf die Straße oder klappen die Laptops auf:

Je undemokratischer ein Land ist, desto lauter werden die Demokraten.

*Hegel, Ästhetik, Bd. 1, S. 105