VATERLAND

Ein Film von Paweł Pawlikowski

Was hat Putin mit dem deutschen Dichter Thomas Mann zu tun, aus dessen Leben der Film eine Episode zeigt? In Weimar schenkt Oberst Tjulpanow Thomas Mann und seiner Tochter Erika eine Flasche armenischen Kognaks, das Lieblingsgetränk Stalins, das dieser auch mit Churchill trank, als sie Europa neu aufteilten. Das ist es, wovon Putin träumt.

Aber auch mit dem fragilen und fragwürdigen Begriff des Vaterlands spielt der Film und spielt unsere politische Gegenwart. Vaterlandslose Gesellen nannte der letzte deutsche Kaiser die Sozialdemokraten und diese antworteten mit dem Marxzitat, dass die Arbeiter kein anderes Vaterland hätten als ihre Ketten, die es zu sprengen gälte.

Aus dieser Zeit stammte Thomas Mann, aber mit zwei Werken gelang ihm der Sprung in die Gegenwart: seine Reden an die deutsche Nation über BBC London und das Jahrhundertbuch DOKTOR FAUSTUS. In seinem Exil in den USA angekommen, konnte er verkünden: Wo ich bin, ist die deutsche Kultur. Das mag Hybris und Metapher zugleich gewesen sein, aber tatsächlich wurde er sowohl als literarische wie auch als moralische oberste Instanz angesehen. Hätte es ein nicht geteiltes Land gegeben, so hätte man ihm mit einiger Wahrscheinlichkeit das Amt des Präsidenten angetragen. Er war zugleich die letzte Instanz. Wie die Vorstellung von einem Staatswesen, das Vaterstelle im Leben seiner Bürger beansprucht, so ist die Planstelle einer obersten Instanz für immer im Schlund von Demokratie, Wohlstand und Individualismus verschwunden.

Zwei emotionale Tief- und Höhepunkte durchbrechen das scheindokumentarische, sachliche Schwarzweißspektakel, das ganz unspektakulär bleibt. Im Weimarer Hotel ‚Zum Elefant‘ stört ein Eindringling (Milan Peschel aus Ost-Berlin als Schaufelberger) die beschauliche Ruhe der Manns: er beschwört die beiden, das Unrecht des sowjetischen Speziallagers Buchenwald zu verstehen und anzuklagen. Aber kaum hat er seine Anklage ausgesprochen, stürmen zwei Geheimpolizisten der noch nicht gegründeten Staatssicherheit des noch nicht gegründeten Staates in das Zimmer und nehmen den Ankläger auf brutale Weise fest und mit sich. Thomas und Erika Mann sehen ihm entsetzt nach. Aber seine Eitelkeit, sein Auskosten des Ruhms in Ost und West, lässt ihn zwar erstarren, aber nicht handeln. Er hätte sofort abreisen müssen, aber er bleibt. Er hält seine bedeutende Rede. Er türmt seine Worte zu einer Kathedrale des Wohllauts und der Supervernunft. Er beschwört Goethe als Weltliterat und Weltbürger und meint damit sich. Die Botschaft für uns bleibt,  dass wir uns  vom Vaterland mit seinen Instanzen verabschieden. Der Grund dafür ist nicht die verdiente Niederlage, nicht die deutsche Teilung, nicht der Kapitalismus und schon gar nicht der Kommunismus. Der Grund ist die Globalisierung, das Zusammenrücken der Völker und vor allem ihrer Wirtschaften. Der Grund ist die globale Demokratie, die trotz des kalten Krieges ihre Wirkung nicht verfehlte. Der Grund ist der zunehmende Wohlstand der meisten Menschen auf der ganzen Welt. Hungerkatastrophen sind jetzt nur noch Ergebnis falscher Politik. Nationalismus ist nicht nur für Menschen ohne Ich, sondern auch für hungernde und frierende Menschen ein Trost und eine falsche Klammer. Leider geht der tatsächliche wie auch der fiktive Thomas Mann über den Freitod seines ältesten Sohnes hinweg. Immer wieder wird dieses Schweigen und Verschweigen als Empathielosigkeit gedeutet. Aber Mann selbst hat seinen Lebenssinn weder in seiner komplizierten Sexualität sehen können noch in seiner doch sehr komplexen Familie, die im Übrigen nicht nur aus seinen sechs Kindern bestand.

Die zweite emotionale Szene ist die zerschossene Kirche, bei der die Manns anhalten und dadurch ihre sowjetischen Begleiter verlieren, die stur geradeaus weiterfahren. Die Kirche ist weder ein Symbol für die Religion, deren Verteidiger Mann nicht gerade war, noch für die Ruinenlandschaft, zu der Deutschland geworden war und die von Johannes R. Becher in der teils recht schönen, teils doch aber auch schwulstig-kitschigen Hymne des künftigen hybriden Staates besungen wurde. Wahrscheinlich konnte Becher nur Elogen und noch wahrscheinlicher reimt sich das nicht zufällig auf gelogen, ist sogar deren Anagramm. Die Kirche ist eine Ruine, aber die Orgel, die soeben gestimmt wird, beginnt trotzdem, da der Organist die Besucher sieht, vielleicht sogar erkennt, ihr – im wahrsten Sinne des Wortes – wunderbares Spiel. Beginnend mit dem berühmten Satz aus der Kantate BWV 147 improvisiert und fantasiert der Organist über diese überirdische Musik. Die Kunst, vertreten durch Thomas Mann und Johann Sebastian Bach, ist das Symbol, das über den Alltag, und sei er noch so schwer, erhaben ist.

Der Film stockt zurecht an diesen beiden Punkten, verlässt für eine Intervention die wie ein Dokumentarfilm daherkommende Erzählung. Aber es ist kein Dokumentarfilm, sondern Fiktion, die sich Freiheiten nimmt. Hanns Zischler aus Nürnberg, der jetzt ebenso alt ist, wie Thomas Mann im Goethejahr 1949 war, kann es gut mit Armin Mueller-Stahl aus Tilsit und Prenzlau aufnehmen, dem auch ein Thomas Mann so gut gelungen war, obwohl man Zischler aus über 120 Filmen kennen könnte. Sandra Hüller aus Suhl überzeugt mit einer zerrissenen und übersensiblen Erika Mann. Johannes R. Becher von Devid Striesow aus Bergen auf Rügen hätte ich mir staatsmännischer gewünscht, er war nicht nur, wie Klaus Mann und Hermann Göring, Morphinist, sondern auch sein eigener Klassiker und sein eigener Epigone. Auch der Neid, von dem er zerfressen gewesen sein muss, dass er – wie auch Bertolt Brecht – nicht der große gesamtdeutsche Klassiker war, könnte stärker hervorgetreten sein. Aber das muss nicht an dem großartigen Devid Striesow liegen, Becher war im Leben wie im Film immer nur eine Nebenrolle.

Schon durch seine Biografie in Polen, Deutschland, Italien und Großbritannien bürgt der Regisseur Paweł Pawlikowski für die Ablösung des Vaterlandsbegriffs, um den sich noch Thomas Mann sorgte, durch größere Räume und Zeiten. Er begann als Dokumentarfilmer, und obwohl er schon einen Oscar erhielt, hält sich seine Bekanntheit unverzeihlich in Grenzen. Auch die Musik, die eingestreute Orgel, die Comedian Harmonists, die Originalkompositionen wie auch Bach, überzeugt.  

Der Preis für Demokratie, Wohlstand, Globalisierung und Individualisierung ist dieses ständige und dauernde Suchen nach – wenn schon nicht ewigen, so doch wenigstens mittelfristigen – Wahrheiten. Da immer noch für viele Menschen Wahrheit identisch ist mit Ideologie oder Religion, mit Staat oder dem potenziellen Führer, erscheint die gegenwärtige Krise nicht als Krise, sondern als Ende der Demokratie. Thomas Mann gehört vielleicht nicht mehr zum Kanon der meistgelesenen Bücher, wohl aber, wie Goethe oder Tolstoi zur Bildung, zum Bild der Welt. Die Urgründe bleiben gute Gründe, auch wenn sie nicht mehr von jedem einzelnen der bis hierher rasant gewachsenen Welt zur Kenntnis genommen werden. Der Kanon verändert sich, der Geist der Menschheit bleibt, auch wenn sich so oft der Zeitgeist und der Ungeist vordrängeln. Das ist ein guter Film.    

SOLL ICH MEINES BRUDERS HÜTER SEIN?

 

Von heute bis zum nächsten Sonntag sollen drei Texte (SOLL ICH MEINES BRUDERS HÜTER SEIN?; HIOB  ALS BOTSCHAFT;  GRÜNSPAN ALS FANAL) an die mutige, von manchen auch als widersinnig bezeichnete Tat des jungen Herschel Grünspan in der deutschen Botschaft in Paris am 7. November 1938 erinnern. Anfang November gab es in der deutschen Geschichte eine Inflation von Taten und Untaten, aber diese ist bestens geeignet, über das Verhältnis des Einzelmenschen zu seinen Mitmenschen nachzudenken.

 

Nr. 317

 

 

träume sind erinnerung an taten

taten sind erinnerung an träume

 

 

Zu den Menschen, die man sich nicht aussuchen kann, und ich denke, das sind alle, gehört auch der Bruder. Gleichwohl hat er aber, als Bezeichnung, als Kategorie und als realer Bezug eine ungeheure Aufwertung erfahren. Das gleiche Schicksal, besser: der sehr ähnliche Ausgangspunkt, verband Brüder schon immer, aber der Name ‚Bruder‘ kann auch Metapher für die methodisch so beliebte Unterscheidung in zwei Kategorien sein: gut und böse, Mörder und Ermordeter. Die frühe Geschichte von Kain, der seinen Bruder aus Neid ermordet, zeigt uns aber auch, dass es auf den ersten Blick nur einen Weg gibt, nicht zum Mörder zu werden: nämlich ermordet zu werden. Die ganze Menschheitsgeschichte ist voller Täter und Opfer. Mauern, Ketten, Fesseln, Kreuze, Galgen und Guillotinen sollen den Opfern ihren Status bewusst machen und sie einschüchtern und einsperren.

Aus dieser endlosen Opfergeschichte erhebt sie die Emanzipation, die manchmal von oben verordnet wurde, wie bei der so genannten Judenemanzipation in Deutschland und Österreich, manchmal mit einem mutigen Akt der Selbstemanzipation begann, wie bei der Emanzipation der Frau oder, doppelt sozusagen, als Rosa Parks im Bus auf dem Platz für Weiße sitzenblieb. Und wir wollen nicht vergessen, dass das Busunternehmen in seinem Beharren auf Segregation direkt in die Pleite steuerte. Aus dieser Bewegung der afroamerikanischen, eher auf der Opferseite befindlichen Bevölkerung Nordamerikas stammt die neuerliche, inzwischen weltweite Aufwertung des Bruderbegriffs, der in der Religion immer gebräuchlich war, aber mit der Religion auch das Schicksal der Unglaubwürdigkeit teilte.

In der spektakulären Ausstellung ‚BEWEGTE ZEITEN‘, die an archäologischen Fundstücken unsere im doppelten Sinne bewegte Vergangenheit zeigt – die Menschen wanderten von jeher ein und aus, und sie schufen bewegende Artefakte, wie zum Beispiel vor dreitausend Jahren das Speichenrad von Stade – kann man gut sehen, dass die Kunst, die Venus und die Flöte von vor 40.000 Jahren, der treueste selbstgeschaffene Wegbegleiter der Menschen ist. Die Kunst ist vielleicht ein Produkt des Überflusses an Zeit, der entsteht, wenn man satt zu essen hat oder ausgestoßen ist. Im New York der sechziger und siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts entstand diese eigenartige Subkultur des Hiphops, die heute weltweit als Rap fortbesteht und den antiken Begriff des Bruders (‚bro‘) als Metapher tiefer und selbstgewählter Zusammengehörigkeit hervorgebracht hat. Es ist aber eine Renaissance dieses uralten Begriffs und wir müssen auch gleichzeitig eingestehen, dass er einerseits natürlich wie jeder Begriff auch verlogen sein kann (‚und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein‘), und andererseits ist es vielleicht der letzte männlich-dominierende Begriff. Das hat sich aber niemand ausgedacht, um die Frauen oder die Feministinnen zu ärgern, sondern das kommt daher, dass in der modernen Industrie- oder Arbeitsweltgeschichte wieder Millionen junger Männer übrig sind und sein werden, die sich dann auch in organisiertem Verbrechen und in gelangweilten Subkulturen wiederfinden. Es gibt also neben Klimawandel, Digitalisierung als Veränderung der Arbeitswelt und Migration noch weitere Probleme, die wir in Zukunft lösen müssen. Dazu gehören die arbeitslosen jungen Männer genauso wie die seit siebenhundert Jahren in Europa lebende und verachtete Minderheit der Roma.

Bis ins neunzehnte Jahrhundert waren die Menschen aufgrund von Mangel aufeinander angewiesen, andererseits fanden sie über sich ein Gedankengebäude, das genauso ewig zu sein schien wie die Kathedrale, in der Solidarität und Sicherheit gepredigt wurden. Neben den religiösen Begriffen gehörten im neunzehnten Jahrhundert auch staatlich-nationale Vorstellungen zu diesem Gedankengebäude. Für den folgenden Satz wären wir sowohl im Kaiserreich als auch in der Nazidiktatur unweigerlich im Gefängnis gelandet: Vaterland war eine hohle Ersatzheimat für hungernde und obdachlose Menschen. Vaterland ist so etwas wie ein Schokoladenweihnachtsmann, schön anzusehen, aber leider hohl und nicht aus bester Schokolade, jeder, der ihn begreift, beschmutzt sich die Hände. Wer das nicht glaubt, begebe sich nach Verdun und sehe sich dort eine Million Soldatengräber an. Auch in ihnen liegen als überflüssig erachtete junge Männer, die bedenkenlos in den Tod gejagt wurden, jeder von ihnen hatte einen Schokoladenweihnachtsmann namens Vaterland in der Hand. Die Geschichte wäre übrigens nicht besser ausgegangen, wenn wir, die Deutschen, den ersten Weltkrieg gewonnen hätten. Kaiser Wilhelm ist der erste Populist gewesen, ein Politiker, der etwas sagt, wovon er zwar nicht überzeugt ist, von dem er aber glaubt, dass ein Großteil der Bevölkerung es schnell glauben oder annehmen wird.

Hiob, die antike Gestalt, über die Gott und der Teufel eine Wette abschließen, ob er bei ihn beinah vernichtendem Leid weiter an seinen Überzeugungen festhalten wird. Die Überzeugungen werden nicht näher benannt. Wir warnen aber: mit Gottestreue ist immer auch Systemtreue, Nationalismus, Auserwähltheit, Wahrheitsmonopol, Rechthaberei gemeint. Bekanntlich verflucht Hiob das alles und bleibt doch in diesem Gedankengebäude.

Ganz anders Grünspan: in der Wahl seiner Mittel bleibt er ein Kind der Zeit, ist er der Aktivist des Zeitgeists: statt zu Argumenten greift er zur Pistole. Man muss aber auch seine Lage sehen, er war gerade einmal siebzehn Jahre alt und völlig mittellos. Er hatte nicht nur kein Geld, sondern auch nichts anderes außer sich. Der Inhalt seiner Botschaft, und deshalb wurde sie zum Fanal, ist aber: dass man seine Brüder nicht in die Staatenlosigkeit, Mittellosigkeit, Mutlosigkeit, Lebenslosigkeit schicken kann. Wir kennen heute das Ziel dieser Reise: Auschwitz. Er hat es wohl geahnt.

Wir brauchen nicht nur eine neue Welt, die sich unter unseren Augen nicht von selbst, aber doch von den meisten von uns nicht gewollt, schafft, sondern wir brauchen auch ein neues Gedankengebäude, ein Zelt der Brüderlichkeit, des Zusammenhalts und des Trostes. Ein Trost für die rechtskonservativen Nostalgiker: ALLE MENSCHEN WERDEN BRÜDER ist nicht nur die schönste Zeile der Europahymne, sondern auch von dem Dichter, den man im neunzehnten Jahrhundert für den deutschesten der Deutschen hielt: Schiller. Aber er war kein fahnenschwingender Losungsproduzent, sondern ein lebenshungriger Großintellektueller, der größte Stilist deutscher Sprache.