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Während der junge Rauch[1] verdienterweise – weil der Markt heute so ist – viel Geld verdient, baggerte der alte Rauch[2] seinem Lehrer den Ruhm ab. Sein Lehrer, Gottfried Schadow, der Schöpfer die Prinzessinnengruppe, in der die Prinzessinnen so stehen, wie die allgegenwärtigen Leda-Zwillinge, sah seinen Ruhm im Alter schwinden und fasste seinen liebgewonnenen Ärger in dem berlinischen Bonmot zusammen.
Der alte Rauch war der Sohn eines Soldaten und späteren Kammerdieners des Fürsten zu Waldeck und Pyrmont in Arolsen in Hessen. Dieser Vater hatte die Begabung seines Sohnes erkannt und ihn in die Lehre des Hofbildhauers gegeben, aber er starb früh, auch der Bruder fiel durch seinen Tod als Versorger der Mutter und der verbleibenden Geschwister aus. So wurde auch der junge Künstler ein Kammerdiener, aber bei der Königin Luise, die sein Talent erkannte, ihn an die Fürstenhöfe Neustrelitz und Berlin band und wohl ihren Schwiegervater Friedrich Wilhelm II., den dicken Luderjan, ihren Mann Friedrich Wilhelm III. und den Kultusminister Wilhelm Freihern von Humboldt um Aufmerksamkeit und Mentorschaft bat. Der König bewilligte daraufhin seinem Kammerdiener sechs Jahre lang ein Stipendium für den Aufenthalt des angehenden Meisters in Rom und Carrara, der Hauptstädte der Kunst und des Marmors.
Wir wollen einmal annehmen, dass sich Christian Daniel Rauch und der General Carl von Clausewitz nicht nur kannten, sondern Gelegenheiten zu langen Gesprächen hatten. Dann wird der tiefdenkende General seinem Künstlerfreund seine Entdeckung erläutert haben: dass nämlich in einem Krieg jeder Plan, jedes Vorhaben, jede List durch Reibungen und Störungen, die er Friktionen nannte, bis zur Unausführbarkeit behindert und verhindert wird, dass ferner jeder Angriff – wieder bis zur Unausführbarkeit – schwieriger sein wird als jede Verteidigung, dass deshalb nicht etwa die bloße Truppenstärke oder materielle Ausstattung für Sieg oder Niederlage verantwortlich sind, sondern ebenso Motivation, räumliche Begebenheiten und das Wetter, der Zufall, die Stimmung. Warum dann später aus dem berühmten Buch des weisen Generals immer nur ein Satz bis zur Trivialität hinunterzitiert wurde, hat denselben Grund wie die Popularität der kleinen Nachtmusik, des Kreuzes im Gebirge oder des Liebermann-Zitats. Der General und der Künstler werden dann lang und breit erörtert haben, dass diese Clausewitzsche Entdeckung ebenso im Alltagsleben und in den Biografien der Menschen rumort. Kein Plan, keine Absicht, keine Intention kann so verwirklicht werden, wie sie gedacht war. Jeder Leser wird im Moment des Lesens zum Autor, denn dieser mag gedacht und erwartet haben, was er will, der Leser sieht die Sache so, wie nur er sie sehen kann: er ist ein Kind seiner Zeit, wie der Autor ein Kind seiner Zeit war. Deshalb ist die berühmte, berüchtigte, sprichwörtliche und überaus dümmliche Lehrerfrage Was wollte der Dichter damit sagen für immer diskreditiert. Was für einen Text gilt, gilt selbstverständlich ebenso für ein Bildnis, eine Musik, eine Inszenierung und für jede künstlerische oder philosophische Abstraktion, die morgen anders verstanden wird als sie gestern verstanden wurde. Rauch erzählte, wie die Friktionen in sein vorgeplantes Leben eingriffen: der frühe Tod des Vaters und des älteren Bruders führte zur Begegnung mit Luise, die in Darmstadt aufgewachsen war und früh ihre Mutter und Stiefmutter verloren hatte. Der General seinerseits steuerte bei, wie er im Oktober 1806 als Stabschef unter Prinz August von Preußen bei Prenzlau durch fake news, die übertriebene Zahl der französischen Truppen, unterlag, obwohl die fliehenden Preußen eigentlich stärker waren. Lächelnd berichtete nun der Künster von seiner Geliebten, die er nicht heiraten konnte, weil sie nicht standesgemäß war, dass er sich aber um seine beiden Töchter kümmerte, was wiederum dazu führte, dass sie notwendigerweise ihrer Mutter entzogen wurden. Ihm fehlte der Goethe-Faktor, denn der Geheimrat und Minister konnte sich in ähnlicher Situation über alle Konventionen hinwegsetzen. Friktionen über Friktionen. Der General erwähnt die Cholera, die ganze Regimenter ganz ohne Feindbeschuss zu Tode brachte. Der Künstler spricht mit gesenkter Stimme vom Tod der geliebten Königin und vom Streit mit dem verwitweten und untröstlichen König über den Marmor. Schließlich wird das in Carrara und Rom gefertigte strahlendweiße Denkmal von Piraten gekapert und entführt. Clausewitz starb 1831 in Breslau lebensmüde an der Cholera, Rauch starb 1857 in Dresden, wohin er sich zur chirurgischen Behandlung begeben hatte.
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Auch das Carolinum in Neustrelitz, heute eins der größten und renommiertesten Gymnasien in Norddeutschland, hat eine durch starke Reibungen verzerrte Geschichte, erwähnt werden soll nur der mehr al fünfzig Jahre währende Missbrauch durch die Wehrmacht und die Rote Armee. Ein Großteil der heutigen, weit mehr als tausend Schülerinnen und Schüler mag nach Unterrichtsschluss über den symbolträchtigen Christian-Daniel-Rauch-Platz schlendern, und dabei müssen sie nicht dem Bürgersteig folgen, sondern sie benutzen die von den Künstlern aus dem nahen Lichtenberg implantierten Treppchen. Uwe und Dorothe Maroske haben den Platz mit einer Hommage an Christian Daniel Rauch gestaltet: den Figuren Glaube, Liebe Hoffnung aus dem zweiten Korintherbrief des Frauenfeindes Paulus und den Titulargestalten der Stadtkirche in Bad Arolsen von Christian Daniel Rauch. Da treffen so viele bild- und gedankentiefe Symbole aufeinander, dass die Friktionen der Interpretationen in sich kreuzenden und gegenseitig ausmerzenden Linien mit Händen greifbar sein müssten. Aber der Platz strahlt, wider alle Probleme, Harmonie und jugendliche Frische aus. Es herrscht vielmehr eine zeitlose Verklärung durch die grünlichen abstrahierten Bronzefiguren. Und eine Verklärung ist das Gegenteil einer Erklärung. Der Volksmund bevorzugt eher die Hoffnung, die nach seiner kollektiven Meinung zuletzt stirbt. Der verbeamtete Volksglaube beharrt auf der Bevorzugung desjenigen institutionalisierten Glaubens, der so krachend gescheitert ist an den klaren Botschaften ihres Gründers. Stattdessen bleibt das Schisma des Hirten liebstes Kind. Man verharrt in einem Halleluja, das noch nicht einmal Leonard Cohen zur Kenntnis nimmt: Maybe there’s a God above…It’s a cold and a broken Hallelujah, geschweige denn die Gebote der Nächsten- und der Feindesliebe. Man verharrt auf Kleiderordnungen und Sprachregelungen. Aber hier, auf dem Rauch-Platz in Neustrelitz, wacht die junge Frau mit dem Kind im Arm über die Elisabethstraße und die ganze Stadt. Also, was bleibt ist die Liebe, auch die verleugnete, auch die verbotene und die verbetene.
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Kunst hat der Religion längst den Rang abgelaufen, Kunst ist heute so allgegenwärtig, wie es die Religion hätte sein können, wenn sie sich nicht allzu offensichtlich mit dem Bösen verbunden, sich dem Staat angebiedert und angeschmiedet und sich in Regeln und Geklingel versenkt hätte. Kunst lehrt: lernen ist besser als regeln[3]. Invention ist nicht besser, aber wirkmächtiger als Intention, mag sie noch so gut sein. Zumal wir alle meist von unseren Intentionen gefangen sind und den Inventionen viel zu wenig Raum geben. Jede Diktatur, jede verordnete Interpretation lebt und stirbt von ihren Intentionen, den wirklichen und den erzählten. Hoffnung ist nicht falsifizierbar, Glauben und Liebe sind nicht verifizierbar. In diesem Ungefähr müssen wir leben. Der blinde Fahrradfahrer kann unser Vorbild und Führer werden. Diesseitiger Optimismus sollte unser Markenzeichen sein. Denn aller Ruhm wird in Rauch aufgehen und wir gehen so aus der Welt, wie wir gekommen sind.
[1] Neo Rauch, geboren 1960 in Leipzig, aufgewachsen in Aschersleben
[2] Christian Daniel Rauch, * 1777 Arolsen, † 1857 Dresden
[3] aber brauchen wir nicht Regeln? Ja, aber lernen ist besser.
