MUSTERBILD AN TREUE UND/ODER LIEBE

Nr. 159

 

Als ich Kind war, war er schon ein alter Mann und hatte das seltsamst beständige Leben hinter sich:  er hat viele, viele Jahrzehnte in der gleichen Wohnung verbracht, obwohl sich alles um ihn herum veränderte. Die Straße änderte ihren Namen. Der Staat verkam, der die Straßen benannte. Er war ein mittlerer Beamter bei der Deutschen Reichsbahn, aber sein Beruf interessierte ihn nicht weiter, als dass er ihm das Geld brachte, das er zum Unterhalt seiner wahrlich großen Wohnung benötigte. Er lebte allein in fünf riesigen Zimmern. Als ich Kind war, war ich besonders fasziniert vom Hintereingang in der Küche mit eigenem Treppenhaus für die Dienstboten, wenn es auch schon keine Dienstboten mehr gab. An seinem großen Schreibtisch im Herrenzimmer saß er und blätterte in wirklich wertvollen Zeitschriften, wir würden heute eher Magazine dazu sagen. Er war ein Bildungsbürger, dem es an wirklicher Bildung fehlte. Er hatte kein Abitur, und darunter litt er auch ein Leben lang. Das Abitur war in seiner Jugend ein elitärer Freifahrtschein, ohne den er sich ausgeschlossen fühlte. Er lebte in seiner Bilder- und Artikelwelt, deren Fremdwörter und komplizierte Gedanken er mit Bleistift am Rand übersetzte. Das war die Welt der Lebensreformer, der Gesundheitsapostel, der Vegetarier und der Arier. Hitler, erklärte er mir immer wieder, kann so schlecht nicht gewesen sein, denn er war Vegetarier. Vegetarier erkennen das Leid der Tiere, sie gestehen den Tieren als Kreaturen die gleichen Empfindungen zu wie uns Menschen. Wer die Tränen der Tiere trocknet, so der Onkel, kann nicht wirklich böse sein. Etwas anderes ist es, was aus einer guten Idee gemacht wird. Sobald diese Idee in der Hierarchie des Volkes nach unten fällt, wird sie wieder roh wie alles, was dort unten gedacht und gemacht wird. Sieh dir die rohen Menschen an, welche Papier auf die Straße werfen, ihren Rotz auf das Pflaster schnäuzen oder sogar Wände bemalen. Voller Verachtung zeigte er mir den Abfall des rohen Volkes. Dann gingen wir in den Stadtpark und er schwärmte vom Fürsten, der gleichzeitig ein Landschaftsarchitekt und Schöngeist war, ein Weltreisender und Goethefreund, der sich sogar eine schwarze Frau aus fernen Ländern in Afrika mitgebracht hatte. Aber, so sagte Onkel Robert, das Schwarze kann hier nicht leben, zu fremd und zu entartet ist es. Sie hat sich dann deswegen das Leben genommen. Mit diesen Gedanken und Gefühlen gingen wir durch die vom Krieg zerstörte Stadt, und Onkel Robert erklärte mir nicht, wie die Stadt heute ist, sondern wie ideal und schön sie früher war. Das schöne Kino Weltspiegel war nur eine, das Staatstheater drei Querstraßen entfernt. Ich war noch sehr klein, aber durch ihn wusste ich schon, was Jugendstil ist, der Stil, in dem er immer noch zeichnete.  Erst spät hatte er die passende Frau für seine große Wohnung gefunden. Sie spielte Gitarre und war selbstverständlich auch Vegetarierin. Sie arbeitete bei der Post, aber ihr Beruf interessierte sie nicht sehr.

 

Als iCIMG4607ch Kind war, waren Berufe für mich überhaupt nicht wichtig. Die Menschen, mit denen ich zusammenlebte, nannten Beruf Pflichterfüllung. Das war wohl nichts Lästiges, aber Enthusiastisches schon gar nicht. Nach dem Krieg kamen zwei Schwestern der angeheirateten Großtante aus Schlesien, auch sie waren bei der Post und teilten sich ein Zimmer der großen Wohnung. Ein weiteres Zimmer war an zwei nicht näher bezeichnete Damen untervermietet, sie wurden immer nur ‚die Damen‘ genannt, auf die man Rücksicht zu nehmen hatte. Wenn ich zu Besuch war, wurden im Wohnzimmer zwei schwere Sessel zusammengeschoben, auf denen ich schlief.

Ich habe später das Archiv von Onkel Robert geerbt, all die schönen historischen Jugendstilmagazine, in denen die vegetarische, nudistische, lebensreformerische, auch arische Lebensweise hergeleitet und heruntergebetet wurde. Er war also Nazi gewesen. Wenn er mit mir durch seine Heimatstadt ging, war er den neuen Machthabern, selbst den Russen gegenüber nicht unfreundlich. Er war ein Opportunist gewesen und hat alle Systeme und Frauen seiner Umgebung überlebt. Zum Schluss saß er mit tränenden, immer entzündeten Augen an seinem mächtigen Schreibtisch und zählte homöopathische Kügelchen und dachte an Rudolf Steiner, den er auch verehrt hatte.

Seine biografische Mission hatte aber darin bestanden, jedem in unserer Familie, dessen Lebenszeit sich mit der seinen überschnitt und solange sie sich überschnitt, akribisch und mit der Präzision eines astronomischen Kalenders die liebevollsten Geburtstagsgrüße zukommen zu lassen. Dabei hatte er sich im Laufe der vielen Jahrzehnte seines segensreichen Wirkens einen Stil angeeignet, der gleichzeitig gehoben bis schwülstig und launig bis heiter war. Er bestand aus vorgefertigten Textbausteinen derart, dass der Jubilar ‚im Kreise seiner Lieben‘, das war gleichzeitig ein Zitat, die schönen Stunden genießen solle, ohne den Ernst des Lebens zu vergessen. Noch viele Jahre sollten ihm, dem Jubilar, beschieden sein und er, andererseits,  solle für seine Lieben das bleiben, was er auch schon bisher war. Er schrieb so, als würde er sich selbst zitieren. Es klang immer gekünstelt, aber in der Familie galt das als Begabung. Zu so genannten runden Geburtstagen schrieb er, allerdings nur für sehr nahe Verwandte, lange gereimte Biografien. Er zeichnete dazu passend die Lebensstationen. Auf Familientreffen, später, stellen wir alle immer wieder fest, wie sehr uns diese Treue und Präzision gefallen hatte, wie sehr sie uns geprägt hat. Jeder von uns fühlte sich gemeint. Jeder dachte, nur er würde mit dieser Liebe der Geburtstagsbriefe, Gedichte und Zeichnungen bedacht worden sein. Kein Jahr verging, in dem nicht pünktlich zum Geburtstag jener eigenartig gestanzte, aber doch wieder Liebe und Wärme ausstrahlende Text, mit breiter Feder geschrieben, mit einer durchaus eigenständigen, keineswegs genormten Schrift, eintraf. Er hatte Memoiren geschrieben, die nur wenige Seiten umfassten und fast nichts sagten, er hatte unter seiner Mittelmäßigkeit gelitten. Aber er hat in uns allen ein Lebenswerk hinterlassen, das uns zeigte, wie man für andere Menschen, auf andere Menschen hin leben kann. Natürlich würden wir, bei genauerer Betrachtung, das Formale seiner Treue eher kritisieren. Wir kritisieren schon den Begriff der Treue als einer äußeren sekundären Eigenschaft, der der Inhalt fehlt. Und trotzdem, statt über die so genannte Schnelllebigkeit zu jammern, über die Unverbindlichkeit der Konsumära, über die Herrschaft des Geldes und der viel zu vielen Dinge, über die Inflationen der Unflätigkeiten, sollten wir uns lieber einen kleinen Vorrat an Geburtstagspostkarten zulegen, und jedem, den wir mögen, in jedem Jahr, das wir gemeinsam erleben dürfen, eine davon schicken.

in memoriam Robert Wendt *18.8.1888 – 3.6.1981

In diesem Jahr habe ich einige Geburtstage übersehen, das hier ist der Versuch der Entschuldigung.

HAVELBERG ODER IST DER ANDERE UNS ZWECK ODER SINN

Nr. 158

Havelberg ist so als würde Gustavo Dudamel in Caracas Beethovens Neunte dirigieren. Beides sind Summen, Produkte und Potenzen unendlicher Glieder und Vernetzungen, die noch vor wenigen Jahrzehnten als unmöglich galten. Damals wurden Havelberg als Obsieg des Deutsch- und Christentums und Beethoven als Schluss- und Höhepunkt weißer eurozentrischer Kultur gefeiert. Hinterher erscheint es uns eher unmöglich, dass man andere Sichten für so unmöglich hielt.

Der spätromanische Dom thront immer noch über der Havelinsel und man kann besonders aus der einundachtzig Meter hohen Aussichtsplattform gut die strategische Lage vor tausend Jahren begutachten: wer Insel und Berg besaß, war unschlagbar. Vor diesem Hintergrund erscheinen die kleinen Fenster im mächtigen Westwerk des Doms als Schießscharten.  Aber vielleicht sind das Westwerk und die Überdimensioniertheit nur Ausdruck des neuen Reichtums, des Triumphes der Nächstenliebe über die Götter der Angst und der Rache? Im so genannten Wendenkreuzzug von 1147 ging es jedenfalls mehr um Macht als um Glauben, und Anselm von Havelberg, obwohl er an diesem militärischen, barbarischen und obskuren Akt teilnahm, schrieb später ein berühmtes Buch mit dem Titel DIALOGE, allerdings war er da schon Botschafter im byzantinischen Konstantinopel.

Die heutigen Auseinandersetzungen zeigen deutlich, wie der damalige Streit ausgesehen haben könnte, die damaligen Dispute und Kämpfe vermitteln uns ein Bild dessen, wie die heutigen Diskussionen geführt werden und ausgehen können.  Es gibt immer die besonders ängstlichen und beharrenden Traditionalisten, die jeden Quadratzentimeter dem Alten erhalten wollen. Nichts darf sich ändern an der Väter und Urväter Weise. Die Werte von gestern sollen auch morgen noch gelten. Der Veränderung wird kein Fenster geöffnet. Dagegen sind die Neuerer, die Innovatoren, die Reisenden, die Jungen, die Lerner und die Anarchisten. Sie haben eine Vision. Vom Altmeister allen Besserwissens stammt der schöne Satz: Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen. Dazwischen stehen die Realisten, jene, die sich nicht entscheiden können. Opportunistisch gesehen sind sie Konservative, aber andererseits sagt ihnen ihre Bildung, dass sich das Rad der Geschichte, das schöne Bild von Schiller, wohl kaum rückwärts dreht. In der Volkswagenführung und in der Flüchtlingsdebatte begegnen uns die gleichen Konfigurationen: geht es um Umweltschutz oder um die Leistungsfähigkeit der Automobile, haben wir das Automobil (als Metapher für Freiheit) erfunden, damit es alle benutzen können?  In München toben die Traditionalisten, aber in Wittstock wird es auf dem Markt wieder bunter. Jedoch ist in Wittstock die Ablehnung des Neuen auch größer als in München, denn München ist zwar die Hauptstadt des Konservatismus, aber andererseits Großstadt mit urbanem Großgeist und eben der Weltoffenheit, die durch das Zusammentreffen vieler Kulturen entsteht.

Das Christentum, dessen Symbol der Havelberger Dom sein mag, brachte indessen nicht nur vordergründige Erlösungsstrategien. Die hatten andere Religionen auch. Vielmehr wurde reines Zweck- und Nutzendenken (später Teleologie und Utilitarismus genannt) durch einen höheren Sinn ersetzt. Du bist, war die neue Lehre, eben nicht dazu da, Feinde zu bekämpfen, Kinder zu zeugen und ein Moor trockenzulegen. Wenn du deine Feinde liebst, statt sie zu bekämpfen, wenn du deine Kinder liebst, statt sie nur in die Welt zu setzen, wenn du ein Moor gleichzeitig trockenlegst, um den Hunger zu bekämpfen, und feucht erhältst, um auch künftigen Generationen und Völkern das Leben zu ermöglichen, dann wirst du die Welt verbessern, nicht nur deine Heimat, dann wird die Welt deine Heimat, dann brauchst du den Begriff der Heimat gar nicht mehr, dann musst du vor dem Neuen, sei es ein Flüchtling oder ein Automobil, keine Angst mehr haben.

Wenn du deine Feinde liebst, hast du keine mehr. Wenn du deine Grenzen öffnest, musst du sie nicht mehr verteidigen. Wenn du dein Herz öffnest, kannst du sterben, verschließt du es, wirst du sterben. Wer die Augen schließt, um sich seiner Grundsätze zu versichern, sieht nichts mehr.

Vertrauen ist ein Paradox: du musst glauben, was du noch nicht weißt. In den Fortschritt kann man nur stolpern, niemand weiß, was sich hinter der soeben aufgestoßenen Tür befindet. Aber du musst sie aufstoßen, weil du und wenn du frische Luft benötigst. An Prinzipien dagegen kann man leicht ersticken. Die Frage lautet eben nicht, was habe ich davon, wenn ein neuer Mensch zu mir kommt. Fortschritt und Kultur ist immer die Reibung zwischen den bestehenden Systemen und Visionen. Es gäbe nicht nur kein Smartphone, sondern im Gegenteil: ein Großteil der heutigen Smartphone-Benutzer würde Hungers sterben, wenn wir nicht immer wieder offen gewesen wären und nicht die Fragen nach Zweck und Nutzen gestellt hätten. Dadurch dass manchmal Zweck und Sinn zusammenfallen, darf man nicht schlussfolgern, dass sie auch identisch wären. Die zweite falsche Schlussfolgerung wäre die Forderung nach Askese, so gut uns Askese tun kann, das Gegenteil von Nutzendenken ist vielmehr Bildung und Kultur. Es gibt keine bessere Beförderung der Konjunktur als Kultur: der kleinste Hartzvierempfänger hat den größten Bildschirm. Hartzvier ist also nicht nur Geldtransfer, sondern auch Kulturweitergabe. Besser ist natürlich eine gediegene und aktive Bildung, mit der man überall bessere Chancen auf Lebensunterhalt, einschließlich etwa notwendiger Flucht, hat.

Wenn man also durch jenen Teil Deutschlands zur BUGA fährt, der einst mit dem obskuren Wendenkreuzzug ins Licht der geschriebenen Geschichte trat, so passiert man Westwerke von Kirchen, die dem Mindener und Havelberger Dom nachempfunden sind. Sie sind, wie alle Kultur, Verschwendung im schönsten Sinne. Aber sie sind nicht, wenn auch der Zeitgeist es uns immer wieder einreden will, Zeugnis zerstörerischen Militärungeists. Luthers Leistung war die Bibelübersetzung, nicht die Kirchenspaltung und die Zementierung des Zeitgeists. Auf diesen Plätzen vor den gotischen Kirchen und ratlosen Rathäusern entfaltet sich als fragiler Keim ein Leben, das schon fast vergessen war: das Gespräch um des Gesprächs willen, um die Nähe zu pflegen, warum sagen wir nicht: wegen der Nächstenliebe. Die das miteinander besprechen, haben einfach ihre Tradition mitgebracht und auf den Marktplatz von Wittstock gestellt. Da steht sie nun und kann  nicht anders. Und wir werden bald auch dort stehen oder sitzen und über das Wetter reden, statt nur in die Hände zu  spucken und das Bruttosozialprodukt zu steigern. Zwar ist das Bruttosozialprodukt von hoher Anziehungskraft, aber nichts geht über ein Gespräch vor gotischen Domen. In Havelberg übrigens, direkt vor dem spätromanischen und gleichzeitig frühgotischen Dom, in einem italienischen Restaurant, wurden wir, mein orientalischer Filter und Katalysator und ich, bedient von einem ägyptischen Kellner mit Heimweh und bemerkenswertem Anstand. Er lehnte das Trinkgeld ab, weil er uns eigentlich einladen müsste. Davon kann man lernen. Das ist Nutzen, Zweck und schöner Sinn zugleich.

GLOBALISIERUNGSGEGNER

Nr. 157

Der Schinkelplatz in Berlin ist der eigentliche Gedenkplatz für den Beginn des Kapitalismus in Deutschland. Goethe ist dort als der Großvater der Moderne zu sehen, obwohl er für Beuth, Thaer und Schinkel, die drei stehen dort, eher eine Vaterfigur und mit Thaer sogar gleichalt war. Thaer ist der am wenigsten bekannte. Hunger kennt man nur, wenn er sichtbar und spürbar ist. Das ist auch der Grund, warum rechtsradikale Argumentationen gegen die Aufnahme von Flüchtlingen sich auf ebenjene Obdachlose beziehen, die sie noch vor wenigen Jahren als undeutsch attackiert und ermordet haben (Eckard Rütz† und Klaus-Dieter Gerecke† in Greifswald im Jahre 2000).

Thaer und später Liebig legten die Grundlagen für eine so nachhaltige Hungerbekämpfung, dass heute in weiten Teilen der Welt eher Übergewicht das Problem ist. In den Märchen der Gebrüder Grimm, die nicht weit vom Schinkelplatz entfernt wohnten, waren noch die Reichen überdimensioniert dick, heute sind es eher die armen und bildungsfernen Menschen, die Billig- und Fastfood in sich hineinschlingen und dabei Billigmedien konsumieren. Trotzdem gibt es immer noch die Angst, vielleicht nicht vor dem Verhungern, aber vor dem Verarmen. Die Obdachlosen werden einerseits als Verlierer verachtet, andererseits stellen sie lebendige Mahnmale der Verarmung dar.

In Schüben, möglicherweise direkt im Gefolge der Innovationsschübe, fallen Globalisierungs- und Fremdenängste über die Menschen her. In den Dörfern hört man das Zähneklappern der Angst vor den Fremden. Plötzlich werden eiligst die alten Neubaublocks aus der DDR abgerissen, nur damit der Landkreis nicht Flüchtlingsfamilien ansiedeln kann. Dann würde wieder Kinderlachen zu hören sein, in Dörfern, in denen fast nur noch Rollatoren zu sehen und Zähneklappern zu hören ist. Dabei sind die ländlichen Neubauten der DDR möglicherweise nicht nur Ausdruck unmoderner Produktionsweisen der Landwirtschaft gewesen und nicht nur ästhetische Bekämpfung der Schlösser und Kirchen, sondern auch der letztlichen menschenwürdigen Unterbringung jener Flüchtlinge und deren Nachkommen, die der letzte Krieg der Rechtsradikalen erzeugt hat. Das waren, es gibt unterschiedliche Zahlenangaben, um die zwölf Millionen im Jahre 1945. Angesichts der demografischen Katastrophe der heillosen Überalterung (eigentlich durch Mangel an Hunger) und wirtschaftlichen Verödung müsste jede Flüchtlingsfamilie aus Syrien und jeder gutgelaunte junge Mann aus Schwarzafrika mit den Schalmeienkapellen aus Penkun und Rossow und Girlanden aus dem rechten Blumenladen begrüßt werden.

Statt dessen erinnert man sich an Verschwörungstheorien und gibt dem Kapitalismus die Schuld am eigenen Unbehagen. Blättert man auf rechten Seiten, so findet man nach dem gewöhnlichen populistischen Unfug bald auch den Hinweis auf das Weltjudentum. Rothschild, der schon lange nicht mehr auf der Liste der 1000 reichsten Familien, steht, gehört die Welt. Merkel ist Obamamagd und Obama ist Judenknecht. Zu diesen Ansichten haben zwei wenig bekannte Nazis beigetragen. Gottfried Feder, einer der wenigen Freunde Hitlers und Verfasser des NSDAP-Programms, hatte die Idee, die Zinsen abzuschaffen, das Projekt nannte er ganz romantisch ‚Brechung der Zinsknechtschaft‘ (1919). Die schlangenblickähnliche Faszination vieler Menschen in bezug auf Schulden und Zinsen mag von ihm stammen. Wir alle haben die Hoffnung, dass ein kompliziertes Problem vielleicht doch eine ganz einfache Lösung haben könnte. Ein zweiter wenig bekannter Nazi, der angebliches Geheimwissen produzierte und publizierte, war Wolfgang Diewerge. Er befasste sich mit der jüdischen Weltherrschaft. Er sah sie in David Frankfurter, einem Studenten, der Gustloff erschoss. Das war ein Obernazi, der nur dadurch bekannt wurde, dass nach seiner Ermordung ein Schiff nach ihm benannt wurde, das am 30. Januar 1945 mit 10.000 Flüchtlingen an Bord unterging. Das war die größte bisherige Schiffskatastrophe. Herschel Grynszpan dagegen erschoss einen schwulen Botschaftssekretär, dessen Geliebter er möglicherweise war. Vielleicht wollte er aber auch sagen, was sich heute vielerorts zurecht als Graffito findet: KEIN MENSCH IST ILLEGAL. Noch absurder ist der von Diewerge erfundene Kaufman-Plan, der vorsah, alle Deutschen zu sterilisieren. Theodore Newman Kaufman gab es tatsächlich, auch wenn er schwer zu finden ist. Er besaß eine kleine Werbeagentur in South Orange N.J. und gab drei Schriften heraus, allerdings im Selbstverlag und mit einer Reichweite von unter 1000 Exemplaren. Niemand kannte oder kennt ihn. Trotzdem findet man heute in rechtsradikalen Pamphleten immer wieder Untergangszenarien der Art des Kaufman-Plans von Oberregierungsrat SS-Standartenführer Dr. Wolfgang Diewerge.

Alle Entwicklungen werden von Ängsten begleitet, leider gilt der Satz nicht auch umgekehrt. Es waren aber immer die falschen Bewahrer scheinbar wertvoller Traditionen, die die Systeme zerstörten. Es wäre auch nicht schlimm, wenn nur Staatssysteme zerbrächen. Aber alle Revolutionen und Kriege sind immer mit der Auslöschung von Millionen oder einzelnen Menschenleben und mit Bildersturm verbunden. Wäre das nicht so, könnte man über die immer gleichen oder doch sehr ähnlichen Argumentationen der Ewiggestrigen lachen. Aber leider schaffen sie es immer wieder, Menschen für ihre Antiideen zu fanatisieren. Fantasie- und ideenlose Nazis, die behaupteten und behaupten, Deutschland retten zu wollen, können nur sehr bruchstückhaft die deutsche Sprache, kennen weder Goethe, den Großvater der Moderne, noch die Humboldt-Brüder, weder Schinkel noch Thaer und Beuth, keinen Hardenberg und keinen Reichsfreiherrn vom und zum Stein. Sie haben deren  Denkmäler rund um den Schinkelplatz in Berlin noch nie gesehen.

Neulich wurde ein ehemaliger IS-Kämpfer verhört, der den Koran nicht kannte und nichts von den Regeln des Islam wusste, den er doch gegen die westliche Welt zu verteidigen vorgibt. Amerikaner gibt es, die immer noch an die qualitative Unterscheidung von so genannten Rassen glauben, Russen, die die Krim für russisch und Lenin für einen Weltverbesserer halten, Franzosen die vom Algerienkrieg träumen, Kubaner, die die Ursache der Armut in den USA vermuten.

Überall auf der Welt feiert die Unbildung, das Vergessen, die politische Nostalgie der Ewiggestrigen immer noch kurze, immer kürzer werdende Triumphe. Wie in Wellen taucht die Hoffnung auf die kurze Erklärung, den einfachen Grund, die monokausale Lösung immer wieder auf, freilich nur, um dann auch wieder zu verschwinden. Die eigenartige technizistische und damit modern klingende Sprache der Nazis, die von einem Sprachwissenschaftler akribisch im Tagebuch (LTI) festgehalten wurde, hat für diese falsche und durch und durch unwissenschaftliche Hoffnung einen Terminus geschaffen, der uns das geistige Mahnmal sein sollte: nie zu glauben, dass etwas endgültig gelöst werden könnte, nie zu glauben, dass eine Gruppe von Menschen am Zustand der Welt schuld sein könnte, nie zu glauben, dass ein Mensch oder eine Antwort irgendein Problem dieser Welt lösen könnte.

Der Kapitalismus – eine Verabredung, kein Mensch, kein Scheusal – hat den Hunger besiegt, aber er hat nicht  alle Probleme der Menschheit gelöst, noch nicht einmal das Hungerproblem für wirklich alle Menschen, er hat natürlich auch neue Probleme geschaffen, die wir in Zukunft lösen werden. Hunger ist keine Idylle, aber Energieverschwendung und Nichtstun auch nicht.

DIE SCHREIBMASCHINE WILL NICHT SCHREIBMASCHINE BLEIBEN

Apodiktische Sätze gehen fast immer von Menschen aus, die mit ihrem Tun gerade das Gegenteil dessen bewirken, was sie meist plakativ und populistisch fordern und verkünden. Je verbissener das Alte verteidigt wird, desto größer ist zum Schluss dessen Zerstörung. Fast könnte man diesem aggressiven und dekonstruktiven Konservatismus – im Gegensatz zum Bismarckschen konstruktiven Konservatismus – dankbar sein, denn er wirkt oft als Katalysator eher zögerlicher und vorsichtiger Erneuerungsprozesse.

Die Dampfmaschine, so groß ihr Einfluss auf das herannahende Mobilitätszeitalter auch war, hat sich durch Perfektion und Effektivität selbst abgeschafft. Die Verbrennung konnte, durch immer präzisere Teile, von außen in den Zylinder verlegt werden. Kurz nachdem der erste Schnellzug die 100 km/h-Marke überschritten hatte, individualisierten Benz, Daimler und Maybach die Maschine und den Verkehr. Zweifellos ist die Erfindung des Buchdrucks, ähnlich wie die der Dampfmaschine, der Beginn eines Zeitalters. Jedoch ist auch hier die Schreibmaschine die Individualisierung einer ungeheuren Innovation und jenes Zeitalters. Hundert Jahre lang ist die Schreibmaschine einer der Höhepunkte des mechanischen Zeitalters gewesen.

Allerdings sagen wir nicht, was wir meinen und schreiben deshalb auch nicht, was wir sagen. Inmitten der Geschichte der Schreibmaschine gibt es die kurze Geschichte der Codiermaschinen, unter anderen der ENIGMA. Ein deutscher Konstrukteur namens Alfred Scherbius, der den Umsturz, welcher durch die Enträtselung seiner Maschine eingeleitet wurde, nicht mehr erleben konnte, weil er selbst mit einem Pferdewagen, über den er die Beherrschung verlor, umstürzte und zu Tode kam, erfand sie. Das war 1929. 1939 begann der Zweite Weltkrieg und die Wehrmacht war die am stärksten aufgerüstete Armee, die Befehle wurden codiert mit der ENIGMA, jener elektromechanischen Fortführung der Schreibmaschine mit drei oder fünf Walzen zur Verwirrung des Inhalts. 40.000 Maschinen dieser Art wurden gebaut, und sie waren das Ende der Schreibmaschine und des Zweiten Weltkrieges und der Epoche der Kriege und der Beginn einer nicht mehr zu fassenden Chiffrierung aller Bilder und Worte. Alan Turing, im Bletchley Park mit der Decodierung beauftragt, entwickelte daraus den Gedanken der Berechenbarkeit aller Informationen. Seitdem wird darüber nachgedacht, ob Maschinen denken können oder werden. Dass und ob uns Maschinen dominieren, wird weniger reflektiert: ‚Am Ende hängen wir doch ab von Kreaturen, die wir machten‘, sagen Faust und sein Kreator Goethe.

Die Schreibmaschine ist also nicht die Schreibmaschine geblieben. Sie ist viel plötzlicher verschwunden als sie kam. Nietzsche benutzte eine von dem dänischen Pastor Rasmus Malle-Hansen für Gehörlose (damals Taubstumme genannt) entwickelte skrivekugle und sagte eine neue Epoche voraus: ‚Unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken.‘ – und an unserer Gedankenlosigkeit. Heute kann ein Kind oder ein Jugendlicher noch nicht einmal mehr den Klang oder das Schriftbild der noch vor kurzer Zeit allgegenwärtigen Schreibmaschine identifizieren. Ihr Schicksal war es, Vorläufer zu sein. Der Computer, ihr Nachfolger, kann alles berechnen und vergleichen, codieren und decodieren, speichern und sortieren. Zusammen mit dem Telegraphen und der Schallplatte, dem Radio und der Bildauflösung ist er heute ein weltumspannendes Netz von Gedanken und Langeweile, wie jeder weiß. Ihre gemeinsame Chiffre ist, merkwürdig genug, QWERTZU. Selbst in der Schreibkugel des Pastors Malle-Hansen war das A an der gleichen Stelle wie in unserem Telefon, das wir nicht mehr aus der Hand legen und kaum noch ans Ohr halten.

Trotzdem gibt es in dieser Welt, von der immer wieder behauptet wird, sie sei schnelllebig, weil vergessen wird, dass jede Zeit sich als schneller empfindet als die jeweils davorliegende Zeit der Großeltern, man denke an Eichendorff, wie er litt, durch Europa rasen zu müssen – mit fünfzig Stundenkilometern -, trotzdem gibt es in dieser Welt voller sich selbst programmierender Technik Menschen, die glauben, dass etwas bleiben muss, was es und wie es war. Auch die ständige Wiederholung des Satzes: danach war nichts mehr, wie es war, womit man das Traumatische an einem Ereignis zu betonen glaubt, nimmt ihm nichts von seiner Trivialität. Wenn du diesen Text zuende gelesen hast, bist du nicht mehr, der du warst: wer einen Text liest, wird sein Autor. Man traut es sich kaum zu schreiben, so trivial ist es, jedes Kind weiß es. Wenn also ein Autor schreibt, dass trotz aller Nächstenliebe und Aufnahmebereitschaft, trotz allen Mitgefühls, Deutschland immer noch Deutschland bleiben muss, dann will er Prioritäten setzen und nicht Tatsachen beschreiben. Es ist letztlich der gleiche Satz, wie der oft gehörte: ich bin kein Rassist, aber… Man will in der Einleitung zerstreuen, was man im Hauptteil glaubt sagen zu müssen. Himmler glaubte vielleicht wirklich, dass das Ergebnis des zweiten Weltkrieges ein reinrassiges Deutschland sein könnte. Tatsächlich gab es danach eine Million schwarzer Deutscher – und das ist auch gut so. Wir wissen heute, dass der Begriff der Rasse nichts in der Soziologie und Politik zu suchen hat. Wir verdanken es einem fast mathematischen Satz von Luigi Luca Cavalli-Sforza, dass nämlich die  Unterschiede innerhalb einer Gruppe immer größer sind als die zwischen den Gruppen, dass wir heute wesentlich gelassener über uns Menschen nachdenken können als unsere Vorfahren, die getrieben waren von der Angst, Fremde könnten ihnen nehmen, was ihnen nach ihrer eigenen Definition zustand. Je enger die Welt war, desto mehr Fremde gab es. Je mehr Fremde es gab, desto feindlicher erschienen sie. Das war die Zeit der Kriege.

Das Automobil und die Schreibmaschine hatten schon keinen Nationalcharakter (qwertzu, qwertyu), noch viel weniger der Computer und das Computerzeitalter. Während im Vatikan hinter verschlossenen Mauern über die Wiederzulassung geschiedener neuverheirateter Menschen zur Kommunion beraten wird, was zum Glück die Mehrheit der Menschen (sechs Siebtel) gar nicht mehr versteht, befasst sich wahrscheinlich die Mehrheit der Menschen mit der Nächstenliebe, keiner Erfindung von Jesus, aber doch seinem Wesensmerkmal. Es könnte sein, dass ein ganz neues Zeitalter heraufscheint: das Zeitalter der Menschen, der Nachhaltigkeit, der Bildung und der Nächstenliebe. Es könnte sein, dass die Angst vor dem Neuen, das jedes Kind kennt, der Nächstenliebe, Häuser anzünden und solche unsäglich dummen Sätze verbreiten lässt: Deutschland muss Deutschland bleiben. Es könnte sein, dass das der gleiche Geist ist, der auch den syrischen Diktator Bachar al Assad zu dem Glauben bringt, dass Syrien Syrien bleiben muss und dass man das mit Raketen und Giftgas schaffen könnte.

Begrüßen wir statt dessen lieber jeden Migranten oder sogar Flüchtling mit den Worten John von Neumanns, des großen Mathematikers und Computerpioniers: Ein neuer Mensch wird durch die Menge der bereits eingeführten definiert.

IM TAL DER DENUNZIANTEN

realität  Heute wissen wir, dass die Hexenverfolgung zwar von der Kirche installiert worden war, sich aber hielt und die bekannten Ausmaße annahm einzig dadurch, dass jeder seinen missliebigen Nachbarn und vor allem die Nachbarin denunzieren konnte. Die Beseitigung des Ärgernisses auf Staatskosten war garantiert, allein um des Prinzips willen. Auch neuzeitliche Diktaturen, wir bemerkten es bereits, hielten sich nicht vor allem durch den Terror selbst, sondern durch die Angst vor dem Terror und die Angst vor der Denunziation. In der Demokratie, so scheinen viele zu glauben, dient die Denunziation der guten Sache. Denunziert werden ausschließlich die Feinde der Demokratie, so sagt man. Der Rechtsstaat, so schreit man, treffe diese Feinde, die Nazis zum Beispiel, mit seiner ganzen Härte, so verlang die Vorsitzende der grünen Partei. Sie verliest seitenweise mit der weinerlichen Stimme einer Zwölfteklasseschülerin, die gemobbt wurde, die Hassmails der bösen Nazis. Ihr Kollege verlangt derweil, dass Erdoğan aus dem G20-Gipfel ausgeschlossen wird, weil auch er böse ist.

Wie kann der Rechtsstaat, warum sollte die Demokratie Mittel benötigen und gutheißen, die Diktaturen und finsterstes Mittelalter brauchten, um sich am Leben zu erhalten? Unsere Ideale heißen Liebe und Bildung und nicht Denunziation und Ausschluss. Vor Jahr und Tag schrieben wir hier schon an dieser Stelle über die Dummheit des Slogans ‚Nazis raus‘ und antworteten: wohin denn? in die Flucht? ins Ausland? ins Lager?

Schreibt man das in einem Internetforum, so schallt gleich der Sprechchor: Verschweigen hilft nichts! Gutmenschen sind keine Realisten, so heißt es.

Mindestens seit Schopenhauer wissen wir, dass sich die Pessimisten und Skeptizisten gerne als die einzigen Realisten sehen. Sie leiten daraus ihre Berechtigung ab, alle anderen Menschen zu beschimpfen.

Menschen kann man sich nicht aussuchen. Die einzige Möglichkeit, die Nazis loszuwerden, ist mit ihnen zu reden. Eigentlich müssen wir schon in den Familien und in den Schulen so lange mit ihnen reden, bis sie auch wie wir glauben, dass es keine monokausalen Ereignisse und keine einfachen Erklärungen gibt. Das Internet scheint die Verschwörungstheorien sogar noch verstärkt zu haben. Aber so war das nach der Erfindung des Buchdrucks auch: mit dem Sinn nimmt immer auch erst einmal der Unsinn zu. Neue Medien stehen jedem offen. Es gibt keine richtigen Menschen. Es gibt keine falschen Menschen.

Wer glaubt, eine richtige und eindeutige Antwort zu haben, muss alle Mitmenschen denunzieren, die das bezweifeln. Solch eine Antwort ist immer Ideologie und nicht Welterkenntnis. Sobald eine Erkenntnis Partei wird, wird sie auch Ideologie. Vor vierzig Jahren wollten die Grünen das System aufmischen und verbessern, geblieben sind die Mülltrennung und das Bundeseinspeisungsgesetz, epochemachende Verbesserungen immerhin, aber heute denunzieren sie missliebige Mitbürger und Mitpolitiker. Ihre Methoden ähneln also der der CSU oder der AKP, vom Mittelalter ganz zu schweigen.

Es ist schwer, nicht zu denunzieren, aber noch schwerer ist es zu denunzieren. Man muss dann mit der untragbaren Last des Gewissens leben, und das ist viel schwerer, als die vermeintliche Richtigkeit einer Erkenntnis aufwiegt.

Wer eine solche ideologische Idee in einer Partei vertritt, muss immer wieder die Welt für schlecht erklären, alle Verbesserungen als unsinniges Gutmenschentum abtun, muss immer wieder beteuern, dass sein eigener Weg alternativlos ist und muss alle denunzieren, die von ihm abweichen oder ihn gar nicht erst betreten wollen.

So schwer wie Demokratie ist es, andere Menschen und Meinungen auszuhalten. Wir müssen mit uns leben. Unsere einzige Chance ist es, denken zu lehren, nicht Gedanken zu verbreiten. Autoritäre Erziehung hat noch niemandem geschadet, wird immer wieder gesagt, doch sie führte direkt in den zweiten Weltkrieg. Ohne Autorität oder Hierarchie geht es nicht, doch das führt direkt in eine Welt ohne Kriege. Aber das sind eben die langen Wege durch die engen Pforten, von denen die Religionen und Philosophien eigentlich reden. Aber wer will schon etwas von engen Pforten und haardünnen-schwertscharfen Wegen hören?

DSCF6052

Auch sind nicht die Medien an einer gesellschaftlichen Entwicklung oder Verquickung schuld. Ein Smartphone kann man genauso abschalten oder wegwerfen wie eine Schreibfeder oder ein Buch. Man erinnere sich, wie Bücher mit ihren Hervorbringern und den Systemen verschwanden, deren Antworten zu eindeutig waren. Statt dessen ist die Singularität der Geschichten, die uns zum Erlernen und Vergleichen der Welt dienen, einer großen Pluralität, einer Vielfältigkeit der Narrative gewichen. Angeblich haben in Europa Menschen Angst vor den als Flüchtlingen einströmenden Muslimen. Scheinbar haben die muslimischen Einwanderer keine Angst vor dem angeblich christlich geprägten Europa. Das zeigt doch, dass es schon lange nicht mehr um Christentum und Islam geht. Jeder, ungeachtet seiner Vorfahren und Traditionen, hat heute Zugang zu allen Narrativen der Welt. Jeder kann dem ausweichen, was er als Schrecken empfindet. Er kann dahin gehen, wo die Erzählung seinen Wünschen und Idealen zu entsprechen scheint. Denn dann zeigt sich, dass wieder keine Optimierung möglich ist, das Ideal ist nicht genau verwirklichbar. Man begnügt sich mit dem besseren Leben, ideal oder optimiert muss es nicht sein.

Daneben gibt es aber auch archaische Verhaltensweisen. So ziehen aus einer durch Krieg oder Erdbeben unwirtlich gewordenen Gegend die Menschen nach wie vor in großen Strömen, auch mit Hilfe von Schleusern und Menschenhändlern, ab. Das Meer teilt sich eben nicht. Vieler sterben unterwegs, aber viele würden auch in der unwirtlichen Gegend sterben. Es ist kein Zufall, dass große Wanderungen auch große Geschichten hervorgebracht haben. Obwohl die Juden nur ein kleines Volk waren und sind, haben sie einige der größten Geschichten hervorgebracht, von Hiob (Ayyub, Eyup), der wusste, dass man nicht nur das Gute hinnehmen kann und soll, oder von Mose (Mussa), der ein Volk über das Meer führte. Die Verheißung ist in Wirklichkeit eine Geschichte. Während man früher dem Führer auf dem Berg lauschte, ist heute fast jede Geschichte fast immer verfügbar.

Die Menschen verändern sich, werden modern, aber sie bleiben auch archaisch. Genetisch hängen sie an ihren Eltern und allen Vorfahren, narrativ hängen sie an allen alten Geschichten. Allerdings ist Hollywood auch ein inzwischen allgegenwärtiger Geschichtenerzähler.

Und leider, leider ist ein archaisches Verhalten das geächtete, aber immer wieder geübte Denunziantentum. Es hilft nicht, die Denunzianten zu denunzieren. Es helfen nur Liebe und Bildung, Bildung und Liebe.

ICHESSAY

 

novemberlied

denn alles was ich wusste
war mir als kind schon klar
und dann ist schon november
das licht wird plötzlich rar
mein herzverfilzter soundtrack
sagt nichts war wie es war
mein ganzes falsches leben
ist nicht recyclebar
musik und gegenliebe
und dieses eine jahr

 

1

Welches Leben ist schon richtig und: was soll das überhaupt heißen: richtiges Leben. Ich finde, dass Adornos berühmter Satz (‚es gibt kein richtiges Leben im falschen‘) schon damals überholte Begrifflichkeiten aufwärmte, nämlich richtig und falsch. [Damit mache ich mir jetzt keine Freunde, denn manche tragen alte Sätze vor sich her, als hätte ihre Mutter sie ihnen mit auf den Lebensweg gegeben]. Demzufolge kann man jedes Leben als falsch bezeichnen, weil es nämlich dann und insofern kein richtiges Leben mehr gibt, wie wir aus ehemals festgefügten Gemeinschaften aussteigen (wollen) und uns vereinzeln, aber gleichzeitig in immer größeren Massen untertauchen. Die Menschen mögen früher ihr Leben als richtig empfunden haben, indem sie lebenslang zu genau der Gruppe gehörten, zu der sie auch gehören wollten, weil sie gar keine andere Gruppe kannten und sich vorstellen konnten. Auch heute noch gibt es Gruppen, aber sie sind flexibel wie ihre Mitglieder, man kann ein- und austreten.

 

2

Mein Ich entstand, als ich merkte, dass weder meine Begabung noch mein Ehrgeiz für das ausreichten, was ich für meine Träume hielt. (Denn das ist nochmals eine Frage: können wir auf das gekommen sein, was wir träumen, oder ist es nicht vielmehr der Zeitgeist, der es uns eingeflüstert hat, oder die Geldgier oder die Faulheit). Da hatte ich plötzlich den Mut zu vier wunderbaren Kindern, zu einem sehr wichtigen, erfüllenden, aber eher verachteten Beruf und zu einem Haus, das die Nachbarn ringsumher Ruine nannten, wir aber als historisch erkannten. Die Gegend, in der wir leben, nachdem wir unser historisches Haus restauriert und ausgebaut haben, ist von der Eiszeit hinterlassen. So kommt uns auch der Winter vor: es ist ihm nicht bloß mit Heizungen beizukommen, man muss auch genügend Widerstandskraft haben. Das Haus ist ein Dialog mit der Natur. Es ist in ein Moor hinein geschoben wie ein Schiff, das nicht untergehen kann. Sein Fundament ruht auf gewaltigen Steinen, die das Eis herschleppte. Sein Dach wiegt sechzig Tonnen, kein Wind kann es tragen. Das Haus gehört zu meinem Ich, ich gehöre aber auch zu ihm.

 

3

Ich selber war es, der den Beruf lange Zeit verachtete, obwohl ich auch nicht nur schlechte Lehrer hatte, eher Lehrer ohne jede Idee: sie ließen uns Vokabeln lernen und binomische Formeln. Mein erstes fremdländisches Wort (und auch die nächsten tausend) lernte ich aber, indem ich mit den Kindern der russischen Besatzungsoffiziere spielte und von deren Eltern in ihre mehr als dürftigen Wohnungen eingeladen wurde. Geblieben ist der Sinn für Sprache. Es kommt, weiß ich heute, nicht darauf an, Vokabeln und Formeln zu verbreiten, sondern den Mut zu sich selbst auszustreuen. Man darf nicht die Sprache der Bürokratie übernehmen, sondern muss die Menschen zu ihrer eigenen Sprache führen. Das gelingt aber nur bruchstückhaft und bei wenigen. Das ist ein Haus, das niemals fertig wird.

 

4

Unsere vier Söhne haben sich jeder ein Zimmer gesucht. Obwohl es Durchgangszimmer sind, haben sie alle auch etwas eigenes, abgeschlossenes, noch hängt der Schlüssel neben der Tür. Sie haben ihre Eltern befragt, die Natur, das Haus, den Bildungsberg, und überall holten sie sich Bruchstücke, die sie zu ihrem eigenen fügten. Sie sind sich so ähnlich, dass eine neidische Nachbarin sie als geklont erkannte, aber sie sind auch so verschieden, dass sie schon eigene Welten sind, aber Welten oder Häuser mit offenen Fenstern. Ich wusste früher nicht, wie viel man von Kindern lernt und wie sehr man ihnen dankbar sein muss. Die Kinder sind das eigentliche Geschenk des Lebens, so wie das Leben das eigentliche Geschenk ist. Obwohl man das im Laufe des Lebens erfährt, ist es schwer, aus der Konsumwelt auszusteigen, zu erkennen, dass Haben keine Größe ist, und auch nicht Sein, sondern nur Werden und Geben. Und so ist es auch nicht entscheidend, was man weiß, denn das veraltet sehr, sehr schnell, sondern was man glaubt. Und auch das Glauben, glaube ich heute, ist keine Bahn mit Wegweisern, sondern ein Suchen und Lieben und Weben und Streben. Gott, wenn es ihn gibt, ist keine Burg, sondern das Denken und Danken in uns. [Der Ring ging nicht verloren, alle haben ihn oder keiner.]

 

5

Heute kommt es mir so vor, als ob das wichtige im Leben seine Quersumme ist. Wenn man sie grafisch darstellt, kommt etwas heraus, das so ähnlich ist wie ein Sinus. Auch Musik ist so darstellbar, aber wir hören sie lieber. Das Leben sollte man auch lieber leben, als es grafisch darzustellen. Das erstaunliche an meinem Leben ist die Kontinuität von Gedanken und Gefühlen, wie zum Beispiel, dass das Kreuz eigentlich ein Sinus ist, oder aber das Gedicht als Lebensform. Das Gedicht erkennt mehr als eine Formel, weil es offen ist. Es gehört Mut dazu, mit solch offenen Erkenntnissen zu leben. Deshalb suchen so viele das endgültige Zelt. Aber das kann es nicht geben. Nichts ist gültig. Und es gibt kein Ende. Das nie zu erreichende Gleichgewicht in meinem Leben ist die Liebe auf der einen Seite, als Ideal, als Lebensform, als Zuwendung, als Offenheit, aber auf der anderen Seite meine bunkerhafte Verschlossenheit. Deshalb war auch das Internet, dieses große Bilderbuch der Welt, das uns das Denken nicht erspart, eine gute Erfindung: es ist die Funkverbindung aus meiner Höhle. Und wieder verbindet sich das mit meiner Kindheit: da habe ich sehr gerne Höhlen gebaut, eine hatte sogar ein Röhrentelefon.

 

6

Die meiste Zeit tut man nichts. Man beschäftigt sich mit sich selbst, zum Beispiel arbeitet man, um leben zu können, oder man  schläft, fährt in Urlaub, liebt jemanden, kratzt das Eis von den Autoscheiben. Das ist alles nichts. Vielleicht hat man ein Jahr lang, dreihundertfünfundsechzig Tage, achttausendsiebenhundertsechzig Stunden, etwas getan, das bleibt. Die wichtigste Frage des Lebens ist Angst, die richtigste Antwort ist Liebe. Es gibt keinen Weg und keine Antwort, und trotzdem muss man wissen und gehen, küssen und geben.

BESSER LERNEN ALS REGELN

polizist mit flüchtlingskind

Vom rechten und linken Rand aus kommen immer die gleichen Sprüche gegen die herrschende Politik, auch wenn diese in einer großen Kehrtwende gerade wieder Lösungen für wahrlich nicht kleine Probleme zu entwickeln bereit ist. Große Probleme können selten in einmaligen Akten gelöst werden. Genauso wie die Ursachen von Problemen sind auch ihre Entwicklungen und dann mögliche Lösungen vielfältig und komplex.

Weder die Wissenschaften noch die Geheimdienste haben die Flüchtlingsströme vorausgesagt, die uns jetzt Probleme bereiten. Natürlich ist eine Politik, die sich darauf verlässt, immer genügend Spielraum für die Lösung bis mittelgroßer Aufgaben zu haben, überfordert, wenn es keine verlässliche Prognostik gibt. Die Geheimdienste scheinen, soweit man das von außen beurteilen kann, das Schicksal der Medien zu teilen und sich weitgehend mit sich selbst zu beschäftigen. Weder 1990 noch 2015 haben sie wirkliche und verwertbare Voraussagen über mittelfristig eintretende Entwicklungen geliefert. Es ist höchste Zeit, diese Art von Geheimdiensten genauso abzuschaffen wie die Wehrpflicht. Das ist alles von gestern.

Es ist ohnehin unsinnig, Schuldige zu suchen und zu benennen, wenn es um so große gesellschaftliche Veränderungen geht, wie wir sie im Nahen Osten und im Maghreb  seit einigen Jahren erleben. Die ganze Weltgeschichte wäre nötig, um diese Ereignisse genauesten zu analysieren, und die hat bekanntlich niemand zur Verfügung. Statt und über die Vereinigten Staaten von Amerika auf der einen und von Europa auf der anderen Seite zu empören, sollten wir lieber endlich zur Kenntnis nehmen, dass die Menschen in den Diktatur und in den Bürgerkriegen heute alle medial miteinander verknüpft sind. Flüchtlingsströme kommunizieren heute untereinander schneller als repressive Polizeikräfte samt ihrer Innenminister. Wo die Not größer wird, wächst nicht nur der Mut, sondern auch die Bereitschaft und Fähigkeit zur Kommunikation. Merkwürdigerweise gibt es gerade in der westlichen Welt Kritik daran, dass die Menschen aus den ärmeren Ländern die ihnen von uns verkaufte Technik nun auch  tatsächlich benutzen. Das ist schon perfide, Menschen auf der Flucht ihr Handy zu neiden, überhaupt einen Flüchtling zu beneiden oder auch nur zu kritisieren.

Unter Abzug der Tatsache, dass wir nicht vorbereitet oder wenigstens gewarnt waren, beginnt jetzt langsam ein sinnvoller Umgang mit der Herausforderung. Es handelt sich keineswegs um einen Vulkanausbruch oder ein Erdbeben. Es handelt sich darum, dass Menschen aus bevölkerungsreichen Gegenden der Welt in bevölkerungsarme ziehen. In den bevölkerungsreichen herrschen Armut und Bürgerkrieg, in den bevölkerungsarmen Gegenden herrschen Reichtum und sogar Überdruss. Keineswegs sterben bei uns Obdachlose, weil es keine Suppenküchen und Übernachtungsmöglichkeiten gibt. Keineswegs hungern bei uns Arbeitslose und andere Arme. Wobei wir einsehen müssen, dass die bürokratischen Hürden, die der Staat vor die Transferleistungen gestellt hat, für die Betroffenen oft bitter, für die Gebenden eine gewisse Garantie der Rechtsmäßigkeit sind. Denn was heißt Transferleistung anderes, als dass der Wohlhabendere dem weniger Begüterten abgibt? Transfer ist das neudeutsch-bürokratische Wort für Nächstenliebe. Der Sozialstaat ist die bessere Welt ohne Hunger und ohne Krieg, leider nicht ohne Neid und Gier. Unsere Gier ist es, die unsere Wirtschaftsordnung zu einen Dumpingsystem einerseits und zu einer Megaschatzkammer auf der anderen Seite gemacht hat. Wer billig einkauft, macht sich schuldig, das gilt für den berühmten Otto Normalverbraucher genauso wie für den Milliardär in seinem Privatjet. Seit Jahrtausenden wird die jeweils gegenwärtige Lage als katastrophal empfunden und der jeweils Andere als der Schuldige. Wer nur die selektive Zeitung, nicht aber die seit Jahrtausenden bewährten Schriften liest, kann das nicht wissen. Bildung bringt nicht nur die tatsächliche Freiheit, sondern auch die Freiheit des Denkens. Man muss lange nachdenken, bevor man bemerkt, dass tatsächlich die Freiheit des Denkens erst das Ergebnis der Freiheit und oft auch eines langen Lebens ist. Am Anfang des Lebens ist es normal, abhängig zu sein, im Sein wie im Denken.

Der Flüchtlingsstrom ist also keinesfalls nur ein Strom zu den Fleischtöpfen – das ist angesichts des Überflusses fast überall auf der Welt ohnehin ein Bild von vorgestern. Es geht wohl auch darum, seinen Kindern den Zugang zu hervorragender Bildung zu verschaffen. Fast unbemerkt hat sich in unserem Land – wie auch, wenngleich nicht ganz so gut, in Großbritannien und Frankreich – eine dritte Generation von Migranten den Zugang zu höherer Bildung verschafft und erhalten. Kaum einer bemerkt, dass mehr als die Hälfte der Menschen jetzt das Abitur macht und damit sowohl studieren kann, was allerdings nur etwa der Hälfte gelingt, oder aber so flexibel ist, wie es der Arbeitsmarkt braucht. Die klassischen Gymnasien sind sowohl überfüllt wie auch zurecht in der Kritik, weil sie oft noch auf ein rigides Leistungsdrucksystem festgeschrieben sind. Das kann man leicht daran sehen, wie viele Jahre schon darüber gestritten wird, ob man zwölf oder dreizehn Jahre benötigt, um das Abitur abzulegen, statt einfach die Lerninhalte auf die neuen Bedingungen umzustellen, also eine Bildungsreform statt der vielen kleinen und völlig überflüssigen Schulreformen zu machen. Man kann heutige Menschen immer weniger dazu zwingen, einen vorbestimmten Weg einzuschlagen. Sie müssen es – gemäß unserem Ideal von Freiheit und Demokratie – auch wollen. Die Erziehung muss also nur noch herausfinden und befördern, WAS DER EINZELNE MENSCH WILL und demzufolge kann. Dabei braucht man immer weniger Regeln, aber immer mehr Empathie. Glücklicherweise wird auch ununterbrochen über Empathie und Vernetzung gesprochen, was zeigt, dass wir auf einem guten Weg sind.

Dank der ethischen Vorgabe durch die Religionen und Philosophien in allen Kulturen und der politischen Umsetzung durch sie soziale Marktwirtschaft, die ein lebendiges, sich ständig veränderndes System ist, wurde die Welt besser. Wenn immer wieder das Gegenteil behauptet wird, so kann das nur ideologische Interessen haben: man will die eigene Klientel als Schafherde behandeln und zusammenhalten. Wer immer behauptet, den einzigen Weg zu kennen, reduziert die Welt auf den Inhalt eines kranken Hirns. Keine Religion und Philosophie gebot uns, neidisch, gierig oder gewissenlos gegen unsere Mitmenschen zu sein, nur die Wahnvorstellung der verkürzten Antwort, die absurde Vorstellung, ein großes, ein Epochenproblem könnte eine einfach, gleichsam in einem Tag zu bewältigende Lösung haben. All diese Eintagslösungen verschlimmern nur das Problem, lenken uns von Lösungsansätzen ab, binden unsere Energie zum Selbsterhalt und verschwenden sie damit. Kulturen können sich nur entwickeln, indem sie sich öffnen, Das gleiche gilt auch für einzelne Menschen. Das ist übrigens der normale, durch die Bildung geförderte Entwicklungsprozess: der Blick erweitert sich, je mehr Windeln und Gängelbänder wir abzulegen imstande sind, unsere ersten Schritte waren noch begleitet, dann müssen wir selbst laufen.

Eines Tages wird der kleine Junge aus Syrien, den ein Polizist aus München so freundlich empfangen hat, ein freundlicher deutscher Polizist sein, der anderen hilft und sie empfängt und begleitet. Eines Tages wird die kleine Angela Merkel Adé, deren Eltern einst aus Ghana zu uns kamen und aus Dankbarkeit und Hoffnung auf Bildung ihrer Tochter diesen Namen gaben, eine IT-Spezialistin oder Mikrochirurgin sein. Ganz sicher.

angela merkel adé

Fotos:
1 AFP
2 dpa Julian Stratenschulte

IST DAS LEBEN EINE OPTIMAL GMBH?

CIMG3054

Nr. 151

Jeder, der schon ein paar Tage auf dieser Erde ist, wird die Frage verneinen. Keiner sagt: Die Welt ist in den Fugen, welch ein Glück, dass ich eine Stimme habe oder gebe. Wenn wir auch die Welt nicht einrichten, so können wir uns doch auf ihr einrichten und wir können in unserer Ecke etwas ändern (1).

So wie man keine Warumfrage beantworten kann, weil niemand über alle Fakten der Weltgeschichte verfügt und so wie niemand richten kann, weil niemand ohne Sünde ist, ein altes Wort für nichtoptimierte Taten oder Unterlassungen, kann auch niemand wissen, was in der Zukunft passieren wird. Aber jetzt kommt der Unterschied: Es gäbe keine Zukunft, wenn wir nichts täten. Die Zukunft ist das, was wir tun.

Allerdings muss man das ‚wir‘ neu definieren: Es gibt keine Krone der Schöpfung und daraus folgt: wir sind sie nicht. Es gibt keinen Wert, kein Ranking und keine Hierarchie. das ist gerade das Spannende an der Welt, dass ein Regenwurm genauso viel bewirkt wie Alan Turing, dass ein Regenwurm genauso tragisch scheitert wie Alan Turing, zum Beispiel am dumpfen handfesten Vorurteil. ‚Wir‘ ist identisch mit ‚alles‘. Aber wir können nicht alles überblicken, wir haben nicht die ganze Vergangenheit in unserem Gedächtnis und nicht die ganze Zukunft in unserer Fantasie, wenn auch der Traum mehr weiß als das Gedächtnis.

Um uns uns selbst erkenntnismäßig anzunähern, benötigen wir Vergleiche und Metaphern, Denkhilfen und Analogien: gehe zur Ameise, du Fauler, und du wirst lernen, dass du zur Welt kamst, um dein Nest einzurichten und Nahrung zu speichern, dass der Sinn des Lebens leben ist und Spuren hinterlassen. Scheinbar brauchen wir auch Weise wie König Salomo, Nathan und Alan Turing. Leider ist es vom Weisen zum Führer und von der Fuge bis zum Untergang der gleiche kleine Schritt wie vom Wähnen zum Wahnsinn.

So viele Umwege ist die Menschheit gegangen, um von allen möglichen Ordnungen auf die keineswegs einfache Struktur der Vernetzung zu kommen. Aus der sichtbaren Struktur der Dinge auf eine Hierarchie zu folgen, ist genau der gleiche Trugschluss wie der, dass ein Text einen Autor hat.

Heute hilft uns der Computer doppelt, die Welt zu verstehen: erstens rechnet er schneller als wir und zweitens ist er uns ein Analagon: wir glauben, dass unser Verstand ungefähr so funktioniert wie der Computer, wir glauben, dass wir ungefähr wissen, wie ein Computer funktioniert. Wenn wir ein anderes Artefakt als Beispiel nehmen, dann sehen wir schnell, dass auch dieser Glaube ein Trugschluss ist: das Fahrrad. Jeder glaubt, dass er es kennt, kaum einer kann es bauen und noch weniger könnten es erklären. Jedes Artefakt ist schon eine kumulative, kaum nachvollziehbare Mischung aus Erfahrung, Nachahmung und Berechnung. Im Verbrennungsmotor stecken beispielsweise die Erfahrungen der Dampfmaschinenbauer, die mit dieser untergingen und vergessen wurden. Im Autohändler steckt das Betrugspotenzial des Pferdehändlers, im Konsumenten steckt der Wahn vom Schlaraffenland, einem Märchen, das genauso vergessen wurde wie die Hungermärchen von Hänsel und Gretel.

Reiner Konsum ist nicht nur deshalb ein schlechtes Bild und Vorbild, weil das, was konsumiert werden soll, auch vorher produziert werden muss, sondern, weil es keine Befriedigung und kein Beitrag ist, nur zu nehmen. Insgesamt hat sich die Wirtschaft schon immer als Modell für die Welt angeboten. Einer der schönsten Sätze, ‚the more I give, the  more I have‘ (2) ist aber sowohl in der Wirtschaft wie auch im Leben immer wieder schwer verständlich, das ist der Grund dafür, dass es den Satz gibt.

Wir leben also aus einem Ungefähr in ein Ungefähr hinein, und das macht das Leben schwer. Deshalb gibt es auf der einen Seite immer wieder künstliche Ordnungen und Traditionen, die zu befolgen schwer sein mag, aber immer noch leichter, als selbst durch die Unwägbarkeiten zu tappen. Der Lohn dafür ist die Ordnung selbst, die Stabilisierung eines geschaffenen und geschlossenen Systems. Daraus folgt, dass das System über kurz oder lang zusammenbrechen muss.  Auf der anderen Seite gibt es immer wieder und anscheinend zunehmend erfolgreiche Versuche, das Leben zu verbessern, aber das Ergebnis dieser Versuche ist natürlich kein Optimum. Vielmehr schaffen wir oft mehr Probleme als wir gelöst haben. Wir reißen Gruben auf, um Gruben zu füllen. Wir verbrauchen Ressourcen, um Ressourcen zu schonen.

Das Optimum ist vielmehr ein Ideal, das dem Paradies gleichkommt, eine Tautologie und ein Widersinn in einem. Wir können mit dem Tod nur leben, weil wir nicht an ihn glauben. Sobald wir den Tod einkalkulieren, merken wir, dass das Kalkül selbst der Fehler oder der Aberglaube ist. Je mehr wir glauben, dass jemand oder etwas für uns rechnet, desto weniger leben wir, weil wir dann nur in Sicherheit konsumieren. Würden wir aber nur produzieren, wäre die Inflation der Dinge noch unerträglicher als sie jetzt schon ist. Unser derzeitiges Ideal ist: je weniger Hunger wir haben, desto mehr Sinn benötigen wir, je mehr Ressourcen wir verbrauchen, desto mehr erinnern wir uns an die Sparsamkeit als einer Tugend aus der Zeit des Hungers.  Wir sind nicht zu viele, sondern haben zu wenig Sinn. Wir verstehen nicht zu wenig, sondern viel zu viel falsch. Wir haben immer noch nicht verstanden, dass Leben abwägen und wagen gleichzeitig heißt, auch so eine Metapher von Markt und Abgrund.

Wir streben nach dem Maximum, erreichen kein Optimum und leben ewig, wenn es uns gelingt, ein My über das Minimum hinauszugelangen. Bestelle dein Haus, denn du wirst sterben oder dein Haus (3). Die Welt ist in den Fugen, welch ein Glück, dass ich geboren wurde, einzustimmen.

fugen

(1) Shakespeare, Hamlet I,5

(2) Shakespeare, Romeo und Julia II,2

(3) Jesaja 38,1

BERGPREDIGT FÜR KÄFERHASSER

DSCF3613

ODER DER KÄFIG DER VORURTEILE

Nr. 150

Wenn es eine Frage an den Wanderer sein soll, was da an einem ‚Haus der Mission‘ geschrieben steht, warum nämlich Fledermäuse und Eremitenkäfer, die nach Juchtenleder riechen, mehr Schutz als Flüchtlinge und verfolgte Christen genießen oder benötigen, dann könnte der Wanderer es sich so leicht machen wie der Frager: Fledermäuse sind sozialer als Christen, würde er sagen. Wenn Fledermäuse Christen wären, würden sie ihre energetischen Cluster als ökumenische bezeichnen. Sie tun nämlich das, wovon Christen und alle anderen Menschen im besten Fall träumen: sie nutzen die Energie, die sie selbst erzeugen, für alle Mitglieder ihrer Gemeinschaft und für alle Nachbargemeinden. Vielleicht glaubt der Frager aber auch, es gäbe eine Weltregierung, die auf der einen Seite Christen verfolgt, auf der anderen Seite aber Fledermäuse schützt. Es ist leicht eine Behauptung oder eine Schuldzuweisung in die Welt zu setzen. Die größte Gefahr, in die wir uns begeben können, ist die Selbstgerechtigkeit. Es gibt keine Weltregierung, an die man sich mit seiner Empörung wenden kann. Wahrscheinlich ist es sogar so: wer Fledermäuse schützt, verfolgt keine Christen, wer aber Christen verfolgt, schützt auch keine Fledermäuse.
Die Frage, ob Christen wertvoller sind als Fledermäuse, ist die entweder-oder-Frage nach einer hierarchischen oder vernetzten Welt. Fledermäuse gehen von einer allgemeinen Vernetzung aus. Ihr Kommunikationssystem, ein hochfrequentes Echolot, wurde übrigens erst zum gleichen Zeitpunkt erkannt wie die Verschlüsselung der deutschen Wehrmachtssprache, die hocheffektive Enigmamaschine, die der Höhe- und gleichzeitig Endpunkt aller Hierarchien war. Der Neunazi glaubt heute noch, dass sein Hartzvier gekürzt wird, wenn ein Flüchtling ankommt, und er hält sich für wertvoller. Der Mensch schafft sich eine hierarchische Ordnung und glaubt dann mehr an sie als an Gott. Die Wahnvorstellung von geborenen Alphatieren und permanenten Verlierern ist bis in die Biologie hinein projiziert worden, was uns immer wieder zeigt, dass auch Wissenschaft nichts als Metapher oder vergegenständlichte Parabel ist. Wie würde sich denn die Seligpreisung eines geistlich Armen mit einer vorgegebenen Hierarchie vertragen? Das hat schon Pontius Pilatus erkannt und gleichzeitig vor der Selbstgerechtigkeit gewarnt (1). Er glaubte das sagen zu können, da er hierarchisch über Jesus stand. Jesus dagegen bestand wie schon der König Salomo darauf, dass es keine Hierarchie gäbe.

käfer blau

Die Idealvorstellung des wahren Christen ist nichts als das Paradigma eines guten Menschen. Die Welt kann nur besser werden, wenn jeder einzelne bei sich anfängt, sie zu verbessern. Davon gehen alle Religionen und Philosophien aus. Die Wissenschaft hat das mehr und mehr bestätigt. So ist die Lehre von der Evolution, die von vielen fundamentalistischen Gläubigen so vehement bekämpft wird, doch nichts anderes als die Lehre von der gegenseitigen historischen und synchronen Abhängigkeit aller Wesen der Schöpfung. Das stellt man sich praktischerweise in einem Biotop vor, das ein gedachtes Areal, keinesfalls jedoch ein Käfig ist. Alle Mauern brechen, auch das steht schon in der Bibel(2). Und Asyl meint ‚unberaubt‘, also in Sicherheit gebracht, nicht aber in einen neuen Käfig, in dem man wieder der Freiheit beraubt wird. Der neben dem Schild aufgestellte Käfig, der das Kirchenasyl darstellen soll, das sein Erbauer über den Schutz der Schöpfung stellen will, zeigt tatsächlich den Käfig der Vorurteile, aus dem wir nur schwer herauskommen. Statt nicht durchdachte Poster gegen Käfer aufzustellen, sollten wir lieber das Tal, in dem sich tiefer Glauben mit bester Wissenschaft paarte, unter den Schutz unseres Gedenkens und unserer Gedanken stellen: das Neandertal.
Der vielleicht berühmteste Satz von Jesus sagt genau dieses: nur wer selbst alles richtig machte, könnte einen anderen bezichtigen oder gar bestrafen, aber einen solchen Menschen gibt es nicht, demzufolge gehen alle in dieser Geschichte, weil sie sich dem Charisma und der Evidenz des Jesus nicht entziehen können, betroffen aus dem Raum(3).
Genauso verhält es sich mit der so genannten Wahrheit, die sich aus der Warumfrage ergeben soll. Schiller hat wunderbar beschrieben, dass man, um die Frage zu beantworten, warum sich alle, die sich in einem Raum befinden, in diesem Raum befinden, im Besitz aller Fakten und Zusammenhänge der gesamten Weltgeschichte sein müsste. (4) Wer das behauptet, maßt sich göttliche Eigenschaften bei gleichzeitiger vollständiger Inkompetenz an. Daraus folgt, dass es eine Wahrheit nicht geben kann und wir bestenfalls der höchst fragilen oder ätherischen Glaubwürdigkeit folgen. Meist folgen wir aber unseren dumpfen handfesten Vorurteilen, die besagen, dass unsere Eltern mehr recht haben als die Eltern der anderen. Und damit würden wir vor den Erkenntnisstand Nathans des Weisen zurückgehen, der uns zwar erlaubt, unseren Eltern zu folgen, nicht aber anzunehmen, dass unser Nachbar das nicht auch tun dürfte. In der etwas konstruierten Geschichte vom Nathan – aber sind nicht alle Geschichten konstruiert? – zeigt sich, dass wir alle verwandt sind, so wie es auch in der Bibel steht und von dem Nachbarn Lessings, dem evangelischen Pfarrer Johann Peter Süßmilch, in den Beginn einer Wissenschaft von der Demografie gegossen wurde. Hinter diesen Erkenntnisstand will der Juchtenkäfer- und Fledermaushasser zurückgehen? Oder hasst er die Naturschützer, die Bewahrer der Schöpfung? Er will also hinter die Mülltrennung zurückgehen? Oder meint er sogar, dass seine Wahrheit wichtiger und richtiger sei als die Wahrheiten seiner Nachbarn und geht er damit hinter die Kreuzzüge zurück, die Lessing als den Hintergrund seiner hintergründigen Parabel wählte? Ganz falsch ist es auch, hinter Kafka zurückzugehen, der sich und uns vorgestellt hat, ein Mensch, der sich ganz gefangen fühlt in seiner Arbeit und seiner Familie, würde in einen Käfer verwandelt werden. Es wäre schwer, weil er nun ein Gefangener seiner vermeintlichen Unfähigkeit wäre. Es wäre für einen Käfer auch schwer, in einen Menschen verwandelt zu werden. Deshalb hat uns die Evolution die Empathie mit auf den Weg gegeben. Man kann sie nicht durch bornierte Emphase auf Plakaten ersetzen. Immer wieder muss man sich in die Wesen, die Hilfe brauchen, einfühlen. Gerade einige sehr prominente Christen haben sich zurecht dafür eingesetzt: Jesus, Franziskus von Assisi, Antonius von Padua, auf den sogar die Fische hörten, Albert Schweitzer mit seiner leider vergessenen Lehre von der Ehrfurcht vor dem Leben. Darin steht: es gibt kein Ranking für Hilfe.
Bevor man etwas an sein Haus schreibt, sollte man darüber nachdenken. Vorurteile und Selbstgerechtigkeit sind wenig hilfreich. Wenn ich etwas an mein Haus schreiben wollte, so wäre es: GEHE ZUR AMEISE, FAULER, SIEHE IHRE WEISE UND LERNE.(5) Aber ich glaube nicht, dass man seine Gesinnung an sein Haus oder sein Auto schreiben oder malen muss. Man soll lieber so handeln, dass die anderen uns als Menschen erkennen, der anderen hilft, der aber auch Hilfe braucht, der sozial wie die Fledermaus und einsam wie der Juchtenkäfer sein kann, aber lernt.
(1) Johannes 19,10ff. (2) Josua 6,20 (3) Johannes 8,7 (4) Schiller, Was heißt und zu welchem Ende studieren wir Universalgeschichte? (5) Sprüche Salomos 6,6

EHM UND ICH

ehm welk und ichEHM UND ICH

Ehm-Welk-Literaturpreis des Landkreises Uckermark ging in diesem Jahr an mich

Ich weiß nicht mehr, was ich gedacht habe, als ich neun Jahre alt war und mit meiner Kinderheimgruppe am Haus Dammstraße 26 in Lübbenau vorbeischlurfte, an dem die Tafel angebracht war und ist, dass in diesem Haus der Dichter Ehm Welk gelebt hätte und dass er der Verfasser der ‚Heiden von Kummerow‘ gewesen wäre. Das war im Jahre 1957, ich bin 1948 geboren, er hat 1939 da gewohnt, so dass es mir – damals – wie gestern vorkam. Heute liegt eine ganze Epoche zwischen ihm und mir. Merkwürdig ist weiter, dass die Gedenktafel dort hing, obwohl der greise Dichter in Bad Doberan ja noch lebte, schrieb und das Ansehen, das er in der DDR genoss, genoss. Man kann an der Gedenktafel aber auch sehen, wie bekannt seine Bücher und seine Figuren zu seinen Lebzeiten waren. Nicht mit der DDR, wohl aber mit der Veränderung der Welt und ihrer medialen Spiegelung verschwand der Autor vom Bildschirm, mit Ausnahme der drei Städtchen Bad Doberan, wo er starb, Lübbenau, wo er schrieb, und Angermünde, wo er nicht geboren wurde.
Geboren wurde er in Biesenbrow, das heute zu Angermünde gehört. Allerdings war seine Familie aus dem Spreewald eingewandert. Die Ruhelosigkeit, die in diesem familiären Umzug sichtbar wird, hat er sein ganzes Leben beibehalten, sein längster Wohnsitz war sein letzter. Während in seinen Büchern ein geradezu altmodischer Heimatbegriff gepflegt wird, ist er selbst eigentlich eher heimatlos umhergewandert. Dabei wurde er nur einmal vertrieben, nämlich aus dem heutigen Dołuje, das damals Neuenkirchen hieß, keine zwanzig Kilometer von uns entfernt.
Wenn ich auch nicht mehr weiß, was ich als neunjähriger Knabe angesichts der verfrühten Gedenktafel gedacht habe, so habe ich sie doch nie vergessen. Und ich vermute heute, dass diese Gedenktafel für mich eine Mahntafel war, nämlich daran zu denken, dass man, wenn man ein Talent hat, auch damit wuchern soll.
Ich bin ihm also als Kind begegnet. Kurz war dann in der DDR sein Lebensbericht eines alten Mannes beliebt, die Lebensuhr des Gottlieb Grambauer, aber mir sagte die dualistische Philosophie des Lassmann und Fassmann nie besonders zu. Interessant ist es allemal, fast ein ganzes Jahrhundert im Leben eines Menschen zu spiegeln, zumal es sich noch fragt, wer da wen spiegelt.
Nach der Wende kauften wir uns ein Haus in der Uckermark. Damit zog auch erstmals in mein Leben, das bis dahin unstet wie seines war, Ruhe ein. Und nachdem diese Ruhe eingezogen war, beschlossen wir, statt den Rasen zu mähen, ihn lieber von Schafen abfressen zu lassen. Die Schafe, die wir wollten, waren Skudden, eine ostpreußische, eigentlich schon ausgestorbene Rasse, die es damals nur in Biesenbrow gab und die wir dort auch abholten. Da fiel mir Ehm Welk wieder ein.

Merkwürdig ist es schon, dass innerhalb eines Menschenlebens ein Wert verfällt, ein Schriftsteller fast vergessen ist, obwohl er sogar durch das relativ neue Medium Film unterstützt war. Für die Umwertung aller Werte, die von Nietzsche gewünscht und befürchtet wurde, braucht es wohl ein doppeltes Menschenleben von 100 Jahren.
Vieles ist ja auch wert, dass es zugrunde geht, so lautet nicht nur ein anders berühmtes Zitat, sondern so ist es ja auch. Gerade die kohärente Dorfgemeinschaft mag heute als Idylle erscheinen, ist ja aber damals auch der Hort der Autorität und des Schreckens gewesen. Das Dorf ist zudem, darauf weist eine heute berühmte Dorfschriftstellerin, Herta Müller, hin, ein Ort fortwährenden Sterbens. In der Stadt kann der Tod verdrängt und vergessen werden, auf dem Land ist er allgegenwärtig. Der Tod betrifft hier nicht nur Käfer und Lämmer, sondern auch die Menschen. Auf dem Dorf im Banat, aber auch in dem kleinen Städtchen Lübbenau fuhr ein reichgeschmückter und gedrechselter tiefschwarzer Leichenwagen, von schwarzen, mit schwarzem Tuch behangenen Pferden gezogen, ihm voran ging der schwarze Mann, der Pfarrer: ein schwarzer Tag für die Familie. Viele schwarze Tage hatte das Jahr des Dorfes.
In jedem Dorf verkünden Kriegerdenkmale, wie man mit Stolz die Söhne in den Tod geschickt hat. Im Dreschkasten blieb ein Bein ums andere. Kinder ertrinken auch heute noch in Dorfweihern. Alkoholiker lassen sich ihre Lebern zersetzen. Das alles sieht man im Dorf und übersieht man in der Stadt. Erschien beim Welk die Familie als Zuflucht, so ist sie bei Müller einer der Gründe zur Flucht. Orte sind nicht mehr Heimat, sondern Gedanken. Ob nicht Welk, der selber ein Getriebener war, auch den Wunsch eine Heimat zu haben, als Heimat angesehen hat?
Zudem mag man heute nicht mehr Welks Volkshochschulton lesen, der belehrend und gequält unterhaltend zugleich ist. Wir wollen heute Texte, denen die Authentizität aus allen Ohren quillt. Kein Wunder, dass die artifizielle Beschreibung einer doppelt untergehenden Kultur, die der Deutschen im Banat und die der kommunistischen Diktatur, die sich wie ein Erlebnisbericht liest, mit dem Nobelpreis des vorigen Jahres geadelt wurde. Fantasy drückt von der anderen Marktseite auf die Buchseite, und ich verhehle nicht, dass der Käufer des Hauses in meiner Geschichte nicht aus idealistischen Gründen, sondern aus Fantasy-Vorstellungen märchenprinzähnliche Züge hat. Der tatsächlich türkische Immobilienmakler, der die Stallanlagen in dem gedachten Dorf gekauft hat, sitzt in einem trockenen, wenn auch klimatisierten Büro in Frankfurt am Main und lässt sich durch keine noch so feuchte Träne rühren.
Immer sieht man eine Welt untergehen. Aber immer findet sich auch ein Chronist des Unterganges. Mag er auch zunächst belächelt werden, später liest man seine Chroniken, um zu erfahren, wie es war, um sich mit den Schwierigkeiten vergangener Zeiten zu unterhalten. Denn trotz aller Billigphilosophien herrscht ja doch eher Optimismus, die Dörfer haben sich neu belebt und neu bevölkert, neue Geschichten geschehen und werden aufgeschrieben, und selbst der sprichwörtlich ärmste Landkreis leistet sich einen Literaturpreis, der benannt ist nach einem sympathischen alten Volkshochschuldirektor, dessen Figuren für kurze Zeit allbekannt waren und der die Idylle auch nicht aufhalten konnte. Und heute krönt sich die zufällige Verbindung unserer beiden Lebens- und Schreibewege. Meine Großmutter, die eine große Verehrerin von Ehm Welk war, wäre heute jedenfalls stolz auf mich.
Ich danke meinen Lesern, der Uckermärkischen Literaturgesellschaft und dem Landrat für die Aufmerksamkeit!