DIE SCHREIBMASCHINE WILL NICHT SCHREIBMASCHINE BLEIBEN

Apodiktische Sätze gehen fast immer von Menschen aus, die mit ihrem Tun gerade das Gegenteil dessen bewirken, was sie meist plakativ und populistisch fordern und verkünden. Je verbissener das Alte verteidigt wird, desto größer ist zum Schluss dessen Zerstörung. Fast könnte man diesem aggressiven und dekonstruktiven Konservatismus – im Gegensatz zum Bismarckschen konstruktiven Konservatismus – dankbar sein, denn er wirkt oft als Katalysator eher zögerlicher und vorsichtiger Erneuerungsprozesse.

Die Dampfmaschine, so groß ihr Einfluss auf das herannahende Mobilitätszeitalter auch war, hat sich durch Perfektion und Effektivität selbst abgeschafft. Die Verbrennung konnte, durch immer präzisere Teile, von außen in den Zylinder verlegt werden. Kurz nachdem der erste Schnellzug die 100 km/h-Marke überschritten hatte, individualisierten Benz, Daimler und Maybach die Maschine und den Verkehr. Zweifellos ist die Erfindung des Buchdrucks, ähnlich wie die der Dampfmaschine, der Beginn eines Zeitalters. Jedoch ist auch hier die Schreibmaschine die Individualisierung einer ungeheuren Innovation und jenes Zeitalters. Hundert Jahre lang ist die Schreibmaschine einer der Höhepunkte des mechanischen Zeitalters gewesen.

Allerdings sagen wir nicht, was wir meinen und schreiben deshalb auch nicht, was wir sagen. Inmitten der Geschichte der Schreibmaschine gibt es die kurze Geschichte der Codiermaschinen, unter anderen der ENIGMA. Ein deutscher Konstrukteur namens Alfred Scherbius, der den Umsturz, welcher durch die Enträtselung seiner Maschine eingeleitet wurde, nicht mehr erleben konnte, weil er selbst mit einem Pferdewagen, über den er die Beherrschung verlor, umstürzte und zu Tode kam, erfand sie. Das war 1929. 1939 begann der Zweite Weltkrieg und die Wehrmacht war die am stärksten aufgerüstete Armee, die Befehle wurden codiert mit der ENIGMA, jener elektromechanischen Fortführung der Schreibmaschine mit drei oder fünf Walzen zur Verwirrung des Inhalts. 40.000 Maschinen dieser Art wurden gebaut, und sie waren das Ende der Schreibmaschine und des Zweiten Weltkrieges und der Epoche der Kriege und der Beginn einer nicht mehr zu fassenden Chiffrierung aller Bilder und Worte. Alan Turing, im Bletchley Park mit der Decodierung beauftragt, entwickelte daraus den Gedanken der Berechenbarkeit aller Informationen. Seitdem wird darüber nachgedacht, ob Maschinen denken können oder werden. Dass und ob uns Maschinen dominieren, wird weniger reflektiert: ‚Am Ende hängen wir doch ab von Kreaturen, die wir machten‘, sagen Faust und sein Kreator Goethe.

Die Schreibmaschine ist also nicht die Schreibmaschine geblieben. Sie ist viel plötzlicher verschwunden als sie kam. Nietzsche benutzte eine von dem dänischen Pastor Rasmus Malle-Hansen für Gehörlose (damals Taubstumme genannt) entwickelte skrivekugle und sagte eine neue Epoche voraus: ‚Unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken.‘ – und an unserer Gedankenlosigkeit. Heute kann ein Kind oder ein Jugendlicher noch nicht einmal mehr den Klang oder das Schriftbild der noch vor kurzer Zeit allgegenwärtigen Schreibmaschine identifizieren. Ihr Schicksal war es, Vorläufer zu sein. Der Computer, ihr Nachfolger, kann alles berechnen und vergleichen, codieren und decodieren, speichern und sortieren. Zusammen mit dem Telegraphen und der Schallplatte, dem Radio und der Bildauflösung ist er heute ein weltumspannendes Netz von Gedanken und Langeweile, wie jeder weiß. Ihre gemeinsame Chiffre ist, merkwürdig genug, QWERTZU. Selbst in der Schreibkugel des Pastors Malle-Hansen war das A an der gleichen Stelle wie in unserem Telefon, das wir nicht mehr aus der Hand legen und kaum noch ans Ohr halten.

Trotzdem gibt es in dieser Welt, von der immer wieder behauptet wird, sie sei schnelllebig, weil vergessen wird, dass jede Zeit sich als schneller empfindet als die jeweils davorliegende Zeit der Großeltern, man denke an Eichendorff, wie er litt, durch Europa rasen zu müssen – mit fünfzig Stundenkilometern -, trotzdem gibt es in dieser Welt voller sich selbst programmierender Technik Menschen, die glauben, dass etwas bleiben muss, was es und wie es war. Auch die ständige Wiederholung des Satzes: danach war nichts mehr, wie es war, womit man das Traumatische an einem Ereignis zu betonen glaubt, nimmt ihm nichts von seiner Trivialität. Wenn du diesen Text zuende gelesen hast, bist du nicht mehr, der du warst: wer einen Text liest, wird sein Autor. Man traut es sich kaum zu schreiben, so trivial ist es, jedes Kind weiß es. Wenn also ein Autor schreibt, dass trotz aller Nächstenliebe und Aufnahmebereitschaft, trotz allen Mitgefühls, Deutschland immer noch Deutschland bleiben muss, dann will er Prioritäten setzen und nicht Tatsachen beschreiben. Es ist letztlich der gleiche Satz, wie der oft gehörte: ich bin kein Rassist, aber… Man will in der Einleitung zerstreuen, was man im Hauptteil glaubt sagen zu müssen. Himmler glaubte vielleicht wirklich, dass das Ergebnis des zweiten Weltkrieges ein reinrassiges Deutschland sein könnte. Tatsächlich gab es danach eine Million schwarzer Deutscher – und das ist auch gut so. Wir wissen heute, dass der Begriff der Rasse nichts in der Soziologie und Politik zu suchen hat. Wir verdanken es einem fast mathematischen Satz von Luigi Luca Cavalli-Sforza, dass nämlich die  Unterschiede innerhalb einer Gruppe immer größer sind als die zwischen den Gruppen, dass wir heute wesentlich gelassener über uns Menschen nachdenken können als unsere Vorfahren, die getrieben waren von der Angst, Fremde könnten ihnen nehmen, was ihnen nach ihrer eigenen Definition zustand. Je enger die Welt war, desto mehr Fremde gab es. Je mehr Fremde es gab, desto feindlicher erschienen sie. Das war die Zeit der Kriege.

Das Automobil und die Schreibmaschine hatten schon keinen Nationalcharakter (qwertzu, qwertyu), noch viel weniger der Computer und das Computerzeitalter. Während im Vatikan hinter verschlossenen Mauern über die Wiederzulassung geschiedener neuverheirateter Menschen zur Kommunion beraten wird, was zum Glück die Mehrheit der Menschen (sechs Siebtel) gar nicht mehr versteht, befasst sich wahrscheinlich die Mehrheit der Menschen mit der Nächstenliebe, keiner Erfindung von Jesus, aber doch seinem Wesensmerkmal. Es könnte sein, dass ein ganz neues Zeitalter heraufscheint: das Zeitalter der Menschen, der Nachhaltigkeit, der Bildung und der Nächstenliebe. Es könnte sein, dass die Angst vor dem Neuen, das jedes Kind kennt, der Nächstenliebe, Häuser anzünden und solche unsäglich dummen Sätze verbreiten lässt: Deutschland muss Deutschland bleiben. Es könnte sein, dass das der gleiche Geist ist, der auch den syrischen Diktator Bachar al Assad zu dem Glauben bringt, dass Syrien Syrien bleiben muss und dass man das mit Raketen und Giftgas schaffen könnte.

Begrüßen wir statt dessen lieber jeden Migranten oder sogar Flüchtling mit den Worten John von Neumanns, des großen Mathematikers und Computerpioniers: Ein neuer Mensch wird durch die Menge der bereits eingeführten definiert.

IM TAL DER DENUNZIANTEN

realität  Heute wissen wir, dass die Hexenverfolgung zwar von der Kirche installiert worden war, sich aber hielt und die bekannten Ausmaße annahm einzig dadurch, dass jeder seinen missliebigen Nachbarn und vor allem die Nachbarin denunzieren konnte. Die Beseitigung des Ärgernisses auf Staatskosten war garantiert, allein um des Prinzips willen. Auch neuzeitliche Diktaturen, wir bemerkten es bereits, hielten sich nicht vor allem durch den Terror selbst, sondern durch die Angst vor dem Terror und die Angst vor der Denunziation. In der Demokratie, so scheinen viele zu glauben, dient die Denunziation der guten Sache. Denunziert werden ausschließlich die Feinde der Demokratie, so sagt man. Der Rechtsstaat, so schreit man, treffe diese Feinde, die Nazis zum Beispiel, mit seiner ganzen Härte, so verlang die Vorsitzende der grünen Partei. Sie verliest seitenweise mit der weinerlichen Stimme einer Zwölfteklasseschülerin, die gemobbt wurde, die Hassmails der bösen Nazis. Ihr Kollege verlangt derweil, dass Erdoğan aus dem G20-Gipfel ausgeschlossen wird, weil auch er böse ist.

Wie kann der Rechtsstaat, warum sollte die Demokratie Mittel benötigen und gutheißen, die Diktaturen und finsterstes Mittelalter brauchten, um sich am Leben zu erhalten? Unsere Ideale heißen Liebe und Bildung und nicht Denunziation und Ausschluss. Vor Jahr und Tag schrieben wir hier schon an dieser Stelle über die Dummheit des Slogans ‚Nazis raus‘ und antworteten: wohin denn? in die Flucht? ins Ausland? ins Lager?

Schreibt man das in einem Internetforum, so schallt gleich der Sprechchor: Verschweigen hilft nichts! Gutmenschen sind keine Realisten, so heißt es.

Mindestens seit Schopenhauer wissen wir, dass sich die Pessimisten und Skeptizisten gerne als die einzigen Realisten sehen. Sie leiten daraus ihre Berechtigung ab, alle anderen Menschen zu beschimpfen.

Menschen kann man sich nicht aussuchen. Die einzige Möglichkeit, die Nazis loszuwerden, ist mit ihnen zu reden. Eigentlich müssen wir schon in den Familien und in den Schulen so lange mit ihnen reden, bis sie auch wie wir glauben, dass es keine monokausalen Ereignisse und keine einfachen Erklärungen gibt. Das Internet scheint die Verschwörungstheorien sogar noch verstärkt zu haben. Aber so war das nach der Erfindung des Buchdrucks auch: mit dem Sinn nimmt immer auch erst einmal der Unsinn zu. Neue Medien stehen jedem offen. Es gibt keine richtigen Menschen. Es gibt keine falschen Menschen.

Wer glaubt, eine richtige und eindeutige Antwort zu haben, muss alle Mitmenschen denunzieren, die das bezweifeln. Solch eine Antwort ist immer Ideologie und nicht Welterkenntnis. Sobald eine Erkenntnis Partei wird, wird sie auch Ideologie. Vor vierzig Jahren wollten die Grünen das System aufmischen und verbessern, geblieben sind die Mülltrennung und das Bundeseinspeisungsgesetz, epochemachende Verbesserungen immerhin, aber heute denunzieren sie missliebige Mitbürger und Mitpolitiker. Ihre Methoden ähneln also der der CSU oder der AKP, vom Mittelalter ganz zu schweigen.

Es ist schwer, nicht zu denunzieren, aber noch schwerer ist es zu denunzieren. Man muss dann mit der untragbaren Last des Gewissens leben, und das ist viel schwerer, als die vermeintliche Richtigkeit einer Erkenntnis aufwiegt.

Wer eine solche ideologische Idee in einer Partei vertritt, muss immer wieder die Welt für schlecht erklären, alle Verbesserungen als unsinniges Gutmenschentum abtun, muss immer wieder beteuern, dass sein eigener Weg alternativlos ist und muss alle denunzieren, die von ihm abweichen oder ihn gar nicht erst betreten wollen.

So schwer wie Demokratie ist es, andere Menschen und Meinungen auszuhalten. Wir müssen mit uns leben. Unsere einzige Chance ist es, denken zu lehren, nicht Gedanken zu verbreiten. Autoritäre Erziehung hat noch niemandem geschadet, wird immer wieder gesagt, doch sie führte direkt in den zweiten Weltkrieg. Ohne Autorität oder Hierarchie geht es nicht, doch das führt direkt in eine Welt ohne Kriege. Aber das sind eben die langen Wege durch die engen Pforten, von denen die Religionen und Philosophien eigentlich reden. Aber wer will schon etwas von engen Pforten und haardünnen-schwertscharfen Wegen hören?

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Auch sind nicht die Medien an einer gesellschaftlichen Entwicklung oder Verquickung schuld. Ein Smartphone kann man genauso abschalten oder wegwerfen wie eine Schreibfeder oder ein Buch. Man erinnere sich, wie Bücher mit ihren Hervorbringern und den Systemen verschwanden, deren Antworten zu eindeutig waren. Statt dessen ist die Singularität der Geschichten, die uns zum Erlernen und Vergleichen der Welt dienen, einer großen Pluralität, einer Vielfältigkeit der Narrative gewichen. Angeblich haben in Europa Menschen Angst vor den als Flüchtlingen einströmenden Muslimen. Scheinbar haben die muslimischen Einwanderer keine Angst vor dem angeblich christlich geprägten Europa. Das zeigt doch, dass es schon lange nicht mehr um Christentum und Islam geht. Jeder, ungeachtet seiner Vorfahren und Traditionen, hat heute Zugang zu allen Narrativen der Welt. Jeder kann dem ausweichen, was er als Schrecken empfindet. Er kann dahin gehen, wo die Erzählung seinen Wünschen und Idealen zu entsprechen scheint. Denn dann zeigt sich, dass wieder keine Optimierung möglich ist, das Ideal ist nicht genau verwirklichbar. Man begnügt sich mit dem besseren Leben, ideal oder optimiert muss es nicht sein.

Daneben gibt es aber auch archaische Verhaltensweisen. So ziehen aus einer durch Krieg oder Erdbeben unwirtlich gewordenen Gegend die Menschen nach wie vor in großen Strömen, auch mit Hilfe von Schleusern und Menschenhändlern, ab. Das Meer teilt sich eben nicht. Vieler sterben unterwegs, aber viele würden auch in der unwirtlichen Gegend sterben. Es ist kein Zufall, dass große Wanderungen auch große Geschichten hervorgebracht haben. Obwohl die Juden nur ein kleines Volk waren und sind, haben sie einige der größten Geschichten hervorgebracht, von Hiob (Ayyub, Eyup), der wusste, dass man nicht nur das Gute hinnehmen kann und soll, oder von Mose (Mussa), der ein Volk über das Meer führte. Die Verheißung ist in Wirklichkeit eine Geschichte. Während man früher dem Führer auf dem Berg lauschte, ist heute fast jede Geschichte fast immer verfügbar.

Die Menschen verändern sich, werden modern, aber sie bleiben auch archaisch. Genetisch hängen sie an ihren Eltern und allen Vorfahren, narrativ hängen sie an allen alten Geschichten. Allerdings ist Hollywood auch ein inzwischen allgegenwärtiger Geschichtenerzähler.

Und leider, leider ist ein archaisches Verhalten das geächtete, aber immer wieder geübte Denunziantentum. Es hilft nicht, die Denunzianten zu denunzieren. Es helfen nur Liebe und Bildung, Bildung und Liebe.

ICHESSAY

 

novemberlied

denn alles was ich wusste
war mir als kind schon klar
und dann ist schon november
das licht wird plötzlich rar
mein herzverfilzter soundtrack
sagt nichts war wie es war
mein ganzes falsches leben
ist nicht recyclebar
musik und gegenliebe
und dieses eine jahr

 

1

Welches Leben ist schon richtig und: was soll das überhaupt heißen: richtiges Leben. Ich finde, dass Adornos berühmter Satz (‚es gibt kein richtiges Leben im falschen‘) schon damals überholte Begrifflichkeiten aufwärmte, nämlich richtig und falsch. [Damit mache ich mir jetzt keine Freunde, denn manche tragen alte Sätze vor sich her, als hätte ihre Mutter sie ihnen mit auf den Lebensweg gegeben]. Demzufolge kann man jedes Leben als falsch bezeichnen, weil es nämlich dann und insofern kein richtiges Leben mehr gibt, wie wir aus ehemals festgefügten Gemeinschaften aussteigen (wollen) und uns vereinzeln, aber gleichzeitig in immer größeren Massen untertauchen. Die Menschen mögen früher ihr Leben als richtig empfunden haben, indem sie lebenslang zu genau der Gruppe gehörten, zu der sie auch gehören wollten, weil sie gar keine andere Gruppe kannten und sich vorstellen konnten. Auch heute noch gibt es Gruppen, aber sie sind flexibel wie ihre Mitglieder, man kann ein- und austreten.

 

2

Mein Ich entstand, als ich merkte, dass weder meine Begabung noch mein Ehrgeiz für das ausreichten, was ich für meine Träume hielt. (Denn das ist nochmals eine Frage: können wir auf das gekommen sein, was wir träumen, oder ist es nicht vielmehr der Zeitgeist, der es uns eingeflüstert hat, oder die Geldgier oder die Faulheit). Da hatte ich plötzlich den Mut zu vier wunderbaren Kindern, zu einem sehr wichtigen, erfüllenden, aber eher verachteten Beruf und zu einem Haus, das die Nachbarn ringsumher Ruine nannten, wir aber als historisch erkannten. Die Gegend, in der wir leben, nachdem wir unser historisches Haus restauriert und ausgebaut haben, ist von der Eiszeit hinterlassen. So kommt uns auch der Winter vor: es ist ihm nicht bloß mit Heizungen beizukommen, man muss auch genügend Widerstandskraft haben. Das Haus ist ein Dialog mit der Natur. Es ist in ein Moor hinein geschoben wie ein Schiff, das nicht untergehen kann. Sein Fundament ruht auf gewaltigen Steinen, die das Eis herschleppte. Sein Dach wiegt sechzig Tonnen, kein Wind kann es tragen. Das Haus gehört zu meinem Ich, ich gehöre aber auch zu ihm.

 

3

Ich selber war es, der den Beruf lange Zeit verachtete, obwohl ich auch nicht nur schlechte Lehrer hatte, eher Lehrer ohne jede Idee: sie ließen uns Vokabeln lernen und binomische Formeln. Mein erstes fremdländisches Wort (und auch die nächsten tausend) lernte ich aber, indem ich mit den Kindern der russischen Besatzungsoffiziere spielte und von deren Eltern in ihre mehr als dürftigen Wohnungen eingeladen wurde. Geblieben ist der Sinn für Sprache. Es kommt, weiß ich heute, nicht darauf an, Vokabeln und Formeln zu verbreiten, sondern den Mut zu sich selbst auszustreuen. Man darf nicht die Sprache der Bürokratie übernehmen, sondern muss die Menschen zu ihrer eigenen Sprache führen. Das gelingt aber nur bruchstückhaft und bei wenigen. Das ist ein Haus, das niemals fertig wird.

 

4

Unsere vier Söhne haben sich jeder ein Zimmer gesucht. Obwohl es Durchgangszimmer sind, haben sie alle auch etwas eigenes, abgeschlossenes, noch hängt der Schlüssel neben der Tür. Sie haben ihre Eltern befragt, die Natur, das Haus, den Bildungsberg, und überall holten sie sich Bruchstücke, die sie zu ihrem eigenen fügten. Sie sind sich so ähnlich, dass eine neidische Nachbarin sie als geklont erkannte, aber sie sind auch so verschieden, dass sie schon eigene Welten sind, aber Welten oder Häuser mit offenen Fenstern. Ich wusste früher nicht, wie viel man von Kindern lernt und wie sehr man ihnen dankbar sein muss. Die Kinder sind das eigentliche Geschenk des Lebens, so wie das Leben das eigentliche Geschenk ist. Obwohl man das im Laufe des Lebens erfährt, ist es schwer, aus der Konsumwelt auszusteigen, zu erkennen, dass Haben keine Größe ist, und auch nicht Sein, sondern nur Werden und Geben. Und so ist es auch nicht entscheidend, was man weiß, denn das veraltet sehr, sehr schnell, sondern was man glaubt. Und auch das Glauben, glaube ich heute, ist keine Bahn mit Wegweisern, sondern ein Suchen und Lieben und Weben und Streben. Gott, wenn es ihn gibt, ist keine Burg, sondern das Denken und Danken in uns. [Der Ring ging nicht verloren, alle haben ihn oder keiner.]

 

5

Heute kommt es mir so vor, als ob das wichtige im Leben seine Quersumme ist. Wenn man sie grafisch darstellt, kommt etwas heraus, das so ähnlich ist wie ein Sinus. Auch Musik ist so darstellbar, aber wir hören sie lieber. Das Leben sollte man auch lieber leben, als es grafisch darzustellen. Das erstaunliche an meinem Leben ist die Kontinuität von Gedanken und Gefühlen, wie zum Beispiel, dass das Kreuz eigentlich ein Sinus ist, oder aber das Gedicht als Lebensform. Das Gedicht erkennt mehr als eine Formel, weil es offen ist. Es gehört Mut dazu, mit solch offenen Erkenntnissen zu leben. Deshalb suchen so viele das endgültige Zelt. Aber das kann es nicht geben. Nichts ist gültig. Und es gibt kein Ende. Das nie zu erreichende Gleichgewicht in meinem Leben ist die Liebe auf der einen Seite, als Ideal, als Lebensform, als Zuwendung, als Offenheit, aber auf der anderen Seite meine bunkerhafte Verschlossenheit. Deshalb war auch das Internet, dieses große Bilderbuch der Welt, das uns das Denken nicht erspart, eine gute Erfindung: es ist die Funkverbindung aus meiner Höhle. Und wieder verbindet sich das mit meiner Kindheit: da habe ich sehr gerne Höhlen gebaut, eine hatte sogar ein Röhrentelefon.

 

6

Die meiste Zeit tut man nichts. Man beschäftigt sich mit sich selbst, zum Beispiel arbeitet man, um leben zu können, oder man  schläft, fährt in Urlaub, liebt jemanden, kratzt das Eis von den Autoscheiben. Das ist alles nichts. Vielleicht hat man ein Jahr lang, dreihundertfünfundsechzig Tage, achttausendsiebenhundertsechzig Stunden, etwas getan, das bleibt. Die wichtigste Frage des Lebens ist Angst, die richtigste Antwort ist Liebe. Es gibt keinen Weg und keine Antwort, und trotzdem muss man wissen und gehen, küssen und geben.

BESSER LERNEN ALS REGELN

polizist mit flüchtlingskind

Vom rechten und linken Rand aus kommen immer die gleichen Sprüche gegen die herrschende Politik, auch wenn diese in einer großen Kehrtwende gerade wieder Lösungen für wahrlich nicht kleine Probleme zu entwickeln bereit ist. Große Probleme können selten in einmaligen Akten gelöst werden. Genauso wie die Ursachen von Problemen sind auch ihre Entwicklungen und dann mögliche Lösungen vielfältig und komplex.

Weder die Wissenschaften noch die Geheimdienste haben die Flüchtlingsströme vorausgesagt, die uns jetzt Probleme bereiten. Natürlich ist eine Politik, die sich darauf verlässt, immer genügend Spielraum für die Lösung bis mittelgroßer Aufgaben zu haben, überfordert, wenn es keine verlässliche Prognostik gibt. Die Geheimdienste scheinen, soweit man das von außen beurteilen kann, das Schicksal der Medien zu teilen und sich weitgehend mit sich selbst zu beschäftigen. Weder 1990 noch 2015 haben sie wirkliche und verwertbare Voraussagen über mittelfristig eintretende Entwicklungen geliefert. Es ist höchste Zeit, diese Art von Geheimdiensten genauso abzuschaffen wie die Wehrpflicht. Das ist alles von gestern.

Es ist ohnehin unsinnig, Schuldige zu suchen und zu benennen, wenn es um so große gesellschaftliche Veränderungen geht, wie wir sie im Nahen Osten und im Maghreb  seit einigen Jahren erleben. Die ganze Weltgeschichte wäre nötig, um diese Ereignisse genauesten zu analysieren, und die hat bekanntlich niemand zur Verfügung. Statt und über die Vereinigten Staaten von Amerika auf der einen und von Europa auf der anderen Seite zu empören, sollten wir lieber endlich zur Kenntnis nehmen, dass die Menschen in den Diktatur und in den Bürgerkriegen heute alle medial miteinander verknüpft sind. Flüchtlingsströme kommunizieren heute untereinander schneller als repressive Polizeikräfte samt ihrer Innenminister. Wo die Not größer wird, wächst nicht nur der Mut, sondern auch die Bereitschaft und Fähigkeit zur Kommunikation. Merkwürdigerweise gibt es gerade in der westlichen Welt Kritik daran, dass die Menschen aus den ärmeren Ländern die ihnen von uns verkaufte Technik nun auch  tatsächlich benutzen. Das ist schon perfide, Menschen auf der Flucht ihr Handy zu neiden, überhaupt einen Flüchtling zu beneiden oder auch nur zu kritisieren.

Unter Abzug der Tatsache, dass wir nicht vorbereitet oder wenigstens gewarnt waren, beginnt jetzt langsam ein sinnvoller Umgang mit der Herausforderung. Es handelt sich keineswegs um einen Vulkanausbruch oder ein Erdbeben. Es handelt sich darum, dass Menschen aus bevölkerungsreichen Gegenden der Welt in bevölkerungsarme ziehen. In den bevölkerungsreichen herrschen Armut und Bürgerkrieg, in den bevölkerungsarmen Gegenden herrschen Reichtum und sogar Überdruss. Keineswegs sterben bei uns Obdachlose, weil es keine Suppenküchen und Übernachtungsmöglichkeiten gibt. Keineswegs hungern bei uns Arbeitslose und andere Arme. Wobei wir einsehen müssen, dass die bürokratischen Hürden, die der Staat vor die Transferleistungen gestellt hat, für die Betroffenen oft bitter, für die Gebenden eine gewisse Garantie der Rechtsmäßigkeit sind. Denn was heißt Transferleistung anderes, als dass der Wohlhabendere dem weniger Begüterten abgibt? Transfer ist das neudeutsch-bürokratische Wort für Nächstenliebe. Der Sozialstaat ist die bessere Welt ohne Hunger und ohne Krieg, leider nicht ohne Neid und Gier. Unsere Gier ist es, die unsere Wirtschaftsordnung zu einen Dumpingsystem einerseits und zu einer Megaschatzkammer auf der anderen Seite gemacht hat. Wer billig einkauft, macht sich schuldig, das gilt für den berühmten Otto Normalverbraucher genauso wie für den Milliardär in seinem Privatjet. Seit Jahrtausenden wird die jeweils gegenwärtige Lage als katastrophal empfunden und der jeweils Andere als der Schuldige. Wer nur die selektive Zeitung, nicht aber die seit Jahrtausenden bewährten Schriften liest, kann das nicht wissen. Bildung bringt nicht nur die tatsächliche Freiheit, sondern auch die Freiheit des Denkens. Man muss lange nachdenken, bevor man bemerkt, dass tatsächlich die Freiheit des Denkens erst das Ergebnis der Freiheit und oft auch eines langen Lebens ist. Am Anfang des Lebens ist es normal, abhängig zu sein, im Sein wie im Denken.

Der Flüchtlingsstrom ist also keinesfalls nur ein Strom zu den Fleischtöpfen – das ist angesichts des Überflusses fast überall auf der Welt ohnehin ein Bild von vorgestern. Es geht wohl auch darum, seinen Kindern den Zugang zu hervorragender Bildung zu verschaffen. Fast unbemerkt hat sich in unserem Land – wie auch, wenngleich nicht ganz so gut, in Großbritannien und Frankreich – eine dritte Generation von Migranten den Zugang zu höherer Bildung verschafft und erhalten. Kaum einer bemerkt, dass mehr als die Hälfte der Menschen jetzt das Abitur macht und damit sowohl studieren kann, was allerdings nur etwa der Hälfte gelingt, oder aber so flexibel ist, wie es der Arbeitsmarkt braucht. Die klassischen Gymnasien sind sowohl überfüllt wie auch zurecht in der Kritik, weil sie oft noch auf ein rigides Leistungsdrucksystem festgeschrieben sind. Das kann man leicht daran sehen, wie viele Jahre schon darüber gestritten wird, ob man zwölf oder dreizehn Jahre benötigt, um das Abitur abzulegen, statt einfach die Lerninhalte auf die neuen Bedingungen umzustellen, also eine Bildungsreform statt der vielen kleinen und völlig überflüssigen Schulreformen zu machen. Man kann heutige Menschen immer weniger dazu zwingen, einen vorbestimmten Weg einzuschlagen. Sie müssen es – gemäß unserem Ideal von Freiheit und Demokratie – auch wollen. Die Erziehung muss also nur noch herausfinden und befördern, WAS DER EINZELNE MENSCH WILL und demzufolge kann. Dabei braucht man immer weniger Regeln, aber immer mehr Empathie. Glücklicherweise wird auch ununterbrochen über Empathie und Vernetzung gesprochen, was zeigt, dass wir auf einem guten Weg sind.

Dank der ethischen Vorgabe durch die Religionen und Philosophien in allen Kulturen und der politischen Umsetzung durch sie soziale Marktwirtschaft, die ein lebendiges, sich ständig veränderndes System ist, wurde die Welt besser. Wenn immer wieder das Gegenteil behauptet wird, so kann das nur ideologische Interessen haben: man will die eigene Klientel als Schafherde behandeln und zusammenhalten. Wer immer behauptet, den einzigen Weg zu kennen, reduziert die Welt auf den Inhalt eines kranken Hirns. Keine Religion und Philosophie gebot uns, neidisch, gierig oder gewissenlos gegen unsere Mitmenschen zu sein, nur die Wahnvorstellung der verkürzten Antwort, die absurde Vorstellung, ein großes, ein Epochenproblem könnte eine einfach, gleichsam in einem Tag zu bewältigende Lösung haben. All diese Eintagslösungen verschlimmern nur das Problem, lenken uns von Lösungsansätzen ab, binden unsere Energie zum Selbsterhalt und verschwenden sie damit. Kulturen können sich nur entwickeln, indem sie sich öffnen, Das gleiche gilt auch für einzelne Menschen. Das ist übrigens der normale, durch die Bildung geförderte Entwicklungsprozess: der Blick erweitert sich, je mehr Windeln und Gängelbänder wir abzulegen imstande sind, unsere ersten Schritte waren noch begleitet, dann müssen wir selbst laufen.

Eines Tages wird der kleine Junge aus Syrien, den ein Polizist aus München so freundlich empfangen hat, ein freundlicher deutscher Polizist sein, der anderen hilft und sie empfängt und begleitet. Eines Tages wird die kleine Angela Merkel Adé, deren Eltern einst aus Ghana zu uns kamen und aus Dankbarkeit und Hoffnung auf Bildung ihrer Tochter diesen Namen gaben, eine IT-Spezialistin oder Mikrochirurgin sein. Ganz sicher.

angela merkel adé

Fotos:
1 AFP
2 dpa Julian Stratenschulte

IST DAS LEBEN EINE OPTIMAL GMBH?

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Nr. 151

Jeder, der schon ein paar Tage auf dieser Erde ist, wird die Frage verneinen. Keiner sagt: Die Welt ist in den Fugen, welch ein Glück, dass ich eine Stimme habe oder gebe. Wenn wir auch die Welt nicht einrichten, so können wir uns doch auf ihr einrichten und wir können in unserer Ecke etwas ändern (1).

So wie man keine Warumfrage beantworten kann, weil niemand über alle Fakten der Weltgeschichte verfügt und so wie niemand richten kann, weil niemand ohne Sünde ist, ein altes Wort für nichtoptimierte Taten oder Unterlassungen, kann auch niemand wissen, was in der Zukunft passieren wird. Aber jetzt kommt der Unterschied: Es gäbe keine Zukunft, wenn wir nichts täten. Die Zukunft ist das, was wir tun.

Allerdings muss man das ‚wir‘ neu definieren: Es gibt keine Krone der Schöpfung und daraus folgt: wir sind sie nicht. Es gibt keinen Wert, kein Ranking und keine Hierarchie. das ist gerade das Spannende an der Welt, dass ein Regenwurm genauso viel bewirkt wie Alan Turing, dass ein Regenwurm genauso tragisch scheitert wie Alan Turing, zum Beispiel am dumpfen handfesten Vorurteil. ‚Wir‘ ist identisch mit ‚alles‘. Aber wir können nicht alles überblicken, wir haben nicht die ganze Vergangenheit in unserem Gedächtnis und nicht die ganze Zukunft in unserer Fantasie, wenn auch der Traum mehr weiß als das Gedächtnis.

Um uns uns selbst erkenntnismäßig anzunähern, benötigen wir Vergleiche und Metaphern, Denkhilfen und Analogien: gehe zur Ameise, du Fauler, und du wirst lernen, dass du zur Welt kamst, um dein Nest einzurichten und Nahrung zu speichern, dass der Sinn des Lebens leben ist und Spuren hinterlassen. Scheinbar brauchen wir auch Weise wie König Salomo, Nathan und Alan Turing. Leider ist es vom Weisen zum Führer und von der Fuge bis zum Untergang der gleiche kleine Schritt wie vom Wähnen zum Wahnsinn.

So viele Umwege ist die Menschheit gegangen, um von allen möglichen Ordnungen auf die keineswegs einfache Struktur der Vernetzung zu kommen. Aus der sichtbaren Struktur der Dinge auf eine Hierarchie zu folgen, ist genau der gleiche Trugschluss wie der, dass ein Text einen Autor hat.

Heute hilft uns der Computer doppelt, die Welt zu verstehen: erstens rechnet er schneller als wir und zweitens ist er uns ein Analagon: wir glauben, dass unser Verstand ungefähr so funktioniert wie der Computer, wir glauben, dass wir ungefähr wissen, wie ein Computer funktioniert. Wenn wir ein anderes Artefakt als Beispiel nehmen, dann sehen wir schnell, dass auch dieser Glaube ein Trugschluss ist: das Fahrrad. Jeder glaubt, dass er es kennt, kaum einer kann es bauen und noch weniger könnten es erklären. Jedes Artefakt ist schon eine kumulative, kaum nachvollziehbare Mischung aus Erfahrung, Nachahmung und Berechnung. Im Verbrennungsmotor stecken beispielsweise die Erfahrungen der Dampfmaschinenbauer, die mit dieser untergingen und vergessen wurden. Im Autohändler steckt das Betrugspotenzial des Pferdehändlers, im Konsumenten steckt der Wahn vom Schlaraffenland, einem Märchen, das genauso vergessen wurde wie die Hungermärchen von Hänsel und Gretel.

Reiner Konsum ist nicht nur deshalb ein schlechtes Bild und Vorbild, weil das, was konsumiert werden soll, auch vorher produziert werden muss, sondern, weil es keine Befriedigung und kein Beitrag ist, nur zu nehmen. Insgesamt hat sich die Wirtschaft schon immer als Modell für die Welt angeboten. Einer der schönsten Sätze, ‚the more I give, the  more I have‘ (2) ist aber sowohl in der Wirtschaft wie auch im Leben immer wieder schwer verständlich, das ist der Grund dafür, dass es den Satz gibt.

Wir leben also aus einem Ungefähr in ein Ungefähr hinein, und das macht das Leben schwer. Deshalb gibt es auf der einen Seite immer wieder künstliche Ordnungen und Traditionen, die zu befolgen schwer sein mag, aber immer noch leichter, als selbst durch die Unwägbarkeiten zu tappen. Der Lohn dafür ist die Ordnung selbst, die Stabilisierung eines geschaffenen und geschlossenen Systems. Daraus folgt, dass das System über kurz oder lang zusammenbrechen muss.  Auf der anderen Seite gibt es immer wieder und anscheinend zunehmend erfolgreiche Versuche, das Leben zu verbessern, aber das Ergebnis dieser Versuche ist natürlich kein Optimum. Vielmehr schaffen wir oft mehr Probleme als wir gelöst haben. Wir reißen Gruben auf, um Gruben zu füllen. Wir verbrauchen Ressourcen, um Ressourcen zu schonen.

Das Optimum ist vielmehr ein Ideal, das dem Paradies gleichkommt, eine Tautologie und ein Widersinn in einem. Wir können mit dem Tod nur leben, weil wir nicht an ihn glauben. Sobald wir den Tod einkalkulieren, merken wir, dass das Kalkül selbst der Fehler oder der Aberglaube ist. Je mehr wir glauben, dass jemand oder etwas für uns rechnet, desto weniger leben wir, weil wir dann nur in Sicherheit konsumieren. Würden wir aber nur produzieren, wäre die Inflation der Dinge noch unerträglicher als sie jetzt schon ist. Unser derzeitiges Ideal ist: je weniger Hunger wir haben, desto mehr Sinn benötigen wir, je mehr Ressourcen wir verbrauchen, desto mehr erinnern wir uns an die Sparsamkeit als einer Tugend aus der Zeit des Hungers.  Wir sind nicht zu viele, sondern haben zu wenig Sinn. Wir verstehen nicht zu wenig, sondern viel zu viel falsch. Wir haben immer noch nicht verstanden, dass Leben abwägen und wagen gleichzeitig heißt, auch so eine Metapher von Markt und Abgrund.

Wir streben nach dem Maximum, erreichen kein Optimum und leben ewig, wenn es uns gelingt, ein My über das Minimum hinauszugelangen. Bestelle dein Haus, denn du wirst sterben oder dein Haus (3). Die Welt ist in den Fugen, welch ein Glück, dass ich geboren wurde, einzustimmen.

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(1) Shakespeare, Hamlet I,5

(2) Shakespeare, Romeo und Julia II,2

(3) Jesaja 38,1

BERGPREDIGT FÜR KÄFERHASSER

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ODER DER KÄFIG DER VORURTEILE

Nr. 150

Wenn es eine Frage an den Wanderer sein soll, was da an einem ‚Haus der Mission‘ geschrieben steht, warum nämlich Fledermäuse und Eremitenkäfer, die nach Juchtenleder riechen, mehr Schutz als Flüchtlinge und verfolgte Christen genießen oder benötigen, dann könnte der Wanderer es sich so leicht machen wie der Frager: Fledermäuse sind sozialer als Christen, würde er sagen. Wenn Fledermäuse Christen wären, würden sie ihre energetischen Cluster als ökumenische bezeichnen. Sie tun nämlich das, wovon Christen und alle anderen Menschen im besten Fall träumen: sie nutzen die Energie, die sie selbst erzeugen, für alle Mitglieder ihrer Gemeinschaft und für alle Nachbargemeinden. Vielleicht glaubt der Frager aber auch, es gäbe eine Weltregierung, die auf der einen Seite Christen verfolgt, auf der anderen Seite aber Fledermäuse schützt. Es ist leicht eine Behauptung oder eine Schuldzuweisung in die Welt zu setzen. Die größte Gefahr, in die wir uns begeben können, ist die Selbstgerechtigkeit. Es gibt keine Weltregierung, an die man sich mit seiner Empörung wenden kann. Wahrscheinlich ist es sogar so: wer Fledermäuse schützt, verfolgt keine Christen, wer aber Christen verfolgt, schützt auch keine Fledermäuse.
Die Frage, ob Christen wertvoller sind als Fledermäuse, ist die entweder-oder-Frage nach einer hierarchischen oder vernetzten Welt. Fledermäuse gehen von einer allgemeinen Vernetzung aus. Ihr Kommunikationssystem, ein hochfrequentes Echolot, wurde übrigens erst zum gleichen Zeitpunkt erkannt wie die Verschlüsselung der deutschen Wehrmachtssprache, die hocheffektive Enigmamaschine, die der Höhe- und gleichzeitig Endpunkt aller Hierarchien war. Der Neunazi glaubt heute noch, dass sein Hartzvier gekürzt wird, wenn ein Flüchtling ankommt, und er hält sich für wertvoller. Der Mensch schafft sich eine hierarchische Ordnung und glaubt dann mehr an sie als an Gott. Die Wahnvorstellung von geborenen Alphatieren und permanenten Verlierern ist bis in die Biologie hinein projiziert worden, was uns immer wieder zeigt, dass auch Wissenschaft nichts als Metapher oder vergegenständlichte Parabel ist. Wie würde sich denn die Seligpreisung eines geistlich Armen mit einer vorgegebenen Hierarchie vertragen? Das hat schon Pontius Pilatus erkannt und gleichzeitig vor der Selbstgerechtigkeit gewarnt (1). Er glaubte das sagen zu können, da er hierarchisch über Jesus stand. Jesus dagegen bestand wie schon der König Salomo darauf, dass es keine Hierarchie gäbe.

käfer blau

Die Idealvorstellung des wahren Christen ist nichts als das Paradigma eines guten Menschen. Die Welt kann nur besser werden, wenn jeder einzelne bei sich anfängt, sie zu verbessern. Davon gehen alle Religionen und Philosophien aus. Die Wissenschaft hat das mehr und mehr bestätigt. So ist die Lehre von der Evolution, die von vielen fundamentalistischen Gläubigen so vehement bekämpft wird, doch nichts anderes als die Lehre von der gegenseitigen historischen und synchronen Abhängigkeit aller Wesen der Schöpfung. Das stellt man sich praktischerweise in einem Biotop vor, das ein gedachtes Areal, keinesfalls jedoch ein Käfig ist. Alle Mauern brechen, auch das steht schon in der Bibel(2). Und Asyl meint ‚unberaubt‘, also in Sicherheit gebracht, nicht aber in einen neuen Käfig, in dem man wieder der Freiheit beraubt wird. Der neben dem Schild aufgestellte Käfig, der das Kirchenasyl darstellen soll, das sein Erbauer über den Schutz der Schöpfung stellen will, zeigt tatsächlich den Käfig der Vorurteile, aus dem wir nur schwer herauskommen. Statt nicht durchdachte Poster gegen Käfer aufzustellen, sollten wir lieber das Tal, in dem sich tiefer Glauben mit bester Wissenschaft paarte, unter den Schutz unseres Gedenkens und unserer Gedanken stellen: das Neandertal.
Der vielleicht berühmteste Satz von Jesus sagt genau dieses: nur wer selbst alles richtig machte, könnte einen anderen bezichtigen oder gar bestrafen, aber einen solchen Menschen gibt es nicht, demzufolge gehen alle in dieser Geschichte, weil sie sich dem Charisma und der Evidenz des Jesus nicht entziehen können, betroffen aus dem Raum(3).
Genauso verhält es sich mit der so genannten Wahrheit, die sich aus der Warumfrage ergeben soll. Schiller hat wunderbar beschrieben, dass man, um die Frage zu beantworten, warum sich alle, die sich in einem Raum befinden, in diesem Raum befinden, im Besitz aller Fakten und Zusammenhänge der gesamten Weltgeschichte sein müsste. (4) Wer das behauptet, maßt sich göttliche Eigenschaften bei gleichzeitiger vollständiger Inkompetenz an. Daraus folgt, dass es eine Wahrheit nicht geben kann und wir bestenfalls der höchst fragilen oder ätherischen Glaubwürdigkeit folgen. Meist folgen wir aber unseren dumpfen handfesten Vorurteilen, die besagen, dass unsere Eltern mehr recht haben als die Eltern der anderen. Und damit würden wir vor den Erkenntnisstand Nathans des Weisen zurückgehen, der uns zwar erlaubt, unseren Eltern zu folgen, nicht aber anzunehmen, dass unser Nachbar das nicht auch tun dürfte. In der etwas konstruierten Geschichte vom Nathan – aber sind nicht alle Geschichten konstruiert? – zeigt sich, dass wir alle verwandt sind, so wie es auch in der Bibel steht und von dem Nachbarn Lessings, dem evangelischen Pfarrer Johann Peter Süßmilch, in den Beginn einer Wissenschaft von der Demografie gegossen wurde. Hinter diesen Erkenntnisstand will der Juchtenkäfer- und Fledermaushasser zurückgehen? Oder hasst er die Naturschützer, die Bewahrer der Schöpfung? Er will also hinter die Mülltrennung zurückgehen? Oder meint er sogar, dass seine Wahrheit wichtiger und richtiger sei als die Wahrheiten seiner Nachbarn und geht er damit hinter die Kreuzzüge zurück, die Lessing als den Hintergrund seiner hintergründigen Parabel wählte? Ganz falsch ist es auch, hinter Kafka zurückzugehen, der sich und uns vorgestellt hat, ein Mensch, der sich ganz gefangen fühlt in seiner Arbeit und seiner Familie, würde in einen Käfer verwandelt werden. Es wäre schwer, weil er nun ein Gefangener seiner vermeintlichen Unfähigkeit wäre. Es wäre für einen Käfer auch schwer, in einen Menschen verwandelt zu werden. Deshalb hat uns die Evolution die Empathie mit auf den Weg gegeben. Man kann sie nicht durch bornierte Emphase auf Plakaten ersetzen. Immer wieder muss man sich in die Wesen, die Hilfe brauchen, einfühlen. Gerade einige sehr prominente Christen haben sich zurecht dafür eingesetzt: Jesus, Franziskus von Assisi, Antonius von Padua, auf den sogar die Fische hörten, Albert Schweitzer mit seiner leider vergessenen Lehre von der Ehrfurcht vor dem Leben. Darin steht: es gibt kein Ranking für Hilfe.
Bevor man etwas an sein Haus schreibt, sollte man darüber nachdenken. Vorurteile und Selbstgerechtigkeit sind wenig hilfreich. Wenn ich etwas an mein Haus schreiben wollte, so wäre es: GEHE ZUR AMEISE, FAULER, SIEHE IHRE WEISE UND LERNE.(5) Aber ich glaube nicht, dass man seine Gesinnung an sein Haus oder sein Auto schreiben oder malen muss. Man soll lieber so handeln, dass die anderen uns als Menschen erkennen, der anderen hilft, der aber auch Hilfe braucht, der sozial wie die Fledermaus und einsam wie der Juchtenkäfer sein kann, aber lernt.
(1) Johannes 19,10ff. (2) Josua 6,20 (3) Johannes 8,7 (4) Schiller, Was heißt und zu welchem Ende studieren wir Universalgeschichte? (5) Sprüche Salomos 6,6

EHM UND ICH

ehm welk und ichEHM UND ICH

Ehm-Welk-Literaturpreis des Landkreises Uckermark ging in diesem Jahr an mich

Ich weiß nicht mehr, was ich gedacht habe, als ich neun Jahre alt war und mit meiner Kinderheimgruppe am Haus Dammstraße 26 in Lübbenau vorbeischlurfte, an dem die Tafel angebracht war und ist, dass in diesem Haus der Dichter Ehm Welk gelebt hätte und dass er der Verfasser der ‚Heiden von Kummerow‘ gewesen wäre. Das war im Jahre 1957, ich bin 1948 geboren, er hat 1939 da gewohnt, so dass es mir – damals – wie gestern vorkam. Heute liegt eine ganze Epoche zwischen ihm und mir. Merkwürdig ist weiter, dass die Gedenktafel dort hing, obwohl der greise Dichter in Bad Doberan ja noch lebte, schrieb und das Ansehen, das er in der DDR genoss, genoss. Man kann an der Gedenktafel aber auch sehen, wie bekannt seine Bücher und seine Figuren zu seinen Lebzeiten waren. Nicht mit der DDR, wohl aber mit der Veränderung der Welt und ihrer medialen Spiegelung verschwand der Autor vom Bildschirm, mit Ausnahme der drei Städtchen Bad Doberan, wo er starb, Lübbenau, wo er schrieb, und Angermünde, wo er nicht geboren wurde.
Geboren wurde er in Biesenbrow, das heute zu Angermünde gehört. Allerdings war seine Familie aus dem Spreewald eingewandert. Die Ruhelosigkeit, die in diesem familiären Umzug sichtbar wird, hat er sein ganzes Leben beibehalten, sein längster Wohnsitz war sein letzter. Während in seinen Büchern ein geradezu altmodischer Heimatbegriff gepflegt wird, ist er selbst eigentlich eher heimatlos umhergewandert. Dabei wurde er nur einmal vertrieben, nämlich aus dem heutigen Dołuje, das damals Neuenkirchen hieß, keine zwanzig Kilometer von uns entfernt.
Wenn ich auch nicht mehr weiß, was ich als neunjähriger Knabe angesichts der verfrühten Gedenktafel gedacht habe, so habe ich sie doch nie vergessen. Und ich vermute heute, dass diese Gedenktafel für mich eine Mahntafel war, nämlich daran zu denken, dass man, wenn man ein Talent hat, auch damit wuchern soll.
Ich bin ihm also als Kind begegnet. Kurz war dann in der DDR sein Lebensbericht eines alten Mannes beliebt, die Lebensuhr des Gottlieb Grambauer, aber mir sagte die dualistische Philosophie des Lassmann und Fassmann nie besonders zu. Interessant ist es allemal, fast ein ganzes Jahrhundert im Leben eines Menschen zu spiegeln, zumal es sich noch fragt, wer da wen spiegelt.
Nach der Wende kauften wir uns ein Haus in der Uckermark. Damit zog auch erstmals in mein Leben, das bis dahin unstet wie seines war, Ruhe ein. Und nachdem diese Ruhe eingezogen war, beschlossen wir, statt den Rasen zu mähen, ihn lieber von Schafen abfressen zu lassen. Die Schafe, die wir wollten, waren Skudden, eine ostpreußische, eigentlich schon ausgestorbene Rasse, die es damals nur in Biesenbrow gab und die wir dort auch abholten. Da fiel mir Ehm Welk wieder ein.

Merkwürdig ist es schon, dass innerhalb eines Menschenlebens ein Wert verfällt, ein Schriftsteller fast vergessen ist, obwohl er sogar durch das relativ neue Medium Film unterstützt war. Für die Umwertung aller Werte, die von Nietzsche gewünscht und befürchtet wurde, braucht es wohl ein doppeltes Menschenleben von 100 Jahren.
Vieles ist ja auch wert, dass es zugrunde geht, so lautet nicht nur ein anders berühmtes Zitat, sondern so ist es ja auch. Gerade die kohärente Dorfgemeinschaft mag heute als Idylle erscheinen, ist ja aber damals auch der Hort der Autorität und des Schreckens gewesen. Das Dorf ist zudem, darauf weist eine heute berühmte Dorfschriftstellerin, Herta Müller, hin, ein Ort fortwährenden Sterbens. In der Stadt kann der Tod verdrängt und vergessen werden, auf dem Land ist er allgegenwärtig. Der Tod betrifft hier nicht nur Käfer und Lämmer, sondern auch die Menschen. Auf dem Dorf im Banat, aber auch in dem kleinen Städtchen Lübbenau fuhr ein reichgeschmückter und gedrechselter tiefschwarzer Leichenwagen, von schwarzen, mit schwarzem Tuch behangenen Pferden gezogen, ihm voran ging der schwarze Mann, der Pfarrer: ein schwarzer Tag für die Familie. Viele schwarze Tage hatte das Jahr des Dorfes.
In jedem Dorf verkünden Kriegerdenkmale, wie man mit Stolz die Söhne in den Tod geschickt hat. Im Dreschkasten blieb ein Bein ums andere. Kinder ertrinken auch heute noch in Dorfweihern. Alkoholiker lassen sich ihre Lebern zersetzen. Das alles sieht man im Dorf und übersieht man in der Stadt. Erschien beim Welk die Familie als Zuflucht, so ist sie bei Müller einer der Gründe zur Flucht. Orte sind nicht mehr Heimat, sondern Gedanken. Ob nicht Welk, der selber ein Getriebener war, auch den Wunsch eine Heimat zu haben, als Heimat angesehen hat?
Zudem mag man heute nicht mehr Welks Volkshochschulton lesen, der belehrend und gequält unterhaltend zugleich ist. Wir wollen heute Texte, denen die Authentizität aus allen Ohren quillt. Kein Wunder, dass die artifizielle Beschreibung einer doppelt untergehenden Kultur, die der Deutschen im Banat und die der kommunistischen Diktatur, die sich wie ein Erlebnisbericht liest, mit dem Nobelpreis des vorigen Jahres geadelt wurde. Fantasy drückt von der anderen Marktseite auf die Buchseite, und ich verhehle nicht, dass der Käufer des Hauses in meiner Geschichte nicht aus idealistischen Gründen, sondern aus Fantasy-Vorstellungen märchenprinzähnliche Züge hat. Der tatsächlich türkische Immobilienmakler, der die Stallanlagen in dem gedachten Dorf gekauft hat, sitzt in einem trockenen, wenn auch klimatisierten Büro in Frankfurt am Main und lässt sich durch keine noch so feuchte Träne rühren.
Immer sieht man eine Welt untergehen. Aber immer findet sich auch ein Chronist des Unterganges. Mag er auch zunächst belächelt werden, später liest man seine Chroniken, um zu erfahren, wie es war, um sich mit den Schwierigkeiten vergangener Zeiten zu unterhalten. Denn trotz aller Billigphilosophien herrscht ja doch eher Optimismus, die Dörfer haben sich neu belebt und neu bevölkert, neue Geschichten geschehen und werden aufgeschrieben, und selbst der sprichwörtlich ärmste Landkreis leistet sich einen Literaturpreis, der benannt ist nach einem sympathischen alten Volkshochschuldirektor, dessen Figuren für kurze Zeit allbekannt waren und der die Idylle auch nicht aufhalten konnte. Und heute krönt sich die zufällige Verbindung unserer beiden Lebens- und Schreibewege. Meine Großmutter, die eine große Verehrerin von Ehm Welk war, wäre heute jedenfalls stolz auf mich.
Ich danke meinen Lesern, der Uckermärkischen Literaturgesellschaft und dem Landrat für die Aufmerksamkeit!

BELLINCHEN

BELLINCHEN (BIELINEK)

1000 Worte Sommerferien

Der Mensch hat vier Urgroßmütter und vier Urgroßväter, aber nicht alle ragen gleichermaßen in die Gegenwart hinein. Das kann nur derjenige der Großeltern, der eine lebendige Erbengemeinschaft hinterließ, der ein Haus gebaut hat, das heute noch steht, der eine Firma gegründet hat, die es heute noch gibt, oder der seine Erinnerungen so interessant und umfänglich aufschrieb, dass sie heute noch Bedeutung haben. Das alles tat mein Urgroßvater Robert Wendt (1850-1939), und zurecht ist er in der Familie die Legende geblieben, die er schon zu Lebzeiten war: er lief mit seiner Gitarre von zuhause fort, gründete eine Familie und eine Firma, baute ein Haus und baute noch ein zweites Haus, wurde zeitweilig sehr reich, verlor aber seinen Besitz durch Krieg und Inflation wieder. Aber das Haus steht noch und wir pflegen die Legende des kleinen, aber äußerst geschickten Großhandwerksmeisters. Klein blieb er deshalb, so schreibt er in seinen Erinnerungen, weil sein verbrecherischer Lehrmeister, der 100 Taler Lehrgeld genommen hatte, ihn und einen weiteren Lehrling Bleiweiß mischen ließ, ohne auch nur darauf hinzuweisen, dass der Umgang mit dem höchst giftigen Material höchst gefährlich war. Er verachtete ihn so sehr, dass er glaubte, er, der Meister, hätte selbst nicht gewusst, dass Bleiweiß giftig ist. Und er lief das erste Mal weg und suchte sich einen neuen Lehrmeister.
die neue ist die alte kirche
Über drei Generationen hinweg wurde nicht nur die Geschichte des erfolgreichen self made man erzählt. All die fast 150 Jahre wurde auch immer wieder betont, wie schwer es ihm gefallen war, von zuhause wegzugehen, was für ein Paradies er verlassen musste, um der Mann zu werden, der er werden wollte und wohl auch sollte und der er schließlich wurde.

Hätten wir einen Biologen mitgeführt, so hätte er uns gleich die jumping spiders und die äußerst seltene quercus pubescens zeigen können, aber selbst wir Laien bemerkten sofort die Verfolgung durch Riesenhornissen und die Umspielung durch bunteste Superlibellen. Insgesamt gibt es 6000 Tierarten allein in dem kleinen Tal zwischen Bellinchen (Bielinek) und Nieder Lübbichow (Lubiechow Dolny).
Das Tal entstand durch eine nach Süden gerichtete Moräne, die direkt auf die Oderarme zeigt und dadurch ein pontisches Binnenklima entstehen ließ, ein Klima wie an der Südküste des Schwarzen Meeres.
Diese Straße, die in Nieder Lübbichow mit einer Eiche beginnt, die so groß und dick ist, dass unsere Vorväter sie eingemauert haben, mag unser Urgroßvater oft gelaufen oder mit dem Pferdewagen gefahren sein, auch später noch, als er schon in Zehden (Cedynia) lernte.
Das Haus seiner Eltern, das übrigens eine Kate war, in der die Eltern wohnten, obwohl sie einen Lastkahn besaßen, das Haus ist uns überliefert durch kleine Ölgemälde, die er aber als alter Mann malte, so dass ihr Realitätsgehalt durch Erinnerung, Perspektive und Fähigkeiten stark eingeschränkt sein mag. Aber Kunst ist ja ohnehin nicht das Abbild der Wirklichkeit, wie ja Wirklichkeit auch nicht das Abbild der Welt ist. Dazwischen ist immer der Mensch, in diesem Fall unser Urgroßvater. Wir fanden zwei Häuser, die, 1 ½ Jahrhunderte Veränderung hinzu und hinweg gedacht, mit seinem Bild übereinstimmen könnten. Der Friedhof kann das Opfer einer Flut oder des berechtigten, zum mindesten verständlichen Deutschenhasses geworden sein. Ob man überhaupt moralisch die Werke seiner Vorgänger zerstören können sollte und dürfte, das mag ein höherer Richter entscheiden. Zu der Größe, den anderen zu akzeptieren, auch wenn er mich vernichten will, werden sich wohl erst künftige Geschlechter zusammenraffen können, aber dann ist da ja wohl niemand mehr, der einen anderen vernichten will. Ein durch und durch erfreuliches Signal ist dagegen der Kirchturm: er wurde in der Form des alten Kirchturmes der neuen Kirche beigegeben, so dass Bellinchen so wie schon immer in die Vergangenheit blicken kann.
Aber was sieht es da?
In tausend Jahren fanden in diesem wunderschönen Winkel, in diesem paradiesischen Tal, in der Idylle der Idylle zwei Schlachten statt. Am 24. Juni 972 wurde der Lausitzer Markgraf Hodo vom Piastenherzog Mieszko I. geschlagen, im März 1945 kämpfte Stalin gegen Hitler, aber gewonnen hat eigentlich wieder Polen. Der Museumsverwalter in Cedynia zeigt uns, was er alles gefunden hat: Waffen, Helme, Knochen. Dagegen ist die Töpferscheibe natürlich langweilig, aber sie macht das Menschsein aus, nicht der Krieg. Manche deuten das so, dass Menschheit und Krieg, Gewalt und Macht eben immer zusammen gehören. Wir stehen gerade im Paradies, aus dem unser Urgroßvater stammt, und sind wohl auch deshalb der Meinung, dass die letzten beiden großen Kriege in Europa Atavismen waren, Rückfälle in die Vergangenheit, in der die Welt leichter zu begreifen war, weil die Begriffe primitiver waren: gut und böse. Wer sich selbst auch nur mit einem Hauch Aufrichtigkeit beobachtet, weiß, wie eng bei ihm selbst gut und böse zusammenliegen. Sie sind sozusagen verheiratet und suhlen sich im Bett der Amoral. Nicht die Welt ist dichotomisch, sondern unser Kopf. Wir sind mit dem Binärcode zur Welt gekommen. Wir benutzen ihn, um die Welt wie durch einen Fleischwolf hindurchzupressen. Es bleibt, wie bei unserer Großmutter am Fleischwolf, ein hässlicher Rest, über den wir meist schweigen. Ein letztes Mal ist die Menschheit, jedenfalls die europäische, darauf hereingefallen, die Welt einfach doppelt zu sehen: die Guten, die Bösen, Gott wurde hingegen schon mit der Vorsehung für kompatibel erklärt. Diese wurde dann unter den Kommunisten noch einmal gegen das ‚Gesetz‘ eingetauscht, und – keiner hats gemerkt – schon waren wir wieder bei Moses.
Der schwere, mühselige und komplizierte Weg, die außerdem enge Pforte, ist die Demokratie, der Pluralismus, das Eingeständnis, keine Antwort, ja zuweilen noch nicht einmal eine Frage zu haben. Viele merken zum Beispiel gar nicht, dass der Sozialstaat keine natürliche Lebensform ist, sondern eine – um es pathetisch auszudrücken – täglich neu zu erringende, sozusagen die emphatische Empathie, gelebte Nächstenliebe ohne pastorales Interpretationsmonopol, fragil-funktionierendes Allmende-Dilemma.
Nachdem wir doch schon gemerkt haben, dass sehr vieles so funktioniert wie Ökosysteme, nämlich selbstregulierend, entropisch, also wegstrebend vom Gleichgewicht, und antikatalytisch, also die Katalysatoren verbrauchend, sollten wir auch wieder in die Natur gehen und begreifen, dass die Welt nicht dichotomisch, nicht leicht, nicht gerecht, nicht paradiesisch, aber auch nicht paranoid ist, obwohl so vieles neben dem Verstand zu sein scheint. Aber der Verstand bleibt immer noch neben der Welt, und Wahn und Welt kann man oft nicht auseinanderhalten! Was der Hornisse guttut, die man im Übrigen nicht fürchten muss, täte auch uns gut: mehr Selbstzufriedenheit. Denn je unzufriedener wir mit der Gegenwart sind, desto mehr zerstören wir unsere eigne Zukunft und die der jumping spiders aus dem Naturschutzgebiet Bellinchen-Bielinek.

jumping spider Springspinne
quercus pubescens Flaumeiche

MALCHOW

überall ist malchow
Es gibt mehrere Dörfer und Städte mit dem Namen Malchow, der aus dem Urslawischen kommt und vielleicht einfach ‚klein’ (maliki) oder Bruchwald (maleko) heißt. Wer weiß! Das Städtchen Malchow, von dem wir hier reden wollen, liegt an der Autobahn Berlin Rostock oder besser: die Autobahn liegt an dem freundlichen Städtchen. Gleich fällt auf, dass die Insellage, das Umschlossensein von Wasser, schon etwas Chaotisches, wenigstens Instabiles hat. Die Drehbrücke, die Klosterinsel und Stadt trennt oder verbindet, ist der Beweis für den, der nicht glaubt. Zwar gehören Kirche und Orgel zusammen, doch überrascht mit ihrem Chaos die Kirche, die voller Orgeln steht. Das Kloster, das noch lange nach der Reformation weiter benutzt wurde, unter anderem als Stift für adlige Fräulein, war eine Einrichtung, die beinahe allem widerspricht, was man heute denkt. Doch die einfache Übersetzung ‚Altenheim’ fällt einem nicht gleich ein. Nach langem Verfall, der in der DDR noch durch Missachtung katalysiert wurde, aber ein halbes Dutzend alter Leute nicht hinderte, hier licht- und staatsabgewandt zu wohnen, die Namensschilder sehen aus, als ob sie selbst schon pensioniert wären, ist die Anlage in ein, wenn nicht grelles, so doch beachtlich neues Licht gerückt. Einige Räume, notdürftig, aber liebevoll eingerichtet, dienen als Ausstellung ortsüblicher Kleinmaler, die, obwohl sie ihre Vergangenheiten nachträglich nicht mehr ablegen können, sympathisch ihr kleines Städtchen in die Symmetrie satter Farben getaucht haben. Von der Klosterinsel geht man zurück zur Stadt der überhaupt nicht schweigsamen oder abweisenden Menschen, wir werfen das Vorurteil gleich in den Mülleimer der Geschichte und betrachten die genau gegenüber vom Kloster liegende neugotische Kirche. Auch hier wird das Blättern des alten Glanzes erst neuerdings durch einen auch im Internet aktiven Verein aufgehalten. Sieben äußerst aufgeschlossene Frauen mittleren Alters fragen mich, weil sie offensichtlich ihre Langeweile betäuben wollen, ob auch die Kirche aufgeschlossen und zur Besichtigung freigegeben ist. Nein, soweit geht die Liebe zum Bauwerk und zu dem transzendenten Wesen, das durch den Bau verehrt werden soll, denn doch nicht. Im Norden sind die Kirchen geschlossen. Hinter hohen Mauern beklagt man, dass irgendjemand Gott für tot erklärt und man nun die Folgen zu tragen habe. Jegliches hatte seine Zeit.
Schon auf dem Hinweg zur Stadtkirche ist die in Gerüste eingepackte Goetheschule aufgefallen, deren Sgraffito zeigt, dass die DDR gern jeden Dichter als Moralerzieher missbraucht hat, was in diesem Fall aber nicht verwerflich ist, denn der Mensch sollte tatsächlich edel, hilfreich und gut sein und ist es wohl auch überwiegend. Nur billige Betrachtungen wollen uns wegen des Sensationswertes des Bösen etwas anderes einreden. Dichotomisches Denken entspricht nicht der Struktur der Welt, sondern den Besonderheiten unseres Geistes. Die Wirklichkeit ist viel einfacher als unser böse-gut-Denken: Hasen sind aus Karotten, Karotten sind aus Hasen und Wölfen und Wehrmachtssoldaten. Was soll daran böse sein?
Indem all das bedacht ward, sieht man erst gegenüber der Goetheschule, die eingepackt nicht von Gerüstbauern, sondern vom Künstler Christo erscheint, ein DDR-typisches Gebäude, wie es als Kulturhaus oder, so hier, als Kino in viele kleinere und größere Städte und sogar Dörfer gezwängt wurde. Warum dieser leicht pompöse, auf jeden Fall den Klassizismus nachahmende Stil ZUCKERBÄCKER genannt wurde, will sich von hier aus nicht recht erklären lassen. Das Gebäude ist, grau in grau, vor die Kirche an den Fuß des Hügels gequetscht, passend allerdings zu der Schule. Noch immer steht ‚Filmpalast‘ in geschwungenem Schriftzug daran, ein Wort, das aber älter ist als die DDR und ungeschickt von großer Wertschätzung für die neue Kunst spricht. Das Kino hat mit der daneben liegenden Kirche das Überdimensionale gemein, die Markthalle mit ihrem transzendenten Gedanken des Handels, des Tauschs, fehlt hier noch. Die Scheune dagegen wird mit Wirklichkeit gefüllt. Der Stoff, aus dem die Träume sind (Shakespeare, Der Sturm, IV,1) wurde an die hundert Jahre im Kino gehandelt, nicht in der Kirche. Man kann Säkularisation nicht mit einem einzigen Ereignis (Erdbeben von Lissabon) oder gar mit einem einzigen Namen (Nietzsche) verbinden, vielmehr sollte man beachten, wer das transzendentale Bedürfnis bedient und befriedigt: auch in Malchow an jenem Tag war die Kirche geschlossen und das Kino offen. Der Film, ungeachtet des technischen Mediums, auf dem er transportiert und transparent gemacht wird, hat das Theater, die Literatur und eben auch die Religion substituiert. Allerdings muss man bedenken, dass das alles vor hundert Jahren noch ziemlich elitäre Einrichtungen waren, die heute fast jeden Menschen auf der ganzen Welt erreichen. Es ist fast leichter, einen Film zu sehen, als satt zu werden. Aber das gilt auch glücklicherweise nur noch für ein Sechstel der Menschheit, die anderen sind satt bis dick und sehen ununterbrochen Filme. Wenn wir Film für Kunst überhaupt setzen, dann sind, mit dem belehrenden Teil jeder Kunst, die Forderungen der Aufklärung, und mit dem unterhaltenden, poetisierenden Teil die Forderungen und Projektionen der Romantik erfüllt. Kein Wunder, dass mit dieser Erfüllung auch die programmatischen Zeitalter enden. Film widerspiegelt und repräsentiert aber natürlich, wie jede Kunst und Religion, nur Bruchstücke, Splitter der Welt. Wenn wir uns die Welt als in einem 10hoch9-teiligen Puzzle als realistisch abgebildet vorstellen können, dann sieht man, wie viele Filme nötig wären, um das zu erreichen. Im Kino in Malchow konnte man in der Woche zwei bis drei Filme ansehen. Zweiundfünfzig Wochen hat das Jahr. Es ist falsch anzunehmen, dass in der DDR alles verboten war, es gab auch französische, britische, italienische und sogar amerikanische Filme. Aber es ist genauso falsch anzunehmen, dass im Kino in Malchow oder Bochum die Welt auch nur halbwegs abgebildet werden konnte.
Das Kino in Malchow ist indessen als Kino auch tot. Stattdessen hat ein rühriger Verein, schon der zweite Verein, der etwas bewahrt, alle Dinge zusammengetragen, die aus der DDR stammen. Das sind sehr viele Dinge, denn man trennt sich von Haushaltsgegenständen nur schwer. Öffentliche Gegenstände dagegen, wie Honeckerbilder, Fahnen und etwa Uniformen, sind schon rarer. Ganz sicher ist so ein Raritätenkabinett oder Museum im ursprünglichen Sinne hilfreich. Trotzdem lehnten die sieben munteren Frauen mit den Worten ‚das haben wir auch zuhause im Keller’ einen Rundgang ab. Den Menschen aus dem Westen zeigt das Kabinett, womit sich die Brüder und Schwestern im Osten des geteilten Vaterlandes, so der menschlich warme Sonntags-O-Ton, behelfen mussten. Den Menschen im Osten treibt es Schauer behaglicher Nostalgie den Rücken herunter: ja, so war es. Jeder ist überzeugt, dass die WM 66 immer noch funktioniert. Und übrigens, dieser eigenartige Stolz, den manchmal DDR-Menschen aufbringen, kommt ja daher, dass die WM 66 – gegen alle Erwartungen – tatsächlich funktionierte. Der in diesem Kabinett der Bedürftigkeit aufgebaute Kiosk hat sogar noch das originale meistgehasste Schild ausgehängt: „Wegen…mit amtlicher Genehmigung geschlossen!“

Dieses Museum nun kann uns zeigen,obwohl es das gar nicht will, wie unser Gehirn mitsamt dem Gedächtnis funktioniert.

Fast ohne Auswahl werden Gegenstände und ihre Metaphern oder Symbole, Prozesse und Gedanken in das Museum geschaufelt. Im Innern verbleiben und veralten sie. Aber je nach Standort – im Innern – spielen sie in der weiteren Wahrnehmung und Beurteilung eine unterschiedlich gewichtete Rolle. Stellt man sich vor, dass im Foyer eine fragende Besuchergruppe steht, so hat der Museumsdiener zu tun, die nachgefragten Gegenstände zu finden und es dauert seine Zeit, bis er mit ihnen wieder im Foyer ist. Dort ging das Leben (zum Beispiel die Diskussion über der DDR) aber weiter. Der zu langsam gefundene Gegenstand wird jetzt anders betrachtet, als er noch vor zehn Minuten gesehen worden wäre.
Die falscheste Vorstellung war und ist aber immer die, dass die Welt draußen logisch und systematisch ist und somit auch das Abbild ein getreuliches Abbild sein kann und nur, sozusagen, logisch aufgestellt werden muss. Jeder stellt sich also unter einem Gehirn eher ein hierarchisch geordneten Computer oder ein systematisches Naturkundemuseum vor. Stattdessen gleicht unser armes Gehirn – was fast nie überfordert ist – aber vielmehr dem DDR-Museum Malchow: es ist schmuddlig, staubig, ungeordnet, aber es funktioniert wunderbar.
So wie die Grazie einer Bewegung mit ihrer Bewusstwerdung verloren geht (Heinrich von Kleist), so wird unser Gedächtnis von uns beschimpft, weil die Erwartung falsch ist. Da ist kein Regallager, das man von vorn und hinten lesen und durchsuchen kann, da ist kein Naturkundemuseum, noch nicht einmal ein Kino mit seinen 52×3 statt 10hoch9 Puzzleteilen pro Jahr, sondern eine nostalgisch-ordnungslose Bude, die bis ins hohe Alter funktioniert, obwohl es nicht erwartet werden kann. Sie funktioniert übrigens nie so, wie wir es wollen, nicht erst im zarten und hohen Alter nicht. Wir können es nur in der Mittelzeit besser verbergen, was uns alles einfällt, das nicht gefragt war, als Kinder und als Greise verplappern wir uns einfach. Der Weg vom Gedächtnis zum Mund ist nicht taktisch abgesichert, wie bei Menschen im Berufs- oder Sexual- oder gar politischen Leben.
Und weil das alles so ist, wie es ist, sehen wir ständig auch nur halbe Sachen, die wir dann auch noch getrost belachen (Matthias Claudius), nicht weil wir Ignoranten wären, sondern weil wir immer gleich in unser Raritätenkabinett zurückblicken müssen. Wir vergleichen alles Neue mit allem Alten. Auch die Art des Sammelsuriums ist gut mit dem Gedächtnis vergleichbar: während wir unsere Sammlung für einmalig halten, würden wir staunen, wenn wir engrammatisch in das Hirn unseres Nachbarn blicken könnten. Da steht die gleiche WM 66, allerdings hat sie ganz sicher einen anderen Stellenwert. Wir sind nicht unverwechselbar, wir müssen uns erst unverwechselbar machen, unersetzbar zu sein ist dagegen unerreichbar.
Als neuen Terminus für das hier beschriebene alte Phänomen schlage ich zu Ehren des sympathischen Städtchens MALCHOWMETAPHER vor.

ROUSSEAUS UHR

ROUSSEAUS UHR

Eine erstaunende Parellele

Rousseau warf seine Uhr weg, obwohl er aus einer Uhrmacherfamilie stammte. Es war sein Ausgang aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit. Selbst verschuldet ist jeder Aufenthaltsort, denn man könnte jederzeit da sein, wo man nicht unmündig gehalten wird. Dies erkannte der sechzehnjährige Jean Jacques, als er das Stadttor, den Ausgang, zum dritten Mal um neun Uhr abends verschlossen vorfand. Die meisten Menschen sagen, ja, man muss Tatsachen hinnehmen. Man kann sie nicht dafür verurteilen. Aber schon gar nicht kann man die Menschen verurteilen, die die so genannten Tatsachen nicht hinnehmen. Jesus hatte vorgeschlagen, nicht nur die Uhr wegzuwerfen, sondern sogar das rechte Auge auszureißen, wenn es uns ärgert. Das ist heute selbst als Metapher zu brutal. Wenn sogar der sanfte Jesus zu so harten Vergleichen greifen musste, um uns sein Anliegen nahe zu bringen, dann wird klar, dass Jean Jacques, der das wusste, ebenso radikal vorgehen musste. Rousseau selbst ist auch leider gleich ein Beleg dafür, dass das Streben nach Unabhängigkeit sowohl in Verfolgungswahn als auch in eine absurde Streitkultur umschlagen kann.
Goethe nannte die Unmündigkeit Marionettentheater, Nietzsche glaubte, dass die Menschheit ständig aktiv und passiv verwechselt und Freud fand schließlich das Über-Ich, die anderen, an denen wir hängen, und das Es, das aus uns hinaus will. Heute sind wir sicher: Eltern, Ämter, Medien, Partner und Partnerinnen, Adressensammler, Geheimdienste, Impfausweise und Verbrecherkarteien, sie alle wollen in unser Bewusstsein nicht nur aus investigativen Gründen, nein, sie wollen und sollen uns beherrschen, und sie tun es auch.
Was man wegwerfen will, muss man erst einmal gefunden haben. Man kann Rousseau nachmachen: Uhr und Kalender eignen sich wegen ihres Doppelcharakters gut. Sie sind einerseits die Hilfsmittel der Organisation selbst, andererseits deren Symbole. Das Nachahmen hat den großen Vorteil, dass der Erfolg schon einmal da war. Wir gesellen uns gern, gehören zu Parteiungen und Gruppierungen, sonnen uns in deren Erfolgen und fliehen ihre Misserfolge. Leider bieten die Gruppen meist Symbole zum Sammeln und Verehren, nicht zum Wegwerfen.
Wie das kleine Kind auf dem Teppich Mustern folgt, so folgen auch wir heimlichen Mustern, die auf dem Teppich des Lebens, wie wir glauben, für uns vorgezeichnet sind. Indem wir ihnen folgen, treffen wir auf der gleichen Spur auf Menschen, die uns ähnlich sind. Manche werden zu Partnern, manche zu Freunden, Geliebten gar, aber andere zu Feinden und Verächtlingen.
Hier ist es noch schwerer, den einmal erkannten Teppich zusammenzurollen und wegzuwerfen. Ludwig Wittgenstein verschenkte seine Milliarden und wurde Volksschullehrer, Karl Freiherr Drais von Sauerbronn warf seinen Adelstitel weg, nachdem er das demokratischste Fahrzeug erfunden hatte, das es bis heute gibt. Auch des Grafen Tolstoj ist hier zu gedenken, der lieber sein Geld mit dicken Bestsellern verdiente als auf dem Rücken analphabetischer geprügelter Leibeigener. Und der jüngste im Bunde ist der Mathematiker Grigorij Perelman, der die Poincaré-Vermutung löste, nämlich dass ein Gegenstand, der auf einen Kreis reduzierbar sei, auch auf den Punkt zu bringen ist, der aber, bei seiner Mutter mit Katzen lebend, auf Preise in Millionenhöhe verzichtet, weil er das übliche Leben und Treiben der Mathematiker, der Wissenschaftler überhaupt, ablehnt. Sie alle sind Käuze, Sonderlinge, aber auch Revolutionäre. Tolstojs Lebensweise begründete sogar eine sektenartige Bewegung, die noch heute in Menschen nachwirkt, die ausdrücklich geistige und körperliche Arbeit im Leben auf dem Lande zu vereinen suchen.
Gruppenmitglieder und Käuze – so sehen bisher die Mutigen aus, die den Gegenstand, den sie am meisten zu brauchen glauben, der sie aber am meisten abhängig macht, wegwerfen können, die einen aus der Sicherheit der Gruppenzugehörigkeit, die andern aus der Sicherheit ihres – wer weiß, woher gespeisten – gesteigerten Selbstbewusstseins.

Es kommt nun darauf an, die Fähigkeit zum Erkennen des Gegenstands, der weggeworfen werden muss, bei jedermann zu entwickeln. Überließe man die Entwicklung der neuen Lehre herkömmlichen Schulräten, so würden sie ein neues Fach erfinden – WEGWERFKUNDE -, tunlichst kombiniert mit einem ebenfalls neuen Bewertungssystem.

Wir haben 1992 ein altes Landarbeiterhaus gekauft, das aus vier kleinen Wohnungen mit jeweils einem Zimmer, einer Kammer, einer Küche, einer Diele und zwei Kellern bestand. Die vier Kammern liegen zusammen und haben je einen Belüftungsschacht an der Außenwand, denn früher wurden sie mit einem Ofen beheizt, und wir nehmen an, dass der Architekt dieses auch anderswo gebauten Hauses eine zusätzliche Belüftungsmöglichkeit für erforderlich hielt. Da wir in dem Haus eine Heizung haben, benötigten wir die Luftschächte nicht und haben sie teils zugemauert, teils geöffnet. Einer ist aus Versehen in seinem alten Zustand verblieben: außen zugemauert, innerhalb der Kammer mit einer kleinen Metallklappe versehen. In diesem Frühjahr nun haben wir den Schacht geöffnet. In ihm befanden sich zwölf leere, aber äußerst gut erhaltene Flaschen HALBUNDHALB-Magenbitterlikör aus der Produktion der örtlichen Apotheke, Firma ALRICH: Alfred Richter, Urgroßvater und Großvater des heutigen Apothekers, und eine Taschenuhr. Der süchtige Bewohner der Kammer hat also auch, wie einst Rousseau, seine Uhr weggeworfen. Über die Gründe können wir nur spekulieren. Die Datierung des gesamten Fundes wird einerseits erleichtert durch den Anzeigenteil einer zerknüllten, aber noch lesbaren Zeitung. Sie hat kein erkennbares Datum. Es finden sich in ihr aber Aussaattermine importierten Weizens und Anzeigen für Konzerte in der Soppoter Waldoper unter Hans Pfitzner, so dass man annehmen kann, der zweite Weltkrieg hätte noch nicht begonnen.
Wahrscheinlich war die Uhr kaputt und der Besitzer betrunken und verärgert. Möglicherweise aber warf er sie, lange nach der Zeitung, aus Angst vor den Russen in den Schacht. Das setzt voraus, dass der Bewohner der Kammer von 1939 bis 1945 der gleiche war, und er wusste, dass die Russen die Uhr stehlen wollen würden. Das ist wieder nicht sehr wahrscheinlich. Die meisten Menschen werden von den meisten historischen Ereignissen doch eher überrascht. Es ist also nicht auszuschließen, dass der Besitzer der Uhr, ein einfacher Landarbeiter in einem uckermärkischen Dörfchen kurz vor Beginn des zweiten Weltkrieges, diese aus dem gleichen Grund wie der große Philosoph Rousseau wegwarf, nämlich weil ihm die Abhängigkeit von einem zwar feinen, aber doch auch nichtswürdigen mechanischen Werkchen lästig war. Zudem hatte er ja die Sonne und andere agrotechnische Hilfsmittel in zahlloser Variation zu seiner Verfügung. So stand zum Beispiel auch ein Hahn bereit. Zwar lag seine Kammer im Westen, so dass er nicht von der aufgehenden Sonne, wohl aber von seinem geräuschvoll aufstehenden Kollegen in der neben seiner Nordwestkammer liegenden Nordostkammer, vielleicht auch von dem aus der Südwestkammer oder der Südostkammer, die aber diagonal zu seiner lag, geweckt wurde. Der Hahn mag das nach Kräften unterstrichen haben.

Diese Parallele sollte uns zu schnellerem Handeln im Rousseauschen Sinne auffordern.