ALTE ZEITEN. BRIEF ÜBER NANOPARTIKEL

Erstens bin ich Rentner, zweitens ist es Winter, drittens befinde ich mich seit längerem in einer grippalen Endlosschleife, so dass es gerechtfertigt ist, sich auch einmal einen völlig blödsinnigen Film anzusehen. Manchmal reizt auch das Lokalkolorit, wie zum Beispiel die am meisten fotografierte U-Bahn-Brücke Eberswalder Straße, die damals allerdings Dimitroff Straße hieß. Der Film[1], den ich heute erwischte, war aber so idiotisch, dass auch die schönen Fotografien vom Berlin vor der Mauer nicht als Trost ausreichten. Der Film ist die Mischung einer missglückten Satire und einer lächerlichen Agitation über einen äußerst dummen Westberliner Staatsanwalt. Der Film unterstellt, dass Westberlin die umgekehrte Projektion der Ostberliner Verhältnisse wäre, etwa nach der Negativformulierung der Goldenen Regel: was ich selber denk und tu, das trau ich auch andern zu.

Aber dann entdeckte ich Horst Schönemann in einer Nebenrolle. Beim nebenbei-Nachblättern sah ich, dass er als Regisseur des Dresdner Staatsschauspiels dem damals frisch eingetroffenen Jungschauspieler Ahmad M. begegnet sein kann, laut Wikipedia aber nicht in einem gemeinsamen Projekt. Aber woher kannte ich Horst Schönemann?

Als ich ein kleiner Junge war (so der Titel der Erich-Kästner-Autobiografie aus Dresden), lebte ich mit meiner Großmutter in deren Elternhaus. Ihr Vater, also mein Urgroßvater, war ein self made man aus Bellinchen an der Oder gewesen, der einst mit seiner Gitarre losgezogen war, um dem elterlichen und lehrherrlichen Wahn zu entkommen. Er wurde ein wohlhabender Malermeister in Senftenberg. Nun lebten wir bei seinem Enkel Günther Wendt, der, obwohl auch Malermeister, den Beruf und das Geschäft aufgegeben hatte, Kunstmaler, Sgraffiteur und Museumsdirektor geworden war, gemeinsam mit seiner Frau, nachdem diese aus der zehnjährigen GULAG-Haft zurückgekehrt war, ganze Ausstattungen für das Theater der Bergarbeiter[2] gefertigt hat, sie die Kostüme, er das Bühnenbild. Dieses Theater, übrigens in einem wunderschönen Bruno-Taut-Bau, war eine Art Modellbühne für das Deutsche Theater und das Maxim-Gorki-Theater in Ostberlin. Viele Biografien später berühmter DDR-Schauspieler, aber auch des Kreisredakteurs der Lausitzer Rundschau, Erwin Strittmatter, gingen durch das Wohnzimmer meines Onkels Günther. Und die angetrunkenen Gäste wankten zur Toilette durch das Atelier, in dem ich als riesige Kohlezeichnung an der Wand hing, sie war eine Vorlage für irgendeine Zeitung. Leider ist sie verloren gegangen. Damals erkannten mich die illustren Gäste auf dem Hof wieder, der heute bei Wikipedia als mustergültiges Denkmal abgebildet ist.

Beim Überfliegen der Wikipedia-Seiten fiel mir ein Film auf, an dem Sven D. als Redakteur und Ahmad M. in einer Nebenrolle mitgewirkt hatten: UNSICHTBAR, ein MDR-Tatort. Der Film ist als überladen kritisiert worden, ich finde, dass er, im Gegenteil, die Komplexität des Lebens zeigt, wobei die unsichtbaren Nano-Partikel gleichzeitig auch Metaphern für unsere Angst vor dem Verschlungenwerden sind: eines Tages werden wir perfekt verschwunden worden sein, der Traum aller Diktatoren und Geheimdienste und der Alptraum von uns armen Bürgerinnen und Bürgern. Lediglich für den Schluss hätte man noch einmal neunzig Minuten ausgeben müssen. Obwohl ich schon lange kein Fernseh- und Tatortkonsument mehr bin, war mir doch aus früherer Zeit der Name des MDR-Redakteurs aufgefallen. Was mich mit ihm verband, weiß ich nicht mehr, auch nicht die Klasse, in der er war. Jedenfalls war er eines Tages bei mir zuhause, und das Gespräch hatte meiner Erinnerung nach zwei Inhalte. Der erste Punkt war die Geschichte von der Stasi-Falle, in die ich nicht tappte. Ich war mit jener Klasse, in der Ahmad M. war, an der Müritz und wir zählten dort Graugänse und sahen uns alte Gebäude an, manche – so in Waren – waren kurz vor dem Einsturz, wie auch die Seitenkapelle einer sehr schönen Stadtkirche. In dieser Stadt kann man noch deutlich die Teilung in den einst slawischen und den dazugekommenen deutschen Teil sehen. Die Pastorin erklärte uns, dass die Rettung der Seitenkapelle gar nicht so sehr am fehlenden Material, sondern an der – wie man damals sagte – fehlenden Kapazität scheiterte: kurz, es gab keine Maurer, keine Firma und auch kein Geld. Da sagte einer der Schüler, vielleicht war es auch eine Schülerin, warum machen wir das eigentlich nicht? Einige Wochen lang wurde alles vorbereitet, eine neue Klassenfahrt beantragt, die Pastorin besorgte Quartiere, Essen und Material. Aber an dem Sonntag, nach dem es losgehen sollte, kam eine Schülerin zu mir und sagte mir, dass ihr Freund, ein Volkspolizei-Offiziersschüler, bei der Stasi sei und unsere Pläne verraten habe. Wir würden, sagte sie, ins offene Messer laufen und an der Tür zur Kapelle von den ‚Genossen‘ begrüßt werden. An diesem Sonntagnachmittag musste alles zurückgedreht werden. Die Klasse hatte einen Alarmplan mit teils telefonischer, teils persönlicher Information. Die Pastorin konnte aus – wie man damals so schön sagte – Sicherheitsgründen nicht angerufen werden, denn sie wurde garantiert abgehört, meine Schwester musste mit mir, weil ich kein Auto und keinen Führerschein hatte, in die kleine Stadt fahren, und am Montag früh musste ich dem Schulleiter meinen Fehler eingestehen. Der fand es richtig, dass ich ihm die Wahrheit sagte oder wusste er sie schon? Denn 1990 stellte sich heraus, dass auch er bei der Stasi war. Den Schülern habe ich nicht die Wahrheit gesagt. Bei der Zeugnisausgabe sagte trotzdem der Großvater eines Schülers, dass ich mich nur an ihn hätte wenden müssen, um das Unheil abzuwenden. Angeblich war er ein Stasi-General. Aber später, nach Erscheinen etlicher Handbücher suchte ich ihn vergeblich. Er stand in keiner Liste der Stasi-Generäle. Vielleicht war er beim KGB, dafürspricht, dass auch sein Enkel, mein damaliger Schüler, 1990 Deutschland verlassen hat. Ich erzählte Sven D. diese Geschichte unter der Maßgabe der Verschwiegenheit, so wie damals üblich. Aber er, wahrscheinlich der geborene Redakteur, bemerkte die Schleifspuren meiner Erzählung, was mich doch ein bisschen ritzte, obwohl es für seine Fähigkeiten sprach. Das zweite Thema kratzte noch mehr an meiner Konfidenz. Er fragte mich, warum ich eigentlich nur Lehrer an einer nicht besonders herausragenden Schule bin, um es freundlich auszudrücken. Je wortreicher meine Erklärungen waren, desto peinlicher wurden sie von Satz zu Satz. Erkläre mal deine Faulheit und Trägheit, deinen mangelnden Ehrgeiz und die Sucht nach dem schnellen Beifall! Andererseits bin ich froh, dass ich kein DDR-Schriftsteller geworden bin, auch kein DDR-Pädagoge, dass ich das gut und als Auszeichnung gemeinte Angebot zum Promovieren und Forschen abgelehnt habe, weil ich meine mittelmäßige Schule dafür verlassen und an die von Margot Honecker kontrollierte Forschungsschule der Akademie der Pädagogischen Wissenschaften hätte wechseln müssen. Erst Ahmad M. erklärte mir, viel später, im vorigen Jahr nach einer Aufführung von Lessings NATHAN DER WEISE mit ihm als Titelfigur die Vergänglichkeit auch des längerfristigen Beifalls. Auch der Künstler, der das geworden ist, was er hatte werden wollen, leidet und dem Mangel an Mehr. Trotzdem hatte Sven D. damals recht. Ich habe ihn nie wiedergesehen, nur seinen Namen manchmal im Abspann von irgendwelchen Fernsehfilmen. Aber sind nicht die beiden und zum Glück noch einige andere die lebenden Beweise dafür, dass es nicht schlecht ist, wenn an einer, wie ich damals gerne sagte, gewöhnlichen Dorfschule gute Lehrer sind, denn ich war nicht der einzige. Auch nach der Wiedervereinigung konnten wir noch gut zwei Jahrzehnte den humanen genius loci unserer Schule beibehalten, dann fielen wir dem Versetzungs- und Verschiebewahn der eher unfähigen Berliner Schulverwaltung zum Opfer. Der Preis dafür war aber ein wunderschöner Schulneubau von Reimar Herbst[3], ein Beispiel für das Theseus-Paradoxon: es wird so lange repariert und reformiert, bis nichts mehr da ist.      


[1] Fackelträger, DEFA 1957

[2] jetzt Neue Bühne Senftenberg

[3] damals Seniorchef von herbst architekten

DAS PHILOSOPHENSCHIFF

Lenin ließ 1922 unliebsame Intellektuelle, darunter viele nichtmarxistische Philosophen, mit einem Schiff außer Landes schaffen. Das Schiff hieß ‚Oberbürgermeister Haken‘ und fuhr tatsächlich nach Stettin, wo Herrmann Haken ein bedeutender Oberbürgermeister gewesen war, an den die Hakenterrassen, das Gründerzeitviertel westlich der Altstadt und der Zentralfriedhof, auch heute noch der größte in Europa, erinnern. Einer der Philosophen war Nikolaj Berdjajew, der Lenins philosophisches Hauptwerk ‚Materialismus und Empiriokritizismus‘ verrissen hatte. Die tausenden Studenten des Ostblocks, die alle Lenins tautologisches Machwerk lesen mussten oder jedenfalls sollten, kannten leider Berdjajew nicht, andernfalls hätten sie es leichter gehabt und wären ihm dankbar gewesen. Seit der Antike werden Menschen ausgewiesen und abgeschoben, wenn nicht gar auf Inseln und in Lager verbracht oder erschossen. Kein Autokrat kann mit dem selbstverständlichen Gedanken leben, dass man sich Menschen nicht aussuchen kann, die Mutter und die Migranten nicht, den Vater schon gar nicht, die Kinder und Kollegen nicht, selbst der Partner oder die Partnerin ist durch genetische und soziale Merkmale zumindest präferiert, wie zahlreiche Versuche mit Mäusen zeigten: OF MICE AND MEN[1]. Wir müssen oder sollten mit den Menschen auskommen, die uns das Schicksal zugewiesen hat. Manche nennen das Schicksal Gott, andere nennen es Zufall. Vielleicht ist eine der Attraktionen der Autokraten, dass sie Menschen entlassen, abservieren, verbannen oder erschießen können. Sie machen kurzen Prozess und beeindrucken so ihre Follower immer aufs Neue. Hinterher will es keiner gewesen sein, niemand will dann Kain gewesen sein.

Aber die Dichter, Propheten und Philosophen haben Gegenmodelle bereitgestellt, die zwar nie zu hundert Prozent angenommen oder gar verwirklicht wurden, jedoch liegt das daran, dass es keine hundert Prozent, sondern zu jeder Meinung, zu jedem Modell und zu jeder Staatsführung immer eine Opposition gibt. Und das gilt sogar auch für die Autokraten. Das Versöhnungsparadigma der Christen ist zwar gründlich gescheitert, viele ziehen sich auf Rituale und Regeln zurück, aber sie haben der Welt mit Yesus doch ein Ideal gestiftet, das heute noch wirkt. Weniger bekannt ist die Geschichte der Antigone. Sie widersetzt sich dem Tyrannen, der verboten hatte, Antigones Bruder zu beerdigen, weil dieser sich wiederum seinem Bruder, dem amtierenden König, widersetzt hatte. Antigone sagt[2] zu ihrer Schwester: ‚Folg du jedwedem, der befiehlt, ich aber folg dem Brauch.‘ Der Brauch sind die übergeordneten Werte einer Gesellschaft oder eines Menschen. Der Befehl gibt zwar vor, den Interessen zu folgen, übersieht aber, dass die Interessen zwar objektiv sein können, genauso gut aber bloße Meinung. Aber der Tyrann hat einen Sohn, der und den Antigone liebt. Nun wissen wir nicht, ob er sich seinem Vater, dem Tyrannen, widersetzt, weil er Antigones Schönheit oder weil er ihren Prinzipien folgt. Aber das wissen wir bei keinem Menschen. Liebe kann immer auch ein egoistischer Impuls sein, während aber Egoismus niemals Liebe ist. Im Gegenteil: Je egoistischer ein Subjekt handelt, desto mehr zerstört es sich selbst. Das gilt für Menschen, Gruppen und Gesellschaften. Konkurrenz ist nur sinnvoll, wenn sie in Kooperation eingebettet ist. Die Verhältnisse der Menschen beruhen immer auf Vereinbarungen, Ausnahme ist lediglich die Pflege der Kleinkinder. Jede Vereinbarung ist auch kündbar.

Die Rhetorik von Trump, Putin und ihresgleichen hört sich wie  bellum omnium contra omnes[3]  von Thomas Hobbes an. Aber davon abgesehen, dass sich Europa für Rousseau entschieden hat, wissen wir – ganz ohne Theorie, aus bloßer Empirie -, dass alle Tyrannen in der Hölle enden, ja, dass die Hölle eigens für die Tyrannen konzipiert wurde. Normale Menschen haben in der Hölle nichts zu suchen. Das Recht des Stärkeren verliert letztendlich immer gegen die Goldene Regel. Wäre es anders, so wäre die menschliche Gesellschaft schon untergegangen und für immer aus der Welt verschwunden, in der zwar jeder jeden frisst, aber auch jeder mit jedem kooperiert. Das ist schwer zu verstehen. Aber kein Dichter, Prophet oder Philosoph hat uns versprochen, dass das Leben leicht oder leicht zu verstehen ist. Das Gute ist immer nur ein Nadelöhr, aber unverzichtbar.

Der Sohn schafft es tatsächlich, seinen bösen, starren und interessengeleiteten Vater zu versöhnen. Aber es ist zu spät. Antigone, die eingemauert worden war, hat sich, um dem Hungertod zu entgehen, erhängt, ihr Freund Haimon, jener gute Sohn, folgte seiner Geliebten, indem er sich in sein Schwert stürzte. Vorher schon hat sich ihre Mutter und Großmutter Iokaste aus Scham mit ihrer Haarnadel umgebracht. Beinahe möchte man sagen: und so weiter. Tod und Verderben sind allgegenwärtig. Aber das Leben geht doch weiter.

Ein großer Teil der Kraft wird durch die Strafen aufgefressen, wenn wir unser Leben Interessen, und gar nur unseren Interessen, unterordnen. Die milde Ordnung dagegen schafft den Fortgang des Lebens. Zwar ist der Mensch das ungeheuerste der Ungeheuer, aber er ist auch der Gipfel der Liebe. Statt die Goldene Regel für uns zu reklamieren, sollten wir sie einzuhalten versuchen. Statt andere zu verurteilen, sollten wir uns so verhalten, dass andere uns nicht verurteilen können. Das ist schwer.

Leider ist mir kein Beispiel bekannt, in dem der Diktator von seinem Sohn oder seiner Tochter dazu überredet worden wäre, die Seiten zu wechseln. Uns Heutigen erscheint es vielmehr so, dass die Kinder der Mächtigen sich zumeist auch in der Sonne der Macht baden wollen. Nach dem Vorbild der Monarchen streben einige sogar die Errichtung einer Dynastie an, das markanteste Beispiel ist Kim Il Sung mit seinem Sohn Kim Jong Il und seinem Enkel Kim Jong Un, die nacheinander seit 1948 den Nordteil der koreanischen Halbinsel in bizarrer Weise totalitär beherrschen. Merkwürdigerweise glauben viele Bewohner Deutschlands, das ein freies und reiches Land ist, dass es ein Land am Ende und kurz vor dem Untergang wäre, viele Nordkoreaner dagegen wissen, obwohl sie in einer absurden, unfreien und bitterarmen Diktatur leben, dass ihr Land einzigartig schön, groß und bedeutend wäre, so wie die Abbilder der Diktatoren.  

Obwohl mir die genderungerechte Semantik des Wortes VERSÖHNUNG bewusst ist, verteidige ich seinen Geist ebenso wie Schillers ALLE MENSCHEN WERDEN BRÜDER. Denn wer nicht versteht, dass alle Menschen erst Brüder werden mussten, um dann Geschwister werden zu können, wird auch nicht an Versöhnung glauben, die wichtiger ist als Gendern, das in gewissem Betracht aber auch seine Berechtigung hat. Wir hoffen, dass wir das mit der erneuten Würdigung von Antigone, die immerhin zweieinhalbtausend Jahre alt und über jeden Verdacht erhaben ist, deutlich machen konnten.  


[1] Roman von John Steinbeck

[2] Sophokles, Antigone, Übersetzung von Hölderlin, Bearbeitung von Brecht

[3] Krieg aller gegen alle

DAS LAMETTA IST VERWORFEN

Die Gans ist gegessen. Das Fest ist gefeiert. Das Lametta ist verworfen. Was bleibt, sind Müll und Gedanken.

Noch vor zehn Jahren erschien die Politik vielen Menschen langweilig und gleichförmig. Viele glaubten an die Politikverdrossenheit ihrer Raum- und Zeitgenossen. Aber es gab Vorboten: die Banken- oder Griechenlandkrise und Sarrazins dummes, böses Buch. Es war zum Glück auch – was wir damals ahnten und heute wissen – falsch. Deutschland schafft sich nicht nur nicht ab, sondern erfindet sich neu, weil es sich neu erfinden muss und kann. Der Grund ist allerdings weniger, dass es feindliche Machenschaften von Gates & Merkel und dem ausgedachten ‚Weltjudentum‘ gibt. Noch nicht einmal die ‚Reichsbürger‘ können Deutschland erschüttern, obwohl sie das so sehr gehofft hatten, Mahlsack-Winkemann, Heinrich XIII. Reuß und ihre Kumpane. Es ist auch nicht das Corona-Virus, was uns den Neubeginn aufzwingt.

Das Corona-Virus hat uns aber wie der Totalschnitt eines Pathologen oder Romanciers gezeigt, wozu wir fähig sind. Europa, dessen angeblich morbider Zustand immer wieder beschworen wird, hat nicht nur auf Urlaubsreisen, sondern vor allem auch und zum zweiten Mal auf Weihnachten verzichtet. Die Häme ist weitgehend aus der Politik gewichen. Für eine so große Krise arbeitet Europa erstaunlich gut zusammen. Obwohl die Demonstrationen, die sich 2016 gegen die Flüchtlingspolitik, nun aber gegen die antipandemischen Maßnahmen der Regierungen richten, ärgerlich, schändlich und vor allem lächerlich sind, werden sie weitgehend geduldet. Schädlich dagegen sind sie nicht und auch sie werden Deutschland und Europa nicht abschaffen.  

Abschaffen – ein Wort übrigens, das wieder eine Art von großem Administrator unterstellt – müssen wir unsere Lebensweise der Verachtung, Vermüllung und Vernichtung der Natur. Es wird bald mehr Plastikteile als Fische in den Weltmeeren geben. Aber weil es eben keinen Großadministrator gibt, müssen wir es selber tun.

Wer es geschafft hat, dem Corona-Virus zu widerstehen, der sollte es auch mit Weihnachten aufnehmen können. Weihnachten ist vom Fest der Yesusgeburt zu einem Konsumterrortiefpunkt der Verschwendung geworden. Das Symbol der Menschwerdung – nicht Gottes, sondern der Menschen – in der Verehrung eines neugeborenen Kindes unter widrigsten Umständen, wurde schrittweise in ein konsumistisches Horrorszenario verwandelt. Ob zum Beispiel der Weihnachtsmann dabei eine Rückkehr heidnischer Gebräuche oder der Trottel des Konsums ist, bleibt gleichgültig. Der Ersatz einer einzelnen wunderwirkenden Kerze durch elektrische, automatisch gesteuerte Beleuchtungen ganzer Vergnügungsparks und zu Vergnügungsparks umgewidmeter Innenstädte, der Wettbewerb der Hausbesitzer der Vorstädte um die hellste und brutalst verschwenderische Beleuchtung, die vierwöchige Dauerbeschallung und damit inflationäre Opferung der Weihnachtslieder – das alles ist bedauernswert, aber nicht unumkehrbar. Weihnachtmann und Weihnachtsbaum sind so gesehen Merkmale des Untergangs, den wir verhindern können, indem wir sie wieder abschaffen. Vielleicht beginnt der als Neuerer gepriesene Papst in Rom mit der Abschaffung der infantilen Yesuspuppe. Es gibt genügend Babys, die auf einen Träger warten.

Gefeiert wird eigentlich die Geburt eines Kindes, von dem sich später herausstellt, dass es der Menschheit einige der besten Sätze und Lehren brachte, das aber mit den Mächtigen ebendieser Menschheit kollidierte und demzufolge ermordet wurde.

Daraus muss folgen, dass es niemals mehr Mächtige geben darf, denen die Lizenz zum Töten oder auch nur Einkerkern von Störern ihrer Macht gegeben wird. Wer sich eine solche Lizenz anmaßt, muss gehen. Auch Tränengas und Wasserwerfer sind keine Argumente. Erkennbar sind solche autoritären Politiker an ihrem clownesken Verhalten, das nicht ihrem Verstand, sondern ihrem Unverstand entspricht und von den wirklichen und ernsthaften Clowns zurecht und gekonnt nachgeäfft wird. Wir haben vor Jahr und Tag schon auf das merkwürdige, verkehrt herum wahrgenommene Verhältnis von Chaplin und Hitler, die im selben Monat desselben Jahrs geboren wurden, hingewiesen. Hitler, der als arbeits-, obdach- und sinnloser Asylheimbewohner sicher oft ins Kino gegangen ist, sah dort den Tramp, den Wanderarbeiter, der das Gute will, aber durch tausend Schwierigkeiten, die zum Weinen und zum Lachen sind, muss. Hitler kannte das, denn er wurde in Wien wegen seiner lächerlichen antisemitischen Reden von Bauarbeitern vom Baugerüst geworfen. Sein clowneskes Verhalten behielt er bis zu seinem würdelosen Abgang bei. Er ahmte Chaplin nach, ohne dessen Qualität auch nur erahnen zu können.

Daraus muss weiter folgen, dass wir noch viel mehr die Möglichkeit jeder Tötung ächten und verhindern. Es muss die Ächtung geächtet werden, nicht Menschen. Die Verherrlichung von Waffen und die Waffen selbst müssen geächtet werden, nicht Menschen. Der Staat mit seinen Polizisten und Soldaten sollte den Anfang machen. Einige Länder, in denen überwiegend die Vernunft regiert, wie zum Beispiel Deutschland, sollten die Waffenindustrie stilllegen und den Im- und Export von Waffen verbieten. Alle Institutionen, Sozietäten, Gruppen und Vereine sollten diesem Beispiel folgen. Im Vatikan, in dem es außer dem Papst auch einen Nuntius der Hölle zu geben scheint, sollte ebenfalls begonnen werden, das Böse zu tilgen: Geld, Gier, Geschwätz, Lüge und Machterhalt.

Die Aufforderung zur Rückkehr oder die Rückkehr zu alten Gewohnheiten selbst, kann nur schädlich sein. Als vor hundert Jahren die spanische Grippe fast ungehindert wüten konnte, rief der Bischof von Zamora seine Mitbürger auf, die Reliquien des heiligen Rochus – der in seinem Grabe rotierte – zu küssen. Damit wurde diese Stadt zum hotspot der Seuche und die Seuche bekam daher ihren Namen, und auch weil einzig die spanische Presse unzensiert über den Verlauf und die Todeszahlen berichten konnte. Man kann des heilenden Rochus von Montpellier, der sich um Pestkranke kümmerte und deshalb verfolgt wurde, nur durch Selbstlosigkeit gedenken. An Reliquien sollte man dabei nicht glauben, man sollte Menschen lieben, aber keine Gegenstände. Heilend oder heilig können nur Medizin und Liebe sein, nicht Menschen und Dinge.

Wir können religiös nur durch die Ehrfurcht vor dem Leben sein. Wir müssen auch gar nicht mehr religiös sein. Vernunft und Aufklärung können heute genau das Gute bewirken, das früher fast nur durch die Religionen erreicht werden konnte. Fehlbar sind beide, Religion und Vernunft.  

Nach der Corona-Krise kam die noch größere Herausforderung durch den Ukraine-Krieg. Putin gab sein Konzept der schleichenden Vereinnahmung der Krim und des Donbas, die wir leider gutgläubig mit Appeasement beantwortet haben, zugunsten eines direkten Angriffs auf. Diesen als Blitzkrieg geplanten Überfall nannte er Spezialoperation und verharrte im Narrativ der praktisch unbesiegbaren zweitstärksten Armee der Welt. Die Abschreckung wurde ihm zur Wirklichkeit. Diktatoren lügen nicht nur selbst, sie werden von ihren Leuten aus Angst vor dem Verlust des Lebens und der Privilegien schamlos belogen. Seitdem ist nicht nur die Welt gespalten, sondern auch jedes einzelne Land. Große Teile der Bevölkerungen glauben an die Kraft des Autoritarismus. Sie sind gegen Demokratie, Solidarität und Freiheit, oft ohne es zu merken. Die anderen dagegen rufen zur Verteidigung der Freiheit in der Ukraine auf und helfen mit Waffen, Geld und Logistik. Es wird leider immer noch viel Blut den Dnipro hinunterfließen und das Schwarze Meer rot färben, bis das Gute siegt. Denn, wir haben es schon oft begründet, das Böse darf nicht nur nicht siegen, es wird auch nicht siegen und es hat auch noch nie auf Dauer gesiegt. Das Böse ist immer nur eine Spezialoperation mit allerdings oft langandauernden Schäden. Schon wenn man den Krieg Putins betrachtet, gibt es zwei Seiten: der Angriffskrieg, der in Monaten Zentimeter erobert, und die felsenfeste Solidarität der Nachbarvölker: Polen, Deutschland, Estland, Litauen, Lettland, Finnland, Schweden, Frankreich und nicht zuletzt Großbritannien. Großbritannien war es auch, das die letzte Warnung an Putin abgab, es war am 11. Februar 2022: Putin saß da mit seinem Verteidigungsminister Schoigu und seinem Generalstabschef Gerassimow. Der sagte: Russland ist praktisch unbesiegbar, die alte Geschichte. Aber der britische Generalstabschef Sir Tony Radakin, der neben seinem Verteidigungsminister Ben Wallace saß, sagte: Sie können und werden nicht siegen. Tun Sie es nicht! Der ideologische Hintergrund, den alle Autokraten brauchen, ist nicht etwa von uns beobachtet, sondern selbst verkündet: Orthodoxie, Autokratie und Nationalität, die Karamsin-Losung von 1833 ist Putins Richtschnur. Sie alle aber verkünden, dass sie der Widerstand gegen den Verfall, gegen die Dekadenz, gegen die Unmoral sind. Im Geiste ihrer Moral überfallen sie dann andere Länder und berufen sich auf das Vorbild der USA. Aber die Vereinigten Staaten haben in den letzten Jahrzehnten kein Land überfallen, um es zu besitzen. Die Fragwürdigkeit ihrer Militäreinsätze kann nicht die Erlaubnis zu noch fragwürdigeren Spezialoperationen bedeuten.

Wir leben nicht nur nicht in besonders harten Zeiten. Die Zeiten sind immer gleich hart und gleich warm und herzlich. Wir leben in Zeiten neuer Chancen, auch das ist nicht neu, aber wir können es jetzt besser erkennen als je zuvor. 1918, noch bevor die spanische Grippe beendet war, zerfielen fünf große und schädliche Reiche: das Osmanische Reich, das schon mehrere Jahrhunderte lang geschwächelt hatte (‚der kranke Mann am Bosporus‘), das Russische Zarenreich, ein Unort von Ausbeutung, Unterdrückung und Alkoholismus, die österreichisch-ungarische Doppelmonarchie, ein am eigenen Rassismus gescheiterter Vielvölkerstaat, das deutsche Kaiserreich, bis heute das Vorbild für Bürokratismus, Militarismus und Kadavergehorsam und, allerdings noch nicht vollständig und krass angeheizt durch die spanische Grippe, das British Empire. Sie gingen zurecht, weil sie sich überlebt hatten, unter, aber sie alle hatten auch gute Seiten. Das Osmanische Reich war von einem zwanzigjährigen Visionär, Mehmet II., errichtet worden, sein enormer Beitrag zur Musikgeschichte kann hier nicht ausgeführt werden, Russland brachte Lew Graf Tolstoi mit seiner Lebensreform hervor, Deutschland Bach, das Automobil und die Schallplatte, Österreich Beethoven und Kafka und Großbritannien Shakespeare und den Widerwillen vor kolonialer Ausbeutung.

Jede Zeit hat ihre Chancen. Wer mit Corona fertig wurde, kann auch Weihnachten in der heutigen konsumistischen Perversion abschaffen. Das wird natürlich kein administrativer Akt sein, sondern die durch Überzeugung erreichte Abänderung der Gewohnheiten.  Die Plastiktüte ist das Vorbild. Auch die Atombombe ist seit Hiroshima und Nagasaki nie wieder angewendet worden, sie kann weg. Der Plastikbecher muss das nächste Ziel sein. Dann kommt Weihnachten.

THESEUS IN PASEWALK

Theseus war ein sagenhafter König in Athen, und seine Heldentaten waren derart übergreifend und groß, dass man sein Schiff, das Medium seines Handelns, als Museum aufbewahrte und verehrte. Allerdings machten sich im Laufe der Jahrtausende Restaurationen und Erhaltungsmaßnahmen notwendig, so dass nach einiger Zeit nicht mehr erkannt werden konnte, was alt und echt und was neu und synthetisch war. Plutarch machte aus diesem Streit ein philosophisches Paradoxon.

Die Marienkirche zu Pasewalk, deren älteste Bauformen auf das Jahr 1178 zurückgehen, gotische Gestalt nahmen sie vielleicht um das Jahr 1350 an, prangt als übergroßes Mahnmal der Verwandlung. Am 7. August 1630 beschlossen kaiserliche, also katholische Soldaten, die Kirche niederzubrennen. Das geht nur, wenn man den Dachstuhl, der wahrscheinlich aus Eichenbalken besteht, zum Brennen und Einstürzen bringt, nur so zerstört man sicher das darunter liegende Gewölbe. Zum Schluss bleiben nur die Grund- und Umfassungsmauern stehen. So geschah es. Das Wüten der katholischen Soldaten ist als ‚Pasewalker Blutbad‘ in die unrühmliche Geschichte eingegangen. Erst 1734 begann der Wiederaufbau, der um 1850 mit der neogotischen Instandsetzung des Innenraums abgeschlossen wurde. Der große Baumeister Friedrich August Stüler bemerkte bei dieser Gelegenheit die künftigen statischen Probleme und ließ die Stützwerke aller Joche noch heute sichtbar verstärken. Das hielt fast 150 Jahre. Aber in der Nacht vom 3. zum 4. Dezember 1984 brach die Nordwestecke des Turms, am nächsten Tag der gesamte Turm zusammen. Bei der anschließenden Sprengung der Reste des Turms, die aus Sicherheitsgründen notwendig erschien, stürzten die westlichen beiden Joche mitsamt aller Einbauten, einschließlich der größten Kaltschmidt-Orgel Mecklenburgs und Pommerns, ein. Im März 1986 deckte ein Orkan das Dach des ungesicherten Bauwerks ab. Das schien das Ende der Kirche zu sein. Die Hoffnung kam jedoch schon am 9. November 1989 aus Berlin. Der Zusammenbruch der DDR könnte die Auferstehung der Marienkirche sein, so dachten die Pasewalker Aktivisten. Tatsächlich bildete sich bald ein Freundeskreis, der Gelder generierte, und die bauliche Lösung für die nächsten 500 Jahre wurde ein Gleitkern aus Beton, mit Feld- und historisierenden Backsteinen ummantelt. Nun sieht man wieder von fern und nah: die viel zu große und überaus schöne Marienkirche. Aber ist es noch die Marienkirche? Und sind die Pasewalker noch die Pasewalker?

Allein das Trauma des Einsturzes eines jahrhundertealten äußerst stabilen Gebäudes muss die Menschen, die rings um dieses Gebäude wohnten, verändert haben. Hinzu kommt, dass 1989 nicht nur eine staatliche Ordnung, sondern auch eine durch lange Traditionen gestützte Lebensweise zerbrach. Viele Menschen wurden haltlos. Ihr Strohhalm ist fortan nicht die Kirche, denn die ist selbst eine Ruine.

Viele Menschen starben seither, nicht so viele wurden geboren. Viele sind weggezogen, einige kamen hierher. Aber auch schon vorher gab es drastische demografische Verschiebungen. Wenn man sich die heute zum großen Teil leerstehende Kürassierkaserne ansieht, ein schöner und monumentaler neogotischer Bau, dann kann man erahnen, welchen demografischen Einfluss die tausenden von Soldaten auf die weitgehend unverheiratete und unbefriedigte Bevölkerung hatte. Gerade also das traditionalistische Element, das oberflächliche Beobachter als Stabilisator der Kontinuität ansahen, hat die scheinbare genetische Homogenität aufgelöst. Überhaupt erwiesen sich die Garanten der Ordnung Monarchie, Kirche und Militär als Katalysatoren der Zerstörung. Oswald Spengler mag dies in seinem umfänglichen und symbolisch beachteten Untergangswerk gemeint haben. Aber damit trafen weder er noch seine Nachbeter den Kern der Sache.

Ein Kern der Sache ist das Theseus-Paradoxon: Identität löst sich auf, Definition ist immer provisorisch, die Gestalt wandelt sich, das Wesen wird Schatten, Herkunft verblasst gegen Zukunft. Selbst die festen Felsen beben, wusste schon Goethe. Hier gleichen sich, um bei Goethe zu bleiben, auch Natur und Kultur, beide verändern sich und lassen sich verändern. Das Einzige, was bleibt, ist der Wechsel. Das ist inzwischen Binse.

Aber warum bildet sich der doch recht einfache Zusammenhang nicht in der Politik ab und was macht das Problem der Demokratie mit uns?  Auch in der Politik gibt es, mit wechselnden Prioritäten und großen Schnittmengen, die Bewahrer und die Beweger. Die Bewahrer haben es leichter, weil sie verkünden, dass das Gestern, was jeder kennt, besser ist als das Morgen, was keiner kennt. Die Beweger dagegen wirken unsicher. Das Unbekannte verunsichert. Nur, wer zurück geht, kennt die Straße. Uns bestärkt zudem ein einfacher biologischer Umstand: mit neunzehn Jahren waren wir alle schön und stark. Unser Ideal liegt so gesehen immer hinter uns. Hinzu kommt: vieles ist bewahrenswert wie das Schiff des Königs Theseus, in Pasewalk die Marienkirche. Schnell aber wird man Pygmalion[1], auch er ein König, und verliebt sich in eine selbst geschaffene Statue. Wir beten seit altersher die selbst geschaffenen Symbole, Ikonen und Statuen an. Wir lieben auch im andern gern uns selbst. Wir sehen im Heute oft das Gestern. Selbst der Computer meldet: Ihr Endgerät wurde wiedererkannt. Thesaurus ist eine nach dem König der Veränderung benannte Schatzkammer oder Sammlung. Das Leben ist eine Sinuskurve, aber oben und unten heißt hier nicht gut und schlecht – wie beim Vermögen -, sondern bewahren und bewegen, jegliches zu seiner Zeit. Im Idealfall ist das eine ausgeglichene Pendelbewegung, die sich als Sinus abbilden lässt. Aber wann gibt es den Idealfall? Eher fällt das Ideal in sich zusammen.

Das Gestern dagegen ist immer sagenhaft, nie real. Wir erinnern uns lieber und öfter an unser Ideal als an die unliebsamen Fakten, die wir zudem weder wissen, noch recherchieren können. Auch die objektivsten Geschichtsbücher wurden von Subjekten geschrieben. Der König liebt sein Schiff, an dem tausend Arbeiter in tausend Jahren tausend Planken ausgetauscht haben. Der Christ und der Architekturliebhaber in Pasewalk, sie lieben ihre Kirche, obwohl kein Stein auf dem andern blieb, nur die Idee blieb erhalten: Die Idee heißt Halt. Wir suchen immer einen Halt, Leitplanken, Sicherheitsgurte, Baugerüste, Garantien, Versicherungen. Und trotzdem überleben so viele von uns das Blutbad, das es neben dem Ideal auch gestern gab. Danken wir dem König, der uns diese schöne Legende, dieses kraftvolle Paradoxon schenkte, über das man noch weitere mehrere tausend Jahre wird nachdenken können. Aber, fahren wir wie Brecht fort, dem Arbeiter sei auch gedankt, der das Schiff und das Kirchenschiff immer wieder aufbaut. Und nun stellen wir uns wie Albert Camus Sisyphos als glücklichen Menschen vor.


[1] Ovid, Metamorphosen

WEIHNACHTS- UND NEUJAHRSBRIEF 2024

Jeder Anschlag, jedes Verbrechen befeuert die immer gleiche Diskussion: irgendwer muss schuld sein, das muss gestoppt werden, früher war alles besser, wir brauchen drastische Strafen. Aber der Täter von Magdeburg ist gleichzeitig Hasser von Saudi-Arabien, dem Islam und Deutschland, er steht der AfD nahe.

Allen Religionen und Philosophien ist vorzuwerfen, dass sie es über tausende von Jahren nicht geschafft haben, Rache und Vergeltung, Hass und Gewalt, Mord und Totschlag, Genozid und Krieg zu ächten und zu verhindern. Sie haben, im Gegenteil, all diese Schandtaten befeuert. Die gute Nachricht, dass Bashar al Assad vertrieben wurde, wird überschattet durch den Verbleib der Gewalt in den Köpfen der Kinder. Im nordöstlichen, kurdischen Teil Syriens, gibt es in al-Hol ein Lager für Frauen und Kinder der getöteten oder gefangenen islamistischen Kämpfer. Ein Kamerateam nähert sich dem Zaun und ein kleiner Junge ruft: Wir werden euch alle töten. Die Reporter fragen: Warum? Die Antwort des kleinen Jungen war: Weil ihr Ungläubige seid und weil Frauen verschleiert sein müssen.

Denselben kleinen Jungen habe ich schon einmal kennengelernt, da hieß er Dima Nikolajewitsch, und seine Eltern erzählten ihm, dass Onkel Lenin alles Böse auf der Welt sähe und bestrafe. ‚Der liebe Gott sieht alles‘ – so drohte Schwester Hedwig in meinem Kinderheim, als ich der kleine Junge war.

Ich dagegen glaube, dass das Fernglas falsch herum gehalten wird. Der Fokus ist falsch. Unsere Natur heißt Kooperation. Wir werden – so sagt es auch die Weihnachtsgeschichte – egal unter welchen Umständen in eine Welt der potenziellen Liebe und Geborgenheit geboren, seien unsere Eltern nun Milliardäre oder Bettler. Und umgekehrt: wir sind geboren, um jemandem, sei er unser Kind oder nicht, genau diese Liebe und Geborgenheit zu geben.

Das ist nicht abstrakt, das ist im Gegenteil sehr konkret. Denken wir weniger über die Welt nach und beginnen wir einfach vor unserer Haustür. Immer wieder hören wir Ausreden und glauben sie lieber als all die Aufrufe zur Güte. Empörung und Verschwörung sind leichter als das zu tun, das nach bestem Wissen und Gewissen das Richtige, das Gute und das Machbare ist. Da fällt uns auf: wer das nicht alles schon gesagt hat und wem wir nicht alles schon vorgeworfen haben, dass das Sonntagspredigt wäre, Schönreden, unrealistisch, blauäugig, Gutmenschentum. Wollten wir nicht alle gute Menschen sein?

Es wird oft Putin mit Hitler verglichen. Das scheint mir auch richtig zu sein: beide sind kranke Diktatoren, Imperialisten, auch ganz wörtliche Gewalttäter, beide kämpften auf dem Hinterhof gegen die Ratten, beide haben eine nationalistische Ideologie. Aber während die Hitlerjungen sich noch im letzten Drittel des April 1945 begeistert dem ‚Feind‘ entgegenwarfen und starben, müssen Putins Soldaten mit viel Geld den armen Familien in Sibirien zum Sterben abgekauft werden. Verlieren mussten und müssen beide, nicht nur, weil das Böse nicht siegen darf, sondern weil es auch noch nie auf Dauer gesiegt hat. Die Welt wird besser, wenn wir alles besser machen als unsere Vorfahren.

Je demokratischer Politik und Gesellschaft sind, desto enttäuschender, weil wir Demokratie mit paradiesischen und widerspruchsfreien Zuständen verwechseln. Solange ein Autokrat herrscht, kann er sich zum Gott und seinen Staat zum Paradies erklären. Allerdings bleibt zum Schluss immer nur ein Scherbenhaufen übrig. Die Demokratie dagegen lebt deshalb vom Kompromiss, weil keiner recht hat und recht haben kann. Sie ist ein fortwährendes Suchen nach einem gangbaren Weg, für den es keinen Kompass gibt. Was aber beide, die Bewahrer und die Beweger, nicht schaffen, ist die Aufrechterhaltung eines Status quo. Denn die Welt verändert sich so schnell, wie wir uns verändern, die Menschheit und der Mensch.

Mir hat das Schicksal in diesem Jahr wieder einen unglücklichen ukrainischen Flüchtling zugewiesen, der gar nicht so schlecht Deutsch spricht, aber offensichtlich nicht ausreichend für die neunte Klasse des Gymnasiums. Eigenartigerweise fühlt er sich, obwohl er nicht aus dem Osten oder Süden des Landes kommt, zu Russland und zur russischen Sprache hingezogen. Seine Mutter weigert sich, Deutsch zu lernen. Er trauert seiner Großmutter mit ihrer Hühnerhofidylle nach. Sodann habe ich einen sechsjährigen Jungen, dessen Eltern aus der Prenzlauer Eritrea Community stammen, dessen Sprach- und Verhaltensniveau zwischen zwei und drei Jahren liegt. Ich gehe jede Woche eine Stunde mit ihm spazieren. Dabei lernt er. Jetzt haben wir schon einen noch sehr kleinen Dialog, er stellt auch Fragen und er macht einen gutgelaunten Eindruck. Meine Hauptaufgaben bleiben natürlich N. und die Nachhilfeschüler in Pasewalk und Löcknitz.

Wir können uns für die Welt nichts wünschen, denn die Veränderungen haben komplexe und multiple Ursachen. Die meisten und das meiste davon ist von uns unbeeinflussbar. Statt aber darüber zu lamentieren, sollten wir das für uns Beeinflussbare beeinflussen. Wer das Wetter nicht ändern kann, behüte sich und die seinen. Helfen wir dem Kind, das die Sprache nicht versteht, dem Alten, der die Welt nicht mehr versteht, dem Migranten, der die Paragraphen nicht versteht. Seien wir ab sofort freundlicher, hilfsbereiter und verbindlicher. Kümmern wir uns um vergessene Nachbarn.  

Ich wünsche allen dabei belebende Freude, nachhaltigen Erfolg und bleibende Gesundheit.

Mit den besten Wünschen    

        

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Червона Шапочка

DAS NEUE ROTKÄPPCHEN

In einem kleinen Dorf wohnte ein Mädchen, das immer eine rote Kappe trug. Es wurde deshalb Rotkäppchen genannt. Eines Tages sagte die Mutter zu dem Mädchen: ‚Rotkäppchen, die Großmutter ist sehr krank und ich habe keine Zeit. Gehe du zu ihr und besuche sie. Ich packe Kuchen und Wein, damit die Großmutter wieder zu Kräften kommt.‘

Die Großmutter wohnte aber in einem Wald, drei Kilometer von dem Dorf entfernt. Deshalb sagte die Mutter: ‚Rotkäppchen, du weißt, dass in dem Wald auch der böse Wolf wohnt. Wenn du den Weg verlässt, wird er dich fressen.‘ Rotkäppchen versprach aufzupassen. Aber in Wirklichkeit hatte es keine Angst, denn es ging gerne durch den Wald und hatte dort noch nie einen Wolf gesehen.

Als nun Rotkäppchen im Wald war, bemerkte es dort schöne Blumen. Rotkäppchen wollte für die Großmutter Blumen mitnehmen, denn die Großmutter liebte Blumen über alles und arbeitete gerne in ihrem Garten. Aber erst einmal musste sie wieder gesund werden.

Rotkäppchen pflückte Blumen, da hörte sie eine tiefe Stimme. War das nicht ein Wolf? Und stand neben ihm nicht eine Ziege?

Der Wolf sagte zu der Ziege: ‚Ich bin nicht böse. Ich fresse nie dein Gras. Es wäre also nur gerecht, wenn du mir ohne Gewalt dein Fleisch geben würdest.‘

Die Ziege antwortete: ‚Nein. Man kann nicht das Leben gegen die Freiheit tauschen. Ich habe Hörner und ich habe Hufe. Ich werde so lange gegen dich kämpfen, bis du verschwindest.‘

Rotkäppchen nahm schnell den Korb mit dem Kuchen und dem Wein und ihre Blumen und rannte so schnell sie konnte zu dem kleinen Haus ihrer Großmutter.

‚Großmutter‘, rief sie, ‚ich habe den Wolf gesehen und gehört. Er ist nicht nur böse, sondern auch dumm. Er wollte die Ziege überreden, sich fressen zu lassen.‘

Der Großmutter ging es schon viel besser. Sie setzte sich im Bett auf und sagte: ‚Rotkäppchen, wenn du allen Kindern der Welt auf Facebook schreibst, was du heute erlebt hast, dann wird es Frieden für alle Menschen und für alle Zeit geben. Kein Mensch ist besser als der andere, kein Land ist schöner als das andere. Niemand darf lügen, um sich einen Vorteil zu verschaffen.‘

Und so ging Rotkäppchen nach Hause und schrieb in ihrem Computer: WAS DU NICHT WILLST, DASS MAN DIR TU, DAS FÜG AUCH KEINEM ANDERN ZU*. Und sie schickte es an alle Kinder der Welt. Und als die erwachsen waren, gab es nur noch Frieden.

Що робити або Червона Шапочка в часи російсько-української війни

В одному маленькому селі жила дівчинка, яка завжди носила червону шапочку. Саме тому назвали її Червона Шапочка. Одного дня мати до неї каже: «Червона Шапочко, твоя бабуся захворіла, а у мене зовсім немає часу. Піди, будь ласка, та провідай її. Я спакую тобі печиво та вина, щоб бабуся швидше одужала.

Але бабуся жила у лісі, що за три кілометри від села, тому мати наголосила: «Червона Шапочко, ти ж знаєш, що у лісі живе злий Вовк. Якщо ти зіб’єшся зі шляху, він з’їсть тебе.» Червона Шапочка пообіцяла вважати на себе, але насправді вона не боялася, тому що дуже любила гуляти в лісі і ще жодного разу не зустріла там вовка.

Коли вже Червона Шапочка була у лісі, вона помітила багато квітів. Вона захотіла зірвати їх для бабусі, адже бабуся понад усе на світі любила квіти та працювати в своєму садку, тільки для цього їй потрібно було спочатку одужати. Червона Шапочка рвала квіти, аж раптом почула голос. Чи це не був Вовк? І чи це не Коза стоїть поруч з ним? Вовк саме промовляв до Кози: «Я не злий. Я не з’їм твоєї трави. Але це буде по-чесному, якщо ти без жодного пручання віддаси мені своє м’ясо.»*

Коза відповіла: «Ні. Не можна проміняти своє життя на свободу. У мене є роги та копита і я буду боротись з тобою доти, доки ти не зникнеш.»

Червона Шапочка схопила швиденько свою корзинку з печивом та вином, квіти та побігла щодуху до маленького будиночку своєї бабусі.

«Бабусю!», – закричала вона, – «Я бачила та чула Вовка. Він не лише злий, а ще й дурний! Він хотів вмовити Козу, щоб та дозволила себе з’їсти.» Бабуся вже почувала себе краще. Вона припіднялася з ліжка і промовила:

«Червона Шапочко, якщо ти всім дітям на світі напишеш в Фейсбуці, що ти сьогодні пережила, тоді запанує на світі мир на всі часи. Жодна людина не є краща за іншу і жодна країна не є гарніша ніж інша. Ніхто не може брехати заради своєї вигоди.»

Тому Червона Шапочка пішла додому і написала в своєму комп’ютері: ЧОГО НЕ ХОЧЕШ, ЩОБ ЧИНИЛИ ТОБІ, НЕ ЧИНИ ІНШОМУ.** Вона вислала це всім дітям на світі і коли вона вже була дорослою, на світі панував Мир.

                   рст

*за ідеєю Карла Чапека

** Золоті Правила

Переклад: Аліна-Марія Сенюх

MERKELS MEMOIREN

Warum Merkels Memoiren ‚Freiheit‘ heißen, kann gut mit ihrer Herkunft aus dem Osten, mit ihrem Aggregatzustand als Frau erklärt werden. In ihrer ersten Regierungserklärung bezog sie sich auf Willy Brandts erste Regierungserklärung, in der er ‚mehr Demokratie [zu] wagen‘ versprach. Sie wollte ‚mehr Freiheit wagen‘. Die Frage ist nun, warum eine law-and-order-Partei sich die Freiheit auf die Fahne schreibt. Partei und Parteivorsitzende sind nicht identisch, wie man leicht an der SPD studieren kann, die hat auf der einen Seite Bebel und Brandt hervorgebracht, auf der anderen Seite aber auch unterirdische Figuren wie Lafontaine und Scharping. Später ist Merkel unterstellt worden, sie hätte die CDU sozialdemokratisiert, von rechts in dieselbe Mitte transferiert, die kurz vor ihr Schröder und Blair, auch sie Parteivorsitzende, für ihre Parteien reserviert hatten.

Tatsächlich aber ist Merkel durch eine Verkettung für sie günstiger Zufälle an die Spitze von Partei und Land geraten, genauso wie Schröder aus seiner Armensiedlung. Biografien sind so wenig geradlinige Prozesse wie die Geschichte selbst. Die Koinzidenz von Person und Ereignis ist selbstverständlich zufällig und irrational. Deshalb gibt es Mathematik: um das Irrationale doch und irgendwie abzubilden. Deshalb ist einer der ersten Schlüsselsätze von Angela Merkel, dass sie zwar eine Wissenschaftlerin war, aber Gefahr lief, nicht bemerkt zu werden. Deshalb ist ihr Leben gegenüber reinen Parteisoldaten schon von vornherein abgehoben.

Für die ganze Klasse der rheinisch-katholischen Männer-CDU war Merkels Leben bis 1989 höchst erklärungsbedürftig. Mit der Spendenaffäre Kohls war andererseits ebendieser Männerzirkel an seine Toleranzgrenzen gelangt. Und drittens schließlich war das ganze Projekt der Volksparteien sichtlich beendet. Sie konnten nur noch um dieselbe Mitte kreisen. Die neuerliche Diskussion um den §218, den 80% der Bevölkerung abgeschafft sehen möchten, zeigt, wie weit die Bewahrungspartei sich von der Bewegungsbewegung entfernt hat, die in der Heimholung der Flüchtlinge des Sommers 2015 kulminierte. Unter Heimholung (‚Heim ins Reich‘) verstand man bis dahin irredentistische aggressive Akte wie die Rückeroberung des Saarlands, des Sudetenlands oder danach des Donbass. Merkel – in Absprache mit dem sozialdemokratischen österreichischen Kanzler Faymann – stellte dieses Prinzip vom Kopf auf die Füße: gerettet oder heimgeholt werden muss, wer sich in einer Notlage befindet. Es ging nicht um die allerdings sehr große Anzahl der Flüchtlinge dieses Jahres, sondern um jene, die von Viktor Orban auf die Straße – auf die Autobahn – getrieben worden waren: mehrere tausend Menschen, die schon eine dramatische Flucht vor allem auch aus Syrien[1] hinter sich hatten und denen nun zunächst Busse und dann Sonderzüge entgegengeschickt wurden. Die Bilder von ihrer Ankunft in München gingen um die Welt und zeigten Deutschland als Heimat der Menschlichkeit. Das hinderte aber die Bewahrungspartei, damals noch von Horst Seehofer, jetzt von Höcke, Weidel und Wagenknecht angeführt, nicht, entgegen dem offensichtlichen Willen einer Mehrheit auf dem Prinzip zu beharren, es zu bewahren, statt auf das Leben zu sehen und zu hören und etwas zu bewegen. Angela Merkel schreibt schon im Prolog ihres voluminösen Buches, dass die Rechtfertigung dieser weltpolitischen Szene der eigentliche Anlass für das bemerkenswert ausführliche, aber doch auch sehr schnelle Schreiben dieser Memoiren war. Diese Passagen sind auch spannend geschrieben, die eigene Erinnerung und der Text laufen über viele dutzende von Seiten synchron.

Die evangelischen Pfarrer in der DDR waren grob in zwei Gruppen geordnet vorstellbar: die Widerstandskämpfer, deren Konsequenz dann Gefängnis oder Brüsewitz-Syndrom[2] sein musste, und die Opportunisten, die mehr oder weniger mit der Schönherr-Formel ‚Kirche im Sozialismus‘ lebten. Zu denen gehörte auch der Vater von Angela Merkel, Horst Kasner, der noch dazu nicht Gemeindepfarrer, sondern Leiter eines Pastoralkollegs war, einer Fortbildungsstätte für Pfarrer. Das war der Verknüpfungspunkt der Merkel-Biografie mit der DDR-Geschichte, und nicht etwa, wie später vor allem von Pegida, AfD und Corona-Leugnern behauptet wurde, ihre Involvierung in die FDJ. Die FDJ war, außer in den Anfangsjahren der DDR, eher lächerlich. Die militaristische Infiltration oblag der GST, nicht der FDJ. So kann Merkel ihre Kindheit und Jugend glaubhaft und ohne Brüche als Idylle schildern. Zudem war sie eine Musterschülerin, die ihren Mangel an gesellschaftlichem Engagement durch die Teilnahme an den Russischolympiaden kompensieren konnte. Zur gleichen Zeit lernte in Dresden ein KGB-Offizier Deutsch. Im Gegensatz zu Merkel war und ist Putin geprägt von seiner Vergangenheit in einem Leningrader Hinterhof, dort im Kampf mit Ratten und Kriminellen, und später durch seine Ausbildung in einem der repressivsten Geheimdienste. Das war kein gutes Omen und schon gar keine Idylle.

Erst nach dem Studium kollidierte Merkel das erste Mal mit dem Staat, als sie in Ilmenau promovieren, aber nicht auf die Teilnahme an der evangelischen Studentengemeinde verzichten wollte und ebenso wenig bereit war, in dieser Gemeinde für die Staatssicherheit zu spionieren.

Ich habe nie CDU gewählt, auch nicht während ihrer Kanzlerschaft, mich interessierten an ihr nur die zeitliche und räumliche Nähe unserer Lebenswege und ihre überdurchschnittliche Fähigkeit, Krisen zu meistern. Nachdem ihre Ehe mit dem namensgebenden Dr. Merkel beendet war, eine Studentenliebe nennt sie sie, kam sie mit Dr. Sauer zusammen, der später ein bedeutender Chemiker und Professor wurde. Die eher provisorischen Altbauwohnungen in Ostberlin ergänzten die beiden bald – noch in der DDR-Zeit – durch den Ausbau eines nach 1945 von Umsiedlern, wie es bei uns hieß, oder Vertriebenen, wie sie im Westen genannt wurden, gebauten Hauses, das der Bauzeit und den Umständen entsprechend in einem schlechten Zustand war. Darin wohnen die beiden, neben der Wohnung gegenüber dem Pergamonmuseum, noch heute. Das ist der ganze Luxus der einst mächtigsten Frau der Welt.

Ausführlich beschreibt sie das Krisenmanagement, durch das sie weltberühmt wurde, jedenfalls in Politikerkreisen und dem interessierten Publikum. Die Griechenlandkrise, die Wirtschafts- und Finanzkrise, die durch Lehman Brothers ausgelöst worden war, die Flüchtlingskrise und schließlich die Pandemie hat sie mit dem Stoizismus der märkischen Hausfrau, die sie auch ist, überstanden.

Während man gut verstehen kann, warum sich in der Bewältigung der Flüchtlingskrise eine rechtskonservative Opposition bildete, bleibt dieses Verständnis während der Pandemie aus und wird von Merkel auch leider nicht vertieft. Selbst die Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten wurden in vielen Städten und Dörfern unfreundlich bis feindselig aufgenommen. Mit dem Schimpfwort ‚Zigeuner‘ sollte wohl ausgedrückt werden, dass ihnen ein Mangel an Sesshaftigkeit nachgesagt werden kann. Flucht ist immer mit tatsächlichem Verlust auf Seiten der Flüchtlinge und Verlustangst auf Seiten der aufnehmenden Gesellschaft verbunden. Merkel und Faymann haben mit ihren – auch gegen die Dublin-Vereinbarungen verstoßenden – Entschlüssen einen größeren, menschlichen und auch christlichen Zusammenhang hergestellt, wie das in der Politik wahrlich selten ist. Die Bildung von teils recht aggressiven Oppositionen ist zwar nicht richtig und auch nicht verständlich, aber doch wenigstens verstehbar. Geld wird immer wieder als Pool, als endliche Menge vorgestellt. Wie vieles im Leben und in der Geschichte ist Geld aber ein Fluss. Die Billionen Euro, die durch Merkels umfangreiche Memoiren fließen und durch ihre Hände flossen, zeigen, wie falsch unsere absoluten Begriffe vom relativen Geld sind. Mir bleiben dagegen die Protestanten gegen die Pandemie-Maßnahmen bis heute ein Rätsel, da wir alle, die Politiker wie das Wahlvolk, nicht wissen konnten, was richtig und was falsch ist. Selbst Aktionismus war besser als abwarten oder vertuschen, wie es während der Spanischen Grippe, begünstigt durch den gleichzeitigen ersten Weltkrieg gang und gäbe war.

Die siebenhunderteinundzwanzig Seiten der Merkel-Memoiren zeigen, dass der Mensch, sei er nun Regierender oder Oppositioneller, nicht allwissend ist. Zum Leben gehört immer auch ein Grundvertrauen. Empörung ist keine Lösung, noch nicht einmal eine Option. Alternativlos ist nichts, aber nicht jede Wut ist schon eine Alternative. Wenn auch das letzte Drittel des Buches, wie auch schon vorher ein Abschnitt, wie der abgeschriebene Terminkalender wirkt, so bleibt es doch in seiner Gesamtheit nicht nur gut lesbar, sondern auch erhellend. In die Geschichte eingehen wird Angela Merkel mit ihren berühmtesten drei Worten, dem Credo aller Pragmatiker: WIR SCHAFFEN DAS.  

      


[1] Gerade heute [8. Dezember 2024], als ich das schreibe, wurde endlich der syrische Diktator Bashar al Assad gestürzt. Die neue Herrschaft muss nicht – aber kann – besser sein als die alte, aber es gibt einen Bösen weniger auf der Welt.

[2] Oskar Brüsewitz, umstrittener evangelischer Pfarrer, der sich am 18. August 1976 vor der Michaeliskirche in Zeitz selbst verbrannte

DIE WELT, DIE FUGEN UND DIE HOFFNUNG

The time is out of joint, o cursed spite,

that ever I was born to set it right.

SHAKESPEARE, Hamlet, I5

Plädoyer für Dankbarkeit, Demut, Muße, Heiterkeit, Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft

Die Welt ist nicht aus den Fugen. Auf der einen Seite war sie noch nie ‚in den Fugen‘, auf der anderen Seite sagt diesen berühmten Satz eine Kunstfigur, ein Zauderer mit Atemnot, der sich noch nicht einmal für die Frau entscheiden kann, die ihn liebt. Er schickt also sie in den Wahnsinn und die Welt in das Chaos. Aber da ist die Welt schon. In dem berühmten Theaterstück werden Politiker gezeigt, die damals mit Mord und Totschlag, heute mit Filz und Fake ihre kleine Politik besserwisserisch durchsetzen wollen, nicht, weil sie besonders schlecht und böse wären, sondern weil sie Menschen sind wie du und ich. Aber wir, die Konsumenten von Politik, sind andere geworden. Wir sind keine Analphabeten mehr, weder im wörtlichen noch im übertragenen Sinn. Wir sind keine unmündigen Elemente eines zwar funktionierenden, aber doch hierarchisch-autoritären Systems. Das nächste ABER muss gleich folgen: und autoritäre und hierarchische Systeme funktionieren nur soweit und solange ihr Zusammenbruch mit drastischen Strafen vorweggenommen und gleichzeitig zu verhindern versucht wird. Wer das System bedroht, wird bedroht. Dadurch verrohen die, wie Rousseau meinte, anfangs idealen Sitten. Die Demokratie versucht nun das Gegenteil, sie macht die Menschen nicht nur mündig, sondern auch zu Produzenten der Verhältnisse. Allerdings stößt sie dabei auf fast gleich erbitterte Widerstände wie seinerzeit und seinesorts der Autoritarismus. Gegen ihn richtet sich der Freiheitswille des Individuums, den man an jeder Stubenfliege am Fenster beobachten kann, an jedem Käfer im Glas. Gegen die Freiheit der Demokratie richtet sich der Ordnungszwang, dem wir ebenso unterliegen. Wir glauben, und alle Religionen und Philosophien bestärken uns in diesem Glauben seit Jahrtausenden, dass die Welt ursprünglich oder eigentlich geordnet, aber durch den bösen Willen und Unverstand immer wieder ins Chaos abzurutschen gefährdet sei. Das ist der Grund, warum sich jede Ordnung, sei sie nun autoritär oder liberal, für alternativlos erklärt. Das gilt im Übrigen auch für Texte. Man könnte keine Politik machen, wenn man an Alternativen glaubte. Man muss sich für richtig halten, wenn man etwas tun will. Wenn man sich alte Bundestagsdebatten anhört, dann kann man das sehr schön illustriert finden: jeder Redner – zum Beispiel Strauß und Wehner – geht zwar auf die Argumente der anderen Seite ein, aber nur, um festzustellen, dass lediglich die eigene Politik das Problem lösen kann und wird.

Es gibt allerdings zwei Auswege, die sich natürlich, wie alles auf der Welt, überschneiden und nicht etwa unversöhnlich gegenüberstehen. Das Wort unversöhnlich scheint einen gemeinsamen Sohn doch nur auszuschließen, denn praktisch, das weiß jeder, gibt es, wo Menschen aufeinandertreffen, immer auch Söhne und Töchter. Der erste Ausweg sind charismatische Führer.

1

Führer scheut Diskurs.

[Arbeitshypothese: Könnten die Führer die Lösung sein, wenn sie den Diskurs zuließen?]

Sie demonstrieren ihre Macht und glauben, dass jedes Problem mit ebendieser Macht zu lösen sei. Aber die Macht ist nur eine taube Nuss, ebenso wie das Talent, wenn es keinen Inhalt, keinen Fleiß, kein Abarbeiten der Einzelfälle gibt. Es hilft selbstverständlich nicht, wenn die Menschen nur in Gruppen eingeteilt werden: Freund und Feind, Mann und Frau, innen und außen, schwarz und weiß, rechts und links. Das Charisma des Führers erlaubt die einfachen, unglaubwürdigen Lösungen. Aus Erfahrung weiß man eigentlich, dass es nicht geht. Alle autoritären Gesellschaften verweisen deshalb auf die Weisheit des Führers (DAS KARPATENGENIE) oder der führenden Gruppe (DIE PARTEI DIE PARTEI DIE HAT IMMER RECHT), denn: bei aller Rechthaberei oder Besserwisserei, wer bezeichnet sich selbst schon als weise? Darauf setzt die Autorität. Sie glaubt, dass sie nur durch Gegengewalt gestürzt werden kann. Tatsächlich aber haben sich alle Diktaturen durch ihre Inkompetenz selbst gestürzt. Das Hitlerreich hat die eigenen Kirchtürme bombardiert, um nicht zugeben zu müssen, dass es zurecht verlor; das zusammenbrechende Sowjetreich hat, hier bei uns, alles, was nicht niet- und nagelfest war, mitgenommen, wohlwissend, dass es in die Armut zurücktorpediert würde.

Putin bombardierte oder annektierte Tschetschenien, Südossetien, Abchasien, Transnistrien, die Krim, den Donbass und Luhansk, Syrien, und schließlich die Ukraine, um zu verdecken, dass es im eigenen Land durch eigene Schuld für die ländliche Mehrheit weder WCs noch sonst einen Wohlstand gibt. Nationalismus braucht keinen Wohlstand, dafür reicht das Staatsfernsehen. Wohlstand braucht keinen Nationalismus, deshalb sind wir in jenem Staatsfernsehen das Beispiel für Dekadenz und Untergang. Die ganze Misere der Autokratie wird auf uns projiziert, und die genervten Bewohner der Autokratie sind getröstet, dass es den anderen – also uns – wenigstens schlechter geht als ihnen. Leider erleben wir seit drei Jahren als Zeugen einer erbärmlichen Geschichte mit, wie der Tyrann nicht nur seine Nachbarn und den lange herbeidiskutierten Konsens schwer beschädigt, sondern das eigene Land in den Orkus seines Untergangs mitreißt.

2

Diskurs scheut Führer.

[Arbeitshypothese: Könnte der Diskurs die Lösung sein, wenn er Führer zuließe?]

Der Diskurs demonstriert eher die Unmöglichkeit, ein Problem zu lösen als die Möglichkeit. Den Kompromiss empfinden viele Menschen als Schmach. Es ist schwer einzusehen, dass man selbst nicht recht hatte oder nichts zur Lösung beitragen konnte. Das Ausdiskutieren jedes Problems dauert manchmal Generationen. Bei uns in Deutschland wurde zum Beispiel der § 217 des Strafgesetzbuches, also die Kriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs, hundert Jahre lang diskutiert. Deshalb sehnen sich die Menschen in diskursiven Systemen so oft nach Ordnung, Charisma, vielleicht einfach nur nach Anhaltspunkten. Eine Demokratie ist also schlecht beraten, immer wieder aufs Neue, aus Kostengründen, wegen der Rationalität oder aus anderen Gründen, Ordnungen zu beseitigen. Demokratie ist ohnehin schon schwer zu verstehen, wenn dann auch noch die Kreisverwaltung schließt oder der Name des Heimatortes in eine anonyme Bezeichnung – ORTSTEIL – geändert wird, verlieren die Menschen Vertrauen und Orientierung.

Wenn einem Staatsvolk, dem ein intensiver Glauben an die Staatsmacht als Inbegriff nicht nur der notwendigen Bürokratie und Ordnung, sondern als pseudoreligiöse Allmacht abverlangt wurde, der Staat unter dem Boden verschwindet, so bricht nicht nur die Ordnung selbst zusammen, sondern verschwindet auch der Glaube an sie. Das scheint mir der Hauptunterschied zwischen West- und Ostdeutschen: auf der einen Seite Kontinuität, wo es sie nicht hätte geben dürfen, auf der anderen Seite unverdiente doppelte Diskontinuität, die als Progress gepriesen wurde.

Viele vermuten daher als Urheber von Ereignissen einen Masterplan oder sogar eine Weltherrschaft. Der Prinz in unserem Titelzitat beklagt nicht etwa, dass die Welt aus den Fugen, sondern dass ausgerechnet er dazu berufen sei, sie wieder in Ordnung zu bringen. So gesehen sind wir alle Egoisten. Wir glauben immer und überall, dass wir gemeint sind. Wir können uns nicht für anonym halten, weil wir einen Namen haben. Wir haben einfach vergessen, dass wir, um einen Namen zu haben, uns erst einen Namen machen müssen. Wer aber in der Demokratie seine Namenlosigkeit beklagt, wie will der in der Diktatur glücklich werden? Er kann nur erfolgreich sein durch den Ausschluss anderer, und das verbietet nicht nur die Menschlichkeit, sondern das verbieten auch alle Religionen und Philosophien, allerdings im Kleingedruckten. Der Preis des Sieges ist das, was man nicht hören will. Niemand lässt sich gerne belehren von Menschen, die unter ihm stehen. Wie soll er da verstehen, dass niemand unter ihm steht?

3

Die Welt ist nicht aus den Fugen. Sie verbessert sich nur langsamer, als wir gehofft haben. Niemand ist allein berufen, die Welt zu verändern. Keiner kann allein die Probleme der Menschheit lösen. Nur der Diskurs selbst ist alternativlos, allerdings sollte er das Charisma zulassen. Charismatiker sollte man weder erschießen oder ans Kreuz nageln, weil man niemanden erschießen oder kreuzigen darf, noch unterdrücken, weil man niemanden unterdrücken sollte, noch nach ihrem Tod diskreditieren, weil man keinem Toten Schlechtes nachreden muss, denn man kann ihn nicht mehr ändern.

Vielmehr müssen wir lernen, den Diskurs und das Charisma auszuhalten. Unsere Medien sind nicht unsere Kompetenz, sondern nur unser Krückstock. Krückstock und Rollator* sind aber keine Wegweiser. Was also weder Politik noch Medien, leider aber auch nicht die Kirchen in ihrem bürokratischen Phlegma uns geben können, ist die dringend benötigte Hoffnung, von Zuversicht wollen wir gar nicht reden. Es bleibt eigentlich nur die Kunst, die allerdings quantitativ und qualitativ in eine nie dagewesene, fast inflationäre Riesendimension eingetreten ist, jegliches elitäre Merkmal für immer abgelegt hat, als das große Hoffnungsmedium.

Hoffnung ist sowohl eine ganz triviale Größe: wie viele hoffen auf einen Lottogewinn? Aber Hoffnung ist auch eine Kategorie der moralischen Oberklasse: das Neue Testament der Bibel stellt sie an die Seite des Glaubens und der Liebe**.

Glauben würden wir uns heute nicht (nur) als Mitgliedschaft in einer Glaubenskongregation vorstellen, wenn diese auch darauf insistieren. Glauben würden wir heute eher als ein Urvertrauen sehen wollen, das notwendigerweise mit den Eltern beginnt. Dabei ist die Mitgliedschaft in einer Glaubensgemeinschaft nicht ausgeschlossen, aber auch nicht Bedingung. Jede Gemeinschaft drängt auf Hierarchie und Spaltung. Bei der Hierarchie ist die Bürokratie, die Ordnung, das Regelwerk eingeschlossen. Die Schismen entstehen sowohl durch den Diskurs als auch durch das Charisma der gewählten oder selbst ernannten Führer.

Es ist eines der größten Wunder der Liebe, dass sie sich im zwanzigsten Jahrhundert, das gleichzeitig der Tiefpunkt von Hass, Rache, Krieg, Mord und Totschlag war, das Auschwitz, My Lai, Waco (Texas), Gulag, Kulturrevolution hervorgebracht hat, so großer und wirkmächtiger Propheten oder Philosophen bedient hat: Albert Schweitzer, Mahatma Gandhi, Martin Luther King, Nelson Mandela, James Baldwin. Sicher tut man dem Bösen unrecht, es so fragmentarisch aufzuführen, und erst recht dem Guten, das natürlich viel mehr Gute hervorgebracht hat. Es ging nur darum, das zwanzigste Jahrhundert nicht von seinem Makel als böse zu befreien, sondern es gleichzeitig auch als Ausgangspunkt der Liebe zu benennen. Die momentane Weltlage scheint dem zu widersprechen: die Autokraten formieren sich. Aber das täuscht. Es ist eine Krise der Demokratie, eine Krise des Diskurses, die Sehnsucht nach der Autorität verstärkt. Wenn der Diskurs in der Unkenntlichkeit der Beliebigkeit zu versinken droht, wird der Ruf nach Kontrapunkt und Führung laut. Es ist schon fast peinlich hinzuzufügen, dass bei uns in Deutschland die Bürokratie alles ersticken könnte, was an Edlem, Gutem und Hilfreichem hervorgebracht wurde.

Die Empathie ist die Schwester der Liebe und gleichzeitig das Bindeglied zur Hoffnung. Wenn es die krasseste Forderung ist, seine Feinde zu lieben, so ist das bis auf den heutigen Tag von allen Religionen und Philosophien verfehlt worden. Aber es ist auch keine Tatsachenbeschreibung, sondern eine Maxime. Ihre Verwirklichung setzt Empathie voraus. Zugegeben: Empathie ist auch ein Modewort, das aber seinen Ursprung im Mangel an Hoffnung hat. Würden wir uns in unsere Gegenüber besser einfühlen können, so müssen wir sie immer noch nicht lieben, aber es besteht Hoffnung.

Die Spaltung der Gesellschaften wird immer mehr vertieft durch das wachsende Unvermögen, sich in andere hineinzuversetzen. Individualisierung und Globalisierung stehen in Opposition zueinander. Leider wird viel Geld damit verdient, den Hass und die Angst zu forcieren. Die Demokratie und der Liberalismus müssen alle Meinungen erlauben und schützen. Alle Versuche, an diesen Grundprinzipien zu schrauben, führen zu ihrer Auflösung. Aber gegen Angst und Hass darf und muss man jederzeit argumentieren.

Deshalb muss die Hoffnung von außerhalb kommen, nicht von außerhalb der Gesellschaft, sondern von außerhalb der sich widersprechenden Gruppen. Es müsste einen Pool der Dankbarkeit, der Demut, der Muße, der Heiterkeit, der Freundlichkeit und der Hilfsbereitschaft geben. Mag sich jede und jeder heraussuchen, was ihrem und seinem Wesen gemäß ist, womit sie oder er in der Welt wirken will. Es klingt wie Sonntagspredigt, wird aber durch diesen Makel nicht unwahrer oder unwichtiger: Wenn jede/r ab morgen etwas besser ist als heute, wird die morgige Welt besser sein als die heutige. Wenn wir alle freundlicher sind, wird die Welt freundlicher. Von einer Gruppe Jugendlicher bin ich einmal gefragt worden, ob ich religiös bin, weil ich eine Gefälligkeit mit dem Satz begründete, dass man und frau jeden Tag eine gute Tat tun soll. Ist es nicht traurig, dass dieser schöne Satz nicht aus der Sonntagspredigt stammt, sondern von Lord Baden-Powell, dem Begründer der Boy Scouts?

Empathie mag ein Modewort sein, aber umso wichtiger ist die Botschaft, Empathie statt Emphase*** zu üben und zu stärken. Wenn wir dann auf dem berühmten Sterbebett oder wo immer wir bilanzieren wollen, sagen können, ja, die Zeit war durcheinander, aber ich habe daran gestellt, das wäre gut.  

*bei Kant heißt es noch ‚Gängelwagen‘

**1. Korinther 13

***Emphase = Verstärkung eines Gefühls, Ausruf;   Empathie = Einfühlung, Mitgefühl

1967

1967.1*

Vor fünfzig Jahren war das Jahr 1967, und alle diejenigen, die glauben, dass die Welt gerade jetzt aus den Fugen ist, sollten sich dieses Jahr ansehen. Hamlet glaubt wie so viele Menschen, dass ausgerechnet er all dieses Chaos nicht nur erlebt, sondern ordnen soll. Und da wird der bittere Zynismus offenbar: die Welt kann nicht aus den Fugen geraten, weil sie nie in den Fugen war. Die Welt ist kein Haus, und selbst wenn sie eines wäre, würde sie das Chaos beherbergen.

Was wir damals nicht wissen konnten, war, dass Stanley Milgram sein berühmtes Kleine-Welt-Phänomen in diesem Jahr entdeckt und begründet hat. Die Idee dazu hatte der ungarische Schriftsteller Frigyes Karinthy schon 1929, aber Milgram hat es experimentell bestätigt: Die Welt ist so klein, dass sechs kommunikative Schritte ausreichen, um einmal die Welt zu umrunden. Jeder kennt jeden. Alle Menschen wären Schwestern. Wir saßen unterdessen in einem ohnehin sehr kleinen Land, in dem auch jeder jeden kannte. Heute würde man solch ein Gebilde eine Echokammer nennen. Es war eine Echokammer, die sich außerdem in den beiden Sommermonaten auf Usedom oder Rügen einfand. Wir bestätigten uns selbst. Von jenseits unserer Zäune kamen zwar ‚Geschenksendungen keine Handelsware‘, aber keine Informationen, die uns nützen konnten.

In diesem Jahr starb Ilse Koch, deren böse Existenz uns näher ging als dem Westen, wo sie im Gefängnis gesessen hatte. Vielleicht hat ihr Sohn Uwe mit uns zusammen Abitur gemacht. Sie war die Frau des berüchtigten KZ-Kommandanten zuerst von Sachsenhausen und dann von Buchenwald. Er war so korrupt und grausam, dass er selbst für die SS nicht tragbar war. Er wurde 1944 von seinen eigenen Leuten hingerichtet. Nach dem Krieg kam das Gerücht auf, dass seine Frau, nicht weniger verbrecherisch als ihr Mann, sich Lampenschirme aus tätowierter Menschenhaut hat machen lassen. Im Gefängnis bekam sie dann noch diesen Sohn, wahrscheinlich von einem Gefängniswärter. Dieses biografische Detail musste sie allerdings mit Erich Honecker teilen, der aus Dankbarkeit auch eine Gefängniswärterin heiratete. Die DDR verstand sich damals, und wir mit ihr, als antifaschistische Trutzburg. Alle Nazis waren pünktlich zum 8. Mai 1945 gestorben oder emigriert oder eines besseren belehrt.

In diesem Jahr begannen die Studentenunruhen, die zum linken Terror und zur grünen Partei, auf jeden Fall zu mehr Demokratie führten. Der Student Benno Ohnesorg war während der Proteste gegen den Schah von Persien vor der Deutschen Oper, die wir gar nicht kannten, erschossen worden. Unsere Zeitungen brüllten geradezu den Protest heraus. Der Polizist, der den friedlichen Studenten der Literaturwissenschaft erschossen hatte, war ein alter Nazi wie zwei Drittel der Westberliner Polizei. Aber nach der Wiedervereinigung stellte sich heraus, dass er von der Stasi bezahlt war. So klein ist die Welt.

In diesem Jahr lasen wir in unserem Englischbuch das berühmte Gedicht I TOO AM AMERICA von Langston Hughes. Das Gedicht schildert den Traum eines afroamerikanischen Jungen, mit seiner weißen Herrschaft am selben Tisch essen zu können. Das Gedicht wurde eine Ikone, heute steht es in allen amerikanischen Lesebüchern. In einem Gedicht von Jewgeni Jewtuschenko aus demselben Jahr stirbt ein Nihilist genannter Jugendlicher als er einen Menschen rettet. Jewtuschenko las seine Gedichte manchmal in Fußballstadien. Heute wissen wir, dass das ein kalkuliertes Ventil für das Volk war. Jewtuschenko lässt einen Generationskonflikt politisch ausdeuten, plädiert aber dann dafür, den unangepassten Jugendlichen anzuerkennen, aber erst, nachdem er tot ist. Die Großmächte kämpften natürlich nicht mit Gedichten gegeneinander.

In diesem Jahr, im letzten Drittel des April, starb Adenauer, die Generäle in Griechenland putschten die Regierung hinweg und der VII. Parteitag der SED beschloss die Fünf-Tage–Arbeitswoche. Ich war am meisten beeindruckt vom Tod Adenauers, weil auf allen Westsendern den ganzen Tag klassische Musik zu hören war. Bis heute liebe ich Mozarts Adagio und Fuge c-moll, die ich an diesem Tag zum ersten Mal hörte. Die Fünftagewoche interessierte uns nicht so sehr, weil wir zur Armee mussten und dann studieren wollten. Aus heutiger Sicht war das ein Geschenk in derselben Art, wie Elena Ceaucescu kurz vor Weihnachten 1989 ihrem Mann, dem Diktator, dessen letzte Rede gerade zu kippen beginnt, zuruft: gib ihnen zweihundert mehr. Das waren zwei D-Mark. Zwei Tage später wurden beide erschossen.

In diesem Jahr machten wir das Abitur, vielleicht mit jenem Uwe Koch zusammen, aber die Nordvietnamesen schossen das 2000. US-Flugzeug ab. Wer schon einen Fernseher hatte, konnte zum Abendbrot passend das große Schlachten in Vietnam sehen. In meinem Schulatlas habe ich 1963 die Farbe von Algerien geändert, weil es nun nicht mehr zu Frankreich gehörte. Der Vietnamkrieg zog sich noch acht Jahre hin, aber er war auch der letzte Krieg, von einigen unbedeutenden Bürgerkriegen einmal abgesehen. Die Amerikaner mussten einsehen und haben eingesehen, dass Kriege sinnlos und grausam sind. Sie bezahlen heute noch Entschädigungen. Vietnam ist heute noch eins der ärmsten Länder.

In diesem Jahr im Sommer lernte ich in Ungarn meinen ersten Türken kennen. Es war ein Lastwagenfahrer aus Stuttgart, den ich für einen Bulgaren hielt. Er bezahlte mein in Ostmark umgerechnetes sehr, sehr teures Bier und bot mir an, mich in die Türkei mitzunehmen. Vielleicht wären wir beide zusammen von den Bulgaren erschossen worden. Später musste ich einmal mit hinter dem Kopf verschränkten Armen vor dem Lauf einer Kalaschnikow auf einem Schnellboot der bulgarischen Volksmarine stehend ausharren, was eine sportliche und politische Herausforderung war, denn wenn ich ein Spion gewesen wäre, dann auf der richtigen Seite.

In diesem Jahr passierte noch etwas, das bis zum heutigen Tag wirkt und fortwirkt und uns damals, wenn wir wirklich nachgedacht hätten, eines besseren hätte belehren können, als in unseren Zeitungen stand und auch von den Pfarrerskindern geglaubt wurde, so wie man eben glaubt, was schwarz auf weiß geschrieben steht. Das ist ein anderes berühmtes Ironiezitat. Israel hat im Sechstagekrieg alle seine teils mit russischen Waffen hochgerüsteten Nachbarn besiegt. Die ägyptische Luftwaffe war zum Frühstück bereits zerhackstückt, während der Vater des jetzigen syrischen Diktators verkündete, dass Israel für immer von allen Landkarten mit ebendieser Luftwaffe ausgelöscht werden wird. Niemand wird diesen Krieg verherrlichen wollen. Aber vielleicht hätten wir besser lesen sollen, dann wäre uns die Zeit bis 1989  nicht so lang geworden. Nach der Tat wissen auch die Narren Rat.

In diesem Jahr entdeckte ich erst die linke Welt, als sie schon begann sich zu verabschieden. Tamara Bunke wurde erschossen, dann Che Guveara. Stalins Tochter mit dem religiösen Namen Swetlana Allilujewa flüchtete nach Amerika. In unserer Kleinstwelt wurde im Dezember das Geld umbenannt. Es hieß nun nicht mehr Mark der Deutschen Notenbank, sondern Mark der Deutschen Demokratischen Republik. Jeder von uns sollte einmal nachrechnen, wie oft er in seinem Leben Deutsche Demokratische Republik gesagt und nicht geglaubt hat, dass sie es war. Aber nicht übertreffbar waren die Nachrichtensprecher im Osten.

In diesem Jahr erreichte die Hippiebewegung trotz der weltpolitischen Desaster ihren Höhepunkt, um es auch einmal ironisch zu sagen. Ich war zum Glück mitten in diesem Sommer auf einem Moped namens Schwalbe in der Nähe von Nietzsches Geburtsort Röcken entjungfert worden. Ich hielt dabei ein Buch von Nietzsche in der Hand, das mir ein Zahnarzt aus Schmachtenhagen geliehen hatte. Sonst hätte ich vielleicht die Kälte der beiden folgenden Winter, die ich im Norden bei der NVA verbringen musste, nicht überstanden. Dass ich nicht zur Grenze musste, verdanke ich der Mutter eines Schulfreundes, die mir vor der Musterung zuflüsterte: Sag doch einfach, dass du Westverwandte hast.

In diesem Jahr wäre uns die Zukunft wie ein Gebirgsmassiv erschienen, wie ein Dreitausender in Montenegro, wenn du mit dem Mountainbike unterwegs bist und deine Wasserflasche leer und deine Mitfahrer noch weit unten in Dalmatien, wenn wir darüber nachgedacht hätten. Kein Mensch denkt aber fünfzig Jahre weit, und er tut gut daran.

Aus der heutigen Sicht sind die letzten fünfzig Jahre zwar oft steinig gewesen, aber mehr zäh als hoch, eine leicht hügelige Ebene ohne Ende. Am Straßenrand stehen Ruinen, die aus all den Vergangenheiten auferstanden sind, und Wegweiser in unverständlichen Sprachen. Manche glauben an Verschwörungen, andere an Alternativen, wieder andere folgen den Wegweisen, die sie gefunden haben.

vor deinem haus ein stolperstein
hab keine angst und zittre nicht
dann wird dein laufen stolpern sein
ein wind verdeckt das gegenlicht
– nur weil es dir an mut gebricht
und weil du stolperst – aber nicht

1967.2*

Damals, 1967, gab es in beiden Deutschlands ritualisierte und ideologisierte Klassenfahrten. Die westdeutschen Realschüler und Gymnasiasten fuhren nach Berlin, Ost und West, die ostdeutschen erweiterten Oberschüler, wir, fuhren nach Weimar. Aber fuhren wir wirklich nach Weimar? Mussten wir nicht auch im Goethehaus und am Frauenplan an Buchenwald denken? Auf jeden Fall sollten wir daran denken. Diese Art Ritual unterstellt, dass sich sozusagen jedermann für oder gegen Buchenwald entscheiden konnte. Aber war es nicht vielmehr so, ohne unsere Vorfahren entschuldigen zu wollen, dass der Staat von einer Partei usurpiert worden war und, was Filbinger* später bestritt, das Unrecht plötzlich zum Recht geworden war? Meinte nicht Filbinger sich verstecken zu können hinter dem, was alle dachten? Aber dachten sie es auch 1967 noch? Wir wohnten oben auf dem Ettersberg in einer Jugendherberge, die keine war, sondern sie befahl schon wieder, wie Jugend sich wo zu benehmen und was sie zu denken hätte. Auch ohne diese harschen Anweisungen wäre niemand von uns auf die Idee gekommen, jemanden ermorden oder auch nur diskriminieren zu wollen. In unserem Englischbuch stand das Gedicht, sein Autor war gerade in New York gestorben, I TOO AM AMERICA THEY SEND ME TO EAT IN THE KITCHEN WHEN COMPANY COMES, aber bei uns im Osten gab es keine Schwarzen, niemand war da, den man hätte diskriminieren können, um es dann zu unterlassen, aber wir jedenfalls wollten es auch gar nicht. Wenn man das Radio einschaltete, waren eher wir es, die diskriminiert wurden, einerseits als Deutsche allesamt, andererseits als moskauhörige Ostdeutsche, aber dann auch wieder als amerikagesteuerte Westdeutsche. Aber wir haben nicht sehr politisch gedacht. Wir hatten einen Politiklehrer, der uns erzählte, was sie alle taten, übrigens auch Filbinger, dass der Krieg sie politisch gemacht hätte. Mich hat der Krieg nicht politisch gemacht. Als wir Kind waren, haben die Einarmigen und Einbeinigen zum Krieg aufgerufen durch ihr Schweigen. Sie haben wieder Autorität um der Autorität willen und Waffen gegen vermeintliche Feinde gutgeheißen. Selbst die Waffe als Metapher war allgegenwärtig. In Lehnitz drohte der Dichter, der Vater des Meisterspions und des Meisterregisseurs, ehe er sich erschoss: Kunst ist Waffe, und wir schrieben fleißig Aufsätze darüber.

Wir haben uns auch auf dieser Klassenfahrt mehr um Sex und Songs und Seele gekümmert als um Buchenwald und Kalten Krieg. Unsere Gitarre wurde aber eingeschlossen. Wir sollten trauern um das, was unsere Vorfahren angerichtet oder erduldet hatten. In Goethes Haus sollten wir lernen, dass schon Goethe im Faust den Kommunismus vorausgesehen hat: als freies Volk auf freiem Grund zu stehen…

Am 3. Dezember waren wir im Weimarer Theater und hörten das in dieser Saison vierte Sinfoniekonzert der Weimarischen Staatskapelle, in der schon Bach und Hummel und Liszt gespielt hatten. Man gab Corellis Weihnachtskonzert, Haydns Sinfonie Nr. 86 und, warum ich das überhaupt erzähle, Ottorino Respighis ‚Fontane di Roma‘ und ‚Feste Romane‘. Respighi war schon lange tot, als wir ihn in Ostdeutschland hörten, was einem Wunder gleichkommt, er hätte unser Urgroßvater sein können, aber seine Musik klang in unseren Ohren absolut modern, so wie Picasso hundert Jahre lang als der Inbegriff der Modernität und Abstraktion galt. In der Schule hörten wir in schlechten Aufnahmen auf einem Tonbandgerät namens Smaragd Musik von Hanns Eisler und Schostakowitsch. Das ist neoklassisch. Respighi dagegen hat in seinen Römischen Festen nicht nur den Osterchoral nachgeahmt, sondern auch die Karussellmusik, den Straßenverkehr, den Zirkus und den Karneval dargestellt. Im gleichen Jahr wie Gershwin seinen Amerikaner durch Paris laufen ließ, erlebte man Rom mit Fahrradklingeln und Autohupen, aber eben auch Posaunenchorälen. Sowohl dem Weimarischen Programmverfasser als auch einigen Mitschülern war das zu laut und zu vordergründig. Dabei gibt Musik immer die Welt wieder, wie sie ist. Viel zu wenig lernt man in der Schule, wie die Welt ist, also auch die Sprache der Musik, die Sprache der Lyrik, die Sprache des Films. Vielmehr erscheint es so, als ob man lernt, wie es sein sollte oder könnte. Für mich dagegen war gerade diese Musik Programm, ein Fenster wurde aufgestoßen, Musik bildet doch die Welt ab, erfuhr ich. Als ich dann viel später das erste Mal in Rom war, habe ich genau diese Musik in Erinnerung an das denkwürdige Konzert in Weimar aus der Phase der Hochpubertät in meinem inneren Ohr gehört.

Liebe Zeitgenossinnen und Zeitgenossen,

als wir damals gemeinsam in unserer doppelten Echoblase saßen, in der Schule wie im Staat gefangen,  haben wir vielleicht über Ländergrenzen nachgedacht, aber nicht über Horizonte. Es war die Welt von gestern, in der wir aufwuchsen, es ist die Welt von morgen, in der wir alt werden. Auf der Straße zwischen Velten und Oranienburg überholte ich mit meinem Fahrrad, Baujahr 1928, ein Dreiradauto ‚Tempo Hanseat‘, Baujahr 1928, das Eisblöcke für Eisschränke transportierte. Mein jüngster Sohn, gerade war er doch noch Baby, erklärt mir die Probleme von KI und gutartigen bots und Astroturfing. Dagegen war Russisch weit weniger Chinesisch.   

Jetzt erst, wo wir täglich unser Schlüsselbund suchen, wird uns klarer, worin dieser verschlüsselte Lebenskreislauf besteht. Wer nur Geld angesammelt hat, steht vor dem Nichts, wer gar nichts gesammelt hat, ebenfalls. Vor einiger Zeit haben wir hier in dieser kleinen Stadt gelernt: edel sei der Mensch, hilfreich und gut. Ab morgen wird zum ersten Mal eine Partei im Bundestag sitzen, die nicht hilfreich ist. Aber sind Parteien überhaupt edel und gut? Vor fünfzig Jahren haben wir vom Bundestag noch nicht einmal geträumt, von der Volkskammer bestimmt auch nicht.

Viele glauben, dass früher alles besser war. Aber heute sind wir alle viel politischer und gebildeter. Wir haben unseren Horizont über Hohen Neuendorf hinausschieben können. Wir haben ein paar Bücher mehr gelesen als ‚Wie der Stahl gehärtet wurde‘ oder ‚Die Väter‘ von Bredel. Wir haben eine tatsächliche Revolution erlebt, obwohl wir das Wort nicht mehr benutzen mögen, und damit meine ich nicht den Zusammenbruch der DDR, sondern den Aufbruch der Technik in den Minimalismus.

1967 war keine Weggabel. Der ständige Vergleich des Lebens mit Wegen und Weggabelungen stimmt nicht. Man merkt es gar nicht, wenn sich der Weg des Lebens gabelt. Man merkt vorher noch nicht einmal einen Abgrund. Man verabschiedet sich unter der S-Bahn-Brücke und sieht sich nie wieder und will nichts mehr voneinander wissen. Oder man hört etwas, um es sein ganzes Leben lang weiter und wieder zu hören, und man redet auf Klassentreffen mit genau den gleichen Menschen, mit denen man schon damals gesprochen hat. Oder man heiratet sich von der Schulbank weg und bleibt für immer zusammen, bis zur Gnadenhochzeit oder zum Gnadenschuss. Das Leben ist eher wie ein Fluss, ewig gleich und immer anders. Mäander und Sinus sind sinnverwandt. Deswegen gibt es auch in allen Völkern und Staaten die gleichen Typen, die Versager und die Vorsager, die Reichen und die Erfolgreichen, und diejenigen, die im Lotto des Lebens immer die Null gezogen haben.

An all dem kann man auch schön sehen, wie unwichtig dann doch wieder Politik ist, denn selbst Staatshymnen und Staatssysteme, die sich für unverzichtbar und zukunftweisend halten, verschwinden sang- und klanglos. Zwar hinterlassen sie Erinnerungsspuren, aber viel interessanter ist es, dass sich andere Kulturen – wie fastfood und Copyshop und Steuererklärung – fast lautlos über das brüchige Gebilde von Konsumkaufhallen, Kinderkrippen und Kulturhäusern, das sich für ewig hielt, schoben. Merkwürdig ist auch, dass sowohl Luther als auch Lenin, beide hatten 1967 und haben jetzt Jahrestag, ihren jeweiligen Anhängern einschärften: wer nicht für mich ist, ist gegen mich. Zum Glück hat sich niemand länger daran gehalten, als es der staatliche Zwang gewährleisten konnte. Mit dem Zwang verschwindet auch immer der Wahn.

Deswegen hat, wer das Ende des Kalten Krieges und des Eisernen Vorhangs östlich der Elbe erlebte, doch auch einen kleinen Vorteil: ewig und alternativlos, weiß er aus Erfahrung, ist nichts. Die S-Bahn fährt wieder. Das Haltlose verschwindet ebenso leise wie das Ewige, das Gestrige oder das Morgige. Was bleibt, ist die Musik, ist die Liebe, die Kunst und Ingenieurskunst, Geologie und Rechtskunde, die Medizin und die Landwirtschaft, also alles das, was wir unser Leben lang gemacht und getan haben. 

Ich hoffe, ihr habt eure Zeit genossen.

*geschrieben 2017 zum 50. Jahrestag unseres Abiturs, der Kursivtext ist meine Rede an die drei Klassen

**baden-württembergischer Ministerpräsident, der mit Schimpf und Schande zurücktreten musste, nachdem bekannt wurde, dass er noch nach Ende des Krieges Todesurteile gegen Deserteure gefällt und vollzogen hatte und das nachträglich zu Recht erklären wollte

(‚Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein.‘)

DIE NEUE DREIEINIGKEIT

oder

Wenn man jemandem den Schlüssel zum Schloss gibt…

Wenn man jemandem den Schlüssel zum Schloss gibt, muss man gute Gründe haben, denn, wie groß der erwartete Erfolg auch sein mag, das Risiko ist größer. Vor einigen Jahren zeigte mir ein Leser meines blogs, dass meine Vorstellung von Gott exakt der Definition der neuronalen Netze entspreche, dergestalt, dass man, wenn es Gott gibt, ihn nicht um etwas bitten kann, das in der Zukunft liegt, sondern dass man ihm nur danken kann für etwas, das vergangen ist. Neuronale Netze lernen durch Bestätigung, und lernen ist besser als regeln. Vor einigen Tagen lachte ein guter Freund von mir über meine Bemerkung, dass Putin schon deshalb nicht siegen wird, weil das Böse nicht siegt und nicht siegen kann. Selbst wenn uns die Welt zunehmend böse erscheint – was sie nun bestimmt nicht ist -, müssen wir zugeben, dass letztendlich, auch unter Einbeziehung hartnäckig böser Beispiele wie Hitler, Trujillo, Amin, Kim, Stalin-Putin, das Böse sich nicht durchsetzt.

1

Dem alten Wettstreit zwischen Freiheit und Ordnung setzte als erstes die Globalisierung seit 1444 zu. In diesem Jahr landete das erste Schiff mit afrikanischen Sklaven in Portugal. Um diese neuen Universalarbeitskräfte und deren schonungslose Ausbeutung zu rechtfertigen, musste man ihnen das Menschsein, die christliche Qualität absprechen. Aber das ist nicht der einzige Makel des Christentums: zusammen mit den anderen Religionen vermochte es nicht, die einfachen Botschaften ‚Du sollst nicht töten‘ oder ‚Liebe deine Feinde‘ auch nur annähernd zu verallgemeinern. Stattdessen glauben Milliarden Christen und Nichtchristen, so als ob Yesus nie gelehrt hätte, weiterhin, dass der Stärkere Recht hätte, dass Geld die Welt regiere und – vielleicht am schlimmsten – dass es ein hierarchisches Gefälle zwischen Menschen gebe.

Auf diesem Aberglauben, der nicht zuletzt durch die Religionen gestützt wurde, baut der gegenwärtige Trend zu einem neuerlichen Autoritarismus, den seine Befürworter – die Antiglobalisten – für die Rückkehr zur Ordnung, seine Gegner aber – die Globalisten – für die Abkehr von der Freiheit halten. Merkwürdig dabei ist, dass die Globalisten die Globalisierung für irreversibel halten, die Autoritären dagegen wollen sie rückgängig machen. Der Slogan dafür stammt von Donald Trump ‚….first‘, vor dem das jeweilige Land eingesetzt werden muss. Höcke, der Rechtsaußenführer der AfD in Thüringen, versucht, das alles immer wieder in Beziehung zu setzen mit der Sprache der Nationalsozialisten, von denen er sich dann aber distanziert.

2

Während jedem Befürworter und jedem Gegner klar ist, dass Globalisierung Öffnung bedeutet, glauben viele die Demokratisierung auf Verfassungen und Wahlen begrenzt. Aber Demokratie und der Weg zu ihr hin bedeutet zuallererst einmal Emanzipation. Erst die großen Gruppen der Kinder, Frauen und Afrikaner, sodann die kleineren Gruppen der Behinderten und Homosexuellen, der unehelichen Kinder und geschiedenen Frauen mussten in die universell gültigen Menschenrechte heimgeholt werden. Wenn wir die Demokratisierung mit der französischen Revolution beginnen lassen, so ist das einerseits präzise, verkennt aber Alternativen, wie zum Beispiel den 1. November 1755 in Lissabon, das Wirken des Königs Friedrich II. in Preußen 1740-1786 oder das Erscheinen von Rousseaus ‚Gesellschaftsvertrag‘ 1762. Emanzipation und Aufklärung wurden zudem überschattet von der viel unmittelbarer wirkenden Industrialisierung, die wir hier der Globalisierung subsumieren. Die Bewohner Europas, später auch Amerikas, Asiens und Afrikas, zogen in die Städte, wo die Eltern Arbeit und die Kinder Bildung fanden. In Lagos, einer der größten Städte der Welt und der Welthauptstadt des Chaos, gibt es riesige Slums auf dem Wasser (Makoko), in denen privat initiierter Unterricht stattfindet! Hunger und Bildung gaben sich ein reziprokes Rennen.  Global gesehen ist der Hunger auf ein Zehntel der stark angewachsenen Weltbevölkerung reduziert. Die Pforte der Demokratisierung ist also die Bildung, die Öffnung ist die Aufklärung. Selbst wer nicht lesen und schreiben kann, profitiert, denn ihm wird vorgelesen und vorgeschrieben. Sprichwörtlich ist der Vorwurf, dass die Aufklärung sich nur an die Stelle der alten Götter gesetzt hat und nun mit dem gleichen totalitären und allwissenden Anspruch auftritt. Dies zeigt aber nur, dass sowohl Demokratie als auch Aufklärung keine Zustände sind, sondern Prozesse.  

3

Alexis de Tocqueville beschreibt den Anfang aller Demokratie mit der Installation von Briefkästen, deren englische Bezeichnung ‚mail box‘ aber auch gut zum dritten Element der neuen Dreieinigkeit passt, der Digitalisierung. Vielleicht könnte man den Beginn der Verschlüsselung mit der Entschlüsselung des höchstwertigen mechanisch, also analog erzeugten Codes benennen. Die Wehrmacht wollte Land, Ressourcen und politische wie mentale Hegemonie gewinnen. In einem riesigen, aber letztendlich stark überdehnten Angriffskrieg bediente sie sich sowohl der Überraschung (‚Blitzkrieg‘) als auch der strikten Geheimhaltung. Alle Befehle wurden mit mechanischen Maschinen, der Enigma und der Lorenz, verschlüsselt, vereinfacht gesagt wurden die Buchstabenreihen mehrfach zufällig ausgetauscht. Die Gegenseite hatte nun die Aufgabe, mittels elektronischer und digitaler Technik den Code für immer zu entschlüsseln. Dabei entstand das, was wir heute Computer nennen, der das nächste Zeitalter einläutete. Alan Turing, der großen Anteil an dieser mathematischen und technischen Großleistung hatte, starb, weil er nach moralischen Grundsätzen (auch des Christentums) des neunzehnten Jahrhunderts verurteilt wurde, und er starb in Verwirklichung eines Märchens und eines Märchenfilms.   

Je mehr Schlüssel verteilt werden, desto höher sind die Risiken; das ist das Argument der Demokratiefeinde, die ihre Herrschaft immer auf Loyalität und Korruption aufbauen. Dagegen ist Demokratie immer nur mit ansteigender Kompetenz verbunden und überhaupt vorstellbar. Selbst in den beiden schrecklichen Kriegen, die zurzeit geführt werden, ist der Metakampf intellektueller Art zwischen digitalisierter und konventioneller Herangehensweise, zwischen sozusagen antiker und moderner Kriegführung, zwischen autoritären, stark zentralisierten Befehlsketten und demokratischer, dezentraler Befehlsstruktur. Der mündige Bürger sogar auch in Uniform ist in Israel und in der Ukraine zuhause.

Wir dürfen uns das alles niemals ohne Friktionen vorstellen, Reibungen, die Carl von Clausewitz in seinem großen philosophischen Werk ‚Vom Kriege‘, aus dem immer nur ein einziger Satz zitiert wird, beschrieb. Jede Absicht wird im Stadium der Verwirklichung verzerrt, verwandelt, in ihr Gegenteil verkehrt. Nichts ist so verwirklichbar, wie es gedacht wurde. Wer losgeht, kommt nicht am gedachten Ziel an, man steigt nicht zweimal in denselben Fluss…Das gehört alles zu den Basics der mittleren Bildung, wird aber von uns gern und mit Inbrunst vergessen. Mit Inbrunst hoffen wir auf Ordnung und Sicherheit, verschlüsseltes Wissen geheimer Führer, Treue und Loyalität bis in den Tod. Und der Tod ist genau der Lohn dafür. Nur lernen und lieben ist leben.

    

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