ALLES GUT

 

Nr. 314

‚Alles gut‘ ist die erste gesamtdeutsche Formel, die wir auch mit den Flüchtlingen, die seit 2015 gekommen sind, teilen. Alle Angst, die deutsche Sprache könnte verschwinden, die so genannte Leitkultur könnte in sich zusammenbrechen, war umsonst. Eine Leitkultur, die man installieren muss, wird niemanden leiten. Wer zum Beispiel ein Land mit einer reichen Alkoholkultur durch Prohibition heilen will, wird scheitern. Das heißt nicht, dass sich Kulturen nicht verändern. Sie verändern sich langsam und von innen heraus.

Diese Wohlfühlformel erschien gerade im Moment der Krise, die so viele mit dem Untergang verwechseln. Es gibt nicht mehr Krieg, Pest und Hunger, sondern immer weniger. Deutschland hat eigentlich kein Problem außer dem Überdruss, der andererseits von einem Innovationsstau begleitet wird. Das führte zu einer Krise der Demokratie mit seltsamer Rückwärtsgewandtheit. Aber wohin sollen wir uns denn wenden, wenn vorne keine Vision zu sehen ist? Wem sollen wir folgen, wenn vorne niemand läuft? Vielleicht begann diese Krise mit Schmidts destruktivem Satz von der Behandlungsbedürftigkeit der Visionäre. Vielleicht war er die Antwort auf einen konkreten Vorwurf, aber er ist auf jeden Fall falsch. Auch der andere berühmte Satz der Demokratie, dass es kein richtiges Leben im falschen geben kann, ist falsch, weil es kein richtiges Leben gibt. Wohlstand ist keine Weltanschauung. Und eine Konfektions-Weltanschauung hat nicht das Zeug zur Weltverbesserung. Weltverbesserung ist aber dringend notwendig, weil die alten Ziele: kein Hunger, keine Pest, kein Krieg erreicht sind.

Eine der merkwürdigsten rechtskonservativen verschwörungstheoretischen Gruppierungen sind die Impfgegner. Tatsächlich gehörte der Impfzwang zu den diktatorischen Repressionen. Aber wenn es keine Diktatur gibt, kann impfen auch nicht repressiv sein. Man darf das nicht damit verwechseln, dass auch in der Demokratie die Bürokratie autoritäre Züge hat, vielleicht haben muss. Das ist ein alter, berechtigter Vorwurf. Die Verhirtung der Eliten ist schon mehrmals gescheitert, in der Gegenwart schon einmal deshalb, weil wir uns alle gegen die Verschafung wehren. Die Demokratie hat den mündigen Menschen geschaffen, von dem der unmündige Mensch geträumt hat, und die Technik hat ihm Kommunikationswerkzeuge in die Hand gegeben, mit denen er nicht nur täglich abstimmen, sondern auch zu jeder politischen Entscheidung eine Million Kommentare abgeben kann. Die digitalen Netzwerke verstärken die Kommentaridentität. Anders gesagt: jeder Mensch sucht nach Bestätigung und im Netz findet er sie schneller als auf der Straße. Umgekehrt zeigt sich aber heute auch viel schneller: jede Definition ist der Grund für die Spaltung. Haben früher gut und gerne fünfhundert Jahre (1054, 1517) zwischen zwei Spaltungen gelegen, sind es heute manchmal nur fünf Minuten.

Seit vielen Jahren reden wir von der Schnelllebigkeit. Nicht wir leben schneller, im Gegenteil, wir leben länger und das ganze letzte Drittel wesentlich langsamer, aber unsere Möglichkeiten werden immer schneller. Die Dinge und Gedanken bewegen sich mit hoher Geschwindigkeit durch Raum und Zeit. Vielleicht ist es sogar so, dass wir staunend am Straßenrand stehen und unsere Gedanken und Dinge vorbeieilen sehen. Fast genauso schnell kann aber jede Ware von jedem beliebigen Ort der Welt zu uns gelangen.

Aber wir sitzen an unseren Computern mit den Vorstellungen aus dem neunzehnten Jahrhundert. Wir sehnen uns nicht nach Autorität zurück, sondern nach Langsamkeit. Alles soll so bleiben, wie es bei unseren Großeltern war. Unsere Großeltern fingen einen der schrecklichsten Kriege aller Zeiten an. Wir wollen also am liebsten die Zukunft nicht verändern, aber die Vergangenheit harmonisieren?

Dieser Umbruch wird zurecht als Chaos empfunden. Wir sehnen uns nach der Geborgenheit, die wir gerade abgeschafft haben. Wir orientieren uns an Medien, die wir eigentlich ablehnen. Dabei spielt das Fernsehen die verhängnisvollste Rolle, weil Bild und Ton zusammen einen höheren Wahrheitsgehalt versprechen. Jeder Irrtum einer Medienanstalt wird aber auch als vermeintliches Staatsverbrechen gerügt. Wenn man einmal überlegt, was alle Religionen und positiven Ideologien eint, so ist es das Streben nach Demut und Gelassenheit. Wer zum Hass aufruft, glaubt sich im recht und will sich nicht zurücknehmen. Würden wir uns dazu erziehen, uns zurückzunehmen, würde die Welt langsamer und wieder verständlicher.

‚Alles gut‘ ist also der Aufruf, im Toben der Welt eine Insel der Güte zu finden. Wenngleich, so sagt diese Formel, die Welt verrückt geworden zu sein scheint, so bleibt doch bei mir alles gut. Gleichzeitig liegt in dem schlichten Gruß auch die Hoffnung für den anderen. Wir haben zu einer inselhaften Freude und Demut gefunden, aber wie ist es mit dir? Ist bei dir auch alles gut? Die Neubürger in unserem Land haben sogar die beiden Formeln ‚alles gut‘ und ‚alles Gute‘ schon zusammengelegt, wenn auch mehr aus semantischer Schwäche, weniger wohl aus visionärer Stärke.

Bleibt der inflationäre Gebrauch. Er ist immer furchtbar. Erinnern wir uns, wie schnell wir das Wort ‚geil‘ entsexualisiert und das Wort ‚genial‘ veralltäglicht haben. Einst war Goethe genial, jetzt ist es der Rabatt für Götterspeise. Inflation lässt sich wohl nicht verhindern. Sie gehört zum naturgegebenen Ablauf oder Profil. Wer Berge liebt, darf sich über Täler nicht wundern. Die Inflation der Wörter hat aber auch eine suggestive Wirkung. Obwohl in Europa mehr in Ordnung als in Unordnung ist – verglichen zum Beispiel mit Kenia -, haben wir eine tiefe Krise der Demokratie. Obwohl wir mehr Kommunikationsmöglichkeiten haben als alle Generationen vor uns, haben wir eine Krise der Glaubwürdigkeit. Obwohl wir die Welt besser kennen als sie jemals zuvor gekannt wurde, gehen wir weiter davon aus, dass es uns am schlechtesten geht. Jeder möchte sein Problem als Priorität anmelden und wundert sich, dass am Problemschalter das Anstehen wie im Ostblock wieder üblich wird. Und hier sollten wir uns erinnern, was wir uns alle am 10. November, ungläubig staunend geschworen haben: nie wieder anstehen. Warten können ist eine der großen Übungen der Gelassenheit und Demut. Statt auf den Orient zu schimpfen, sollten wir diese Gelassenheit von ihm übernehmen.

Obwohl wir also eine wahre Inflation der Krisen haben, sagen wir jeden Tag zwanzigmal ALLES GUT, und das ist auch gut so.

BEWAHREN

Nr. 313

Früher sagten die Hausfrauen, dass sie den Sommer in den Weckgläsern für die kalten und dunklen Wintertage aufbewahren würden. Und wie sieht es heute aus? Es gibt keine Hausfrauen mehr, die wenigsten Menschen wecken eigenes Obst ein, fast alle kaufen Fertigprodukte, darunter sehr viele von weither importierte, in den Supermärkten. Überhaupt, die Metapher für die Verbrauchs- und Wegwerfgesellschaft, in der wir uns heute befinden, ist der Supermarkt. Gleichzeitig ist er die Verwirklichung des Märchens vom Schlaraffenland und vom süßen Brei, die aber alle schon die Moral enthielten: man kann nicht mehr als essen. Jedes Märchen kehrt sich um, weil nichts bleibt, wie es ist. Obwohl wir hier alle mehr als genug und mehr als nötig essen, jammern die brandenburgischen Bauern, dass von ihren 70.000 Schafen hundert der Wolf gefressen hat, 0,1%. Die Äpfel an den früher gehegten und bewachten Alleen verkommen in diesem Jahr noch mehr, weil es weniger Vögel und weniger Insekten gab. Sie wurden der monokulturellen Landwirtschaft geopfert.

Man kann Gegenstände bewahren, man kann Werte bewahren, Zustände dagegen nicht. Nichts ist flüchtiger als ein Zustand, das haben wir alle im sonst eher überflüssigen Chemieunterricht und in der höchst nötigen Liebe gelernt. Die Gegenstände werden teilweise sogar wertvoller, wenn man sie konserviert, wie man sich auf jedem Kunst- und Antikmarkt und –laden versichern kann. Aber dann verfallen sie dem Rost oder dem Vergessen.

Auch Werte haben die Tendenz zu verfallen. In Europa gab es zwei dreißigjährige Kriege (1618-1648, 1914-1945) und alle Historiker und Dichter dieses Themas sind sich einig, dass die mentalen Zerstörungen am folgenreichsten waren. Die Barockdichter verwendeten die umgestürzte Kirche als Metapher für den Werteverfall. Kinshasa ist auch deshalb die Welthauptstadt der Vergewaltigung*, weil im Kongo der Staatsterror seit dem neunzehnten Jahrhundert wütete. Noch 1960 gab es in Belgien eine Postkarte ‚Souvenir de Leopoldville‘. Wir haben hier schon einmal auf den allerdings nicht kausalen Zusammenhang hingewiesen, dass in Europa Millionen Kinder ermordet wurden, und anschließend  signifikanter Kindermangel und Kinderangst herrschten. Erst jetzt kehrt sich dieses Verhältnis durch die Helikoptereltern und die Flüchtlingsmütter wieder um.

Die Zustände der menschlichen Gesellschaft haben sich in den letzten fünfzig Jahren schneller verändert als üblich, wenn man aber die davor liegenden fünfzig Jahre mit einbezieht, relativiert sich die Zeit und der Abgrund. Denn die Veränderung durch eine auf die Spitze getriebene Wertehierachie war gravierender als die darauf folgende, einfacher gesagt: 1945 brach mehr zusammen als 1990 neu entstand. Darunter sollten wir nicht nur die Völkermorde der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts sehen, sondern auch die Vertreibungen und Umsiedlungen, überhaupt die Menschenverachtung. 1945 ist letztmalig das falsche Konzept gescheitert, dass ein Mensch mehr oder weniger wert ist als der andere. Jeder spätere Versuch der Erneuerung oder auch nur Bewahrung steht unter diesem Verdikt des endgültigen Scheiterns.

Der Wert, den es zu bewahren gilt, ist also die Gleichheit aller Menschen, wie sie in Schillers berühmter Ode und Lessings nicht minder berühmten Drama als Ideal über der Menschheit schweben, wie sie aber auch in der Albert Schweitzers ‚Lehre der Ehrfurcht vor dem Leben‘ Eingang in das neuere philosophische Denken gefunden hat. Schweitzer kombinierte übrigens die denkerische Voraussetzung mit dem christlichen Wert der Barmherzigkeit. Er hat sich damit Kritik von beiden Seiten eingehandelt: von den Christen und den Atheisten, was aber seiner Lehre keinen Abbruch tut.

Der Aberglaube, dass der Staat die Probleme, die seine Bürger haben, lösen kann, wächst aus dem Aberglauben, dass er sie verursacht hat. Die Industrialisierung war ein Kind der Dampfmaschine, die Erfindung des Sozialstaats war dagegen das Auffangen der äußerst harten Folgen der Industrialisierung, was man damals ‚die soziale Frage‘ nannte. Der Wohlstand, der nötig ist, um Freiheit durch Konsum zu erreichen, ist keineswegs durch den Sozialstaat oder gar den Nationalsozialstaat oder den Ostblock erreicht worden, sondern durch Henry Ford und Walter Rathenau und ihre industrielle Massengüterproduktion bei gleichzeitiger angemessener Lohngewährung. Nebenbei: ungeachtet ihrer Herkunft oder ihrer sonstigen Ansichten besaßen sie beide die damals weltgrößten Konzerne, FORD und AEG.

Jeder Staat, der glaubt oder versucht, die Probleme der Menschheit ohne die Menschen zu lösen, wird einfach in sich zusammenbrechen. Der Staat kann lediglich Tendenzen verstärken oder auffangen oder bremsen. Neue Tendenzen sind immer wirtschaftlicher, religiöser, technologischer und eben auch staatlicher Natur. Für jeden einzelnen Bestandteil menschlichen Lebens gibt es jeweils eigene Theorien oder gar Ideologien, die vorgeben, alle Probleme lösen zu können. Obwohl wir gerade ein ausgesprochen technologisches Zeitalter durchleben, setzen dafür nicht empfängliche Menschen weiter auf den Staat oder auf die Wirtschaft oder auf die Religion als allround-Problemlöser. Aber natürlich kann die Technologie auch nur einen Teil der Probleme lösen, indem sie gleichzeitig neue schafft. Hinzu kommt, dass viele Technologien auch Lösungen anbieten, die vorher kein Problem waren, das gilt für den Buchdruck wie für das Automobil oder den Computer, dessen Zukunft offensichtlich im Smartphone und im Roboter liegt. Gleichzeitig wird die Grenze zwischen dem Computer und dem Menschen verblassen.

Je komplexer die Welt und ihre Probleme werden, desto stärker muss die Betonung und Bewahrung der alten, scheinbar unabänderlichen Werte sein: Tötungsverbot, Solidarität, komplexes Denken. Jede Lösung eines Problems erscheint erst hinterher einfach. Wer nach einfachen Lösungen sucht oder sie anspreist, irrt oder wird sich und andere verirren. Nicht leicht wird es werden, unseren großen technologischen und energetischen Anspruch mit der genau so großen Aufgabe der Bewahrung  der Natur und der Würde des Menschen zu vereinbaren. In einigen Punkten ist sicher Minimalismus die Antwort, aber der setzt meist Überdruss voraus. Diogones, der erste Kyniker, soll angeblich beim Anblick eines aus seinen Händen trinkenen Hirtenknaben seinen Becher weggeworfen haben. Aber solche Geschichten sind mehr Appell als Nacherzählung.

Menschlichkeit oder Solidarität ist ein Allgemeingut der Menschheit, aber auf der anderen Seite ist das, was wir bisher als Fortschritt oder Wachstum bezeichnet haben, keineswegs ein linearer oder ununmkehrbarer Prozess. Es gibt nie nur eine Richtung oder eine Antwort. Jede Wahrheit hat die Tendenz sich zu spalten. Nichts ist unteilbar. Vielmehr bezeugen die gegenwärtigen politischen und ideologischen  Auseinandersetzungen, dass alle Bewegungen sinus- oder helixförmig sind. Für die Entdeckung der doublehelix gab es sogar schon den Nobelpreis**.

Bewahren sollten wir uns immer unsere Neugier und Freundlichkeit.

 

*Zitat von Denis Mukwege, Friedensnobelpreisträger 2018

**Crick, Watson und Wilkins 1962

DUNKELZIFFER

 

Nr. 312

 

Es ist schon merkwürdig, dass gerade die Statistik, ein Bestandteil der Mathematik einerseits, und andererseits der Versuch, das chaotische Leben in Zahlen zu stecken und damit zu objektivieren, derart in Verruf geraten ist. Als die Statistik als Instrument der Wissenschaft entdeckt wurde, im neunzehnten Jahrhundert, war der Glaube an die Wissenschaft groß, er löste gerade den institutionaliserten religiösen Glauben in seiner absoluten und totalen Form ab. Die Staatskirche brach zusammen. Die Aufklärung, so die Frankfurter Schule, setzte sich selbst an die Stelle der soeben abgelösten Vormünder. Eines ihrer überzeugendsten Mittel war die Statistik. Zahlen, so glaubte man, können nicht lügen. Es überschnitten sich fast das ganze neunzehnte Jahrhundert lang der Glaube an eine Wahrheit und die Wissenschaft. Wir ahnen heute, dass sich die beiden viel wahrscheinlicher ausschließen. Jeder wissenschaftliche Satz ist gleichzeitig Interpretation und Hypothese. ‚Die Erde ist eine Scheibe‘ ist genauso wahr und unwahr wie ‚Die Erde ist keine Scheibe‘.

An diesem Punkt der Erkenntnis wurde die Dunkelziffer erfunden. Sie besagt, dass zwar soundsoviele Menschen dasundas getan oder nicht getan haben, aber dass wir nicht ausschließen können, dass es mehr oder weniger sind. Wir brauchen immer ungefähr ein halbes Jahrhundert, bis wir Neuerungen gedanklicher Art verinnerlichen. Jetzt wissen wir, wenn die Statistik schreibt, dass vierhundert Menschen in Deutschland in einem Jahr ermordet wurden, dann können es auch achthundert sein, die Dunkelziffer. Aber gerade bei Mord und bei Wahlen sind die Zahlen ziemlich genau, weil das auf der einen Seite sensible Bereiche des menschlichen Lebens in einer modernen Demokratie sind, und weil andererseits auch die Instrumente der Zählung in diesem Bereich besonders tauglich sind. So werden in Deutschland 95% aller Tötungsdelikte aufgeklärt, was nur dadurch für verlässliche Zahlen spricht, als man aus der Aufklärungquote auch den Stellenwert ableiten kann, etwa im Gegensatz zu Fahrraddiebstählen. Im deutschen Kaiserreich waren der Besitz und der Verlust von Dingen noch höhere Güter als die Unversehrtheit des Lebens. Die Reste von dieser Haltung findet man im Strafgesetzbuch.

Wir benutzen sonst die Dunkelziffer gern als Dehnungsargument. Wir haben zum Beispiel die Meinung, dass zu viele Menschen nach Europa einwandern. Dann werden wir jede Zahl in dieser Richtung deuten und zur Verstärkung unserer Ansicht eine Dunkelziffer hinzufügen, die uns bestärkt. Dunkelziffer heißt aber gerade, dass wir die tatsächliche Zahl nicht kennen. In einem Land ohne Mauern gibt es illegale Einwanderung, wie es auch illegale Auswanderung, zum Beispiel Steuerflucht, gibt. Um von diesem schwer erfassbaren Sachverhalt abzulenken, wird auf den sichtbaren Teil verwiesen. Der Flüchtling wird in den Mittelpunkt der Argumentation gestellt, und nicht die Migration. Der Flüchtling wird als illegal denunziert und verfolgt. Das war bei der Massenauswanderung der Europäer in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts so, das war in der DDR mit ihrer unseligen, todbringenden und symbolischen Mauer so, und es wird heute auch wieder versucht. Migration ist keine Dunkelziffer, sondern Bestandteil menschlichen Lebens. Wenn man zulässt, dass jedes Argument und jede Zahl durch eine Dunkelziffer unterminiert wird, dann macht man aus jedem Diskurs eine Gummizelle der Argumente. Die Dunkelziffer ist selbst eine Dunkelziffer, sie bringt – oft mit Absicht – die alte Ungenauigkeit und Unsicherheit als Herrschaftsinstrument zurück. Man muss sich Herrschaftsinstrument nicht nur als – unterstelltes – Regierungshandeln vorstellen, sondern neuerdings auch vor allem als Stimmenfang. Obwohl wir offensichtlich in einem eher erfolgreichen Land leben wird mittels der Dunkelziffer sein apokalyptischer Untergang vorausgesagt, entweder durch einen Volksaufstand, der ist in Deutschland eher selten, oder durch feindliche Machtübernahme. Dass wir gar keinen Feind haben, fällt in dieser Argumentation wahrscheinlich unter die Dunkelziffer.

Aber es gibt auch zwei Gegenentwürfe zur Dunkelziffer. Wenn es, wir folgen experimentell der vereinfachten Argumentation, eine Dunkelziffer auch bei Mord und Totschlag und Wahlbetrug gibt, dann muss es auch eine Dunkelziffer der Lebensrettung und der nicht gezählten Wähler – statt der angeblich hinzugefügten – geben. Weitaus mehr Menschen sind bereit, Risiken einzugehen, um Risiken zu minimieren. Ausschließen kann man Risiken bekanntlich nicht. Hinzu kommt dass eine Zahl eben nicht eine Zahl ist, sondern es ist eine Vorstellung, die sich ihren Weg durch die Friktionen des Informationsjungles bahnen musste. Was in der Zeitung steht, ist Interpretation. Was aber die Gegner der Zeitung sagen, ist auch Interpretation. Wenn wir dem SPIEGEL aus gutem Grund misstrauen, dann müssen wir uns fragen, warum wir dann aber plötzlich Herrn M. glauben sollen, der eine Facebookseite betreibt und gestern mit einem Pappschild ‚Merkel muss weg‘ gesehen wurde. Merkel ist nach Ansicht der einen die zweitbeliebteste Politikerin hierzulande, nach anderen Ansichten muss sie schnellstens weg.

Das zweite Gegenargument ist die Hellziffer. Sie wird einfach ignoriert. Der leider zu früh gestorbene schwedische Dunkelzifferforscher Hans Rosling* hat seine berühmte Frage, wieviel Mädchen in Ländern mit niedrigem Einkommen heute die Grundschule absolvieren (20, 40 oder 60%) auch Schimpansen vorgelegt, von denen wir annehmen, dass sie ihre Kreuze zufällig machen. Die Schimpansen kamen wenigstens auf den Mittelwert und schnitten damit besser ab als ihre menschlichen Brüder, die auf den schlechtesten Wert tippten. Und ‚tippten‘ ist das richtige Wort, wir folgen unserem apokalyptisch verseuchten Geist, unserem eingeborenen Pessimismus, unserer epidemischen Denkfaulheit. Wir sind zunehmend nicht bereit, aus dem Fenster zu sehen, auf die Straße zu gehen, ein einigermaßen sachliches Buch zu lesen, dem Diskussionspartner geduldig zuzuhören, mehr als die Überschrift eines Artikels zu lesen. Je mehr Informationen uns zur Verfügung stehen (könnten), desto mehr glauben wir an unerschütterliche Wahrheiten. Da hätten wir doch gleich im Mittelalter bleiben können. Das Gegenteil von Informationsflut und ewiger Wahrheit ist Navigation, wie man schon im Tagebuch von Christoph Kolumbus nachlesen kann. So wie nach der Erfindung des Buchdrucks versuchen auch jetzt Legenden, monokausale Einfachstbegründungen, Imitationsketten und sogar Hoaxes und UrbanLegends den Weg durch die neuen Medien. Die Antike belauert und bedrängt uns überall!

Die Dunkelziffer des Guten ist größer als die des Bösen, weil wir sonst bisher nicht hätten überleben können. Und da das Gute auch in der Hellziffer zunimmt, ist die Gefahr des Untergangs der Welt einschließlich ihrer Teile (zum Beispiel Deutschland) nicht größer als zur Zeit der größten bisher geschriebenen Apokalypse des Johannes aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert.

Die Dunkelziffer des Guten ist größer als die des Bösen.

* Hans Rosling, FACTFULNESS, Ullstein, Berlin 2018

HEIMAT

 

Nr. 311

 

Wir fahren durch eine nicht kontinuierlich berauschend schöne Landschaft. Sie ist weitgehend menschenleer und doch strukturiert. Aber es gibt wunderschöne Alleen und Wälder, in denen noch der Schatzhauser aus Wilhelm Hauffs wahrem Märchen zu leben scheint. Die letzte Eiszeit hat Hügel hingeworfen und Moore hinterlassen, die so scharf an die Straße grenzen, dass wir kurz denken, wie verschwunden wir wären, wenn wir vom Weg abkämen. Niemand wüsste, wo er uns suchen sollte, nicht für immer, aber für einige tausend Jahre wären wir unsichtbar, dann eine archäologische Sensation. Hier ganz in der Nähe ist im vorigen Jahr ein Bahndamm ins Moor abgerutscht. Vor ein paar Tagen verschwand eine steinalte, demente Frau, die in Russland geboren worden war, in die, wie ihre Tochter sagt, vierte Dimension. Sie brachte einen Mülleimer nach draußen, wurde dann von Hundestaffeln, Hubschraubern und Hundertschaften der Bundespolizei gesucht: vergeblich. Die Hügel sehen aus, als hätten Riesen sie hingeschoben, und ihr Schweiß sind die tümpelhaft täuschenden Moore.

In der scharfen Linkskurve hätten wir scharf nach rechts fahren müssen, nun müssen wir wenden und erreichen doch noch das versteckte Dorf. Die Kirche ist aus dem dreizehnten Jahrhundert, ein Feldsteinsaal mit angemalter Balkendecke. Vor dem Dreifenstergiebel steht einer der schönsten Renaissancealtäre weit und breit. Die Kirche war schon dem Verfall preisgegeben, der Altar auseinandergefallen, der auferstandene Jesus fehlt immer noch, die historische Orgel von einem Marder ausgeweidet. Wir glauben nicht an den Marder. Es gibt immer genug Menschen, die Zinn und Holz gebrauchen können. Vor dem wertvollen Altar ist ein Podest aufgebaut, von Scheinwerfern angestrahlt, ein Tischchen und drei Stühle. Die Vorsitzende des Bürgervereins, der schon die Kirche rettete, sagt den etwa siebzig Besuchern, die ihre Autos auf der Wiese neben den Schafen parkten, was sie erwartet:

Einst ging ein junger Mann* in Beirut in eine Bibliothek. Er schlug ein Buch auf und fand sein Lebensthema, ja, seinen Lebenssinn. Es waren Gedichte von Rainer Maria Rilke. Da er aber nicht Deutsch konnte, las er zunächst die englischen Übersetzungen, lernte dann Deutsch, wurde Philosophieprofessor und Lyriker.

In Deutschland lernte er einen berühmten Schauspieler** kennen, der jetzt, – die Rede der Vorsitzenden ist beendet -, eine Theaterlegende ist und in diese Kirche in diesem abgelegenen Dorf kommt. Er ist fast 90 Jahre alt und geht nicht am Stock, sondern spielt – immer noch als junger Mann – einen Greis, zum Beispiel den traurigen König Lear, der am Stock geht. Er spielte nicht nur in Berlin – Ecke Schönhauser und ein Dreivierteljahrhundert lang alle großen Theaterrollen unter allen großen Regisseuren, sondern auch Shakespeares Sonette mit Inge Keller in der Regie von Robert Wilson*** aus Waco, Texas, der Stadt mit den zwei Massakern, und mit der Musik von Rufus Wainwright, dem Schwiegersohn von Leonard Cohen. Bei uns ist in jedem Absatz mehr Welt als in einem ganzen Parteitag der so genannten Alternative für ein Land, das es so nicht mehr gibt und das man nicht zurückholen kann.

Jetzt liest er, dass ‚wir wie Stein im Bett des Schicksals‘ lägen und dass ‚der Wind an die Tür‘ klopfe und dass Jesus, der an dem Altar fehlt, gesteinigt wird, wieder und wieder. Ein Gedicht handelt davon, dass wir wissen wollen, woher alles kommt, aber nicht, wohin alles geht. Seine Stimme ist unverwechselbar, man hört den Berliner durch, aber es ist ein Berliner, der durch die Welt der Worte schlurfte und wie ein Schwamm, wie ein Moor den Sinn aufsaugte, der verborgen scheint und doch überall zutage liegt. Dieser Sinn des Lebens oder der Welt wird durch die atmosphärischen Klänge der arabischen Laute, oud, was Holz heißt und von dem unser Wort ‚Laute‘ abstammt, die seit dem zweiten vorchristlichen Jahrtausend bekannt ist, bloßgelegt. Weil sie keine Bünde hat, können diese natürlich wirkenden Glissandi**** hervorgebracht werden. Sie klingen wie das schluchzende Singen einer alten Frau mit einer jungen straffen Sopranstimme. Eine Oktave ist nicht in zwölf Töne, wie beim europäischen System, sondern in achtzehn Töne unterteilt, so dass wir Vierteltöne hören. Die Tonsysteme der Welt haben ihre Namen vielleicht in Europa erhalten, aber sie sind auch tatsächlich vergleichbar, ähnlich, austauschbar. Wenn wir nicht hinsähen, würden wir nicht die arabische Musik von derjenigen unterscheiden können, die hier gespielt wurde, als der Altar entstand. Das war 1610.

Im Publikum sitzt eine Frau mit leuchtend rotem Haar, ganz wie der Judas in der Predella des Altars. Ein alter Mann hat eine usbekische Mütze auf. Wahrscheinlich ist er ein bekannter Künstler, die meisten Künstler hier sind Maler. Aber er ist der Traditionsbrecher, wir haben nichts dagegen, aber wir wollen es sagen, weil es soviel Geschrei auf den Straßen gibt, wer wessen Kultur missachtet. Diese Kirche hier wurde weder durch die Usbekenmütze noch durch den Islam fast zum Einsturz gebracht, sondern durch Gleichgültigkeit und durch das Verlöschen des christlichen Lichts in Europa. Und erhalten wurde sie, kurz gesagt, durch die Kunst.

Wir hören also in einem verschwundenen uckermärkischen Dorf sowohl das mehr als viertausend Jahre alte Instrument, sitzen vor einem mehr als vierhundert Jahre alten wunderschönen Altar, dessen Bildsprache zwischen höchster Abstraktion und fast infantilem Jahrmarkt schwankt, hören einem höchst bemerkenswerten alten Mann zu, der einen Dichter interpretiert, der zwischen Babel , Beirut und Berlin, aber immer in den Worten zuhause war. Hölderlin, der von einer weniger bekannten Frau gelesen wurde, verblasste vielleicht nur, weil er mehr bekannt ist.

In Babel, auch das ein uralter multikultureller und multireligiöser Ort, wurden angeblich die Sprachen verwirrt, aber die Menschen verstanden sich trotzdem. Sie lauschten der oud und summten in ihrer Seele, dass nur Liebe belebt – und beinahe hätten wir gesagt – und sonst gar nichts. Deshalb wurde Jesus gesteinigt und deshalb – vielleicht – fehlt er auf diesem Altar.

Das Geschrei auf den Straßen will uns weismachen, dass Heimat der Staat sei, dessen Grenzen, wie jeder, der aus Deutschland oder Babel ist, weiß,  verschiebbar waren und sind und tausendmal verschoben wurden. Grenzen sind immer auch gleichbedeutend mit Gefängnis. Draußen, vor der Kirche, weiden jene Schwarzkopfschafe, auch sie leiden unter dem Elektrozaun, der irre Grenze ist, denn nirgendwo scheint das Gras grüner als hinter dem Zaun. Der Bock trägt eine Schürze um sein Genital. Der Mensch hat sich schon sattgewürgt an den überzähligen Lämmern, die er dem Wolf und dem Migranten missgönnt. Wir missbilligen das Schlachten in angeblich anderen Kulturen, und billigen die Massentierhaltung und das Töten von, allein in Deutschland, fünfzig Millionen männlichen Küken jährlich. Wir missbilligen die Burka, billigen aber die sexistische Herabwürdigung der Frau in jedem Schmutzblatt, das in jedem Zeitungsladen sichtbar ist. Wir verurteilen angeblich mittelalterliche Rituale und dulden das Insektensterben, das Vogelsterben, den allgemeinen biologischen Tod, auch eines zwölftausend Jahre alten Waldes, nur weil wir nicht von der Gewohnheit des Überfressens lassen wollen.  Die Angst vor einem undefinierbaren und unvorstellbaren Identitätsverlust – wie können wir unsere Identität verlieren, die eine Eigenschaft der Seele ist? -, lässt uns Insektensterben durch Monokultur, Entwürdigungen aus merkantilem Größenwahn und Massentierhaltung hinnehmen und irgendwelchen unwichtigen Randerscheinungen die Schuld geben. Die vielen schwarzweißen Fachwerkhäuser hier zeugen von der einstigen Desintegration und der jetzigen Überintegration der französischen Einwanderer. Sie sprechen heute noch nicht einmal mehr ihre Namen französisch aus. Was ist richtig?

Wir bezweifeln, dass der Marder die Orgel fraß. Die Kirche wurde von einem Bürgerverein gerettet, nicht vom Christentum. Die Eiszeitlandschaft und der Renaissancealtar sind mehr Heimat als der Staat oder das Christentum oder Recht oder vergängliche Ordnung. Wer wüsste das besser als jede Hausfrau, die es nicht mehr gibt.  Das Menschenrecht, auf das Europa so stolz ist, stand schon auf den Gesetzestafeln des Hammurapi aus Babel und des migrantischen und unehelichen Sohns Mose aus Ägypten. Die Laute, aus der die gesamte Musik hervorging, die Kunst, ja, selbst der Maler mit der Usbekenmütze sind mehr Heimat als jeder Grenzpfahl.

Heimat ist ein Gedanke, ein Gefühl, eine austauschbare Traditionslinie, mehr Weihnachten als Staat oder Apparat.

 

 

 

*          Fuad Rifka 1930-2011

**        Jürgen Holtz, geboren 1932 in Berlin

***       dessen künstlerische und tatsächliche Biografie Abbilder der inneren und äußeren Welt sind

****     Rutschen auf den Saiten

BLOWING IN THE WIND

 

Nr.  310

Gut, Gundermann war jünger und fand Zimmermann schon in seinem Liederbuch vor, als er lesen lernte.

Es ist ganz sicher ein glücklicher Umstand, wenn man in eine Emanzipationsbewegung globaler Größe wächst. Zimmermann spielte für die damaligen Größen Woody Guthrie oder Pete Seeger, die uns heute als seine bloßen Vorläufer erscheinen, Mundharmonika, ehe er selbst als großer Künstler wahrgenommen wurde. Von da bis zum Literaturnobelpreis ist es weiter als von Hoyerswerda auf den Olymp. Aber schon 1963 sang Zimmermann vor 500.000 Menschen auf dem Marsch nach Washington, Martin Luther King hielt eine nicht weniger weltwichtige und weltberühmte Rede.

Im Osten lasen wir mehr Brecht als Kafka. Brecht ist sicher ein großer Dichter, aber ein großer Teil seiner Weltdeutung ist Antwort: Wer baute das siebentorige Theben? Was wie eine Frage aussieht, ist weniger als eine Antwort. Es ist vielmehr die rhetorisch und poetische geschickte und schöne Verwirklichung einer Ideologie. In Wirklichkeit ist die Idee des Hauses weitaus bedeutsamer als die Tätigkeit des Maurers und der Maurer selbst. Die Idee der Pyramiden rechtfertigt nicht die Opfer ihres Baus, aber überschattet sie. Die Opfer erhalten nachträglich einen Sinn als Mitträger einer großen Idee, die auch nach zweieinhalbtausend Jahren noch wirksam ist. Besser wäre es natürlich, Ideen ohne Opfer zu verwirklichen, aber das ist wohl noch niemandem gelungen. Brecht war für uns die perfekte Übereinstimmung zwischen größtmöglicher Poesie und hundertprozentiger Übereinstimmung mit dem System. Daran änderte auch sein Gedicht über den 17. Juni nichts, in dem er vorschlug, dass die Regierung sich doch ein anders Volk wählen sollte. In der Zeitung stand an diesem Tag sein unterwürfiger Brief an Walter Ulbricht. Dieser Brecht, dem es um Übereinstimmung ging, wurde Vorbild für uns alle, aber auch für Gundermann und Biermann, der auch später im Westen immer so weiterdichtete. Wir waren Epigonen.

Gegen diese Verherrlichung und Kultur der Antwort dichtete der Mundharmonika spielende Weltstar sein weltberühmtes Lied, in dem nur der Wind die Antwort weiß, wir dagegen noch nicht einmal die Fragen wissen. Nie sind wir Teil einer Bewegung oder Gruppe, die gewinnen kann. Es geht nicht um das Gewinnen. Fast jede Idee verkommt zur Ideologie. Fast jede Ideologie spaltete sich immer wieder auf in neue Gruppen, die alle die eine richtige Antwort haben, die von Wahrheit schwafeln statt Fragen zu stellen. Und: der Wind ist noch weniger als niemand. Sobald wir den Hauch einer Antwort in Händen zu halten glauben, fliegt er weg, vergeht wie Rauch im Wind, wie schon der Barockdichter Johann Matthäus Meyfart dichtete und später Paul Celan in einen grausigen Zusammenhang stellte. Die Aufklärungstraditionslinie der Antwort übersah die kafkaeske Fragestellung: kann es sein, dass jemand, ohne ein Verbrechen begangen zu haben, in einem Prozess verurteilt wird? Da wo ausnahmsweise die Antwort auf der Hand lag, wollten wir sie nicht wissen. Kafka passte nicht, der Fortschritt widersprach dem Käfer.

Der zweite große Unterschied mag die Isolation Gundermanns sein, die ihn zu einem Opportunismus trieb, der sich hinterher leicht verurteilen lässt. Opportunisten sind wir alle und müssen es auch sein. Aber man muss auch sehen, dass ein isoliertes System, das um sich herum eine Mauer gebaut hat oder baut, zu noch mehr Opportunismus aufruft, weil der Weg versperrt ist. Die amerikanische Gesellschaft, so oft sie auch polarisiert war, bis hin zum Bürgerkrieg, war doch immer, und vielleicht ist das sogar ihr Ideal (gewesen?), offen für die Emanzipation ihrer Teilnehmer. Bis zum Exzess war es in Amerika möglich, Antwortideologien zu betreiben. Man konnte einen Afroamerikaner aufhängen und verbrennen und ihm die Finger abhacken, damit er sich nicht befreien kann und noch Postkarten über diese ungeheuerliche Schandtat verbreiten*. Und man kann immer noch einen afroamerikanischen Jugendlichen erschießen, ohne bestraft zu werden**.  Aber man kann auch seinen Einberufungsbefehl verbrennen und anschließend Präsident werden. Man kann auch mit Protest- und Emanzipationsliedern weltberühmt werden. Der Unterschied der Orte – auch der Epochen – besteht wohl darin, ob man sich Emanzipation als eine Gewährung von Rechten oder eine Eroberung von Pflichten und Rechten vorstellt. Die Mittelalterlichkeit solcher Gewährungsideologie mag sich an dem Beispiel der Ketzerkinder verdeutlichen. Unter emancipatio canonica verstand man im Mittelalter die  Inobhutnahme der Kinder der gekillten Ketzer durch die Klöster. Das gleiche maßte sich aber auch der schweizerische Staat in bezug auf die Kinder der Jenischen an, die DDR in bezug auf die Kinder der Staatsfeinde oder Republikflüchtigen, dies auch die authentischen Wörter. Der ganze platte Antiamerikanismus greift nicht, wenn nicht immer ‚Blowing In The Wind‘ mitgedacht wird, was aber nicht geht, weil er sich dann selber – mitsamt seiner monokausalen Antwort – infrage stellen müsste. ‚Blowing In The Wind‘: that’s America but better, um die kanadische Alternativwerbung zu persiflieren (denn zitieren ist immer auch persiflieren oder camouflieren). Mit seiner Weltmachtstellung wird Amerika auch sein emanzipatorisches Vorbild einbüßen, auch den Übernamen. In hundert Jahren werden wir statt Amerika USA sagen müssen und ein Land meinen, von dem weder Schrecken noch Vorbild ausgehen. Wir müssen uns aber auch nicht vor einer neuen Weltmacht ängstigen. Es gibt keinen Kandidaten. Wir streben nach Emanzipation und nicht nach neuen Herren, und der Anteil von Robert Zimmermann an diesem Streben war größer als gedacht und gewollt.

Es gibt immer weltweit ein oder zwei Dutzend Menschen, die das Automobil oder die Nichtantwort in einem Lied erfinden könnten. Talent haben viele. Jede Coverband hat mehr Talent. Es ist auch nicht so, dass man in Unfreiheit nicht über Freiheit singen könnte. Andererseits können auch Epigonen viel Geld verdienen. Was die Welt voranbringt, ist eben nicht ein bestimmtes Rezept, eine einfache oder komplizierte Antwort, ein Grund, der alles oder nichts erklärt, sondern das Beharren auf der Irrationalität der Dinge und Menschen. Der Traum weiß mehr als dein Gedächtnis. Der Traum ist beharrlicher als jeder Plan. Er lässt sich nicht einsperren oder beseitigen, nicht diskreditieren oder beleidigen. Der Traum ist der Traum ist der Traum…schon Gertrude Stein ist für diesen wunderbaren und grundeinfachen Gedanken verlacht worden, und doch kennt ihn jeder.

Und deshalb hatte es der arme Gundermann mit seinen schönen Zeilen so schwer.

*     Jesse Washington † 1916, erstes Waco-Massaker

**  Trayvon Martin † 2012

MIGRATION IST DAS KIND ALLER PROBLEME

 

Nr.  309

 

Auszuwandern ist ein solch tiefgreifender Entschluss wie Suizid. Auszuwandern ist ein fast irreversibler Entschluss, theoretisch kann man zwar zurück, aber praktisch macht es keiner.

Vor mehr als 150 Jahren gingen hier aus dieser Gegend, in der ich heute schreibe, zwei ganze Dörfer geschlossen nach Amerika. Es gibt für diesen Entschluss nicht nur einen Grund, aber der Hauptgrund war ganz sicher die erwartete wirtschaftliche Verbesserung des Lebens. Der Hauptgrund war die zeitweilige Überbevölkerung Europas. Ideologisch darüber gesetzt war hier eine heute kaum nachzuvollziehende religiöse Frage. Der preußische König wollte die beiden protestantischen Konfessionen, lutherisch und reformiert, vereinigen, und dagegen setzte sich ein Teil der Lutheraner zur Wehr. Aber sie hatten zwei Möglichkeiten: sie gründeten ihre alte Kirche neu, es entstanden die Altlutheraner, oder sie konnten sich der ebenfalls halb organisierten Auswanderung anschließen. Der Staat versuchte, diese Auswanderung durch Verweigerung von Reisepässen oder schikanöse Aufenthalte zu verhindern. Auch die Wehrpflicht wurde dazu missbraucht. Trotz dieser Behinderungen wanderten im neunzehnten Jahrhundert fast vier Millionen Menschen aus allen deutschen Ländern nach Amerika aus.

In einem der beiden Dörfer gab es eine unschlüssige Bäuerin. Einerseits liebte sie ihren Mann, was damals auch nicht unbedingt die Regel war, und konnte seine Gründe zur geplanten Auswanderung gut verstehen. Andererseits konnte sie sich nicht von ihrer Heimat, von ihrem Dorf, von ihrem Hof, von ihren Tieren, von ihrem Hausrat und von allem, was ihr bisher wichtig war, trennen. Insofern ist die Auswanderung tatsächlich unumkehrbar, denn selbst wenn man zurückkäme, wäre nichts mehr so, wie es einmal war. Hinzu kommt die empfundene oder tatsächliche Schande, dass man es nicht geschafft hat, sozusagen hier und dort in der anderen Welt nicht geschafft hat. Die Bäuerin blieb also hier und trennte sich lieber von dem einen geliebten Mann als von den tausend geliebten Gewohnheiten und Gegenständen.  Der Mann ging nach Amerika und war auch erfolgreich, konnte es aber auf Dauer ohne seine Frau nicht aushalten. Eines nachts klopfte er an ihre Tür, die auch einstmals seine Tür gewesen war. Nun aber konnte es die Frau nicht aushalten, ihren geliebten Mann durch eben diese Liebe gehindert zu haben, seine Lebensplane zu verwirklichen. Nach wieder einer Bedenkzeit gingen nun beide nach Amerika und wir wollen hoffen, dass der Mann seinen erfolgreichen Beginn dort hatte sichern können, so dass sie daran anknüpfen konnten. Dieser Teil der Geschichte ist nicht überliefert. Sie zeigt, dass die Probleme der Auswanderung den Menschen bis zur Zerrissenheit belasten können. In jeder Auswanderung liegt der Keim des Todes, des Scheiterns, der Spaltung, des Wahnsinns. Der Erfolg bleibt so lange bloße Hoffnung am Horizont, bis er tatsächlich eintritt. Aber es gibt keine Statistik. Das ist der Grund, warum man früher an ein Jüngstes Gericht geglaubt hat: die Erfolgreichen wollen sich verewigt sehen, und wer in der Fremde erfolgreich war, will, dass es die Heimat weiß.

Man kann Migration also nicht nur von den eventuellen Problemen des Ziellandes her betrachten. Weder kennt jemand alle Ursachen, noch kann man die Folgen auch nur erahnen. Die Vereinigten Staaten schienen lange Zeit englisch geprägt zu sein, in Kanada gab es auch einen bedeutenden französischen Einfluss, auch die Niederlande und Deutschland, Schweden, Irland und Italien haben wichtige Spuren hinterlassen, in jüngster Zeit sind es vor allem Puertorikaner und andere Latinos, die prägend wirken. Aber die bedeutendsten und berühmtesten Amerikaner waren und sind Juden und Afroamerikaner.

Die gesamte heutige Popkultur, die Allgegenwart von Musik und Entertainment,  geht auf einen kleinen schwererziehbaren Jungen* zurück, der im Waisenhaus von New Orleans ein verbeultes Kornett in die Hand gedrückt bekam, um auf Beerdigungen zu spielen. Diese tieftraurige Musik war schon eine Mischung aus dem Rhythmus und der tiefen Frömmigkeit der Baumwollplantagen, dem europäischen, von Bach polyphon gedachten und gemachten Choral und dem türkischen Militärinstrumentarium. Auch die Übermacht der Gitarre in der Popkultur ist nur mit ihrer Migration zu erklären. Ihr Ursprung ist der nahe Osten vorislamischer Zeit. Die andere Seite der heutigen Kultur, die ebenfalls allgegenwärtigen Filme und Geschichten, gehen auf drei jüdische Handschuhmacher** aus Warschau zurück. Die Schallplatte als Urmuster der Aufzeichnung stammt von Emil Berliner aus Hannover, aber auch aus Amerika. All diese Folgen konnte niemand vorhersehen.

Die Entwicklung der eigenen Kinder, die man sich früher als Kopien dachte, liegt in demselben Nebel der Zukunft wie die des Migranten aus dem benachbarten Asylbewerberheim. Natürlich haben wir Einfluss auf die Bedingungen, unter denen sich unsere Kinder entwickeln. Betrachten wir aber die Masse der neuesten Immigranten, dann sehen wir deutlich, dass deren Eltern ganz ähnlich gedacht haben wie wir, bis zu dem Zeitpunkt, als die Familie die Flucht beschloss und finanziell unterfütterte. Viele haben aber auch in den Zwischenländern gearbeitet und so das Geld für die Schlepper verdient. Wir können unseren Kindern, und die fernen Eltern ihren Kindern, gute Fähigkeiten zu vermitteln versuchen, wir können sie zu Beharrlichkeit ermuntern, vielleicht sogar befähigen, aber all die Außenbedingungen, all die unwägbaren Ereignisse auf jedem Lebensweg, die nennen wir weiter Glück oder eben Pech. Der Fleiß und das angenehme Wesen jeder Glücksmarie sollte uns beflügeln, wie uns die Faulheit und das abstoßende Wesen der Pechmarie warnen kann, aber ganz frei von beiden werden wir nie sein können. Der Trost ist nur die Sinustheorie: nach einem Tief kommt mit großer Wahrscheinlichkeit, jedenfalls statistisch gesehen, auch wieder ein Hoch. Niemals kann der Trost sein, dass senile Minister uns versprechen: morgen wird alles besser, wenn wir heute alles verbieten.

* Louis Armstrong      **  Warner Brothers

migration ist das kind aller probleme

FRIKTIONEN

 

Nr. 308

Autobahnen wurden zuerst in Amerika und Deutschland gebaut, damit Automobile unbehindert von langsameren Fahrzeugen, von Kreuzungen oder Ortsdurchfahrten vorwärts kommen. Fährt man nun aber zu Beginn des Hochsommers oder am Montagmorgen auf der A 9 in den Süden oder der A 2 in den Westen, dann wird das eigene Automobil durch unzählbare weitere Automobile behindert. Manchmal sitzen Rentner am Weg und zählen die unzählbaren Vehikel. Daraus kann man zwei Schlüsse ziehen: jede Erfindung oder Verbesserung schafft neue Probleme. Das Doppelparadox des Automobils besteht darin, dass es, je weniger Autos es gibt, desto ungerechter zugeht, je mehr Autos es dagegen gibt, desto undurchdringlicher und ungerechter wird der Verkehr. Das ist sogar ein klassisches Dilemma, und je mehr man darüber nachdenkt, desto mehr kommt man zu dem Schluss, dass das ganze Leben ein Dilemma ist. Und je mehr man über diesen schönen Satz nachdenkt, desto mehr kommt man zu dem Schluss, dass er genau die Mitte bildet zwischen dem philosophischen – ein Problem mit zwei gleich schlechten Lösungen – und dem Alltagsbegriff – ganz allgemein eine ausweglose Lage. Das zweite Paradox: je stärker ein Automobil ist, desto größer ist die Abhängigkeit von ihm. Der zweite Schluss jedoch ist beinahe noch interessanter: sobald wir uns auf einen Weg machen, einen Entschluss verwirklichen, eine Aufgabe lösen, ein Leben leben, stoßen wir auf Schwierigkeiten, die wir vorher nicht kannten und absehen konnten. Umgekehrt heißt dies: dass man ständig Erfahrungen macht, die man dann nie wieder braucht.

Es besteht sogar die Gefahr, dass wir diese Erfahrungen als zusätzliche Behinderung empfinden könnten: Wir gehen einen neuen Weg, wir stoßen auf unvorhersehbare Schwierigkeiten und versuchen, sie mit alten Mitteln zu lösen. Am bittersten empfinden wir diese aufgetürmten Probleme, wenn wir mit anderen Menschen zusammen Probleme oder Aufgaben lösen, mit denen wir uns erfahrungsgemäß gut verstehen, die aber plötzlich nicht mehr mitmachen wollen oder können. Menschen, überhaupt Lebewesen, verfügen nicht nur über rationale, seit dem neunzehnten Jahrhundert weit überschätzte Lösungsalgorithmen, sondern auch über emotionale, tief eingegrabene Spuren. Beide können sich befördern und befeuern, gemeinsam wirken, aber natürlich auch gegenseitig behindern. Der schlimmste Fall einer solchen Behinderung ist die Spaltung, zum Beispiel die Schizophrenie. Andererseits ist jedes Schisma auch eine Konfliktlösung, denn oft genug wird die Spaltung des gegnerischen Schädels als eine Lösung angesehen.

Immer wieder entstehen, ob nun aus Spaltungen oder neuen Ideen, neue Parteien oder Bewegungen. Der Gedanke ihrer Gründung mag gut sein, vor allem gut gemeint, aber sobald sie die ersten Schritte machen, müssen sie zwangläufig stolpern, schlittern und scheitern Sie müssen, ob sie es wollen oder nicht, sich einerseits den Gepflogenheiten, die sie gerade bekämpfen wollten, anpassen, und andererseits einen großen Teil ihrer Ideen und ihrer Energie für den Machterhalt abstellen. Deshalb kann nur Politiker werden, wer Machtmensch ist. Genau das kann ihm später schlecht vorgeworfen werden.  Wir anderen folgen diesen Machtmenschen so sehr, dass wir selbst in der Demokratie alle Leistungen und alle Fehler immer mit einer Person in Verbindung bringen oder die Führungsperson ausdrücklich ausnehmen, wenn es um Fehler geht. Wir haben ein Bild der Welt, die von Menschen gemacht ist, und vergessen, dass  auch das Bild von Menschen gemacht ist.

Ein großer Teil des Risses, der heute durch die Welt geht, ist in Wirklichkeit ein gerissenes Bild. Noch vor hundert Jahren waren  drei Viertel aller Menschen Analphabeten, heute hat die Hälfte der Menschheit ein Smartphone. Nicht mehr der eigene Augenschein und eine überschaubare Ideologie entscheiden über die Glaubhaftigkeit, sondern Dutzende und Aberdutzende atomisierte und sich überschneidende und widersprechende Informationen. Auf der einen Seite gibt es ein Festhalten an archaischen Glaubenssätzen, auf der anderen Seite aber sekundenschnell wechselnde Informationsschnipsel. Die Medien müssen auch dann etwas berichten, wenn gar nichts passiert ist. Wir kehren zu unserem Anfangsgedanken zurück: am Morgen betritt ein missgelaunter Redakteur seine Arbeitsstätte, aber es liegt keine Nachricht vor, er hat auch keine Idee für ein Portrait oder einen Kommentar. Man muss gar nicht behaupten, dass er sich jetzt einen Mord ausdenkt, aber er wird etwas irrelevantes zu etwas relevantem zu machen versuchen. Vielleicht hat er Glück und seine Leser verlangen nur den zwölften Aufguss der Nachrichten von vorgestern. Wir vergessen zu leicht, dass es keine Staatsmedien mehr gibt, sondern dass eine Zeitung oder eine Fernsehsendung eine Ware ist, die verkauft wird. Natürlich gibt es staatsnahe Journalisten, es gibt ja auch staatsnahe Leser.

Diese überproportionale Personalisierung der Politik, die tatsächlich ein fast unentwirrbares Geflecht aus sich oft widersprechenden Kompromissen und nicht die einmalige Leistung eines einmaligen Politikers ist, und diese Monopolisierung eines Informationsmediums, das in Wirklichkeit ein Teppich oder ein Fluss aus vielen unwichtigen, nebensächlichen, redundanten oder vielleicht auch lebenswichtigen Nachrichten, Kommentaren, Bildern, Portraits besteht, sind ein großer Teil unseres Problems.

Wann haben wir das letzte Mal eine für uns lebenswichtige Nachricht gehört? Wann kam in welchem Fernsehsender etwas, das uns bis auf die Grundfesten erschüttert und zu gänzlich neuem Handeln befähigt hat? Nichts ist schädlicher als das Fernsehen, weil es Nähe suggeriert, obwohl es – richtigerweise – Fernsehen heißt und ist. Statt das Misstrauen immer neu zu formulieren, sollte man es einfach abschalten. Andererseits ist es schwer, gegen Gewohnheiten oder gar Süchte anzukommen. Mit diesen Friktionen müssen wir leben.

Der preußische Militärtheoretiker Carl von Clausewitz hat diesen Friktionsbegriff in dieser Bedeutung in seinem nachgelassenen Werk VOM KRIEGE verwendet. Sein Buch wurde viel gedeutet und viel missgedeutet. Man überlas gerne, dass er eigentlich nur Verteidigungskriege für gewinnbar hielt, man überlas, dass er begründete, dass jeder Krieg aus tausenden Schwierigkeiten besteht und deshalb die Neigung hat, sich von der Politik und von den allgemeinen Regeln zu entfernen, was später totaler Krieg hieß. Es ist ein durch und durch intelligentes und erstaunliches Buch. Clausewitz starb an der Cholera, und viele, die ihn kannten beobachteten, dass er nicht so ungern aus der Welt voller Friktionen ging.

Heute würde dieses große Buch geschrieben sein und wird gelesen für Leute und von Leuten, die lernen wollen, wie man einen Konzern oder ein Produkt in die Weltwirtschaft implantieren kann. Und da lernt man: Wirtschaft ist Chaos, sie folgt keinen Regeln oder jedenfalls nicht sehr lange. Schon allein die Friktionen zu überstehen, braucht es Genie.

DER WÄRE 1933 MITMARSCHIERT (2)

 

Nr. 307

Die Rechten wollen nicht mehr Rechte sein, die Linken nicht mehr Linke. Die Reichstagsmetaphern haben ausgedient. Zwei Linien scheinen sich zu kreuzen, deren Wirkung wir noch nicht ganz verstehen: auf der einen Seite haben Bildung, Demokratie, Wohlstand und Freiheit zu einer Individualisierung geführt, die früher und für manche heute noch nicht vorstellbar war und ist; auf der anderen Seite gibt es ein Überangebot von meist überflüssigen Informationen, so dass sich zwar jeder ein Urteil bilden könnte, aber wir alle sind gehindert durch unsere wachsende Inkompetenz.

Als Information oder Nachricht werden viertelstündlich auch Absichtserklärungen von Hinterbänklern der Parlamente verbreitet. Minderheiten, rechts und links der immer wieder beschworenen Mitte der Gesellschaft, werden überdurchschnittlich oft zitiert. Wir wissen genau, was Gauland und Wagenknecht gestern gesagt haben, aber wir verstehen immer weniger, dass Politik ein äußerst kompliziertes Geflecht von Versuchen und Kompromissen ist. Trump gibt mit seinem fortwährenden Getwittere sogar bessere Einblicke in dieses Kontinuum von Widersprüchlichkeiten als mancher seriöse Politiker, der noch alte Vorstellungen von Diskretion hat. Auf der anderen Seite müssen die Bilder eines betrunkenen Kommissionspräsidenten der EU für deren Schwächen herhalten.

Die ganze Menschheitsgeschichte hindurch, also lange vor rechts und links, zeigen sich zwei Tendenzen, die deshalb auch in den alten Schriften stehen: dass nämlich jegliches seine Zeit hätte und dass uns die Übel, die wir haben, leichter zu ertragen sind als die unbekannten kommenden. Formuliert haben das der weise König Salomo, in der Antike wurde das Buch Kohelet, Sammler, genannt, der andere Sammler ist Shakespeare in seiner Tragödie über den Zauderer, im berühmten Monolog. Die andere Seite der Vergänglichkeit ist jenes: Turn! Turn! Turn! To everything there is a season. Dieses Zitat ist aus dem Lied eines Linken und meint sicher die Aufforderung, die Welt zu verändern. Dass diese Veränderungen keine Verbesserungen waren, wissen wir heute. Aber bei dieser Kritik wird leicht übersehen, dass jenes turn, turn, turn einfach auch eine Beschreibung der Welt ist: alles ändert sich. Unsere Interpretation will dagegen, dass vieles so bleibt wie es ist. das beschreibt Shakespeare im Hamlet und das ist wohl der Grund, warum das Drama seit vierhundert Jahren auf der Bühne und das Zitat in aller Munde ist. Wie eine Illustration dazu wirkt das eigenartige Verhalten der Politiker, die sowohl die Ausreise als auch die Einreise verhindern wollen. Alles soll so bleiben. Die Menschen aber gehen den Veränderungen der Natur, der Kultur, der Politik, des Marktes nach und verändern sich mit ihnen. Das kann man mit Beharren, aber auch mit Wandern. Als Millionen Deutsche oder Iren ihr Land verließen, gab es hilflose Versuche der Politik, dies zu verhindern. Als Millionen Deutsche 1945 ihre Heimat verließen, gab es hilflose Versuche, ihre Ankunft genau in dieser Stadt oder in diesem Dorf zu verhindern. Der Vorwurf: ihr seid Zigeuner, geht dahin zurück, woher ihr kamt. Allerdings griff hier die Politik moderierend ein. Die Industrialisierung wurde als grundstürzende Veränderung verstanden, Millionen Menschen wurden heimatlos und zogen in die Städte. Grenzen verschoben sich, Völker wurden zwangsumgesiedelt. Aber am Rand des Geschehens steht immer eine kleine Gruppe mit einem Deutschlandhütchen auf dem Kopf oder einem roten Fähnchen in der Hand und ruft STOP. Im Raum kann man anhalten und sogar rückwärts fahren, in der Zeit geht das nicht. Obwohl fast nichts gestern besser war als heute, inzwischen gibt es eine schöne Buchserie dazu, sehnen wir uns nach einem scheinbar sicheren Gestern. Weil es nicht so schön ist zu altern, sehnt man sich nach seiner Jugend zurück, nicht weil man deren Unsicherheit und Unfreiheit plötzlich höher schätzt. In Russland sehnen sich viele Menschen nach der Sowjetunion, nicht weil sie plötzlich wieder nach Lebensmitteln anstehen wollen, sondern weil sie sie besser kannten. Es gibt Menschen, die von der DDR träumen, weil sie die Wundräder nicht verstehen. Andererseits gibt es erstaunlich viele Menschen, welche noch im hohen Alter nach vorne sehen und keinesfalls die Stillstandspartei oder die Zwangsfortschrittsparteien wählen. Erstaunlich viele Menschen verstehen, dass die Welt täglich komplexer und damit weniger evident wird. Das hindert die anderen vielen nicht, es umgekehrt zu sehen.

Die Welt ist nicht logisch, alle Versuche, sie in ein Schema des Verstandes allein zu zwängen, sind gescheitert. Allen voran ist es Hegel gewesen, der das Werden mit Fortschritt und das Unverständliche mit dem Mangel des Verstandes erklärte. Aber kaum war Hegel ein ‚toter Hund‘, wurde schon im sächsischen Dorf Röcken der kleine Nietzsche geboren, der schon als Schüler die Welt in Erstaunen versetzte: „Die Presse, die Maschine, die Eisenbahn, der Telegraph sind Prämissen, deren tausendjährige Konklusion noch niemand zu ziehen gewagt hat.“ Nicht Reiche währen tausend Jahre, sondern unabsehbare Konklusionen, und deshalb lohnt es, den alten weisen König Salomo immer wieder zu lesen, Shakespeare ist uns ohnehin nah.

Wer die Welt anhalten will, hat schon verloren. Überall werden solche Parteien gewählt, weil viele Menschen an die einfachen Lösungen glauben wollen. Aus ihrem täglichen Leben wissen sie es besser, aber sie versuchen es zum wiederholten Mal: vielleicht ist der US-Imperialismus schuld, oder Rothschild oder Rotfront, die Immigranten oder die Auswanderer, die Politiker oder die politikverdrossenen Wähler, die Kirche oder die Ungläubigen, der Werteverlust oder die Konservativen.

Die Frage ist falsch gestellt. Es ist niemand schuld. Und wenn jemand schuld wäre, würde seine Erschießung auch nichts am Lauf der Welt ändern. Obwohl Tuchatschewski erschossen wurde, hat Russland im zweiten Weltkrieg gewonnen, obwohl Rathenau erschossen wurde, ist Deutschland Exportweltmeister geworden, obwohl Martin Luther King und Kennedy erschossen wurden, wurde ein Afroamerikaner Präsident der USA. Die Schuldfrage ist die personalisierte Warumfrage. Auch sie kann man nicht beantworten. Wir wissen meist noch nicht einmal, was gestern war, aber diskutieren die Steinzeit. Das Gedächtnis ist exorbitant, aber selektiv. Der amerikanische Präsident, der die falscheste und nationalistischste These aufgestellt hat, vergaß gestern, wie die amerikanische Flagge aussieht. Das ist auch nicht schlimm, denn eine Fahne ist ein Stückchen Tuch, das morgen verweht und vergangen sein wird.

DER WÄRE 1933 MITMARSCHIERT

Nr. 306

Dass ich 1933 mitmarschiert wäre, leiteten rechte Kommentartoren allein aus der Tatsache ab, dass ich die Systemmedien zitierte. Wer 1933 die auch damals schon Systemmedien genannten konservativen und linken Zeitungen zitierte, ist gerade nicht mitmarschiert. Die gesamte Weimarer Republik mit ihrem Versuch der Freiheit und der Demokratie ist von den Nationalsozialisten, damals schon Nazis als Ableitung von Sozis genannt, als ‚Systemzeit‘ diskreditiert worden. Damals wie heute suggerierte man, dass dieses System die Nation verraten hätte. Auch heute bringen rechte Kommentatoren gefälschte Zitate von vorwiegend grünen Spitzenpolitikern, in denen diese angeblich die Abschaffung Deutschlands fordern. Damals waren vor allem die Juden als Feinde beliebt, auch solche Menschen, die gar keine Juden im religiösen Sinn sein wollten. Niemand hat sich sein Volk und seine Familie ausgesucht, trotzdem wird immer wieder die Herkunft als Wesensmerkmal missbraucht. Die meisten Juden der Zeit zwischen den Weltkriegen lebten als bettelarme und verachtete Minderheit in den Ghettos (’schtetln‘) Osteuropas. Die meisten Juden hießen nicht Einstein, Rathenau, Mendelssohn oder Rothschild. Einstein, Rathenau, Mendelssohn und Rothschild hätten auf die Frage nach ihrer Herkunft geantwortet: Deutsche aus Deutschland. In der Welt werden sie als berühmte und bedeutende Deutsche wahrgenommen. Von Einstein gibt es einen berühmten Antwortbrief an seine Geburtsstadt Ulm, als sie die Adolf-Hitler-Straße in Albert-Einstein-Straße umbenennen wollten. Außer Physiker war Einstein wohl auch Zyniker, und das aus gutem Grund. Rathenau, das habe ich schon ein dutzend Mal geschrieben, hat nicht nur nicht Deutschland vernichten wollen oder sogar vernichtet, sondern gerettet. Von ihm stammt die Idee, dass Export jeden Krieg und jeden Handelskrieg ersetzen kann. Er wurde trotzdem von Rechtsextremisten erschossen. Der Aberglaube, dass die Herkunft, also Nation, Religion oder Hautfarbe, ein wesentliches Kriterium sei, ist übrigens nur mit Gewalt durchsetzbar und letztendlich nicht durchsetzbar. Wo Menschen aufeinandertreffen, lieben sie sich und wollen zusammenleben. Rassisten dagegen müssen erst eine Bedrohung konstruieren, dann Mauern und Konzentrationslager bauen und Schießbefehle ausgeben. Wer schon einmal in einem Land mit Rassismus oder mit einer Mauer gelebt hat, weiß, dass diese Methoden äußerst unzuverlässig sind. Evolution, Markt und Leben beruhen mehr auf Chaos und Zufall als auf einer nachvollziehbaren oder voraussagbaren Vernunft: and there but for fortune may go you or I, heißt es in einem berühmten Song von Phil Ochs.

Aber die heutigen Nazis wollen keine Nazis und auch keine Antisemiten sein. Sie haben gerade jene Lektion verinnerlicht, die sie am meisten oder am zweitmeisten verabscheuen, je nachdem, wie weit rechts sie stehen. Diese Lektion, die übrigens in West und Ost sehr, sehr ähnlich war, lautete, dass Nationalsozialismus und  Weltkrieg als Option und Herkunft ausfallen müssen. Die Wehrmacht hat keine Leistungen, sondern nur Schandtaten vollbracht, vielleicht gab es einzelne Soldaten, die im Einzelfall als Menschen aufgetreten sind. Man kann sich genauso wenig hinter einem Befehl verstecken wie hinter der Tatsache, dass man beispielsweise als Sklave geboren wurde. Es gibt immer den bitteren Ausweg des selbstgewählten Todes. Natürlich muss man auch für die vielen Menschen Verständnis haben, die diese harte Alternative nicht gewählt haben, schon deswegen, weil sie unsere Vorfahren waren. Aber wir müssen und dürfen ihre Taten nicht rückwirkend billigen. Das ist die Lektion.

Und diese Lektion wird gleichzeitig verinnerlicht und bekämpft. Jetzt bin plötzlich ich der Nazi, weil ich – angeblich – systemkonform bin. Ich bin mit Seehofer oder Dobrindt nicht konform, noch nicht einmal mit Lindner und Wagenknecht. Nazi ist das allgemein anerkannte Schimpfwort. Während Linke, Liberale, Grüne oder Versiffte als Gutmenschen beschimpft werden dürfen, verbittet man sich nicht nur die ‚Nazikeule‘, sondern benutzt sie statt dessen lieber selbst. In diesen Zusammenhang gehört auch, dass man als Antisemit beschimpft wird, wenn man Muslime verteidigt. Der Antisemitismus ist nun wahrlich nicht von den Muslimen hier eingeschleppt worden, und ich kenne sehr viele Muslime, die alle keine Antisemiten sind.  Wäre man Zyniker, könnte man sogar schreiben, es war nicht nötig, hier den Antisemitismus einzuführen, von Martin Luther über Richard Wagner und Heinrich Himmler bis Ken Jebsen haben wir – leider – genügend eigene Leute.

Obwohl man sich über rechtsextreme Kommentare genauso wie über die weiter anhaltende, aber völlig überflüssige mediale Aufmerksamkeit für die AfD ärgert, ist unsere Zeit nicht mit der Weimarer Republik zu vergleichen. Es gibt Rechte, aber sie werden nicht durchkommen. Es wird gar zu gerne vergessen, dass Hitler und die Seinen nicht gesiegt haben. Sie haben einen maximalen Schaden angerichtet, ja, aber gesiegt haben sie nicht. Seit Heinrich Himmler deutscher Innenminister war, gibt es schwarze Deutsche, ich sage das, weil es Menschen gibt, die das bedauern, ich gehöre nicht zu denen, aber es ist so. Als ich neulich schrieb, dass Südafrika durch seinen Versöhnungsprozess ein Vorbild für die Abschaffung des Rassismus und der Apartheid sei, meinte ich das Wirken von Nelson Mandela und der Versöhnungskommission, schrieben mir rechte Kommentatoren, dass in Südafrika weiße Farmer ermordet würden. Sie konnten das allerdings nicht mit seriösen Quellen belegen. Es gab nur eine einzige rechte Quelle. In Zimbabwe dagegen hat der greise und absurde Diktator Mugabe, den sein nicht besserer Stellvertreter gestürzt hat, zum Mord an weißen Farmern aufgerufen, und die Befolgung dieses Aufrufs hat Zimbabwe wirtschaftlich noch mehr geschwächt, davon abgesehen, dass es keinen Grund gibt, Menschen zu töten. Der KuKluxKlan hat nicht gesiegt. Die Türkei ist keine Nation geworden. Es tut bitter weh, die Türkei in diesen Zusammenhang stellen zu müssen, aber Erdoğan war es, der den Konflikt mit den Kurden erneut instrumentalisiert hat, um seine Macht zu festigen, die er jetzt durch die nicht mehr steuerbare Inflation möglicherweise verspielen wird.

Wir haben die Teilnahme unserer Vorfahren an einem unvorstellbar grässlichen und grausamen Genozid diskutiert, erörtert, verdenkmalt. Wir haben möglicherweise die Demokratie etwas übergestülpt bekommen, aber man vergisst bei dieser Sicht leicht die Anfangszeit der Demokratie in der Weimarer Republik. Das Kaiserreich war bestimmt nicht demokratisch, aber es gab Demokraten, zum Beispiel Sozialdemokraten, so viele, dass sie nicht nur eine große politische Kraft waren, sondern mit Konsum- und Wohnungsbaugenossenschaften, Mandolinengruppe und Arbeitersportbund eine dauerhafte und bis heute wirkende Subkultur begründeten. Die Gleichberechtigung der Frauen ist ebenfalls eine demokratische Errungenschaft. Die rechten Argumente gegen die Ehe für alle sind nichts als dürftig und rückwärtsgewandt, eine satte Mehrheit der Menschen in Europa ist dafür. Was soll das auch für eine Ideologie und spätere Herrschaft sein, wenn sie wieder auf Segregation, Aussperrung, Diskriminierung, Mauerbau und Lagerhaft beruht? Den AfD-Fraktionen (Büros gibt es wohl noch nicht?) würde ich gerne meine Losung verkaufen: WENN ES MORGEN EIN PROBLEM GIBT, HABEN WIR EINE LÖSUNG VON GESTERN.

Wenn man lange genug in einer rechten Kommentarspalte mitdiskutiert, hat man mehr zustimmende Likes als Beschimpfungen. Nach Argumenten sucht man ohnehin vergebens. Den meisten Rechten scheint nicht klar zu sein, dass sie in der von ihren Führern geführten Diktatur verboten wären.

EIN MUSTERBILD AN TREUE UND/ODER LIEBE

Als ich Kind war, war er schon ein alter Mann und hatte das seltsamst beständige Leben hinter sich: er hat viele, viele Jahrzehnte in der gleichen Wohnung verbracht, obwohl sich alles um ihn herum veränderte. Die Straße änderte ihren Namen. Der Staat verkam, der die Straßen benannte. Er war ein mittlerer Beamter bei der Deutschen Reichsbahn, aber sein Beruf interessierte ihn nicht weiter, als dass er ihm das Geld brachte, das er zum Unterhalt seiner wahrlich großen Wohnung benötigte. Er lebte allein in fünf riesigen Zimmern.

Als ich Kind war, war ich besonders fasziniert vom Hintereingang in der Küche mit eigenem Treppenhaus für die Dienstboten, wenn es auch schon keine Dienstboten mehr gab. An seinem großen Schreibtisch im Herrenzimmer saß er und blätterte in wirklich wertvollen Zeitschriften, wir würden heute eher Magazine dazu sagen. Er war ein Bildungsbürger, dem es an wirklicher Bildung fehlte. Er hatte kein Abitur, und darunter litt er auch ein Leben lang. Das Abitur war in seiner Jugend ein elitärer Freifahrtschein, ohne den er sich ausgeschlossen fühlte. Er lebte in seiner Bilder- und Artikelwelt, deren Fremdwörter und komplizierte Gedanken er mit Bleistift am Rand übersetzte. Das war die Welt der Lebensreformer, der Gesundheitsapostel, der Vegetarier und der Arier. Hitler, erklärte er mir immer wieder, kann so schlecht nicht gewesen sein, denn er war Vegetarier. Vegetarier erkennen das Leid der Tiere, sie gestehen den Tieren als Kreaturen die gleichen Empfindungen zu wie uns Menschen. Wer die Tränen der Tiere trocknet, so Onkel Robert, kann nicht wirklich böse sein. Etwas anderes ist es, was aus einer guten Idee gemacht wird. Sobald diese Idee in der Hierarchie des Volkes nach unten fällt, wird sie wieder roh wie alles, was dort unten gedacht und gemacht wird. Sieh dir die rohen Menschen an, welche Papier auf die Straße werfen, ihren Rotz auf das Pflaster schnäuzen oder sogar Wände bemalen. Voller Verachtung zeigte er mir den Abfall des rohen Volkes. Dann gingen wir in den Stadtpark und er schwärmte vom Fürsten, der gleichzeitig ein Landschaftsarchitekt und Schöngeist war, ein Weltreisender und Goethefreund, der sich sogar eine schwarze Frau aus fernen Ländern in Afrika mitgebracht hatte. Aber, so sagte Onkel Robert, das Schwarze kann hier nicht leben, zu fremd und zu entartet sei es. Sie hätte sich dann deswegen das Leben genommen. Mit diesen Gedanken und Gefühlen gingen wir durch die vom Krieg zerstörte Stadt, und Onkel Robert erklärte mir nicht, wie die Stadt heute ist, sondern wie ideal und schön sie früher war. Das schöne Kino Weltspiegel war nur eine, das Staatstheater drei Querstraßen entfernt. Ich war noch sehr klein, aber durch ihn wusste ich schon, was Jugendstil ist, der Stil, in dem er immer noch zeichnete. Erst spät hatte er die passende Frau für seine große Wohnung gefunden. Sie spielte Gitarre und war selbstverständlich auch Vegetarierin. Sie arbeitete bei der Post, aber ihr Beruf interessierte sie nicht sehr. Als ich Kind war, waren Berufe für mich überhaupt nicht wichtig. Die Menschen, mit denen ich zusammenlebte, nannten Beruf Pflichterfüllung. Das war wohl nichts Lästiges, aber Enthusiastisches schon gar nicht.

Nach dem Krieg kamen zwei Schwestern der angeheirateten Großtante aus Schlesien, auch sie waren bei der Post und teilten sich ein Zimmer der großen Wohnung. Ein weiteres Zimmer war an zwei nicht näher bezeichnete Damen untervermietet, sie wurden immer nur ‚die Damen‘ genannt, auf die man Rücksicht zu nehmen hatte. Wenn ich zu Besuch war, wurden im Wohnzimmer zwei megaschwere Sessel zusammengeschoben, auf denen ich schlief.
Ich habe später das Archiv von Onkel Robert geerbt, all die schönen historischen Jugendstilmagazine, in denen die vegetarische, nudistische, lebensreformerische, auch arische Lebensweise hergeleitet und heruntergebetet wurde. Er war also Nazi gewesen. Wenn er mit mir durch seine Heimatstadt ging, war er den neuen Machthabern, selbst den Russen gegenüber nicht unfreundlich. Er war ein Opportunist gewesen und hat alle Systeme und Frauen seiner Umgebung überlebt. Zum Schluss saß er mit tränenden, immer entzündeten Augen an seinem mächtigen Schreibtisch und zählte homöopathische Kügelchen und dachte an Rudolf Steiner, den er auch verehrt hatte.

Seine biografische Mission hatte aber darin bestanden, jedem in unserer Familie, dessen Lebenszeit sich mit der seinen überschnitt und solange sie sich überschnitt, akribisch und mit der Präzision eines astronomischen Kalenders die liebevollsten Geburtstagsgrüße zukommen zu lassen. Dabei hatte er sich im Laufe der vielen Jahrzehnte seines segensreichen Wirkens einen Stil angeeignet, der gleichzeitig gehoben bis schwülstig und launig bis heiter war. Er bestand aus vorgefertigten Textbausteinen derart, dass der Jubilar ‚im Kreise seiner Lieben‘, das war gleichzeitig ein Zitat, die schönen Stunden genießen solle, ohne den Ernst des Lebens zu vergessen. Noch viele Jahre sollten ihm, dem Jubilar, beschieden sein und er, andererseits, solle für seine Lieben das bleiben, was er auch schon bisher war. Er schrieb so, als würde er sich selber zitieren. Es klang immer geschäftsbriefmäßig gekünstelt, aber in der Familie galt das als Begabung. Zu so genannten runden Geburtstagen schrieb er, allerdings nur für sehr nahe Verwandte, lange gereimte Biografien. Er zeichnete dazu passend die Lebensstationen. Auf Familientreffen, später, stellen wir alle immer wieder fest, wie sehr uns diese Treue und Präzision gefiel, wie sehr sie uns geprägt hat. Jeder von uns fühlte sich gemeint. Jeder dachte, nur er würde mit dieser Liebe der Geburtstagsbriefe, Gedichte und Zeichnungen bedacht worden sein. Kein Jahr verging, in dem nicht pünktlich zum Geburtstag jener eigenartig gestanzte, aber doch wieder Liebe und Wärme ausstrahlende Text, mit breiter Feder geschrieben, mit einer durchaus eigenständigen, keineswegs genormten Schrift, eintraf.

Er hatte Memoiren geschrieben, die nur wenige Seiten umfassten und fast nichts sagten, er hatte unter seiner Mittelmäßigkeit gelitten. Aber er hat in uns allen ein Lebenswerk hinterlassen, das uns zeigte, wie man für andere Menschen, auf andere Menschen hin leben kann. Natürlich würden wir, bei genauerer Betrachtung, das Formale seiner Treue eher kritisieren. Wir kritisieren schon den Begriff der Treue als einer sekundären äußeren Eigenschaft, der der Inhalt fehlt. Und trotzdem, statt über die so genannte Schnelllebigkeit zu jammern, über die Unverbindlichkeit der Konsumära, über die Herrschaft des Geldes und der viel zu vielen Dinge, über die Inflationen der Unflätigkeiten, sollten wir uns lieber einen kleinen Vorrat an Geburtstagspostkarten zulegen, und jedem, den wir mögen, in jedem Jahr, das wir gemeinsam erleben dürfen, eine davon schicken.

in memoriam Robert Wendt *18.8.1888 †3.6.1981 zum 130. Geburtstag