DIE LEHREN MEINER GROSSMUTTER

 

Nr. 324

Manchmal wünschen wir uns statt der Realität einen Albtraum. 1968 wurde der Bundespräsident in Westberlin gewählt und die Russen drohten, das mit Gewalt zu verhindern. Die Bundesrepublik war durch innere Kämpfe zerrissen. Zwanzig Jahre später war die gesamte DDR wie von einer Lähmung und einer Schweigestarre befallen. Nichts ging mehr, hätten wir die Lösung gekannt, wäre uns wohler gewesen. Wieder dreißig Jahre später ist die berühmte innere Stabilität unseres Landes auf eine harte Probe gestellt worden. Weltweit, aber vor allem in Europa herrschen plötzlich wieder rechte Trittbrettfahrer, denn keiner von ihnen hat auch nur den Zipfel einer neuen Idee. Sie haben keine Ahnung von einer Lokomotive und besitzen keine Fahrkarte. Ihr Mandat haben sie von Menschen, die einmal mehr hoffen, es könnte doch einfache Antworten geben. Das ist verständlich. Aber warum man dann Politiker wählt, die noch nicht einmal die Frage verstehen, ist himmelschreiend skurril.

Zum vielleicht dutzendsten Mal wird eine der möglichen einfachen Antworten darin gesehen, dass die Menschen eben unterschiedlich sind. Das fängt wieder bei Mann und Frau an: Genderwahn nennen die Minimalantworter den Versuch, sprachliche Gerechtigkeit in eine immer noch patriarchalische Welt zu bringen. Von den beiden Geschlechtern abweichende Menschen hat es schon immer gegeben, nur hatten sie noch nie die Chance auf Anerkennung und freies Leben. Früher, vor dem Genderwahn, wurden sie gedemütigt, geschlagen, gefoltert und getötet. Und es war nicht ein Mangel an Erkenntnis, sondern nur ein Mangel an Bekenntnis zu dem längst vorhandenen Wissen. Diese Bevorzugung des Schwarzweißdenkens, der ideologischen Fiktion (es gibt nur Mann und Frau zum Zwecke des Kindermachens) vor der Wirklichkeit ist außerdem immer als Herrschaftsinstrument gebraucht worden. Mein liebstes Beispiel von unbestimmten und unbestimmbaren, sozusagen nicht definierten Menschen sind die Dioskuren. Sie sind Zwillinge, die  in einer Nacht von zwei verschiedenen Vätern gezeugt wurden, einer war ein Gott, nämlich Zeus, der sich aber in einen Schwan verwandeln musste, um sich der potentiellen Mutter nähern zu können, und der andere war ein gewöhnlicher Mensch, nämlich der Gatte Ledas, Tyndareos. Als der sterbliche der beiden, Castor, starb, wünschte sich auch sein Halbbruder und Zwilling den Tod und die Sterblichkeit, ganz im Gegensatz zu allen anderen Menschen. Zeus belohnte diese vorbildliche Treue mit einem täglichen Wechsel zwischen den beiden Welten. Und das ist die Tatsache, die über jeder ausgedachten binären Norm steht: wir sind immer sowohl das eine als auch das andere. Niemand ist nur Mann, keiner ist deutscher als der andere, schwarz und weiß hat so viele Schattierungen, dass jede Einordnung naturwidrig wäre. Absurd ist die Definitions- und Alleinstellungssucht in der Religion, zumal die drei Monotheismen denselben Gott haben, was sie aber nur widerwillig realisieren. Einer der schönsten Sätze dazu, dessen Herkunft sich aber leider nicht mehr eruieren lässt, aber das passt zu seinem Inhalt, ist: I MET GOD. SHE’S BLACK. Verwendet hat ihn ein jüdischer Atheist* aus New York auf Postern und T-Shirts, aber er betont, dass er ihn nicht gefunden, sondern schon vorgefunden hat. Schon schreien die Fundamentalisten los. In Pakistan wäre ich schon tot. Soweit ich weiß, steht in der Bibel von Gott nur: I AM WHO I AM, noch kürzer geht es nur in türkisch: BEN BENIM (13:9 mit Leerzeichen). Ich bin, der ich bin (20) heißt doch eben nicht, dass Gott von sich glaubt, er sei der oder der oder die oder die. Es kann nur heißen, dass er für Menschen nicht definierbar, sichtbar, gestaltlich, materiell, anthropomorph ist. So wie die Menschen, wenn man sie genauer betrachtet, eben auch nicht definierbar sind. Was heißt definieren? Anhalten, denn das Gegenteil ist doch der Fall: wir sind immer in Bewegung von der Zellteilung bis zur Bewusstseinsspaltung. Selbst auf dem Friedhof sind wir, laut Shakespeares, eben nicht zur Ruhe gebettet, sondern beim Frühstück, aber nicht da, wo wir frühstücken, sondern wo wir gefrühstückt werden.

Wenn also Nation, ‚Rasse‘, Religion und dergleichen nur durch Gewalt ‚rein‘ gehalten werden können, dann können sie keine Merkmale der Identität, sondern nur ideale Definitionen sein, und die sind, wie wir gesehen haben, immer zeitweilig, also fast immer falsch.

Wenn wir uns Deutschland in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts zurückvorstellen, dann ist es verständlich, dass man sich nach einer Nation sehnte, wie man sie in Frankreich vermutete, bevor man über den Unterschied von Franken und Galliern, Normannen und Römern nachgedacht hatte. Hoffmann von Fallersleben meinte mit Deutschland den Sprachraum, der damals, bevor die Nationalisten an die Macht kamen, tatsächlich von der Maas bis an die Memel reichte. Man konnte sich damals nicht vorstellen, wie schnell dieses Ideal schwinden und einem neuen Platz machen würde. Es ist absurd zu glauben, dass man auf Dauer in einer globalisierten Welt mit nationalistischen Regenten von der Sorte Trittbrettfahrer leben kann. Vielmehr wird es so kommen, dass die letzten Nationalisten gerade die Bewegung beschleunigen werden, die sie bekämpfen wollen. ‚Rasse‘ ist ein Begriff für gezüchtete Haustiere. Ganz deutlich wird der Zusammenhang, wenn man die Herkunft des Wortes ‚Mulatte‘ aus ‚Maultier‘ realisiert. Der ganze Rassismus ist eine Erfindung des Christentums zur Rechtfertigung des Sklavenhandels. Man hätte, nach christlicher, also damals in Europa vorherrschender Meinung nicht mit Sklaven handeln dürfen, wenn man sie als Menschen angesehen hätte. Also erklärte man sie zu Untermenschen. Wir nehmen bewusst das Wort, mit dem die Nationalsozialisten die Ermordung von Menschen rechtfertigte. In Wellen kommt immer wieder die Ansicht auf, dass es qualitativ verwurzelte Unterschiede zwischen den Menschen gäbe. Im Moment versuchen unverantwortliche Parteien, in Deutschland die AfD, gravierende qualitative kulturelle Unterschiede zu konstruieren, die ein Zusammenleben unmöglich machten. Jeder weiß, dass es fundamentalistische Imame, wie es auch fundamentalistische, zum Beispiel evangelikale, aber auch katholische Pfarrer gibt. Fundamentalistische Rabbiner, die es auch gibt, würden keine Rolle spielen, weil sie viel zu wenige sind, wenn sie nicht immer wieder durch unsägliche Koalitionen an der Regierungsbildung in Israel beteiligt wären.

Wo ist der kulturelle Unterschied? Überall auf der Welt, wo wir als Wanderer hinkommen, trocknet man unsere Strümpfe und bietet uns einen Tee an. Selbst wenn wir, was abscheulich zu finden unser aller Pflicht wäre, mit einem vollklimatisierten Reisebus in einem bitterarmen Dorf ankommen, weil einer unserer Mitreisenden in Not geriet, erfahren wir wunderbarerweise ein Maximum an Zuwendung, Empathie und Hilfe.**

Meine Großmutter erklärte ein schlimmes Ereignis, einen Schicksalsschlag oder einfach Unglück zu einer Prüfung wahlweise des lieben Gottes, des Schicksals oder sogar der Regierung, jedenfalls zu einer Prüfung, die wir zu bestehen hätten. Und das Leben selbst gab ihr recht: wenn nämlich das Unheil überstanden war, kamen nicht nur bessere Zeiten, sondern oft fühlte man sich auch gestärkt oder bestärkt, stärker jedenfalls als zuvor. Krankheit und Krise können die Abwehrkräfte stärken, aber in einem Krieg oder in einem Gefängnis verlieren immer alle.

*Dylan Chenfeld, 2017

**Babel, Film von Alejandro Iñarritu, 2008

POLITIK ALS MARKTGESCHREI

 

Nr. 323

‚Sahra Wagenknecht ist hochintelligent, aber in der falschen Partei.‘ Das ist ein typischer Partysatz, und ich habe ihn tatsächlich auf einer Party gehört. Es wird vielleicht später einmal als ein neues Kennzeichen der Demokratie angesehen werden, dass ein großer Teil der Politik in Talkshows stattfindet, die es live und im Fernsehen gibt, und dass Reden aus dem Bundestag millionenfach in YouTube verbreitet werden. Gleichzeitig sind diese Medien aber auch unter Generalverdacht, dass sie subjektiv sein könnten. Es ist unserer Beobachtung der letzten hundert Jahre wohl entgangen, dass Subjekte nur subjektiv handeln können, Objekte dagegen objektiv, also ohne Beachtung der Subjekte, weshalb vollautomatische Automobile moralisch bedenklich sind.

Diese mediale Komponente der Politik führt wahrscheinlich dazu, dass die rhetorisch begabten Politiker, die sich im Stimmen- und Gedankengewirr durchsetzen können, die für fähig gehalten werden. Früher redete, wer berühmt war, heute wird berühmt, wer redet. Wenn man sich heute die sicher vielen bekannte Rede Ernst Reuters vor dem Reichstag anhört (‚IHR VÖLKER DER WELT, SCHAUT AUF DIESE STADT‘), dann kommt man nicht auf die Idee, dass Reuters Stärke die Rhetorik gewesen wäre. Er schreit eigentlich emotionale Bruchstücke in die Welt hinaus. In Talkshows kommt es nicht auf den Inhalt an, sondern auf die rhetorische Stärke. Es fällt scheinbar noch nicht einmal auf, dass die Politiker immer dasselbe sagen, wichtig scheint uns Zuhörern nur, wer zum Schluss obsiegt. Die Partei, die Wagenknecht gerade spaltet, hat mit ihr schon das zweite rhetorische Großtalent hervorgebracht. Auch Gysi dominierte Talkshows und ganze Säle, er war brillant und charmant, aber nur mit dem Mund. Er hat weder als Berliner Wirtschaftssenator einen Fuß vor die Tür bekommen, noch hat er seine Partei vor Lafontaine und Wagenknecht bewahren können. Auch der Neuanfang 1990 ist gründlichst misslungen: es ging ihm nur darum, das Geld aus den Ruinen der SED zu retten, statt aus ihnen aufzuerstehn, wie es im Volkslied hieß.

Ein zweiter Politikertyp ist der Machtmensch. Als Angela Merkel, ebenfalls 1990, zum ersten Mal als Pressesprecherin des letzten DDR-Regierungschefs zu sehen war, schien es unprofessionell und unsicher, tapsig und geradezu lachhaft. Kein Mensch wäre damals auf die Idee gekommen, dass diese kleine Physikerin – sie sah auch eher wie eine Studentin aus – eine Machtmenschin wäre oder werden könnte. Sicher ist sie auch keine Feministin, aber im Gegensatz zu Margret Thatcher und Indira Gandhi ist sie die erste wirkliche Frau mit einem weiblichen Charisma, weiblichen Beraterinnen und einer ausgesprochen weiblichen Politik. Insofern hat sie für die Frauen mehr getan als alle Suffragetten und Alicen Schwarzer zusammen. Ein Großteil ihrer Politik war Wegbeißen, Aussitzen, Macht- und Rachespiel, das man früher Ranküne nannte, eines der schönen verschwundenen Wörter. Vielleicht war ihre Modernisierung der CDU nichts weiter als die Entsorgung machtgeiler inkompetenter Männer? Während dieser achtzehn Jahre Machpolitik, zunächst in der Partei, dann im Kabinett und schließlich auf dem internationalen Parkett, hat sie Erfahrungen und Kompetenzen angehäuft wie kaum ein anderer Politiker weltweit. Die wirklichen Innovationen waren dagegen eher spontan und emotional: die Abschaltung der Kernkraftwerke, die überfällige Abschaffung der Wehrpflicht, die Ehe für alle, eigentlich ein Miniminderheitenprojekt, und schließlich die Aufnahme von etwa einer Million Flüchtlinge und vor allem ihr berühmter Kommentar dazu WIR SCHAFFEN DAS. Ja, wie denn auch nicht? Ein Land, das den Sozialstaat und das Automobil – in dieser Reihenfolge -, die Schallplatte und das Asprin, das Telefon und die Kernspaltung ge- oder erfunden hat, sollte nicht mit ein paar Flüchtlingen fertig werden? Allein schon die leerstehenden Immobilien und die Steuermehreinnahmen sprachen und sprechen dafür. Aber das hat sie – vermutlich – nicht gedacht, sondern sie hat emotional entschieden, eigentlich eher wie eine Hausmutter oder Patriarchin, die die überbordende Geburtstagsparty ihres halbwüchsigen Sohnes in den Griff zu bekommen versucht: WIR SCHAFFEN DAS. Der Übername ‚Mutti‘ ist ihr dagegen von spöttischen Journalisten gegeben worden, die der Meinung waren, dass sie das eben gerade nicht ist: Mutter der Nation. ‚Mutti‘ ist auch ein typisches DDR-Wort, das nicht verschwindet.

Aber auch den dritten Typen der heutigen Politiker gibt es wirklich: den kompetenten Sachpolitiker, der weiß, was er tut. Aber er meidet das Rampenlicht. Er sitzt in keiner Talkshow und schweigt am Kabinettstisch. Mein Beispiel ist der Entwicklungshilfeminister, der noch dazu aus einer Partei stammt, deren bundespolitische Inkompetenz zum Himmel schreit. Auch landespolitisch darf man sich wundern, ob die Aufhängung falsch interpretierter Kruzifixe Einfluss auf Wahl- oder Politikergebnisse haben wird. Leider reproduzieren sich solche Typen scheinbar selbst und ganz ohne Mutter. Ganz anders Müller, der schon – keiner hat es bemerkt – im zweiten Bundeskabinett sitzt und Gute tut. Er schafft es zum Beispiel an einem Tag, drei afrikanische Länder, darunter hartgesottene Diktaturen, zu bereisen und seine Vorstellungen durchzusetzen. Neben Merkel scheint er der einzige zu sein, der die Bedeutung Afrikas für die Zukunft erkannt hat.

Typologien ändern sich. Max Weber schrieb vor hundert Jahren seinen berühmten Aufsatz (in Wirklichkeit war es eine Rede) über die damaligen Politiker. Nach ihm gibt es den durch Tradition legitimierten Politiker, damit meinte er vor allem die Monarchen, die sich damals gerade aus der Politik verabschiedeten. Der zweite von ihm benannte Typ, der damals geradezu prophetisch wirkte, war der charismatische Volksführer. Leider ist das schöne Wort Charisma durch Hitler und Goebbels, aber auch durch Stalin und Castro beschmutzt worden. Denn eigentlich verband es die Politik mit der Religion, und heute scheint es an evangelikale Prediger und Rock- oder Rapmusiker abgegeben zu sein. Macron verspielt sein Charisma, wohl eher auch einfach Charme, gerade auf den Barrikaden von Paris. Und der dritte Typ bei Max Weber ist der eigentliche heutige Politiker: der durch das Gesetz und die Wahl legitimierte Macht-, Rhetorik- oder Kompetenzmensch. Wir können und wollen nur hoffen, dass diese populistischen Zwischentypen und Inkompetenzchampions, die ihren followern vorspielen, dass es doch einfache Antworten geben könnte, bald wieder von den Bildschirmen und aus den verwirrten Köpfen verschwunden sein werden. Denn letztlich beruht dieser Populismus darauf, dass man die unflätige Sprache der Straße salonfähig zu machen versucht: ‚Vogelschiss‘, ‚Pussy‘, ‚Volksverräter‘. Aber den Migranten wird vorgeworfen, dass sie die Sprache Goethes und Schillers verhunzen würden! Dazu brauchen wir keine Flüchtlinge, das tun schon Gauland und Gesellen.

NACHHALL DES ALTERS

Nr. 322

Als weise galten die Alten, als sie noch in der Minderzahl waren. Kinder störten, solange sie in Massen auftraten und Höfe und Straßen tyrannisierten. Jetzt werden sie hier wie Prinzessinnen und Prinzen behandelt. Der Wert einer Sache steigt mit ihrer Rarheit, aber Kinder und Greise sind natürlich keine Sachen und haben keinen Wert oder Preis, sondern eine Würde[1], und zwar die gleiche. Deshalb wird in Europa seit hundert Jahren die Frage diskutiert: warum es immer weniger Kinder gibt. Da die einfache Antwort, dass mit wachsendem Wohlstand die Kinderzahl sinkt, anscheinend nicht sehr überzeugend ist, wird darüber weitgehend spekuliert. Viele Menschen sind der Meinung, dass die geringe Kinderzahl an der Regierung liegt. Man darf nicht vergessen, dass es in Deutschland im zwanzigsten Jahrhundert zwei Regierungen gab, die sich in die intimsten Angelegenheiten zu mischen versuchten. Es wird, genau wie beim Autobahnbau, aber nicht das tatsächliche Ergebnis gespeichert, sondern die Legende, Antizipation, die Fiktion. Danach hat Hitler die Autobahnen erfunden und bauen lassen, damit die Arbeitslosigkeit erfolgreich bekämpft und mit dem Ehestandsdarlehen gleich noch die Kinderlosigkeit. In der Zeitung waren Frauen abgebildet, die sechs und mehr Kinder bekommen haben. Sie erhielten einen Orden. Frau Goebbels, die vorher Quandt[2] hieß, brachte am 1. Mai 1945 sechs ihrer sieben Kinder ums Leben. Wer glaubt, dass das ein Einzelfall war, fahre nach Demmin, dort haben sich einen Tag vorher 1000 Frauen mit ihren Kindern umgebracht.

Hannah Arendt, eine der schlauesten Frauen Deutschlands hat vor über fünfzig Jahren schon erkannt, dass nicht blinder Gehorsam der Tod der Demokratie ist, sondern die Unfähigkeit, Fakt und Fiktion[3] zu unterscheiden. Die Kinderzahl ist in Deutschland stetig gesunken, ganz egal, wer gerade regiert und was derjenige versprochen hat. Selbst wenn man die Zahlen nicht kennen würde, könnte man leicht schlussfolgern, dass also in Afrika nach wie vor viele Kinder geboren werden. Und da die Hälfte von ihnen Mädchen sind, ist auch die Zahl der potenziellen Mütter lange Zeit angestiegen. Es wird wenig beachtet, dass die Zahl der Hungernden durch große Anstrengungen ihrer jeweiligen Regierungen und der Vereinten Nationen kontinuierlich sinkt, wie mit ihr die Reproduktionsquote. Trotzdem wird die Bevölkerung in Afrika und einigen Ländern Asiens und Lateinamerikas noch mindestens bis 2050 wachsen. Afrika wird dann zwei Millarden Einwohner haben. Wer einmal auf die Weltkarte der Migration sieht, kann nicht zu der absurden Meinung kommen, dass die Wanderungen der Menschen von Frau Merkel initiiert seien. Frau Merkel hat, und allein das wird sie in die Geschichtsbücher bringen, in einer kritischen Stunde der Weltgeschichte Bürokratie durch Humanität ersetzt. Wählerstimmen hat es ihr schon zur Genüge gebracht.

Unter diesen Voraussetzungen wäre es gut, wenn wir jetzt schon einmal beginnen würden, über die schöne neue Welt in den nächsten Jahrzehnten nachzudenken. Es wird weiter Migration geben, wie hoch die Zäune der Betonköpfe auch sein mögen. Aber auch die Gutwilligen müssen bedenken, dass nur der gute Wille allein noch kein neues Lebens- und Weltmodell hervorbringt. Barmherzigkeit ist immer nur eine kurzfristige Lösung, wenngleich Gutes zu tun immer auch die eigene Gefühlslage verbessert. Insofern hat auch die Barmherzigkeit eine nachhaltige Komponente. Allerdings müssen wir anmerken, dass auch das Böse – die Summe aller falschen Entscheidungen – eine Selbstverstärkung hat.

Es wird nicht die eine Lösung für jedes oder gar alle komplexen Probleme der gegenwärtigen Welt geben können. Die Vorstellung von der Lösung eines Problems hat noch nie die Kollateralschäden mitgedacht. Ein traumatisches Ereignis oder eben auch eine so genannte Problemlösung trifft auf Friktionen, die aus der Physik bekannt sind und die Clausewitz als erster auf soziale Fragen angewandt hat: zwar kann man eine Kutsche ohne Pferde fahren lassen, dann hat man das Heuproblem gelöst, aber tausend neue Probleme geschaffen. Diese neuen Probleme sieht man natürlich nicht an dem Tag, wo die Erfindung aus dem Kopf auf die Straße holpert. Alle gesellschaftlichen Revolutionen waren ergebnislos und haben mehr Schaden als Nutzen angerichtet. Und alle Innovationen waren keine Re-, sondern Evolutionen.

Zudem kann man nicht von jedem Ereignis einen Nutzen erwarten. Wenn sich auch manch Nutzen erst nach Generationen einstellt, so stellt sich doch nicht für alles ein Nutzen ein. Die Frage nach dem Nutzen ist also nutzlos, und wenn nicht, dann ist die Antwort wieder nur ein Aspekt von tausenden.

Wir werden also weiter damit leben müssen, dass wir immer nur nukleare Lösungsschrittchen finden können, die sich dann mittel- bis langfristig vielleicht zu einem Komplex zusammenschließen. Hier ist so ein Nukleus:

In Europa und in Japan gibt es zunehmend alte Menschen, die auf ein Weiterleben nach dem Tod hoffen. Beide geografischen Gebiete sind auch – neben vielen anderen – Ziel von Migrationsbewegungen. In menschlichen Gesellschaften erhalten die Neuankömmlinge ein Bett, einen Schrank, einen Tisch und einen monatlichen Minimalbetrag zum Überleben. Sie lernen die Sprache des neuen Landes, sie erlernen mühsam die bürokratischen Hürden zu überwinden. Dann versuchen sie langsam selbstständig zu werden. Dazu brauchen sie jetzt ein eigenes Bett, einen eigenen Schrank, einen eigenen Tisch und einen Minijob zum Überleben. Diese beiden Prozesse kann man aufeinander zudriften lassen. Die alten Menschen in den Pflegeheimen und Seniorenresidenzen, die im Gegensatz zu den Asylbewerberheimen nicht am Rande der Stadt liegen, freuen sich, wenn ihre Möbel und Gebrauchsgegenstände nicht wie üblich als Müll entsorgt, sondern in eine weitere Existenz überführt werden. Wenn der Preis der meist neumodernen Möbel auch gering war, so erhalten sie doch durch den Gebrauch einen Wert, wenn nicht eine Würde. Wie in jedem alten Sachzeugen liegt in jedem Schrank eine Geschichte verborgen. In der schönen Stadt Minden in Westfalen hatte es sich vor Jahr und Tag zugetragen[4], dass ein Flüchtling aus Syrien einen solchen Schrank geschenkt bekam. Als er ihn zuhause aufbaute, fand er ein Geheimfach, und darin lagen 30.000 €. Er berief den Familienrat ein und der beriet lang und breit, wahrscheinlich tagelang, wie viele Probleme der Großfamilie mit diesem Geld gelöst werden könnten. Man kann sich das leicht ausmalen. Jedoch machte sich ein Einwand auf den Weg: es wäre unrecht, sich das Geld anzueignen, sowohl im juristischen, moralischen als auch im religiösen Sinne. Aber was ist nicht alles unrecht, was auch den Flüchtlingen hierzulande widerfährt, mag ein Gegenargument versucht worden sein. Endlich aber setzte sich das Gute durch, wir wissen, es fühlt sich gut an, Gutes zu tun, und der Mann ging mit dem Bündel Geld zur Polizei. Der Polizist sagte: Ich bin seit dreißig Jahren Polizist, aber so etwas habe ich noch nicht erlebt. Es wurde die Familie ermittelt, der der Schrank gehört hatte. Sie berief den Familienrat ein, der beriet lang und breit, was zu tun sei. Man kann, so wurde gesagt, Flüchtlingen, überhaupt Transferleistungsbeziehern nicht einfach Geld schenken, ohne dass ihnen der Gegenwert von ihren Bezügen gekürzt wird. Man beschloss, dem ehrlichen Finder die Fahrschule zu bezahlen, die eine besondere finanzielle Hürde darstellt, wenn man gerade soviel Geld hat, um nicht zu hungern. Wir hoffen für die deutsche Familie, dass sie es nicht bei der Fahrschule beließ.

Nicht in jedem Schrank stecken tausende Euros, wohl aber Geschichten, Erinnerungen, Wertvorstellungen und Werte. Wenn auf der einen Seite jemand, der am Leben hängt, auch die materiellen Lebenszeichen würdigt, so ist es nicht unwahrscheinlich, dass sich diese Sympathie in Empathie des neuen Besitzers verwandelt. Es ist sogar denkbar, dass diese Art von Metamorphose und Metempsychose[5] sich zu einem allgemeinen Altruismus verwandelt. Denn andersherum gefragt: woher kommt der Altruismus und wie hat er es geschafft, all die bösen Zeiten zu überstehen?  Nach einem Zeitalter der Verschwendung, Zerstörung und des egoistischen Individualismus, in den alten Schriften auch Geiz, Neid und Missgunst genannt, werden wir ohne Zweifel in eine Epoche der Nachhaltigkeit und Empathie eintreten.

[1] „Im Reich der Zwecke hat alles entweder einen Preis oder eine Würde.“  Immanuel Kant, Grundlegung zu einer Metaphysik der Sitten, 1785

dort auch: „Es ist nichts in der Welt, ja überhaupt auch außerhalb derselben, was ohne Einschränkung für gut gehalten werden könnte, als allein ein guter Wille.“

[2] Quandt = BMW

[3] Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, 1951

[4] nach einer wahren Geschichte

[5] Seelenwanderung

ES IST SO BEQUEM UNMÜNDIG ZU SEIN*

 

Nr. 321

Wenn wir uns an jene Stelle unserer Kindheit erinnern, wo wir die Ablehnung der Abhängigkeit von unseren Eltern in Beziehung setzten zur Liebe, die uns mit ihnen verband, dann können wir das gut mit unserer heutigen politischen Lage vergleichen. Vielen Menschen ist klar, dass unser Wohlstand und unsere Freiheit mit Demokratie und Liberalismus zu tun haben. Die Marktwirtschaft ist sozusagen sozialdemokratisch gebändigt, während die Sozialdemokratie markwirtschaftlich und wohlständisch ruhig gestellt wurde. Wo es keine unzufriedenen Arbeiter gibt, bedarf es auch keiner zu Streik, Enteignung und Revolution aufrufenden Sozialdemokratie wie vor hundert Jahren. Aber wie das trotzige Kind, das nachts im Schlafanzug protestierend an der Wohnzimmertür steht, wollen wir unsere Abhängigkeit vom System nicht nur nicht zugeben, sondern auch nicht mehr akzeptieren. Lange Zeit gab es diesen Protest von linksaußen und linksgemäßigt, jetzt gerade gibt es das, manchmal sogar fast gleichlautende Contra von rechts bis rechtsaußen. Beide Kernkompetenzen scheinen aber verloren: der Konservatismus als legitime rechte und der Sozialdemokratismus als angemessene linke Seite, in der Mitte zwischen beiden der freiwillig, aber auch unwillig unmündige Bürger, der sich manchmal um genau dieses generische Maskulinum streitet. Hinzu kommen noch einige erschwerende Faktoren: die weltweite Krise der Demokratie und das Wiedererstarken der Autokratie (Trump, Putin, Duterte, Erdoğan, Bolsonaro, Orban, Kaczynski). Autokraten hat es immer gegeben, aber seit dem Fall der Mauer nicht mehr in Europa, Lukaschenko ist die unbedeutende, lächerliche Ausnahme gewesen; die größte Migrationskrise seit dem zweiten Weltkrieg, das Erstarken und die rasante Zunahme privater Medienkommunikation und schließlich die Künstliche Intelligenz als größter Arbeitnehmer.

Zeitweilig erschien die Aufklärung, auf die wir so stolz sind, als bloßer Ersatz der Religion und des feudalen Autoritarismus. Die Wissenschaft war der neue Heiland. Noch heute stützt sich jeder zweite journalistische Bericht auf meist nicht näher bezeichnete Studien. Vielen Menschen erschien jede wissenschaftliche Aussage der letzten 150 bis 100 Jahre als absolute Wahrheit. Schnippisch gesagt: jeder Depp berief sich ausgerechnet auf Einstein. Das hat durch die Benutzung der Turing-Maschine, die wir heute personal computer nennen, noch erheblich zugenommen. Auf der einen Seite vernetzt sich die Welt immer mehr, auf der anderen Seite verstärkt sich eine Autonomie, die sich Autarkie vorgaukelt. Das Wort hatte eine Hochkonjunktur in der Geopolitik der Nazis, aber auch der Ostblock war eine zeitlang isoliert (‚Röhrenembargo‘) und träumte davon, alleine durchzukommen. Dasselbe Argument wurde früher bejubelt und wird heute bezweifelt und verabscheut: [1989] es ist für Aldi kein Problem über Nacht die gesamte DDR zu versorgen, [2015] es ist für die Bundesrepublik Deutschland kein Problem, eine Million Flüchtlinge mit zu versorgen (WIR SCHAFFEN DAS!). Stellen wir uns einmal vor, Merkel hätte in derselben Rede gesagt: WIR SCHAFFEN DAS NICHT. Wie aber gewisse Maulhelden auf die Idee kommen können, dass die ganze Welt über Deutschland lacht, bleibt deren Rätsel. Der Ruf Deutschlands ist, ich glaube zurecht, 2015 noch einmal gesteigert worden.

Indessen werden die Abhängigkeiten größer. Wir haben schon oft betont, dass Globalisierung nicht nur heißt, dass unser Frühstück reichhaltiger wird, obwohl nichts empfehlenswerter ist, als ein ausgedehntes türkisches** Frühstück.

Das Wort unmündig hat einen ebenso schlechten Klang wie die Ketten, in denen wir liegen. Wir verbinden damit auch immer eine äußere Ursache: die Millionärin wird von ihren Kindern entmündigt, weil die das Geld vorher schon brauchen. Die Ketten, durchaus modern gedacht, sind die ungerechte Arbeitswelt, die Medien, die uns bevormunden, die Politik, die uns korrumpiert. Alles Böse kommt von außen, wir allein haben diesen berühmten guten Kern.

Es ist so schwer einzusehen, dass wir uns selbst in die Lage des unmündigen Kindes gebracht haben, ohne Not, nur aus Faulheit und Bequemlichkeit. Die Medien sind unser Tor zur Welt, aber müssen wir tatsächlich alles wissen? Muss wirklich jeder die gesamte Weltlage immer verstehen? Die Frage wird leichter zu beantworten, wenn man sie anders stellt: können wir die Weltlage verstehen? Wir können sie selbstverständlich nicht verstehen. Der Journalist hat uns gegenüber seine Professionalität in der Recherche, aber vor allem wohl in der Rhetorik. Der Wissenschaftler hat zweifelsfrei das bessere Instrumentarium als wir, aber er bleibt auch oft schwer verständlich. Oft wird aus einem Buch eines seriösen Wissenschaftlers ein einziger Satz und solange zitiert, bis er den einen als festgefügte Wahrheit, den anderen als ausgemachter Unsinn erscheint.

In Europa herrschten lange Zeit ideologische Systeme, die nicht nur die Demokratie beschädigten, sondern auch die Glaubwürdigkeit. Mehr als siebzig Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus und fast dreißig Jahre nach dem Ende des Ostblocks glauben jetzt plötzlich viele Europäer (viele US-Amerikaner, Brasilianer, Philippinos und Türken ohnehin), dass sie missbraucht, gesteuert, Opfer ihrer eigenen Regierungen, Opfer des internationalen Judentums unter Führung – wahlweise – von Soros oder Rothschild sind. Sie glauben, wenn sie überhaupt Geschichte zur Kenntnis nehmen, dass diese Geschichte manipuliert wird. Genauso wie sich mit den Reproduktionsmedien der Traum der Romantik nach einer Poetisierung des gesamten Lebens erfüllte,  genauso scheinen sich jetzt solche Dystopien zu verwirklichen wie ‚1984‘ oder ‚Brave New World‘ oder ‚Der Mann ohne Eigenschaften‘. Vielleicht haben wir alle keine Eigenschaften mehr, sondern nur noch gesteuerte, wenn nicht manipulierte Konsumbedürfnisse. Sicher tragen die Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten dazu bei, dass der Mensch oberflächlich durchschaubarer wird. Aber zur Zersetzung braucht man eine Staatssicherheit mit den unbegrenzten Möglichkeiten des Bösen, wie es sie im gesamten Ostblock und vorher in den faschistischen Staaten gegeben hat. Wir hatten bis gestern einen Verfassungsschutz, der in der SPD linksradikale Strömungen gesehen haben will. Schade um das schöne Geld: im falschen Koffer abgestellt.

 

*Immanuel Kant, Was ist Aufklärung?

**hier kann jeder das Land eintragen, von dem er meint, dass das Frühstück besser sei als in Deutschland. Ohne die Frühstückslaune verschlechtern zu wollen, muss man aber bemerken, dass es eine ganze Reihe Länder mit schlechterem oder gar ohne Frühstück gibt.

UTOPIA DÉJÀVU

 

Nr. 320

Wir hoffen nicht nur, dass es besser wird, wir wissen auch, dass kein Zustand, erscheine er nun glück- oder unglückbringend, andauert. Der Grund dafür ist ganz einfach zu verstehen: was für uns statisch – stehend – ist, bewegt sich tatsächlich. Ein Haus oder eine Brücke werden dieser ewigen und permanenten Bewegung abgetrotzt. Aber sie stürzen unweigerlich ein, wenn ihre Erhaltung nicht ausreicht. Anfang Dezember 1984 stürzte die Marienkirche der kleinen und weitgehend unbekannten Stadt Pasewalk in Vorpommern mit ihrem Turm und dem westlichen Teil des Gewölbes ein. Gotische Bauwerke halten sich selbst. Die Kräfte, die über die Gewölbe hinaus wirken, werden von mächtigen Mauern, und wenn diese nicht ausreichen, von noch mächtigeren Stützpfeilern, aufgefangen. An dieser Kirche nun zeigten sich immer wieder Risse und Schäden, die jeweils abgestützt und aufgefangen wurden. Doch die unzähligen Ausgleich- und Ordnungsversuche scheinen sich gegenseitig aufgehoben zu haben. Zuviel Ordnung kann das natürliche Gefüge zerstören. Der Mangel an Freiheit kann eine Todesursache sein.

In diesem Städtchen nun beschloss der kriegsversehrte Gefreite Adolf Hitler, seinem unordentlichen Leben ein Ende zu setzen und ein neues  zu beginnen. Vielleicht dadurch, dass es doch immer einige Menschen gab, die seiner unendlichen Reproduktion von Broschüren apokalyptischen Inhalts zuhörten, fühlte er sich ermutigt. Andere wendeten sich entsetzt oder angeekelt von dem platten Antisemitismus und Sozialdarwinismus ab, aber einige hörten gespannt zu. Es war die Zeit vor dem Radio. Aber war er überhaupt kriegsversehrt? War er blind oder simulierte er, um dem für ihn vollkommen erfolglosen Krieg zu entkommen? Immerhin hatte er es geschafft, viereinhalb Jahre als Gefreiter, also ganz unten in der Loserpose, zu verbleiben. Aber vielleicht wollte er auch unten und unerkannt bleiben, weil er einfach Angst hatte? Er war ein notorischer Schulversager und konsequenter Arbeitsverweigerer, warum sollte er sich plötzlich im Krieg hervortun? Nach dem Krieg aber ermöglichte ihm die Demokratie eine Dasein ohne Ausbildung, Bildung und Arbeit. Was er den Juden und Kapitalisten vorwarf, wollte er selber sein. Man kann sogar noch einen Schritt weitergehen: der kleine Wittgenstein, dem er möglicherweise, andere sagen sehr wahrscheinlich, in der Realschule Linz als Schulfreund begegnete, war alles, was er auch sein wollte: reich, intelligent, schwul, musikalisch. Und nun bot sich die Gelegenheit. Aus dem Chaos dieser Nachkriegstage machten seine Gesinnungsgenossen und er die apokalyptische Gefahr des Weltuntergangs durch den Kommunismus: in Russland hatten die Kommunisten gesiegt, in München und Berlin waren sie dem Sieg knapp entgangen. Es gab eine Gefahr, sie musste nur übertrieben werden. Andererseits war gerade die erste deutsche Demokratie geboren worden, an deren Wochenbett die sich immer wieder spaltende Sozialdemokratie Pate stand. Das war die Stunde der Scharlatane.

Selbstverständlich kann es auch eine konservative Utopie geben. Warum soll sich der Konservatismus nicht mit der Demokratie verbinden können? Stauffenberg wäre vielleicht ein solcher konservativer Utopist geworden. Wenn man aber bedenkt, wieviel Schwierigkeiten der konservative Visionär Adenauer mit der Demokratie hatte, dann können Zweifel aufkommen. Er war kein Antidemokrat aus Überzeugung, sondern der vergangene Zeitgeist, der ihn geprägt und erzogen hatte, ließ ihn immer wieder mit dem Polizeistaat liebäugeln. Er ist dann auch über die Spiegelaffäre gestolpert, wie sein politisch begnadeter Parteifreund Strauß.

Ordnung ist aber keine Vision. Ordnung ist eine Voraussetzung, bestenfalls ein Attribut. Insofern ist das oft zitierte Paar Freiheit und Ordnung höchst ungleich, aber trotzdem komplementär. Die eine Seite beschreibt mehr die Form, die andere ist das inhaltliche Ideal. Der Sklave muss, wenn er mit sich in Frieden leben will, sein Ideal aufgeben und mit dem Brotkanten auf der harten Matratze zufrieden sein. Er muss seine Kinder maßregeln, wenn sie von Türen und Fenstern und fernen Ländern reden.

Oft wird die heutige Zeit mit den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts verglichen: ein Riss geht durch die Gesellschaft, erbitterte Kämpfe zwischen links und rechts, die sich gegenseitig zum Erzfeind erklären und auszuschließen versuchen. Aber gibt es überhaupt eine linke Vision oder gar Utopie, eine Partei, die die Interessen der einfachen Menschen vertritt? Es gibt den klassischen Arbeiter noch, wenn er auch von seinem Einkommen her eher zum schon oft totgesagten Mittelstand gehört. Ihn zu vertreten bedarf es keiner gesonderten Partei. Aber wer vertritt die Arbeitslosen, Sozialhilfe- und Hartz-IV-Empfänger? Brauchen sie eine eigene Partei? Warum fühlen sich so viele Ostdeutsche durch die Linke Partei allein nicht mehr vertreten? Selbst die Bewegung ‚Aufstehen‘, was ein bisschen nach ‚Deutschland erwache‘ klingt, ist mit einer Unterschriftensammlung im Sande verlaufen. Petitionen sind die neuen Revolutionen. Was die AfD und ihre noch rechteren Freunde mit ‚links‘ meinen, ist die Demokratie, der mainstream, sind die etablierten Eliten bis weit hinein in den Mittelstand. Viele Ostdeutsche fühlen sich immer noch nicht zugehörig, sie suchen also einen Nebenarm des Hauptflusses, auf dem man auch zur Schleuse gelangt. Der Dauervorwurf an die Politiker, zunächst einmal auch an die vielen Abgeordneten, heißt Geldgier. Man kann ihr Ideal nicht erkennen und vermutet es in den Diäten. Sachlich ist der Vorwurf schnell aus der Welt zu schaffen: die Höhe der Diäten ist wie die der Rente an das Lohnniveau gekoppelt. Damit aber nicht, wie bei der Rente, die Regierung über die Bezüge der Abgeordneten entscheiden muss, tun das, demokratischerweise, die Abgeordneten per Akklamation selbst. Das will aber niemand hören, viel schöner ist es, bei dem Vorwurf zu bleiben. Er trifft immer, glauben seine Rufer. Aber was ist mit den AfD-Abgeordneten? Spenden sie ihre Bezüge den verarmten Rentnern, die sie immer als Menetekel an die Wand projizieren, oder den Obdachlosen, die sie gegen die Flüchtlinge auszuspielen versuchen? Nein, eine ihrer ersten Handlungen im Bundestag war es, belegte Brötchen für 10.000 € zu bestellen und selbst aufzuessen und dem Personalmangel mit überhöhten Gehältern, die sie sich auf Kosten der Steuerzahler nun leisten konnten, entgegenzuwirken.

Um also die formale Seite der Gesellschaft, die Ordnung, das Gesetz, die Polizei und Armee, die Geheimdienste als Vision, als Garantie, als eigentliches Ziel darzustellen und zum Inhalt einer Partei zu machen, bedarf es einer Apokalypse, der Vorstellung also, dass, wenn diese Ordnung nicht errichtet wird, die Welt untergeht. Man braucht dazu einen Feind, der die Welt zum Einsturz bringen wird. Alle Autokratien und Diktaturen machen das so. Aber denken wir an die arme Marienkirche in Pasewalk. Sie ist nicht durch die Atheisten zerstört worden, sondern durch ihre Unterstützer. Diese Art von Konservatismus, die auf einen Pessimismus auf der einen Seite, aber auf den Polizeistaat mit Mauern und Obergrenzen auf der anderen Seite setzt, wird ebensowenig gebraucht wie eine linke Vision, die die Revolution will, die den einzigen Weg zur Gerechtigkeit ausgerechnet in der Enteignung sieht. Optimismus ist also keinesfalls dümmer als Apokalypse. Misstrauen ist nur dann etwas wert, wenn es in Vertrauen gewandelt werden kann, denn es schadet dem Misstrauischen weit mehr als dem Misstrauten. Die Angst vor dem Untergang kann am besten überwunden werden, wenn man anderen hilft. Der Sinn des Lebens ist nicht seine bloße Erhaltung durch immer wieder neue Stützen, sondern der Neubau oder der Erhalt durch konstruktiven Umbau. Leben ist nicht atmen, sondern tun, schreibt Rousseau im ‚Emile‘. Wenn die Pessimisten sich Realisten nennen, dürfen und müssen die Idealisten Optimisten sein.

GRÜNSPAN ALS FANAL

 

Vom  vorigen  bis zum heutigen Sonntag sollen drei Texte (SOLL ICH MEINES BRUDERS HÜTER SEIN?; HIOB  ALS BOTSCHAFT;  GRÜNSPAN ALS FANAL) an die mutige, von manchen auch als widersinnig bezeichnete Tat des jungen Herschel Grünspan in der deutschen Botschaft in Paris am 7. November 1938 erinnern. Anfang November gab es in der deutschen Geschichte eine Inflation von Taten und Untaten, aber diese ist bestens geeignet, über das Verhältnis des Einzelmenschen zu seinen Mitmenschen nachzudenken.

 

Nr. 319

 

 

träume sind erinnerung an taten

taten sind erinnerung an träume

 

Woher wusste er, dass seine Tat schon am nächsten Tag in den Schlagzeilen aller europäischen Zeitungen stehen würde? Die Zeit ist nicht nur manchmal reif für Erfindungen oder Kriege, sondern auch für Fanale. Nicht alle Fanale jedoch werden gehört und gesehen. Sein Fanal ist von den Nazis willig aufgegriffen, von allen anderen, Europäern und Amerikanern, aber ignoriert worden. Die Nazis hatten endlich einen Beweis und die anderen, wer weiß, sahen sich in einem Vorurteil bestätigt. Aber in welchem? Wir alle wissen heute, dass es eine Verschwörung der Menschen aus dem schtetl[1] nicht gegeben haben kann. Vielmehr ist Grünspan ein Vorbote der Schulversagergeneration. Allerdings zählt dazu leider auch Hitler. Während man früher als Schulversager keine Chance hatte, ist das Widersetzen gegen die Welt der Erwachsenen bei manchen ein Synonym für Innovation, die, wie im Falle Hitlers aber auch ein Rückgriff sein kann. Grünspan dagegen wollte ein Signal dagegen setzen, dass der Staat sich das Recht anmaßen kann zu bestimmen, wer wo und wann sein darf oder soll. Die Freizügigkeit gehört zur Demokratie wie die Freiheit überhaupt, die Selbstbestimmtheit und die Intimsphäre. Er sah etwas verletzt, was zum Menschen gehört, aber damals noch nicht Allgemeingut war. Die Länder, die nicht so antisemitisch wie Deutschland und Polen waren, öffneten sich aber auch nicht sofort und vollständig für den zu erwartenden Flüchtlingsstrom, sondern gaben den Deutschen insgeheim Recht: ein Jude aus Polen zu sein bedeutete damals nichts Gutes. Fügt man dann noch Frau und Linkshänder hinzu, werden alle Vorurteile durch den Namen Curie hinweggefegt. Grünspan wollte zeigen, dass es unrecht ist, dass man erst zweifacher Nobelpreisträger sein muss, um überall geduldet zu werden. Dulden ist auch das falsche Wort. Jeder Mensch muss überall ganz selbstverständlich sein, dann wird die Welt bewohnbar. Der Streit zwischen Freiheit und Ordnung darf nicht Menschen opfern. Loyalität schließt den Tod nicht ein. Hätte Grünspan die heute zugängliche Literatur gelesen, so hätte er wissen können, dass in diesem Sinne seine Tat auch ‚falsch‘ war. Selbst wenn Tyrannenmord als Ausnahme vom Tötungsverbot bestehen bleibt, so kann man sich nicht beliebige Projektionsopfer wählen. Töten ist immer falsch, aber die Schuld am Töten kann man jetzt nicht Grünspan aufbürden, der intelligent genug war, aber nicht genug Zeit hatte, darüber nachzudenken. Grünspan wollte nicht gezwungenermaßen staatenlos sein, aber auch nicht freiwillig tatenlos. In bezug auf die Wahl seiner Mittel ist Grünspan ein Opfer des Zeitgeistes, aber für das, was er tat, gehört er auf die Liste der Weltinnovatoren. Grünspan ist der Vorkämpfer gegen jede Willkür der Behörden, die schon Hiob und Hamlet beklagten und die auch heute noch so viel Schaden anrichtet, obwohl die Behörden wissen können, dass sie Diener und nicht Herrscher sind. Auch ist er das letzte mögliche Signal gegen den Racheimpuls, der in jedem von uns als archaisches Element steckt, dem von Goebbels schon einen Tag nach Grünpans Tat brutal und alttestamentarisch nachgegeben wurde, der aber für immer geächtet ist durch die Unverhältnismäßigkeit. Das Leid wird durch Rache immer verstärkt, vergrößert. Dagegen verbessert sich das Gesamtsystem, wenn man etwas für andere tut. Das gilt sogar auch für die Grünspan-Initiative. Denn wir wissen heute, dass man Menschen nicht hindern darf, dahin zu gehen, wohin sie wollen. Leben – und wieviel mehr fliehen – heißt aber immer Risiko. Man kann das Leben genauso wenig optimieren wie Märkte, Regierungen und Wasserströme. Auch dafür ist Grünspan ein Zeuge. Er ging mit fünfzehn Jahren ohne Schulabschluss von seinen Eltern weg und es ist ihm alles gescheitert, außer in die Geschichte als leuchtendes Fanal einzugehen. In dem Punkt ähnelt er Gavrilo Princip. Auf den wenigen Fotos, die es gibt, sieht er nicht glücklich aus. Er ist gerade von der französischen Polizei verhaftet worden. Glücklichsein scheint nicht der Sinn des menschlichen Lebens zu sein, nur zu leben, ohne etwas zu tun, aber auch nicht.

Niemand von uns kann die Konsequenzen seines Handelns absehen, nur machen die meisten so wenig, dass man die Folgen vernachlässigen kann. Es wäre also fatal, wollte man die Ermordung des Legationssekretärs Ernst vom Rath als voraussehbares Signal zum Holocaust deuten. Also etwa so: Hitler hätte sich nicht getraut sechs Millionen Menschen umzubringen, wenn Grynszpan[2] nicht vorher den Botschaftssekretär erschossen hätte. Das ist absurd, so kann es nicht gewesen sein, vielleicht war es nicht einmal so, dass die Nazioberen auf ein Signal gewartet haben. Dafür dass sie gewartet haben, spricht eigentlich nur der erste September 1939, wo sie den Anlass, das Signal auf perfide Weise selbst geschaffen haben. Auch zum neunten November 1938 kann man annehmen, dass Goebbels nachgeholfen hat, denn der Legationssekretär hatte außer den Schussverletzungen auch eine Krankheit, die er sich durch homosexuellen Geschlechtsverkehr zugezogen hatte. Wenn man ihn sterben ließ, und dafür spricht einiges, hatte man nicht nur einen Märtyrer mehr, sondern einen schwulen Nazi weniger. Indessen war Ernst vom Rath genauso wenig Nazi wie Grynszpan von der jüdischen Weltverschwörung beauftragt.  Vom Rath orientierte sich an seinem Onkel Köster, dem deutschen Botschafter in Paris, mit seiner kritischen Sicht auf die Nazis. Dieser Köster wurde wahrscheinlich von Hitler in Paris belassen, um dem Naziregime einen pluralistischen Anschein zu geben. Später wurde er ermordet. Grynszpan wurde von der Verzweiflung seiner ausweglosen Lage getrieben. Er hatte nirgendwo eine Aufenthaltsgenehmigung. Als er hörte, dass seine Eltern und Geschwister nach Polen ausgewiesen worden waren, kaufte er sich vom ersparten Geld eine Waffe und ging in die deutsche Botschaft. Wahrscheinlich hat vom Rath ihn empfangen, weil er das genau so sah. Grynszpan ist ein Vorkämpfer der Freizügigkeit. Eigentlich wollte er dagegen protestieren, dass seine Eltern in ein Land ihrer Unwahl abgeschoben wurden, er aber nirgendwohin konnte, denn er war auch keine Pole mehr, Deutscher schon gar nicht, in Brüssel zeitweilig geduldet, in Paris illegal. Er war ein Europäer aus Hannover, der sich nach Geborgenheit sehnte, denn als er nach dem Einmarsch der Deutschen zufällig frei kam, begab er sich in die Obhut der französischen Behörden. Er war kein Anarchist. Was mag er dann im deutschen Gefängnis und im KZ Sachsenhausen getan und gedacht haben? Er folgte jedenfalls der Strategie seines französischen Verteidigers, indem er darauf bestand, dass er gar nicht hätte ausgeliefert werden dürfen und dass er vom Rath aus homosexuellen Kreisen kannte. Das rettete ihn vor einem Schauprozess mit Todesstrafe. Rettete ihm diese Argumentation auch das Leben? Vielleicht war es aber noch ganz anders. Grynszpan hatte sich eine Waffe gekauft, um den deutschen Botschafter zu erschießen. In der deutschen Botschaft angekommen, traf er auf Rath, den er kannte und der sich das Leben nehmen wollte, weil er diese furchtbare Krankheit hatte. Rath riet ihm, ihn zu erschießen und den Botschafter zu verschonen. So haben sie beide in einem letzten Einvernehmen ihre Probleme gelöst. Wäre Grynszpan die Reinkarnation von Hiob, so hätte er überlebt. Er wäre vielleicht der US-Finanzminister geworden oder gewesen. Später glaubte er nicht mehr an Fanal und Rache, sondern an Worte. Er sagte zum Beispiel: Ich weiß, dass Sie glauben, Sie wüssten, was ich Ihrer Ansicht nach gesagt habe. Aber ich bin nicht sicher, ob Ihnen klar ist, dass das, was Sie gehört haben, nicht das ist, was ich meine. Er war in Satzkonstruktionen geflüchtet, denen niemand folgen konnte und sie deshalb lieber bewunderte als kritisierte. Er hatte erkannt, dass Zinsen, Schulden und Wachstum nicht nur rein quantitative Parameter sind, sondern auch durch die Qualität der dahinter stehenden Leistungen und Waren bestimmt sind. Das alles hätte er nicht wissen können, wenn er nicht an jenem siebten November den Mann erschossen hätte, der erschossen werden wollte, aber damit gelichzeitig das Fanal für die Würde des Menschen geliefert hat. Er war der moderne Hiob, der Hüter der Brüder.

[1] jiddisch für Ghetto

[2] polnische Schreibweise

HIOB ALS BOTSCHAFT

 

Vom  vorigen  bis zum nächsten Sonntag sollen drei Texte (SOLL ICH MEINES BRUDERS HÜTER SEIN?; HIOB  ALS BOTSCHAFT;  GRÜNSPAN ALS FANAL) an die mutige, von manchen auch als widersinnig bezeichnete Tat des jungen Herschel Grünspan in der deutschen Botschaft in Paris am 7. November 1938 erinnern. Anfang November gab es in der deutschen Geschichte eine Inflation von Taten und Untaten, aber diese ist bestens geeignet, über das Verhältnis des Einzelmenschen zu seinen Mitmenschen nachzudenken.

 

Nr. 318

 

 

träume sind erinnerung an taten

taten sind erinnerung an träume

 

Hiob gehört zu den großen Erzählungen, die uns gleichzeitig bewegen und trösten sollen und auch können. Hiob sieht seinen Erfolg übertrieben groß und sein Leid erdrückt ihn. Sein Erfolg ist – mit Ausnahme seiner Kinder – Haben und sein Leid ist Krieg und Krankheit, also für die Zeit, in der er lebt: Sein. Er findet sich auserwählt für übergroße Not und Ungerechtigkeit. Aber er ist nicht auserwählt. Keiner ist auserwählt. Da er, wie wir alle, alles richtig gemacht hat, trifft ihn jede Strafe zu unrecht. Überhaupt: warum glaubt er denn, dass er bestraft wird. Oder: glaubt nicht jeder an seine Unschuld? Würde jeder die Schuld bei sich suchen, wären die Täter schnell gefunden.

Jede Strafe ist unrecht. Die spiegelnden Strafen waren bloße Rache, sie vermehrten das Leid, statt es zu vermindern. Auch heute noch glaubt eine knappe Mehrheit, dass Strafe gerecht sei. Daraus, dass die Untat ungerecht ist, folgt nicht, dass die Strafe gerecht sei.  Gerecht wäre vorbeugendes Verhindern der Untat und liebevolle Wiedereingliederung des Täters. Wenn eine Wiedergutmachung am Opfer nicht möglich ist, so erhöht sie doch die Bilanz des Guten in einer Gesellschaft. Das universelle Tötungsverbot muss noch mehr durch   Waffenverbote und -ächtung unterstützt werden. In Europa und Japan nimmt die Zahl dieser Untaten drastisch ab, während sie in Ländern mit Armut und Waffen erschreckend  und fast antik hoch bleibt.

So ist es auch mit dem Lohn, dem Verdienst oder Gewinn, den man sich aus seinen Taten erhofft. Wir würden alle Hiob sozusagen überwinden, wenn wir        es verstünden, Gutes zu tun, um es sofort zu vergessen. Stattdessen erwarten wir Dank und Lohn. Es schmerzt, wenn der Verdienst zum Bettler gemacht wird. Aber der wirkliche Gewinn liegt immer im Zugewinn an Seelenfrieden. All die dilemmatischen, schier unlösbaren Probleme der Menschheit, sie nähern sich mikrometermäßig ihren Lösungen, wenn wir anderen helfen, ohne zu fragen und ohne Lohn zu erwarten. Es gibt keinen böseren Verdienst als Finderlohn. Der Lohn der Treppe ist das oben, nicht noch etwas.

 

Die höchste Instanz zur Beurteilung unseres Lebens ist Gott, aber er gab uns ein Gewissen. Und deshalb muss ein jeder Mensch mit seiner Schuld leben. Niemand kann sie ihm nehmen und niemand nimmt sie ihm. In den griechischen Tragödien, die zur gleichen Zeit entstanden wie das Buch Hiob, geraten die Menschen unschuldig in Schuld. Auch Hiobs Leid geht auf die Wette Gottes mit seinem Widersacher, dem Satan, zurück, liegt also nicht in Hiobs Leben. Viele Täter erschrecken vor ihrer Untat. Sie wissen nicht, wie sie dazu gekommen sind. Es gibt immer nicht nur einen Grund, warum etwas geschieht. Vielmehr benötigt man, um ein Ereignis zu erklären, mehr Gründe als man je finden kann. Das geht soweit, dass man eigentlich gar keine Warumfragen stellen kann: niemand kann sie beantworten. Zu groß ist die Masse der Gründe und Gegengründe, der Tatsachen und Rechtfertigungen.

Wir müssen in diesem Geflecht von Taten und Untaten, von Schuld und Sühne leben, wir haben keinen anderen Ort als diese Welt. So gesehen gehören Hiob und Grünspan in die große Reihe der Märtyrer. Das sind Menschen, die standhalten, obwohl sie wissen, dass sie scheitern, unter der Last fremder Schuld zusammenbrechen werden, die     das auf sich nehmen, was andere ganz offensichtlich falsch machen. Aber die anderen sind das herrschende System, sie glauben erst recht Recht zu haben. In diesem Netzwerk von Taten und Untaten hat niemand recht. Der Fehler ist nicht die      einzelne Tat, sondern das Bestehen auf ihr, das Rechthabenwollen, gefolgt vom Wahrheitpachten. Dann kommen schon die Kreuzzüge und dreißigjährigen        Weltkriege. Gott ist keine Burg, in der man Recht hat. Gott ist innen, nicht außen.

Das Leben folgt keiner Rechenkunst. Kein Kalkül ist möglich. Während der Pest müssen die Uhrmacher schweigen. Wir werden von dem, was wir Glück nennen, genauso überrascht, wie von dem, was uns Unglück scheint. Jähe Wendungen des Lebens sind genauso wenig vorhersehbar wie lange Strecken der Langeweile. Deshalb brauchen wir Hoffnung, Erzählung, Schlaf, Droge, Ablenkung, Trost. Die Hoffnung wird am meisten kritisiert, manche glauben gar, dass nur Narren hoffen. Hoffen hängt mit Wahrscheinlichkeit zusammen. Die Wahrscheinlichkeit für einen Lottogewinn ist zum Glück genau so klein wie für den Blitzschlag. Die Wahrscheinlichkeit dagegen, dass wir jemanden erfreuen können, ist groß, wenn wir nur genug dafür tun. Jeder hofft zurecht, dass er ein besserer Mensch werden kann. Niemand wird zum Narren, der hofft und harrt, erzählt und tröstet, schläft oder sich betäubt, wenn die Schläge des Schicksals zu hart scheinen. Wenn Sinus das Kreuz des Lebens ist, dann ist Cosinus die Lust des Strebens.

Das Leben ist kein Kalkül. Es hat demzufolge mit Zahl und Geld nichts zu tun. Das   Geld ist nur eine Projektion der Zeit, die wir zur Verfügung haben und für         etwas ausgeben. Genauso wenig ist das Leben digital abbildbar, wenn uns das      auch   Netz und Filme und Spiele immer wieder suggerieren wollen. Das Leben bleibt das Leben aus Fleisch und Blut, fragil, verletzlich, kostbar. Das Leben hat          Würde und muss seine Würde behaupten, nur die Dinge haben einen Preis. Die besten Dinge aber sind die        Geschenke, die Gaben, die ebenfalls keinen Preis, sondern eine Würde haben. Der schönste Satz, den ein Mensch zu einem anderen sagen kann, ist deshalb: du musst dich nicht bedanken, denn du bist das Geschenk. Das Leben ist kein Kalkül, und das einzige, was keine Inflation hat, ist das Wunder.  

Liebe ist die weiteste und größte Lösung aller unserer Probleme und unseres Schicksals. Sie eröffnet neue, weite Horizonte, weil sie sich anderen Menschen zuwendet.  Wenn die maximale Kommunikation dadurch zustande kommt, dass ein liebendes Paar in einem leeren Zimmer schweigt, dann schließt dies aber auch die gesamte Menschheit aus. Deshalb ist Liebe, wie jeder weiß, mehr als die individuelle Liebe zwischen zwei Menschen. Liebe, die die Menschheit einbezieht, ist Nächstenliebe oder Solidarität. Jedem Menschen ist das Kindchenschema eingeboren, viele haben das Helfersyndrom. Wer kalt ist, wird erfrieren. Wem kalt ist, wird geholfen. So funktioniert Gemeinschaft, ohne die wir nicht sein können. Gehe in ein fremdes Dorf irgendwo auf der Welt: man wird dir Tee bringen und deine Schuhe trocknen! Alles, was du brauchst, um keine Angst zu haben, ist Liebe, aber alles, was du brauchst, um zu lieben, ist, keine Angst zu haben. Liebe ist aber auch geben, ohne nehmen zu wollen. Nicht zufällig stammt einer der schönsten Sätze des Weltdenkens aus einer Liebestragödie: the more I give, the more I have: je mehr ich geb, je mehr ich hab[1].

Die tiefste Lösung aber für den Menschen ist der Glaube. Mit ihm und sich ist der Mensch allein. Wir glauben an etwas, das größer ist als wir, und wir bauen Häuser, die mehr sind als Schutz vor Regen und Sonne. Mit dem Tod aber können wir nur leben, weil wir nicht an ihn glauben. Es ist nicht wichtig, wie wir das, woran wir glauben, nennen, wenn es nur größer ist als wir selbst und die Summe von unseresgleichen. Hiob und Grünspan stellen sich einen Gott vor, den es nicht geben kann, der ihr Leben verwettet und verspielt. Das ist menschlich, aber nicht göttlich. Nur Ultraorthodoxe können sich den Teufel als Tatsache, aber den Frieden als bloße Metapher vorstellen. Tiefer Friede kommt aus tiefem Glauben. Das ist die Tiefe des Menschen. Glaube ist immer einsam. Gruppe dagegen ist Therapie und auch oft nötig. Die Frage, ob Hiob wirklich glaubt oder nur aus opportunistischen Gründen seinen Glauben bekennt, ist ebenso unbeantwortbar wie universell und unnütz. Wir wissen letztlich nicht, ob jemand, der sagt, dass er uns liebt, nicht sich und seine Befriedigung meint. Wir müssen es glauben, wir wollen es glauben, wir sollen es glauben. Aber genauso wenig wissen wir, wenn wir annehmen, dass wir glauben, ob wir uns nicht Vorteile bloß von der Einhaltung der Regeln, der Traditionen und Rituale versprechen. Wer – außer Grünspan – wäre kein Opportunist?

Hiob ist die Parabel für die Inflation schlechter Nachrichten. Aber sind es auch schlechte Dinge? Ist Hiob zum Schluss nicht stark und demütig, und ist freiwillige Demut nicht der Stärke gleichzusetzen? Hiob belehrt uns, aber wir wollen ihm nicht nacheifern, im bösen nicht, aber auch im guten nicht. Aber jeder von uns kennt einen: der den Schmerz ausgehalten hat, der das böse Schicksal angenommen hat, genauso wie vorher das gute. Wir wissen nicht, ob es einen Gott gibt, der unser Leben verwetten könnte, wenn er wollte, und der den Weg jeder einzelnen Ameise vorbestimmt. Aber wir wissen und glauben, dass es unsere Aufgabe ist, nicht aufzugeben, wieder aufzustehen, dem Nachbarn zu helfen, Gutes zu tun. Es ist gleich gültig, ob wir die Aufgabe als von Gott gegeben annehmen oder mit der Muttermilch der Menschlichkeit in der Vatersprache der Güte aufgenommen oder sogar beides, das ist gleich gültig, wenn wir nur mehr tun als haben zu wollen und sein zu sollen. Wir müssen mehr sein wollen: Geber und Gabe gleichzeitig.

[1] Shakespeare, Romeo and Juliet, 2,2

SOLL ICH MEINES BRUDERS HÜTER SEIN?

 

Von heute bis zum nächsten Sonntag sollen drei Texte (SOLL ICH MEINES BRUDERS HÜTER SEIN?; HIOB  ALS BOTSCHAFT;  GRÜNSPAN ALS FANAL) an die mutige, von manchen auch als widersinnig bezeichnete Tat des jungen Herschel Grünspan in der deutschen Botschaft in Paris am 7. November 1938 erinnern. Anfang November gab es in der deutschen Geschichte eine Inflation von Taten und Untaten, aber diese ist bestens geeignet, über das Verhältnis des Einzelmenschen zu seinen Mitmenschen nachzudenken.

 

Nr. 317

 

 

träume sind erinnerung an taten

taten sind erinnerung an träume

 

 

Zu den Menschen, die man sich nicht aussuchen kann, und ich denke, das sind alle, gehört auch der Bruder. Gleichwohl hat er aber, als Bezeichnung, als Kategorie und als realer Bezug eine ungeheure Aufwertung erfahren. Das gleiche Schicksal, besser: der sehr ähnliche Ausgangspunkt, verband Brüder schon immer, aber der Name ‚Bruder‘ kann auch Metapher für die methodisch so beliebte Unterscheidung in zwei Kategorien sein: gut und böse, Mörder und Ermordeter. Die frühe Geschichte von Kain, der seinen Bruder aus Neid ermordet, zeigt uns aber auch, dass es auf den ersten Blick nur einen Weg gibt, nicht zum Mörder zu werden: nämlich ermordet zu werden. Die ganze Menschheitsgeschichte ist voller Täter und Opfer. Mauern, Ketten, Fesseln, Kreuze, Galgen und Guillotinen sollen den Opfern ihren Status bewusst machen und sie einschüchtern und einsperren.

Aus dieser endlosen Opfergeschichte erhebt sie die Emanzipation, die manchmal von oben verordnet wurde, wie bei der so genannten Judenemanzipation in Deutschland und Österreich, manchmal mit einem mutigen Akt der Selbstemanzipation begann, wie bei der Emanzipation der Frau oder, doppelt sozusagen, als Rosa Parks im Bus auf dem Platz für Weiße sitzenblieb. Und wir wollen nicht vergessen, dass das Busunternehmen in seinem Beharren auf Segregation direkt in die Pleite steuerte. Aus dieser Bewegung der afroamerikanischen, eher auf der Opferseite befindlichen Bevölkerung Nordamerikas stammt die neuerliche, inzwischen weltweite Aufwertung des Bruderbegriffs, der in der Religion immer gebräuchlich war, aber mit der Religion auch das Schicksal der Unglaubwürdigkeit teilte.

In der spektakulären Ausstellung ‚BEWEGTE ZEITEN‘, die an archäologischen Fundstücken unsere im doppelten Sinne bewegte Vergangenheit zeigt – die Menschen wanderten von jeher ein und aus, und sie schufen bewegende Artefakte, wie zum Beispiel vor dreitausend Jahren das Speichenrad von Stade – kann man gut sehen, dass die Kunst, die Venus und die Flöte von vor 40.000 Jahren, der treueste selbstgeschaffene Wegbegleiter der Menschen ist. Die Kunst ist vielleicht ein Produkt des Überflusses an Zeit, der entsteht, wenn man satt zu essen hat oder ausgestoßen ist. Im New York der sechziger und siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts entstand diese eigenartige Subkultur des Hiphops, die heute weltweit als Rap fortbesteht und den antiken Begriff des Bruders (‚bro‘) als Metapher tiefer und selbstgewählter Zusammengehörigkeit hervorgebracht hat. Es ist aber eine Renaissance dieses uralten Begriffs und wir müssen auch gleichzeitig eingestehen, dass er einerseits natürlich wie jeder Begriff auch verlogen sein kann (‚und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein‘), und andererseits ist es vielleicht der letzte männlich-dominierende Begriff. Das hat sich aber niemand ausgedacht, um die Frauen oder die Feministinnen zu ärgern, sondern das kommt daher, dass in der modernen Industrie- oder Arbeitsweltgeschichte wieder Millionen junger Männer übrig sind und sein werden, die sich dann auch in organisiertem Verbrechen und in gelangweilten Subkulturen wiederfinden. Es gibt also neben Klimawandel, Digitalisierung als Veränderung der Arbeitswelt und Migration noch weitere Probleme, die wir in Zukunft lösen müssen. Dazu gehören die arbeitslosen jungen Männer genauso wie die seit siebenhundert Jahren in Europa lebende und verachtete Minderheit der Roma.

Bis ins neunzehnte Jahrhundert waren die Menschen aufgrund von Mangel aufeinander angewiesen, andererseits fanden sie über sich ein Gedankengebäude, das genauso ewig zu sein schien wie die Kathedrale, in der Solidarität und Sicherheit gepredigt wurden. Neben den religiösen Begriffen gehörten im neunzehnten Jahrhundert auch staatlich-nationale Vorstellungen zu diesem Gedankengebäude. Für den folgenden Satz wären wir sowohl im Kaiserreich als auch in der Nazidiktatur unweigerlich im Gefängnis gelandet: Vaterland war eine hohle Ersatzheimat für hungernde und obdachlose Menschen. Vaterland ist so etwas wie ein Schokoladenweihnachtsmann, schön anzusehen, aber leider hohl und nicht aus bester Schokolade, jeder, der ihn begreift, beschmutzt sich die Hände. Wer das nicht glaubt, begebe sich nach Verdun und sehe sich dort eine Million Soldatengräber an. Auch in ihnen liegen als überflüssig erachtete junge Männer, die bedenkenlos in den Tod gejagt wurden, jeder von ihnen hatte einen Schokoladenweihnachtsmann namens Vaterland in der Hand. Die Geschichte wäre übrigens nicht besser ausgegangen, wenn wir, die Deutschen, den ersten Weltkrieg gewonnen hätten. Kaiser Wilhelm ist der erste Populist gewesen, ein Politiker, der etwas sagt, wovon er zwar nicht überzeugt ist, von dem er aber glaubt, dass ein Großteil der Bevölkerung es schnell glauben oder annehmen wird.

Hiob, die antike Gestalt, über die Gott und der Teufel eine Wette abschließen, ob er bei ihn beinah vernichtendem Leid weiter an seinen Überzeugungen festhalten wird. Die Überzeugungen werden nicht näher benannt. Wir warnen aber: mit Gottestreue ist immer auch Systemtreue, Nationalismus, Auserwähltheit, Wahrheitsmonopol, Rechthaberei gemeint. Bekanntlich verflucht Hiob das alles und bleibt doch in diesem Gedankengebäude.

Ganz anders Grünspan: in der Wahl seiner Mittel bleibt er ein Kind der Zeit, ist er der Aktivist des Zeitgeists: statt zu Argumenten greift er zur Pistole. Man muss aber auch seine Lage sehen, er war gerade einmal siebzehn Jahre alt und völlig mittellos. Er hatte nicht nur kein Geld, sondern auch nichts anderes außer sich. Der Inhalt seiner Botschaft, und deshalb wurde sie zum Fanal, ist aber: dass man seine Brüder nicht in die Staatenlosigkeit, Mittellosigkeit, Mutlosigkeit, Lebenslosigkeit schicken kann. Wir kennen heute das Ziel dieser Reise: Auschwitz. Er hat es wohl geahnt.

Wir brauchen nicht nur eine neue Welt, die sich unter unseren Augen nicht von selbst, aber doch von den meisten von uns nicht gewollt, schafft, sondern wir brauchen auch ein neues Gedankengebäude, ein Zelt der Brüderlichkeit, des Zusammenhalts und des Trostes. Ein Trost für die rechtskonservativen Nostalgiker: ALLE MENSCHEN WERDEN BRÜDER ist nicht nur die schönste Zeile der Europahymne, sondern auch von dem Dichter, den man im neunzehnten Jahrhundert für den deutschesten der Deutschen hielt: Schiller. Aber er war kein fahnenschwingender Losungsproduzent, sondern ein lebenshungriger Großintellektueller, der größte Stilist deutscher Sprache.

 

 

VON HASEN UND KAROTTEN

 

Nr.  316

Bach schrieb seine h-moll-Messe, um den Titel Hofkomponist vom sächsischen Königshof  zu erhalten, der für seine Reputation, wahrscheinlich auch für seinen Marktwert, wichtig war. Der Hof war, weil dem König auch Polen gehörte, katholisch, Bach dagegen protestantisch, mochte sich aber wohl nicht zwischen lutherisch und pietistisch entscheiden, was heute ohnehin kein Mensch mehr versteht. Betrachten Theologen dieses Großwerk, die h-moll-Messe, so sagen sie, dass es zwar katholisch sei, aber im Gottesdienst nicht verwendet werden kann, weil Bach den kanonischen, festgelegten Text verändert hat. Außerdem hat er auch hier musikalische Teile aus oder in anderen seiner Werke verwendet. Trotzdem glauben einige Experten, dass die h-moll-Messe das größte musikalische Ereignis der Menschheitsgeschichte sei. Selbst wenn man, wie ich, annimmt, dass Bachs Matthäus-Passion ebenso groß sei, werden sich alle darauf einigen können, dass die beiden Werke zu den TOPTEN aller Kunst gehören. Geht man vom Text aus, beginnt der Streit, aber es handelt sich glücklicherweise um Musik. Spricht man mit einem Pfarrer, gleich welcher Konfession, über Bach, so meint der meist den vertonten Text. Bach hatte leider, mit zwei Ausnahmen, Gottsched und Picander, keine bedeutenden Textdichter zur Verfügung, und selbst die beiden kennt heute niemand mehr. Michelangelo hatte leider keine besseren Auftraggeber als die Päpste, die wenigstens soviel verstanden, ihn wegen seiner TOPTEN-Bilder nicht auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen, was damals gang und gäbe war. Shakespeare hat für bierselige und rülpsende Typen TOPTEN-Werke geschrieben: the more I give the more I have for both are infinite*.

Die h-moll-Messe ist, ungeachtet ihres Textes, Musik. Aber selbst der Text ist für jeden Menschen, ungeachtet seiner Konfession oder Konfessionslosigkeit verständlich: ‚et resurrexit‘ – ‚und ist auferstanden‘ beschreibt das Wunder des Gestaltswandels. Die von Darwin beschriebene Bedeutung des Regenwurms liegt nicht in seiner Gestalt, sondern in dem von ihm bewirkten allgemeinen Gestaltswandel, dass aus den Toten Humus, und aus dem Humus frischer Salat und für Nichtvegetarier frisches Fleisch wird. HASEN SIND AUS KAROTTEN / KAROTTEN SIND AUS HASEN UND WÖLFEN UND MENSCHEN / DAS SOLL DER KAMPF UM SEIN SEIN SEIN? Hinzu kommen neuerdings die Plastikteilchen.

Als Mensch unter Menschen sehnen wir uns nach Halt – Identität -, als Erkennende unter Erkennenden brauchen wir einen Erkenntnisstop – Definition -, und verdrängen, dass wir uns in  ständigen Bewegungen befinden.

Wir halten Ausschau nach Gruppen: das Baby sieht Babies, die Frauen sieht Frauen, der Mann sieht Männer, der Christ sieht Christen – und bis vor kurzem war er der Meinung, dass alle anderen, vorsichtig ausgedrückt, nicht ganz richtig sind, der Muslim zieht in ein anderes, fremdes Land und das erste, was er sieht: ist ein Muslim. Wir brauchen die Ähnlichkeit, deshalb schaffen wir uns Gruppen. Aber dann sehen wir die Zerbrechlichkeit der Gruppen: denn der Wasserfall fragt nicht nach Ähnlichkeit, er reißt mit, was kommt, Mauern, Menschen und Mäuse. Wem der Wasserfall als Bild zu gewaltig, zu michelangelisch ist, der nehme die vernichtende und kreative Kraft des ewig sickernden Moors.

Sobald wir in eine Gruppe eintreten, spaltet sie sich. Sobald wir eine ‚Wahrheit‘ festhalten, löst sie sich auf. Sobald wir unsere Identität festgestellt (welch wunderbares Wort aus der Mechanik, wenn nicht sogar Statik, der Wissenschaften, die versuchen, die Natur aufzuhalten) zu haben glauben, verschwindet sie. Ostbürger dürfen an dieser Stelle an ihren alten Personalausweis, Westbürger an die Volkszählung von 1987, denken, beides Missgeburten des Identitätsbewusstseins und angesichts heutigen Datentransfers absolut lächerlich. Wir versuchen, die Bewegung anzuhalten: manchmal bleibt ein Haus stehen, ein Dachstuhl überdauert sieben Jahrhunderte, aber die Regel ist, dass alles was entsteht, wert ist, dass es zugrunde geht, wie Goethe Mephisto sagen lässt.

Wahrheit, also Definition, und Identität, entstehen so in dem kurzen Moment der Begegnung zweier Menschen. Selbst oder gerade wenn sie verschiedene – dem jeweils anderen nicht bekannte – Sprachen sprechen, sehen sie sich als Menschen, also Teil der Menschheit, Teil der Welt oder Schöpfung, Teil des Universums. Und wenn sie beide blind sind? Ihr gemeinsames Menschsein ist die Wahrheit und gleichzeitig ihre Identität. Wir beziehen uns hier, interessanterweise, auf den sehr weit in die Zukunft reichenden Kommunikationsbegriff von Karl Jaspers**.

Viel spannender ist die Frage, warum wir die letzen zweihundert oder zweitausend Jahre als unendlichen Emanzipationsprozess verstehen: die Frau, der Afrikaner, das Individuum, der sogenannte Behinderte, das diverse Geschlecht…sie alle wollten geboren werden und sind geboren worden aus einer jeweils elitären Gruppe, die für sich das Wahrheits- und Identitätseigentum erklärt – definiert – hatte.

So kann man die großen Kommunikationsschritte der Menschheit – Schrift, Buchdruck, Binärcode – auch als Erkenntnisschritte sehen und vor allem: als Emanzipationsschritte, als Schritte zu einer Gemeinsamkeit aller Menschen.

Diese Gemeinsamkeit ist immer schon vermutet worden, besonders seit dem fünften vorchristlichen Jahrhundert, seitdem große Denker aus der Masse der Rituale hervortraten, aber sie ist auch immer wieder aus dem Bewusstsein verschwunden. Der Horizont des Menschen ist auf elf Kilometer begrenzt. Selbst die ungeheuren Möglichkeiten der Weltreisen für vielleicht die Hälfte der Weltbevölkerung führt nicht zu Erkenntnisfortschritt, sondern allenfalls zu Wohlbefinden. Vielleicht sind diejenigen Menschen, die fliehen, identisch mit denen, die reisen? Das Telefon in seiner totalitären Variante führt allein auch nicht zu Erkenntnisfortschritt, aber zu einem wachsenden Bewusstsein der Gemeinsamkeit. Deshalb muss zu den drei großen Schöpfern von TOPTEN-Kunst, Bach, Michelangelo und Shakespeare, eigentlich der Universalkünstler des zwanzigsten Jahrhunderts hinzugefügt werden: Chaplin. Er hat eine allgemeinverständliche und universell angewandte bewegte Bildsprache geschaffen, die zur Grundlage der heutigen allgegenwärtigen Filmkunst wurde. Und seine Erzählung:: des stolpernden, einfältigen, aber guten Menschen, der es schafft, schafft Optimismus und Glauben. Milliarden youtube-Filmschnipsel bereichern und verarmen unser Menschheitsbewusstsein ebenso total, wie die Plastikschnipsel in den Ozeanen oder die Monokulturen der reichen Länder die Natur bedrohen.

Wir tun gut daran, in den gegenwärtigen Umbruchsprozessen der Globalisierung und Digitalisierung eine afrikanische Sprache und Kultur zu erlernen. Es könnte sein, dass in Afrika die größte Überlebenschance der Menschheit besteht. Die Zukunft der Menschheit muss kein Weltuntergang sein, aber sie muss auch nicht in der Fortführung eines doch in vielen Punkten auf Zerstörung ausgehenden  Fortschritts- und Wachstumsmodells liegen. Dieses Wachstumsmodell hat den Hunger verbannt, aber den Preis dafür übersehen wollen. Krieg ist für nichts eine Lösung, das wissen wir jetzt, aber wie wollen wir zusammenleben? Propheten haben Wege geahnt, aber jeder Prophet wurde bisher von elitären Gruppen definiert oder identifiziert. Vielleicht hilft uns der Binärcode, die Welt sowohl als dunkles Labyrinth als auch als Berg-und-Tal-Bahn zu begreifen und zu meistern? Dann sollten wir jetzt langsam anfangen, mit dem nehmen aufzuhören und mit dem teilen und geben zu beginnen. So steht es bei Shakespeare, Bach, Michelangelo und Chaplin.

 

*Romeo and Juliet II,2

**Jaspers, Karl, Vernunft und Existenz, Zürich 1987

BRIEF AN ZWEI TÜRKISCHE FAMILIEN IN DEUTSCHLAND

 

[YÜZÜNÜZÜ GÜLDÜRSÜN]

 

Nr. 315

Liebe Familie Y., liebe Familie G.,

sicher haben Sie schon oft indirekt Aufforderungen erhalten, sich besser zu integrieren oder Sie haben Berichte in Zeitungen oder im Fernsehen so verstanden, dass Sie der  Gesellschaft Leistungen zu erbringen hätten. Heute ist der Tag der Abrechnung, an dem ich Ihnen sagen möchte, was Sie für die Gesellschaft getan haben. Ich hatte das große Vergnügen, jeweils einen Sohn aus Ihrer Familie unterrichten und glücklich durch das Abitur bringen zu dürfen.

VSY war ein sehr sportlicher Schüler, der sicher, solange er Kind war, Fußballer werden wollte, aber er ist auch musikalisch und sozial. In den drei Jahren, die er bei mir war, hat er sich immer um andere Schüler gekümmert. An seinem Platz in der letzten Reihe hatte er den Überblick, wer gerade Hilfe braucht. Das hat er mir dann abends geschrieben. Umgekehrt, wenn ich etwas wissen wollte, was mich nichts angeht, schrieb er drei Punkte. Ich habe vorher und nachher keinen Schüler gehabt, der so sehr auf Diskretion und Vermeidung von Missbrauch einer Kommunikationslinie bedacht war. Statt Klatsch und Tratsch zu verbreiten, haben wir über die Türkei, über die türkische Sprache und über den Islam geschrieben. Der Zwiespalt des Migranten ist für die anderen schwer nachvollziehbar. Der Widerspruch tritt sogar in der zweiten und dritten Generation eventuell verschärft auf: man ist hier geboren, aber man weiß nicht warum. Es ist scheinbar auch kein Trost zu hören, dass die anderen Menschen auch nicht wissen, warum sie geboren sind.

In seiner Kindheit und Jugend war er oft in der Moschee. Er hat seinen Glauben auf eine durchaus moderne Art verinnerlicht. Wenn es darauf ankommt, steht er mit klaren Worten dazu, ohne aber andere Menschen zu belehren oder zu beschämen. Ich habe gesehen, wie er betet, ich habe ihn aber auch genauso oft beim Fußball spielen und fröhlich sein gesehen. Ein Klassenfahrt ohne Alkohol ist früher unvorstellbar gewesen. Die Klasse verdankt ihm übrigens die Fahrt nach Lloret de Mar, der europäischen Partyhauptstadt. Er hat solange auf mich eingeredet, bis ich mein, wie sich gezeigt hat, falsches Vorurteil aufgegeben habe. Er hat im Gegenzug auch sein, teilweise richtiges, Vorurteil gegen Lehrer aufgeben. Am meisten habe ich durch ihn über das türkische Leben, über die wohlklingende, musikalische Sprache und den Glauben als tägliches Lebenselement erfahren. Kurz hat er wohl sogar mit dem Gedanken gespielt, mich zur Konversion zu überreden, aber dann gemerkt, dass es nicht um Missionierung gehen kann. Ich hatte das auch erst kurz vor ihm entdeckt.

Als ich das erste Mal in Istanbul war, hat er mir alles über facebook oder Telefon übersetzt. Mein britischer Bloganbieter war damals in der Türkei verboten, aber er hat mir einen Zugang gelegt, so dass ich jeden Abend meinen vielgelesenen Blog hochladen konnte. Ihm ist es auch zu verdanken, dass ich einige Jahre später mit einer Klasse nach Istanbul gefahren bin. Auf seiner Hochzeit mit einer Mathematikstudentin – ich fasse es nicht – fremdelte ich etwas, aber das ist für uns eine gute Erfahrung, einmal in der Minderheit zu sein, aber seine ganze Familie kam immer wieder zu mir an den Tisch, alle kannten mich, allen hat er von mir erzählt, der schweigsame, manchmal sogar etwas verschlossene Junge, der jetzt zum Ehemann wurde.

HG kannte ich schon, bevor wir beide seiner Klasse Istanbul gezeigt haben, in deutsch und türkisch übrigens. Einmal haben wir sogar einer indischen Familie die Süleymaniye auf englisch erklärt, sie hatten so intensiv zugehört, dass wir uns nicht entziehen konnten.

Ein nicht alter Lehrer war an Lebensüberdruss und Krebs gestorben. Wir befürchteten, dass nur sehr wenige Menschen zu seiner Beerdigung kommen würden. Aber da hatten wir nicht mit HG gerechnet. Er hat seine Klasse zum Friedhof geführt, Schüler aus anderen Klassen gewonnen, er hat die Mutter des Lehrers, die im Rollstuhl sitzend und wider Erwarten doch noch gekommen war, getröstet und umarmt. So etwas habe ich vorher und nachher noch nie gesehen!

In Istanbul, in Üsküdar, aber da, wo keine Touristen mehr hinkommen,  habe ich einen alten Bekannten, mit dem ich aber leider nicht sprechen kann, weil er nur und ich nicht türkisch kann. Ich bin also mit HG hingegangen, er hat wunderbar übersetzt und durfte sich in dem Laden meines Freundes aussuchen und mitnehmen, was er wollte. Das ist ein Kindertraum, aber er war kein Kind mehr und der Laden das, was man in Berlin einen Späti nennt. Danach gingen wir unter der Galatabrücke essen. Im nächtlichen Istanbul sahen wir Flüchtlinge aus Syrien mit ihren Kindern auf der Straße. Sie haben nicht gebettelt, aber sie hatten auch nichts. Wir haben also in einem anderen Laden, im Altstadtbezirk Sultan Ahmet, ein Abendbrot für sie gekauft und Spielzeug für die Kinder nicht vergessen. Dann fragte HG besorgt, ob wir jetzt noch nach Hause, in unser Hotel finden würden. Das befreiende Lachen galt wohl eher der syrischen Familie als dem Nachhauseweg, der kein Problem war.

HG war als Schüler nicht so leicht lenkbar wie andere. Trotzdem hat auch er dieses eigenartige nichtegoistische, soziale Element, nicht sich, sondern die anderen in den Mittelpunkt zu stellen. Die deutschtürkischen Schüler verbreiten eine Atmosphäre der Solidarität. Sie würden keinen Mitschüler verraten, auch wenn sie selbst dadurch in Schwierigkeiten kommen. Sie haben eine Leichtfüßigkeit, Fröhlichkeit und Freundlichkeit, die uns guttut, die wir lernen könnten und sollten. Merkwürdigerweise findet Migration einen Anker in der Esskultur. Die Franzosen, meine Vorfahren, brachten das Weißbrot und die Frikadelle nach Deutschland. Versuchen Sie einmal heute in einer normalen deutschen Kleinstadt,  Sauerkraut, das uns im englischsprachigen Raum einen deftigen Spitznamen eingebracht hat,  als Essen zu erhalten. Es gibt in jeder Stadt in Europa gesündere orientalische Essensvarianten. Aber das Essen ist eigentlich nur nebenbei erwähnenswert.

An einem schönen Herbsttag, versöhnt durch einen Jahrhundertsommer, kann man sich Migration als ein Würfeln Gottes vorstellen. Nach ein paar Jahrhunderten erstarrt jede Gesellschaft in guten wie in weniger guten Eigenschaften, die man gerade in Europa gut beobachten kann. Dann schickt er wieder ein, zwei Völker auf die Reise, um besseres Verhalten zu mischen. Denn überall, wo Menschen aufeinander treffen, werden sie sich auch lieben, verstehen, miteinander reden und feiern. Und es wird Kinder geben, die eine neue Mischung guten Lebens versprechen und darstellen. VSY und HG sind zwei von ihnen.

Ich danke Ihnen, den Familien von VSY und HG, für zwei wunderbare Söhne, die hier stellvertretend für hunderte Schüler und Mitbürger genannt sind. Statt Vorurteile und gar Hass zu verbreiten, sollten wir lieber mit offenen Augen und offenem Herzen durch die Welt gehen. Es ist ziemlich gleichgültig, woher wir stammen und was für Politiker uns führen oder verführen, wichtig ist, wohin wir gemeinsam gehen.