EINE KIRCHE IN DEUTSCHLAND

 

 

Nr. 305

 

Auf dem höchsten Punkt von Berlin, zugegeben, dass der nicht sehr hoch ist, steht eine weithin strahlende Kirche. Sie ist ausnahmsweise nicht nach Osten ausgerichtet. Wenn man näher kommt, sieht man, dass das mächtige und schöne Symbol sich in einem erbarmungswürdigen Zustand befindet, eine Schande für die Kirchengemeinde, den Kirchenverbund und vor allem auch für die Stadt ist. Das Schicksal dieses Gebäudes ist so sehr mit Deutschland verknüpft, dass es hier erzählt werden soll.

Für die preußischen Könige und deutschen Kaiser waren Kriege genauso natürlich und gottgegeben wie ihre eigene Existenz. Sie hatten Rousseau nicht gelesen und hielten ihn vielleicht sogar für einen Ketzer. Wilhelm I., der letzte preußische König und erste deutsche Kaiser hatte schon als Prinz (‚Kartätschenprinz‘) einen schlechten Ruf. Das Kneipenlied ‚Wir wollen unsern alten Kaiser Wilhelm wieder habn…‘ meint ihn. Nach der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts sehnten sich die Menschen nach Demokratie, Freiheit und Menschenwürde. Und obwohl diese Sehnsucht keine Gewalttaten rechtfertigt, gab es in Europa damals viele Terrorakte gegen selbstherrliche Monarchen. Wilhelm I. spendete immer dann Geld, wenn er solch einem Attentat lebend entkommen war oder weil seine Armeen in einem der Kriege gegen Österreich, Dänemark und Frankreich gewonnen hatten. Schon allein diese Verknüpfung von Krieg und Kirche ist unerträglich. Aber der verstärkte Kirchenbau hatte noch andere Quellen, vor allem den enormen Bevölkerungszuwachs. Berlin wurde erst jetzt zu einer Millionenstadt. Die damalige Staatskirche glaubte allerdings auch, dass die Armut dieser neuen Bevölkerung durch ihren Mangel an Glauben entstanden sei. So schrieb es Johann Hinrich Wichern in seinem berühmten Manifest, das fast zeitgleich mit dem noch berühmteren von Karl Marx erschien. Der schlug allerdings vor, den Kapitalismus durch eine Revolution zu stürzen. Etwa zu dem Zeitpunkt, als diese Kirche gebaut wurde, las man in Europa Nietzsche, um ihn gründlichst falsch zu verstehen: denn er erörterte, dass die christliche Moral sich von innen ausgehöhlt hätte, dass es zu einer Umwertung aller Werte kommen würde und dass wir einer neuen Kultur bedürfen.

In diesem Bauboom, der auch Kirchen umfasste, strebte ein junger Architekt nach oben, und es gelang ihm auch binnen kürzester Zeit sowohl ins Stadtbild als auch ins Lexikon zu gelangen: August Orth. In dieser, seiner ersten Kirche entwickelte er eine  höchst erstaunliche Theorie und Praxis des Tons und des Lichts, aber auch der Unterbringung von sehr vielen Menschen auf engstem Raum. Damit ist er ein Fortsetzer der besten Schinkel- und Stüler-Traditionen in Berlin und Brandenburg. Äußerlich wurde die Kirche, entgegen dem Glaubensgrundsatz der Ostausrichtung, in die neu entstandenen Sichtachsen der Berliner Mitte gestellt. Ihre neoromanischen Formen, ihr hoher und offener Turm und die grazile Wucht ihres Schiffs versprechen, was sie im Inneren auch halten: akustische und optische Transparenz. Die vollständig umlaufende Empore bietet vielen Menschen Platz, lässt aber erstaunlich viel Raum für das von allen Seiten eindringende Licht. So gesehen ist die Kirche eine architektonische Umsetzung des Satzes: ‚und die Klarheit des Herrn umleuchtete sie…‘ Die Akustik ist auf die frei stehende Kanzel ausgerichtet. Der zentrale Punkt des protestantischen Gottesdienstes ist die Predigt. Erst wir suchen eine konzertgerechte Akustik, aber die entsteht erst, so wollte es der Baumeister, wenn alle 1.500 Plätze besetzt sind.

Die Pracht dieser Kirche konnte nicht lange strahlen. Im ersten Weltkrieg ließ der Enkel des Kirchengründers, Kaiser Wilhelm II., die Glocken und die Orgelpfeifen nicht nur dieser Kirche einschmelzen. Die Monarchen und Militärs und Pfarrer zeigten ihren wahren Glauben. Nietzsche hatte gewarnt und mancher junge Soldat nahm die Warnung mit in sein Grab in Tannenberg oder Verdun.

1933 geschah der Kirche ein Wunder: ein junger Pfarrer übernahm den Konfirmandenunterricht, nachdem ein alter, wir können annehmen autoritärer Geistlicher bis zum körperlichen Zusammenbruch gescheitert war. Der junge Bonhoeffer kümmerte sich liebevoll um immerhin fünfzig Konfirmanden, die einfach nur Zuwendung haben wollten und nicht das autoritäre Gehabe einer Amtskirche und ihres zunehmend unfähigen Personals. Aber das Wunder ist nicht verstanden worden. Man ließ Bonhoeffer nicht nur wieder gehen, sondern man ließ ihn in die Fangarme des Nationalsozialismus laufen. Statt damals auf ihn zu hören und zu sehen, überließ man ihn seinen Mördern. Heute, wo es zu spät ist, wird er kultisch verehrt. Aber immer noch nicht verstanden ist sein Wirken in dieser Kirche: wer Menschen helfen will, muss sich ihnen zuwenden.

Der zweite Weltkrieg zerstörte diese Kirche weitgehend. Andere Bauten August Orths sind unwiederbringlich verloren: der Görlitzer Bahnhof, die Dankeskirche auf dem Weddingplatz (auch sie ein Votivbau wie der Name sagt), die Himmelfahrtskirche am Humboldthain, die Emmauskirche, die teilweise erhalten ist. Seine schönen Bauten sind Opfer der Falschheit ihrer Begründer geworden. Obwohl Orth schon zu Lebzeiten ein berühmter Architekt war, soll er nicht immer große Aufträge gehabt haben. Seine Verbindung mit dem Eisenbahnmagnaten Bethel Henry Strousberg, dem Auftraggeber des Görlitzer Bahnhofs, verdankt Orth sein Interesse für die Bahn, und wir verdanken Orth die geniale Idee der Ringbahn in Berlin, die er in einem Buch, in dem er seine Idee entwickelt, noch Zentralbahn nennt. Das Nahverkehrssystem von Berlin war hundert Jahre lang ein Vorbild für die Welt. Ein zweites Buch von ihm befasst sich mit der Akustik großer Räume und man kann annehmen, dass es Scharoun*, der in seiner unfassbaren Raumfantasie ein direkter Orth-Erbe ist, und andere bedeutende Architekten gelesen haben.

Seit dem zweiten Weltkrieg ist aus dem architektonischen Kleinod eine Kummerkammer geworden. Die Schäden wurden nur notdürftig ausgebessert. Der große Raum wurde nicht mehr gebraucht. Das Erbe wurde verschleudert, das Alibi dazu lieferte der ungeliebte Staat. Das ging vierzig Jahre so. Aber dann passierte wieder ein Wunder. gerade auch** von dieser Kirche und ihrer jungen Gemeinde gingen Signale zum  Sturz des ungeliebten Staates aus. In den Gemeinderäumen dieser Kirche war die vom Staat verfolgte Umweltbibliothek, in der Kirche selbst gab es einen Überfall der Staatssicherheit, der durch Skinhead-Neonazi-Verkleidung allzu durchsichtig verfremdet worden war.

Aber auch dieses Signal wurde nicht gehört. Weitere dreißig Jahre mussten vergehen, bis ein Bürgerverein das wahre Potenzial dieses wertvollen und symbolträchtigen Hauses verstand. Nun soll die Kirche endlich aufwändig restauriert und mit einer Zukunftsorgel ausgestattet werden. Das wird eine historische Genugtuung und ein architektonisch-akustisches Glanzlicht der Weltstadt Berlin.

 

 

 

* Philharmonie Berlin, Theater Wolfsburg

**wie auch von der Gethsemanekirche, ebenfalls ein Bau von August Orth, und der Samariterkirche in Friedrichshain

FORTUNE

 

Nr. 304

Warum glauben wir so ungern an den Zufall und denken uns einen anthropomorphen Gott aus, um nur nicht mit der Natur und dem Zufall allein zu sein? Der Gipfel der Vermenschlichung ist der Spruch ‚Jeder ist seines Glückes Schmied‘. Selbst das Glück wird hier in ein formbares Ding in den Händen des Menschen verwandelt. Es ist leider auch ein Spruch der Segregation, denn er trennt die Glücklichen von den Unglücklichen, denen er die Schuld an ihrem Unglück zuweist. Er ist die Ideologie, die Glückliche so oft zu Geizigen und Hartherzigen macht. Oft schicken sie dem ersten falschen einen zweiten falschen Spruch nach: ‚Mir hat auch keiner etwas geschenkt.‘ Nichts ist unwahrer als dieser dumme Spruch.

Das es tatsächlich wahrscheinlich umgekehrt ist, will ich an einem Beispiel erzählen. In der vorigen Woche lernte ich einen zwanzigjährigen jungen Mann kennen, der 2015 im Migrationssommer nach Deutschland gekommen war. Er kann sehr gut Deutsch, teilweise im hiesigen Dialekt, hat neben seinem ersten Deutschkurs gleich begonnen, auf 400-€-Basis zu arbeiten. Jetzt macht er eine Ausbildung zum Zerspaner, zu der er mit seinem teilweise selbst geschraubten Auto, einem älteren, tiefergelegten VW-Golf fährt. Er wohnt mit seiner Freundin und ihrem gemeinsamen Kind in einem Neubaublock aus der DDR.

Auf den ersten Blick scheint er seines Glückes Schmied gewesen zu sein. Genauer betrachtet, verfügt er aber über Talente und Fähigkeiten, die ihm geholfen haben, die er aber auch beharrlich ausgebaut hat. Er hat schneller als andere die Situation eines Flüchtlings in Deutschland erkannt: zwar könnte man sich eine ganze Weile mit Sozialhilfe über Wasser halten, aber das ist eben nicht sehr effektiv. Viele Flüchtlinge wussten nicht, dass sie hier Geld und ein Quartier erhalten. Sie haben sich ihren ersten Aufenthalt so vorgestellt, wie ihren Weg durch Europa: man verhungert zwar nicht, aber man muss sich durchschlagen, auch einmal draußen schlafen. Alles Heil wird in die Zukunft verlegt. Unser Junge dagegen hat sein Heil offensichtlich sofort in der Gegenwart verortet. Zudem hat er intensiv und schnell die Sprache gelernt. Das haben zwar auch andere, aber er hat mit dem B1-Niveau, das man für eine Ausbildung braucht, gleichzeitig die Alltagstauglichkeit erworben.

Jeder Mensch braucht eine gute Mischung von Intelligenz und Bildung. Manchmal oder für einzelne Situationen reicht auch etwas, das wir gern Herzensbildung nennen, eine emotionale Fähigkeit, das Wesen eines anderen zu erfassen. Immer wieder begegnen uns Menschen, die ohne Abitur das richtige tun. Immer wieder begegnen uns Menschen, die mit Bildung ausgleichen können, was ihnen an Intelligenz oder Herzensbild fehlt.

                                                                  SKILLS

                            CONSTANCY                                        FORTUNE

Aber mit diesen Fähigkeiten allein kann man auch gut scheitern. Wir brauchen auch das, was der Wolf in Selma Lagerlöfs schönem und großem Buch Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen‘ hat: Beharrungsvermögen. Er läuft hundert Kilometer hinter dem Schlitten des entkräfteten, halb erfrorenen und fast ganz entmutigten Mannes her, und hofft, ja, weiß, dass dieser aufgeben wird. Aber der Mann besinnt sich nach hundert Kilometern auf eine Fähigkeit, mit der er den Wolf überlistet. Lesen Sie es selbst nach! Dieses Beharrungsvermögen wird oft als Fleiß in die Kiste der Sekundärtugenden gepackt. ‚Ohne Fleiß kein Preis‘, heißt es dann. Aber Fleiß alleine kann Sisyphos nicht aus seiner misslichen Lage befreien. Vielmehr darf er nicht in einer Lebensweise glücklich werden (so Albert Camus in seinem berühmten Essay), die keinen Ausweg kennt. Freiheit und Beharrung dürfen sich nicht ausschließen, das unterscheidet auch Beharrung und Fleiß voneinander. Ein NEIN zu reiner Sklavenarbeit muss immer noch möglich sein, selbst wenn man warten muss, bis der Sklavenhalter aufgibt (so Bertolt Brecht in seiner berühmten Anekdote).

Das ist alles rational. Wir müssen aber nun, so schwer es uns auch fällt, in den irrationalen Bereich wechseln. Folgen wir unserem kurdischen Jungen in den Stadtpark. Dort hat er sein Glück gefunden. Unsere rationale Betrachtungsweise sagt uns, dass er eben zusätzliches Glück hatte. Beziehen wir dagegen dieses Glück als Faktor seines und unseres Lebens ein, so wird klar, dass Glück nicht nur Ergebnis, sondern auch Bedingung ist. Es hätte einen ebenso talentierten und beharrlichen  Menschen geben können, der nicht das Glück hatte, im Stadtpark sein Mädchen küssen zu dürfen, dann wäre er auch nicht so erfolgreich gewesen. Glück schmälert nicht den Erfolg, sondern entlastet die nicht so erfolgreichen. Zum Schmieden gehören auch nicht nur das Eisen und das Feuer und der Amboss und der Hammer und der Schmied. Viele Schmiede sind verbrannt oder vom Hammer getroffen worden.

Vielmehr benötigen alle Menschen immer alle drei Faktoren des Erfolgs: skills, constancy und fortune. Man sollte sie sich auch nicht als eine statische Maske vorstellen, sondern als eine bewegliche Navigation. Die Menschen unterscheiden sich nicht so sehr nach ihrer Herkunft oder ihrem Nomadentum, sondern sie haben mal mehr, mal weniger Glück und Erfolg, weniger oder mehr Fähigkeiten oder Beharrlichkeit. Wenn Segregation Entmischung heißt, waren wir vorher zusammen. Lasst uns zusammen bleiben! Die Schilder in den amerikanischen oder südafrikanischen Parks sind abgeschraubt. Jetzt müssen wir nur noch die Bretter von den Stirnen nehmen.

MENSCHENMÄKELEI

 

Nr. 201

Wir haben beide uns unser Volk nicht auserlesen, lässt Lessing seinen Nathan aus dem Berliner Nikolaiviertel sagen, und setzt damit die erste Antirassismusformel. Die zweite stammt von einem Mathematiker, Cavallo-Sforza, und sie besagt, dass die Unterschiede zwischen zwei Gruppen immer kleiner sind als die innerhalb einer Gruppe.

Aber Menschenmäkelei gibt es nicht nur zwischen Völkern, sondern auch zwischen den Geschlechtern, den Alters- und sozialen Gruppen. Rassen- oder Klassenhass sind also nur bestimmte historische Erscheinungsformen oder auch nur Namen der einen und selben, oft auch organisierten Menschenmäkelei.

Übrigens lässt Lessing im in seinem Nathan nicht nur gewöhnliche Vertreter ihrer Völker oder Religionen aufeinandertreffen: Nathan haben die Christen die Frau und sieben Söhne verbrannt, ein Schicksal von Hiobsausmaßen, wie es erst in Joseph Roths Roman ‚Hiob‘ wieder erscheint, der Tempelherr kommt mit einem Kreuzfahrerheer, verliebt sich in ein jüdisches Mädchen und ist der Neffe des muslimischen Sultans, der Kurde und nicht Araber ist, was auch heute noch zu mancher Mäkelei und manchem Mord Anlass gibt, der das Christenheer (’so widerspricht sich Gott in seinen Werken nicht‘) zwar auch militärisch schlägt, seinen größten Sieg aber mit Geld erringt, das ihm im Drama Nathan besorgt, in der Wirklichkeit wohl aber vorhanden war. Auch die Nebenfiguren sind voller wunderbarer Widersprüche: der Patriarch ist ein Fundamentalist, der keine Einwände gelten lässt: ‚tut nichts, der Jude wird verbrannt‘, Daja, die einfältige Christin dient dem reichen Juden, des Klosterbruders einfacher Glaube wird schamlos missbraucht, und der Finanzminister des Sultans spielt lieber Schach.

Aber wenn wir uns einfach umsehen, dann finden wir alle diese widersprüchlichen Menschen innerhalb unseres Horizonts. Denn die Globalisierung trägt nicht nur zu Verschärfung der Ansichten bei, sondern schärft auch unsern Nathanblick. Die Menschen sind sich ähnlicher, als wir alle annehmen. Die Biologen sprechen schon lange von, ich glaube, 99,98% Übereinstimmung. Und je mehr man Menschen aus der ganzen Welt beobachten kann, sei es durch Reisen, Flucht oder Fernsehen, desto mehr wird man auch deren Übereinstimmung sehen und desto stärker wird diese Übereinstimmung zunehmen.

Der hohe Grad der wachsenden Übereinstimmung und der und die Sinnlosigkeit der Menschenmäkelei sollten uns zu der Überlegung führen, dass man sich Menschen nicht aussuchen kann und dass sie auch nicht ausgesucht werden und ausgesucht worden sind.  Der Garant, dass das Leben weitergeht, ist die pure Quantität. Erst aus den tausend Bedingungen, aus denen ein Mensch steht, ergibt sich seine manchmal besondere Qualität. Der große Bach sah vielleicht seine Mitmenschen oft müßig (sitzen, streiten, schreiben) und sagte deshalb, eine von seinen tausend Bedingungen hervorhebend, dass er einfach fleißig gewesen sei und dass, wer eben so fleißig sei, es eben soweit bringen werde. Der große Shakespeare wiederum fand, dass wir alle übereinstimmend wie ein unperfekter Akteur auf Bühne stehen, alle. Und der große Michelangelo hat seine Wirbelsäule genauso bei der Arbeit verbogen wie die von ihm geliebten Marmorarbeiter in Carrara.

Diese tausend Bedingungen sind ein Wechselspiel von Zufall und Freiheit. Aber man darf nicht vergessen, dass selbst die einfache Stubenfliege, musca domestica, manchmal, wenn sie an einem Fenster Gefangene ihres falschen Weltbildes ist, mehr Energie für die Freiheit, für den freien Willen, für die Durchsetzung dieser einen, bitter notwendigen Bedingung aufwenden muss, als sie tatsächlich zur Verfügung hat. Das Ergebnis ist, dass sie tot auf dem Fensterbrett zur barocken Metapher der Vergeblichkeit und Vergänglichkeit verkommt.

Die Partnersuche wird von vielen Menschen als ein ganz aktiver Prozess verstanden. Selbst in Ländern oder Zeiten, in denen ein Pulk dicker Tanten die passende Braut nach einer Bedingungstabelle aussuchte, platzt der Bräutigam vor Stolz über seine Wahl. Niemand, der gerade eine Braut oder einen Bräutigam gefunden hat, zweifelt an der Wahl. Aber jeder kennt auch den schönen mathematischen Satz des Sokrates: ob du heiratest oder nicht, später wirst du es bereuen.

Bei allen anderen Menschen ist der Zufall, der sie zu uns brachte, klarer erkennbar, bei Kollegen, bei Urlaubsbekanntschaften sogar signifikant, der alte Mann in den Bergen, das junge Mädchen am Brunnen, sie alle sind das Mosaik oder das Paradigma der Menschenbegegnung. An der Bosheit der Tyrannen kann man ebenfalls das harte Wirken des Zufalls sehen: der böse König Herodes musste alle Knaben seines, wenn auch nicht großen, Landes töten lassen, um den einen, der durch Flucht ausgewichen war, nicht zu treffen. Demografisch spielt das, mögen die Zahlenfetischisten unter uns nörgeln, genauso wenig eine Rolle wie die fehlenden jungen Männer in dem ebenfalls kleinen Land Eritrea, nur moralisch sind solche Diktatoren unhaltbar, Herodes und Yesaias Afewerki.

Und trotzdem muss man nicht Fatalist werden oder die Welt als ein Abbild bloßer Zahlenverhältnisse sehen. Vielmehr ist es umgekehrt, die Zahlenverhältnisse sind die immer schlechten Abbilder der Welt. Schopenhauer war wohl ein großer Skeptiker und Pessimist, aber von ihm stammt der fast umwerfende Gedanke, dass wohl jeder Junge einen Käfer zertreten, aber kein Professor einen Käfer erschaffen kann. Das erste Wunder, das als unmittelbare Folge aus diesem Satz folgt, ist, dass heute weit weniger Knaben Käfer zertreten als früher. Wir sind für das Wunder sensibilisiert. Die Bildung ähnelt sich übrigens auch weltweit und nimmt bekanntlich zu, wie auch die Kunst selbst für Analphabeten immer erreichbarer und allgegenwärtiger wird. Immer mehr Menschen werden aus anerzogener Rücksicht Vegetarier.

Das zweite Wunder, das aus dem Satz des großen Skeptikers folgt, ist, dass Käfer und Mensch sich nur in einer Richtung begegnen können. Weil die Zeit irreversibel ist, ist das Leben unteilbar. Was uns begegnet ist nicht nur Zufall, sondern eben auch immer Wunder. Es stirbt nicht nur ein Käfer, sondern es vergeht ein Wunder für immer. Und was zurecht für Käfer gilt, fragen wir in gut lessingscher Manier, sollte nicht für unsere Mitmenschen gelten? Fragen wir uns nicht ständig, woher wir kommen, sondern freuen wir uns auf das gemeinsame Stück Weg.

Mit der Menschenmäkelei dagegen ist es wie mit dem Zorn: sie verbrauchen mehr Energie als die Freude einbringt, sie sind also nicht nur für andere, sondern auch für uns ein Desaster. Statt immer wieder zu überlegen, was wir an anderen ablehnen oder gar verbieten könnten, sollten wir lieber viel öfter sagen: Dich schickt der Himmel. Das ist mathematisch und moralisch exakt.

MENSCHEN KANN MAN NICHT WÄHLEN

 

Nr. 168

 

Dass man sich seine Eltern nicht aussuchen kann, dürfte allen bekannt sein. Man ist hineingeworfen in ein Elternhaus, und daraus sind ganz sicher die Begriffe von Schicksal, Vorbestimmtheit, aber auch Geborgenheit und behüteter Wege entstanden. Trotzdem ist es nicht sinnvoll, sich einen anderen Vater, weil er im Familienverband oft die fragile Rolle hat, oder eine andere Mutter zu wünschen, weil dieser Wunsch der Selbstverneinung gleichkommt. Es ist so, als wollte man seine Eltern umbringen, bevor man selbst gezeugt wurde. Man muss sich selbst anzunehmen lernen.

Die Kinder wurden früher so lange geprügelt oder gedemütigt, bis sie so wurden so zu sein vorgaben, wie es die Eltern als Repräsentanten der Mehrheitsgesellschaft wollten. Sicher hat es immer schon Eltern gegeben, die sich dem Mainstream widersetzt hatten und bei ihren Kindern alle Fünfe gerade sein ließen. Das wird immer eine Minderheit gewesen sein, genauso wie die traumatisierende Erziehung durch die Schwarze Pädagogik Ausnahme blieb. Gewalt wird heute in der Erziehung mehrheitlich abgelehnt, und langsam dämmert uns, wie sehr wir von anderen Menschen lernen können. In Afrika gibt es das schöne Bonmot, dass man zur Erziehung eines Kindes immer ein ganzes Dorf braucht. Das will sagen, selbst die besten Eltern sind Versager, weil das wahre oder wirkliche Wesen eines Menschen nicht erkennbar ist. Das Wesentliche kann nur erahnt werden. Keinen Menschen, noch nicht einmal uns selbst, können wir genau kennen. Es bleibt immer ein Lernen, und auch deswegen ist lernen immer besser als regeln. Als bestes Instrument der Erkenntnis erweist sich die Liebe oder wenigstens die Empathie.

Daraus folgt, dass man sich seine Kinder auch nicht aussuchen kann. Sie suchen sich selbst ihren Weg. Aber auch das Suchen muss man erst einmal finden. Mit jedem Fund entfernen sich die Kinder von den Eltern, aber nur um sie dann ganz wiederzufinden. Bis auf wenige Ausnahmen ist es uns nicht gegeben, uns weit von unseren Ursprüngen zu entfernen. Wir bleiben immer der Apfel, wenn wir vom Apfelbaum stammen, selbst wenn wir ihn oder uns reformieren, deformieren, programmieren, revolutionieren, zur Mutation oder Konversion zwingen oder bringen.

Genauso evident ist die Zufälligkeit von Nachbarn, Kollegen, sogar Freunden und Geliebten, die mathematisch und von ihrem Ergebnis her gesehen mit der Vorbestimmtheit zusammenfällt: wir können sie uns nicht aussuchen. Erkenntnisse kann man drehen und wenden, um einige kommt man nicht herum, im Gegenteil, sie breiten sich über die Dinge aus, die nicht voraussehbar war: zunächst hielt man die Antipoden für Ungeheuer, dann entdeckte man durch den berühmten Apfel die Gravitation, schließlich die Massenanziehung und dann die Äquivalenz von Masse und Energie. Einstein ist viel berühmter als seine Lehre. Und so ist es auch mit der Erkenntnis über den Menschen: zunächst ging man von einer universellen, generalisierten aus, doch je tiefer wir eindrangen, umso mehr erkannten wir, das wir nicht erkennen können. Wir waren oder sind füreinander bestimmt, sagen zwei Liebende, und das heißt doch nichts anderes, als dass es gestimmt hat. Über die Ursache sagt das nichts. Auf die Verwandtschaft von Bestimmung und Stimmung hat schon Shakespeare hingewiesen, von dem auch die mathematischste alles Liebesdefinitionen und Weisheiten über den Menschen stammt, die sicher nicht zufällig in seiner größten und schönsten Liebestragödie steht: the more I give the more I have [Romeo and Juliet II2] .

Da das Skript nicht erkennbar ist, müssen wir uns mit den Narrativen behelfen. Und all die Narrative der ältesten und entferntesten, aber auch der nahen und nächsten  Kulturen sagen eigentlich nur zweierlei: geben ist besser als nehmen, tu einem anderen nur an, was du dir selbst antust. Das setzt die mögliche Anonymität des anderen voraus und es lässt Raum für Transzendenz, denn das andere kann auch gut ein höheres sein, der Lenker aller Dinge, wie es in der Barockdichtung und im Koran so schön heißt. Jedoch: ein Narrativ ist endlich, die Natur dagegen ist unendlich, auch die Natur des Menschen.

Wir müssen in der und mit der Natur leben, die wir vorfinden. Alle Rechthaberei führt uns nur ins Leere. Alle Menschenmäkelei – und auch dieses Wort ist ein barockes Zitat – ist sinnlose Menschenfeindschaft. Ein Menschenfeind ist immer auch ein Feind von sich selbst, ein Opfer also, kein fröhlicher Sucher. Das Leben besteht aus suchen. Allerdings sollten wir keine Antworten suchen, sondern nur Fragen. Allerdings sollten wir nicht die Welt infrage stellen oder unsere Mitmenschen, sondern uns selbst und unsern Weg. Mit den Navigationsgeräten, vom Kompass bis zum Tomtom, ist uns eine schöne Metapher für das Irregehn gegeben. Wir gehen notwendig in die Irre, aber das Lächeln eines Mitmenschen kann uns in unserer Sackgasse trösten. Wer mir ein Wort beibringt, dem diene ich tausend Jahre [Ali ibn Abi Talib]. Das ist ein dem Apfelbaum ganz ähnlicher Gedanke. Der Apfelbaum mag sogar von Unwissenden und Irrenden gefällt worden sein, aber längst hatte der Geschmack der Äpfel Mensch und Tier erfreut, hatte die Kerne die Botschaft des Apfelbaums in alle Welt getragen.

Immer wieder hört man. Der ist schlecht, jener böse, dieser versteht mich nicht, der ist unwissend und rachsüchtig. Immer wieder muss man dagegen andenken: ich will das Gute, warum tue ich es nicht, ich war böse, lass mich das nächste mal besser sein, lass mich so reden, dass man mich versteht, lass uns Wissen verbreiten wie Apfelkerne, lass uns Rache auch nur als Ahnung ablehnen und wieder ablehnen. All diese wunderschönen Metaphern oder Wahrheiten – wer weiß es? – von der engen Pforte und dem schmalen Weg, von dem Pfad, der schmal wie ein Haar und scharf wie ein Messer ist, aber allein zum Guten führt, alle anderen fallen siebzig Jahre tief, lasst sie uns endlich beherzigen und glauben. Der Glaube an Gott ist immer auch der Glaube an Menschen. Der Glaube an Menschen ist immer auch der Glaube an Gott. Das ist der Kern.

DAS RAD NEU DENKEN

 

Zweiter Beitrag zur Theorie des Instabilbaukastens

Nr. 303

Oft erscheint es so, als sei Konservatismus eine Theorie des Lebens im Gestern. Nimmt man den Focus etwas enger, so erscheint er als bloße Verteidigung einer entweder als gottgegebenen oder einfach staatlichen Ordnung. Da aber mit dem Konservatismus nicht nur die Namen und Ideen seiner Theoretiker, sondern auch die seiner ausführenden Politiker verbunden sind, ist es legitim, den Konservatismus an dieser Politik neu zu vermessen.

In Deutschland ist es vor allem und zuallererst das Wirken von Bismarck, das als konservativ betrachtet wird. Sein übergroßer, epochaler und kategoriesprengernder Schnitt der Sozialgesetzgebung, der praktisch den modernen Sozialstaat schuf, hatte indessen nicht nur positive Ergebnisse. In seinem Gefolge erstarkten sowohl die Sozialdemokratie als auch der klerikale Konservatismus, jene beiden Richtungen, die er am meisten bekämpfte. Trotzdem bleibt die soziale Absicherung des als Staatsbürger gedachten Arbeiters eine enorme Leistung, ein Jahrhundertschritt. Auch der Staat selbst, der sich aus den Fesseln des reinen Autoritarismus befreien und auf seinen Paternalismus besinnen konnte, wurde gestärkt, was zu seiner Überschätzung beitrug. Bismarck gehört damit zweifelsfrei in die Siegesallee großer Gedanken. Aber sein Wirken zeigt auch, dass jeder Sprung nach vorn gleichzeitig hecken niederreißt. Bismarck war ja gleichzeitig zu seinem Hobby als Politiker Großagrarier, der auch mit dem Einsatz neuer Technik auf seinen Feldern diese vergrößern musste: mit dem Lokomobil und der Düngung begann das Insektensterben. Der Sozialstaat war also nicht das Gegenteil des Staates, sondern seine Fortsetzung, allerdings völlig neu gedacht. Der Arbeiter, dessen gewaltige mengenmäßige Kraft man sich heute, wo er am Aussterben ist, nicht mehr vorstellen kann, wurde zum Staatsbürger emanzipiert. Das war neu und grundstürzend zugleich. Während Wilhelm II. die Barmherzigkeit stärken wollte, wagte Bismarck den wertkonservativen Sprung zur Berechtigung, die er sich vielleicht nicht als Gleichberechtigung denken konnte. Genauso darf man Bismarck nicht nur vom Reichstag her vorstellen, sondern immer auch als einen von Fontane ausgedachten Landadligen. Auch Adenauer ging von einem paternalen Versorgungsauftrag aus, wie man an seinen im ersten Weltkrieg erdachten, weitgehend ungenießbaren Graupen sehen kann. Seine Konstruktion ist die Westbindung, vor allem der an ein Wunder grenzende Ausgleich mit Frankreich. All diese Kriegerdenkmäler, die noch heute überall herumstehen, feiern Helden gegen Frankreich. In Frankreich den wahren Bruder und die liebreiche Schwester erkannt zu haben, ohne die Deutschland gar nicht denkbar ist, ist Adenauers Verdienst, auch dies mehr als ein Jahrhundertschritt. Dass Adenauer dabei ganz pragmatisch vorging, schmälert seine Leistung ebensowenig wie die Bismarcks. Die Spiegelaffäre von 1962 zeigt seine Staatsüberschätzung, die Graupen von 1916 dagegen demonstrieren seine Versorgungsmentalität. Durch sein biblisches Alter durchschritt er, der einst der jüngste Oberbürgermeister, dann aber auch der ältest denkbare Regierungschef war,  einen großen historischen Raum, der als Rahmen vielleicht ein wenig zu groß war. Merkwürdigerweise ist er der erste von drei konservativen Politikern, die von allein kein Ende finden konnten. Während der von Adenauer vehement bekämpfte, als uneheliches Kind und Vaterlandsverräter gescholtene Willy Brandt fast leichtfertig seine Macht aufgab, klebte der greise Adenauer an der Macht wie an einem Eisblock, von dem er nicht mehr loskommen konnte. Er starb wahrscheinlich verbittert wie Bismarck, den sein junger Kaiser entlassen hatte.

Kohl, der Kolloss aus dem Zwergenland, musste am Anfang viel Spott erdulden. Aber auch seine Stunde schlug, indem ein konservativer, von ihm verachteter Klüngel aus dem von ihm ebenso vehement verachteten Nachbarland ebendieses Land in den Ruin trieb. Dieser Ruin war wirtschaftlich, außen- und innenpolitisch bedingt. Ein alter konservativer Gedanke, dass man das Alte nur aggressiv genug zu schützen brauche, führte zu dem perversen Konstrukt der Einmauerung bei gleichzeitiger permanenter Wehrhaftigkeit. Interessant ist, dass die Spiegelaffäre durch einen Artikel ausgelöst wurde, der die Bundeswehr nur als ‚bedingt abwehrbereit‘ sah. Denselben Denkfehler, dass man unter Abwehrbereitschaft in beiden Deutschländern eine Angriffsbereitschaft der Größenordnung des 31. August 1939 oder des 21. Juni 1941 verstand, wurde dadurch begünstigt, dass in beiden deutschen Armeen die Generäle der Vergangenheit die Pläne ausarbeiteten. Kohls Aufstieg war der Niedergang seiner Widersacher, seine Leistung die Vereinigung vorher als unvereinbar angesehener Teilsysteme, die ihre gemeinsame Herkunft nicht leugnen konnten und wollten. Mit großer Energie überwand er sowohl seine eigenen Vorurteile wie auch widerwärtige Fakten. Vergessen wird gerne, dass er, wie sein Vorvorgänger Brandt, oft die DDR inkognito besucht hatte. Bei Brandt war es die Freundschaft zu Mitterand, der immer wieder gern, von der Staatssicherheit beargwöhnt, die Stätten seiner deutschen Vergangenheit aufsuchte: Internierunglager. Bei Kohl war es die Herkunft seiner ersten Frau, der er kraft seiner Bedeutung die Reise zu den Verwandten ermöglichte. Das dabei wahrscheinlich vereinbarte Stillschweigen währt bis heute. Aber Kohl wird heute auch mehr unter dem Aspekt seines mehrfach schmählichen Endes betrachtet, was historisch höchst ungerecht ist. Denn stellen wir uns vor, dass Lafontaine der Kanzler der Einheit geworden wäre, dann hätte er seinen Symbolcharakter als Meister der Uneinheit auf das ganze Land übertragen können. Auch er ist, wie vorher Brandt und Kohl, nicht ohne seine Frauen denkbar.

Warum wird nun also der Konservatismus von Angela Merkel so sehr verkannt? Sie ist bis zur Flüchtlingskrise von 2015 als eher unscheinbar und über ihren formalen Politikstil beurteilt und unterschätzt worden. Sie ist, das ist als Erkenntnis allerdings nicht neu, die erste Politikerin mit einem weiblichen Führungsstil, insofern die Fortsetzung der durch ihre Frauen geleiteten männlichen Vorfolger. Obwohl sie einen so sachlichen und kühlen Beruf hat, ist scheinbar mehr durch die Paternalität ihres Elternhauses geprägt, nicht durch dessen west-östliche Schieflage. Wie auch Nietzsche immer mit dem Satz zitiert wird, dass Gott tot sei und nicht mit dem, dass wir eine neue Kultur und Moral brauchen, wird Merkel mit ihrer (und unser aller) geradezu lächerlichen Verbundenheit mit der FDJ zitiert und nicht mit dem deutsch-deutschen Pfarrhaus, aus dem sie stammt. Von daher könnte ihre geradezu spontane Rückbesinnung auf den christlichen Wert der Nächstenliebe stammen.

Allerdings ist es ihr auch in den folgenden Jahren nicht gelungen, das überzeugend neu zu interpretieren. Man darf Migration eben nicht unter rein wirtschaftlichen, sogar utilitaristischen, oder nur juristischen Gesichtspunkten sehen. Wer den beschwerlichen Landweg – Balkanroute – oder den gefährlichen Seeweg über das Mittelmeer überstanden hat, ist nicht der bessere Mensch an sich oder der qualifizierte Spezialist, sondern flexibel, entschlossen und konstruktiv. Er hat also jene Eigenschaften, die uns, neben unserer fachlichen Qualifikation, abverlangt werden. Niemand weiß, ob und wie uns insgesamt diese Eigenschaften nützen können oder werden. Aber das ist doch immer so: niemand kennt die Zukunft, niemand weiß, wo, wie und wer er übermorgen sein wird.

Jeder Mensch braucht eine solide intellektuelle Grundausstattung, ein Beharrungsvermögen, das kann Fleiß, das kann Konservatismus sein, und Glück, das immer unterschätzt wird. Man darf darunter eben nicht Lotto verstehen, in dem man nichts, sondern eher ein Lächeln, mit dem man alles gewinnen kann.

 

KOMMT ES WIE ES KOMMT ODER WIE ES MUSS

Beitrag zur Theorie des Instabilbaukastens

Nr. 302

Viele Menschen haben Sprüche darüber, wie es kommt, immer anders als man denkt oder wie es kommen muss oder wie es eben kommt. Aber hinter leicht dahingesagten und oft wiederholten Sprüchen verbergen sich Welt- und Lebensanschauungen.

Schon als Kinder sagten wir empört: das ist doch ungerecht! Und noch als Alte glauben wir an eine, wenn nicht überbordende, so doch übersinnliche Gerechtigkeit. Alle linken Bewegungen und der Sozialstaat versprechen sie bedenkenlos, alle rechten Bewegungen wollen sie dadurch erreichen, dass sie einen Teil der Menschheit von vornherein ausschließen. Der Staat, diese Megamaschine aus Klammeraffen, Aktenordnern und Ausführungsbestimmungen, der sich am liebsten mit sich selbst und der Versorgung seiner Beschäftigten beschäftigt, hat sich immer mehr an die Stelle der alten Institutionen Religion, Zünfte oder Allmende gedrängt. Und wir glauben ihm gerne. Aber: man kann den Staat nur aushalten, wenn man an die Freiheit glaubt und weiß, dass es Gerechtigkeit nicht geben kann.

Von Kindesbeinen an sind wir mit der Konstruktion von Artefakten beschäftigt. Der Konstruktion geht eine Destruktionsphase voraus, in der wir sozusagen Strukturen, Naturgesetze und Adhäsionen studieren. Aber indem wir jetzt das Bild des Kindes reproduzieren, das mit großer Geduld immer wieder aufgehäufte Bausteintürme kippt, wird uns klar, wie sehr wir dieses Spiel und diese Phase perfektioniert haben. Fröbel war noch stolz auf seine geometrischen Holzklötzchen, dann kamen hundert Jahre Stabilbaukästen und schließlich konnte LEGO sein perfektionistisches Weltbild verbreiten. Wir dürfen nicht übersehen, dass während dieser letzten zweihundert Jahre immer wieder versucht wurde, die Mädchen auf das Spiel mit Puppen, Puppenwagen und Puppenstuben zu reduzieren. Aber das ist gründlich misslungen.  Was heute so vehement gefordert wie bekämpft wird, ist damals schon immer sichtbar gewesen: Konstruktions- und Pflegespiele sind nicht an das Geschlecht gebunden.

Auch die in der Schule gelehrten Kulturtechniken sind nicht nur analytisch, sondern immer auch konstruktiv. Wenn auch bedauert werden kann, dass viel zu wenig kreativ geschrieben wird, so wird doch geschrieben. Schreibend setzen wir uns immer eine kleine, neue Welt zusammen. Wenn wir auf einem Dachboden eines alten Hauses ein Schulheft, einen Kalender, eine Briefsammlung oder gar ein Tagebuch finden, so finden wir auch immer eine Welt von gestern. Immer erkennen wir in den Dingen und Ereignissen einen konstruktiven Sinn, weil wir uns vorstellen, wir hätten die Dinge und Ereignisse gemacht. Hegel geht in seinem berühmten, aber leider auch sehr unsinnigen Satz*, dass der Unwissende die Welt ablehnt, weil er sie nicht gemacht hat, sogar soweit, einen Teil der Menschheit von vornherein auszuschließen. Und auch da gehen heute noch genauso viele Menschen mit wie bei seinem Fortschrittsgedanken**. Der Satz ist trotz seiner rhetorischen Stärke und seiner bewundernswerten Konstruktion deswegen unsinnig, weil wir in seinem Sinne alle unwissend sind und die Welt, auch die kleine uns unmittelbar umgebende, nicht gemacht haben. Wer ein Haus gebaut hat, weiß, wie viel vom Grund abhängt, vom Material, vom Entwurf, vom Wetter, vom Geld von der Tagesform und von tausend Zufällen. Da aber das Haus heute noch steht, glauben wir an uns und unsere konstruktive Stärke und überschätzen unseren Anteil an Struktur und Wissen der Welt.

Durch die Konstruktion von Artefakten kommt also unser Glaube an die universelle Machbarkeit. Die Welt, meinen wir zu wissen, ist genauso gemacht worden, wie die Legowelt im Kinderzimmer, wie das Kinderzimmer und auch wie die Kinder selbst.

Die andere Seite ist die Ablehnung des Zufalls. Da wir in allem Sinn suchen und vermuten, müssen wir das sinnlose Walten der Natur hinterfragen. Letztlich lehnen wir es ab. Wir glauben nicht daran, dass es zwar Zusammenhänge, aber keine Kausalzusammenhänge geben soll, dass es zwar Kausalzusammenhänge geben soll, die aber nicht mit uns zusammenhängen. Fast jeder Mensch ist zum Beispiel davon überzeugt, dass er sich den Partner oder die Partnerin bewusst, sehenden Auges, vielleicht sogar ästhetisch oder utilitaristisch ausgesucht hat. Viele erinnern sich an den ersten Schritt aufeinander zu und halten die Verbindung für gewollt und gemacht. Tausend biotische und psychische, soziale und lokale Zusammenhänge werden nicht ignoriert, sondern sind uns unbekannt, weil wir eben auch in unseren persönlichsten Zusammenhängen Unwissende sind.

Neuerdings liest man sehr oft, dass die Freiheit des einen dort ende, wo die Freiheit des anderen beginnt. Das setzt voraus, dass zwei Nachbarn entgegengesetzte Konstruktionen wären, die auch noch ein entgegengesetztes Freiheitsideal hätten. Tatsächlich stimmen wir aber – glücklicherweise – zu bis zu 99% überein, wenn uns das auch bei einem unbeliebten Nachbarn weit anders erscheint. Es geht sehr oft um das Rechthabenwollen und nicht um das Recht oder um die Gerechtigkeit. Solche dichotomischen Ausschließungen – an meinem Gartenzaun endet dein Recht! – ignorieren die von Euler beschriebenen Schnittmengen zwischen den Dingen, Ereignissen und Menschen. Vieles ist sich ähnlicher, als es denkt. Jeder Wettbewerb beruht mindestens auf dem Konsens der Vergleichbarkeit. Und in jedem Wettbewerb regieren nicht nur das Können, der Verstand oder der Selbstwert, sondern auch immer das Glück und der Zufall. Aber trotz aller Konkurrenz, trotz allen Streits und Wettbewerbs, trotz aller Kämpfe sind wir immer auch eingehüllt vom Grundkonsens der Menschheit, der Großgruppe, der Kleingruppe, des Paars und etwa des Gartens, in denen wir uns befinden und ohne die wir nicht wären.

Es ist doch merkwürdig, dass gerade diejenigen, die die Freiheit einschränken wollen, sich bei der Entfernung vom Grundkonsens der Menschheit auf Freiheit berufen. Niemand aber entfernt sich ungestraft von diesem Grundkonsens. ‚Du sollst nicht töten‘ [Exodus 20,13] etwa ist nicht ein frommer Wunsch, der sich durch widrige Wirklichkeiten behauptet hätte, sondern eine conditio sine qua non*** des Zusammenlebens. Wer sie missachtet, wird missachtet. Die Strafe ist die Entfernung aus dem Grundkonsens.  Eine Umkehr ist immer möglich. Nichts muss, alles kann, aber es wird immer kommen, wie es kommt.

*          „Der Unwissende ist unfrei, denn ihm gegenüber steht eine fremde Welt, ein         Drüben und Draußen, von welchem er abhängt, ohne dass er diese fremde Welt            für sich selber gemacht hätte und dadurch in ihr als in dem Seinigen bei sich selber wäre.“ HEGEL. Ästhetik, Berlin und Weimar 1984, Band 1, Seite 105

**        vergleiche: DIE HEGELSCHE TREPPE, Blog Nr. 240

***       Bedingung, ohne die nichts (ist, geht)

REDE EINES BRO ZUM 100. GEBURTSTAG VON BRO NELSON

 

 

 

du glaubst doch sonst alles

glaube nicht alles bruder

denn das meiste ist nonsens

aber eins sollst du glauben bro

alle menschen werden brüder bro

und schwestern bro

aber nur wenn sie sich freuen bro

die freude ist die triebfeder

ich höre immer nur trieb trieb trieb

an den brüsten der natur

an den brüsten ist schon mal gut

wem der große wurf gelungen

wer ein holdes weib errungen

jedenfalls sollen sie alle jubeln

er glaubt auch an verzauberung

wusstest du dass schiller der absolute junkie war

er hat geraucht und gekokst und gesoffen ohne ende und nachts hat er geschrieben

alle menschen werden brüder und schwestern

du glaubst es nicht

 

ich heiße nelson

ich heiße nach nelson mandela

aber weißt du nach wem mandela heißt

der heißt nach horatio lord nelson

und der hat nicht nur vier

schlachten gewonnen sondern gesagt

dass der mensch dazu da ist

seine pflicht zu tun

england expects that every man will do his duty

und ich sage dir die pflicht ist liebe

all you need is love

das meinte schiller mit seiner freude

freude ist der zauber

der freundschaft und der liebe

und des glaubens an den schöpfer

den vater der über den wolken wohnt

überm sternenzelt

das musst du nicht beweisen

das musst du glauben bruder

 

du glaubst doch sonst alles bruder

glaub nicht alles bruder

das meiste ist nonsens

alle reden vom krieg

alle reden vom untergang

so als würde hinter jedem von uns

ein terrorist stehen

du wirst nicht vom blitz getroffen

eins zu eine million

 

eins zu eine million

dass dich auch kein terrorist trifft

sieh mal wie viele menschen es gibt

und wie wenige terroristen

heute teilt nicht die mode

sondern die himmelsrichtung

bist du aus dem norden ist alles gut

bist du aus dem süden sieht es

verdammt schlecht aus für dich

wenn du aus eritrea oder mali bist

sieht es noch schlechter für dich aus

ich kenn einen bro aus eritrea

er ist hier er ist in sicherheit

er wird hier studieren

eritrea expects that every man will do his duty

studiere und stürz den diktator oder umgekehrt

glaubst du nicht an die zukunft

 

du glaubst doch sonst alles

glaube nicht alles bruder

denn das meiste ist nonsens

aber die andere hälfte ist fantasy

wo bleibt dann die wahrheit

die wahrheit ist

dass es keine wahrheit gibt

jeder hat keine wahrheit

aber dann stürzen die millionen nieder

getroffen vom wasserwerfer

ja wasserwerfer gibt es auch in der demokratie wasserwerfer und attentäter und guttäter

also die millionen stürzen nieder

sagt der junkie

ahnest du den schöpfer welt

ahnest du den schöpfer bruder

such ihn über sternenzelt

über sternen muss er wohnen

aber er kann da nur wohnen

wenn hier unten unter uns menschen

alle brüder werden und schwestern

wenn hier freude herrscht

an den brüsten der natur

und der schwestern und wenn der zauber

der sympathie uns zu den sternen leitet

nicht starwars nicht warlords

nicht war of the worlds

es ist immer schwer zu glauben

dass alle wesen freude brauchen

und freude haben

alle guten alle bösen alle unbestimmten

otto normalverbrauchers all die

nichtssagenden stinknormalen

die immer ein ticket haben

und immer ihr navi an haben

aber davon wird der weg nicht richtig

davon wird die welt nicht gut

ich sag dir wovon die welt besser wird

wenn alle lernen und alle freude haben

und alle satt zu essen und ein smartphone

du glaubst nicht wie wichtig ein smartphone ist

ein smartphone ist heute so wichtig

wie früher ein stück brot und ein apfel

germany expects that every man will do his duty

tochter aus elysium weißt du bro

das ist da wo alles gut ist

das paradies die lebenslange liebe

das lifelong learning

und die freude bindet das was geteilt ist

bei schiller heißt es durch die mode

und ich sage dir durch die zeiten

und durch die ideologen und idioten

was ist alles geteilt

deutschland nicht mehr

aber jemen und palästina

schiiten und sunniten

orthodoxe und katholiken

katholiken und protestanten

türken und kurden

schwarze und weiße

hört auf mit der scheiße

alle menschen werden brüder und schwestern

glaubt es endlich

 

ihr glaubt doch sonst alles

ihr sollt nicht alles glauben

denn das meiste ist nonsens

alle menschen werden brüder und schwestern

wo dein sanfter flügel weilt

wem der große wurf gelungen

eines freundes freund zu sein

eines freundes geprüft im tod

du hast bei facebook sechshundert freunde

aber wenn du einen brauchst

weil du down bist ist keiner da

aber noch besser ist es

wenn du ein holdes weib errungen hast

und umgekehrt einen traumprinzen von seinem pferd gezerrt

aus seinen be-em-we-träumen gerissen

dann kannst du jubeln

beste

aber wer das nicht kann was jeder kann

mit einem lächeln einen oder eine gewinnen

der stehle sich aus unserm bund

der brüder und schwestern

im lotto kannst du nichts gewinnen

aber mit einem lächeln kannst du alles gewinnen

so und jetzt geht nach hause und freut euch

küsse gab sie uns und reben einen freund geprüft

ihr wisst schon und dieses stück papier

the world   expects

that every brother and every sister

will do their duty  

nun glaubt es doch endlich

 

TAUFE

 

Nr. 301

Wir leben nicht nur in der Wirklichkeit, sondern auch in einer Traumwelt aus Märchen, Ritualen und Symbolen. Genauso wie viele sich gegenseitig vorwerfen, die besseren oder die schlechteren Menschen zu sein, werfen sich die Kulturen auch ihre Riten vor: die einen finden Taufen albern, die nächsten finden Beschneidung grausam. Gegen das rituelle Fußwaschen gehen weniger Aktivisten vor, obwohl es auch seinen Ursprung im Orient hat, wie fast alle monotheistischen Gebräuche. Die diesjährige Bachmannpreisträgerin, Tanja Maljartschuk, lässt ihre demente Protagonistin Ostereier suchen, obwohl niemand welche versteckt hat und ihr passloser Parkloser hilft ihr dabei, eins zu finden. Die orientalischen Riten haben sich mit den nördlichen und westlichen vermischt, und würde man heute ein beliebiges Kind auf einer beliebigen Straße in Deutschland fragen, was Ostern ist, so würde es Eier antworten. Es war ein Kardinalfehler, die Deutungshoheit sich so krass aus den Händen nehmen zu lassen. Weiß Gott, worüber die Kardinäle diskutieren, Ostern ist es jedenfalls nicht.

Zweihundert Menschen kamen an einem sehr frühen Sonntagmorgen zusammen, um ein kleines Kind zu begrüßen, das wenige Wochen vorher geboren worden war. Weit mehr als eine Stunde lang wurde aus der Bibel rezitiert, also die rhythmische Schönheit eines oft starken, manchmal aber auch widersprüchlichen Textes deutlich gemacht. Der Unterschied zwischen zitieren und rezitieren verwischt sich im genieren über das laute Bekenntnis. Hinter einem Zitat kann man sich notfalls auch verstecken. Dann wurde das Kind von der Mutter ausgezogen und dem Paten übergeben, der es wiederum dem Priesterhelfer weiterreichte, der es fest in seinen beiden Händen hielt. Nach der taufe ging der Weg des Kindes umgekehrt zurück zur Mutter. Für seine Entwicklung braucht jeder Mensch von klein auf mehr liebevolle Fürsorge als nur durch die Mutter und den Vater, so wichtig diese beiden auch sein mögen. Dann erst nimmt der Priester das Kind und taucht es fast ganz in das symbolische Wasser, das sich in einem schwarzen Maurertuppen befindet. Man könnte hier an dieser Stelle eine Kulturgeschichte der Taufbecken aus Stein und Gold, hochgotisch, renaissant oder expressionistisch einfügen. Aber das würde nichts daran ändern, dass man an diesem frühen Morgen, die Menschen strömten immer noch in die kleine, moderne Kirche am Rand Berlins, die wahre Bedeutung dieses Symbols ahnen konnte. Wir Menschen machen Fehler, beschmutzen uns mit Neid und Gier, mit Gift und mit Galle. Handlungen und Wörter kann man auch nicht zurücknehmen oder zurückgeben, weil die Zeit irreversibel ist, aber man kann es in Zukunft besser machen, man kann es wieder gut machen, als Kinder sagten wie ‚heile machen‘, man kann es ab jetzt besser machen. Und es schadet nichts, wenn man ab und zu seine Seele wäscht oder sich in einen solchen Maurertuppen tauchen lässt, um diesen Beginn, Neubeginn oder Wiederbeginn symbolisch abzubilden.

In gibt in der Weltliteratur zwei starke Taufszenen. Die eine beschreibt, wie die Frau des Pontius Pilatus, der gerade überlegt, ob er dem Wunsch der Priester und des Pöbels nachgeben und Jesus verurteilen soll, ihm eine Schüssel mit Wasser schickt und ihn auffordert, seine Hände in Unschuld zu waschen. Wir wissen: das geht nicht, aber wir hoffen, es ginge. Wir hoffen auf die reinigende und motivierende Kraft solcher Gesten. Die zweite Szene zeigt den machtgierigen Macbeth, den Politiker, der über sprichwörtliche Leichen geht, er lässt sogar Kinder, die ihm, wenn sie groß sind, gefährlich werden könnten, auf offener Bühne ermorden, das erinnert an die Sultane des Osmanischen Reiches, die jahrhundertelang ihre vielen, vielen Brüder ermorden ließen, bis einer von ihnen auf die Idee kam, sie in goldene Käfige zu sperren und uns damit eine weitere Metapher zu liefern, dieser Macbeth versucht vergeblich, das Blut von seinen Händen zu waschen, und sein Schöpfer beschreibt hier einen klassischen Waschzwang in seiner Sinn- und Ersatzlosigkeit. Unsere Politiker gehen nicht mehr über Leichen, aber der medialen Aufmerksamkeit oder einem einträglichen Posten können sie auch nur schlecht ausweichen.

Den Maurertuppen gegen das güldene Taufbecken kann man aufrechnen, um sich zu verdeutlichen, wie eine symbolische Handlung hinter ihrem Symbol verschwindet. Die Mütter, denen ich nach der Taufe erzählte, dass europäische Babies ein kleines Kreuz mit einem feuchten Finger aufgehaucht bekommen, fanden das aus pragmatischen Gründen – so war das Wasser im Tuppen zu kalt –  richtig, über das Ritual aber konnten sie nur ihre reich geschmückten Köpfe schütteln. Meinen rechten Lesern, die jetzt schon wieder ihre Köpfe über den soeben beschriebenen Reichtum schütteln, sei diese Anmerkung um die Ohren gehauen: das ist alles geborgte Requisite, in nächtlicher Handarbeit hergestellt.

Warum machen wir das, uns mit geborgtem Reichtum uralten Symbolen zu unterwerfen? Vermutlich tun wir das aus dem selben Grund, warum wir es kritisieren: wir brauchen zu allem, was wir tun, einen Spiegel und wir wissen, dass jeder Spiegel verdreckt ist und verzerrt. Wir brauchen das Bad in der Menge und den Revolutionär, der das Kind mit dem Bade ausschüttet. Wir brauchen den Bruder und die Schwester, den Lehrer und die Priesterin, manchmal auch den Neider und die Zweiflerin, damit wir unser Verhalten immer wieder neu orientieren können. Und das Wort kommt vom Orient, wo so viele unserer Sitten und Gebräuche, unserer Religionen und Kulturen, und immer wieder auch die Menschen herkommen.

Gestern Nacht haben wir die Taufe gefeiert. Es wurde zusammen eine Nacht lang gekocht, in der zweiten Nacht zusammen gegessen und getanzt. Dann haben wir, wieder zusammen, aufgeräumt. Der Dienst ist identisch mit der Leistung. Am meisten gelacht haben wir über einen langen, schmalen Jungen, der, als er die Tanzfläche wischte, mit dem Leifheit-Wischmopp tanzte und immer weitersang. Um so etwas zu sehen, buchten andere Menschen, als es noch ging, eine teure Reise nach Istanbul und ebenso teure Tickets für die zurecht berühmten Sufi-Derwische.

Ein anderer sagte währenddessen zu mir: In meinem Heimatland haben wir immer viel Spaß, auch ohne Arbeit.

LESEN IST SILBER, SCHREIBEN IST GOLD

Nr. 300

Einblick im Rückspiegel

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Kreuzgang Havelberg

Niemand weiß, was wirklich vor sich geht, auch die nicht, die wollen, dass du nicht weißt, was vor sich geht. Aber du bist im Vorteil, denn du kannst dein Smartphone wegwerfen, aber sie können ihre Macht nicht wegwerfen, an der sie kleben wie der Junkie an der Spritze. Das stimmt natürlich nur, wenn diejenigen, die an der Macht kleben, auch wirklich wissen, was vor sich geht. Kein Politiker weiß, was wirklich vor sich geht. Politik ist eher wie russisches Roulette, vielleicht ohne Tote, aber da fallen uns schon all die erschossenen und angeschossenen Politiker ein. Vielleicht reden so viele Politiker so viel Unsinn, um eben nicht erschossen zu werden. Der Unsinn und der unsinnige Tod sollten uns aber nicht dazu verleiten, Politik insgesamt zu verdammen oder, was heute eher üblich ist, mit Unflat zu bewerfen. Aber war es denn besser, die Politiker wie Kaiser Wilhelm und Wilhelm Pieck, mit Flat zu bewerfen, zu bejubeln, an den Straßen zu stehen und betrunken Mützen in die Luft zu werfen vor lauter vorgetäuschter Freude? Als Kim Il Sung, der Großvater des jetzigen nordkoreanischen Diktators, der gerade den karikierten und kleinkarierten amerikanischen Präsidenten vorführt, unter frenetischem gefakten Beifall durch Ostberlin kutschiert wurde, fragte ein neben mir stehendes Mädchen: Und wer war eigentlich Kim der erste Sung? Und an dieser Anekdote kann man sehen, wovon ein Teil der Politiker träumt: demokratisch gewählt, aber dann nur noch geliebt zu werden. Wer nicht liebt, wird erschossen. Der ganze Kim-Clan ist natürlich von niemandem gewählt worden. Der andere, bessere Weg ist freilich beschwerlich: immer wieder neu zu überlegen, was gut und vielleicht sogar richtig ist, aber dafür immer wieder aufs neue beschimpft zu werden.

Politik und das Leben sind ein ständiges Auf und Ab. Auf die Demokratie folgt die Autokratie, aber erfreulicherweise auf dieser wieder die Demokratie. Demokratie darf man sich ebenso wenig vollständig oder perfekt vorstellen, wie die Autokratie ist. Wer in einem Land gelebt hat, das mit einer perfekten Mauer umbaut war, weiß, wie wenig perfekt sie war, denn er kennt mindestens ein, wenn nicht zwei Dutzend Leute, die sie überwanden. Schließlich brach sie zusammen, denn keine Mauer steht hundert Jahre. Die perfekte Diktatur, und davon war die DDR zum Glück meilenweit entfernt, dagegen scheitert an sich selbst: Wer Recht und Gesetz zum alleinigen Kompass machen will, wird zwangläufig zum Verbrecher. Wer dagegen die Freiheit zum alleinigen Maßstab macht, wird schlimmstenfalls Chaot.

Jeder Mensch glaubt und muss glauben, dass seine Sicht richtig ist. Wäre er vom Gegenteil überzeugt, könnte er sich gleich von der Bosporusbrücke stürzen, die genau aus diesem Grund für Fußgänger verboten ist. Die unvermeidliche Falschheit dieser aus der eigenen Sicht richtigen Meinung wird nur dadurch überlebensfähig, dass wir in Gruppen leben. Allerdings übertragen wir unsere Selbstbewusstsein auch sofort auf die Gruppe, der wir angehören, in die wir meist sogar hineingeboren sind. Wir sind meist Mann oder Frau, wir sind zumeist an einem Ort geboren, der in einem Land liegt oder lag. Aber da geht es schon los: viele von uns kennen das Haus in der Berliner Brunnenstraße, an dem steht, dass ebendieses Haus einst in einem anderen Land stand und dass der menschliche Glaube oder Wille tatsächlich Berge und Häuser versetzen kann. Noch heute, fast dreißig Jahre nach dem Verschwinden dieses Landes, diskutieren viele Menschen die Differenzen ihrer Herkunft, glauben, dass sie es leichter oder schwerer als andere hatten. Jeder bemerkt sofort, dass der Spruch, der an diesem Haus steht, auf der Verwechslung von Land und Staat beruht, dass also Nation ein Konstrukt ist und keine natürliche Kontinuität. Das gleiche gilt für das Geschlecht, wenn auch beim Geschlecht der Mainstream wesentlich größer ist, gegen 100% strebt, um so schwerer war es für die winzigen Minderheiten.

Der Spiegel, in den wir sehen, ist nicht nur schief und schmutzig, er ist auch Speicher und Wirkfaktor. Wir sehen in dem Spiegel nicht die Welt, sondern wie wir die Welt sehen wollen und müssen. Das Wort Müssen weist schon wieder auf einen möglichen Demiurgen hin, das ist der von Hegel erfundene Weltgeist in Menschengestalt, aber so ist es nicht gemeint. Wir müssen die Welt so sehen, weil unsere Sehinstrumente aus der Vergangenheit stammen, aus unserer Vergangenheit. Was immer richtig war, wie sollte es falsch sein?, fragen sich so viele Menschen. ‚Richtig‘ und ‚falsch‘ ist falsch oder jedenfalls nicht richtig.

Und damit sind wir beim dritten und vorletzten Gedanken, der diesen oder dieses BLOG bisher bestimmte: wir widersprechen hier der gängigen und weitverbreiteten Ansicht der Monokausalität, die uns vorgaukelt, dass ein Ereignis nur einen Grund haben könnte, das überhaupt ein Fakt ein Fakt sei, ohne Beiwerk. Und nebenbei gesagt beruht auf dieser merkwürdigen und längst überholten Ansicht auch die Meinung, dass man Fakten schaffen könne. Kürzer gesagt: die Frage WARUM ist unsinnig, weil sie niemand beantworten kann, weil zu ihrer Beantwortung mindestens die gesamte Weltgeschichte notwendig ist, wie der große Schiller seinen Studenten, wahrscheinlich vergeblich, in der Antrittsvorlesung zur Universalgeschichte wortgewaltig und bilderreich zu vermitteln versuchte. Jeder Anlass hat tausend Folgen und jeder Fakt tausend Gründe. Man kann viel berechnen, aber eben nicht alles.

Und deswegen, und das ist der letzte Baustein der letzten sechs Jahre dieses BLOGs, ist es immer besser zu produzieren als zu konsumieren. Natürlich muss man lesen, es ist nach wie vor die Hauptquelle differenzierter Gedanken. Wenn man eine Fernsehdokumentation oder gar eine Talkshow sieht, bemerkt man den Unterschied, beide sind didaktisch aufbereitet, wenn nicht propagandistisch verzerrt. der Politiker in der Talkshow sagt nicht seine Meinung, wenn er überhaupt eine hat, sondern er sagt Sachen, von denen er glaubt, dass die Zuschauer ‚draußen im Lande‘ es so hören wollen. Nichts neues ist es festzustellen, dass ihm seine Wiederwahl wichtiger ist als jede mögliche Problemlösung. In einem Buch dagegen ist der propagandistische Faktor möglicherweise geringer, der merkantile Faktor, die Verkaufszahl tritt zwar hinzu, etwa so, dass man beim Arzt auch nie weiß, ob er die Therapie vorschlägt, um uns zu heilen oder um sich selbst zu sanieren, aber der Leser ist mit dem Buch alleine und kann über jede einzelne Zeile nicht nur nachdenken, sondern sie auch schrittweise und über einen langen Zeitraum in sein eigenes Bewusstsein einfühlen. Letztendlich sind wir von Büchern geprägt, auch von denen, die unsere Lehrer oder Großeltern lasen.

Natürlich muss man lesen, aber schreiben ist besser, denn man arbeitet an seinem eigenen Skript.

LOKSCHUPPEN

Nr. 299

Nicht zu toppen ist der Bahnhof von Halbe. Zunächst denkt man an maurischen Stil, aber dann sieht man, dass es eindeutig Tudor-Gotik ist, in der er bröckelt. Denn, wieviel Mühe sich unsere Vorfahren auch immer gegeben haben, wir wissen sie oft nicht zu schätzen. Die Reichspost, von der Familie Thurn uns Taxis gekauft, und die Reichsbahn, beide mit der Reichseinigung von 1871 entstanden, waren einst nicht nur kommunikative Unternehmungen, sondern auch der Ausfluss eines paternalen Staates. Was man heute Service nennt, war einst die Fürsorge des monarchischen Staates für seine zwar Untertanen genannten, aber doch streng und gut behandelten Bürger. Die Unterdrückungsmechanismen dieses Staates sollen hier nicht verniedlicht werden, es geht nur um die Gebäude.

Das ganze große Land wurde mit einem Netz von Post-, Bahnhofs-, Forst- und Schulgebäuden, leider auch Kasernen überzogen. Während die Kasernen wegen ihrer oft gigantischen Ausdehnung gut umgenutzt werden können, die Schulen noch bestehen, verfallen die Bahnhöfe und Postgebäude.

Die Mobilität ist von einem kollektiven und klassifizierten Spaß zum Individualverkehr heruntergesunken. Die Autobahnen, die kongenial die Eisenbahnen imitierten, haben den Wettlauf gewonnen. Zwar gibt es immer noch bedeutenden Güterverkehr auf der Schiene, aber der Personenverkehr ist zum Kummerkasten der Nation verkommen. Statt seine gigantischen Ausmaße zu beachten, wird jede Verspätung so gezählt und multipliziert, als hinge von ihr das weitere Leben der Reisenden ab.

Obwohl die Post täglich siebzig Millionen Briefe befördert, beklagen Verbraucherschützer den Verlust von siebzigtausend Briefen pro Tag, was die Post als absurd bezeichnet, und wir alle beklagen, dass wir keine Briefe mehr erhalten, sondern nur noch Rechnungen, Mahnungen und Strafbefehle. Der Grund dafür liegt aber eindeutig darin, dass wir keine Briefe mehr schreiben. Unsere falsche Optimalvorstellung geht davon aus, dass alles so bleibt wie früher, aber auch gleichzeitig so wird wie morgen. Wir wollen Briefe erhalten, obwohl wir selbst keine mehr schreiben. Wir wollen keine Mahnungen, obwohl wir die Rechnungen nicht bezahlen. Wir regen uns über Fahrpreis- und Portoerhöhungen auf, obwohl wir mit dem Auto fahren und telefonieren statt Briefe zu schreiben. Das Unbehagen an der Kultur ist vielmehr ein Unbehagen an der Innovation. Wir trauen, mangels Ganoven, uns selbst nicht über den Weg. Die Zeitungen berichten, mangels Ganoven, von abgerissenen Zweigen in Pfaffenhofen und der Rettung einer Katze aus dem siebenten Stockwerk eines Hauses in Bochum. Das mag aber alles unter ‚gefühlte Temperatur‘ gezählt werden, die, damit wir nicht selber fühlen müssen, auf unserem Telefon angezeigt wird.

Tatsache ist aber der Verfall der schönen Gebäude aus der zweiten Hälfte des neunzehnten und ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. So wie die Errichtung dieser Gebäude, lange bevor Lord Keynes Gedanken wirkmächtig wurden, ein Beispiel für antizyklische Investitionen waren, könnten sie es erneut werden. Statt die schwarze Null im Staatshaushalt wie das Goldene Kalb zu feiern, sollten zügig entschuldet und investiert werden. Regulierend kann der Staat aber auch eingreifen, indem er statt ständig Papphäuschen für prosperierende Discounter zu genehmigen, Altimmobilien anpreist und ausweist.

Mit dem Satz ‚Der Hauptbahnhof von Osnabrück sieht aus wie ein Zitat der Kalenderhane-Moschee in Istanbul.‘ kann man nicht nur Deutschtürken und Rechtsradikale erschrecken, er zeigt auch, wie gelungene Kontinuität aussehen kann. Denn die genannte, eher kleine Moschee war vor 1453 eine Kirche gewesen und Mehmed II. soll sie persönlich und ausdrücklich zur Moschee mit Suppenküche für die Armen bestimmt haben. Umnutzung kann also den Wertewandel begleiten, es ist dabei gleichgültig, ob es vielleicht umgekehrt ist. Etwas bewahren, sagen wir an die Adresse des Konservatismus gerichtet, kann ja nicht heißen, seine Bewegung aufzuhalten. Die Bewegung anhalten heißt töten. Eine lohnende Aufgabe für Konservatismus und Nationalismus wäre es also, diese beiden Gefühlsrichtungen aus ihrer provinziellen Enge zu befreien. die Beschränkung auf sich selbst kann nie Vorteile für sich selbst bringen. Wenn man aber gleichzeitig bewahrt und ehemals der Kommunikation dienende Gebäude einer neuen Bestimmung zuführt, nützt man sich und gleichzeitig anderen. Statt also in Angst zu vergehen, dass ‚Umvolkungen‘ und ‚Islamisierungen‘ stattfinden, sollte man seinen Mut zusammennehmen und Vereine zur Rettung autochthonen Kulturguts gründen, Wettbewerbe ausschreiben,  Schulklassen begeistern. Tun ist immer besser als lamentieren.

Als Übungsaufgaben kann man damit beginnen, einer sechsten Klasse im Rahmen des Musikunterrichts die Nachhaltigkeit einer Orgel gegenüber einem Keyboard oder einem Smartphone zu erklären, ohne aber diese zu verteufeln. In einem nächsten Schritt könnte man einen Briefklub in der ortsansässigen Grundschule gründen. Briefe gehören zu den fundamentalen Kulturtechniken. Sodann kann man einen Verein zur Umwertung örtlichen Post oder des Bahnhofs gründen. Während sich für die Post immer Wohnungen als Umwidmung anbieten und meist kein Problem bereiten, muss über den Bahnhof, schon wegen seiner oft exklusiven Lage, besonders wenn die Bahnlinie noch intakt ist, lange nachgedacht werden. Der lokale Raumbedarf ist meist gut abschätzbar. Viele Orte in Europa benötigen nicht zwei Kulturhäuser oder noch nicht einmal einen Jugendklub. Aber auswärtige Investoren kennen die Vorzüge der speziellen Immobilie nicht. So gibt es Bahnhöfe von außerordentlich schöner Architektur, von besonderer Lage, mit niedrigem Kaufpreis, großen Räumen. All das kann der Verein durch Veranstaltungen, Broschüren, Bücher, Filme und Webseiten bekanntmachen.

Allen Utopien wird immer wieder Realitätsverweigerung unterstellt, jedoch vergessen die selbst ernannten Realisten, dass alle Realität aus der Utopie geboren wurde und dann erst den Umständen angepasst wird: am Anfang war das Wort. Aber das Wort, die Idee ist nicht identisch mit einem omnipotenten Demiurgen. Deshalb wir zum Schluss auf den Gebäudetyp verwiesen, der am schwersten integrier- und umdeutbar ist. Seine Lage hat er mit dem Bahnhof gemeinsam, von dem ihn aber die fehlende humane Dimension  trennt. Von vornherein ist er wegen seiner Herkunft gemieden. Die industrielle Revolution – das ist seine Herkunft – wird sogar von vielen Kulturkritikern als der Sündenfall, als Keimzelle des Untergangs angesehen, ohne dabei zu beachten, dass dieser Sündenfall gleichzeitig der Ursprung von Wohlstand und Freiheit ist. Die menschlichen Verhältnisse sind immer ambivalent, was dazu geführt hat, dass wir in bipolaren Krankheiten versinken und dichotomischen Paradigmen anhängen. Das Gebäude, mit dem wir den Schatten jedes Segregationismus ablegen könnten, wenn wir in der Lage wären, es in die moderne Welt zu integrieren, obwohl es von seiner Zweckbestimmung her nicht mehr gebraucht und von vielen noch nicht einmal mehr erkannt wird, ist der Lokomotivschuppen.